Baccara Exklusiv Band 180

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DIESE NACHT GEHÖRT NUR UNS!
von GOLD, KRISTI

  • Erscheinungstag 03.05.2019
  • Bandnummer 0180
  • ISBN / Artikelnummer 9783733725747
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kristi Gold, Paula Roe, Catherine Mann

BACCARA EXKLUSIV BAND 180

PROLOG

Aus dem Tagebuch Jessamine Goldens
5. Dezember 1910

Liebes Tagebuch,

heute werde ich Edgar Halifax zur Rede stellen. Da ich nun im Besitz des von ihm gestohlenen Goldes bin, werde ich seiner Schreckensherrschaft ein Ende setzen. Er hat nicht nur meinen Vater, sondern auch Nicholas Devlin umgebracht und die Schuld Richard Windcroft in die Schuhe geschoben. Edgar hat das Blut zweier unschuldiger Männer an den Händen, und womöglich noch vieler anderer. Obwohl er versuchen wird, mich umzubringen, werde ich um mein Leben kämpfen. Selbst wenn auch ich einen Mord begehen muss.

Sollte ich am Leben bleiben, werde ich Royal, die einzige Heimat, die ich je hatte, verlassen, weil ich hier als Banditin gelte. Ich werde auch Sheriff Brad Webster verlassen, den einzigen Mann, den ich je geliebt habe. Der Mann, der vorhat, mich heute Abend festzunehmen.

Ich werde eine Landkarte zurücklassen, worauf der Weg zu dem vergrabenen Gold eingezeichnet ist. Die genaue Stelle jedoch kann nur von demjenigen gefunden werden, der meinen Anhänger mit den eingravierten Rosen besitzt – den mir meine wahre Liebe geschenkt hat und der mir sehr viel bedeutet.

In der Hoffnung, dass eines Tages die Wahrheit ans Licht kommen wird, hinterlasse ich auch dieses Tagebuch. Vielleicht werden diejenigen, die diese Aufzeichnungen finden, mir Glauben schenken und all die Lügen, die in Royal verbreitet wurden, endlich aus der Welt schaffen.

1. KAPITEL

Dezember 2005

Sheriff Gavin O’Neal hasste es, aus dem Schlaf gerissen zu werden – es sei denn von einer Frau. Leider war das bereits eine ganze Weile nicht mehr vorgekommen.

Da er zwei Mordfälle aufzuklären und bei dem ganzen Durcheinander in Royal alle Hände voll zu tun hatte, war sein Liebesleben seit Monaten mehr als zu kurz gekommen. Das war wahrscheinlich auch gut so, denn im Augenblick konnte er keine weiteren Komplikationen brauchen. Genauso wenig wie einen Anruf von einer Schweinefarm wegen Ruhestörung um ein Uhr nachts. Wegen der Grippewelle waren mehrere seiner Polizisten krank. Also blieb ihm keine andere Wahl, als sich selbst darum zu kümmern.

Auf der Fahrt zu Harvey Joe Raleighs Haus fluchte Gavin vor sich hin und hoffte, dass es wirklich einen triftigen Grund für diese nächtliche Expedition gab. Der Mann nahm den Mund gern voll, und Gavin hatte nicht viel für ihn übrig. Er fuhr an einer Reihe von heruntergekommenen Ställen vorbei, parkte neben einem verrosteten Transporter und ging zum Farmhaus. Schweinegestank lag in der Luft.

Noch bevor Gavin anklopfen konnte, war auch schon Sue Raleigh an der Tür. Die Frau in den Fünfzigern hatte einen schäbigen Frotteebademantel an. „Tut mir leid, dass ich Sie so spät noch hierher gerufen habe, Sheriff.“

Sue war Gavin gleich sympathisch gewesen, als er sie vor einigen Monaten getroffen hatte. Und er fragte sich, wie diese nette Frau bei so einem Schwachkopf wie Harvey Joe gelandet war. „Kein Problem. Was ist denn los?“

„Es geht um unsere Mieterin in dem kleinen Haus dort hinten. Harvey Joe behauptet, dass sie ihn bedroht.“

Eine Frau?, fragte sich Gavin. Die muss aber ziemlich hart im Nehmen sein, wenn sie es hier aushält. „Ist sie bewaffnet?“

„Keine Ahnung. Harvey ist hinten bei ihr.“

„Dann wissen Sie also gar nicht, ob Harvey Joe tatsächlich in Schwierigkeiten steckt?“

„Ich bin nicht sicher“, erklärte Sue. „Er hat mir lediglich gesagt, dass ich hier bleiben und Sie anrufen soll.“

„Und wie heißt die Mieterin?“

„Valerie Raines.“

Valerie Raines? „Meinen Sie die Kellnerin aus dem Royal Diner?“

„Ja.“

Gavin fiel es schwer, irgendetwas von all dem zu glauben. „Sie scheint mir nicht gerade gewalttätig zu sein.“

„Das glaube ich auch nicht. Aber die Leute sind nicht immer so, wie sie vorgeben zu sein.“

„In Ordnung. Ich werde sehen, was ich tun kann.“

Als er zu dem baufälligen kleinen Haus ging, stellte er seinen Kragen hoch, um sich gegen den Wind zu schützen. Selbst unter diesen Umständen hatte er nichts dagegen, Valerie wiederzusehen. Er nahm an, dass es einen guten Grund gab, warum sie aufgebracht war. Ganz zu schweigen davon, dass die kleine Valerie im Vergleich zum Harvey Joe nur eine halbe Portion war. Gavin konnte sich nicht vorstellen, dass sie dem Mann tatsächlich etwas antun könnte.

Als er an dem Haus ankam, bemerkte er, dass die Tür nur angelehnt war. Die laute Frauenstimme war nicht zu überhören. „Das ist mein Ernst, Sie Schuft“, schrie sie. „Bleiben Sie ja da, wo Sie sind.“

Gavin betrat nun das winzige Wohnzimmer und sah, dass Harvey Joe mit dem Rücken zur Wand stand, während Valerie vor seiner Nase mit einem Mopp herumfuchtelte. Das Ganze entbehrte nicht der Komik. Ein in Angst und Schrecken versetzter Farmer mit Glatze und Bierbauch und eine zierliche, wütende Kellnerin. Sie sah sehr niedlich aus in dem weißen großen T-Shirt und der weiten Pyjamahose. Die blonden Haare hatte sie hochgesteckt.

„Was geht hier eigentlich vor?“, fragte Gavin.

„So, und jetzt kommen Sie in Schwierigkeiten.“ Harvey zeigte mit dem Finger auf Valerie. „Sie ist verrückt, Sheriff. Ich will, dass sie eingesperrt wird.“

Valerie drehte sich überrascht zu Gavin um. „Oh, großartig. Ich hätte wissen müssen, dass er Sie ruft“, gab sie frustriert von sich. „Aber das ist okay. Er ist derjenige, der hinter Gitter sollte.“

Gavin kam einen Schritt näher. „Wo liegt denn das Problem?“

„Sie ist verrückt, das habe ich Ihnen doch bereits gesagt, Sheriff“, erklärte Harvey Joe.

Valerie deutete mit dem Mopp auf Harvey Joe. „Ich bin überhaupt nicht verrückt. Das Bad steht unter Wasser, weil das Abflussrohr unter dem Waschbecken undicht ist. Die Heizung funktioniert nicht, und in der Küche rennen riesige Ratten herum. Ich habe ihn nett darum gebeten, die Schäden zu beheben. Aber er will es einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Und als ich mich gebückt habe, um ihm das kaputte Rohr zu zeigen, hat er meinen Po betatscht. Und da war es mit meiner Nettigkeit vorbei.“

„Stimmt das?“, fragte Gavin Harvey Joe.

„Ich habe überhaupt nichts betatscht. Ich habe sie nur gestreift.“

„Lügner!“, fuhr Valerie ihn an.

„Und was die anderen Sachen angeht, sie bezahlt ja auch nicht besonders viel Miete“, versuchte Harvey Joe sich zu verteidigen.

„Nicht besonders viel?“ Valerie stieß den Mopp gegen seine Brust. „Eigentlich müssten Sie mir noch Geld dafür geben, dass ich hier wohne.“

Gavin entschied, dass es an der Zeit war, einzuschreiten. „Nehmen Sie den Mopp herunter, Valerie, und lassen Sie von Harvey Joe ab“, meinte er und verzog keine Miene.

Valerie wich keinen Millimeter zurück. „Nicht bevor er verspricht, einen Heizungsinstallateur, einen Klempner und einen Kammerjäger kommen zu lassen.“

„Ich werde ganz bestimmt keine Nachtzuschläge bezahlen“, erklärte Harvey. „Sie können ja den Herd anmachen, um es warm zu haben und ansonsten das Häuschen da draußen benutzen.“

„Sie Idiot!“ Als Valerie mit dem Mopp ausholen wollte, riss Gavin in ihr schnell aus der Hand. Dann umfasste er von hinten ihre Taille und hielt sie fest.

Harvey Joe, der Feigling, rannte zur Tür hinaus, nicht ohne Valerie noch einmal zu beschimpfen.

„Lassen Sie mich los!“, rief Valerie.

Gavin brauchte seine ganze Kraft, um zu verhindern, dass sie sich aus seinem Griff befreite. Für so ein zierliches Wesen war sie ziemlich stark. Und sie duftete gut. Als sie sich in seinen Armen wand und mit ihrem Po seine Lenden streifte, blieb das nicht ohne Wirkung auf ihn. Die attraktive Blondine in seinen Armen war auf dem besten Weg, ihn in Verlegenheit zu bringen. Aber sie bekam es nicht einmal mit.

„Valerie, wenn Sie nicht still halten, werde ich Sie beschuldigen, einen Ordnungshüter gequält zu haben“, sagte er zu ihr.

Sie hielt inne und warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Ich quäle Sie?“

„Ja. Und falls Sie glauben, dass es meine Waffe ist, die Sie da spüren, dann liegen Sie falsch. Ich trage nämlich ein Schulterhalfter.“

Als ihr die verfängliche Situation bewusst wurde, errötete sie. „Dann sollten Sie mich schnell loslassen.“

Das war ein kluger Rat, auch wenn Gavin gegen diese Qual nichts einzuwenden hatte. Doch da er im Einsatz war, musste er wieder auf Distanz gehen. „Werden Sie hinter Harvey Joe herlaufen?“

Valerie seufzte. „Nein.“

Er lockerte den Griff und drehte sie dann zu sich herum. „In Ordnung, lassen Sie uns über Ihre Möglichkeiten reden.“

„Welche Möglichkeiten?“

Gavin schaute sich um. Von den ramponierten Möbeln bis hin zu dem schmutzigen gefliesten Boden war alles in einem schrecklichen Zustand. Und es roch nicht viel besser als draußen im Schweinestall. „Es wird wohl das Beste sein, Sie suchen sich eine anständige Unterkunft.“

„Ich kann mir kein Hotel leisten – oder zumindest keins, in dem ich bleiben möchte.“

Das brachte Gavin auf eine gute Idee. Er machte Valerie Raines jetzt schon seit Monaten schöne Augen. Sie jedoch hatte auf seine Avancen nur mit frechen Bemerkungen reagiert. Würde sie in seinem Haus wohnen, dann hätte er – wenn auch nur vorübergehend – ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Vielleicht konnte er sie dann davon überzeugen, dass er nicht nur auf sein Vergnügen aus war. Denn er mochte sie sehr. „Sie können diese Nacht bei mir bleiben … Oder auch so lange, bis Sie etwas anderes gefunden haben.“

Valerie schaute ihn mit ihren großen dunkelblauen Augen an, die im Diner schon so oft seine Aufmerksamkeit erregt hatten. „Haben Sie den Verstand verloren?“

„Ich habe ein Gästezimmer. Eigentlich sogar zwei“, entgegnete er.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Vielen Dank, aber ich kann sehr gut im Stadtpark schlafen.“

„In Ordnung. Machen Sie, was Sie wollen.“

Sie beobachtete, wie Gavin die Handschellen aus seiner Jackentasche nahm. „Was tun Sie denn da?“

„Die andere Möglichkeit ist das Gefängnis.“

Ganz offensichtlich bekam Valerie Angst. „Werden Sie mich einsperren?“

„Natürlich. Es sei denn, Sie vergessen den Unsinn, auf der Straße besser aufgehoben zu sein. Hier läuft ein Mörder frei herum, und Sie könnten sein nächstes Opfer sein. Um Ihre Sicherheit zu gewährleisten, bleiben Sie entweder bei mir oder Sie nehmen mit einer Zelle vorlieb. Sie haben also die Wahl.“

Ein resignierter Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. „Okay. Ich werde mit zu Ihnen nach Hause gehen. Aber nur für heute Nacht.“

„Dann packen Sie jetzt am besten Ihre Sachen“, meinte Gavin zufrieden.

Sie betrat den engen Flur. „Gut. Ich werde gleich zurück sein.“

„Ich komme mit.“

Valerie wirbelte herum. „Das ist nicht nötig.“

„Doch. Ich will nicht, dass Sie aus dem Fenster klettern.“

Sie schaute ihn böse an. „Soll das bedeuten, dass ich Ihre Gefangene bin, Sheriff?“

„Nein. Aber ich bin heute Nacht für Sie verantwortlich, Val.“

„Zum hundertsten Mal: Ich heiße Valerie. Und ich bin für mich selbst verantwortlich“, erwiderte sie verärgert.

„Dann wiederhole ich jetzt noch einmal, dass ich heute Nacht die Verantwortung für Ihre Sicherheit trage, und es Ihnen auch freisteht, ins Gefängnis zu gehen.“

„Na gut. Die Botschaft ist angekommen.“ Sie gab sich geschlagen und betrat das Schlafzimmer.

Gavin blieb in der Tür stehen, lehnte sich an den Rahmen und beobachtete, wie sie unter dem Bett eine Tasche hervorholte und einige Kleider aus dem Schrank nahm. Als sie sich an der Kommode mit ihrer Unterwäsche zu schaffen machte, warf sie ihm einen anzüglichen Blick zu. Aber er schaute dennoch nicht weg, auch wenn dies besser gewesen wäre. Ihre Dessous zu betrachten war nicht unbedingt eine gute Idee. Insbesondere da sie jedes einzelne Teil hochhielt, bevor sie es einpackte. Gavin wurde es heiß, und er musste sich ermahnen, sich anständig zu benehmen.

Valerie machte die Schublade zu, nahm dann eine kleine Holzkiste von der Kommode und drückte sie an die Brust, so als wäre sie ein Schatz.

„Sind darin besondere Erinnerungsstücke?“

Sie legte die Kiste auf ihre Kleider, bevor sie die Tasche schloss. „Ja. Wenn ich sie hier lasse, dann könnte Harvey Joe sie nehmen, um den letzten Schmuck zu versetzen, den ich noch besitze.“

„Sind Sie jetzt fertig?“

Sie holte noch ihre Handtasche und die rosafarbene Kellnerkleidung aus dem Schrank, die sie im Diner trug. „Ja.“

Gavin hielt ihr die Tür auf. „Nach Ihnen.“

Schnell ging sie an ihm vorbei, und er musste sich beeilen, mit ihr Schritt zu halten. An der Haustür meinte sie zu ihm: „Ich habe mein Auto heute in die Werkstatt gebracht. Deshalb werden Sie fahren müssen.“

Das hatte er ohnehin vorgehabt. „Und wie wären Sie denn morgen zur Arbeit gekommen?“

„Sue hatte sich angeboten, mich vor dem Diner abzusetzen. Aber da das ja jetzt nicht mehr möglich ist, werden Sie wohl auch noch diese Verantwortung übernehmen müssen.“

Er zwinkerte ihr zu. „Kein Problem. Ich frühstücke sowieso gern im Diner.“ Gavin machte ihr die Tür auf, und sie stürmte hinaus. Sie weckte neben vielen anderen Empfindungen auch seine Neugierde. In den letzten sechs Monaten war sie auch ihm, wie den meisten Einheimischen, ein Rätsel geblieben. Aber er mochte Rätsel und wollte das mit Namen Valerie Raines lösen.

Valerie Raines hatte Geheimnisse, die sie niemandem verraten würde – besonders nicht Gavin O’Neal. Sie hatte keinesfalls vor, länger als eine Nacht in seinem Haus zu verbringen. Und ganz sicher wollte sie ihn nicht anstarren.

Dennoch konnte sie es nicht lassen, ihn immer wieder verstohlen von der Seite anzusehen, während er sich auf die holprige Landstraße konzentrierte. Sein markantes Profil passte zu seiner starken Persönlichkeit. Er trug seine braunen Haare kurz, und das Grübchen in seinem Kinn war faszinierend. Genauso wie seine braunen Augen, die je nach Stimmung heller oder dunkler zu werden schienen. Er war ein schöner Mann mit sehr viel Charme. Ein Mann, den sie besser meiden sollte.

Der Sheriff konnte nicht ahnen, dass er Valerie bereits gefallen hatte, als sie ihm das erste Mal begegnet war. Vielleicht lag es an seinem Ehrgefühl oder seinem gewinnenden Lächeln. Insgeheim war sie stets aufgeregt, wenn er den Diner betrat und sie mit seiner Anwesenheit völlig durcheinander brachte. Aber obwohl sie versucht hatte, ihm aus dem Weg zu gehen und seine Avancen zu ignorieren, hatte ihr Widerstand in den letzten Wochen nachgelassen. Sie befürchtete, dass ihr Widerstand völlig brechen könnte, würde sie ganz privat mit ihm zusammen sein. Bereits jetzt spielte ihr Herz verrückt, weil er ihr so nahe war.

„Was ist denn mit Ihrem Auto?“, fragte Gavin.

„Eine undichte Stelle im Getriebe. Ich habe erfolglos versucht, es selbst zu reparieren.“

„Sie wollten es reparieren?“ Er schien verblüfft zu sein.

„Ja, ich habe es zumindest versucht. Ich weiß, wie man Reifen, Öl und die Batterie wechselt, und kann auch ein paar kleinere Reparaturen ausführen. Aber ohne den Unterboden checken zu können, war schwer festzustellen, was los ist.“

„Sie setzen mich in Erstaunen.“

„Warum?“, fragte Valerie. „Weil ich eine Frau bin und etwas von Autos verstehe?“

„Ja. Ich bin einfach überrascht.“

„Je mehr man selbst erledigt, desto mehr Geld spart man auf lange Sicht.“

„Zu wem haben Sie Ihr Auto denn gebracht?“, fragte Gavin weiter.

„Rhodes Garage in der Innenstadt.“

„Bill Rhodes ist gut und ehrlich.“

Und nicht gerade billig, wie Valerie in Erfahrung gebracht hatte. Um ihre Finanzen stand es nicht gerade zum Besten, weil sie jetzt alles von ihrem Gehalt bezahlen musste. Mit ihren Ersparnissen hatte sie die Rechnungen für den Krankenhausaufenthalt ihrer Großmutter beglichen. Das war das einzig Positive, was sie in den letzten Monaten für sich verbuchen konnte.

„Ist Ihnen warm genug, Val?“

Eigentlich war ihr sogar heiß und das aus mehreren Gründen. Dabei spielte eine Rolle, dass sie es nicht schaffte, seine Ausstrahlung zu ignorieren. Sie mochte es auch nicht, wenn jemand ihren Namen abkürzte. Das war nur ihrer Großmutter vorbehalten gewesen. „Ich heiße Valerie und nicht Val, wie ich Ihnen bereits sagte. Und mir geht es gut.“

„Sie hören sich aber nicht so an.“

„Okay. Mir geht so gut, wie es eben jemandem gehen kann, den man gefangen hält.“

„Das tue ich nicht. Ich bin Ihnen lediglich behilflich. Das sollten Sie zu schätzen wissen. Als ich Harvey Joe gegenüber erwähnte, dass ich Sie nicht einsperren werde, war er nicht gerade glücklich darüber.“

Dass er mich nicht einsperrt und Harvey Joe verärgert, ist ein weiterer Pluspunkt für ihn, dachte Valerie. „Und wie sind Sie darum herumgekommen, mich einzusperren? Ich gehe mal davon aus, dass er mich angezeigt hat.“

Gavin strich sich über das Kinn. „Ich sagte ihm, ich würde seiner Frau erzählen, dass er die Mieterin betatscht hat. Und ich Sie dazu ermutigen würde, ihn wegen sexueller Belästigung anzuzeigen.“

Sie wusste Gavins Hilfe zu schätzen. „So etwas wie heute Nacht ist mir noch nie passiert. Ich bin keine gewalttätige Person wirklich nicht.“

Er lachte laut und ansteckend. „Das glaube ich Ihnen. Ich halte einen Mopp auch nicht für die Waffe, zu der ein Krimineller greifen würde.“

Sie fiel in sein Lachen ein. „Nein. Den hielt ich nur gerade in der Hand, als er mich begrapschte.“

Als das Anwesen von Gavin O’Neal in Sichtweite kam, war Valerie überrascht. Dies eine Ranch zu nennen war in der Tat eine Untertreibung. Das riesige Farmhaus wirkte sehr luxuriös. Doch als sie dem Sheriff nach drinnen folgte, musste sie feststellen, dass die Einrichtung ziemlich einfach war. An den Wänden hingen nur einige Landschaftsbilder. Die braunen Ledersofas wurden durch passende Sessel und Eichentische ergänzt, und auf dem gefliesten Boden lagen Webteppiche. Ein massiver Kamin reichte fast bis zur Decke. Er endete in einer Art steinernen Reling, die den hohen Raum zu teilen schien. Links und rechts führten zwei Holztreppen nach oben. Das Zimmer wirkte wie ein offener Loft.

Sie hatte nicht bemerkt, dass Gavin die Tür geschlossen hatte und jetzt hinter ihr stand, bis er sagte: „Willkommen in meinem Zuhause.“

Valerie drehte sich um und brachte ein schwaches Lächeln zu Stande. „Danke für Ihre Gastfreundschaft. Ich werde Ihnen nicht lange zur Last fallen. Gleich morgen früh suche ich mir eine neue Unterkunft.“

Sein Lächeln war hinreißend. „Von mir aus können Sie sich damit ruhig Zeit lassen. Hier ist genug Platz für uns beide.“

Da stimmte sie ihm nicht unbedingt zu und sagte: „Sie wollen doch sicher nicht, dass ich Ihr Privatleben störe.“

Gavin schien leicht amüsiert. „In Royal sind die meisten Frauen entweder verheiratet, verlobt oder über sechzig Jahre alt. Da sind Gelegenheiten für ein ausschweifendes Privatleben also begrenzt.“

„Ja, wahrscheinlich.“ Weil er so freundlich zu ihr war, entschloss sie sich zu einem Zugeständnis. „Sie können mich Val nennen, wenn Sie mögen.“

„Ich möchte nichts tun, was Sie nicht wollen.“

„Glauben Sie mir, ich neige keinesfalls dazu, Dinge zu tun, die ich nicht will, Sheriff.“

„Okay, Val. Aber nur, wenn Sie mich Gavin nennen. In diesem Haus bin ich nicht der Sheriff.“

Aber ungeheuer sexy mit den zerzausten braunen Haaren und den verführerischen braunen Augen, dachte sie. „Abgemacht.“ Sie reichte ihm die Hand, die er in seine nahm. Aber anstatt sie zu schütteln, hielt er sie einen Moment lang fest und schaute Valerie an. Sie ließ es zu, bis sie bemerkte, dass ihr dabei ganz warm ums Herz wurde. Aber mehr als eine Freundschaft konnte sie nicht riskieren. Würde er erfahren, wer sie war, und was sie vorhatte, könnte er ihre Pläne durchkreuzen und sie für einen schlechten Menschen halten. Sie entzog ihm ihre Hand und atmete tief aus. „Wir sollten jetzt ins Bett gehen“, schlug sie vor.

Über Gavins Gesicht ging ein umwerfendes Lächeln. „Der Gedanke ist mir auch schon durch den Kopf gegangen.“

„Würden Sie mir mein Zimmer zeigen?“ Valerie konnte sich solche verführerischen Gedanken nicht leisten.

Er versuchte nicht einmal, seine Enttäuschung zu verbergen. „In Ordnung. Wenn ich muss.“

Sie lächelte ihn an. „Ja, das müssen Sie.“

„Dann folgen Sie mir.“

Sie nahm ihre Tasche, ging hinter ihm her, und ihr Blick fiel auf seinen muskulösen Rücken. Bisher hatte sie immer erfolgreich vermieden, ihrem weiblichen Interesse nachzugeben, und seinen Körper auch unterhalb des Bauchnabels zu mustern. Sie war nach Royal gekommen, weil sie ein bestimmtes Ziel verfolgte. Und Gavin O’Neal näher zu kommen gehörte nicht zu ihrem Plan. Doch jetzt gab sie ihrer Neugier nach und ließ ihren Blick nach unten wandern. Sie sah, was sie erwartet hatte. Als er plötzlich vor einer Tür stehen blieb, konnte sie gerade noch rechtzeitig zur Seite ausweichen.

„Neben meinem ist das Zimmer hier am größten.“ Er machte die Tür auf. „Es hat ein eigenes Bad.“

Valerie betrat das Zimmer und betrachtete das große Himmelbett. Eine Kommode, ein schmales Sofa, ein Schrank sowie ein Abstelltisch mit einem kleinen Fernseher darauf standen noch darin. Der helle Teppich war farblich auf die zugezogenen Vorhänge abgestimmt.

„Es ist relativ schlicht, aber sehr komfortabel“, meinte Gavin.

Sie drehte sie sich ihm zu. „Ich habe noch nie viele materielle Dinge gebraucht. Für mich gleicht dieses Zimmer einer Suite in einem Vier-Sterne-Hotel.“

„Ich freue mich, dass es Ihnen gefällt.“ Gavin zog sein Jackett aus und legte es zusammen mit dem Schulterhalfter über den Arm. „Ihre Sachen können Sie in den Schrank hängen. Auch die Schubladen sind alle leer.“

„Danke.“ Valerie hängte ihre Kellnerkleidung weg und begann auszupacken. Gavin beobachtete sie immer noch. Wie schon beim Einpacken drehte und wendete sie erneut ihre Dessous vor seinen Augen, als sie diese in die oberste Schublade der Kommode legte. Sie hoffte, ihn auf diese Weise zu vertreiben.

Aber er rührte sich nicht von der Stelle. „Ich wusste ja nicht, dass Sie auf einer Schweinefarm wohnen.“

„Ich war nur zwei Wochen dort.“

„Und wo waren Sie denn davor untergebracht?“

„Im Skyline Motor Inn.“ Sie warf ihm ein kurzes Lächeln zu. „Zusammen mit unzähligen Kakerlaken.“

„Ein sehr schäbiges Motel.“

Sie verstaute ihre Jeans. „Ja, deshalb bin ich auch ausgezogen.“

„Wie hat es Sie denn nach Royal verschlagen?“, fragte Gavin.

Valerie hantierte mit den Kleidungsstücken, um ihn nicht ansehen zu müssen. „Ich habe Mannys Anzeige in der Zeitung gesehen und mich dann beworben.“

„Und wo haben Sie vorher gelebt?“

„An mehreren Orten.“ Das war die erste Lüge. Sie hatte vorher immer nur an einem Ort gewohnt. Aber das würde er niemals erfahren.

„Waren Sie schon immer Kellnerin?“

Sie machte die Schublade zu und lehnte sich gegen die Kommode. „Sind Sie nicht müde?“ Sie täuschte ein Gähnen vor.

Gavin lächelte. „Nicht wirklich. Aber Sie sind es.“

„Ja. Ich muss morgen früh raus.“

„Ich auch.“ Er öffnete den obersten Knopf seines Hemdes. „Wann müssen Sie denn aufstehen? Ich werde Sie wecken.“

Valerie sah ihm ebenso gebannt wie irritiert dabei zu, wie er fortfuhr, sein Hemd auszuziehen. „Sehr früh.“ Sie deutete auf den Radiowecker neben dem Bett. „Ich werde mir einfach den Radiowecker stellen.“

Er öffnete einen weiteren Hemdknopf. „Es macht mir nichts aus, Sie zu wecken.“

Aber ihr machte es etwas aus, dass er sich vor ihr auszog. Ihr wurde zunehmend unbehaglicher zu Mute. „Nicht nötig.“

Gavin legte das Schulterhalfter und das Jackett auf die Kommode, bevor er das Hemd aus der Jeans zog, um auch noch die restlichen Knöpfe zu öffnen. „Wie Sie wollen. Brauchen Sie vielleicht sonst noch irgendetwas?“

Ja. Er soll möglichst schnell verschwinden und mich mit meinen erotischen Fantasien allein lassen, dachte sie. „Nein, im Augenblick nicht.“ Als er auf sie zuging, stockte Valerie der Atem, aber er schaute sie im Vorbeigehen nicht einmal an. „Was machen Sie denn jetzt?“, fragte sie, als er den Vorhang zur Seite zog.

„Ich überprüfe, ob die Fenster geschlossen sind.“

„Ich verspreche Ihnen, nicht abzuhauen, falls es das ist, was Ihnen Sorgen bereitet.“

Gavin zog den Vorhang wieder zu und drehte sich zu ihr um. Das offene Hemd gab jetzt den Blick auf seine muskulöse Brust frei. „Ich treffe nur Vorsorge, dass niemand hereinkommen kann.“

„Wollen Sie mir Angst machen?“

„Ich möchte nur, dass Sie hier sicher sind.“

Valerie fühlte sich im Moment absolut nicht sicher. Ihr war zu heiß, und sie war viel zu abgelenkt. „Danke.“

„Dann werde ich jetzt mal ins Bett gehen“, meinte Gavin, blieb aber stehen und führte sie mit seinem Sex-Appeal und dem verführerischen Lächeln in Versuchung.

„Wissen Sie denn noch, wo Ihr Bett steht?“

Er zeigte nach rechts. „Nebenan. Nur wenige Schritte von Ihnen entfernt, falls Sie irgendetwas brauchen sollten.“

Sie widerstand dem Drang, auf die unausgesprochene Einladung zu reagieren. „Ich bin sicher, dass ich alles habe.“

„Okay. Also dann.“ Als er erneut an ihr vorbeiging, strich er ihr kurz über die Wange. „Schlafen Sie gut, Val.“

Sie hoffte, überhaupt schlafen zu können. „Sie auch, Gavin. Und nochmals danke.“

An der Tür blieb er stehen und lächelte sie erneut an. „Keine Ursache. Denken Sie daran, dass Sie mich nur rufen müssen. Oder, noch besser, pfeifen Sie einfach.“

„Meinen Sie so?“ Sie steckte sich die beiden kleinen Finger in den Mund und gab einen ohrenbetäubenden Pfiff von sich.

„Ja, das wird funktionieren. Nur ein bisschen leiser vielleicht. Also, bis morgen dann.“

Als er hinausgegangen war, konnte Valerie es sich nicht verkneifen, erneut zu pfeifen.

Gavin kam sofort zurück. „Sie haben mich gerufen?“

Sie lachte. „Es war nur ein Test.“

Sein Lächeln war verschwunden.

„Entschuldigung“, sagte sie, obwohl es ihr keineswegs leid tat. Zumindest konnte sie so noch einmal einen Blick auf ihn werfen. „Ich werde es nicht wieder tun. Nur wenn ich wirklich etwas brauche.“

„Es wird der Tag kommen, an dem ich Sie zum Pfeifen bringen werde“, sagte er, bevor er die Tür hinter sich zumachte.

Valerie setzte sich und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. In Wahrheit war ihr im Moment überhaupt nicht nach Schlaf zu Mute. Viel verlockender wäre es, Gavin O’Neal besser kennen zu lernen. Aber das war zu gefährlich. Sie stand auf und ging zur Kommode. Dort machte sie ihre kleine Holzkiste auf und nahm den Brief ihrer Großmutter heraus, den sie bestimmt schon hundert Mal gelesen hatte. Das sollte sie daran erinnern, warum Sie Gavin O’Neal nicht ihre Aufmerksamkeit schenken durfte. Dieser Brief hatte sie veranlasst, nach Royal zu kommen. Sie wollte nach ihrer Vergangenheit suchen, um sich dann ganz der Zukunft widmen zu können.

Meine liebe Valerie,

dieser Umschlag ist mir vor einigen Jahren von einer Anwaltskanzlei zugestellt worden. Deine Ururgroßmutter hatte die Kanzlei beauftragt, ihn so lange aufzubewahren, bis die Zeit reif dafür wäre. Ich bin jetzt zu alt, um diese Aufgabe zu übernehmen. Deshalb lege ich sie in Deine Hände.

Du bist eine wunderbare, bemerkenswerte Frau, Valerie. Voller Güte und Leidenschaft. Bei Deiner Mutter habe ich in vielerlei Hinsicht versagt. Aber ich bilde mir ein, dass ich bei Dir diese Fehler wieder gutgemacht habe. Denk immer daran, dass Du vollkommen anders bist als sie. Du verdienst das Beste, und ich hoffe, dass Du nach all dem, was in der Vergangenheit geschehen ist, irgendwann Dein Glück finden wirst.

In Liebe, Deine Gran

Valerie legte den Brief wieder zu den anderen Hinweisen, die ihr bei der Erfüllung ihrer Aufgabe helfen sollten. Dann holte sie ihr Tagebuch heraus. Sie hatte schon früh angefangen, eines zu führen. Das hatte ihr in der schwersten Zeit ein bisschen über ihren Kummer hinweggeholfen. Sie setzte sich auf das Sofa, schlug das Tagebuch auf und begann zu schreiben.

Nach einem lächerlichen Zusammenstoß mit Mr. Raleigh, diesem Schuft, bin ich jetzt in Gavin O’Neals Haus. Ich sollte eigentlich nicht hier sein, denn der Sheriff lässt mir die Knie weich werden. Er ist arrogant, sieht umwerfend aus und ist viel charmanter, als es gut für mich ist. Heute Nacht hatte er wieder dieses Funkeln in den Augen, das ich bereits im Diner bemerkt habe. Dieses Funkeln beweist, dass er mich will. Aber ich bezweifle, dass er mich noch begehren würde, wenn er die Wahrheit über mich wüsste: dass ich die Ururenkelin der in Royal berühmt-berüchtigten und gehassten Banditin bin.

Deshalb muss ich nun schnell wieder verschwinden, bevor ich in Versuchung geraten könnte, hier bleiben zu wollen.

2. KAPITEL

Am folgenden Morgen wachte Gavin durch den Duft frischen Kaffees auf. Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, bevor er auf den Radiowecker sah. Es war fünf Uhr. Valerie war tatsächlich eine Frühaufsteherin. Aber auch er musste sehr früh aus den Federn. Er schlug die Bettdecke zurück und überlegte einen Augenblick, ob er ganz einfach nackt, wie er war, zu ihr in die Küche gehen sollte. Aber das würde sie wohl auf der Stelle aus seinem Haus und seinem Leben vertreiben. Also zog er seine Jeans an, bevor er sich barfuß und ohne Hemd auf den Weg zur Küche machte.

Je näher er der Küche kam, desto aufgeregter wurde er. Gestern Nacht hatte er Valerie nicht ganz die Wahrheit gesagt. In Royal gab es genug willige Frauen, wenn ein Mann nur wusste, wo er sie zu suchen hatte. Das letzte Mal hatte er vor sieben Monaten etwas mit einer Frau gehabt. Er hatte sie in Midland auf einer Konferenz getroffen. Danach hatte er fast nur noch Augen für Valerie Raines gehabt, obwohl er sich das selbst nicht richtig erklären konnte, denn sie war ihm gegenüber stets sehr reserviert gewesen. Vielleicht reizte aber gerade das seinen männlichen Jagdinstinkt.

Dennoch wollte er sie immer noch besser kennen lernen. Die Nacht zuvor, als er, ganz in Gedanken, angefangen hatte, sich vor ihr auszuziehen, hatte er in ihren Augen ein interessiertes Glitzern bemerkt. Er hatte sich weiter ausgezogen, weil sie es verdient hatte, auch ein bisschen aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden.

Als Gavin die Küche betrat, hantierte Valerie gerade am Herd. Sie trug bereits ihre Kellnerkleidung und hatte die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Zu gern würde er einmal sehen, wie ihr die Haare offen über die nackten Brüste fielen. Vielleicht hätte er gestern Nacht doch länger bei ihr bleiben sollen. Aber er wusste genau, dass sie das nicht zugelassen hätte.

Gavin stellte sich hinter sie und sah ihr über die Schulter. „Das duftet ja großartig.“ Genau wie du, dachte er, als er ihren blumigen Duft wahrnahm. „Aber Sie müssen sich doch nicht solche Umstände machen.“

„Das habe ich auch nicht.“ Sie warf ihm einen kurzen Blick über die Schulter zu. „Rühreier mit Schinken, Ihr Lieblingsessen. Das bestellen Sie fast jeden Morgen im Diner.“ Sie deutete auf den Esstisch. „Setzen Sie sich. Es ist fertig.“

Gavin hätte sie zu gern geküsst, hielt es aber für besser, noch ein bisschen damit zu warten. Er schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, setzte sich auf seinen gewohnten Platz und wartete, dass sie ihm das Essen brachte. Das Ganze behagte ihm absolut nicht. „Ich erwarte aber nicht, dass Sie das jeden Morgen tun.“ Er bemerkte, dass sich das so anhörte, als erwartete er, sie würde bei ihm bleiben – was im Grunde keine schlechte Idee war.

Von der Valerie jedoch offenbar nicht viel hielt. „Ich habe nicht vor, länger zu bleiben.“

„Manchmal gehen Pläne schief.“ Er hätte fast gelacht, weil sie zusammenzuckte, als die Brotscheibe aus dem Toaster schnellte. Ohne Zweifel war sie wegen irgendetwas nervös.

Sie servierte ihm sein Frühstück mit einem geschäftsmäßigen Lächeln. „Hier, bitte, Sheriff. Wie immer.“

Er nahm die Gabel, die sie ihm reichte. „Und was bin ich Ihnen schuldig?“

„Sie haben bereits bezahlt, da ich bei Ihnen bleiben durfte.“

Zu gern hätte Gavin ihr gesagt, dass es ihm lieber gewesen wäre, sie hätte in seinem Bett übernachtet. „Kein Problem. Sie sind herzlich eingeladen, so lange zu bleiben, wie Sie wollen“, erwiderte er stattdessen und fing an zu essen.

Sie setzte sich ihm gegenüber. „Sobald ich eine vernünftige Unterkunft gefunden habe, werde ich gehen.“

„Das könnte einige Wochen vor Weihnachten schwierig werden. Um diese Zeit ziehen die Leute normalerweise nicht um.“

Valerie seufzte. „Da haben Sie recht. Vielleicht werde ich bis Neujahr doch zurück in dieses schäbige Motel gehen müssen.“

„Auf gar keinen Fall. Da sind Sie hier bei mir wirklich besser aufgehoben.“

Der Blick, den sie Gavin zuwarf, bewies, dass sie da so ihre Zweifel hatte. „Und was werden die anständigen Bürger Royals denken, wenn sie erfahren, dass ich hier bei Ihnen wohne?“

„Das ist mir egal. Mich interessiert lediglich, dass es Ihnen gut geht.“

„Und warum, Gavin?“

Es gefiel ihm sehr, dass sie ihn beim Vornamen nannte. „Weil Sie eine nette Lady sind, Val. Außerdem hätten wir dann die Gelegenheit, uns besser kennen zu lernen.“

Sie nahm seinen leeren Teller und stellte ihn in die Spüle. „Sie könnten ja auch etwas über mich in Erfahrung bringen, was Ihnen gar nicht gefallen würde.“

Aus dem Mund einer Frau, die normalerweise voller Selbstvertrauen war, hörte sich das in Gavins Ohren seltsam an. Er fragte sich, ob sie von einem Mann schlecht behandelt worden war. Vielleicht war ihr ein oder zwei Mal das Herz gebrochen worden. Das würde ihren Argwohn erklären. Er hatte jedenfalls die Absicht, ihr zu beweisen, dass sie es wert war, sie näher kennen zu lernen. Und er würde sofort damit anfangen.

Er stellte sich hinter sie. Dann legte er leicht den Arm um ihre Taille. „Val, ich bin auf dem Wege, Sie sehr zu mögen. Das tue ich eigentlich bereits. Und mein Gefühl sagt mir, dass nichts daran etwas ändern wird. Das garantiere ich Ihnen.“

Gavin spürte, dass sie einen kurzen Moment lang erstarrte, und fragte sich, ob er etwas Falsches gesagt hatte. Aber er vermutete, es hatte mehr damit zu tun, dass er ihr so nahe war. Dennoch wich sie ihm nicht aus und schreckte nicht zurück, als er sie auf die Wange und dann auch noch auf ihren verführerisch duftenden Nacken küsste. Und sie gab ihm keine Ohrfeige, als er ihr den Po tätschelte. „Ich werde jetzt duschen, und dann können wir los.“

„Nach einer Weile könntest du vielleicht deine Meinung über mich ändern“, erklärte sie.

Er wandte sich zu ihr um. Sie drehte nervös das Geschirrtuch in den Händen. Als er die Verunsicherung in ihren dunkelblauen Augen wahrnahm, ging er wieder zu ihr und nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Glaub mir, Val, ich habe einen guten Instinkt, was Menschen angeht. Und auch wenn ich keine Ahnung habe, was in deinem hübschen Köpfchen so vorgeht, bin ich mir sicher, dass es nichts gibt, was meine Meinung über dich ändern könnte. Du bist es wirklich wert, dass man dich näher kennen lernt.“ Er küsste sie leicht auf den Mund und verließ dann schnell die Küche.

„Du bist es wirklich wert, dass man dich näher kennen lernt.“ Gavins Worte gingen Valerie während der gesamten Frühschicht im Diner nicht mehr aus dem Kopf. Jetzt, fast zwei Uhr mittags, dachte sie wieder an ihn und den keuschen Kuss, den er ihr am Morgen gegeben hatte. Sie wollte ihm gegenüber so gern offen sein und sich von ihm angenommen fühlen. Doch all das war einfach nicht möglich. Das waren Illusionen.

Sie wünschte, es wären mehr Gäste im Lokal, die sie abgelenkten. Wie immer war freitags nach der Mittagszeit nicht viel los. Aber eigentlich sollte sie die Ruhepause genießen, denn spätestens gegen Abend würde es im Diner wieder sehr voll werden.

Nachdem sie das schmutzige Geschirr abgeräumt hatte, ging sie hinter die Theke und beugte sich in die Durchreiche zur Küche. Manny saß neben dem Herd und las die Zeitung. Die anderen Kellnerinnen behaupteten, dass der Mann mit der Figur eines Bodybuilders früher ein ziemlicher Frauenheld war. Doch seit er den Diner übernommen und Sheila, die ehemalige Oberkellnerin, geheiratet hatte, war er solide geworden und würde bald Vater werden. Mannys und Sheilas offensichtliches Glück erinnerte Valerie daran, wie sehr sie sich für ihre Zukunft dasselbe wünschte. Und sie wollte es mit jemandem wie Gavin O’Neal erleben. Nein, sie machte sich etwas vor. Sie wollte es mit Gavin O’Neal erleben.

Sie klopfte auf die Durchreiche, damit ihr Boss auf sie aufmerksam wurde. „Ich muss mir morgen freinehmen.“ Sie wappnete sich gegen Mannys Protest.

Er sah kurz von seiner Zeitung auf. „In Ordnung. Nimm dir ein paar Tage frei.“

Obwohl Manny immer fair war, erstaunte sie dennoch seine Großzügigkeit. „Geht es dir gut?“

„Ja, wunderbar. Sheila wird für dich einspringen.“

„Ich dachte, du willst, dass deine Frau sich schont. Zumindest bis sich die morgendliche Übelkeit gelegt hat.“

Er lächelte. „Das hat sie jetzt so ziemlich hinter sich.“

„Bist du sicher, dass Sheila nichts dagegen haben wird?“

„Nein, denn dann kann sie ja den ganzen Tag bei mir sein. Außerdem hat mich heute Morgen der Sheriff angerufen und mir mitgeteilt, dass du freinehmen müsstest. Und er ist jemand, auf den man hört.“

Valerie hatte vor, später ein Wörtchen mit Gavin zu reden, weil er sich in ihre Angelegenheiten einmischte. „Hat er das?“

„Ja. Er sagte nicht, warum, aber das geht mich wohl auch nichts an. Und auf diese Weise ist er mir etwas schuldig. Wenn ich zum Beispiel bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung erwischt werde.“

„Ich muss eine neue Unterkunft finden, deshalb brauche ich einen freien Tag. Bei Harvey Joe tummelten sich nicht nur Schweine, sondern auch Ratten.“

„Ich habe dich doch gewarnt, dort gar nicht erst einzuziehen.“ Manny legte die Zeitung beiseite. „Und wo wohnst du jetzt?“

Da in Royal wie in jeder Kleinstadt gern getratscht wurde, würde ihr Boss es sowieso erfahren. „Vorübergehend bei Sheriff O’Neal.“

Manny lachte laut auf. „Wusste ich doch, dass ihr beiden aufeinander steht.“

„Das tun wir nicht“, entgegnete sie. „Ich bin im Gästezimmer einquartiert, also spar dir deine Unterstellungen.“

Er lächelte sie an, bevor er seine berühmte Kokostorte aus dem Ofen holte. „Wenn du es sagst, Valerie. Aber ich glaube, er würde dich lieber in seinem Schlafzimmer einquartieren.“

Valerie wollte protestieren, aber dann kündigte die Glocke über der Tür einen neuen Gast an. Sie sah Gretchen Halifax hereinkommen und auf eine Eckbank am Fenster zusteuern. Die Stadträtin, die wie immer perfekt und teuer angezogen war, machte auf Valerie einen aalglatten Eindruck. Alles an ihr war Fassade: Selbst ihre hellblonden Haare und ihr altersloses Gesicht schienen nicht echt zu sein.

Valerie ließ sich Zeit, um Gretchen den Tee zu bringen. Sie hatte schon mehrmals mitbekommen, dass die Stadträtin ihre haushohe Niederlage bei der Bürgermeisterwahl im letzten Monat immer noch nicht verkraftet hatte. Also beschloss sie, das Thema nicht anzuschneiden. Als sie Gretchen den Tee servierte, fragte sie: „Wissen Sie schon, was Sie essen möchten, Miss Halifax?“

Gretchen schaute sie abweisend an. „Noch nicht. Ich werde wohl erst einmal meinen Tee trinken.“

Valerie reichte ihr die Speisekarte. „In Ordnung. Melden Sie sich, wenn Sie etwas bestellen wollen.“

„Manny erzählte mir bereits, dass Sie aus St. Louis sind“, sagte Gretchen.

„Dort habe ich nur zuletzt gewohnt“, erklärte Valerie widerwillig.

„Da haben Sie aber einen weiten Weg hinter sich.“ Gretchen betrachtete Valerie einen Moment lang. „Warum sind Sie denn ausgerechnet hier gelandet?“

Bevor Valerie antworten konnte, kam ein neuer Gast herein, der sie vor einer weiteren Lüge bewahrte. Es war kein anderer als Gavin O’Neal, ihr augenblicklicher Vermieter. Gegen ihren Willen klopfte ihr Herz, als er sein Jackett auszog und es aufhängte. Heute sah er ganz wie ein Mann des Gesetzes und ziemlich beeindruckend aus. Er trug ein weißes Hemd mit dem Sheriffemblem auf dem Ärmel, einen beigefarbenen Cowboyhut, Stiefel und Jeans.

„Der Sheriff ist schon ein toller Typ, nicht wahr, Valerie?“

Erst jetzt wandte sich Valerie Gretchen zu. „Er ist okay.“

Die Stadträtin ließ ein falsches Lächeln sehen. „Okay? Das ist wirklich eine Untertreibung. Aber wir wollen immer das, was wir nicht kriegen können, stimmt’s?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Frauen wie wir interessieren Männer wie Gavin O’Neal nicht.“

Wenn die wüsste, dachte Valerie. „Wie kommen Sie denn darauf?“

„Nun, ich bin zu alt für ihn, und Sie …“, Gretchen musterte Valerie von oben bis unten, „… sind eine Kellnerin.“

„Und was ist daran verkehrt?“

„Verstehen Sie mich nicht falsch, Mädchen. Ich habe nichts gegen einfache Leute. Aber Gavin O’Neal kommt ursprünglich aus der Großstadt und hat eine Menge Geld geerbt. Ich denke, dass er sich nur auf jemanden mit einer passenden Herkunft einlässt.“

Empört stützte sich Valerie auf die Tischplatte und beugte sich zu ihr. „Miss Halifax, was letztendlich zählt, ist Charakter und nicht der Stammbaum.“

„Das klingt ja gut, aber …“ Gretchen verstummte, als ihr Blick auf Valeries Halskette fiel. „Das ist aber ein schöner Anhänger.“

Schnell steckte Valerie ihn zurück unter ihre Kellnerkleidung. „Danke. Das war ein Geschenk.“

„Ist das alter Schmuck?“

„Nein. Sieht nur so aus.“ Gretchens Interesse an dem Anhänger machte Valerie argwöhnisch. Obwohl sie ihn schon sehr lange trug, wurde ihr bewusst, dass es das Beste wäre, den Anhänger abzulegen, solange sie ihre Mission nicht erfüllt hatte. Sie nahm Block und Bleistift aus der Schürzentasche. „Möchten Sie jetzt gern bestellen?“

Doch Gretchen schaute ganz konzentriert aus dem Fenster. Auf dem Gehsteig redete ein Mann mit einer Frau, die ein Kind auf dem Arm hatte. „Ich glaube, ich habe keinen Appetit mehr.“ Ohne ein weiteres Wort stand sie auf und legte einen Fünf-Dollar-Schein auf den Tisch. „Behalten Sie das Wechselgeld. Das ist für einen Frisör.“

Sofort fasste sich Valerie unsicher an den Pferdeschwanz. Doch dann beschloss sie, sich von Miss Halifax nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Nachdem sie das Geld eingesteckt hatte, nahm sie das halb leere Teeglas und drehte sich um. Gavin lehnte mit aufgestützten Ellbogen an der Theke und hatte die Füße übereinander geschlagen. Er wirkte besorgt, sah aber einfach toll aus.

Sie sagte sich, dass sie ihm den Kopf zurechtrücken sollte, weil er es einfach arrangiert hatte, dass Manny ihr freigegeben hatte. Aber das, was sie tun sollte, lag im Widerstreit mit dem, was sie tun wollte. Sie wollte ihn küssen, um in Erfahrung zu bringen, ob sich sein sinnlicher Mund genauso gut anfühlte, wie er aussah, und ob er so gut küssen konnte, wie sein Charme vermuten ließ. Aber sie behielt einen klaren Kopf.

„Komm her, Val!“, rief Gavin. Er bemerkte Valeries leichtes Zögern. Sie ging auf ihn zu. Doch bevor sie sich in die Küche verdrücken konnte, hielt er sie am Arm fest. „Nur eine Minute.“

Sie runzelte die Stirn. „Was gibt’s?“

Er lächelte sie an. „Ich wollte nur sichergehen, dass du okay bist.“

„Mir geht es gut. Warum fragst du?“

„Gretchen ist bekannt dafür, dass sie einem den Tag verderben kann. Es sah so aus, als hätte sie dich verärgert.“

Valerie zuckte mit den Schultern. „Nicht der Rede wert. Kaffee?“

Gavin genoss das Spielchen sehr, das sie jetzt wieder spielen würden. Es war während der letzten Wochen fast zu einer Gewohnheit geworden. „Aber ja.“

„Zucker?“

„Sicher.“ Er tippte sich auf die Lippen. „Genau dort.“

„Lüstling.“ Sonst hatte sie ihn meistens empört angeschaut. Aber nicht heute.

„Süße.“

„Teufel.“

„Engel.“

„Du kannst mich mal!“

Gavin winkte sie mit dem Finger zu sich.

Aber anstatt wie sonst steif wie ein Brett stehen zu bleiben, kam Valerie tatsächlich zu ihm.

„Nenn mir Zeit und Ort, und ich werde dir voller Freude diesen Wunsch erfüllen.“

Sie strich seinen Hemdkragen glatt und tätschelte seine Brust. „Eines Tages werde ich dich beim Wort nehmen, wenn du eines deiner fragwürdigen Angebote machst. Was wirst du dann tun?“

„Das erzähle ich dir lieber, wenn wir zwei allein sind.“

Valerie machte große Augen, und er bemerkte den sehnsüchtigen Ausdruck darin. Auch wenn sie schnell auf seinen Stammplatz deutete. „Setz dich, dann werde ich dir deinen Kaffee bringen. Und wenn du dich benimmst, werde ich ihn dir auch nicht über den Schoß kippen.“ Sie lächelte. „Wirst du allein essen?“

„Ich treffe mich nur ganz kurz mit ein paar Freunden.“ Gavin sah, dass ihr Lächeln verschwunden war. „Bist du böse auf mich?“

„Sagen wir mal, ich bin nicht allzu glücklich darüber, dass du Manny über meinen Kopf hinweg gefragt hast, ob er mir freigibt.“

„Ich dachte, du könntest ein bisschen Freizeit brauchen. Du arbeitest hier bis zur Erschöpfung.“

Sie marschierte hinter die Theke. „Ich möchte die Zeit nutzen, um eine neue Unterkunft zu finden.“

Diese Botschaft war unmissverständlich, doch er ignorierte sie einfach. „Wir können darüber reden, wenn ich dich heute Nachmittag abhole.“ Ohne auf ihre Erwiderung zu warten, ging er zu einem Tisch ganz hinten im Lokal, an dem er und die anderen Mitglieder des Texas Cattleman’s Clubs sich öfter trafen. Er setzte sich so, dass er Valerie im Blickfeld hatte, obwohl sie ihm den Rücken zudrehte, während sie aufgebracht mit dem Kaffeefilter hantierte. Ihm war klar, dass sie sauer auf ihn war. Aber heute Abend würde er sie schon davon überzeugen, dass er nur in ihrem Interesse gehandelt hatte. Vielleicht würde er ihr auch ein Friedensangebot machen.

Logan Voss betrat das Lokal, und Valerie fragte ihn, wie sein Tag bisher verlaufen war.

Das brachte Gavin auf die Palme. Auch wenn er natürlich nicht glaubte, dass Logan ein Auge auf die Kellnerin geworfen hatte. Dafür war er viel zu sehr in seine zukünftige Frau verliebt.

„Entschuldigung für meine Verspätung.“ Logan setzte sich Gavin gegenüber. „Aber ich musste mir für meinen Smoking Maß nehmen lassen.“

„Jetzt wird es mit der Hochzeit ja nicht mehr lange dauern. Bist du sicher, dass du dafür bereit bist?“

„Aber ja. Ich könnte schon morgen heiraten“, erklärte Logan.

„Wo ist Jake? Vor einen Moment noch habe ich ihn draußen gesehen.“

Logan lachte leise. „Er wird wohl immer noch kleine Kinder küssen. Jemand muss ihm sagen, dass er das nicht mehr muss, weil er die Wahl gewonnen hat.“

„Und wo bleiben die anderen?“, fragte Gavin. Schließlich assistierten ihm gegenwärtig fünf Männer bei der Lösung des Mordfalls Malcolm Durmorr.

„Mark gibt einen seiner Selbstverteidigungskurse. Seit bekannt ist, dass Jonathan Devlin ermordet wurde, sind die komplett ausgebucht. Und jetzt, nach dem Mord an Malcolm, werden die Leute in der Stadt zunehmend nervös. Besonders die Frauen.“

„Ja, ein frei herumlaufender Mörder verbreitet Angst.“ Diese Erfahrung hatte Gavin während seiner vorherigen Tätigkeit bei der Mordkommission in Dallas oft gemacht. Diesen Job hatte er quittiert, um ein ruhigeres Leben führen zu können. Und nun hatte er es hier gleich mit zwei Morden zu tun. „Sind Tom und Rose immer noch in den Flitterwochen?“

„Ja. Nächste Woche kommen sie zurück. Connor baut den niedergebrannten Stall wieder auf.“

Durmorr hatte den Stall angezündet und dann Toms schwangere Frau entführt. Er konnte zunächst entkommen, war kurz darauf aber selbst erschossen worden. „Ich werde Connor und Mark später anrufen, um sie auf den neuesten Stand der Ermittlungen zu bringen“, versprach Gavin.

Jake Thorne, der frisch gewählte Bürgermeister, kam herein, grüßte Valerie und setzte sich dann neben Logan. „Entschuldigt, dass es so lange gedauert hat. Am besten wir fangen gleich an. Chrissie wartet mit dem Mittagessen auf mich.“

„Die ersten Untersuchungen haben ergeben, dass fünf Mal auf Durmorr geschossen wurde“, informierte Gavin die Männer. „Vier Kugeln trafen ihn in den Oberkörper, eine davon ins Herz, und die fünfte in die Leistengegend. Achtunddreißiger Kaliber. Der Schuss ins Herz hat ihn wahrscheinlich getötet. Aber auf Grund des Treffers in den Unterleib vermute ich, dass es sich um eine persönliche Angelegenheit gehandelt haben muss.“

„Eine Waffe ist bis jetzt noch nicht aufgetaucht?“, fragte Logan.

„Nein“, antwortete Gavin. „Polizeichef Vincente hat mir aus der Stadt Unterstützung geschickt, um den Tatort zu untersuchen. Aber bisher haben sie nichts gefunden. Allerdings wurden auf Durmorrs Jacketts mehrere lange blonde Haare gefunden.“

„Wahrscheinlich hat ein Kampf stattgefunden“, mutmaßte Logan. „Nimmt man den Schuss in den Unterleib hinzu, liegt es nahe, dass eine Frau ihn getötet hat.“

„Da stimme ich dir zu“, meinte Jake. „Und da Durmorr Rose gegenüber den Mord an Devlin zugegeben hat, denke ich, dass der Mörder auch damit etwas zu tun hat. Als Hauptverdächtige habe ich eine bestimmte Blondine im Auge.“

„Ich auch. Gretchen steht definitiv ganz oben auf meiner Liste“, erklärte Gavin. „Aber da ist noch etwas. Die Haare stammen von zwei verschiedenen Personen. Ich frage mich, ob da eine Art Dreiecksgeschichte böse ausgegangen ist. Vielleicht hat dieser Mord überhaupt nichts mit dem Mord an Devlin oder der vermeintlichen Suche nach dem verdammten Schatz zu tun.“

Logan schüttelte den Kopf. „Ich weiß, dass Malcolm sich immer für einen Frauentyp gehalten hat. Aber es ist schon schwer zu glauben, dass er mit einer Frau etwas hatte, geschweige denn mit zweien.“

„Gretchen und Durmorr sind zweifellos miteinander ins Bett gegangen“, meinte Jake. „Chrissie und ich haben die beiden sehr vertraut miteinander gesehen.“

„Gretchen hat angeblich ein Alibi. Aber das werde ich überprüfen. Ich kann mir vorstellen, dass sie dem Pizzalieferanten dafür Geld bezahlt hat“, meinte Gavin. „Im Moment haben wir jedoch nicht genug Beweise, um eine gerichtliche Verfügung für eine Analyse ihrer DNA zu erwirken.“

„Das denke ich auch“, sagte Jake. „Du wirst auf jeden Fall noch mehr belastende Anhaltspunkte finden müssen.“

Gavin nickte. „Ich lasse sie rund um die Uhr beobachten. Aber wegen der Grippewelle habe ich im Moment nicht genügend Leute. Seid ihr beiden bereit, ein paar Stunden auszuhelfen, falls das nötig wird?“

„Die Hochzeit findet erst in einer Woche statt“, sagte Logan. „Ich kann in den nächsten Tagen hin und wieder zwei Stunden aushelfen. Auch nach der Hochzeit, falls du mich brauchst. Da Melissa sich immer noch in den neuen Job einarbeitet, werden wir nicht sofort in die Flitterwochen fahren können.“

„Tagsüber kann ich auch mal eine Schicht übernehmen“, erklärte Jake sich bereit.

„Okay. Ich werde es euch wissen lassen, falls wir Hilfe brauchen, und deshalb auch mit Mark und Connor reden.“

Logan drehte sich um und hob die Hand. „Können Sie uns jetzt Kaffee bringen, Valerie? Und mir bitte dazu ein Stück von Mannys Kokostorte.“

„Sicher, Mister Voss“, rief Valerie und lächelte.

Gavin wünschte sich, dass sie ihm auch einmal ein solches Lächeln schenkte. Eines Tages würde sie das auch. Das nahm er sich fest vor. Und wenn es das Einzige wäre, was er jemals von ihr bekommen würde.

„Ich bin überzeugt, dass Gretchen das getan hat“, meinte Jake. „Aber ich bin wahrscheinlich voreingenommen, weil sie sich während der Wahlkampagne von ihrer hässlichsten Seite gezeigt hat.“

„Aber bislang hat sie dir doch noch nichts angehängt, weil du sie bei der Wahl haushoch geschlagen hast, oder?“, fragte Logan.

„Noch nicht“, antwortete Jake. „Aber möglich ist alles.“

Gavin wandte seine Aufmerksamkeit Valerie zu, die Kaffee einschenkte und die Torte anschnitt. Er mochte es, sie dabei zu betrachten. Heute Abend, wenn er mit ihr allein war, würde er sie leidenschaftlich küssen. Er hoffte, sie spielte mit. Zumindest war es einen Versuch wert.

„Hallo Sheriff, bist du noch anwesend?“, fragte Jake.

Gavin zuckte zusammen. „Ja, bin ich.“

„Aber deine Gedanken sind bei der niedlichen kleinen Blondine hinter der Theke.“ Logan lachte.

Die niedliche, kleine Blondine trat jetzt zu ihnen an den Tisch. „Hier kommt Ihre Bestellung, meine Herren.“ Sie servierte Logan und Jake den Kaffee und das Stück Torte.

„Kann ich meinen Kaffee jetzt auch bekommen, Val?“, fragte Gavin, der leer ausgegangen war.

„Keine Ahnung. Kannst du?“, fragte sie.

„Könnte ich ihn bitte haben, Süße?“ Er zwinkerte ihr zu und bemerkte, dass sie ein Lächeln unterdrückte. Das war ein Punkt für ihn.

„Ja“, antwortete sie. „Aber es dauert noch einen Moment, weil ich eine neue Kanne Kaffee aufgestellt habe.“

„Manche Dinge sind es wert, auf sie zu warten.“

Ohne etwas darauf zu erwidern, drehte sie sich um und ging.

„Wann wirst du es aufgeben, O’Neal?“, fragte Logan.

„Sie wohnt bei mir, ob ihr es glaubt oder nicht. Zumindest im Moment“, erzählte Gavin.

Logan schaute ihn erstaunt an. „Wie hast du denn das geschafft?“

„Sie hatte sich bei Harvey Joe Raleigh eingemietet und ist gestern Nacht wegen der schlimmen Zustände dort mit ihm aneinander geraten. Da sie nicht wusste, wo sie sonst unterkommen konnte, habe ich ihr mein Gästezimmer angeboten.“

„Und sie hat einfach so zugestimmt?“ Jake schnippte mit den Fingern.

Gavin entschied, besser bei der Wahrheit zu bleiben. „Sie hat Harvey Joe mit einem Mopp in Schach gehalten, und er wollte sie anzeigen. Also stellte ich sie vor die Entscheidung, entweder mit mir nach Hause oder ins Gefängnis zu kommen.“

Logan lachte laut. „Großartig, O’Neal. Wenn du mit deinem Charme keinen Erfolg hast, hältst du sie in deinem Haus gefangen.“

„Ich sehe es eher so, dass ich sie überredet habe.“ Gavin hatte vor, sie in den kommenden Tagen zu noch viel mehr zu überreden.

„Ich gebe ihm bis Sonntag.“ Logan sah Jake an.

„Ich bis morgen Nacht“, sagte Jake.

Logan streckte ihm die Hand hin. „Wetten wir?“

Gavin wusste genau, worauf das hinauslief, tat aber unbeteiligt. „Um was oder wen geht es denn bei dieser Wette?“

„Du weißt du sehr gut, O’Neal“, meinte Jake. „Wir wetten, dass du sie bald in deinem Bett haben wirst.“

„Wenn ihr es sagt.“ Gavin war sich allerdings nicht so sicher, bei Valerie so schnell zu landen.

„Das wissen wir einfach.“ Logan wurde ernst. „Nur mal so aus Neugier, Gavin, was weißt du eigentlich über sie?“

Genug, um sie sehr zu mögen, dachte Gavin. „Nicht viel, da sie ziemlich verschlossen ist. Aber ich denke, sie wird bald zugänglicher werden.“ Als Gavin bemerkte, dass Logan und Jake erneut Blicke wechselten, ging ihm plötzlich ein Licht auf. „Ihr denkt doch nicht, dass sie etwas mit Durmorrs Ermordung zu tun hat, oder?“

„Sie ist blond“, antwortete Jake. „Und da sie Harvey Joe attackiert hat, kann sie anscheinend auch ziemlich ausrasten.“

„Sie ist schon sehr rätselhaft“, fügte Logan hinzu. „Vielleicht ist sie eine Heiratsschwindlerin. Die Landkarte, die zu Jessamine Goldens Schatz führen soll, ist von einer Blondine aus dem Museum gestohlen worden, die einen Pferdeschwanz hatte. Das könnte sie gewesen sein.“

Das hielt Gavin für undenkbar. „Da seid ihr beide aber auf dem Holzweg.“

„Vielleicht solltest du dir eine Schriftprobe von ihr besorgen, damit wir überprüfen können, ob ihre Handschrift mit der Handschrift der Täterin identisch ist. Die Frau hat ja einen Zettel mit einer Entschuldigung hinterlassen“, erklärte Jake.

Gavin hatte nicht die Absicht. „Val ist aber nicht der Typ, der jemand wegen eines angeblich versteckten Schatzes erschießt.“

„Wenn du es sagst.“ Logans sah auf die Uhr. „Wenn alles geklärt ist, breche ich jetzt auf. Es stehen noch mehr Hochzeitsvorbereitungen auf dem Programm.“

„Apropos Hochzeit“, meinte Gavin. „Hättest du etwas dagegen, wenn ich noch einen Gast mitbringe?“

„Ich nehme an, es handelt sich um Valerie.“

„Ja, falls sie einverstanden ist.“

„Kein Problem“, sagte Logan.

Jake erhob sich ebenfalls. „Viel Glück mit Valerie, Sheriff. Es wird Zeit, dass du in feste Hände kommst.“

Gavin blieb einen Moment die Spucke weg. „Ich habe doch nichts von …“ Ehe er widersprechen konnte, hatten Logan und Jake bereits Geld auf den Tisch gelegt und waren auf dem Weg nach draußen.

Eine Familie zu gründen war Gavin bislang noch nicht in den Sinn gekommen. Wegen seines Berufes hatte er das auch nie in Erwägung gezogen. Aber als er Valerie Raines betrachtete, fragte er sich, ob es nicht doch eine gute Idee wäre. Hatte er erst mal die Morde aufgeklärt, dann würde sein Job wieder ruhiger werden. Vielleicht sollte er wirklich herauszufinden, ob Valerie die richtige Frau für ihn war.

3. KAPITEL

Valerie hatte sich kaum umgezogen, als Gavin an ihre Zimmertür klopfte. Manny hatte sie früher Schluss machen lassen.

„Val, bist du da?“

„Einen Moment.“ Sie streifte sich das weite schwarze Sweatshirt über den Kopf und öffnete ihm die Tür.

Gavin trug ein weißes T-Shirt, darüber ein rotes Flanellhemd und eine Jeans. Er sah einfach toll aus. „Hättest du etwas gegen einen kleinen Ausflug?“

„Das hängt davon ab, wo es hingehen soll.“ Doch im Moment würde sie ihn wahrscheinlich überallhin begleiten. Auch wenn sie nicht glücklich darüber war, dass er sich in ihre Angelegenheiten einmischte. Das hatte sie ihm auf der Heimfahrt vom Diner noch einmal gesagt. Doch Gavin hatte nur gelächelt – wie jetzt auch.

„Ich möchte dir gern etwas zeigen.“

„Und das wäre?“ Valeries Herz klopfte.

„Es ist eine Überraschung.“

Sie musste zugeben, dass sie neugierig war. „Okay. Wo befindet sich denn diese Überraschung?“

„Draußen.“

Valerie folgte ihm zu der gepflasterten Einfahrt einer frei stehenden Garage. Nachdem er das Schloss an der schweren Eisenkette geöffnet hatte, mit der die Garagentür gesichert war, schob er die Tür nach oben und zeigte auf ein mit einer beigefarbenen Zeltplane bedecktes großes Fahrzeug.

Als Valerie das Auto sah, bekam sie große Augen. „Du meine Güte. Ein GTO. Aus welchem Jahr?“

Gavin stand stolz neben der Motorhaube. „Ein 69er Modell.“

Valerie ging zu ihm. „Könnte ich mal einen Blick unter die Motorhaube werfen?“

Er schien überrascht. „Ja. Na klar.“ Er machte für sie die Motorhaube auf.

„Oh, Mann! Ich wette, dieser Wagen fliegt nur so über die Straße.“

„Ja, wenn man gern schnell fährt.“

Und das liebte sie. „Unglaublich. Er ist in einem einwandfreien Zustand.“ Sie blickte in Gavins lächelndes Gesicht. „Fährst du oft damit?“

„In letzter Zeit nicht, und er muss ein bisschen bewegt werden. Deshalb möchte ich, dass du ihn fährst, bis dein Auto repariert ist.“

„Das ist sehr nett, Gavin. Aber das kann ich nicht. Und was ist, wenn etwas passiert?“

„Ich vertraue dir.“

Sie kämpfte innerlich mit sich. „Du kennst mich doch nicht wirklich.“

„Ich bin aber gerade dabei, dich kennen zu lernen. Du musst dich ja nicht sofort entscheiden.“ Er klappte dann die Motorhaube wieder zu. „Aber wenn ich keine Zeit habe, dich irgendwohin zu fahren, dann hättest du dein eigenes Auto.“

„Ich werde darüber nachdenken.“ In Wahrheit würde Valerie dafür sterben, mit diesem Auto über die Landstraßen zu rasen.

„Woher weißt du denn so viel über Autos?“ Er schaute sie neugierig an.

„Ich habe viel Zeit mit jemandem verbracht, der von Autos fasziniert war und ständig darüber geredet hat.“ Der Junge, den sie betreut hatte, war sechzehn gewesen, und sie hatte es geschafft, dass er nicht von der Schule abging. Sie hatte ihn oft über seine Leidenschaft für Autos erzählen lassen, um so Zugang zu ihm zu bekommen.

„Er hat dir eine Menge beigebracht“, meinte Gavin.

„Ich lerne schnell.“

„Gut. Jetzt kannst du mir bei etwas helfen.“

„Ich hatte eigentlich vor, mich ums Abendessen zu kümmern.“

„Das steht bereits im Backofen.“

„Jetzt bin ich doppelt beeindruckt.“

„Dazu gibt es keinen Grund. Es ist Lasagne aus dem Tiefkühlfach.“ Er ging zu einem Regal mit Werkzeugen und griff sich eine Axt. „Ich wollte ein bisschen Holz hacken.“

„Okay, dabei kann ich dir helfen.“

„Sag mir bloß nicht, dass dir das auch jemand beigebracht hat.“

„Nein, aber wie bereits erwähnt, ich lerne schnell. Du musst mir nur zeigen, was ich tun muss.“

„Das wird mir ein Vergnügen sein.“ Gavin führte sie durch ein Tor auf ein Stück Land mit Mesquitebäumen, Büschen und einem kleinen Bach.

Das Terrain wirkt genauso ungezähmt und rau wie der Sheriff im Moment, dachte Valerie. Sie gingen nebeneinanderher. Hier herrschte eine völlig andere Atmosphäre als in ihrer gewohnten Umgebung in der Stadt. Es war sehr still, und sie atmete die frische Luft tief ein. Sie könnte sich an ein Leben hier draußen gewöhnen. Aber das stand natürlich außer Frage. Nachdem sie hier ihre Mission erfüllt hätte, würde sie nach St. Louis zurückkehren. Auch wenn dort niemand auf sie wartete.

„Ich sehe ja überhaupt keine Kühe“, stellte sie fest.

„Ich hatte noch keine Zeit, mir eine Herde zuzulegen. Aber ich habe vor, im Frühjahr einige Kühe zu kaufen.“ Gavin blieb vor einem Haufen mit Holz stehen. „Ich werde einiges davon zerhacken, damit wir es mitnehmen können.“ Nachdem er Handschuhe angezogen hatte, spaltete er einen dicken Ast in mehrere, kleine Scheite.

Valerie beobachtete fasziniert, wie einfach das bei ihm aussah. Alles, was er anpackte, schien ihm mühelos von der Hand zu gehen. Zwischendurch lächelte er sie sogar noch charmant an.

„Willst du es auch mal probieren?“

„Ja. Aber ich kann das bestimmt nicht so gut wie du.“

„Ich habe viel Übung. Und vielleicht überraschst du dich selbst.“ Er zog seine Handschuhe aus und reichte sie ihr. „Zieh die an.“ Nachdem sie die viel zu großen Handschuhe übergestreift hatte, hielt er ihr die Axt hin. „Na los.“

Sie holte tief Luft und legte sich einen langen Ast zurecht. „Bleib vorsichtshalber etwas weiter weg, Sheriff.“ Sie hob die schwere Axt über ihren Kopf, holte aus und schlug mit voller Kraft auf den Ast, konnte ihn aber nicht spalten. Sie stemmte den Fuß darauf und zerrte an der Axt. „Sie steckt fest.“

Gavin trat hinter sie, legte eine Hand um Valeries Taille und umfasste mit der anderen ihr Handgelenk. Ganz leicht zog er die Axt aus dem Holz, ließ Valerie dabei aber nicht los.

Sie warf ihm einen Blick zu. „Wie machst du das nur?“

„Ich werde es dir zeigen“, sagte er mit einem so provozierenden Unterton in der Stimme, als wolle er ihr sehr gern noch ganz andere Dinge beibringen. Er führte ihren Arm und schlug beim ersten Versuch den Ast entzwei.

„Ich glaube, dafür bin ich nicht geeignet“, stellte Valerie frustriert fest. Sie mochte es nicht, etwas nicht zu können. Gavin rückte enger an sie heran, und sie erstarrte. „Ist dir schon einmal aufgefallen, dass du immer hinter mir zu stehen scheinst?“, meinte sie tief durchatmend.

„Ja, aber ich weiß, wie wir da Abhilfe schaffen können.“ Er ließ die Hand von ihrem Handgelenk zu ihrer Schulter gleiten. „Leg die Axt beiseite und dreh dich herum.“

Gegen alle Vernunft befolgte Valerie seine Bitte. Ganz langsam ließ sie die Axt auf den Holzstapel fallen und wandte sich zu ihm um. „Was jetzt?“, fragte sie, obgleich sie die Antwort in seinen Augen lesen konnte, während er sie in seinen Armen hielt.

„Ich werde jetzt das tun, was ich bereits tun wollte, als ich dich das erste Mal gesehen habe.“ Er umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen und beugte sich über sie.

Nur ein Kuss, sagte sie sich. Nur ein unkomplizierter Kuss – doch an diesem Kuss war nichts unkompliziert.

Als Gavin ganz sanft und langsam seine Zunge spielen ließ, begann ihr Puls zu rasen. Er ließ die Hände zu ihren Hüften wandern, und sie ließ ihre unter sein Flanellhemd gleiten. Als er den Kuss zärtlich vertiefte, bemerkte sie, wie sehr sie diese wundervolle Erfahrung genoss. Der ungeheuer sinnliche Kuss raubte ihr den Verstand, und sie musste ihn unbedingt sofort beenden. Valerie stemmte die Hände gegen Gavins Brust, um ihn von sich zu schieben. Doch als sie Gavins Muskeln unter ihren Händen spürte, fehlte ihr dazu die Kraft. Alles, was sie im Moment zu Stande brachte, war ein schwacher Protest.

„Wir sollten das lassen, Gavin.“

Er betrachtete ihr Gesicht, bevor er sie auf die Stirn küsste. „Warum denn?“

„Was sollen denn die Nachbarn denken?“, fragte sie und wusste selbst, wie nichtig dieser Einwand war.

„Erstens habe ich nur einen Nachbarn, und sein Haus ist zwei Weiden entfernt.“ Er küsste sie auf die Wange. „Zweitens ist er ein guter Freund – Logan Voss –, und es würde ihn nicht kümmern.“ Er küsste sie auf die andere Wange. „Und drittens ist es mir egal, was er denkt. Nur was gerade zwischen uns passiert, spielt für mich eine Rolle. Eine sehr große sogar.“ Er fand ihren Mund und küsste sie erneut, bis sie das Gefühl hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Als Valerie wieder zu sich kam, löste sie sich aus seinen Armen. „Es ist wirklich keine gute Idee, wenn wir es zu mehr als zu einer Freundschaft kommen lassen. Ich könnte nicht mehr lange hier sein.“

Gavin schien enttäuscht. „Hast du heute eine neue Unterkunft gefunden?“

„Nein. Aber das meinte ich auch nicht, sondern dass ich bald aus Royal fortgehen könnte.“

„Du bist eine Art Freigeist, hm?“

Nein, das bin ich in Wirklichkeit nicht und war es auch noch nie, dachte sie. „Ich bin nicht sicher, ob ich hierher gehöre.“

„Was ist, wenn ich möchte, dass du eine Weile bei mir in Royal bleibst?“

Das klang sehr verlockend. „Ich weiß nicht …“

„Nur solange du frei hast. Danach kannst du dich neu entscheiden.“ Gavin strich ihr über die Wange.

„Wir sollten jetzt nach dem Abendessen sehen. Hoffentlich ist es noch nicht angebrannt.“

Er blickte auf die Uhr. „Die Lasagne braucht immer noch zwanzig Minuten.“ Dann schaute er sie an. „Ich dagegen stehe bereits in Flammen.“

Valerie konnte das Verlangen in seinen Augen sehen und wäre fast gegen ihren Willen in seine Arme zurückgekehrt. „Ich müsste vor dem Abendessen noch duschen“, wechselte sie das Thema.

„Ich auch. Dann sollten wir aber zurück ins Haus gehen.“

Zumindest hat er mir nicht vorgeschlagen, gemeinsam zu duschen, dachte sie. Obwohl sie sich dieses Szenario in ihrer Fantasie sofort sehr detailliert ausmalte.

Nachdem sie einige Holzscheite aufgesammelt hatten, gingen sie schweigend zurück. Erst als sie wieder im Haus waren, wandte Gavin sich an sie. „Es gibt etwas, das du über mich wissen solltest, Val.“

„Und das wäre?“

„Ich bin ein entschlossener Mann und werde alles tun, um dich davon zu überzeugen, hier zu bleiben.“

Als er sich auf den Weg zum Kamin machte, flüchtete sie in ihr Zimmer. Drinnen lehnte sie sich einen Moment lang an die geschlossene Tür, bevor sie ihr Tagebuch aus der Schublade holte. Ihre Hände zitterten, als sie zu schreiben begann.

Gavin O’Neal hat mir angeboten, sein tolles Auto zu benutzen. Er hat mir beigebracht, Holz zu hacken, und hat mich geküsst. Es war ein unbeschreiblich aufregender Kuss. In letzter Zeit scheint alles falsch zu sein, was ich tue. Ich war nicht in der Lage, mich entschlossen an meinen Plan zu halten. Den Kuss des Sheriffs zu erwidern war natürlich verkehrt. Aber warum hat es sich dann nur so gut angefühlt?

Valerie stieg die Treppe zum Loft hinauf. Sie ließ sich Zeit und dachte, dass sie wahrscheinlich besser umdrehen und ins Bett gehen sollte. Das Abendessen war in angenehmer, wenn auch ein wenig angespannter Atmosphäre verlaufen. Diese Anspannung sollte Grund genug sein, Gavin zu meiden. Doch die Aussicht, noch einige Minuten länger mit ihm zu verbringen, ließ sie weitergehen.

Er trug ein schwarzes T-Shirt und eine ausgeblichene Jeans und stand mit dem Rücken zu ihr vor einem Flipper-Automaten. Seine braunen Haare lockten sich leicht im Nacken. Gleich beim ersten Mal, als er in den Diner gekommen war, sie angelächelt und ihr Komplimente gemacht hatte, war sie von ihm eingenommen gewesen. Nur aus Selbstschutz war sie ihm gegenüber so ablehnend, denn sie hatte Angst, den Kopf zu verlieren. Und es beunruhigte sie, dass wohl genau das passieren würde, wenn sie bei ihm blieb.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit seinen großen, starken Händen zu, mit denen er sie so sanft umfasst hatte. Alles an ihm war sehr männlich, und er sorgte dafür, dass sie sich unglaublich wohl fühlte. Und dieses Gefühl gefiel ihr zunehmend. Sie mochte es, Gavin um sich zu haben, selbst wenn das unvernünftig war.

Valerie nahm all ihren Mut zusammen, ging zu ihm und stellte sich neben den Flipper. Sie musste sich beherrschen, ihm nicht über das angespannte, sehr konzentrierte Gesicht zu streichen. „Gewinnst du?“

Gavin schenkte ihr ein atemberaubendes Lächeln. „Ich bin dabei.“ Er trat zur Seite. „Willst du es auch mal probieren?“

„Ja, gern.“ Sie stellte sich vor den Spielautomaten und zog kraftvoll an der Abschussvorrichtung für die Kugel. Die silberne Kugel prallte gegen einen Puffer, und bevor Valerie sie zurückschlagen konnte, sauste sie in den Ablaufkanal. „Ich bin nicht gut darin.“

„Du musst dich konzentrieren.“ Er trat hinter sie und legte seine Arme um ihre Taille. „Versuch vorherzusehen, was als Nächstes passiert.“

Sie ahnte, was jetzt passieren würde. Als Gavin ihre Haare zur Seite schob, bewahrheitete sich diese Ahnung.

„Deine Haare duften gut.“ Er küsste sie auf den Nacken.

Dieses Mal zog Valerie die Abschussvorrichtung mit so wenig Schwung, dass die Kugel nur einige Zentimeter weit rollte. „Wie soll ich mich denn dabei konzentrieren?“

Sein tiefes, heiseres Lachen jagte ihr einen erregenden Schauer über den Rücken. „Vielleicht will ich nicht, dass du mich schlägst.“

„Das wird wohl kaum passieren.“ Erfolglos versuchte sie, seinen warmen Atem in ihrem Nacken zu ignorieren.

Er stützte sich mit den Händen jeweils rechts und links auf den Flipper und rückte näher an sie heran. „Okay, jetzt berühre ich dich nicht. Versuch es noch mal.“

Dieses Mal lachte sie. „Was heißt hier, du berührst mich nicht?“ Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Du stehst doch wieder dicht hinter mir.“

„Dann dreh dich um und komm näher.“

Wie hypnotisiert befolgte Valerie seine Aufforderung. Nun standen sie ganz dicht beieinander, und sie spürte, wie viel Macht Gavin über sie hatte. Sie lehnte die Stirn an seine Brust. „Ich verstehe das alles nicht.“

Er hob ihr Gesicht und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. „Was verstehst du nicht?“

„Warum sich Royals begehrtester Junggeselle entschieden hat, dass ausgerechnet ich ihm Gesellschaft leisten soll.“

„Warum nicht du?“

Gleich werden mir all die guten und vernünftigen Argumente ausgehen, dachte Valerie. „Weil wir so verschieden sind.“

„Wir mögen beide schnelle Autos.“

„Und du magst wahrscheinlich Frauen, die schnell ins Bett zu kriegen sind. Ich weiß, dass es momentan so aussehen könnte, als würde ich zu dieser Kategorie zählen. Aber in deiner Nähe bin ich nicht ich selbst.“

Gavin schien wenig erfreut. „Also das ist es? Du denkst, ich könnte annehmen, dass du leicht zu haben bist?“

„Da könnte ich dir keinen Vorwurf machen. Ich habe es zugelassen, dass du mich einfach so küsst.“

„Ich brauche dich nur anzusehen und könnte dir sofort die Kleider vom Leibe reißen.“ Er strich ihr das Haar hinter das Ohr. „Aber ich habe immer nur gut über dich gedacht. Und das wird so bleiben, unabhängig davon, was zwischen uns passieren wird – oder auch nicht.“

Schuldbewusst sah Valerie weg. „Wenn du es sagst. Aber was ich wirklich will …“

„Sag mir, was du willst.“

Sie zwang sich, ihn anzuschauen. „Deinen Respekt.“

„Ich respektiere dich“, sagte er mit Nachdruck. „Du bist eine bemerkenswerte Frau. Du bist stark, lustig und frech. Und alles andere als leicht zu haben. Und vor allem sexy.“

Sexy? So hatte sie sich noch nie gesehen – außer wenn sie mit Gavin zusammen war. „Wenn also die Jagd vorbei ist, was passiert dann?“

„Das weiß man nie. Vielleicht beschließe ich, dich zu behalten.“ Er lächelte sie an.

Natürlich glaubte Valerie das nicht, aber trotz der möglichen Konsequenzen verflogen all ihre Zweifel, als er mit den Lippen ihren Mund berührte. Sein sanfter, forschender Kuss stand in Kontrast zu seinen starken Armen, an denen sie sich festhielt. Sie war noch nie einem Mann begegnet, der so überzeugend war, und bei dem sie sich so lebendig und begehrt fühlte.

Ohne den Kuss zu unterbrechen, hob Gavin sie hoch und trug sie fort. Und in diesem Moment war es Valerie vollkommen egal, wohin er sie bringen würde. Er setzte sie auf dem Pokertisch ab. Erst dann beendete er den Kuss, um sie zu fragen: „Wenn wir auf diese Weise zusammen sind, was empfindest du da?“

Sie entschied, ihm die Wahrheit zu sagen. „Du weckst etwas in mir, was ich schon lange nicht mehr empfunden habe.“ Wenn überhaupt, dachte sie.

Gavin ließ eine Hand unter den Kragen ihrer Bluse gleiten und strich mit dem Finger über ihr Schlüsselbein. „Hast du dir jemals vorgestellt, dass wir das tun könnten?“

„Ja.“ Diese Antwort kostete sie sehr viel Mühe.

Er spielte mit dem obersten Knopf ihrer Bluse. „Ich habe auch daran gedacht. Ich hatte wunderbare Fantasien, was uns angeht. Und jetzt möchte ich die Realität auskosten. Voll und ganz.“

Valerie auch. Aber auf wessen Kosten würde das gehen? „Ich bin immer noch nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.“

„Sieh mich an, Val.“ Als sie den Kopf hob, bemerkte sie, dass er sie eingehend musterte. „Willst du mich?“, fragte er.

„Ich … Nun …“ Sie konnte ihre Empfindungen nicht zum Ausdruck bringen, aber ihr war klar, dass ihre stockende Stimme sie verriet.

Gavin fuhr ihr mit dem Finger über die Wange. „Das dachte ich mir.“ Er nahm sie wieder in die Arme und küsste sie zärtlich, bis sich ihre Vorbehalte in Luft auflösten. Sanft legte er ihre Beine um seine Taille und zog ihren Körper näher an seinen. Sie fuhr ihm mit beiden Händen immer wieder über den Rücken, während er die Hände unter ihre Bluse gleiten ließ. Er streichelte mit den Daumen die Seiten ihrer Brüste, während der Kuss tiefer und leidenschaftlicher wurde.

Sie wusste, dass er sie so berühren würde, wie sie es wollte – und es brauchte –, wenn sie ihm nur ein Zeichen gab.

Doch stattdessen beendete er den Kuss, hielt die Hände still und lehnte seinen Kopf an ihre Stirn. „Sag einfach Ja, Val, und ich werde dich lieben. Die ganze Nacht lang.“

„Ja“, seufzte sie atemlos.

Autor

Catherine Mann
Bestsellerautorin Catherine Mann schreibt zeitgenössische Liebesromane, die im militärischen Milieu spielen. Ihr Mann, der bei der US Air Force arbeitet, versorgt sie mit allen nötigen Informationen, sodass sie keine Recherche betreiben muss.
In der Zeit vor ihren Romanveröffentlichungen machte sie ihren Bachelor in Bildender Kunst auf dem College von Charleston und...
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