Auf der Suche nach dem Glück

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Für Tessa wird ein Traum wahr: Der attraktive Milliardär Nick Ramirez, in den sie schon lange heimlich verliebt ist, bittet sie, seine Frau zu werden. Es gibt nur eine Antwort: Ja! Auch wenn Nick nicht von Liebe spricht, sind ihre Gefühle stark genug, um eine glückliche Ehe zu führen. Glaubt sie - bis eine gehässige Bemerkung der intriganten Nadia tiefe Zweifel in Tessa weckt: Angeblich will Nick sie nur heiraten, um eine Bedingung im Testament seines Vaters zu erfüllen ...
  • Erscheinungstag 03.08.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733734695
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Ein großer wattierter Briefumschlag aus Brasilien. Per Kurier und nur bei Nick Ramirez persönlich abzugeben. Mit der Auflage, sich die Lieferung durch die Unterschrift des Adressaten bestätigen zu lassen. Um von vornherein alle Möglichkeiten auszuschließen, dass dieser Umschlag Nick Ramirez nicht erreichte.

Nick sah dem Kurierfahrer nach, als er das Büro verließ, den Blick auf den Rücken des Mannes geheftet, auf die sich schließende Tür. Weil er den Umschlag, der jetzt vor ihm auf dem Schreibtisch lag, nicht ansehen wollte. Diese Sendung musste von seinem Vater sein. Seinem leiblichen Vater, der nicht das Recht hatte, Nicks Leben in irgendeiner Weise nahe zu kommen, geschweige denn, sich Einlass zu erzwingen. Diese Tür war schon vor sechzehn Jahren ins Schloss gefallen.

Nein, früher.

Nick war jetzt vierunddreißig. Sieben war er gewesen, als die Zurückweisung ihn von allen Seiten und mit voller Wucht getroffen hatte. Wut schoss bei der Erinnerung an den kleinen Schuljungen auf, der er damals gewesen war, brachte ihn dazu, aus dem Stuhl aufzustehen und sich von dem Umschlag aus Brasilien zu entfernen. Mit sieben war man dem Lügennetz, das die Erwachsenen spannten, hilflos ausgeliefert. Er hatte versucht herauszufinden, wohin er gehörte, die Wahrheit war brutal gewesen – nirgendwohin.

Also hatte er gelernt, sich selbst einen Platz zu schaffen.

Dieses Büro hier war Teil seines Platzes. Der Dreh- und Angelpunkt der Werbeagentur, die zwei Etagen des noblen Geschäftsgebäudes am Circular Bay einnahm, mit einem atemberaubenden Blick auf den Hafen von Sydney. Nicks Agentur. Er hatte sie aufgebaut, war mit seinem Konzept seinem Instinkt gefolgt, worauf der Markt reagieren würde, und hatte recht damit gehabt. Bahnbrechend recht.

Von seinem Fenster aus konnte er auf das Opernhaus und die Hängebrücke blicken. Jeder wusste, dass Sex und Glamour sich verkauften, er wusste es aus eigener Erfahrung. Er hatte ein besseres Händchen als jeder andere dafür, wie es sich am besten verkaufen ließ. Seine Fotos blieben in Erinnerung, trafen bei der gewünschten Zielgruppe ins Schwarze, fixierten das Produkt unauslöschlich in jedermanns Kopf. Seine Werbebilder hatten ihn zu einem reichen Mann gemacht, er konnte sich diesen Millionendollar-Ausblick leisten, hier im Büro wie auch in seinem Penthouse-Apartment in Woolloomooloo.

Er stand auf dem Gipfel seiner eigenen Welt, unabhängig und erfolgreich aus eigener Kraft. Er brauchte nichts von seinen Vätern, den reichen Männern, die seine Mutter angezogen hatte, von denen sie hatte haben können, was immer ihr habsüchtiges Herz begehrte.

Für ihn hatten diese Männer in seiner Kindheit auch tief in die Tasche gegriffen, wohl um ihr zu gefallen. Er hatte das Geld angenommen, um die eigenen Ziele zu verwirklichen. Warum auch nicht. Er hatte es sich verdient. Weil er ihnen das Leben nicht zur Hölle gemacht hatte.

Jetzt nahm er von niemandem mehr etwas an.

Er brauchte es nicht, und er wollte es nicht.

Für Enrique Ramirez war es zu spät, ihm noch etwas anzubieten. Der Brasilianer hatte immerhin zwei Chancen gehabt, in Nicks Leben etwas zu bewirken. Von der ersten Chance war er selbst weggegangen. Und das zweite Mal … Das war, als Nick als Achtzehnjähriger in Rio de Janeiro auftauchte, um einen Vater zu treffen, den er nie kennen gelernt hatte, und mit wütender Ablehnung empfangen worden war, weil er die Unverschämtheit besaß, sich als Enriques Sohn an dessen Haustür vorzustellen.

„Was willst du von mir? Was, glaubst du, lässt sich aus mir rausholen?“

Die verächtliche Unterstellung des hochgestellten Brasilianers hatte Nick veranlasst zu erwidern: „Nichts. Ich wollte dich eigentlich nur sehen. Aber deinen Namen werde ich annehmen. Denn der steht mir zu.“

Am genetischen Erbe konnte es keinen Zweifel geben – Nick hatte das gleiche dichte dunkle Haar, die gleichen grünen Augen mit den langen dunklen Wimpern, die gleiche olivenfarbene Haut, eine gerade, aristokratische Nase, ausgeprägte Wangenknochen, ein markantes Kinn, gespalten durch ein Grübchen in der Mitte, sinnlich geschwungene Lippenkonturen. Er war groß, und seine muskulöse Statur zeugte sowohl von Kraft als auch von Sportlichkeit.

Oh ja, er war seines Vaters Sohn. Zurück in Australien, hatte er den Namen seines Vaters angenommen, Ramirez. Zumindest das war keine Lüge. Aber was immer in dem Umschlag aus Brasilien sein mochte … Alles in Nick rebellierte gegen die Vorstellung, Enrique könnte irgendwie auf ihn einwirken wollen.

Das Telefon begann zu klingeln.

Mit wenigen Schritten war Nick beim Schreibtisch und nahm den Hörer auf.

„Mrs. Condor wartet in der Leitung“, teilte ihm seine Assistentin mit. „Sie möchte mit Ihnen reden.“

Seine Mutter. Schon die zweite unerwünschte elterliche Störung heute Morgen. „Stellen Sie sie durch.“ Ein Klicken und dann die trockene Einladung für seine Mutter, das Gespräch zu eröffnen. „Mutter?“

„Darling! Es ist etwas ganz Außergewöhnliches geschehen. Wir müssen reden.“

„Wir reden doch.“

„Ich meine, wir sollten uns treffen. Kannst du dich heute Vormittag freimachen? Ich bin auf dem Weg in die Stadt. Es ist wichtig, Nick. Ich habe ein Päckchen aus Brasilien erhalten.“

Nicks Wangenmuskeln spielten. „Ich auch.“

„Oh!“ Überraschung und Enttäuschung zugleich. „Nun, ich wollte es dir sanft beibringen, schließlich war er dein Vater … aber dafür besteht dann ja wohl keine Notwendigkeit mehr.“ Sie seufzte dramatisch. „Er war doch noch viel zu jung, er kann nicht viel älter als sechzig gewesen sein. Und immer so voller Leben und Energie …“

Ein Stich durchzuckte Nicks Herz, während sein Verstand begriff, dass Enrique Ramirez gestorben war. Tot. Von seinem Sohn nie gekannt. Und keine Möglichkeit mehr, ihn kennen zu lernen.

Nick starrte auf den Umschlag. Das letzte Lebenszeichen.

„Er hat mir das schönste Smaragdcollier geschenkt …“

Seine Mutter liebte schöne Dinge. Durch sie hatte Nick den Wert von Eleganz und Schick erkannt. Jeder Mann, der ihr Bett geteilt hatte, ob Ehemann oder Geliebter, erwarb sich dieses Privileg mit schönen Dingen. Mittlerweile war sie in ihrer fünften Ehe, und sollte eine neue Herausforderung in Form eines megareichen Mannes am Horizont auftauchen, so bezweifelte Nick nicht, dass in ihren goldfarbenen Augen auch neues Interesse auflodern würde. Enrique Ramirez allerdings hatte sie nicht als Ehemann einfangen können.

Wahrscheinlich hatte sie gar keinen brasilianischen Ehemann gewollt. Sie hätte sich ja in einem fremden Land niederlassen müssen. Ihr hatte es ausgereicht, dass der internationale Polospieler als Juror bei den Miss-Universum-Wahlen fungierte, damals in dem Jahr, als Nadia Kilman den Titel gewonnen hatte.

Die Schwangerschaft war mit Sicherheit nicht geplant gewesen. Ein höchst unglücklicher Unfall, vor allem, da sie vorhatte, Brian Steele zu heiraten, Sohn und Erbe des milliardenschweren australischen Minenmagnaten Andrew Steele. Doch einer Frau ihres überzeugenden Charmes war es nicht schwer gefallen, den Ehemann ihrer Wahl denken zu lassen, das Kind unter ihrem Herzen stamme von ihm. Es hatte auf jeden Fall die Hochzeitsvorbereitungen rasant beschleunigt.

Die gesamte Geschichte ihrer Mutter-Sohn-Beziehung lief jetzt vor Nicks geistigem Auge ab, während Nadia von den Ramirez-Smaragdminen schwärmte, als habe sie einen legitimen Anspruch darauf. Seine Mutter war Spezialistin, was Ansprüche anbelangte.

Nick fragte sich, ob er wohl Brian Steeles Sohn geblieben wäre, wäre die Lüge seiner Mutter nicht herausgekommen. Selbst nach der Scheidung und nachdem beide mit anderen Partnern verheiratet gewesen waren, hatte Nick Brian Steele immer noch für seinen leiblichen Vater gehalten. Verletzt, weil Brian nicht zu Schulanlässen oder Sportveranstaltungen seines Sohnes gekommen war, wie andere geschiedene Väter es machten, hatte Nick ihn zur Rede gestellt.

„Frag deine Mutter“, war die einzige Reaktion gewesen.

„Es ist nicht meine Schuld, dass du meine Mutter nicht mehr liebst.“ Es war so ungerecht. „Ich bin nicht nur ihr Sohn, sondern auch deiner.“

„Nein, bist du nicht.“

Schockiert, zutiefst verletzt und maßlos wütend ob dieser Zurückweisung hatte Nick weiter argumentiert. „Von seinen Kindern kann man sich nicht scheiden lassen. Du bist mein Vater. Nur, weil du eine neue Familie gegründet hast …“

„Ich bin nicht dein Vater.“ Diese Aussage war dem siebenjährigen Nick brutal ins Gesicht geschleudert worden. „Herrgott, sieh doch nur mal in den Spiegel!“

Es stimmte, Nick hatte weder rote Haare noch blaue Augen, aber bis dahin hatte er immer angenommen, er hätte den dunklen Teint von seiner Mutter geerbt. „Du willst mich nur einfach nicht, nicht wahr?“

„Richtig. Warum sollte ich den Bankert eines anderen Mannes als meinen Sohn annehmen? Der Name deines echten Vaters ist Enrique Ramirez, und wenn er nicht gerade irgendwo auf der Welt Polo spielt, lebt er in Brasilien. Ich bezweifle, dass er jemals zu deiner Schule kommen wird. Aber du kannst ja deine Mutter fragen.“

Mit dieser neuen Information im Kopf und der trotzigen Entschlossenheit eines Siebenjährigen hatte Nick es versucht.

„Oh, Darling, es tut mir so leid, dass du dich aufregst, weil Brian nicht dein leiblicher Vater ist.“ Die mitfühlende Stimme und das wunderbare Lächeln hatten wohl den dunklen Schmerz beruhigen sollen. „Aber Harry ist doch ein fabelhafter Stiefvater. Und mit ihm hat man auch viel mehr Spaß …“

„Ich will alles über meinen richtigen Vater erfahren“, hatte Nick störrisch weitergebohrt.

„Nun, er ist verheiratet, Liebling. Eine Scheidung kommt wohl nicht infrage, fürchte ich, wegen der Religion und der gesellschaftlichen Normen in seinem Land.“ Ihre schlanken, manikürten Hände waren wedelnd durch die Luft gefahren. „Wir werden also nie eine Familie sein können, selbst wenn wir wollten.“

„Weiß er von mir?“

„Ja.“ Ein schwerer Seufzer. „Auf Grund eines dieser unglücklichen Zufälle im Leben. Er spielte auf einem Turnier in Australien, und dein Großvater – nun, jetzt weißt du, dass er eigentlich gar nicht dein Großvater ist – lud Enrique zu einem Polo-Wochenende auf den Besitz in Singleton ein. Ein riesiges gesellschaftliches Ereignis, unmöglich, sich irgendwie abzusetzen. Ich hatte gehofft, Enrique wäre diskret genug, um vorzugeben, mich nicht zu kennen.“ Noch ein Seufzer. „Aber als er dich sah …“

„Er hat mich als seinen Sohn erkannt?“

„Nun, ja … Da war zum einen dein Aussehen und dann dein Alter, beides zusammen … Ich musste es zugeben, und er hat es benutzt, um … nun, um …“

Um sie zu erpressen, mit ihm zu schlafen.

Mehr hatte Nick seinem leiblichen Vater nicht bedeutet – ein Druckmittel, um sich die ehemalige Miss Universum erneut gefügig zu machen.

Obwohl … Nick ging davon aus, dass der auffallend attraktive und charismatische Brasilianer nicht viel Druck hatte ausüben müssen.

Das Risiko eines Skandals war beiden gleichgültig gewesen.

„Deine Mutter war so versessen nach mir wie ich nach ihr“, hatte Enrique mit einem Handwisch abgetan, als Nick ihn damals auf die möglichen Konsequenzen hinwies. Von Reue keine Spur. „Sie hätte nur Nein zu sagen brauchen. Ich dränge mich Frauen nicht auf. Es war ihre Wahl. Ihr Leben.“

„Und mein Leben zählte nicht für dich, oder?“, hatte Nick ihm vorgeworfen.

„Ich habe dir dein Leben gegeben. Du solltest endlich anfangen, es zu genießen. Dieses Herumwühlen in der Vergangenheit bringt dir nichts.“

Ein guter Rat. Den Nick sich zu Herzen genommen hatte.

Und genau deshalb wollte er diesen Briefumschlag aus Brasilien nicht anfassen.

„Was hat er dir denn zukommen lassen, Darling?“ Das Smaragdcollier hatte ihren Appetit auf mehr kostbare Geschenke aus Brasilien angeregt.

„Mein Aussehen, würde ich sagen“, spöttelte Nick.

„Das schon, Liebling, aber das meinte ich nicht, und du weißt das auch. Sei nicht so störrisch. Das Collier ist ein kleiner Dank dafür, dass ich ihm einen so beeindruckenden Sohn geboren habe, wie er mir schrieb. Wenn du Enrique so offensichtlich imponiert hast, wird er dir sehr viel mehr als ein Collier hinterlassen haben.“

„Ich habe die Sendung noch nicht geöffnet.“

„Na, dann tu es, Nick. Ich will alles genau erfahren, wenn ich in dein Büro komme. Ach, das ist so aufregend, ich kann’s kaum erwarten. Dein Vater war geradezu verboten reich.“

Das wusste er. Er hatte den unermesslichen Reichtum in Enriques Haus gesehen. Altes Geld, die Art Geld, wie sie die Aristokratie besaß. Reichtum, der über Jahrhunderte in der Familie blieb und vom Vater auf den Sohn weitervererbt wurde.

Nick wollte nichts von dem Mann. Alles in ihm sträubte sich dagegen, etwas anzunehmen, das seinem Vater offensichtlich mehr bedeutet hatte als der uneheliche Sohn.

„Ich müsste in einer Viertelstunde da sein“, kündigte seine Mutter jetzt an. Es war nicht zu überhören, wie sehr sie sich auf das Zusammentreffen freute. „Ist es nicht wunderbar, wenn man nach all den Jahren nicht vergessen ist?“

Nie wäre sie auf die Idee gekommen, die Welt anders als mit ihren Augen zu sehen, allein ihr Blickwinkel zählte. Was Nick provozierte zu widersprechen: „Nein, Mutter, es ist nicht wunderbar. Ich finde es sogar äußerst beleidigend von meinem Vater, zu warten, bis er tot ist, bevor er sich zu irgendeiner Anerkennung seines Sohnes herablässt.“

„Sei doch nicht so heikel, Nick. Was vorbei ist, ist vorbei. Man sollte immer das Beste aus dem machen, was man hat.“

Das in Stein gemeißelte Lebensmotto der Nadia Kilman/Steele/Manning/Lloyd/Hardwick/Condor. Daran hielt sie sich eisern, davon würde sie nie abweichen.

„Natürlich, Mutter. Ich freue mich darauf, dich und dein Collier gleich zu sehen.“

Nick legte den Hörer zurück und blickte auf den Umschlag. Ein Teil von ihm wollte ihn ungeöffnet in den Papierkorb fallen lassen. Ein anderer Teil war neugierig darauf, welchen Wert der Mann seinem leiblichen Sohn zumaß. Mit zynischem Galgenhumor dachte er, dass es wohl besser sei, es herauszufinden, damit er ein für alle Mal damit abschließen konnte.

Nick öffnete den Umschlag.

Der zwei Briefe enthielt.

Ein Brief war sofort als der Brief eines Anwalts zu erkennen. Javier Estes, Testamentsverwalter des Ramirez-Besitzes. Der zweite war überraschenderweise von Enrique, handgeschrieben und an Nick persönlich adressiert. Aus dem Inhalt ging hervor, dass Enrique erstaunlich gut über nahezu alle Details in Nicks Leben informiert gewesen war. Und der Schlusssatz präsentierte eben diesem Leben eine völlig neue, faszinierende Herausforderung.

Nick beschäftigte sich immer noch intensiv mit den soeben erfahrenen Neuigkeiten, als seine Assistentin die Tür öffnete und seine Mutter ihren Auftritt hatte.

Das Erscheinen seiner Mutter war immer ein Auftritt.

Sie war fünfundfünfzig und sah keinen Tag älter aus als fünfunddreißig. Die Verkörperung der weiblichen Schönheit, mit einem Körper, dessen jede einzelne Rundung puren Sexappeal ausströmte. Eine Traumfrau, die wusste, wie man seine gottgegebenen Vorzüge am besten zur Geltung brachte.

Wo immer sie auftauchte, verblasste jeder in ihrer Umgebung. Alle Blicke richteten sich auf sie, einfach, weil es sich so sehr lohnte, sie anzuschauen. Miss Universum zeigte immer noch, was sie hatte. Die Jahre, die seit dem Erringen des Titels vergangen waren, hatten ihr nichts anhaben können.

Kaum dass die Tür hinter ihr geschlossen wurde, bedachte sie ihren Sohn mit einem strahlenden Lächeln. „Nun?“ Sie war daran gewöhnt, zu bekommen, was sie wollte.

Nick lehnte sich lässig gegen die Schreibtischkante und betrachtete seine Mutter mit zynischem Amüsement. Die Nachrichten, die er ihr zu verkünden hatte, würden ihrer beispiellosen Eitelkeit einen Dämpfer versetzen.

„Ich vermute, du bist nicht die einzige Frau, die heute Morgen ein Smaragdcollier von Enrique Ramirez erhalten hat.“

Eine perfekt gezupfte Augenbraue wurde in die Höhe gelupft. „Was soll das heißen?“

„Anscheinend hat mein Vater während seiner Polo-Jahre seinen Samen in die Welt hinausgetragen. Ich habe einen Halbbruder in England und einen weiteren in den USA. Und beide müssen meinen seligen Vater ebenso beeindruckt haben wie ich, trotz der Tatsache, dass wir alle außerehelich gezeugt wurden. So ist anzunehmen, dass er sich deren Müttern gleichfalls erkenntlich zeigen wollte.“

„Oh!“ Lächelnd zuckte sie mit den Schultern. „Er war ja auch ein unwiderstehlicher Mann. Ich zweifle nicht daran, dass viele Frauen der gleichen Meinung waren. Für dich allerdings ist das nicht gut, Nick. Vermutlich hat Enrique das Erbe also zu drei gleichen Teilen aufgeteilt.“

Das Erbe war völlig unwichtig. Nick wollte seine Halbbrüder kennen lernen. Und um das zu können, musste er die verrückte Vorstellung eines toten Mannes wahr werden lassen: Die illegitimen Söhne sollten ein anderes Leben führen als er, ein Leben mit echter Liebe, Treue, Verantwortung und Vaterschaft. Entweder heiratete Nick in den nächsten zwölf Monaten und wurde Vater, oder er würde nie etwas über seine Halbbrüder erfahren.

Das war Enriques Vermächtnis … seine Herausforderung an Nick.

Der Rest interessierte nicht.

Nick glaubte nicht an Liebe und Ehe und glückliche Familien, aber er konnte und er würde nach außen hin die Bedingungen erfüllen, um ein Treffen mit seinen Halbbrüdern zu erreichen. Echte Blutsbande, so entfernt sie auch sein mochten. Nicht Stiefgeschwister, die mit den Hochzeiten und Scheidungen seiner Mutter kamen und gingen. Er wollte Enriques andere zurückgelassene Souvenirs kennen lernen, wollte wissen, ob sie so waren wie er, wollte wissen, dass er nicht allein war.

„Es gibt kein Erbe“, log er. Seine Mutter würde unweigerlich mit dem Fädenziehen beginnen, sollte er ihr die Wahrheit sagen. Er lächelte spöttisch. „Mein Vater hat mir großzügigerweise das Wissen um eine Familie zukommen lassen, nach der ich suchte, als ich achtzehn war. Man könnte sagen, es ist ein wenig spät.“

„Halbbrüder.“ Wieder wurde die Braue hochgezogen. „Willst du jetzt etwa Kontakt mit ihnen aufnehmen?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich sie finden könnte. Im Gegensatz zu mir wissen sie nicht, dass Enrique ihr Vater ist, daher bedeutet ihnen der Name Ramirez nichts. Man teilte mir mit, dass ich ihre Namen erfahren werde, sobald die Angelegenheit mit dem Ramirez-Besitz erledigt ist. In der Zwischenzeit werde ich mich weiter um meine Angelegenheiten kümmern.“ Er schlenderte zur Tür und hielt sie auf. „Danke für deinen Besuch, Mutter. Ich bin froh, dass du dich über dein Collier freust.“

„Bist du nicht enttäuscht, Nick?“

„Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden.“

„Oh, du …“ Sie tätschelte ihm sanft die Wange. Der Blick ihrer bernsteinfarbenen Augen glitt über sein Gesicht auf der Suche nach einem Riss in der zynischen Fassade. „Du hättest Enrique dazu bringen sollen, dich offiziell anzuerkennen, solange er noch lebte. Du warst schon immer viel zu stolz, Nick, zu unabhängig.“

„Ich bin das Produkt meiner Lebensumstände. Auf Wiedersehen, Mutter.“

Da es nichts gab, an dem sie sich festbeißen konnte, akzeptierte Nadia den Schlusssatz als gegeben. Sie war begierig darauf, das Collier schätzen zu lassen. Sie wollte wissen, wie viel sie Enrique Ramirez wert gewesen war. Nadia konnte fantastisch mit Zahlen umgehen, wenn es darum ging, herauszufinden, auf welche Summe sich der Profit aus einer eingegangenen Beziehung belief.

Wieder allein, dachte Nick über Möglichkeiten nach, um das zu erreichen, was er wollte, ohne einen zu hohen Preis dafür zahlen zu müssen. Die Informationen reichten nicht – keine Namen, keine Wohnorte, keine Altersangaben –, um seine Brüder selbst zu finden. Die einzige Garantie, die es gab, war, den Weg zu gehen, den Enrique vorgeschrieben hatte.

Es stand außer Frage, dass er auf seine echte Familie verzichten würde. Was bedeutete, dass er Heirat und Vaterschaft vorab in Angriff nehmen musste. Alles kam nur darauf an, dass er eine Situation schuf, mit der er leben konnte. Er hatte nicht vor, ein Kind der Scheidung der Eltern auszusetzen. Wenn er also ein Kind in die Welt setzte, so würde es ein stabiles Umfeld für dieses Kind geben müssen.

Immer wieder kehrten seine Gedanken zu einer Frau zurück.

Tess würde er vertrauen. Sowohl mit sich als auch mit dem noch ungezeugten Kind.

Er war ziemlich sicher, dass er mit ihr zu einer Einigung kommen könnte. Eine vernünftige, rechtlich abgesicherte Vereinbarung, die alle Beteiligten schützte. Tess war nicht wie die anderen Frauen, die er kannte. Alle anderen hätten sich sofort in eine Ehe mit ihm gestürzt, Tess dagegen wollte nichts von ihm. Sie wollte von keinem Mann etwas.

Aber gut möglich, dass sie ein Kind wollte. Und sie kannte Nick und wusste, woher er kam.

Denn Tessa Steele kam auch daher.

Dass sie Brian Steeles Tochter war – seine leibliche Tochter –, war unwichtig. Sie hatte ihren eigenen Kopf, und sie hatte sich ein eigenes Leben geschaffen. Wie Nick.

Die Frage war nur … wäre sie auch bereit, ein Leben mit ihm in Betracht zu ziehen, mit dem Anreiz, ein gemeinsames Kind zu haben?

2. KAPITEL

„Er hat überhaupt nichts von dir, Tessa“, knurrte Brian Steele und betrachtete seinen zwei Monate alten Enkel mit mürrischer Miene.

Nichts von ihm, meint er, dachte Tessa. Sie wusste, dass sie Brian Steeles Lieblingskind war, weil er sich in ihrem roten Haar, den blauen Augen und der hellen Haut wiedererkannte. Bis heute wusste sie nicht, ob es irgendein primitives männliches Bedürfnis in ihm war, seine Gene weiterzuvererben, oder eine Manie, weil man ihm das Kind eines anderen Mannes als das eigene untergeschoben hatte. Nicks Mutter hatte reichlich emotionales Chaos im Fahrwasser ihrer Ehe mit Brian Steele zurückgelassen.

Zweifellos war es verletzter Stolz gewesen, der ihren Vater direkt in die nächste Ehe getrieben hatte – mit der blonden Film- und Bühnenschönheit Livvy Curtin. Dieses ungleiche Paar hatte nur zwei Jahre überlebt, aber immerhin war eine Tochter aus der Verbindung hervorgegangen, und bei der Scheidung war Livvy nur zu dankbar gewesen, Brian das Sorgerecht zu überlassen. Damit sie ungehindert mit ihrer Schauspielkarriere fortfahren konnte.

Tess war sich der Liebe ihres Vaters immer sicher gewesen. Selbst als in seiner dritten und noch aktuellen Ehe zwei Söhne geboren wurden, auf die er extrem stolz war, hatte er sich immer einen besonderen Platz im Herzen für seine älteste und einzige Tochter bewahrt. Eine Schwäche, die von seiner dritten Ehefrau mit Misstrauen und Argwohn beäugt wurde. Sie hatte jede Gelegenheit genutzt, Tessa zu ihrer Mutter abzuschieben, die es allerdings vorzog, die Realität einer Tochter zu ignorieren. Livvy – du sollst mich doch nicht Mummy nennen – hatte nicht das geringste Interesse, die Mutterrolle auch nur zu spielen.

Auf Grund der eigenen Erfahrungen hatte Tess eine sehr genaue Vorstellung, wie das Familienleben ihres Sohnes aussehen sollte. Keine Ehe, keine Scheidung, keine angeheirateten Verwandtschaften. Ihr Sohn würde wissen, dass seine Mutter ihn liebte, seine genetische Abstammung war irrelevant. Sie hatte dieses Baby auf die Welt gebracht, es war ihr Baby. Ganz allein ihres.

„Er hat Locken“, meinte sie, auch wenn ihre eigene Lockenpracht von Livvy stammte und nicht von ihrem Vater.

Brian Steeles Haar war drahtig und gerade, das Rot längst schlohweiß. Die blauen Augen jedoch blickten immer noch wach und durchdringend, und jetzt lag ihr Blick auf der Tochter, um nach gewissen Punkten zu forschen, denen Tess bisher erfolgreich ausgewichen war.

Sie saßen zusammen im sonnigen Garten des Familienbesitzes in Singleton. Beide hatten sich eine Auszeit von ihren jeweiligen geschäftlichen Interessen genommen. Das Anwesen auf dem Land bot Tess die Ruhe und Abgeschiedenheit, die sie für die Geburt gesucht hatte, und da es das erste Enkelkind für ihren Vater war, hatte er ihr willig zugestanden, ein paar Monate hier zu verbringen, während er und seine Frau zwischen den Steele-Residenzen in Sydney und Melbourne pendelten.

„Wirst du mir nun sagen, wer der Vater ist?“

„Das ist unwichtig, Dad.“ Sie lächelte glücklich auf das dunkelhaarige grünäugige Baby in dem Schaukelsitz zu ihren Füßen hinab. „Er ist mein Sohn.“

„Tessa, ich habe inzwischen begriffen, dass du den Mann nicht heiraten willst …“

„Er würde mich auch nicht heiraten wollen.“ Es schlüpfte ihr heraus, bevor ihr klar wurde, dass sie diese Information vielleicht besser für sich behalten hätte.

„Und warum nicht?“ Ihr Vater klang beleidigt, so als müsse sich jeder Mann geehrt fühlen, ihr Ehemann zu werden. Schließlich war sie eine Steele, Milliardärstochter, Erbin eines ansehnlichen Teils der Familienvermögens und keineswegs unattraktiv, wenn sie sich die Mühe machte und ihre Vorzüge betonte.

Sie schüttelte nur den Kopf. Sie hatte nicht vor, die Identität des anderen Elternteils preiszugeben. Ihr Vater wäre noch viel beleidigter, würde er erfahren, dass Nick Ramirez ihm zu seinem Enkelsohn verholfen hatte.

„Weiß er überhaupt von diesem Kind?“

„Nein. Es würde alles nur verkomplizieren, wenn ich es ihm sagte.“

„Ist er verheiratet?“

„Nein.“ Der Blick ihrer blauen Augen bohrte sich jetzt eindringlich in seinen. „Es war nur eine einmalige Erfahrung, Dad. Rückblickend ein Fehler, für uns beide falsch. Okay?“

Auf jeden Fall falsch für Nick. Das hatte er nachher sehr deutlich gemacht. Er hatte regelrecht entsetzt ausgesehen, sich mitten in dieser Explosion von ungezügeltem Sex mit Brian Steeles Tochter wiederzufinden.

„Meinst du nicht, er wird es sich denken können, sobald er dich mit dem Baby sieht?“

„Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir aufeinander treffen.“ Tess ging davon aus, dass Nick dieses Kapitel abgeschlossen hatte. „Wir verkehren nicht in denselben Kreisen. Und bis man erfährt, dass ich Mutter bin, wird genug Zeit vergangen sein, um keine Verbindung mehr herzustellen.“

„Du willst nicht, dass er es erfährt“, schloss ihr Vater listig.

Es wäre wirklich zu kompliziert. Mal ganz abgesehen von den verworrenen Familienverhältnissen … Tess war nicht der Typ Frau, dem Nick normalerweise den Vorzug gab. Wenn er dann noch herausfand, dass sie ungewollt schwanger geworden war, würde er die ganze Situation verabscheuen.

Autor

Emma Darcy
Emma Darcy ist das Pseudonym des Autoren-Ehepaars Frank und Wendy Brennan. Gemeinsam haben die beiden über 100 Romane geschrieben, die insgesamt mehr als 60 Millionen Mal verkauft wurden. Frank und Wendy lernten sich in ihrer Heimat Australien kennen. Wendy studierte dort Englisch und Französisch, kurzzeitig interessierte sie sich sogar für...
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