Baccara Exklusiv Band 129

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GEWAGTE TRÄUME
von LEABO, KAREN

Das muss Schicksal sein! Isabel wünscht sich sehnlichst eine Familie - und findet ein Baby am Strand. Dann lernt sie auch noch ihren Traummann kennen, Craig, muskulös, sportlich, gefühlvoll. Alles könnte perfekt sein - nur sieht Craig sich überhaupt nicht als Vater …

HEIßE NÄCHTE - EISKALTE INTRIGEN
von SINGH, NALINI

Für Jasmine wird ein Traum wahr: Sie heiratet ihre große Liebe, Scheich Tariq al-Huzzein. In seinem Wüstenpalast erleben sie sinnliche Nächte, doch sobald die Sonne aufgeht, will er nichts mehr von ihr wissen. Kann er ihr je verzeihen, dass sie ihn einst verlassen hat?

AUSGERECHNET MIT DEM CHEF?
von SANDS, CHARLENE

In ihrer Beziehung hat die süße Gina ihn einst enttäuscht. Und nun bittet sie ihn um einen Job? William hat Zweifel, aber er entschließt sich, ihr eine Chance zu geben. Schließlich braucht er sie nur anzusehen, um zu wissen, dass er sie nicht einfach gehen lassen kann …

  • Erscheinungstag 05.06.2015
  • Bandnummer 0129
  • ISBN / Artikelnummer 9783733721824
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Karen Leabo, Nalini Singh, Charlene Sands

BACCARA EXKLUSIV BAND 129

KAREN LEABO

Gewagte Träume

Heiraten, nur einem Kind zuliebe? Craig ist nicht sehr überzeugt, als seine Kollegin Isabel ihm den Vorschlag macht. Der Workaholic hat Angst, nicht ausreichend für sie und ihr Findelkind da sein zu können. Allerdings gefällt ihm der Gedanke, dass diese reizende, leidenschaftliche Frau stattdessen e inen anderen heiraten könnte, noch weniger!

NALINI SINGH

Heiße Nächte – eiskalte Intrigen

Vier lange Jahre hat Scheich Tariq al-Huzzein die schöne Jasmine nicht gesehen. Damals hatte sie ihn verlassen und damit tief verletzt. Jetzt scheint alles anders: Sie willigt ein, seine Frau zu werden, und zeigt ihm Tag für Tag ihre Liebe. Gerade fängt er an zu glauben, er könnte ihr endlich vertrauen, da erfährt er von ihren Plänen …

CHARLENE SANDS

Ausgerechnet mit dem Chef?

Ein knisternder Job: Ginas neuer Chef ist ausgerechnet William Beaumont, mit dem sie einst eine kurze, aber heftige Liebesbeziehung hatte. Schon bald spürt sie, dass die alten Gefühle neu entflammen. Auf der traumhaften Pazifikinsel Santa Catalina erleben sie eine romantische Liebesnacht – mit bösem Erwachen: Am nächsten Morgen überreicht er ihr die Kündigung!

1. KAPITEL

Isabel knipste die Lampe an, nahm das weinende Baby hoch und drückte es liebevoll an sich.

„Wein nicht, kleiner Mann. Tante Isabel ist ja schon da“, sagte sie leise und wiegte ihren Neffen sanft hin und her. Er schrie aber nur noch kräftiger, und sein kleines Gesichtchen wurde rot vor Anstrengung. Manchmal fühlte Isabel sich ganz hilflos, wenn sie dem Kleinen nicht geben konnte, was er verlangte.

„Isabel!“

Wie viel Kritik und Ärger doch in einem einzigen Wort stecken können, dachte Isabel und drehte sich erschrocken um, wie ein Dieb, den man auf frischer Tat ertappt hatte.

„Er hat geweint“, sagte sie zu ihrer Verteidigung.

„Ich habe es gehört, und ich bin ja auch schon da.“ Isabels jüngere Schwester Angie kam ins Zimmer herein und streckte die Arme aus. „Gib ihn mir.“

Isabel wäre am liebsten mit dem Kind davongelaufen. Ihre zwanzigjährige Schwester hatte ihn zuerst ja gar nicht haben wollen. Sie zögerte sekundenlang, gab das Baby aber dann seiner Mutter.

Gleich darauf saß Angie bequem in einem Sessel, und ihr Sohn saugte gierig an ihrer Brust.

„Ich bin seine Mutter, nicht du“, sagte sie fest. „Ich danke dir für all deine Hilfe. Ich weiß nicht, was geworden wäre, wenn ich nicht bei dir hätte wohnen und für dich arbeiten können. Aber jetzt musst du dich heraushalten, Isabel. Wie soll ich lernen, eine richtige Mutter zu werden, wenn du dich immer sofort um Corey kümmerst, bevor ich dazu komme? Zum Glück produziere ich die Milch, sonst würde ich ihn nie in die Hände bekommen.“

Isabel biss sich auf die Unterlippe. Angie hatte recht. Während der ganzen Schwangerschaft und besonders nachdem Angie mit dem kleinen Corey zu ihr gekommen war, hatte sie das Kommando übernommen.

Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als selbst ein Kind zu haben. Aber mit ihren dreißig Jahren hatte sie einfach noch nicht den Mann kennengelernt, den sie heiraten wollte, und sie würde kein Kind ohne Vater in die Welt setzen. Es war seltsam und ein bisschen verrückt, Angie, die bis vor zwei Wochen kaum einen Gedanken an ihr Kind verschwendet hatte, war jetzt plötzlich sehr glücklich mit ihrer Mutterrolle.

„Es tut mir leid, Schwesterchen“, sagte Isabel kleinlaut. „Ich wollte nur helfen.“

Angie wurde weich. „Das tust du ja auch. Ich möchte doch nur, dass du mich Coreys Mutter sein lässt. Ich mache vielleicht nicht alles richtig …“

„Du machst dich sehr gut, Kleines.“ Isabel streichelte sanft Coreys Köpfchen. „Ich werde euch beide sehr vermissen.“

„Wir ziehen doch nur ein paar Häuser weiter. Und wer, schätzt du, wird wohl mein Lieblingsbabysitter sein?“

„Mom und ich werden um diesen Job kämpfen“, sagte Isabel mit einem tapferen Lächeln. Soweit es sie betraf, war sie wirklich zu weit gegangen mit ihrer Liebe für ihren Neffen. Angie war viel zu nachsichtig mit ihr.

Angie konzentrierte sich auf ihren Sohn, und Isabel schlüpfte unauffällig aus dem Kinderzimmer.

Sie würde jetzt bestimmt nicht mehr einschlafen können, und es war ohnehin schon nach fünf Uhr. Da konnte sie sich genauso gut anziehen und heute etwas früher als sonst eine Runde laufen.

Isabel zog sich einen alten Jogginganzug an und befestigte ihr dunkelbraunes Haar in einem etwas schiefen Pferdeschwanz. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Wer würde sie schon zu sehen bekommen?

Dann ging sie vorsichtig die quietschende Treppe ihres viktorianischen Hauses hinunter, das nicht nur ihr Zuhause war, sondern in dem sie auch ihr Geschäft hatte. Die vielen Zimmer in dem riesigen alten Gebäude waren ideal, um darin allen Interessenten ihre Fähigkeiten als Innenarchitektin zu demonstrieren.

Sie hatte viel Liebe und Arbeit in ihr Haus gesteckt und sich um jedes Detail gekümmert. Nun war es ein wunderschönes, warmes und gemütliches Heim. Mit dem Lachen eines Kindes wäre es perfekt.

Dank Corey hatte sie erneut erlebt, was es bedeuten konnte, ein Kind zu haben, aber Angie würde morgen mit ihm wieder ausziehen. Angie hatte die Einmischung ihrer großen Schwester endgültig sattgehabt und sich kurzerhand eine eigene Wohnung gesucht, obwohl sie sich die kaum leisten konnte. Aber Angie ging wie immer ihren eigenen Weg, und sie würde sicher zurechtkommen.

Isabel setzte Kaffee auf und machte sich auf den Weg zum Galveston Island Strand. Es war ein ziemlich kühler Morgen, obwohl in ein paar Tagen Frühlingsanfang war. Sie schob die Hände unter ihr Sweatshirt, bis sie sich durch das zügige Gehen ein wenig aufgewärmt hatte. Sobald sie dann Sand unter sich hatte, begann sie zu laufen, zuerst langsam, dann schneller. Dabei konzentrierte sie sich ganz auf ihre Atmung, ein … aus … ein … aus …, und die Anspannung, die das Gespräch mit Angie bei ihr verursacht hatte, ließ allmählich nach.

Plötzlich glaubte sie etwas zu hören und verlangsamte automatisch ihren Schritt. Es klang wie ein Baby. Was tat denn ein Baby so früh am Morgen am Strand?

„Isabel, ich glaube, du verlierst den Verstand“, sagte sie leise vor sich hin und fing wieder an zu laufen. Nichts als Babys im Kopf! Doch es war nun einmal so, seit Corey bei ihr war, wachte sie beim geringsten Geräusch auf.

Wahrscheinlich war es nur eine Katze, entschied sie.

Aber als sie dann erneut ein leises, jammerndes Weinen hörte, blieb sie abrupt stehen. Sie folgte dem Geräusch, und als sie die Ursache fand, stockte ihr vor Schreck der Atem. Auf einer alten Zeitung lag ein neugeborenes Kind, das nur wenige Stunden alt sein konnte.

Instinktiv nahm sie das Baby in die Arme und hielt seinen zitternden kleinen Körper dicht an ihren. „Wer tut so etwas?“, stieß sie aufgebracht hervor. Wie war es möglich, ein hilfloses menschliches Wesen wie eine Abfalltüte wegzuwerfen?

Sekundenlang konnte sie sich vor Wut und Entsetzen über die Mutter des Babys nicht bewegen. Aber schließlich riss sie sich zusammen. Sie musste das winzige Wesen sofort in ein Krankenhaus bringen.

Wer weiß, wie lange es hier schon gelegen hat, überlegte sie, nackt, hungrig und vielleicht sogar verletzt dem Wind, der Kälte und der Feuchtigkeit ausgesetzt.

Isabel schob das Baby vorsichtig unter ihr Sweatshirt, um es mit ihrem Körper zu wärmen. Dann lief sie die nahe gelegenen Stufen hoch, die vom Strand direkt zum Seawall Boulevard führten.

Um diese frühe Stunde war die Straße leer, bis auf einen einzelnen Wagen, dessen Scheinwerfer jetzt rasch näherkamen. Da dies der schnellste Weg war, um in ein Krankenhaus zu gelangen, stellte Isabel sich kurz entschlossen mitten auf die Fahrbahn und winkte aufgeregt mit einer Hand.

Craig Jaeger war in Gedanken bei der Sitzung, die später an diesem Morgen stattfinden sollte. Er war so sehr mit seiner Rede für diese Sitzung beschäftigt, dass er die dunkel gekleidete Figur, die plötzlich vor seinen Wagen sprang, erst sah, als es fast zu spät war.

Er trat heftig auf die Bremse und hätte die Frau vielleicht trotzdem angefahren, wenn sie nicht im letzten Moment einen Schritt zur Seite gegangen wäre.

Etwas verspätet hupte er. „Sind Sie wahnsinnig?“, rief er aus dem heruntergekurbelten Fenster. „Ich hätte Sie fast umgebracht.“

Isabel verschwendete keine Zeit mit Diskussionen, sondern riss die Beifahrertür auf und stieg in das Auto.

„Bitte, ich brauche Ihre Hilfe.“ Ihre Stimme war klar und ruhig, und ihre braunen Augen zeigten keine Angst. Sie hielt eine Hand über ihren Bauch. „Sie müssen mich in ein Krankenhaus bringen. Ich habe ein neugeborenes Kind hier.“

Craig trat sofort aufs Gas. „Mein Gott“, sagte er fassungslos. „Sie haben gerade ein Kind geboren und laufen wild in der Gegend herum?“

„Es ist nicht mein Kind. Wissen Sie, wo das St. Augustus Krankenhaus ist?“, fragte sie.

„Ja. Wem gehört das Baby?“

„Ich weiß nicht. Ich habe es gefunden“, antwortete sie knapp.

„Sie machen Witze.“

„Würde ich mir so etwas ausdenken? Ich habe das Baby am Strand gefunden!“, erklärte sie entrüstet. „Können Sie nicht etwas schneller fahren?“

Obwohl er bereits jetzt zu schnell fuhr, beschleunigte er noch etwas. Die seltsame Frau neben ihm zitterte vor Wut, aber wenigstens richtete sich diese Wut nicht gegen ihn.

Als er an einer Ampel halten musste, betrachtete er sie unauffällig. Sie sah sehr gut aus mit ihrem dichten dunklen Haar. Ein paar glänzende Strähnen hatten sich aus dem Pferdeschwanz gelöst. Ihre Haut glühte vor Aufregung, die braunen Augen wirkten riesig in dem zarten Gesicht. Sie waren wunderschön, und die Lippen waren voll und sinnlich.

„Es ist grün!“, rief sie plötzlich. „Fahren Sie!“

Er gehorchte. Sie mochte ja so sanft wie ein Engel aussehen, aber im Moment hatte sie eine Stimme, die jedem Oberfeldwebel zur Ehre gereicht hätte.

Das Baby unter ihrem Sweatshirt begann zu wimmern, und sofort streichelte sie es und sprach beruhigend auf es ein.

„Ist es in Ordnung?“, fragte er.

Sie sah ihn an und schien überrascht zu sein, dass er Besorgnis zeigte. „Ich weiß nicht“, sagte sie ernst. „Es ist ein ziemlich großes Baby, und weil es so laut geweint hat, denke ich, dass seine Lungen in Ordnung sind.“

„Jetzt ist es leise. Offenbar mag es Ihre Stimme.“ Er mochte ihre Stimme auch. Wenn sie ihn nicht gerade anschrie, klang sie weich und musikalisch. „Sie haben wohl Erfahrung mit Babys, nicht wahr?“

Sie senkte den Blick. „Ich habe sicher noch keine Babys am Strand gefunden. Aber mein vier Wochen alter Neffe wohnt bei mir, und ich fühlte mich wie eine Mutter, bevor meine Schwester Geschmack daran fand.“ Bei den nächsten Worten klang ihre Stimme plötzlich hart. „Sie hat keinen Mann. Der Mistkerl verschwand genau in dem Augenblick, als er erfuhr, dass Angie schwanger war.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich verstehe so etwas nicht. Wie kann man nur …“ Sie unterbrach sich und sah ihn aufmerksam an. „Könnten Sie das? Könnten Sie Ihr Kind einfach so im Stich lassen?“

Er war überzeugt, dass es ausgesprochen unklug gewesen wäre, jetzt mit Ja zu antworten. „Nein“, sagte er, und sie konnte keine Ahnung haben, wie ehrlich diese Antwort war. Er hatte es am eigenen Leib erfahren, was es für ein Kind bedeutete, im Stich gelassen zu werden. Sein jüngerer Bruder und er waren zwar nicht am Strand ausgesetzt worden, aber es gab auch andere Methoden, ein Kind zu missachten.

Die Frau lüftete leicht ihr Sweatshirt, um nach dem Findling zu schauen. Die Straßenbeleuchtung zeigte ihm ein winziges Köpfchen, das ganz zart mit dunklem Flaum bedeckt war. Er sah auch einen Streifen sehr anziehender Frauenhaut.

„Wie heißen Sie?“, fragte er und war fasziniert von ihr.

Sie überraschte ihn mit einem umwerfenden Lächeln. „Isabel. Aber da ich Ihnen zweifellos den Morgen verdorben habe, werden Sie den Namen schnell wieder vergessen wollen.“

„Sie haben den Morgen nicht gerade gerettet“, gab er zu. „Aber ich konnte mich wohl kaum weigern, ein krankes Kind ins Krankenhaus zu bringen.“ Es behagte ihm bestimmt nicht, dass er die Auftraggeber, die ihn für den Bau von Luxuseigentumswohnungen engagiert hatten, würde warten lassen müssen, und ihm schauderte bei dem Gedanken, was sein Vater dazu sagen würde. Sinclair Jaeger wartete nur darauf, dass sein Sohn sich eine Blöße gab.

„Sie sind uns gleich los“, sagte Isabel kühl. „Hinter der nächsten Ampel sind wir da.“ Etwas milder fuhr sie fort: „Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen, selbst wenn sie widerwillig kam, und es tut mir leid, dass ich Sie angeschrien habe. Wie heißen denn Sie?“

„Craig. Craig Jaeger.“

Isabel runzelte die Augenbrauen und überlegte einen Moment. „Ah, der Architekt. Sie bauen die Blue-Waters-Eigentumswohnungen, nicht wahr?“

„Stimmt“, antwortete Craig und war überrascht, dass sie davon gehört hatte.

„Ich bin Innenarchitektin“, erklärte sie.

Craig hätte gern mehr über Isabel erfahren, aber im Augenblick war keine Zeit dazu. Er hatte das Tor für Notfälle erreicht, stellte nun den Motor ab und öffnete die Fahrertür.

„Sie müssen nicht mitkommen“, sagte Isabel, während sie schnell ausstieg.

Er wollte sie trotzdem begleiten. Er würde es jetzt ohnehin nicht mehr rechtzeitig bis zum Flughafen schaffen. Schon vor der Begegnung mit Isabel war es knapp gewesen. Außerdem fühlte er sich, so seltsam das auch sein mochte, für das Baby verantwortlich, und er wollte erfahren, was mit dem Kind geschehen würde.

Isabel war überrascht, dass ihr unbekannter Ritter nicht einfach davonritt. Doch es freute und erleichterte sie, dass Craig nun gemeinsam mit ihr zur Aufnahme ging und dort wie selbstverständlich alles Weitere übernahm. Mit seinem selbstbewussten Auftreten richtete er sofort die Aufmerksamkeit der diensthabenden Schwester auf sie. Ruhig, doch unüberhörbar gewohnt, dass man seinen Anweisungen folgte, erklärte er:

„Wir haben hier ein neugeborenes Baby, das am Strand ausgesetzt wurde. Das Kind braucht sofortige Pflege.“

„Ja, Sir.“

Isabel holte das Baby, das sich an ihre warme Haut geschmiegt hatte, unter dem Sweatshirt hervor. Das Baby protestierte leise und presste die Augen zu, als würde es damit die grausame Welt von sich fernhalten können.

Die Schwester schnappte entsetzt nach Luft, als sie den Zustand des Babys sah, eines kleinen Mädchens, und Isabel zuckte ebenfalls zusammen. Im grellen Licht des Krankenhauses war nun deutlich zu erkennen, dass man das Baby nach der Geburt nicht einmal gewaschen hatte.

„Gütiger Himmel!“, stieß die Schwester hervor.

Craig brachte seine Empörung mit einigen weniger frommen Worten zum Ausdruck. Sacht berührte er die winzige Hand des Kindes. Diese einfache Geste war voller Mitgefühl. In diesem Moment traf sich sein Blick mit Isabels. Etwas Einzigartiges geschah zwischen ihnen – etwas Starkes und Überwältigendes.

Isabel war so erschüttert über die Lieblosigkeit, mit der man das Baby behandelt hatte, dass es der Schwester nur mit Entschiedenheit gelang, es ihr aus den Armen zu nehmen. Isabel hatte das kleine Mädchen nur kurze Zeit an ihrem Körper gespürt, dennoch tat es ihr schon weh, sich von dem kleinen Wesen wieder zu trennen.

Würde das ihr ganzes Leben so sein? Dass sie nie selbst ein Baby hatte und es immer anderen geben musste? Vorsichtig schaute sie zu Craig, doch er schien ihrem Blick jetzt bewusst auszuweichen.

Isabel riss sich zusammen und fragte die Schwester: „Hat Dr. Keen heute Morgen Dienst?“

„Ja. Sie kennen Dr. Keen?“

„Er ist der Kinderarzt meines Neffen.“

„Nun, er ist von diesem Kind bereits benachrichtigt worden“, sagte die Schwester, ging mit dem Baby eilig davon und ließ Isabel etwas verloren zurück.

Sie sah wieder zu Craig, und da er gerade auf die Uhr schaute, konnte sie ihn ungestört betrachten. Er war hochgewachsen und breitschultrig, aber sein muskulöser Körper passte nicht so recht zu dem korrekten Maßanzug und der eleganten Krawatte. Er wirkte eher wie ein Mann, der die meiste Zeit unter freiem Himmel verbrachte und nicht in Büroräumen. Sein Haar war sogar noch dunkler als ihres, schwarz wie die Sünde. Vielleicht hatte er ja genau wie sie spanische Vorfahren.

Als er nun aufschaute, trafen sich erneut ihre Blicke, und sie fragte sich erschrocken, ob er es ihr ansah, welches Interesse sie ihm plötzlich entgegenbrachte. Aber dann war der Augenblick vorbei, und er sah über ihre Schulter.

„Ich glaube, die Schwester will mit uns reden“, erklärte er. „Wir müssen wahrscheinlich einige Papiere ausfüllen.“

Natürlich, dachte sie. Die unvermeidliche Bürokratie. „Darum kann ich mich kümmern. Wenn Sie gehen müssen …“

Er presste nur die Lippen zusammen und ging zur Annahme voraus, wo er in einem der Plastiksessel Platz nahm und die Beine übereinanderschlug. Sie folgte ihm und setzte sich ebenfalls.

„Könnte ich bitte Ihre Namen haben?“, begann die Schwester.

Bevor Isabel etwas sagen konnte, hatte Craig schon geantwortet. „Craig Jaeger. Ich möchte die Krankenhausrechnung bezahlen.“

„Moment mal!“, widersprach Isabel. „Das müssen Sie nicht tun.“

„Beruhigen Sie sich“, unterbrach die Schwester ihren Disput. „Ein ausgesetztes Kind gehört in den Verantwortungsbereich des Staates. Keiner von Ihnen muss die Rechnung zahlen. Ich brauche die Namen nur der Form halber.“

„Ich möchte trotzdem zahlen“, erklärte Craig entschlossen.

Die Schwester sah ihn erstaunt an und machte einen entsprechenden Vermerk.

„Ich möchte auch helfen“, sagte Isabel.

„Wenn die Rechnung meine finanziellen Möglichkeiten übersteigt, lasse ich es Sie wissen.“

Die selbstbewusste Art dieses Mannes erinnerte Isabel an ihre wohlhabenden Kunden. Craig Jaeger befürchtete bestimmt nicht, die Rechnung nicht zahlen zu können.

„So“, fuhr die Schwester geschäftig fort. „Wir brauchen einen Namen für die Patientin. Bevor wir herausfinden, wer die Eltern sind …“

„Sandy“, sagte Craig schnell. „Wir haben sie doch im Sand gefunden, oder? Und wer immer sie dort schutzlos allein gelassen hat, hat damit sein völliges Desinteresse gezeigt. Da hat er ihr bestimmt auch keinen Namen gegeben.“

Isabel war erstaunt, dass ein so hart und unzugänglich aussehender Mann auf einen so einfühlsamen Namen kam. Ihre Neugier wuchs.

Die Schwester zuckte die Achseln. „Also dann eben Sandy.“

Nachdem sie alle Formulare ausgefüllt hatten, trat ein uniformierter Polizist auf sie zu. „Sind Sie die Dame, die das Baby gefunden hat?“, wandte er sich an Isabel.

Sie nickte, und obwohl Craig immer wieder auf seine teure Armbanduhr gesehen hatte, blieb er an Isabels Seite, als der Polizist sie nun ins Wartezimmer bat.

„Wo genau haben Sie das Baby gefunden?“

Isabel runzelte nachdenklich die Stirn.

„Sie waren direkt vor der Texaco-Station, als Sie meinen Wagen gestoppt haben“, sagte Craig.

„Stimmt, jetzt weiß ich es wieder. Das Baby lag in der Nähe der Stufen, die zur Tankstelle hochführen.“

Der Polizist vermerkte das in seinem Notizbuch.

„Es war etwa zehn Minuten nach sechs“, fügte Craig hinzu. „Ich erinnere das deshalb so genau, weil ich zu spät dran war.“ Damit sah er wieder auf seine Uhr und zog dann verstimmt die Augenbrauen zusammen.

„Sie müssen nicht bleiben“, beteuerte Isabel es noch einmal.

„Ich bleibe. Ich muss nur einen Anruf tätigen.“ Aber er schien es auch mit dem Anruf nicht sehr eilig zu haben, denn er blieb bei ihr, bis der Polizist alle Fragen gestellt hatte. Erst danach stand er auf und ging zum Telefon.

Isabel sah ihm nach. Was ist das doch für ein seltsamer Mann, dachte sie erneut. Er wirkt so ernst und verschlossen, und dann zeigt er plötzlich soviel Mitgefühl für ein verstoßenes Baby.

Craig war noch nicht zurück, als Dr. Keen zu ihr kam. Jonathan Keen näherte sich schon dem Pensionsalter. Er hatte sich bereits um Isabel und ihre Geschwister gekümmert, als sie Kinder gewesen waren, betreute jetzt die nächste Generation von DeLeons und war ein lieber Freund der Familie.

„Oh, Dr. Keen, ich bin ja so froh, dass Sie heute hier sind. Wie geht es ihr?“

Jonathan Keen lächelte beruhigend. „Dann bist du also die Finderin? Das hätte ich mir denken können. Das kleine Mädchen scheint in Ordnung zu sein – ein süßes Bündel von etwas über acht Pfund. Ihre Lungen sind kräftig und die Reflexe normal.“

Isabel war sehr erleichtert. „Glauben Sie auch, dass sie spanische Vorfahren hat?“

„So dunkel wie ihre Haare und der Hautton sind, kann das sehr gut sein.“

Isabel kaute an ihrer Unterlippe. „Wenn sie deshalb nun niemand adoptieren möchte?“

„Mach dir keine Sorgen, Isabel. Ein so süßes Wesen wie sie wird bestimmt Liebe finden. Da wir von süßen Wesen reden, wie geht es Corey?“

Bei dem Gedanken an ihren Neffen, der ganz im Gegensatz zu Sandy in eine liebevolle Familie geboren war, lächelte Isabel. „Gut. Angie geht es auch besser. Heute hat sie mir sogar gesagt, ich solle sie in Ruhe lassen, weil sie sich auch allein um ihren Sohn kümmern könne.“

„Das nenne ich eine echte Charakterwandlung. Und, stört es dich?“

„Um die Wahrheit zu sagen, ja. Ich bin schrecklich eifersüchtig auf sie.“

„Du könntest ja auch eine unverheiratete Mutter werden“, neckte Jonathan Keen sie.

„Nein, so möchte ich es aber nicht haben. Aber vielleicht könnte ich die Pflegemutter für dieses Baby sein, bis es adoptiert wird. Was meinen Sie, Dr. Keen?“

Er strich sich nachdenklich über das Kinn. „Du warst schon einmal Pflegemutter, nicht wahr?“

„Ja …“, antwortete Isabel leise. Nach ihrer ersten und einzigen Erfahrung als Pflegemutter hatte sie sich allerdings von der Liste der zur Verfügung stehenden Pflegeeltern streichen lassen. Es hatte sie sehr schwer getroffen, als das Gericht den achtjährigen Jungen seiner alkoholsüchtigen Mutter zurückgab, obwohl die Mutter sich einer Therapie unterzogen gehabt hatte und sich große Mühe gab.

„Gute Pflegeeltern sind selten“, sagte Jonathan Keen. „Aber du weißt ja, wie genau es die zuständigen Stellen nehmen. Du müsstest noch einmal alle notigen Papiere ausfüllen.“

Isabel seufzte. „Vielleicht ist die Idee auch gar nicht so gut. Am Ende werde ich mich ja doch wieder von dem kleinen Mädchen trennen müssen, und ich kann nur sehr schwer loslassen.“

„Vielleicht wäre das nicht nötig. Du könntest sie doch adoptieren.“

„Ich? Nein, nicht ohne Vater!“

„Selbst wenn sonst niemand sie haben möchte? Es ist schwierig, Adoptiveltern für Kinder zu finden, die einer Minderheit angehören. Außerdem weiß man ja nie“, fügte Jonathan Keen mit einem Augenzwinkern hinzu, „vielleicht kommt bald der passende Vater.“

Isabel schnaubte undamenhaft. „Ja sicher.“

In diesem Moment erschien Craig mit einem Becher heißen Kaffees in der Hand.

Jonathan Keen zwinkerte Isabel noch einmal vielsagend zu. „Ich glaube, mein Pieper ruft mich“, meinte er dann. „Wenn du willst, kannst du nach oben zur Säuglingsstation gehen und das Baby sehen.“ Damit ging er.

„Hier.“ Craig reichte Isabel den Becher. „Sie sehen aus, als ob Sie einen starken Kaffee gebrauchen könnten.“

Was ich noch gebrauchen kann, dachte Isabel, ist ein heißes Bad, ein Kamm, anständige Kleidung und ein bisschen Make-up. Bis jetzt hatte sie sich wegen ihrer Wirkung keine Sorgen gemacht. Aber nun störte es sie, dass sie offenbar wie ein Häufchen Elend aussah.

Dankbar nahm sie einen Schluck von dem Kaffee. „Der Arzt sagt, dass es Sandy gut geht.“

Die Andeutung eines Lächelns glitt über Craigs Gesicht.

„Konnten Sie Ihre Sitzung verschieben?“, fragte sie ihn.

„Leider nein.“

„Das tut mir leid. Darf ich Sie dann zum Frühstück einladen? Sozusagen als kleine Entschädigung.“

„Sie wollen mich einladen? Aber Sie haben zu Ihrem Strandlauf doch sicher kein Geld mitgenommen. Außerdem dachte ich, Sie wollten nach dem Baby sehen.“

Sie zögerte. Wahrscheinlich hielt er sie jetzt für gefühllos. Aber je mehr sie sich an des kleine Mädchen band, desto schwerer würde ihr die Trennung fallen. „Wenn ich zur Säuglingsstation gehe und die Nase an die Scheibe presse, gehe ich vielleicht nicht mehr weg“, erwiderte sie betont lässig. „Aber wenn Sie sie gern noch mal sehen wollen …“

„Nein“, sagte er hastig. „Ich muss zum Flughafen.“

„Dann möchten Sie kein Frühstück?“ Sie klang fast verzweifelt, aber sie brauchte wirklich einen Grund, damit sie hier wegkam, bevor sie doch noch zu Sandy hinaufging. Frühstück würde ihr guttun, besonders in Gesellschaft eines mitfühlenden und sehr attraktiven Mannes. Wenn jemand sie von Sandy ablenken konnte, dann war es Craig Jaeger.

„An welches Lokal hatten Sie denn gedacht?“, fragte er zögernd.

„An Titos Lokal. Dort habe ich Kredit, weil es meinen Eltern gehört.“

Sie atmete auf, als er nun nachgab – obwohl er dabei wirkte, als hätte sie ihn zu einer Hinrichtung eingeladen.

Macht nichts, dachte Isabel auf dem Weg zu seinem Wagen. Mit einem aufregenden Gefühl der Herausforderung setzte sie sich neben ihn.

Bevor das Frühstück vorbei ist, schwor sie sich, habe ich Craig Jaeger ein Lächeln entlockt.

2. KAPITEL

„Biegen Sie an der Ampel links ab“, sagte Isabel.

Warum tue ich das bloß? fragte sich Craig, während er Isabels Anordnungen folgte. Auch wenn er den Beginn der Sitzung verpasst hatte, sollte er zumindest den nächsten Flug erreichen, um schnellstens nach Dallas zu kommen. Warum ließ er sich also von seiner Arbeit ablenken? Er sah zu Isabel hinüber. Ein melancholischer Seufzer entfuhr ihren vollen Lippen, und sie schloss die Augen vor der hellen Morgensonne. Welcher Mann würde nicht ihre Gesellschaft der von gestressten, langweiligen Geschäftsmännern vorziehen?

„An der Ecke rechts“, sagte sie nun, „und dann bis zur Auffahrt des rosa- und lavendelfarbenen Hauses.“

Er betrachtete beeindruckt die Fassade eines großen zweistöckigen Hauses, das mit seiner Rundumveranda, den angebauten Ecktürmchen und Erkern, dem Dach aus Schiefer, dem altmodischen Wetterhahn und sonstigen architektonischen Schnörkeln an die guten alten Zeiten erinnerte. Wunderschöne Rosenbüsche, die gerade begannen in zartem Rosa zu erblühen, schmückten den gusseisernen Zaun, der den Besitz einfasste.

„Leben Sie hier?“

Isabel nickte. „Und hier arbeite ich auch. Mein Geschäft nimmt fast den ganzen ersten Stock ein.“ Sie wies auf ein handbemaltes Schild hin, das von einer Stange neben den Eingangsstufen hing. „DeLeon Innenarchitektur“.

Wenig später traten sie durch eine breite Eichenholztür mit eingefassten Glasscheiben. Auf der anderen Seite war eins der geschmackvollsten Büros, die er je gesehen hatte. Überall standen Palmpflanzen und Farne; orientalische Läufer, sehr schöne antike Möbel und bronzene Farbtöne gaben dem Zimmer einen unleugbaren Charme. Hier und dort hatte Isabel bequeme Sessel und kissenbedeckte Sofas zu Sitzecken angeordnet, und er stellte sich vor, wie sie sich dort mit ihren Kunden Stoffmuster anschaute und entspannt ihre Renovierungsideen erläuterte.

Der Raum entsprach vollkommen seinem Eindruck von Isabel: Er war warm, attraktiv und stilvoll.

„Ich dachte, wir wollten zu einem Esslokal gehen“, sagte er, als sie ihn in eine hochmoderne Küche führte.

Sie lächelte, während sie Kaffee in zwei Tassen goss. „Ich habe mich anders entschieden. Meine Familie ist zu neugierig. Sie würde uns tausend Fragen stellen und uns nicht in Frieden lassen, da fand ich, ein ruhiges Frühstück hier bei mir wäre doch besser. Wie trinken Sie Ihren Kaffee?“

„Schwarz, danke.“ Er nahm einen Schluck. Auch der Kaffee war nicht schlecht.

„Setzen Sie sich doch. Was möchten Sie essen? Omeletts, Pfannkuchen, Waffeln? Ich kann alles machen. Ich habe mir mein Taschengeld während meiner Collegezeit als Köchin im Lokal meiner Eltern verdient. Einen Moment bitte, ich bin in fünf Minuten wieder da.“ Sie klang sehr fröhlich, aber er spürte, dass sie sich dazu zwang. Wahrscheinlich dachte sie immer noch an das Baby.

Als sie ging, warf er einen eingehenden Blick auf ihre sanft schwingenden Hüften. Sie waren wohlgerundet, nicht zu voll und genau richtig für die Hände eines Mannes. Er konnte zwar nicht erkennen, was unter ihrem weitem Sweatshirt war, hatte aber das sichere Gefühl, dass alles an ihr so wohlgeraten war.

Seine starke körperliche Reaktion auf Isabel erinnerte ihn daran, dass er seit langer Zeit ohne Frau war. Im Lauf der Jahre hatte er feststellen müssen, wie anstrengend es war, Arbeit und Privatleben zusammenzubringen, geschweige denn eine richtige Beziehung aufzubauen. Sein voller Terminkalender ließ ihm einfach keine Zeit dazu.

Und was hatte er dann bei einem Frühstück mit der süßen, aufregenden Isabel DeLeon zu suchen?

Die Tür schwang wieder auf, und er erwartete Isabel. Aber die Frau, die in einem alten Morgenmantel hereinkam, sah ihr zwar sehr ähnlich, war jedoch größer und dünner als Isabel, und ihr Haar war heller. Außerdem trug sie ein Baby auf dem Arm.

Isabels Schwester und ihr Neffe, nahm er an. Die Frau griff verschlafen nach der Kaffeekanne und bemerkte ihn gar nicht. Als er sich dann dezent räusperte, fuhr sie zusammen und starrte ihn an.

„Wer sind Sie?“, verlangte sie zu wissen und presste das Baby beschützend an sich.

Er stand auf und schenkte ihr eine Tasse Kaffee ein, da sie keine Hand freihatte. „Craig Jaeger. Ich bin … ein Freund von Isabel. Sie sind ihre Schwester?“

Sie nickte und entspannte sich, sah ihn aber immer noch misstrauisch an. „Ich bin Angie. Wo ist Isabel?“

„Hier“, rief Isabel mit dieser melodischen Stimme, die er so gern hörte. Sie kam wieder in die Küche. Das Haar fiel ihr jetzt in weichen Wellen offen über die Schultern. „Wie ich sehe, habt ihr beide euch schon kennengelernt.“

„Also, wirklich, Isabel“, sagte Angie vorwurfsvoll. „Du hättest mich warnen können, dass wir einen Gast haben.“ Damit machte sie einen dramatischen Abgang, wobei ihr Kaffee überschwappte.

Isabel lächelte entschuldigend. „Sie ist nicht ansprechbar, bevor sie nicht ihre morgendliche Dosis Koffein gehabt hat. So, was soll es nun sein? Wie wäre es mit Eiern und Speck? Falls es Ihnen nichts ausmacht, dass ich Schinken statt Speck benutze.“

Er fand ihren Vorschlag gut und war fasziniert von der Geschicklichkeit, mit der sie alles sorgfältig und doch rasch zubereitete. Noch mehr begeisterte ihn, wie der weiche Stoff ihres Sweatshirts sich an ihre herrlichen Kurven schmiegte, wenn sie nach etwas die Arme ausstreckte.

„Ich bin beeindruckt“, sagte er und wies dabei auf das gut bestückte Gewürzbord.

„Wenn man Spaß daran hat, ist Kochen ganz einfach.“

Plötzlich kam ihm ein unangenehmer Gedanke. „Sie haben doch wohl keinen wütenden Ehemann, der hereinspazieren könnte, um zu schauen, wieso Sie für einen wildfremden Mann Frühstück machen. Oder?“

Sie lachte. „Nein, nicht einmal einen nicht wütenden Ehemann. Ich genieße es einfach, mal nicht nur für mich und Angie zu kochen.“

„Der Genuss ist ganz meinerseits.“ Er atmete tief den Duft der Brötchen ein, die sie gerade mit Butter bestrich. „Ich lebe normalerweise von tiefgefrorenen Fertiggerichten, wenn ich zu Hause bin, und von Restaurant-Essen, wenn ich reise.“

„Dann vermute ich, dass Sie nicht verheiratet sind.“ Sie stellte einen Teller mit appetitlich angerichteten Eiern vor ihn.

„Nein, ich fürchte, ich bin nicht der Typ, der heiratet.“

„Warum sagen Sie das?“, fragte sie, während sie sich ihm gegenübersetzte. „Hatten Sie schlechte Erfahrungen mit einer Ehe?“ Sie beugte sich leicht vor und legte den Kopf schief. Er mochte den zarten blumigen Duft, der von ihr ausging.

Sie flirtete nicht, doch er war sich nicht sicher, ob er darüber enttäuscht war oder nicht. Sie war auch nicht nur neugierig, sie war ehrlich interessiert. Deshalb wollte er ihr auch eine ehrliche Antwort geben. „Ich habe es nie richtig versucht. Ich arbeite sehr viel und bin manchmal wochenlang auf Reisen. Das ließe sich mit einer Familie nicht vereinen.“

Er erwartete halb, dass sie ihm widersprechen würde. Vielleicht wollte er sogar, dass sie vorschlug, eine liebende Ehefrau könnte ihm ein Heim bereiten und seine Karriere unterstützen. Aber sie tat nichts dergleichen. Stattdessen fing sie einfach an zu essen.

Auch er widmete sich nun seinem Frühstück. Die Eier waren genau richtig, der Schinken war zart, und die Brötchen waren außen knusprig und innen heiß. Und so köstlich wie das Frühstück war, so intensiv beschäftigte Isabel seine übrigen Sinne.

„Es schmeckt fantastisch“, sagte er.

„Danke“, antwortete sie leise und stand auf. „Ich schenke uns noch Kaffee nach.“

Er war sich nicht sicher, aber es kam ihm so vor, als hätte er in den letzten Minuten etwas gesagt, was seiner Gastgeberin nicht gefallen hatte.

Isabel verwünschte ihr Pech. Dieser Mann war gut aussehend, erfolgreich und nett, und er fühlte sich vielleicht sogar zu ihr hingezogen. Aber all das war völlig gleichgültig, weil Craig Jaeger ein eingeschworener Junggeselle war. Womit er für sie nicht infrage kam.

Es war zwar nicht so, dass sie verzweifelt nach einem Mann suchte. Aber sie wollte nichts mit einem zu tun haben, wenn sie von vornherein wusste, dass eine Beziehung zu nichts führen würde.

Angie kam wieder in die Küche gerauscht und unterbrach die etwas peinliche Stille. Isabel unterdrückte ein Stöhnen. In ihrem Minilederrock, dem hautengen Pullover und den hochhackigen Schuhen sah ihre Schwester aus, als ob sie sich für die Disco fertiggemacht hatte und nicht für die Arbeit.

„Hallo“, sagte Angie mit ihrer leicht heiseren Stimme, um die sie sie immer beneidet hatte, und sah Craig mit einem gekonnten Augenaufschlag an. „Ich bin Angie, Isabels Schwester, und ich bin nur gekommen, um Ihnen zu sagen, dass die griesgrämige Vogelscheuche, die Sie vorhin gesehen haben, meine böse Zwillingsschwester war.“

Craig lächelte. Verflixt, dachte Isabel, jetzt lächelt er, und es ist Angie, die dieses Wunder vollbracht hat.

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Angie“, erwiderte er und gab ihr die Hand.

Angie wandte sich nun an sie. „Is, vergiss nicht deine Verabredung um zehn mit Mrs Harrison. Ich hoffe doch sehr, du wirst ihr nicht in diesem Aufzug gegenübertreten.“

Sie biss sich auf die Lippe. Angies Spitze war nicht böse gemeint. Ihre Schwester war nicht gemein, sondern manchmal einfach nur gedankenlos. „Ich hatte eigentlich vor, noch zu duschen und mich umzuziehen“, entgegnete sie ruhig. „Wo ist Corey?“

„Oleta passt auf ihn auf.“

Wieder hielt Isabel ihre Gedanken zurück. Sie hatte Angie oft gesagt, dass sie Oleta zum Saubermachen eingestellt hatte und nicht zum Babysitten. Aber jetzt, in Craigs Gegenwart, war nicht der passende Moment, um mit ihr zu streiten.

„Also, bis dann!“ Angie ging mit aufreizendem Hüftschwung hinaus und ließ eine Wolke teuren Parfums hinter sich.

Craig sah ihr mit hochgezogenen Augenbrauen nach. „Eine ziemlich lebenslustige Frau, oder?“

„Das ist die Untertreibung des Jahres“, antwortete Isabel trocken.

Er trank seine Tasse leer und lehnte ab, als sie ihm erneut nachschenken wollte. „Ich muss jetzt wirklich gehen, und wie es ausschaut, haben Sie ja auch noch einiges vor.“

Das konnte sie nicht abstreiten, insgeheim jedoch wünschte sie, das Zwischenspiel mit ihm würde noch etwas länger andauern. Dieser Mann hatte eindeutig eine aufregende Wirkung auf sie, und das lag nicht nur an seinem guten Aussehen oder seinem Selbstvertrauen. Die aufrichtige Besorgnis, die er für Sandy gezeigt hatte, hatte sie gerührt. Er hatte eine Angelegenheit, die die meisten Menschen als lästig empfunden hätten, zu seiner persönlichen Verantwortung gemacht. In einer Welt, in der kaum jemand Verantwortung für etwas übernehmen wollte, erschien ihr sein Verhalten fast heldenhaft.

Er stellte Tasse und Teller in die Spüle, und sie ging mit ihm bis zur Tür.

„Ich möchte Sie gern wiedersehen, Isabel.“

Sie war ehrlich überrascht, und die Versuchung, seinem Wunsch nachzukommen, war fast unwiderstehlich. Der intensive Blick seiner blauen Augen, während er geduldig auf ihre Antwort wartete, ging ihr so durch und durch, dass sie weiche Knie bekam.

Dennoch würde sie ablehnen. Sie und er wollten völlig verschiedene Dinge vom Leben. Wenn sie anfingen, miteinander auszugehen und sich dann womöglich ineinander verliebten, würden sie sich am Ende nur gegenseitig wehtun.

„Das ist keine gute Idee“, erwiderte sie.

„Warum nicht?“

„Es würde nicht funktionieren. Glauben Sie mir, ich bin nicht Ihr Typ.“

„Ach, tatsächlich?“ Er lehnte sich mit seinen muskulösen Schultern an den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und wer ist mein Typ? Angie, vielleicht?“

Sie zuckte verlegen die Achseln. „Der Gedanke ist mir gekommen, ja. Sie hat Sie zum Lächeln gebracht.“

Er beugte sich zu ihr, und sein Blick wurde ernst. „Ihre Schwester amüsiert mich. Aber Sie interessieren mich.“

Bei seinen Worten lief ihr ein erregender Schauer über den Rücken, und als er sacht ihr Kinn anhob, glaubte sie, die Beine würden unter ihr nachgeben. Der Kuss, mit dem er ihre Lippen berührte, war nur ein Hauch. Schon im nächsten Moment hatte er sich wieder zurückgezogen.

„Ich … ich hatte doch Nein gesagt, nicht wahr?“ Sie klang etwas atemlos.

Er lächelte! Sie hatte ihn doch noch zum Lächeln gebracht, und er sah umwerfend aus, wenn er lächelte.

„Ja, das haben Sie, aber ich konnte einfach nicht widerstehen. Vielen Dank für einen sehr interessanten Morgen, Isabel. Auf Wiedersehen.“

Er trat nach draußen und ging zu seinem Wagen. Sie schloss hastig die Tür hinter ihm, bevor sie so dumm sein würde und doch noch ihre Meinung änderte.

Sie prickelte am ganzen Körper und war gleichzeitig wie benommen. Dieser Mann war so unglaublich sexy. Aber jetzt musste sie erst einmal ihre Verabredung mit Mrs Harrison hinter sich bringen. Danach konnte sie immer noch ohnmächtig werden.

„Ist er fort?“, fragte Angie aufgeregt, als sie auf dem Weg nach oben mit ihr zusammentraf.

„Ich fürchte ja.“

„Wo hast du den Typen gefunden, Is? Erzähl schon! Kein Wunder, dass du nie ausgehst, wenn du mit so tollen Männern herumhängst!“

„Ich habe ihn nicht gefunden“, sagte sie wortkarg, konnte dann aber nicht widerstehen hinzuzufügen: „Er fand übrigens nicht, dass ich so übel aussehe.“

„Oh!“, quietschte Angie. „Wahnsinn! Erzähl mir alles!“

„Ich muss jetzt unter die Dusche.“ Sie ging weiter die Treppe hinauf. „Ich erzähle es dir später.“

„Später“ war dann erst gegen Mittag. Isabel hatte den ganzen Morgen mit Verabredungen, Bestellungen und einem aufdringlichen Reporter von der „Galveston Free Press“ verbracht, der auf einem langen Interview über die Umstände des ausgesetzten Babys bestand. Nachdem sie ihn endlich losgeworden war und Angie sich um Corey gekümmert hatte, setzten ihre Schwester und sie sich zum Essen.

„Wie traurig“, sagte Angie mit einem Schluchzen, als sie die Geschichte gehört hatte. „Wie kann eine Mutter nur ihr eigenes Kind im Stich lassen? Wird für Sandy denn alles in Ordnung kommen?“

„Dr. Keen glaubt, ja.“

Angie nickte befriedigt und sah Isabel dann mit einem schlauen Lächeln an. „Und was ist mit Craig Jaeger?“

Isabel seufzte. „Er hat mich gebeten, mit ihm auszugehen.“

„Das ist ja fantastisch! Der Typ ist genau das Richtige für dich: reif, beständig, und er hat wahrscheinlich nicht schlecht Kohle. Wann geht ihr aus?“

„Tun wir nicht. Ich habe abgelehnt.“

Angie war fassungslos.

„Er hat zugegeben, dass er ein Arbeitstier ist und kein Interesse an Frau oder Familie hat, weder jetzt noch später.“

„Ja und? Deswegen kannst du doch trotzdem zu einem Rendezvous mit ihm gehen? Du bist verrückt, Is! Vollkommen verrückt! Was ist das nur für eine fixe Idee von dir, dass du einen Mann unbedingt heiraten musst? Außerdem … woher willst du wissen, dass er sich nicht in dich verliebt und seine Meinung ändert?“

„Und was ist, wenn ich mich in ihn verliebe und er seine Meinung nicht ändert?“

„Na und? Darüber kommst du schon hinweg. Ich hasse es, dir die Illusionen zu rauben, aber ein Typ bittet eine Frau nicht, mit ihm auszugehen, weil er vorhat, sich schnellstens in sie zu verlieben und sie gleich zu heiraten. So was passiert, wenn man es am wenigsten erwartet.“

„Und seit wann weißt du darüber so gut Bescheid?“

Angie lachte leise. „Die Umstände sprechen wohl gegen mich, was?“ Sie kitzelte Corey am Bauch und drückte ihn liebevoll an sich und zeigte nicht die geringsten Anzeichen, dass sie über die Art, wie Coreys Vater sie behandelt hatte, verbittert war.

Isabel gelang es, Craig Jaeger und Sandy aus ihren Gedanken zu verscheuchen, während sie sich durch einen hektischen Nachmittag kämpfte. Aber als Dr. Keen sie später anrief, war alles andere sofort vergessen.

„Sandy ist doch okay, oder?“, fragte sie besorgt.

„Es geht ihr wunderbar“, antwortete Jonathan Keen. „Und wahrscheinlich muss sie nicht mehr lange hierbleiben.“

„Hat man schon ein Pflegeheim für sie gefunden?“

„Nun ja, Brenda Eams war deswegen hier. Du kennst sie, glaube ich …“

„Oh, Brenda. Ja, sie war auch für den kleinen Phil zuständig.“ Bei dem Gedanken an Phil schnürte sich Isabel die Kehle zu. Der Junge war jetzt bei seiner leiblichen Mutter irgendwo in Florida. Sie, Isabel, hatte sich vor drei Jahren von ihm trennen müssen, aber sie vermisste ihn immer noch.

„Brenda ist sehr gut“, fügte sie hinzu. „Sie wird bestimmt das Richtige für Sandy finden.“

„Aber natürlich. Sie meinte, ein Baby könnte sie immer noch irgendwo reinquetschen.“

„Reinquetschen? Was soll das denn heißen?“

„Es ist leider so, dass im Augenblick keine Pflegeeltern frei sind. Und es gibt ja sowieso zu wenige, die sich dafür zur Verfügung stellen. Oh, mein Pieper ruft schon wieder. Ich wollte nur …“

„Moment mal! Glaubt Brenda, dass es ein besonderes Problem gibt, Sandy unterzubringen?“

„Nichts, womit sie nicht fertig wird. Tut mir leid, Isabel, aber ich muss jetzt los und …“

„Ich könnte Sandy nehmen.“ Die Worte waren heraus, bevor Isabel sich ihrer bewusst wurde.

„Oh, ich wollte nicht …“

„Doch, genau das wollten Sie. Machen Sie mir nichts vor.“

„Um ehrlich zu sein, ich habe Brenda gesagt, dass womöglich du Interesse hättest, und sie meinte, du könntest gern wieder als Pflegemutter in die Liste aufgenommen werden. Aber du musst nicht …“

„Ich rufe Brenda gleich an.“ Isabel war jetzt ganz aufgeregt. „Oh, und antworten Sie endlich auf Ihren Pieper. Er hat seinen Job aufs Beste erfüllt.“

Minuten später war alles geregelt. Brenda Eams war begeistert, dass sie Sandy bei Isabel unterbringen konnte. Isabels Gefühle waren gemischt. Einerseits wollte sie singen und tanzen vor Freude. Sie würde ein Baby ganz für sich allein haben! Doch ihr praktischer Verstand sagte ihr, dass es sehr schwer werden würde, Sandy später wieder aufzugeben.

Aber jetzt gab es kein Zurück mehr, und sie hatte sich gerade auf lange Sicht ein gebrochenes Herz eingehandelt. Doch es war nun einmal so, dass sie sich für Sandy verantwortlich fühlte und deshalb sofort auf Dr. Keens listig eingefädeltes Gespräch eingegangen war.

Um vier Uhr ging sie zu Angie, die im Atelierraum Stoffe zuschnitt. „Könntest du für eine Weile allein die Stellung halten?“, fragte sie sie.

„Klar. Wohin willst du denn?“

„Ins Krankenhaus. Ich habe zugestimmt, Sandy in Pflege zu nehmen.“

Angie starrte sie an. „Du willst noch einen Säugling ins Haus bringen? Als ob ein Baby nicht schon anstrengend genug wäre!“ Sie sah zur Wiege, in der Corey friedlich schlief. „Wir werden nie zum Arbeiten kommen“, fügte sie hinzu.

„Wie du mir heute Morgen zu verstehen gegeben hast, ist ein Baby offenbar nicht anstrengend genug für zwei Mütter. Ich glaube, es wird sehr gut funktionieren. Während der Arbeit können wir uns unsere Mutterpflichten teilen, und in der Nacht bist du mit deinem Kind ja ohnehin ungestört in deiner neuen Wohnung.“

„Stimmt.“ Angies Miene hellte sich auf. „Ich habe ganz vergessen, dass ich ja ausziehe. Und du willst dieses Baby wirklich so sehr?“

„Ja, das will ich.“

„Du wirst sie am Ende aber wieder hergeben müssen.“

„Vielleicht nicht. Dr. Keen meinte gestern, ich sollte versuchen, sie zu adoptieren.“ Erst jetzt wurde Isabel klar, dass sein Vorschlag sie schon die ganze Zeit beschäftigt hatte.

„Ohne Ehemann? Ich dachte, du hältst es für falsch, ein Kind ohne Vater zu erziehen.“

Isabel runzelte die Stirn. „Über diesen Punkt werde ich noch nachdenken.“

„Na ja, ich schätze, wenn man ein Baby schafft, dann schafft man auch zwei“, sagte Angie mit einem schiefen Lächeln.

Craig starrte durch die Scheibe in das Säuglingszimmer zu dem Baby und fragte sich erneut, warum er hier war. Das kleine Geschenk in seiner Hand war nur ein Vorwand.

Die Wahrheit war, dass Sandy die einzige Verbindung zu Isabel war. Nur aus diesem Grund stand er jetzt wie bestellt und nicht abgeholt hier.

Er war immer noch enttäuscht, dass Isabel ein Wiedersehen abgelehnt hatte. Dabei hatte er genau gespürt, dass sie seinen impulsiven Kuss nicht nur nicht abgewehrt, sondern sogar genossen hatte. Aber warum wollte sie ihn dann nicht wiedersehen?

Vielleicht hat sie einen Freund, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf. Er hatte zwar nach einem Ehemann gefragt, aber nicht an einen Freund gedacht. Der Gedanke an einen anderen Mann in ihrem Leben behagte ihm gar nicht. Mehr noch, er wurde regelrecht eifersüchtig bei dieser Vorstellung.

Er klopfte mit einem Finger an die Glasscheibe und schnitt eine witzige Grimasse, obwohl er wusste, dass Sandy noch viel zu klein war, um ihn wirklich zu sehen. Trotzdem lächelte sie ein bisschen. Ein niedliches Kind, und er fragte sich, was wohl aus ihr werden würde.

Auf einmal spürte er, dass er nicht mehr allein im Flur war, und dann sah er, dass die Frau, die auf ihn zukam, Isabel war. Er war etwas verlegen und überlegte, wie viel von seinem Getue sie wohl mitbekommen hatte. Es war nicht seine Absicht gewesen, sich vor Publikum zum Narren zu machen.

„Hallo“, begrüßte Isabel ihn überraschend herzlich. Sie trug gut geschnittene graue Hosen und eine rosafarbene Bluse, die ihn etwas mehr von ihren aufregenden Kurven sehen ließ.

„Ich dachte, Sie wären inzwischen in Dallas.“

„Ich habe keinen Flug mehr bekommen“, erklärte er, „und fliege jetzt erst morgen.“

Himmel, sie ist einfach umwerfend, dachte er.

„Oh, da ist sie ja!“ Isabel wandte ihre Aufmerksamkeit dem Baby zu. „Ist sie nicht hübsch?“ Ihre Stimme klang fast ehrfürchtig.

„Babys sehen doch alle gleich aus“, meinte er ungerührt und verschwieg, dass auch er Sandy besonders niedlich fand.

„Entschuldigung, aber Sie beleidigen mein Pflegekind.“

„Sie nehmen sie mit nach Hause?“, fragte er verblüfft.

„Es gibt im Moment keine verfügbaren Pflegeeltern, also hat man mich überredet.“

Er wusste nicht, warum, aber der Gedanke, dass Isabel sich um Sandy kümmern würde, erleichterte ihn sehr. „Dann nehme ich an, dass man noch nichts Neues über sie erfahren hat.“

„Nein, aber man wird heute Abend in den Nachrichten und morgen in den Zeitungen über sie berichten. Vielleicht meldet sich daraufhin jemand.“ Sie klang nicht sehr begeistert von der Vorstellung.

Seine Verlegenheit wuchs, weil Isabel ihn nicht nach dem Grund seiner Anwesenheit fragte. Als wäre es völlig natürlich, dass er nach einem Baby sah, das nicht zu ihm gehörte und das er sicher nie wiedersehen würde.

Er hielt ihr sein Geschenk hin. „Hier, öffnen Sie.“

Sie blickte verwirrt auf das bunt eingewickelte Paket und dann zu ihm. „Wie bitte?“

„Es ist ein Geschenk für Sandy. Ich dachte, wo sie hier doch ohne Eltern so ganz allein ist und ihr vielleicht niemand etwas vorbeibringt …“ Die Erklärung befriedigte ihn nicht im geringsten. „Und da Sie ja nun vorübergehend Sandys Mutter werden, können Sie es jetzt aufmachen.“

Vorsichtig, um nicht das Papier zu zerreißen, wickelte Isabel das Paket aus. „Oh, das ist wunderhübsch“, rief sie, als sie den silbernen Kinderbecher sah.

„Ich habe ihren Namen eingravieren lassen. Glauben Sie, dass sie den Namen behalten wird?“

„Ich werde sie jedenfalls Sandy nennen, solange sie bei mir ist.“

„Das ist ihr Geburtsstein“, erklärte Craig, als Isabel mit dem Finger über den Amethyst fuhr, der unter dem Namen eingesetzt war. „Ich wollte, dass sie etwas Nettes hat.“

Er räusperte sich, wandte sich dann hastig um und ging.

Isabel steckte den Becher in ihre große Tasche. Sie war völlig verwirrt. Für einen Mann, der behauptete, dass er nie Kinder haben wolle, hatte er Sandy sehr liebevoll angelächelt. Eben, als er sich unbeobachtet glaubte. Dieser Anblick hatte sie tief bewegt.

Auch sonst war sie ganz durcheinander, und ihr Puls schlug rasend schnell.

„Sind Sie zufällig Isabel DeLeon?“ Eine Schwester trat auf sie zu.

Sie nickte.

„Dr. Keen sagte, Sie würden Sandys Pflegemutter werden.“

„Ja, es sieht ganz danach aus.“

„Möchten Sie die Kleine mal halten?“

„Oh, darf ich?“

„Sicher.“ Die Schwester brachte sie in einen kleinen Raum neben dem Säuglingszimmer. Wenig später kam sie mit der schlafenden Sandy zurück und legte sie ihr in die Arme.

Ein warmes Gefühl des Stolzes durchströmte Isabel, als hätte sie selbst dieses kleine Wesen geboren. Oh, ja, es erschien ihr immer möglicher, Sandy zu adoptieren.

„Sie hat gerade gegessen“, erklärte die Schwester. „Und sie hat einen bemerkenswerten Appetit, unsere Kleine.“

Die Schwester ließ sie allein, und Isabel holte noch einmal den Becher aus der Tasche. „Sieh mal, Sandy“, sagte sie leise. „Du hast ein Geschenk bekommen.“

Sandy schlief selig weiter.

Isabel schaute sich den Becher nun genauer an. Er war schwer. Ist er aus purem Silber? fragte sie sich. Auch der Stein sah echt aus. Sie suchte nach einer Firmengravur und entdeckte dann, dass in den Becherboden „Jaeger Juwelen“ eingraviert war.

Craig musste in irgendeiner Verbindung zu dem exquisiten Juweliergeschäft im historischen Teil der Stadt stehen. Es gehörte zu einer ganzen Juwelierkette. Sie erinnerte sich, ein anderes in Houston gesehen zu haben.

Es wäre sicher nett, einen Freund mit Geschäftsverbindungen zu reichen Juwelieren zu haben, dachte sie mit einem mutwilligen Lächeln, besonders wenn er so großzügig ist und so umwerfend aussieht, dass man in Ohnmacht fallen könnte.

Und wenn sie an sein verzücktes Verhalten eben vor dem Säuglingszimmer dachte, dann würde Craig Jaeger nicht für immer Junggeselle bleiben, was immer er selbst auch glauben mochte.

War sie wahnsinnig, sich diesen Mann durch die Finger schlüpfen zu lassen?

Sie dachte an den Moment gestern in der Notaufnahme, als er Sandy mit dem Finger sacht gestreichelt und sich dann ihre Blicke getroffen hatten. Es war ein sehr dichter und aufregender Moment gewesen. Als würden Craig und sie zusammengehören. Doch konnte eine solche Bindung so schnell geschehen?

Sie drückte Sandy an sich und wusste, dass sie sich mit ihr von der ersten Sekunde an verbunden gefühlt hatte. Und nun würde sie in den nächsten Tagen vollauf damit beschäftigt sein, ihr Haus für Sandys Ankunft vorzubereiten. Sie würde eine Wiege und Kleidung, Spielzeug und Windeln kaufen.

Plötzlich kam sie sich ein wenig gemein vor, weil sie Craig aus allem so einfach ausschloss. Dabei war sein Anteil an Sandys Rettung genauso wichtig gewesen wie ihrer. Vielleicht sollte sie ihn anrufen und ihm die Chance geben, ein wenig Zeit mit Sandy zu verbringen, wenn er das wollte.

Ja, das würde sie tun, um ihr Gewissen beruhigen.

3. KAPITEL

Craig wusste nicht, was er davon halten sollte, als Isabel ihn in seinem Büro an der Baustelle anrief und ihn recht nervös zu sich einlud.

„Ich dachte, Sie würden gern mit einkaufen kommen“, sagte sie. „Ich muss einige Sachen für Sandy besorgen, eine Wiege, Kleidung, Spielsachen und solche Dinge.“

Einkaufen? dachte er. Sie will mich wohl auf den Arm nehmen? Er konnte sich nicht gut vorstellen, dass er Teddybären und winzige Strampelanzüge aussuchen half. Offenbar hatte sie eine vollständig falsche Vorstellung von ihm, weil er sich im Krankenhaus zugegebenermaßen ein bisschen seltsam benommen hatte.

„Es ist nicht so, dass ich Sie nicht wiedersehen möchte“, erwiderte er vorsichtig, „aber ich hatte dabei eher an ein Abendessen bei Kerzenlicht für zwei gedacht.“

„Ah.“ Es folgte eine längere Pause. „Na ja, ich dachte nur, Sie fühlen sich vielleicht aus Sandys Leben ausgeschlossen“, sagte sie kleinlaut.

Er hatte zwar wirklich erstaunlich oft an sie und Sandy gedacht, aber das war sicher nur ein vorübergehendes Interesse, das sich wieder geben würde. „Nein, jetzt, da ich weiß, dass Sandy die nötige Pflege bekommt …“ Himmel, klang er steif und kühl. „Es geht ihr doch gut, oder? Sie ist doch genügend versorgt, nicht wahr?“

„Oh ja, es geht ihr sehr gut. Im Augenblick liegt sie auf meinem Schoß und schläft.“

Bei dem Bild, das sie mit diesen Worten unbewusst heraufbeschwor, hielt er unwillkürlich den Atem an. „Das ist schön“, sagte er etwas atemlos.

„Aber Sie wollen nicht mit mir einkaufen gehen.“

„Isabel, ich würde überall mit Ihnen hingehen, aber Sie müssen begreifen, dass meine Motive nichts mit dem Baby zu tun haben.“

Wieder folgte eine Pause. „Wann wollen Sie also kommen?“, fragte sie schließlich. „Das Einkaufszentrum ist heute bis spät geöffnet.“

„Ich könnte Sie nach der Arbeit abholen und zum Essen ausführen“, schlug er vor. „Danach könnten wir einkaufen und später vielleicht ins Kino gehen.“

„Das geht nicht, nicht mit einem Baby zu Hause!“, wehrte sie sofort ab. „Sandy ist nur ein paar Tage alt. Hören Sie, vergessen wir das Einkaufen. Es war sowieso eine dumme Idee. In ein, zwei Wochen, wenn die Dinge sich ein wenig normalisiert haben, wird es mir nicht so schwerfallen, Sandy für ein paar Stunden einem Babysitter zu überlassen. Dann können wir ausgehen, wenn Sie wollen.“

Und ob er wollte, sehr sogar! „Wunderbar“, sagte er schnell, bevor sie ihre Meinung womöglich wieder änderte. „Ich rufe Sie also in zwei Wochen an.“ Obwohl sie ihm daraufhin ihre Telefonnummer gab, hatte er das Gefühl, dass er keinen guten Eindruck gemacht hatte mit seiner Weigerung, gemeinsam mit ihr für Sandy Sachen einkaufen zu gehen.

Isabel legte auf und ließ sich Craigs Reaktion durch den Kopf gehen. Vielleicht hatte er nur Angst, seine Empfindungen für Sandy zuzugeben. Aber vermutlich ist er wirklich nicht besonders an dem Baby interessiert, sagte sie sich trocken, und ich höre besser damit auf, ihm Gefühle anzudichten, die er gar nicht hat, nur weil es mir so in den Kram passt.

Es gab nur einen Weg, die Wahrheit herauszufinden. Sie musste Craig näher kennenlernen. Wenn sie dann herausfand, dass er sich tatsächlich nicht zum guten Familienvater eignete, was er selbst ja auch behauptete, dann würde sie den Umgang mit ihm kurzerhand abbrechen, bevor sie sich zu sehr für ihn zu interessieren begann.

Zumindest war das ihre Absicht. Aber sie hatte das unangenehme Gefühl, dass sie alle guten Vorsätze vergessen würde, wenn sie Craig erlaubte, sie wieder zu küssen.

An einem Samstagmorgen zwei Wochen später unterhielt Isabel die frisch gewaschene Sandy mit einer Rede, während sie ihr die Windeln wechselte.

„Es war sehr nett von dir, deine Mom heute Morgen ausschlafen zu lasen, wirklich nett“, sagte sie mit weicher Stimme. Wenn andere Leute dabei waren, nannte sie sich Sandys „Tante Issy“, aber wenn sie mit Sandy allein war, war sie ihre Mutter.

Und eines Tages werde ich ja vielleicht wirklich ihre Mutter sein, dachte sie glücklich und schloss den letzten Knopf an Sandys Strampelanzug. Am Montag hatte sie einen Termin bei der Behörde, um einen offiziellen Adoptionsantrag zu stellen. Der Gedanke erfüllte sie mit Hoffnung und Freude.

Craig hatte angerufen und sie für heute Abend zum Essen in ein teures Restaurant mit atemberaubender Sicht auf den Ozean eingeladen. Angie hatte sich freiwillig erboten, auf Sandy aufzupassen, aber sie war trotzdem besorgt.

Oder hatte sie Gewissensbisse? Seit Sandy bei ihr lebte, hatte sie sich kaum von ihr getrennt, weil sie das auch nicht gewollt hatte, doch nun freute sie sich sehr darauf, ein paar Stunden mit Craig Jaeger zu verbringen.

Außerdem war sie sich sicher, mit ihm fertig zu werden. Schließlich musste man sich ja nicht unbedingt in den Mann verlieben, mit dem man einmal ausging. Und wenn Craig keine Familie haben wollte, konnte sie doch trotzdem seine Gegenwart genießen, oder? Angie hatte jedenfalls vehement versucht, sie davon zu überzeugen.

Und Angie hatte viele Erfahrungen mit Beziehungen.

Am Nachmittag, während Sandy schlief, verwöhnte Isabel sich mit einer Maniküre und einer Gesichtsmaske. Normalerweise ging sie dafür in einen Schönheitssalon, aber mit dem Baby war ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt.

Ihr machte es nicht das Geringste aus. Sie schaffte es, zwischen Füttern und Windelwechseln, ihr Haar zu frisieren und sich zu schminken, und war dann rechtzeitig fertig, als Angie eintraf, mit einem Paket Windeln unter dem einen Arm und Corey unter dem anderen.

„Du musstest doch keine Windeln mitbringen“, schalt sie ihre Schwester sanft und drängte den Wunsch zurück, ihren kleinen Neffen an sich zu drücken. Doch Babyspucke würde sich auf ihrem cremefarbenen Seidenanzug nicht so gut machen.

„Oh doch. Corey hat spezielle Windeln für Jungen“, erklärte Angie. „Hey, du siehst ja toll aus. Das ist ein neuer Anzug, oder? Wann kann ich ihn mir mal ausleihen?“

Sorgfältig richtete sie den Kragen. „Er wäre viel zu kurz für deine langen Beine.“

„Dann stecke ich die Hosenbeine einfach in Stiefel.“ Angie blickte sich suchend um. „Und wo ist unsere Prinzessin?“

„Oben. Sie schläft. Aber ich werde sie jetzt aufwecken, sonst kann sie heute Nacht nicht schlafen.“ Sie wollte die Treppe hinaufgehen, doch Angie hielt sie zurück.

„Darum kümmere ich mich. Du hast jetzt Wichtigeres zu tun. Ich glaube, ich höre Craigs Wagen vor der Tür.“

Sofort wurde ihr ganz heiß. Das ist ja lächerlich, sagte sie sich. Wahrscheinlich werde ich diesen Mann nach heute Abend nie mehr wiedersehen. Craig und sie würden feststellen, dass sie nichts gemeinsam hatten, und das wäre es dann gewesen.

„Willst du nicht öffnen?“, fragte Angie.

„Ach ja“, murmelte sie und machte sich auf den Weg zur Haustür, als ein leises Geräusch aus dem ersten Stock sie innehalten ließ. Unentschlossen stand sie im Flur.

„Jetzt mach endlich auf!“, sagte Angie ungeduldig und setzte Corey in seinen Kindersitz. „Ich sehe nach Sandy.“

Isabel kam sich schon jetzt wie eine nachlässige Mutter vor, obwohl sie noch gar nicht aus dem Haus war, ging aber dennoch gehorsam zur Tür. Alle Gedanken an Sandy waren dann augenblicklich vergessen, als Craig vor ihr stand. Er trug diesmal keinen dunklen Geschäftsanzug, sondern Leinenhosen, die seine schmalen Hüften zur Geltung brachten, ein graugrünes Hemd, das offensichtlich maßgeschneidert war, damit es ihm in den breiten Schultern passte, und eine Krawatte in kühnen, modernen Farben.

Ein Blick in sein Gesicht nahm ihr dann fast den Atem. Ein mutwilliges Glitzern lag in seinen blauen Augen und schien sie zu warnen, dass sie sich auf ein gefährliches Spiel einließ.

„Sie sind wunderschön.“ Ein kleines Lächeln spielte um seinen männlichen Mund.

Bevor sie etwas sagen konnte, ertönte von oben ein wütender Schrei.

„Du meine Güte, ist das Sandy?“

Sie warf einen Blick über die Schulter. „Ja, das ist unüberhörbar Sandy. Möchten Sie sie sehen?“, fragte sie hoffnungsvoll.

Craig zögerte. „Eigentlich nein … Ich meine, ich würde ja gern, aber unsere Reservierung ist für acht Uhr.“

„Dann lassen Sie mich nur kurz nachschauen, was los …“

„Gehst du jetzt bitte endlich?“, unterbrach Angie sie, die mit der schreienden Sandy im Arm jetzt die Treppe herunterkam. „Sie hat einfach Hunger. Das ist alles.“

„Aber ich muss doch …“

„Kommen Sie, kleine Mutter.“ Craig nahm sie am Arm und zog Isabel sanft, aber nachdrücklich aus dem Haus. „Sandy scheint doch in fähigen Händen zu sein.“

Bevor er entschlossen die Tür hinter ihnen schloss, rief Isabel ihrer Schwester noch ein paar Anweisungen zu.

„Es tut mir leid“, sagte sie, als sie dann im Auto saßen und zum Restaurant fuhren. „Aber ich habe sie noch nie allein gelassen, und sonst weint sie nicht so.“

„Nein? Ich dachte, Babys weinen immer.“

„Sandy nicht. Na ja, wenn sie Hunger hat oder sich nass gemacht hat, quengelt sie natürlich schon ein bisschen, aber sie schreit nicht aus voller Kehle. Hoffentlich ist alles in Ordnung mit ihr.“

„Da bin ich ganz sicher. Was machen Sie denn mit ihr, wenn Sie arbeiten?“

„Sandy und Corey liegen dann zusammen in einer Wiege im hinteren Zimmer und Angie und ich wechseln uns mit ihrer Pflege ab. Bis jetzt klappt es recht gut, aber wenn sie anfangen, weniger zu schlafen und herumkrabbeln, werde ich ein Kindermädchen einstellen. Auf diese Weise haben wir die Babys in unserer Nähe und können trotzdem weiterarbeiten.“

„Das klingt vernünftig“, erwiderte Craig.

Als sie dann im Restaurant ankamen, war Isabels erster Impuls, zum Telefon zu laufen, aber Craig hielt sie am Arm fest, bevor sie den Hörer aufnehmen konnte. „Wir haben sie doch erst vor zehn Minuten verlassen.“

„Ja schon, aber ich habe vergessen, Angie zu sagen …“

„Entspannen Sie sich, Isabel. Alles wird gut gehen, bestimmt. Angie hat doch die Nummer des Restaurants, oder?“

„Ja natürlich, und Sie haben recht, ich benehme mich lächerlich.“

Isabel versuchte dann aufrichtig, ihr exzellentes Steak zu genießen, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder zu Sandy, bis ihr schließlich auffiel, dass sie während des Essens nur über das Baby gesprochen hatte.

„Es tut mir wirklich leid“, sagte sie verlegen. „Dabei habe ich die Mütter immer schrecklich gefunden, die stundenlang nur über die neuen Zähne, die Wehwehchen und die Kunststücke ihrer Sprösslinge reden. Jetzt tue ich das selber, und Sie sind das unschuldige Opfer. Dabei mögen Sie Babys nicht einmal.“

„Ich habe nie gesagt, dass ich Babys nicht mag“, stellte Craig klar.

„Nein, aber …“

„Ich mag Babys, ehrlich. Ich meine, es ist nicht so, dass ich sie nicht mag.“

„Aber Sie wollen kein Vater sein.“

„Aber nicht deshalb, weil ich keine Kinder mag. Ich halte es nur nicht für gerecht, einem Kind meine Vatergefühle aufzuzwingen.“ Craig sprach leichthin, aber er hatte die Stirn dabei gerunzelt.

„Man wird mit solchen Gefühlen doch nicht geboren. Sie entwickeln sich, wenn man mit so einem kleinen Geschöpf zusammen ist“, wandte Isabel ein und dachte an die Veränderung, die mit Angie vorgegangen war.

Craig erwiderte nichts dazu, sondern winkte dem Ober. „Wollen Sie Nachtisch? Sie haben hier eine vorzügliche Schwarzwälderkirschtorte.“

Was hatte ich auch erwartet? sagte sich Isabel. Ich muss verrückt gewesen sein zu glauben, diesen Mann davon überzeugen zu können, sein Junggesellenleben aufzugeben.

„Nein, danke“, antwortete sie, „aber ich könnte einen Spaziergang gebrauchen.“

„Gute Idee.“

Er bezahlte die Rechnung, und bevor sie erkannt hatte, wohin ihr unschuldiger Vorschlag sie gebracht hatte, befand sie sich ganz allein mit Craig am mondbeschienenen Strand.

Überrascht blickte sie sich um. „Wir sind ja gar nicht weit von der Stelle entfernt, wo ich Sandy …“ Sie unterbrach sich. Fing sie schon wieder damit an? Sie war doch eine intelligente Frau mit einem Collegeabschluss und einem vielseitigen Beruf. Da sollte sie ja wohl in der Lage sein, sich ein Gesprächsthema einfallen zu lassen, das auch Craig interessierte?

„Tut mir leid“, entschuldigte sie sich erneut bei ihm und lachte verlegen. „Ich gebe zu, ich bin besessen. Bei meinem ersten Pflegekind war es genauso. Aber ich komme schon darüber hinweg.“

„Sie sind bereits einmal Pflegemutter gewesen?“ Er nahm wie selbstverständlich ihre Hand, während sie weiter den Strand hinunterschlenderten. „Wann war das?“

„Das erzähle ich Ihnen vielleicht ein anderes Mal.“ Manchmal brach sie in Tränen aus, wenn sie über Phil sprach. Und das wollte sie jetzt bestimmt nicht. „Für heute haben Sie wahrscheinlich genug von Babys gehört. Dabei wollte ich wirklich, dass dieser Abend etwas Besonderes wird … Sie sollten sehen, dass ich auch …“ Seufzend brach sie ab. „Ich bin heute nicht gerade in Hochform.“

„Dann muss Ihre Hochform erstaunlich sein.“

Er sagte das mit einer tiefen, sinnlichen Stimme, und ihr lief ein prickelnder Schauer über die Haut.

Ein paar Meter weiter blieben sie stehen und sahen auf die sanft ausrollenden Wellen. Craig stand nun hinter ihr und hatte die Hände auf ihre Schultern gelegt. Sie spürte seine aufregende Nähe und seinen warmen Atem in ihrem Haar.

Da drehte er sie langsam zu sich um. „Isabel, vielleicht glauben Sie mir das nicht, aber es macht mir wirklich nichts aus, wenn Sie über Sandy reden. Ihre Augen leuchten dabei, und Sie lächeln und sind voller Zärtlichkeit. Ich finde das sehr anziehend. Nichts ist so sexy wie eine Frau, die offen ihre Gefühle zeigt.“

Sexy? Sie schaute ihn erstaunt an. „Sie müssen das nicht sagen, nur um mich zu …“

„Sch“, flüsterte er, und dann presste er seinen Mund auf ihren. Dieser Kuss war weder zart noch zurückhaltend, so wie der erste. Er war voller Hunger und kaum gezügeltem Verlangen.

Craigs Leidenschaft riss sie mit, und sie konnte nicht genug bekommen von seinem heißen Mund. Sie schmiegte sich an seine breite Brust, schlang die Arme um ihn und öffnete weich die Lippen. Seine Kraft, seine Männlichkeit hüllten sie ein, und sie grub die Finger in sein dichtes schwarzes Haar und zog ihn noch dichter zu sich.

Er glitt mit dem Mund zu ihrem Hals und bedeckte ihn mit gierigen kleinen Küssen, fuhr mit beiden Händen über ihren Rücken und strich die Linie ihrer Hüften entlang. Eine süße Schwäche breitete sich in ihr aus, und als er sie leicht um den Po fasste, erschauerte sie vor glühender Sehnsucht.

Sie hatte noch nie etwas Ähnliches erlebt. Sie hatte Leidenschaft und Erfüllung kennengelernt, aber niemals hatte sie eine so verzehrende Sehnsucht verspürt, mit einem Mann vollkommen eins zu werden.

Und es war nicht nur rein körperliches Verlangen, das sie zu ihm zog. Was sie für Craig empfand, war gleichzeitig wild und sanft. Es war von einer Intensität, die sie überraschte. Sie musste daran denken, wie er Sandy im Krankenhaus angesehen hatte. Nie würde sie diesen innigen Blick vergessen, und spontan nahm sie seinen Kopf zwischen die Hände und drückte die Lippen auf seinen Mund.

Er stöhnte leise auf und streichelte sie so hingebungsvoll, dass sie wünschte, sie wäre nackt.

Ein letzter Rest von Vernunft warnte sie jedoch, die Situation ganz außer Kontrolle geraten zu lassen. Und obwohl sie es vom Gefühl her nicht wollte, riss sie sich von seinem Mund los. Mit wild schlagendem Herzen lehnte sie sich zitternd an seine Schulter und versuchte zu Atem zu kommen.

Auch Craig zitterte am ganzen Körper, doch er zog sie nicht von Neuem an sich. Sie war halb erleichtert, halb enttäuscht. Die wilde Leidenschaft, die sie beide erfasst hatte, legte sich nun langsam. Doch sie hatte immer noch weiche Knie, und in ihrem Bauch schienen Schmetterlinge zu sein.

Craig ließ sie vorsichtig wieder los, und sie war froh, dass sie sich einigermaßen auf den Beinen halten konnte. Denn wenn sie jetzt auch noch zu seinen Füßen in den Sand sinken würde, wäre ihr Image als beherrschte Frau endgültig dahin.

„Das war sehr aufschlussreich“, sagte er leise, und seine Stimme klang rau und belegt.

„Ja“, hauchte sie. Es war die Untertreibung des Jahres.

„Ich habe mich ein wenig hinreißen lassen.“

Sie nickte nur und hätte um nichts in der Welt zugegeben, wie einmalig der Kuss für sie gewesen war. „Nun, etwas ungewöhnlich war dieser Nachtisch schon, aber bestimmt besser als der, den wir ausgeschlagen haben.“

Er lachte auf, und die Situation zwischen ihnen entspannte sich wieder. „Aber jetzt gehen wir wohl besser. Sicher möchtest du so schnell wie möglich nach Hause.“

Das stimmte nur halb. Sie vermisste Sandy, aber sie wollte sich auch noch nicht von Craig trennen. Er war ein so aufregender Mann, und sie hatte ihm nicht einmal die Chance gegeben, von sich zu sprechen. Dabei hatte er bestimmt viele faszinierende Geschichten zu erzählen. Dennoch stimmte sie zu, dass er sie jetzt zurückbrachte.

Auf der kurzen Heimfahrt kämpfte Isabel gegen den Wunsch an, Craig zu fragen, ob er sie wiedersehen wolle. Hoffnungsvoll wartete sie darauf, dass er das Thema aufbrachte, aber er war irritierend still.

„Wer parkt da auf deiner Auffahrt?“, fragte Craig plötzlich.

„Wie bitte?“ Isabel war ganz in Gedanken vertieft gewesen und hatte gar nicht bemerkt, dass sie ihr Haus erreicht hatten.

Nun, nachdem sie den Wagen erkannt hatte, wurde sie von Panik erfasst. „Oh, nein, das ist Dr. Keens Wagen!“, rief sie und stieg hastig aus.

Isabel rannte so schnell zum Haus, dass Craig Mühe hatte, ihr zu folgen. Voller Unbehagen erinnerte er sich daran, dass Dr. Keen der Kinderarzt aus dem Krankenhaus war.

Isabel hatte schon die Haustür aufgestoßen, als Craig bei ihr ankam. Er war nun ebenfalls sehr besorgt, versuchte aber, sich wieder zu beruhigen. Denn wenn es einen ernsten Unfall gegeben hatte, hätte Angie sicher einen Krankenwagen gerufen.

Von oben war deutlich Kindergeschrei zu hören. Das ist ein gutes Zeichen, dachte er. Aber obwohl Isabel ganz außer Atem sein musste, lief sie, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, in den ersten Stock hinauf.

Er folgte ihr ins Kinderzimmer und stellte sofort fest, dass wirklich nichts Ernsthaftes passiert war. Der weißhaarige Arzt saß in einem Schaukelstuhl und rieb den Bauch des einen Babys, während Angie das andere gerade in die Wiege legte.

Wie können zwei so winzige Geschöpfe nur so viel Lärm machen? fragte er sich staunend.

Nun, genaugenommen handelte es sich um drei Geschöpfe, und eins davon war auch nicht ganz so winzig. Angie weinte ebenfalls unkontrolliert.

„Oh, Isabel, ich bin ja so froh, dass du zurück bist!“, rief sie und warf ihrer älteren Schwester schluchzend die Arme um den Hals.

„Was ist los?“ Isabel befreite sich aus Angies festem Griff und streckte die Arme nach dem Baby aus, das der Arzt hielt.

Wahrscheinlich ist das Sandy, vermutete Craig.

„Nur eine kleine Kolik, nichts Beunruhigendes“, erwiderte Jonathan Keen und überreichte ihr Sandy.

Isabel lief mit der Kleinen auf und ab, sprach beruhigend auf sie ein und klopfte ihr auf den Rücken. Aber sie hatte ebenso wenig Erfolg wie der Arzt. Sandy schrie aus voller Kehle weiter. Schließlich wandte Isabel sich mit anklagender Miene an ihre Schwester. „Warum hat du nicht angerufen?“

Angie brach erneut in Tränen aus. „Ich dachte, ich werde allein damit fertig. Außerdem wollte ich dein erstes Rendezvous seit zwei Jahren nicht unterbrechen.“ Sie hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund und spähte hastig zu Craig.

Isabel biss sich auf die Unterlippe und sagte nichts, aber ihr Gesicht hatte einen hübschen rosigen Ton angenommen.

Craig war ausgesprochen zufrieden über das, was er gehört hatte. Offenbar war Isabel sehr anspruchsvoll in der Wahl ihrer Beziehungen.

„Aber dann habe ich doch Dr. Keen angerufen, aber nur, um seinen Rat einzuholen“, fuhr Angie fort.

„Und ich habe mich bereit erklärt, herüberzukommen und ihr zu helfen“, fügte Jonathan Keen hinzu. „Als Freund der Familie, nicht als Arzt. Angie hat genau das Richtige getan, Isabel. Es gab wirklich keinen Grund, deinen Abend vorzeitig zu beenden.“

Isabel wirkte nicht sehr besänftigt.

Jonathan Keen unterdrückte ein Gähnen. „Nun, jetzt scheint ja alles wieder in Ordnung zu sein“, sagte er, obwohl Sandy immer noch schrie. Doch wenigstens Corey hatte sich wieder beruhigt.

Der Arzt reichte Craig die Hand, und die beiden Männer stellten sich einander vor. „Ich kenne den Weg“, sagte er dann und verließ das Zimmer.

„Vielleicht sollte ich euch etwas Kaffee machen“, schlug Craig lächelnd vor. „Sieht so aus, als ob ihr noch eine Weile wach bleiben werdet.“

Das letzte, was Isabel wollte, war, Craig noch länger dem Babygeschrei und zwei hysterischen Müttern auszusetzen. Er würde den Gedanken an eine Familie nur noch weiter von sich weisen.

„Nein, nein“, sagte sie und drängte ihn aus dem Kinderzimmer. „Ich bin sicher, dass Sandy bald wieder einschlafen wird.“

Craig erkannte den Wink mit dem Zaunpfahl. Isabel versuchte, ihn höflich loszuwerden. Aber jetzt sofort wollte er noch nicht gehen, und er blieb im Flur stehen und blickte auf sie und das Baby in ihren Armen. Es war das erste Mal, seit dem Tag ihrer Geburt, dass er Sandy wieder zu Gesicht bekam.

„Sie hat sich verändert“, bemerkte er.

„In diesem Alter verändern sie sich sehr schnell. Möchtest du sie vielleicht mal halten?“

Eigentlich wollte er das nicht so gern. Der bloße Gedanke, ein so zartes Wesen zu halten, machte ihm Angst. Genau so hatte er auch bei seinem kleinen Bruder Tom empfunden, als Tom aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen war. Er selbst war damals erst zehn Jahre alt gewesen. Dennoch hatte er seine anfängliche Angst bald überwunden gehabt und sich für Tom verantwortlich gefühlt. Ihre Mutter war gestorben, und ihr Vater war so oft auf Geschäftsreisen gewesen, dass Tom außer ihm praktisch keine Familie gehabt hatte.

„Craig?“

Aber das hier ist etwas anderes, sagte er sich. Außerdem wollte er seinen Worten, dass er nichts gegen Kinder habe, Nachdruck verleihen. „Natürlich halte ich sie mal, aber vielleicht setze ich mich dazu lieber.“ Er setzte sich auf die oberste Treppenstufe, nahm vorsichtig das kleine, krähende Bündel entgegen und legte es an seine Schulter.

Während sie in sein Ohr schrie, klopfte er ihr sanft auf den Rücken und wiegte sich dabei vor und zurück. Zu seiner Verblüffung ließ ihr Schreien dann tatsächlich nach.

„Nun sieh sich das einer an“, rief Angie von der Tür des Kinderzimmers aus. „Das Baby schreit seit Stunden ununterbrochen. Wie haben Sie das nur geschafft?“

Autor

Karen Leabo
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