Baccara Exklusiv Band 134

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1000 DOLLAR & 1000 KÜSSE
von BROWNING, DIXIE

Plötzlich reich und glücklich? Seit der smarte Millionär Beckett in Lizas Leben aufgetaucht ist, scheint alles möglich zu sein. Bis auf wahre Liebe - denn an die glaubt Liza seit ihrer gescheiterten Ehe nicht mehr. Kann Beckett sie überzeugen, dass er es ernst mit ihr meint?

KOMM UND NIMM MICH
von HINGLE, METSY

Die hübsche Katie Malloy wehrt sich nach Kräften gegen das brennende Verlangen, das der Privatdetektiv Sean Fitzpatrick in ihr entfacht. Doch nach einem Streit in ihrer Wohnung sind die Gemüter so erhitzt, dass sich auch die Leidenschaft nicht mehr zügeln lässt.

REICH, CHARMANT, GEFÄHRLICH
von DEPALO, ANNA

Um Männer wie Noah Whittaker macht Reporterin Kayla Jones lieber einen großen Bogen. Reich und charmant - die Kombination ist zu gefährlich. Bis er ihr die Story des Jahres verspricht, wenn sie ihn auf seiner nächsten Reise begleitet. Das Spiel mit dem Feuer beginnt …

  • Erscheinungstag 23.10.2015
  • Bandnummer 0134
  • ISBN / Artikelnummer 9783733721862
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Dixie Browning, Metsy Hingle, Anna DePalo

BACCARA EXKLUSIV BAND 134

1. KAPITEL

Kurz vor der Landung auf dem Norfolk International Airport nahm Lancelot Beckett einige Unterlagen aus seinem Aktenkoffer und warf einen flüchtigen Blick auf den Stammbaum. Anfangs hatten sie nur einen Namen gehabt und vage Angaben über Geburtsdatum und Geburtsort.

„Was zum Teufel weiß ich schon davon, wie man die Nachkommen eines Cowboys aus Oklahoma aufspürt, der vor etwa hundertfünfzig Jahren geboren wurde?“, hatte Beckett abgewehrt, als er das letzte Mal seinen Cousin Carson, der in einem Außenbezirk von Charleston wohnte, besucht hatte. „Wenn es darum geht, Piraten aufzuspüren, dann bin ich dein Mann, aber Cowboys? Komm schon, Carson, das ist nichts für mich.“

„He, wenn du es nicht schaffst, übernehme ich das Ganze, sobald ich dieses Ding hier los bin.“ Carson, ein Kriminalbeamter, war durch einen Glasfiberverband momentan ziemlich bewegungsunfähig. Das sprichwörtliche Glück der Becketts hatte ihn vor etwa zwei Monaten im Stich gelassen. „Wie es aussieht, kannst du die Sache auf der Rückreise erledigen. Es ist also nicht so, dass du extra einen Riesenumweg machen müsstest.“

„Weißt du eigentlich, wo ich gerade war, als Mom mich alarmierte? In Dublin, ob du es glaubst oder nicht“, hatte Beckett erklärt. Sie hießen beide Beckett, aber mit elf hatte Lancelot sich gegen seinen Rufnamen entschieden. Seitdem wurde er bei seinem Nachnamen gerufen. „Ich musste einige Termine in London absagen, ganz zu schweigen von einer privaten Verabredung. Zudem werde ich in nächster Zeit gar nicht nach Hause fahren.“

Wozu auch? Sein Zuhause war nichts weiter als ein Büro mit zwei Räumen und einer kleinen Wohnung eine Etage höher in Wilmington, Delaware. Das war gut genug als Postadresse und um für ein paar Tage die Beine hochzulegen, wenn er sich wieder einmal in den Staaten aufhielt.

Wie sich herausstellte, lag der Ort, an dem sich die Frau aus der Familie der Chandlers vermutlich versteckte, etwa auf halbem Weg zwischen Wilmington und seinem Elternhaus in Charleston.

Verstecken war wohl der falsche Ausdruck. Die Frau war nach dorthin verzogen. Was auch immer ihre Gründe für ihren Umzug von Texas nach North Carolina waren, es war unglaublich schwierig gewesen, ihr auf die Spur zu kommen. Nur mit Hilfe von Carsons Polizeicomputern, einigen inoffiziellen Quellen und einem professionellen Ahnenforscher hatten sie es geschafft.

Und doch war sie letzten Endes durch einen puren Zufall aufgespürt worden, weil jemand in der Nähe der Ortschaft Bertha, North Carolina, ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Grants Obst und Gemüse – Eiswasser gratis“ entdeckt hatte. Der Verkaufsstand lag auf einer Halbinsel zwischen dem North River und dem Currituck Sound, und es gab nicht mal einen Straßennamen, nur ein Hinweisschild am Highway.

Beckett versuchte, seine Ungeduld zu zügeln. Er war es gewohnt, auf Reisen zu sein, während sich sein Geschäftspartner ums Büro kümmerte. Aber bei diesem speziellen Job ging es um eine Familienangelegenheit, die nicht delegiert werden konnte.

Er hatte zwei Stunden eingeplant, um nach seiner Ankunft am Flughafen das Haus der Unbekannten zu finden, und eine weitere halbe Stunde, um die Dinge zu regeln. Danach würde er nach Charleston zurückkehren und PawPaw sagen, dass die Sache erledigt war. Alle Schulden, die seine Familie bei Eliza Chandler Edwards hatte, die direkt vom alten Elias Matthew Chandler aus Crow Fly abstammte, das damals zu Oklahoma gehörte, waren endlich beglichen.

Der Ahnenforscher hatte in Rekordzeit hervorragende Arbeit geleistet. Probleme hatte er nur an der Stelle bekommen, als Miss Chandler einen gewissen James G. Edwards geheiratet hatte, geboren am 1. Juli 1962, gestorben am 7. September 2001. Durch Polizeirecherchen – insbesondere des Dezernats für Wirtschaftskriminalität – war herausgekommen, dass Mr und Mrs Edwards vor einigen Jahren in einen hochkarätigen Anlagebetrug verwickelt gewesen waren. Edwards hatte die Sache buchstäblich umgebracht, denn er wurde beim Joggen von einem seiner Opfer angeschossen, aber ehe er starb, hatte er seine Frau von jeder Beteiligung freigesprochen. Sie hatte nie direkt mit seinen illegalen Machenschaften zu tun gehabt. Danach war sie nur noch so lange in Dallas geblieben, bis sie ihren Besitz veräußert hatte, und war dann von der Bildfläche verschwunden.

Beckett wusste nicht, ob sie mitschuldig war oder tatsächlich unschuldig. Es war ihm eigentlich auch egal. Er wollte PawPaw einen Gefallen tun, nicht ihr.

Dass er das konnte, war letzten Endes dem glücklichen Zufall zu verdanken, dass ein Reporter mit einem exzellenten Gedächtnis Urlaub in North Carolina auf der Inselgruppe Outer Banks gemacht und auf seiner Heimfahrt Richtung Süden an einem bestimmten Verkaufsstand gehalten hatte.

Er hatte Carson von Nags Head aus angerufen. „Hallo, mein Lieber, haben Sie vor ein paar Wochen nicht Nachforschungen nach einer gewissen Mrs Edwards angestellt? Die Frau, die in diesen Riesenbetrug in Texas verwickelt war, wo so viele Senioren ausgenommen wurden?“

Und so hatten sie Mrs Chandler Edwards gefunden. Sie hatte sich mitten in der Einöde mit einem Mann namens Frederick Grant verkrochen, einem Großonkel mütterlicherseits. Wenn es diesen zufälligen Durchbruch nicht gegeben hätte, hätte die Suche vielleicht Monate gedauert. Beckett wäre dann versucht gewesen, den Schwarzen Peter an die nächste Generation weiterzugeben, wie das die Männer seiner Familie offenbar getan hatten, seit der Urgroßvater, nach dem Beckett benannt worden war, einen Geschäftspartner namens Chandler um dessen rechtmäßigen Anteil an einem Gewinn gebracht hatte.

Bis jetzt gab es jedoch keine nächste Generation. Carson hatte momentan keine Beziehung, und er, Beckett, hatte es ein Mal versucht, war gescheitert und war immer noch zu frustriert, um es erneut zu wagen.

„Geld, die Wurzel allen Übels“, hatte Beckett bemerkt, als er vor seiner Abreise aus Charleston am Morgen bei seinem Cousin Carson vorbeigeschaut hatte.

„Wie wahr. Ich frage mich, auf welcher Seite des Gesetzes der alte Lance stehen würde, wenn er in der heutigen Gesellschaft leben würde.“

„Schwer zu sagen. Mom hat ein paar alte Schriftstücke ausgegraben, aber die sind ruiniert worden, als Hurrikan Hugo übers Land zog.“ Er hatte seiner Mutter nahe gelegt, wertvolle Dokumente besser im Schließfach einer Bank zu verwahren als auf einem Dachboden unter einem undichten Dach.

„Es handelt sich doch nicht um Familienfotos. Außerdem, wie hätte ich wissen sollen, dass die Papiere feucht werden und zusammenkleben würden? Und jetzt hör auf zu quengeln und probier diese Suppe hier. Ich weiß, Butter ist nicht gerade gut für dich, aber ich kann die Krabbencremesuppe doch wohl kaum mit Margarine zubereiten.“

„Mom, um alles in der Welt, ich bin fast vierzig. Ich beklage vielleicht hin und wieder gewisse Schwierigkeiten, aber ich quengle doch nicht. Hm, etwas mehr Salz – und vielleicht noch einen kleinen Schuss Sherry?“

„Ja, finde ich auch. Ich weiß, du bist aus dem Quengelalter heraus. Sieh dich nur an, du wirst immer grauer“, witzelte sie.

Von seinem Vater wusste Beckett, dass seine Mutter schon sehr früh die ersten grauen Haare bekommen hatte. Um das Grau zu überdecken, hatte sie seither jede erdenkliche Nuance von Blond und Rot ausprobiert. Mit fast sechzig wirkte sie daher immer noch recht jugendlich.

„Honey, es liegt ganz bei dir, wie du das regelst“, sagte Rebecca Jones Beckett, während ihr Sohn noch einen Löffel ihrer berühmten Suppe probierte, die sowohl Krabben als auch Garnelen enthielt und so viel Sahne und Butter, dass die Arterien allein schon von ihrem Duft verstopften. „PawPaw hat sein Bestes getan, um diese Leute zu finden, aber dann wurde er krank.“

Becketts Großvater, der von der ganzen Familie und seinen Freunden nur PawPaw genannt wurde, war ein ausgesprochen charmantes Schlitzohr, doch mit seinen gut hundert Jahren verschob er immer noch alles auf morgen. Den Teufel austricksen, nannte er das. Wenn es darum ging, den Schwarzen Peter weiterzugeben, so waren die Beckett-Männer einsame Spitze.

Und deshalb wollte Beckett etwa vier Generationen, nachdem die „Tat“ begangen wurde, versuchen, die Sache ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen.

„Gibt es etwas Neues über den tropischen Wirbelsturm, der sich über dem Atlantik zusammenbraut? Hast du heute früh den Wetterbericht gehört?“, hatte Carson gefragt.

„Ich hoffe sehr, dass das Tief sich nicht verstärkt. Ich habe nämlich ein halbes Dutzend Schiffe auf dem Nordatlantik, die mit dem neuen Navigationssystem ausgestattet sind. Wenn sie alle den Hurrikanen ausweichen, wird es mir schwerfallen, den Überblick zu behalten und herauszufinden, ob nicht doch das eine oder andere doch entführt wurde.“

„Tja, dann … nimm mal frei. Spiel zur Abwechslung mal den guten Patenonkel.“

„Du hast leicht reden.“

Als seine Mutter ihm telefonisch mitteilte, sein Großvater habe einen weiteren Schlaganfall erlitten, war Beckett mitten in Verhandlungen mit einer irischen Reederei für Chemikalientanker gewesen. Diese waren so oft entführt worden, dass die Eigner sich gezwungen sahen, Kontakt zu seiner Firma aufzunehmen, der „Beckett Marine Risk Management, Inc.“, die sich aller möglichen Gefahren auf See annahm.

„Diesmal ist es nur ein ganz leichter Schlaganfall, aber PawPaw würde dich und Carson so gern sehen.“ Sie hatte hinzugefügt, dass sie nicht wisse, wie lange PawPaw noch durchhielt, ihm ein Besuch seiner beiden Enkel aber sehr viel bedeuten würde.

Beckett war nach Hause gekommen. Und da Carson immer noch außer Gefecht gesetzt war, war der Auftrag, die Nachfahrin der Chandlers zu suchen, an Beckett hängen geblieben.

So war er nun also hinter einer Lady her, die kürzlich gesehen worden war, wie sie Obst und Gemüse und weiß der Henker was sonst noch an einem Stand an einer Straße im Nordosten North Carolinas verkaufte.

„PawPaw, dafür bist du mir aber etwas schuldig“, murmelte Beckett. Er liebte seinen Großvater. Er hatte ihn zwar länger nicht besucht, wollte das aber ändern, wenn er diesen neuesten Rückschlag überstand. Eine Familie war, wie ihm erst jetzt langsam klar wurde, so etwas wie ein Anker und ein Kompass. Bei stürmischer See würde er weder auf das eine noch das andere verzichten wollen.

Könnte durchaus sein, dachte er, als er die Grenze zwischen North Carolina und Virginia überquerte, dass ich in einem Jahr oder so umziehe. Wegen der günstigen gesetzlichen Rahmenbedingungen hatte er seine Firma in Delaware gegründet, aber das hieß nicht, dass er dort bleiben musste. Irgendwann wurde man es müde, sich ständig zwischen allzu vielen Zeitzonen zu bewegen.

Gähnend hielt Beckett an einer Ampel, rieb sich sein stoppeliges Kinn und wünschte, er hätte einen Straßennamen. Am Flughafen hatte er einen Geländewagen mit Allradantrieb gemietet für den Fall, dass seine Suche sich nicht nur auf den Highway erstreckte, der von Virginia zu den Outer Banks in North Carolina führte. Auf seinen Geschäftsreisen von Zaire bis Kuala Lumpur hatte er schon die seltsamsten Straßen gesehen. Und obwohl diese Aktion bisher nicht sehr abenteuerlich anmutete, hatte er gelernt, mit Überraschungen zu rechnen.

„Wir haben keine Dörrpflaumen mehr“, kam es klagend aus dem hinteren Teil des Hauses.

„Sieh mal in der Speisekammer nach“, rief Liza zurück. „Sie heißen heutzutage Backpflaumen.“ Lächelnd schloss sie ihre Geldkassette und band sich eine Schürze um. Sie trug ein schlichtes T-Shirt und hellbraune Shorts. Onkel Fred – eigentlich ihr Großonkel – hatte mit seinen sechsundachtzig Jahren immer noch einen messerscharfen Verstand, aber er mochte Veränderungen nicht.

Und die Dinge änderten sich ständig. In meinem Fall zum Besseren, dachte sie, während sie sich in dem schäbigen, aber gemütlichen Raum mit den Versandhausmöbeln und den gehäkelten Sesselschonern umsah. Auf einem wackeligen Rauchtischchen mit Humidor und Pfeifenständer – obwohl ihr Onkel auf Anraten seines Arztes nicht mehr rauchte – türmten sich alte Landwirtschafts- und Sportmagazine. In eines der Fenster war ein hässlicher Ventilator eingebaut, der die Sicht auf das angrenzende unbebaute Grundstück versperrte. Doch bis sie sich eine Klimaanlage leisten konnten – zuerst einmal mussten der Küchenboden und das Dach erneuert werden –, tat er noch gute Dienste. Die beiden Schlafzimmer waren mit modernen Ventilatoren ausgestattet, die die August-Schwüle einigermaßen erträglich machten.

Als sie hier eingezogen war, hatte Liza nichts verändert, außer alles gründlich zu putzen und ein paar alte Gardinen zu ersetzen.

Kurz nach ihrer Ankunft war sie zum ersten Mal seit Monaten in Tränen ausgebrochen. Beim Auswischen eines Schrankes hatte sie einen Schuhkarton mit alten Briefen und Weihnachtskarten gefunden, auch welche von ihr selbst. Sie und ihre Mutter hatten Weihnachtskarten immer gemeinsam geschrieben, und auch nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie Onkel Fred jedes Jahr eine Karte geschickt, ohne je zu erfahren, ob sie angekommen waren oder nicht.

Der liebe, einsame Onkel Fred. Sie war ein großes Risiko eingegangen, weil sie vorher nicht einmal telefonisch angefragt hatte, ob sie zu Besuch kommen könne. Sie hatte so gut wie nichts über ihn gewusst – nur, dass er ihr einziger lebender Verwandter war, abgesehen von einer Cousine, von der sie seit Jahren nichts gehört hatte. Also war sie quer durchs ganze Land gefahren, um ihn für ein paar Tage zu besuchen, und hatte dabei inständig gehofft, bleiben zu können, bis sie sich gefangen hatte.

Sie beide hatten einander gebraucht, auch wenn das keiner von ihnen je in Worten ausgedrückt hatte. Indem er sich über fehlende Backpflaumen beklagte, ließ Onkel Fred sie wissen, dass er seine Nichte brauchte. Oder indem er schimpfend nach seiner Brille suchte.

In diesem geruhsamen Leben mochten einige der Annehmlichkeiten fehlen, die einmal selbstverständlich für sie gewesen waren, aber für die Überschaubarkeit ihres Alltags verzichtete sie gern auf alle Golfclubs und schicken Restaurants der Welt.

Und sie hatte jetzt die Möglichkeit festzustellen, woher jeder Penny kam und wie er ausgegeben wurde. Vielleicht war sie einmal nachlässig gewesen – unverzeihlich nachlässig, wie manche sagen würden –, doch durch die Lektionen, die sie hatte lernen müssen, war sie jetzt geradezu darauf versessen, über alle Einnahmen genau Buch zu führen.

Bei ihrer Ankunft im Mai letzten Jahres hatte Onkel Fred sich mehr schlecht als recht durchgeschlagen und sich darauf verlassen, dass Freunde und Nachbarn ihn mit Ernteüberschüssen belieferten. Seine Kunden legten das Geld für das Obst und Gemüse in eine Schale auf der Theke. Wechselgeld nahmen sie sich selbst, und Liza bezweifelte, ob es ihrem Onkel je in den Sinn gekommen war, zu überprüfen, ob er betrogen wurde. Was hätte er auch dagegen tun können? Mit seinem Stock drohen?

Ihr Besuch zog sich über Wochen und Monate hin, und allmählich hatte sie kleine Veränderungen eingeführt. Am Ende des Jahres war es selbstverständlich, dass sie ganz blieb. Worte waren nicht nötig. Onkel Fred hatte sie gebraucht und sie ihn. Mehr noch, es war sehr wichtig für sie, gebraucht zu werden, obwohl ihr das bei ihrer erheblich angeschlagenen Selbstachtung seinerzeit gar nicht bewusst war.

Onkel Fred bestand darauf, jeden Tag am Verkaufsstand zu sein, auch wenn er seinen Schaukelstuhl nur selten verließ. Liza bestärkte ihn darin, weil sie glaubte, dass die sozialen Kontakte gut für ihn waren. Denn er hatte ihr erzählt, dass seine Freunde alle in ein Seniorenheim oder zu Verwandten gezogen waren. Als Liza geantwortet hatte, in seinem Fall sei die Verwandte kurzerhand zu ihm gezogen, hatte er gelacht.

Die meisten Leute, die anhielten, um kostenlos ein Glas Eiswasser zu trinken und Obst und Gemüse zu kaufen, waren nett. Vielleicht lag das daran, dass sie Urlaub machten oder einfach daran, dass es Onkel Fred gelang, praktisch mit jedem, der vorbeikam, ein Schwätzchen anzufangen.

Hin und wieder fuhr sie ihn nach Feierabend nach Bay View, damit er seine Freunde besuchen konnte, während sie die Einkäufe erledigte. Meistens wartete er bereits auf sie, wenn sie zurückkam, und schimpfte über Computer.

„Sie reden nur noch über diese Computer. Da gibt es das schönste Baseballspiel im Fernsehen, und sie wollen nur noch im Internet surfen. Richtig kindisch, wenn du mich fragst.“

Deshalb waren sie in letzter Zeit nicht so oft ins Seniorenheim gefahren. Fred schien sich zu Hause wohlzufühlen, und das freute sie sehr. Zugegeben, dachte Liza, während sie eine Rolle Cents aufbrach, reich werden wir nie. Aber das war auch der allerletzte Gedanke, den sie hatte, als sie quer durchs Land vor dem Chaos geflohen war, in das ihr Leben sich verwandelt hatte. Sie wünschte sich nur, dass sie genug Obst verkauften, um den Stand behalten zu können, hauptsächlich Onkel Fred zuliebe. Sie selbst konnte sich jederzeit einen Job suchen. Aber sie würde nie vergessen, wie ihr Onkel sie damals im Mai willkommen geheißen hatte, als sie bei ihm aufgekreuzt war.

„Salinas Tochter, sagst du? Du bist den ganzen weiten Weg aus Texas gekommen? Komm herein, meine Liebe, du siehst deiner Mutter sehr ähnlich. Stell deinen Koffer ins vordere Zimmer, die Matratze dort ist nagelneu.“

Die Matratze war vielleicht irgendwann einmal nagelneu gewesen. Egal, in der Not fraß der Teufel bekanntlich Fliegen. Und damals war sie in Not gewesen. Jetzt dagegen konnte sie mit Stolz sagen, dass sie sich ihren Aufenthalt verdiente. Langsam, Schritt für Schritt, aber jeder Schritt war absolut ehrlich.

„Ich bin draußen, falls du mich brauchst!“, rief sie, ehe sie zur Vordertür hinausging. Fred Grant hatte seinen Stolz. Er würde mindestens fünf Minuten brauchen, um den unebenen Plattenweg zwischen dem Haus und dem Verkaufsstand mit dem Blechdach zurückzulegen, den er vor fast vierzig Jahren gebaut hatte. Er hatte sich damals den Rücken verletzt und konnte seine Farm nicht mehr betreiben.

Nach und nach hatten er und seine Frau das ganze Land verkauft und nur das Haus und den halben Morgen Land, auf dem es stand, behalten. Ein paar Jahre später hatte er seine Frau zu Grabe getragen.

Jetzt hatten er und Liza nur noch einander. Langsam hatte sie sich in dieses stille Zuhause eingewöhnt, fernab des glamourösen Lebens auf der Überholspur, das James sehr viel besser gefallen hatte als ihr.

Indem sie praktisch ihren gesamten Besitz veräußerte, ehe sie hierher fuhr – die Kunstgegenstände, ihren Schmuck und die unglaublich teueren Kleider –, war es ihr gelungen, einige von James’ Opfern zu entschädigen und ihre Anwälte zu bezahlen. Ihrer Hausangestellten, Patty Ann Garrett, hatte sie eine kostbare Porzellanschale geschenkt, die sie immer bewundert hatte. Sie hätte ihr gern noch mehr gegeben, denn sie mochte die junge Frau. Doch sie hatte sich verpflichtet gefühlt, von dem, was James gestohlen hatte, so viel zurückzuzahlen, wie sie nur konnte.

Zudem hätten ihre Kleider Patty Ann nie gepasst, die nur eins dreiundsechzig groß war und einen erstaunlich üppigen Busen hatte. Liza dagegen war hochgewachsen, gertenschlank und hatte eher kleine Brüste. James hatte ihre Figur klassisch genannt, was sie damals höchst amüsant gefunden hatte.

Für eine Frau mit gutem Collegeabschluss, wenn auch nicht gerade in gefragten Fächern, war sie unglaublich naiv gewesen. Doch langsam lernte sie nun, ihr Leben zu meistern und sich um jemanden zu kümmern, der noch mehr Unterstützung brauchte als sie selbst.

„Guten Morgen. Ja. Alles Obst und Gemüse ist hier in Currituck angebaut worden.“ An einem guten Tag könnte sie diesen Satz mindestens hundert Mal sagen. Jemand vom Tourismusverband hatte errechnet, dass allein an den Samstagen im Sommer hier ungefähr 45.000 Menschen vorbeikamen. Familien auf dem Weg zum Strand oder von dort nach Hause kauften meistens in Supermärkten ein, aber Onkel Fred hatte viele Stammkunden, die zum Teil schon als Kinder mit ihren Eltern an seinem Stand gehalten hatten.

Nach dem Labour Day Anfang September, wenn die Ferien vorbei waren, nahmen sich die Leute etwas mehr Zeit für ihren Einkauf. Einige machten sogar Vorschläge, wie sie ihren Umsatz steigern könnte. Dank dieser Ideen und ihrer eigenen Kreativität war es Liza gelungen, wieder Schwung in den kleinen Verkaufsstand zu bringen. Zunächst hatte sie eine gebrauchte Kühlbox erstanden und ein Schild aufgehängt, auf dem sie Gratiseiswasser anbot, weil sie durch das Wort „gratis“ Kunden anzulocken hoffte. Dann hatte sie eine Bezugsquelle für Flickenpüppchen aufgetan, handgewebte Läufer und bestickte Leinenbeutel. Sie nannte sie Muschelbeutel, und sie verkauften sich so schnell, dass sie mit dem Nachschub kaum nachkam. Im Herbst hatte sie ihr Sortiment mit geräuchertem Schinken aus der Gegend ergänzt. Und als sie in die Winterpause gingen, hatte sich ihr Umsatz mehr als verdoppelt.

Als Liza jetzt einen Hauch von Old Spice wahrnahm, der sich mit dem erdigen Duft frisch geernteter Kartoffeln und süßer Zwiebeln mischte, sah sie hoch. Onkel Fred machte es sich in seinem Schaukelstuhl bequem. „Du hättest heute deinen Strohhut aufsetzen sollen – deine Baseballkappe schützt weder deine Ohren noch deinen Nacken.“

Noch fiel die Morgensonne schräg durch die großen Eichen. „Setz du nur deinen eigenen Hut auf, meine Liebe. Ich bin Sonne gewöhnt, aber mit deiner zarten Haut holst du dir schnell einen Sonnenbrand.“

„Hm. Was meinst du, ob wir eine der Frauen dazu bringen könnten, ein paar altmodische Sonnenhüte für uns zu fertigen? Wetten, dass die ein echter Verkaufsschlager sein würden?“ Liza war stolz auf ihren Einfall. Eine gute Geschäftsfrau hatte eben immer neue Ideen.

In der ersten Stunde verkaufte sie drei Kohlköpfe, ein halbes Dutzend Kantalup-Melonen und einen handgewebten Läufer. Dann setzte sie sich auf ihren Hocker und beobachtete den vorbeifließenden Verkehr. Als ein dunkelgrüner Geländewagen auf den Parkplatz fuhr, sagte sie leise zu ihrem Onkel: „Was meinst du? Landschinken?“ Wenn nicht viel los war, spielten sie manchmal ein Ratespielchen und versuchten im Voraus zu erraten, wer was kaufen würde.

Gemeinsam sahen sie dem hochgewachsenen, sonnengebräunten Mann entgegen. Sein geschmeidiger Gang wollte nicht so recht zu seinem von silbergrauen Fäden durchzogenem dunklem Haar passen. Er kann nicht viel älter als vierzig sein, dachte Liza. Mit gefärbtem Haar würde er für dreißig durchgehen. „Vielleicht nur ein Glas Eiswaser“, murmelte sie. Er kam ihr nicht wie ein typischer Urlauber vor und noch weniger wie jemand, der sich für Obst und Gemüse interessierte. „Der will eher was verkaufen als kaufen. Er hat diesen gewissen Blick.“

Beckett ließ sich Zeit, um auf die große, superschlanke Frau mit der Baumwollschürze, dem kastanienbraunen Haar und dem Gesicht eines Models zuzugehen. Wenn das die gleiche Frau war, die in einen Anlagebetrug verwickelt gewesen war, der sich über drei Bundesstaaten erstreckte, was zum Teufel machte sie dann an einem Ort wie diesem?

Und wenn das nicht Eliza Chandler Edwards war, was zum Henker machte dann eine Frau mit ihrem Aussehen hinter einer Kiste Zwiebeln in Gesellschaft von Grandpa Cranket oder Crocket oder wie auch immer der Alte hieß, der grinsend hinter ihr in seinem Schaukelstuhl saß?

„Wie geht’s denn so? Woher kommen Sie, junger Mann?“

„Wie bitte?“ Beckett blieb zwischen einer Kiste mit Obst und einer mit Kartoffeln stehen.

„Wir haben eine Menge Stammkunden, aber ich glaube, Sie habe ich hier noch nie gesehen. Sie kommen ganz aus Virginia?“

„Es ist ein Leihwagen, Onkel Fred“, sagte die Frau ruhig.

Beckett versuchte, ihren Akzent einzuordnen. Kultivierter Südstaatenakzent, mehr konnte er darüber nicht sagen. Sie war groß, mindestens eins fünfundsiebzig, wenn nicht eins achtzig. Allein ihre Gestalt hätte sie zu einem Topmodel gemacht, vorausgesetzt, sie stolperte beim Gehen nicht über ihre eigenen Füße. Er war ein Frauenkenner, denn er hatte viele Frauen aus sicherer Entfernung bewundert. Wenn das die Frau war, die aufzuspüren ihn so viel Mühe gekostet hatte, dann galt immer noch die gleiche Frage: Wie kam sie dazu, hier Obst und Gemüse zu verkaufen?

Er nickte dem alten Mann freundlich zu und konzentrierte sich ganz auf die Frau. „Mrs Edwards?“

Liza blieb fast das Herz stehen. Kannte sie ihn? Es gelang ihr, ruhig zu bleiben, doch sie konnte nicht umhin, ihn anzustarren. Er hatte etwas an sich, das sie in seinen Bann zog. Falls sie ihn je getroffen hätte, würde sie sich unbedingt an ihn erinnern. „Ich fürchte, Sie irren sich.“

„Sie sind nicht Eliza Chandler Edwards?“

Onkel Fred runzelte jetzt die Stirn und tastete hinter der Kühlbox nach seinem Stock. Lieber Himmel, schoss es Liza durch den Kopf, wenn er versucht, mir zu Hilfe zu kommen, gibt es ein Unglück. Sie hatte ihm einiges aus ihrer Vergangenheit erzählt, aber nichts von den mysteriösen Anrufen, die sie neuerdings bekam, und erst recht nichts von dem Brief letzten Monat.

„Ich würde sagen, Sie sind mir gegenüber im Vorteil“, murmelte sie, um Zeit zu gewinnen. Woher konnte er wissen, wer sie war? Ganz offiziell hieß sie wieder Eliza Jackson Chandler, und damit war auch die letzte Spur ihrer verhängnisvollen Ehe beseitigt.

„Könnte ich bitte ein Glas Eiswasser haben, das Sie da gratis anbieten?“

Dafür, dass es an diesem Morgen schon sehr schwül war, wirkte dieser Mann erstaunlich wenig mitgenommen. Nicht eine einzige Schweißperle stand ihm auf der Stirn. „Natürlich. Dort drüben.“ Sie zeigte auf den Behälter mit Plastikbechern und versuchte angestrengt, die Fassung zu bewahren.

Gebannt beobachtete sie, wie er trank. Seine geschmeidige Figur hatte er sicher nicht im Fitnessstudio erworben und seine Bräune nicht an einem einzigen Wochenende am Strand. Der Gegensatz von tief gebräunter Haut und dunklem Haar mit grauen Fäden, eisgrauen Augen und geschwungenen schwarzen Brauen war faszinierend, um nicht zu sagen, es machte den Fremden unglaublich attraktiv.

Ihr kam das Wort „sexy“ in den Sinn, doch Liza verwarf es augenblicklich. Sex war das Allerletzte, was sie im Moment interessierte. Ihr einziger Wunsch war es, diesen Mann loszuwerden.

Doch zunächst einmal musste sie in Erfahrung bringen, ob er derjenige war, der ihr nachspioniert hatte – zumindest im übertragenen Sinn, indem er sie mitten in der Nacht angerufen und dann wortlos aufgelegt hatte. Vergangenen Monat hatte sie einen Brief erhalten, der an sie persönlich unter Onkel Freds Anschrift adressiert war. Als Absender war ein Postfach in South Dallas angegeben. In dem schlichten weißen Umschlag hatte ein leeres Blatt Papier gesteckt.

„Ich glaube, Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet“, sagte er. Er hatte eine tiefe, leicht raue Stimme, die aber nicht bedrohlich klang. Zumindest noch nicht.

„Zuerst möchte ich gern wissen, wer fragt.“

„Beckett. L. Jones Beckett.“

„Das erklärt immer noch nicht, warum Sie hier sind und mir Fragen stellen, Mr Beckett.“ Falls Sie überhaupt so heißen, ergänzte sie im Stillen.

„Der Name kommt Ihnen nicht bekannt vor?“

Liza wandte sich ab und starrte auf ein paar Kürbisse. Hatte eines von James’ Opfern Beckett geheißen? Sie konnte sich wirklich nicht erinnern, es waren so viele Namen gewesen. Mithilfe ihres Anwalts hatte sie ihr Bestes getan, um den Schaden wieder gutzumachen. Doch selbst die Veräußerung ihres gesamten Besitzes hatte dafür nicht genügend erbracht – schon deshalb weil die Anwälte, einschließlich ihres Scheidungsanwalts, den sie zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr gebraucht hatte, einen großen Teil des Erlöses abbekommen hatten.

Mr Beckett wartete immer noch auf eine Antwort. „Nein, tut mir leid. Sollte er mir denn bekannt vorkommen?“

„Mein Urgroßvater war Lancelot Frederick Beckett.“

„Wie schön.“ Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, aber trotzdem fröstelte Liza. Onkel Fred hatte aufgehört zu lächeln und in seinem Schaukelstuhl hin und her zu schaukeln. Sein Stock lag einsatzbereit auf seinen knochigen Knien.

2. KAPITEL

Er hatte die Frau vor sich, die er suchte, dessen war sich Beckett sicher. Warum sonst war sie so gereizt? Eine einfache Farmerstochter, die am Straßenrand ihre Ware verkaufte, wie attraktiv sie auch sein mochte, würde einen möglichen Kunden kaum so abweisend behandeln.

Der Ausdruck ihrer braunen Augen verriet, dass sie der Hut vor ihm war, ja sogar Angst hatte. Aber wovor? Davor, erneut von der Polizei verhört zu werden?

Soweit er wusste, wurde der Fall abgeschlossen, als ihr Mann kurz vor seinem Tod die Verantwortung für den Betrug übernommen hatte. Ihr selbst hatte man nie etwas anlasten können, obwohl sie noch mit Edwards verheiratet gewesen war, als der von einem Opfer seiner Machenschaften erschossen wurde.

„Sie sind also nicht aus Virginia?“, fragte der Alte und lächelte ihn freundlich an. Sein Stock mit dem Messingknauf war nirgends zu sehen.

„Nein, aus South Carolina“, erwiderte Beckett. In dem Staat, in dem er geboren wurde, hatte er genau achtzehn Jahre gelebt. Er verwahrte immer noch einige Dinge aus seiner Schulzeit in seinem Elternhaus, weil in seiner eigenen Wohnung nicht genügend Platz dafür war.

Der Alte nickte. „Auf einen der Südstaaten hatte ich auch getippt.“

„Was wollen Sie?“ Diesmal war es die Frau, die das Wort an ihn richtete. Äußerst misstrauisch sah sie ihn an.

Unter anderen Umständen hätte es ihn gereizt, ihr eine herausfordernde Antwort zu geben, denn ihre Blicke signalisierten Interesse an ihm und gleichzeitig eisige Ablehnung. „Nichts. Vielmehr habe ich etwas für Sie.“ Und zwar ein wertloses, so gut wie unleserliches Bündel Dokumente. Das Geld hatte er im Wagen gelassen. Falls sie nicht die Richtige war, würden die Papiere ihr nichts bedeuten, und falls sie es war …

Sie war es. Darauf würde er wetten.

Doch sie war nicht bereit, ihre Abwehr aufzugeben. „Etwas, was ich für Sie verkaufen soll? Tut mir leid, wir machen nur Geschäfte mit Einheimischen.“

„Im Moment lediglich ein paar Papiere“, erwiderte er ärgerlich. „Hören Sie, wenn Sie mir ein paar Minuten geben würden, um zu erklären …“

Sie schob ihre zu Fäusten geballten Hände in ihre Schürzentaschen und wich zurück. „Nein. Sie können Ihre Papiere behalten. Ich weigere mich, sie anzunehmen. Sie sind ein Zustellungsbeamter vom Gericht, nicht wahr?“ Ihr Gesicht konnte man schön nennen – sogar aristokratisch. Und jetzt reckte sie kampflustig das Kinn.

Aus irgendeinem Grund rührte Beckett das. „Ich bin kein Zustellungsbeamter vom Gericht. Auch kein Hilfssheriff oder Kopfgeldjäger. Und ich bin auch kein Reporter. Ich wurde gebeten, Sie ausfindig zu machen, um Ihnen etwas zu geben, was Ihnen rechtmäßig zusteht. Zumindest stand es einem Verwandten von Ihnen zu.“ Vielleicht konnte er ja damit ihre Neugier wecken. „Ich möchte hinzufügen, dass ich alle Hebel in Bewegung setzen musste, um Sie aufzuspüren.“

Sie sah ihn noch misstrauischer an als vorhin. Wenn man bedachte, in welche Betrügereien ihr Mann verwickelt gewesen war, hatte sie wahrscheinlich auch allen Grund dazu. Aber verdammt, wenn er schon bereit war, zehn Riesen von seinem persönlichen Bankkonto auszuzahlen, dann konnte sie sie doch wenigstens annehmen. Ein kleines Dankeschön wäre auch nicht zu viel verlangt.

„Am besten, ich lasse Ihnen die Unterlagen hier, dann können Sie sie durchsehen, wenn Sie Zeit dazu haben.“ Er hielt ihr einen großen braunen Umschlag hin.

Liza schob die Fäuste tiefer in ihre Schürzentaschen. Schön, er war vielleicht doch kein Zustellungsbeamter – sie hatte noch nie gehört, dass die jemandem Zeit zum Durchsehen von Unterlagen gaben –, aber das machte ihn nicht weniger bedrohlich. Heutzutage wurde viel prozessiert. Vielleicht dachte einer der vielen Geschädigten ja, er könne sie belangen, nur weil sie mit James verheiratet gewesen war und von dem Geld, das er erschwindelt hatte, profitiert hatte.

Ehe sie den Fremden loswerden konnte, fuhr ein Wagen vor, und zwei Ehepaare und drei Kinder stiegen aus.

Noch während sie dann deren Einkäufe mit ihrer altmodischen Registrierkasse addierte, hielten zwei weitere Kunden an. Onkel Fred verwickelte einen der Männer in ein Gespräch über sein favorisiertes Baseballteam. Wenn er einen anderen Baseballfan traf, freute ihn das immer sehr.

„Funktioniert dieses Ding da wirklich?“, wollte eine der Frauen mit Blick auf ihre alte Registrierkasse wissen.

„Sie funktioniert wunderbar und hilft mir zudem, meine Stromkosten niedrig zu halten.“ Das war ihre Standardantwort, wenn jemand eine Bemerkung zu ihrer unzeitgemäßen Ausrüstung machte. Obwohl sie keine Ahnung hatte, was die Leute von einem Stand am Straßenrand erwarteten. Sie wog auf ihrer Hängewaage grüne Bohnen ab.

„Eine solche Waage hab ich mal in einem Antiquitätengeschäft gesehen“, bemerkte die Frau voller Bewunderung.

Aus dem Augenwinkel sah Liza den Fremden weggehen. Und ertappte sich dabei, wie sie seinen knackigen Hintern und geschmeidigen Gang bewunderte. Er erregte ihre Neugier, wenn auch nur für einen Moment. Attraktive Männer – und auch unattraktive –, die ihren Namen oder sonst irgendetwas von ihr wussten, konnten ihr gestohlen bleiben.

Er ließ den Motor an, fuhr jedoch nicht gleich weg, sondern telefonierte mit jemandem.

Wer war er? Was wollte er von ihr? Lassen Sie mich in Ruhe, verdammt, dachte sie wütend. Bei mir ist nichts mehr zu holen!!

Nachdem James angeklagt worden war, hatte eine geprellte Frau sie aufgespürt und ihr ein Foto ihres Hauses gezeigt, das sie hatte aufgeben müssen, weil ihr Mann ihre gesamten Ersparnisse in eines von James’ betrügerischen Immobilienprojekten gesteckt hatte. Sie hatte geweint. Und Liza schließlich auch. Sie hatte der Frau ein mit Diamanten und Saphiren besetztes Armband geschenkt, womit sie sich zwar kein neues Zuhause kaufen konnte, aber mehr hatte sie damals nicht tun können.

Zu ihrer größten Erleichterung fuhr der dunkelgrüne Geländewagen endlich weg. Ein paar erholsame Augenblicke lang waren sie und Onkel Fred allein. Die Mittagshitze trieb ihr den Schweiß auf die Stirn, obwohl sie innerlich immer noch fröstelte. Sie überlegte gerade, ob sie vielleicht einen der elektrischen Ventilatoren aus dem Haus holen sollte, als ihr Blick auf den großen braunen Umschlag fiel.

Na prima. Sie war versucht, ihn liegen zu lassen, wo er lag, nämlich am Ende des Tresens, beschwert mit einer Steckrübe.

Onkel Fred rückte seinen Schaukelstuhl weiter in den Schatten und fing wieder zu schaukeln an. „Komisch, dass dieser Bursche dir etwas geben wollte. Was meinst du denn, was das sein könnte?“

„Irgendwelche Papiere sagte er.“ Sie deutete auf den Umschlag, den ihr Onkel von seinem Platz aus nicht sehen konnte.

„Vielleicht haben wir ja in der Lotterie gewonnen“, scherzte er. Er redete immer mal wieder davon, nach Virginia fahren und Lotterielose kaufen zu wollen. Sie taten es nie. Onkel Fred fuhr schon seit zehn Jahren nicht mehr selbst Auto, und Liza wollte nichts, was sie sich nicht verdient hatte.

„Ich sollte anfangen, Bohnen zu putzen, solange es ruhig ist. Ich will heute Abend doch noch welche einfrieren.“ Alles, was nicht rechtzeitig verkauft werden konnte, fror sie ein. Ihr Onkel nannte es „Wintervorräte anlegen“. Und das klang wunderbar.

„Willst du gar nicht nachsehen, was in dem Umschlag ist?“

„Ach ja, der Umschlag.“ Sie ließ das so klingen, als könne sie es kaum erwarten, ihn zu öffnen. Dabei hatte sie wieder das Gefühl, ihr werde gleich schlecht, genau wie an dem Tag, als sich bei James’ Immobiliengeschäfte als Schwindel zu entpuppen begannen. Damals hatte sie gehofft, sie sei schwanger. Später war sie erleichtert gewesen, dass sie kein Kind erwartete.

„Hier kommt der nächste Kunde.“ Sie reichte ihrem Onkel den Umschlag und trat hinter den Verkaufstresen. „Du kannst ihn ruhig aufmachen.“

Viel Auswahl an Übernachtungsmöglichkeiten gab es nicht. Beckett konnte zum Strand fahren, doch er ahnte, dass seine Chancen, an einem Sonnabend Ende August ein Zimmer zu finden, nicht groß waren. Zudem war er mit Queen Eliza noch nicht fertig. Inzwischen würde sie die Dokumente wohl durchgesehen und gemerkt haben, dass er es ehrlich meinte, auch wenn sie noch nicht verstand, worum es ging. Der Name Chandler war leicht zu lesen, trotz der verblassten Tinte. Auch der Brief seines Großvaters, Elias Beckett – komisch, dass die Vornamen gleich waren. Elias Chandler und Elias Beckett, auch wenn die beiden verschiedenen Generationen angehörten.

Wie auch immer, er würde zurückfahren, sobald sie Feierabend gemacht hatte, um die Fragen zu beantworten, die sie eventuell hatte, und um ihr das Geld zu übergeben. Inzwischen konnte er sich mit ein paar potenziellen Kunden auf der Werft in Newport News verabreden.

Mit ein wenig Glück würde er morgen Nachmittag auf dem Weg nach Charleston sein. Er würde ein paar Tage mit seinen Eltern verbringen und dann nach Dublin zurückfliegen, um die Verhandlungen mit der Reederei abzuschließen.

Wichtig war, PawPaw beruhigen zu können, dass die Schulden der Becketts bei den Chandlers endlich beglichen waren. Er würde sich bei der Übergabe des Geldes eine Quittung unterschreiben lassen mit der Erklärung, dass alle zukünftigen Erben von der Begleichung der Schulden in Kenntnis gesetzt würden. Ein Handschlag reichte heutzutage nicht mehr.

Danach konnte Queen Eliza mit dem Geld machen, was sie wollte. Sie konnte sich eine vernünftige Kühlbox und eine Kasse kaufen, die nicht aus den dreißiger Jahren stammte, oder auch eine Drehorgel und ein Äffchen. Er hatte einen Auftrag erhalten, und er hatte schon zu viel Mühe investiert, um die Sache nicht zu Ende zu bringen. Aber er konnte Queen Eliza sie kaum bitten, ihm den Erhalt von zehntausend Dollar zu quittieren, während sie dabei war, grüne Bohnen im Wert von neunundsechzig Cents abzuwiegen.

„Sie sind dran, Lady“, sagte er leise und stellte seinen Laptop auf den Tisch in seinem Motelzimmer. Er legte sein Handy daneben, warf seinen Aktenkoffer aufs Bett, drehte die Klimaanlage höher und zog sich sein durchgeschwitztes Hemd über den Kopf. Er hatte schon in sehr viel besseren Zimmern übernachtet, aber auch in sehr viel schlechteren. Wenigstens war das Zimmer sauber, hatte eine vernünftige Dusche und ein einigermaßen bequemes Bett. Er streifte seine Schuhe ab und wählte eine Telefonnummer.

„Carson? Hier ist Beckett. Ja, der Hinweis deines Bekannten auf ihren Aufenthaltsort war goldrichtig. Sag ihm, dass ich ihm ein Dinner schulde, okay?“ Dann beschrieb er seinem Cousin, wo und mit wem Eliza Chandler offenbar lebte. „Der Alte ist ihr Großonkel mütterlicherseits, dem Stammbaum des Ahnenforschers zufolge. Sieht aus, als könnte er ein paar Dollar gebrauchen. Das Haus hat Reparaturen dringend nötig.“

Carson beglückwünschte ihn. „Wann kommst du hierher zurück?“

„Vermutlich morgen. Ich möchte noch ein paar geschäftliche Termine in der Gegend von Norfolk wahrnehmen, wenn ich schon mal in der Nähe bin. Vielleicht fahre ich auch noch nach Morehead City und bin dann wohl morgen gegen Abend in Charleston.“

„Soll ich Tante Becky anrufen und ihr Bescheid sagen?“

„Warte, bis ich genau weiß, wann ich zurückkomme. Es gibt nämlich noch ein kleines Problem.“

„Sag bloß, sie ist die falsche Chandler.“

„Nein, sie ist schon die richtige Chandler, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber sie will die Papiere nicht einsehen.“

„Sie will deine zehn Riesen nicht?“

„So weit sind wir gar nicht gekommen. Ich gab ihr die Dokumente, weil sie sie durchsehen soll, ehe ich ihr das Geld aushändige. Soweit sie sie entziffern kann zumindest.“

„Hast du ihr nicht erklärt, worum es geht?“

„Ich wollte es, aber dann war sie mit Kundschaft beschäftigt, und ich hatte keine Lust, den ganzen Tag auf eine Gelegenheit zu warten. Ich fahre nach Feierabend noch mal zurück und erkläre ihr die Zusammenhänge. Hör mal, hast du je daran gedacht, dass wir, falls sie anfängt, die Inflationsrate der letzten hundert Jahre auszurechnen, ganz schön in die Bredouille kommen?“

„Nein, hab ich nicht. Auf was für Ideen du auch kommst! Wir wissen doch gar nicht, um wie viel Geld es ursprünglich eigentlich ging, oder?“

„Das stimmt. Ich werde sie aber auf jeden Fall um eine Quittung bitten. Meinst du, das ist übertrieben?“

„He, du bist doch derjenige, der mit staatlichen Vorschriften und dem ganzen Behördenkram zu tun hat. Ich bin nur ein einfacher Polizist.“

Carson war schon ein wenig mehr, doch Beckett wusste, was er meinte. Er wollte nicht, dass die nächste Generation der Becketts in irgendwelche Lücken des Gesetzes stolperte. Ja, ehe er ihr das Geld aushändigte, würde er sie definitiv bitten, eine Empfangsbescheinigung zu unterschreiben.

„Weißt du was, Beckett, so, wie wir die Sache abwickeln, könnten wir in große Schwierigkeiten geraten, wenn der alte Chandler womöglich noch mehr Sprösslinge in die Welt gesetzt hat. Dass wir nur zwei Nachkommen ausfindig machen konnten, heißt ja nicht unbedingt, dass es keine weiteren gibt.“

„Erinnere mich nicht daran. Das ist ja einer der Gründe, weswegen ich die Dinge hieb- und stichfest regeln will. Falls später doch noch jemand Ansprüche erhebt, zücken wir unsere Quittung und schicken den Betreffenden zu Mrs Edwards und wie heißt die andere noch mal? Die Cousine, meine ich. Dann können sie sich die Beute teilen … oder auch nicht.“

Nachdem er das Telefonat beendet hatte, zog Beckett sich aus und ging unter die Dusche. Während er zunächst heißes und dann kühles Wasser über seinen Körper laufen ließ und sich gründlich einseifte, tauchte unvermittelt Eliza Chandler Edwards vor seinem geistigen Auge auf.

Lancelot Beckett hatte viele schöne Frauen gekannt – vielleicht mehr als der Durchschnittsmann. Doch seit er im jugendlichen Alter von zweiundzwanzig vergeblich vor dem Altar auf seine Braut gewartet hatte, war er sehr darauf bedacht gewesen, dass sich dergleichen nicht wiederholte. Jetzt war er wohl schon zu alt. Jeder Mann, der bis Mitte dreißig nicht verheiratet war, war vermutlich kein geeigneter Ehekandidat.

Wie auch immer, es war lange her, seit er eine faszinierendere Frau als Mrs Edwards getroffen hatte. Es war ihm nicht entgangen, dass in ihren goldbraunen Augen ein gewisses Interesse an ihm aufgeflackert war, ehe es von Argwohn verdrängt worden war. Auch wenn sie dann auf Abwehr geschaltet hatte. Nein, faszinierend war nicht übertrieben. Ihr dichtes, leicht welliges kastanienbraunes Haar war von einzelnen goldenen Strähnchen durchzogen. Sie hatte es mit einer Schildpattspange aufgesteckt. Ihre Kleidung war leger geschnitten, um ihre Figur auf keinen Fall zu betonen. Beckett fragte sich, ob ihr bewusst war, dass solche Kleidung bei der richtigen Frau viel aufregender wirkte als Sachen, die allzu viel enthüllten.

Ja, sie war etwas Besonderes. Alles an ihr vermittelte die Botschaft, dass ein Mann sie anschauen durfte, aber die Hände von ihr lassen sollte. Was Beckett erst recht reizte. Wusste sie dass? War es Absicht?

Irgendwie glaubte er das nicht.

Er regulierte die Wassertemperatur erneut, doch das Wasser wurde nicht richtig kalt. Nicht zum ersten Mal sagte er sich, dass er hätte warten und Carson die Sache hätte erledigen lassen sollen, denn der war zwei Jahre jünger und nicht so viel auf Achse wie er.

Aber er hatte es nun mal versprochen. Wie seine Mutter unverblümt gesagt hatte, lief die Zeit ab, und diese Geschichte sollte endlich ein für alle Mal aus der Welt geschafft werden. „PawPaw macht sich große Sorgen, und Coley kann keine Aufregung gebrauchen.“

Seit bei seinem Vater ein Lungenemphysem, also eine krankhafte Aufblähung der Lungenbläschen, diagnostiziert worden war, tat Becketts Mutter alles, um jede Aufregung von ihm fernzuhalten.

Sie hatte Beckett am Flughafen abgeholt, als er vor gut einer Woche aus Dublin gekommen war. Nach einer herzlichen Umarmung und einer gründlichen Musterung von Kopf bis Fuß hatte sie gemeint: „Lieb von dir, dass du das für mich erledigst. Sobald du jemanden namens Chandler aufgespürt, die ruinierten alten Unterlagen und was immer die Becketts ihnen schulden, übergeben hast, kannst du wieder deine Piraten jagen. Schon seltsam, dass ein erwachsener Mann ausgerechnet damit sein Geld verdient.“

Beckett hatte mehrfach versucht, seiner Mutter zu erklären, dass Piraterie auf hoher See heutzutage genauso weit verbreitet war wie in jener Zeit, als der berüchtigte Blackbeard vor der Küste von Carolina sein Gewerbe ausübte. Egal, für sie war und blieb es Kinderkram. Sie hatte gewollt, dass er in die Politik ging wie sein Vater, Senator Coley Jefferson Beckett. Oder Investmentbanker wie sein Großvater, Elias Lancelot Beckett, und sein Urgroßvater, Lancelot Frederick Beckett – der diesen ganzen Schlamassel angerichtet hatte.

Vor einigen Jahren hatte er sich in eine sexy Meeresbiologin namens Carolyn verliebt. Allerdings, wie immer, nicht heftig genug, um länger mit ihr zusammenzubleiben. Nach etwa sechs Monaten hatte er die Beziehung beendet. So taktvoll wie möglich, aber Carolyn war verletzt gewesen. Beckett hatte seine Schuldgefühle bereitwillig akzeptiert. Glücklicherweise machte es ihm seine Arbeit leicht, vor festen Beziehungen davonzulaufen.

Ein Jahr später hatte er Carolyn mit ihrem Mann zufällig auf einem Jazzfestival getroffen. Sie war hochschwanger und strahlte nur so vor Glück. Da hatte er sich einen Moment lang gefragt, ob er vielleicht einen Fehler gemacht hatte. Die Familie hatte ihm immer viel bedeutet. Die Begegnung mit dem alten Mann heute, der seine letzten Lebensjahre neben einem Obst- und Gemüsestand an der Straße verbrachte, hatte ihn wieder einmal an seine eigene Sterblichkeit erinnert.

Die Beckett-Männer wurden zwar alle sehr alt, aber wie würde es sein, ganz allein alt zu werden, ohne Frau, die mit ihm das Bett teilte – und ohne Kinder, die ihn verrückt machten? Ohne Enkel, die auf seine Knie krabbelten?

Sein einziges Erbe würde ein respektables Bankkonto sein und eine kleine, relativ erfolgreiche Firma, die er praktisch aus dem Nichts aufgebaut hatte – und die aus einem Büro mit zwei Räumen in Delaware bestand, einem Partner und einer Teilzeitsekretärin. In seinem Testament hatte er seine Eltern als seine Alleinerben angegeben. Wen auch sonst? Carson? Ein paar entfernte Cousins, die er nicht einmal kannte?

Himmel, jetzt wurde er auch noch deprimiert. Die Schwüle schlägt mir aufs Gemüt, dachte er, als er splitternackt quer durchs Zimmer ging, um saubere Wäsche aus seiner Reisetasche zu nehmen. Oder es lag daran, dass er seit dem scheußlichen Hamburger am Flughafen nichts mehr gegessen hatte. Ein Becher Gratis-Eiswasser half da nicht.

Liza wusch sich die Haare und rieb sie mit einem Handtuch trocken, ehe sie Abendessen machte. Dann tat sie etwas, was sie sehr, sehr lange nicht mehr getan hatte. Sie trat vor den alten Spiegel ihrer Frisierkommode und betrachtete ihren nackten Körper. James hatte sie klassisch schön gefunden. Jeder Mann, der noch alle Sinne beisammenhatte, würde sie schlicht mager finden. Ihre Hüftknochen standen vor, ihre Rippen waren deutlich zu sehen, und was ihre Brüste betraf …

Zögernd legte sie die Hände auf ihre kleinen, festen Brüste. Ihre Brustspitzen, die vom Abtrocknen noch ganz empfindlich waren, wurden sofort zu kleinen Perlen. Leise fluchend wandte Liza sich ab.

Dieser Abschnitt ihres Lebens war vorbei. Zum Glück hatte Sex für sie nie eine besonders große Rolle gespielt. Nach ihrem ersten Ehejahr hatte sie einmal pro Woche ihre ehelichen Pflichten erfüllt, gelegentlich zwei Mal, und dann war auch das vorbei gewesen. Sie waren fast jeden Abend ausgegangen, und wenn sie dann nach Hause kamen, waren sie beide regelrecht ins Bett gefallen. Um zu schlafen, und nicht, um sich zu lieben. Nach ein paar Drinks war James nicht mehr danach gewesen, sehr zu ihrer Erleichterung.

Hastig zog Liza sich an und ging in die Küche. Heute Abend gab es wieder Baseball im Fernsehen: Die Braves aus Atlanta spielten gegen die Mets aus New York. Außer den New York Yankees waren die Mets ihrem Onkel am meisten verhasst. Später, nach dem Abwasch, würde sie sich in ihr Zimmer zurückziehen und die verflixten Unterlagen durchsehen. Es konnte ja nicht schaden. Der Umschlag war nicht versiegelt, sondern nur mit einer Klammer verschlossen. Falls es irgendetwas mit James zu tun hatte, würde sie ihn einfach wegwerfen. Sie hatte Entschädigungen gezahlt, soweit sie dazu in der Lage war, obwohl sie nicht einmal dazu verpflichtet gewesen wäre. Sie war von jeder Verantwortung freigesprochen worden, nachdem James kurz vor seinem Tod klargestellt hatte, dass sie von seinen Machenschaften nicht einmal etwas gewusst hatte, geschweige denn darin verwickelt war.

Diese letzte Geste war erstaunlich großzügig gewesen, was jedoch nicht hieß, dass sie, Liza, nicht verhört worden war. Und auch nicht, dass sie sich nicht doch schuldig fühlte, nachdem seine Taten ans Tageslicht gekommen waren. Fast elf Jahre lang hatte sie durch James’ finanzielle Betrügereien auf großem Fuß gelebt. Das wunderschöne Haus im Norden von Dallas, die vielen Reisen in schicke Badeorte, die, wie James immer behauptete, dazu dienten, neue Kontakte zu knüpfen und alte zu pflegen. Als habe sie Scheuklappen getragen, begleitete sie ihn, wann immer er sie darum bat, obwohl sie die Leute, die er dort traf, nie besonders gemocht hatte.

Sobald sie in der Küche fertig war, schaltete Liza das Licht aus. Onkel Fred rief ihr aus dem Wohnzimmer zu: „Das Spiel fängt gleich an. Möchtest du wetten, wie es ausgeht?“

„Ein Vierteldollar, dass die Mets mit fünf Punkten gewinnen.“ Sie wusste wenig über Baseball, und es interessierte sie auch nicht sonderlich, doch er genoss die Spiele so sehr, dass sie seine Begeisterung zu teilen versuchte.

„Du machst Witze! Ich durchschaue dich, Mädchen – dir gefällt der Fänger der Mets.“ Dass er sie neckte, gehörte zu ihrem Sportssendungsritual dazu.

Liza lehnte sich an den Türrahmen und sah zu, wie ihr Onkel es sich für den Fernsehabend gemütlich machte: Obstschale in Reichweite, Fernsehsessel in der richtigen Position und eine Tüte Kartoffelchips unter dem Rauchtischchen versteckt. Sie wollte gerade in ihr Zimmer gehen, als Scheinwerferlicht die Fenster streifte. Vom Verkehr auf dem Highway konnte das nicht kommen. Ein Wagen musste zu ihnen abgebogen sein.

„Onkel Fred, hast du jemanden zum Spiel eingeladen?“

Aber ihr Onkel hatte den Fernseher lauter gestellt und hörte sie nicht. Also blieb es Liza überlassen nachzusehen, wer vorgefahren war. Gelegentlich brachte eine der Frauen, die sie mit den Handarbeiten belieferte, auf dem Weg zum Gebetsabend in der Kirche neue Ware vorbei. Aber heute war Sonnabend, nicht Mittwoch.

Sie wusste, wer es war, noch ehe er aus seinem unter einer der Eichen geparkten Geländewagen ausgestiegen war. Sie überprüfte, ob die Fliegengittertür eingehakt war, und wartete dann, dass er zur Vorderveranda kam. Er hatte sie gebeten, die Papiere durchzusehen und gesagt, er würde später wiederkommen. Sie hatte gedacht, das hieße frühestens morgen.

Allein durch die Art, wie er den unebenen Steinplattenweg entlangschlenderte, wirkte dieser Mann gefährlich. Es lag daran, wie er ging. Nicht unbedingt federnd wie ein Sportler, sondern geschmeidig wie eine Raubkatze bewegte er sich lautlos durch die länger werdenden Schatten.

Nimm dich zusammen! ermahnte sie sich.

„Lassen Sie mich raten“, empfing sie ihn, als er die Veranda betrat. Sie machte keine Anstalten, die Fliegengittertür zu öffnen. „Sie sind gekommen, um mir zu sagen, dass ich den Hauptgewinn in der Lotterie gewonnen habe.“

„Hatten Sie schon Zeit durchzusehen, was ich Ihnen dagelassen habe?“

„Noch nicht.“ Sie ließ die Verandabeleuchtung ausgeschaltet, weil Licht nur Motten und Stechmücken anzog. Zudem war es noch nicht ganz dunkel. Doch das Dämmerlicht reichte, um die markanten Wangenknochen des Fremden zu betonen, die gerade Nase und den Mund, der sexy wirkte, aber auch Entschlossenheit signalisierte.

„Wie wär’s, wenn Sie die Unterlagen jetzt durchlesen? Es dürfte nicht lange dauern. Leider sind die meisten Seiten zusammengeklebt, aber wenn Sie erst mal die oberste Seite überflogen haben, erkläre ich Ihnen alles, was Sie nicht verstehen, und händige Ihnen das Geld aus. Dann können Sie eine Empfangsbestätigung unterschreiben, und ich gehe wieder.“

„Ich unterschreibe gar nichts, ich kaufe nichts, und ich will nichts …“ Sie runzelte die Stirn. „Welches Geld?“

„Geben Sie mir drei Minuten, ich werde versuchen, es kurz zu machen. Sind Sie oder sind Sie nicht die Urenkelin von Elias Matthew Chandler aus Crow Fly, Oklahoma?“

Ihr blieb der Mund offen stehen. Misstrauisch sah sie ihn an. „Sind Sie verrückt?“

Beckett schlug nach einer Stechmücke auf seinem Arm. „Mann, sind das blutrünstige kleine Biester!“

Sie stieß die Fliegengittertür auf. „Himmel, kommen Sie schon herein. Sie haben noch zwei Minuten, um mir zu erklären, warum Sie mir nachstellen.“

Er holte tief Atem. Liza konnte nicht umhin festzustellen, was für eine breite Brust er hatte und was für beeindruckende Schultern. Nicht, dass sie beeindruckt gewesen wäre. Aber eine Frau konnte einen Mann schlecht übersehen, wenn er derart attraktiv war und so gut duftete.

Zum Henker! „Eine Minute und dreißig Sekunden“, ermahnte sie ihn.

„Moment mal. Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.“

„Sie meine auch nicht. Na schön, ja, ich bin vielleicht mit jemandem verwandt, der vielleicht aus Oklahoma stammte. Ich habe jedoch leider keine Kopie meines Stammbaums zur Hand. Falls Sie also für das, was auch immer Sie beweisen wollen, meinen Stammbaum brauchen, dann gehen Sie mit Ihren Papieren lieber woanders hin. Die Zeit läuft. Noch eine Minute.“

„Ich habe es schon woanders versucht.“ Sein Lächeln war einfach umwerfend, auch wenn sie ihm nicht über den Weg traute.

„Sie haben was?“, fragte sie. Und dann gewann ihre Neugier doch die Oberhand. „Was für Geld? Geht es um einen Lotteriegewinn?“

„So könnte man es nennen.“ Sein Lächeln war verschwunden, doch die Wirkung, die seine schönen grauen Augen auf sie hatten, war nicht minder überwältigend. „Haben Sie zufällig eine Cousine namens Katherine Chandler Dixon?“

Langsam nahm er ihr den Wind aus den Segeln. Aus dem Wohnzimmer rief ihr Onkel ihr zu: „Du solltest lieber reinkommen, Mädchen – dein Team hat eben wieder einen home run erzielt.“

„Hören Sie, würden Sie bitte sagen, was Sie zu sagen haben, und dann wieder gehen? Ich weiß nicht viel über die Geschichte meiner Familie. Wenn Sie also zu beweisen versuchen, dass wir verwandt sind, dann sollten Sie das lieber mit jemandem klären, der besser Bescheid weiß als ich. Und falls Sie etwas anderes wollen, ich bin nicht interessiert.“ Auch wenn es um Geld ging. Sie würde sich davor hüten, auf den alten Trick, dass es etwas umsonst gab, hereinzufallen.

Der Mann, der sich L. Jones Beckett nannte, schob sich an ihr vorbei, um ins Wohnzimmer zu spähen. „Ist dies das Spiel Braves gegen Mets? Wie steht es?“

„Ah, Sie sind zurückgekommen. Dachte ich mir schon. Das wird kein leichtes Spiel heute Abend. Es steht eins zu eins, aber die Braves werden gewinnen.“

Aufstöhnend schloss Liza die Augen. Wenn er etwas von Baseball verstand, würde sie ihn nie loswerden. Dafür würde Onkel Fred schon sorgen. Da konnte sie diese verdammten Papiere ebenso gut gleich durchlesen.

3. KAPITEL

„Bring Mr Beckett doch einen Eistee, Liza. Nehmen Sie sich ruhig ein paar Kartoffelchips, junger Mann.“ Plötzlich beugte Onkel Fred sich aufgeregt vor. „Was heißt hier Traumwurf? Der ging doch glatt eine halbe Meile daneben!“

Liza überließ die beiden ihrem Spiel und ging in ihr Zimmer. Sie würde die Unterlagen überfliegen, sie Mr Beckett zurückgeben und ihn dann zur Tür bringen. Und damit hätte es sich. Falls er doch gekommen war, um sie zur Teilnahme an irgendeinem Glücksspiel zu überreden, das schnellen Reichtum versprach, dann hatte er an die falsche Tür geklopft. Alle Werbesendungen, die auch nur so aussahen, als würden sie ihr einen Hauptgewinn bringen, wanderten ungeöffnet in den Müll. Liza wollte keinen einzigen Cent, wenn sie nicht genau wusste, woher er kam.

Die Unterlagen rutschten aus dem Umschlag. Einen Moment lang starrte Liza sie nur an, wie sie da auf ihrer weißen Tagesdecke lagen. Sie sahen aus, als wären sie in Tee eingeweicht gewesen. Das oberste Blatt schien ein Brief zu sein, also fing sie damit an.

Mein lieber Eli

Mehr war nicht zu entziffern, weil die Tinte verblasst war. Die verschnörkelte Schrift war schwer zu lesen, ganz abgesehen von der verblassten Tinte und dem Zustand des Briefpapiers im Allgemeinen. Liza versuchte, das Datum im Briefkopf zu entziffern. September … hieß das 1900? Gütiger Himmel! Man hätte diese Unterlagen sorgsamer verwahren sollen, ob sie nun wertvoll waren oder nicht.

Nach der Hälfte der Seite gab sie es auf. Sie konnte nur hier und da ein Wort entziffern. Wer auch immer den Brief vor mehr als hundert Jahren geschrieben hatte, schien damit zu prahlen, Unmengen von Geld verdient zu haben. Aber wegen des schlechten Zustands des Briefes konnte Liza nicht mehr daraus entnehmen.

Den verzierten Rändern nach schienen die restlichen Unterlagen irgendwelche Urkunden zu sein. Sie waren so brüchig, dass sie es nicht wagte, sie zu trennen. In einem zweiten Klumpen gab es ein paar Papiere, die aussahen wie Seiten, die man aus einem Hauptbuch herausgerissen hatte. Sie konnte darauf lediglich die Wörter „Merchants Bank“ entziffern und „Einlage im …“ Wert von? Werk von? Und etwas, was aussah wie das Wort „Akten“.

Akten? Aktei?

„Aktien“, las Liza laut. „500 Aktien der …“

Wie auch immer die Firma geheißen haben mochte, wie hoch auch immer der Wert der Aktien gewesen sein mochte, der Zahn der Zeit hatte ganze Arbeit geleistet.

Und dann hielt Liza den Atem an. Dieser hinterhältige, widerwärtige Gauner!

Genau. Er hatte die wertvoll aussehenden Urkunden gefunden, aber ehe sie verkauft werden konnten, mussten sie natürlich von einem Experten für echt befunden werden. Lief das nicht so? Nur, der arme Mr Beckett, wenn er denn wirklich so hieß, konnte das nicht allein bewerkstelligen. Er war jedoch bereit, sie ins Boot zu holen für die lächerliche Summe von, sagen wir fünfhundert Dollar – tausend wären natürlich besser, falls sie sie aufbringen konnte –, um die Urkunden für echt erklären zu lassen. Er selbst würde den gleichen Betrag lockermachen.

Wie viele arme Trottel hatte er schon überredet, in sein raffiniertes Projekt zu investieren? Ein klassischer Fall von Trickbetrug. Sie sollte diesen Kerl sofort dem Sheriff übergeben.

Aus dem vorderen Teil des Hauses hörte sie einen Aufschrei. Die Baseballfans waren nicht zu bremsen. Ihr Onkel rief: „Lauf, Junge! Zeig ihnen, wie es gemacht wird!“

Anscheinend hatte einer der Braves gerade einen home run erzielt. Sie hoffte nur, dass L. J. Beckett das Baseballspiel genoss, denn mit seinem anderen Spiel würde es nichts werden. Nicht heute Abend. Nicht mit ihr.

Ehe Liza ihr Zimmer verließ, brüstete sie kurz ihr Haar aus und steckte es dann wieder auf.

Nach ihrem Bad hatte sie eine saubere Jeans angezogen und ein T-Shirt, das beim Abwaschen einige Wasserflecken abbekommen hatte. Wohl kaum ihr schickstes Outfit, aber sie hatte ja auch nicht vor, irgendjemanden zu beeindrucken. Besonders nicht einen attraktiven Teufel, der dachte, er bekomme sie mit einem simplen Trick an die Angel.

„Sind wir noch am Gewinnen?“, wandte sie sich an ihren Onkel, reichte den Umschlag aber Beckett zurück.

Er ignorierte ihre ausgestreckte Hand. Er war aufgestanden, als sie ins Wohnzimmer gekommen war, wandte sich aber wieder dem Fernseher zu, als mehrere Spieler, angetan mit Fanghandschuhen und Gesichtsschutz in einem wirren Haufen auf dem leicht erhöhten Wurfmal lagen.

„Interessant“, sagte sie ruhig und legte den Umschlag auf den Couchtisch, weil Mr Beckett ihn ihr nicht abnahm. Falls er ihn wieder liegen ließ, würde sie ihn einfach wegwerfen. Sollte er sich doch ein anderes Relikt von seinem Dachboden besorgen, um es als Köder zu benutzen.

„Sie haben den Brief gelesen?“, fragte er, ohne allerdings den Blick vom Spiel zu wenden.

„So viel wie nötig.“

„Dann verstehen Sie also, worum es geht?“

„Oh ja, ich verstehe. Lassen Sie sich von uns nicht aufhalten, Mr Beckett, Sie sind sicher ein viel beschäftigter Mann.“

Ihr Unterton ließ ihn aufhorchen. Mit anderen Worten, gehen Sie mit Ihren Papieren woanders hausieren, dachte er halb amüsiert, halb verärgert. Wenn sie auch nur einen Bruchteil von dem, was er ihr zu lesen gegeben hatte, entziffert und verstanden hatte, dann war sie besser als er. Natürlich hatte er den Vorteil, die Geschichte zu kennen, die seit Generationen in seiner Familie weitergegeben wurde. Seine Aufgabe war es, das von seinem Urahn unterschlagene Geld den Chandlers zurückzugeben, damit die noch lebenden Becketts ihr schlechtes Gewissen loswurden und sich wichtigeren Dingen widmen konnten. Zum Beispiel mit Schlaganfällen, Knochenbrüchen, Alzheimer und Lungenempysemen fertig zu werden.

Der Alte beobachtete sie beide neugierig, statt das Baseballspiel zu verfolgen. Beckett hatte keine Lust, gegen zwei Sportkommentatoren und eine Horde jubelnder Fans anzuschreien, um den Sachverhalt zu erklären. „Hören Sie, könnten wir uns nicht woanders in Ruhe unterhalten?“

„Wir haben uns unterhalten. Ich habe Ihre Papiere gelesen, und ich bin nicht interessiert.“ Nachdrücklich verschränkte sie die Arme vor der Brust.

Beckett knurrte der Magen. Verdammt, er wollte diese Sache endlich erledigt haben. Er machte den Fehler, Queen Eliza am Arm zu fassen, um sie auf den Flur zu führen. Diese kurze Berührung löste ein derart heftiges Prickeln aus, dass bei ihm sofort sämtliche Alarmglocken schrillten. Ihrem überraschten Gesichtsausdruck nach hatte sie es auch gespürt. Sie riss sich los, ging zur Haustür voraus und hielt sie ihm auf.

„Würden Sie bitte gehen?“ Erneut verschränkte Arme. Die Lady war richtig kampfeslustig. „Was auch immer Sie vorhaben zu tun, mit mir werden Sie es nicht tun.“

Oh, Lady, das würde ich aber gern. Dieser Gedanke kam Beckett aus heiterem Himmel und machte ihn fassungslos. Verflixt, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er trennte Sex und Geschäftliches grundsätzlich streng.

„Ich bin nicht interessiert“, wiederholte sie.

„Sie sind nicht an zehntausend Dollar interessiert?“

Ihr blieb der Mund offen stehen, und man sah, dass eine winzige Ecke ihres einen Schneidezahns abgebrochen war. Beckett fand diesen kleinen Schönheitsfehler einfach bezaubernd, aber es kümmerte ihn im Moment wenig, warum. Er wurde langsam ärgerlich, dass sie sich weigerte, ihn ausreden zu lassen.

„Nein. Absolut nicht. Ich sagte Ihnen doch, dass ich solche Spielchen nicht spiele.“

„Sie glauben, es geht hier um ein Spielchen?“

In ihren Augen blitzte es auf. „Etwa nicht?“

„Nein, Ma’am, es ist kein Spielchen!“ Er hatte damit gerechnet, längst wieder weg zu sein. Spielchen oder nicht, die Lady hielt sich nicht an die Spielregeln. Deshalb war es ihm auch leichter gefallen, den Umschlag mit dem Geld dem Alten zu übergeben, während sie in einem anderen Zimmer die Unterlagen durchsah.

„Das gehört Mrs Edwards“, hatte er Onkel Fred erklärt.

„Sie heißt jetzt wieder Chandler. Sie will nicht mehr an den Gauner, mit dem sie verheiratet war, erinnert werden.“

Beckett konnte verstehen, warum, wenn die Polizei- und Presseberichte zutreffend waren. „Würden Sie ihr den Umschlag geben, sobald ich weg bin? Sie wird schon wissen, wofür er ist.“

Seiner Miene nach zu urteilen, hätte der alte Farmer gern mehr erfahren, aber genau in dem Moment machte Chipper einen home run. Dann war Queen Eliza hereingekommen und wollte ihm die Unterlagen zurückgeben.

Jetzt versuchte sie es erneut. Sie hatte das Kuvert schnell vom Couchtisch geholt. „Hier, vergessen Sie Ihre Unterlagen nicht. Und stolpern Sie auf dem Weg zu Ihrem Wagen nicht über die dicke Eichenwurzel, die einige der Steinplatten angehoben hat.“

Beckett starrte sie an. Er war versucht, sie …

Nein. Ausgeschlossen. Der einzige Grund für seinen inneren Tumult war, dass er nichts Ordentliches mehr gegessen hatte, seit er kurz vor Tagesanbruch sein Elternhaus verlassen hatte. Nur weil die Frau attraktiv war, musste er ja nicht gleich den Verstand verlieren. Es hieß höchstens, dass er seine Beobachtungsgabe noch besaß.

Er verließ das Haus und wäre beinah doch über die riesige Wurzel gestolpert. Er eilte zu seinem Leihwagen und überlegte dabei, dass er zwar keine unterschriebene Empfangsbestätigung hatte, aber wenigstens einen Zeugen. Auf dem Weg zum Flughafen würde er morgen kurz vorbeikommen und den Alten eine Bescheinigung unterschreiben lassen, die besagte, dass Mrs Chandler das Geld erhalten hatte. Er wäre ein Narr, das nicht zu tun. Wer wusste schon, wie viele Erben noch zum Vorschein kamen, wenn sich erst herumgesprochen hatte, dass jemand uralte Schulden zurückzahlte.

In einem Apartment im vierten Stock eines Wohnhauses im Süden von Dallas konzentrierte sich Charles „Cammy“ Camshaw ganz auf die Liste, die vor ihm auf dem Tisch lag. „Wir wissen jetzt also sicher, wo sie ist. Es ist über eine Woche her, und der Brief ist nicht zurückgekommen, richtig? Und es war sie selbst, die ans Telefon ging, oder?“

„Ich weiß nicht, Cammy, sie war immer richtig nett zu mir. Ich meine, was ist, wenn wir uns all diese Umstände umsonst machen? Diese ganze Strecke zu fahren kostet Geld, und wir müssen auch was essen und übernachten und so.“

„Kein Problem. Das können wir von der Steuer absetzen, wenn wir erst im Geschäft sind.“

„Ich weiß nicht“, sagte die wohlproportionierte Blondine mit den vielen Sommersprossen erneut. Sie saß in ihrem 2-Zimmer-Apartment auf dem Bett und lackierte sich die Zehennägel metallicblau. „Du bist dir so sicher, dass es klappt, ich mir aber nicht. Ich meine, die Polizei hat sie doch freigesprochen und so.“

„He, das ist ja gerade das Tolle daran. Stell dir mal die Schlagzeilen vor. Polizei entlässt Verdächtige. Wachmann, nein Privatdetektiv Charles Camshaw gräbt tiefer und kommt dem Betrug des Jahres auf die Spur.“

„Also, so würde ich das nicht nennen. Er hat doch diesen Riesenbetrug begangen, und er wurde verhaftet. Der Kerl war mir irgendwie unheimlich. Aber sie war okay. Ich meine, sie hat mir Sachen geschenkt und so. Sie war überhaupt nicht hochnäsig wie andere Frauen, für die ich gearbeitet habe.“

„Wenn wir erst unser eigenes Geschäft haben, brauchst du nicht mehr für irgendwelche Society-Tanten zu arbeiten. Dann sind wir unser eigener Herr, Baby. Camshaw und Camshaw, Privatdetektive zum Sonderpreis. Wie findest du das?“

Patty Ann schraubte das Nagellackfläschchen zu. „Was, wenn die Sache ein Flop wird? Sie hat doch alles verkauft – Bilder und Schmuck und alte Möbel. Sogar ihre Designerklamotten. Ich war da, als sie dem Anwalt das Geld gab, damit er zurückzahlen konnte, was ihr Mann gestohlen hatte. Das finde ich eigentlich ganz nobel.“

„He, wir wollen ihr doch nichts antun, aber du hast ja selbst gesagt, dass sie eine clevere Lady war. So, wie ich es sehe, würde eine clevere Lady genug Geld beiseiteschaffen, abwarten, bis sich der Rauch verzogen hat, dann in eine völlig andere Gegend ziehen und neu anfangen, richtig? Schön, sie hat einen Teil ihrer Sachen verkauft, aber das war nur Show.“

„Woher willst du das wissen?“

„Glaub mir, Honey, in meiner Branche lernt man, wie weit Leute gehen, um zu überleben. Ich sage ja nicht, dass sie was Illegales getan hat. Ich sage nur, dass sie reichlich Geld auf die Seite gebracht hat und abwartet, bis sich die Aufregung gelegt hat. Meinst du nicht, dass die Leute wissen möchten, wo ihr Geld geblieben ist?“

„Sie lebten nicht mal mehr zusammen, als er verhaftet wurde. Er wohnte in einem Hotel, und sie hatte sich gerade dieses kleine Apartment gemietet. Ich half ihr beim Umzug, obwohl sie mir gesagt hatte, sie könne es sich nicht mehr leisten, mich zu beschäftigen.“

„Ich bleibe dabei, sie wusste Bescheid“, entgegnete Cammy. „Vielleicht nicht von Anfang an, aber sie musste einfach etwas wissen. Wie ich es sehe, hat sie das zugegeben, und dann haben sie sie laufen lassen.“

„So stand das aber nicht in den Zeitungen.“

„Du kannst nicht alles glauben, was in den Zeitungen steht. Die kann man bestechen, wie im Grunde jeden. Und jetzt lebt sie dort am Strand von ihrem Geld, richtig?“

„Auf der Karte sah das nicht aus wie ein Strand.“

„Weit weg ist er jedenfalls nicht. Wir haben sie jetzt eingeschüchtert, und wenn wir bei ihr auftauchen, wird sie zusammenbrechen, und wir bekommen eine Story, die wir an den Meistbietenden verkaufen. Ich denke an den ‚National Enquirer‘, bin aber auch mit dem ‚Star‘ zufrieden.“

„Kann ich mir denken“, meinte Patty Ann zweifelnd. „Langsam wünsche ich mir, ich hätte ihr Adressbuch nicht gestohlen. Ich fühle mich dadurch irgendwie schlecht.“

„Das verstehe ich, Baby. Aber betrachte die Sache doch mal so – sie hatte ihre große Chance. Sie hat sie vertan. Das ist hart, aber he, so ist das Leben. Jetzt sind wir dran. Wenn sie alle reingelegt hat, gehen wir zur Polizei. Wenn sie wirklich unschuldig ist, wie du behauptest, bringen wir eine Story in die Zeitung, wie diese Frau aus der High Society ihre Sünden bereut, in der hintersten Provinz lebt und so weiter. Die Zeitungen zahlen gut für Geschichten über menschliche Schicksale, und das Beste ist, in jedem Fall wird unser Name bekannt. Man wird uns zu Talkshows laden, und wir werden erzählen, wie wir sie nur mithilfe eines Adressbuchs aufgespürt haben, ein paar Anrufen und einem Brief. Das ist die beste Werbung überhaupt. He, wir könnten sogar ein Buch schreiben.“

„Ha! Du bist ja übergeschnappt.“

„Hör mal, ich bitte dich doch nur, mir zu vertrauen. Wie es auch laufen wird, wir bekommen jedenfalls genug Publicity, um unser Geschäft in Schwung zu bringen.“

Patty Ann Garrett, die momentan bei einer unsympathischen alten Dame arbeitete, überlegte. Es war eine Sache, in einen intelligenten, ehrgeizigen Mann verliebt zu sein. Doch mit seinen Einfällen Schritt zu halten, das war etwas anderes. Was, wenn er sie für zu einfältig hielt und sich nach einer anderen Partnerin umsah? Sie liebte ihn sehr. Und das, seit sie zusammen auf der Highschool waren.

„Ich denke, es schadet ja nicht, wenn wir bei ihr vorbeischauen, als wären wir zufällig in der Nähe gewesen.“

„Ich verspreche dir, dass wir genau das tun und erst mal mit ihr reden werden.“

„Wird sie sich nicht wundern, woher wir wissen, wo sie lebt?“

„Ich werde mir unterwegs was überlegen. Aber ich sag dir eins, sechs Jahre als Wachmann sind fünf Jahre zu viel. Die Uniform ist okay, aber die Bezahlung ist mies, und die Altersvorsorge ist noch mieser. Ich plane schon seit Jahren, mich selbstständig zu machen, und habe nur auf die richtige Gelegenheit gewartet, um kostenlose Publicity zu bekommen. Du hast mir diese Gelegenheit geliefert, Baby. Das werde ich nicht vergessen. Ab jetzt sind wir im Spiel.“

Es war viel zu früh, um zu Bett zu gehen. Liza wusste, dass sie nicht würde einschlafen können. Und sie würde sich auch nicht auf ihr Buch konzentrieren können, das ihr gerade gestern noch so gut gefallen hatte. Ja, es war spannend, aber der Held war erst Mitte zwanzig, hatte einen jungenhaften Charme und jungenhafte Grübchen. Ihrer Meinung nach gewannen Männer erst ab Mitte dreißig an Reife und damit an Faszination.

L. J. Beckett war vermutlich an die vierzig, vielleicht sogar schon ein oder zwei Jahre darüber. Falls er ein Grübchen hatte, dann an einer verborgenen Stelle. Und das ließ ihre Gedanken in eine Richtung abschweifen, die strikt verboten war.

„Wie steht das Spiel?“, fragte sie und ließ sich aufseufzend in den leeren Sessel fallen.

„Im Moment unentschieden, aber unsere Jungs sind heute Abend prima drauf.“

„Immer ganz der Optimist.“ Sie lächelte ihren Onkel, dem sie bis vor gut einem Jahr nie begegnet war, liebevoll an. Er hatte ihr nicht gerade das Leben gerettet, aber zumindest es wieder lebenswert gemacht.

Seit mehr als einer Woche gab es keine mysteriösen Anrufe mehr, und der einzelne mysteriöse Brief war vermutlich einer dieser voll automatisch erstellten Werbebriefe, bei dem beim Drucken die Tinte ausgegangen war.

Genau. Die Anrufe waren falsche Verbindungen und der Blankobrief ein Computerfehler. Und L. J. Beckett war ein freundlicher Steuerfahnder, der versuchte herauszubekommen, ob sie einen Teil des unrechtmäßigen Gewinns beiseitegeschafft hatte.

„Ein Sturm scheint in unsere Richtung zu ziehen.“

Liza seufzte. „Bitte kein verregnetes Labor-Day-Wochenende, das wäre schrecklich fürs Geschäft.“

„Meine Füße tun nicht weh, wenigstens nicht mehr als sonst. Vielleicht dreht der Sturm ja ab. Übrigens, ich soll dir das hier geben.“ Ohne den Blick von der Mattscheibe zu wenden, zog ihr Onkel einen Umschlag hervor und reichte ihn ihr.

Liza starrte den Umschlag an wie das Kaninchen die Schlange. „Was ist das?“

„Mr Beckett Er sagte, er schuldet dir Geld.“

„Er schuldet mir rein gar nichts. Ich habe den Mann bis heute nicht mal gekannt.“

„Wie ein Narr oder ein Gauner kommt er mir jedenfalls nicht vor. Wenn er sagt, er schuldet dir Geld, dann stimmt das auch. Oder zumindest glaubt er das. Wie auch immer, du kannst den Umschlag ja mal aufmachen, wo er nun schon hier ist.“

Liza sah es ihrem Onkel an, dass er vor Neugier brannte. Wieder war ein Spieler im Begriff, den Ball zu schlagen, und Fred wandte sich nicht mal dem Fernseher zu. „Okay, ich öffne ihn, aber das heißt nicht …“ Die Banknoten fielen ihr auf den Schoß. Zehn große Geldscheine. Ihr wurde ganz elend.

„Bargeld, hm? Weißt du, was das heißt? Wir brauchen es nicht in der Steuererklärung anzugeben.“

„Onkel Fred, mach keine Witze! Ich kann dieses Geld nicht annehmen. Der Mann hat den Verstand verloren.“

„Wer sagt denn, dass ich Witze mache? Ich hab nicht mehr sehr viele Jahre vor mir, aber ich hätte nichts dagegen, mir mal ein Spiel der Braves live anzusehen.“

Ungläubig schaute Liza auf die Banknoten auf ihrem Schoß. Zehntausend Dollar. Niemand schuldete ihr auch nur einen Dollar, geschweige denn zehntausend.

„Ich muss ihn finden und das Geld zurückgeben. Hat er gesagt, wohin er wollte?“

„Ins Motel zurück, nehme ich an. Viel mehr kann er in dieser Gegend kaum tun.“

„Wohnt er am Strand?“ Sie hatte keine große Lust, zu dieser späten Stunde ganz nach Kitty Hawk zu fahren, doch wenn er entwischte, würde sie diese Farce nie zu Ende bringen können.

„Im ‚Fin and Feather‘, weiter oben an der Straße. Er hat mich heute Morgen nach einer Unterkunft gefragt, und da hab ich ihm dieses Motel empfohlen.“

Liza starrte noch immer auf die Banknoten. Sie war so müde, dass sie hätte weinen können. Warum konnten die Leute sie nicht einfach in Ruhe lassen? Sie hatte nichts Verbotenes getan. Vielleicht war sie allzu naiv gewesen, um nicht zu merken, woher in all den Jahren James’ Geld gekommen war, aber sie hatte ihre Naivität teuer bezahlt.

„Ich bin in einer halben Stunde wieder da“, erklärte sie und steckte die Tausenddollarnoten zurück in den braunen Umschlag.

Er war gut, oh ja, aber was auch immer er vorhatte, sie würde nicht darauf hereinfallen. Sogar naive Leute konnten aus ihren Fehlern lernen.

Beckett war nicht sonderlich überrascht, als Scheinwerferlicht das Fenster seines Zimmers streifte. Er hätte wetten können, dass es Queen Eliza war, die da vorfuhr, und erst recht, dass sie aufgebracht war. Den Rücken kerzengerade, das reinste Feuerwerk in ihren whiskeybraunen Augen. Oh ja, sie würde ein reizender Anblick sein.

Er öffnete die Tür, ehe sie hätte anklopfen können. Grinsend fragte er: „Warum haben Sie so lange gebraucht?“

Sie klatschte ihm den Umschlag auf die Brust und zischte: „Sie können Ihr verdammtes Geld nehmen und es sich an den Hut stecken!“ Sie wich zurück, doch er fasste sie am Arm.

„Einen Moment bitte. Woher soll ich wissen, dass noch alles da ist?“

Allein für ihre blitzenden Augen hätte sie einen Waffenschein gebraucht. Beckett warf den Umschlag auf den Tisch, auf dem noch die Reste seines Abendessens standen, und zog Liza ins Zimmer.

Autor

Dixie Browning

Dixie Browning, Tochter eines bekannten Baseballspielers und Enkelin eines Kapitäns zur See, ist eine gefeierte Malerin, eine mit Auszeichnungen bedachte Schriftstellerin und Mitbesitzerin einer Kunstgalerie in North Carolina. Bis jetzt hat die vielbeschäftigte Autorin 80 Romances geschrieben – und dabei wird es nicht bleiben - sowie einige historische Liebesromane zusammen...

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