Baccara Spezial Band 15

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WER STIRBT SCHON IN DER WEIHNACHTSNACHT?
von NICOLE HELM

Zwei Jahre ist es her, dass Wills Noch-Ehefrau bei einem Autounfall ums Leben kam. Entgegen aller Untersuchungen ist er überzeugt: Es war ein raffiniert getarnter Anschlag. Als Gerichtsmedizinerin Gracie den Fall jetzt endgültig abschließen will, trifft es Will doppelt. Zum einen wegen des Mordes. Aber auch, weil er längst mehr von Gracie will …

MORD UND MISTELZWEIG
von BARB HAN

Ihre Nichte Clara, ein Teenager, hat sich das Leben genommen? Es zerreißt Leanne fast das Herz. Der Schmerz wird noch größer, als Rancher Dalton behauptet, es sei Mord gewesen. Genau wie bei seiner Highschool-Liebe vor vierzehn Jahren! Eine entsetzliche Theorie, die er mit ihr gemeinsam beweisen will. Aber dafür müssen sie den Täter überführen …

LETZTE RETTUNG IN CHICAGO
von DEBRA WEBB

"Ich bin unschuldig!" Nichts würde Lacon Traynor von der renommierten Colby Agency der schönen Marissa Frasier lieber glauben. Aber es bleiben zwei offene Fragen: Warum lag ihr Ex-Mann eines Morgens erschossen neben ihr im Bett? Und wenn sie ihn nicht umgebracht hat - wer dann? Bis er die Lösungen herausfindet, muss er Marissa beschützen …

  • Erscheinungstag 17.12.2021
  • Bandnummer 15
  • ISBN / Artikelnummer 9783751500821
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Nicole Helm, Barb Han, Debra Webb

BACCARA SPEZIAL BAND 15

NICOLE HELM

Wer stirbt schon in der Weihnachtsnacht?

Zwei Jahre ist es her, dass Wills Noch-Ehefrau bei einem Autounfall ums Leben kam. Entgegen aller Untersuchungen ist er überzeugt: Es war ein raffiniert getarnter Anschlag. Als Gerichtsmedizinerin Gracie den Fall jetzt endgültig abschließen will, trifft es Will doppelt. Zum einen wegen des Mordes. Aber auch, weil er längst mehr von Gracie will …

BARB HAN

Mord und Mistelzweig

Ihre Nichte Clara, ein Teenager, hat sich das Leben genommen? Es zerreißt Leanne fast das Herz. Der Schmerz wird noch größer, als Rancher Dalton behauptet, es sei Mord gewesen. Genau wie bei seiner Highschool-Liebe vor vierzehn Jahren! Eine ent- setzliche Theorie, die er mit ihr gemeinsam beweisen will. Aber dafür müssen sie den Täter überführen …

DEBRA WEBB

Letzte Rettung in Chicago

„Ich bin unschuldig!“ Nichts würde Lacon Traynor von der renommierten Colby Agency der schönen Marissa Frasier lieber glauben. Aber es bleiben zwei offene Fragen: Warum lag ihr Ex-Mann eines Morgens erschossen neben ihr im Bett? Und wenn sie ihn nicht umgebracht hat – wer dann? Bis er die Lösungen herausfindet, muss er Marissa beschützen …

1. KAPITEL

Gracie Delaney gefiel ihr Spitzname „Todesengel“ nicht, aber es lag ein Körnchen Wahrheit darin. Wenn sie bei jemandem hier in Bent, Wyoming, an der Tür klingelte, dann wusste die Person, was auf sie zukam.

Dass Gracie noch jung war und wie die liebe Nachbarin von nebenan wirkte, täuschte mittlerweile niemanden mehr. Sie war die Gerichtsmedizinerin für Bent County, und der Tod war ihr Alltag. Dabei war es nicht so schlimm, wie manche behaupteten. Sie kannte den Tod schon lange, denn sie war dabei gewesen, als ihre Eltern bei einem Autounfall gestorben waren. Ironischerweise war das Leben härter als der Tod. Zu sterben war einfach. Es passierte einmal. Wie jemand gestorben war, war manchmal ein Rätsel, aber bisher hatte sie diese seltenen Rätsel immer gelöst.

Das Leben hingegen brachte Hunderte Rätsel mit sich, die sie nie lösen konnte. Gracie stellte ihren Wagen auf Will Coopers Hof ab und atmete tief durch. Eines dieser Rätsel war die Frage, wieso sie zwei Jahre später immer noch nach Will sah.

Sie hatte schon vielen Menschen die Nachricht vom Tod ihrer Liebsten überbringen müssen. Etliche dieser Gespräche waren ihr im Gedächtnis geblieben, und einige verfolgten sie bis in den Schlaf, aber allein Wills Reaktion auf den Tod seiner Frau hatte sie ihre Professionalität vergessen lassen.

Vermutlich lag es daran, dass Will einfach nicht glauben wollte, seine Frau wäre von der Straße abgekommen und gegen einen Baum gefahren. Er beharrte darauf, dass es kein Unfall gewesen sei und dass man in den Ermittlungen etwas übersehen hatte.

Gracie hatte Mitgefühl mit Will – er konnte der Wahrheit nicht ins Auge blicken. Deshalb hatte sie ihm Zugang zu Unterlagen verschafft, die sie ihm nicht hätte geben dürfen. Sie hatte ihm wieder und wieder bewiesen, dass eine vereiste Straße und ein Baum für den Tod seiner Frau verantwortlich gewesen waren. Aber Will beharrte auf seiner Theorie: Die Affäre seiner Frau stecke hinter allem.

Gracie stieg aus ihrem Pick-up aus und betrachtete die baufällige Hütte, in der Will zurzeit lebte. Er stammte ursprünglich nicht aus Bent, sondern war in die Stadt gezogen, als er Paula Carson geheiratet hatte. Doch Paulas Tod hatte ihn verändert. Will hatte sich zurückgezogen, und weil er keine Familie in Bent hatte, gab es niemanden, der sich über das seltsame, einsame Leben dieses Mannes Gedanken machte.

Außer Gracie. Man konnte behaupten, sie war seine einzige Verbindung zum Rest der Welt. Und sie wünschte sich innig, ihm helfen zu können.

„Das wirst du auch“, sagte sie zu sich selbst. „Hier und jetzt.“ Sie hatte ihm zu lange erlaubt, sich seiner Verschwörungstheorie hinzugeben. Es musste aufhören. Will durfte keine alten Berichte mehr lesen, er durfte nicht mehr die Straßen abfahren, um Kurven und Fahrtwinkel zu analysieren. Gracie würde seine Freundin bleiben, aber sie würde seinen Wahn nicht weiter unterstützen. Will musste in den kalten Entzug, sonst stand er bald allein da. Bei dem Gedanken zog sich Gracies Magen zusammen. Kurz war sie versucht, wieder zu gehen. Doch sie wollte Will nicht im Stich lassen. Er würde allein sein. Sie musste ihm helfen. Ihn aus diesem Loch holen. Und sie mochte ein wenig vernarrt in den Mann sein, aber das spielte nur minimal in ihre Entscheidung hinein.

Gracie hörte leise Musik und ging an der Haustür vorbei um die Hütte herum. Die Tür des Schuppens stand offen. Will arbeitete an einem Projekt. Früher hatte er eine Schmiede in der Stadt besessen. Die ansässigen Ranchbesitzer hatten seine Dienste in Anspruch genommen. Touristen waren ebenso interessiert gewesen. Aber nach Paulas Tod hatte er die Schmiede geschlossen und ein Jahr lang nicht gearbeitet.

Erst im letzten Jahr hatte er wieder mit dem Schmieden angefangen. Kleine, künstlerisch angehauchte Projekte, die er für Ranches angefertigt oder dem Antiquitätengeschäft in der Stadt verkauft hatte. Gracie hatte gehofft, das würde ihn von Paulas Affäre und ihrem Unfall ablenken. Aber ihre Hoffnungen hatten sich, wie so oft, wenn es um Will ging, nicht erfüllt.

Eigentlich weißt du es besser. Sei nicht so naiv.

Sie ging zum Schuppen. Will trug einen Schweißhelm und trotz des kalten Wetters nur ein schwarzes T-Shirt, das ihm am Körper klebte. In der einen Hand hielt er ein Werkzeug, aus dem eine Flamme schoss, in der anderen eine Zange. Er erhitzte und verformte Metall. Seine beeindruckenden Oberarme, die sich unter dem engen T-Shirt abzeichneten, waren rußverschmiert.

Gracie erlaubte sich ein sehnsüchtiges Seufzen, das Will bei dem Lärm nicht hören würde. Das war’s. Sie würde es beenden. Von nun an würde sie ihm keine Informationen mehr beschaffen. Nur befürchtete sie, dass dies auch das Ende ihrer Freundschaft bedeutete.

Will schaltete den Schweißbrenner ab und schob den Helm hoch. Ein wenig Schweiß lief ihm das Gesicht hinunter, und sie konnte sich nicht erklären, wieso ihr das gefiel.

„Hey“, begrüßte er sie. „Hast du die Bilder dabei?“

Gracie schüttelte den Kopf. „Nein, Will, habe ich nicht.“

Er runzelte die Stirn, legte seine Werkzeuge zur Seite und zog sich den Helm ganz vom Kopf. „Wieso bist du dann hier?“

Autsch. Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich komme immer freitagnachmittags.“

„Aber sonst bringst du die Unterlagen mit, nach denen ich gefragt habe.“

„Ich …“ Sie räusperte sich. „Ich kann dir keine Unterlagen bringen.“

Er sah sie fragend an. Nicht wütend, einfach verwirrt.

„Ich habe dir zwei Jahre lang geholfen, meine eigenen Untersuchungen und die der Polizei zu hinterfragen. Aber jetzt …“ Sie schluckte schwer. „Jetzt nicht mehr“, sagte sie schließlich und wünschte sich sofort, es mit mehr Nachdruck gesagt zu haben.

„Jetzt nicht mehr“, wiederholte er tonlos.

„Ich bin immer noch deine Freun…“

„Ich brauche keine Freunde. Brauchte ich nie.“

Autsch. Autsch. Autsch. „Okay.“ Sie würde nicht vor ihm weinen. Sie durfte ihm nicht zeigen, wie sehr sie seine Reaktion verletzte. Was für eine Dummheit. Zwei Jahre lang hatte sie sich ihm praktisch aufgezwungen. Er mochte ein Besessener sein, aber ihr Verhalten war armselig.

Gracie blinzelte gegen die Tränen an. Dann zwang sie sich schweren Schrittes, wieder zu gehen.

„Wo gehst du hin?“, rief er ihr hinterher.

„Nach Hause.“ Sie hoffte, dass ihre Stimme sie nicht verriet. Ach, wem machte sie etwas vor? Ihm war es ohnehin egal. Wenn es nicht mit dem Fall zu tun hatte, interessierte es ihn nicht. Sie war nur ein Mittel zum Zweck gewesen, niemals mehr.

„Wieso?“

Sie lachte so bitter auf, dass es sie selbst überraschte. „Du willst keine Freundin, und ich kann dir nicht mehr helfen. Also, was soll ich noch hier?“

Will hielt sie nicht auf. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging sie zu ihrem Truck und fuhr vom Hof.

Sie musste von ihm loskommen. Um seinet- und ihretwillen gleichermaßen.

Grace stieg in ihren Truck, und Will sah ihr nachdenklich hinterher. Er hatte keine Ahnung, was gerade geschehen war. Aber es war ein verdammt schlechter Zeitpunkt.

Nachdem er zwei Jahre lang alles genauestens untersucht hatte, war er endlich auf eine geheime Datei gestoßen, eine Einkaufsliste auf Paulas Computer. Darin wurde zwar der Name ihrer Affäre nicht genannt, aber die Datei enthielt Hinweise. Zusammen mit ein paar Fotos vom Unfall hätte er etwas finden können, das beide verband.

Dabei kannte er die Bilder bis ins kleinste Detail. Er wusste alles auswendig. Deshalb war es auf lange Sicht hin verschmerzbar, Gracies Hilfe zu verlieren. Wobei es geholfen hatte, sich mit ihr über den Fall zu unterhalten. Er würde es vermissen, dass es jemanden gab, der ihn nicht als verrückt ansah – gerade wenn ihn die Angst beschlich, tatsächlich verrückt geworden zu sein. Welcher Mann untersuchte schon den Tod seiner Frau, nachdem sie ihn betrogen hatte? Und das, nachdem die Polizei ihn zu einem Unfall erklärt hatte?

Aber Will wusste es besser. Seine Ehe mochte den Bach runtergegangen sein, aber das hieß nicht, dass ihn die Angelegenheit nicht mehr betraf. Paula war umgebracht worden. Er war felsenfest davon überzeugt. Und der Mörder musste bestraft werden. Denn das würde ihm endlich Frieden bringen.

Will verstand nur nicht, wieso Gracie ihm nicht mehr helfen wollte.

Er säuberte seine Werkzeuge, während er seine neueste Auftragsarbeit kritisch betrachtete. Sie war nicht das geworden, was er sich vorgestellt hatte. Er würde von vorne beginnen müssen. Aber das musste warten. Er konnte sich nicht konzentrieren, solange das mit Gracie nicht geklärt war.

Irgendetwas musste passiert sein. Vielleicht hatte ein Freund oder ein Familienmitglied sie vor ihm gewarnt? Gracie gehörte zu den Delaneys, einer Familie aufrechter Bürger, von denen viele in der Politik oder der Strafverfolgung tätig waren.

Paula, die im Carson-Clan groß geworden war, hatte die Delaneys immer nur so genannt: „die aufrechten Bürger“. Zwischen den Carsons und den Delaneys gab es offensichtlich nicht viel außer Bitterkeit und gegenseitiger Verachtung.

Will war es egal gewesen. Streitereien um Land und romantische Tragödien, die schon über ein Jahrhundert her waren, interessierten ihn nicht. Wenn jemand ihn fragte, hatte er sich auf die Seite von Paulas Familie geschlagen – aber nur aus Loyalität.

Doch Paula lebte nicht mehr, und er war ihr keine Loyalität mehr schuldig. Manchmal befürchtete er, dass genau dieses widersprüchliche Gefühl ihn antrieb: jemanden verloren zu haben, den er einst geliebt und später gehasst hatte.

Will schüttelte den Kopf. Es war nicht nur das. Paula war damals auf dem Weg zu seiner Hütte gewesen. Nicht ein einziges Mal, selbst zu den besten Zeiten ihrer Ehe, war sie dort gewesen. Außerdem war sie ohne Handtasche unterwegs gewesen und hatte keine Schuhe getragen. Völlig untypisch für sie, die in ihrem Leben beinahe zwanghaft Ordnung hielt. Das war der erste Hinweis gewesen.

Doch auch zwei Jahre später schien das Rätsel um ihren Geliebten niemanden zu interessieren. Bis auf ihn. Gracie hatte manchmal gemeint, dass er wissen wollte, mit wem seine Frau eine Affäre gehabt hatte, weil er sich in seinem Stolz gekränkt fühlte.

Was für eine einfache und praktische Erklärung. Doch er kannte Paula zu gut, um zu übersehen, dass diese ganze Unfallgeschichte keinen Sinn ergab. Ihm ging es darum, dass ein Mörder frei herumlief.

Will versuchte, sich auf den Fall und die Fakten zu konzentrieren, aber wieder und wieder kamen Gefühle hoch, die er tief in sein Innerstes verbannt hatte. Stirnrunzelnd sah er auf die Stelle, an der Gracies Truck gestanden hatte, und ging die Unterhaltung in Gedanken noch einmal durch. Er war kurz angebunden gewesen, aber Gracie wusste, wie er war, wenn er an einem schwierigen Auftrag saß.

Bestimmt bluffte sie nur. Morgen würde sie mit einem Kaffee, einer Entschuldigung und den Fotos wiederkommen.

Er war sich sicher. Ganz sicher.

Der nächste Morgen kam. Dann der nächste und schließlich war eine ganze Woche ohne das geringste Anzeichen von Gracie vergangen. Will war stinksauer. Wie konnte sie einfach den Kontakt abbrechen? Ihn allein lassen …?

Missmutig fiel sein Blick auf das Schlüsselbrett in der Küche. Er musste einkaufen. Gracie brachte ihm meist das Nötigste, sodass er nur einmal im Monat in die Stadt fahren musste.

Wenn überhaupt.

In den letzten zwei Jahren war von seinem Leben Stück für Stück immer weniger übrig geblieben. Ohne Gracie, die ihn von dieser Einsicht ablenkte, musste er die ganze Woche daran denken. Er wollte die Hütte auf dem Berg nicht verlassen. Er wollte nicht in die Stadt fahren und sich den Kommentaren der Leute in Bent stellen. Der arme Witwer. Der Mann, der die Vergangenheit nicht loslassen konnte.

Will misstraute der Welt. Aber er würde verhungern, wenn er nicht hinausging. Er schnappte sich die Schlüssel.

Auf halbem Weg zur Tür drehte er wieder um und ging zu seinem – oder eher Paulas – Computer. Einmal noch würde er die versteckte Datei durchsehen.

Er öffnete das Dokument, das er gefunden hatte, als er in Kleinstarbeit jede einzelne Datei auf ihrem Computer durchgegangen war. Die Datei trug den Titel Einkaufsliste 16.5.

Die erste Seite war genau das. Will hatte sie unzählige Male angesehen, aber sich nicht weiter damit beschäftigt, weil die ersten Zeilen tatsächlich wie eine Einkaufsliste aussahen. Erst später war er jede Datei Wort für Wort durchgegangen, sollte sich in der Mitte eines Artikels, einer Steuererklärung oder einer To-do-Liste ein Hinweis verstecken.

In den Dateien zu ihrer Arbeit als Wirtschaftsprüferin hatte er nichts gefunden. Dann war er auf die Einkaufsliste gestoßen. Letzte Woche war ihm aufgefallen, dass sich die Liste nach zehn Sorten Gemüse wiederholte. Also hatte er weiter heruntergescrollt. Zehn Seiten lang. Zehn Seiten die gleichen Gemüsesorten. Dann hatte er es gefunden.

Es waren E-Mails, bei denen Sender und Empfänger entfernt worden waren. Nur die Betreffzeile und das Datum hatte Paula behalten. Es waren Liebesnachrichten. Oder eher Sexnachrichten.

Will war es schwergefallen, die Briefe zu lesen. Zu wissen, dass seine Frau sie geschrieben hatte, als er die Ehe noch hatte retten wollen. Ekelhaft. Aber er brauchte Hinweise. Immer noch. Also las er die Liste noch einmal. Auch wenn er wütend wurde. Auch ihm schlecht wurde. Aber er schaffte es. Er konzentrierte sich auf jedes Detail, jedes Wort, jede Erwähnung eines Treffens.

Er machte sich Notizen und verglich sie mit dem Kalender auf dem Computer.

Und dann fand er es: ein Muster.

2. KAPITEL

Gracie zwang sich zu einem Lächeln. Die Feier um sie herum kam gerade in Schwung. Für gewöhnlich ließ sich kein Delaney in der Rightful Claim, einer Bar der Carsons, sehen, aber die gesamte Stadt machte eine Ausnahme, denn Gracies Cousine Laurel feierte ihre Verlobungsfeier mit dem Besitzer der Bar, Grady Carson.

Gracie freute sich für Laurel, aber selbst das kam nicht gegen die Sorge um Will an. Sie hasste sich dafür. Sie bedeutete ihm offensichtlich nichts. Aber seine Vorräte mussten bald zur Neige gehen, und sie war sich nicht sicher, ob er seine kleine Hütte verlassen würde.

Selbst wenn. Seine Entscheidung, wenn er verhungern will.

Gracie bahnte sich einen Weg zur Theke. Gewöhnlich trank sie nichts, dieses leicht schwummrige, enthemmte Gefühl war nichts für sie. Aber ein Drink würde die Gedanken, die ihr im Kopf herumschwirrten, vielleicht zum Schweigen bringen.

Das hat nichts mit deinen Gedanken zu tun. Das sind deine Gefühle.

Oh, sie brauchte definitiv diesen Drink. Doch sie war noch nicht an der Theke angekommen, als die Tür aufging. Will trat ein. Er stand direkt unter der Weihnachtsbeleuchtung, die so gar nicht in diese Wild-West-Bar passte und gleichzeitig irgendwie perfekt aussah.

Ich muss träumen, dachte sie. Doch Will kam direkt auf sie zu. Sie war so überrascht, dass ihr die Worte fehlten. Will kam selten in die Stadt und wenn überhaupt, dann nur, um zur Post, zur Tankstelle oder zum Supermarkt zu fahren. Niemals würde er an einen Ort gehen, an dem sich viele Menschen aufhielten.

„Will, was machst du …“

„Ich habe etwas gefunden“, sagte er. „Ich brauche deine Hilfe.“

Gracie warf einen Blick in die Menge. Mehrere Personen sahen zu ihnen. Gracie wusste, was sie dachten. Will Cooper war verrückt und die arme Gracie Delaney ließ ihn machen, weil sie es nicht besser wusste.

Dabei wusste sie es besser, aber das musste sie niemandem beweisen.

„Lass uns draußen reden“, flüsterte sie. Sie wollte nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Kurz zögerte sie, dann wagte sie es: Sie hakte sich bei ihm unter, als wären sie Freunde, und zog ihn zur Tür.

Will folgte ihr. Einen Augenblick war sie sich sicher, dass sein Arm, nein, sein ganzer Körper zitterte. Sobald sie durch die Schwingtür nach draußen gegangen waren, löste sich Will von ihr. Er ging auf dem Bürgersteig hin und her und fuhr sich durch die zu lang gewordenen Haare. Selbst im warmen Licht der mit Lichterketten behangenen Straßenlaternen sah er wild aus. Und verzweifelter als je zuvor.

Das bildest du dir ein, du Wahnsinnige.

„Ich wusste nicht, dass die Rightful Claim so voll werden kann“, sagte er schließlich. Die Geräusche der Feier drangen zu ihnen hinüber, sonst war die Nacht kalt und still.

„Wir feiern die Verlobung von Laurel und Grady.“

„Ah. Das erklärt, warum du hier bist.“ Er atmete hörbar aus und sah zum Himmel. Es war eine sternenklare Nacht. „Wir haben schon Dezember“, sagte er, als wäre es ihm gerade bewusst geworden.

„Ja, deshalb ist alles für Weihnachten dekoriert.“

Er sah sich um. An den Straßenlaternen hingen die gleichen mit Lametta geschmückten Zuckerstangen, die schon in Gracies Kindheit daran gehangen hatten.

„Tut mir leid, dass ich dich störe. Aber ich habe etwas gefunden.“

„Will …“ Sie durfte es nicht tun. Für ihn und für sich selbst.

„Ich habe ein Muster gefunden. Wann sie sich getroffen haben. Immer mittwochs um sechs. Ich weiß nicht, wo, aber das muss etwas heißen.“ Er sah sie an. Die Weihnachtsbeleuchtung glitzerte in seinen Augen.

Sie hatte ihm gesagt, sie würde aufhören. Aber nun stand er vor ihr. Er war bis in die Bar gekommen. Gracie war hin- und hergerissen. Einerseits freute sie sich, dass er sich Dingen stellte, die er mehr und mehr vermieden hatte, andererseits war sie genervt, weil er sich dachte, er könnte einfach in ihr Leben platzen.

„Und was folgt daraus?“, fragte sie leise. Sie drehten sich im Kreis, und Gracie konnte nicht mehr. Sie wünschte, Will würde sich davon lösen, aber sie konnte ihm nichts verbieten. Sie konnte nur sich selbst etwas verbieten.

„Was passiert, wenn wir dem Muster folgen?“, hakte sie nach.

„Dann folgen wir den Hinweisen und …“

„Aber dann? Dann findest du den Typen, mit dem deine Frau dich betrogen hat? Vielleicht hatte er sogar etwas damit zu tun, auch wenn alle Beweise bislang dagegensprechen. Dann ist die Suche vorbei, du hast deine Antworten, du hast deine Gerechtigkeit. Aber was dann?“ Es war naiv von ihr gewesen zu denken, dass er zu denselben Schlüssen kommen würde wie sie. Vermutlich hatte sie ihm stattdessen geholfen, sich tiefer in der Sache zu vergraben und noch weniger der entspannte Will Cooper zu sein, den sie vor Paulas Tod gekannt hatte.

Und weil er ihr etwas bedeutete, aber sie ihm nichts vorschreiben konnte, blieb ihr keine Wahl. Sie durfte ihm nicht mehr helfen.

„Wir finden die Wahrheit heraus“, sagte Will, als würde Gracie in einer Fantasiewelt leben und nicht er. „Ich suche schon so lange. Ich weiß nicht, wieso du aufgibst, aber ich kann nicht. Ich kann nicht aufhören.“

„Und was willst du mit der Wahrheit machen, wenn du sie gefunden hast?“

Er sah aus, als hätte sie ihn geschlagen.

„Einen Mörder stellen.“ Er schüttelte den Kopf. „Warum machst du das? Nach all der Zeit lässt du mich allein. Ich verstehe das nicht.“ Diesmal sah Will nicht nur genervt aus. Er klang verletzt.

Sie sagte ihm die Wahrheit. „Du bist mir wichtig, Will. Und ich kann nicht länger zusehen, wie es dir immer schlechter geht.“

Einen Augenblick konnte Will nicht deuten, was Gracie gesagt hatte. Genauso wenig den traurigen Blick in ihren braunen Augen. Du bist mir wichtig. So ein seltsamer Satz. Und so eine gefährliche Sache. Man hatte keine Kontrolle darüber, wer einem etwas bedeutete.

Du bist mir wichtig. Er hatte eine Gänsehaut. „Wie es mir immer schlechter geht?“, wiederholte er, als hätte sie den ersten Teil des Satzes nie gesagt.

Sie seufzte. Durch die kitschige Weihnachtsbeleuchtung sah es kurz so aus, als würde Gracie leuchten. Wie in seinen Träumen. In den wenigen Nächten, in denen er so tief schlafen konnte, dass er träumte, erschien Gracie ihm immer als Engel, bis hin zu diesem Leuchten.

Er glaubte nicht an Engel, aber er war sich sicher, dass Gracie aus einem bestimmten Grund in seinem Leben war. Nur wieso wollte sie ihn allein lassen?

Sie seufzte wieder. „Du hast gesagt, du brauchst keine Freunde. Wenn du doch jemanden brauchst, bin ich für dich da. Aber ich spiele nicht weiter Detektiv mit dir. Es war ein Unfall, Will. Ein Unfall.

„Dass sie mich betrogen hat, war kein Unfall.“

„Stimmt.“

„Was hat sich geändert? Du kannst doch nicht einfach gehen, nachdem …“ Ihm wurde alles zu viel. Er fand die richtigen Worte nicht. Und ihm wurde schmerzhaft bewusst, dass er aus einem sehr dummen Grund in die Stadt gekommen war: Er fühlte sich verlassen.

Will wusste später nicht, ob er noch etwas gesagt hatte. Er musste weg. Weg von ihr, weg von der Stadt, weg von …

Deshalb blieb er in seiner Hütte. Wenn er in die Stadt kam und mit Leuten sprach, die nichts von Paula wussten, dann kochten diese Gefühle hoch. Und die Gefühle machten alles komplizierter. Wer wollte so leben? Er konnte nicht verstehen, wie andere Leute durch das Leben gingen, als wäre es mehr als eine einzige Anhäufung von Elend.

Er brauchte Gracie nicht als Freundin. Er brauchte überhaupt keine Freunde. Und noch weniger brauchte er diesen heuchlerischen Weihnachtsscheiß, der ihm das Gefühl gab zu ersticken.

Er musste es hinter sich lassen – Gracie, ihre Hilfe, alles, was mit Bent zu tun hatte. Er musste den Fall allein lösen, in sicherer Distanz.

„Will. Warte.“

Er konnte nicht warten. Er musste zu seiner Hütte, zurück auf den Berg, weit weg von allem. Gebeugt schritt er gegen die Kälte an. Dann warf er einen letzten Blick zurück. Gracie stand da, inmitten glitzernder Lichter, die Arme um den Körper geschlungen. Sie brauchte sich, verdammt noch mal, keine Sorgen machen. Und er sollte ihr auch nicht wichtig sein.

Will stieg in seinen Jeep und startete den Motor. Tief in Gedanken fuhr er mehrere Meilen, bevor er bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Der Motor dröhnte, und sein Lenkrad reagierte nicht wie gewohnt. Will runzelte die Stirn. Er fuhr die Landstraße entlang. Um ihn herum war pechschwarze Nacht, er konnte nicht einfach anhalten. Manchmal fuhren auf dem Weg nach Fairmont Lkws über diese Straße.

Wenn er anhielt …

Der Gedanke und die Hoffnung verpufften, als Will auf die Bremse trat. Nichts passierte. Er kämpfte gegen die aufkommende Panik an und trat stärker ins Pedal. Ein ohrenbetäubendes Kreischen ertönte. Der Wagen bremste kaum merklich.

Will fluchte laut. Er stemmte seinen Fuß gegen das Bremspedal. Das Kreischen wurde lauter, sein Wagen ein wenig langsamer, aber es reichte nicht. Den Blick weiter auf die Fahrbahn gerichtet, klammerte er sich mit einer Hand an das Lenkrad und suchte mit der anderen sein Handy in der Mittelkonsole.

Bald musste ein gerader Teil der Straße kommen. Er brauchte etwas, mit dem er abbremsen konnte, ohne dabei zu sterben. In der Dunkelheit um ihn herum lauerten nur Steine, Bäume und der Tod. Nicht einmal der Mond war zu sehen.

Will wählte Gracies Nummer. Er fluchte laut auf, als sie es klingeln ließ. Auf einmal fiel ihm die Handbremse ein, und er zog daran. Nichts passierte.

Gracie nahm nicht ab.

Warum hatte er sie angerufen und nicht den Notruf? Noch mit dem Handy in der Hand versuchte er verzweifelt, die Kurven in der Dunkelheit zu erkennen. Die Reifen quietschten. Das Auto nahm an Geschwindigkeit zu, als es bergab ging.

Der Piepton ihrer Mailbox ertönte, und er rief ins Handy: „Gracie! Hilf mir!“

Weiter kam er nicht. Er raste auf eine Kurve zu. Will umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen, das Handy ließ er fallen. Doch er konnte nicht ausweichen. Das Lenkrad hatte sich mit seiner Bremse verschworen. Er konnte nicht ausweichen. Er würde von der Fahrbahn abkommen und die Böschung hinunterrasen.

Paulas Böschung.

3. KAPITEL

Gracie sah auf ihr Handy und biss sich auf die Lippen. Vielleicht wollte Will sich entschuldigen. Vielleicht hätte sie abheben sollen. Er hatte mit vielen Gefühlen zu kämpfen und …

Nein, genau darum ging es ja. Von Paula betrogen zu werden und sie zu verlieren, waren keine einfachen Probleme, und er war zwei Jahre lang davor weggerannt, anstatt sich damit auseinanderzusetzen. Und sie hatte ihn dabei unterstützt und bemuttert. Gracie biss sich noch stärker auf die Lippe. Er hatte ihr eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen.

„Hier, für dich. Und schau ein bisschen freundlicher.“

Gracie sah hoch. Laurel stand vor dem Ecktisch, an den Gracie sich verzogen hatte. Sie stellte Gracie eine Bierflasche auf den Tisch.

„Tut mir leid. Ich bin nicht so in Feierlaune.“

„Nicht schlimm. Die Carsons gleichen das mehr als aus“, sagte Laurel und warf einen Blick auf die zusammengewürfelte Truppe hinter ihnen. Am Rand der Menge standen die Delaneys. Die meisten wirkten mürrisch, aber ein paar hatten sich unter die tanzenden Carsons gemischt.

Gracie sah wieder auf ihr Handy. Sie sollte es wegstecken.

„Was ist los, Gracie? Du bist doch sonst nicht so.“

Gracie schüttelte den Kopf. „Ist nicht so wichtig. Erzähl ich dir später. Erst einmal feiern wir dich.“

Laurel trank einen Schluck Bier und sah sich im Raum um. Ihr Blick wurde weicher, als sie ihren Verlobten Grady Carson ansah. Er stand hinter der Theke neben seinen Cousins Noah und Ty und lachte. Die drei waren ein gefährlich gut aussehendes Trio.

Gracie sah wieder auf ihr Handy. Das nervige Blinken der Mailbox sprang ihr entgegen.

„Sag schon, wer ist der Typ?“

Gracie sah überrascht zu Laurel auf. „Was?“

„Ich kenne jeden, den du auch kennst, Gracie“, sagte Laurel und lächelte sie an. „Und sie sind alle hier. Du bist an dein Handy gefesselt, redest mit niemandem, also … kann es nur um einen Typen gehen.“

Gracie versuchte sich an einem Lachen, aber es klang noch gezwungener als erwartet. „Da gibt es niemanden.“

„Wieso kannst du dein Handy dann nicht weglegen?“

„Ein Duell auf Leben und Tod in Candy Crush.“

Laurel lachte auf. „Von wegen.“

„Es geht nicht … wirklich um einen Typen. Aber ich habe Will gesagt, dass ich nicht weitermache.“ Gracie schüttelte den Kopf. „Das hier ist kein Gespräch für deine Verlobungsfeier.“

Laurel strich Gracie über den Arm. Sie war immer ehrlich zu Gracie gewesen, was ihre seltsame Beziehung zu Will anging. Als Deputy Sheriff war sie nicht begeistert gewesen, als ihrem Department unterstellt wurde, nicht alles in ihrer Macht Stehende getan zu haben, um den Todesfall einer Carson aufzuklären. Wills Anschuldigungen fand sie nicht besser.

„Ich mag ihn nicht besonders, aber ich weiß, dass du dich ihm gegenüber verpflichtet fühlst. Das ist dir sicher nicht leichtgefallen.“

Gracie zwang sich zu einem Lächeln. „Wir können auch morgen darüber reden.“

Laurel nickte. „Na gut. Aber lass mich dir eins sagen: Entscheide dich endgültig und bleib dabei. Kein Hin und Her. Dann fühlst du dich besser.“

„Und du willst mir nicht sagen, wie ich mich entscheiden soll?“

„Ihr zwei seid auf einer Party und guckt viel zu ernst.“ Grady kam auf sie zu und nahm Laurels Hand. „Hoch mit dir. Wir tanzen.“

„Ich kann überhaupt nicht tanzen“, erwiderte Laurel. Lachend ließ sie sich von Grady hochziehen. Sie grinste breit, als Grady sie mit einer kleinen Drehung in die Menge führte, die schon zu Rockin’ Around the Christmas Tree tanzte.

Laurel sah Gracie noch einmal über ihre Schulter hinweg an. „Entscheide dich für das, womit du leben kannst!“, rief sie über die Musik hinweg.

Womit du leben kannst. Gracie runzelte die Stirn. Das war der schlechteste Rat, den sie je bekommen hatte.

Will war ihr wichtig, und sie hatte es ihm gesagt. Und dann hatte sie gesehen, wie bleich er geworden war. Als wenn sie ihm eine schreckliche Krankheit aufgehalst hätte.

Du hast dich entschieden, es zu beenden, also tu es auch.

Gracie zwang sich, die Mailboxnachricht anzutippen und dann auf den Knopf zum Löschen. Sie zögerte.

Es war beendet. Will wollte keine Freundin. Er reagierte allergisch auf Gefühle und sie war keine Therapeutin. Sie spielte die Nachricht ab und verfluchte sich gleichzeitig dafür. Sie durfte nicht zuhören. Sie durfte sich nicht in Dinge hineinziehen lassen, die ihm nicht guttaten.

„Gracie!“

O Gott, sie konnte nicht weghören.

„Hilf mir!“ Er klang angestrengt. Außer Atem. Im Hintergrund war ein kreischendes Geräusch zu hören. So laut, dass sie ihn kaum verstand.

„Laurel!“, rief sie, sprang auf und rannte zur Tür. „Wer hat heute Dienst?“

Will hörte Sirenen. Das konnte nicht sein. Wie konnte er Sirenen in seiner Hütte hören? Dort hörte man nur Vogelgezwitscher und freitags ein Motorengeräusch.

Von Gracies Wagen.

Ihm war kalt. Von irgendwoher kam der Gedanke, unklar. Alles verschwamm. Ihm war kalt, und es war ungemütlich.

Nein, das nicht. Es brannte. Eine Kälte brannte sich in ihn. Nichts ergab Sinn. Er konnte die Augen nicht öffnen.

Auf einmal hatte er Angst, aber der Schmerz war stärker. Er war nicht zu Hause in seiner Hütte. Er war nicht oben auf dem Berg. Er war … irgendwo anders.

Er konnte nichts sehen. Er konnte sich nicht bewegen, ohne dass der Schmerz ihn überwältigte. Etwas drückte sich gegen ihn. Sein Arm war in einem unangenehmen Winkel eingeklemmt.

Er hörte immer noch Sirenen. Aber alles war so weit weg. Er war sich nicht sicher, ob er es sich einbildete.

Dann hörten die Sirenen auf. Plötzlich Stille.

Jetzt würde er sterben, so war es doch? Sein Auto … irgendetwas war gewesen. Die Erinnerung war schwammig, alles war schiefgelaufen. Er hatte einen Unfall gehabt, und er würde sterben.

Genau wie Paula. Ganz genau so.

„Will? Will!“

Er musste träumen. Gracie. Sie konnte niemals hier sein.

„Will? Um Himmels willen … Ich hab ihn!“, rief sie. Jemand war neben ihm. Etwas oder jemand.

„Will. O Gott. Will, nein.“ Sie berührte ihn, und er stöhnte auf. Alles tat weh, selbst Gracies Berührung.

„Du lebst. Du lebst.“ Gracie flüsterte es immer wieder, eine Hand auf seiner Brust. Er spürte, wie sie ihm zart über die Stirn strich. Der einzige Teil seines Körpers, der nicht wehtat.

„Sag doch was, Will. Sag etwas, wenn du mich hören kannst. Irgendwas. Bitte.“

Will hörte Schritte und eine unbekannte Stimme. Gracie sprach mit ihm. Sie strich ihm über das Gesicht. Sie klang verzweifelt und verängstigt. Das wollte er nicht. Nein.

Er versuchte noch einmal, die Augen zu öffnen. Um ihn herum war alles dunkel. Irgendwo war ein Licht, aber er konnte es nicht richtig erkennen. Das verstand er. Sonst erschien nichts richtig.

Sein Jeep hatte nicht mehr funktioniert. Er hatte einen Unfall gebaut. Und es war definitiv nicht seine Schuld gewesen. Jetzt konnte er klarer sehen. Gracies Gesicht war irgendwo über ihm und bewegte sich. Um sie herum war alles dunkel, aber irgendein Licht erhellte Gracie, und er konnte jedes Detail erkennen.

Plötzlich wollte er nichts mehr, als sie zu berühren. Ihre Haare. Irgendetwas. Nur um sicherzugehen, dass das hier wirklich passierte. Dass ihr besorgter, verängstigter Blick nur ihm galt. Nur ihm.

Du bist mir wichtig, Will.

Diese Worte verfolgten ihn. Vielleicht bis in den Tod.

„Ein Krankenwagen ist unterwegs, Will. Beweg dich nicht. Aber sprich mit mir, wenn du kannst. Kannst du das?“ Sie kam näher, und eine Strähne ihres Haars strich über seine Wange. Sein Gesicht fühlte sich an, als stünde es in Flammen.

„Sag doch bitte etwas. Bitte.“ Sie flüsterte, und Will sah, dass ihr Tränen die Wange hinunterliefen.

Sprechen. Er musste etwas sagen. Damit das hier aufhörte. Sie durfte erst weinen, wenn er ganz tot war.

„Glaubst du mir jetzt?“, brachte er hervor.

Sie verzog kurz das Gesicht, dann sah sie hoch. Ihr Gesicht flackerte in dem rot-blauen Licht immer wieder auf.

„Der Krankenwagen ist hier“, sagte sie leise. „Ich hole sie her. Beweg dich nicht …“

Er griff nach ihr. Mit der Hand, die sich nicht zertrümmert anfühlte. „Geh nicht.“ Panik durchflutete ihn. Wenn sie ging, dann würde er sterben. Und auf einmal wusste er, dass er nichts weniger wollte, als zu sterben.

„Ich hole sie.“ Will erkannte die Stimme nicht. Er hörte nur heraus, dass es ein Mann war. Das beruhigte ihn nicht. War Gracie auf einem Date gewesen?

Er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn er hörte Schritte, dann Stimmen. Er wurde berührt, gedrückt, bewegt, und er versuchte, nicht vor Schmerz aufzustöhnen, aber er hielt es nicht aus. Jemand hob ihn auf eine Liege und trug ihn zum Krankenwagen.

„Gracie.“

„Ich bin hier“, sagte sie. Er sah nur die Gesichter der Sanitäter über sich. Dann spürte er eine schmale, kühle Hand auf seiner.

Er hörte Stimmen. Noch mehr Bewegung, er hörte eine Tür zuschlagen. Gracie hielt seine Hand. Sie war für ihn da wie schon die letzten zwei Jahre. Die einzige Person, auf die er sich verlassen konnte.

„Was ist passiert?“, fragte sie mit sanfter Stimme, während ihm ein Sanitäter mit einem hellen Licht in beide Augen leuchtete.

„Die Bremse und das Lenkrad haben nicht funktioniert.“

Die Sanitäter kümmerten sich weiter um Will, doch er war unfähig, Gracies Hand loszulassen.

„Das war kein Unfall, Gracie. Niemals.“

Daraufhin sagte sie nichts.

Er drückte ihre Hand, auch wenn es höllisch wehtat. „Gracie?“

„Deputy Mosely schaut sich dein Auto an. Es wird eine Untersuchung geben.“

Will schnaubte, aber atmete scharf ein, als der Schmerz wieder aufflammte. „Klar, wir wissen ja, wie gut das funktioniert.“ Gracie seufzte, und er spürte ihren Atem an seiner Schläfe. Sie drehte sich so, dass er sie ansehen konnte, als die Sanitäter irgendetwas Schreckliches mit seinem anderen Arm machten.

Er wollte die Tränen in Gracies Augen nicht sehen. Er wollte keine Sorge mehr sehen, aber alles tat so verdammt weh, dass er die Augen nicht wieder schließen konnte.

Gracie strich sanft über seine Stirn. „Ruh dich aus. Erst einmal muss es dir besser gehen, dann finden wir heraus, was passiert ist.“

„Du glaubst mir nicht“, stellte er leise fest.

„Ich weiß nicht, was ich noch glauben soll“, flüsterte sie gequält.

4. KAPITEL

„Es gibt Hinweise darauf, dass sich jemand am Auto zu schaffen gemacht hat.“

Laurel stand vor Gracie im Warteraum des Krankenhauses und sah sie ernst an.

Glaubst du mir jetzt? Wills Worte hallten in Gracies Kopf wider, während sie darauf wartete, über das Ausmaß von Wills Verletzungen informiert zu werden. „Kannst du mir sagen, wie es um ihn steht?“

Laurel warf ihr ein entschuldigendes Lächeln zu. „Du weißt, dass ich das nicht kann. Und sie werden dir auch nicht mehr sagen. Wieso gehst du nicht nach Hause? Ruh dich aus. Komm später wieder.“

Gracie schüttelte den Kopf und ballte die Hände zu Fäusten.

Sie war so kurz davor gewesen, Wills Nachricht einfach zu löschen und dann … wäre er gestorben. Wegen ihr. „Wie hat sich jemand daran zu schaffen gemacht?“

„Du weißt, dass ich dir das nicht sagen darf.“ Laurel blieb hart, aber ihr Ton war entschuldigend. Gracie kannte Laurel gut genug, um nicht zu versuchen, auf sie einzureden oder sie anzubetteln. Laurel würde nicht nachgeben. Ihr war die Arbeit wichtiger als alles andere.

„Er ist in Gefahr“, sagte Gracie tonlos.

„Das ist eine berechtige Annahme.“

Gracie sah zu Laurel. „Du weißt, was das bedeutet.“

Laurel seufzte. „Nicht zwingend. Falls es etwas mit dem Unfall von Paula Cooper zu tun gehabt hat … das ist Jahre her. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass es zusammenhängt.“

„Noch nicht.“

Laurel seufzte wieder und setzte sich auf den Stuhl neben Gracie. „Ich werde es mir anschauen. Wenn ich einen Zusammenhang finde, werde ich ihn untersuchen, aber euch beiden muss klar sein, dass das die Arbeit der Polizei ist.“

Laurel hatte recht. Aber Will war in die Bar gekommen und hatte Gracie gesagt, dass er ein Muster gefunden hatte, und dann hatte sich jemand an seinem Auto zu schaffen gemacht. Das konnte kein Zufall sein.

Gracie traute Laurel, was die Untersuchung betraf. Sie zweifelte nicht an Laurels Fähigkeiten. Wenn es einen Zusammenhang gab, dann würde Laurel ihn finden.

Irgendwann. Aber Will lag im Krankenhaus, es war noch nicht klar, wie schwer er verletzt war. Gracie wusste, dass sie nicht viel Zeit hatten.

„Gracie.“ Laurels Ton wurde schärfer. „Versprich mir, dass du das der Polizei überlässt.“

Gracie wollte ihre Cousine nicht anlügen, aber das konnte sie einfach nicht versprechen.

„Ms. Delaney?“

Beide wandten sich der Krankenschwester zu, die lächelnd vor ihnen stand. Sie kannten Melina. Gracie und Laurel hatten durch die Arbeit oft mit dem Krankenhaus zu tun gehabt, und Melina war früher Gracies Babysitterin gewesen. „Mr. Cooper darf Besuch empfangen, und er hat nach Gracie gefragt.“

Sofort sprangen Gracie und Laurel auf.

„Ich muss mit Mr. Cooper sprechen“, sagte Laurel.

Melina nickte. „Das ist in Ordnung, aber er hat ausdrücklich nach Gracie gefragt. Raum 203.“

Laurel ging schnellen Schrittes in die Richtung, Gracie überholte sie. „Laurel, warte. Ich muss dich um etwas bitten.“

„Ich muss meine Arbeit machen.“

„Bitte, lass mich allein gehen.“

„Gracie.“

„Bitte … Ich … Nur ein paar Minuten. Du kannst ihn befragen, aber lass mich nur bitte … Ich …“ Sie schluckte. Alles wurde zu viel. Sie hatte einen Knoten im Hals. „Vielleicht kannst du das nicht verstehen, aber ich fühle mich schuldig. Zumindest teilweise. Wenn ich anders reagiert hätte …“

„Du weißt nicht, was dann wäre.“

„Nein, vielleicht nicht, aber … Bitte. Du bist meine beste Freundin, der beste Mensch auf der ganzen Welt für mich. Gib mir bitte fünf Minuten. Fünf Minuten allein mit ihm.“

Laurel seufzte tief. „Fünf Minuten. Und ich stehe direkt von der Tür.“

Gracie umarmte Laurel kurz. „Danke. Danke!“ Fünf Minuten waren vermutlich nicht genug. Sie würde wahrscheinlich weinen, wenn sie Will wiedersah. Im Krankenwagen hatte sie auch geweint. Hoffentlich erinnerte er sich nicht daran.

Und sie würde Zeit brauchen, um mit allem fertig zu werden. Den Schuldgefühlen. Der Sorge. Dem verzweifelten Wunsch zu reparieren, was sie beinahe für immer kaputt gemacht hätte.

Schweigend gingen sie zu Raum 203. Laurel nickte Gracie zu, dann lehnte sie sich gegen die Wand neben der Tür. Sie sah betont auf ihre Armbanduhr.

Fünf Minuten. Gracie atmete einmal tief durch und klopfte an. Dann drückte sie die Tür auf. Der Raum war klein, aber die Gardinen waren zur Seite gezogen, und helles Sonnenlicht fiel herein.

Will saß aufrecht im Bett. An einem Arm trug er einen Grips, und sein Gesicht war über und über mit Verbänden umwickelt. Über seinem Unterkörper lag eine Decke, sodass sie nicht sah, wie schwer er dort verletzt worden war.

Er sah erschöpft aus. Trotzdem wirkte er irgendwie stattlich in dem Bett.

„Hi“, begann sie und stand immer noch in der Tür, als wäre sie dort festgewachsen.

„Hey.“ Seine Stimme klang anders als sonst, und sein Gesichtsausdruck sagte ihr nichts. Vielleicht hatte er Schmerzen.

Sie trat schüchtern ans Bett. Sie hatte nur fünf Minuten.

Er runzelte die Stirn. „Bist du die ganze Zeit hier gewesen?“

Da verstand sie, wieso er sie so fragend ansah. An ihrem Ärmel klebte noch sein getrocknetes Blut.

Sie sah wieder zu ihm hoch. Er starrte zurück.

„Du hast nicht geschlafen“, sagte er, als würde es ihn überraschen.

„Ich wusste nicht, wie es um dich stand. Du bist im Krankenwagen bewusstlos geworden.“

„Ich erinnere mich nicht mehr. Der Krankenwagen …“

„Woran erinnerst du dich?“

„Deine Stimme.“

Gracie atmete scharf ein. Das war das Einzige, woran er sich erinnerte? Dennoch, es musste nichts zu bedeuten haben. Es hieß nicht, dass er etwas für sie empfand. Und so schuldig sie sich auch fühlte, sie durfte sich nicht dazu verleiten lassen, Hoffnungen zu hegen. Er war immer noch Will, und sie war … nur eine Informationsquelle.

„Gracie.“ Er bewegte seinen gesunden Arm, und noch bevor sie verstand, was passierte, hatte er ihre Hand genommen. Auf der Hand klebte ein großes Pflaster, aber sein Griff war fest.

„Gracie, sieh mich an.“

Sie zwang sich, den Blick von seiner Hand zu heben, die immer noch die ihre hielt.

Will sah sie ernst und doch verzweifelt an. Ein Blick, den sie kannte und bei dem sich ihr Herz zusammenzog. Die Nacht zuvor hätte sie ihn noch bemitleidet und sich gefragt, warum er nicht in Therapie war.

Aber jetzt wusste sie, dass seine Verzweiflung nicht aus dem Nichts kam.

„Du musst mich hier rausholen“, sagte Will. „So schnell wie möglich.“

Will tat alles weh. Er wusste, dass bald eine Krankenschwester in das Zimmer kommen und ihm irgendein Zeugs verabreichen würde. Dabei wollte er, dass es wehtat. Der Schmerz war ein Anker, er erinnerte Will an eine wichtige Tatsache: Er hatte recht.

Er hatte die ganze Zeit über recht gehabt.

Gracie sagte immer noch nichts. Ihre Hand lag schwach in seiner, aber sie trat einen Schritt näher. Sie sah müde aus. Vielleicht war sie physisch nicht so angeschlagen wie er, aber die Erschöpfung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ihr liebes Gesicht. Auf ihrem Oberteil war sein Blut. Ihre Hose hatte einen Riss.

Er erinnerte sich kaum. Weder an den Unfall noch an die Fahrt im Krankenwagen, nur an ein paar Sekunden zwischendrin, in denen er irgendwo gelegen hatte, kalt und gleichzeitig brennend vor Schmerz. Und Gracie war neben ihm gewesen.

„Will“, flüsterte sie. „Laurel steht vor der Tür.“

Er blinzelte, dann nickte er. „Wir reden später.“

„Da gibt es nichts zu bereden. Du bleibst im Krankenhaus, bis du entlassen wirst.“

Und doch flüsterte sie. Das Flüstern gab ihm Hoffnung, dass sie verstanden hatte, aber ihm lief die Zeit davon.

Er war verletzt und konnte sich so gegen niemanden wehren. Mit dem Gips Auto zu fahren, war keine gute Idee. Falls er überhaupt noch ein Auto hatte. Denn er hatte den Unfall nur überlebt, weil er aus dem Auto gesprungen war.

War er wirklich gesprungen? Er konnte sich nicht mehr erinnern. Aber sie hatten ihn nicht im Auto gefunden. Er brauchte Hilfe, und er konnte einzig und allein Gracie trauen. Will sah sie an. „Jetzt glaubst du mir, ja?“

Sie drückte seine Hand. „Natürlich glaube ich dir. Wie könnte ich dir nicht glauben?“ Sie schluckte und hob die freie Hand, als wolle sie ihn berühren.

Er wünschte sich, dass sie es täte, aber sie ließ die Hand wieder fallen. „Es tut mir leid.“

„Was meinst du?“

„Ich war so kurz davor, deine Nachricht zu löschen, ohne sie vorher anzuhören“, flüsterte sie. Diesmal flüsterte sie nicht, weil sie nicht gehört werden wollte. Ihr Blick war entschuldigend und verzweifelt zugleich. „Ich wollte sie löschen. Wollte mit allem aufhören. Der Gedanke verfolgt mich. Wenn ich sie gelöscht hätte …“

Will hasste die Schuld und die Verzweiflung in ihren Augen. Er hatte nie verstanden, wieso Gracie so viel seiner Sorgen auf sich genommen hatte. Sie war die einzige Person, die in seinem Leben geblieben war, nachdem Paula gestorben war.

„Du hättest die Nachricht löschen können“, sagte Will. Gracie sollte sich nicht schuldig fühlen, immerhin war sie die Einzige, die die ganze Zeit über zu ihm gehalten hatte. „Ich kann nicht aufhören, du schon. Du hast ein Leben und andere Menschen, denen du wichtig bist. Ich führe mich die Hälfte der Zeit auf, als wäre ich verrückt. Wieso sollte es dir so wichtig sein wie mir? Es geht um meine Frau, du kanntest sie noch nicht einmal.“

Gracie sah ihn an, als wartete sie darauf, dass er irgendetwas Bestimmtes sagte. Will hatte keine Ahnung, was das sein könnte.

„Ich muss beweisen, dass ich recht habe“, fuhr er fort. „Wenn jemand Paula umgebracht hat, dann soll die Person dafür bezahlen. Es muss Gerechtigkeit geben.“

„Du hast recht, dass jemand versucht hat, dich umzubringen. Auch du solltest Gerechtigkeit erfahren. Ich werde dir dabei helfen.“ Sie hielt immer noch seine Hand und beugte sich zu ihm. „Ich verspreche, dir zu helfen, die Wahrheit herauszufinden. Egal, was noch passiert.“ Ihre dunklen Augen brannten sich in seine Seele. Sie meinte es vollkommen ernst.

Tief in seinem Inneren erwachte etwas. Eine Einsicht, die sich wie eine Gänsehaut über seinen Körper zog. Etwas Ähnliches war schon einmal passiert. Ein Gefühl, das ihn einen Augenblick lang überkam. Auf einmal fiel ihm Gracies Mund auf. Und die Nähe ihres sinnlichen Körpers. Sonst war Paulas Fall immer im Vordergrund seiner Gedanken gewesen. Bilder vom Unfall, Berichte oder andere Dinge. Sonst hatte er sich immer davon ablenken können. Jetzt ging das nicht mehr. Vielleicht waren es die Medikamente, mit denen er vollgepumpt worden war.

Ein Klopfen ertönte. Gracie sprang von ihm zurück.

Laurel Delaney betrat das Zimmer. Will sah sie böse an.

„Mr. Cooper, ich hätte ein paar Fragen an Sie.“

„Darüber, dass jemand mich umbringen wollte, weil ich der Wahrheit näher gekommen bin?“

Eines musste er Deputy Delaney lassen – sie ließ sich ihren Unmut nicht anmerken.

„Wir haben Spuren auf mutwillige Sachbeschädigung an Ihrem Auto gefunden. Oder zumindest an dem, was noch übrig ist.“

„Soll mich das jetzt überraschen?“

„Mr. Cooper, wissen Sie von jemandem, der Ihnen Schaden zufügen möchte?“

„Wie wär’s mit der Affäre meiner Frau – dem Mann, der vermutlich auch ihren Unfall an fast genau derselben Stelle verursacht hat?“

„Am Auto Ihrer verstorbenen Frau wurden keinerlei Spuren einer Sabotage gefunden. Außerdem ist das zwei Jahre her. Wieso sollte Ihnen jemand jetzt schaden wollen?“

„Weil ich etwas herausgefunden habe. Einen Hinweis auf einen Zusammenhang. Deshalb habe ich Gracie gesucht. Ich habe Gracie in der Rightful Claim erzählt, dass ich etwas herausgefunden habe. Dort hätte mich jeder hören und zu meinem Auto gehen können.“

„Sie sind also der Ansicht, dass ein Mörder seit zwei Jahren frei in unserer Stadt herumläuft?“

„Ja, genau das.“

Laurel kniff die Lippen zusammen. Offensichtlich gefiel ihr nicht, wie sicher er sich war. Trotzdem fragte sie ruhig weiter. „Haben Sie Beweise? Irgendetwas, das uns helfen könnte, den Fall zu lösen?“

„Dateien. Und ein paar Ausschnitte, die Hinweise darauf sein könnten, wo sie sich getroffen haben. Ich habe alle Informationen auf meinem Computer gespeichert.“ Er sah zu Gracie und musste seine Frage nicht einmal stellen.

„Ich fahre bei dir vorbei“, sagte sie.

„Du musst dich ausruhen“, unterbrach Laurel sie.

Gracie öffnete den Mund, um zu widersprechen. Auch wenn es Will nicht gefiel, Laurel Delaney hatte recht. „Du warst die gesamte Nacht hier. Du musst schlafen.“

„Ich bin ein erwachsener Mensch. Danke, ich weiß, wie ich mich um mich selbst kümmere.“

„Gracie …“

Gracie hob die Hand. „Keiner von euch beiden hat mir etwas vorzuschreiben. Ich fahre jetzt zu Will und hole seinen Computer. Soll ich noch etwas anderes mitbringen, wenn ich einmal da bin?“

Will hatte noch nie so einen strengen Ton von ihr gehört.

„Nein danke.“

„Gut, dann ist das entschieden. Bis später.“ Sie wandte sich auf der Stelle um und ging zur Tür.

Will wollte ihr noch etwas sagen, aber Deputy Delaney sah ihn mit dem undurchdringlichen Blick einer Polizistin an. Er wusste, dass sie ihm nicht glaubte. Das hatte er auch nicht erwartet. Aber nachdem eine Sabotage an seinem Auto festgestellt worden war, war sie gezwungenen, die Angelegenheit näher zu untersuchen.

„Sie hat nichts mit dieser Sache zu tun“, sagte Laurel und nickte in Richtung Tür.

„Wie bitte?“

„Gracie hat nichts mit dieser Angelegenheit zu tun. Wenn Sie sich in Gefahr bringen und Gracie Ihnen hilft, dann gefährden Sie Gracie. Wollen Sie das wirklich?“

Will sah zur Tür und dann wieder zu Laurel. Sein Magen zog sich zusammen. Daran hatte er nie gedacht. Aber als er darüber nachdachte, ohne Gracies Hilfe weiterzumachen, überwältigte ihn die Angst. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Deputy Delaney brauchte nicht noch mehr gegen ihn in der Hand. „Und Sie glauben wirklich, ich könnte Gracie aufhalten?“

Kurz verzog sich Laurels Mund zu einem angedeuteten Lächeln. „Sie könnten es zumindest versuchen.“

5. KAPITEL

Gracie fuhr konzentriert die vereiste Straße entlang. Sie versuchte, gegen die Erschöpfung anzukämpfen, die langsam von ihr Besitz ergriff. Hunger und Müdigkeit konnte sie sich nicht erlauben.

Sie war so damit beschäftigt, die Dinge durchzugehen, die sie noch tun musste – vor allem galt es, Will zu überzeugen, im Krankenhaus zu bleiben, bis er offiziell entlassen wurde –, dass sie die Reifenspuren auf der verschneiten Straße erst bemerkte, als sie den halben Weg zu Wills Hütte schon hinaufgefahren war. In der Nacht hatte es geschneit. Will war die Straße am Vortag entlanggefahren, aber seine Spuren sollten kaum noch zu sehen sein – definitiv nicht so tief und frisch.

Das war kein gutes Zeichen. Allerdings konnte sie auf der gewundenen Straße nicht einfach anhalten oder wenden, zumindest nicht in dieser Jahreszeit.

Doch sie konnte auch nicht weiter den Berg hinauffahren, wo womöglich die Person wartete, die versucht hatte, Will zu töten.

In der Kurve vor sich sah sie einen flachen Vorsprung. Dort könnte sie anhalten, aber das würde bedeuten, sehr nahe an einem steilen Abhang stehen zu bleiben. Und sie war sich nicht sicher, ob ihr Auto klein genug war. Aber sie hatte keine Wahl.

Sie wiederholte den Satz wie ein Mantra, als sie versuchte, den Truck auf dem schmalen Absatz zu parken. Vorsichtig trat sie auf die Bremse. Jedes Mal, wenn die Reifen auf dem Eis den Halt verloren, kniff sie beinahe die Augen zusammen. Sie krallte sich am Lenkrad fest. Der grauenvolle Abgrund kam immer näher.

Erst nach einer Minute wurde ihr klar, dass das Auto stand. Sie schluckte, atmete tief durch und löste langsam ihre Finger vom Lenkrad. Schmerz fuhr durch ihre angespannten Muskeln. Es ging ihr gut. Sie hatte sicher geparkt.

Gracie schaltete den Motor aus und betrachtete die Reifenspuren genauer. Ohne den Blick von der Straße abzuwenden, kramte sie in ihrer Handtasche nach dem Handy. Sie wählte Laurels Nummer. Gracie atmete erst wieder ruhig, als Laurel abnahm.

Laurel fing gerade an zu sprechen, als ein Auto die Kurve hinunterkam. Gracie ließ sich zur Seite fallen, das Handy fiel ihr aus der Hand. Sie hoffte, ihr Auto würde verlassen wirken. Das Auto selbst war allerdings nicht zu übersehen. Doch immerhin würde es schwer werden für den Fahrer des anderen Autos, hier anzuhalten, vor allem während er auf der vereisten Straße bergab fuhr.

Es knallte. Gracie schrie auf. Scherben prasselten auf sie nieder. Fast hätte sie weiter geschrien, riss sich aber zusammen. Ihr Truck hatte sich nicht bewegt, er war also nicht gerammt worden. Was bedeutete, dass jemand auf sie geschossen hatte.

Sie konnte den Motor des anderen Autos hören. Darauf konzentrierte sie sich. Gracie lag quer über die Vordersitze, lauschte mit zugekniffenen Augen und versuchte, sich nicht zu bewegen. Das Motorengeräusch wurde leiser, bis sie es kaum noch hörte.

Himmel, waren sie weitergefahren? Hatte jemand einfach auf sie geschossen und war weitergefahren?

Wenn das nur gut geht.

Sie durfte sich wieder bewegen, entschied sie. Aber aussteigen würde sie noch nicht. Vielleicht war jemand zurückgeblieben. Vielleicht drehte die Person am Fuße des Bergs um. Gracie hatte nicht die geringste Idee, wer es sein könnte oder was die Person wollte. Sie konnte nur auf alles vorbereitet sein.

Erst einmal musste sie das Handy finden und zu Wills Hütte gelangen. Notfalls zu Fuß. Bei Will konnte sie sein Gewehr finden. Der Plan ließ zu wünschen übrig, aber ihr fiel nichts Besseres ein.

Nach einer kurzen Suche im Fußraum hatte sie ihr Handy wieder in der Hand. Ihr Anruf war beendet worden, sie wählte erneut Laurels Nummer. Währenddessen hielt sie Ausschau. Als sie weder etwas sah, noch etwas hörte, stieg sie aus.

„Was zum Teufel ist passiert?“, sagte Laurel ohne weiteren Gruß. „Hattest du auch einen Unfall?“

„Nein. Ich … Jemand ist von der Hütte den Berg heruntergefahren und hat auf mich geschossen.“

„Geschossen? Verdammt, hast du den Notruf gerufen?“

„Nein, es war nur mein Fenster. Mir geht es gut.“ Gracie stapfte durch den Schnee in Richtung Hütte.

„Jemand schießt auf dich, Gracie. Dir geht es nicht gut.“

„Ich hab den Pick-up an der Straße geparkt und gehe gerade zur Hütte. Du kannst auflegen und den Deputys sagen, dass sie jeden anhalten sollen, der die Straße hinunterkommt. Ich verschanze mich in Wills Hütte mit seiner Flinte und warte, bis mich jemand nach Hause bringen kann. Um mein Autofenster kann ich mich später kümmern.“ Laurel hörte nicht zu, sondern sprach mit jemand anderem.

„Ich habe Bescheid gesagt. Hast du das Auto gesehen? Welche Farbe, Marke? Irgendein Detail?“

Gracie rief sich den kurzen Moment vor Augen. „Ich … Ich weiß nicht. So gut konnte ich es nicht sehen. Ich hab mich geduckt.“

„Verständlich. Auf der Straße sollte niemand unterwegs sein und solange wir nicht zu spät sind, kriegen wir ihn. Du wirst …“

Gracie roch den Rauch, bevor sie es sah. Zuerst dachte sie sich dabei nichts. Es war Winter, überall brannten Kamine oder Lagerfeuer. Aber dann sah sie, woher der Rauch kam, und rannte los, ohne Laurel weiter zuzuhören. Als die Hütte in Sichtweite war, sog sie tief die Luft ein. „Ruf die Feuerwehr!“

„Was? Gracie …“

„Ich versuche zu retten, was noch geht.“

„Gracie!“

Sie legte einfach auf. Wills Hütte brannte lichterloh, sie konnte nicht wegsehen. Alle Beweise, die er über die Jahre gesammelt hatte, standen in Flammen.

Das durfte sie nicht zulassen.

Wie er sich den Krankenschwestern gegenüber verhielt, war nicht korrekt, das wusste Will. Er hatte deshalb auch ein schlechtes Gewissen, aber warum konnten sie ihn nicht einfach gehen lassen? Das Einzige, was ihn noch zurückhielt, war die Infusionsnadel in seinem Arm.

Doch so schwer konnte es nicht sein, die Nadel herauszuziehen. Er kratzte langsam das Pflaster ab. Bevor er es geschafft hatte, wurde die Tür aufgestoßen. Gracie stolperte in den Raum, als wäre sie geschubst worden. Will runzelte die Stirn. Sie hatte schwarze Flecken auf Kleidung und Gesicht. Laurel kam wütend hinter ihr ins Zimmer gestapft.

„Was ist hier los?“, verlangte er zu wissen.

„Sag’s ihm“, forderte Laurel Gracie auf.

Gracie seufzte schwer. Sie sah auf ihre Füße, dann aus dem Fenster, sie sah überall hin, nur nicht zu ihm oder Laurel.

„Es ist etwas passiert“, deutete sie an.

„Was zum Teufel soll das heißen?“

„Ähm, ich bin zu deiner Hütte gefahren, und sie …“, Gracie räusperte sich. „Sie hat gebrannt.“

Will versuchte, sich aufzusetzen. „Gebrannt? Was? Ich …“

„Gracie verschweigt ein paar kleine Details“, sagte Laurel. Die Wut und der Frust waren ihr ins Gesicht geschrieben. Es überraschte ihn. Er hatte Laurel immer ruhig, zurückhaltend und unbeteiligt erlebt. Wie eine wahre Polizistin. Jetzt war sie nichts davon.

„Ich bin zu deiner Hütte hochgefahren, und als ich ankam …“

„Du vergisst etwas. Bevor du dort warst, kam ein unbekanntes Fahrzeug den Berg heruntergefahren, und jemand hat auf dich geschossen.“

„Auf mein Auto. Ich glaube nicht, dass man mich gesehen hat.“

Laurel warf die Hände in die Luft. Will hatte sie noch nie so aufgeregt gesehen. „Gracie Delaney, mach dich nicht lächerlich.“

„Du übertreibst, Laurel Delaney. Ich bin kein Kind mehr, und du …“

„Einer von euch verrät mir jetzt, verdammt noch mal, was hier los ist“, verlangte Will.

„… kannst mich nicht mehr so herumschubsen. Du bist nicht meine Mutter.“

„Ich schubse dich nicht herum. Aber ich bin deine Cousine. Ich hab dich lieb. Und du …“

„Meine Damen“, unterbrach Will sie harsch.

„… hast dich unverantwortlich und dumm verhalten. Und du musst, verflucht noch mal, schlafen.“

„Ich werde …“

Nun hob Will die Hand und pfiff, so laut er konnte. Beide Frauen sahen ihn böse an, aber waren still.

„Ich verlange eine Erklärung, und das sofort. Mein Haus hat gebrannt, und Gracie ist volle Ruß.“ Plötzlich wurde ihm etwas Furchtbares bewusst. „Du warst nicht in der Hütte, oder?“

„Jein. Nicht wirklich.“

„Red Klartext“, sagte er. Er musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht aufzuspringen und Gracie zu schütteln.

„Als ich gesehen habe, dass deine Hütte brennt, hab ich mal reingesehen, ob ich es nicht zu deinem Computer schaffe.“

„Du hast was?“, unterbrach Will sie und wollte aus dem Bett springen.

„Leg dich hin!“, befahlen Gracie und Laurel wie aus einem Mund.

„Wie kommst du auf die Idee, dein Leben zu riskieren, um etwas aus diesem Haus zu holen?“, versuchte Will, ruhig zu sagen, aber es war mehr ein Knurren.

Gracie sah Laurel an. „Können wir einen Moment allein haben?“ Als Laurel das Gesicht verzog, drückte Gracie ihren Arm. „Bitte.“

Laurel schnaufte. „Na gut. Aber ich stehe direkt vor der Tür. Zehn Minuten gebe ich euch. Danach gehen wir etwas essen und du anschließend ins Bett.“

Gracie nickte und bewegte sich nicht, bis Laurel das Krankenhauszimmer verlassen hatte. Dann erst drehte sie sich zu Will und warf ihm ein schwaches Lächeln zu. „Okay, wie geht es dir?“ Sie stand vor ihm, rußbedeckt.

„Was hast du dir dabei gedacht?“

„Es ging um deine Beweise. Das ist die Arbeit von zwei Jahren. Ich war vorsichtig. Ich musste es zumindest versuchen.“

„Das ist nicht dein Kampf, Gracie. Du hättest das nicht machen sollen. Das sind nur Dinge. Du hättest …“ So viele „Hättest“ und bei jedem einzelnen wurde ihm schlecht.

„Was machst das für einen Unterschied?“, fragte sie.

„Es macht einen Unterschied. Natürlich macht es das.“

„Wieso? Ich bin dir egal.“

Die Worte trafen ihn wie ein Tritt ins Gesicht.

„Gracie …“, brach es aus ihm hervor.

„Ich meine damit nicht, dass du mir etwas Schlechtes wünschst, aber ich bedeute dir nichts. Ich bin ein Mittel zum Zweck. Genau so habe ich gehandelt. Nur habe ich es nicht zu deinem Computer geschafft.“ Sie zuckte mit den Schultern, und er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten. „Deshalb verstehe ich nicht, wieso du mich so anfährst.“

Will starrte sie an. In seinem Magen – oder war es sein Herz? – zog sich etwas zusammen, und er konnte nichts dagegen tun. Er wusste nicht, wieso er die Worte „Ich bin dir egal“ so hasste.

„Ich habe getan, was ich tun musste.“ Ihre Stimme war so ruhig, dass es ihn verrückt machte. „Du brauchst mir nichts vorwerfen. Du solltest dir eher Gedanken darüber machen, dass jemand deine Hütte niedergebrannt hat.“

„Ich mache mir mehr Gedanken darüber, dass jemand auf dich geschossen hat und du danach in ein brennendes Gebäude gegangen bist.“

Gracie verschränkte die Arme vor der Brust und hob das Kinn. „Übertreib mal nicht.“

Er stand auf und ging zu ihr. Vielleicht würde das die Dinge klarstellen. „Du bringst dich wegen dieser Sache nicht in Gefahr. Haben wir uns verstanden?“

„So wie ich es verstehe, hast du mir nichts vorzuschreiben. Ich bedeute dir nichts.“

Wieder zog sich etwas in seiner Brust zusammen. Er wollte irgendetwas tun, die Hand ausstrecken, sie berühren, einfach irgendetwas. Was keinen Sinn ergab. Will konnte nur dastehen, schweigend und verwirrt. Bis er etwas anderes fühlte … Wut.

„Weißt du was? Das ist mir egal. Du wirst dein Leben nicht noch einmal aufs Spiel setzen. Ende der Geschichte. Wer auch immer dahintersteckt, ist hinter mir her. Du wirst nicht verletzt. Das lasse ich nicht zu. Geh nach Hause. Leg dich hin und halte dich von mir fern, bis das hier geklärt ist.“

„Den Teufel werde ich tun.“

Irgendetwas in seinem Inneren zersprang. Er trat noch näher. Ihre Nasen berührten sich beinahe, und Will konnte das dunkle Muster in ihren braunen Augen sehen. „Versteh es doch endlich: Ich kann nicht zulassen, dass du wegen dieser Sache verletzt wirst.“

Gracie hob die Hand. Wäre er nicht so durcheinander gewesen, dann wäre er einen Schritt zur Seite getreten, bevor sie eine schmale, kühle Hand an seine Wange legen konnte.

Die Berührung nahm ihm den Atem. Alles, was sich in seinem Inneren zusammengezogen hatte, löste sich und wurde durch etwas anderes ersetzt. Es fühlte sich bekannt an, aber auch gefährlich. Will kämpfte dagegen an, hob seine gesunde Hand und nahm ihre herunter. Aber er ließ Gracie nicht los. Er sah ihr in die Augen. Das half ihm noch weniger zu verstehen, was mit ihm passierte, aber so konnte er sich auf etwas konzentrieren.

„Geh nach Hause. Schlaf endlich. Pass auf dich auf, verdammt noch mal. Du musst dich ausruhen. Das wissen wir beide.“

Gracie schluckte schwer. „Na gut. Aber unter einer Bedingung. Versprich mir, dass du hierbleibst. Hör auf die Ärzte. Nicht abhauen. Nicht ohne mich. Bitte.“

Er sah zum Infusionsständer, dann auf ihre Hand. Er musste hier raus. Er wusste es, aber …

„Einverstanden.“ Er drückte ihre Hand. Sosehr er von hier verschwinden musste, er brauchte Gracie. „Ich verspreche es.“

6. KAPITEL

Gracie hätte es niemals zugegeben, aber sie fühlte sich, als könnte sie vor Erschöpfung in Ohnmacht fallen. Sie trat auf den Krankenhausflur. Will hatte sie von sich aus berührt. Er hatte ihre Hand genommen, er hatte ihr etwas versprochen.

Das bilde ich mir ein, dachte sie.

„Ich will nicht, dass du zu dir nach Hause fährst“, sagte Laurel. Sie schien aus dem Nichts aufgetaucht zu sein. „Das ist nicht sicher.“

„Ich wurde nicht gesehen.“

„Dein Truck wurde gesehen. Um den sich übrigens Vanessa Carson kümmert.“

„Eine Carson hat meinen Truck?“

Laurel verzog das Gesicht. „Ich weiß, aber sie hat versprochen, sich vorbildlich zu benehmen. Ich hätte Cam darum gebeten, aber der hat jetzt einen anderen Auftrag von mir bekommen.“

„Laurel, sag mir, dass das nicht wahr ist.“

Laurel schwieg und führte Gracie aus dem Krankenhaus. Vor der Tür stand Cam, Laurels Bruder.

„Ich brauche keinen Bodyguard. Cousin hin oder her“, murmelte Gracie.

„Und ich dachte, ich könnte etwas Übung gebrauchen“, erwiderte Cam. Ihm war die Zeit beim Militär anzusehen, aber Gracie kannte auch den Mann hinter der Fassade. Cam wirkte unnahbar, aber er war ein guter Mensch.

„Cam ist dauerhaft zurück aus dem Einsatz und möchte eine Sicherheitsfirma gründen.“

„Freut mich“, antwortete Gracie und lächelte Cam an. Sie wollte nicht undankbar erscheinen. „Aber ich brauche keinen Schutz.“

„Das zerschossene Autofenster sagt etwas anderes“, erwiderte Cam sanft. „Ich fahr dich nach Hause, damit du ein paar Sachen holen kannst, und dann geht es zur Ranch.“

„Ich bin mir sicher, das wird deinem Vater nicht gefallen.“

„Das ist seine Sache“, erwiderte Laurel. „Ich hab mit ihm gesprochen. Und ich hab Cam schon gesagt, er soll deine Zimmertür abschließen, bis du mindestens acht Stunden geschlafen hast.“

„Das gefällt mir nicht“, sagte Gracie. Aber sie war zu erschöpft, um zu diskutieren

„Bevor sie schlafen geht, kriegt sie noch etwas zu essen“, trug Laurel Cam auf.

Gracie wollte erwidern, dass niemand sie zum Essen zwingen konnte, aber sie hatte kaum noch die Kraft, Cam zu seinem Auto zu folgen.

Cam sagte etwas, aber Gracie schloss die Augen und gähnte kurz, sodass sie ihn nicht richtig verstand. Sie erschrak, als sie die Augen wieder öffnete. Sie war in einem dunklen Raum.

Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie dorthin gekommen war. Sie erinnerte sich an den Krankenhausparkplatz, danach an nichts mehr. Ihr Handy piepte. Sie las die Uhrzeit. Fünf Uhr morgens. Das hieß, sie hatte zwölf Stunden geschlafen, wenn nicht mehr. Das Licht des Handys ließ sie mehr von ihrer Umgebung erkennen.

Sie war auf der Ranch der Delaneys. Als ihre Eltern gestorben waren, war sie von Familienmitglied zu Familienmitglied gereicht worden. Erst als sie in die fünfte Klasse gekommen war, war sie dauerhaft an einem Ort geblieben. Bis zum Ende der Highschool hatte sie mit ihren vier Cousins auf der Delaney-Ranch gelebt.

Doch auch wenn sie ihre Cousins liebte, war Gracie sich immer bewusst gewesen, dass ihr Onkel Geoff sie nie als eines seiner eigenen Kinder angesehen hatte.

Gracie rieb sich mit den Händen über das Gesicht und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt. Jemand hatte ihr geschrieben.

Sie öffnete die Nachricht. Sie war von Will.

Triff mich bei meiner Hütte.

Gracie sah ihr Handy stirnrunzelnd an. Will hatte ihr versprochen, im Krankenhaus zu bleiben. Warum sollte er bei seiner heruntergebrannten Hütte sein? Sein Auto war abgeschleppt worden. Wie wäre er dort hingekommen?

Irgendetwas stimmte nicht.

Kaffee. Erst einmal brauchte sie Kaffee. Und Essen. Gracie rutschte aus dem Bett und taumelte zur Tür. Sie fühlte sich seltsam. Obwohl sie so viele Jahre auf der Ranch gewohnt hatte, hatte es sich nie wie ein Zuhause angefühlt. Sie war immer ein Gast geblieben.

Mit einem Seufzen ging sie in die Küche. Ihre Cousine Jen stand am Herd und summte viel zu fröhlich für fünf Uhr morgens. „Ich hatte gehofft, du würdest länger schlafen.“

Gracie schnaufte nur einmal. Jen griff nach der Kaffeekanne und goss Gracie eine große Tasse ein. „Sag Bescheid, wenn du anwesend bist.“ Nach ein paar Minuten stellte sie einen Teller vor Gracie ab. Spiegeleier, Bacon und Toast, mit viel Butter beschmiert.

„Habe ich dir schon einmal gesagt, wie sehr ich dich liebe?“

Jen grinste. „Nicht seitdem du hier gewohnt hast und ich dir auch Frühstück gemacht habe.“

Gracie verschlang Frühstück und Kaffee.

„Weißt du, wo Laurel ist?“

„Sie schläft hoffentlich. Sie hat erst wieder heute Abend Dienst, aber sie meinte, du kannst sie wecken, wenn es wichtig ist.“

„Nein, schon in Ordnung. Ich kann mir nicht zufällig ein Auto leihen, oder?“

„Leider nicht. Ich muss um sieben beim Laden sein, aber vielleicht kann ich dich irgendwo rauslassen. Cam kann dich bestimmt wieder abholen, wenn du noch woanders hinmusst.“

„Cam und Laurel haben dir nicht gesagt, dass du mich hierbehalten und ein Auge auf mich haben sollst?“

Jen lachte auf. „Doch, natürlich haben sie das. Ich höre nur nicht auf sie.“

Gracie stimmte in das Lachen ein, aber verstummte, als sie wieder auf ihr Handy sah.

„Kannst du mich beim Krankenhaus rauslassen?“

„Klar, kann ich, aber du wirst Will noch nicht sehen dürfen.“

„Ich weiß, aber ich warte lieber da als hier. Ich möchte nicht so gerne auf deinen Dad treffen. Tut mir leid.“

„Nein, mir tut es leid“, antwortete Jen.

„Braucht es nicht. In meinen Augen bist du gerade der beste Mensch auf Erden.“

„Wie wäre es mit Nachschlag?“

Gracie sah mit gerunzelter Stirn auf ihr Handy. Irgendetwas ging vor sich. Hatte Will sein Versprechen gebrochen? „In Ordnung. Ich nehme noch etwas.“

Will sah auf die Nadel in seinem Arm. Er hatte Gracie versprochen, zu bleiben, aber es war bald sieben Uhr morgens. Wie lange sollte er das Versprechen denn einhalten?

Jemand hatte versucht, ihn umzubringen. Seine Hütte war angezündet worden, und alle Beweise waren verloren gegangen.

Was bedeutete, dass er der Sache näher gekommen war. Oder dass der Täter dachte, Will sei der Wahrheit näher gekommen. Aber was hatte er in den Tagen vor seinem Autounfall anders gemacht?

Das Einzige, was ihm einfiel, war sein Besuch in der Rightful Claim. Hatte jemand in der Bar gehört, wie er mit Gracie gesprochen hatte, und angenommen, er hätte herausgefunden, wer der wahre Täter war? Was genau hatte er zu Gracie gesagt? Er wusste nur noch, dass er ihr gesagt hatte, er hätte etwas herausgefunden.

Und sie hatte ihm gesagt, dass er ihr etwas bedeutete.

Aber das war jetzt nicht wichtig. Jetzt ging es darum, wer sie gehört haben könnte.

Autor

Debra Webb
Debra Webb wurde in Alabama geboren und wuchs als Tochter von Eltern auf, die ihr beibrachten, dass alles möglich ist, wenn man es nur zielstrebig verfolgt. Debra liebte es schon immer, Geschichten zu erzählen und begann schon mit neun Jahren zu schreiben. Die Farm, auf der sie aufwuchs bot viel...
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