Baccara Collection Band 449

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STADT, LAND – UND LUST? von JESSICA LEMMON
Nur aus einem Grund reist Citygirl Kendall zur Berghütte von Einsiedler Max: Sie muss ihn dazu bringen, seinen Zwillingsbruder bei einem Werbedreh zu vertreten. Doch dann zwingt ein Sturm sie zum Bleiben. Und bald knistert es zwischen ihnen heißer als das Feuer im Kamin …

GEWAGTE AFFÄRE IN NEW ORLEANS von TORI CARRINGTON
Josie ist spontan fasziniert, als der attraktive Geschäftsmann Drew in ihrem Hotel in New Orleans eincheckt. Nach einem erotisierenden Dinner lässt sie sich von ihm zu einer leidenschaftlichen Liebesnacht verführen. Ein Fehler? Sie ahnt nicht, was Drew im Schilde führt …

WARUM AUSGERECHNET DU? von ZURI DAY
Schockiert erkennt Eventplanerin Avery, wer ihr erster wichtiger Kunde im Country Club ist: ausgerechnet Cayden Barker! Auch wenn er offensichtlich wütend auf sie ist, weil sie am Vortag sein Auto gerammt hat, sehnt sie sich insgeheim nach seinen Küssen. Vergebens?


  • Erscheinungstag 06.09.2022
  • Bandnummer 449
  • ISBN / Artikelnummer 9783751508339
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jessica Lemmon, Tori Carrington, Zuri Day

BACCARA COLLECTION BAND 449

JESSICA LEMMON

Stadt, Land – und Lust?

Von Stadtmenschen wie der schönen Schauspielagentin Kendall hat Ex-Hollywoodstar Max Dunn ein für alle Mal genug! Als sie auf ihren High Heels bei ihm in den Bergen auftaucht, um ihn zu einem Comeback zu bewegen, will er sie sofort hinauswerfen. Doch dann zieht ein Sturm auf und sie muss bei ihm übernachten. Gegen jede Vernunft erwacht sein Begehren …

TORI CARRINGTON

Gewagte Affäre in New Orleans

Drew Morrison verführt die heißblütige Hotelbesitzerin Josie zu einer erregenden Affäre. Natürlich völlig unverbindlich – bis er sich ohne es zu wollen immer mehr in sie verliebt. Was jetzt? Sobald Josie dahinterkommt, dass er kein normaler Gast ist, wird sie ihre Beziehung bestimmt sofort beenden! Oder etwa nicht?

ZURI DAY

Warum ausgerechnet du?

Diese Frau bedeutet nichts als Ärger! Das ist Technologie-Experte Cayden Barker sofort klar, als er die hübsche Eventplanerin Avery Gray zufällig im Country Club wiedertrifft. Obwohl sie gestern seinen neuen Sportwagen zu Schrott gefahren hat, verspürt er beim Blick in ihre großen braunen Augen jähes Verlangen. So unvernünftig wie unwiderstehlich …

1. KAPITEL

Kendall Squire fror.

In Los Angeles im sonnigen Kalifornien mochten Stiefel mit hohen Absätzen und vorn offen perfekt sein, in den schneebedeckten Bergen von Virginia waren sie denkbar unpassend. Kendall nahm eine Hand vom Steuer, um das Gebläse so einzustellen, dass die Wärme ihre Zehen erreichte. Vorsichtig manövrierte sie den Wagen den Millionen-Dollar-Berg hinauf. Wer um alles in der Welt dachte sich solche Namen aus?

Sie ging im Geiste noch einmal durch, was sie dem Mann sagen wollte, zu dem sie fuhr. Er ahnte nichts von ihrem Besuch. Sie hatte ihn bewusst nicht vorgewarnt, weil sie sich nicht sicher war, ob er versuchen würde, sie am Telefon abzuwimmeln. Im direkten Kontakt war sie einfach überzeugender.

Zumindest für gewöhnlich. Sie hatte Sechzehn-Stunden-Tage in der Agentur geschoben, bis ihr Mentor Lou, der Besitzer und Chef der Agentur, sich plötzlich zur Ruhe gesetzt hatte. Niemand hatte es kommen sehen, weil er gerade einmal fünfzig Jahre alt war. Er verkaufte die Agentur und verabschiedete sich von ihr und dem Team, allerdings nicht ohne zuvor die Liste seiner Klienten unter ihnen aufzuteilen.

Ihr Anteil war beeindruckend. Das Bild änderte sich allerdings rasch, als sie ihre neuen Klienten kontaktierte. Einer nach dem anderen kündigte den Vertrag, der eine Auflösung der Vereinbarung bei einem Wechsel des Agenten ermöglichte. Es schien, als wolle niemand seine Karriere einer unerfahrenen Frau anvertrauen. Wobei sie mit ihren vierunddreißig Jahren alles andere als unerfahren war, aber den Einwand behielt sie für sich, da er ohnehin nichts zu bringen schien.

Das letzte Telefonat hatte sie mit Isaac Dunn geführt – mit zitternden Händen und einem unguten Bauchgefühl. Isaac war einer der beiden Zwillingsbrüder, die sich die Rolle des Danny Brooks in der wahnsinnig erfolgreichen Sitcom Brooks Knows Best geteilt hatten. Die Jungen Isaac und Max hatten im Alter von fünf Jahren in der Rolle begonnen und waren zehn Jahre lang quasi in aller Öffentlichkeit aufgewachsen – als der Sohn von Samuel und Pauline Brooks. Zu der Familie gehörten auch jede Menge witziger Cousins, die ständig in irgendwelchen Schwierigkeiten steckten. Die Show war unlängst in einem Streaming-Dienst wiederbelebt worden. Jedes Jahr sollte jetzt zusätzlich eine Mini-Serie veröffentlicht werden. Die Fans der Show waren begeistert und spekulierten über mögliche Liebschaften für Danny.

Max hatte sich bereits vor Jahren vom Filmgeschäft verabschiedet und überließ seinem Bruder Isaac die Rolle des Danny allein. Die Anfrage der Produktionsgesellschaft, ob er an einer Rolle in der Serie interessiert sei, beschied er mit einem klaren Nein. Ein ebensolches Nein hatte Kendall von Isaac erwartet, als sie sich ihm als seine neue Agentin vorstellte.

Das Telefonat war besser gelaufen als befürchtet. Offenbar hatte Lou selbst Isaac bereits über den Wechsel informiert und sie empfohlen. Sie versprach, die beste Agentin zu sein, die er je gehabt hatte, und ihn niemals im Stich zu lassen. Ihr jetziger Besuch bei seinem Zwillingsbruder in den Bergen hing mit eben diesem Versprechen zusammen. Sie wollte alles tun, um ihren einzig verbliebenen Klienten zufriedenzustellen.

Kendalls Telefon klingelte. Ihr Leihwagen ließ das Gespräch über die Lautsprecher laufen, so dass sie die Hände am Steuer lassen konnte, während sie sich auf die schneebedeckte Fahrbahn konzentrierte. Das Display zeigte den Namen Meghan an.

„Hey, Meg.“

„Hiiiii!“ Kendalls jüngere Schwester war stets ein Ausbund guter Laune, aber heute schien sie besonders gut drauf zu sein. „Bist du schon da?“

„Du klingst ganz außer Atem. Fühlst du dich nicht gut?“ Kendall musste ein Lachen unterdrücken.

„Spann mich nicht auf die Folter! Ich sterbe vor Neugier!“

„Ich kämpfe mich seit Kilometern über schneebedeckte Straßen. Wer hätte ahnen können, dass es in Virginia so kalt ist?“

„Beeil dich! Und wenn du da bist, schickst du mir heimlich ein Video, damit ich sehe, wie der ominöse Max Dunn so lebt. Glaubst du, du kannst ihn überreden, mir ein exklusives Interview zu geben? Bitte, bitte, bitte!“

Meghan hatte einen überaus populären Podcast Superfan TV ins Leben gerufen. Es ging immer um Fernseh-Sitcoms aus der Vergangenheit – um Krimis, Gerichtssendungen und auch um Familiendramen. Brooks Knows Best war zufällig eine von Meghans Lieblingssendungen.

„Ich verspreche dir, ihn zu fragen, falls sich die Gelegenheit ergeben sollte.“ Kendall seufzte stumm. „Ich bin mir nicht sicher, wie er darauf reagiert, dass ihn die Agentin seines Bruders um einen Gefallen bittet. Noch weniger weiß ich, wie er es findet, ein Interview zu einer Show zu geben, bei der er gar nicht mehr mitwirkt.“

„Ich weiß.“ Meghans Enttäuschung war deutlich hörbar.

„Aber Isaac gibt dir vielleicht ein Interview“, versprach Kendall in einem Versuch, sie aufzumuntern. Nach allem, was sie von den beiden Brüdern gehört und gelesen hatte, war Isaac der Umgänglichere der beiden.

„Wirklich?“ Meghan schien wieder Hoffnung zu schöpfen.

„Gib mir etwas Zeit. Zuerst muss ich Max dazu bringen, mir zu helfen. Dann muss ich mit ihm nach LA fliegen und den Werbespot drehen, bevor ich Isaac wieder nach Kalifornien locke. Die nächsten Wochen werden nicht einfach.“

„Du führst wirklich ein glamouröses Leben, Schwesterherz. Und ich sitze hier allein in meinem Bauernhaus und sehe zu, wie die Katze eine Maus durchs Gras jagt.“

„Immer noch besser als ein Kampf mit Schnee und Eis.“

Meghan lachte, wurde aber schnell wieder ernst. „Ich habe noch einen Grund für meinen Anruf.“

Das hatte Kendall bereits vermutet.

„Ich wollte sehen, wie es dir geht. Ist alles in Ordnung?“

„Natürlich“, sagte Kendall schon ganz automatisch, aber sie wusste, wieso Meghan fragte.

„Heute ist sein Geburtstag“, sagte ihre Schwester leise.

„Ich weiß.“ Kendall atmete tief durch. Sie dachte an ihren älteren Bruder mit seinem breiten Grinsen und dem gewellten blonden Haar. Er war zwanzig gewesen, als er starb. Sie hatte es ihm nie verziehen, dass er die Familie so abrupt verlassen hatte. Sie brauchte ihn, damals wie heute. „Ja, alles in Ordnung. Bei dir auch?“

„Ja, ist es. Weißt du, ich denke an diesem Tag gern an ihn. Ich schicke ein kleines Gebet für ihn in den Himmel und mache dann wieder das, was ich liebe. Das solltest du auch tun.“

Für Meghan war das sicher einfacher. Kendall war sechzehn gewesen, als Quinton starb, Meghan erst elf. Nicht, dass Meg ihn weniger geliebt hatte, aber Quintons Beziehung zu Kendall war naturgemäß enger gewesen. Sein Tod hatte eine tiefe Wunde bei ihr gerissen, die nie ganz geheilt war.

„Ein guter Ratschlag.“ Kendall zwang sich zu einem Lächeln. Auch sie sprach manchmal noch im Geiste mit Quin, aber ihre Gespräche endeten immer in Fragen wie: Wieso musstest du in dem Sommer auf diese Fahrt gehen? Wieso konntest du nicht zu Hause bleiben?

„Richte Max Grüße von deiner Schwester aus, die ihn bewundert und zu den größten Fans von Brooks Knows Best zählt. Melde dich!“

„Mach ich.“ Kendall versicherte ihrer Schwester, dass sie sie liebte – etwas, das sie kaum je vergaßen, seit ihr Bruder nicht mehr lebte –, und beendete das Gespräch.

Genau zum richtigen Zeitpunkt. Ihre Reifen rutschten über den Schnee, als ein Blockhaus in Sichtweite kam. Ihr Navi hatte bereits vor zwei Meilen erklärt, sie befinde sich in zweihundert Metern Entfernung von ihrem Ziel. Da sie bezweifelte, dass die Gegend satellitenmäßig gut vernetzt war, war sie sich nicht sicher gewesen, ob sie hier tatsächlich auf ein Haus stoßen würde.

Dieses war nicht zu übersehen. Es hatte wenigstens zwei Etagen – oder auch drei, wenn man das Dachgeschoss mit den Mansardenfenstern dazurechnete. Das Ganze war von einem rustikalen Zaun umgeben. Alles schien perfekt in Ordnung gehalten. Ja, das war eindeutig das Haus von Max Dunn.

Er hatte LA mit viel Geld verlassen und war nach Virginia gegangen. Online-Gerüchten zufolge hatte er sich in die Berge zurückgezogen – und um wirklich seine Ruhe zu haben, hatte er gleich die halbe Stadt aufgekauft, die sich daraufhin ihm zu Ehren in Dunn umbenannte.

Sie parkte den Wagen neben einer großen Garage, die dem Stil des Blockhauses entsprach. Die Zahlen auf der Holzfassade bestätigten, dass sie an der richtigen Adresse war: 102 Brooks Boulevard. Hatte die Stadt die Straße nach der Show benannt, durch die Max berühmt geworden war, oder war es einfach ein Zufall?

Sie verließ den angenehm warmen Wagen und ging zum Haus. Sofort drang der Schnee in ihre Stiefel ein. Sie waren eindeutig die falsche Wahl gewesen für diese Fahrt, aber es waren ihre Glücksschuhe. Sie hatte sie von ihrem ersten Gehaltsscheck in der Agentur bezahlt.

Im Geiste stählte sie sich dafür, zum ersten Mal Isaacs Zwillingsbruder gegenüberzutreten. Sie klopfte.

Und wartete.

Eine gefühlte Ewigkeit schien zu vergehen, in der sie sich warmhielt, indem sie auf und ab sprang. Endlich hörte sie ein Geräusch hinter der Tür. Schlurfende Schritte. Sie stellte sich einen zerzausten Einsiedler vor, mit Bauch und wahrscheinlich einem fleckigen T-Shirt. Die Tür ging auf – und alle Fantasien zerplatzten.

Max Dunn füllte den Türrahmen mit seiner großen, kräftigen Statur. Sein Haar war etwas länger als normal, aber so gepflegt wie der dichte schwarze Bart. Er war fit und durchtrainiert, und das dunkelblaue Hemd spannte sich über einem flachen Bauch. Auch die Jeans passten wie eine zweite Haut.

Der Anblick dieser markanten Kopie von Isaac Dunn verschlug Kendall für einen Moment die Sprache. Max und Isaac waren eineiige Zwillinge, daher hätte die Ähnlichkeit sie nicht erstaunen sollen. Es war auch weniger die Ähnlichkeit, die ihr zusetzte, als das unerwartete Gefühl, sich zu ihm hingezogen zu fühlen.

Er stand in der Tür, die Brauen gerunzelt und die Lippen hinter dem dichten Bart zusammengepresst. Dabei hatte er eine unvergleichliche Ausstrahlung. Sexy. Es gab kein anderes Wort dafür.

Ein kalter Windzug an ihren Beinen holte sie unvermittelt in die Gegenwart zurück. Sie zwang sich zu einem Lächeln.

„Max Dunn?“ Die Frage war überflüssig, denn es konnte keinen Zweifel daran geben, dass er der Bruder von Isaac war. „Hallo!“, fuhr sie unbeholfen fort. „Ich bin Kendall Squire, die Agentin Ihres Bruders.“

Max’ blaue Augen schienen sich zu verdunkeln. Ein attraktiver grimmiger Bergmensch. Er ließ den Blick kurz über ihren Ledermantel zu ihren Stiefeln und dann hinauf zu ihrem Haar gleiten, in dem die Schneeflocken tauten. „Alles in Ordnung?“

„Ich habe ein paar harte Monate hinter mir. Eigentlich schon Jahre.“ Sie räusperte sich. „Aber ich war schon immer dafür, nach vorn zu sehen und einen Schritt nach dem anderen zu tun.“

Er sah sie verwirrt an. „Es tut mir leid, dass Sie Probleme hatten, aber ich wollte eigentlich nur wissen, ob mit Isaac alles in Ordnung ist. Ich gehe mal davon aus, dass Sie seinetwegen hier sind.“

Sie wurde rot. „Ja. Ja, natürlich. Es geht ihm gut. Sehr gut sogar.“ Sie hatte Mühe, ihre Zähne davon abzuhalten, vor Kälte aufeinanderzuschlagen. „Na ja, sehr gut ist vielleicht übertrieben. Ich meine, seine Karriere könnte einen … Kick gebrauchen … Wir haben eine Sache in LA geplant, aber dafür brauchen wir ihn vor Ort. Leider ist er auf einer Insel. Auf einer Insel, die ihm gehört. Ich wusste gar nicht, dass er eine Insel besitzt.“ Sie wusste, dass sie plapperte, konnte aber einfach nicht aufhören. „Auf jeden Fall sitzt er dort fest.“

„Inwiefern?“ Max zog fragend eine Braue in die Höhe.

„Der Pilot hat Urlaub. Also kommt er nicht weg aus seiner Cabana oder welchem Haus auch immer.“ Ihr wurde erst jetzt bewusst, wie wenig sie eigentlich von ihrem Klienten wusste. Es war wohl am besten, zum Punkt zu kommen: „Ich brauche ihn in zwei Tagen in LA, und das kann er nicht schaffen. Deswegen bin ich hier. Ich habe gehofft, wir könnten kurz miteinander reden. Haben Sie eine Minute?“

2. KAPITEL

Das letzte Mal, dass er diese Frage von einer schönen Frau gehört hatte, war … Bei Lichte betrachtet war es genau eine Stunde her.

Aber dies war nicht seine Ex-Frau Bunny, die mit ihren pelzgefütterten Stiefelchen auf seinem guten Holzfußboden herumklackerte. Diese Frau trug keine Stiefel. Falsch: sie trug auch Stiefel, aber es waren die unpraktischsten Stiefel, die er je gesehen hatte. Unwillkürlich verzog er das Gesicht, als er die vorn offene Fußbekleidung mit den hohen Absätzen betrachtete. Sie kam eindeutig gerade von der Westküste. Passte nicht hierher mit den blonden Strähnchen im dunklen Haar, mit der sonnengebräunten makellosen Haut und ihrem ganzen Outfit – Designer-Jeans und einem Ledermantel, der modisch sein mochte, aber definitiv keine Wärme spendete.

Wie sie ihm gerade etwas umständlich erklärt hatte, brauchte sie Isaac in LA, aber er saß auf seiner Insel fest. Wahrscheinlich wollte Ms. Squire ihn bitten, für seinen Bruder einzuspringen. Diese Bitten begleiteten ihn schon sein ganzes Leben. Er war für seinen Zwillingsbruder aufgetreten, wann auch immer Isaac nicht an zwei Orten gleichzeitig sein konnte, und sein Bruder hatte gelegentlich dasselbe für ihn getan.

Er wollte gerade den Mund öffnen, um sie mit einem Nein, danke fortzuschicken, als ihm bewusst wurde, dass sie vor Kälte zitterte. Nein, er konnte sie nicht so wegschicken, auch wenn sie aus dem Ort kam, der ihm inzwischen abgrundtief verhasst war. Er hatte das Traumland mit zwanzig verlassen und sich geschworen, nie wieder nach LA oder zur Schauspielerei zurückzukehren, aber er hatte nichts gegen diese Frau. Es schneite jetzt heftiger, und die Flocken sammelten sich auf ihrem Wagen vor seiner Garage. Ehe er sie wegschickte, wollte er ihr wenigstens Gelegenheit geben, sich aufzuwärmen.

„Kommen Sie rein, California.“

Seine Anrede überraschte sie sichtlich, aber dann glitt ein Lächeln über ihre Züge. Sie wippte ein wenig auf den Zehen, die inzwischen wahrscheinlich eiskalt waren, wie er vermutete. „Wirklich? Danke.“

Er ließ die Tür offen und erlaubte ihr, sein alles andere als bescheidenes Domizil zu betreten. Das Haus bot Raum und Abgeschiedenheit – die zwei Dinge, die er am meisten zu schätzen gelernt hatte. Von der Fensterfront auf der Rückseite des Hauses führten Türen auf eine Terrasse, die einen Blick auf die umliegenden Berge und Hügel gewährte. Das Haus war zu beiden Seiten von Wald umgeben. Es schien wie ein Teil der Landschaft. Er liebte es hier.

Er ließ die Frau vor sich hergehen und meinte, einen Hauch von Sonne an ihr wahrzunehmen, so als habe sie etwas von der Westküste mit nach Virginia gebracht. Er stellte einen Wasserkessel auf den Herd. Als er sich umdrehte, sah er, wie Kendall die Stiefel abstreifte. Das war wirklich etwas anderes als Bunny, die mit ihren Stiefeln auf dem Holz herumgetrampelt war, während sie sich wieder einmal lauthals darüber beklagte, dass er ihr nicht half, ihre Träume zu verwirklichen. Das hatte er schon während ihrer Ehe immer wieder zu hören bekommen, und er hatte gehofft, dass die Scheidung endlich auch in dieser Hinsicht seinen endgültigen Abschied von Hollywood bedeutete. Leider nicht. Bunny tauchte immer wieder auf und nervte ihn damit, seinen Bruder um eine kleine Rolle für sie in den neuen Folgen von Brooks Knows Best zu bitten.

„Ein schönes Haus.“ Kendall ging barfuß ins Wohnzimmer. Sie war größer als Bunny – nicht, dass es wichtig gewesen wäre. Vor dem Kamin blieb sie stehen. Er hatte Holzscheite und Zeitungspapier hineingestapelt und war gerade im Begriff gewesen, das Feuer anzumachen, als sie geklopft hatte. „Sie und Ihr Bruder führen sehr gegensätzliche Leben.“

„Nicht wirklich. Wir sind beide gern allein.“ Das stimmte nicht, was Isaac betraf. Er wusste nicht, wieso er es gesagt hatte. Vielleicht, weil jedes Gespräch über Isaac seine innere Anspannung wachsen ließ. Max war zweiundsiebzig Sekunden älter als sein Bruder. Abgesehen von der äußeren Ähnlichkeit hätten sie nicht unterschiedlicher sein können. Max hatte die Welt des Ruhms mit Freuden hinter sich gelassen, während Isaac, auch Jahre nachdem die letzte Episode von Brooks Knows Best gedreht worden war, blieb – und damit indirekt gezwungenermaßen auch Max. Mit zwanzig hatte Max seinen Bruder und seinen Agenten wissen lassen, dass er nicht mehr für Promoaktionen zur Verfügung stand. Keine öffentlichen Auftritte mehr. Schluss. Punkt. Aus. Isaac hatte argumentiert, dass niemand ‚nur den einen Dunn‘ sehen wollte. Sollte Max bei seiner Entscheidung bleiben, würden die Einladungen für Isaac auch ausbleiben.

Der Streit zwischen ihnen war nicht von Dauer gewesen – aber die fünf Jahre waren doch wie eine Ewigkeit erschienen. Als sie sich schließlich bereitfanden, zu einer gemeinsamen Weihnachtsfeier im Haus ihrer Eltern zu erscheinen, war der Schaden angerichtet. Natürlich gingen sie höflich miteinander um und unterhielten sich bei einem Bourbon am Kamin, aber sie waren sich nicht mehr so nah wie früher. Max nahm an, dass sich das alte Verhältnis nie wieder einstellen würde.

Er war seinem Bruder nicht wirklich böse. Sie waren einfach zwei unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Zielen im Leben. Der eine liebte das Rampenlicht, der andere mied es.

„Zumindest sitzen Sie nicht wie er auf seiner Insel fest.“ Kendall hatte ein hübsches Lächeln. Die Mundwinkel bebten dabei leicht. Entweder lag es an der Kälte oder aber sie war nervös. Sie schien nicht schüchtern zu sein, aber er spürte eine gewisse Anspannung bei ihr.

„Noch nicht.“ Er hätte ihr sagen können, dass sie hier bald festsitzen würde, falls sie zu lange blieb, aber mit dieser Nachricht wollte er warten, bis sie sich aufgewärmt hatte. Schon jetzt war nicht ausgeschlossen, dass sie es nicht mehr den Berg hinunterschaffte. „Setzen Sie sich doch.“

Er füllte zwei Becher mit heißem Wasser und nahm sich einen Teebeutel, während er Kendall mit einer Geste bedeutete, sich bei der Auswahl zu bedienen.

„Danke. Oh, Lakritze.“

„Gute Wahl.“

Sie setzte sich an den rustikalen großen Holztisch und zog ein Bein unter sich. Den Mantel hatte sie anbehalten, und er sagte nichts dazu. Sie musste warm werden, aber sie musste sich auch bald wieder auf den Weg machen. So wie es jetzt schneite, schaffte sie es nicht einmal bis zu seiner Straße, wenn sie noch lange blieb.

„Der Grund für meinen Besuch, Mr. Dunn …“

„Max.“

Erneut glitt ein Lächeln über ihre Züge, und der Blick ihrer schokoladenbraunen Augen schien ein paar Grad wärmer zu werden. „Max. Der Grund für meinen Besuch ist, dass ich Ihnen ein Angebot machen möchte. Ein gutes Angebot.“

Er musste ein Lachen unterdrücken. Was ihr gut erschien, konnte für ihn nur schlecht sein, aber er ließ sie weiterreden.

„Wie Sie wissen, kehrt Ihr Bruder zu Brooks Knows Best zurück.“ Ihre Miene drückte so etwas wie Mitgefühl aus, als könne sie nicht verstehen, dass Max nicht ebenfalls eine Rolle übernommen hatte. Die Fans wären begeistert gewesen, aber er wollte sein Leben jetzt so leben, wie es ihm gefiel. Er tat nichts mehr für Geld oder um Fans zu gefallen. Nicht mehr.

„Wie auch immer. Isaac hat ein lukratives Angebot für eine Uhrenwerbung von Carbina. Das Problem ist, wie schon gesagt, dass er es nicht rechtzeitig für den Dreh nach Kalifornien schaffen kann. Das Ganze dauert maximal ein paar Stunden. Es gibt keinen Text. Sie müssten einfach nur im Studio erscheinen und die Szene abdrehen. Dann könnten Sie gleich wieder in Ihre wunderbare Schneelandschaft zurück und so tun, als sei nichts gewesen.“ Ihr Ton verriet, dass sie ein Ja erwartete.

Verdammt! Er hatte geahnt, dass es nicht gut war, die Tür zu öffnen. Es widerstrebte ihm, dieser hübschen Frau etwas abzuschlagen. Sie hatte einen langen Weg auf sich genommen, aber er musste ihr einen Korb geben. Aus vielen Gründen, nicht zuletzt, weil …

„Ich soll so tun, als sei ich Isaac?“

„Hm, ja. Die Leute von Carbina haben Isaac bestellt, und sie sollen glauben, Isaac bekommen zu haben.“ Sie konzentrierte sich darauf, den Teebeutel in das heiße Wasser einzutauchen. „So tun als ob – das ist es doch, worum es beim Schauspielern geht, oder?“

Es ging um sehr viel mehr als das, aber darauf wollte er im Moment nicht eingehen. Er war noch geschafft von der Auseinandersetzung mit Bunny, da blieb keine Kraft mehr für eine Diskussion mit Kendall.

„Ich habe die Schauspielerei hinter mir gelassen. Ausgeschlossen, dass ich in einem Werbespot für Isaac einspringe. Tut mir leid. Sie haben sich umsonst herbemüht.“

„Carbina hat mir ein halbes Dutzend Uhren geschickt“, fuhr sie fort, als habe sie ihn gar nicht gehört. „Für Männer und Frauen. Ich habe sie mitgebracht. Sie können sich gern eine aussuchen – oder sie auch alle nehmen. Falls die Marke Ihnen nichts sagt: Carbina ist Spezialist für teure Luxusuhren.“

„Sehen Sie sich um, California. Wozu brauche ich hier eine Luxusuhr?“

Sie setzte ihr strahlendstes Lächeln auf. „Dann tun Sie es für Ihren Bruder. Er hat die Chance für ein großes Comeback. Die Presse giert nach Details über den Neustart der Serie. Ich weiß, Sie haben das Angebot abgelehnt, eine Rolle zu übernehmen und Interviews zu geben, aber dies wäre Ihre Chance, einen Beitrag zu leisten und gleichzeitig auf Distanz zu bleiben. Sie können ihm helfen, ohne selbst ins Rampenlicht zu treten.“

„Ich habe dieses Haifischbecken fünfzehn Jahre mit meinem Bruder geteilt, das ist mehr als genug. Es bleibt bei meinem Nein.“

Ihr Lächeln geriet leicht ins Wanken, bevor sie sich ihrem Tee widmete und bemerkte, er sei „sehr gut“. Sie atmete einmal tief durch. „Ich will ehrlich mit Ihnen sein, Max. Ich stecke ziemlich in der Klemme. Ich habe Isaac als Klienten neu übernommen und damit auch die Projekte, die mein Vorgänger in die Wege geleitet hatte. Zwischen ihm und Isaac hat es wohl ein Missverständnis gegeben haben, von dem ich nichts wusste. Ich habe Carbina den Dreh zugesagt in der Annahme, dass Isaac bereits zugestimmt hatte. Aber dem war nicht so. Isaac sagte, er wolle sich lieber auf die Schauspielerei konzentrieren statt auf das Marketing.“

„Das wäre ja etwas ganz Neues“, bemerkte Max trocken. Die Vermarktung seines Namens war immer Isaacs Stärke gewesen, wahrscheinlich, weil er sich um die Schauspielerei keine Gedanken zu machen brauchte. Max war in dem Bereich weniger talentiert und gab es auch offen zu. Er konnte jeden Fototermin mit Lächeln und Charme hinter sich bringen, aber das Schauspielern war für ihn so, als müsse er auf einem Einrad fahren und gleichzeitig ein paar Teller in der Luft jonglieren – kurz: eine Qual.

„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin ja froh, dass er sich konzentriert“, fuhr sie fort. „Sicher hätte er nichts dagegen, wenn Sie für ihn einspringen.“

„Er weiß also nichts davon, dass Sie hier sind?“

Sie überhörte seine Frage geflissentlich. „Außerdem würden Sie dem Team helfen, wenn die Ratings steigen. Betrachten Sie es als Geschenk an Ihre alte TV-Familie.“

Damit hatte sie ihn erwischt. Er mochte das Team wirklich. Und dennoch … „Es wäre ein Geschenk für Isaac“, korrigierte er sie. „Wir würden ja niemandem sagen, dass nicht er in dem Spot zu sehen ist.“

„Ja, da haben Sie wohl recht.“ Sie runzelte leicht die Stirn. „Falls Sie Bedenken haben, als Isaac durchzugehen, lässt sich das leicht ändern. Ihr Haar könnte geschnitten werden, aber nicht zu sehr. Isaac trägt sein Haar heute auch etwas länger.“

Max lehnte sich zurück. Es gefiel ihm nicht, dass diese Frau an ihm herumschneiden wollte. Überhaupt nicht.

„Der Bart müsste ab, aber er wächst bestimmt schnell wieder nach.“

Max kniff warnend die Augen zusammen. Unter gar keinen Umständen würde er seinen Bart opfern!

„Die Kosten für den Flug nach LA und zurück übernimmt die Agentur. Das Honorar überweise ich Ihnen persönlich, wenn Sie möchten. Sobald Carbina es angewiesen hat.“

Max sah rot. Er war diese einseitige Unterhaltung nun endgültig leid. Diese Frau ging wie eine Dampfwalze über seine Interessen hinweg. Das war ihm im Laufe des Lebens schon zu oft passiert. Er sagte es ihr ja nur ungern, aber sie hatte nicht genug Power, um es mit ihm aufzunehmen.

„Max?“

Ehe ihr warmer brauner Blick bis in seine Seele vordringen konnte, warnte er sie ein letztes Mal: „Ms. Squire, es wird Zeit für Sie zu gehen.“

3. KAPITEL

Es war ein Nein. Ganz unverkennbar.

„Max …“ Kendall spürte, dass er wütend war.

„Ich habe keine Ketten an Ihren Rädern gesehen.“

„Äh …“ Ketten? Räder? War das jetzt irgendeine sprachliche Metapher, die ihr bisher nicht untergekommen war? „Ketten?“, fragte sie vorsichtig.

„Ja, Ketten – um damit von meiner Auffahrt und den Berg hinunter zu kommen.“

„Ich habe in einem Hotel in Dunn reserviert. Das ist doch ganz in der Nähe, oder?“

„Natürlich. Nur eine schmale gewundene Bergstraße hinunter. Streckenweise an einem steilen Abhang entlang.“ Er lächelte trocken.

„Dann sollte ich mich wohl auf den Weg machen.“ Sie ging zur Tür und streifte die Stiefel über. Dabei wappnete sie sich innerlich wieder für den Gang durch den kalten Schnee. „Ich könnte Ihnen morgen bei einem Kaffee die Details … oh!“

Sie stieß einen kleinen Schrei aus, als sie sich aufrichtete und Max unmittelbar hinter sich sah. Seine Miene hatte sich noch weiter verfinstert.

„Ich sage es noch ein letztes Mal: Meine Antwort ist Nein. Ich werde nicht nach LA fliegen, um einen Werbespot für Carbina aufzunehmen. Ich will das Geld nicht. Ich will die Uhren nicht. Ich will nicht mehr länger schauspielern. Sie vergeuden nur Ihre Zeit, wenn Sie versuchen, mich zu überreden.“

Er riss die Tür auf. „Fahren Sie vorsichtig!“

Kendall bemühte sich, die Kälte zu ignorieren, als sie durch den dichten Schnee stapfte. Im Wagen drehte sie als Erstes die Heizung hoch, während sie mit allem haderte. Wieso war dieser Bergmensch derart halsstarrig? Ginge es um ihren Bruder, hätte sie ihm sofort geholfen!

Sie legte den Rückwärtsgang ein. Erst im zweiten Versuch fassten die Räder, und sie rollte an. Vorsichtig steuerte sie die schneeverwehte Straße hinunter. Dabei versuchte sie, nicht an den Abhang zu denken, den Max erwähnt hatte. „Was für ein Idiot!“

Ein bärtiger, breitschultriger Idiot. Mit unergründlichen blauen Augen und einer sexy Stimme. Ein Idiot mit Ausstrahlung. „Er wäre perfekt für den Werbespot gewesen.“ Sie sagte es laut, um sich einzureden, dass ihr Interesse rein beruflicher Natur war. „Was für eine vertane Gelegenheit!“

Die Schneeflocken fielen jetzt dichter. Sie bewegte sich mit atemberaubenden 15 Meilen pro Stunde voran. Das Navi versicherte ihr, das Hotel sei nur fünf Meilen entfernt, aber nachdem es sie mit dem Haus von Max schon so in die Irre geführt hatte, vertraute sie den Angaben nicht. Nach allem, was sie wusste, konnten es auch noch zwanzig Meilen sein.

Ihre Gedanken kreisten. Es musste eine andere Möglichkeit geben, den Spot zu drehen. Ob Carbina damit einverstanden war, auf der Insel zu drehen, auf der Isaac gestrandet war? Dazu müsste sie natürlich wissen, wo die Insel war. Sie dachte wieder an das Videogespräch, das sie Anfang der Woche mit Isaac gehabt hatte.

„Isaac. Ich bin ja so froh, dich endlich zu erreichen.“ Es war ihr vierter Versuch gewesen, und sie hatte schon angefangen zu fürchten, sie habe auch ihren letzten Klienten verloren. Hinter ihm sah sie Strand und Meer. Isaac sah gut aus mit dem dunkelblauen T-Shirt und der verspiegelten Sonnenbrille. Er grinste in die Kamera.

„Hey, Kendall. Tut mir leid, aber der Empfang ist hier draußen nicht so gut. Deswegen liebe ich es hier.“ Mit seinem Lächeln hätte er Tausende von Uhren verkaufen können. Genau deswegen brauchte sie ihn jetzt sofort hier in LA.

„Ich rufe an wegen des Werbespots für Carbina“, konnte sie gerade noch sagen, bevor er sie unterbrach.

„Ich habe Lou schon gesagt, dass ich nicht daran interessiert bin.“ In seinem Ton schwang unverkennbar gereizte Ungeduld mit.

Sie verstärkte ihr Lächeln. „Ja, aber Sie haben gesagt, wenn es Ihnen möglich wäre, würden Sie den Spot machen, und genau das wollte ich Ihnen heute vorschlagen. Da Ihr Pilot Sie nicht fliegen kann, könnte ich arrangieren, dass man Sie abholt. Sie können den Spot in LA aufnehmen und dann wieder auf die Insel zurückkehren.“

„Das würde bedeuten, dass ich preisgeben muss, wo ich mich befinde. Das werde ich nicht tun. Es gibt einen Grund dafür, dass ich hier bin und nicht in meinem Apartment, Kendall.“

„Privatsphäre“, sagte sie im selben Moment wie er.

Der Rest der Unterhaltung verlief freundlich, brachte sie aber nicht weiter. Solange er nicht bereit war, zu sagen, wo die Insel lag, konnte sie ihn weder abholen lassen noch ein Filmteam zu ihm bringen.

Die Windschutzscheibe beschlug. Kendall beugte sich vor und wischte mit der Hand darüber, weil sie das Gebläse nicht so schnell fand. Sofort wurde ihr klar, dass sie sich auf der falschen Seite der Straße befand. Sie riss das Steuer herum. Ein LKW, der ihr entgegenkam, hupte empört und rauschte vorbei. Ihr Puls raste.

„Okay, okay“, murmelte sie vor sich hin, während sie mit kalten und gleichzeitig verschwitzten Händen das Steuer fester umklammerte. „Okay.“

Das Navi forderte sie auf, links abzubiegen. Da war keine Straße, aber vielleicht etwas weiter vorn? Kendall lenkte den Wagen durch das dichte Schneetreiben und achtete auf entgegenkommenden Verkehr, während sie gleichzeitig Ausschau hielt nach der Möglichkeit zum Abbiegen.

Das Navi wiederholte seine Aufforderung.

Kendall kam ihr nach.

Das war ein Fehler.

Die ‚Straße‘ entpuppte sich als ein Waldweg. Dicke Äste beugten sich schwer von Schnee tief herab und streiften den Wagen, während die Räder sich durch das Gestrüpp kämpften. Kendall tippte die Bremse an, aber statt stehen zu bleiben, rutschte der Wagen weiter über den Waldboden. Sie stellte sich schon vor, wie sie gleich einen Abhang hinunter in ihr Verderben stürzte, als das Ende kam.

Der Wagen krachte gegen einen dicken Baumstamm.

Das Gute: Er stand.

Das Schlechte: Sie musste für den Schaden aufkommen, wenn sie den Wagen zurückgab.

„Okay, okay“, murmelte Kendall wie ein Mantra vor sich hin, obwohl es schon beim ersten Mal nicht geholfen hatte, ihre Nerven zu beruhigen. „Ich schaffe das.“

Sie legte den Rückwärtsgang ein und gab Gas. Der Wagen rührte sich nicht. Sie drückte das Pedal noch einmal durch. Nichts. Ohne diese verdammten Schneeketten konnten die Reifen nicht fassen, das war klar.

„Sie haben Ihr Ziel erreicht“, verkündete in diesem Moment die freundliche Stimme des Navis. Fluchend stellte sie es aus. Was jetzt?

Unter anderen Umständen wäre das Winterwunderland, in dem sie sich gerade befand, sicher schön gewesen. Nur schneebedeckte Bäume, so weit das Auge reichte. Abgesehen von dem dicken Stamm direkt vor ihr natürlich. Sie drehte sich nach hinten und konnte die Straße gut erkennen. Noch in Laufweite, Gott sei Dank. Sie musste es nur bis dorthin schaffen und dann Richtung Hotel laufen. Falls ein Wagen in ihrer Richtung fuhr, konnte er sie mitnehmen.

Kein Problem.

Ihr Lächeln verging, als sie begriff, dass sie keine Ahnung hatte, wo das Hotel oder sie selbst war. Sie nahm ihr Handy und schaltete es ein. Sie musste einen Notruf absetzen. Der Empfang war hier nicht gut, aber vielleicht kam sie ja durch …

Nach drei fehlgeschlagenen Versuchen, eine Verbindung herzustellen, gab sie auf. Der Motor verabschiedete sich und die Klimaanlage gleich mit ihm. Kendall geriet in Panik. Sie griff nach ihrer Tasche auf dem Rücksitz und holte ein Paar Socken heraus. Sie waren dünn, aber immer noch besser, als barfuß durch den Schnee zu gehen. Ganz gleich, wie albern sie in ihren schicken Stiefelchen wirken mochte – sie würde sie tragen. Sie zog sich noch einen Pullover über ihren Ledermantel. Es war alles sehr unbequem, aber vielleicht hielt es sie warm. Sie stieg hinaus in den tiefen Schnee.

Es dauerte nicht lange und die Kälte war bis auf ihre Knochen vorgedrungen. Weit und breit kein Auto zu sehen, das sie hätte anhalten können.

Sie entschied sich, zurück zu Max’ Haus zu gehen, da sie keine Ahnung hatte, wo die Stadt eigentlich lag. Sie hatte nicht die Absicht, in der Kälte umzukommen. So weit ging ihr Stolz denn nun doch nicht.

Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, als sein Haus vor ihr auftauchte. Kendall spürte ihren Körper kaum noch. Mit der einen Hand hielt sie den Gurt ihrer Tasche fest, die andere hatte sie in den Ärmel des Pullovers gesteckt.

Das warme Licht, das durch die Fenster fiel, schien Meilen entfernt statt nur wenige Meter. Blieb nur zu hoffen, dass sie nicht vor der Tür zusammenbrach. Andererseits: Es geschähe Max nur recht! Schließlich hatte er sie bei dem Wetter hinausgeschickt.

Das war ihr letzter Gedanke, bevor sie sah, dass die Tür aufflog. Sie hätte schwören mögen, es sei ein Traumbild, aber es war wirklich Max, der da auf sie zustürzte. Ohne Jacke und mit offenen Schuhen. Sie wollte etwas sagen, aber kein Wort kam ihr über die Lippen.

„Verdammt, California!“ Ehe sie es sich versah, hatte er sie hochgehoben. Die Wärme seines Körpers erschien ihr wie ein heimeliges Feuer im Kamin. Sie versuchte, sich näher an ihn zu drängen, aber die Tasche störte. Ihr Retter murmelte etwas Unverständliches.

4. KAPITEL

Das Kabel des Abschleppwagens spannte sich und zog Kendalls Leihwagen langsam auf die verschneite Straße.

Max sah mit vor der Brust verschränkten Armen zu. Er trug eine dicke Winterjacke, aber ihm war nicht kalt. Sein Zorn hielt ihn warm.

„Sie ist bis zu deinem Haus gelaufen?“ Luca O’Hare sah ihn fassungslos an. Er betrieb den einzigen Abschlepp- und Streudienst von Dunn. Bei Wetter wie diesem war er ein reines Gottesgeschenk: Er hielt die Straßen sicher und zog mehr als einen Wagen aus dem Schnee.

„Ist sie“, bestätige Max.

Luca schüttelte den Kopf. „Verdammt!“

Verdammt war genau das richtige Wort dafür. Andererseits: Max wären durchaus noch ein paar weitere Flüche eingefallen. Er hätte die Frau bei diesem Wetter nicht losfahren lassen dürfen!

„Wo ist sie untergekommen?“, erkundigte sich Luca, während er den Wagen für den Abschleppvorgang sicherte.

„In der Stadt.“

Luca schüttelte den Kopf. „Dort kommt sie heute nicht mehr hin.“

„Stimmt.“

„Ist sie hübsch?“ Luca grinste. Er hatte das dichte dunkle Haar unter einer Wollmütze verborgen und schob die schwarz-gerahmte Brille höher auf die Nase.

„Sie taut gerade vor meinem Kamin auf.“

Lucas Grinsen wurde noch breiter. „Dann ist sie also sehr hübsch.“

„Ruf mich an, wenn der Wagen fertig ist.“ Max weigerte sich, offen zuzugeben, dass Kendall Squire in der Tat sehr hübsch war. Sie war auch sehr hartnäckig, sehr zielstrebig und sehr unvorbereitet auf das Leben in den Bergen.

„Mach ich.“ Luca fuhr die Bergstraße hinunter, während Max den SUV zurück zu seinem Haus lenkte. Rauch stieg aus dem Kamin auf. Langsam löste sich der Knoten, in dem sich sein Magen befunden zu haben schien, seit er Kendall wie einen Geist durch den Schnee hatte kommen sehen. Er wusste nicht, was passiert wäre, wäre er nicht gerade zufällig aus dem Haus gekommen, um noch ein paar Holzscheite hereinzuholen.

Er fand sie an derselben Stelle, an der er sie verlassen hatte – unter zwei dicken Decken auf der Couch. Sie hatte sich dem Kamin zugedreht, die Augen geschlossen. Offensichtlich schlief sie tief und fest.

Er atmete erleichtert auf und setzte sich auf die Kante der Couch neben sie. Sie rührte sich, hielt die Augen aber geschlossen. Ohne lange zu überlegen, zog er die Decke über ihre Füße. Er hatte ihr ein Paar seiner Wollsocken gegeben. Die dünnen Socken, auf denen sie hierhergekommen war, waren nicht einmal für einen Frühlingstag geeignet und schon gar nicht für einen Schneesturm.

Max hatte sein Haus in den Bergen bereits vor Jahren gebaut. Nicht mit eigenen Händen, aber er war fast jeden Tag auf der Baustelle gewesen, um sich zu vergewissern, dass alles seinen Vorstellungen entsprach. Nach Jahren in LA wusste er genau, was er wollte – keinen modernen Glaskasten und keine Nachbarn in Sichtweite. Er wollte die Ruhe, die ihm in seinen Jahren in LA entgangen war.

Isaac liebte die Zeit in Hollywood. Liebte den Unterricht im Studio oder im Wohnwagen statt in einer Schule. Liebte es, wenn sie erkannt wurden, wenn sie mit ihren Eltern ein Restaurant aufsuchten oder am Strand waren. Max ging es genau umgekehrt. Er wäre viel lieber zu einer Schule gegangen und hätte am Freitagabend mit den anderen Football gespielt. Und er zog es vor, ungestört zu essen, statt zwischendrin noch ein Autogramm zu geben.

Er wollte nicht undankbar sein. Brooks Knows Best hatte ihm viele Privilegien verschafft, sowohl damals als auch heute. Aber er hatte mit diesem Teil seines Lebens abgeschlossen. Als er erfuhr, dass die Serie fortgesetzt werden sollte, reagierte er mit gemischten Gefühlen. Zuerst kam ein „Schön für sie“, schnell gefolgt von einem „Ohne mich!“.

Isaac hatte ihn gefragt. Vorsichtig, aber immerhin. Seine Idee war gewesen, Max in einer Nebenrolle auftreten zu lassen. Die Fans der Show würden es lieben, ihn wiederzusehen, da war Isaac sich sicher. Max müsste nicht bei den ganzen Dreharbeiten dabei sein, da Isaac die Rolle des Danny Brooks allein spielen würde.

Max hatte schroff abgelehnt, so wie bei Kendall Squire, als sie ihn bat, den Werbespot zu drehen. Er war in die Berge gegangen, um allein zu sein. Er war quasi zum Ruhm gezwungen worden, zuerst von seinen Eltern und später von seinem publicitysüchtigen Bruder. Jetzt hatte er das Recht, sein eigenes Leben zu leben, so wie er es wollte. Und das hieß: ohne vor eine Kamera zu treten.

Zum ersten Mal verspürte er so etwas wie Reue, als er Kendall im Schlaf betrachtete. Sein Widerwille gegen das von ihr vorgeschlagene Projekt hatte ihm den Verstand vernebelt. Niemals hätte er sie in den Schneesturm hinausschicken dürfen. Aber was zum Teufel hätte er tun sollen? Ihr sagen, dass sie das Haus nicht verlassen durfte? Er bezweifelte, dass sie auf ihn gehört hätte. Aber er hätte ihr anbieten können, ihr in seinem Truck zu folgen, um sicherzugehen, dass sie heil in der Stadt ankam.

„Max?“ Kendall hatte die Augen noch geschlossen.

„Ja, California, ich bin’s.“

Ihre Lider hoben sich. „Ich brauche jemanden, der mich fährt.“

Sie war nicht nur mutig, sondern beinhart. Hätte er sich nicht so über sich selbst geärgert, hätte ihre Hartnäckigkeit ihm vielleicht ein Lächeln entlockt.

Kendall fühlte sich noch etwas mitgenommen, aber herrlich aufgewärmt durch die Decken und die Wollsocken. Sie sah ihren Gastgeber hoffnungsvoll an. Sie konnte sich denken, was er von ihr dachte: dass sie eine unbedarfte Kalifornierin war, die versuchte, ohne Schneeketten und angemessene Winterkleidung eine verschneite Bergstraße zu bewältigen.

Einerseits lag ihr nichts daran, unter den Decken hervorzukommen, aber sie wollte unbedingt so schnell wie möglich in ihr Hotel. Leider bedeutete das, dass sie ihn bitten musste, sie zu fahren, da sie jetzt keinen Wagen mehr hatte.

„Du fährst nirgendwohin.“

„Du lebst in den Bergen. Hast du keinen Truck?“ Auch sie war unmerklich auf das vertraute Du übergegangen.

„Doch, einen großen“, versicherte er ihr.

„Ich gehe mal davon aus, dass du bei diesem Wetter fahren kannst.“ Als er schwieg, fuhr sie fort: „Ich habe ein Zimmer im M Hotel reserviert.“

„Das wirst du stornieren müssen.“

„Das geht nicht.“

Er sah aus dem Fenster. Es schneite unvermindert weiter. Auf dem Fenstersims lag schon eine dicke Decke aus Schnee. Kendall wandte den Blick von der eisigen Winterlandschaft wieder Max zu.

Auch im Profil wirkte er ausgesprochen attraktiv. Feine Linien zogen sich um seine Augenwinkel und erinnerten sie daran, dass er nicht mehr der Junge aus der Fernsehserie war. Er war ein Mann geworden. Ein echter Mann, im Gegensatz zu den polierten Schönlingen, die sie aus Kalifornien gewohnt war.

„Wahrscheinlich kannst du dir die Stornierung sparen“, überlegte er. „Bei dem Wetter wird dich niemand erwarten.“

„Aber ich muss ins Hotel“, beharrte sie und schob die Decken von sich, um sich aufzusetzen. „Was soll ich sonst machen? Hier schlafen?“ Erst jetzt wurde ihr ihre Situation richtig bewusst. Nun, da sie nicht mehr am Erfrieren war, lief ihr Verstand auf Hochtouren. „Ich habe meine Reisetasche im Wagen gelassen. Ich brauche meine Sachen.“ Sie stand auf, aber es schwamm ihr vor den Augen. Sie drückte sich eine Hand vor die Stirn und setzte sich wieder.

„Ganz ruhig, California. Deine Sachen stehen in meinem Zimmer. Der Wagen ist in der Werkstatt. Du bleibst, wo du bist, bis du die Treppe hochgehen und in meinem Bett schlafen kannst.“

Aus unerfindlichen Gründen schien es so, als hebe ein Schwarm Schmetterlinge in ihrem Bauch ab. Zu hören, wie er ihr quasi befahl, in seinem Bett zu schlafen, hatte etwas sehr Erregendes und kam gefährlich nahe an ihre Vorstellungen ihres Traummannes heran. Was natürlich absurd war. Sie mochte Max doch gar nicht. Zumindest nicht so.

„Ich … äh … ich muss ins Hotel, Max.“ Sie hatte sich vom ersten Moment an zu ihm hingezogen gefühlt, und daran hatte sich nichts geändert. Sehr unpassend!

„Du hättest umkommen können.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Du hättest nie versuchen sollen, den Berg hinunterzufahren. Und so gern ich dir deine Bitte erfüllen und mein Bett für mich behalten würde – ich möchte bei diesem Schneesturm auch nicht unterwegs sein.“

Ihr schwirrte für einen Moment der Gedanke an sein Bett durch den Kopf, bevor sie ihm in Erinnerung rief, dass bei seinem Wagen doch Ketten aufgezogen waren.

„Ketten oder nicht – ich gehe nicht das Risiko ein, dich noch einmal diesem Wetter auszusetzen. Du brauchst Ruhe und Wärme. Möchtest du einen Tee?“

Sein Ton war fest und unnachgiebig, aber darunter hörte sie auch etwas anderes. Fürsorge. Max lag daran, sie sicher und warm zu wissen. Das ließ sie an ihren Bruder Quin denken. Daran, wie er sich stets um sie gekümmert hatte. Bei ihm hatte sie sich auch sicher und umsorgt gefühlt. Vielleicht lag es daran, dass er heute Geburtstag hatte – oder einfach nur daran, dass sie müde war … Auf jeden Fall kuschelte sie sich wieder unter die Decke und nickte zustimmend.

Max begab sich in die Küche, um ihr einen Tee zu machen. Sie sah zu, wie er Wasser in den Kessel laufen ließ und ihn aufstellte. Dann öffnete er eine Schublade und holte einen Löffel heraus, bevor er ein Glas Honig aus dem Schrank nahm. Hätte man sie nach ihrem ersten Eindruck gefragt, hätte sie sicher vermutet, dass er ebenso wenig häuslich wie sie war. Kendall suchte lieber einen Coffee-Shop auf, als sich selbst einen Kaffee zu machen. Er schien sich dabei sehr wohl zu fühlen. Es war irritierend und passte so gar nicht zu ihrem ersten Eindruck.

Aber dasselbe galt ja eigentlich auch für sie. Seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie sich nicht in einem ‚normalen‘ Job gesehen. Die Zusammenarbeit mit Lou war anregender gewesen als alles andere.

Kendall liebte das Rampenlicht. Nicht für sich selbst, sondern als Filmindustrie. Sie liebte es, ihren Klienten die passenden Rollen zu suchen und zu erleben, wie Fernsehsendungen und Filme entstanden. Bevor Lou sich zurückgezogen hatte, nahm er regen Anteil am Leben seiner Klienten. Er half ihnen bei den Vorbereitungen für eine Rolle und traf sich mit ihnen, wann auch immer möglich. Sie hatte zu Lou aufgesehen und tat es immer noch, auch wenn er ohne jede Vorwarnung gegangen war. Sie hatte gerade noch einen Kuchen kaufen können, bei dem sie sich zu einem Abschiedsessen versammelten.

Seine Rolle zu übernehmen war ihr schwerer gefallen als erwartet. Sie hatte versucht, es sich nicht zu Herzen zu nehmen, als ein Klient nach dem anderen ihr absagte. Natürlich hatte sie Lou angerufen, um sich von ihm trösten zu lassen. Er hatte ihr zugehört und ihr dann sehr nüchtern gesagt, es sei jetzt an ihr, Beziehungen zu pflegen und die richtigen Kontakte zu knüpfen. „Beharrlichkeit ist Teil des Geschäfts, Kendall.“

Und Beharrlichkeit war es, die sie weitermachen ließ, als Isaac den Spot für Carbina nicht drehen konnte. Beharrlichkeit hatte sie hierher zu Max gebracht, fest entschlossen, ihm ein Angebot zu machen, das er nicht ablehnen durfte. Beharrlichkeit ließ sie jetzt nach ihrem Handy auf dem Kaffeetisch greifen. Ein Kabel hinderte sie, es hochzunehmen. Max hatte es an die Ladestation gehängt. Sie war gerade dabei, das Kabel zu lösen, als Max einen Becher mit Tee vor sie hinstellte.

„Ich würde vorschlagen, dass du etwas runterschaltest, während du hier bist“, sagte er, bevor er in einem Sessel ihr gegenüber Platz nahm.

„Ich bin hier, um zu arbeiten. Dachtest du, das ist ein Urlaub für mich?“

Er musterte sie einen Moment versonnen mit seinen blauen Augen, bevor er den Kopf schüttelte. „Nein, wohl nicht.“

5. KAPITEL

Kendall wich Max’ Blick nicht aus, als sie die Hand vom Telefon zum Becher gleiten ließ. Luca hatte recht: Sie war hübsch. Aber unrecht, was das ‚sehr‘ betraf. Max fand sie einfach atemberaubend schön – wenn man so etwas denn noch sagen durfte. Sie hatte wunderschöne Beine, herrliche braune Augen und eine Hartnäckigkeit, für die er sie nur bewundern konnte.

Hätte er die perfekte Frau beschreiben sollen, wäre er auf die Eigenschaften groß, intelligent und blond gekommen. Das Blond bei Kendall bestand nur aus Strähnchen in dem dunkelbraunen Haar. Ein Riesenunterschied zu dem Blond seiner Ex-Frau. Bunny war auch kleiner. Während sie Kendall an Hartnäckigkeit nicht nachstand, war er sich nicht sicher, ob sie ihr intellektuell das Wasser reichen konnte.

„Die Couch reicht aus“, erklärte sie. „Oder ein Gästezimmer. Du brauchst mir nicht dein eigenes Bett zu opfern.“

„Es bleibt mir nichts anderes übrig, da die beiden Gästezimmer keine Betten haben. Außerdem nehme ich mal an, dass du nicht um fünf geweckt werden möchtest, wenn ich mir meinen Kaffee mache. Ich nehme die Couch.“

Sie beharrte darauf, es mache ihr nichts aus, so früh geweckt zu werden. Er erinnerte sie daran, dass fünf Uhr in Virginia zwei Uhr in Kalifornien entsprach.

„Ich weiß.“ Sie hob herausfordernd das Kinn.

„Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du wirklich beinhart im Verhandeln bist?“ Er lachte und hob den Becher an die Lippen, kam aber nicht zum Trinken, als sie schon einwarf: „Das gehört zu meinem Beruf.“

Sie sprach nicht weiter, sondern biss sich nachdenklich in die Unterlippe. Wahrscheinlich überlegte sie, wie sie ihn doch noch dazu bringen konnte, den Werbespot zu drehen. Falls sie noch einmal fragte, musste er noch fester reagieren als zuvor, auch wenn es ihm nicht gefiel. Nicht, nachdem sie einen solchen Alptraum durchgemacht hatte.

„Wo ist dein Zimmer?“

Ihre Frage kam überraschend. Aber war es so überraschend, dass er nicht wusste, was sie dachte? Seine zweijährige Ehe mit Bunny hatte hinlänglich bewiesen, dass er nichts von Frauen verstand.

„Oben, gleich links. Die letzte Tür am Ende des Korridors.“

Sie stellte den Becher ab und erhob sich.

„Willst du schon zu Bett gehen?“, fragte er verblüfft.

„Ich hole nur meine Tasche.“

„Nein, das tust du nicht.“ Er erhob sich gleichfalls. Unwillkürlich setzte sie sich wieder. „Du bleibst hier und trinkst deinen Tee. Ich hole deine Tasche.“

„Sie ist nicht schwer, Max. Ich kann sie allein tragen.“

„Lass es mich machen, Kendall.“ Er beugte sich zu ihr und sah, wie der Widerstand in ihrem Blick erlosch. Es war ein schönes Gefühl. Nicht, weil sie ihm seinen Willen ließ, sondern weil er Vertrauen in ihrem Blick sah. Ein Vertrauen, das ihm gefiel. „Bin gleich zurück.“

Während er die Treppe hinaufstieg, dachte er darüber nach, dass Vertrauen in ihrem Geschäft selten war. Es fiel den meisten Menschen schwer, jemandem zu vertrauen, wenn es um Geld ging. Das hatte er schon bei seinen Eltern erfahren, die jahrelang in der Filmindustrie gearbeitet hatten. Sein Vater war Regisseur, seine Mutter eine Schauspielerin, die allerdings nie die Berühmtheit ihrer Söhne erreicht hatte. Als sein Gesicht das erste Mal in der Werbung erschien, fiel es Max zunehmend schwerer zu begreifen, was Erfolg bedeutete.

Andererseits: Er hatte sein ganzes Leben lang sein Gesicht mit Isaac geteilt. Nachdem er solange immer wieder in ein Gesicht gesehen hatte, das genau wie seines aussah, war es eigentlich gar nicht so absonderlich, sein Gesicht für irgendein Brettspiel oder ein T-Shirt herzugeben.

Nachdem er und Isaac sich endgültig zerstritten hatten, ließ Max ihn und ihre Eltern wissen, dass er Kalifornien verlassen und an die Ostküste ziehen würde. Seine Eltern hatten versucht, ihn davon abzubringen, letztlich aber mehr Verständnis für ihn aufgebracht als sein Bruder. Isaac dachte zuallererst an seine eigenen Interessen. Beweis dafür war unter anderem die Tatsache, dass er sich auf eine Insel verzogen hatte, wenn es sinnvoller gewesen wäre, vor Ort zu sein. Was, wenn der Regisseur vor dem Dreh noch eine Besprechung mit ihm hätte haben wollen? Oder wenn es einen unerwarteten Werbeauftrag gab – so wie der, für den Kendall ihn jetzt brauchte?

Max schüttelte den Kopf und rief sich in Erinnerung, dass Isaacs Karriere ihn nichts anging. Nicht mehr. Genau so sollte es sein.

Er brachte Kendall die Tasche. Sie zog den Reißverschluss auf und holte einen Laptop heraus. Er sah zu, wie ihre Finger über die Tasten flogen. Ein Schatten glitt über ihre Züge, wenn sie etwas auf dem Bildschirm las, bevor ihre Finger wieder loslegten.

„Hast du vor, dich zu erholen, während du hier bist?“, erkundigte er sich halb amüsiert.

Sie hielt den Blick auf den Bildschirm gerichtet. „Ich habe vor, meine E-Mails aufzuarbeiten, damit ich den Kopf frei habe für Wichtigeres.“

Bewundernswert!

„Es muss eine Möglichkeit geben, den Spot auch ohne Isaac zu drehen. Ich weiß nur noch nicht wie.“

Es sei denn, er übernahm die Rolle. Er dachte es, sagte aber nichts dazu.

„Wieso gibst du das Projekt nicht auf? Es werden andere Sponsoren kommen. Isaacs zweiter Vorname ist Marketing. Er wird wieder ins Rampenlicht zurückkommen. Ganz eindeutig hat er sich deswegen keine Sorgen gemacht, wenn er sich nach Belle Island zurückgezogen hat.“

Ihre Augen wurden groß. „Er ist auf Belle Island?“

„Oh, Mist! Vergiss, dass ich es gesagt habe.“

Sie sah ihn ganz aufgeregt an. „Ich könnte das Film-Team zu ihm bringen, Max. Er muss nur zustimmen. Er wollte mir nie sagen, wo er genau ist, aber jetzt, wo ich es weiß, kann ich alles genau berechnen – die Entfernung und wie lange der Flug dauern wird. Er hat gesagt, er würde den Dreh machen, wenn er in den Staaten wäre. Wieso sollte er es also nicht tun, wenn ich zu ihm komme?“ Ihre Finger flogen schon wieder über die Tasten.

„Kendall …“

„Es muss gehen“, murmelte sie vor sich hin.

Er stellte fest. Dass er keine Chance hatte, sie abzulenken, also gab er auf. Sie war eindeutig nicht daran interessiert, sich auszuruhen. Vielleicht war sie gar nicht in der Lage abzuschalten. Ein Zug, der Kendall Squire augenblicklich weniger begehrenswert machte, trotz ihrer Schönheit und ihrer bewundernswerten Beharrlichkeit.

Die ganze Hektik konnte ihn mal! Es gab Wichtigeres im Leben als den Erfolg.

Versonnen sah er zu, wie der Schnee fiel. Er hatte inzwischen alles unter einer weißen Decke begraben. Ein Lächeln glitt über Max’ Züge. Ja, es gab Wichtigeres im Leben als den Erfolg. Er war dankbar dafür, dieses Paradies gefunden zu haben – weit entfernt von jeder Hektik.

Kendall hörte auf, die Mail an Isaac zu tippen, als sie hörte, wie die Hintertür geöffnet wurde. Sie beobachtete, wie Max auf eine große, überdachte Terrasse hinaustrat. Er blieb vor dem Fenster in ihrer Nähe stehen. Dann bückte er sich und hob die Abdeckung eines Whirlpools hoch. Heißer Dampf stieg auf und ließ ihn wie einen Geist erscheinen, der gekommen war, um ihr drei Wünsche zu erfüllen.

Ihr erster Wunsch wäre gewesen, dass er die Rolle seines Bruders in dem Werbespot übernahm.

Mit einem Seufzer löschte sie die Mail, an der sie gearbeitet hatte, und beschloss, Isaac anzurufen, ehe sie es sich wieder anders überlegen konnte. Sie wollte allerdings keine Videoleitung. Er sollte nicht wissen, dass sie im Haus seines Bruders festsaß. Wie hätte sie das erklären sollen?

„Kendall, hi!“, meldete er sich vor dem Hintergrund lauter Musik, die er sofort leiser stellte. „Tut mir leid, ich habe gerade mein Work-Out gemacht. Was ist los?“

„Du bist auf Belle Island“, sagte sie ohne Umschweife. „Das ist ein Sechseinhalb-Stunden-Flug von Kalifornien. Ich kann das Filmteam morgen Nachmittag bei dir haben. Spätestens am Abend. Der Dreh dauert wahrscheinlich um die zwei Stunden. Deine Partnerin ist ein Model, das schon sehr viel Erfahrung mit Werbespots hat. Sie ist Profi. Ich schaffe es nicht, mitzukommen, aber du kommst auch ohne mich zurecht, oder?“

Schweigen.

„Isaac?“

„Woher weißt du, wo ich bin?“ Sein rauer Ton erinnerte sie an Max. So hatte sie Isaac noch nie erlebt.

„Dein Bruder hat es unabsichtlich erwähnt.“

„Du hast Max angerufen?“

„Ich habe mit ihm gesprochen“, wich sie aus. „Wo ist das Problem?“

„Das Problem ist Danny Brooks!“

„Das Problem ist deine Rolle in der Show?“

„Es ist die Rolle, die Isaac Dunn groß gemacht hat. Die Rolle wird immer die sein, an die sich die Menschen am meisten erinnern. Jetzt wieder Danny zu spielen ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Ich darf es nicht in den Sand setzen. Ich kann nicht wieder auftauchen und den berühmten Satz falsch sagen. Kannst du dir das vorstellen?“

Sein Ton verriet Panik. Sie wusste, dass ihm die Rolle wichtig war. Ob es nun eine Sitcom war oder nicht – die Show hatte eine loyale Fangemeinde. Fans baten Isaac immer wieder, diesen einen Satz zu sagen, und er tat ihnen den Gefallen fast immer.

„Isaac, du hast den Satz inzwischen so oft gesagt – du kannst nichts falsch machen.“

„Ich kann es nicht riskieren.“

„Komm schon, sag es …“

„Nein.“

„Isaac.“

Sein Schweigen erinnerte sie an Max, aber im Gegensatz zu seinem Bruder gab Isaac schließlich nach.

„Lass mich doch in Ruhe“, sagte er mit Betonung auf ‚lass‘ und mit einem langgerollten ‚R‘.

Perfekt.

„Du bist genau das, was die Fans wollen“, versicherte sie ihm lächelnd. „Es geht weniger um den Text als vielmehr darum, wie du ihn sagst – das macht ihn so unvergesslich.“ Sie drückte das Handy an ihre Wange. „Du bist Danny, Isaac. Was gibt es da noch viel vorzubereiten?“

Sie erwartete ein leises Lachen ihres Klienten zu hören und ein ‚Ja, du hast recht‘, gefolgt von der Zustimmung, den Werbespot zu drehen. Dann musste sie immer noch Carbina überreden, das Team nach Belle Island zu fliegen, aber sie wollte einen Schritt nach dem anderen tun. Beharrlichkeit! Im Geiste plante sie bereits ihren nächsten Anruf, als Isaac sie wieder einmal überraschte. Sie hörte nicht sein Lachen in der Leitung, sondern den Schrei einer Möwe. Und er sagte auch nicht ‚Du hast recht‘, sondern stattdessen: „Ich bin nur der halbe Danny, Kendall. Die andere Hälfte ist mein Bruder, der übrigens derjenige war, der diesen Satz so herausgebracht hat, wie ihn jetzt alle hören wollen. Ich hätte ihn anders gesprochen, aber der Regisseur bevorzugte die Version von Max.“ Isaac schloss eine harsche Warnung an: „Falls du ein Filmteam hierher schickst, bist du gefeuert, Kendall. Und ich weiß, du kannst es dir nicht leisten, mich zu verlieren.“

„Isaac, warte …“, konnte sie gerade noch sagen, als sie auch schon hörte, dass er das Gespräch beendet hatte.

Die Terrassentür fiel hinter Max ins Schloss, als er wieder hereinkam. Er hatte Schneeflocken auf den Schultern und im Haar, die in der Wärme des Raums sofort zu schmelzen begannen. „Alles in Ordnung, California?“

„Alles bestens“, log sie und warf das Handy auf den Tisch neben den Becher mit dem inzwischen abgekühlten Tee. „Sieht man einfach davon ab, dass dein Bruder droht, mir zu kündigen, falls ich einen Fuß auf seine Insel setze. Und abgesehen davon, dass ich hier bei dir im Schnee festsitze.“

„Er dürfte inzwischen einen halben Meter hoch sein“, erklärte er ungerührt.

„Dann gehe ich mal davon aus, dass nicht daran zu denken ist, morgen früh gleich die erste Maschine zu nehmen.“

Hätte sie noch irgendeine Hoffnung gehabt, wurde sie durch Max’ Lachen jäh zunichtegemacht.

„Das habe ich mir schon gedacht.“ Sie würde Carbina anrufen müssen, um zuzugeben, dass das Projekt gestorben war. Sie hatte einem Vertrag zugestimmt, den sie nicht erfüllen konnte. Sie würde Isaac dennoch gut aussehen lassen und sagen, sie respektiere seinen Wunsch, sich ungestört auf die Rolle seines Lebens vorbereiten zu können. Bei dem Gedanken verzog sie das Gesicht. Sie hatte seinen Wunsch eben nicht respektiert. Seit wann gehörte sie zu den Menschen, denen die eigenen Interessen wichtiger waren als alles andere?

Sie spürte Tränen aufsteigen und schluckte sie rasch hinunter. Sie war einfach nur müde.

„Mir fällt schon etwas ein“, sagte sie mehr zu ihrer eigenen Beruhigung als zu Max. „Ich werde noch etwas arbeiten. Du kannst mir also getrost die Couch überlassen.“ Als sie ihn so ansah, verglich sie ihn im Geiste mit Isaac. Der war glatt rasiert und nicht ganz so breit in den Schultern. Das Haar war immer perfekt gestylt – hinten kurz und oben lang und wellig. Max’ Frisur war eher von der Art, die einen Rundum-Schnitt benötigte, aber es stand ihm.

Sie ging davon aus, dass ihr Vorschlag, die Couch zu nehmen, auf taube Ohren stoßen würde, aber er überraschte sie.

„Wie du willst“, sagte er nur.

Wenigstens half ihr das, die Tränen zurückzuhalten. Ohnehin hatten sie nichts mit Max oder seinem Bruder zu tun. Es war Quintons Stimme, die ihr so zusetzte. Als sie sechzehn war, versicherte er ihr, sie könne alles sein, was sie sich wünschte. Sie war die geborene Anführerin. Sie würde ihre Spuren in LA hinterlassen. „Kendall Squire wird Hollywood verändern“ – davon war er überzeugt.

Sie hatte ihm geglaubt, als er von ihrem Erfolg sprach, und er hatte sich geirrt. Aber sie hatte ihm ja auch geglaubt, als er sagte, er sei in drei Tagen von dem Ausflug mit seinen Freunden zurück.

Darin hatte er sich auch geirrt.

6. KAPITEL

Max erwachte wie immer um Viertel vor fünf. So sehr er sich auch bemühte – er konnte einfach nicht länger schlafen, auch wenn es am Vorabend spät geworden war.

Er hatte Kendall gegen zehn auf der Couch zurückgelassen. Sie arbeitete immer noch an ihrem Laptop. Er hörte ihre Stimme noch weit nach Mitternacht. Die einzelnen Worte konnte er nicht verstehen, aber ihr leises Lachen und der beruhigende Ton ließen ihn irgendwann einschlafen.

Er fing an, Mitgefühl mit der Frau zu haben. Er hätte sie warnen können, dass sein Bruder kein Filmteam auf der Insel haben wollte, aber er hatte schon gelernt, dass sie ihre Erfahrungen selbst machen musste.

Auf dicken Socken, mit Jeans und Flanellhemd begab er sich nach unten. Hätte er unter dem Berg von Decken nicht dunkles Haar hervorlugen sehen, hätte er geglaubt, Kendall sei bereits auf und wieder an der Arbeit.

Ihr Laptop war noch geöffnet, der Bildschirm schwarz. Das Handy war nirgends zu sehen. Es hätte ihn nicht überrascht, wenn sie es nachts in der Hand behielt. Ihre Tasche stand offen, gefüllt mit vollkommen unpassenden Kleidungsstücken – einschließlich mehrerer Paare hochhackiger Sommerschuhe. Abgesehen von dem Pullover, den sie sich auf dem Gang zu seinem Haus übergezogen hatte, schien sie nichts dabei zu haben, das geeignet war, Wärme zu spenden.

Es irritierte ihn, dass sie hier unten geschlafen hatte, statt das Angebot seines Bettes anzunehmen. In der nächsten Nacht würde er sie dazu überreden, ihn hier schlafen zu lassen.

Er setzte Kaffee auf und trat hinaus auf die Terrasse. Tief sog er die klare Winterluft ein. Es schneite immer noch, aber nicht mehr so heftig wie am Vorabend. Unvorstellbar, dass Kendall bei diesem Wetter einen Flug nach Kalifornien bekam. Falls sie die Fahrt hierher nicht schon bedauerte, würde sie es spätestens dann tun, wenn er ihr diese Neuigkeit überbrachte.

Die Kälte durchdrang sein Hemd, daher begab er sich wieder hinein. Er fand Kendall in der Küche, von Kopf bis Fuß in eine Decke gehüllt.

„Morgen“, sagte er und unterbrach damit ihren stummen Blickwechsel mit der Kaffeekanne.

Sie wirkte noch verschlafen. Irgendwie neben sich. Nach allem, was am Vortag passiert war, wohl verständlich.

„Wie fühlst du dich?“

„Noch etwas steif. Aber es ist nichts, was ein Kaffee nicht wieder hinbekommen könnte.“

„Du solltest dennoch vorsichtig sein!“ Falls sie sich erkältete, würde er sich ewig Vorwürfe machen.

„Könntest du dich nach meinem Wagen erkundigen? Ich muss einen Flug buchen. Mit etwas Glück bist du mich heute Nachmittag los.“

Er nahm zwei Becher aus dem Schrank und goss Kaffee ein. „Ich sage es ja nur ungern, California, aber du wirst wenigstens noch das Wochenende über hierbleiben müssen.“

„Aber heute ist Donnerstag!“ Der vorwurfsvolle Unterton hätte ihn ärgern sollen – schließlich meinte er es nur gut mit ihr –, aber aus irgendeinem Grund fand er ihn sogar süß. Vielleicht lag es daran, dass sie noch in seine Decke gehüllt war, das Haar vom Schlaf zerzaust. Vielleicht war es auch der Tatsache geschuldet, dass er schon lange niemanden mehr hier gehabt hatte, um den er sich kümmern konnte. Er hatte die Abgeschiedenheit bewusst gesucht, aber an Tagen wie diesen, wo er nichts vorhatte und es immer nur schneite, konnte es doch sehr … einsam sein.

„Heute Nacht schläfst du in meinem Bett. Wie dir vielleicht aufgefallen ist, wird es hier unten kühl, wenn du nicht von Zeit zu Zeit aufstehst und das Feuer nachlegst.“

Sie schob sich an ihm vorbei zum Kühlschrank und förderte eine Flasche mit Kaffeesahne zutage. „Hätte nicht gedacht, dass du die Karamell-Nuss-Variante nimmst.“

„Du meinst, du hättest nicht gedacht, dass ich etwas für Süßes übrig habe?“ Nachdem sie sich von der Sahne genommen hatte, tat er ebenfalls einen kleinen Schuss in seinen Kaffee.

„Ich meine, du läufst nicht Gefahr, von irgendjemandem als ‚süß‘ bezeichnet zu werden.“ Sie trank einen Schluck. „Obwohl dein bisheriger Ruf natürlich in Gefahr geraten könnte, falls es sich herumspricht, dass du mich in dein Haus getragen und mir deine Socken geliehen hast.“

„Das war heroisch, nicht süß.“ Er beugte sich vor, wenn auch aus keinem anderen Grund als dem Wunsch, ihr näher zu sein. Es hatte ihm auch gefallen, als sie in der Tür stand und mit ihm stritt. Seit er zum ersten Mal ihren Duft in der Nase gehabt hatte, wollte er mehr davon. Derselbe vertraute Duft schien jetzt auf ihren Lippen zu liegen. „Pfefferminz. Danach duftest du.“

Ihre Lippen formten ein erstauntes Oh! und zogen damit seine Aufmerksamkeit auf sich. „Das ist mein Lippenstift.“

Er hatte Mühe, den Blick von ihrem Mund zu lösen. Ganz gleich, wie sehr es ihn reizte, herauszufinden, ob sie auch nach Pfefferminz schmeckte – er tat gut daran, einen klaren Kopf zu bewahren. Sie war gegen ihren Willen in seinem Haus gestrandet, weil sie ihn gebeten hatte, etwas zu tun, was gegen seinen Willen war. Je eher sie wieder auf dem Weg nach Kalifornien war, desto eher konnte er in sein normales Leben zurückkehren. Noch mehr Aufregung brauchte er nicht.

„Ich rufe Luca wegen deines Wagens an“, versprach er. „Wenn du Glück hast, steckst du nicht das ganze Wochenende hier fest.“

Kendall verbrachte den Rest des Morgens zwischen dem Wetterbericht im Fernsehen und ihrem Laptop. Max machte sie darauf aufmerksam, der Bericht werde sich nicht ändern, ganz gleich, wie oft sie ihn sich ansah, aber sie ignorierte ihn. Hatte er am Morgen noch den Eindruck gemacht, er würde sich am liebsten auf sie stürzen, behandelte er sie am Nachmittag wie einen lästigen Eindringling.

Gewissermaßen war sie das ja auch. Er hatte sie nicht eingeladen, und nun hatte er sie am Hals. Sie hatte das Hotel angerufen, um ihre Buchung zu stornieren, aber wie Max schon prophezeit hatte, hatte bei dem Wetter niemand mit ihr gerechnet. Sie versprach, sobald wie möglich einzuchecken, aber wie Betsy von der Reservierung sagte: „Niemand kommt in absehbarer Zeit nach Dunn.“

Nach dem Telefonat stellte Kendall den Fernseher ab. Der Wetterfrosch prophezeite nur, Betsy wusste es.

Gegen Mittag brachte sie ihre Sachen in Max’ Schlafzimmer, bevor sie duschte und sich anzog. Es ging alles etwas langsamer als gewohnt, aber sie hatte nicht gelogen, als sie sagte, dass sie sich noch etwas steif fühlte. Es war, als stecke ihr der Unfall noch in den Knochen, auch wenn es nichts Lebensgefährliches gewesen war.

Als sie nach unten kam, strömte ihr der herrlichste Duft aus der Küche entgegen. Max stand vor dem Herd und rührte einen Topf um.

„Chili“, erklärte er.

Ihr Magen machte sich schmerzlich bemerkbar. Sie hatte bisher nur einen Kaffee gehabt und kam um vor Hunger. Wortlos deckten sie den Tisch zusammen und saßen bald vor gefüllten Tellern.

„Ich habe schon seit Jahren kein Chili mehr gehabt“, bekannte Kendall.

„Das ist eine Schande.“

„Die Hitze in Kalifornien schreit nicht gerade nach Chili.“

Sie genossen das Essen eine Weile in wortlosem Genuss.

„Wolltest du immer Schauspielagentin werden?“, erkundigte Max sich schließlich.

Kendall war sich nicht sicher, ob er die Frage ironisch meinte. Es musste merkwürdig für ihn gewesen sein, schon als Kind ein Star zu sein.

„Ich wollte in Hollywood arbeiten, aber hinter den Kulissen.“

„Das ist selten. Die meisten wollen so viel Aufmerksamkeit wie möglich für sich selbst.“

„Du nicht.“ So gut kannte sie ihn bereits. Der Ruhm hatte nichts an seinen Prioritäten geändert. Für sie und ihre momentane Lage war es lästig, aber grundsätzlich musste sie ihn dafür bewundern, dass er sich selbst treu blieb.

„Ich hatte auch so meine Momente, in denen ich mich im Ruhm verloren habe wie die meisten anderen.“

„Du meinst, so wie Isaac immer noch?“

Max schwieg. Kendall wusste, dass sie sich auf ein gefährliches Terrain begeben hatte, aber sie hätte zu gern gewusst, wie es dazu gekommen war, dass die Brüder sich jahrelang eine Rolle teilten und nun kaum noch Kontakt zueinander hatten.

„Ich liebe meinen Bruder, aber nicht Hollywood. Das ist ein großer Unterschied.“

Die Antwort half ihr nicht weiter.

„Ich verstehe, dass das nicht mehr dein Leben ist, aber hat sich ein kleiner Teil von dir nicht doch danach gesehnt, in die Show zurückzukehren? Und sei es nur, um die Freunde wiederzusehen, die du dort im Laufe der Jahre gefunden hast.“ Sie hob beschwichtigend die Hand, als sie seinen empörten Blick sah. „Ich weiß, du hast gesagt, ich soll nicht auf deine Emotionen abzielen. Das tue ich nicht. Ich habe den Versuch aufgegeben, dich für den Werbespot zu gewinnen.“

Ihr Geständnis war offensichtlich eine Überraschung für ihn. Sie war ja selbst überrascht. Irgendwie schien die Hartnäckigkeit, mit der sie ihre Ziele sonst verfolgte, im Schnee verloren gegangen zu sein.

„Ich hätte gedacht, dass eine Nebenrolle in der Show etwas Neues für dich sein könnte.“

„Für einen abgetakelten einstigen Kinderstar?“

„Du bist nicht abgetakelt. Die Öffentlichkeit ist immer noch neugierig auf dich. Die Leute finden dich geheimnisvoll.“

„Wer sollte das sein?“

„Meine Schwester zum Beispiel. Sie hat einen Podcast über Fernsehshows, mit denen wir alle aufgewachsen sind. Rate mal, welches ihre Lieblingsshow ist.“

„Brooks Knows Best.“ Er schob sich den letzten Bissen Chili in den Mund.

„Genau. Sie würde grün werden vor Neid, wenn sie wüsste, dass ich hier bei dem einzigartigen Max Dunn festsitze. Sie war schon ganz außer sich, als sie hörte, dass ich für Lou arbeite, den ehemaligen Agenten von Isaac Dunn …“

„Und von mir.“

„Von dir auch?“ Das hatte Lou nie erwähnt.

„Ich habe jeden Kontakt abgebrochen, als ich gegangen bin.“ Sein Ton drückte eine Feststellung aus, kein Bedauern. „Ich hatte nicht vor, jemals zurückzukommen.“ Er nahm sich noch eine zweite Portion. „Wie du ja selbst weißt, geraten persönliche Vorsätze schnell ins Wanken, wenn es um Geld geht. Das ist das Geschäft.“

„Nicht für mich.“ Agentin zu sein, war für sie immer mehr als ein Beruf – darum hat sie es auch so persönlich genommen, als alle Klienten sich von ihr abwandten.

„Du solltest dich nachher in den Whirlpool setzen.“ Max nahm wieder Platz. „Das hilft.“

Offenbar hatte er bemerkt, dass sie sich immer noch etwas unwohl in ihrer Haut fühlte. So viel also dazu, dass andere Menschen ihm einerlei waren. Sie spürte, dass er ein sehr fürsorglicher Mensch war. Das betraf sogar die Agentin aus Kalifornien, die ungebeten in sein wohl gehütetes Privatleben eingedrungen war.

7. KAPITEL

Am Abend fiel das WLAN im Blockhaus aus. Kendall war kurz davor, komplett auszurasten. Sie hatte gerade eine Mail an die Produktionsfirma, die den Spot für Carbina drehen sollte, geschrieben. Darin erklärte sie, dass sie leider gerade ein Planungschaos habe und fragte, ob sich die Dreharbeiten verschieben ließen. Sie machte sich wenig Illusionen. Die Firma war ständig ausgebucht. Aber zu fragen war ja legitim.

„Danke, Luca.“ Max kam ins Wohnzimmer mit dem Handy noch am Ohr. „Ja, das sage ich ihr.“ Er steckte das Telefon ein.

Autor

Jessica Lemmon
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Tori Carrington
Lori und Tony Karayianni haben unter dem Namen Tori Carrington mehr als 35 Liebesromane veröffentlicht, und schreiben seit über 21 Jahren gemeinsam. Diese Tatsache verrät schon einiges über die beiden! Auch wenn sie sich mittlerweile gar nicht mehr vorstellen können, jemals ohne einander gewesen zu sein, gab es auch ein...
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