Baccara Exklusiv Band 208

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  • Erscheinungstag 25.06.2021
  • Bandnummer 208
  • ISBN / Artikelnummer 9783751501798
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sarah M. Anderson, Janice Maynard, Merline Lovelace

BACCARA EXKLUSIV BAND 208

1. KAPITEL

„Dios mío!“, fluchte Gabriella del Toro leise. „Nicht mal mit einem Dosenöffner kann ich umgehen!“ Blut quoll aus dem Schnitt an ihrem Finger. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

Fragend blickte ihr Bodyguard Joaquin sie an.

„Alles in Ordnung“, beruhigte sie ihn schnell. „Ich habe mich nur an der Dose geschnitten.“ Dabei hatte sie lediglich eine Suppe für ihren Bruder Alejandro aufwärmen wollen. Das konnte doch nicht so schwierig sein. Allerdings hatte sie die Küche auf dem elterlichen Besitz Las Cruces westlich von Mexico City nur sehr selten betreten. Schließlich war die Köchin der Meinung, dass es unter der Würde der Dame des Hauses war zu kochen, selbst wenn diese „Dame“ erst zwölf Jahre alt war. Außer Tee und Kaffee konnte Gabriella nichts zubereiten, das heißt, ihre Tante, die Schwester ihrer Mutter, hatte ihr gezeigt, wie man Tortillas machte. Damals war Gabriella sieben gewesen. Das war jetzt zwanzig Jahre her.

Ihr Vater, Rodrigo del Toro, war einer der reichsten und mächtigsten Geschäftsleute Mexikos. Sie selbst war Schmuckdesignerin und Goldschmiedin, die aus Gold, Silber und Edelsteinen kleine Kunstwerke schuf. Aber im Augenblick, dachte sie verärgert, bin ich der typische Fall einer reichen Erbin, die nicht einmal eine Dose öffnen kann.

Da die Blutung nachgelassen hatte, ging Gabriella in Richtung Badezimmer, um sich ein Pflaster zu holen. Sofort war der Bodyguard aufgestanden und tat es ihr gleich. Seit sie dreizehn war, folgte Joaquin Baptiste ihr wie ein Schatten. So anstrengend das auch in mancher Hinsicht war – etwa wenn sie ein Date hatte –, war sie doch froh über seine Fürsorge. Manchmal hatte sie den Eindruck, ihr Glück sei ihm wichtiger als ihrem Vater oder Bruder. Während sie sich das Pflaster um den Zeigefinger wickelte, seufzte sie auf. Mit der Wunde konnte sie unmöglich die feinen Geräte bedienen, die sie für die Schmuckherstellung brauchte.

Aber hier konnte sie ja sowieso nicht arbeiten! Ihre Werkzeuge hatte sie in Las Cruces gelassen, auch weil sie davon ausgegangen war, dass sie sich nur kurze Zeit bei ihrem Bruder in Texas aufhalten würde.

Armer Alejandro, armer Papa! Entführungen waren in der Familie del Toro nichts Seltenes. Aber alle hatten geglaubt, dass Alejandro in Texas sicherer war als in Mexiko. Daher hatte Alejandro sich auch geweigert, seinen Bodyguard Carlos mitzunehmen. In Amerika brauche man so etwas nicht, hatte er gemeint. Und Rodrigo hatte schließlich nachgegeben. Sonst wäre der Sohn nicht nach Texas gegangen, um für den Vater Erkundigungen über eine Ölgesellschaft einzuziehen, die der Del-Toro-Konzern eventuell erwerben wollte.

Gabriella war immer noch überrascht, dass der Vater sich quasi hatte erpressen lassen und Alejandro erlaubt hatte, allein und wie ein Amerikaner zu leben. Zwei Jahre zuvor war Alejandro als Alex Santiago nach Texas gegangen, und sie hatte sofort begonnen, ihn um sein freies Leben zu beneiden. Zumal ihr Vater ihren Wunsch, ebenfalls nach Amerika zu ziehen, strikt abgelehnt hatte. Offensichtlich war die Tatsache, dass sie unter seiner und Joaquins Aufsicht bleiben musste, eine unerschütterliche Tatsache.

Letzten Endes war sie darüber sogar ganz froh gewesen, vor allem als die Nachricht von Alejandros Entführung sie erreicht hatte. Erstaunlicherweise gab es keine Lösegeldforderungen wie sonst in Mexiko üblich. Aber auch von Alejandro hatten sie nichts gehört – bis zu dem Zeitpunkt einige Wochen zuvor, als er zusammen mit illegalen Immigranten, die nach Amerika wollten, in einem Lastwagen an der Grenze aufgegriffen worden war. Offenbar war er von den Entführern nicht gerade sanft behandelt worden. Er hatte Blutergüsse und kaum verheilte Wunden.

Das Schlimmste aber war, dass er sein Gedächtnis verloren hatte und überhaupt nicht wusste, was in der Zwischenzeit mit ihm passiert war. Mittlerweile lebte er wieder in seinem Haus in Royal, einem kleinen Ort in Texas. Hin und wieder kam die Polizei, um sich nach seinem Zustand zu erkundigen. Aber da er sich noch immer nicht erinnern konnte, waren den Beamten die Hände gebunden.

Gabriella war darüber nicht glücklich. Sie hatte den Eindruck, dass man von offizieller Seite nicht energisch genug nach den Entführern suchte. Andererseits, was sollten sie tun, wenn Alejandro ihnen keinerlei Hinweise geben konnte? Meist saß ihr armer Bruder vorm Fernseher und guckte Fußball. Seltsam, er konnte sich an sein früheres Leben nicht erinnern, aber seine Liebe zum Fußball war geblieben. Er erkannte weder die Schwester noch den Papa, hatte zumindest keinerlei Reaktion gezeigt. Nur als der Vater meinte, sie wollten nun alle nach Las Cruces zurückkehren, hatte er protestiert.

Also war Rodrigo mit ihr nach Royal gekommen und hatte in Alejandros glücklicherweise sehr geräumigem Haus sein Hauptquartier aufgeschlagen. Von dort aus versuchte er seine Geschäfte zu führen, so gut es eben ging, und vor allem die Entführer zu finden. Er war nicht bereit, die Verbrecher davonkommen zu lassen, die seinem Sohn, einem Del Toro, so etwas angetan hatten. Gabriella konnte nur hoffen, dass ihr Vater sein Temperament zügelte, wenn die Entführer gefasst wurden. Sonst landete er vielleicht noch selbst in einem amerikanischen Gefängnis – wegen schwerer Körperverletzung.

Wie lange die Familie in Royal bleiben musste, stand in den Sternen. Und falls Gabriella gehofft hatte, nun ihrerseits die Freiheit in Amerika genießen zu können, so hatte sie sich gründlich getäuscht. Nachdem er beinah seinen Sohn verloren hatte, bestand der Vater umso energischer darauf, dass die Tochter nie ohne Bodyguard ausging. Deshalb kannte sie bisher nur den kleinen Flugplatz, auf dem der familieneigene Jet gelandet war, das Krankenhaus und Alejandros Haus.

Sie langweilte sich. Der Bruder war kaum ansprechbar, und dem Vater ging sie lieber aus dem Weg. Nun war sie endlich in Amerika und sehnte sich doch nach Las Cruces. Das hätte sie nie für möglich gehalten. Aber dort hatte sie wenigstens ihre Werkstatt und konnte arbeiten. Außerdem konnte sie ihr Pferd Ixchel satteln lassen und – wenn auch in Joaquins Begleitung – über den großen Besitz reiten. Das verschaffte ihr zwar nicht das Gefühl von absoluter Freiheit, war aber mehr, als sie hier hatte.

In diesem Haus war sie gefangen und hatte als Gesprächspartner nur den Bruder, den unberechenbaren Vater und den schweigsamen Joaquin. Kurzfristig hatte Alejandros Hausmädchen Maria, die Nachfolgerin seiner früheren Haushälterin Mia Hughes, etwas Abwechslung in Gabriellas Leben gebracht. Und auch Nathan Battle, den Sheriff von Royal, und die Staatsanwältin Bailey Collins hatte sie kennengelernt. Aber das war’s auch schon.

Ein Klingeln unterbrach Gabriella in ihren Gedanken.

Hoffentlich war das Maria. Dicht gefolgt von Joaquin, ging Gabriella zur Tür. Es tat einfach gut, sich mit einer anderen Frau zu unterhalten, auch wenn es dabei im Wesentlichen um die Einkäufe und das Wetter ging. Wieder drückte jemand auf die Klingel. Nein, das konnte nicht Maria sein, die war nicht so ungeduldig. Also der Sheriff oder die Staatsanwältin. Auch gut. Besser als gar nichts.

Am Eingang verständigte Gabriella sich kurz mit Joaquin und öffnete dann. Zu ihrer großen Überraschung standen weder Nathan Battle noch Bailey Collins vor der Tür, sondern ein großer breitschultriger Mann, der wie ein Cowboy gekleidet war. Er trug eine abgetragene Lederjacke über dem dunkelgrauen Hemd, dazu eine ausgeblichene Jeans, die in dunkelgrauen Stiefeln steckte. Sowie er sie erblickte, nahm er seinen breitkrempigen Hut ab und hielt ihn sich vor die Brust.

Hombre, hat der grüne Augen! So grün wie das frische Gras im Frühling auf den Ländereien von Las Cruces. Als sie ihm in die Augen sah, hatte sie ein ganz seltsames Gefühl, vertraut und doch aufregend.

„Tag, Ma’am.“ Er lächelte und hob kurz die Augenbrauen, als sei er erstaunt, aber auch erfreut, sie zu sehen. „Ich würde gern mit Alex sprechen.“

Zu spät wurde ihr bewusst, dass sie ihn unverhohlen anstarrte. Wahrscheinlich weil sie bisher mit kaum jemandem aus dem Städtchen in Kontakt gekommen war. Vielleicht aber auch, weil sein Blick sie bis in die Grundfesten erschütterte.

Er streckte die Hand aus. „Mein Name ist Chance McDaniel. Ich glaube nicht, dass wir uns schon mal …“ Fragend sah er sie an.

Chance McDaniel? Das war Chance McDaniel? Was Gabriella bisher von ihm gehört hatte, machte ihn in ihren Augen nicht gerade sympathisch. Der Sheriff und auch die Staatsanwältin hatten ihr und ihrem Vater erzählt, dass dieser McDaniel einerseits eng mit Alejandro, das heißt Alex Santiago, befreundet gewesen war. Andererseits wurde er aber auch verdächtigt, etwas mit der Entführung zu tun zu haben. Was wollte er dann hier? Und wie sollte sie sich ihm gegenüber verhalten? Ihn hereinlassen?

Joaquin stand hinter der Tür, und Gabriella sah aus dem Augenwinkel, wie er die Hand in die Innentasche seines Jacketts schob. Oh, nein, nicht die Pistole … Zwar konnte Gabriella sich nicht vorstellen, weshalb der Hauptverdächtige unbedingt mit seinem Opfer sprechen wollte, wenn es denn überhaupt sein Opfer war. Aber sie waren schließlich nicht in Mexiko. Hier griff man nicht gleich zum Colt.

Schnell hob sie die Hand, und Joaquin trat einen Schritt zurück. Dann lächelte sie den Fremden freundlich an. „Oh, Mr. McDaniel. Kommen Sie doch herein.“

Kurz runzelte er die Stirn, dann ließ er die Hand sinken und trat in die Eingangshalle. Joaquin kam hinter der Tür hervor, und Chance McDaniel nickte ihm zu. „Hallo, Señor.“

Joaquin antwortete nicht, sondern blieb unbeweglich wie eine Statue stehen und ließ McDaniel nicht aus den Augen. Der kannte sich offensichtlich gut im Haus aus, denn er ging sofort in Richtung Wohnzimmer. Dann schien ihm etwas einzufallen, und er wandte sich zu Gabriella um.

„Entschuldigen Sie, Miss, wie war noch gleich der Name?“ Dabei sah er sie langsam von oben bis unten an.

Glücklicherweise hatte sie sich bei ihrem Abenteuer mit dem Dosenöffner nicht die weiße Bluse beschmutzt. Und die schmale schwarze Hose stand ihr gut, das wusste sie. Die knielange korallenrote Strickjacke bildete einen reizvollen Kontrast zu dem schweren Schmuck aus Silber und Türkisen, den sie selbst entworfen und angefertigt hatte.

Unwillkürlich musste Gabriella lächeln – ein etwas ironisches Lächeln, denn sie konnte sich gut vorstellen, was diesem Mr. McDaniel gerade durch den Kopf ging. Wahrscheinlich überlegte er fieberhaft, welche Rolle sie hier spielte. War sie die neue Haushälterin? Schließlich gingen die meisten Amerikaner davon aus, dass Frauen, die hispanischer Herkunft waren und in die USA auswanderten, irgendwelche Jobs im Haushalt annahmen. Für ein Dienstmädchen war sie allerdings etwas zu teuer gekleidet.

Wenn es sich bei diesem attraktiven Fremden nicht gerade um den Hauptverdächtigen in Alejandros Entführungsfall gehandelt hätte, hätte sie ihm gesagt, wer sie war. Aber in diesem Fall wollte sie ihn noch ein wenig zappeln lassen. So setzte sie nur ihr strahlendstes Lächeln auf. „Möchten Sie vielleicht einen Tee?“

Statt irritiert zu sein, grinste dieser McDaniel nur selbstbewusst. „Sehr gern, Ma’am.“

Jetzt war sie es, die leicht verunsichert war. Dieses Killerlächeln … Wahrscheinlich sanken die Frauen ihm gleich reihenweise zu Füßen. Na, er würde schon noch herausfinden, dass Gabriella del Toro nicht so leicht zu betören war. Wenn ihr unter dem Blick seine grünen Augen auch ganz warm geworden war … Sie wies auf das Wohnzimmer und ging dann betont langsam in die Küche. Im Kühlschrank stand immer ein Krug mit Eistee. Schnell tat sie ein paar Kekse auf einen kleinen Glasteller, stellte zwei Gläser auf ein Tablett und den Krug dazu.

Es war still im Haus. Offenbar hatte Alejandro die Klingel nicht gehört, denn sonst wäre er sicher heruntergekommen, um zu sehen, wer der Besucher war. Auch ihr Papa schien nichts gehört zu haben, Gott sei Dank …

Falls dieser McDaniel wirklich etwas mit Alejandros Entführung zu tun hatte, würde sie versuchen, es auf geschickte Weise herauszubekommen. Dabei störte ihr undiplomatischer Vater nur. Allerdings würde er bestimmt furchtbar wütend sein, wenn er erfuhr, dass sie ihn nicht dazugeholt hatte. Aber sie war einfach besser, wenn es um eine freundliche, unverfängliche Konversation ging. Und da Joaquin immer in ihrer Nähe war, war sie auch nicht in Gefahr.

Als sie den Raum betrat, saßen Joaquin und Mr. McDaniel einander gegenüber und starrten sich an. Gabriella ging auf die beiden zu, und sofort stand McDaniel auf. „Danke für den Tee“, sagte er, machte aber keine Anstalten, sich zu bedienen, nachdem sie das Tablett auf dem Couchtisch abgestellt hatte. Auch sie setzte sich und betrachtete ihren Besucher nachdenklich, der wieder Platz genommen hatte. Was für ein Mensch er wohl war? Hatte er Vorbehalte gegen Ausländer? Würde er einen unbewaffneten Mann angreifen? Sie konnte ihn nur sehr schwer einschätzen, und auch das machte sie nervös.

Als ahne er, was ihr durch den Kopf ging, stellte Joaquin sich vorsorglich hinter ihren Sessel. Sollte sich dieser Chance McDaniel irgendetwas Dummes einfallen lassen, würde er es bereuen.

Doch der Fremde blieb gelassen sitzen. Er hatte den Hut auf ein Seitentischchen gelegt, die Beine übereinandergeschlagen und sich zurückgelehnt. Das dunkelblonde Haar war kurz geschnitten, er war offensichtlich frisch rasiert und trug keinerlei Schmuck.

Braucht er auch nicht. Bei dem Gedanken wurde ihr ganz warm. Aber sie sollte jetzt endlich sagen, wer sie war, und eine Unterhaltung beginnen. Sonst platzte ihr Vater herein, und die Chance, etwas aus diesem McDaniel herauszubekommen, war vertan. „Ich freue mich, dass Sie gekommen sind, Mr. McDaniel“, sagte sie betont herzlich. „Alejandro hat mir viel von Ihnen erzählt.“ Eine leichte Röte stieg ihm in die Wangen. Himmel, ist der Mann attraktiv! „Ich bin Gabriella del Toro, Alejandros Schwester.“

Er riss die Augen auf. Dieses Grün … „Ich habe nicht gewusst, dass Alex eine Schwester hat“, sagte er und schien betroffen. „Aber wahrscheinlich weiß ich überhaupt sehr wenig von Alex. Nicht mal, dass er eigentlich Alejandro heißt.“ Er sah Joaquin an. „Dann sind Sie sein Bruder?“

Gabriella lachte. „Nein, Joaquin ist mein Bodyguard. Die Mitglieder unserer Familie können nicht vorsichtig genug sein, besonders nach dem, was mit Alejandro passiert ist.“

Chance McDaniel nickte. „Das kann ich gut verstehen. Wie geht es Alex denn? Ich hatte gehofft, mit ihm sprechen zu können. Aber ich weiß nicht, ob ihm danach zumute ist.“

Gabriella wandte sich zu Joaquin um und fragte ihn etwas auf Französisch. Zu ihrer Überraschung antwortete ihr Besucher und grinste sie breit an. „Mein Französisch ist zwar nicht besonders gut und hört sich nicht so elegant an wie Ihres – hier ist die erste Fremdsprache eher Spanisch –, aber ich habe doch verstanden, was Sie Joaquin gefragt haben. Nämlich wen er zuerst von meinem Besuch informieren sollte. Ihren Vater oder Ihren Bruder.“

Verlegen nickte sie.

„Ich glaube, ich kann mich selbst bei beiden vorstellen. Sie brauchen Joaquin nicht zu schicken.“

Sie war rot geworden. Was für ein erstaunlicher Mann. Er wirkte auf eine angenehme Art selbstbewusst und dabei völlig entspannt. Dass ihr Bruder sich mit ihm angefreundet hatte, konnte sie gut verstehen. Alejandro mochte Menschen, die freundlich und umgänglich waren. Da war sie nicht anders.

Wieder sah sie ihn forschend an. War Chance McDaniel wirklich ein Cowboy? Konnte er reiten? Seine Hände waren absolut sauber, wenn auch kräftig. Sicher konnte er damit gut zupacken. Vielleicht auch zärtlich sein? Bei dem Gedanken überlief es sie heiß, und sie senkte den Kopf.

Glücklicherweise habe ich mich in der Gewalt, dachte sie. Aber als sie wieder hochsah, begegnete sie seinem intensiven Blick. Etwas stand darin, das ihr vorher nicht aufgefallen war. Und da wusste sie, dass er erkannt hatte, was in ihr vorging.

Also stellte Chance McDaniel tatsächlich eine Gefahr da. Jedoch weniger für ihren Bruder als vielmehr für sie.

2. KAPITEL

So, Alex hat also eine Schwester. Davon hatte er Chance nie etwas erzählt. Aber über sein Privatleben hatte er sich sowieso ziemlich ausgeschwiegen. Und so was nannte sich Freund. Doch zu seiner Überraschung konnte Chance nicht richtig wütend werden. Zu sehr faszinierten ihn Gabriellas schokoladenbraune Augen.

Gabriella del Toro … Wie das klang. Am liebsten hätte er den Namen wieder und wieder laut vor sich hin gesagt. Aber der Kerl da hinter ihrem Stuhl sah ihn so drohend an, als würde er sofort den Revolver zücken, wenn Chance auch nur einen Mucks von sich gab.

Dass die Del Toros schon seit einigen Wochen bei Alex wohnten, hatte ihm Sheriff Battle erzählt. Aber mehr war über die Familie nicht bekannt geworden. Auch Nathan wusste nichts Neues über die näheren Umstände von Alex’ Entführung. Zumindest äußerte er sich nicht dazu. Nur dass er, Chance, nicht länger von der lokalen Polizei verdächtigt wurde. Von der überregionalen Staatsanwaltschaft allerdings immer noch.

Und sicher auch von Alex’ Familie. Also auch von Gabriella? Sie machte ihn nervös, so freundlich sie ihm gegenüber auch war. Kein Wunder, mit diesem Bodyguard im Hintergrund, der sicher einen schussbereiten Colt in der Tasche hatte. Außerdem war die Stimmung in Royal sehr angespannt. Zwar war Alex ohne schlimmere äußere Verletzungen wieder aufgetaucht, konnte sich aber an nichts und niemanden erinnern und war deshalb keine Hilfe, um seinem Entführer auf die Schliche zu kommen. So jagte ein Gerücht das andere, jeder verdächtigte jeden – vor allem diejenigen, die Streit mit Alex gehabt hatten. Und dazu gehörte Chance leider auch.

„Ihr Bodyguard spricht Französisch?“ Etwas anderes fiel ihm nicht ein, auch weil er mit seinen Gedanken wieder bei Alex war. Wer konnte den Freund entführt haben? Jemand aus Royal? Oder hatte das mexikanische Drogenkartell, das sehr aktiv an der Grenze zu den USA war, etwas damit zu tun?

„Selbstverständlich“, sagte Gabriella in einem Tonfall, als sei es das Normalste der Welt, dass jeder mehrere Sprachen sprach. „Wir sind zu Hause unterrichtet worden, und da hat er als mein Bodyguard die Sprache gleich mitgelernt.“

„Dann haben Sie noch mehr Geschwister?“ Das wurde ja immer schöner. Und er hatte geglaubt, eng mit Alex befreundet zu sein. Hatte er ihm nicht sogar seine Freundin Cara Windsor überlassen, als er merkte, dass Alex sich in sie verliebt hatte? Oder hatte der Freund ihm das auch nur vorgespielt?

„Außer Alejandro? Oh, nein!“ Gabriella lachte leise. „Ich wurde zusammen mit den Kindern unserer Angestellten unterrichtet. Meine Mutter war immer der Meinung, dass das unsere Pflicht sei.“

Es gab eine Mutter? Auch die war in Alex’ Erzählungen nie vorgekommen. „Es war sicher schlimm für Ihre Mutter, als Alex vermisst gemeldet wurde.“

Ihr Lächeln erstarb. „Sie ist schon seit dreiundzwanzig Jahren tot.“

Immerhin ein Grund dafür, dass Alex sie nicht erwähnt hatte. „Entschuldigen Sie. Das wusste ich nicht.“

Sie neigte kurz den Kopf. Entschuldigung akzeptiert, sollte das wohl heißen. Wie sie so dasaß – aufrecht, gefasst – und höflich Konversation mit ihm machte, war sie wirklich das vollkommene Abbild einer wohlerzogenen Tochter aus reichem Haus. Ob sie auch reiten konnte? Alex war häufiger auf Chance’ Ranch gewesen. Er liebte Pferde und war ein begeisterter Reiter, der dem Freund oft von den elterlichen Ländereien erzählt hatte.

Seine Ex Cara Windsor war nie mit Chance ausgeritten, solange sie noch befreundet gewesen waren. Sie hasste den Geruch der Pferdeställe und hatte Angst davor, ein Pferd zu striegeln. Es könnte ja ganz plötzlich ausschlagen.

Dass Cara nicht gern auf einem Pferd saß, hatte Chance immer bedauert. Wie sehr sehnte er sich danach, eine Frau zu finden, mit der er reiten konnte, die da war, wenn er nach Hause kam, ja, mit der er buchstäblich Tisch und Bett teilen konnte. Aber die Arbeit auf der Ranch hatte ihn voll in Anspruch genommen. Außerdem gab es nicht mehr viele junge Frauen in Royal, die das verkörperten, was er sich wünschte.

Inzwischen hatte er die Ranch zu einer Touristenattraktion ausgebaut. Die Städter, die in seinem Fünf-Sterne-Hotel abstiegen, sehnten sich danach, für ein paar Tage das Leben eines Cowboys zu führen. Und Chance erfüllte ihnen diesen Wunsch.

„Können Sie reiten? Alex war gern bei mir draußen, und wir sind oft zusammen ausgeritten.“

Gabriella nickte. „Ja.“

Dieses eine kleine Wort hatte eine ungeheure Wirkung auf ihn. Ihm wurde heiß, und Verlangen stieg in ihm auf. „Sie sollten mich mal auf meiner Ranch besuchen. McDaniels Acres. Die Landschaft ist unglaublich eindrucksvoll und am besten vom Pferderücken aus zu genießen.“ Vielleicht konnte er im Gespräch mit Gabriella herausfinden, ob denn wirklich alles Lüge war, was Alex ihm erzählt hatte. Doch dann musste er über sich selbst den Kopf schütteln. Mach dir nichts vor, Chance. Es ging ihm nicht um Alex. Er wollte mit Gabriella zusammen sein und sie näher kennenlernen. Das war der eigentliche Grund für die Einladung.

„Ich fürchte, daraus wird nichts.“ Sie errötete und blickte in ihren Schoß. Wie unschuldig sie aussieht … Was in ihm sofort Gedanken heraufbeschwor, die leider alles andere als unschuldig waren. „Ich gehe nie ohne Joaquin aus dem Haus.“

Joaquin nickte bestätigend.

„Aber er kann gern mitkommen. Auch für ihn habe ich ein Pferd. Einer mehr oder weniger, darauf kommt es nicht an.“ Das war eine glatte Lüge, denn eigentlich wollte er mit Gabriella allein sein. „Wenn es Ihnen recht ist.“

„Wie groß ist denn Ihre Ranch?“ Gabriella beugte sich vor, und Chance sah ihr fasziniert in den Ausschnitt. Oh Mann … Wenn Alex hier wäre, würde er den Freund in die Seite stoßen. Die Schwester so unverschämt anzustarren … Schnell blickte Chance wieder hoch. „Ungefähr einhundert Hektar. Wir haben Vieh, ein paar Hühner, Schafe, Ziegen und sogar ein paar Lamas. Und natürlich Pferde.“

Als sie fragend die Brauen hochzog, fügte er schnell hinzu: „Ein Teil der Ranch ist für Touristen angelegt. Es gibt auch ein Hotel. Für Leute, die das Landleben kennenlernen wollen. Wir reiten mit unseren Gästen aus. Sehr gern würde ich Ihnen das alles mal zeigen.“

Vielleicht war der Winter nicht gerade die geeignete Jahreszeit, um mit einer jungen Dame wie Gabriella del Toro einen Ausritt zu unternehmen. Schließlich konnte es verdammt kalt werden. Dennoch hoffte er, dass sie Ja sagte. Was für feingliedrige Hände sie hatte. Sehr gepflegt, wenn auch mit kurzen unlackierten Fingernägeln. Am linken Zeigefinger klebte ein Pflaster. „Haben Sie sich verletzt?“

Sie errötete sanft und schlug kurz die Augen nieder. Was für dichte schwarze Wimpern sie hat … „Ich habe mich geschnitten, als ich eine Dose aufmachen wollte, um eine Suppe für Alejandro aufzuwärmen.“

Kochen war wohl nicht so ihr Ding. Er grinste. „Wenn Sie mich besuchen kommen, wird Franny Petersen uns was zum Dinner machen. Sie ist die beste Köchin in Royal und kümmert sich normalerweise um meine Gäste. Sie mag Alex sehr und wird begeistert sein, jemanden aus seiner Familie kennenzulernen.“

„Dann hat Alejandro Sie oft auf Ihrer Ranch besucht?“

„Ja.“

„Das hat ihm sicher Spaß gemacht …“ Sie kämpfte mit den Tränen.

Die Arme. Wie schrecklich musste es für sie sein, den Bruder in diesem Zustand zu sehen. Und er saß hier und versuchte, mit ihr zu flirten. Chance schämte sich. Schließlich war er gekommen, um sich nach Alex zu erkundigen. „Wie geht es ihm? Irgendeine Änderung?“

Gabriella presste kurz die Lippen aufeinander und richtete sich kerzengerade auf. „Nein“, sagte sie nur und wirkte irgendwie abweisend. Dennoch spürte Chance, wie sehr sie an dem Bruder hing. Und das freute ihn, so traurig die Situation auch war.

„Kann ich zu ihm?“

„Lieber nicht, Mr. McDaniel. Er ist noch immer sehr angeschlagen. Und die Ärzte meinen, dass er Ruhe braucht und das Licht meiden soll, damit sein Gehirn sich erholen kann.“

„Bitte, sagen Sie Chance zu mir. Mr. McDaniel nennt man nur meinen Vater.“

Doch sie runzelte die Stirn. „Ich glaube nicht, dass ich das möchte, Mr. McDaniel.“

Verdammt, er war irgendwie zu weit gegangen. Aber womit? Wie hatte er sie brüskiert? War ihr der Vorschlag zu vertraulich, ihn beim Vornamen zu nennen? Oder stieß sie sich daran, dass er Alejandro Alex nannte? Was auch immer es war, plötzlich gab es so etwas wie eine Mauer zwischen Gabriella und ihm. „Ich dachte nur, dass es Ihrem Bruder helfen könnte, mich zu sehen. Vielleicht erinnert er sich dann an irgendwas.“

Chance war es gewohnt, dass Frauen sich an seiner Schulter ausweinten. Irgendwie wirkte er so vertrauenswürdig, dass sie ihm gern ihr Herz ausschütteten. Und er tröstete sie in ihrem Kummer. Aber der Blick, den Gabriella ihm jetzt zuwarf, war so abgrundtief traurig, dass er erschrak. „Das hatte ich auch gehofft, als ich ihn wiedersah“, sagte sie leise.

Ihr Tonfall schnitt ihm ins Herz, und dabei kannte er sie doch erst seit zwanzig Minuten. Spontan wollte er aufspringen und sie tröstend in die Arme nehmen. Und ihr sagen, dass er wirklich nichts mit Alex’ Entführung zu tun hatte, auch wenn man sich in der Stadt etwas anderes erzählte. Er wollte nur das Beste für seinen Freund – und dessen Familie.

Doch ein Blick auf Joaquin, der ihn drohend ansah, und Chance blieb, wo er war. Stattdessen holte er eine seiner Visitenkarten aus der Brieftasche und hielt sie Gabriella hin. Die Karte war leicht verknickt und angestaubt, denn er brauchte sie so gut wie nie. Jeder in Royal und Umgebung kannte ihn.

„Wenn es irgendwelche Veränderungen gibt oder wenn Sie Hilfe brauchen, in welcher Form auch immer, bitte, rufen Sie mich an. Ich kann in zwanzig Minuten hier sein, falls Alex mich braucht. Oder Sie.“ Hoffentlich warf sie ihn jetzt nicht gleich aus dem Haus oder hetzte ihren Bluthund auf ihn.

Doch sie nahm die Karte. „Danke“, sagte sie lächelnd, und als sich ihre Fingerspitzen berührten, spürte Chance einen leichten Schlag. Allerdings kam er nicht mehr dazu, darüber nachzudenken, was das wohl zu bedeuten hatte, denn plötzlich vernahm er eine tiefe Stimme: „Wer sind Sie? Quién es?“

Erschrocken riss Gabriella die Augen auf, und Chance drehte sich hastig um. Ein großer kräftiger Mann stand in der Küchentür, die Beine gespreizt und die Fäuste in die Hüften gestemmt. Das konnte nur Alex’ Vater sein. Die beiden sahen sich lächerlich ähnlich. Das gleiche schwarze Haar, die gleichen Gesichtszüge. Doch während Alex meist verbindlich lächelte und immer bereit war, nach einem harten Arbeitstag noch ein Bier trinken zu gehen, sah dieser Mann nicht so aus, als ob er gern mit anderen zusammen war. Kein Zweifel, dies war Señor Rodrigo del Toro. Nathan hatte Chance schon gesagt, dass er nicht besonders umgänglich sei. Die Untertreibung des Jahres …

„Dies ist Chance McDaniel, Papa“, erklärte Gabriella leise, wirkte aber nicht eingeschüchtert. „Ein Freund von Alex.“

Und der Hauptverdächtige in dem Entführungsfall, ergänzte Chance in Gedanken. Gut, dass sie das nicht erwähnte.

Aber das war auch nicht nötig. Denn Rodrigo sah ihn so hasserfüllt an, dass klar war, dass er über den Klatsch informiert war, der in der Stadt kursierte. „Was will der hier?“, fragte er, an die Tochter gewandt, die aufgestanden war und sich neben den Vater gestellt hatte. Joaquin war hinter Chance getreten, wahrscheinlich bereit, sofort die Waffe zu ziehen, sowie Chance eine ungewöhnliche Bewegung machte.

„Guten Tag, Señor del Toro“, sagte Chance freundlich. „Alex hat mir schon viel von Ihnen erzählt.“

Einen Moment lang herrschte angespanntes Schweigen.

„Ich wollte Alex besuchen“, fuhr er fort und sah Rodrigo dabei fest in die Augen. Ein McDaniel ließ sich von niemandem einschüchtern, auch nicht von einem Rodrigo del Toro.

Er sah, wie Gabriella versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken, und das machte ihm Mut, auch als Rodrigo ihn anfuhr: „Verschwinden Sie! Sie haben in diesem Haus nichts zu suchen.“

„Aber Papa …“ Beschwichtigend legt Gabriella ihm die Hand auf den Arm.

„Gabriella!“, fuhr er sie so heftig an, dass sie erschrocken zusammenzuckte. „Und Sie, Mr. McDaniel, sind hier alles andere als willkommen!“

Das reichte. Dass dieser Rodrigo ihn beschimpfte, konnte Chance wegstecken. Aber dass er in diesem Ton mit seiner Tochter sprach, ging entschieden zu weit. „Ich bin davon ausgegangen, dass dies immer noch Alex’ Haus ist. Und ich gehe jede Wette mit Ihnen ein, dass ich mehr Zeit hier verbracht habe als Sie. Ich war hier immer willkommen und bin es auch jetzt noch. Es sei denn, Alex wirft mich persönlich hinaus.“

Gabriella war ganz blass geworden und sah ihn entsetzt an.

Da hatte er den Bogen wohl etwas überspannt. Aber egal, er bereute kein einziges Wort. Und bevor Joaquin ihn am Schlafittchen packen und hinausbefördern konnte, nahm er seinen Hut vom Tisch und setzte ihn auf. „Señorita del Toro, es war mir ein Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Er nickte Joaquin zu, der zu Chance’ Überraschung keine Anstalten machte, auf ihn zuzukommen. „Weiter so.“

Dann ging er Richtung Eingangstür, doch Gabriella war schneller als er. Sie öffnete die Tür und blieb daneben stehen. „Ich erzähle Alejandro, dass Sie hier waren“, sagte sie leise. Schon war Joaquin hinter ihr. Für einen so großen und kräftigen Mann bewegte er sich ausgesprochen geschmeidig. Rodrigo stand immer noch im Durchgang zur Küche und starrte den ungebetenen Gast durchdringend an.

Chance konnte nicht anders. Er tippte lässig an den Hutrand und nickte Señor del Toro grinsend zu, obwohl er wusste, wie sehr Rodrigo diese Geste ärgern musste. Dann wandte er sich wieder an Gabriella. „Hoffentlich ist er nicht zu wütend“, flüsterte er ihr zu. Laut sagte er: „Und rufen Sie mich an, wenn ich etwas für Sie tun kann. Die Einladung, auf meine Ranch zu kommen, bleibt bestehen. Wann auch immer, Sie sind herzlich willkommen.“

Sie sah ihn nicht an, aber eine leichte Röte stieg ihr in die Wangen.

„Gabriella!“, donnerte Rodrigo.

„Auf Wiedersehen, Mr. McDaniel“, sagte sie leise und schloss schnell die Tür.

Auf dem Weg zu seinem Pick-up wandte Chance sich noch einmal um und blickte zu den Fenstern im ersten Stock empor. Aber Alex zeigte sich nicht. Gut, dann eben nicht.

Chance ging zu seinem Wagen und öffnete die Fahrertür. Gabriella würde sich melden, da war er ziemlich sicher. Wahrscheinlich noch nicht am folgenden Tag, aber irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft. Das Leben in diesem Haus mit dem Bodyguard, dem aufbrausenden Vater und dem Bruder, der sich nicht an sie erinnerte, musste trostlos sein. Hoffentlich hielt sie Wort und berichtete Alex, dass sein Freund Chance vorbeigekommen war.

In dem Fall war sie sicher zuverlässiger als ihr Bruder. Denn dem glaubte Chance kein Wort mehr.

3. KAPITEL

Chance musste dann doch vier Tage warten, bevor Gabriella sich meldete. Als sein Handy klingelte und er auf dem Display Alex’ Telefonnummer sah, dachte er erst, dass sein Freund ihn anrief. Vielleicht wollte er ihm sagen, dass er sein Gedächtnis wiedergefunden habe und ihm nun alles erzählen wolle.

„Hallo? Alex?“

„Äh … Mr. McDaniel?“

Das war Gabriellas weiche dunkle Stimme. „Ja. Bitte sagen Sie Chance zu mir, Gabriella.“

Einen Moment herrschte Stille. Wahrscheinlich überlegte sie, ob sie ihn mit dem Vornamen anreden sollte. Als sie immer noch schwieg, wechselte er das Thema. „Hat sich irgendwas mit Alex ergeben?“

„Nein. Er … braucht Ruhe.“ Das klang besorgt und auch erschöpft, und Chance konnte sich vorstellen, wie sehr die Situation an ihren Nerven zerrte.

„Ist Ihr Vater noch wütend auf mich?“

„Papa hat Angst um Alex, das ist alles.“ Das kam so schnell, als habe sie sich den Satz vorher zurechtgelegt.

Also ja. Der alte Rodrigo war noch wütend auf ihn. „Haben Sie nicht Lust, mal aus dem Haus zu kommen? Meine schöne Stute Nightingale würde Ihnen sehr gern die Ranch zeigen.“

Gabriella sagte nichts, seufzte aber tief auf, und er wusste, sie hatte angebissen. Sofort hatte er ihr Bild vor Augen, wie sie am Telefon stand, die vollen roten Lippen leicht geöffnet, das dunkle Haar zurückgeworfen, die dichten Wimpern halb über die großen braunen Augen gesenkt. Unwillkürlich drängte sich ihm noch ein anderes, weit beunruhigenderes Bild auf: Gabriella nackt in seinem Bett, auf ihm … Augenblicklich war er erregt.

„Und Sie haben auch ein Pferd für Joaquin?“, fragte sie leise.

„Ja. Einen kräftigen Kaltblüter, sanft wie ein Lamm. Auf dem lass ich immer die Gäste reiten, die noch nie auf einem Pferd gesessen haben.“

Sie lachte. „Okay, dann sollte es ja klappen.“

„Wann haben Sie vor zu kommen?“ Heute war Donnerstag, das Wochenende stand vor der Tür. „Die Wettervorhersage verspricht uns schöne klare Tage.“

„Wann hätten Sie denn Zeit?“

Für dich immer … Doch dann erinnerte Marty, der neben ihm stand, ihn leise an die Hochzeit am Sonnabend. Mist. Das Touristengeschäft lief jetzt im Februar zwar etwas schleppend, aber Hochzeiten wurden zu jeder Jahreszeit auf der McDaniels Acres-Ranch gefeiert. „Am Sonnabend haben wir hier eine Hochzeit für eine Familie aus Houston.“ Das war wirklich zu blöd. Der Tag wäre perfekt gewesen, um Gabriella besser kennenzulernen. „Wie wäre es denn mit Sonntagnachmittag?“

„Das geht leider nicht.“ Immerhin sagte sie nicht mehr Mr. McDaniel, allerdings auch noch nicht Chance … „Sonntags ist immer schlecht.“

Ach so, daran hatte er nicht gedacht. Die Del Toros waren katholisch. Auch Alex war gelegentlich in den Gottesdienst gegangen, aber Gabriella schien die Sache sehr viel ernster zu nehmen. War sie deshalb auch vertrauenswürdiger als ihr Bruder? Verdammt, die Gelegenheit, sie zu treffen, rückte in weite Ferne. Das durfte nicht sein, denn der alte Del Toro ließ ihn ganz sicher nicht wieder ins Haus. Wenn er Gabriella sehen wollte, musste er sie zu sich holen.

„Könnten Sie denn morgen Vormittag kommen? Es muss zwar einiges für die Hochzeitsgesellschaft vorbereitet werden, aber ich habe gute Leute, die sich darum kümmern. Und wir können in Ruhe ausreiten. Zehn Uhr? Danach können wir hier noch was zum Lunch essen.“ Sag Ja, bitte! Ob sie wohl wirklich reiten konnte oder nur mal so zum Spaß auf einem Pferd gesessen hatte?

Sie schwieg. Dann hörte er eine Stimme, die jedoch ganz eindeutig nicht Gabriella gehörte, sondern ihrem Vater. „Gabriella!“ Danach folgte eine Flut spanischer Wörter, die Chance nicht verstehen konnte. „Gut, morgen um zehn“, sagte Gabriella schnell und legte auf.

Sehr gut. Chance grinste zufrieden. Sie würde kommen. Er durfte nicht zu hoffnungsfroh sein, das war ihm klar. Aber er wünschte sich, dass sie, anders als ihr Bruder, ehrlich zu ihm war. Herauszufinden, was Alex erinnerte, war absolut wichtig. Denn auch wenn Chances Ranch noch immer recht gut lief, hatte das Geschäft wegen der in Royal kursierenden Gerüchte doch empfindliche Einbußen erlitten. Es ging um seinen guten Namen. Und auch um Gabriella. Vielleicht schaffte er es wenigstens, dass sie Chance zu ihm sagte? Auf mehr wagte er nicht zu hoffen.

Immerhin, sie hatte angerufen und wollte mit ihm ausreiten. Das war doch schon mal ein Anfang.

Am nächsten Morgen wachte Gabriella früher auf als sonst, schon vor sechs Uhr. Wie gern hätte sie eine Tasse Kaffee gehabt, ohne Joaquin zu wecken. Doch die Küche erreichte man nur durch das Wohnzimmer. Und dort schlief er, um, wie er meinte, besser hören zu können, wenn jemand ins Haus einbrach.

„Buenos días, Joaquin“, sagte sie laut, als sie ins Wohnzimmer trat. Denn er mochte es gar nicht, wenn jemand an ihm vorbeischlich. Das hatte sie als Fünfzehnjährige mal versucht, weil sie es zu Hause einfach nicht mehr aushielt. Da hatte er sie so fest am Bein gepackt, dass sie einen dicken Bluterguss bekommen hatte. Natürlich war ihm das sehr peinlich gewesen, aber er hatte instinktiv reagiert.

Sofort richtete er sich auf und sah sich kurz im Raum um. Dann zog er seine Pistole unter dem Kopfkissen hervor und steckte sie in das Halfter.

„Ich bin früh aufgewacht“, sagte sie leise. „Das ist alles. Kaffee?“

Joaquin nickte und strich sich das Haar zurück, während er aufstand. Sofort begann er mit seiner morgendlichen Kontrolle. Obgleich Alex’ Haus durch eine Alarmanlage gesichert war, wollte Joaquin kein Risiko eingehen und überprüfte sorgfältig alle Fenster und Türen. Erst musste er sich davon überzeugt haben, dass die Del Toros in Sicherheit waren, dann kümmerte er sich um die eigenen Bedürfnisse.

Gabriella machte den Kaffee extra stark. Sie freute sich auf den Ausflug und war so aufgeregt wie zuletzt an dem Tag, an dem ihr Vater ihr erlaubt hatte, ihn in die USA zu begleiten. Endlich würde sie mehr von Texas sehen als das, was sie von Alex’ Haus aus erblicken konnte. Und dann noch vom Pferderücken aus! Zu Hause in Las Cruces war sie jeden Tag ausgeritten. Seit sie hier war, hatte sie noch kein einziges Pferd gesehen. Aber an diesem Tag würde sie seit Langem mal wieder etwas Spaß haben! Bestimmt war sie vor Aufregung so früh aufgewacht.

Joaquin kehrte von seinem Inspektionsgang zurück, ließ sich an dem Küchentisch nieder und legte sein Tablet vor sich hin. Normalerweise ging er alle Nachrichten durch, um herauszufinden, ob den Del Toros von irgendwoher Gefahr drohen könnte. Doch an diesem Morgen stellte er das Gerät nicht an, sondern trank seinen Kaffee und betrachtete Gabriella aufmerksam.

Sie kannte diesen Blick. Joaquin redete selten, aber war schon so lange zu ihrem Schutz abgestellt, dass sie sich auch ohne Worte verständigen konnten. Soll ich dich wirklich mit diesem McDaniel ausreiten lassen?

„Maria bleibt heute den ganzen Tag hier“, sagte sie schnell. „Und falls Alejandro nach mir fragt, kann sie mich jederzeit erreichen. Außerdem ist Papa da. Alejandro ist also nicht allein.“

Als Joaquin fragend eine Augenbraue hob, wusste sie, er war noch nicht überzeugt. „Du hast doch gehört, was Mr. McDaniel gesagt hat“, fuhr sie hastig fort. „Er hat einen Riesenbesitz. Vielleicht können wir rausfinden, ob er irgendwo eine Möglichkeit hätte, Alex zu verstecken. Irgendein Nebengebäude oder ein verlassenes Cottage.“

Skeptisch lächelnd schüttelte er den Kopf. Wahrscheinlich ging er davon aus, dass die Polizei das Gelände längst durchsucht hatte.

Also wieder nichts. Gabriella stöhnte frustriert auf. Wenn sie es nicht schaffte, Joaquin auf ihre Seite zu bringen, wie sollte sie dann ihren Vater überzeugen? „Wir wollen zusammen Mittag essen.“ Das hörte sich doch nun wirklich harmlos an. „Und ich habe so die Gelegenheit, mit seinen Leuten zu sprechen. Vielleicht wissen die Näheres über ihn oder Alejandro.“

Doch wieder schüttelte Joaquin nur bedauernd den Kopf.

Okay. Du lässt mir keine andere Wahl. „Wenn ich heute nicht aus dem Haus komme“, sagte sie drohend, „dann erlebst du hier die Hölle auf Erden. Du musst mit mir zusammen meinen Schrank durchgehen und mir bei jedem Kleidungsstück sagen, ob es mir steht. Außerdem will ich mir mit dir die Angebote im Internet ansehen und ein paar Sachen bestellen. Ach ja, und eventuell will ich meine Frisur ändern und erwarte, dass du mir Tipps gibst. Und dann werde ich in der Küche ein paar neue Rezepte ausprobieren, und du kannst den Vorkoster spielen. Hört sich gut an, oder?“

Seit sie erwachsen war, hatte sie sich nur selten aufgelehnt, sondern meist getan, was man ihr sagte. Aber das ging zu weit. Wenn sie nicht endlich mal für ein paar Stunden aus diesem Gefängnis hier herauskam, wurde sie noch verrückt!

Lächelnd lehnte sie sich zurück und wartete. Sie wusste, die Drohung musste ein paar Minuten einwirken. Denn sich um Mode und Frisuren Gedanken zu machen war für Joaquin der absolute Albtraum. Und ihre bisherigen Kochversuche hatten immer mit einem schrillen Rauchalarm geendet. „Vielleicht sollte ich mal wieder Pfannkuchen zum Frühstück machen“, sagte sie munter. „So schlimm waren die doch das letzte Mal nicht, oder?“

Entsetzt sah Joaquin sie an. Offenbar erinnerte er sich sehr genau an die halb verkohlten Dinger, die steinhart waren und ihm noch zwei Tage hinterher schwer im Magen gelegen hatten. Denn natürlich waren er wie auch Papa und Alejandro so nett gewesen, das Ergebnis ihrer Kochkunst zu probieren.

„Wenn er Sie anrührt, bringe ich ihn um“, stieß er dumpf hervor.

„Na also“, sagte sie leicht triumphierend. Joaquins hartes Training hatte ihn zwar auf die üblichen Foltertechniken vorbereitet, nicht aber auf ihre Kocherei. „Dann muss ich nur noch Papa Bescheid sagen, und wir können los. Allerdings will ich Alejandro vorher noch sein Frühstück bringen.“

Gabriella stellte Toast, Orangensaft und Kaffee auf ein Tablett und stieg die Treppe zu den Schlafzimmern hoch. Mit dem Ellbogen stieß sie gegen die Tür. „Alejandro? Ich bin’s, Gabriella. Ich bringe dir dein Frühstück.“ Die Tür öffnete sich, und Alejandro stand vor ihr. Er trug noch seine Schlafanzughose und ein zerknittertes T-Shirt. Wortlos sah er sie an.

Nichts hatte sich geändert. Wie sehr wünschte sie sich, dass er eines Tages aufwachte und wieder ihr Alejandro war, der Bruder, an dem sie mit ganzer Seele hing. Sie hielt ihm das Tablett entgegen. „Hier. Hast du keinen Hunger?“

„Nein. Trotzdem danke“, murmelte er und machte einen Schritt zur Seite, damit sie eintreten konnte.

Das Zimmer sah schrecklich aus. Auf dem Fußboden häufte sich schmutziges Bettzeug, Socken und T-Shirts lagen überall herum, der Fernsehapparat flimmerte und tauchte alles in ein bläuliches Licht. Seit Wochen hatte Alejandro das Zimmer nicht verlassen, das war eindeutig.

„Maria kommt nachher“, sagte Gabriella und hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. „Sie macht dir was zum Lunch und räumt dein Zimmer auf. Und kümmert sich um deine Wäsche.“

Unbeeindruckt ließ Alex sich aufs Bett fallen und starrte auf den Fernsehschirm. Gabriella setzte das Tablett ab und sammelte das schmutzige Geschirr vom Vorabend ein. Den Bruder in diesem apathischen Zustand zu sehen schnitt ihr ins Herz. Anfangs war sie so froh gewesen, dass er endlich wieder aufgetaucht war. Aber je länger er sich nicht erinnern konnte, desto mehr hatte sie den Eindruck, ihn endgültig verloren zu haben. „Ich besuche heute übrigens deinen alten Freund Chance McDaniel“, sagte sie und kämpfte mit den Tränen.

Und da geschah etwas Ungewöhnliches. Alejandro wandte ihr ruckartig das Gesicht zu und sah sie aufmerksam an. Zum ersten Mal seit Wochen hatte sie das Gefühl, dass ihm dämmerte, wer sie war. Oder zumindest, wer Mr. McDaniel war. Erinnerte er sich an ihn? Vielleicht auch an die Umstände der Entführung?

Doch dann zuckte er nur mit den Schultern. „Alle Welt redet über ihn, aber …“ Er starrte wieder auf den Fernsehschirm.

Doch diesmal hatte sie ganz eindeutig den Eindruck, dass er etwas vor ihr verbarg. Sein Blick war so klar gewesen. Er musste etwas wissen. „Er hat mich auf seine Ranch eingeladen. Wir wollen ausreiten“, sagte sie leichthin und bückte sich nach der schmutzigen Wäsche, während sie ihren Bruder immer wieder forschend ansah. „Joaquin kommt natürlich mit.“

Alejandro schwieg, sah aber nachdenklich vor sich hin, als sei er aus seiner Lethargie aufgewacht.

„Vielleicht kann ich mich dort unbemerkt umsehen, um herauszufinden, ob McDaniel irgendwo jemanden verstecken könnte.“

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie der Bruder kurz den Kopf schüttelte, als hielte er diesen Plan für verrückt und überflüssig. Da konnte sie sich nicht länger zurückhalten. Sie fiel vor ihm auf die Knie und griff nach seinen Händen. „Wenn du mir irgendwas sagen kannst, falls du irgendetwas erinnerst, dann kann ich dir vielleicht helfen.“ Der lebendige Ausdruck in seinen Augen erlosch, und er sah sie unbeteiligt an. „Alejandro, hast du kein Vertrauen zu mir?“

Er entzog ihr die Hände und strich ihr etwas unbeholfen über die Wange. „Du bist …“

„Ja?“ Ihr Herz schlug schneller. „Wer bin ich?“

„Du bist … sehr nett“, sagte er nur. „Viel Spaß beim Reiten.“ Dann wandte er sich wieder ab und griff nach der Fernbedienung. Die Stimme eines Fußballreporters dröhnte durchs Zimmer.

Langsam stand Gabriella auf und wischte sich über die Wangen. Sie war davon überzeugt, dass etwas mit ihm geschehen war. Dass irgendeine Erinnerung zurückgekommen war, die er nicht mit ihr teilen wollte.

Bedrückt verließ sie ohne ein weiteres Wort den Raum und zog die Tür fest hinter sich zu. Immerhin hatte Alejandro mit ihr gesprochen. Und falls er Mr. McDaniel verdächtigte, etwas mit der Entführung zu tun zu haben, hätte er ihr sicher nicht viel Spaß auf seiner Ranch gewünscht.

4. KAPITEL

Um fünf Minuten vor zehn durchfuhren Joaquin und Gabriella das mächtige Eisentor zu der McDaniel’s Acres-Ranch und folgten der gewundenen asphaltierten Straße. Vom Rücksitz aus betrachtete Gabriella die eindrucksvolle Landschaft. Sanfte Hügel wechselten mit Baumgruppen ab, wann immer ein Bach genügend Feuchtigkeit spendete. Allerdings waren die Bäume niedrig, mehr hoch gewachsenes Buschwerk, und nicht so ausladend und hoch, wie sie es von Las Cruces her kannte.

Wie es hier wohl im Frühling aussah, nach den ersten großen Regenfällen? Die Hügel übersät mit leuchtend farbigen Wildblumen? Oder bedeckt mit frischem Gras, tiefgrün wie Chance McDaniels Augen?

Schnell richtete sie sich in ihrem Sitz auf und starrte auf Joaquins kräftigen Nacken. Sie war nicht hier, um über McDaniels Augen nachzudenken. Und überhaupt wäre sie längst wieder in Mexiko, wenn hier der Frühjahrsregen einsetzte. Würde ihre eigenen Pferde reiten und Schmuck entwerfen. Und Alejandro wäre bei ihnen und hätte sein altes Leben auf den Gütern des Vaters wieder aufgenommen. Das Leben wäre wieder so wie früher. Und genau das wollte sie doch auch. Oder?

Wieder musste sie an das letzte Gespräch mit Alejandro denken. Kurz war er aus seiner Lethargie erwacht, so wie damals nach ihrer Ankunft in Royal. Als der Vater ihm gesagt hatte, dass sie nach Las Cruces zurückkehren würden, sowie er aus dem Krankenhaus entlassen war. Da hatte der Bruder heftig reagiert und gesagt, dass er Royal auf keinen Fall verlassen würde. Danach war er wieder in Schweigen verfallen.

Bedeutete das, dass der Bruder sein früheres Leben gar nicht wieder aufnehmen wollte? Dass er trotz allem, was ihm widerfahren war, in Amerika bleiben wollte? Aber warum? Gabriella seufzte leise. Ohne Alejandros Hilfe würde sie das wohl nie herausfinden.

Aber egal, darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Sie wollte diesen Tag genießen, würde endlich mal wieder auf einem Pferd sitzen. Und mit Mr. McDaniel ausreiten. Dabei würde sie versuchen, möglichst viel über ihn und Alejandros Leben hier in Texas herauszubekommen.

Als sie sich einer Kreuzung näherten, bremste Joaquin ab. Vier Wegweiser zeigten in verschiedene Richtungen, zu den Quartieren der Angestellten, dem Swimmingpool, dem Lieferanteneingang und dem Hotel. Joaquin folgte dem Wegweiser zum Hotel, und bald kamen sie an einem dreistöckigen rustikalen Haus vorbei, dessen große Terrasse gerade mit Girlanden geschmückt wurde. Wahrscheinlich für die Hochzeit, ging Gabriella durch den Kopf. Wie kann man hier nur im Winter heiraten. Eine Hochzeit im Frühling wäre doch viel schöner.

Sie fuhren weiter geradeaus, an mehreren Wirtschaftsgebäuden vorbei, und parkten schließlich vor einer großen Scheune direkt neben einem blauen Pick-up. Auf beiden Seiten der Scheune erstreckten sich große Pferdekoppeln. Einige Pferde galoppierten, andere rieben sich den Kopf an den Pfosten. Joaquin öffnete Gabriella die Autotür. Sie stieg aus und ging direkt auf ein Pferd zu, das sich am Zaun scheuerte.

„Juckt es?“, fragte sie leise und kraulte dem Tier die Mähne. Als das Pferd vertrauensvoll den Kopf gegen ihre Hand drückte, wurde ihr auf einmal ganz leicht ums Herz. Die kühle Brise, der vertraute Pferdegeruch – wie sehr hatte sie sich danach gesehnt.

„Das Pferd hat es gut“, vernahm sie plötzlich eine raue Stimme hinter ihr und fuhr herum.

Chance McDaniel band ein Pferd an einem Pfosten fest, ließ dabei Gabriella aber nicht aus den Augen.

Ihr stockte der Atem. Sicher, der Mann, der ein paar Tage zuvor vor ihrer Tür gestanden hatte, hatte auch wie ein Cowboy ausgesehen, war allerdings eher formell gekleidet. Diesmal trug Chance Arbeitszeug: ein Jeanshemd unter einer braunen Jacke und Jeans mit schwarzen Leder-Chaps. Nur der Hut war derselbe.

Und seine Augen. Dieses tiefe Grün würde sie nie vergessen. Genauso wenig wie den Blick, den er ihr zuwarf. Er sah sie nicht an wie der sprichwörtliche Wolf das Lamm. Diesen Blick kannte sie nur zu gut – die meisten Männer sahen sie so an. Die reiche Erbin, die ihnen widerstandslos zum Opfer fallen würde. Doch Chance McDaniel war anders. In seinen Augen stand nicht die Gier nach Reichtum, sondern etwas anderes. Freude, sie wiederzusehen? Das konnte nicht sein, er kannte sie doch gar nicht. Aber was es auch war, es wärmte ihr das Herz. Und nicht nur das.

Unwillkürlich strahlte sie ihn an. „Mr. McDaniel!“

Ironisch lächelnd hob er eine Augenbraue. „Ist es so schwer, mich Chance zu nennen, Gabriella?“

Gabriella … wie er das sagte. So weich und gleichzeitig so männlich. Niemand sonst sprach ihren Namen so aus. Doch bevor sie antworten konnte, hatte Joaquin sich vor sie geschoben, und Chance grüßte ihn mit einem leichten Kopfnicken. „Morgen, Joaquin. Ich hole Ihnen gleich Ihr Pferd.“ Dann wandte er sich zu dem Pferd um, das er an den Pfosten gebunden hatte, und kraulte es zwischen den Ohren. „Dies ist Nightingale. Wir sagen Galli zu ihr.“ Er sah Gabriella an. „Ich hoffe, Sie gefällt Ihnen.“ Damit wandte er sich um und ging in die Scheune.

Während Joaquin ihm noch überrascht hinterhersah, zog Gabriella eine Tüte mit Karottenstückchen aus der Tasche, die sie vorsorglich mitgenommen hatte, und trat auf die zierliche Stute zu. Sie hielt ihr ein Stück Karotte auf der flachen Hand hin. Die Stute roch kurz daran, dann nahm sie vorsichtig die Leckerei.

„So, das schmeckt dir wohl?“, sagte Gabriella leise und hielt ihr noch ein Stück hin. Als sie klackernde Hufe vernahm, wandte sie sich um. Chance war herangekommen und starrte sie an. Unter seinem Blick überlief es sie heiß.

„Na, schon Freundschaft geschlossen?“

„Aber klar!“ Sie war knallrot geworden und senkte den Kopf. Doch als Galli sie ungeduldig anstupste, hob sie den Blick – und bemerkte erst jetzt das gewaltige Tier, das Chance am Zügel führte. „Du liebe Zeit!“

„Keine Sorge.“ Chance grinste. „Beast ist sanft wie ein Lamm.“ Er tätschelte den mächtigen Hals. „Mit ihm sollten Sie auch Freundschaft schließen.“

„Ja … natürlich.“ Etwas zögernd näherte sie sich dem großen Kaltblüter und hielt ihm ein Stück Karotte hin. „Hola, Beast.“ Ebenso vorsichtig wie Galli nahm Beast die Karotte von ihrer Hand. „Sehr schön“, murmelte sie. „Was bist du doch für ein gutes Pferd.“

„Allerdings“, bestätigte Chance, der dicht neben ihr stand. „Und er mag Sie. Sonst wäre er vor Ihnen zurückgewichen. Das macht er nämlich immer, wenn ihm jemand unsympathisch ist.“ Er reichte Joaquin die Zügel. „Da drüben ist ein Tritt. Damit können Sie leichter aufsteigen.“ Dann wandte er sich zu Gabriella um. „Kommen Sie. Ich helfe Ihnen.“

Er trat neben die Stute, beugte sich vor und verschränkte die Hände. Sie warf ihm einen schnellen Blick zu. Natürlich konnte sie allein aufsteigen, aber wenn sie mehr über ihn herausfinden wollte, musste sie freundlich sein und sein Angebot annehmen. Also setzte sie einen Fuß in seine Hände und schwang sich in den Sattel. Als er ihr die Hand um die Wade legte und den Fuß in den Steigbügel schob, stockte ihr kurz der Atem.

Obwohl sie ihn kaum kannte und nicht wusste, ob er eine Gefahr für sie oder Alejandro darstellte, fühlte sie sich bei ihm irgendwie sicher und geborgen. Was eigentlich lächerlich und auch leichtsinnig war. Auf keinen Fall durfte sie ihm zeigen, was sie bewegte. Schnell schob sie den anderen Fuß in den Steigbügel. Chance sah sie kurz an, lächelte leicht und reichte ihr die Zügel. „Bin gleich wieder da.“

Verwirrt sah sie ihm hinterher. Normalerweise wagten fremde Männer nicht, sie anzufassen. Denn sofort wäre Joaquin an ihrer Seite. Aber die Berührung von Chance McDaniel hatte sie nur als vollkommen normal und angenehm empfunden. Und auch Joaquin schien nichts dagegen einzuwenden zu haben. Er saß auf Beast und warf ihr einen Blick zu, als wollte er sagen: „Alles in Ordnung?“

„Ja. Und bei dir?“

Er nickte.

In diesem Augenblick kam Chance aus der Scheune. Er ritt einen gescheckten Wallach und sah zu Joaquin hoch. „Was reiten Sie denn sonst?“

„Einen Andalusier“, erklärte Gabriella schnell. „Und ich meine Azteca Ixchel.“

„Azteca?“ Chance ritt vor. „Ich kenne die andalusische Rasse, aber von einer aztekischen habe ich noch nie gehört.“

Gabriella ritt an seiner Seite, Joaquin bildete die Nachhut. „Azteca ist eine Mischung aus Andalusier und Mexikaner. Ixchel ist ein fantastisches Pferd, und ich hätte mit ihr gern an Wettbewerben teilgenommen, aber …“

Chance sah sie kurz von der Seite her an. „Und warum haben Sie nicht?“

„Papa hat gemeint, auf diesen Wettbewerben könne allerlei passieren und er könne nicht für meine Sicherheit garantieren.“

„Wie bitte?“

„Joaquin ist ein sehr zuverlässiger Bodyguard, aber bei dem Menschengewühl wäre es schwer für ihn, die Übersicht zu behalten. Das ist auf Las Cruces einfacher. Unserem Familiensitz“, fügte sie schnell hinzu.

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie schon immer einen Bodyguard hatten? Und nicht erst, seit Ihr Bruder entführt wurde?“

„Ja. Seit ich dreizehn bin.“

„Das ist doch nicht Ihr Ernst.“

„Doch. Die wohlhabende Schicht kann sich in Mexiko nicht sicher fühlen. Entführungen sind an der Tagesordnung. Mit hohen Lösegeldforderungen.“

Chance schwieg verblüfft. Das hatte er nicht gewusst. „Dann ist das ganz normal?“, fragte er. „Ich meine, anderthalb Jahrzehnte mit einem Bodyguard herumzuziehen?“

„Allerdings.“ Sie lachte leise. „Und nicht nur das. Das ganze Leben. Papa hat Joaquin engagiert, nachdem er meinen früheren Bodyguard Pedro ausgestochen hat.“

„Was meinen Sie mit ‚ausgestochen‘?“, fragte Chance schockiert und starrte sie an.

Machte er sich Sorgen um sie? Dieser Gedanke gefiel ihr, aber sie sollte nicht zu leichtgläubig sein. „Die Bodyguards unserer Familie müssen immer wieder Prüfungen ablegen, um ihre Fähigkeit unter Beweis zu stellen, die Mitglieder unserer Familie schützen zu können. Nur mein Vater weiß davon. Für uns andere kommt so etwas überraschend. Wer die Prüfung nicht besteht, wird entlassen.“

Abrupt hielt Chance sein Pferd an, und sofort blieb auch Galli stehen. „Was für eine Prüfung? Etwa ein versuchter Angriff? Haben Sie da keine Angst?“

Sie sah ihn nicht an. „Normalerweise sind diese Prüfungen nicht gefährlich.“

„Aber nicht immer?“

„Nein“, sagte sie leise. „Nicht immer.“

Das letzte Mal hatten die „Kidnapper“ ihren Auftrag etwas zu ernst genommen. Gabriella war in die Hauptstadt gefahren, um in einer Galerie ihre neueste Schmuckkollektion vorzustellen. Natürlich war sie in dem kugelsicheren Wagen nie echt in Gefahr gewesen, das hatte sie sich immer wieder gesagt. Aber dennoch hatte sie große Angst gehabt …

„Was ist geschehen?“, wollte er wissen.

Sie sah ihn an – und hatte wieder das Gefühl von Sicherheit und absolutem Vertrauen. „Joaquin hat mich verteidigt, wie immer.“

„Und wie oft ordnet Ihr Vater solche Tests an?“ Etwas in seiner Stimme klang alarmierend. Nicht nur ernst und besorgt, sondern auch zornig.

„Normalerweise einmal im Jahr.“

Chance fluchte leise. „Können Sie mir vielleicht mal sagen, warum, um Himmels willen, jemand seiner Tochter so etwas antut?“

„Alejandro erging es nicht anders. Auch seine Bodyguards wurden entsprechend getestet.“ Wieso konzentriert er sich plötzlich so auf mich, fragte sie sich. Doch wenn das bedeutete, dass sie irgendwie in Gefahr war, hätte Joaquin sich bestimmt schon längst gerührt. Der aber trottete nur gleichmütig auf seinem Gaul hinter ihnen her.

Ihre Antwort befriedigte Chance überhaupt nicht. „Nun spannen Sie mich doch nicht so auf die Folter“, stieß er heftig hervor. „Warum macht Ihr Vater das?“

Er hatte keine Ahnung, das wurde ihr klar. Also hatte er es auch nicht auf das Geld der Del Toros abgesehen und hatte höchstwahrscheinlich nichts mit Alejandros Entführung zu tun. Und wenn doch, dann hatte er nicht gewusst, dass Alex Santiago Alejandro del Toro war. Sollte sie ihm also erzählen, weshalb ihr Vater so um die Sicherheit seiner Kinder besorgt war?

Doch selbst nach dreiundzwanzig Jahren fiel es ihr schwer, über das Ereignis zu sprechen, das ihr ganzes Leben verändert hatte. Also ließ sie ihr Pferd in einen leichten Trab fallen und setzte sich an die Spitze. Aber so schnell wurde sie Chance nicht los. Sofort war er an ihrer Seite. „Was ist geschehen?“, drängte er.

„Unsere Mutter …“ Sie hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. „Sie wurde getötet, als sie versuchte zu entkommen.“ Nur selten endeten Entführungen auf diese Art und Weise, denn tote Opfer waren nichts mehr wert. „Sie hat sich gewehrt.“ Einerseits machte sie es stolz, dass ihre Mutter sich verteidigt hatte. Andererseits war sie wütend darüber. Vielleicht wäre sie noch am Leben, wenn sie sich still verhalten hätte. Und hätte die Tochter aufwachsen sehen, die jetzt nur noch eine sehr vage Vorstellung von der Mutter hatte.

„Wann war das?“

„Ich war vier. Alejandro war acht.“ Sie hatte ihn immer darum beneidet, dass er sehr viel mehr von der Mutter wusste als sie. Er konnte sich an Geburtstage und Weihnachtsfeiern erinnern, an Besuche bei Tante Manuela und die heilige Messe in der Kirche. Gabriella dagegen hatte nur noch verschwommene Bilder davon, wie sie mit der Mutter Rosenkränze für die Angestellten zu Weihnachten aufgezogen hatte. Auf dem Weg zum Markt, um Perlen zu kaufen, war die Mutter entführt worden.

„Das hat er mir nie erzählt.“

Sie sah, dass Chance verletzt war. „Sie müssen verstehen, Alejandro …“ Sie stockte und holte tief Luft. „Alejandro kann sich an mehr erinnern als ich. Es ist sehr schmerzhaft für uns.“

„Das glaube ich.“

Sie schwiegen. Der Pfad wurde schmaler, als sie tiefer in den Wald vordrangen. Gabriella zwang sich, die Gedanken an die Mutter zu verdrängen. Das gelang ihr gut, sie hatte reichlich Übung darin. „Wo wir leben, gibt es keinen Winter. Hier sieht alles so anders aus. Selbst die Pferde.“

„Warten Sie nur, bis die ihr Winterfell verlieren. Das ist vielleicht eine Schweinerei.“ Dann wies er auf einen Hügel in der Ferne. „Aber der Frühling hat auch seine guten Seiten. Zum Beispiel wenn die wilden Hyazinthen blühen und das Land mit einem blauen Teppich überziehen.“

„Das würde ich gern mal sehen.“ Ob sie dann immer noch bei Alejandro wohnen und jeden Tag aufs Neue hoffen würden, dass er endlich sein Gedächtnis wiederfand?

„Wenn Sie dann noch hier sind, müssen Sie unbedingt noch mal kommen. Wie lange werden Sie bleiben?“

„Keine Ahnung. Auf alle Fälle wird Alejandro nicht mit uns zurückkehren.“ Das hatte sie anfangs überhaupt nicht verstehen können. Aber jetzt, hier in freier Natur, wurde ihr klar, warum er bleiben wollte.

„Wie geht es ihm denn heute?“

„So wie immer. Keine Veränderung.“ Chance brauchte nicht zu wissen, dass die Erwähnung seines Namens etwas in dem Bruder ausgelöst hatte. Wenigstens jetzt noch nicht.

Sie ritten weiter. Hin und wieder machte Chance Gabriella auf einen besonders reizvollen Ausblick aufmerksam. „Sieht hier denn nun alles ganz anders aus als auf Ihrer Ranch in Mexiko?“, wollte er wissen.

Oh, ja … Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Gabriella das Gefühl von Freiheit. Sie ritt über ein Gelände, das nicht von Zäunen umgeben war und von bewaffneten Wächtern kontrolliert wurde. Ein Gelände, in dem jedes Zeichen von Zivilisation fehlte. „Ja“, meinte sie und blies sich das Haar aus der Stirn. „Bei uns gibt es mehr Bäume. Wir haben keinen richtigen Winter. Die Temperatur sinkt selten unter den Gefrierpunkt. Ich hatte mich schon auf den Schnee hier gefreut.“

„Bei uns schneit es leider auch nicht sehr oft. Aber wenn, sieht alles wunderschön aus.“

Sie schaute ihn kurz von der Seite her an. Wie er im Sattel saß, lässig und doch konzentriert. In einer Hand hielt er die Zügel, die andere hatte er leicht auf die Hüfte gestützt. Wie ein richtiger Cowboy im Film. Unwillkürlich musste sie lächeln.

In diesem Augenblick richtete er den Blick auf sie. „Was ist?“

Sie wurde rot. „Ich habe gerade daran gedacht, dass Sie hier auch mit Alejandro unterwegs waren.“

„Ja. Er liebte es, um die Wette zu reiten. Normalerweise hat meine Köchin Franny uns etwas zum Lunch eingepackt, und es ging dann darum, wer als Erster unten am Bach bei unserem Picknickplatz war.“

Die Erinnerungen schmerzten, das spürte sie genau, und tröstend legte sie ihm eine Hand auf den Arm. „Das wird auch wieder so sein. Er kommt zurück, ganz bestimmt.“

„Als wer? Ich weiß nicht mehr, wer er ist. Ihr Bruder oder mein Freund? Das scheinen zwei verschiedene Menschen zu sein.“

Er sah sich um, und auch Gabriella warf einen Blick auf Joaquin. Unwillkürlich musste sie seufzen. Freiheit? Auch das war nichts als eine Illusion.

5. KAPITEL

Machte Gabriella ihm etwas vor? Oder war sie ehrlich ihm gegenüber? Wäre er überhaupt in der Lage, den Unterschied festzustellen? Chance traute seiner Menschenkenntnis nicht mehr. Schließlich hatte er auch Alex Santiago für einen aufrechten Mann gehalten. Und was hatte er davon? Er war der Hauptverdächtige in dessen Entführungsfall.

Aber Gabriella war anders. Undenkbar, dass ihre Geschichte von der Mutter eine Lüge war. Dazu hatte sie viel zu betroffen gewirkt. Sie konnte ihm unmöglich etwas vorgespielt haben. Doch so ganz leuchtete ihm nicht ein, was sie ihm erzählt hatte. Die Sache mit dem Bodyguard schon, denn schließlich war Alex entführt worden. Und wenn die Familie so reich war, wie Gabriella behauptete, dann mussten die Del Toros wirklich rund um die Uhr bewacht werden.

Aber war die Entführung und Ermordung der Mutter wirklich der Grund, weshalb der Vater Gabriella ununterbrochen bewachen ließ und ihre Bodyguards ständig irgendwelchen Tests unterzog? Das war schon irgendwie seltsam.

Rodrigo del Toro war Chance nicht wirklich sympathisch. Die erste Begegnung hatte ihn nicht gerade für Gabriellas Vater eingenommen. Und als er jetzt hörte, welchem Schrecken er die Tochter immer wieder aussetzte, war der Mann für ihn gestorben.

Verstohlen betrachtete er Gabriella aus den Augenwinkeln. Toll, wie sie auf dem Pferd saß. Glücklicherweise sah sie nicht so aus, als wolle sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Gott sei Dank, denn weinenden Frauen gegenüber fühlte Chance sich hilflos. Sie hielt sich sehr gerade, hatte die Schultern zurückgenommen und sah konzentriert geradeaus. Die dunkelbraunen Reithosen saßen wie angegossen. Über einem Pullover trug sie ein tailliertes Jackett, das ihre königliche Haltung und ihre perfekten Formen betonte. Die Hände kribbelten ihm, als er sich vorstellte, ihre nackte Haut zu berühren.

Sie war anders als die Frauen hier, die sich ständig um ihre Figur Gedanken machten und nie mit sich zufrieden waren. Gabriella war auf eine angenehme Art selbstbewusst und schien nicht darüber nachzudenken, welchen Eindruck sie auf Männer machte. Außerdem wirkte sie vollkommen ruhig. Das konnte mit Joaquin zu tun haben oder aber damit, dass die kleine Geschichte, die sie Chance erzählt hatte, sie nicht weiter beunruhigte.

Weil sie nicht wahr war? Der Gedanke gefiel ihm gar nicht.

„Könnte ich den Platz sehen?“, unterbrach sie ihn schließlich in seinen Gedanken. „Ich meine, da an dem Bach, wo Sie mit Alejandro manchmal Picknick gemacht haben.“

„Selbstverständlich. Wollen wir auch um die Wette reiten?“

Sie warf ihm ein bedauerndes Lächeln zu. „Nur zu gern. Aber ich fürchte, Joaquin kann nicht mit uns Schritt halten, und er wird ziemlich sauer sein, wenn wir ihn zurücklassen.“

„Verstehe. Aber eins ist mir rätselhaft: Wenn Ihr Vater so um die Sicherheit der Familie besorgt ist, weshalb hat er dann nicht darauf gedrungen, dass Alex auch in den USA einen Bodyguard hat? Außer Mia, der Haushälterin, war niemand bei ihm.“

Wieder errötete Gabriella und sah dabei so entzückend aus, dass Chance beinahe seine Frage vergaß. Ihre gerade Haltung, die schlanken langen Beine, die die Pferdeflanken fest umschlossen … Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Im Gegensatz zu Cara, die sich nie wohl auf dem Rücken eines Pferdes gefühlt hatte, genoss es Gabriella ganz offensichtlich, im Sattel zu sitzen.

„Das fanden Sie doch sicher besser, Mr. McDaniel …“

„Chance.“

Lächelnd sah sie ihn an. „Chance …“

Wie sie das sagte, klang es wie eine Liebkosung. Und Chance war plötzlich vollkommen egal, ob ihr Bruder ein gewohnheitsmäßiger Lügner und ihr Vater ein sadistischer Kontrollfreak waren. Oder ob sie ihm diese tränenseligen Geschichten nur erzählte, um ihn an der Nase herumzuführen. Er wollte sie küssen, und ihn interessierte nur, ob sie seinen Kuss erwidern würde.

„Um es vorsichtig auszudrücken: Mein Bruder und ich waren nie besonders froh darüber, dass wir ständig beobachtet wurden.“

„Dann haben Sie auch versucht, sich dagegen aufzulehnen?“

„Allerdings. Als Alejandro im Rahmen seiner Ausbildung einen Job bei Del Toro Energy annahm, zog er in ein Apartment in der Hauptstadt. Zwar hatte er immer noch einen Bodyguard, aber er konnte so ziemlich tun und lassen, was er wollte. Er fand sehr schnell Freunde und war sehr beliebt.“

Und ich nicht … Ihr Tonfall machte deutlich, dass sie den Bruder um diese Freiheit beneidet hatte. Und bei der Vorstellung, dass der alte Del Toro seine Tochter wie in einem goldenen Käfig hielt, stieg heiße Wut in Chance auf. Doch er nahm sich zusammen. „Alex war auch hier sehr beliebt. Ein prima Kerl.“ So wenigstens hatte man ihn bisher immer eingeschätzt.

„Das freut mich. Als Papa ihn in die USA schicken wollte, hat sich Alejandro geweigert, seinen Bodyguard Carlos mitzunehmen. So etwas brauche man hier nicht, das sei unamerikanisch. Papa musste schließlich nachgeben.“

Aha, dann wollte Alex als Amerikaner gelten. Keiner sollte wissen, dass er Mexikaner ist, dachte Chance.

„Und dann wurde er hier entführt“, fügte sie leise hinzu.

„Wir sind gleich da.“ Chance bog auf einen schmalen Pfad ein, der zum Bach führte. Was Gabriella ihm erzählte, verwirrte ihn. Dass Alex keinen Bodyguard in Texas haben wollte, war verständlich. Aber warum wollte der alte Rodrigo überhaupt, dass sein Sohn in die USA ging? Und dann noch unter falschem Namen?

Hatte Alex nur so getan, als sei er sein Freund? Aber weshalb? Was steckte dahinter? Und konnte er, Chance, Gabriella trauen? Sprach sie die Wahrheit, oder machte auch sie ihm nur etwas vor? Sie wurde leicht rot, verlor aber nie die Fassung. Und was sie von ihrem Leben erzählte, war anrührend, ohne dass sie bewusst sein Mitleid erregen wollte. Verdammt, er konnte sie einfach nicht einschätzen.

Am Bachufer stieg er ab und sah bestürzt auf das Rinnsal zu seinen Füßen. In den letzten Jahren hatte es viel zu wenig geregnet, und die Rancher stöhnten über die Trockenheit. Für das Vieh musste Wasser herbeigeschafft werden, was weder einfach noch billig war. Aber es musste sein, sonst würden auch bald die Gäste auf seiner Ranch ausbleiben. Sie brauchten wirklich dringend Regen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er. Doch bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte, war sie vom Pferd gesprungen und schüttelte lächelnd den Kopf. „Danke, nein.“

„Wie ist es mit Ihnen?“ Auffordernd sah Chance Joaquin an. Auch der schüttelte den Kopf, blieb aber sitzen.

„Er kann die Situation besser von da oben überwachen“, erklärte Gabriella.

„Ach so.“ Chance nickte. Es war eindeutig, die beiden hatten über die Jahre ein Vertrauensverhältnis aufgebaut und konnten sich auch ohne Worte verständigen. Wie alt dieser Joaquin wohl war? Sicher zu alt für Gabriella, etwas anderes hätte der alte Rodrigo auch gar nicht zugelassen. Denn eine Affäre zwischen seiner Tochter und einem niederen Angestellten, das käme ja wohl überhaupt nicht infrage.

Auf der kleinen Lichtung am Bachufer wuchs genug Gras für die Pferde, und die hohen Bäume spendeten Schatten, was in den heißen texanischen Sommern besonders willkommen war. Interessiert sah Gabriella sich um. „Sind Sie hier aufgewachsen?“

„Ja.“ Schade, dass er Franny nicht gebeten hatte, ihnen etwas zum Lunch einzupacken. Hier waren sie viel ungestörter als auf der Ranch. Er wies auf einen dicken Zweig, der fast bis zum Bachufer reichte. „Da hatten wir unser Seil befestigt, von dem aus wir uns ins Wasser fallen ließen. Das kann man sich bei der Pfütze jetzt kaum noch vorstellen. Aber damals war der Bach an dieser Stelle fast zwei Meter tief.“

„Sind Sie hier auch mit Alejandro geschwommen?“

Chance lachte leise. „Nein. Er ist nur einmal vorsichtig hineingewatet. Ich weiß gar nicht, ob er schwimmen kann.“ Ob sie …? Sofort stellte er sie sich in einem knappen Bikini vor. „Können Sie schwimmen?“

Sie antwortete nicht gleich, sondern beugte sich vor, hob einen Stein auf und warf ihn in die Pfütze. Plop, machte es leise. „Ja“, sagte sie dann. „Zu Hause haben wir einen Pool.“

„Ich habe auch einen Pool bauen lassen, bevor ich das Hotel eröffnet hab. Bei uns im Sommer braucht man einen.“ Ob sie dann noch hier war? Wahrscheinlich nicht, der Vater würde bestimmt dafür sorgen, dass seine Kinder das „gefährliche“ Texas möglichst bald verließen. Die Sicherheit der Familie ging ihm über alles. Schade, dann würde er Gabriella nicht im Bikini sehen – den sie sicher fantastisch ausfüllte.

Gabriella … Sie gab ihm wirklich Rätsel auf. Wie leicht könnte sie ihm das arme Kind reicher Eltern vorspielen, das in einem goldenen Käfig lebte und unter einem gewalttätigen Vater litt. Sie könnte an sein Mitleid, an seine Ritterlichkeit appellieren und hätte damit sofort Erfolg, da war er sicher. Aber sie tat es nicht.

Stattdessen präsentierte sie sich als selbstbewusste Frau, die keine Hilfe brauchte. „Wann haben Sie denn Ihr Hotel eröffnet?“, fragte sie und lächelte freundlich.

„Vor ein paar Jahren. Wir haben uns auf Hochzeitsfeiern unter einem bestimmten Thema spezialisiert, arbeiten aber auch mit Reiseunternehmen zusammen. Einmal haben wir sogar ein Dinner veranstaltet, bei dem ein Mord geschah. Natürlich kein richtiger“, fügte er schnell hinzu. „Aber alle Gäste mussten Detektiv spielen. Und das Ganze stand unter dem Motto der Serie Dallas, die damals gerade im Fernsehen wiederholt wurde.“

„Aha.“ Ruhig sah Gabriella ihn an. Nichts in ihrem Gesicht hatte sich verändert, und doch war ihm, als wäre kurz ein Schatten darübergehuscht. Irgendwie wirkte sie … kälter. „Sie lieben Ihr Land?“

Verdammt, was war mit ihr los? Irgendein Faden war gerissen, und er wusste nicht, warum. „Ja. Es ist seit über hundert Jahren im Besitz meiner Familie. Ich gehöre zu der vierten Generation der McDaniels hier. Aber mit Landwirtschaft und Viehzucht ist nicht mehr viel Geld zu verdienen. Also setze ich auf den Tourismus. Und das geht ganz gut.“

Sie nickte ernst, sah ihn einmal von oben bis unten an und ging dann zu ihrem Pferd zurück. Mit einer Leichtigkeit, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan, saß sie auf. Peinlich, dachte Chance. Und er hatte geglaubt, sie brauche seine Hilfe. Aber irgendwie hatte er sie berühren wollen, um zu sehen, wie sie darauf reagierte. Sie musste gemerkt haben, dass sie ihn nicht kaltließ, und hätte das ausnutzen können.

Aber genau das hatte sie nicht getan. Sie hatte ihn nur von oben herab angesehen, mit diesem unschuldigen Blick, der etwas in ihm ausgelöst hatte. Was er vielleicht noch bereuen würde, wenn er an ihren cholerischen Vater dachte.

Auch er bestieg sein Pferd, und sie machten sich auf den Rückweg. „Franny wartet mit dem Lunch auf uns“, erklärte er.

„Erzählen Sie mir von Alejandro“, sagte sie sehr bestimmt, und Chance war klar, dass sie nicht Konversation machen wollte. Das klang eher nach einem Kreuzverhör. Und sie ist die Schwester des Mannes, der meinen Ruf wiederherstellen kann, dachte Chance. Nur Alex wusste, dass er, Chance, nichts mit der Entführung zu tun hatte. Aber leider konnte der Freund, wenn er denn ein Freund war, sich an nichts mehr erinnern. Und war in seinem hilflosen Zustand jetzt vielleicht sogar böswilligen Manipulationen ausgesetzt.

All das durfte Chance nie vergessen. Sosehr er sich auch zu Gabriella hingezogen fühlte und so anrührend ihre Geschichten waren, hier ging es in erster Linie darum, seinen guten Ruf wiederherzustellen. Entschlossen reckte Chance das Kinn. Und erst dann sollte ihn interessieren, was mit Alex geschehen war. „Was wollen Sie wissen?“

„Sie sagten, er war beliebt?“

„Ja. Er kam und warf mit Geld um sich. Zwar waren eine ganze Reihe von Leuten misstrauisch, aber Geld besitzt nun mal eine große Überzeugungskraft.“ Chance selbst war anfangs misstrauisch gewesen. Weshalb war Alex gerade nach Royal gekommen? Was wusste er von der Stadt?

„Das stimmt.“ Sie schwieg kurz. „Wusste gar nicht, dass mein Bruder ein solcher Angeber ist“, sagte sie dann und schüttelte lächelnd den Kopf.

„So schlimm war es auch wieder nicht“, beruhigte Chance sie. „Aber verraten Sie mir eins: Wo haben Sie eigentlich Englisch gelernt?“

„Warum fragen Sie?“

„Sie haben einen ganz bestimmten Akzent, nicht amerikanisch, aber auch nicht mexikanisch oder spanisch. Klingt sehr hübsch.“ Das hätte er nicht sagen sollen, denn mit Komplimenten kam er nicht weiter, im Gegenteil.

Gabriella sah ihn mit ihren großen dunklen Augen lächelnd an. „Papa mag den amerikanischen Akzent nicht. Ich hatte deshalb nur Lehrer aus England.“

Der gute Papa mochte wohl überhaupt nichts Amerikanisches. Warum, um Himmels willen, hatte er dann den Sohn nach Texas geschickt? „Und Alex’ Lehrer, kamen die auch aus England?“ Das würde Chance wundern, denn Alex hatte nicht Gabriellas Akzent.

Sie schlug die Augen nieder. „Papa hielt es für sinnvoller, dass Alejandro mit der amerikanischen Aussprache vertraut war.“

Aha. Dann hatte Rodrigo del Toro den Sohn dazu erzogen, sich nahtlos in die amerikanische Gesellschaft einzufügen. Warum? Um als Spion zu arbeiten? Aber in so einer unbedeutenden Stadt wie Royal? Seltsam. Die Tochter dagegen sollte etwas Besseres sein …

Typen wie Rodrigo del Toro gingen Chance total gegen den Strich. Männer, die ihre Kinder als Schachfiguren missbrauchten und, das war das Schlimmste, so taten, als geschähe das nur aus Rücksicht und Sorge. Chance’ eigene Eltern waren beruflich nicht sehr erfolgreich gewesen, denn die Ranch hatte nicht viel abgeworfen. Aber sie hatten sich und den Sohn sehr geliebt und hatten für ihn getan, was sie nur konnten.

Natürlich konnte er Gabriella nicht sagen, was er von Rodrigo del Toro dachte, denn es war klar, dass sie ihren Vater liebte. Deshalb hielt er sich zurück, auch weil er die näheren Umstände nicht kannte und sich ein Urteil über die Familie nicht erlauben wollte.

Also lächelte er nur freundlich. „Wenn Sie irgendetwas wissen wollen, können Sie mich gern fragen.“

„Danke. Das werde ich tun.“

Und das klang tatsächlich so, als sei es ihr ernst damit.

6. KAPITEL

Vor der Scheune stiegen sie ab. „Wo kommen die Sättel hin?“, fragte Gabriella, als Marty auf sie zukam. Sie hatte das Pferd bereits abgesattelt und sah Chance fragend an.

„Lassen Sie nur. Marty kümmert sich darum. Er nimmt Ihnen auch gleich Galli ab.“

„Warum? Zu Hause versorge ich mein Pferd auch immer selbst.“

Joaquin, der gerade den Sattelgurt löste, nickte bestätigend.

Donnerwetter. Gabriella war vielleicht im goldenen Käfig aufgewachsen, aber verhätschelt war sie nicht. „Marty kümmert sich darum“, wiederholte Chance. Und als Gabriella unwirsch die Augenbrauen zusammenzog, setzte er schnell hinzu: „Fran wartet mit dem Lunch auf uns.“

Autor

Merline Lovelace
Als Tochter eines Luftwaffenoffiziers wuchs Merline auf verschiedenen Militärbasen in aller Welt auf. Unter anderem lebte sie in Neufundland, in Frankreich und in der Hälfte der fünfzig US-Bundesstaaten. So wurde schon als Kind die Lust zu reisen in ihr geweckt und hält bis heute noch an.
Während ihrer eigenen Militärkarriere diente...
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Janice Maynard
Janice Maynard wuchs in Chattanooga, Tennessee auf. Sie heiratete ihre High-School-Liebe während beide das College gemeinsam in Virginia abschlossen. Später machte sie ihren Master in Literaturwissenschaften an der East Tennessee State University. 15 Jahre lang lehrte sie in einem Kindergarten und einer zweiten Klasse in Knoxville an den Ausläufern der...
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Sarah M. Anderson
Sarah M. Anderson sagt, sie sei 2007 bei einer Autofahrt mit ihrem damals zweijährigen Sohn und ihrer 92-jährigen Großmutter plötzlich von der Muse geküsst worden. Die Geschichte, die ihr damals einfiel, wurde ihr erstes Buch! Inzwischen konnte sie umsetzen, wovon viele Autoren träumen: Das Schreiben ist ihr einziger Job, deshalb...
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