Baccara Collection Band 450

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DUNKLE NÄCHTE IN NEW ORLEANS von TORI CARRINGTON
Eine Frau wie Molly Laraway bedeutet nur Ärger! Da ist sich Detective Alan Chevalier sicher. Erstens sieht sie so gut aus, dass sie ihn von seinen Ermittlungen ablenkt, und zweitens ist sie das Ebenbild ihrer verstorbenen Zwillingsschwester, deren Mörder er jagt!

NIEMAND IST SO HEISS WIE DU von MAUREEN CHILD
Nach einem Brand ist Bauunternehmerin Hannah die letzte Hoffnung für das Restaurant von Bennett Carey. Doch ihre Art treibt ihn zur Weißglut! Normalerweise würde er sie feuern, wenn er sie nicht für sein Restaurant bräuchte – und sie gleichzeitig nicht so verdammt sexy wäre …

MEHR ALS DIESER EINE KUSS? von SHERELLE GREEN
Weil sie ihm mit seinem kleinen Neffen hilft, kommt Kindergärtnerin Kiara dem erfolgreichen Trey Moore näher. So nah, dass er ihr sogar einen atemberaubenden Kuss schenkt! Doch verlieben darf sich Kiara auf keinen Fall – denn sie weiß genau, dass sie für Trey die Falsche ist!


  • Erscheinungstag 04.10.2022
  • Bandnummer 450
  • ISBN / Artikelnummer 9783751508346
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Tori Carrington, Maureen Child, Sherelle Green

BACCARA COLLECTION BAND 450

TORI CARRINGTON

Dunkle Nächte in New Orleans

Molly Laraway setzt alles daran, den Mord an ihrer Zwillings-schwester aufzuklären. Dafür hilft sie Detective Alan Chevalier nach Kräften. Auf nächtlicher Streife in New Orleans kommen sie sich näher. Obwohl Alan verdammt attraktiv ist, fragt Molly sich, ob sie der Versuchung nachgeben soll. Denn eine sexy Ablenkung würde den Erfolg der Ermittlungen riskieren!

MAUREEN CHILD

Niemand ist so heiß wie du

Bauunternehmerin Hannah ist glücklich über ihren neuesten Auftrag, doch schon bald tauchen unvorhergesehene Schwierigkeiten auf – in Form ihres Auftraggebers Bennett Carey! Ständig mischt er sich in alles ein. Und als wäre das nicht frustrierend genug, sieht er auch noch so unverschämt gut aus, dass Hannah kaum einen klaren Gedanken fassen kann!

SHERELLE GREEN

Mehr als dieser eine Kuss?

Zwei Wochen lang passt Trey Moore auf seinen kleinen Neffen auf – dabei hat er von Babys keine Ahnung! Auf einer Gala, die er mit dem Kleinen besucht, eilt ihm ein wahrer Engel zu Hilfe. Kiara ist wunderschön und so sanft, dass Trey sie am liebsten mit zärtlichen Küssen verführen würde. Aber Kiara bleibt zurückhaltend – was verbirgt sie nur vor ihm?

1. KAPITEL

Ein äußerst unangenehmes Geräusch riss mich unsanft aus dem Schlaf.

Es klang wie Fingernägel, die über eine Schiefertafel kratzten. Ich zog mir das Kissen über den Kopf und versuchte wegzuhören. Leider ließ es sich ebenso wenig ignorieren wie meine Ex-Frau. Schließlich streckte ich eine Hand nach dem Telefonhörer aus und hielt ihn mir ans Ohr. „Ja?“

„Kommissar Alan Chevalier, bitte.“

„Am Apparat.“

„Möglicherweise haben wir einen Drei-null-Fall, Sir.“ Die Kollegin in der Notrufzentrale nannte den Tatort des Tötungsdelikts.

Ich grummelte etwas. Die Reaktion schien ihr zu genügen, denn sie legte auf, wohingegen ich drei Versuche benötigte, um den Hörer wieder auf der Gabel zu platzieren.

Dann riss ich mir das Kopfkissen vom Gesicht und richtete mich auf. Schlaftrunken blinzelte ich ins grelle Sonnenlicht, das trotz der geschlossenen Jalousien ins Zimmer schien. Beim Blick auf den digitalen Wecker auf dem Nachttisch stellte ich entsetzt fest, dass es bereits kurz nach acht war.

Verdammt! Ich war spät dran für einen normalen Arbeitstag. Aber was war schon normal?

Leiter der Mordkommission beim 8. Polizeirevier in New Orleans und somit im French Quarter zuständig zu sein, war manchmal gar nicht so toll, wie es sich anhörte.

In letzter Zeit hatte sich mein Job eher als notwendiges Übel dargestellt. Da ich gerade auf das Vergnügen verzichten musste, mitten in der Nacht von einer vollbusigen Blondine geweckt zu werden, sah ich mich gezwungen, mir die Zeit auf andere Art und Weise zu vertreiben. Inzwischen ähnelte ich fast den Opfern des Killers, der sich nicht schnappen ließ.

Ich warf einen abwesenden Blick auf meine Morgenlatte. Dieser Körperteil hatte mich schon öfter in die Bredouille gebracht, als mir lieb sein konnte. Missmutig hob ich meine Hose vom Fußboden auf und zog sie mir über, bevor ich mich ins Badezimmer schleppte.

Dort warf ich zunächst einen Blick in den Spiegel und sah mich nur verschwommen. Lag das am ungeputzten Spiegel? Oder an der Flasche Bourbon, die ich gestern Abend zur Hälfte geleert hatte?

Ich knipste die Lampe an und kniff bei dem grellen Licht sofort die Augen zu. Also drückte ich erneut auf den Lichtschalter, bevor ich mir bei der gedämpften Beleuchtung der Nachttischlampe von nebenan Wasser ins Gesicht spritzte.

Frauen bezeichneten mich eher als markant denn als gut aussehend. In letzter Zeit hatten Frauen in meinem Leben allerdings durch Abwesenheit geglänzt. Meine grünen Augen wurden gelegentlich fälschlich als braun beschrieben. Das sandfarbene Haar hätte schon vor mindestens einem Monat einen Schnitt vertragen. Die Lachfältchen um die Augen deuteten inzwischen eher auf ständige Übermüdung hin.

Prüfend fuhr ich mir über die Bartstoppeln und beschloss, die Rasur könnte noch einen Tag warten. Dafür war jetzt keine Zeit, denn auf mich wartete eine Leiche. Die würde auch noch länger warten, aber die Kollegen wurden sicher schon ungeduldig, dass ich meinen Job machte, damit sie ihren erledigen konnten.

Mein Job war mir wichtiger als mein Aussehen, ich wollte ihn nämlich nicht verlieren.

Wenig später ging ich die zwei Etagen zur Haustür hinunter und stand auf der Straße, bis meine Augen sich an das grelle Sonnenlicht gewöhnt hatten. Viele Einwohner des French Quarter und noch mehr Touristen hielten sich für Vampire. Vielleicht war meine Lichtempfindlichkeit darauf zurückzuführen, dass mich in der vergangenen Nacht einer gebissen hatte.

Insgeheim war mir die wahre Ursache meines Zustands natürlich klar: Ich hatte einen gewaltigen Kater.

Ich ging auf meinen zwölf Jahre alten dunkelblauen Chevy Caprice zu, einen soliden, wenn auch etwas unansehnlichen Wagen – eine Beschreibung, die wohl entfernt auch auf mich zutreffen könnte.

Heute Morgen wurde der Chevrolet allerdings von einer ungewöhnlichen Kühlerhaubenfigur geziert. Eine attraktive Frau im Wollkostüm, das sie sofort als Zugereiste markierte, weil Einheimische sich dem in New Orleans im Oktober vorherrschenden Klima gemäß wesentlich luftiger kleideten, lehnte lässig am Wagen.

Sie sah auf, als ich die Fahrertür aufschloss.

„Kommissar Chevalier?“

Oje, sie wusste, wer ich war. Normalerweise bedeutete das nichts Gutes. So eine bildhübsche Frau, und ich kannte sie nicht? Entweder konnte ich mich nicht an sie erinnern, weil ich zu betrunken gewesen war, oder sie war in Begleitung gewesen.

Ich kniff die Augen zusammen, musterte sie und war schockiert. Die Frau war nicht nur zugereist, sie war auch tot! Es handelte sich um Claire Laraway, das Mordopfer des Falles vor zwei Wochen, den ich noch nicht aufgeklärt hatte.

„Alles in Ordnung, Herr Kommissar?“ Sie blinzelte, als wäre ihr gerade etwas klar geworden. „Tut mir leid. Manchmal vergesse ich, wie ähnlich meine Schwester und ich uns sahen. Ich bin Molly Laraway, Claires Zwilling. Obwohl wir zweieiige Zwillinge sind, sehen wir uns zum Verwechseln ähnlich. Ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Aber der Schreck war mir in die Glieder gefahren. Ich hatte schon befürchtet, einen Geist vor mir zu sehen. Immerhin rückte Halloween immer näher, und dann trieben ja angeblich die Geister ihr Unwesen auf der Erde.

„Ich würde gerne etwas mit Ihnen besprechen“, sagte sie.

„Melden Sie sich im Kommissariat“, knurrte ich, setzte mich ans Steuer und wollte die Tür zuziehen. Doch die Schönheit hatte geistesgegenwärtig ihre mit Pailletten besetzte Handtasche dazwischengehalten.

„Dort habe ich schon unzählige Male angerufen und jedes Mal die Auskunft erhalten, man werde sich melden, sobald es etwas zu berichten gäbe.“

Das war die Standardauskunft, um wohlmeinende Angehörige abzuweisen, die sich an der Detektivarbeit beteiligen wollten. Sehr lästig, solche Leute, im schlimmsten Fall behinderten sie sogar die Arbeit.

Ich warf einen missbilligenden Blick auf die Tasche, ließ ihn dann unwillkürlich über die attraktive Figur der Frau gleiten – vollbusig, einladend geschwungene Hüften, lange Beine.

„Wie weit sind Sie mit der Aufklärung des Mordes an meiner Schwester, Herr Kommissar? Ich will helfen, den Mörder zu finden.“

Energisch schob ich die Tasche aus dem Weg. „Fahren Sie nach Hause, Miss Laraway, und lassen Sie mich meinen Job machen.“

Sie hielt die Tasche umklammert. „Besonders viel Mühe haben Sie sich bisher nicht gegeben, wenn ich das richtig sehe.“

Dieser Kommentar brachte sie natürlich keinen Schritt weiter. „Lassen Sie meinen Wagen los, Miss Laraway! Sonst muss ich Sie gewaltsam dazu bewegen.“

Nach kurzer Überlegung gehorchte sie.

Ich zog die Fahrertür zu und ließ den Motor an.

Als sie ans Fenster klopfte, öffnete ich es einen winzigen Spaltbreit.

Sie schob eine Visitenkarte durch den Spalt. „Damit Sie mich erreichen können. Ich bin im Ritz abgestiegen.“

Ich ignorierte die Karte. Sie wurde auch nicht zurückgezogen.

„Ich werde so lange bleiben, bis der Mörder meiner Schwester hinter Gittern sitzt, Kommissar Chevalier. Das sollten Sie wissen.“

„Alan“, sagte ich automatisch und nahm schließlich die Karte.

Molly Laraway lächelte.

Mist, ich hätte nicht nach der Karte greifen sollen.

„Wenn es Ihre Zeit erlaubt, würde ich Sie nachher gerne zum Lunch einladen“, sagte sie.

„Ich habe keine Zeit.“

„Dann zum Abendessen.“

Mir fiel ein, wie abgebrannt ich war, und ich verzog das Gesicht.

„Wenigstens auf einen Kaffee.“

„Hören Sie, Miss Laraway, ich habe keine Ahnung, was Sie sich davon erhoffen, den weiten Weg aus …“ Ich sah sie fragend an. „… von wo auch immer gemacht zu haben.“

„Toledo.“

Ach, der Ort existierte wirklich? Bisher hatte ich gedacht, er wäre eine Erfindung von Drehbuchautoren. „Sie würden mir am meisten helfen, wenn Sie mich einfach meine Arbeit tun ließen“, sagte ich schließlich.

„Ein Kaffee wird Sie ja wohl kaum an der Arbeit hindern, oder?“

Mein Kater verhinderte eine prompte Replik.

„Elf Uhr im Tujague im French Quarter“, sagte sie daher entschlossen.

Dort wurde das beste Roastbeef-Remouladen-Sandwich von ganz New Orleans, wenn nicht sogar von ganz Louisiana serviert. Ich hatte mir schon lange keins mehr schmecken lassen. Natürlich hätte ich die Einladung ablehnen sollen, doch mir fiel keine plausible Ausrede ein.

„Wenn ich es zeitlich einrichten kann“, antwortete ich daher und fuhr los. Im Rückspiegel bewunderte ich die bildhübsche Frau mit den endlos langen Beinen. Ich ahnte, dass sie mich in größte Schwierigkeiten bringen könnte. Vielleicht brauchte ich das ja mal wieder. Solange sie nicht mit meinem Vorgesetzten verheiratet war, sollte es mir recht sein.

Frustriert und fasziniert zugleich sah Molly Laraway dem davonfahrenden Chevrolet mit dem Kommissar am Lenkrad hinterher. Dieser sichtlich verkaterte Mann hatte was. Er ging ihr unter die Haut.

Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Seit ihrer Ankunft gestern Morgen hatte sie noch nicht viel erreicht. Okay, sie hatte dem Diensthabenden des 8. Polizeireviers mit einigen Dollarscheinen die Adresse des Kommissars entlockt und von der FBI-Agentin Akela Brooks Claires Sachen entgegengenommen. Das war es aber auch schon.

Hatte sie ernsthaft erwartet, Chevalier würde den Fall mit ihr diskutieren, damit sie in den vorliegenden Indizien ein Muster erkennen und daraus sofort auf den Täter schließen konnte?

„Du verschwendest nur deine Zeit, Kind“, hatte ihre Mutter gestern Abend behauptet, als Molly sich vom Hotel aus telefonisch bei ihr gemeldet hatte. „Dein übertriebener Ehrgeiz wird dich noch mal in Schwierigkeiten bringen.“

Wie oft hatte sie sich das in den vergangenen siebenundzwanzig Jahren schon anhören müssen. Eigentlich hatte diese Vorhaltung sie sogar noch in ihrem Bestreben bestärkt, im Gegensatz zum Rest der Familie etwas in ihrem Leben zu erreichen. Gestern Abend hatten die Worte ihrer Mutter sie allerdings gekränkt. Vermutlich, weil sie allein in einer fremden Stadt war und sich nur mit einem Karton beschäftigen konnte, in dem sich Claires armselige Habseligkeiten befanden.

Jetzt sah sie noch immer dem Wagen hinterher, der ihren Blicken schon längst entschwunden war. In den vergangenen zweieinhalb Wochen hatte sie sich immer wieder dabei ertappt, ganz unkonzentriert und mit den Gedanken völlig woanders gewesen zu sein.

Gerade hatte sie überhaupt keinen Plan.

Plötzlich bekam sie eine Gänsehaut und hob ruckartig den Kopf. Aufmerksam betrachtete sie die Fenster der in der engen Gasse dicht nebeneinanderstehenden Häuser, denn sie fühlte sich beobachtet. Als ihr nichts Verdächtiges auffiel, drehte sie sich um und kehrte zurück zu der Stelle am Rande des French Quarter, wo sie aus dem Taxi gestiegen war.

In welche Richtung sollte sie gehen?

Man sagt, dass Zwillinge eine besondere Verbindung zueinander haben. Claire hatte daran geglaubt, sie selbst nicht. Immer wieder hatte Claire behauptet, sie wüsste genau, was ihre Zwillingsschwester dachte und fühlte. Molly hingegen hatte ihre Schwester nie ganz verstanden.

Claire war immer viel draußen gewesen, meistens mit Jungs. Molly war lieber zu Hause geblieben und hatte sich um die Hausarbeit gekümmert, während ihre Mutter bei der Arbeit war, oder hatte in ihrem Zimmer, das sie mit ihrem Zwilling teilte, gelesen. Als sie die Highschool besucht hatten, war Claire mit dem Kapitän der Footballmannschaft zusammen gewesen und hatte jede angesagte Party besucht. Molly hatte lieber gelernt und den Abschluss als Klassenbeste gemacht. Drei Universitäten hatten ihr ein Stipendium zugesagt. Sie hatte die am nächsten gelegene gewählt, weil es praktisch war.

Molly hatte nie eine übernatürliche Verbindung zu ihrer Schwester gespürt … bis zu dem Tag vor zweieinhalb Wochen.

Molly rieb sich den Hals. Sie hatte gespürt, dass Claire tot war, hatte die kalte Messerklinge am Hals gespürt, mit der ihr Zwilling ermordet worden war. Hatte Claires Entsetzen gespürt, als sie ihr Leben aushauchte.

Seit dieser Minute fühlte sie sich Tag und Nacht von Claires Geist verfolgt, der verlangte, ihren Mörder zu finden.

Genau das war Mollys Ziel – entweder mit oder ohne Kommissar Chevaliers Hilfe.

Ich parkte meinen alten Chevrolet am Straßenrand vor dem Hotel Josephine in der Altstadt des French Quarter. Das Hotel war mir leider nur zu bekannt, denn bereits vor zweieinhalb Wochen hatte sich hier ein Mordfall ereignet, in dem ich ermittelte. Die Tote hatte der Frau, die ich gerade auf der Straße stehengelassen hatte, verblüffend geähnelt.

Bevor ich ausstieg, griff ich nach meiner Dienstmütze. Dann näherte ich mich dem viergeschossigen Gebäude, dem man sein Alter von schätzungsweise zweihundert Jahren schon ansah.

Ein uniformierter Kollege, der vor mir eingetroffen war, rückte seine Hose zurecht, als ich den Eingang erreichte.

„Was haben wir?“, fragte ich.

„Dreißig C in Zimmer 2 b.“

Verdammt! Dreißig C stand für ein mit einem Messer begangenes Tötungsdelikt. Möglicherweise gab es also einen Zusammenhang zwischen dieser Tat und dem Mord vor zweieinhalb Wochen.

Die hübsche Hotelbesitzerin, Josie Villefranche, stand in der Nähe der Rezeption. Unter dem honigfarbenen Teint wirkte sie blass. Kein Wunder. Nach dem ersten, noch nicht aufgeklärten Mord waren die Gäste ausgeblieben. Wie sie sich nach dem zweiten Mord über Wasser halten sollte, wusste der Himmel.

„Miss Villefranche“, sagte ich zur Begrüßung.

„Kommissar Chevalier.“

Mir war bekannt, dass sie eine abgesägte Flinte griffbereit hinterm Empfangstresen versteckt hatte. Deshalb hielt Miss Villefranche sich vermutlich ständig in unmittelbarer Nähe der Rezeption auf.

Zunächst musste ich mir ein Bild vom Tatort machen, erst dann konnte ich mit der Befragung beginnen. Also stieg ich die Treppe zur zweiten Etage hoch und traf dort auf einen weiteren Polizisten, der vor Zimmer 2 b Wache stand.

„Hallo, John.“

„Hallo, Alan.“

Ich öffnete die Tür und blickte ins Zimmer. Zum zweiten Mal an diesem Morgen sah ich einen Geist. Das quer über dem Bett liegende Opfer, dessen Kopf über dem Fußende hing, hatte die gleiche Halswunde wie Claire Laraway. Ich glaubte nicht an Zufälle. Wenn etwas aussah wie ein Flusskrebs, roch wie ein Flusskrebs und schmeckte wie ein Flusskrebs, dann war es … verdammt noch mal … ein Flusskrebs.

Frustriert schloss ich kurz die Augen, atmete tief durch und betrat das Zimmer. Entschlossen ignorierte ich zunächst die offensichtlichen Ähnlichkeiten mit dem ersten Mordfall und konzentrierte mich stattdessen auf die Unterschiede.

Erstens: Ich kannte die Tote. Es handelte sich um Frederique Arkart, eine Prostituierte, die schon lange in New Orleans wohnte … gewohnt hatte.

Zweitens: Sie war Afroamerikanerin.

Ich ging vor dem Bett in die Hocke und warf einen forschenden Blick auf die weit geöffneten Augen, die auf etwas für mich Unsichtbares gerichtet waren. Offensichtlich hatte sie ihren Mörder angestarrt, als der ihr Leben ausgelöscht hatte.

Automatisch zog ich einen Gummihandschuh aus meiner Manteltasche und über meine rechte Hand.

Drittens: Die Wunden unterschieden sich voneinander, wie ich beim behutsamen Abtasten des Halses feststellte. Laraways Kehle war von einem scharfen Messer durchtrennt worden. Im vorliegenden Fall war eine stumpfere Klinge benutzt worden, denn der Schnitt war nicht so sauber.

Ich entledigte mich des Handschuhs, blieb weitere Minuten in der Hocke und blickte starr auf den Fußboden.

Laut Statistik lag New Orleans bei Tötungsdelikten sehr weit vorn. Das konnte ich aus eigener Erfahrung bestätigen, denn ich hatte wesentlich mehr zu tun als meine Kollegen in anderen Großstädten. Momentan stapelten sich die Akten von sage und schreibe einem Dutzend ungeklärter Mordfälle auf meinem Schreibtisch. Hinzu kamen noch unzählige Cold Cases, die im Archiv verschwunden waren.

„Kommt mir bekannt vor.“

Ich blickte mich um. Der Leiter der Gerichtsmedizin, Steven Chan, war eingetroffen. „Na ja“, sagte ich und stand auf.

„Meinst du, es handelt sich um denselben Täter?“ Der Rechtsmediziner stellte seinen Arbeitskoffer an einer Stelle ab, wo er keine Spuren vermutete.

„Das herauszufinden ist deine Aufgabe, Steven.“

„Diesen Kommentar höre ich das erste Mal von dir, Alan.“

Er hatte recht. Normalerweise hätte ich ihn auf meinen ersten Eindruck hingewiesen, dass die Wundränder hier anders aussahen. Aber ich wollte nicht vorschnell erscheinen, denn im Mordfall Laraway hatte ich den Falschen verhaftet. Das durfte mir nicht noch einmal passieren. Meine Karriere hing sowieso schon an einem sehr dünnen seidenen Faden.

„Du wirst mir deine Erkenntnisse ja dann mitteilen. Ich befrage jetzt unten erst mal die Hotelbesitzerin“, sagte ich.

Molly saß an einem der hinteren Tische des Tujague und warf ungeduldig einen Blick auf ihre Armbanduhr. Viertel nach elf! Wo blieb Kommissar Chevalier? Hatte er etwa gar nicht vor, herzukommen?

„Haben Sie schon gewählt?“ Der junge Kellner kam erneut an ihren Tisch.

„Ich erwarte jemanden“, antwortete sie zum zweiten Mal.

Sein Lächeln gab ihr zu verstehen, dass sie ja trotzdem etwas für sich bestellen könnte, falls sie nicht länger warten wollte.

Also vertiefte sie sich in die Speisekarte.

Eine herzliche Begrüßung am Eingang des Restaurants weckte ihre Aufmerksamkeit. Leicht überrascht stellte sie fest, dass Alan Chevalier in seinem zerknitterten Trenchcoat hereingekommen war und dem dicken Barmann die Hand schüttelte.

Erleichtert und nervös zugleich sah sie dem Kommissar entgegen. Vielleicht bezog er sie ja in seine Ermittlungen mit ein oder hielt sie mit den Ergebnissen wenigstens auf dem Laufenden.

Ihre Blicke trafen sich. Das Restaurant war bereits gut besucht. Molly schluckte nervös, denn selbst aus einiger Entfernung knisterte es zwischen Alan Chevalier und ihr. Vielleicht war er auch nur hergekommen, weil auch er die seltsame Anziehungskraft zwischen ihnen gespürt hatte.

Wenige Momente später hatte er den Tisch erreicht und setzte sich, ohne den Mantel abzulegen. Ihre Kostümjacke hing über der Stuhllehne.

Sein aufmerksamer Blick ruhte auf Molly. Die Hand, die seine Dienstmütze hielt, hatte er auf dem Tisch ausgestreckt.

„Freut mich, dass Sie es einrichten konnten“, sagte Molly leise.

Er schwieg. Vielleicht überraschte es ihn selbst, dass er ihrer Einladung gefolgt war.

Schließlich beugte er sich vor und legte die Mütze auf den freien Stuhl rechts neben ihm. „Zufällig gehört das Tujague zu meinen Lieblingsrestaurants. Wahrscheinlich wäre ich sowieso hier gelandet.“

Molly gab nicht mehr vor, die Speisekarte zu studieren, legte sie auf den Tisch und musterte ihr Gegenüber. Vorhin war ihr bereits aufgefallen, dass der Kommissar verkatert aussah. Frisch rasiert war er auch nicht, und das Haar hätte schon vor Wochen einen Schnitt gebrauchen können. Und dann die Kleidung! Hatte er in den Klamotten geschlafen? Entweder war er zu beschäftigt, oder sein Erscheinungsbild interessierte ihn nicht.

Seltsam, aber gerade dieses Desinteresse an seinem Äußeren faszinierte sie. Normalerweise stand sie auf gepflegte Männer, denen die Karriere wichtig war, die ihren Körper im Fitnessstudio stählten, teure Anzüge trugen, edle Aktenkoffer besaßen und Luxuswagen fuhren.

Alan Chevalier jedoch …

Ihr wurde bewusst, dass sie ihn anstarrte. Schnell senkte sie den Blick und betrachtete die blütenweiße Tischdecke.

„Gibt es irgendwas Neues …“ Molly verstummte. Ihr war bewusst, wie sinnlos es war, diese Frage zu stellen.

„Im Fall Ihrer Schwester, seit wir uns vor zwei Stunden gesehen haben?“ Er wusste genau, was sie hatte fragen wollen. Bedauernd schüttelte er den Kopf. „Nein.“

„Seien Sie gegrüßt, Kommissar Chevalier“, sagte der junge Kellner. „Das Übliche?“

„Ja. Für die Dame auch.“ Er warf ihr einen fragenden Blick zu. „Oder sind Sie Vegetarierin?“

Molly schüttelte den Kopf. Ihr war recht, dass er für sie mitbestellte.

Der Kellner nickte lächelnd und verschwand, um die Bestellung aufzugeben.

„So, Miss Laraway. Was machen Sie beruflich?“

„Ich bin Anwältin.“

Seine Augenbrauen hoben sich.

„Sie wirken überrascht, Herr Kommissar.“

„Aber nein. Ich welchem Bereich sind Sie tätig?“

„Momentan beschäftige ich mich in der Kanzlei, bei der ich angestellt bin, mit Wirtschaftsrecht.“

„Aber Sie würden sich lieber …“

„… auf Strafrecht spezialisieren.“

So etwas hatte Alan offensichtlich erwartet. „Als Strafverteidigerin.“

Molly musterte ihn herausfordernd. „Ja. Ist daran etwas auszusetzen?“

Er ließ den Blick über sie gleiten. „Sie pauken die Leute raus, die ich mühsam hinter Gitter bringen will? Nein, damit habe ich kein Problem.“

Molly schob sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr. „Aber um meinen Beruf geht es ja auch nicht.“

Alan beugte sich vor und faltete die Hände auf dem Tisch. „Sondern um Ihre Schwester.“

Es schien, als hätte er das einen Moment lang vergessen. Unwillkürlich betrachtete Molly seine Hände. Sie wirkten kraftvoll, gepflegt, und die Finger waren dunkel behaart. Sehr männlich und zupackend, stellte Molly fest, räusperte sich und zog einen Notizblock aus der Handtasche.

„Standen Ihre Schwester und Sie sich sehr nahe, Miss Laraway?“

„Bitte sagen Sie Molly.“ Sie legte einen Kugelschreiber neben den Block. „Nein, Claire und ich standen uns leider nie besonders nahe, obwohl man das bei Zwillingen normalerweise annimmt. Aber wir beide waren vollkommen verschieden. Als sie im vergangenen Jahr hierherzog, gab es so gut wie keinen Kontakt mehr.“

Es fiel ihr schwer, das einzugestehen. Claire und sie waren die einzigen Kinder ihrer alleinerziehenden Mutter. Vielleicht hätte sie sich mehr um ihre Zwillingsschwester bemühen sollen – sie mal anrufen oder ihr eine E-Mail schreiben, um sich zu erkundigen, wie es ihr ging.

„Wissen Sie, ob sie eine Beziehung hatte?“

„Nein, keine Ahnung.“ Geknickt ließ Molly den Kopf hängen.

„Aber so etwas müsste eine Schwester, noch dazu eine Zwillingsschwester, doch eigentlich wissen.“

„Haben Sie Geschwister, Kommissar Chevalier?“

Mit dieser Gegenfrage hatte er offensichtlich nicht gerechnet. „Darum geht es hier nicht.“

„Aber darum, wie nahe ich meiner Schwester stand?“

Er musterte sie aus zusammengekniffenen Augen. Dabei wurden Lachfältchen um seine Augen sichtbar. Hatte er braune Augen? Nein, sie waren grün, blattgrün, um genau zu sein.

„Ich dachte, Sie wollten helfen, den Mörder Ihrer Schwester zu fassen.“

Natürlich wollte sie das. Sonst wäre sie wohl kaum hier. Molly atmete tief durch.

Jetzt wurden Appetithäppchen serviert. Alan plauderte kurz mit dem Kellner. Als sie wieder allein waren, wies er auf die Platte mit den Häppchen. „Die sind für uns beide.“

Er griff nach einem Vorspeisenteller und legte zwei Scampi für sie darauf. Dann bediente er sich selbst. „Ich habe drei Schwestern“, erzählte er dann. „Sie sind alle jünger als ich. Was in ihrem Leben los ist, weiß ich auch nicht so genau“, gab er zu.

Molly lächelte erleichtert. „Danke.“

„Schon gut.“ Er widmete sich den kleinen Köstlichkeiten auf seinem Teller, sah dann auf und fragte: „Wann fahren Sie wieder nach Hause?“

Sofort war sie wieder angespannt. Er wollte sie wohl lieber heute als morgen wieder loswerden.

Eindringlich sah er sie an. „Schauen Sie, Miss Laraway, ich weiß, dass Sie es gut meinen, aber Sie können hier wirklich gar nichts tun. Fahren Sie lieber wieder nach Hause und leben weiter wie bisher. Ihre Schwester können Sie nicht mehr zurückholen.“

Molly hielt seinen Blick fest. „Sagen Sie mal, Kommissar Chevalier: Wie viele ungelöste Tötungsdelikte bearbeiten Sie zurzeit?“

Die Frage gefiel ihm ganz und gar nicht.

Schnell griff Molly nach ihrer Brieftasche und zog ein Foto heraus. „Das ist eine Aufnahme von meiner Schwester und mir. Sie zeigt uns bei der Abiturfeier.“ Sie schob ihm das Bild hin. „Bitte sehen Sie es sich an.“

„Miss Laraway …“ Widerstrebend kam er ihrer Bitte nach.

„Mein Zwilling, meine Schwester war ein lebendiger, lebenslustiger Mensch, nicht einfach nur ein Mordopfer.“

Er versuchte, ihr das Foto zurückzugeben.

„Behalten Sie es. Legen Sie es ganz oben auf den Bilderstapel ihrer Leiche.“ Molly verschränkte die Arme. „Je eher Sie begreifen, dass ich hierbleibe, Herr Kommissar, desto eher können wir uns darum kümmern, den Mörder zu schnappen, bevor er das Leben einer weiteren Schwester auslöscht, deren Angehörige sich an Ihre Fersen heften werden.“

Ihre Worte schienen ihn nicht zu berühren. Gelassen saß er ihr weiterhin gegenüber.

Also suchte Molly nach weiteren Argumenten. „Ich bin Anwältin, Herr Kommissar. Ich kenne mich mit Gesetzen aus. Warum machen Sie sich das nicht zunutze? Ich könnte Ihnen Arbeit abnehmen, für die Ihnen die Zeit fehlt. Recherchieren, Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten und natürlich dafür sorgen, dass Sie immer frischen Kaffee auf dem Schreibtisch haben.“

„Sie haben ein persönliches Interesse an dem Fall“, gab er zu bedenken.

„Weshalb ich alles geben werde, um ihn zu lösen.“

Alan lehnte sich zurück. „Frischer Kaffee?“

Sein schiefes Lächeln besänftigte sie ein wenig. Doch dann wurde sie misstrauisch. Wahrscheinlich würde er sie ständig losschicken, um sich um frischen Kaffee zu kümmern. Doch das Risiko musste sie eingehen. „Klar, wenn ich als Gegenleistung im Ermittlungsteam bin.“

„Also gut“, sagte er ruhig. „Natürlich geht das nicht offiziell. Aber Sie haben den Job.“

Ihre Pulsfrequenz beschleunigte sich umgehend.

„Lassen Sie mich ein paar Dinge klarstellen: Ich bin der Boss und bestimme, wie die Ermittlungen zu führen sind. Sie sind meine Untergebene. Selbstverständlich muss das unter uns bleiben. Sollten Sie meinen Anweisungen zuwiderhandeln, ist unser Deal beendet. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

Molly konnte nur sprachlos nicken.

„Gut.“ Er lächelte, blieb jedoch wachsam. „Hier ist meine erste Anweisung: Wir genießen unser Essen, bevor wir uns den unschönen Fakten widmen.“

2. KAPITEL

Ich stand vor dem Tujague und sah Molly Laraway nach. Sie hatte sich die Kostümjacke locker über den Arm gelegt und ging bis zur nächsten Kreuzung, wo sie sich ein Taxi nahm. Die bildhübsche Frau mit dem verführerischen Hüftschwung zog nicht nur meinen Blick auf sich. Auch der Typ, der nach mir das Restaurant verlassen hatte, schien sie mit Blicken zu verschlingen, wie ich unwillig feststellen musste.

Automatisch tastete ich meine Brusttasche nach der Zigarettenschachtel ab. Dann fiel mir ein, dass ich ja schon vor Jahren das Rauchen aufgegeben hatte. Ich war etwas nervös, weil mir die Vorstellung nicht behagte, künftig mit Molly zusammenzuarbeiten.

Sie war unberechenbar und könnte wer weiß was anstellen. Andererseits bewunderte ich ihre Haltung. Und mir war klar, dass sie auf eigene Faust ermitteln würde, um den Mörder ihrer Schwester zu finden, ganz egal, wie ich versuchen würde, sie davon abzuhalten. Da war es besser, wenn ich ein Auge auf sie hatte und mir ihre Energie zunutze machte.

Ich zückte mein Handy. Am besten konnte ich Molly vor etwaiger Gefahr bewahren, wenn ich ihre Aktionen leitete. Vielleicht schwebte sie gar nicht in Gefahr, aber ich wollte eben kein Risiko eingehen.

Wenn wir zusammenarbeiteten, wäre sie stets in meiner Nähe, und ich könnte mich an ihrer Schönheit erfreuen. Allein diese langen Beine … Ich müsste es nur richtig anstellen, dann würde ich mich vielleicht bald zwischen ihnen verlieren. Es gab also keinen Grund, sich zu beschweren.

Ich drückte auf die automatische Kurzwahl für Steven Chan.

„Du rufst jetzt aber nicht wegen der Leiche von heute Morgen an, oder?“

„Ein Versuch war es wert“, antwortete ich.

„Ich bin noch nicht mal dazu gekommen, die Proben auszupacken, Alan.“

„Dann halt dich ran. Ich brauche umgehend die Ergebnisse.“ Ich klappte das Handy zu und entfernte mich in die entgegengesetzte Richtung von Molly.

Molly überprüfte die Adresse, die auf ihrem Notizblock stand. Ein umgebauter Pritschenwagen parkte vor der Haustür. Ein Mann trug gerade einen Karton heraus und schob ihn auf die Ladefläche.

„Entschuldigung“, sagte sie, steckte den Notizblock weg und ging auf den Mann zu. „Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich Joann Bennett finde?“

Der Typ musterte sie misstrauisch. „Wer will das wissen?“

„Ich heiße Molly Laraway und bin Claire Laraways Schwester.“

Da er sie nicht erkannte, hatte er Claire wohl auch nie gesehen.

„Ach, jetzt weiß ich. Joanns ehemalige Mitbewohnerin. Joann ist im Haus.“

Nach einem kurzen Blick auf die vielen Sachen, die sich bereits auf der Ladefläche befanden, bedankte Molly sich und ging hinein.

Die Wohnungstür stand offen. Molly klopfte an den Türpfosten. „Miss Bennett?“

Eine junge Frau mit einem weiteren Karton auf dem Arm kam auf sie zu, vermutlich aus dem Schlafzimmer. Das kleine Wohnzimmer war bereits leergeräumt. Fragend sah sie Molly an und stellte den schweren Karton auf einen anderen. Ihr Gesicht war vor Anstrengung gerötet. „Möchten Sie die Wohnung besichtigen?“

Erschöpft schob sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und wurde bleich, als sie Molly näher betrachtete.

„Ich bin Claires Zwillingsschwester“, erklärte Molly schnell. „Können wir uns kurz unterhalten?“

„Himmel! Im ersten Moment habe ich Sie für Claire gehalten.“

„Das passiert mir in letzter Zeit ständig.“ Molly machte dem Mann Platz, der die nächsten Kartons hinuntertragen wollte. „Ich will Sie gar nicht lange aufhalten, möchte Ihnen nur ein paar Fragen stellen.“

Fragend sah Joann den Mann an. Der zuckte die Schultern. „Okay.“ Sie seufzte. „Leider kann ich Ihnen nichts anbieten. Die Küche ist schon ausgeräumt.“

„Ziehen Sie um?“

„Ja. Es war sehr schwierig, eine neue Mitbewohnerin zu finden. Und dann hat mein Freund mir einen Heiratsantrag gemacht.“ Sie hob die linke Hand.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Molly lächelnd.

„Danke.“ Sie machte ihrem Verlobten Platz, der weitere Kartons hinausbrachte.

„Claire hätte sich bestimmt für Sie gefreut.“

„Vielleicht. Aber Claire hat Nick nie kennengelernt.“

„Dann haben Sie hier wohl kaum Zeit verbracht?“

„Es war eher Claire, die kaum hier gewesen ist. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich weiterpacke, während wir uns unterhalten?“

„Aber nein.“ Molly folgte ihr bis zur Schlafzimmertür. „Dann haben Sie und meine Schwester wohl kaum Kontakt gehabt, oder?“

„Nein, leider nicht.“ Joann wickelte eine Keramikfigur ein und legte sie in einen Karton. „Sie hat ja nur zwei Monate hier gewohnt, bevor sie … gestorben ist.“

Molly fiel ein, dass ihre Mutter ihr die neue Adresse gegeben hatte. „Ist es nicht gefährlich, die Wohnung mit jemandem zu teilen, den man kaum kennt?“

„Aber nein.“ Joann packte weiter. „Während meines Studiums hatte ich insgesamt sieben verschiedene Mitbewohnerinnen. Es gab nie Probleme. Mal abgesehen von zu lauten nächtlichen Aktivitäten oder verschwundenen Schmuckstücken oder Designerklamotten. Aber das war alles halb so wild.“ Sie machte den Karton zu. „Allein kann man die Miete jedenfalls kaum aufbringen. Das wissen Sie sicher selbst.“

Eigentlich nicht, dachte Molly. Direkt nach der Schule hatte sie ein Praktikum in einer Kanzlei gemacht, wo sie anschließend auch in Teilzeit gearbeitet hatte. Während des Studiums stieg sie zur Assistentin auf und fand dann einen Job bei einem Richter am Berufungsgericht. Zwar hatte sie nie im Geld geschwommen, aber die Miete konnte sie immer locker aufbringen. Sie hatte immer allein gelebt.

Joann trug einen vollen Karton an ihr vorbei. „Soll ich den anderen nehmen?“, fragte Molly hilfsbereit.

„Das wäre nett, danke.“

Sie brachten die Umzugskartons ins Wohnzimmer, wo Nick sie ihnen abnahm und hinaustrug.

„Haben Sie beim Packen noch Sachen von meiner Schwester gefunden?“ Molly schob die rutschenden Riemen ihrer Handtasche wieder über die Schulter.

„Gut, dass Sie fragen.“ Joann ging in die Küche und kehrte mit einem Schlüssel zurück, der an einem Ring mit einem rosahaarigen Kobold hing, der einen Tintenfleck im Gesicht hatte.

Molly erkannte ihn sofort. Sie hatte ihn Claire vor Jahren zu Weihnachten geschenkt. Bei einem Telefongespräch einige Tage später hatte Claire ihr geknickt gestanden, dass sie dem kleinen Kobold versehentlich Tinte ins Gesicht geschmiert hatte. Molly hatte damals kaum Notiz davon genommen. Nun griff sie nach dem Schlüssel.

„Keine Ahnung, wozu der gehört“, sagte Joann bedauernd. „In die Wohnungstür passt er nicht. Das habe ich bereits ausprobiert. Und ein Auto hatte Claire nicht.“

„Vielleicht öffnet er die Tür zu Claires vorheriger Wohnung“, spekulierte Molly.

„Ich weiß es nicht. Nick meint, es ist vielleicht ein Schlüssel zu einem Gepäckfach, wie man sie am Busdepot findet. Leider steht keine Nummer darauf.“

Behutsam fuhr Molly über den Schlüsselkopf und entdeckte ein orangefarbenes Plastikstück. Hier war offensichtlich etwas entfernt worden. Auf dem Schlüssel selbst war nur der Name eines bekannten Schlüsselherstellers eingraviert.

„Gibt es vielleicht etwas, was Ihnen nach Claires Tod aufgefallen ist?“, fragte Molly behutsam. „Möglicherweise haben Sie es der Polizei gar nicht mitgeteilt.“

„Nein, ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß.“

Nick kam zurück, um den letzten Umzugskarton zu holen. „Bist du fertig?“, fragte er Joann.

„Ja. Lass mich nur noch einmal durch die Räume gehen. Vielleicht habe ich etwas vergessen.“

Molly und Nick warteten schweigend im Wohnzimmer, während Joann die Schränke in Küche und Badezimmer öffnete und wieder schloss.

„Ich habe alles“, sagte Joann schließlich, als sie sich wieder zu ihnen gesellte.

„Prima, dann schließ ab. Ich warte im Wagen.“ Nick verschwand mit dem letzten Karton.

„Es tut mir wirklich unendlich leid, was Ihrer Schwester passiert ist“, sagte Joann mitfühlend und rieb sich die Arme, auf denen sich eine Gänsehaut gebildet hatte. „Ich mag mir gar nicht vorstellen, was Sie gerade durchmachen.“

„Danke.“ Molly rang sich ein Lächeln ab. „Sagen Sie, wären Sie so nett, mir Ihre neue Adresse mitzuteilen? Falls ich noch Fragen habe.“

Joann zögerte.

„Ich verspreche, mich wirklich nur zu melden, wenn ich sicher bin, dass Sie mir helfen können. Wahrscheinlich werden Sie aber nie wieder etwas von mir hören.“ Molly zog Notizblock und Stift aus der Tasche.

„Also gut.“ Joann griff danach und schrieb ihre Adresse und ihre Handynummer auf.

„Vielen Dank.“ Molly war froh, Joann noch angetroffen zu haben. Gemeinsam verließen sie das Haus. Joann stieg in den Pritschenwagen, winkte ihr zu, und dann fuhr Nick los.

Leiter der Mordkommission zu sein, hatte den Vorteil, nicht allzu viel Zeit im Büro verbringen zu müssen. Wenn allerdings Büroarbeit zu erledigen war, dann fand sie im Großraumbüro statt, das ich mir mit zwölf anderen Kollegen teilte. Ständig klingelten Telefone, ratterten Drucker, diskutierten Mitarbeiter. In einer Ecke versuchte sich einer der jüngeren Mitarbeiter des Rauschgiftdezernats an einer mechanischen Schreibmaschine und fluchte bei jedem Schreibfehler laut vor sich hin.

Wenigstens waren nicht mehr alle Augen auf mich gerichtet. Vor zehn Monaten waren alle Gespräche verstummt, sobald ich mich irgendwo im Polizeipräsidium blicken ließ. Ich hätte eben nicht mit der Ehefrau vom Captain schlafen sollen, auch wenn sie sich getrennt hatten.

Mit der Zeit legte sich die Aufregung. Die Kollegen kümmerten sich wieder um ihre eigenen Angelegenheiten und überließen mich meinem Schicksal. Allerdings liefen wahrscheinlich Wetten, wann der Direktor mich endgültig feuern würde.

Dieser Tag rückte immer näher, je länger ich brauchte, den Mörder dingfest zu machen, der im French Quarter sein Unwesen trieb.

Ich rollte meinen Chefsessel näher an den Schreibtisch, auf dem sich die Aktenberge türmten. Offenbar waren sie ins Wanken geraten und auf den Boden gefallen. Jemand war so freundlich gewesen, sie aufzuheben, hatte dadurch aber ein noch größeres Chaos angerichtet. Nicht eine Akte war da, wo sie hätte sein sollen.

Missvergnügt wühlte ich mich durch die Stapel. Die Hoffnung, irgendwo zwischen den Aktendeckeln einen Anhaltspunkt zu finden, der mich auf die Spur des Mörders von Claire Laraway und Frederique Arkart bringen könnte, konnte ich mir wohl abschminken.

Das Telefon auf meinem Schreibtisch klingelte. Ich ignorierte es.

„Chevalier! Ein Anruf auf Leitung zwei“, rief einer der Nachwuchspolizisten.

„Nimm eine Nachricht entgegen!“

„Das fehlte noch. Bin ich deine Sekretärin?“

Ich warf ihm einen finsteren Blick zu und fragte mich, seit wann er so frech war. Eigentlich hatte er es bisher jedem recht machen wollen.

Wütend nahm ich den Hörer ab. „Was ist?“, knurrte ich.

„Alan?“

Es war eine Frauenstimme. Genauer gesagt, die Stimme der ältesten meiner drei Schwestern, Emilie.

Ich atmete tief durch. „Es passt gerade nicht, Em. Kann ich dich zurückrufen?“

„Normalerweise wäre das kein Problem. Aber in diesem Fall muss ich sofort mit dir sprechen.“

Jetzt wäre eine Tasse Kaffee gut. Müde rieb ich mir die Stirn. „Was ist denn los?“

„Zoe ist vor zwei Tagen aus dem Studentenwohnheim verschwunden.“

Mir fuhr der Schreck in die Glieder.

Zoe war meine jüngste Schwester. Inzwischen war sie einundzwanzig und fühlte sich schon sehr erwachsen. Vor langer Zeit hatten Em und Laure mich davon überzeugt, dass sie sich nach dem Tod unserer Eltern um sie kümmern könnten. So ersetzten sie Vater und Mutter. Zoe war damals erst elf gewesen. Statt sich mit ihren eigenen Problemen auseinanderzusetzen, konzentrierten Em und Laure sich lieber darauf, alles für die kleine Schwester zu tun. Das lenkte sie wohl von ihrem eigenen Kummer ab.

„Woher weißt du das, Em?“

„Ich habe mit ihrer Mitbewohnerin gesprochen.“

„Hat die eine Idee, wo Zoe stecken könnte?“

„Nein. Zoes Reisetasche ist noch da, und sonst scheint auch nichts zu fehlen.“

„Chevalier? Ein Gespräch auf Leitung vier“, rief mir ein anderer Nachwuchspolizist zu.

Ich biss die Zähne zusammen.

„Es sieht Zoe überhaupt nicht ähnlich, einfach so zu verschwinden“, sagte Em besorgt. „Normalerweise sagt sie uns Bescheid, wo sie ist und was sie vorhat.“

Sie hatte recht. Wir alle hatten Zoe schon früh eingeschärft, wie wichtig es war, Kontakt zu halten, damit wir wussten, wo sie war. Daran hatte sie sich gehalten. Nur ein Mal nicht. Mit fünfzehn war sie mit einem Freund ins Kino gegangen, ohne etwas zu sagen. Einsatzkräfte hatten daraufhin mit gezückten Waffen den Kinosaal gestürmt und Zoe umstellt.

„Ich komme heute Nachmittag vorbei“, versprach ich und legte den Hörer auf. Dann griff ich nach meiner Dienstmütze und wollte los – insgeheim froh, dass ich dem Chaos auf meinem Schreibtisch entkommen konnte.

„Ihr Anruf auf Leitung vier“, erinnerte mich der junge Polizist.

Ergeben griff ich erneut nach dem Hörer und drückte die Vier. „Was ist?“

Stille. Gut, der Anrufer hatte aufgelegt.

„Alan?“

Ich hatte mich zu früh gefreut. Wieder war es eine Frauenstimme. Sie gehörte zu einer Person, von der ich nie wieder etwas hören wollte: Captain Seymour Hodges Ehefrau Astrid.

Die Frau war völlig durchgeknallt.

Aber ich traute mich nicht, einfach aufzulegen, denn sie hatte mich in der Hand.

„Hallo. Wie geht’s?“, erkundigte ich mich lahm und sah mich unauffällig um. Doch niemand schien zu bemerken, wie gestresst ich plötzlich war. Wie durch einen Nebel nahm ich die Aktenberge wahr und überlegte, was in aller Welt mich geritten hatte, mich mit dieser Frau einzulassen, die mich in größte Schwierigkeiten gebracht hatte.

„Entschuldige, Alan. Eigentlich wollte ich dich nicht anrufen, aber ich musste es einfach tun.“

Ich zog die Schreibtischschublade auf und suchte nach Tabletten gegen die Kopfschmerzen, die mich schon den ganzen Tag plagten und sich gerade immens verschlimmert hatten.

„Ich wollte wissen, wie es dir geht“, sagte Astrid.

„Wir waren uns doch einig, dass es keine gute Idee ist, wieder Kontakt aufzunehmen.“ Auch nur mit ihr zu sprechen, würde das Ende meiner Karriere bedeuten, hatte ich behauptet.

Leider war das nicht einmal übertrieben gewesen.

„Ich will dich sehen.“

„Ausgeschlossen.“

„Ich rufe so lange an, bis du zu mir kommst.“

Ich zuckte zusammen. „Tu, was du nicht lassen kannst“, sagte ich und legte den Hörer auf. Natürlich wusste ich, dass auch das keine gute Idee gewesen war.

Molly saß mitten auf ihrem Hotelbett. Sie hatte geduscht, sich in einen Bademantel gehüllt und das Haar unter ein Handtuch gesteckt. Es war früher Abend.

Vor ihr auf dem Bett ausgebreitet lagen Claires Sachen aus dem Karton, den Akela Brooks ihr übergeben hatte. Mollys Augenmerk lag auf dem Tagebuch ihrer Schwester. So recht konnte sie sich aber nicht auf die Lektüre konzentrieren, denn immer wieder wurde sie von dem Schlüssel in ihrer Hand abgelenkt. Außerdem musste sie immer wieder an das Mittagessen mit Alan Chevalier denken. Am liebsten hätte sie ihn angerufen, um ihm von dem Fund zu berichten.

Doch sie hatten sich ja für den nächsten Abend sowieso in einer Bar in der Bourbon Street verabredet, um neue Erkenntnisse auszutauschen. Allerdings befürchtete Molly, dass von Alan wohl nur wenig kommen würde. Stattdessen würde er sie auffordern, ihm den Schlüssel sofort auszuhändigen. Dann würde sie nie herausfinden, in welches Schlüsselloch er passte. Wo sollte sie mit der Suche beginnen? Am besten am Busdepot. Leider war die Nummer von dem Schlüssel entfernt worden. Ob es auch am Flughafen Schließfächer gab?

Vielleicht findet sich das passende Schloss aber auch in Toledo, überlegte Molly, platzierte den Schlüssel auf dem Nachttisch und rieb sich den linken Fuß. Sie war fast den ganzen Tag auf den Beinen gewesen. Kein Wunder, dass ihre Füße schmerzten. Auf dem Weg zum Hotel hatte sie sich daher bequeme, flache Schuhe besorgt. Außerdem zwei legere Hosen und leichte Blusen. Das wäre wohl die passendere Arbeitskleidung für die kommenden Tage. Ein sexy knallrotes Kleid hatte sie sich auch noch geleistet Eigentlich erinnerte es mehr an einen Unterrock und fühlte sich auf ihrer nackten Haut wie ein Hauch von Nichts an.

So ein impulsiver Kauf sah ihr gar nicht ähnlich, und die Wahl eines so aufreizenden Kleides erst recht nicht. Normalerweise trug sie nur praktische Sachen. Es musste am Flair dieser Stadt liegen.

Claire hätte sie schon eher zugetraut, sich einen sexy Fummel zu leisten und ihren Kreditrahmen zu sprengen. Einkaufen ist therapeutisch, hätte sie fröhlich behauptet.

Molly hatte nicht nachvollziehen können, dass man etwas kaufte, was man nicht brauchte. Nun war ihr das selbst passiert. Wieso nur?

Vielleicht, weil sie Alans Gesicht sehen wollte, wenn sie es trug.

So ein Unsinn! Sie stand auf. Der ausgebrannte Kommissar interessierte sie überhaupt nicht! Sie war das typische Mädchen von nebenan, wohingegen er etwas Düsteres an sich hatte. Besonders ehrgeizig schien er auch nicht zu sein, aß aber gern gut. Sie selbst hatte sich eine Liste von fünfzig Dingen aufgeschrieben, die sie vor ihrem dreißigsten Geburtstag erledigt haben wollte. Anziehungskraft und Körperlichkeit waren ihr nicht so wichtig, ihm hingegen schon, was man ihm auch deutlich anmerkte.

Und sie reagierte darauf. Oh nein! Der Kommissar fand sie anziehend. Sein Blick beim Essen vorhin war eindeutig gewesen.

Geistesabwesend räumte sie das Zimmer auf. Bisher hatte es sie eher überrascht, wenn sich ein Mann für sie interessierte. Natürlich wusste sie, dass sie hübsch war. Aber im Mittleren Westen zeigte man seine wahren Gefühle nicht. Vielleicht hatte das etwas mit Stolz zu tun. Außerdem hatte sie kein Gespür für die Gefühle ihrer Mitmenschen. Sie kannte sich ja nicht einmal mit ihren eigenen aus.

Heute war ihr allerdings auch ohne Kenntnisse in Soziologie und Verhaltensforschung sonnenklar gewesen, dass Alan Chevalier sie attraktiv fand. Und sie ihn …

Fragte sich nur, was sie daraus machte. Das war ganz allein ihre Entscheidung. Auch das hatte Alan ihr klar und deutlich zu verstehen gegeben. Er war offen und ehrlich und verstellte sich nicht.

Molly fand das sehr anziehend. Auch Claire hatte man immer angesehen, was sie dachte und fühlte. Die Zwillinge waren sich früher immer sehr nahe gewesen. Das mochte teilweise daran liegen, dass ihre Mutter emotional unerreichbar für sie gewesen war, denn sie hatte es sehr schwer gehabt im Leben. Damals war sie noch in der Schule gewesen, als sie ungewollt schwanger geworden war. Statt sie zu unterstützen, hatten ihre Eltern sie im Stich gelassen.

Später waren Claire und Molly dann auseinandergedriftet. Doch als Kinder hatten sie stets zusammengehalten.

So eine enge Verbindung konnte sie sich auch mit Alan vorstellen. Dieser Wunsch war fast so groß wie das Bestreben, den Mörder ihres Zwillings zu finden.

Meine Schwestern standen bei mir an erster Stelle. Manchmal hatte ich aber auch das Gefühl, versagt zu haben.

Das ist ganz normal, hatte mir die Psychologin in meiner Dienststelle vor Jahren mal versichert. So ginge es den meisten Eltern mit ihren Kindern. Meine familiäre Situation war damals natürlich nicht der Grund des Gesprächs, sondern die Tatsache, dass ich auf einen Minderjährigen geschossen hatte, weil ich dachte, er hätte eine Schusswaffe in der Hand gehalten. Die Waffe entpuppte sich dann als Wasserpistole.

In dem Gespräch hatte die Psychologin dann schnell erkannt, dass es Konflikte bei mir zu Hause gab.

Im Alter von sechsundzwanzig Jahren war ich gezwungen gewesen, für meine drei Halbschwestern die Vaterrolle zu übernehmen. Das war jetzt zehn Jahre her. Damals waren meine Schwestern sechzehn, dreizehn und elf Jahre alt. Autodiebe hatten es auf den Wagen meines Vaters abgesehen. Ihm war sein gebrauchter Mercedes wichtiger gewesen als sein Leben und das seiner Frau – meiner Stiefmutter.

Diese Tragödie hatte mich dazu bewogen, bei der Mordkommission zu arbeiten statt als Streifenpolizist.

Die Familie meines Vaters gehörte zu den ersten Siedlern in New Orleans. Tatsächlich hatte Jefferson persönlich meinen Ururgroßvater Anfang des 19. Jahrhunderts zum Richter ernannt. Mein Vater war sich der bedeutsamen Stellung seiner Familie sehr bewusst und sagte immer, wir würden eine besondere Verantwortung tragen. Ich teilte diese Meinung nicht, zumal meine eigene Mutter in der Bourbon Street als Stripperin gearbeitet hatte, als mein Vater sie kennenlernte. Als ich vier war, pfiff sie auf seine vornehme Abstammung und verließ ihn und mich.

Nach dem Tod meines Vaters und seiner zweiten Frau zog ich also wieder in die riesige Villa, die im Familienbesitz war, seit meine Vorfahren von Boston nach Louisiana gezogen waren.

Vor genau diesem Haus stand ich nun mit gemischten Gefühlen. Emilie und Laure bewohnten es nach wie vor. Emilie hatte vor zwei Jahren geheiratet und war nun selbst Mutter. Zoe dagegen hatte nicht schnell genug ausziehen können. An ihrem achtzehnten Geburtstag war sie in ein Studentenwohnheim in Tulane gezogen. In der Beziehung ähnelten wir uns. Auch ich war so schnell wie möglich hier ausgezogen. Dann war ich gezwungen gewesen, wieder einzuziehen, weil ich zum Vormund meiner minderjährigen Schwestern bestimmt worden war und mich um sie kümmern musste.

„Da bist du ja. Dem Himmel sei Dank.“ Emilie hatte sofort auf mein Klopfen reagiert und bat mich herein. „Ich habe noch nichts von Zoe gehört. Sie meldet sich auch nicht am Handy. Laure hat sich in Zoes Freundeskreis umgehört, aber nichts erfahren.“

Das schien nicht Emilies einziges Problem zu sein. Sie hatte sich den einjährigen Henri auf die Hüfte gesetzt. Das Gesicht des Kleinen war gerötet und feucht von Tränen.

Emilie ging in die Küche. Hier hatten wir immer viel Zeit verbracht. Ihr Mann James schmierte Brote. Laure telefonierte.

Ich legte meine Dienstmütze auf den Esstisch, an dem sechs Personen Platz hatten, und zog den Trenchcoat aus, bevor ich Henri in Empfang nahm, den Emilie mir in die Arme drückte.

„Er zahnt“, erklärte sie mir.

Ich setzte den Jungen auf die Arbeitsplatte, wusch mir im Spülbecken daneben rasch die Hände und nahm meinen Neffen wieder auf den Arm.

Laure beendete das Telefonat und sah mich an. „Kannst du ihr Handy orten?“

„Nur wenn sie den Anruf annimmt.“

Henri kaute auf meinem Zeigefinger. Ich zuckte vor Schmerz zusammen. Einige Zähnchen mussten schon durchgebrochen sein.

Zoe war von allen drei Schwestern am selbstständigsten. Die älteren litten noch immer unter dem Trauma, die geliebten Eltern verloren zu haben.

Plötzlich waren alle Augen auf mich gerichtet. Auch die großen blauen Babyaugen.

„Was ist?“

Laure fuchtelte ungeduldig in der Luft herum. „Was hast du eigentlich seit Emilies Anruf heute Morgen unternommen?“

Ich zog die Augenbrauen hoch. Eigentlich hatte ich gar nichts unternommen. „Zuerst wollte ich mal nähere Einzelheiten von euch hören“, antwortete ich.

„Die hatte ich dir doch schon am Telefon mitgeteilt.“ Sie nahm mir Henri wieder weg, als wäre er ein Geschenk, das sie jetzt zurückhaben wollte.

James und ich wechselten einen vielsagenden Blick. Dann schmierte der junge Ehemann weiter Brote.

„Was ist denn inzwischen geschehen? Hast du eine Suchmeldung rausgegeben? Warst du im Studentenwohnheim?“

„Da seid ihr sicher schon gewesen, oder?“

„Natürlich. Aber ohne Dienstmarke konnten wir wenig ausrichten.“

„Zoe würde es sicher nicht gefallen, wenn ich auf dem Campus meine Dienstmarke vorzeigen würde.“

„Das ist mir egal. Hauptsache, ihr ist nichts passiert.“

Laure schauderte es bei dem bloßen Gedanken, Zoe könnte etwas passiert sein.

Ich schob mir eine Scheibe Salami in den Mund. „Nun mal ganz ruhig. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sie sich nicht gemeldet hat. Zwei Tage? Das muss nichts heißen.“

„Und was ist, wenn sie entführt worden ist?“, fragte Emilie ängstlich. Ihre Angst musste sich auf Henri übertragen haben, denn der Kleine fing an zu weinen.

James nahm seinen Sohn auf den Arm und murmelte, er würde Henri frisch wickeln. Unbemerkt von seinen Schwestern verließ er die Küche.

„Wäre sie entführt worden, hätte es längst eine Lösegeldforderung gegeben“, sagte ich.

Prompt klingelte das Telefon.

Laure und Emilie rasten los, um den Hörer abzunehmen., während ich in ein Sandwich biss. Seit dem Mittagessen waren Stunden vergangen, und ich hatte Hunger.

„Hallo?“ Laure hatte das Wettrennen gewonnen. Offensichtlich war es kein Entführer, denn sie entspannte sich sichtlich. „Grüß dich, Rose. Nein, wir haben noch nichts gehört. Ich muss die Leitung frei halten, falls … Zoe anruft. Sowie ich etwas weiß, melde ich mich bei dir. Versprochen.“ Sie legte auf und sah mich an.

So leicht haute mich nichts um. Aber zwei Frauen, die mich anstarrten, als würde ich gleich die Lösung aus dem Ärmel schütteln, setzten mir zu.

„Also gut, ich kümmere mich darum“, sagte ich widerstrebend.

Emilie drückte mich, und Laure wirkte sehr erleichtert. Mir war nicht ganz wohl dabei. Wo war nur die Zeit geblieben? Mir kam es vor, als hätte ich erst gestern Laure bei den Hausaufgaben geholfen, während Emilie der kleinen Zoe Zöpfe hier in der Küche geflochten hatte, auf dem Herd Gumbo köchelte und Zydeco oder Jazz im Kofferradio spielte.

Gestern lag bereits zehn Jahre zurück.

„Danke, Al“, flüsterte Emilie und legte ihre weiche Wange an meine stoppelige.

„Wahrscheinlich bringt es sowieso nichts. Unsere rebellische kleine Schwester meldet sich bestimmt, bevor ich etwas in Erfahrung bringen kann.“

„Hoffentlich“, sagte Laure.

Das Telefon klingelte schon wieder. James kehrte mit dem noch immer weinenden Baby zurück, und Emilie dekorierte die belegten Brote auf einer Platte.

Laure nahm den Anruf an. „Hallo, Valerie. Nein, noch nicht. Ja, er ist jetzt hier.“

Meine Exfrau.

Ich fuhr mir übers Gesicht, um meinen Ärger zu verbergen. „Ihr habt Valerie angerufen?“

„Wieso überrascht dich das?“ Em musterte mich erstaunt. „Ihr seid zwar geschieden, aber Val gehört immer noch zur Familie.“

„Nein“, sagte Laure am Telefon. „Wir wollten gerade anfangen, die Krankenhäuser anzurufen.“

Unwillkürlich sah ich meinen leblosen Vater vor mir, der hinter einem Vorhang in der Notaufnahme gelegen hatte. Nun beschlich mich doch die Furcht, die Sorge meiner Schwestern könnte berechtigt sein.

3. KAPITEL

„Anscheinend verfügen Sie über gute Beziehungen, Miss Laraway.“

Molly überlegte, ob das Lächeln des Staatsanwalts Bill Grissom ernst gemeint war. Seine Worte waren es jedenfalls. Sie hatte den größten Teil des Morgens am Telefon verbracht, um herauszufinden, ob jemand von ihrer Kanzlei in Toledo über Kontakte in New Orleans verfügte. Sie hatte Glück. Die Familie der Ehefrau einer der Juniorpartner stammte aus New Orleans, und sein Schwiegervater war ein bekannter Richter in Jefferson Parish.

Nach einigen weiteren Telefonaten stand sie im Büro des Staatsanwalts und schüttelte ihm die Hand. „Haben Sie eine Idee, womit ich Richter Giroux eine Freude machen könnte?“

Grissom lachte amüsiert. „Ein guter Bourbon wäre ihm sicher willkommen.“

„Danke für den Tipp.“

„Nehmen Sie doch bitte Platz.“

Als sie der Aufforderung nachkam, ging er um den Schreibtisch herum und setzte sich ebenfalls.

„Wie kann ich Ihnen helfen, Miss Laraway?“

„Ich würde gern wissen, welche Informationen Sie im Fall meiner ermordeten Schwester haben.“

Er faltete die Hände auf dem Schreibtisch. „Als ich Ihren Nachnamen hörte, befürchtete ich schon, dass es darum ging.“ Bedauernd schüttelte er den Kopf. „Es tut mir wirklich leid, aber selbst wenn Sie mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten verwandt wären, dürfte ich Ihnen dazu keine Informationen anvertrauen.“

Molly runzelte die Stirn. „Ich versichere Ihnen, Mr. Grissom, dass ich mich nicht auf einem Rachefeldzug befinde. Mir geht es darum, den Mörder meiner Schwester vor Gericht zu bringen.“

Der Staatsanwalt hielt ihrem Blick stand.

„Mir ist bekannt, dass ursprünglich ein Claude Lafitte wegen des Tatverdachts verhaftet wurde.“

„Ja, und er wurde prompt wieder auf freien Fuß gesetzt.“

„Warum?“

Er lächelte nachsichtig. „Weil wir festgestellt haben, dass er die Tat nicht begangen haben konnte.“

„Und wo sind die Beweise dafür?“

„In meiner Akte.“

„Heißt das, Sie ermitteln gegen einen anderen Tatverdächtigen?“ Gespannt wartete Molly auf die Antwort.

„Nicht per se. Aber die Indizien deuten in eine andere Richtung.“

„Also gibt es zurzeit keinen anderen Verdächtigen“, stellte sie fest.

„Das haben Sie richtig erkannt.“ Er umfasste die Armlehnen seines Chefsessels und lehnte sich zurück. „Sie hatten ja wohl schon Kontakt zum mit dem für den Fall zuständigen Ermittler.“

„Alan Chevalier. Ja, das stimmt.“

„Und? War er entgegenkommend?“

„Gewissermaßen … ja.“

Das schien den Staatsanwalt zu überraschen. „Na, sehen Sie. Dann ist er wohl eher Ihr Ansprechpartner. Zumal alle Informationen zuerst bei ihm landen, bevor die Staatsanwaltschaft davon erfährt. Und erst wenn wir einen Tatverdächtigen haben …“

„Ich verstehe.“ Molly stand auf. „Trotzdem hielt ich es für eine gute Idee, mich bei Ihnen zu melden, damit Sie wissen, dass ich hier vor Ort bin und meine Hilfe anbiete.“

„Das ist gut zu wissen.“

Sie schüttelte ihm die Hand. „Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben.“ Sie verließ das Büro des Staatsanwalts und atmete tief durch. Natürlich hatte er gemauert. Und doch hatte sie mehr von ihm erfahren als von Alan Chevalier. Claude Lafitte war also wieder aus der Untersuchungshaft entlassen worden, weil die Indizien in eine andere Richtung gezeigt hatten. Was für Indizien waren das? In welche Richtung zeigten sie?

Zu dem Termin mit dem Staatsanwalt hatte sie ihr Wollkostüm getragen. Sie beschloss, ins Hotel zurückzukehren, um sich umzuziehen. Bei der Gelegenheit wollte sie auch FBI-Agentin Akela Brooks anrufen. Vielleicht konnte die ihr die beiden Fragen beantworten. Dann hätte sie vor der Verabredung mit Alan in der Bar schon etwas in der Hand.

„Kommissar Chevalier? Ich habe hier einen weiteren Notruf für Sie. Ich verbinde.“

Wütend hätte ich am liebsten das Handy zerstört. Das war der sechste Anruf in drei Stunden! Offensichtlich hielt Astrid sich an ihr Versprechen, mich so lange mit Anrufen zu bombardieren, bis ich nachgab und ihr einen Besuch abstattete.

Bei meinem letzten, sehr unerfreulichen Gespräch mit ihr hatte sie gesagt, sie würde mich in Ruhe lassen, aber sie müsste mich unbedingt sehen.

Ich traute ihr jedoch nicht über den Weg.

Schnell machte ich mich vom Revier auf den Weg zu meinem Wagen und stieg ein. Wenigstens hatte sie bei den Anrufen in der Notrufzentrale ihren Namen nicht genannt. Zumindest etwas. Doch das konnte sich auch schnell ändern. Astrid Hodge gehörte zu den Frauen, die immer bekamen, was sie wollten. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund wollte sie mich.

„Hallo, Alan.“

Ihr selbstzufriedener Tonfall machte mich sofort nervös.

„Dir ist schon klar, dass deine Festnetznummer zurückverfolgt werden kann, oder? Was wohl dein Ehemann dazu sagen wird, wenn er sich die nächste Telefonrechnung ansieht.“

„Ich rufe von meinem eigenen Handy an. Und an die Rechnung kommt er nicht heran.“

Damit machte Astrid sich nur noch verdächtiger.

„Wann besuchst du mich, Alan?“

„Gar nicht. Ich hänge an meinem Job.“

Unwirsch schnalzte sie mit der Zunge. „Mehr als an mir“, stellte sie fest.

„Wesentlich mehr als an dir“, bekräftigte ich.

„Das verletzt mich.“

„Du hast mich in den vergangenen zehn Monaten wesentlich mehr verletzt, Astrid.“

„Aber wir wollten es doch beide.“

Da war ich mir nicht mehr so sicher. Anfangs hatten wir beide unseren Spaß. Aber dann hatte sie ihrem Mann – meinem Vorgesetzten – eines Nachts „versehentlich“ von unserer Affäre erzählt. Seitdem fragte ich mich, ob ich in eine perfide Sexfalle getappt war, die Astrid aufgestellt hatte, um ihr Eheleben wieder spannender zu machen.

„Gib es auf, Astrid. Ich werde nicht zu dir kommen.“ Bevor sie widersprechen konnte, hatte ich den Anruf beendet.

Eine ganze Weile saß ich reglos in meinem Wagen. Ich konnte nur hoffen, dass sie den Telefonterror jetzt endlich beenden würde. Insgeheim war mir klar, dass sie so lange weitermachen würde, bis sie ihren Willen bekam und ich sie besuchte.

So gut war der Sex gar nicht gewesen.

Ich ließ den Motor an, legte den Gang ein und fuhr los. Mein Ziel: das Hotel Josephine. Ich hatte einen anonymen Tipp erhalten, dass der einzige Hotelgast nicht war, was er vorgab zu sein. Die Hotelbesitzerin Josie Villefranche hatte mir gesagt, Drew Morrison würde an einem Kongress in der Stadt teilnehmen.

Es stellte sich jedoch nach einigen Telefonrecherchen heraus, dass der Typ nicht ganz so harmlose Absichten hatte. Zwar war er zum im Marriott stattfindenden Kfz-Zubehörkongress angemeldet, aber seine berufliche Tätigkeit erstreckte sich noch auf einen ganz anderen Bereich. Er überredete Menschen dazu, sich von ihrem Besitz zu trennen, auch wenn sie ursprünglich gar nicht verkaufen wollten. Er war in New Orleans, um Josie dazu zu bewegen, ihr Hotel zu verkaufen.

Das allein machte ihn nicht verdächtig. Zumal der Mörder im French Quarter zuerst vor mehr als zwei Wochen zugeschlagen hatte. Sein erstes Opfer war Mollys Zwillingsschwester gewesen. Trotzdem sollte man diesen Mr. Morrison mal genauer unter die Lupe nehmen. Möglicherweise hatte er noch weitere Lügen aufgetischt.

Das Handy meldete sich schon wieder. Wie ich dieses Ding hasste! Vor nicht allzu langer Zeit konnte man lästigen Anrufen entkommen. Außerhalb des Büros war man nicht zu erreichen gewesen. Punkt.

Wenn diese verdammten Dinger wenigstens noch wie ein Telefon geläutet hätten …

„Was ist?“, bellte ich ins Handy.

„Alan?“

Meine Exfrau.

Molly hatte sich am Nachmittag um drei Uhr mit FBI-Agentin Akela Brooks am Jackson Square verabredet. In einer Woche war Halloween – ein Großereignis in der Stadt, das fast so viele Touristen anzog wie Mardi Gras. Schon jetzt tummelten sich die Menschen vor den Sehenswürdigkeiten. Überall hingen Plakate, auf denen der Beginn der Festivitäten angekündigt wurde. Heute gingen sie los.

Eine Clique von fünf als Vampire verkleideten jungen Leuten drängte sich an ihr vorbei – die Gesichter weiß, die schwarzen Umhänge flatterten in der leichten Brise.

Molly gruselte es.

„Jeder so, wie er mag, oder?“

Sie wandte sich schnell um, als sie hinter sich Akelas Stimme hörte. Molly lächelte erfreut. Sie hatte Akela Brooks kennengelernt, als die ihr den Karton mit Claires Sachen übergeben hatte. Die junge Frau war ihr sofort sympathisch gewesen. Sie war geradlinig, direkt und freundlich. Molly rechnete es ihr hoch an, Claires Sachen aufbewahrt zu haben, obwohl die Mutter der Zwillinge sie nicht hatte entgegennehmen wollen. Das sprach Bände.

„Danke, dass Sie gekommen sind, Akela.“

„Gern geschehen.“ Akela warf einen Blick über ihre Schulter. „Wollen wir uns einen Kaffee holen und uns unterwegs unterhalten?“, schlug sie mit Blick auf das Café du Monde vor.

„Gute Idee.“

Also stellten sie sich in die Schlange. Schließlich reichte Akela Molly einen Becher Kaffee und einen mit Puderzucker bestäubten Beignet.

„In New Orleans müssen Sie einen Beignet vom Café du Monde probieren. Das ist sozusagen Pflicht“, scherzte Akela.

Lächelnd nahm Molly das köstlich duftende Gebäck entgegen.

„Was haben Sie denn nun auf dem Herzen?“, fragte Akela, als sie den Platz überquerten.

„Ich hatte heute Morgen einen Termin beim Staatsanwalt.“

„Bei Grissom?“

„Genau. Er erwähnte, dass Claude Lafitte aus der U-Haft entlassen wurde, weil es Indizien gibt, die ihn entlasten und in eine andere Richtung deuten.“

Abwartend widmete sich Akela Kaffee und Beignet und blieb stumm.

Also fuhr Molly fort. „Ich habe auch gehört, Sie hätten ein persönliches Interesse an dem Fall.“

Akela seufzte ergeben. „Das ist wohl kein Geheimnis.“

Molly zupfte eine Ecke des französischen Berliners ab und schob sie in den Mund. „Offensichtlich nicht“, antwortete sie schließlich. „Es stand in der Zeitung. Times-Picayune, glaube ich.“

„Stimmt, Molly. Ich habe ein persönliches Interesse. Mir ist es genauso wichtig wie der Polizeidirektion von New Orleans, den Mörder dingfest zu machen, der im French Quarter sein Unwesen treibt. Wenn nicht sogar noch wichtiger.“

„Arbeiten Sie an dem Fall mit?“

„Ja, aber inoffiziell. Claude wird erst als unschuldig betrachtet, wenn der tatsächliche Mörder gefasst ist.“

„Dann sind die Indizien, die in eine andere Richtung weisen, also nicht sehr belastbar“, spekulierte Molly.

„Immerhin belastbar genug, um Claude aus der U-Haft zu entlassen. Aber vorläufig bleibt er dennoch auf der Liste der Verdächtigen.“

„Verstehe.“ Molly blinzelte in der blendenden Sonne. „Würden Sie mir verraten, um welche Indizien es sich handelt?“

Akela verzog das Gesicht. „Normalerweise bin ich nicht so zurückhaltend, aber es ist mein einziges Ass im Ärmel.“ Sie hatte ihren Beignet verspeist und wischte sich die Hände an einer Papierserviette ab. „Wissen Sie schon, dass es einen weiteren Mord im French Quarter gegeben hat?“

Molly hätte sich fast verschluckt und musterte Akela entsetzt.

„Es stand heute Morgen in den Zeitungen. Auch im Fernsehen wurde darüber berichtet.“

Sie war so beschäftigt gewesen, dass sie nicht dazu gekommen war, Zeitung zu lesen, und den Fernseher in ihrem Hotelzimmer hatte sie auch nicht eingeschaltet. Den ganzen Tag hatte sie versucht, Hinweisen auf den Mord an ihrer Schwester auf die Spur zu kommen.

Jetzt gab es einen weiteren Mord und damit auch mehr Indizien.

„Chevalier hat Claude heute Morgen dazu verhört. Aber ich glaube, es war ein reiner Routinebesuch.“

„Wie kommen Sie darauf, Akela?“

„Na ja, ich hatte den Eindruck, dass er keinen Zusammenhang zwischen den beiden Mordfällen sieht, obwohl sie im selben Hotel und nach der gleichen Methode verübt wurden.“

„Der Hals des Opfers wurde …“

„… aufgeschlitzt.“

„Wann ist das passiert?“

„Gestern Morgen.“

Dann musste Alan bereits davon gewusst haben, als er sich mit ihr zum Mittagessen getroffen hatte. Ihr wurde übel. Ihr war klar, dass er sie nicht umfänglich an seiner Arbeit teilhaben ließ. Aber ihr den neuen Mordfall zu verschweigen war ja wohl das Allerletzte!

Wenn er allerdings keinen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen sah, wie Akela vermutete, dann könnte sie sein Schweigen nachvollziehen.

Wie auch immer, heute Abend erwartete sie, dass er sie ins Vertrauen zog. Jedenfalls würde sie alles daransetzen.

Drew Morrison, der einzige Gast im Hotel Josephine, hatte nichts mit dem Mord an Frederique Arkart zu tun. Da war ich mir sicher. Also hatte ich jetzt zwei Morde in dem Hotel, aber keinen einzigen Tatverdächtigen.

Ich fuhr durch die engen Gassen des French Quarter, und zwar in eine Richtung, die mir alles andere als lieb war. Gleichzeitig warf ich einen Blick aufs Handy. Das ließ ich bei einem Verhör immer im Wagen, damit es nicht im unpassendsten Moment klingelte und ich dadurch aus dem Konzept kam.

Ich hatte meine Verhörtechnik nämlich zu einer Kunstform entwickelt, mit der ich alles aus einem Tatverdächtigen herauskitzelte, was ich wissen wollte. Es war eine bestimmte Art, Fragen zu formulieren und Kunstpausen einzulegen. Auf diese Weise erhielt ich Informationen, die mir sonst vorenthalten worden wären. Am Anfang meiner Karriere war ich sehr stolz auf dieses Talent gewesen. Inzwischen war es nur noch Routine. Ich machte mir mehr Sorgen um die Schatten der Vergangenheit, die mich eher runterzuziehen drohten als das, was vor mir lag.

Zwei SMS aus dem Präsidium zu eingegangenen Notrufen, während ich im Hotel Josephine gewesen war. Wahrscheinlich von Astrid. Meine Schwestern hatten meine Handynummer, die brauchten nicht über die Vermittlung zu gehen. Als ich an einer Kreuzung warten musste, warf ich schnell einen Blick auf die anderen Anrufe. Einer war von meiner Exfrau. Vermutlich ging es um Zoe.

Entnervt warf ich das Handy auf den Sitz und fuhr weiter. Ich hatte nichts gegen Valerie, trotz der Scheidung kamen wir gut miteinander aus. Val behauptete immer, ich hätte während unserer Ehe keine Gefühle gezeigt. Keine Ahnung, ob sie recht hatte. Ich bin schließlich kein Psychologe. Und dann unterstellte sie mir, ich hätte sie nur geheiratet, weil ich eine Mutter für meine Schwestern gesucht hatte. Darin steckte allerdings ein Körnchen Wahrheit. Doch das hätte ich natürlich niemals zugegeben. Dann hätte ich mich ja als Schuft outen müssen. Man heiratete schließlich aus Liebe und nicht aus anderen Beweggründen, oder?

Valerie war ein echter Hingucker: groß, brünett, wahnsinnig sexy, und sie hatte ein großes Herz, in das sie meine Schwestern schon bei ihrem ersten Besuch in der Villa geschlossen hatte. Ich hatte damals so viel um die Ohren gehabt, dass ich gar nicht richtig dazu gekommen war, Val den Hof zu machen. Sie nistete sich einfach in meinem Leben ein, so wie der Parfümduft einer Frau einen ganzen Raum beherrschen konnte.

„Es ist nicht deine Schuld, Alan“, hatte sie gesagt, als ich eines Abends nach Hause gekommen und sie beim Packen überrascht hatte – nach fünf Jahren Ehe. „Ich wusste genau, worauf ich mich einlasse. Aber ich hatte gehofft, dass wir eines Tages eine richtige Ehe führen und eigene Kinder haben würden.“

Auf diese Diskussion hatte ich mich nicht eingelassen. Trug ich nicht schon genug Verantwortung für meine drei Waisenschwestern, die mich praktisch Tag und Nacht brauchten?

Valerie hatte mir natürlich viel abgenommen. Sie war die perfekte Ersatzmutter, hatte immer einen guten Rat für die Mädchen, spendete Trost und kümmerte sich um die Mahlzeiten. So konnte ich mich auf meine Karriere konzentrieren, die mir immer mehr abverlangte.

Doch die Mädchen wurden älter, wollten ihr eigenes Leben führen, gingen eigene Wege. So kristallisierte sich immer mehr heraus, dass es in Valeries und meinem Leben mehr um die Mädchen gegangen war als um uns als Ehepartner.

Das Band zwischen ihr und meinen Schwestern war viel stärker als das zu mir. Tatsächlich hatte Emilie auch zuerst Valerie über Zoes Verschwinden informiert, bevor sie mich verständigt hatte.

Ein Mann im zerknitterten Trenchcoat stolperte mir direkt vor den Wagen. Ich konnte gerade noch rechtzeitig bremsen, bevor er meine Kühlerhaube geziert hätte.

Wir maßen einander mit Blicken. Er mochte zehn Jahre älter sein als ich. Seine Augen waren blutunterlaufen. Offensichtlich war er betrunken. Vielleicht sehe ich auch bald so aus, dachte ich entsetzt.

Er hieb auf den Kofferraum. „Pass doch auf, du Idiot“, schimpfte er lallend.

Ich fing mich wieder. Fluchend torkelte der Typ zurück auf den Bürgersteig, und ich setzte die Fahrt fort.

Fünf Minuten später hatte ich mein Ziel erreicht, parkte den Wagen und stieg aus. Was in aller Welt tat ich eigentlich hier? Was hatte ich vor?

Ich stand vor dem kleinen Haus der Hodges am Rand des Gartenviertels und zog an meiner Krawatte. Hoffentlich hatte Astrid Hodge auch bei den letzten beiden Anrufen in der Notrufzentrale nicht ihren Namen genannt. Sie hatte behauptet, es handelte sich um einen Familiennotfall, und verlangt, den Anruf auf mein Handy umzuleiten. Wenn doch …

Die Haustür wurde einen Spaltbreit geöffnet. Es war dunkel, ich konnte nicht erkennen, wer an der Tür war.

„Hallo Alan“, sagte sie dann leise, als wäre ich überraschend zu ihr gekommen und nicht, weil sie mich durch ihre ständigen Anrufe praktisch dazu gezwungen hatte. Sie öffnete die Tür weiter und lehnte sich an den Türpfosten. Ihr rosafarbenes Gewand umschmeichelte sexy ihren Körper.

Bei diesem Anblick wurde mir bewusst, wieso ich mit ihr geschlafen hatte. Sie war verdammt sexy und scharf auf mich gewesen. Mehr war damals nicht nötig gewesen. Jetzt schob ich mich an ihr vorbei, die Hände tief in die Hosentaschen geschoben.

Autor

Tori Carrington
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