Baccara Exklusiv Band 138

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UNVERGESSENE NÄCHTE von HINGLE, METSY
Liza weiß nicht, was sie tun soll: Ihr Körper verlangt, dass sie der Lust nachgibt und wie vor drei Jahren die Liebe in den Armen des Bildhauers Jacques genießt. Aber ihr Verstand rät zur Vorsicht! Denn Jacques hat mit Liza einen kleinen Sohn, von dem er nichts ahnt …

EIN ERREGENDER VERDACHT von DEPALO, ANNA
Für den attraktiven und reichen Matt Whittaker eine Frau zu finden, sollte für Heiratsvermittlerin Lauren kein Problem sein. Doch er lehnt alle Kandidatinnen ab. Lauren kommt ein Verdacht: Ist Matt vielleicht gar nicht an einer Vermittlung interessiert, sondern an der Vermittlerin?

GLUTVOLLES VERLANGEN von JOHNSTON, JOAN
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  • Erscheinungstag 12.02.2016
  • Bandnummer 0138
  • ISBN / Artikelnummer 9783733723378
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Metsy Hingle, Anna DePalo, Joan Johnston

BACCARA EXKLUSIV BAND 138

1. KAPITEL

Das hatten sie absichtlich so arrangiert. Nachdenklich rieb sich Jacques Gaston übers Kinn. Dabei hatte er sie für seine besten Freunde gehalten: Aimee and Peter Gallagher. Doch jetzt hatten sie dafür gesorgt, dass er an diesem Abend mit Liza O’Malley zusammentreffen würde.

Liza.

Jacques hätte sich ohrfeigen können. Er hätte gewarnt sein müssen. Aimee und Peter hatten ganz sicher gewusst, dass Liza hier sein würde. Und dass er für sie, seine besten Freunde, bei ihrer Kampagne „Kunst für Kinder“ einspringen würde, nachdem Aimee ihm erklärt hatte, sie könnten keine längeren Fahrten unternehmen wegen ihrer Schwangerschaft. Aimee hatte noch eifrig hinzugefügt, dass seine Vortragsreihe, wegen der er eigentlich nach Chicago gekommen war, sich ohne Weiteres mit der Kampagne vereinbaren ließe. Als Mitglied des Komitees der Kampagne müsse er nur einige Nachmittage opfern und an zwei oder drei Wohltätigkeitsveranstaltungen teilnehmen. Das hatte Aimee gesagt. Sie hatte jedoch nicht erwähnt, dass er gezwungen wäre, Liza dabei wieder zu sehen.

Oh, Aimee, mon amie, du hast es die ganze Zeit gewusst, nicht wahr? Auch wenn ich niemals ein Wort darüber verloren habe. Du hast gewusst, dass es zwischen mir und Liza gefunkt hatte. Und jetzt meinst du, du kannst dieses Feuer wieder neu entfachen? Um mich aus dem, wie du glaubst, traurigen Zustand der Einsamkeit zu befreien? Aber es ist zu spät dafür. Es war schon immer zu spät.

Selbst mit Liza.

Besonders mit Liza.

Jaques Gaston ignorierte das Gefühl der Enge in seiner Brust und starrte weiterhin zu der Frau hinüber, die zu vergessen er sich so sehr bemüht hatte. Sie trug ihr volles, seidiges Haar immer noch lang, es fiel ihr um die Schultern wie ein Tuch aus goldener Seide. Das Grün ihrer wunderschönen Augen erinnerte ihn selbst heute noch an die Farbe frischer Weinblätter, so wie er sie auf dem Weingut seines Vaters immer im Frühling gesehen hatte. Sie schien sogar noch schöner geworden zu sein, als er sie in Erinnerung hatte.

Und er hatte drei lange Jahre Zeit gehabt, sich zu erinnern, an ihre zarten Gesichtszüge, an ihren wundervollen Körper. Plötzlich kam es ihm so vor, als sei es gestern gewesen, dass sie die Nacht mit ihm verbracht und ihm ihre Liebe gestanden hatte. Und er war sogar ins Schwanken gekommen und hatte sich für einen Augenblick gestattet, darüber nachzudenken, ob er sich tatsächlich auf dieses Abenteuer einlassen sollte: es wagen sollte, sein Leben mit einem anderen Menschen zu teilen. Mit ihr.

Mon Dieu! Sie nur zu sehen, brachte ihn ja erneut ganz aus der Fassung. Jacques ging zum Fenster und versuchte das Stimmengewirr und die vielen Menschen um ihn herum zu ignorieren. Er musste sich beruhigen. Draußen schneite es. Er beobachtete, wie die dicken Flocken vor den riesigen Fensterscheiben des Wolkenkratzers herumwirbelten. Die Erinnerungen quälten ihn. Die Erinnerung an jenen Herbst in New Orleans, vor drei Jahren. An jene Nacht, als sie schweigend aus seinem Bett – und aus seinem Leben – verschwunden war. Wie ein Dieb in der Nacht, ohne ein Wort der Erklärung, ja nicht einmal des Abschieds, und sie hatte dabei ein Stück von seinem Herzen mitgenommen.

Unsinn! Jacques drehte sich vom Fenster weg. Das alles war zu lange her. Er war doch längst darüber hinweg. Wieder sah er zu ihr hinüber. Sie bewegte sich mit natürlicher Grazie und strahlte dabei eine Sinnlichkeit aus, die ihn auch jetzt wieder faszinierte – und Begierde in ihm wachrief.

Was für er doch für ein Narr! Selbst nach so langer Zeit war er keineswegs darüber hinweg. Er hatte sie kein bisschen vergessen. Sein Körper belehrte ihn eines Besseren.

Als ob sie seinen Blick spürte, wandte Liza plötzlich den Kopf. Das Lächeln auf ihren Lippen erlosch. Selbst ihre Gesichtsfarbe schien noch einen Ton blasser zu werden. Und wenn er ihren Ausdruck richtig deutete, hatte Liza O’Malley ihn ebenso wenig vergessen wie er sie.

Sei schlau, Gaston, sagte er sich. Tu dir selbst einen Gefallen und verschwinde von hier. Jetzt sofort.

Aber im selben Moment wusste er, dass er es nicht schaffen würde. Der Blick dieser grünen Augen! Dieser verführerische Mund! Ihm wurde noch heißer, als er daran dachte, wie er sie auf die Innenseite ihrer Schenkel geküsst hatte, wie ihre Lippen sich auf seiner Haut angefühlt hatten.

Bei ihrer ersten Begegnung hatte Liza ihn einen Gigolo genannt. Also gut. Warum sollte er sie nicht in dieser Meinung bestätigen?

Er lächelte in sich hinein, als er auf sie zuging. „Hallo, Liza.“

„Jacques.“ Es war fast nur ein Flüstern, und unwillkürlich dachte er daran, wie verzweifelt er gewesen war in den ersten Wochen, als er sie verloren hatte, bis er sich schließlich eingestanden hatte, was nur zu offensichtlich war: sie wollte ihn nicht.

Trotzdem hatte es Monate gedauert, bis er nicht mehr ständig ihr Gesicht vor sich sah, ihre Stimme im Ohr hatte; glaubte, ihren Körper zu fühlen.

Aber er über sie hinweggekommen, genau wie über die düstere Zeit in Frankreich. Er hatte sich angewöhnt, auf diese Episode zurückzublicken wie auf eine köstliche Erfahrung, von der er in seinen alten Tagen zehren würde.

Bis jetzt.

„Was für eine Überraschung.“ Ihre Stimme klang kühl. Offenbar hatte sie ihre Fassung wiedergewonnen.

„Eine angenehme, hoffe ich.“

„Natürlich.“ Jetzt klang ihre Stimme eisig, und ihr Blick war voller Skepsis, als sie die Hand ausstreckte.

Ihre abweisende Haltung erinnerte ihn daran, wie sie bei ihrer ersten Begegnung versucht hatte, ihn zu entmutigen, indem sie genau das gleiche hoheitsvoll abweisende Verhalten an den Tag gelegt hatte. Es war damals so wirkungslos wie heute. Lächelnd hob er ihre Hand an seine Lippen und berührte flüchtig ihre Fingerknöchel. Befriedigt spürte er, dass ihre Finger ein klein wenig zitterten.

Als sie ihre Hand zurückziehen wollte, hielt er sie fest und zog Liza zu sich heran, um ihr erst einen Kuss auf die linke, dann auf die rechte Wange zu drücken. Und er nahm sich viel Zeit dabei.

Er hatte beabsichtigt, sie damit aus der Fassung zu bringen, ihre kühle Fassade zu durchbrechen. Statt dessen verwünschte er sich selbst, als er nun um seine Fassung ringen musste, so heiß war ihm geworden bei dem Duft ihrer Haut.

Doch er würde jetzt nicht einfach zurückweichen, als hätte er sich verbrannt. Er schob eine Strähne ihres Haars zurück und ließ den Finger an ihrem Hals herabgleiten. Ihr Pulsschlag beschleunigte sich bei der Berührung, und er lächelte erfreut.

„Es ist lange her, ma chérie.“

„Ja, das ist es.“ Ihre Stimme klang jetzt etwas weniger kühl und gelassen, und sie trat einen Schritt zurück. „Was führt dich her?“

„Ich bin hier, um an der Sitzung des Komitees der Kampagne ‚Kunst für Kinder‘ teilzunehmen.“

„Aber das geht nicht. Ich meine, dieses Treffen ist nur für Mitglieder des Vorstandes.“

„Dann bin ich hier ja genau richtig.“

„Aber du gehörst doch gar nicht zum Vorstand.“

„Oh, doch, das tue ich“, gab er zurück. „Seit gestern Abend.“

„Das ist unmöglich. Der Vorstand wurde vor knapp einem Jahr gewählt, und wir sind mit unserer Kampagne fast fertig“, erklärte Liza. „Ich weiß dein Angebot, uns zu unterstützen, natürlich zu schätzen, die anderen Mitglieder sicher ebenso, aber es ist wirklich zu spät, um noch jemanden in den Vorstand aufzunehmen, Jacques. Offensichtlich ist das Ganze ein Missverständnis.“

„Ganz und gar nicht, ma chérie.“ Er lächelte breit.

„Ganz sicher doch“, beharrte sie. „Aber falls du dich an einer der Aktivitäten beteiligen willst, kann ich dich gern mit der richtigen Person in Kontakt bringen. Ja, ich werde dich Jane Burke vorstellen, jetzt gleich. Sie ist zuständig für …“

Er hielt sie am Arm fest. „Liza, es ist kein Missverständnis. Ich gehöre zum Vorstand. Ich habe nämlich Peters Platz eingenommen.“

„Aber …“

„Er und Aimee konnten nicht kommen. Und du weißt ja, wie ernst Peter seine Verpflichtungen nimmt. Deshalb bat er mich, ihn zu vertreten, und ich habe zugesagt.“ Er verschwieg seinen Verdacht, dass das Ganze nur arrangiert worden war, um ihn und Liza wieder zusammenzubringen.

Liza wirkte plötzlich sehr besorgt. „Geht es Aimee nicht gut?“

„Aimee ist wohlauf“, beruhigte er sie. „Aber diese Schwangerschaft scheint nicht ganz so problemlos zu sein wie die erste, und ihr Arzt hat ihr wohl davon abgeraten, zu reisen.“

„Aha.“

Am liebsten hätte er laut gelacht angesichts ihres Versuchs, erneut die hoheitsvolle Miene der Unnahbaren aufzusetzen. „Nun ja, es war sicher gut gemeint von Peter, dass er dich bat, ihn zu vertreten“, fuhr sie fort, „aber es ist wirklich nicht nötig. Es sind eigentlich keine Entscheidungen mehr zu treffen. Ich werde es Peter sagen.“

Er warf den Kopf zurück und lachte. „Wie ich sehe, hast du es nicht verlernt. Du bist sogar noch besser geworden.“

Liza sah ihn verwundert an. „Besser worin?“

„Darin, einem Mann wirklich den Rest zu geben, ihn wissen zu lassen, wie wenig Verwendung du für ihn hast.“

„Das tue ich nicht.“

„Natürlich tust du das. Du trägst deine hübsche kleine Nase ein Stück höher und wirfst mit frostigen Blicken um dich.“

„Nein, wirklich Jacques, ich …“

„Da. Das ist der Blick, den ich meine.“ Er lächelte breit. „Es hat mich immer erstaunt, wie du es schaffst, einem Mann zu verstehen zu geben, dass er ‚verschwinden soll‘, ohne dass du dabei ein einziges Wort sagst.“

Liza blitzte ihn an. Wenn Blicke töten könnten …, dachte er.

„Dann wäre es vielleicht besser, du würdest dir die Botschaft zu Herzen nehmen.“

„Aha, auch das hat sich nicht geändert.“

Hochmütig zog sie die Brauen hoch.

„Was du mit deinem Blick nicht erreichst, schaffst du mit deiner Scharfzüngigkeit.“

„Wirklich, Jacques, du hast eine lebhafte Fantasie. Vielleicht solltest du dich anstelle der Bildhauerei der Schriftstellerei zuwenden.“

Er ließ den Blick erst auf ihren Lippen ruhen, dann sah er ihr in die Augen. „Manchmal hat meine Bildhauerei auch deine Fantasie angeregt, erinnerst du dich?“ Er strahlte sie an.

Lizas Wangen röteten sich. Und er war sicher, dass sie an ihre erste Lektion in Bildhauerei dachte, und daran, wie diese Lektion geendet hatte – in einer wilden, ekstatischen Umarmung.

„Du erinnerst dich also?“

„Du hast dich aber auch nicht verändert“, gab sie zurück. „Ein Gentleman würde es niemals darauf anlegen, jemanden so in Verlegenheit zu bringen.“

„Aber, aber, ma chérie. Hast du es vergessen? Ich bin kein Gentleman, ich bin Franzose.“

Der Blick, mit dem sie ihn nun bedachte, hätte ein Feuer in Eis verwandeln können. Er schmunzelte. „Spar dir deine eisigen Blicke lieber für jemand anderen, Liza. Sie haben schon vor drei Jahren bei mir nicht gewirkt, und das werden sie bestimmt auch jetzt nicht. Ich habe mir eine – wie sagt man? – dickere Haut zugelegt.“

„Und offenbar auch ein noch größeres Ego.“

„Das nehme ich als Kompliment.“

„So war es aber nicht gemeint.“

Er nahm ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Er küsste jeden einzelnen Finger und sah mit Befriedigung, dass ihr abweisender Ausdruck sich ein wenig veränderte. „Ich schätze, dann muss ich versuchen, deine Meinung über mich zu korrigieren. Vielleicht wirst du bei unserer Zusammenarbeit in dieser Kampagne einige meiner Vorzüge entdecken.“

Was war es, das er jetzt in ihren Augen sah? Schmerz? Bedauern? Sehnsucht?

Oder sah er nur, was er sehen wollte, weil es seinen eigenen Gefühlen entspräche?

„Jacques, ich …“

„Da bist du ja, Liza. Ich habe mich schon gefragt, wo du steckst.“

Unwillkürlich straffte er die Schultern, als er die Männerstimme vernahm.

Liza entzog ihm ihre Hand und drehte sich zu dem Mann, der gerade auf sie zukam. „Oh, Robert, es tut mir leid. Aber ich fürchte, ich habe vergessen, Kaffee zu bestellen.“

„Mach dir keine Sorgen. Das ist schon erledigt. Ich dachte mir bereits, dass dir etwas dazwischengekommen ist, als du nicht zurückkamst.“ Der Mann wandte sich ihm zu und entblößte beim Lächeln ein strahlend weißes Gebiss. „Robert Carstairs“, stellte er sich vor und reichte ihm die Hand.

„Jacques Gaston. Neues Mitglied im ‚Kunst für Kinder‘-Komitee.“

Auf Carstairs fragenden Blick hin erklärte Liza: „Jacques vertritt Peter. Die Gallaghers werden dieses Jahr nicht an der Kampagne teilnehmen können. Jacques ist ein alter Freund von ihnen.“

„Und von Liza“, ergänzte er, während er Carstairs die Hand schüttelte.

„Sehr erfreut, einen Freund Lizas und der Gallaghers kennenzulernen.“

Konservativer Anzug, gepflegte Hände. Reiche Herkunft, dachte Jacques. Und so wie dieser Mann Liza anblickte, schien sein Interesse an ihr sich keineswegs auf die Zusammenarbeit mit ihr in diesem Komitee zu beschränken. Aus irgendeinem Grund ärgerte ihn das, und er ertappte sich dabei, dass er fast den Arm um Liza gelegt hätte, wie um einen Besitzanspruch zu bekunden.

„Gaston“, wiederholte Carstairs und betrachtete ihn nachdenklich. „Gaston. Gaston. Warum kommt mir der Name so bekannt vor?“

„Vielleicht hat Liza von unserer Freundschaft erzählt.“ Er erntete einen weiteren bösen Blick von Liza.

„Jacques ist Künstler“, erklärte sie. „Einige seiner Werke sind letztes Jahr in der Galerie der Gallaghers ausgestellt worden. Wahrscheinlich hast du sie dort gesehen.“

„Natürlich. Jetzt erinnere ich mich.“ Carstairs entblößte erneut sein perfektes Gebiss. „Gaston, der Bildhauer.“

„In Person.“ Er erwiderte Carstairs Strahlen.

„Liza hat recht. Ich habe die Ausstellung damals gesehen. Sehr beeindruckend.“

„Nicht wahr?“ Er sah keinen Grund zu falscher Bescheidenheit.

„Wie du siehst, Robert“, bemerkte Liza sarkastisch, „leidet Jacques nicht gerade an mangelndem Selbstbewusstsein.“

Carstairs schmunzelte wohlwollend. „Sie nicht zu hart mit ihm, Liza. Selbstbewusstsein ist keine schlechte Eigenschaft. In Ihrem Fall, Mr Gaston, ist es sicher wohl begründet. Wie gesagt, ich fand Ihre Ausstellung letztes Frühjahr sehr beeindruckend. Besonders die eine Skulptur, einen weiblichen Akt, fand ich ganz hervorragend. Ich muss sagen, ich war fasziniert.“

„Danke.“ Er neigte den Kopf. „Ich weiß, welche Arbeit Sie meinen. La Femme. Es ist eines meiner Lieblingsstücke.“

Carstairs verzog die Lippen zu einem vielsagenden Grinsen. „Ich nehme an, das erklärt, weshalb mein Kaufangebot abgewiesen wurde.“

„Ihr Angebot war nicht das erste, das abgelehnt wurde. Dieses Stück ist Teil meiner persönlichen Sammlung und steht nicht zum Verkauf. Normalerweise stelle ich es auch nicht aus, aber Peter erwischte mich in einem schwachen Augenblick.“

„Vielleicht erwische auch ich Sie einmal in einem solchen Moment und kann Sie dann überreden, es mir doch zu verkaufen. Wie gesagt, mir gefällt diese Arbeit ganz außerordentlich. Ich würde sie gern meiner Sammlung hinzufügen. Und ich kann Ihnen versichern, mein Angebot wäre bestimmt akzeptabel.“

Ihm waren solche stinkreichen Narren zuwider, die meinten, für Geld alles kaufen zu können. Aber gegen Robert Carstairs hatte er schon wegen der lüsternen Blicke, mit denen er Liza betrachtete, eine Abneigung.

„Denken Sie darüber nach.“ Er zog eine Visitenkarte aus einer vergoldeten Kassette. „Und geben Sie mir Bescheid, wenn Sie Ihre Meinung geändert haben.“

„Kaum.“ Jacques ignorierte die Karte. „Wissen Sie, ich war sehr fasziniert von der Frau, die mir dafür Modell stand.“

„Das kann ich gut verstehen“, erwiderte Carstairs mit einem weiteren vielsagenden Grinsen. „Trotzdem, wäre es nicht schade, nur wegen eines Gefühls auf ein gutes Geschäft zu verzichten?“

„Schon, aber die Dame, die mir Modell stand, hat mir persönlich sehr viel bedeutet.“ Er schaute zu Liza und dachte an jenen schwülen Oktobernachtmittag in New Orleans, als Liza ihm Modell gestanden und er ihren Körper in Ton nachgebildet hatte. Langsam ließ er den Blick über ihre Gestalt wandern, so wie er damals seine tonverschmierten Hände über ihren Körper hatte gleiten lassen. Über jede einzelne ihrer Kurven, über ihre Brüste, ihre Hüften, ihre Schenkel …

Und innerhalb von Sekunden fühlte er sich zurückversetzt in das kleine Atelier …

Die Sonne schien durch die Fenster und vergoldete mit ihrem flirrenden Licht Lizas Körper und brachte ihr Blut und seines zum Kochen – als ob der Tag nicht schon schwül genug gewesen wäre. Völlig nackt stand Liza vor ihm, und ihm wurde so heiß, dass er sich das Hemd abstreifen musste.

„Jacques“, seufzte sie, als er eine ihrer Brustspitzen streichelte und Liza unter seiner Berührung erschauerte.

„Vielleicht sollte ich es auch einmal versuchen“, flüsterte sie und vergrub beide Hände in dem Tonklumpen. Ein sehr weibliches, sehr verführerisches Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie dann mit ausgestreckten Händen auf ihn zu trat. Glühendes Begehren lag in ihrem Blick, während sie ihre Hände aufreizend langsam über seinen Hals, seine Schultern, seine Brust gleiten ließ.

Er erschauerte und stöhnte auf vor Verlangen, als sie mit den Nägeln über seine Brust strich und dann an seiner Taille hinab bis zum Reißverschluss seiner Jeans …

Jacques riss sich mit Gewalt von der Erinnerung los und versuchte, den Schmerz, den sie mit sich brachte, zu ignorieren. Sein Blick traf sich mit Lizas, und er erkannte den Ausdruck von Leidenschaft und Sehnsucht darin, genau wie damals. Also erinnerte sie sich genau wie er. Das erfüllte ihn mit tiefer Befriedigung.

„Wie schon gesagt, Mr Gaston …“

Liza schluckte. Das Atmen fiel ihr plötzlich schwer, als ob die Luft dicker geworden wäre. Bei ihrer Ankunft war es ihr im Raum etwas zu kühl erschienen. Jetzt kam es ihr hier so drückend heiß vor wie in einem Backofen.

Sie nahm das Gespräch der beiden Männer nur noch am Rande wahr. Ohne es zu wollen, starrte sie die ganze Zeit auf Jacques.

Es war jetzt drei Jahre her, dass sie vor ihm geflohen war. Nach Chicago, um sich dort ein ganz neues Leben aufzubauen. Aber für Jacques schien sich nichts geändert zu haben.

Sein aus der Stirn zurückgekämmtes Haar war noch genauso voll und hatte den gleichen weizenblonden Farbton. Auch sein kantiges Gesicht mit den hohen Wangenknochen hatte sich nicht verändert und gab ihm trotz seines hellen Teints eine nach wie vor düstere, fast bedrohliche Ausstrahlung. Er hatte einen sehr ausgeprägten, sinnlichen Mund. Seine stärkste Waffe gegenüber den Frauen, daran erinnerte sie sich noch sehr gut. Mit seinem Lächeln hatte er schon immer alle Frauen in seinen Bann gezogen.

Doch es waren seine Augen gewesen – dunkelbraun, mit winzigen goldenen Pünktchen um die Iris –, die sie am aller stärksten fasziniert hatten. Ein Blick von ihm hatte genügt, um sie davon träumen zu lassen, wie seine Hände und seine Lippen sie liebkosten.

Als ob er spüren würde, was in ihr vorging, sah Jacques sie an. Verlangen stand in seinem Blick, während er ihn erst über ihr Gesicht, dann über ihren Körper und zurück zu ihren Lippen gleiten ließ. Die Wirkung war so stark, als hätte er sie tatsächlich berührt.

Sie hielt die Luft an. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, so sehr überwältigte die Erinnerung sie. Da verzogen sich Jacques Lippen zu einem wissenden Lächeln.

Zum Teufel mit dir, Jacques Gaston! Mit Gewalt riss sie den Blick von ihm los. Verärgert über sich selbst verbannte sie alle Gedanken an die Vergangenheit aus ihrem Kopf und wandte ihre Aufmerksamkeit Robert zu.

„Wie dem auch sei, sollten Sie es sich anders überlegen, rufen Sie mich an.“ Robert drückte Jacques seine Visitenkarte fast mit Gewalt in die Hand. Danach sah er auf die Uhr und wandte sich an sie. „Ich denke, wir sollten mit dem offiziellen Teil beginnen, was meinst du, Liza?“

„Ja, natürlich.“ Ihre Stimme klang etwas matt, und sie räusperte sich. „Warum gehst du nicht schon nach vorn. Ich komme gleich. Ich muss nur noch kurz etwas mit Jacques besprechen.“

„In Ordnung“, erwidert Robert. „Freut mich, Sie als neues Mitglied begrüßen zu können, Gaston.“

Als Robert fort war, holte sie einmal tief Luft und atmete langsam wieder aus, bevor sie das Wort erneut, und diesmal in ganz und gar geschäftsmäßigem Ton, an Jacques richtete. „Ich will nicht lange darum herumreden, Jacques. Es ist wirklich nicht nötig, dass du hier bleibst. Sicher empfindest du es doch ohnehin als Verschwendung deiner Zeit. Deshalb würde ich vorschlagen …“

„Verschwendung meiner Zeit?“, wiederholte er. „Peter und Aimee haben gesagt, die Arbeit dieses Komitees sei sehr wichtig.“

„Das schon, aber …“

„Dann wäre es für mich doch keine Zeitverschwendung, daran teilzunehmen.“

„Du fändest es sicher langweilig.“

Er lächelte. Das Grübchen, das dabei in seiner Wange entstand, hatte sie leider schon immer bezaubert. „Ich bezweifle, dass ich mich in deiner Gegenwart jemals langweilen könnte, ma chérie.“

„Nenn mich nicht so!“

„Ma cherie?“

„Ja“, zischte sie.

„Es bedeutet ‚mein Liebling‘ …“

„Ich weiß, was es bedeutet! Und jetzt hör endlich auf damit!“ Er hatte ihr die Bedeutung der Worte erklärt, als sie sich zum ersten Mal geliebt hatten. Für einen Augenblick presste sie die Lider zusammen, um die Kontrolle über sich zurückzugewinnen. Mit Mühe widerstand sie dem Bedürfnis, sich die Schläfen zu massieren.

„Tut mir leid“, sagte sie. „Aber dich hier wieder zu sehen, hat mich ein bisschen aus der Fassung gebracht.“

„Mich auch.“ Zum ersten Mal wurde Jacques ernst. „In den ersten Wochen, nachdem du mich verlassen hattest, war ich verzweifelt. Ich hatte Angst, dass ich dich niemals wieder sehen würde. Dann, als ich begriff, dass du nicht wolltest, dass ich dich finde, hoffte ich nur noch, dass ein Wiedersehen nie stattfindet.“ Seine Stimme klang jetzt hart und kalt, gar nicht mehr so lässig charmant und liebenswürdig wie zuvor.

Sie hätte fast aufgeschluchzt. Nein, sie wollte sich nicht verletzt fühlen! All die Jahre hatte sie gehofft, dass ein Wiedersehen mit Jacques, falls es geschehen sollte, ihr nichts ausmachen würde.

Umsonst. Aber sie hatte jetzt keine Zeit für Wehmut. Sie würde sich später mit ihrem Schmerz beschäftigen. „Ich werde Peter und Aimee anrufen und ihnen alles erklären, damit sie dich von deinem Versprechen entbinden.“

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Leb wohl, Jacques. Und alles Gute.“

„Wenigstens diesmal schaffst du es, leb wohl zu sagen.“

Ihr stockte der Atem. Seine Worte waren wie ein Messerstich. „Ich habe es wohl nicht besser verdient. Aber, ob du es glaubst oder nicht, ich wollte dir nie wehtun. Ehrlich gesagt, habe ich nicht geglaubt, es würde dich allzu sehr verletzen, dass ich dich verließ.“

„Da warst du im Irrtum, Liza.“

Beim Klang seiner Stimme wurden wieder einmal Zweifel in ihr wach, ob es damals richtig gewesen war, ihrem ersten Impuls zu folgen und vor Jacques zu fliehen. Aber was sonst hätte sie tun sollen? Ihm die Wahrheit sagen? Das war nicht möglich gewesen. Und das war es auch jetzt nicht. Im Übrigen war es jetzt ohnehin zu spät für Zweifel oder Reue.

„Kein Kommentar, Liza? Du bist doch sonst nie um Worte verlegen. Sicher hast du noch etwas dazu zu sagen. Eine Erklärung.“

Trotzig hob sie das Kinn. Nein, sie würde sich von ihm nicht in die Defensive drängen lassen. „Was hätte das für einen Sinn? Ich könnte dir sagen, dass es mir leidtut. Aber irgendwie denke ich, das wäre nicht genug.“

„Da hast du allerdings recht. Schöne Worte sind nicht genug. Besonders jetzt nicht. Denn mir ist gerade klar geworden, dass …“, seine Stimme war jetzt nur noch ein Flüstern, „dass ich dich immer noch begehre, trotz allem, was du mir angetan hast. Ich will dich noch genauso sehr wie vor drei Jahren. Vielleicht sogar noch mehr, denn diesmal weiß ich, was ich von dir erwarten kann.“

Sie erschauerte bei seinen Worten. Doch sie konnte es sich nicht leisten, darauf einzugehen. „Du willst mich doch gar nicht, Jacques. Du willst ja nur Genugtuung, weil ich damals dein riesiges Ego verletzt habe, indem ich unsere Beziehung beendet habe, bevor du es tun konntest. Aber, ich fürchte, da hast du Pech. Ich werde dir keine Gelegenheit geben, dich zu rächen. Was zwischen uns war, ist längst Vergangenheit.“

„Das ist es nicht, und wir wissen es beide.“ Er bewegte sich ein Stück auf sie zu. „Es knistert noch genauso wie damals zwischen uns, ma chérie, wie die Glut eines Feuers, das frisch entfacht wurde.“

„Du irrst dich.“ Sie schluckte.

„Tu ich das?“

Ihr Herz pochte wild. Doch sie hielt seinem Blick stand. „Ja, du irrst dich.“

„Ich glaube kaum.“ Da war es wieder – dieses wundervolle, entwaffnende Lächeln. „Und ich werde auch trotz deines großzügigen Angebotes, mich von meiner Verpflichtung gegenüber Peter und Aimee zu entbinden, in diesem Komitee bleiben. Ich bin sowieso für die nächsten sechs Wochen in der Stadt, wegen einer Vortragsreihe.“

„Wie du willst.“ Glücklicherweise klopfte in diesem Moment Robert ans Mikrofon, um die Sitzung zu eröffnen.

„Ja, das will ich.“ Jacques strahlte sie an. „Und der Gedanke, dass wir beide uns dadurch regelmäßig sehen werden, gefällt mir sehr.“ Immer noch lächelnd fuhr er mit dem Finger am Revers ihres Jacketts entlang.

„Ich würde mich auf diese Begegnungen nicht verlassen“, erwiderte sie kühl und trat einen Schritt zurück.

„Oh, aber das tue ich, ma chérie. Und ich freue mich darauf.“

2. KAPITEL

„Und vergessen Sie bitte nicht, die Einladungen zu dem großen Galaabend, der Auktion mit Dinner und Tanz, werden Anfang Dezember verschickt“, wandte sich Liza an die Komiteemitglieder und bemühte sich dabei, Jacques Anwesenheit zu ignorieren. Was jedoch nahezu unmöglich war. Er hatte intelligente Fragen gestellt, gute Vorschläge eingebracht und überhaupt das gesamte Komitee mit seinem Charme für sich eingenommen, besonders den weiblichen Teil.

„Das bedeutet, ich brauche möglichst bald Ihre Listen mit den Namen potenzieller Interessenten. Natürlich braucht von Ihnen niemand auf eine Einladung zu warten. Sie können gern schon heute Abend Karten kaufen. Denken Sie immer daran, je mehr Karten wir verkaufen, umso eher bekommen wir das Geld für das Sommerferienlager für die Kinder zusammen.“

Liza lächelte, obwohl ihr der Kopf dröhnte. „Und lassen Sie mich noch einmal Danke sagen für Ihre Teilnahme und für Ihre großzügige Unterstützung. Ich freue mich darauf, Sie möglichst vollzählig nächsten Monat auf der Party der Sponsoren zu sehen.“

Die Sitzung war beendet. Stühle wurden gerückt, und für die nächsten zehn Minuten war Liza damit beschäftigt, Eintrittskarten zu verkaufen und dabei strahlend zu lächeln.

„Prima gelaufen, Liza“, sagte Robert, als er ihr seinen Scheck überreichte. „Sieht aus, als hätten wir einen sehr guten Start. Fast jeder hat einen ganzen Tisch gebucht. Ich habe diese Leute noch nie so ungezwungen Geld ausgeben sehen.“

„Lass uns hoffen, dass die übrigen Bürger von Chicago genauso reagieren werden.“

„Das werden sie“, versicherte Robert. „Solange du die Verantwortliche bist, habe ich da nicht die geringsten Zweifel.“

„Danke.“

„Hast du dir überlegt, ob du meine Einladung zum Abendessen annimmst? Wir könnten diesen Abend bei einer schönen Flasche Wein und einem Chateaubriand feiern.“

Liza schämte sich ein bisschen, dass sie sich von Jacques so hatte ablenken lassen, dass sie Roberts Einladung völlig vergessen hatte. „Würde es dir sehr viel ausmachen, wenn ich Nein sage? Ich müsste heute Abend noch mal meine Notizen für die Party der Sponsoren durchgehen, weil ich morgen einen Termin beim Partyservice habe.“

„Natürlich nicht“, erwiderte Robert, aber sie merkte deutlich seine Enttäuschung. „Ist sonst alles in Ordnung? Du wirkst nicht ganz wie du selbst heute Abend.“

„Alles bestens. Ich habe im Moment nur ganz grässliche Kopfschmerzen, und ich fürchte, ich wäre jetzt keine sehr gute Gesellschaft.“

„Was auch immer geschehen mag, du wärst stets die beste Gesellschaft für mich.“ Herzliche Zuneigung und Besorgnis sprachen aus Roberts Ton und aus seinem Blick. „Aber ich glaube, du setzt dich selbst zu sehr unter Druck. Mach dir keine Sorgen wegen der Sponsorenparty und des Galaabends. Es wird bestimmt ein Erfolg werden. Was du brauchst, ist eine ordentliche Portion Schlaf.“

„Da hast du wahrscheinlich recht.“

„Ganz bestimmt. Soll ich dich nach Hause fahren? Ich kann dir morgen deinen Wagen schicken lassen.“

„Nein, ist schon gut. Aber vielen Dank.“

„Bist du sicher?“

„Ja, danke.“

Robert nahm ihre Hand und drückte sie leicht. „Na schön. Ich muss nur noch kurz mit Harvey Adams sprechen, dann bringe ich dich zu deinem Wagen.“

Nachdenklich blickte sie ihm nach. Was war nur los mit ihr? Robert Carstairs bot alles, was man sich von einem Mann erträumen konnte. Er war sympathisch, sensibel, großzügig und auch noch gut aussehend. Erst vor einer Woche war sie zu dem Schluss gekommen, dass sie mehr als nur Freundschaft von ihm wollte. Schließlich waren über drei Jahre seit ihrer Beziehung zu Jacques vergangen, genug Zeit, um darüber hinwegzukommen. Und sie war darüber hinweg!

Das hatte sie zumindest geglaubt, bis sie ihn wieder gesehen hatte. Von Neuem erschauerte sie, als sie nur an seinen Blick dachte, und daran, dass er gesagt hatte, er begehre sie noch immer. Und plötzlich war ihr, als sei es erst gestern gewesen, dass sie in seinen Armen lag, halb verrückt vor Verlangen, das nur er zu stillen vermochte.

Nein! Sie holte tief Luft und begann, ihre Papiere einzusammeln. Sie würde es nicht so weit kommen lassen, dass sie erneut auf Jacques Verführungskünste hereinfiel. Das durfte nicht geschehen! Sie hatte zu viel zu verlieren, mehr noch als damals, als sie vor ihm davongelaufen war.

Sie versuchte, das Stimmengewirr um sie herum zu ignorieren. Normalerweise hätte sie an dem Geplauder teilgenommen. Sie mochte diese Leute, außerdem waren einige potenzielle Kunden für ihren Spendenbeschaffungsservice. Sie hatte auch einige Anfragen bekommen, auf die sie unbedingt eingehen wollte. Aber nicht heute Abend. Nicht jetzt, da der Schock über das Wiedersehen mit Jacques noch so frisch war. Nicht jetzt, da seine Anwesenheit sie noch so nervös machte. Sie würde nicht darum herumkommen, ihm wieder zu begegnen. Aber sie brauchte erst ein bisschen Zeit, um nachzudenken.

„Ich glaube, ich bin verliebt.“

Liza blickte auf. Jane Burke, ihre Freundin und ebenfalls Mitglied in diesem Komitee, stand vor ihr. Jane war klein, hatte schwarzes Haar und dunkle Augen und war damit exakt das Gegenteil von ihr, doch nicht nur im Aussehen, sondern auch in der Art. Jane war romantisch und überschwänglich, während sie eher zurückhaltend und pragmatisch war. Trotzdem verstanden sie sich sehr gut.

„Schon wieder?“, fragte sie beiläufig.

„Sei nicht so kaltschnäuzig, Liza.“

„Wer ist es denn diesmal?“

„Das neue Komiteemitglied, Jacques Gaston.“

Liza hob nur spöttisch die Brauen.

„Aber diesmal ist es wirklich anders“, versicherte Jane.

„Muss ich dich erinnern, dass du das gleiche vor drei Wochen in Bezug auf diesen Bobby aus Texas auch gesagt hast?“

„Ja, ja, ich weiß.“

„Und was ist mit Beauregard Jefferson Davis aus Mississippi?“

Jane lachte unbeschwert. „Was soll ich sagen? Ich mag halt Männer mit ungewöhnlichem Akzent.“ Wie aufs Stichwort war genau in diesem Augenblick Jacques tiefe Stimme zu hören, als er sich mit jemandem unterhielt. „Kannst du das nicht verstehen, Liza? Stell dir nur vor, wie es sein muss, wenn dieser Mann dir süße Liebesworte ins Ohr flüstert?“

Liza musste es sich nicht erst vorstellen. Sie erinnerte sich nur zu gut, wie es war, in Jacques Armen zu liegen und seiner Stimme zu lauschen, wenn er ihr von seiner Kindheit auf dem französischen Weingut erzählte. Sie hatte ihn deutlich vor sich gesehen: ein hübscher Junge mit einem schalkhaften Ausdruck im Gesicht. Ein Junge, der zwischen den Reben umhertobte und sich lachend die Trauben in den Mund stopfte. Für eine kurze Zeit hatte sie sogar davon geträumt, einmal mit Jacques zusammen dorthin zu reisen. Liebend gern hätte sie einmal diesen Ort gesehen, den er ihr in so lebhaften Farben geschildert hatte.

Aber das war gewesen, bevor sie herausgefunden hatte, dass Jacques sie nicht liebte; dass er sich niemals so weit herablassen würde, sie oder irgendeine Frau zu lieben; dass in seinem Herzen kein Platz war für die Liebe.

„Ich frage mich, ob es stimmt, was man über die Franzosen sagt“, murmelte Jane. „Dass sie bessere Liebhaber sein sollen, meine ich.“

Unwillkürlich folgte Liza Janes Blick. Jacques stand mit drei weiblichen Komiteemitgliedern zusammen. Eine von ihnen sagte etwas zu ihm, und er warf den Kopf zurück und lachte. Es versetzte Liza einen Stich, und sie riss sich rasch von dem Anblick los.

„Ich an deiner Stelle würde nicht versuchen, es herauszufinden – nicht solange Ehe und Familie bei dir hoch im Kurs stehen.“

„Warum denn nicht, Liza?“

„Weil du mit Jacques nicht die geringste Aussicht darauf hast, es sei denn, er hat sich sehr stark verändert. Er ist allergisch gegen feste Beziehungen.“ Und ich muss es schließlich wissen, dachte Liza.

Jane zog die Nase kraus. „Aber das ist doch nichts Neues! Kein Mann will eine feste Beziehung. Sie wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, bis sie die richtige Frau treffen, die sie davon überzeugt.“

„So wie du das sagst, klingt es ja, als ob die Ehe dazu da sei, einen Mann gefügig zu machen wie ein Haustier. Aber glaub mir, Jacques Gaston ist kein schnurrender Kater. Und ich würde nicht darauf bauen, dass er nur die richtige Frau braucht, um sich zu ändern. Das haben bestimmt schon genügend Frauen bei ihm probiert.“ Nicht dass sie eine von ihnen gewesen wäre. Sie hatte ihn einfach nur lieben und von ihm geliebt werden wollen. Aber das war für Jacques schon zu viel gewesen.

„Ich wusste gar nicht, dass du ihn so gut kennst.“ Janes Augen glitzerten.

„Das tue ich nicht.“ Auch wenn sie eine Affäre gehabt hatte, konnte Liza nicht behaupten, ihn wirklich zu kennen. Sie war viel zu leidenschaftlich verliebt gewesen, um zu merken, was für ein verbitterter, einsamer Mensch sich hinter der strahlenden Fassade verbarg, die Jacques stets nach außen hin präsentierte. Bis es zu spät gewesen war.

„Wir sind uns vor ein paar Jahren in New Orleans begegnet, als ich für Aimee Gallagher arbeitete. Jacques war einer ihrer Mieter.“

„Ach so, dann seid ihr also alte Freunde?“

„Eher Feinde. Wir sind nicht besonders gut miteinander ausgekommen.“ Bis auf die kurze Zeit, die ihre Affaire gedauert hatte. Aber selbst da war ihr Verhältnis nicht sehr stabil gewesen. Obwohl sie ernsthaft in ihn verliebt gewesen war, hatten sie und Jacques es nicht geschafft, wirklich Freunde zu werden. Vielleicht hätte es sonst nicht so geendet, wie es geendet hatte.

„Und das tun wir auch jetzt noch nicht“, fügte Liza hinzu.

„Feinde? So, so. Das erklärt wohl auch, weshalb er dich ansieht wie ein Raubtier seine Beute.“

Liza blickte in Jacques Richtung – und sah ihm direkt in die Augen. Einen Moment lang vergaß sie zu atmen. Als Jacques mit den Lidern zuckte, gelang es ihr den Blick abzuwenden.

„Deute nicht zu viel in seinen Blick hinein, Jane. Jacques nimmt seine Rolle als Franzose in Amerika sehr ernst. Er glaubt, es sei seine Pflicht, mit jedem weiblichen Wesen zwischen acht und achtzig zu flirten.“

Ihre Freundin bedachte sie mit einem skeptischen Stirnrunzeln. „Trotzdem, es wäre doch interessant, herauszufinden, ob es stimmt, was man über die Franzosen sagt.“

„Und was sagt man über die Franzosen?“ Es war Jacques Stimme.

Liza fuhr herum. Ihr Herz pochte wild.

Jane strahlte Jacques an. „Dass sie … dass sie …“

„Dass sie sehr französisch sind“, sagte Liza rasch und versuchte, nicht rot zu werden. „Jacques, darf ich dir Jane Burke vorstellen? Jane, das ist Jacques Gaston.“

„Mademoiselle Burke.“ Jacques nahm Janes Hand und hob sie an seine Lippen.

Jane schien geradezu dahinzuschmelzen wie Butter an der Sonne.

„Jane koordiniert die Arbeit der ehrenamtlichen Mitarbeiter in unserer Kampagne“, erklärte Liza und wusste nicht, was sie wütender machte, der verzückte Ausdruck im Gesicht ihrer Freundin oder Jacques Art, seinen Charme leichtfertig und jederzeit zu versprühen.

Sie wandte sich an Jane. „Ich habe Jacques schon gesagt, dass es eigentlich nicht nötig ist, dass er Peters Stelle im Komitee einnimmt, und ihm vorgeschlagen, stattdessen als ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Kampagne zu helfen.“

„Oh, aber das wäre ja wundervoll! Wir würden uns freuen, Sie als Mitglied in unserem Team begrüßen zu dürfen, Mr Gaston.“

„Jacques“, korrigierte er Jane.

„Jacques“, wiederholte sie lächelnd. „Und, bitte nennen Sie mich doch Jane.“

„Ein hübscher Name, passt zur Besitzerin“, erwiderte Jacques. „Sicher werden Sie verstehen, Jane, dass ich zwar sehr gern mit Ihnen zusammenarbeiten würde, Liza meine Hilfe jedoch bestimmt dringender braucht.“

„Ja … natürlich, das verstehe ich.“ Janes Wangen röteten sich. „Sie haben vollkommen recht. Auch wenn Liza es nicht zugeben will, ich weiß genau, Sie kann Ihre Hilfe brauchen, umso mehr, als Peter und Aimee nicht mehr dabei sind.“

„Ach ja?“ Jacques sah Liza fragend an.

„Oh, ja“, versicherte Jane und begann detailliert aufzuzählen, wofür Liza im Einzelnen zuständig war.

Liza hätte am liebsten sowohl Jane als auch Jacques erwürgt. Rasch warf sie die restlichen Unterlagen in ihren Aktenkoffer, ließ das Schloss zuschnappen und sagte knapp: „Wenn ihr mich bitte entschuldigen wollt. Ich muss noch mit Robert über die Sponsorenparty sprechen.“

Etwas zehn Minuten später, sie hatte Robert noch davon abbringen können, sie zu ihrem Wagen zu begleiten, verließ Liza den Sitzungsraum. Wenigstens habe ich es geschafft, Jacques nicht noch einmal zu begegnen, dachte sie, als sie den Flur hinabging. So wie Ashley Hartmann ihn mit Beschlag belegte, würde Jacques sicher den Rest des Abends beschäftigt sein.

Nicht dass es ihr etwas ausmachen würde. Nein, das mit ihr und Jacques war Geschichte. Was er tat und mit wem, ging sie nichts an.

Warum verursachte der Gedanke daran, wie die rothaarige, frisch geschiedene Ashley sich an Jacques heranmachte, ihr dann einen üblen Geschmack im Mund und ein enges Gefühl in der Herzgegend?

Weil sie eine Närrin war. Was Jacques betraf, war sie immer eine Närrin gewesen. Verärgert über sich selbst presste sie die Lippen zusammen, als sie um die Ecke bog und auf die Aufzüge zu ging.

„Warum machst du so ein düsteres Gesicht, ma chérie? Probleme?“

Abrupt blieb sie stehen. Jacques stand lässig an die Wand gelehnt neben den Aufzügen.

„Überhaupt nicht“, gelang es ihr zu erwidern, obwohl ihr der Schreck fast die Kehle zuschnürte. Sie nahm ihren Aktenkoffer von einer Hand in die andere, trat zu den Aufzügen und drückte den Knopf. „Ich bin nur überrascht, dass du auch schon gehst, so früh.“ Und auch noch ohne Begleitung.

„Überrascht? Warum?“

„Nun, da du so versessen darauf bist, bei uns im Vorstand mitzuarbeiten, dachte ich, du würdest gern die Gelegenheit nutzen, um die anderen Mitglieder kennenzulernen. Besonders Ashley Hartmann.“

„Ich würde viel lieber meine Bekanntschaft mit der Leiterin der Kampagne auffrischen.“

Die Aufzugtür öffnete sich. Sie betrat die Kabine, Jacques folgte ihr, und die Tür schloss sich hinter ihnen. Obwohl noch ein halbes Dutzend anderer Fahrgäste in der Kabine waren, spürte sie Jacques Anwesenheit geradezu körperlich. Und plötzlich glaubte sie wieder den Duft wahrzunehmen, den sie immer mit ihm assoziiert hatte, den Duft nach Sonne, nach feuchtem Ton, nach Fichtenwald und nach … Mann. Und mit dem Duft kam prompt auch die Erinnerung an Jacques Hände auf ihrem Körper, an seine Lippen …

„Liza?“

Sie umklammerte den Griff ihrer Aktentasche.

„Stimmt etwas nicht?“

„Aber wieso denn“, erwiderte sie rasch.

Kurz darauf öffnete sich die Aufzugstür zur Eingangshalle, und sie eilte hinaus.

„Liza, warte.“

Sie ging weiter, doch Jacques holte sie ein und nahm ihren Arm, sodass sie stehen bleiben musste. Sanft, viel zu sanft umfasste er mit der anderen Hand ihr Kinn, sodass sie praktisch gezwungen war, ihn anzusehen. „Was ist los, Liza? Wieso läufst du vor mir davon?“

„Ich laufe nicht vor dir davon. Ich habe Kopfschmerzen und möchte einfach nur schnell nach Hause.“

„Dann bringe ich dich nach Hause.“ Er nahm ihr den Aktenkoffer ab und führte sie weiter.

„Das ist sehr nett von dir, aber wirklich nicht nötig.“

„Es geht dir nicht gut.“

„Ich habe einfach nur Kopfschmerzen.“ Sie entzog ihm ihren Arm. „Ich versichere dir, ich schaffe es allein. Übrigens wohne ich nicht in Chicago, sondern eine Stunde entfernt.“

„Das ist mir egal.“

„Aber mir nicht.“

„Dann bringe ich dich wenigstens zu deinem Wagen.“ Unbeirrt folgte er ihr zu dem Aufzug, der zur Tiefgarage führte.

„Das ist wirklich nicht nötig.“

„Ich sagte, ich bringe dich zu deinem Wagen. Welches Stockwerk?“

In dem grellen Licht der Aufzugskabine wirkte sein markantes Gesicht mehr denn je wie das eines wilden Wikingers. Die Tatsache, dass er sie, die nicht gerade klein war, noch weit überragte, tat ein Übriges. Doch es war hauptsächlich sein Ausdruck unbeirrbarer Entschlossenheit, der sie dazu bewog, nicht weiter mit ihm zu streiten.

Als sie denn endlich neben ihrem Wagen stand, war sie sehr erleichtert. „Da wären wir. Vielen Dank.“

„Willst du mir nicht anbieten, mich mitzunehmen?“

„Aber ich dachte … Was ist mit deinem Wagen?“

„Ich habe keinen. Peter hat mich vom Flughafen abholen lassen, und zu der Sitzung bin ich mit dem Taxi gekommen. Ich habe mir noch keinen Mietwagen besorgt.“

Sie sah ihn fest an. „Und ich nehme an, es gibt einen bestimmten Grund, weshalb du dir jetzt kein Taxi nehmen kannst.“

„Vielleicht, weil ich ein brotloser Künstler bin“, erwiderte er lächelnd.

„Wir wissen beide, dass das nicht stimmt.“

Jacques hörte auf zu lächeln. „Richtig. Ich habe sehr viel Erfolg gehabt seit damals. Vielleicht hättest du mich nicht so schnöde verlassen, wenn der Erfolg früher eingetreten wäre.“

Das tat weh, aber sie entgegnete nichts darauf. Es war besser, er glaubte, sie habe ihn des Geldes wegen verlassen, als wenn er den wahren Grund erfuhr.

„Und jetzt sieht es so aus, als ob uns das Schicksal wieder zusammengeführt hat. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.“

Ein Anflug von Panik überkam sie, und sie fragte beunruhigt: „Warum tust du das, Jacques? Was hast du vor?“

„Aha, wie ich sehe, bist du immer noch voller Misstrauen.“ Es lag ein Ausdruck in seinen Augen, der ihr geradezu Angst machte. „Wir sind doch alte Freunde, Liza. Warum sollten wir nicht bestens zusammenarbeiten können?“

„Wir hatten eine Affäre, Jacques. Keine Freundschaft.“

„Ja, und du warst eine sehr gute Liebhaberin, ma chérie.“ Er trat einen Schritt näher, sodass sie zwischen seinem Körper und ihrem Wagen gefangen war. Mit dem Daumen strich er sanft über ihre Wange und dann über ihre Unterlippe. „So leidenschaftlich.“

Ein Schauer überlief sie. Es gelang ihr einfach nicht, ihre Reaktion auf seine Berührung zu unterdrücken und den Blick von ihm loszureißen.

„Hast du vielleicht geglaubt, ich hätte das alles vergessen?“ Seine Stimme klang wieder hart. „Ich habe es versucht. Oh, ja, das habe ich. Aber ich habe es nicht geschafft. Genauso wenig, wie ich es jetzt schaffe, dich nicht zu begehren.“

Damit senkte er den Kopf und berührte mit der Zungenspitze ihren Mund, zog vorsichtig, prüfend, lockend die Umrisse ihrer Lippen nach. „Öffne dich mir, Liza.“

Sie leistete keinen Widerstand, es war ihr unmöglich, sondern öffnete die Lippen. Ein Seufzer entschlüpfte ihr, als seine Zunge mit ihrer einen sinnlichen Tanz begann. Sie dachte an gar nichts mehr, sie umklammerte Jacques Schultern und gab sich ganz dem erregenden Vergnügen dieses Kusses hin. Ihr Verlangen machte sie schwindlig, und sie wünschte sich mehr.

„Oh, Liza“, murmelte er, als er sich kurz von ihren Lippen löste und mit der Zunge eine Spur über ihre Wange bis an ihr Ohr zog, und wieder zurück, um erneut ihren Mund in Besitz zu nehmen. Trotz der Kälte in der Tiefgarage, wurde ihr immer heißer.

Jacques nahm ihr Gesicht in beide Hände und schaute sie an. Brennendes Begehren lag in seinem Blick, und, so fürchtete sie, bestimmt auch in ihrem.

„Es ist immer noch da, Liza. Es ist noch genauso wie früher zwischen uns. Nichts hat sich geändert. Nichts.“

Bei diesen Worten kam sie in die Wirklichkeit zurück, und sie drehte den Kopf weg, als Jacques sie wieder küssen wollte. „Nein, Jacques. Alles hat sich geändert.“

„Hat es das?“

„Ja.“

„Das glaube ich nicht, ma chérie. Lass es mich dir beweisen.“

„Nein!“

Endlich ließ er sie los und trat zurück.

Sie fühlte sich ganz schwach und zittrig. „Wenn du immer noch mitfahren willst, steig ein. Ich bring dich zu deinem Hotel.“ Sie öffnete die Wagentür. Als er neben ihr saß, vermied sie es, ihn anzusehen. „Wo soll ich dich hinbringen?“

„In Peter und Aimees Penthouse, das sie hier in Chicago haben. Es liegt …“

„Ich weiß, wo.“ Schließlich hatte sie es selbst oft benutzt. Sie hatte auch schon Aimees Angebot angenommen, es nach der Party der Sponsoren zu benutzen, und nach dem Galaabend, um nicht noch spät in der Nacht den ganzen Weg nach Hause fahren zu müssen. Das kam nun natürlich nicht mehr infrage. Aber das war jetzt ihre geringste Sorge.

Jacques beobachtete Liza verstohlen. Sie umklammerte mit ihren behandschuhten Händen das Lenkrad, als könnte sie sich nur so unter Kontrolle bringen. Ja, sie begehrte ihn noch immer. Ganz bestimmt. Auch wenn sie es abstritt. Wie sehr sie sich auch dagegen wehren mochte, das Feuer zwischen ihnen loderte noch genauso heftig wie vor drei Jahren.

Und er würde es weiter entfachen.

Er musste es tun. Andernfalls würde er den Rest seines Lebens damit verbringen, sich zu fragen, ob sie nicht doch eine Zukunft gehabt hätten. Aber das hatten sie nicht. Unmöglich. Doch er musste es sich beweisen, oder er würde niemals zur Ruhe kommen.

Sie hatte recht, er wollte sich rächen. Aber mehr noch als das wollte er frei davon sein, vergeblich zu hoffen. Er wollte frei sein von Liza. Nur sie konnte ihm diese Freiheit geben und er ihr, indem sie sich ihrer Leidenschaft füreinander hingaben, bis diese Flamme endlich von selbst erlosch.

Danach gäbe es keine schlaflosen Nächte mehr für ihn, Nächte voller Sehnsucht nach ihr. Kein sinnloses Verlangen danach, ihre zärtlichen Worte zu hören, Worte der Liebe. Und keine Verzweiflung mehr darüber, dass seine eigene tief verwurzelte Bitterkeit ihn davon abhielt, solche Worte jemals zu ihr oder irgendeiner anderen Frau zu sagen. Und wenn es dann vorbei war, wäre er derjenige, der fortgehen würde, ohne sich ein einziges Mal umzublicken.

„So, da sind wir.“ Liza parkte den Wagen vor dem Gebäude, in dem sich das elegante Penthouse der Gallaghers befand.

„Möchtest du noch auf einen Drink mit hinaufkommen?“

„Nein danke. Ich muss nach Hause.“

„Dann vielleicht morgen zum Abendessen? Wir können über unsere Arbeit im Komitee reden, und über alte Zeiten.“

Liza sah angelegentlich aus dem Fenster. „Ich bin morgen zu beschäftigt.“

„Und übermorgen?“

„Da habe ich schon etwas vor.“

Die Eifersucht überwältigte ihn fast, als er sich vorstellte, dass sie sich vielleicht mit Robert Carstairs treffen würde. Nein, sagte sich Jacques. Sie konnte keine Affäre mit einem anderen haben. Nicht, wenn sie so auf seinen Kuss reagierte, wie sie es vorhin getan hatte.

„Dann, fürchte ich, muss ich mich damit zufriedengeben, dich nächsten Dienstag wieder zu sehen.“

Jetzt wandte sie ihm fragend das Gesicht zu. „Wie das?“

„Gemäß dem Zeitplan, den du bei der Sitzung verteilt hast, werden wir am Dienstag ein Restaurant testen, das eventuell für den Galaabend infrage kommt.“ Er zog das Blatt aus seiner Tasche. Er hatte jeden einzelnen Posten darauf angekreuzt, von der Restaurantauswahl bis zur Luftballonlieferung am Abend vor der großen Gala.

„Du kannst doch nicht ernsthaft vorhaben, an sämtlichen Treffen teilzunehmen.“

„Warum nicht? Du hast selbst gesagt, jeder aus dem Komitee kann gern mitmachen.“

„Das habe ich nur aus Höflichkeit gesagt. Keiner vom Komitee kümmert sich um solche Dinge. Nur ich.“

„Und jetzt auch ich.“ Lächelnd beugte er sich zu ihr hinüber und küsste sie rasch, obwohl sie protestierte. „Also dann, bis Dienstag.“

3. KAPITEL

Jacques blickte über den Rand seines Weinglases. Er hatte gespürt, dass Liza da war, noch bevor er sie gesehen hatte. Mon dieu, sie war schön. Ihr helles Haar fiel ihr um die Schultern wie fein gesponnenes Gold. Sie trug ein rotes Kleid und hochhackige Schuhe, und er musste an wundervolle, aufregende Dinge denken, während er ihre langen schlanken Beine betrachtete – wie diese Beine sich um seinen Körper geschlungen hatten und wie dieses seidige Haar sich auf seiner nackten Haut angefühlt hatte.

Verlangen, heiß und unkontrollierbar, stieg in ihm auf. Unwillkürlich umfasste er den Stiel seines Glases fester. Es schmerzte geradezu, dieses Verlangen, doch er war mit diesem Schmerz nur allzu vertraut. Mit Liza war es immer so gewesen. Von dem Augenblick an, als er sie das erste Mal sah, hatte er sich wie ein Schuljunge gefühlt, der das Geheimnis der Sexualität und die Verlockung eines schönen Frauenkörpers entdeckt.

Als sie nun an seinen Tisch kam, stand er auf. Hoffentlich bemerkte man nichts von seinem Zustand.

„Mr Newberry wird gleich hier sein, Ms O’Malley. Darf ich Ihnen schon etwas zu trinken bringen?“, fragte die Kellnerin.

„Ich kann dir den Bordeaux empfehlen“, warf er ein. „Er ist fast so gut wie der vom Weingut meines Vaters.“

„Bitte nur einen Eistee“, wandte sich Liza an die Kellnerin.

„Ihr Amerikaner habt einfach keinen Sinn für gepflegtes Dinieren“, sagte er, als er für Liza einen Stuhl herauszog. „Hallo, ma chérie.“ Er beugte sich vor und küsste sie sacht auf die Wange, bevor er sich wieder setzte.

„Ich bin nicht hier, um gepflegt zu dinieren, Jacques. Ich bin hier, um eine Menüauswahl zu treffen für den Galaabend nächsten Monat. Dass du gekommen bist, war wirklich nicht nötig.“

„Das war es sehr wohl.“ Er nippte an seinem Glas und nahm sich einen Moment lang Zeit, sie einfach nur anzuschauen. Sie sah so unverschämt perfekt und geschäftsmäßig aus, dass er sie am liebsten gepackt und geküsst hätte, nur um diese perfekte Fassade zu erschüttern. „Da du all meine Einladungen ausgeschlagen hast, muss ich jede andere Möglichkeit nutzen, um mit dir zusammen zu sein.“

„Es gibt keinen Grund für uns, zusammen zu sein.“ Liza nahm ihre Serviette und legte sie sich auf den Schoß, als der Eistee serviert wurde.

„Oh, doch.“ Er reichte ihr den Brotkorb, doch sie lehnte ab. „Oder wie soll ich dich sonst dazu bringen, deine Meinung zu ändern?“

„Ach, worüber soll ich denn meine Meinung ändern?“

„Na, hör mal, natürlich darüber, ob wir unsere Affäre nicht wieder fortführen sollten.“

Liza ließ den Löffel fallen, mit dem sie ihren Eistee umrühren wollte. Sie beugte sich vor. Ihre Augen schossen Blitze. „Ich verspreche dir, Jacques, du und ich, wir werden auf keinen Fall unsere Affäre fortführen.“

„Wie gesagt, ich habe vor, deine Meinung darüber zu ändern.“

„Du verschwendest nur deine Zeit. Ich bin nicht interessiert.“

„Genau das hast du vor drei Jahren auch gesagt“, erwiderte er gedehnt. „Aber diesmal brauchst du dir keine Gedanken darüber zu machen, wie du mich verführen sollst.“

Eine feine Röte überzog ihre Wangen, und er lächelte voller Genugtuung. Ganz sicher erinnerte sie sich ebenso wie er an jenes erste Mal, als sie ihn gebeten hatte, mit ihr zu schlafen.

„Ich versichere dir, ich mache mir keine Gedanken über etwas, das nicht stattfinden wird.“

„Aber das wird es, Liza, Liebste. Weil ich dich nämlich verführen werde.“

Bevor sie etwas antworten konnte, erschien der Ober mit einem Kellner im Schlepptau, der ein Tablett mit Salatproben trug.

Eine halbe Stunde später waren sie beim Hauptgang angelangt. Doch Jacques nahm kaum etwas davon wahr. Stattdessen dachte er nur an jene schwüle Oktobernacht in New Orleans …

„Komm, ma chérie.“ Jacques nahm Liza bei der Hand und zog sie in den Hausflur. „Du musst dir die nassen Sachen ausziehen, sonst erkältest du dich.“

Und dann waren sie die Treppe zu ihrem Apartment hinaufgeeilt. Ihr Lachen hatte ihn erregt wie alles an ihr. Was für ein Narr du bist, hatte er sich gesagt, dass du dir vom Lachen einer Frau den Verstand benebeln lässt. Schließlich hatte er Glück bei den Frauen und schon viele Affären gehabt. Aber niemals war er von einer Frau so hingerissen gewesen wie von Liza.

Mit ihr war alles anders, alles neu. Mit ihr fühlte er sich so lebendig wie noch nie, und die dunkle Wolke, die sein Leben immer überschattet hatte, schien wie weggeblasen.

Liza öffnete die Tür und drehte sich dann zu ihm herum.

„Was ist, chérie?“

„Ich möchte nicht allein sein heute Nacht“, flüsterte sie.

Unwillkürlich hielt er den Atem an bei dieser unverblümten Einladung, und am liebsten wäre er ihr sofort gefolgt. Doch stattdessen sah er Liza verwundert an. Was war mit ihr geschehen? Bisher war sie jedem seiner Annäherungsversuche ausgewichen, obwohl es von Anfang an zwischen ihnen geknistert hatte. Aber erst heute, nachdem sie ihn monatelang abgewehrt hatte, hatte sie eingewilligt, mit ihm zu Abend zu essen. Und jetzt wollte sie anscheinend noch mehr.

„Du hast es dir anders überlegt, nicht wahr?“, unterbrach sie seine Gedanken.

„Inwiefern?“

„Du bist gar nicht mehr an mir interessiert.“

Sie wollte sich umdrehen, doch er hielt sie fest. „Du irrst dich, Liza. Ich will dich.“ Mit dem Finger strich er ihr zärtlich über die Wange. „Ich begehre dich, weil ich gar nicht anders kann. Ich könnte es mir überhaupt nicht anders überlegen.“

„Dann komm mir herein. Verbring die Nacht mit mir.“

Ihm wurde heiß und heißer. Doch er zögerte noch immer. Er hatte schon viele Frauen gehabt, und jede von ihnen war etwas Besonderes für ihn gewesen. Trotzdem hatte keine von ihnen mehr von ihm erwartet, als er geben konnte. Freundschaft und guter Sex hatten ihnen ebenso genügt wie ihm. Aber irgendwie spürte er, dass es mit Liza nicht so einfach werden würde, weder für ihn noch für sie.

Sie drückte sich an ihn, legte die Hände auf seine Brust und umschlang schließlich seinen Nacken. „Bitte, Jacques“, murmelte sie, bevor sie ihre Lippen auf seine presste.

Er legte die Arme um sie. Von diesem Augenblick hatte er seit Monaten geträumt. Und die Wirklichkeit war noch tausendmal besser als sein Traum.

Liza drückte ihre Hüften an seine. Einen Moment glaubte er, den Verstand zu verlieren. Am liebsten hätte er ihr die Kleider vom Leib gerissen, um sie auf der Stelle zu nehmen. Doch als sie sich erneut an ihn drückte, gelang es ihm, sich noch einmal in den Griff zu bekommen und sich von ihr loszureißen.

„Sacre bleu!“ Er vergrub die Fäuste in ihrem Haar und schloss die Augen.

„Lass uns hineingehen“, flüsterte sie.

Er konnte ihr nicht länger widerstehen. Und er wollte es auch gar nicht.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, lag Liza wieder in seinen Armen, zog ihm die Krawatte aus und öffnete sein Hemd. Als sie sich an seinem Gürtel zu schaffen machte, hielt er ihre Hand fest.

„Liza, weißt du, was du da tust?“, fragte er mit vor Erregung gepresster Stimme.

„Ja.“

Er sah ihr in die Augen. Ihr Blick war verschleiert vor Verlangen, und er selbst hielt sich nur noch mühsam unter Kontrolle. „Bist du dir sicher?“

„Ich bin mir sicher“, erwiderte sie. „Ich kenne deine Regeln, Jacques. Keine Versprechungen, keine tiefer gehende Beziehung. Nur Freundschaft und Sex.“

Das war immer sein Credo gewesen. Damit hatte er sich selbst und andere vor der schwarzen Wolke, die sein Dasein überschattete, geschützt, vor der Finsternis in seinem Herzen. Doch als er diese Worte nun aus Lizas Mund hörte, spürte er zum ersten Mal, welche Kälte von ihnen ausging – und er spürte zum ersten Mal die Leere in seinem Innern.

„Ja, aber …“

Sie legte einen Finger auf seine Lippen. „Ich erwarte nicht mehr von dir, Jacques. Ich will einfach nur, dass du mit mir schläfst.“

Sie öffnete den Reißverschluss seiner Hose, und die Berührung ihrer Finger brachte ihn fast um den letzten Rest seiner Selbstbeherrschung.

„Mach, dass ich mich ganz und gar wie eine Frau fühle.“ Glühende Sehnsucht stand in ihren Augen. Und Zweifel. Für einen Moment fragte er sich, warum. Aber dann konnte er an nichts anderes mehr denken als an sie, und dass er sie wollte.

„Glaub mir, chérie. Du bist ganz und gar eine Frau. Und noch nie in meinem Leben habe ich eine Frau so sehr begehrt wie dich.“

„Dann zeig es mir.“

Er packte sie an den Schultern und drückte sie mit dem Rücken gegen die Tür. Wild presste er seine Lippen auf ihre, nahm Besitz von ihrem Mund. Dann küsste er sie voller Zärtlichkeit, zeichnete mit der Zungenspitze die Umrisse ihrer Lippen nach, und als sie sie öffnete, schob er ganz behutsam seine Zunge hinein und liebkoste ihre Zunge mit seiner. Er küsste Liza wieder und wieder und genoss die kleinen Seufzer, die sie dabei ausstieß.

Irgendwann löste sie ihre Lippen von seinen. „Zeig es mir, Jacques, bitte.“

Ein Schauer überlief ihn, als er hörte, wie rau vor Verlangen ihre Stimme war. Er hob Liza auf die Arme und trug sie ins Schlafzimmer. Ein kleine Lampe auf dem Nachttisch tauchte das Zimmer in ein weiches Licht. Eine Tagesdecke aus glänzendem Satin bedeckte das Bett. Irgendwo stand eine Vase mit frischen Gardenien, deren süßer, schwerer Duft den Raum erfüllte. Der Künstler in ihm nahm jedes Detail wahr, der Mann in ihm ignorierte es im gleichen Moment. Jeder Atemzug, jeder Gedanke galt nur noch Liza.

Vor dem Bett blieb er stehen und ließ sie langsam an sich hinuntergleiten, bis ihre Füße den Boden berührten. Es war eine Qual für ihn, eine köstliche Qual. Dann küsste er Liza auf die Augenlider, die Wangen, den Mund. Schließlich öffnete er den ersten Knopf ihres Kleides – ein verführerisches Gebilde, das mehr von ihren Formen zeigte als verbarg. Mit einer Geduld, zu der er sich selbst nicht für fähig gehalten hätte, öffnete er Knopf für Knopf und nahm sich jedes Mal Zeit, das Stück Haut, das er freilegte, zu küssen. Als endlich der letzte Knopf geöffnet war, streifte er Liza das Kleid von den Schultern.

Sein Puls raste bei dem Anblick ihres nur noch mit einem Hauch schwarzer Spitze bedeckten Körpers. „Oh, Liza, du bist schön.“ Und er fuhr fort, ihren Körper in sich aufzunehmen, indem er sie mit Händen und Lippen liebkoste. Er hakte ihren BH auf und genoss die Schönheit ihrer üppigen Brüste, erst mit den Augen, dann mit den Händen. Schließlich nahm er eine der rosa Knospen zwischen Daumen und Zeigefinger und beugte den Kopf über die andere.

Liza stöhnte auf, als sich seine Lippen um die Knospe schlossen und er sie behutsam mit Zähnen und Zunge reizte.

„Jacques!“ Ihre Nägel gruben sich in seine Haut, als er sich ebenso der anderen Brust widmete. Ihre kleinen, lustvollen Seufzer steigerten sein Verlangen noch weiter.

Nach einer Weile legte er die Arme um sie und sank mit ihr aufs Bett. Er ließ seine Hand unter ihren schwarzen Spitzenslip gleiten und strich sanft durch die weichen Locken zwischen ihren Schenkeln. Dann drang er erst mit einem, danach mit zwei Fingern in sie ein und streichelte sie.

Liza keuchte. Ihr Körper bäumte sich auf, und sie bog sich seiner Hand entgegen.

„Ja, chérie“, ermutigte er sie, und die Stimme versagte ihm fast vor Erregung. Er spürte, dass sie ihren ersten Gipfel erreichte. Und als sie sich wieder entspannte und weich und gelöst in seine Arme schmiegte, begann er von Neuem, sie zu streicheln.

„Jacques, nein. Ich kann nicht … ich … nicht ohne dich.“

„Für mich, Liza. Gib dich hin, tu es für mich.“ Ohne auf ihre protestierenden Seufzer zu achten, brachte er sie erneut zum Höhepunkt, und wieder und wieder, vergrößerte damit seine Qual und seine Lust. Bis er es schließlich nicht mehr aushielt, sich von seiner restlichen Kleidung befreite, ihr den Slip auszog und sich auf sie legte.

Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, ebenso wild und heftig, wie sein Puls schlug.

„Liza, wir haben noch nicht …“

„Nicht nötig“, erwiderte sie. „Ich … Heute ist es sicher für mich. Ich kann nicht … ich meine, ich werde bestimmt nicht schwanger.“

Er protestierte. Er wollte kein Risiko eingehen. Doch sie wollte nichts davon wissen und öffnete die Schenkel.

„Nur um ganz sicher zu sein …“

Aber sie hob ihm die Hüften entgegen, berührte ihn, und er hörte auf zu denken.

Jetzt konnte er nicht mehr warten, und mit einem tiefen Stoß drang er in sie ein.

„Jacques.“

Er küsste sie und ahmte dabei mit der Zunge die Bewegung ihrer Körper nach. Sie schlang die Beine um seine Hüften. Ein Blitz zuckte vor dem Fenster, und kurz darauf schien das Haus zu beben unter dem Krachen des Donners.

Geradezu ehrfürchtig beobachtete er, wie Liza sich ihrer Lust hingab. Sie schrie auf, als sie einen weiteren Gipfel erreichte, er spürte ihr ekstatisches Beben. Und hingerissen folgte er ihr auf dem Weg zum nächsten Gipfel …

„Was ist mit der Mousse au Chocolat?“, hörte Jacques Liza sagen. „Halten Sie sie für eine gute Wahl, oder sollten wir lieber bei dem Früchtedessert bleiben?“

Jacques riss sich von seinen verlockenden Erinnerungen los. Liza unterhielt sich mit dem Ober. Aber worum ging es eigentlich?

„Wenn Ihnen beides nicht zusagt, unsere Küche bietet auch eine hervorragende Erdbeersahnetorte“, schlug Mr Newberry vor.

Dessert. Sie sprachen über das Dessert. „Warum versuchen wir nicht auch noch die Erdbeersahnetorte?“, warf er ein, um Zeit zu gewinnen.

„Wirklich, Jacques, hältst du das für unbedingt nötig?“ Liza wollte die Mahlzeit, und vor allem das Zusammensein mit Jacques, zu Ende bringen. Sie lächelte den Ober an. „Ich denke, eines ist so gut wie das andere. Außerdem fürchte ich, dass ich keinen Bissen mehr essen kann.“

„Dann bringen Sie uns einfach nur ein Stück Erdbeersahnetorte, Mr Newberry. Ms O’Malley und ich werde es uns teilen.“

„Selbstverständlich, Mr Gaston.“ Der Ober verschwand, bevor Liza etwas einwenden konnte.

„Als Vorspeise nehmen wir Waldorfsalat“, sagte sie. „Was meinst du?“

„Ja, Waldorfsalat“, erwiderte Jacques ohne große Begeisterung.

Liza zögerte und sprach dann weiter. „Und als ersten Gang dachte ich, wäre eine Auswahl zwischen Fisch und Filet mignon ganz gut. Auf diese Weise hätten die Gäste, die kein Fleisch mögen, eine Alternative, findest du nicht?“

„Klingt gut“, sagte Jacques lahm und starrte auf sein halb leeres Glas.

Liza betrachtete ihn nachdenklich an. Merkwürdig. Sie kannte Jacques sonst als Lebenskünstler, der alles, was er aß, trank oder tat, in vollen Zügen genoss, und sie hatte ihn immer um diese Fähigkeit beneidet. „Findest du, dass ich falsch gewählt habe, Jacques? Bitte sag es mir jetzt“, verlangte sie, heftiger als beabsichtigt. „Jetzt ist noch Zeit, alles zu ändern.“

Jacques blickte auf und sah sie verwundert an. „Nein, an deiner Auswahl ist nichts falsch, Liza. Du hattest schon immer einen tadellosen Geschmack. Wieso meinst du, dass ich etwas anderes denken könnte?“

„Vielleicht, weil der Jacques Gaston, den ich von früher kenne, immer einen gesunden Appetit hatte. Und heute hast du dein Essen kaum angerührt.“

Er ließ sich Zeit mit der Antwort. „Vielleicht bin ich ja nicht mehr der Jacques Gaston, den du von früher kennst.“ Seine Stimme war plötzlich noch tiefer als sonst, und sie spürte ihren Klang fast körperlich. „Oder vielleicht liegt es daran, dass ich auf etwas anderes Hunger habe als auf Essen.“

Ihr Puls begann zu rasen. Der Blick, mit dem Jacques sie ansah, war unmissverständlich. Er begehrte sie. Ein heißes Pricklen durchströmte sie, besonders zwischen den Schenkeln. Nervös nestelte sie mit der Serviette in ihrem Schoß herum.

„Essen ist heute der einzige Programmpunkt.“ Sie gab sich gelassener, als sie war. „Sobald wir uns für ein Dessert entschieden haben, ist der Abend beendet. Außerdem muss ich noch mal ins Büro.“

Der Kellner brachte die Erdbeersahnetorte und zwei Kuchengabeln.

„Das ist so eine typische Schwäche von euch Amerikanern. Immer habt ihr es eilig. Niemals nehmt ihr euch Zeit, etwas wirklich zu genießen. Zum Beispiel heute Abend. Es gibt überhaupt keinen Grund, weshalb wir uns mit dieser Menüauswahl beeilen sollten. Als ich mit Peter und Aimee sprach, sagten sie …“

„Du hast mit Peter und Aimee gesprochen?“

„Ja.“

„Wann?“ Sie hatte die beiden das ganze Wochenende über zu erreichen versucht, ohne Erfolg.

„Gestern Abend. Sie lassen dich übrigens herzlich grüßen“, fügte Jacques lächelnd hinzu. „Wenn ich Aimee richtig verstanden habe, bist du für dieses Projekt auf der ganzen Linie allein verantwortlich. Du bist sozusagen immer bei der Arbeit, auch jetzt. Es gibt also keinen Grund, weshalb du unbedingt noch in dein Büro hasten müsstest.“

„Es gibt tausend Gründe, weshalb ich noch in mein Büro gehen muss. Da ist so vieles, das ich noch zu erledigen habe. Zum Beispiel wegen der Party der Sponsoren, die demnächst stattfindet.“

„Und ich bin sicher, du wirst das alles meisterhaft über die Bühne bringen.“ Jacques versenkte seine Gabel in der Erdbeersahnetorte und bot ihr den Bissen an.

Geflissentlich ignorierte sie die Geste und nahm stattdessen ihre eigene Gabel. Doch ihre Geschmacksnerven ließen sie völlig im Stich. Es ist eine Schande, dachte Liza. All diese Kalorien – ohne das kleinste bisschen Genuss. Das war allein Jacques Schuld – er war ungefragt wieder aufgetaucht, brachte sie in Verwirrung, weckte Zweifel in ihr und entfachte alte Gefühle neu. Und er schaffte es, dass sie ihn erneut begehrte, obwohl sie doch wusste, dass es niemals eine echte Beziehung zwischen ihnen geben würde.

„Peter sagt, du wärst ziemlich gut in deinem Job.“

Sie zwang sich, nicht mehr auf Jacques Lippen zu starren. „Hoffentlich hat er recht. ‚Kunst für Kinder‘ ist meine bisher größte Kampagne.“

„Peter ist ein guter Geschäftsmann. Ich bin sicher, er hätte dir diesen Auftrag nicht gegeben, wenn er ihn dir nicht zutrauen würde.“

Sie musste lächeln. „Oh, ich glaube, man kann getrost davon ausgehen, dass Aimee dabei ein bisschen nachgeholfen hat.“

„Oh, nein. Peter ist knallhart, wenn es ums Geschäft geht.“

„Ja das ist wahr“, stimmte sie zu und dachte daran, was für eine schwierige Zeit ihre Freundin durchgemacht hatte, bis Peter es endlich glaubte, dass sie ihn um seiner selbst willen liebte und nicht weil er Geld hatte. In jenen Tagen hatte Jacques sich als guter Freund für Aimee erwiesen. Damals war es auch passiert, dass sie, Liza, sich bis über beide Ohren in ihn verliebte.

„Peter hat mich auf die Idee gebracht, mein Talent professionell zu vermarkten“, fügte sie hinzu.

„Wann war das?“

„Vor drei Jahren.“

„Dann bist du also hergekommen, als du von New Orleans weggingst?“

„Ja.“ Sie nahm ein weiteres Stück von der Erdbeersahnetorte auf die Gabel und starrte angelegentlich darauf, nur um Jacques nicht ansehen zu müssen. „Mein erster Auftrag, nachdem ich hierhergezogen war, bestand darin, Spenden für eine Wohltätigkeitsorganisation aufzubringen. Ich hatte ziemlich viel Erfolg. Später, als ich dann pausieren musste wegen …“

Sie biss sich auf die Lippen. Oh, nein, fast hätte sie sich verraten! Sie legte die Gabel auf den Teller und verbarg ihre zitternde Hand im Schoß. „Später hat Peter mir vorgeschlagen, ich solle doch versuchen, ein regelrechtes Dienstleistungsunternehmen aufzubauen, das darauf spezialisiert ist, Spenden zu organisieren, für alle möglichen Zwecke. Letztes Jahr, als Aimee die Kampagne ‚Kunst für Kinder‘ ins Leben rief, hat sie mich dann mit der Organisation der Gelder beauftragt.“

„Weder Peter noch Aimee haben mir damals gesagt, dass du hier in Chicago bist.“ Jacques wirkte verärgert. „Sie behaupteten, nicht zu wissen, wo du seist.“

„Das wussten sie auch nicht. Zunächst jedenfalls nicht. Und als sie es herausfanden, bat ich sie, es dir nicht zu sagen.“

„Warum?“, fragte Jacques sichtlich verständnislos.

„Weil es für uns beide besser war, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen. Wir hatten völlig unterschiedliche Erwartungen an das Leben.“ Sie war am Boden zerstört gewesen, als sie endlich die Wahrheit erkannt hatte: dass sie und Jacques niemals eine gemeinsame Zukunft haben würden, und dass sie ihn niemals an dem Wunderbaren, das sie ihm verdankte, teilhaben lassen könnte.

„Ja, ich erinnere mich. Ich erinnere mich auch an jene letzte Nacht, in der du mir sagtest, dass du mich lieben würdest. Du hast sogar vom Heiraten gesprochen, von Kindern.“

„Und du hast mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht, dass du weder am einen noch am anderen interessiert bist.“ Jacques Ablehnung war niederschmetternd gewesen. Nicht einmal der Betrug ihres ersten Mannes und das Scheitern ihrer Ehe hatten ihr so zugesetzt gehabt. Selbst jetzt noch, nach drei Jahren, tat die Erinnerung daran weh.

„Bist du deshalb fortgegangen, chérie? Weil ich dir nicht angeboten habe, dich zu heiraten?“

„Nein, nicht deshalb, Jacques. Du warst ja immer ehrlich zu mir. Von Anfang an wusste ich, dass du mich nicht liebtest und dass du an keiner langfristigen Beziehung interessiert warst.“

„Du hast mir viel bedeutet, Liza. Du tust es immer noch.“ Er nahm ihre Hand und führte sie an seine Lippen.

Plötzlich waren wieder die gleichen Gefühle wie damals da, und sie wünschte, sie könnte wieder in seinen Armen liegen; wünschte, sie könnte ihm die Wahrheit sagen.

„Was damals zwischen uns war, das war etwas Besonderes. Wir können es wieder haben. Ich werde bis Weihnachten in Chicago sein. Wir können …“

„Was? Noch einmal eine Affäre haben?“ Sie entzog ihm ihre Hand.

„Ich habe dir doch erklärt, warum ich mir geschworen habe, niemals zu heiraten. Ich dachte, du hättest das verstanden. Du hattest meine Zuneigung, meinen Respekt, meine Treue. Mehr kann ich nicht geben.“

„Weil du all diese schrecklichen Geschichten glaubst, die dein Vater dir eingeben hat.“ Wut stieg in ihr auf, auf diesen grausamen Mann, der Herz und Verstand seines Sohnes vergiftet hatte. „Du glaubst immer noch an diese Geschichte von einer merkwürdigen Veranlagung, die es in deiner Familie geben soll, und die einen dazu verdammt, das Leben in Einsamkeit und Düsternis zu verbringen. Und deshalb wagst du nicht, jemanden wirklich zu lieben.“

Jacques beugte sich vor. Seine Stimme war nur noch ein Flüstern. „Glaub mir, es gibt diese Veranlagung. Ich habe selbst erlebt, welches Leid sie verursachen kann. Auch wenn ich dich mehr begehre als jemals eine andere Frau – ich werde nicht riskieren, dass diese Veranlagung weitergegeben wird. Selbst für dich würde ich dieses Risiko nie eingehen.“

Sie wollte laut aufschreien. Doch sie schwieg und verbannte jeglichen Gedanken daran, Jacques vielleicht doch noch die Wahrheit zu erzählen, aus ihrem Bewusstsein.

„Aber deshalb sind wir nicht hier, nicht wahr, Jacques? Wir waren beim Dessert. Also, wofür sollen wir uns entscheiden?“

Jacques lehnte sich seufzend zurück. „Für die Erdbeersahnetorte.“

„Finde ich auch. Ich werde Mr Newberry Bescheid sagen. Ach, und was die Weine betrifft, die zum Essen serviert werden sollen, könntest du vielleicht noch ein paar Vorschläge einbringen? Mr Newberry wird dir sagen, wie viel Spielraum unser Budget noch hat.“ Sie stand auf.

„Liza, warte.“

„Ich muss wirklich zurück ins Büro, Jacques.“

„Dann bringe ich dich zu deinem Wagen“, erklärte er entschlossen.

Sie wollte protestieren, aber irgendwie fühlte sie sich zu schwach, um jetzt mit Jacques zu streiten.

Als sie endlich vor dem Hotel standen, war sie froh, die kühle Nachtluft auf ihrem Gesicht zu spüren. Sie gab dem Boy ihre Wagenschlüssel und wandte sich an Jacques. „Danke, dass du mir bei der Menüauswahl geholfen hast, vor allem bei den Weinen“, sagte sie und war entschlossen, das Gespräch auf einer rein geschäftlichen Ebene zu halten.

„Wir wissen beide, dass du meine Hilfe gar nicht gebraucht hast und dass das auch nicht der Grund meines Kommens war“, erwiderte Jacques und lächelte. „Du warst der Grund.“

Ihr Herzschlag drohte aus dem Rhythmus zu geraten. „Wie auch immer, ich weiß deine Hilfe zu schätzen“, gelang es ihr zu sagen. Wo blieb denn nur der Boy mit ihrem Wagen?

Jacques nestelte am Kragen ihres Wollmantels herum, schlug ihn hoch, streichelte ihre Wange und hob ihr Kinn an. „Hör auf, dich gegen mich zu wehren, Liza. Hör auf, dich gegen dich selbst zu wehren. Warum sollen wir uns nicht aneinander erfreuen, solange Zeit dafür ist?“

„Ich kann nicht.“

„Warum nicht?“

Sie sah Jacques in die Augen. „Weil … weil es einen anderen gibt.“

4. KAPITEL

„Das glaube ich dir nicht“, sagte Jacques. „Du bist nicht in Robert Carstairs verliebt.“

„Nein“, antwortete Liza. „Aber ich meine auch nicht Robert. Es ist … jemand anders.“

Die Eifersucht nahm Jacques fast den Atem. „Wer?“ Er packte Liza am Arm.

Liza sah hinab auf seine Hand, und entsetzt über sich selbst, ließ er sie sofort los.

„Sag mir, wer es ist, Liza.“

„Du … du kennst ihn nicht.“

Wachsam sah er sie an. Ihre Hände zitterten, und sie wich dauernd seinem Blick aus. Normalerweise strahlte sie immer eine unerschütterliche Ruhe aus. Anzeichen von Nervosität hatte er erst zweimal bei ihr erlebt: in ihrer ersten Liebesnacht und in ihrer letzten gemeinsamen Nacht. Beide Male war sie irgendwie angespannt gewesen, weil sie etwas vor ihm zurückgehalten hatte.

Auch jetzt hielt sie etwas vor ihm zurück, dessen war er sicher. Aber was, und warum? Er hatte von Anfang an gewusst, dass Liza Geheimnisse vor ihm hatte, dass sie vor irgendeiner Sache aus ihrer Vergangenheit floh. Doch da er schon sein ganzes Leben selbst auf der Flucht vor seinem düsteren Geheimnis war, hatte er nie von ihr verlangt, es ihm zu erzählen. Vielleicht hätte er es tun sollen. Vielleicht sollte er es jetzt tun.

Lizas Wagen wurde gebracht. Schweigend stand er daneben, als sie einstieg und den Gurt anlegte.

Autor

Metsy Hingle
Die vielfach mit Preisen ausgezeichnete Autorin Metsy Hingle behauptet, dass für sie überhaupt nichts anderes als das Schreiben von Liebesromanen in Fragen kommen konnte, denn schließlich stammt sie aus New Orleans, eine der romantischsten Städte der Welt. „Ich bin eine überzeugte Romantikerin, die fest daran glaubt, dass die Liebe zwischen...
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Joan Johnston
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