Bestsellerautorin Carole Mortimer

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EINE HOCHZEIT ZUM VERLIEBEN

Gabriella verliebt sich auf den ersten Blick in den erfolgreichen Geschäftsmann Rufus Gresham. Schon träumt sie von einer Hochzeit mit ihm, da wird ihr Glück jäh zerstört: Nach einer verführerischen Massage am Pool seiner Villa stößt Rufus sie plötzlich von sich und wirft ihr vor, nur hinter seinem Geld her zu sein. Zutiefst verletzt reist Gabriella ab ... Erst fünf Jahre später trifft sie ihn wieder: Um ein gemeinsames Erbe anzutreten, müssen Rufus und sie heiraten. Eine reine Vernunftehe, die Rufus unerwartet mit einem atemberaubenden Kuss besiegelt ...

SO EROBERE ICH DEIN HERZ

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SÜßE RACHE, HEIßE NÄCHTE

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  • Erscheinungstag 10.03.2016
  • ISBN / Artikelnummer 9783733767815
  • Seitenanzahl 1248
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Carole Mortimer

Bestsellerautorin Carole Mortimer

Carole Mortimer

Eine Hochzeit zum Verlieben

IMPRESSUM

JULIA erscheint im CORA Verlag GmbH & Co. KG,
20350 Hamburg, Axel-Springer-Platz 1

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Brieffach 8500, 20350 Hamburg
Telefon: 040/347-25852
Fax: 040/347-25991

© 2007 by Carole Mortimer
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V., Amsterdam

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA
Band 1799 (3/2) - 2008 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Tatjána Lénárt-Seidnitzer

Fotos: RJB Photo Library

Veröffentlicht im ePub Format im 03/2011 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-86349-496-4

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

 

PROLOG

„Was zum Teufel tust du da?“

Gabriella hob die langen dunklen Wimpern und blickte mit ihren tiefblauen Augen, die an Veilchen erinnerten, über die Terrasse zu Rufus. Dem Mann, in den sie sich vor einem Jahr verliebt hatte, als ihre Mutter von seinem Vater vor den Traualtar geführt worden war. Und mit ihren achtzehn Jahren erhoffte sie sich in jugendlichem Eifer, dass er ihre Gefühle erwiderte.

Sie hatte den Kies auf der Auffahrt zu der mallorquinischen Villa der Greshams knirschen gehört, als Rufus in seinem Leihwagen vorgefahren war. Doch sie zwang sich, ihre Nervosität zu unterdrücken und scheinbar entspannt auf der Sonnenliege liegen zu bleiben. Dabei spürte sie den heftigen Drang, aufzuspringen und zu ihrem Schwarm zu laufen, um ihn überschwänglich zu begrüßen. Doch sie wusste, dass es bei einem Mann wie ihm ratsamer war, sich in Geduld zu üben und darauf zu warten, dass er sich näherte – auch wenn er die Liebe ihres Lebens war und sie allein bei seinem Anblick weiche Knie bekam.

Lässig stand er in der Tür, die auf die Terrasse führte. Wegen der starken Hitze hatte er das Jackett seines leichten Straßenanzugs abgelegt. Das relativ lange dunkelblonde Haar glänzte golden in der Sonne. Die hellgrünen Augen verbarg eine sehr dunkle Sonnenbrille.

Aber seine Frage und der missbilligende Zug um die wohlgeformten Lippen verrieten hinreichend, dass es ihn nicht gerade erfreute, Gabriella in einem knappen orangefarbenen Bikini bei einem Sonnenbad auf der Terrasse anzutreffen.

Rufus hatte die Angewohnheit, sie entweder wie ein ungezogenes Kind zu behandeln oder völlig zu ignorieren. Dabei wünschte sie sich sehnlichst, von ihm als begehrenswerte Frau angesehen zu werden.

„Was ich hier tue? Wonach sieht es denn aus?“, erwiderte sie keck. „Ich pflege meine Bräune.“ Mit einem Lächeln rekelte sie sich geschmeidig auf der Liege und bog den Rücken durch, sodass sich ihr voller Busen aufrichtete und die erregten Brustspitzen sich deutlich unter dem dünnen Stoff des Bikinioberteils abzeichneten.

„Das sehe ich selbst, verdammt noch mal“, knurrte er bissig, und während er hinaus auf die Terrasse trat, sagte er brüsk: „Herrje, zieh dir gefälligst was über!“

„Wie soll ich denn dann braun werden, Herr Oberlehrer?“, entgegnete Gabriella schmollend. Dann fügte sie herausfordernd hinzu: „Und warum sollte ich mir was anziehen, wenn mich außer dir keiner sehen kann?“

Bougainvillea, der Familiensitz der Greshams, thronte oberhalb des terrassenförmig errichteten Dorfes auf einem Berghang, der einen atemberaubenden Panoramablick auf das Mittelmeer bot.

Ungehalten fragte Rufus sich, warum es ihn überhaupt kümmerte, was dieses Mädchen trieb. Zum Glück verbargen die dunklen Brillengläser seine Gefühle, während er den Blick langsam über Gabriellas geschmeidigen vollkommenen Körper gleiten ließ, der bereits golden gebräunt war. Ihre samtige Haut glänzte von dem Sonnenöl, das sie auf ihren Oberkörper und diese schier endlos langen Beine gestrichen hatte.

Es war ein wundervoll schlanker Körper, ohne jeden Makel, wie ihn nur ein sehr junger Mensch besaß. Ihm zu widerstehen, wäre sicher jedem Mann schwergefallen.

Doch genau darin hatte Rufus viel Übung, seit Gabriella vor einem Jahr in sein Leben gestürmt war und nicht im Geringsten versuchte, ihr Interesse an ihm zu verhehlen.

Ein Interesse, das er mit seinen dreißig Jahren keineswegs zu befriedigen gedachte.

Zumindest hatte er diese Absicht nicht gehegt, bevor er Gabriella auf der Terrasse erblickt hatte …

„Jeder x-Beliebige hätte hier auftauchen können und …“

„Es ist aber kein x-beliebiger aufgetaucht, sondern nur du“, widersprach sie. „Außerdem tragen die Frauen unten am Strand auch nicht mehr.“

Erfahrungsgemäß wimmelte es am Strand zu dieser Tageszeit von Badegästen, und die meisten Frauen trugen tatsächlich knappe Bikinis. Einige sonnten sich sogar barbusig, aber sie waren auch nicht allein mit dem Mann, den sie seit einem Jahr schamlos anhimmelten!

„Wo sind unsere Eltern?“, fragte Rufus schroff – ja sogar ein wenig verzweifelt, wie er selbstkritisch zugeben musste. Ihre Anwesenheit hätte die Situation bedeutend entschärft und ihn daher erleichtert, obwohl er seine Stiefmutter Heather beinahe so lästig fand wie diese wundervolle Kreatur, seine Stiefschwester.

Überhaupt war er nur da, weil er gerade von einer Geschäftsreise auf das spanische Festland zurückfuhr und seinen Vater ein paar Tage besuchen wollte.

„James wollte unbedingt nach Palma fahren, um für Mum ein total extravagantes Geschenk zu ihrem Jahrestag zu kaufen. In ein paar Stunden müssten sie wieder hier sein.“ Gabriella setzte sich auf und sah ihn an. „Sie haben heute Morgen auf dich gewartet. Als du nicht gekommen bist, haben sie bei der Fluggesellschaft nachgefragt und erfahren, dass dein Flug sich um drei Stunden verspätet. Und Margarita besucht heute Nachmittag ihre Familie.“ Sie zuckte mit den nackten Schultern. „Deshalb habe ich angeboten, hierzubleiben und auf dich zu warten.“

Verdammt, verdammt, verdammt!

Also konnte nicht einmal die mallorquinische Haushälterin und Köchin als Anstandsdame einspringen.

„Ach, Rufus, zieh doch nicht so ein Gesicht.“ Gabriella wirkte ein wenig unsicher, da sie seinen Unmut spürte. „Oder bist du nur müde von der Reise? Warum schwimmst du nicht eine Runde?“, schlug sie mit ihrer verführerischen Stimme vor. Diese allein reichte, um ihm einen Schauer der Erregung über den Rücken zu jagen.

Gabriella Maria Lucia Benito, Tochter von Heather und dem verstorbenen Antonio Benito …

Abgesehen von den tiefblauen Augen hatte Gabriella das Aussehen ihres italienischen Vaters geerbt. Das prachtvolle üppige Haar fiel ihr in pechschwarzen glänzenden Locken fast bis zur Taille. Ihr Teint war von Natur aus dunkel und nun, nach wochenlangem Aufenthalt in der Ferienvilla, wunderschön gebräunt.

Vor ihrer zweiten Heirat hatte Heather in einer schäbigen Mietwohnung gelebt und als Sekretärin bei James gearbeitet, um sich und ihr Kind durchzubringen. Daher glaubte Rufus, dass sie seinen Vater nur seines Geldes wegen geheiratet hatte. James Gresham, mehrfacher Millionär und Eigentümer von Gresham’s – der namhaften Kaufhauskette mit Hauptsitz in London, die weltweit für Exklusivität bekannt war.

Ebenso stand für Rufus fest, dass er von der atemberaubend exotischen und sinnlichen Gabriella gleichermaßen nur aus Berechnung als Ehemann auserkoren worden war. Denn immerhin war er James’ einziger Sohn und Erbe.

Ihre Strategie hatte nur einen Haken: Rufus hatte nicht die Absicht, jemals wieder zu heiraten. Der erste Versuch hatte gezeigt, dass es auch seiner Exfrau Angela lediglich um das Familienvermögen gegangen war. Nach nur einem Jahr Ehe verließ sie ihn und ihre zwei Monate alte Tochter.

Als es sechs Monate später zur Scheidung kam, verlief diese schmutzig und in aller Öffentlichkeit. Rufus überschrieb Angela die Hälfte seines riesigen Privatvermögens, um das Sorgerecht für das Baby zu erhalten, für das sie ohnehin kein Interesse aufbrachte.

Und mitten in diesen Aufruhr platzte Gabriella Maria Lucia Benito. Damals nämlich verkündete der verwitwete James, der anscheinend nichts aus der Erfahrung seines Sohnes gelernt hatte, in einem Atemzug, dass er zugunsten seines Sohnes als Vorstandsvorsitzender von Gresham’s zurücktreten und die fünfzigjährige Witwe heiraten werde, die seit einem Jahr als seine Sekretärin arbeitete und eine siebzehnjährige Tochter aus erster Ehe mitbrachte.

Die eigene Sekretärin heiraten – herrje, was für ein Klischee!

Groß und von Natur aus graziös, in knappen T-Shirts und hautengen Jeans, hatte Gabriella sich anscheinend auf den ersten Blick vorgenommen, Rufus mit allen in ihrer jugendlichen Macht stehenden Mitteln zu verführen. Jedes Mal, wenn er seinen Vater in Gresham House in Surrey besuchte, verfolgte sie ihn auf Schritt und Tritt mit ihren hungrigen Blicken.

Doch selbst wenn er jemals wieder heiraten sollte, würde seine Wahl zuallerletzt auf eine Frau wie Gabriella fallen. Denn eine geldgierige Person in der Familie, nämlich ihre Mutter, reichte für seinen Geschmack.

Und doch war Gabriella ein äußerst reizvolles Mädchen, wie er sich mit einem verstohlenen Blick auf ihren Körper eingestand.

„Ich glaube, ich springe wirklich in den Pool“, murmelte er rau, während er sein Hemd aufknöpfte. „Du hast doch gesagt, dass unsere Eltern erst in ein paar Stunden zurückkommen, oder?“

„Ja.“ Fasziniert beobachtete sie, wie er sich das Hemd von dem tief gebräunten und muskulösen Oberkörper streifte. Dann öffnete er die Hose und ließ sie achtlos auf den Boden fallen.

Die schwarzen engen Boxershorts eigneten sich durchaus als Badehose. Und doch errötete Gabriella, während ihr Blick von der breiten Brust nach unten glitt – dorthin, wo sich die Härchen zu einem V verjüngten und unter dem Hosenbund verschwanden. Und dann riss sie verblüfft die Augen auf, denn sie entdeckte die Anzeichen einer Erregung.

Rufus begehrte sie!

Während sie den Blick zu den harschen Linien seines Gesichts hob, schluckte Gabriella schwer und atemlos. Noch immer lagen die hellgrünen Augen hinter den dunklen Gläsern verborgen.

Rufus setzte sich auf die Kante ihrer Liege. Sein Oberschenkel berührte ihr Bein und setzte ihre Haut in Flammen. „Reibst du mir bitte den Rücken ein?“

Gabriellas Finger zitterten ein wenig, als sie Sonnenöl auf ihre Handflächen träufelte, bevor sie die breiten Schultern berührte. Wie sie das Spiel seiner Muskeln genoss, als sie die Haut massierte.

Nicht einmal in ihren wildesten Fantasien, von denen es sehr viele gab, hatte sie sich erträumt, dass Rufus sie einmal so nah an sich heranlassen würde – so nah, dass sie diese Wärme zwischen den Beinen spürte.

„Und jetzt vorn.“ Er legte sich auf den Rücken, nahm endlich die Sonnenbrille ab und sah zu Gabriella auf, die nun neben ihm saß.

Sie ölte seine Brust ein, und ihr stockte der Atem, als sie den anerkennenden Blick bemerkte, mit dem Rufus ihren Körper bedachte und unter dem sie sich nun wie gefangen fühlte.

„Tiefer“, verlangte er verführerisch sanft, und dabei ließ er eine Hand zu ihrem Schenkel gleiten.

Sie spürte, wie ihre Wangen erglühten, mied seinen Blick und starrte auf die eigenen gebräunten Hände, die den straffen muskulösen Bauch massierten.

„Tiefer, Gabriella“, drängte er rau.

Nun zitterten ihre Hände so, dass sie Sonnenöl aus der Flasche auf seine Oberschenkel verschüttete.

„Ja, genau da“, murmelte Rufus ermutigend.

Er seufzte, als sie schließlich zögerlich seine Beine einölte, und musste zugeben, dass ihre federleichte Berührung äußerst erregend wirkte und sein Bedürfnis steigerte, mit ihr zu schlafen.

Aber das sollte – und wollte – er nicht tun.

Mochte er auch entschlossen sein, sie genauso aufreizend zu berühren, wie sie es gerade bei ihm tat, nehmen wollte er sie nicht.

„Jetzt bist du dran“, murmelte er schroff, setzte sich hastig auf und drückte sie blitzschnell auf die Liege.

Beim Einölen seiner Hände sah er ihr tief in die Augen. Als er sie dann einrieb, stöhnte sie vor Entzücken und weckte damit eine ähnliche Reaktion in seinem Körper.

Ja, er wollte es auskosten, jeden Zentimeter dieser provokanten jungen Frau anzufassen.

Gabriella vermochte den Blick nicht von ihm zu lösen, derart verzückten sie die Empfindungen, die er in ihr hervorrief.

Gerade als sie glaubte, es nicht länger zu ertragen, nahm Rufus die Hände von ihrem Körper, sah ihr erneut in die Augen und fragte: „Tiefer?“

Sie konnte kaum atmen, geschweige denn sprechen. Doch die kokett gesenkten Lider reichten als Antwort.

Er träufelte sich Öl auf die Handflächen und ließ diese anschließend über Gabriellas schmale Taille zu ihrer Hüfte wandern. Wieder suchte er ihren Blick und hielt ihn gefangen, als er sie schließlich ganz intim berührte. Und sie rieb aufreizend die Schenkel an ihm, als er sie immer begehrlicher liebkoste. Ihre Erregung wuchs und wuchs, und dabei nahte ein Entzücken, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Als Woge um Woge der Lust ihren Körper erschütterte, bäumte Gabriella sich auf. Mit einem kehligen Schluchzen vergrub sie die Finger in Rufus’ dunkelblondem Haar, drückte ihn fest an sich. Dann gipfelte die Erregung in einem Höhepunkt, bei dem sie sich in unverhohlener hemmungsloser Hingabe an Rufus klammerte.

Nie zuvor hatte sie so etwas erlebt. Nicht einmal die romantischen Tagträume hatten sie auf die Wirklichkeit vorbereitet, auf ihre völlig unkontrollierte Reaktion gegenüber seinen Zärtlichkeiten.

In diesem glücklichsten Moment ihres Lebens war Gabriella überzeugt, dass Rufus sie ebenso heftig lieben musste. Sonst hätte er sie gewiss nicht derart überwältigend berühren können.

Verklärt lächelte sie vor sich hin, während sie sich eine Zukunft mit ihm ausmalte. Als seine Ehefrau. Wie überrascht ihre Mutter und James auf die Ankündigung reagieren würden …

„Nicht schlecht, Gabriella“, höhnte Rufus trocken. Sein Blick wirkte nicht länger verlangend heiß, sondern abschätzig und kühl. „Sehr reaktionsfreudig. Aber du solltest dich jetzt lieber wieder salonfähig machen, bevor unsere Eltern zurückkommen. Wir wollen ihr Zartgefühl doch nicht verletzen, oder?“

Verunsichert blinzelte sie an, mit gerunzelter Stirn. Gerade noch hatte er sie liebkost, wie kein anderer zuvor, und ihr eine Ekstase geschenkt, die ihre kühnsten Erwartungen übertraf. Auch wenn sie nicht miteinander geschlafen hatten, mussten die Intimitäten ihm doch ebenfalls etwas bedeuten!

„Ich glaube, ich gehe jetzt schwimmen.“ Rufus stand auf und streckte sich genüsslich. „Und dann möchte ich etwas essen“, fügte er gelassen hinzu.

Wie kann er jetzt an Essen denken?

Sie hatten sich gerade geliebt – na ja, zumindest hatte er sie gerade liebkost, und da fiel ihm nichts anderes ein als Nahrungsaufnahme?

„Was ist los?“ Mit diesen abschätzig kalten Augen und einem spöttischen Zug um den Mund sah er zu ihr. „Bist du noch nicht befriedigt? Tja, lass mir etwas Zeit für ein erfrischendes Bad und eine Stärkung, und dann bin ich vielleicht in der Stimmung nach mehr …“

Ihre Augen schimmerten feucht. „Warum bist du bloß so?“

„Wie denn?“, konterte Rufus, ungerührt von ihren Tränen. In den achtzehn Monaten ihrer Beziehung hatte Angela jedes Mal welche vergossen, wenn sie ihren Kopf nicht hatte durchsetzen können. Krokodilstränen.

„Aber wir haben doch gerade …“

„Nein. Nicht wir, nur du“, korrigierte er schroff. „Du wolltest schon das ganze letzte Jahr, dass ich dich anfasse. Und jetzt, wo ich es getan habe, worüber beschwerst du dich da eigentlich?“

Wie betäubt schüttelte sie den Kopf. „Ich verstehe nicht, was …“

„Gabriella, ich habe geschlagene sieben Stunden auf einem Flughafen und in einem Flugzeug festgesessen“, erinnerte er sie. „Ich bin müde und hungrig. Wenn du mehr von mir willst, dann musst du schon warten, bis zumindest mein anderer Appetit gestillt ist.“

Sie rückte ihr Bikinioberteil zurecht, dabei murmelte sie: „Aber ich dachte, du und ich …“

„Was?“ Rufus’ Geduld war am Ende. „Dass du mich nach allen Regeln der Kunst verführen würdest, worauf du es schon das ganze letzte Jahr anlegst? Und dass ich dich dann bitte, mich zu heiraten? Dass ich mich benehme wie der liebeskranke Narr von meinem Vater, als er deine geldgierige Mutter geheiratet hat?“ Verächtlich verzog er die Lippen. „Da hast du dich gewaltig getäuscht. Du hast gerade alles von mir bekommen, was ich dir zu geben habe. Wenn du eine Wiederholung willst, bin ich vielleicht dazu bereit. Aber später, nicht jetzt.“

Unter Tränen sah Gabriella ihn an. Sie liebte diesen Mann. Und hatte geglaubt, dass sein Verhalten bewies, dass er ihre Gefühle erwiderte. Doch für ihn bedeutete es offenbar nur eine körperliche Angelegenheit, über die er völlig die Kontrolle behalten hatte, während sie vor Lust dahingeschmolzen war. Zudem zielten seine Bemerkungen darauf ab, sie zu demütigen – und zwar erfolgreich.

Am meisten jedoch quälte sie, dass er ihre Mutter als geldgierig bezeichnet hatte – ihre wundervolle Mutter, die in erster Ehe so viel Elend erlebt hatte und der deshalb jeder Augenblick des Glücks vergönnt sein sollte, das sie nun bei James gefunden hatte.

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass meine Mutter … Sie liebt deinen Vater“, protestierte Gabriella nachdrücklich.

„Verschon mich bitte damit! Es ist verdammt leicht, jemanden zu lieben, der so millionenschwer ist wie mein Vater.“

„Aber sie liebt ihn wirklich!“

„Sicher tut sie das“, höhnte Rufus. „Jedenfalls genug, um ihn noch vor der Hochzeit um hunderttausend Pfund erleichtert zu haben. Das ist ein bisschen viel für Kleidergeld, meinst du nicht?“

„Wie bitte?“ Schockiert sprang sie auf. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“

„Ach, tu doch nicht so. Akzeptier einfach, dass ich von dem Geld und den Schulden deiner Mutter weiß, und lass es uns dabei bewenden, okay?“

Gabriella wusste wirklich nicht, wovon er redete. Bestimmt lag da ein Missverständnis vor. Ihre Mutter hätte sich niemals auf so schamlose Weise von einem Mann aushalten lassen.

„Du bist einfach nur verbittert. Schließlich weiß jeder, dass Angela dich nur geheiratet hat, weil …“ Sie hielt inne, als sich sein Gesicht verfinsterte und ihr bewusst wurde, dass sie zu weit gegangen war.

Drohend baute Rufus sich vor ihr auf, und seine grünen Augen funkelten so hell, dass sie silbrig wirkten. „Ja?“, hakte er gefährlich sanft nach. „Angela hat mich nur geheiratet, weil …?“

Ihre Mutter, die alle Einzelheiten dieser Ehe und Scheidung kannte, hielt es für das Beste, dieses Thema Rufus gegenüber nicht anzusprechen. Doch immerhin hatte er sie beleidigt und völlig zu Unrecht beschuldigt. Ganz bestimmt hatte sie keine Schulden von hunderttausend Pfund gemacht! Gabriella schüttelte den Kopf. „Nicht alle Frauen sind wie Angela.“

„Ach nein? Willst du etwa leugnen, dass du das ganze letzte Jahr versucht hast, dich mir an den Hals zu werfen?“

Angesichts seiner unverhohlenen Verachtung, die sie sich einfach nicht erklären konnte, schon gar nicht nach den körperlichen Intimitäten, die sie gerade getauscht hatten, brannten ihre Wangen. Es stimmte, sie hatte ihm schamlos nachgestellt, aber nicht um ihn auszunehmen, sondern weil sie sich auf den ersten Blick in ihn verliebt hatte.

„Und bestreitest du, dass du heute ganz allein hiergeblieben bist – mit dem festen Vorsatz, mich zu verführen?“

Auch das konnte sie nicht guten Gewissens leugnen. Aber sie verhielt sich doch nur so, weil er völlig immun gegen alle anderen Versuche war, ihm ihre Liebe zu zeigen.

Und nun kannte sie den Grund für sein abweisendes Verhalten. Er glaubte im Ernst, dass sie ihn nur wegen seines Geldes begehrte und dass ihre Mutter seinen Vater nur aus materieller Gier geheiratet hatte!

Entschieden schüttelte sie den Kopf. „Ich glaube kein Wort von dem, was du über meine Mutter gesagt hast.“

„Dann frag sie doch selbst“, konterte er herausfordernd. „Ich habe keine Ahnung, warum mein Vater sich überhaupt die Mühe gemacht hat, Heather zu heiraten, obwohl er sowieso schon dafür bezahlt …“ Als Gabriella ihm eine schallende Ohrfeige verpasste, verstummte er abrupt.

Rufus packte ihr Handgelenk und umklammerte es mit hartem Griff. In seinen Augen glitzerte eisige Wut. Sein Gesicht, auf dem sich rote Striemen abzeichneten, kam ihrem gefährlich nahe. „Mach das noch ein Mal, und du wirst es bitter bereuen. Das schwöre ich“, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

Mit blitzenden Augen hielt Gabriella seinem Blick unverwandt stand. Vor Aufregung ging ihr Atem rasch und flach. „Ich hasse dich!“

„Gut“, erwiderte er mit einem zufriedenen Unterton. „Vielleicht lehrt dich das, mich in Zukunft bei deiner Suche nach einem reichen Ehemann auszuklammern.“

„Ich würde mich dir nicht einmal mehr nähern, wenn du der letzte Mann auf Erden wärst!“

„Wie originell“, höhnte Rufus.

„Du bist ein Schuft, und ich hasse dich!“, erklärte Gabriella nachdrücklich, und dann machte sie auf dem Absatz kehrt und lief in die Villa.

Einige Minuten blieb Rufus aufgebracht am Rand des Swimmingpools stehen. Dann wirbelte er herum, tauchte mit einem Kopfsprung in das tiefe Wasser und genoss die erfrischende Kühle.

Gabriella hasst mich also.

Das ist gut so, dachte er. Aber warum verschaffte es ihm nicht die erhoffte Befriedigung?

1. KAPITEL

Fünf Jahre später begegneten sich Gabriella und Rufus gezwungenermaßen in einer Kanzlei. Nachdenklich musterte sie sein Gesicht und erkannte, wie sehr sie ihn noch immer hasste.

Sobald sie Platz genommen hatten, drängte der Anwalt David Brewster: „Wenn ich gleich zu den Konditionen von Mr. Greshams Letztem Willen kommen dürfte?“

„Ich bitte darum“, erwiderte Rufus in etwas angespanntem Ton.

Gabriella wusste, dass er ihr die Anwesenheit bei der Testamentsverlesung zutiefst verübelte. Ebenso wenig behagte ihm offensichtlich die Gegenwart seines jüngeren Cousins Toby – zumindest der Feindseligkeit nach zu urteilen, mit der die beiden Männer sich begrüßt hatten. Nach allem, was Toby ihr angetan hatte, konnte sie Rufus in diesem Punkt nur beipflichten.

Sie selbst litt mindestens ebenso darunter, hier zu sein, auch wenn Rufus das nicht geglaubt hätte.

Denn sie wünschte sehnlichst, James würde noch leben. Schon jetzt vermisste sie seine väterliche Zuneigung und die Ratschläge, die ihr unschätzbar lieb und teuer geworden waren, seit ihre Mutter vor einem Jahr gestorben war.

Dass Heather bei einem Autounfall starb, erschütterte James zutiefst. Von diesem Schicksalsschlag hatte er sich nie wirklich erholt. Sechs Monate später erlitt er einen Herzanfall und vor einem Monat einen weiteren, der zu seinem Tod führte.

Gabriella hätte viel dafür gegeben, wenn sie nicht zur Verlesung von James’ Testament in die Kanzlei zitiert worden wäre.

Seit sie und Rufus vor einigen Minuten getrennt eingetroffen waren, hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Wie sie auch in den letzten fünf Jahren nicht miteinander gesprochen hatten und es nie wieder tun würden, sobald diese letzte Verbindung zwischen ihnen gelöst war.

Mit ernster Miene öffnete David Brewster die Akte auf seinem Schreibtisch, blickte über den Rand seiner halbmondförmigen Lesebrille zu den Erben und erklärte: „Die Empfänger kleinerer Hinterlassenschaften, wie die Hausangestellten, habe ich bereits schriftlich verständigt. Darüber hinaus existiert ein Treuhandfonds für Mr. Greshams Enkeltochter Holly, der bis zu ihrer Volljährigkeit gemeinsam von ihrem Vater und mir zu verwalten ist.“

„Die glückliche kleine Holly“, warf Toby munter ein. Er war von Beruf Schauspieler. Doch leider ging sein durchaus gutes Aussehen nicht mit Talent einher, sodass er häufiger pausierte als auftrat. „Ein Jammer, dass sie erst sieben ist! Wenn sie schon achtzehn wäre, könnte ich sie heiraten.“

„Nur über meine Leiche“, knurrte Rufus.

„Wenn es sein muss“, konterte Toby ungerührt.

Gabriella achtete kaum auf den Wortwechsel. Ihre Anspannung war gewaltig gestiegen, seit der Anwalt die „kleineren Hinterlassenschaften“ derart beiläufig abgetan hatte.

Was bedeutete das? Dass sie selbst ein größeres Vermächtnis erhielt?

Wenn ja, würde Rufus sie mehr denn je ablehnen – sofern das überhaupt möglich war.

Mit halb zusammengekniffenen Augen sah Rufus zu dem betagten Anwalt.

„Darf ich fragen, ob es sich um ein kürzlich verfasstes Testament meines Vaters handelt?“

„In der Tat, Mr. Gresham. Es wurde nur zwei Monate vor seinem Tod verfasst.“

Damit wuchs Rufus’ Unbehagen, was den Inhalt dieses Letzten Willens anging, noch mehr.

Dieses Missfallen konnte allerdings auch daher rühren, dass Toby neben ihm saß – sein verdorbener Cousin, der James’ Gutmütigkeit ständig ausgenützt hatte, bis Onkel und Neffe sich vor drei Monaten schließlich überworfen hatten.

Und Gabriella …

In den vergangenen fünf Jahren hatte er sie nur selten gesehen. Nach jenem denkwürdigen Zwischenfall auf Mallorca war sie für drei Jahre nach Frankreich gegangen, um dort eine Ausbildung als Chefköchin zu machen. Und seit sie vor zwei Jahren wieder nach England übersiedelt war, hatten sich ihre Wege kaum gekreuzt.

Aber wann immer sie sich begegnet waren, hatte er die ausgeprägte Intensität ihrer Abneigung sehr deutlich gespürt.

Die fünf Jahre hatten ihre Schönheit keineswegs geschmälert, wie Rufus feststellte, während er sie unter halb gesenkten Augenlidern verstohlen musterte. Ohne den jugendlichen Übereifer von damals wirkte sie noch anziehender.

Als Gabriella seinen Blick spürte, sah sie ihn herausfordernd an.

Das üppige Haar fiel ihr immer noch in wilden schwarzen Locken auf den Rücken, aber die schlanke Gestalt wies nun die vollkommenen Proportionen eines Models auf. Auch ihr Gesicht war schmaler geworden, sodass die veilchenblauen Augen größer und die Wangen hohler wirkten. Das Kinn erschien ihm ausgeprägter, nur die vollen sinnlichen Lippen waren unverändert geblieben.

Rufus erinnerte sich an jeden Zentimeter ihres verführerischen Körpers, der nun unter einer maßgeschneiderten schwarzen Hose und einer roten Bluse im Zigeuner-Look, die ihre vollen Brüste betonte, verborgen war.

Selbstverächtlich verzog er die Lippen, als er spürte, dass sie ihn erregte. Er wandte sich ab, denn er wollte nicht in Erinnerungen daran schwelgen, wie er diese verführerischen Brüste berührt hatte.

Gabriella sah den Hohn in seinem Blick, bevor er sich wieder an den Anwalt wandte. Es fiel ihr nicht schwer, den Grund dafür zu erraten: Rufus hielt sie noch immer für eine geldgierige Hexe.

„Kommen wir also zu dem Grund, aus dem ich Sie heute hierher gebeten habe“, begann David Brewster. „Mr. Gresham hat ausdrücklich verlangt, dass ich nur mit Ihnen dreien und keinem weiteren Anwesenden über die Angelegenheit spreche.“ In bedauerndem Ton fügte er hinzu: „Ich bin überzeugt, dass Ihnen der Grund für dieses Anliegen einleuchten wird, sobald ich Ihnen das Testament verlesen habe.“

Gabriellas Magen verkrampfte sich, weil eine furchtbare Vorahnung in ihr aufstieg.

Brewster fuhr fort: „Die hauptsächlichen Klauseln lauten folgendermaßen: ‚Meinen beiden Kindern Rufus James Gresham und Gabriella Maria Lucia Benito hinterlasse ich den Hauptteil meines Vermögens.‘“ Er blickte von dem Dokument auf und erklärte: „Das waren zum Zeitpunkt der Testamentsverfassung etwa fünfzig Millionen Pfund …“

„Willst du mich heiraten, Gabriella?“, warf Toby scherzhaft ein.

Doch sie würdigte ihn keines Blicks. Er wusste genau, wie sie ihn verabscheute, seit er vor drei Monaten versucht hatte, sich ihr aufzuzwingen. Außerdem war sie viel zu verblüfft, um mehr zu tun, als den Anwalt fassungslos und sprachlos anzustarren.

„Wenn ich fortfahren dürfte …?“ David Brewster warf Toby einen missbilligenden Blick über den Rand der halbmondförmigen Gläser zu, bevor er weiterlas. „‚Alle Besitztümer, in Übersee wie in England, sollen zu gleichen Teilen zwischen den oben benannten Kindern aufgeteilt werden, mit Ausnahme der Filialen von Gresham’s in England und in New York, die in den Besitz von Rufus James Gresham übergehen sollen – nach Ablauf von sechs Monaten und unter der Bedingung, dass Rufus und Gabriella während der Dauer dieser Zeit als Mann und Frau auf Gresham House gelebt haben. Besagte Barschaft und Besitztümer sowie sämtliche ausstehenden Gelder fallen an meinen Neffen Tobias John Reed, sofern die oben genannte Bedingung nicht erfüllt wird.‘“ Hier hielt der Anwalt inne und fragte: „Wollten Sie etwas sagen, Miss Benito?“

Gabriella merkte, dass die Blicke aller Anwesenden voller Verwunderung auf ihr ruhten. Hatte sie etwa laut gestöhnt?

„Nein, nichts“, versicherte sie leise.

Aber innerlich erschauerte sie. Denn sie wusste genau, was James mit diesen „ausstehenden Geldern“ meinte.

Kurz nach Heathers Tod vor einem Jahr hatte Gabriella ein Bankdarlehen aufgenommen, um ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Davon hatte sie immer geträumt. Sie war überzeugt, inzwischen genügend Erfahrung für diesen Schritt zu besitzen. Doch dann war von Anfang an einfach alles schiefgegangen.

Angefangen mit der Firma, die sie beauftragt hatte, das Lokal umzubauen, das sie für ein Jahr im Voraus gepachtet hatte. Der Bauunternehmer überschritt das veranschlagte Budget jedoch weit und stellte die Arbeiten bis zur vollständigen Bezahlung einfach ein.

Dann brach in der Nacht vor der Eröffnung in der Küche ein Feuer aus, sodass Gabriella überstürzt und daher überteuert neue Geräte anschaffen musste.

Und schließlich, zwei Monate nach der Eröffnung, erleichterte ein Angestellter einen Gast über einen Kreditkartenbetrug um fünftausend Pfund. Der Kunde ließ sich nicht auf eine Entschädigung ein, sondern erstattete Anzeige. Sämtliche Zeitungen berichteten über den Fall, und der Ruf des Restaurants „Benito’s“ litt dermaßen, dass Gabriella innerhalb eines Monats aus Mangel an Kundschaft schließen musste.

All das hatte zu einer Gesamtschuld von dreißigtausend Pfund geführt, die Gabriella nur mit ihrem recht mageren Gehalt als Beiköchin in einem Bistro abstottern konnte.

James war in die Bresche gesprungen und hatte sie vor dem sicheren Untergang bewahrt – unter einer Bedingung, auf die Gabriella selbst bestanden hatte: dass ein rechtsgültiger Rückzahlungsvertrag abgeschlossen wurde, der eben diese „ausstehenden Gelder“ betraf.

Und wenn sie nicht sechs Monate lang mit Rufus als dessen Ehefrau zusammenlebte, würde sie diese Gelder ausgerechnet Toby schulden – dem Mann, den sie noch mehr verachtete als Rufus.

Durch die gesenkten Wimpern blickte sie zu Rufus. Der arrogante Ausdruck auf seinem gut geschnittenen Gesicht verriet ihr, dass ihm ihr gequältes Stöhnen nicht entgangen war und er sich über den Grund dafür wunderte.

Doch Sekunden später verwandelte sich diese Verwunderung in Zorn, den er gegen sie richtete.

„Wusstest du etwa davon?“, fragte er barsch, während er ungehalten aufsprang.

Angesichts des heftigen verbalen Angriffs zuckte Gabriella zusammen. Ihre Wangen wurden so blass, dass ihre veilchenblauen Augen wie dunkle Höhlen wirkten. „Ich hätte mir ja denken können, dass du auf irgendeine Art und Weise mich verantwortlich machen würdest.“

„Wem könnte ich wohl sonst die Schuld geben? Dad ist jenseits von irgendwelchen Schuldzuweisungen. Außerdem bist du schließlich die Einzige, die von dieser Regelung profitiert.“ Niemals hätte er seinem Vater ein derart niederträchtiges Handeln zugetraut.

Gabriella lachte – hart, humorlos. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich jemals erwägen würde, dich zu heiraten!“

Sekundenlang atmete Rufus tief durch und rang um Beherrschung – in dem Bewusstsein, wo sie sich befanden und wer zuhörte: Toby, der die Auseinandersetzung unverhohlen genoss, und David Brewster, den sie offensichtlich peinlich berührte.

Nein, Rufus glaubte nicht, dass Gabriella ihn heiraten würde. Nicht mehr. Nicht nach der Art und Weise, auf die er sie gedemütigt hatte, damals vor fünf Jahren auf Mallorca.

Noch dazu hatte er sich vorsätzlich gemein verhalten. Weil er dieser exotischen wunderschönen Frau gegenüber nie so immun gewesen war, wie er sich den Anschein gab. Und ihre Reaktion hatte ihn schlichtweg überwältigt, mehr als alles andere zuvor oder seitdem.

Aber er war sich stets bewusst, dass Gabriella die Tochter von Heather Benito war, die noch vor der Hochzeit einen nicht unbedeutenden Geldbetrag von seinem Vater angenommen hatte.

Doch James war so vernarrt in seine zweite Ehefrau gewesen, so blind vor Liebe, dass er nach ihren Tod alle Lebensfreude verloren hatte.

Und dennoch, obwohl er in den letzten Monaten seines Lebens so apathisch gewirkt hatte, war er auf die Idee gekommen, diese wahnwitzige Klausel in sein Testament aufzunehmen, die Rufus für sechs Monate an Gabriella band.

Mit einem vernichtenden Blick höhnte Rufus: „Spiel doch nicht die Unschuldige. Wir wissen beide, wie weit du zu gehen bereit bist, wenn dir der Gewinn nur hoch genug erscheint.“

Gabriellas Augen blitzten auf. „Du verflixter Schuft!“

„Hättest du dir in den letzten fünf Jahren nicht etwas Originelleres einfallen lassen können?“

Ihre Nasenflügel bebten. „Warum sollte ich mir die Mühe machen, wenn die Bezeichnung so hervorragend auf dich passt?“

„Oje“, warf David Brewster mit milder, leicht fassungsloser Stimme ein, bevor Rufus eine passende Entgegnung fand. „Mir scheint, dass Mr. Gresham im Irrtum über Sie beide gewesen sein könnte.“

„Keineswegs“, versicherte Rufus ihm grimmig. „Mein Vater war sich durchaus der … Feindschaft bewusst, die zwischen Gabriella und mir herrscht.“

James hatte nie verhohlen, wie tief ihn diese offensichtlich angespannte Beziehung zwischen den Stiefgeschwistern betrübte. Darüber hinaus hatte er Rufus mehrfach gedrängt, wieder zu heiraten – sei es auch nur, um der inzwischen siebenjährigen und hoffnungslos verwöhnten Holly etwas Halt durch eine Stiefmutter zu geben. Aber Rufus hatte immer wieder unmissverständlich erklärt, dass er diesen Vorschlag niemals zu befolgen gedachte.

Nun hatte James offensichtlich beschlossen, diesen Missstand mit einem Schlag auszuräumen, indem er die lächerliche Klausel über die Eheschließung in sein Testament aufgenommen hatte – in dem Wissen, dass Rufus niemals zulassen würde, dass Toby das gesamte Vermögen erbte.

James hatte sich keine Illusionen über seinen verantwortungslosen Neffen gemacht, der Gresham’s innerhalb eines Jahres in den Ruin treiben und sämtliche Gelder verplempern würde.

Das Geld war nicht wichtig, denn Rufus besaß selbst genug. Auch die Immobilien in Surrey und Aspen wie auf Mallorca und den Bahamas interessierten ihn nicht. Doch die beiden Kaufhäuser lagen ihm am Herzen. In den vergangenen sechs Jahren hatte er sich völlig den beiden Geschäften gewidmet und die Umsätze beträchtlich gesteigert. Von einem Versager und Verschwender wie Toby wollte er sich diesen Erfolg nicht ruinieren lassen.

Aber war Rufus bereit, Gabriella zu heiraten, um die Kaufhäuser zu behalten? Sechs Monate lang in ihrer unmittelbaren Nähe zu leben, Tag für Tag, Nacht für Nacht? Sie seine Frau werden zu lassen, obwohl er sich geschworen hatte, nie wieder zu heiraten? War er tatsächlich dazu bereit?

„Ich hatte ja keine Ahnung, wie es in Wirklichkeit mit der Beziehung zwischen Ihnen beiden steht.“ Der Anwalt sah Rufus und Gabriella mit gerunzelter Stirn an. „Ich muss zugeben, dass mir der Passus ein wenig seltsam erschienen ist, aber Mr. Gresham wollte sich partout nicht davon abbringen lassen.“ Betrübt schüttelte er den Kopf.

Immer noch fassungslos fragte Gabriella sich, warum James auf diesen Ausführungen beharrt hatte. Was in aller Welt wollte er mit diesen inakzeptablen Klauseln erreichen? Denn die Erfüllung dieser Bedingungen kam weder für sie noch für Rufus infrage, davon hatte sich der arme David Brewster soeben überzeugen können.

Obwohl Rufus seinen Gefühlsausbruch inzwischen zu bereuen schien. Er hielt seine Emotionen gern unter Kontrolle, wie Gabriella wusste. Nur sie selbst und die Befürchtung, sie heiraten zu müssen, schienen ihn aus der Reserve zu locken.

Flehend sah sie den Anwalt an. „Es muss doch einen Ausweg geben!“

„Ich fürchte nicht, Miss Benito.“ Er verzog das Gesicht. „Ich habe Mr. Greshams Testament selbst aufgesetzt, und ich kann Ihnen versichern, dass es keine Umgehungsklausel, keinen Handlungsspielraum gibt.“

„Ihr werdet offenbar keinen roten Heller sehen, wenn ihr euch nicht fügt“, warf Toby trocken ein.

Dass er die Situation gewaltig zu genießen schien, war nicht weiter verwunderlich. Toby liebte nichts mehr als Zwietracht – vor allem, wenn er sie selbst gesät hatte.

Wie drei Monate zuvor …

Gerade deshalb ergab die Verwirkung des Erbanspruchs zu seinen Gunsten keinen Sinn. Vor seinem Tod war James sehr zornig auf seinen Neffen gewesen und hatte ihn nach dem Vorfall mit Gabriella nicht einmal mehr sein Haus betreten lassen. Ganz gewiss wollte er nicht, dass Toby die Kaufhäuser, das Geld oder die Liegenschaften erbte.

Warum also hatte James diese unanfechtbare Klausel aufgestellt? Er hatte doch genau gewusst, dass Rufus und Gabriella einander nicht ausstehen konnten! Was ihn über Jahre sehr bekümmerte, weil er sich eine große glückliche Familie gewünscht hatte.

War diese Sehnsucht groß genug gewesen, um eine Heirat der verfeindeten Stiefgeschwister zu erzwingen?

Aber dieser Schritt musste doch dazu führen, dass sich die gegenseitige Abneigung verstärkte statt verflüchtigte!

„Was ist los, Gabriella?“, spottete Rufus sanft. „Zählt eine Heirat mit mir inzwischen nicht mehr zu deinen ehrgeizigen Zielen?“

Sie hob das Kinn. „Nicht mehr, als eine Heirat mit mir je zu deinen Zielen gehört hat.“

„Demnach also gar nicht“, erwiderte er kühl.

„Genau.“

„Ist diese Situation nicht umwerfend komisch?“, warf Toby ein. „Eigentlich könnt ihr beide euch den Versuch sparen, miteinander zu leben. Es ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ihr solltet mir den hübschen Zaster lieber gleich aushändigen.“

„Miss Benito und Mr. Gresham haben eine Woche Zeit, um eine Entscheidung zu fällen“, warf David Brewster streng ein.

Toby nickte mit einem zufriedenen Grinsen, vollkommen unberührt von der Feindseligkeit, die ihn umgab. „Ach, ich glaube, ich kann eine Woche warten.“

Der Anwalt ignorierte geflissentlich den Einwurf. „Es gibt noch eine weitere Bedingung in Mr. Greshams Testament, die Sie beide hören sollten, bevor Sie diese Entscheidung treffen.“

„Dann lassen Sie hören“, murrte Rufus argwöhnisch.

„Wortwörtlich steht hier geschrieben: ‚Die beiden Kaufhäuser gehen, wie bereits verlesen, nach Ablauf der geforderten sechs Monate in den alleinigen Besitz meines Sohnes Rufus James Gresham über. Aber das Restaurant im Londoner Kaufhaus ist zu renovieren, unter dem Namen Gabriella’s neu zu eröffnen und auf unbegrenzte Dauer Gabriella Maria Lucia Benito zu überlassen, die dann Gabriella Gresham zu heißen hat.‘“

Rufus rang nach Atem. „Mit anderen Worten: Mein Vater erwartet nicht nur, dass ich Gabriella heirate und sechs Monate mit ihr zusammenlebe, sondern dass ich auch noch mit ihr zusammenarbeite – und zwar für immer?“ Er sprach mit eisiger Beherrschung, denn er war fest entschlossen, sich kein zweites Mal von dem Zorn überwältigen zu lassen, der in ihm tobte. Doch er spürte einen Muskel an seinem Kiefer zucken.

„Dem ist so, ja“, bestätigte David Brewster niedergeschlagen.

„Dürfte ich bitte darauf hinweisen, dass er auch von mir erwartet, mit dir zu leben und zu arbeiten?“, warf Gabriella ein.

Mit sachlichem Zynismus erkannte Rufus, dass sie ebenso wenig wie er auf diese Klauseln im Testament seines Vaters gefasst gewesen war. Vielmehr hatte sie damit gerechnet, dass ihr Anteil ihr einfach in den Schoß fallen würde.

Ihm war ihre Reaktion auf die Erwähnung der „ausstehenden Gelder“ im Testament nicht entgangen. War sein Vater etwa so dumm gewesen, ihr Geld zu leihen?

Rufus musterte sie mit kaltem Blick, völlig ungerührt von ihren bleichen Wangen. „Ich leite bereits die Geschäfte, besitze bereits mein eigenes Haus, habe bereits ein eigenes Vermögen. Was meinst du, wer von uns beiden hier mehr zu gewinnen hat?“

„Seht ihr?“, lächelte Toby. „Ihr habt absolut keine Chance, sechs Monate zusammenzuleben, ohne euch gegenseitig umzubringen!“ In nachdenklichem Ton fügte er hinzu: „Andererseits würde das ja bedeuten, dass ich trotzdem erbe …“

„Ich glaube kaum, dass derartige Bemerkungen in dieser Situation in irgendeiner Form hilfreich sind, Mr. Reed“, tadelte der Anwalt ungehalten. Dann fuhr er steif fort: „Miss Benito und Mr. Gresham, ich schlage Ihnen vor, dass wir uns in einer Woche erneut hier treffen, zur selben Zeit. Dann können Sie mir Ihre Antwort geben.“ Mit unbewegter Miene wandte er sich wieder an Toby und fügte hinzu: „Mr. Reed, Ihre Anwesenheit wird nicht erforderlich sein.“

Ein Glück, dachte Rufus, bevor er laut fragte: „Beinhaltet der Letzte Wille meines Vaters keine weiteren Bedingungen, über die wir in Kenntnis gesetzt werden sollten, bevor wir unsere Entscheidung treffen?“

David Brewster begegnete seinem Blick und zögerte kurz, bevor er erwiderte: „Nein. Ich versichere Ihnen, dass nichts weiter in Mr. Greshams Testament steht, was Ihre Entscheidung beeinflussen könnte.“

„Wie wäre es, wenn wir drei jetzt zusammen essen gehen und über alles reden?“, schlug Toby munter vor, während er aufstand.

Gabriella wusste, dass sie im Augenblick keinen Bissen hinuntergebracht hätte. Und allein der Gedanke, zusammen mit Toby an einem Tisch zu sitzen, rief bei ihr Übelkeit hervor.

„Ich glaube kaum“, entgegnete Rufus schroff. Zu ihrer Überraschung nahm er sie mit stählernem Griff am Arm. „Gabriella und ich haben offensichtlich einige Dinge zu besprechen, aber wie Mr. Brewster schon betont hat, bist du vom weiteren Verlauf nicht mehr betroffen.“

Mit gerunzelter Stirn sah Gabriella ihren Stiefbruder an. Auch mit ihm wollte sie nirgendwohin gehen. Sie versuchte, sich dem stählernen Griff um ihren Arm zu entziehen. Doch der Versuch misslang.

Toby, dem der kleine Machtkampf nicht entging, grinste – weiterhin völlig unbekümmert. „Lasst mich einfach wissen, wenn ihr beide beschließt, nicht zu heiraten.“

Heiraten.

Das Wort hallte in ihrem Kopf.

Rufus.

Allein die Vorstellung, ihn zu heiraten, rief einen Schauer des Entsetzens hervor.

Aber sie hatte nicht immer so empfunden; früher hätte sie der Gedanke, Rufus’ Frau zu werden, überglücklich gemacht.

Bevor sie gelernt hatte, ihn zu hassen.

Bevor sie erfahren hatte, wie sehr er sie hasste.

2. KAPITEL

Rufus spürte deutlich, wie Gabriella seine Hand abzuschütteln versuchte, als sie Davids Brewsters Büro verließen. Doch er war fest entschlossen, ihren Rückzug zu verhindern. Sie mussten miteinander reden. Noch an diesem Tag. Sofort.

„Auf Wiedersehen“, sagte er bedeutungsvoll zu Toby, sobald sie alle auf der Straße standen.

„Ruf nicht an, wir melden uns bei dir?“, konterte Toby spöttisch.

Rufus presste die Lippen zusammen. Er hatte seinem Cousin nie besonders nahegestanden. Auch James hatte Toby, den Sohn seiner einzigen Schwester, lediglich notgedrungen toleriert. Doch selbst diese Duldung hatte er drei Monate zuvor aus irgendeinem Grund jäh beendet.

„Rechne lieber nicht damit, von uns zu hören“, riet Rufus trocken.

Toby lachte. „Ach, ich werde schon von dir hören – oder von Brewster. So oder so, das ist mir egal. Es ändert nichts am Endergebnis.“

Gabriella, die den Wortwechsel stumm verfolgte, konnte nicht mehr an sich halten und sagte: „Hast du schon mal daran gedacht, dass Rufus und ich dich vielleicht noch weniger mögen als einander?“

Daraufhin musterte Toby sie mit einem frechen Blick aus seinen leuchtend blauen Augen. „Nein.“

Ihre Verachtung gegenüber diesem skrupellosen Mann brach sich nun Bahn. „Dann würde ich an deiner Stelle mal damit anfangen.“

Unbekümmert zuckte er mit den Schultern. „Selbst wenn ihr beide euch an dieser Scheinehe versucht, sie wird niemals halten.“

„Wir müssen ja auch nur ein halbes Jahr zusammenleben“, warf sie ein.

„Ich glaube nicht, dass ihr es sechs Stunden unter einem Dach aushalten würdet, geschweige denn sechs Monate!“

Die Tatsache, dass er durchaus recht behalten könnte, schürte Gabriellas Wut noch mehr. „Du wirst dich noch wundern!“

„Das bezweifle ich“, erwiderte er gelangweilt. „Nun dann, Rufus, mach’s gut.“ Damit wandte er sich ab, schlenderte die Straße hinab und rief grinsend über die Schulter zurück: „Ciao, Gabriella!“

„Ich hatte bis jetzt immer den Eindruck, dass ihr zwei euch mögt“, bemerkte Rufus nachdenklich.

Gabriella drehte sich zu ihm um. „Eindrücke können täuschen“, murmelte sie.

Nicht in deinem Fall, dachte er. Sie war die Tochter ihrer Mutter, und er tat gut daran, das nicht zu vergessen. Spöttisch verzog er die Lippen. „Dann ist es also wahr, dass du Toby noch mehr verabscheust als mich?“

„Ja!“, bestätigte sie vehement.

Früher hatten Gabriella und Toby sich bei allen Familientreffen gut verstanden. Was mochte sich daran geändert haben? Und stand es irgendwie im Zusammenhang damit, dass Toby von James des Hauses verwiesen worden war?

„Wir müssen reden“, sagte Rufus schroff. „Mein Wagen steht …“

„Ich gehe nirgendwo mit dir hin“, protestierte sie entschieden und wich einen Schritt zurück, sodass er ihren Arm loslassen musste.

Seine Miene verfinsterte sich. „Weißt du, wenn wir so weitermachen, behält Toby recht, und wir können ihm das Erbe gleich auf dem Silbertablett servieren!“

Mit großen Augen starrte Gabriella ihn an. Erwog er allen Ernstes, auf die Testamentsbedingungen einzugehen? Sie zu heiraten?

Nur wenn ihm die Pistole auf die Brust gesetzt wird, dachte sie mit einem reuigen Lächeln, und das hatte James praktisch getan.

„Habe ich etwa etwas Witziges gesagt?“, fragte Rufus schroff.

Nicht wirklich, denn der Spaß geht auf meine Kosten.

„Nicht besonders, nein.“ Sie seufzte. „Aber ich kann mir nicht vorstellen, was ein Gespräch zwischen uns beiden an der Tatsache ändern könnte, dass wir einander nicht heiraten wollen.“

„Das hängt ja wohl davon ab, worauf dieses Gespräch hinausläuft.“

Gabriella musterte ihn aufmerksam. Die vergangenen fünf Jahre hatten ihn härter und zynischer gemacht, das verrieten die ausgeprägten Linien um Augen und Mund. Das dunkelblonde Haar war kürzer und der muskulöse Körper schlanker als früher, aber er war noch immer der attraktivste Mann, der ihr je begegnet war.

Das anhaltende Prickeln auf ihrem Arm – dort, wo seine Hand geruht hatte – kündete davon, dass sie entgegen ihrer Annahme keineswegs immun gegen seine Anziehungskraft geworden war.

Rufus begegnete ihrem Blick und erkannte, dass er nichts von jener intimen Szene vor fünf Jahren vergessen hatte. Sobald er ihre reizvollen Rundungen berührt hatte, war er verloren gewesen und hatte nicht aufhören können, Gabriella zu liebkosen, bis er sie zum Gipfel der Leidenschaft geführt hatte.

Seine eigene heftige Erregung hatte ebenfalls nach Befriedigung verlangt, aber er hatte sie sich versagt, sicher, dass er sonst zu tief in Gabriellas Bann geraten wäre und sich nicht wieder hätte befreien können.

Nun, als ihm ihre sinnliche Schönheit erneut unter die Haut ging, wurde ihm außerdem bewusst, dass ein Teil von ihm sie seither immer begehrt hatte.

Vorwurfsvoll, mit glühenden Wangen, blickte sie ihn an. „Wenn du damit vorschlagen willst, was ich vermute, dann vergiss es gleich wieder!“

„Schade. Es hätte … interessant sein können, die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen.“

Entschieden widersprach sie: „Wir teilen keine ‚alten Zeiten‘, die der Beachtung wert wären.“

„Mag sein. Aber wir müssen die Zukunft besprechen. Vielleicht finden wir ja eine Art von … Kompromiss.“ Bisher hatte er das Wort Kompromiss nie mit Gabriella in Verbindung gebracht. Alles oder nichts, das galt für sie. Und bis zu diesem Tag hatte er sich für das Nichts entschieden.

Warum hat James diese Klausel in sein Testament gesetzt? Was hat er sich davon erhofft?

„Kompromiss?“, hakte Gabriella argwöhnisch nach.

Dieses Konzept passte wohl auch ihrer Meinung nach nicht zu ihnen. Aber sie mussten nun einmal eine Einigung finden, wenn sie nicht alles verlieren wollten. Und Rufus glaubte nicht, dass sie bereit war, auf fünfundzwanzig Millionen Pfund zu verzichten.

Spöttisch verzog er die Lippen, als ein offenkundig verliebtes Pärchen Arm in Arm einen Bogen um ihn und Gabriella machte. „Ich meine, dass du mit mir zu Gresham’s fahren solltest. Ich habe nämlich nicht vor, dieses Gespräch mitten auf einem öffentlichen Bürgersteig fortzuführen.“

Warum in aller Welt will er mich mit zu Gresham’s nehmen?

Zuletzt hatte sie das Kaufhaus vor ihrer Ausbildung in Frankreich betreten. Denn sie wollte das Risiko nicht eingehen, zufällig Rufus zu begegnen, dessen Büro in der sechsten Etage lag.

„Ich möchte dir dort etwas zeigen.“

„Wirklich?“

Er nickte und murmelte vielsagend: „Ich glaube, ich könnte dich beeindrucken.“

„Das hast du schon letztes Mal nicht geschafft“, entgegnete sie beißend.

„Ach nein?“ Spöttisch zog er die Brauen hoch. „Das habe ich aber ganz anders in Erinnerung.“

Sie bezweifelte, dass Rufus sich überhaupt an ihre Begegnung auf Mallorca erinnerte. Schließlich wusste sie, dass er in den sechs Jahren seit seiner Scheidung mit zahlreichen Frauen verkehrt hatte. Keine dieser Beziehungen hielt lange, aber sicher hatten sie die flüchtige Begegnung mit einer übereifrigen Achtzehnjährigen in Vergessenheit geraten lassen.

Sie schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln. „Ich glaube, man nennt das selektives Gedächtnis.“

„Mag sein. Dabei fragt sich nur, wessen Gedächtnis hier selektiv ist.“

Gabriella schwieg. Sie hätte es inzwischen besser wissen müssen und sich nicht auf eine Diskussion mit Rufus einlassen dürfen.

Er seufzte. „Ich dachte, du solltest dir mal das Restaurant ansehen, das zu Gabriella’s werden soll“, erklärte er ungehalten und dachte dabei, dass künftig nicht gerade entspannte Arbeitsbedingungen herrschen würden, wenn Gabriella zwei Stockwerke unter seinem Büro werkte.

Mit großen Augen sah sie ihn an: „Denkst du etwa im Ernst daran, die Testamentsbedingungen zu erfüllen?“

„Du nicht?“, konterte er sarkastisch, und als er sie leicht am Ellbogen nahm, um sie über die Straße zu seinem Wagen zu führen, folgte sie ihm anstandslos.

Rufus war felsenfest überzeugt, dass Gabriella sich auf keinen Fall die Chance auf die fünfundzwanzig Millionen Pfund entgehen lassen würde. Sie gab sich nur unnahbar. Oder vielleicht hoffte sie, ein anderes Abkommen mit ihm treffen zu können, da Geld ihn nicht interessierte.

Bei diesem Verdacht verzog er verächtlich den Mund, ließ Gabriella los und achtete sorgsam darauf, sie nicht mehr zu berühren, während er den Wagen aufschloss.

Nachdem beide eingestiegen waren und schweigend zu Gresham’s fuhren, horchte Gabriella in sich hinein und versuchte zu ergründen, ob sie mit dem Gedanken spielte, Rufus zu heiraten.

Die spontane Antwort lautete Nein.

Nach einigem Nachdenken kam ihr jedoch ein Vielleicht in den Sinn.

Mit Rufus verheiratet zu sein, hätte ihr gerade noch gefehlt. Doch noch weniger akzeptabel erschien ihr die Alternative: dass Toby alles erbte, einschließlich ihrer Schulden von dreißigtausend Pfund, die sie nicht auf einmal zurückzahlen konnte und die er als abartiges Individuum auf andere Weise einzutreiben versuchen würde.

„Du scheinst ja sehr angestrengt zu überlegen“, spottete Rufus, als sich ihr Schweigen ausdehnte.

Allerdings.

Sie war überzeugt, dass es sich als Albtraum erweisen würde, selbst kurzfristig mit ihm verheiratet zu sein. Rufus würde jede Gelegenheit nutzen, um ihr das Leben zur Hölle zu machen. Und eine Einwilligung sähe er als Beweis dafür an, dass sie eine Erbschleicherin war.

Aber die einzige Alternative zu dieser lieblosen Ehe mit Rufus, deren Ende zumindest vorherbestimmt wäre, bedeutete, Toby gegenüber auf unbestimmte Zeit verpflichtet zu sein.

„Ich denke wirklich darüber nach“, gestand Gabriella.

„Das dachte ich mir.“

„Nicht aus dem Grund, den du vermutest“, konterte sie ungehalten.

Er hob die Augenbrauen. „Ach nein?“

Sie bemühte sich gar nicht erst, sich zu rechtfertigen. Was hatte es für einen Sinn? Rufus genoss es ganz offensichtlich, das Schlimmste von ihr zu denken, und davon konnte sie ihn nicht abbringen.

Ich habe ganz vergessen, wie schön es im Gresham’s ist, dachte Gabriella, als ein schwarz livrierter Portier ihnen die Tür öffnete. Mit seinen exotischen Düften und exklusiven Waren bot das Kaufhaus ein wahres Fest für die Sinne. Geschultes Verkaufspersonal bediente zuvorkommend die Kunden in den verschiedenen Abteilungen, die von Lebensmitteln über exklusive Designermode bis hin zu Möbeln und Musikinstrumenten reichten.

Mi leuchtenden Augen blickte Gabriella sich um, während sie Rufus im Erdgeschoss zu dem Lift an der Rückseite folgte, der der Geschäftsleitung vorbehalten war.

Einen Moment lang malte sie sich selbstvergessen aus, ein Restaurant in diesem vornehmen Geschäft zu eröffnen. Doch dann fiel ihr schlagartig wieder ein, aus welchem Grund Rufus und sie hierhergekommen waren.

Kühl erklärte sie: „Ich muss dir ja wohl nicht erst sagen, wie ausgezeichnet dieses Kaufhaus ist oder wie gut du es führst.“

Er sah sie an. „Weißt du, deine Berufswahl hat mich immer überrascht.“

„Wieso das denn?“

„Na ja, hier hätte das Restaurant natürlich dieselben Öffnungszeiten wie das Kaufhaus, aber für gewöhnlich bedeutet die Gastronomie unchristlich viele Arbeitsstunden.“

„Ja und? Worauf willst du hinaus?“

Natürlich wollte er damit sagen, wie sehr ihn die Bereitschaft zu harter Arbeit bei einer Frau wie ihr wunderte, die es nur darauf abgesehen hatte, sich einen reichen Ehemann zu angeln. Aber womöglich glaubte sie tatsächlich an die alte Redensart, dass die Liebe durch den Magen gehe …

Rufus hätte ihr schon vor Jahren erklären können, dass es für gewöhnlich ein anderer Körperteil ist, der die Entscheidungen eines Mannes beeinflusst.

Nun, wie auch immer. Falls sie sich zu dieser Scheinehe entschlossen, brauchte Gabriella nach Ablauf eines halben Jahres weder einen reichen noch irgendeinen anderen Ehemann mehr.

Er entgegnete nur: „Irgendwann musst du mich mal bekochen.“

Sie warf ihm einen ungehaltenen Blick zu. „Damit würdest du ein Risiko eingehen. Ich könnte versucht sein, Arsen ins Essen zu mischen.“

„Ich würde dich einfach vorkosten lassen“, entgegnete er leichthin, während sie in der vierten Etage aus dem Lift stiegen.

Gabriella lachte. Ihre Augen leuchteten, ihre Zähne blitzten schneeweiß und ebenmäßig zwischen den sinnlich vollen Lippen.

Rufus reagierte äußerst fasziniert auf dieses Strahlen und starrte sie mit hungrigen Augen an.

Prompt blieb ihr das Lachen im Halse stecken, als sie seinen Blick auffing, der zu sagen schien, dass er sie am liebsten selbst verspeist hätte!

Doch sie musste sich geirrt haben. Denn schon verhärtete sich seine Miene wieder, und er musterte sie kalt und abschätzig.

„Rufus, was …?“ Als sie das riesige Restaurant betraten, verstummte sie abrupt und sah sich aufgeregt um, mit großen Augen und pochendem Herzen. Große Fenster öffneten sich zur Straße hin, und das Restaurant nahm mehr als die Hälfte der vierten Etage ein, in der sich sonst nur noch die Buchabteilung befand.

Wenn Gabriella einwilligte, Rufus zu heiraten, würde dieses Lokal ihr gehören, und sie dürfte es behalten, selbst über die Dauer der Ehe hinaus.

Momentan eine Selbstbedienungs-Cafeteria, bot es alle Möglichkeiten, sich in ein exklusives Speiselokal zu verwandeln.

Im Geiste malte Gabriella sich schon aus, welche Veränderungen sie am Dekor vornehmen würde und wie sie das zweckmäßige Mobiliar durch behagliche Sitzmöbel ersetzen würde.

Es sollte eine wahre Oase der Erholung werden, mit ausschließlich frisch zubereiteten Speisen und Getränken.

Doch dazu musste sie erst einmal einwilligen, Rufus zu heiraten!

„Lass uns in mein Büro gehen und alles Weitere besprechen“, drängte er, während er sie wieder am Arm nahm.

Alles Weitere? Ihr war gar nicht bewusst, dass sie überhaupt schon etwas besprochen hatten.

Gabriella kannte die vornehm ausgestatteten Büroräume der Geschäftsleitung in der sechsten Etage. Denn hin und wieder hatte sie ihre Mutter an deren Arbeitsplatz als James’ Sekretärin besucht.

Doch das lag eine Ewigkeit zurück, inzwischen waren Heather und James verstorben.

Sie kannte die Sekretärin nicht, die im Vorzimmer saß – eine große schlanke Blondine, die Rufus warmherzig anlächelte.

Als Gabriella ihm einen unverhohlen argwöhnischen Blick zuwarf, verstärkte er den Griff um ihren Arm. Er zerrte sie förmlich in sein Büro und schloss die Tür hinter ihnen.

„Ich würde niemals denselben Fehler wie mein Vater machen“, versicherte er kalt, während er sie so abrupt losließ, dass sie beinahe das Gleichgewicht verlor.

Sie wusste, was er damit sagen wollte: dass er sich niemals mit seiner Sekretärin einlassen und sie schon gar nicht heiraten würde.

„Sie waren glücklich miteinander“, sagte sie nachdrücklich. „Hast du das nicht gesehen? Hast du es nicht gespürt, wenn du mit ihnen zusammen warst?“

Oh doch, er hatte gesehen, wie glücklich die beiden miteinander gewesen waren, und er wusste, dass Heathers Tod seinem Vater die Lebensfreude geraubt hatte. Aber Rufus war überzeugt, dass James blind vor Liebe gewesen war und nie Heathers wahres Gesicht erkannt hatte.

Seine Stiefmutter hatte sich redlich bemüht, im Laufe der Zeit eine freundschaftliche Beziehung zu Rufus zu knüpfen, aber er hatte sich dem hartnäckig widersetzt – vorwiegend aus Selbstschutz.

Gabriella war ihrer Mutter trotz des jahrelangen Aufenthalts in Frankreich sehr verbunden geblieben. Wäre er Heather gegenüber zugänglich geworden, hätte er automatisch auch Gabriella gegenüber seine Reserve aufgegeben. Und das lag nicht in seiner Absicht.

Weder damals noch heute.

Er mochte gezwungen werden, Gabriella zu heiraten, um Gresham’s zu behalten. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass er eine gefühlvolle Beziehung zwischen ihnen zuließ.

Unvermittelt erkundigte er sich: „Hast du meinen Ratschlag eigentlich angenommen?“

Verwirrt über den abrupten Themenwechsel, sah Gabriella ihn an. Sie wusste beim besten Willen nicht, worauf die Frage abzielte.

„Hast du deine Mutter jemals gefragt, wozu sie die einhunderttausend Pfund von meinem Vater gebraucht hat?“

Gabriella wusste, dass er ihr mit diesem Thema wehtun wollte. „Ja, allerdings“, sagte sie.

„Und?“, hakte Rufus nach.

Aber sie hatte ihrer Mutter versprochen, niemals jemand anderem davon zu erzählen. Heather hatte James von den Spielschulden erzählt, die Gabriellas Vater ihr hinterlassen hatte. Aber ansonsten hatte sie diesen dunklen Punkt in der Vergangenheit der Familie Benito geheim gehalten.

„Und es geht dich gar nichts an!“, entgegnete Gabriella nachdrücklich.

„Richtig“, räumte er verärgert ein. „Also, wie viel hast du meinem Vater zum Zeitpunkt seines Todes geschuldet? Mehr oder weniger als das, was er deiner Mutter damals gegeben hat?“

Gabriella erblasste. Demnach war Rufus ihre unwillkürliche Reaktion auf diesen Teil des Testaments nicht entgangen, und er hatte seine eigenen Schlüsse daraus gezogen. Was sie nicht wunderte. Er war viel zu scharfsinnig und intelligent, um den Grund für ihr bestürztes Stöhnen nicht zu erraten.

„Weniger.“ Es machte keinen Sinn, zu leugnen. Ein Anruf bei David Brewster hätte Rufus gereicht, um alle Einzelheiten des Vertrages zu erfahren, den Gabriella und James vor einem Jahr unterzeichnet hatten. „Viel weniger.“

Bis zu diesem Moment hatte Rufus wirklich gehofft, dass sich seine Vermutung als unzutreffend erweisen würde. Es hätte ihm gefallen, wenn Gabriella seinen Vater nicht derart ausgenutzt hätte wie ihre Mutter. Aber er hätte es besser wissen müssen!

„Und würdest du mir vielleicht verraten, aus welchem Grund dir Toby inzwischen noch verhasster ist, als ich es bin?“

Nein, das wollte sie nicht. James hatte von Tobys sexuellem Übergriff erfahren und deshalb sein Testament zwei Monate vor seinem Tod geändert. Aber das bedeutete nicht, dass Rufus diese Information zustand. Außerdem hätte er ihr vermutlich unterstellt, Toby ermuntert zu haben. „Das ist für dich geradezu unglaublich, nicht wahr?“, erwiderte sie daher nur.

Er lachte bitter. „In etwa so unglaublich wie deine frühere Behauptung, dass du nicht wegen des Geldes an meinem Vater oder mir interessiert wärst.“

Mit einem tiefen Seufzen schüttelte sie den Kopf. „Das hat alles einfach keinen Sinn.“

„Im Gegenteil.“ Rufus ging um seinen Schreibtisch und setzte sich. „Immerhin wäre es eine Ehe – zum Glück von kurzer Dauer –, die nicht auf Illusionen basiert.“

„Und das auf beiden Seiten!“, bekräftigte sie nachdrücklich.

Er nickte. „Auf beiden Seiten.“

Aber Gabriella bezweifelte ernsthaft, dass sie die Charade durchstehen würden. „Was ist mit Holly?“

„Was soll mit ihr sein?“

„Was meinst du wohl, wie es ihr gefallen wird, eine Stiefmutter zu haben? Wenn auch nur für sechs Monate.“

„Die Rolle stünde dir kaum zu.“

„Vom Gesetz her …“

„Halte dich von meiner Tochter fern“, warnte Rufus leise.

Was unterstellte er ihr nun schon wieder? „Und wie soll ich das anstellen, wenn wir alle zusammen unter einem Dach in Gresham House leben?“

„Ich schlage vor, dass du einen Weg findest“, riet er unerbittlich. „Je weniger Kontakt Holly mit einer geldgierigen Intrigantin wie dir hat, umso besser.“

Nun beschränkte er sich nicht länger darauf, Gabriella durch seine Sticheleien ein wenig zu verletzen, nun versuchte er, sie regelrecht bluten zu lassen.

Instinktiv, mit glitzernden Augen, fauchte sie: „Das wirst du noch bereuen!“

„Das tue ich jetzt schon“, murrte er leise. „Aber du wirst mir sicher zustimmen, dass wir beide letztlich keine andere Wahl haben, als uns auf diese Scheinehe einzulassen. Oder?“

Weil er Gresham’s nicht an einen Mann wie Toby verlieren will, weil ich einem Mann wie Toby niemals finanziell verpflichtet sein will …

Als sie zögerte, verzog Rufus spöttisch den Mund. „Sag einfach nur Ja oder Nein zur Ehe“, drängte er.

Gabriella fühlte sich wie ein Kaninchen, das vom Scheinwerferlicht hypnotisiert ist, und holte tief Luft. „Ja!“, sagte sie dann gepresst. „Wir wissen beide, dass meine Antwort Ja lauten muss“, fügte sie hinzu.

Sechs Monate. Länger brauchte sie es nicht mit ihm auszuhalten. Das musste doch möglich sein.

„Und so muss meine Antwort auch lauten.“ Rufus nickte. „Aber ich möchte absolut klarstellen, dass die Ehe mit dir das Letzte ist, was ich mir eigentlich wünsche!“

„Das geht mir nicht anders!“

Er nickte noch einmal. „Gut. Solange wir beide uns dessen bewusst sind … Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest? Es soll Leute geben, die arbeiten müssen.“

Auch Gabriella zählte zu diesem Personenkreis. Sie musste rechtzeitig im Bistro erscheinen und ihre Schicht antreten, die um sechs Uhr begann. Nicht, dass sie dort bliebe, wenn sie und Rufus erst einmal verheiratet waren …

In den Wochen nach der Hochzeit hätte sie alle Hände voll zu tun mit dem Umbau und der Neueröffnung des Restaurants.

Immerhin war es ein kleiner Trost, dass sie eine Aufgabe hatte, die sie von der Ehe mit Rufus ablenkte.

Aber würde es ihr wirklich gelingen, an etwas anderes zu denken?

3. KAPITEL

Nur vier Personen nahmen zehn Tage später an der Hochzeit teil: das Brautpaar und die beiden Trauzeugen, David Brewster und seine Sekretärin.

Die Zeremonie ging so schnell zu Ende, dass Gabriella kaum glauben konnte, tatsächlich mit Rufus verheiratet zu sein. Umso mehr verwirrte es sie, als er der Aufforderung folgte, die Braut zu küssen.

Seit jenem Tag am Pool vor fünf Jahren war sie ihm nicht mehr so nah gekommen, und zu ihrer Bestürzung fühlte sie sich völlig verloren, sobald sich sein Mund auf ihren legte. Es war nicht die flüchtige sanfte Berührung von Lippen, die sie erwartet hatte. Vielmehr schloss er sie fest in die Arme und erforschte ihren Mund so verzehrend, dass es ihr den Atem raubte.

Seine Augen funkelten trotzig, als er schließlich den Kopf hob. Und weil er völlig unbewegt wirkte, während sie sich geradezu entflammt fühlte, bedachte sie ihn mit einem eiskalten Blick.

„Tja, nun“, murmelte David Brewster verlegen. „Vielleicht ist es jetzt Zeit aufzubrechen?“

Vielleicht, dachte Rufus bei sich. Sein Herz pochte, und einem anderen Teil seines Körpers erging es nicht anders. Verdammt, er hatte Gabriella nur so stürmisch geküsst, um zu sehen, was geschehen würde. Es war nur als Experiment gedacht gewesen, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, ob ihre Schönheit mit dem prachtvollen pechschwarzen Haar und den sinnlich vollen Lippen ihn noch immer erregte.

Die Antwort war ein überwältigendes Ja.

Flüchtig presste er die Lippen zusammen und starrte Gabriella eindringlich an, bevor er sich an den Anwalt wandte. „Ich möchte Ihnen danken, dass Sie und Celia heute hier erschienen sind.“ Er schenkte der Sekretärin mittleren Alters ein herzliches Lächeln. „Aus naheliegenden Gründen hielten wir es nicht für ratsam, Angehörige oder Freunde in diese Veranstaltung einzubeziehen.“

Das gilt aber nur für dich, dachte Gabriella düster. Sie hingegen hätte einen guten Freund an ihrer Seite gut gebrauchen können.

„Darf ich Sie beide zur Feier des Tages vielleicht zum Lunch einladen?“, bot David Brewster an, während sie die große Halle des Standesamtes durchquerten.

„Ich …“, begann Gabriella.

„Ich fürchte, das wird nicht gehen“, entgegnete Rufus. „Ich muss wieder an die Arbeit, und Gabriella wird alle Hände voll zu tun haben, um ihre restlichen Sachen nach Gresham House zu bringen.“

Nur Gabriella wusste, dass seine Bemerkung ein versteckter Vorwurf gegen sie war, weil sie ihr Apartment bereits gekündigt hatte. Sie sah nämlich keinen Sinn darin, weiterhin die Miete zu bezahlen, da sie nicht beabsichtigte, nach Ablauf der sechs Monate wieder dort einzuziehen. Einige Sachen, die sie in nächster Zeit benötigte, hatte sie bereits nach Gresham House bringen lassen, der Rest war eingelagert worden.

„Dann vielleicht ein andermal“, sagte David Brewster leichthin.

Rufus lächelte ziemlich spöttisch. „Oh, ich glaube nicht, dass Gabriella und ich in absehbarer Zeit noch einmal heiraten werden.“

„Weder einander noch jemand anderen!“, warf sie ungehalten ein. Dabei wusste sie selbst nicht, warum sie sich so ärgerte. Schließlich handelte es sich um eine befristete Zweckehe. Also war es nicht verwunderlich, dass er die ganze Angelegenheit wie ein Geschäft handhabte.

„Genau“, bestätigte er. „Und jetzt …“ Abrupt brach er ab, als sie auf die Straße traten. Denn dort empfingen sie klickende und blitzende Kameras, und gleichzeitig hagelten unzählige Fragen auf sie nieder.

„Was zum …?“ Rufus warf den Fotografen und Reportern finstere abweisende Blicke zu. Hastig verabschiedete er sich von dem Anwalt und der Sekretärin und zog Gabriella mit festem Griff zu seinem Wagen, ohne der Presse auch nur eine einzige Antwort zu geben.

Aber zu überhören waren die lästigen Fragen der Journalisten nicht.

„Wie lange sind Sie und Miss Benito schon liiert?“

„Wohin geht die Hochzeitsreise?“

„Wusste Ihr Vater von den Hochzeitsplänen?“

„Miss Benito, sind Sie …?“

„Ihr Name lautet jetzt Gresham“, erklärte Rufus knapp, während er Gabriella kurzerhand auf den Beifahrersitz verfrachtete. Dann setzte er sich hastig ans Steuer und versuchte mit grimmiger Miene, sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen, das rings um den Wagen herrschte.

„Sieh mich nicht so vorwurfsvoll an!“, protestierte Gabriella, als er ihr einen vernichtenden Blick zuwarf. „Als ob ich irgendjemandem erzählt hätte, dass wir heiraten!“

Aber wer sonst hatte es durchsickern lassen? An David Brewsters Diskretion gab es keinen Zweifel, genau wie an der seiner Sekretärin. Und Rufus hatte die Presse ganz gewiss nicht auf den Plan gerufen.

„Toby!“, rief er und kam damit zu demselben Schluss wie Gabriella.

Ja, es musste Toby gewesen sein, der ihnen die Reporter auf den Hals gehetzt hatte. Das passte genau zu seinem makabren Sinn für Humor.

„Woher wusste er, dass wir heute heiraten?“, wollte Rufus wissen, nachdem er endlich den Reportern entkommen war und sich in den Straßenverkehr einreihte.

„Ich kann dir nur versichern, dass ich es ihm nicht verraten habe“, entgegnete Gabriella nachdrücklich. Sie war noch immer überrascht und verwirrt, weil er sie so stürmisch geküsst hatte.

„So viel also zu dem Vorhaben, uns bedeckt zu halten“, murrte Rufus. „Ich kann mir die Schlagzeilen schon lebhaft vorstellen. ‚Gresham-Erben heiraten! Die Braut trägt Creme‘.“

„Buttermilch“, korrigierte sie trocken. So hatte die Verkäuferin die Farbe des Kleides bezeichnet. Auch wenn es sich nur um eine Scheinehe handelte, wollte Gabriella zumindest ein neues Kleid tragen.

„Wie soll ich das wissen? Für mich sieht es aus wie Creme.“

Rufus sah in der Kombination aus dunkelgrauem Anzug, weißem Hemd und hellgrauer Krawatte ganz so aus, als wäre er gerade aus dem Büro gekommen. Dass dieser Eindruck nicht täuschte, hatte Gabriella erst im Standesamt erfahren. Deshalb war sie froh, nicht auch noch mit einem Brautstrauß erschienen zu sein, obwohl sie mit dem Gedanken gespielt hatte.

Hölzern sagte sie: „Setz mich einfach am Bahnhof ab. Ich nehme den Zug nach Gresham House.“ Eine ruhige Fahrt, getrennt von Rufus, kam ihr gerade recht, um sich zu sammeln.

Sie hatte nicht erwartet, dass die Trauung sie so stark berühren würde, sondern sie für eine bloße Formalität gehalten, die es hinter sich zu bringen galt. Als Rufus die Vorbereitungen getroffen hatte, war ihr alles so sachlich, nüchtern und berechnet erschienen. Beinahe wie ein Besuch beim Zahnarzt.

Doch nun dachte Gabriella betrübt daran, dass es nicht die Art von Vermählung war, die ihre Mutter sich immer für sie erträumt hatte. Und die Vorstellung, dass Heather zu einer richtigen Hochzeit – sollte denn jemals eine stattfinden – nicht kommen konnte, trieb ihr die Tränen ins Gesicht.

Rufus warf Gabriella einen Seitenblick zu. Waren das etwa Tränen, die er in den dunkelblauen Tiefen ihrer Augen schimmern sah?

Nein, entschied er nach einem zweiten Blick. Eher ein triumphierendes Glitzern. Denn sie würde nicht nur die Hälfte des Gresham-Vermögens erben, sondern er war darüber hinaus gezwungen worden, sie zu heiraten.

In der Tat eine angemessene Rache für seinen Fehler vor fünf Jahren!

Er konzentrierte sich wieder auf die Straße und umfasste das Lenkrad fester. „Ich dachte, wir könnten zur Feier des Tages einen Drink nehmen, bevor wir uns trennen.“ Der gleichförmige Klang seiner Stimme verriet nichts von seinem Zorn über die unerträgliche Situation.

Nicht, dass er nicht versucht hatte, sich aus der Affäre zu ziehen. Er hatte sich mit seinem Anwalt beraten, der sich wiederum mit David Brewster in Verbindung gesetzt und erfahren hatte, dass James’ Testament tadellos aufgesetzt und somit unanfechtbar war.

Dass Rufus gezwungen worden war, Gabriella zur Frau zu nehmen, hieß aber noch lange nicht, dass sie nun in jeder Beziehung ihren Kopf durchsetzen konnte.

„Einen Drink? Hast du denn Zeit dafür?“, fragte sie sarkastisch.

Was hatte sie denn erwartet? Dass er sich den ganzen Tag freinehmen würde? Dass sie vereint zum Standesamt fahren und nach der Zeremonie mit Konfetti und Glückwünschen überschüttet werden würden? Dass sie anschließend einen Empfang in einem exklusiven Restaurant für Familie und Freunde geben würden?

Je weniger Personen von dieser Trauung erfuhren, umso besser.

Allerdings hatten die Reporter ihm in diesem Punkt einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich werde mit Toby ein Hühnchen rupfen müssen.

„Ich kann mir die Zeit nehmen“, erwiderte er trocken.

Forschend musterte Gabriella ihn. Wollte er einfach nur nett zu ihr sein? Das konnte sie sich eigentlich nicht vorstellen. Oder steckte ein anderes Motiv dahinter?

Vielleicht wollte er sie nur noch einmal eindringlich warnen, sich von seiner Tochter fernzuhalten.

Holly musste inzwischen sieben Jahre alt sein. Vor mehr als fünf Jahren hatte Gabriella zuletzt mit dem Kind gesprochen, aber sie hatte es hin und wieder bei Familientreffen gesehen. Daher wusste sie, dass die Kleine Rufus wie aus dem Gesicht geschnitten war mit den karamellfarbenen Haaren und den hellgrünen Augen. Abgesehen davon wusste sie kaum etwas von dem Mädchen – außer dass die Mutter es im zarten Alter von wenigen Monaten im Stich gelassen hatte.

Gabriella konnte nur hoffen, dass sie nicht als Inbegriff der bösen Stiefmutter angesehen wurde.

„Okay“, willigte sie mit einem Seufzen ein. Sie hatte es nicht besonders eilig, auf dem Anwesen von der Haushälterin und dem restlichen Personal als Mrs. Gresham willkommen geheißen zu werden.

„Du könntest ruhig versuchen, dich ein bisschen enthusiastischer zu geben“, spottete Rufus. „Immerhin ist es dein Hochzeitstag.“

„Erinnere mich bloß nicht daran!“

Er lachte hart. Auch er hätte gern vergessen, dass sie nun verheiratet waren.

„Wo bringst du mich denn hin?“, fragte Gabriella ein wenig alarmiert, als er den Wagen auf einem Parkplatz vor einem hohen Wohnblock abstellte und sie zum Eingang führte.

„Ich besitze hier ein Apartment.“ Rufus nickte dem Portier im Foyer zu, zog sie in den Fahrstuhl und gab einen Geheimcode ein. „Für den Fall, dass ich geschäftlich in der Stadt aufgehalten werde.“

Was hatte das in Wirklichkeit zu bedeuten? Unterhielt er diese Stadtwohnung nur zu dem Zweck, um darin die Nacht mit einer seiner zahlreichen Geliebten zu verbringen? Sicher hätte es dem Ruf der Familie geschadet, wenn er seine Affären mit nach Gresham House gebracht hätte. Für diese Art von Beziehung bedurfte es bei einem angesehenen Geschäftsmann wie ihm wohl einer diskreteren Umgebung.

Und nun nahm er Gabriella mit in dieses Apartment …

„Ich halte das für keine gute Idee …“ Weiter kam sie nicht mit ihrem Protest, denn Rufus zog sie stürmisch an sich und presste die Lippen auf ihre.

Sie schmeckt wirklich gut, durchfuhr es ihn, während er ihren Mund erforschte, und bestimmt ist alles andere an ihr ebenso köstlich …

In diesem Moment begehrte er sie mit einer wilden Leidenschaft, die er keineswegs zu zügeln gedachte. Gabriella war nun vor dem Gesetz seine Ehefrau, und er wollte jeden Zentimeter ihres fantastischen Körpers auskosten.

Gabriella blieb kaum Zeit, sich über Rufus’ Verhalten zu wundern, bevor sie sich in dem Entzücken verlor, das sein hungriger Kuss auslöste. Sanft strich seine Zunge über ihre Lippen, bevor sie tief in ihren Mund eindrang und dort ein aufreizendes Spiel begann. Ein Spiel, das ein Feuer zwischen ihren Schenkeln entfachte.

Sie stöhnte hingebungsvoll, als er mit beiden Händen ihre vollen Brüste umfasste und die empfindsamen Spitzen liebkoste, die bereits hart geworden waren. Verlangend presste sie sich fester an ihn.

In dem Moment, in dem Rufus ihr das Kleid von den Schultern streifte, stockte ihr der Atem. Vor lauter Sehnsucht hatte sie gar nicht gemerkt, dass er die winzigen Knöpfe am Vorderteil geöffnet hatte. Nun trennte nichts weiter als die hauchdünne Seide des Mieders ihre Brüste von seinen Händen.

Er löste die Lippen von ihren, ließ sie in einem erregenden Pfad hinab über ihren Hals wandern und nahm schließlich eine Brustspitze durch die Seide in den Mund und saugte sanft daran, während er sie mit der Zungenspitze streichelte.

Gabriella wusste, dass sie ihm Einhalt gebieten sollte. Aber sie war einfach nicht fähig, sich gegen die Empfindungen zu wehren, die er in ihr weckte. Und so bog sie sich ihm sogar entgegen, während er sie weiterhin raffiniert liebkoste.

Matt klammerte sie sich an ihn, völlig überwältigt von dem unerwarteten erregenden Angriff auf ihre Sinne. Das ungewohnte Sehnen zwischen ihren Schenkeln steigerte sich ins Unerträgliche.

Der Fahrstuhl führte geradewegs in das Penthouse. Als sich die Türen mit einem leisen Surren öffneten, wehte ein kühler Luftzug über den feuchten Stoff des Mieders und ließ Gabriella erzittern.

Atemlos schlug sie die Augen auf. In diesem Moment waren die vergangenen fünf Jahre wie weggewischt durch ihr gegenseitiges Verlangen.

Eilig zog Rufus Gabriella in das Schlafzimmer, streifte ihr das Kleid ganz ab und musterte verlangend ihren Körper in dem cremefarbenen Mieder und dem dazu passenden Slip.

„Zieh dich aus“, verlangte er rau, während er sich seines Jacketts entledigte und es achtlos zu ihrem Kleid auf den Teppich fallen ließ.

Sie war kein Teenager mehr, sondern eine reife Frau von dreiundzwanzig Jahren. Und obwohl sie nicht so erfahren war wie Rufus, fühlte sie sich seinem offenkundigen Verlangen durchaus gewachsen.

Während sie sich aufreizend langsam zuerst den einen und dann den anderen schmalen Träger von der Schulter streifte, sah sie ihm unablässig in die Augen. Der seidige Stoff glitt hinab zu ihrer Taille und enthüllte die Brüste mit den dunklen Knospen, die einladend vorgereckt waren und förmlich nach seiner Berührung bettelten.

Rufus drückte Gabriella auf die Bettkante, kniete sich zwischen ihre Schenkel und liebkoste abwechselnd ihre Brustspitzen. Sehnsüchtig bog sie sich ihm entgegen, während sie insgeheim flehte, dass er sie bald zum Gipfel der Lust führen möge.

Auch Rufus war fest entschlossen, sie diesmal bis an das Ziel der Reise ins Land der Ekstase zu begleiten und es ungehemmt auszukosten. Er wollte Gabriella hierbehalten, bis er sie auf jede erdenkliche Weise genommen und ihr dabei ein ebensolches Entzücken bereitet hatte wie sich selbst.

Verlangend nahm er eine Brustspitze in den Mund und spürte Gabriellas Körper sofort erschauern. Er schob ihren Slip beiseite, berührte den Punkt ihrer höchsten Lust und brachte sie mit streichelnden Fingern zu einem überwältigenden Höhepunkt.

Als ihre Schauer verebbten, streifte er ihr auch das letzte Kleidungsstück ab und senkte den Kopf, um ihren lieblichen Geschmack zu kosten.

Gabriella war völlig verloren. Sie fühlte sich, als schwebte sie auf einer Wolke aus Sinnesfreuden. Ihr Blick war verschleiert, als Rufus aufstand und ihren nackten Körper musterte. Sie schämte sich nicht, sondern dachte nur daran, dass sie ihn ganz begehrte, alles von ihm, dass sie ihn in sich spüren wollte.

„Hilf mir beim Ausziehen“, drängte er rau.

Ganz kurz spürte sie ein nervöses Flattern in der Magengegend, doch sie verdrängte es entschieden. Sie war nicht länger ein vernarrter Teenager, sondern eine reife Frau, und sie wollte Rufus das körperliche Entzücken zurückgeben, das er ihr bereitete.

So hielt sie seinen Blick gefangen, während sie langsam sein Hemd aufknöpfte und von den Schultern schob. Dann ließ sie die Hände hinabgleiten, über Brust und Bauch. Sie hörte, wie Rufus nach Atem rang, als sie die Hose öffnete und seine harte Männlichkeit berührte. Ganz instinktiv streichelte sie ihn und bereitete ihm Vergnügen, wie er es bei ihr getan hatte.

Er vergrub die Hände in ihrem Haar und stöhnte. „Nein, Gabriella, hör auf. Ich will in dir sein. Tief in dir.“

Und dann sank er auf das Bett und nahm sie mit sich, zog sie auf seinen Körper hinab. Seine Augen wirkten geheimnisvoll und dunkel, als er zu ihr aufsah, während er ihre Hüften an seine Lenden drückte und dabei langsam in sie eindrang. Und dann, als sie sich im selben Rhythmus wie er zu bewegen begann, liebkoste er voller Leidenschaft ihre Brüste.

Gabriella ignorierte den stechenden Schmerz, den Rufus’ Eindringen ausgelöst hatte, und beugte sich begierig über ihn, damit er eine Brustspitze in den Mund nehmen konnte. Sie spürte, wie ihre Lust erneut erwachte und immer mehr anschwoll, als er abwechselnd die Knospen küsste und dabei den Rhythmus seiner Bewegung steigerte.

Fest umfasste er ihre Hüften mit beiden Händen, als er sich nicht länger zurückhalten konnte und der Höhepunkt nahte. Riss sie mit sich zu einem überwältigenden Gipfel, der sie zu einer Einheit verschmelzen ließ.

Danach ruhte Gabriella erschöpft und glücklich an seiner Brust. Doch schon bald spürte sie eine Spannung in sich aufsteigen, während sie mit Rufus’ Verachtung und Spott über ihre ungehemmte Reaktion rechnete.

Doch in dem stillen Raum waren nur ihre unregelmäßigen schnellen Atemzüge zu hören, die sich ganz allmählich wieder beruhigten.

Warum sagt er denn nichts, fragte sie sich verwirrt.

Wo blieben die Vorwürfe, die Schuldzuweisungen?

Obwohl er den Anfang gemacht hatte, war sie überzeugt, dass Rufus die Tatsachen verdrehen und sie als Verführerin darstellen würde.

Aus seiner Sicht war immer sie diejenige, die für ihre körperlichen Begegnungen verantwortlich war.

Doch jetzt waren sie miteinander verheiratet …

Auch Rufus’ Gedanken schienen um die Trauung zu kreisen, denn unvermittelt murmelte er: „Es sieht ganz so aus, als ob wir eine Scheidung statt einer Annullierung brauchen werden, wenn die Zeit um ist.“

Langsam hob sie den Kopf, um ihm ins Gesicht zu sehen. Das Haar fiel ihr wild über die Schultern auf seine Brust. „Was willst du damit sagen?“

Sein Lächeln wirkte hart, beinahe brutal. „Eigentlich nur, dass ich dieses Apartment in den nächsten sechs Monaten nicht brauchen werde, da ich nun eine sinnliche kleine Wildkatze zur Frau habe.“ Zum Beweis hob er die Schulter, die noch immer Abdrücke von Gabriellas Zähnen trug. „Es sei denn, du willst gelegentlich mit mir herkommen – nur als Abwechslung?“

Mit anderen Worten: Er beabsichtigte, sie auf dieselbe Weise zu benutzen wie seine unzähligen Geliebten – nämlich ausschließlich für seine einfallsreichen Sexspielchen.

4. KAPITEL

„Wieso zum Teufel bist du heute Nachmittag einfach verschwunden?“

Gabriella begegnete Rufus’ Blick im Badezimmerspiegel, froh, dass er nicht früher aufgetaucht war, bevor sie sich nach einer Dusche in ein Handtuch gewickelt hatte. Wie sie splitterfasernackt ein Gespräch mit ihm verkraftet hätte, wollte sie sich lieber nicht vorstellen.

Nicht, dass es wirklich einer Antwort auf seine Frage bedurfte. Es war ziemlich offensichtlich, dass sie an diesem Nachmittag, als er ins Badezimmer gegangen war, die Gelegenheit genutzt hatte, um die Flucht zu ergreifen. Aus dem Apartment, in dem sie sich gerade geliebt hatten, in dem er anscheinend seine zahlreichen Affären unterhielt, also kurzum aus seinem „Liebesnest“.

Und er hatte es nicht sonderlich eilig gehabt, ihr zu folgen. Sieben Uhr war, wie sie von ihrer neuen Stieftochter erfuhr, „die Zeit, zu der Daddy meistens von der Arbeit kommt“. Jetzt war es kurz nach sieben.

Gabriella verzichtete darauf, sich zu Rufus umzudrehen. Lieber blickte sie nur sein Spiegelbild an. Sie griff zu einer Flasche mit parfümierter Körperlotion und cremte sich die Arme ein.

„Ich dachte, wir wären für heute fertig miteinander“, bemerkte sie ironisch.

Er verzog den Mund. „Dachtest du das? Oder bist du einfach weggelaufen wie der kleine Feigling, der du nun mal bist?“

„Würdest du bitte mein Badezimmer verlassen?“, entgegnete sie kühl, als er ihre Bewegungen mit einem Verlangen beobachtete, das sie zu übersehen gedachte. „Wenn ich mich nicht irre, liegen deine Räume ein Stück weiter den Flur entlang.“

Lässig lehnte er sich an den Türrahmen. „Und was willst du tun, wenn ich nicht gehe? Um Hilfe schreien?“

Das wäre wohl vergeblich, dachte sie. Schließlich war er der unangefochtene neue Herr im Haus. Doch das bedeutete auch, dass sie die neue Herrin war. „Falls es nötig sein sollte“, erwiderte sie ruhig und strich sich Lotion auf die Schultern.

Rufus holte tief Luft, sehr ungehalten über ihre Kälte nach dem Vergnügen, das sie einander am Nachmittag bereitet hatten. In seinen Armen war Gabriella wie entflammt gewesen, leidenschaftlich und hingebungsvoll. Woher rührte dieser drastische Sinneswandel?

Da sie nun einmal sechs Monate lang zusammenleben mussten, wollte er während dieser Zeit unbedingt auch das Bett seiner Ehefrau teilen. In Anbetracht ihres Verhaltens auf Mallorca und in seinem Apartment war er davon ausgegangen, dass das auch ihrem Wunsch entspräche.

Dass sie sich nicht zu ihm hingezogen fühlte, konnte sie nicht behaupten. Warum also war sie nach Gresham House entwischt, nachdem sie einander so sehr genossen hatten?

„Ich habe dich gebeten zu gehen, Rufus“, rief sie ihm in Erinnerung. Dabei sah sie ihn nicht einmal an, sondern konzentrierte sich ganz darauf, ihr Dekolleté und den Ansatz der Brüste zu cremen.

Ihn verlangte danach, diese Brüste zu streicheln und zu küssen, während er Gabriella erneut mit dieser hemmungslosen Wildheit nahm, die ihm fast den Verstand geraubt hatte.

Ihr langes dunkles Haar war locker auf dem Oberkopf geschlungen, sodass ihr schlanker Nacken und die Schultern enthüllt waren. Die zarte weiche Haut, die er …

Ungehalten blickte sie auf, als sie seinen verlangenden Blick spürte. „Du bist ja immer noch da.“

Er holte tief Luft. „Ich lebe auch hier!“

„Und wie ich bereits betont habe, liegen deine Räume ein Stück weiter.“

„Vielleicht gefällt mir dieses Badezimmer aber besser als meins?“, neckte er.

Mit vorgetäuschter Gleichgültigkeit zuckte Gabriella mit den Schultern. „Dann können wir tauschen.“

Damit zeigte sie sich von einer Seite, die Rufus nicht kannte. Sie gab sich ganz anders als der eifrige Teenager vor fünf Jahren oder die leidenschaftliche Geliebte von heute Nachmittag. Nun wirkte sie distanziert und eigenständig.

„Wie mir mitgeteilt wurde, findet das Dinner heute um acht Uhr statt“, verkündete er angespannt.

Sie neigte ein wenig den Kopf. „Ja. Das entspricht genau meinen Anweisungen an die Haushälterin.“

Rufus lachte grimmig. „Demnach macht es dir nichts aus, einige deiner ehelichen Pflichten zu übernehmen.“

Sie sah ihn weiterhin unverwandt an. „Einige, sehr richtig. Aber ich suche mir selbst aus, welche das sein werden, Rufus.“

Das Bett mit ihm zu teilen, gehörte offensichtlich nicht zu den Pflichten, die sie sich „auszusuchen“ gedachte.

Verdammt!

Heute Nachmittag war es ihm als die perfekte Lösung erschienen, um sein ständiges Bedürfnis nach Gabriella stillen zu können. Eine gegenseitig befriedigende Regelung, die auf beiden Seiten keiner Verpflichtungen bedurfte, keiner leeren Versprechungen.

Dass sie sich nun so unnahbar gab, passte ihm überhaupt nicht.

„Solltest du jetzt nicht zu Holly gehen?“, fragte sie. „Sie hat mir vorhin erzählt, dass du jeden Abend eine halbe Stunde mit ihr verbringst, bevor sie ins Bett geht.“

Rufus runzelte die Stirn, während er sich aufrichtete. „Höre ich da Kritik aus deiner Stimme, Gabriella?“

„Ich weiß nicht. Was meinst du denn?“, konterte sie und hielt seinen Blick weiterhin im Spiegel gefangen.

Innerlich zitterte sie. Ihr Liebesspiel stand ihr klar und deutlich vor Augen; sie konnte nicht vergessen, wie sie in seinen Armen die Selbstbeherrschung verloren hatte.

Es hätte niemals dazu kommen dürfen. Aber es war so unerwartet geschehen, so spontan, dass sie nicht genug Willenskraft aufgebracht hatte, um der Gelegenheit zu widerstehen, Rufus ganz intim kennenzulernen und herauszufinden, ob sie ihn immer noch so sehr begehrte.

Was der Fall war. Sogar mehr denn je, allem Anschein nach.

Aber indem sie ihrer Schwäche für ihn nachgegeben hatte, war sie in eine verletzliche Position ihm gegenüber geraten, gleich am Anfang dieser Scheinehe. Und diese Lage beabsichtigte sie zu korrigieren, so schnell wie möglich und mit allen erdenklichen Mitteln.

Rufus’ Lippen verengten sich. „Meine Beziehung zu meiner Tochter geht dich gar nichts an, verdammt!“

Sie hob die dunklen Brauen. „Hast du denn eine?“

Er kniff die Augen zusammen. „Was soll das denn heißen?“

Nun drehte Gabriella sich doch zu ihm um, sehr erzürnt. „Jeden Tag eine halbe Stunde mit ihr zu verbringen, kann man wohl kaum als Beziehung bezeichnen.“

Sie erinnerte sich an ihre eigene Kindheit voller Geborgenheit und Zuneigung. Jeden Tag hatte ihre Mutter sie von der Schule abgeholt, am Küchentisch heiße Schokolade mit ihr getrunken und über die Ereignisse des Tages geplaudert. Und dann hatten sie zusammen die Schularbeiten erledigt und anschließend gemeinsam das Abendessen zubereitet.

Das hatte sich natürlich geändert, als sie plötzlich nur noch zu zweit waren und ihre Mutter ganztags arbeiten musste. Aber da war Gabriella schon fast vierzehn und durchaus fähig gewesen, selbst auf sich aufzupassen und allein das Abendessen zu machen. Auf diese Weise hatte sie die Liebe zum Kochen entdeckt.

Holly Gresham hingegen war gerade einmal sieben Jahre alt. Sie wurde von einem Chauffeur zur Schule und wieder nach Hause gefahren. In der Küche servierte ihr die Köchin eine Tasse Tee. Holly bekam noch keine Schularbeiten auf, verbrachte aber den Nachmittag ganz allein in ihrem Zimmer – bis ihr Vater nach Hause kam und ihr vor dem Schlafengehen eine halbe Stunde seiner kostbaren Zeit schenkte.

All das hatte Holly stolz zum Besten gegeben, als Gabriella nachmittags nach ihr gesehen hatte.

Das Mädchen ähnelte seinem Vater. Es schien dessen Arroganz und Selbstgenügsamkeit geerbt zu haben und sich nicht daran zu stören, täglich so viele Stunden allein zu verbringen. Trotz seiner sieben Jahre wirkte es, als bräuchte es niemanden.

Nach Gabriellas Ansicht war Holly viel zu reif und ernst für ein Kind in diesem Alter.

Gewiss war es nicht leicht für Rufus gewesen, mit einem zwei Monate alten Baby im Stich gelassen zu werden. Schließlich ging sein Beruf mit zahlreichen Verantwortlichkeiten einher. Deshalb hatte er schon damals ein Kindermädchen engagiert und es erst bei Hollys Einschulung wieder entlassen. Aber den Unmengen an teuren Spielzeugen im Kinderzimmer nach zu urteilen, überhäufte er seine mutterlose Tochter eher mit materiellen Dingen als mit der Zuwendung und der Zeit, die sie wirklich brauchte.

Die Beziehung zu seinem Kind mochte Gabriella wirklich nichts angehen, zumal sie sein Leben nur für kurze Zeit teilen würde. Aber das hielt sie nicht davon ab, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Oder Rufus diese Meinung mitzuteilen. Was ihm, wie seine finstere Miene verriet, ganz und gar nicht gefiel.

Schroff sagte er: „Ich habe dir doch gesagt, dass du dich von Holly fernzuhalten hast.“

„Ich dachte mir, jemand sollte mal nachsehen, ob sie noch lebt oder nicht.“

„Verdammt, du hast kein Recht …“

„Außerdem“, fuhr sie ungerührt fort, „habe ich mir noch nie besonders gern vorschreiben lassen, was ich zu tun oder zu lassen habe.“

Rufus’ Miene verfinsterte sich noch mehr. „Dann ist es wohl an der Zeit, dass es dir beigebracht wird …“

„Willst du mir etwa drohen?“

Sekundenlang starrte er sie erzürnt an. „Nein, ich drohe dir nicht, Gabriella“, murmelte er schließlich leise. „Es wundert mich nur, elterliche Ratschläge von einer Frau zu erhalten, deren eigene Mutter nichts weiter war als eine …“

„Ich rate dir, es nicht auszusprechen“, unterbrach sie ihn. Diesmal war der eisige Klang ihrer Stimme echt. „Ich mache dir einen Vorschlag. Du lässt meine Mutter aus dem Spiel, und ich gebe keinen Kommentar zu deinen Unzulänglichkeiten als Vater ab. Wie klingt das?“

Wie eine versteckte Beleidigung, dachte er und befürchtete, dass ihm sechs Monate unter einem Dach mit dieser Frau erschreckend lang vorkommen würden.

Gabriella nahm ihre Armbanduhr vom Waschbecken und warf einen vielsagenden Blick darauf. „Wenn du jetzt nicht gehst, bleibt dir vor dem Dinner nicht einmal eine halbe Stunde mit Holly.“

Er zog eine Augenbraue hoch, beschloss aber, die Kritik diesmal zu ignorieren. Gabriella suchte offensichtlich Streit, und dafür hatte er momentan keine Zeit. „Darf ich davon ausgehen, dass du auch zum Dinner erscheinst?“

„Warum sollte ich das nicht tun?“

„Ich dachte, du arbeitest abends in einem Bistro oder so was.“

„Nicht mehr. Ich habe gestern aufgehört. Ab Montag werde ich den Umbau von Gabriella’s in Angriff nehmen“, rief sie ihm in sanftem Ton in Erinnerung.

Verdammt!

Nach allem, was an diesem Tag passiert war, hatte er völlig vergessen, dass sie künftig auch den Arbeitsplatz teilen mussten.

„Die Minuten verstreichen“, spottete sie. „Du solltest Holly wirklich nicht länger warten lassen.“

Toby hat recht, dachte Rufus verärgert, während er sich abwandte. Er war sich nicht länger sicher, ob er es auch nur sechs Stunden mit Gabriella in einem Haus aushalten würde, geschweige denn sechs Monate.

„Wo ist dein Ehering?“

Betont kühl blickte Gabriella über den Tisch zu Rufus. Sie saßen in dem kleinen Esszimmer, in dem vor einer Viertelstunde das Dinner serviert worden war. Nicht, dass einer von ihnen viel gegessen hätte. Die Vorspeise, Melone mit Schinken, ging praktisch unberührt zurück, und dem Wildlachs auf ihren Tellern würde es wohl nicht viel anders ergehen. Warum Rufus kaum aß, wusste Gabriella nicht, aber sie selbst war viel zu aufgewühlt, um an essen zu denken.

Bevor sie zum Dinner hinuntergekommen war, hatte sie die Situation neu durchdacht und beschlossen, Rufus künftig mit kühler Gelassenheit zu begegnen. Damit verhinderte sie, dass er ihre Gefühle erriet, und gleichzeitig ärgerte er sich darüber.

Wenn sie ihm ihren Unmut zeigte, erreichte sie gar nichts, denn im Austeilen von Beleidigungen war Rufus ihr weit überlegen. Auch Zuvorkommenheit kam nicht infrage, nachdem er ihr vorgeschlagen hatte, für die nächsten sechs Monate das Bett miteinander zu teilen.

Ignorieren konnte sie ihn jedoch auch nicht; dafür wirkte er zu anziehend auf sie.

Also blieb nur kühle Zurückhaltung, was ihr schwer genug fiel, da sie von Natur aus gesellig und redselig war.

„Ich habe den Ring vorhin abgenommen, bevor ich geduscht habe“, erwiderte sie. „Ich wollte verhindern, dass mein Finger grün wird.“

„Was zum Teufel soll das heißen?“ Empört legte er sein Besteck nieder und starrte Gabriella an. „Glaubst du etwa, dass ich dir ein Stück billiges Metall mit Glassplittern als Ehering geschenkt habe?“

Verwundert entgegnete sie: „Du willst mir doch wohl nicht weismachen, dass das Gold und Diamanten sind, oder?“

Sie hatten nicht vereinbart, während der Zeremonie Ringe zu tauschen. Eigentlich war in den zehn Tagen vor der Hochzeit gar nichts zwischen ihnen geklärt worden. Rufus hatte Gabriella lediglich telefonisch Ort und Zeit der Trauung mitgeteilt. Deshalb wunderte es sie immer noch, dass er ihr einen goldfarbenen schmalen Reif mit Glitzersteinen angesteckt hatte.

„Ist der etwa echt?“, hakte sie nach, als Rufus sie weiterhin wortlos anblickte.

Bestimmt gaben sie ein seltsames Brautpaar ab, wie sie sich so höflich am Tisch gegenübersaßen, beide in Dinnerkleidung, Gabriella in einem engen kleinen Schwarzen und Rufus in Anzughose und gestärktem Oberhemd.

„Natürlich ist er echt!“, erwiderte er schließlich ungehalten. „Glaubst du im Ernst, dass ich meiner Frau einen falschen Ring schenken würde?“

„Warum denn nicht? Es ist ja auch eine falsche Ehe“, konterte sie. „Oder liegt es daran, dass es einen Rufus Gresham kompromittieren würde, seine Frau mit unechtem Schmuck abzuspeisen?“

Offensichtlich war sie immer noch auf Streit aus. Rufus wäre gern darauf eingegangen, aber ihm war nicht danach zumute, in irgendeiner Form auf ihre Wünsche einzugehen.

„Das trifft den Nagel auf den Kopf.“ Er seufzte. „Es war nur eine einfache Frage, Gabriella. Du kannst mit dem verdammten Ding tun, was du willst.“ Mit einem Schulterzucken griff er zu seinem Besteck und aß weiter.

Nach einigen Minuten des Schweigens erkundigte sie sich höflich: „Wie geht es Holly?“

„Gut. Sie wundert sich immer noch darüber, dass ihre Tante jetzt ihre Stiefmutter ist. Aber abgesehen davon geht es ihr gut.“

„Vielleicht hättest du es ihr nicht sagen sollen.“

„Ach so?“ Er seufzte wieder, diesmal ungehalten. „Hätte sie es per Zufall herausfinden sollen, wenn das Personal dich ‚Mrs. Gresham‘ ruft? Wäre dir das lieber?“

Behutsam legte Gabriella Messer und Gabel nieder und tupfte sich die Lippen mit der Serviette ab, bevor sie erwiderte: „Das gesamte Personal nennt mich Miss Gabriella. Ich nehme an, du hast Holly gesagt, dass die Sache mit der Stiefmutter nur eine vorübergehende Regelung ist, die sich nicht auf deine … Beziehung zu ihr auswirkt?“

Insgeheim hoffte er, dass ihm nicht zu viele Mahlzeiten mit ihr allein bevorstanden. Er bezweifelte, dass sein Magen es verkraften würde. Geräuschvoll ließ er sein Besteck auf den Teller fallen, nachdem er den Lachs – ebenso wie Gabriella – nur zur Hälfte verzehrt hatte.

„Ich pflege mich nicht zu rechtfertigen“, erklärte er barsch.

„Niemandem gegenüber, wie es scheint.“

„Ach, zum Teufel!“ Wütend warf er seine Serviette auf den Tisch und sprang auf. „Zum Glück fahre ich nächsten Monat für ein paar Tage nach New York. Ich kann es kaum erwarten!“

Äußerlich blieb sie unbewegt von seinem Temperamentsausbruch, auch wenn sie widerstreitende Gefühle plagten. Einerseits erleichterte es sie, dass sie seine beunruhigende Gegenwart ein paar Tage lang nicht ertragen musste. Und gleichzeitig entsetzte sie, was für eine innere Leere diese Vorstellung in ihr auslöste.

Ich bin froh, redete sie sich ein. Das hohle Gefühl in der Magengegend rührte nur von der Anstrengung, sich Rufus gegenüber abweisend-höflich zu geben.

„Nun? Hast du dazu keinen Kommentar abzugeben?“

Gabriella begegnete seinem verärgerten Blick. „Gute Reise?“

„Ich meinte im Hinblick auf Holly“, sagte er nach einem tiefen Luftzug.

Sie verzog das Gesicht. „Du hast mir doch gesagt, dass ich keine Bemerkungen mehr über deine Beziehung zu ihr machen soll.“

„Und ausnahmsweise beliebst du zu tun, was dir gesagt wird?“

„Genau“, bestätigte sie zuckersüß.

Rufus schüttelte ungehalten den Kopf. Er musste dringend verschwinden. Sie versetzte ihn derart in Hochspannung, dass er zu explodieren drohte. Und diese Entladung konnte verschiedene Formen annehmen, wie er aus Erfahrung wusste. „Vielleicht ereignet sich irgendein Notfall, der mich für einen ganzen Monat statt nur ein paar Tage in New York festhält!“, rief er. „Das wären vier Wochen weniger, die ich mit dir unter einem Dach zu ertragen hätte!“

Nicht einmal durch ein Wimpernzucken verriet Gabriella, dass diese Bemerkung sie verletzte. Schließlich hatte sie von Anfang an gewusst, dass Rufus weder das Haus mit ihr teilen noch mit ihr verheiratet sein wollte. Warum also sollte es sie kümmern, wenn er ihr das bestätigte?

Es kümmerte sie wegen des Vorfalls vom Nachmittag.

Sie hatte wirklich nicht damit gerechnet, unmittelbar nach der Trauung mit Rufus im Bett zu landen. Es war das Allerletzte, was sie erwartet hätte. Doch nun, da es geschehen war, konnte sie es nicht vergessen.

So heißhungrig, so verrückt vor Verlangen waren sie gewesen, dass sie es kaum bis ins Schlafzimmer geschafft hatten! Und es war ganz anders verlaufen als damals auf Mallorca. Damals erfüllten sie mädchenhafte Erwartungen und eine hoffnungslose Verliebtheit.

Heute Nachmittag jedoch war ihr Liebesspiel wild und hemmungslos und sehr erwachsen gewesen, obwohl es für sie das erste Mal gewesen war.

Die Vorstellung, dass es sich jederzeit erneut ereignen konnte, ängstigte Gabriella. Doch noch mehr fürchtete sie, dass es womöglich nie wieder dazu kommen würde.

Wie lächerlich!

Sekundenlang schaute Rufus sie mit schmalen Augen durchdringend an, als wollte er ihre Gedanken erraten.

Es gelang ihr, seinem Blick standzuhalten, bis er sich schließlich mit einem verächtlichen Schnauben zum Gehen wandte.

„Ach ja, übrigens …“

Er blieb an der Tür stehen, holte tief Luft und drehte sich dann langsam um. „Ja?“

„An deiner Stelle würde ich das Apartment behalten“, riet sie ihm höhnisch. „Für die künftige Benutzung mit … mit wem auch immer!“

Die hellgrünen Augen glitzerten. Ganz deutlich spürte sie sein Bedürfnis, mit einem Seitenhieb zurückzuschlagen. „Das werde ich tun. Für … wen auch immer.“ Damit wandte er sich erneut ab und stürmte davon.

Sekunden später hörte Gabriella eine Tür ins Schloss fallen. Sie nahm an, dass er in den Raum gegangen war, den sein Vater als Arbeitszimmer benutzt hatte.

Nun, da sie allein war, sank sie auf ihrem Stuhl in sich zusammen und gab sich der Fassungslosigkeit hin, die sie schon begleitete, seit sie am Nachmittag sein Apartment verlassen hatte.

Vor einigen Stunden hatte sie gar nicht schnell genug die Flucht ergreifen können, nachdem ihr bewusst geworden war, worauf sie sich eingelassen hatte. Vor allem aber beabsichtigte sie ganz gewiss nicht, Rufus wissen zu lassen, dass er ihr erster und einziger Liebhaber gewesen war.

5. KAPITEL

„Was treibst du denn da oben?“

Die Trittleiter geriet ins Wanken, als Gabriella sich auf der obersten Stufe umdrehte und zu Rufus hinabblickte, der sie vorwurfsvoll anstarrte.

Bestimmt sehe ich furchtbar aus, dachte sie. Ihr Haar war mit einem Schal zurückgebunden, aber mehrere Locken hatten sich gelöst und umrahmten ihr Gesicht, das vor Anstrengung glühte. Außerdem war sie völlig ungeschminkt. Das pinkfarbene T-Shirt und die schwarze Denimhose sahen ein wenig mitgenommen aus, nachdem Gabriella den ganzen Vormittag verstaubte Bilder und künstliche Pflanzen aus der Cafeteria entfernt hatte. Außerdem zierte bestimmt ein Schmutzfleck ihr Gesicht.

Rufus hingegen, für die Büroarbeit in dunklem Straßenanzug mit hellem Hemd und Krawatte, sah wundervoll aus, wie üblich.

An diesem Morgen hatten sie sich noch nicht gesehen, weil sie getrennt in die Stadt gefahren waren. Ganz bewusst hatte Gabriella gewartet, bis er mit dem Wagen zu Gresham’s aufbrach, bevor sie ihr Zimmer verließ und den nächsten Zug nahm.

„Wonach sieht es denn aus?“, konterte sie, während sie sehr vorsichtig von der Leiter stieg. Denn es galt zu verhindern, das Gleichgewicht zu verlieren und in seinen Armen zu landen, nachdem sie ihn das ganze Wochenende über auf Distanz gehalten hatte.

Nicht, dass es sie große Anstrengung gekostet hätte!

Ob nun aus Gewohnheit, wegen ihrer Kritik an seiner Vaterrolle oder um ihren Umgang mit seiner Tochter zu unterbinden – Rufus hatte Holly am Samstag mit ins Büro genommen und auch den ganzen Sonntag mit ihr außer Haus verbracht. An beiden Tagen kehrten sie erst nach dem Dinner zurück. Anschließend hatte er sich sofort in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, während Holly ins Bett gegangen war.

So hatte Gabriella ein sehr stilles Wochenende auf dem Anwesen verbracht, das für eine große Familie und nicht für eine einsame, gelangweilte Frau gebaut worden war.

Rufus runzelte missbilligend die Stirn und sah sich in dem künftigen Restaurant um. Gabriella schien ganz allein in dem großen Raum zu hantieren. Der Eingangsbereich war mit Laken verhängt, und ein handgeschriebenes Schild verkündete, dass wegen Renovierungsarbeiten geschlossen war und die Neueröffnung in zwei Wochen stattfände. „Hast du nicht gesagt, dass du Handwerker engagieren willst?“

„Das habe ich auch getan.“ Sie erreichte den Fuß der Leiter und wischte sich den Staub von den Händen. „Sie fangen morgen an. Aber ich dachte mir, ich könnte die Vorarbeiten selbst erledigen. Die alten Bilder abnehmen und so weiter.“ Sie rümpfte die Nase. „Und ich hasse Plastikblumen.“

„Du ziehst wohl das Echte vor, wie?“

„In jeder Hinsicht, ja.“

Nachdenklich musterte Rufus sie. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, dass sie sich in dem Gebäude aufhielt, bis jemand vom Personal erzählt hatte, dass im Restaurant gearbeitet wurde.

Mindestens eine halbe Stunde hatte er der Versuchung widerstanden, sich selbst davon zu überzeugen.

Sie sieht wundervoll aus, dachte er gereizt. Und dabei schuftete sie augenscheinlich schon seit Stunden.

Ihre wundervollen Locken verhüllte ein pinkfarbener dünner Schal. Die Wangen glühten beinahe in derselben Farbe, und die Augen, von langen dunklen Wimpern umrahmt, funkelten lebhaft. Das T-Shirt umschmiegte ihre Brüste und gab den Blick auf die Taille frei, während die Hüfthose die langen Beine betonte.

Ganz bewusst hatte er das Wochenende zusammen mit Holly außer Haus verbracht – in dem Bedürfnis, Gabriella zu entkommen. Denn offensichtlich erwiderte sie das körperliche Verlangen nicht, das er immer stärker nach ihr entwickelte.

Ein Verlangen, das ihm nach wenigen Tagen des Zusammenlebens bereits den Verstand zu rauben drohte.

Unausweichlich. Schmerzlich. Vollkommen.

Und nun hielt sie sich auch noch bei Gresham’s auf, und sie sah begehrenswerter aus denn je, sogar ohne Make-up und schicke Kleidung.

„Auch ich ziehe das Echte vor“, bemerkte er herausfordernd. „Schade, dass es so schwer zu finden ist.“

„Such einfach weiter. Ich bin überzeugt, dass du eines Tages fündig wirst.“

„Andererseits habe ich vielleicht gar keine Lust, lange danach zu suchen.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist deine Entscheidung.“

„Stimmt.“ Durch Angela hatte er Falschheit allzu gut kennengelernt. Heather hatte seine Ansicht über Frauen nur noch bestärkt, und nun setzte Gabriella ihre Attraktivität auf dieselbe Weise ein.

Und doch begehrte er sie!

Unvermittelt sagte Rufus: „Ich dachte mir, dass du vielleicht zum Mittagessen nach oben in den Speisesaal der Geschäftsleitung kommen möchtest.“

Gabriella traute der Einladung nicht ganz, schließlich hatte er sich das ganze Wochenende über nicht um ihr Wohlergehen geschert. Mit einem spöttischen Lächeln erwiderte sie: „Du hältst es wohl für angebracht, vor deiner Belegschaft das glückliche Ehepaar zu spielen, wie?“

Bestimmt gab es keinen einzigen Angestellten bei Gresham’s, der nicht von der Heirat am vergangenen Freitag wusste. In sämtlichen Morgenzeitungen war am Samstag darüber berichtet worden. Mehrere Boulevardblätter hatten sogar Fotos auf der Titelseite abgedruckt, und eine Schlagzeile lautete tatsächlich: „Gresham-Erben heiraten“ – wie Rufus vorhergesagt hatte. Und genau wie er hatte der Reporter die Farbe ihres Kleides nicht als Buttermilch erkannt.

Doch zum Glück war es nur eine eintägige Sensationsmeldung, denn schon am Sonntag sorgte ein politischer Skandal für Schlagzeilen.

Rufus presste die Lippen zusammen. Obwohl er an diesem Morgen beim Betreten des Geschäftes mehrere Glückwünsche entgegengenommen hatte, entgegnete er: „Ich bin überzeugt, dass meine Belegschaft, wie du es ausdrückst, zu diskret ist, um die Hochzeit anzusprechen.“

„Das zu glauben, fällt mir schwer.“

Er fragte sich, ob sie wohl wusste, wie aufreizend ihre Streitlust wirkte und wie sehr sie die körperliche Anziehungskraft zwischen ihnen zum Aufflackern brachte. Wahrscheinlich nicht. Er seufzte. „Ich habe dir den Vorschlag gemacht, weil ich denke, dass es seltsam wirkt, wenn du nicht am selben Ort isst wie dein Ehemann.“

Gabriella lächelte. „Das muss für dich sehr schwer zu akzeptieren sein.“

„Keineswegs“, entgegnete er gelassen. „Aber du solltest dich vielleicht ein bisschen … frisch machen, bevor du dich zu uns gesellst.“

Sie wartete, bis er sich umgedreht hatte, bevor sie ihm die Zunge herausstreckte. Zugegeben, eine kindische Geste. Aber Gabriella fühlte sich dadurch irgendwie …

„Ich bin sicher, dass sich nach einigem Nachdenken eine bessere Verwendung für deine Zunge finden lässt“, bemerkte er rau. Ohne sich umzudrehen, verschwand er in der Buchabteilung.

… wie ein Dummkopf, gestand Gabriella sich niedergeschlagen ein.

Sie sank auf die unterste Stufe der Trittleiter und atmete tief durch, während sie sich der Erkenntnis stellte, dass sie diese Runde verloren hatte.

Auch aus diesem Grund wartete sie eine gute halbe Stunde, bevor sie Rufus in den Speisesaal folgte. Auf dem Weg dorthin befolgte sie zunächst seinen Rat und machte im Waschraum halt. Sie nahm das Tuch ab, bürstete das Haar, bis es ihr seidig glänzend über die Schultern fiel, säuberte sich das Gesicht und klopfte den Staub aus ihrer Kleidung.

Je länger sie ihr Erscheinen hinauszögerte, umso größer war die Chance, dass Rufus inzwischen sein Mahl beendet hatte und wieder in seinem Büro saß.

Doch dieses Glück war Gabriella nicht beschieden.

Er saß an einem Tisch, zusammen mit mehreren anderen Personen, die Gabriella für Abteilungsleiter hielt. Der Platz neben ihm war frei.

Vermutlich für Gabriella. Seine Ehefrau.

„Tut mir leid, dass ich aufgehalten wurde, Liebling“, sagte sie kehlig, während sie auf den Stuhl neben ihm sank. Dann küsste sie ihn zärtlich auf die Lippen und legte eine Unschuldsmiene auf, als er sie aus schmalen Augen musterte.

„Schon gut … Darling“, erwiderte er bedächtig. „Ich weiß ja, wie beschäftigt du bist.“

Sie lächelte ihn provozierend an. „Aber nicht zu beschäftigt, um mir die Zeit zu nehmen, mit meinem Ehemann zu Mittag zu essen.“ Sie bestellte einen Salat mit Hühnchenbrust bei der Bedienung und wandte sich gleich wieder an Rufus. „Willst du mich nicht vorstellen, Sweetheart?“ Freundlich blickte sie zu den fünf weiteren Personen am Tisch, die sie mit lebhaftem Interesse ansahen.

Rufus erfüllte ihre Bitte, in der Überzeugung, dass Gabriella sich am Ende des Mahles nicht einmal an die Hälfte der Namen erinnern würde.

Zudem war ihm durchaus bewusst, wie sehr sie es genoss, mit ihm zu spielen. Glaubte sie etwa, dass er ihr gegenüber im Nachteil war – in Gegenwart seines Personals?

Er drehte sich ein wenig auf seinem Stuhl, sodass sein Oberschenkel der Länge nach an ihrem ruhte. Als sie instinktiv zurückzuckte, wusste er, dass sie nicht so immun gegen ihn war, wie sie gern vortäuschte.

„Mmh, du duftest wundervoll, Liebling“, flüsterte er begehrlich, während er sie auf die Lippen küsste.

Gabriella wich zurück. Ihr Plan, Rufus einen Streich zu spielen, ging anscheinend nicht auf. „Ich wusste gar nicht, dass du den Geruch von Staub magst, Darling“, murmelte sie.

Mit einem kleinen Lächeln schob er ihr Haar beiseite, küsste ihren Hals und flüsterte ihr ins Ohr: „Für mich riechst du immer gut.“

Diese zärtliche Geste traf sie völlig unerwartet. Rufus war ihr nie wie ein Mann erschienen, der in der Öffentlichkeit Zuneigung demonstrierte – ganz im Gegenteil. Erst recht nicht gegenüber einer Person, die er lieber nicht zur Ehefrau gehabt hätte.

Während er sich ganz den Anschein gab, wie selbstverständlich sehr glücklich über ihre Anwesenheit zu sein, fühlte Gabriella sich völlig aufgewühlt. Ihre Lippen und ihr Hals prickelten noch immer von seinen Küssen, ebenso wie ihr Ohr von seinem warmen Atem.

So viel also zu ihrem Entschluss, sich kühl zu geben, wann immer er in der Nähe war! Vielmehr brannte ihr ganzer Körper.

Was sie nicht gerade mit gesundem Appetit essen ließ, als der Salat serviert wurde. Zumal Rufus sein Bein die ganze Zeit über an ihres gepresst hielt und den Kontakt gar nicht zu spüren schien, während er mit seinen Abteilungsleitern über Geschäfte redete.

Liebend gern wäre sie von ihm abgerückt. Aber dann wäre sie dem Mann auf ihrer anderen Seite zu nahe gekommen, und das sähe für eine frischgebackene Ehefrau seltsam aus.

Mit einem belustigten Blick drehte Rufus den Kopf zu ihr um. „Willst du deinen Salat denn gar nicht essen, Darling?“, fragte er mit sanftem Vorwurf, als sie den fast vollen Teller von sich schob. „Dabei hast du wirklich keine Diät nötig. Du bist schon dünn genug.“

Sie schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln. „Ich scheine keinen Appetit auf Nahrung zu haben. Ich muss wohl verliebt sein.“

Rufus begegnete ihrem herausfordernden Blick, während er einen Arm um ihre Schultern legte. „Vielleicht hätten wir lieber gleich auf eine lange Hochzeitsreise gehen sollen, anstatt sie bis zum Sommer zu verschieben.“

Hochzeitsreise? Lange Tage und Nächte ganz allein mit Rufus? Nein, danke!

Er erkannte deutlich, dass seine Bemerkung eine Abwehrreaktion bei Gabriella auslöste, denn ihre Schultern spannten sich spürbar unter seinem Arm. Doch ihm war gerade bewusst geworden, wie seltsam es auf das Personal wirken musste, dass er und seine Frau bereits so kurz nach der Trauung im Geschäft erschienen waren.

„Ich sollte jetzt wieder an die Arbeit gehen“, verkündete Gabriella leichthin, während sie seinen Arm gelassen, aber entschieden abschüttelte. „Es hat mich sehr gefreut, Sie alle kennenzulernen.“ Sie stand auf und blickte lächelnd in die Runde. „Patrick, May, Jeff, Nigel und Jan.“

Dass sie sich alle Namen und sogar die dazugehörigen Gesichter gemerkt hatte, verblüffte Rufus. Er erhob sich ebenfalls. „Ich komme mit dir nach unten.“

Sie warf ihm einen erstaunten Blick zu. „Meinetwegen brauchst du dein Meeting nicht abzubrechen.“

„Es ist sowieso vorbei“, entgegnete er und führte sie mit einem Arm an ihrer schmalen Taille aus dem Raum. Wenn er ehrlich war, wusste er nicht einmal mehr, worüber gesprochen worden war.

Diese Frau raubt mir die geistigen Fähigkeiten, dachte er – und stärkt dafür meine körperlichen Kräfte.

„Alle hier im Saal starren uns an“, flüsterte Gabriella verlegen.

Schmunzelnd wanderte sein Blick zu den anderen voll besetzten Tischen. „Die Männer gucken mich nur voller Neid an.“

„Und die Frauen schauen mich wohl genauso an, wie?“

Er grinste. „Vielleicht.“

Wahrscheinlich stimmte das sogar. Denn mit dem dunkelblonden Haar, den markanten Gesichtszügen und der natürlichen sinnlichen Ausstrahlung war Rufus bei Weitem der bestaussehende und charismatischste Mann im Raum. Und die Tatsache, dass er obendrein der Besitzer des gesamten Gebäudes war, tat seiner Attraktivität ganz gewiss keinen Abbruch.

Doch es gab einen Teil des Gebäudes, über den er nicht herrschte, wie Gabriella sich voller Genugtuung in Erinnerung rief. Das Restaurant würde immer noch ihr gehören, selbst nach dieser vorgetäuschten Ehe.

Mit täuschend unschuldigem Blick wandte sie sich an Rufus und spottete: „Ich frage mich gerade, was deine leitenden Angestellten wohl über ihren ach so anständigen Chef sagen würden, wenn sie wüssten, dass du mir schon im Fahrstuhl die Kleider vom Leib gerissen hast.“

„Wie in diesem Lift, meinst du?“, fragte er, als sich die Tür zu seinem privaten Aufzug öffnete.

Vielleicht war es nicht der passende Augenblick – oder Ort, um ihn mit diesem speziellen Vorfall aufzuziehen. Gabriella verzog das Gesicht. „Ich glaube, ich gehe doch lieber zu Fuß. Es sind ja nur zwei Stockwerke.“

Rufus lachte. „Hast du etwa Angst vor einer Wiederholung?“

„Ich brauche Bewegung.“

Das traf ganz gewiss nicht zu. Sie war wesentlich schlanker als vor fünf Jahren, und das betonte nur noch die kecke Form ihrer vollen Brüste, die zweifellos nackt unter dem knappen T-Shirt waren.

Diese Tatsache war ihm sehr deutlich bewusst geworden, während er sich bemüht hatte, sich auf das Gespräch mit den Geschäftsführern über Verkaufszahlen und Schaufensterauslagen zu konzentrieren. Einmal hatten ihre Brüste sogar seinen Arm gestreift, als Gabriella sich nach dem Salzstreuer vorgebeugt hatte.

Er nickte zustimmend. „Nun, die kann ich auch gebrauchen.“

„Hast du denn nicht zu arbeiten?“

„Das kann warten.“

Gabriella fürchtete, dass sie hingegen nicht mehr lange warten konnte. Die Nähe zu Rufus hatte in der vergangenen Stunde all ihre Sinne geweckt. Sie war sich seines herrlichen Körpers überdeutlich bewusst, und nun verfolgte sie jede seiner Bewegungen und verspürte das heftige Bedürfnis, seinen Mund auf ihrem zu spüren.

Die körperliche Anziehung und Faszination, die Rufus auf sie ausübte, waren unvergleichlich und völlig unkontrollierbar.

Und das dürfte einfach nicht so sein. Schließlich kannte sie seine Einstellung ihr gegenüber nur zu gut, da er sie häufig genug daran erinnerte. Doch das schien ihre heftige körperliche Reaktion auf ihn keineswegs zu schmälern.

Allein die Berührung seiner Hand auf ihrem Arm löste ein Prickeln ihrer Haut aus, als sie zusammen die Stufen hinuntergingen. Dass sich ihr Atem beschleunigte, lag nicht an der Anstrengung des Treppensteigens. Ihr Gesicht glühte, und jede Faser ihres Körpers verlangte immer mehr nach Rufus.

Rufus, der ihren Arm fest im Griff hielt, spürte ihre wachsende Anspannung und fragte sich mit einem forschenden Seitenblick nach dem Grund dafür. Er sah ihre Wangen glühen, die Augen funkeln und die Brustspitzen unter dem T-Shirt hart werden.

Großer Gott …

Kaum hatten sie die verhüllenden Laken passiert und das Restaurant betreten, als er Gabriella auch schon in die Arme zog und stürmisch ihre vollen Lippen küsste.

Sie erwiderte seine Liebkosung ebenso heftig und ungestüm. Ihre Hände waren überall, glitten immer wieder rastlos über seinen Körper. Dann knöpfte sie sein Hemd auf, streichelte seine Brust, grub aufreizend ihre Fingernägel in die erhitzte Haut.

Auch Rufus gab seiner verzehrenden Leidenschaft nach und schob hastig ihr T-Shirt hoch. Er senkte den Kopf und nahm begierig eine Brustspitze in den Mund.

Gabriella stöhnte vor Entzücken, vergrub die Finger in seinem dichten Haar und presste seinen Kopf an sich. Die Liebkosungen seiner Zunge auf ihrer harten Brustspitze versetzten sie geradezu in einen Taumel der Ekstase.

„Nicht hier, Rufus“, flüsterte sie, als er den Verschluss ihrer Denimhose öffnete. „Da sind Leute in der Buchabteilung.“ Gleichzeitig stöhnte sie vor Erregung, als sie seine Hand auf ihrem Bauch spürte.

Er hob den Kopf und blickte ihr in die Augen. „Ich kann nicht anders“, entgegnete er heiser. „Es muss sein.“ Er küsste sie und drängte sie dabei zurück, bis an die Wand. Mit einer Hand umschmiegte er ihre Brust und streichelte die Knospe, während er die andere in ihren Slip schob.

Gabriella war verloren in dem Augenblick, als seine Finger sie berührten, das erregte Zentrum ihrer Lust fanden und aufreizend streichelten.

Woge um Woge des Entzückens erfasste sie, erschütterte ihren Körper. Sie klammerte sich an Rufus’ Schultern und presste die Lippen zusammen, um nicht aufzuschreien.

„Ja, Gabriella! Oh ja“, flüsterte Rufus anstachelnd, als sie den Kopf zurückwarf und er spürte, dass sie den Höhepunkt erreichte. Er kostete es vollkommen aus, sie so in Ekstase zu erleben.

Fest schloss er sie in die Arme, als die Schauer verebbten und ihre Beine nachzugeben drohten. Die Wangen gerötet, die Augen dunkel und verschleiert, und das wild zerzauste Haar lockte ihn, das Gesicht darin zu verbergen.

„Da kommt jemand.“ Gabriella erstarrte, rang in Panik nach Atem und lauschte, immer noch zitternd.

Auch wenn Rufus nichts hörte, so vernahm sie deutlich das Klicken von Absätzen auf Marmor, das sich durch die Buchabteilung näherte.

Sie wich zurück, mied verlegen Rufus’ Blick, während sie mit zitternden Händen ihr T-Shirt hinunterzog und die Hose schloss.

Unfassbar, auf was für ein verrücktes Verhalten sie sich gerade eingelassen hatten!

Jeder, der sein zerzaustes Haar, seine erhitzten Wangen, ja seine Erregung sah – und dazu ihre eigene aufgelöste Erscheinung –, musste erraten, was sie soeben getrieben hatten.

Gerade hatte Gabriella ihre Kleidung einigermaßen gerichtet und Rufus sein Hemd zugeknöpft, als das Laken am Eingang beiseite geschoben wurde und Rufus’ Sekretärin eintrat.

Ihre Miene wirkte höflich fragend. Falls ihr etwas Ungebührliches auffiel, so ließ sie es sich nicht anmerken. Mit einem entschuldigenden Lächeln sagte sie. „Es tut mir leid, dass ich Sie stören muss, Mr. Gresham, aber die New Yorker Niederlassung hat gerade angerufen. Sie möchten dringend zurückrufen.“

Gabriella fühlte sich äußerst verlegen, als sich das entschuldigende Lächeln auf sie richtete. Sie war überzeugt, dass die Sekretärin genau wusste, was vorgefallen war. Wie peinlich!

Rufus dagegen wirkte völlig ungerührt, das musste sie ihm lassen. Mit fester Stimme versprach er: „Ich bin in ein paar Minuten da, Stacy.“

„Gut.“ Stacy wandte sich an Gabriella und sagte freundlich: „Wir freuen uns alle schon sehr auf das neue Restaurant, Mrs. Gresham.“

„Vielen Dank.“ Gabriella entschied, seine Sekretärin doch zu mögen. Eine Person, die in einer eindeutigen Situation wie dieser derart nett und sachlich blieb, musste einfach in Ordnung sein.

Als sie wieder allein waren, sagte Rufus: „Ich telefoniere nur schnell und komme gleich wieder.“

Um zu beenden, was sie begonnen hatten? Er beabsichtigte doch wohl nicht im Ernst, diese Verrücktheit trotz der Unterbrechung fortzusetzen?

Sie schluckte schwer und schaffte es nicht, ihm in die Augen zu sehen. „Es wäre vielleicht besser, wenn wir … später reden würden, heute Abend zu Hause.“

Reden? Was gab es da zu reden? Offensichtlich konnten sie nicht länger als eine halbe Stunde beisammen sein, ohne dass sie einander begehrten. Daran würde kein Gerede auf der Welt etwas ändern.

Einige Sekunden musterte er sie forschend und realisierte, dass der leidenschaftliche Zwischenfall vorüber war und die nüchterne Realität Gabriella eingeholt hatte. Ihr Gesicht war nun bleich, und die Augen darin wirkten riesig und verunsichert.

„Dann also bis später“, nickte er.

„Ja“, murmelte sie und sah ihn dabei immer noch nicht richtig an.

Doch Rufus legte großen Wert darauf, dass sie ihn anschaute. Er sehnte sich danach, völlig nackt zu sein, ausgiebig von ihr betrachtet und dann von ihren Händen erforscht und geliebt zu werden.

Und ebenso wünschte er sich, ihren nackten Körper zu betrachten, jeden aufreizenden Zentimeter.

Deshalb legte er einen Finger unter ihr Kinn, hob ihr Gesicht an und sah ihr tief in die Augen. „Wir müssen wirklich reden, Gabriella.“

Ihr Blick wurde argwöhnisch. „Worüber denn?“

„Zum Beispiel über diese Sache.“

„Diese Sache“ bezog sich natürlich auf die völlig unkontrollierbare Reaktion, die sich einstellte, sobald sie länger zusammen waren. Doch darüber wollte sie nicht sprechen. Denn sie konnte es sich selbst nicht erklären angesichts der Feindseligkeit, die ebenfalls zwischen ihnen herrschte, und ihm konnte sie ihre Gefühle schon gar nicht begreiflich machen.

Sie wich zurück und hob das Kinn. „Du meinst diese animalische Lust?“, hakte sie brüsk nach.

Seine Lippen wurden ebenso schmal wie seine Augen. „Ich muss jetzt gehen, Gabriella, aber wir werden ganz gewiss reden“, warnte er sie, bevor er davonstürmte.

Erst als er verschwunden war, gab sie den Tränen nach, die sie nicht länger zurückhalten konnte.

Weil sie ihn, wie sie schmerzlich erkannte, noch immer liebte, genau wie vor fünf Jahren.

Das Wie und Warum waren dabei nicht wichtig, nur die Tatsache an sich zählte.

Aber es war eine Liebe, die er heute ebenso wenig erwidern konnte wie vor fünf Jahren.

6. KAPITEL

„Du hast ihn also tatsächlich geheiratet!“

Beim Klang der spöttischen Stimme wirbelte Gabriella herum und fiel fast von der Trittleiter, auf die sie erneut gestiegen war. „Oh! Toby“, murmelte sie wenig begeistert, während sie ihn misstrauisch musterte.

Er sah wie üblich verwegen gut aus in den verwaschenen Jeans, dem schwarzen T-Shirt und einer sportiven Wildlederjacke. Ja, Toby war sehr attraktiv – und wie gewöhnlich ließ er sie völlig kalt.

„Was willst du?“, fragte sie, während sie von der Leiter stieg.

„Dir gratulieren, natürlich“, spottete er. „Und dich fragen, wie es dir so gefällt, mit meinem lieben Cousin verheiratet zu sein.“

„Und wie kommst du darauf, dass ich Interesse daran haben könnte, dir irgendetwas zu erzählen, ob nun über Rufus oder sonst wen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Warum nicht?“

„Wie kannst du das fragen? Nach allem, was du mir angetan hast!“

„Was ich versucht habe“, korrigierte er. „Und was kann ich denn dafür, dass du plötzlich doch kein Interesse mehr an mir hattest?“

Entsetzt starrte sie ihn mit großen Augen an. „Ich war nie auf diese Weise an dir interessiert!“

„Dann habe ich mich eben geirrt“, entgegnete Toby völlig ungerührt. „Aber du kannst mir nicht verdenken, dass ich es einmal versucht habe.“

„Oh doch, das kann ich!“

„Warum lässt du die Vergangenheit nicht einfach ruhen? Ich versichere dir, dass ich die Sache längst vergessen habe.“

Toby wollte vergessen haben, dass er vor drei Monaten, als sie ein Wochenende in Gresham House verbracht hatte, in ihr Schlafzimmer eingedrungen war? Er erinnerte sich nicht daran, dass er sie aufs Bett geworfen, geküsst und zu vergewaltigen versucht hatte? Ihm war entfallen, dass er ihre Kleidung zerrissen und ihr Obszönitäten ins Ohr geflüstert hatte?

Zum Glück war James mitten in diese furchtbare Szene geplatzt und hatte Toby für immer des Hauses verwiesen.

„Verschwinde, Toby!“, rief Gabriella mit zitternder Stimme. „Und zwar sofort!“

„Willst du denn gar nicht hören, wie du deine Ehe mit Rufus sofort beenden kannst, ohne auf die fünfundzwanzig Millionen verzichten zu müssen?“

Vehement schüttelte sie den Kopf. „Mich interessiert gar nichts, was du zu sagen haben könntest!“

„Aber du hast ja noch gar nicht gehört …“

„Will ich auch nicht“, unterbrach sie hitzig. Sie wusste, dass jeder Vorschlag von Toby jemand anderem zum Nachteil gereichen musste. In diesem Fall klang es ganz danach, als ob Rufus betroffen wäre. „Woher weißt du überhaupt, dass wir geheiratet haben?“

„Durch ein schlichtes Telefonat mit David Brewster. Er hat mir hocherfreut mitgeteilt, dass ihr beide die Testamentsbedingungen erfüllen wollt.“ Er zog eine Grimasse. „Ich habe irgendwie den Eindruck, dass der distinguierte Anwalt mich nicht mag!“

„Ich kann mir gar nicht denken, warum dem so sein sollte“, murmelte Gabriella sarkastisch. „Aber ich nehme an, dass du die Reporter an unserem Hochzeitstag zum Standesamt geschickt hast, oder?“

„Ein kleiner Scherz meinerseits. Da ich weiß, wie du und Rufus zueinander steht, dachte ich mir, dass es lustig wäre, wenn euer Hochzeitsfoto in der Zeitung erscheint.“

„Und wie stehen wir deiner Meinung nach zueinander?“

„Rufus empfindet offensichtlich nichts als Verachtung für dich. Und du hegst wohl Argwohn gegen ihn.“

Nun, was Rufus’ Einstellung Gabriella gegenüber anging, lag Toby sicherlich richtig. „Aber das alles geht dich eigentlich nichts an. Ich glaube, ich hatte dich gebeten zu gehen.“

„Und ich glaube, ich habe dir gesagt, dass ich einen interessanten Vorschlag für dich habe.“

„An dem ich nicht interessiert bin.“

„Sag das nicht, solange du nicht gehört hast, worum es geht.“

„Das muss ich gar nicht. Jeder ‚interessante Vorschlag‘ von dir ist von vornherein verdächtig.“

„Sehr witzig!“ Er seufzte ungehalten. „Es geht darum, Gabriella, dass du durchaus vor Ablauf der sechs Monate aus der Ehe mit Rufus aussteigen kannst. Denn wenn ich dann erbe, mache ich halbe-halbe mit dir.“

Fassungslos blickte sie ihn an.

„Und danach können wir beide heiraten, wenn du willst“, schlug er vor. „Ich habe dich immer begehrt, Gabriella …“

„Ich bleibe lieber mit Rufus verheiratet – der mich ja nur verachtet, wie du behauptest –, als dich zu heiraten!“

„Das ist aber gar nicht nett“, murmelte Toby und kam einen Schritt auf sie zu.

„Komm ja nicht näher!“, rief Gabriella ängstlich.

„Oder was?“

„Ich warne dich, Toby!“ Mit aufsteigender Panik fragte sie sich, was sie tun sollte, falls er sich ihr erneut aufdrängte. Hilfeschreie würden zu einer peinlichen Szene mitten im Kaufhaus führen, aber sie konnte diesen Mann auf keinen Fall an sich heranlassen. Er widerte sie so an, wie noch niemand zuvor, und er schien den Vorfall vor drei Monaten lediglich für einen Scherz zu halten.

„Was willst du tun, Gabriella?“, höhnte er. „Diesmal ist kein lieber Onkel James da, um dich zu beschützen.“ Seine Miene verhärtete sich. „Und wenn ich bedenke, dass du der Grund dafür bist, dass er mich enterbt hat, finde ich, dass du ein bisschen … netter zu mir sein solltest.“

„Ich werde ganz gewiss niemals ‚netter‘ zu dir sein, Toby“, entgegnete sie mit fester Stimme, obwohl seine Nähe ihr Angst machte. „Und jetzt musst du gehen. Wenn Rufus dich hier sieht, gibt es Ärger.“

„Aber ich will, dass wir beide wieder Freunde werden.“

Sie waren nie befreundet gewesen, nur Mitglieder derselben Familie, die bei Zusammenkünften miteinander geplaudert hatten, und seit jenem Vorfall existierte nicht einmal mehr diese oberflächliche Verbindung.

„Du musst jetzt wirklich gehen“, beharrte sie. „Rufus kann jeden Moment hier auftauchen!“

„Der macht mir keine Angst.“

„Ach nein?“, sagte Rufus in eisigem Ton, während er das Laken am Eingang hob und den Restaurantbereich betrat. Seine verschlossene Miene verriet nichts von seinen Gedanken zu dem kurzen Wortwechsel, den er gerade mitgehört hatte.

Denn er war sich nicht sicher, was das alles zu bedeuten hatte. Wollte Gabriella wirklich, dass Toby verschwand? Oder wollte sie nur verhindern, dass sie zusammen gesehen wurden?

Auch wenn Rufus allein bei ihrem Anblick fast verrückt vor Verlangen wurde, hatte das nichts an seiner Meinung bezüglich ihrer Geldgier geändert.

Sicher war es ratsam, wenn er diese Tatsache trotz aller Leidenschaft nicht außer Acht ließ. Er durfte sich einfach nicht blenden lassen.

Toby grinste. „Verschone mich, Rufus. Gabriella und ich waren … Freunde, lange bevor ihr diese Scheinehe eingegangen seid. Wir hatten vor drei Monaten einen heftigen Streit, und nun ist sie sauer auf mich – offensichtlich so sehr, dass sie dich geheiratet hat. Aber das ist auch alles.“

„Das ist gelogen!“, rief sie aufgebracht. „Rufus, du glaubst ihm doch wohl nicht, oder?“

Rufus wusste nicht, was er glauben sollte. Sein Verlangen hatte seinen normalerweise sehr klaren Verstand umnebelt. Und dazu war er momentan auch noch sehr erbost, dass Toby ihr so nahestand und behauptete, ein Verhältnis mit ihr zu haben.

Mit eisigem Blick musterte er seinen Cousin. „Du solltest Gabriellas Aufforderung befolgen und gehen. Und wenn du meine Ehefrau wiedersehen willst, dann warte lieber sechs Monate“, fügte er schroff hinzu. „Bis dahin ist sie um fünfundzwanzig Millionen reicher!“

„Rufus! Ich habe dir doch gesagt, wie zuwider er mir ist! Du kannst doch nicht im Ernst glauben, dass ich jemals etwas mit ihm hatte!“, protestierte Gabriella. Doch sie sah ihm an, dass er genau das glaubte. Der aufgeschlossene Mensch, als der er sich ihr in den letzten Stunden präsentiert hatte, war wieder dem kalten arroganten Gegner gewichen, der nur das Schlechteste von ihr annahm.

Wie viel hatte er von ihrem Gespräch mit Toby mitbekommen? Anscheinend nicht genug, um die Hintergründe zu verstehen. Und seiner vorwurfsvollen Miene nach zu urteilen, bangte sie durchaus zu Recht um den Waffenstillstand zwischen ihnen.

Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. „Rufus, ich würde nie …“

„Spar dir deinen Atem“, warf Toby ein. „Siehst du denn nicht, dass er dir kein Wort abkauft?“

Sie erkannte niedergeschlagen, wie recht Toby hatte. Wie konnte sie Rufus nur zur Einsicht bringen?

Anscheinend gar nicht. Denn er will mir einfach nicht glauben.

„Du solltest jetzt wirklich gehen“, wiederholte Rufus tonlos.

Toby zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ruf mich einfach an, Gabriella, wenn du es leid wirst, mich wegen unseres dummen Streits zu bestrafen. Denk daran, was wir zwei mit den fünfzig Millionen alles anfangen können, wenn wir erst mal verheiratet sind.“ Er wandte sich an Rufus, dessen Miene versteinert war, und bekräftigte: „Aber ja, Cousin, ich habe sie gebeten, mich zu heiraten.“

„Das dürfte etwas schwierig für sie sein, da sie bereits mit mir verheiratet ist.“

„Diese Ehe kann leicht gelöst werden. Und dann wird Gabriella meine Frau.“ Toby grinste. „Du siehst also, dass sie so oder so nicht verlieren kann.“

„Verschwinde!“, knurrte Rufus grimmig.

„Was hat du vor? Willst du sie die nächsten sechs Monate ans Bett fesseln?“

„Wenn es nötig sein sollte, ja!“, bestätigte Rufus, und in diesem Moment konnte er Gabriella nicht ins Gesicht sehen.

Er war maßlos enttäuscht. Nach Gabriellas harter Schufterei im Restaurant an diesem Vormittag, nach all dem Charme, den sie in der Mittagspause versprüht hatte, nach ihrer ungehemmten Reaktion auf seine Liebkosungen noch vor wenigen Minuten – nach all dem war in ihm der vage Verdacht aufgekeimt, dass er sie bisher vielleicht doch falsch eingeschätzt haben könnte.

Vorübergehend hatte er vergessen, dass sie nur an der Erbschaft interessiert war. Aber sollte sie mit Toby liiert sein, konnte sie tatsächlich nicht verlieren.

Rufus’ Zorn wuchs umso mehr, weil er an seiner eigenen Meinung über sie zu zweifeln begonnen hatte.

Aber damit war nun Schluss. Nie wieder würde er zulassen, dass sein körperliches Verlangen nach Gabriella die Wahrheit verschleierte, die er schon so lange kannte.

„Wieso bist du immer noch da, Toby?“, fragte er.

„Ach, ich dachte, wenn ich noch ein bisschen hier herumhänge, kriege ich zu sehen, wie du deine Frau verprügelst.“

Erschrocken bemerkte Gabriella einen nervösen Muskel an Rufus’ Kiefer zucken.

Er presste den Mund zu einer schmalen Linie zusammen, als er ihren verunsicherten Blick auffing. Verdammt, er hatte in seinem ganzen Leben noch nie eine Frau geschlagen und würde es ganz gewiss auch jetzt nicht tun – wie sehr sie ihn auch provozieren mochte.

„Das mag deine Art sein, die Dinge zu klären, Toby, aber ich persönlich verabscheue körperliche Gewalt.“

„Schade. Wie gesagt, Gabriella, ruf mich einfach an, wenn du es mit diesem aufgeblasenen Kerl nicht länger aushältst. Ich warte auf dich. Versprochen.“

Rufus ballte die Hände zu Fäusten. Entgegen seiner Behauptung war er näher daran als je zuvor, wild um sich zu schlagen, während er beobachtete, wie Toby lässig aus dem Raum schlenderte.

„Rufus …“

„Ich habe nicht die Absicht, momentan weiter mit dir darüber zu diskutieren“, unterbrach er Gabriella kühl und drehte sich zu ihr um. Ihre Schönheit wirkte unvermindert aufreizend auf ihn, aber er war fest entschlossen, sich nicht wieder in Versuchung führen zu lassen. „Ich bin nur gekommen, um dir zu sagen, dass ich wegen dringender Geschäfte für ein paar Tage nach New York muss.“ Angewidert schüttelte er den Kopf. „Vielleicht ist es besser, wenn ich dir für eine Weile entkomme.“

Vielleicht ist es das, räumte sie im Stillen ein. Aber sie würde ihn vermissen. Und sie hasste es, dass er seine schlechte Meinung von ihr nun durch die vermeintliche Beziehung zu Toby auch noch bestätigt sah.

Da sie inzwischen erkannt hatte, dass sie Rufus immer noch liebte, ging es Gabriella nicht nur aus verletztem Stolz darum, ihm zu beweisen, dass er sich in ihr irrte.

„Wirst du lange fortbleiben?“, fragte sie steif.

„Fragst du das aus Anteilnahme als Ehefrau? Oder willst du wissen, wie viel Zeit Toby bis zu meiner Rückkehr bleibt, um dich von seiner Sichtweise zu überzeugen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Er könnte mich nicht einmal dazu bringen, mit ihm die Straße zu überqueren.“ Sie seufzte und schüttelte sich angeekelt.

Rufus sah sie an. Die Abscheu in ihrer Stimme wirkte zu quälend, um vorgetäuscht zu sein. „Was ist vor drei Monaten passiert, Gabriella?“

Vor Schreck wich sämtliche Farbe von ihren Wangen. Doch sie erwiderte mit Unschuldsmiene: „Wieso? Was soll denn passiert sein?“

„Mein Vater hat sein Testament nicht ohne Grund vor drei Monaten geändert. Und Toby behauptet, ihr hättet euch vor drei Monaten gestritten. Da liegt die Annahme sehr nah, dass die beiden Dinge irgendwie zusammenhängen.“

Es hatte keinen Sinn, mit der Antwort hinter dem Berg zu halten. „Damals habe ich das Wochenende bei James verbracht. Toby kam zu Besuch. Er …“ Sie holte tief Luft. „Er hat versucht … Er kam in mein Schlafzimmer … er wollte mich zwingen …“

Es war das furchtbarste Erlebnis ihres Lebens. Toby gab sich meistens lässig und charmant, aber an jenem Tag war er wie ausgewechselt gewesen. Wenn James nicht aufgetaucht wäre …

„Ihr beide wart liiert, aber du behauptest, dass er dich vergewaltigen wollte?“, fragte Rufus äußerst skeptisch.

„Wir waren nicht liiert! Nie!“, rief Gabriella heftig. „Er hat mir an dem Tag eine furchtbare Angst eingejagt.“

„Warum fällt es mir nur so schwer, dir das abzunehmen?“

Weil er ihr nie geglaubt hat, nicht ein einziges Wort. Und in diesem Punkt vertraute er ihr noch weniger, weil sie so hemmungslos auf seine Avancen reagierte.

Aber er war ja auch der Mann, den sie liebte, während sie Toby hasste.

„Dein Vater hat der Sache ein Ende bereitet und Toby aus dem Haus geworfen“, erklärte sie abschließend.

„Und aus seinem Testament verbannt“, sinnierte Rufus. „Wie hast du das angestellt? Hast du Zeter und Mordio geschrien, um so einen Konkurrenten um das Erbe auszuschalten? Sollte ich der Nächste sein?“

„Das denkst du doch wohl nicht im Ernst!“

„Warum nicht? In dem Glauben, dass du eine arme wehrlose Frau bist, hat mein Vater mich törichterweise an dich gebunden. Vielleicht hast du es ihm sogar eingeflüstert – als Rache dafür, dass ich mich immer geweigert habe, auf deine … unbestrittenen Reize hereinzufallen?“

Empört, dass er ihr nach wie vor dieses ausgeprägte Misstrauen entgegenbrachte, richtete sie sich trotzig auf. „Nicht immer.“

„Nein, nicht immer“, gestand er trocken ein. „Und wir haben wirklich tollen Sex miteinander, nicht wahr?“ Verdammt, er hatte nie zuvor eine Frau so begehrt wie Gabriella, und daran hatte sich nichts geändert.

Es wäre lächerlich, ihr Verlangen nach Rufus zu leugnen. Ebenso wäre die Behauptung aus der Luft gegriffen, dass es nie wieder zu Sex zwischen ihnen kommen würde. Dazu war die körperliche Reaktion auf beiden Seiten viel zu explosiv und unberechenbar. „Ja, das stimmt.“

Er nickte. „Wenn ich aus New York zurückkomme, ist mir vielleicht danach zumute, diesen Aspekt unserer Ehe wieder zu erproben. Ich schlage vor, dass du dich von Toby fernhältst, während ich fort bin.“

Als ob ihr das schwerfiele! Falls sie überhaupt je wieder ein Wort mit Toby wechselte, dann nur, um ihm unmissverständlich klarzumachen, was sie von ihm und seinen Lügen hielt.

„Jetzt muss ich dringend wieder an die Arbeit“, erklärte Rufus. „Ich habe noch einige Dinge zu regeln, bevor ich heute Abend aufbreche.“

Sich in dieser schlechten Stimmung für mehrere Tage von ihm zu trennen, betrübte Gabriella sehr. Dass sie ihm die Wahrheit über jenen Tag vor drei Monaten gesagt hatte, schien die Situation nur noch verschlimmert zu haben. Ganz offensichtlich war sein Argwohn gegen das Testament seines Vaters dadurch weiter gewachsen.

Sie fragte sich, wie lange Rufus in New York zu bleiben gedachte. Zwei Tage? Drei? Oder etwa eine ganze Woche?

So oder so dauerte es ihr zu lange. Sie hasste sich für ihre Schwäche. Wieso musste sie ihn derart lieben und begehren, obwohl er ihre Gefühle ganz offensichtlich nicht erwiderte und es auch niemals tun würde?

„Was soll ich Holly sagen?“, fragte sie, als er sich zum Gehen wandte.

Er drehte sich noch einmal zu ihr um. „Gar nichts. Ich muss vor der Abreise sowieso nach Hause und einige Sachen holen, und ich bin durchaus fähig, mich allein um Holly zu kümmern“, versicherte er abweisend.

Mit anderen Worten: Sie sollte sich gefälligst aus diesem Teil seines Lebens heraushalten.

7. KAPITEL

Inwieweit Rufus in Wirklichkeit fähig war, mit Holly umzugehen, hörte Gabriella, als sie am späten Nachmittag nach Gresham House zurückkehrte und laute Stimmen aus dem Wohnzimmer drangen.

„Aber du hast versprochen, dass ich mitkommen darf, wenn du nächstes Mal nach New York musst!“, rief Holly vorwurfsvoll.

„Weil ich gedacht habe, dass es erst im nächsten Monat sein wird, wenn du Ferien hast“, entgegnete Rufus ungehalten.

„Warum kannst du denn nicht nächsten Monat fahren?“

„Weil es eben nicht geht!“

Gabriella überlegte, ob sie in das Zimmer gehen und den Streit schlichten sollte. Oder ließ sie die beiden lieber allein?

Dass sie selbst vermutlich der Grund für Rufus’ schlechte Laune war und er sein barsches Verhalten gegenüber seiner Tochter später bereuen würde, sprach dafür, einzugreifen.

Andererseits ahnte Gabriella, dass dann beide ihren Zorn sofort gegen sie richten würden.

Aber das ist eigentlich nichts Neues, dachte sie mit einem kleinen Seufzer.

Sie öffnete die Tür zum Wohnzimmer, wo Rufus und Holly einander wie erbitterte Gegner gegenüberstanden. In diesem Moment ähnelten sie sich geradezu rührend. Holly war sehr groß für ihr Alter. Sie hatte nicht nur die dunkelblonden Haare und leuchtend grünen Augen von ihm geerbt, sondern auch das hitzige Temperament, das ihre Wangen rötete.

Wie erwartet, funkelten zwei Augenpaare Gabriella zornig an. „Kann ich irgendwie helfen?“, fragte sie betont heiter.

„Bloß nicht! Das fehlt mir gerade noch!“, rief Holly rebellisch.

„Sei doch nicht so unverschämt zu Gabriella“, schimpfte Rufus.

„Warum nicht?“, konterte sie trotzig. „Das bist du doch auch.“

Gabriella zog spöttisch die Augenbrauen hoch, als er einen Stoßseufzer ausstieß.

Ihm war nicht bewusst, dass er Gabriella in Gegenwart von Holly schlecht behandelt hätte. Doch vielleicht verriet allein die Tatsache, dass er fast das ganze Wochenende außer Haus verbracht hatte, ein gewisses Widerstreben gegenüber seiner frisch angetrauten Ehefrau.

In Wirklichkeit hatte sein Verhalten jedoch nicht auf Widerwillen beruht, sondern auf dem Versuch, sein wachsendes Verlangen nach ihr zu unterbinden.

Schmallippig entgegnete Rufus: „Da Gabriella und ich im Gegensatz zu dir erwachsen sind, geht es dich nichts an, wie wir uns verhalten.“

„Aber du brichst dein Versprechen, dass du mich mit nach New York nimmst!“, warf Holly ihm unter Tränen vor.

„Das stimmt nicht.“ Erneut seufzte er, diesmal vor Verzweiflung. Schon seit zehn Minuten drehte sich das Gespräch um diesen einen Punkt, ohne zu einem Ergebnis zu führen. Weibliche Wesen, selbst siebenjährige, konnten sich in seinen Augen extrem unvernünftig verhalten.

Zögernd warf Gabriella ein: „Holly, ich bin sicher, dass dein Daddy dich diesmal aus einem guten Grund nicht mitnehmen kann.“

Argwöhnisch sah Rufus sie an. Nach den Vorfällen zwischen ihnen an diesem Nachmittag wunderte es ihn, dass sie ihn gegenüber seiner Tochter in Schutz nahm.

„Wenigstens nimmt er dich auch nicht mit“, murrte Holly verärgert.

„Holly!“

„Da hast du recht“, erwiderte Gabriella gelassen. „Was bedeutet, dass wir beide in den nächsten Tagen die Gelegenheit haben, uns besser kennenzulernen.“

„Ich will dich aber gar nicht besser kennenlernen.“

„Holly, dafür wirst du dich auf der Stelle entschuldigen!“, verlangte Rufus.

„Das tue ich nicht!“

„Das tust du sehr wohl!“

Voller Groll blicke Holly zu Gabriella und murrte unaufrichtig: „Es tut mir leid.“ Dann wirbelte sie zu Rufus herum. „Aber sie darf mir nicht sagen, was ich tun muss und was nicht.“

„Jetzt reicht es aber!“ Er war am Ende seiner Geduld – nach Gabriellas missbilligender Miene zu urteilen allerdings zu spät.

Aber Holly war schon immer seine sprichwörtliche Achillesferse gewesen. Er versuchte zu kompensieren, dass ihre Mutter sie als Baby verlassen hatte. Vermutlich schoss er dabei oft über das Ziel hinaus, denn inzwischen durchschaute seine Tochter, wie groß seine Schwäche für sie war.

„Gabriella bemüht sich, nett zu dir zu sein. Aber das hast du nicht verdient, wenn du dich so benimmst“, erklärte Rufus ernst. Als die Kleine störrisch blieb, schlug er vor: „Wie wäre es, wenn ich dir ein Geschenk aus New York mitbringe?“

„Was denn für eines? Du weißt doch, dass ich mir bloß ein Pony wünsche und sonst gar nichts.“

„Ich glaube kaum, dass dein Daddy dir ein Pony aus New York mitbringen kann“, wandte Gabriella sachlich ein. „Und ist es nicht das schönste Geschenk, dass er sich selbst wieder mitbringt?“

Nun wirkte Holly ziemlich verunsichert. „Na ja, das schon. Aber …“

„Da hörst du es, Rufus.“ Gabriella lächelte ihn strahlend an. „Sie verzichtet diesmal auf ein Geschenk.“

„Das hab ich ja gar nicht gesagt!“, protestierte Holly entrüstet.

„Dein Daddy hat diesmal bestimmt zu viel Arbeit, um auf Geschenksuche zu gehen. Das stimmt doch, oder, Rufus?“

Er war sich längst nicht mehr sicher, worauf es bei diesem Gespräch ankam, sondern ahnte nur, dass es Gabriella nicht gefiel, wenn er als Friedensangebot ein Mitbringsel besorgte.

Sicher, Holly verhielt sich nicht gerade liebenswürdig, aber bisher hatte er ihr von jeder Geschäftsreise etwas mitgebracht. Und obwohl er Gabriella widerstrebend dafür dankte, dass sie den Streit in gewisser Weise geschlichtet hatte, missfiel es ihm, dass sie versuchte, ihm Vorschriften zu machen.

In diese düsteren Gedanken hinein sagte Gabriella zu seiner Tochter: „Ich glaube, du hast gerade noch Zeit, vor dem Tee nach oben zu gehen und dir die Hände zu waschen.“

Wie beabsichtigt, wirkte Holly nun erst recht verunsichert. Sie war ein sehr hübsches, aber offensichtlich auch ein sehr verwöhntes Mädchen.

Natürlich war das nicht ihre eigene Schuld – und auch nicht allein Rufus’ Fehler. Schließlich gab er seit sieben Jahren sein Bestes, um seine Tochter allein aufzuziehen, was für einen Mann keine einfache Aufgabe bedeutete.

Aber Gabriella wäre bei ihrer eigenen Mutter niemals mit einem derart trotzigen Verhalten durchgekommen und fand, dass auch Rufus es nicht tolerieren durfte, wie sehr er seine Tochter auch lieben mochte.

Für einen Mann, der in anderen Aspekten seines Lebens – vor allem gegenüber Gabriella – so willensstark und rechthaberisch auftrat, wirkte er erstaunlich schwach und blind gegenüber den Unarten seiner Tochter.

Sanft fügte Gabriella hinzu. „Ich finde, dass du dich auch bei deinem Daddy entschuldigen solltest, bevor du gehst.“

Holly wirkte völlig perplex. Anscheinend war sie bisher noch nie so getadelt worden, und sie blickte ihren Vater Hilfe suchend an.

Rufus wusste selbst nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte. Momentan war er noch wütend auf Gabriella wegen ihres Treffens mit Toby; er wusste immer noch nicht, ob es zufällig oder arrangiert gewesen war. Und er wusste auch nicht, ob er ihr glauben sollte, was angeblich vor drei Monaten passiert war. Sie hatte wirklich angeekelt von Toby gewirkt und aufgewühlt wegen des angeblichen Vorfalls, aber …

Ihm blieb einfach nicht genug Zeit vor seinem Aufbruch nach New York, um die Wahrheit zu ergründen.

Nicht nur der Streit mit Holly erschwerte ihm die Abreise mehr denn je, sondern auch das wachsende Verlangen nach Gabriella und all die Unsicherheiten zwischen ihnen. Am liebsten hätte er sie einfach mitgenommen.

Aber dann stand zu befürchten, dass er sie im New Yorker Hotelzimmer die ersten vierundzwanzig Stunden nicht aus dem Bett lassen würde, und damit hätte der Trip seinen Zweck verfehlt.

Nein, sosehr er es sich auch wünschte, er konnte Gabriella nicht mitnehmen.

Außerdem verstand er nicht, warum sie versuchte, den Streit mit Holly zu schlichten. Die Person, für die er sie hielt, müsste über seine Unfähigkeit als Erziehungsberechtigter frohlocken.

„Dein Vater wartet immer noch, Holly.“

Holly schluckte schwer und bedachte Gabriella erneut mit einem unsicheren Blick, bevor sie sich mit einem reumütigen Lächeln an Rufus wandte. „Es tut mir leid, wenn ich unhöflich zu dir war, Daddy.“ Trotzig drehte sie sich wieder an Gabriella. „Aber bloß weil Daddy wegfährt, kannst du mich noch lange nicht rumkommandieren.“

„Oh doch, das kann sie“, wandte Rufus ein.

„Aber …“

„Wenn Gabriella dir etwas sagt, während ich fort bin, erwarte ich, dass du es befolgst.“

„Aber sie ist ja gar nicht meine richtige Mutter und …“

„Das stimmt. Aber sie ist eine Erwachsene, die in diesem Haus wohnt, und du wirst sie mit dem Respekt behandeln, der ihr gebührt.“

Unverkennbar focht Holly sekundenlang einen inneren Kampf. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und lief aus dem Zimmer – bestimmt nicht, um sich die Hände vor dem Tee zu waschen.

„Danke“, sagte Gabriella leise zu Rufus.

„Wofür?“

„Dass du meine Autorität bei Holly gestärkt hast. Das hast du bestimmt nicht besonders gern getan. Aber ich hätte bei ihr gar nichts mehr zu melden, wenn du dich auf ihre Seite gestellt hättest.“

Wie ihre Mutter hatte Holly die Angewohnheit, entweder Wutanfälle oder Tränenausbrüche zu bekommen, wenn sie ihren Willen nicht bekam. Widerstrebend gestand Rufus sich ein, dass es wahrscheinlich seine Schuld war. Aber sie war eben noch ein Kind, und ihm fiel es sehr viel leichter, seine mutterlose Tochter nachsichtig zu behandeln, als sie zu kritisieren.

Verstohlen musterte er Gabriella und wunderte sich im Stillen, dass sie sich überhaupt für Holly interessierte. „Und warum habe ich das sicher nicht gern getan?“, hakte er nach.

Sie verzog das Gesicht. „Vielleicht ist es besser, wenn wir dieses Thema momentan ruhen lassen.“

„Mag sein. Aber aus deinen Bemerkungen von vorhin schließe ich, dass ich Holly deiner Meinung nach verzogen habe.“

„Jetzt ist sie erst sieben, aber wenn du so weitermachst, wird sie mit siebzehn ein Ungeheuer sein.“

„Und damit kennst du dich ja bestens aus, oder etwa nicht?“

Sie versteifte sich und begegnete seinem Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. „Laut deiner Theorie war ich mit siebzehn ein geldgieriges Luder, weil ich als Kind nicht genug verwöhnt wurde!“

„Ich kann mich nicht erinnern, dass ich dieses Urteil je auf ein bestimmtes Alter eingeschränkt habe“, erwiderte Rufus. „Wohin bist du heute Nachmittag wieder verschwunden?“

Die völlig unerwartete Frage brachte Gabriella ein wenig aus der Fassung. „Woher willst du denn wissen, dass ich überhaupt verschwunden bin?“

„Vergiss nicht, dass du jetzt bei Gresham’s arbeitest. Dort passiert sehr wenig, von dem ich nichts erfahre.“

„Und warum willst du das wissen?“, fragte sie ausweichend. Sie ahnte, dass er ein Treffen mit Toby vermutete, doch sie wollte ihm nicht sagen, wo sie wirklich gewesen war. Das war vorläufig ganz allein ihre Angelegenheit, von der Rufus erst zu gegebener Zeit erfahren sollte.

„Bitte lass diese Spielchen“, entgegnete er ungehalten. „Was Toby dir auch eingeredet haben mag, du kannst nicht gegen mich gewinnen.“

Sie seufzte. „Das ist kein Wettkampf, Rufus.“

„Da hast du völlig recht. Wenn du dich mit Toby gegen mich verbündest, werde ich dich vor Gericht bringen und die Verhandlungen so lange hinauszögern, dass du achtzig bist, bevor einer von euch beiden irgendetwas erbt.“

„Ich habe dir doch erklärt, wie ich zu Toby stehe und warum.“

Allerdings, und wenn ihre Version der Wahrheit entsprach, hätte sein Vater Toby nicht nur aus dem Haus werfen und enterben, sondern auch wegen versuchter Vergewaltigung anzeigen sollen.

Rufus atmete tief durch. „Wenn ich aus New York zurückkomme, sollte ich vielleicht mal ein Wörtchen mit Toby reden.“

„Nur zu.“

Während er Gabriella mit schmalen Augen musterte, fiel ihm auf, dass sie an diesem Nachmittag irgendwie verändert wirkte – nicht mehr ganz so abweisend.

„Wieso musst du so dringend nach New York?“, erkundigte sie sich nun.

Wie eine ganz normale Ehefrau. „Warum dieses Interesse?“

„Ich frage mich nur, was so … dringend ist, dass du Holly nicht mitnehmen kannst.“

Verblüfft erkannte Rufus, was sie vermutete: dass er sich in New York mit einer anderen Frau vergnügen wollte und Holly ihm daher im Weg wäre. Als ob er sich für irgendeine andere Frau interessieren konnte! Es zuckte um seine Mundwinkel. „Du kannst ja mitkommen“, schlug er vor. „Allerdings kann ich nicht garantieren, dass du viel von New York zu sehen bekommst.“

Als er Gabriella eindringlich musterte, wurde ihr bewusst, dass nun etwas anderes als Zorn in seinen Augen funkelte. Verlangen!

Wie das angesichts seiner schlechten Meinung von ihr möglich war, verstand sie zwar nicht, aber sie war sich sicher, dass er sie begehrte. „Ich kenne New York schon“, entgegnete sie. „Ich war vor einigen Jahren zu Weihnachtseinkäufen mit meiner Mutter und James dort.“

„Aha. Soll ich daraus schließen, dass du mitkommen möchtest?“

Will ich das? Aber ja!

Sie hasste es, dass sie sich ausgerechnet jetzt trennen mussten, wo so viele Dinge zwischen ihnen ungeklärt waren. Aber gleichzeitig wusste sie, dass Rufus sich wegen des vermeintlichen Doppelspiels mit Toby ärgerte. Und bestimmt ließe er sie das während des gesamten Aufenthalts in New York spüren.

Daher schüttelte Gabriella bedächtig den Kopf. „Das halte ich für keine gute Idee, nachdem du Holly gesagt hast, dass sie nicht mitfahren darf. Sie kann mich auch so schon nicht leiden.“

„Sie kennt dich nicht gut genug, um dich nicht leiden zu können.“

„Das hat dich auch nie davon abgehalten“, entgegnete sie trocken.

„Wir wissen beide, warum ich dir von Anfang an misstraut habe.“

„Selbst wenn deine Vermutung über meine Mutter der Wahrheit entspräche, hast du trotzdem keinen Grund, auch in mir eine geldgierige Intrigantin zu sehen!“

„Und dein Verhalten auf Mallorca? Du hattest es bewusst darauf angelegt, mich zu verführen. Soll ich etwa glauben, dass es nur, … sagen wir mal …, jugendliche Neugier war?“

„So war es aber!“, bestätigte Gabriella hitzig. „Du warst mein gut aussehender großer Stiefbruder und offensichtlich erfahren, und ich …“ Atemlos gestand sie: „Ich war damals in dich verknallt.“

„Dann habe ich wohl all deine Jungmädchenträume zerstört?“

Ja, das hast du wirklich, dachte sie. Genau, wie er es nun darauf anlegte, all ihre Liebe zu ihm zu zerstören. Sie schüttelte den Kopf. „Dir wäre es doch egal, selbst wenn du es getan hättest.“

Rufus sah zu den gesenkten langen Wimpern und schüttelte die Schuldgefühle ab, die in ihm aufstiegen. Gabriella hatte ihr Verhalten damals genau kalkuliert. Sie hatte sich dementsprechend gekleidet – oder besser gesagt entkleidet.

„Du hast recht. Es wäre mir egal“, bestätigte er brüsk. Mit zu Fäusten geballten Händen wehrte er sich gegen den Drang, sie in die Arme zu ziehen, noch einmal mit ihr zu schlafen und somit eine weitere unvergessliche Erinnerung mit nach New York zu nehmen.

Es war ein Kampf, den Rufus zum Teil verlor.

Mit großen Augen blickte Gabriella ihn an, als er sie in die Arme zog und verlangend küsste. Er schmiegte die Hände um ihre Hüften, um ihren Po, während er ihren Körper fest an seinen presste und ihr seine Erregung zeigte.

Mit dem Kuss wollte er sie bestrafen, um seinen Besitz zu beanspruchen. Und insofern war er erfolgreich. Denn Gabriella erkannte, dass sie von keinem anderen Mann als Rufus so intim berührt werden wollte, was er auch immer für sie empfinden mochte.

Seine Augen funkelten, als er sich von ihr löste und sie entschieden von sich schob. „Halte dich ja von Toby fern, während ich fort bin!“, warnte er schroff.

Mit Tränen in den Augen beobachtete sie, wie er ohne einen Blick zurück aus dem Raum stürmte.

Weil sie ihm nichts bedeutete.

Weil er nichts als Begierde für sie empfand.

Eine Begierde, die er befriedigte, wann und wo immer ihm der Sinn danach stand.

Eine Begierde, der Gabriella nichts entgegenzusetzen hatte – ebenso wenig, wie sie sich gegen die Liebe zu ihm wehren konnte.

Deshalb hatte sie an diesem Nachmittag David Brewster aufgesucht, um dafür zu sorgen, dass Rufus eines Tages keine andere Wahl blieb, als ihr zu glauben.

Vielleicht ändert das für ihn nicht viel, dachte sie wehmütig. Aber zumindest würde es ihr Genugtuung verschaffen, wenn ihm in sechs Monaten die fünfundzwanzig Millionen Pfund zufielen, auf die sie es seiner Meinung nach abgesehen hatte.

Ihr Leben ohne Rufus wäre leer, aber zumindest sollte er die Wahrheit erfahren.

8. KAPITEL

War es Traum oder Wirklichkeit, dass Rufus neben Gabriella im Bett lag, sie liebevoll in den Armen hielt und küsste, während er jeden Zentimeter ihres Körpers erforschte?

Sanft. Zärtlich. Bewundernd.

In diesem Moment erkannte sie, dass es ein Traum sein musste. Denn Rufus bewunderte sie nicht.

Hastig verdrängte sie diesen ernüchternden Gedanken und klammerte sich verzweifelt an den wundervollen Traum und an Rufus, der sie so erotisch verwöhnte.

Denn sie wünschte sich, dass er sie bewunderte.

Sie presste seinen Kopf an sich, während er mit der Zungenspitze ihre Brust streichelte, und sie stöhnte aus Protest, als er die Liebkosung einstellte.

Sobald er sich jedoch über die andere Brust beugte, die erregte Spitze zwischen die Lippen nahm und sanft daran saugte, stöhnte Gabriella vor purem Entzücken.

Mit heiserer Stimme fragte er: „Gefällt dir das?“

„Oh ja“, bestätigte sie seufzend. „Hör nicht auf. Bitte, hör nicht auf!“

Sanft ließ Rufus eine Hand über ihren Körper wandern, und ihre Haut erglühte unter seinen Fingerspitzen. „Sag mir, was du sonst noch magst.“

Es ist nur ein Traum, redete sie sich ein, also kann ich ihm erzählen, was mir gefällt.

Sie nahm seine Hand und legte sie sich zwischen die Schenkel. „Ich mag es, wenn du mich hier anfasst.“

Sanft begann er, Gabriella zu streicheln. „So?“

„Oh ja. Rufus …“ Sie verstummte, als er seine Lippen auf eine Reise über ihren Körper schickte. Und schrie leise auf, als er mit der Zunge den Punkt berührte, an dem sich ihre Lust konzentrierte. „Oh Gott …“ Gabriella war völlig verloren, bäumte sich auf, warf den Kopf zurück, während Woge um Woge der Ekstase durch ihren ganzen Körper strömte.

Mit einem zufriedenen Seufzen zog sie Rufus zu sich und küsste seinen Mund. Seine Leidenschaft verriet ihr, dass dieser wonnevolle Traum noch lange nicht zu Ende gehen würde.

Sie lächelte, als er ihre zarten Lippen mit der Zungenspitze kostete, sanft mit den Zähnen erforschte und dann den Mund wieder hinab zu ihren Brüsten wandern ließ. Sie vergrub die Hände in seinem dichten Haar, während sie sich ihm entgegenreckte.

„Mehr?“, fragte er.

„Viel mehr!“ Gabriella lachte kehlig, schob eine Hand hinab und berührte seinen harten Körper. Nun war es Rufus, der vor Entzücken stöhnte und sich neben ihr auf den Rücken fallen ließ.

Ihre langen seidigen Haare strichen über seine Brust, als sie an seinem Körper hinabrutschte. Zwischendurch hielt sie inne, küsste die harten Brustwarzen, schob die Zunge in seinen Bauchnabel und glitt dann noch weiter nach unten, zum Zentrum seiner Lust. Die Dunkelheit in ihrem Traum verlieh ihr eine nie zuvor erlebte Kühnheit.

„Was gefällt dir denn?“, wollte sie wissen. „Magst du das?“ Sie streichelte ihn aufreizend. „Und das?“ Nun zogen die Lippen die Linie der Finger nach. „Und das?“ Sie umkreiste die Spitze mit der Zunge.

„Alles gefällt mir!“, raunte er. „Um Himmels willen, Gabriella, hör nicht auf.“

Das hatte sie auch nicht vor. Sie kniete sich zwischen seine Beine und umschloss ihn mit der Hand, während sie ihn gleichzeitig mit dem Mund gefangen nahm. Voller Lust spürte sie, wie Rufus unter ihrer Berührung erschauerte.

„Nicht mehr, Gabriella“, flüsterte er nach einer Weile. „Ich will in dir sein.“

„Aber was will ich?“ Sie richtete den Oberkörper auf und setzte sich rittlings auf seine Lenden. Dort bewegte sie sich aufreizend, glitt über seine erregte Männlichkeit, verwehrte ihm aber den Zugang zu ihrem erhitzten Zentrum. „Ich will, dass du mich anflehst. Bitte mich, dich zu nehmen.“

Rufus zog sie wieder zu sich hinab. Er umfasste ihre Brüste, streichelte die Spitzen mit den Daumen und hob die Hüften, während er sie leise um Erlösung bat.

„Noch nicht“, entgegnete Gabriella.

Sie stöhnte, als er eine Knospe in den Mund nahm, als ihr eigenes Verlangen sich ihrer bemächtigte und in jeden Zentimeter ihres Körpers strömte.

„Jetzt?“, drängte er, während er die Hüften bewegte und sie seine pulsierende Erregung spüren ließ.

„Bitte …“ Sie griff nach ihm, führte ihn.

„Ich kann mich nicht länger zurückhalten“, warnte er. „Ich will dich zu sehr.“

„Komm mit mir, Rufus. Jetzt!“

Gabriella bewegte sich mit ihm gemeinsam, in vollkommener Harmonie. Ihre Fingernägel gruben sich in seinen Rücken, als sie gemeinsam einen Gipfel erreichten, höher und stärker, als sie es je erlebt hatte. Und danach kuschelte sie sich entspannt und verklärt an Rufus, der sie zärtlich in den Armen hielt.

Die hellen Strahlen der Morgensonne, die durch das Schlafzimmerfenster schien, weckten Gabriella. Genüsslich streckte sie sich und lächelte vor sich hin, als sie sich in allen Details an den höchst erotischen Traum erinnerte, in dem sie und Rufus einander genommen und einander alles gegeben hatten.

Es war nicht ihr erster erotischer Traum von Rufus, aber nie zuvor hatte sie sich beim Erwachen so lebhaft an alle Details erinnert. Als könnte sie noch immer die Berührung seiner Haut spüren, die Wärme seines Atems, die Liebkosungen seiner Lippen und Hände – und seine Zähne in ihrer Schulter, als er den Höhepunkt erreichte.

Da merkte sie, dass ihre linke Schulter tatsächlich Abdrücke aufwies!

Aber es war doch nur ein Traum!

Alarmiert warf Gabriella die Decke beiseite und blickte an ihrem Körper hinab. Sie war nackt, obwohl sie in einem Nachthemd ins Bett gegangen war. In einem Nachthemd aus cremefarbener Seide, das nun auf dem Fußboden lag.

Oh Gott, es war kein Traum! Rufus war wirklich hier bei mir im Bett!

Sie erblasste, als sie sich erinnerte, wie kühn sie ihn gefragt hatte, was ihm gefiel, wie ungehemmt sie ihn liebkost hatte.

Aber er war schon seit acht Tagen in New York! Er konnte nicht bei ihr gewesen sein.

Doch Gabriella bildete sich nicht nur ein, dass ihre Brüste ein wenig gerötet waren – wie nach der Berührung mit Bartstoppeln. Und auch die Abdrücke auf der Schulter waren real.

Sosehr ihr Verstand sich auch dagegen wehren mochte, Rufus musste wirklich in der vergangenen Nacht bei ihr gewesen sein.

Das ist unmöglich!

Er hatte in den letzten acht Tagen nicht einmal mit ihr telefoniert. Aber er hatte mit Holly gesprochen, sie wüsste es, wenn er geplant hätte, gestern Abend zurückzukommen.

„Es ist fast halb neun, Gabriella“, verkündete eine vertraute Stimme von der Tür. „Falls du heute noch zu Gresham’s willst.“

Rufus lächelte, als sie sich hastig und verlegen die Decke über den nackten Körper zog. Ihre Augen funkelten zornig, ihr Haar war wild zerzaust.

Als er gestern zurückgekommen war, hatte er sich erschöpft und emotional ausgelaugt gefühlt und sich danach gesehnt, einen warmen weichen Frauenkörper neben sich zu spüren.

Daraus hatte sich etwas völlig Unerwartetes, aber höchst Erfreuliches entwickelt. Gabriella hatte sich ihm so bedingungslos hingegeben, dass es ihn erneut erregte, sie nur anzusehen.

Sie runzelte die Stirn und fragte schroff: „Seit wann bist du denn wieder da?“

„Seit ein Uhr.“

Sie schloss die Augen, sandte ein Stoßgebet gen Himmel, hoffte wider jede Logik, bevor sie Rufus wieder unsicher anblickte. „Du bist zu mir ins Bett gekommen, oder?“

Er nickte. „Wir sind schließlich verheiratet.“

„Schon, aber … Ich habe geschlafen. Ich wusste nicht, was ich tue. Du hast die Situation ausgenutzt!“, warf sie ihm hitzig vor.

Gelassen kam er ins Zimmer, leger gekleidet in dunkelblauem Hemd und verwaschenen Jeans. „Wenn ich mich recht erinnere, warst du es, die verlangt hat, dass ich bettle und flehe …“

Oh Gott!

Sie schluckte schwer. „Ich dachte, du wärst ein Traum.“

Er lächelte. „Träumst du oft von mir?“

„Normalerweise sind es Albträume!“, fauchte Gabriella.

Sein Lächeln vertiefte sich. „Solche Albträume kannst du gar nicht oft genug haben. Ich bin dir liebend gern behilflich.“

„Würdest du jetzt bitte gehen, Rufus? Hast du mich nicht schon genug gedemütigt für einen Tag?“

Sein Lächeln schwand. Er forschte in ihrem bleichen Gesicht, und was er dort entdeckte, gefiel ihm gar nicht.

Anstatt wie gebeten zu gehen, setzte er sich auf die Bettkante, sah Gabriella eindringlich an und legte ihr eine Hand an die Wange. „Ich will dich nicht demütigen“, versicherte er ihr. „Eigentlich sollte ich dir sogar danken.“

„Mir danken?“, fragte sie ungläubig, während sie die Bettdecke umklammerte, die sie sich noch immer bis an das Kinn hielt.

Rufus seufzte. „Ich musste so dringend nach New York, weil der Geschäftsführer von Gresham’s einen Autounfall hatte. Vor fünf Tagen ist er gestorben. Ich … Er war ein guter Freund von mir. Seine ganze Familie steht mir sehr nah.“

Nun sah Gabriella die tiefen Kummerfalten um Augen und Mund, die vor acht Tagen nicht so ausgeprägt gewesen waren.

„Gestern war die Beerdigung. Ich bin geblieben, solange ich konnte, aber die Trauer seiner Witwe war einfach zu … Er hatte zwei Kinder, und sie können nicht verstehen, warum … Ich konnte es nicht erwarten, dem allen zu entfliehen“, gab er zu, während er ihre Unterlippe streichelte. „Ich habe dringend gebraucht, was du mir letzte Nacht gegeben hast. Kannst du das verstehen?“

Sein Vater, ihr geliebter Stiefvater, war erst vor sieben Wochen gestorben, und der Verlust war für Rufus mindestens so schmerzlich wie für sie. Es musste furchtbar sein, sich nach so kurzer Zeit erneut dem Trauma des Todes zu stellen, diesmal eines offenbar viel jüngeren Mannes und engen Freundes.

„Es tut mir sehr leid“, flüsterte Gabriella.

Erst jetzt erkannte Rufus, wie sehr er sie vermisst hatte – so sehr, dass er das nächste Flugzeug zu ihr genommen hatte, sobald seine Anwesenheit in New York nicht mehr unbedingt erforderlich gewesen war. Was immer die Gründe für ihre Heirat sein mochten, diese Frau wurde mehr und mehr zu einem wichtigen Bestandteil seines Lebens. Und er wusste nicht, ob er nach Ablauf der sechs Monate auf sie verzichten konnte – wie immer ihre Beziehung zu Toby auch aussehen mochte, was es schleunigst zu ergründen galt.

Abrupt stand er auf und schob die Hände in die Jeanstaschen. „Komm nach unten und frühstücke mit mir“, verlangte er ruppig.

Sie blinzelte verwundert über den plötzlichen Stimmungswandel. Einige wenige Minuten hatte er ihr einen Teil seines Privatlebens, seiner Gefühle anvertraut – in seinen Augen vermutlich eine Entgleisung, die er bereits bereute.

Sie nickte. „Ich komme, sobald ich die Gelegenheit hatte, mich anzuziehen.“

„Oh. Okay.“ Rufus machte auf dem Absatz kehrt, ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Gabriella sank zurück in die Kissen und starrte an die Decke. Die Tage ohne Rufus waren ihr unendlich lang erschienen. Beinahe stündlich hatte sie sich seine Rückkehr aus New York ersehnt, obwohl sie davon ausging, dass die angespannte Atmosphäre, die Toby mit seinen Lügen noch verschärft hatte, weiterhin bestehen würde.

Dass Rufus in ihr Bett gekommen war, dass er ihre Nähe und Wärme gesucht hatte und sie einander so ungehemmt geliebt hatten, bewies ihr, wie sehr sie sich geirrt hatte. Wie groß sein Misstrauen auch sein mochte, auf körperlicher Ebene kommunizierten sie hervorragend miteinander.

Sie, weil sie ihn so innig liebte.

Er, weil er sie begehrte, was immer er auch sonst von ihr halten mochte.

„Isst du gar nichts?“, fragte Gabriella erstaunt, als sie zu Rufus in das kleine Esszimmer kam und nur eine Tasse Kaffee vor ihm auf dem Tisch stehen sah.

Er verzog das Gesicht. „Meine innere Uhr ist noch ganz durcheinander. Außerdem habe ich vorhin mit Holly eine Scheibe Toast gegessen, bevor sie zur Schule gegangen ist.“

Mit einer Tasse Kaffee und einem Croissant setzte Gabriella sich an den Tisch. Niedergeschlagen sagte sie: „Sie war bestimmt sehr froh, dich zu sehen.“

Er nickte. „Wenn auch nur, um sich zu beschweren, was für eine tyrannische und unerträgliche Stiefmutter ich ihr beschert habe!“

Unsicher sah sie zu ihm. Dass er lächelte, beruhigte sie ein wenig. „Nachdem du weg warst, hat Holly zwei Tage lang in ihrem Zimmer gegessen. Dann habe ich ihr gesagt, dass ich das Personal angewiesen habe, ihr keine Mahlzeiten mehr nach oben zu bringen, und dass sie künftig runterkommen muss, wenn sie etwas essen will. Es hat einen Tag Hungerstreik bedurft, bis sie begriffen hat, dass ich es ernst meine. Aber am Tag darauf ist sie brav zum Frühstück erschienen.“

Dieser Kampf war alles andere als angenehm gewesen, und selbst jetzt, nach über einer Woche, sprach Holly während der gemeinsamen Mahlzeiten kaum ein Wort mit Gabriella.

Rufus blickte Gabriella anerkennend an. Er verstand immer noch nicht, warum sie dieses Interesse an seiner Tochter zeigte, aber er war ihr dankbar dafür. Wie seltsam, für sie noch etwas anderes als unleugbares Verlangen zu empfinden.

„Sie war nicht gerade begeistert, dass ich deinen Rat befolgt und ihr kein Geschenk mitgebracht habe.“ Er verzog das Gesicht. „Sie meint, wir beide hätten uns gegen sie ‚zusammengerottet‘. Ich glaube, so hat sie es ausgedrückt.“

Bei dieser absurden Vorstellung lächelte Gabriella unwillkürlich. „Anscheinend weiß sie jedoch rein gar nichts über unsere Beziehung.“

Mit schmalen Augen musterte Rufus sie. An diesem Morgen erschien sie ihm besonders wundervoll. Sie trug nur einen Hauch von Make-up. Ihre Wimpern umrahmten von Natur aus lang und dicht die unglaublich veilchenblauen Augen. Die Lippen waren rosig und voll – von den stürmischen Küssen in der vergangenen Nacht?

„Wie würdest du denn unsere Beziehung bezeichnen?“, hakte er nach.

Bedächtig nippte sie an ihrem Kaffee, während sie darüber nachdachte. „Strenges, total körperliches Gewahrsein?“, sagte sie dann.

Er lachte leise über das Wortspiel mit Gewahrsam und nickte. „Manchmal ein unangenehmer Zustand.“

Erstaunt musterte Gabriella ihn. Sie hatte erwartet, dass er sich nach seiner Rückkehr ebenso beleidigend verhalten würde wie vor der Abreise. Ganz gewiss hatte sie nicht damit gerechnet, nach einer aufregenden Liebesnacht gemütlich mit ihm zu frühstücken.

Doch Rufus hatte etwas Stilles an sich, wirkte in sich gekehrt, als hätte der Tod seines Freundes ihn veranlasst, einige Aspekte des eigenen Lebens infrage zu stellen.

Natürlich durfte sie sein Verhalten nicht auf sich beziehen. Daher schlug sie lieber ein unverfänglicheres Thema an. „Du hast Holly also wirklich kein Geschenk mitgebracht?“

„Mir war nicht nach Einkaufen zumute. Außerdem war sie sehr rüde zu dir und auch zu mir. Ich habe darüber nachgedacht und erkannt, dass du vermutlich recht hattest. Ich habe wirklich ein kleines Ungeheuer herangezogen.“

Ein Ungeheuer, dem es immer darum ging, nur zu nehmen, statt auch zu geben. Genau, wie Angela es getan hatte. Doch noch war es nicht zu spät, um dieses Fehlverhalten bei Holly zu korrigieren.

Außerdem hatte Rufus gesehen, wie rührend Robs zehn- und zwölfjährige Kinder ihrer Mutter beigestanden hatten, anstatt sie mit ihrem Kummer zusätzlich zu belasten.

Er wollte, dass auch Holly zu so einem selbstlosen Wesen heranwuchs. Noch war es möglich. Aber dazu musste er als Vorbild dienen.

Und anscheinend auch Gabriella …

Dieser Gedanke machte sie rätselhafter denn je für ihn.

Erneut wunderte er sich über ihr anhaltendes Interesse an seiner Tochter. Aus seiner Sicht gab es kein anderes Motiv dafür als den aufrichtigen Wunsch, Holly zu helfen. Gabriella schien in dem Kind keineswegs ein Ungeheuer zu sehen, sondern lediglich ein verwöhntes kleines Ding, dem Manieren beigebracht werden mussten.

Unvermittelt erkundigte er sich: „Wie sind eigentlich die Arbeiten im Restaurant vorangegangen?“

Ihre Miene erhellte sich. „Sehr gut. Die Wände sind in mediterranen Farben gestrichen – goldene Cremetöne und Terracotta, die neuen Bilder hängen, echte Pflanzen wachsen und gedeihen. Auch die Küche ist bereits neu ausgestattet. Ich warte nur noch auf das Mobiliar.“

Sie wirkte so lebhaft wie Rufus damals, als er die Filiale in New York eröffnet hatte. Und wieder wunderte es ihn, dass sie keine große Anstrengung scheute – weder die bereits im Vorfeld geleistete Arbeit, noch die künftige Tätigkeit im Restaurantbetrieb. „Kannst du wie geplant am Montag eröffnen?“

„Sogar schon am Samstag. Ich will so viele Leute wie möglich aufmerksam machen, in der Hoffnung, dass sie Anfang nächster Woche wiederkommen.“

Eine gute Marketingstrategie, dachte Rufus anerkennend, denn am Wochenbeginn fielen die Umsätze stets niedriger aus als am Samstag.

Dabei fiel ihm ein, dass er selbst ein Geschäft in London zu führen hatte, das er notgedrungen seit einer Woche vernachlässigt hatte.

Er stellte die leere Tasse auf den Tisch und griff wieder nach dem Stapel Nachrichten, den er durchgeblättert hatte, bevor Gabriella ins Zimmer gekommen war. „Ich muss jetzt einige Telefonate führen und danach ins Geschäft fahren. Bist du heute zum Dinner zu Hause?“

Wie höflich, dachte sie, verwundert über diese neue zaghafte Beziehung zwischen ihnen. Rufus’ Frage nach dem Restaurant war für sie ebenso unerwartet gekommen wie die nach ihren Plänen für den Abend.

„Natürlich.“ Sie runzelte die Stirn und fügte herausfordernd hinzu: „Wo sonst sollte ich sein?“

„Es war nur eine schlichte Frage.“

„Warum?“

Er lächelte. „Weil es mich interessiert, ob ich heute Abend mit meiner Frau speisen darf oder nicht.“

Seit seiner Rückkehr hatte er Toby mit keinem Wort erwähnt. Warum nicht? Weil er ohnehin davon ausging, dass sie ihn belog?

„Tja, ich werde hier sein“, versicherte sie trocken. „Ob du es auch sein wirst, steht auf einem anderen Blatt.“

„Und das soll heißen?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Immerhin warst du über eine Woche fort. Sicherlich hast du … Freunde, die dich sehen wollen.“

Seltsamerweise hatten sie nie darüber gesprochen, ob einer von beiden eine Beziehung unterhielt. In Gabriellas Leben gab es niemanden, aber Rufus’ Stadtwohnung deutete darauf hin, dass es bei ihm anders aussah.

In den vergangenen Tagen hatte sie viel darüber nachgedacht. Und war zu dem Schluss gekommen, dass er sehr wahrscheinlich eine Affäre hatte – oder sogar mehrere.

„Momentan sind da keine ‚Freunde‘“, versicherte Rufus, und dann fügte er sarkastisch hinzu: „Meine Ehefrau könnte etwas dagegen haben.“

„Und das würde dir sehr zu schaffen machen, nehme ich an“, konterte sie ebenso spöttisch.

Offenbar legte sie es wieder einmal auf einen Streit an. Doch ihm war nicht danach zumute. Zu deutlich erinnerte er sich an die zärtlichen Intimitäten in der vergangenen Nacht, und zu viele Fragen über Gabriella beschäftigten ihn.

Fragen, auf die er Antworten brauchte.

Aber nicht hier und nicht jetzt.

Er stand auf. „Ich muss jetzt diese Telefonate erledigen. Wir können heute Abend reden, wenn du das möchtest.“

Sie wusste nicht, was sie wollte. Denn diese stille, ja geradezu angenehme Seite, von der Rufus sich zeigte, verwirrte sie zutiefst.

In der letzten Nacht hatten sie wild und völlig ungehemmt miteinander geschlafen. Heute Morgen redete er mit ihr, als wäre ihm ihre Meinung wirklich wichtig. Und ihn schien tatsächlich zu interessieren, was sie während seiner Abwesenheit getan hatte.

In dieser Stimmung kannte sie ihn überhaupt nicht.

„Ach, übrigens …“ Rufus blieb in der Tür stehen und hielt den Stapel mit den Notizzetteln hoch. „Ich habe hier eine Nachricht von David Brewster. Ich soll mich bei ihm melden, sobald ich zurück in England bin. Hast du eine Ahnung, worum es geht?“

Gabriella erstarrte. Offensichtlich hatte David Brewster sich an Rufus gewandt, nachdem sie die Verzichtserklärung auf das gesamte Erbe – abgesehen vom Restaurant Gabriella’s – unterschrieben hatte.

„Ich habe keine Ahnung“, behauptete sie nach außen hin gelassen. Insgeheim dachte sie jedoch alarmiert, dass sie umgehend den Anwalt anrufen musste, bevor Rufus es tat.

Sie hatte die Erklärung als streng vertraulich aufgesetzt, vorläufig ging sie nur sie selbst etwas an. Doch sie wusste, dass David Brewster nicht glücklich damit war. Er hatte versucht, ihr den drastischen Schritt auszureden, und ihr nachdrücklich erklärt, dass es nicht James’ Wünschen entsprach.

Zugegeben, Brewster war eigentlich nicht ihr persönlicher Anwalt. Da er aber mit den seltsamen Testamentsklauseln und dem gesamten Vorgang bestens vertraut war, hatte Gabriella sich für ihn entschieden.

Ganz selbstverständlich war sie davon ausgegangen, dass er ihren Wunsch respektieren würde, die Erklärung vertraulich zu behandeln, bis sie sich entschloss, Rufus davon in Kenntnis zu setzen.

Aber welchen anderen Grund konnte es geben, dass sich der Anwalt mit Rufus in Verbindung setzen wollte?

9. KAPITEL

„Was hast du denn da?“, erkundigte sich Rufus, während er sich zu Holly aufs Bett setzte, um ihr eine gute Nacht zu wünschen.

Sie sah von dem Buch auf, in das sie vertieft gewesen war. „Ein Buch über Pferde. Gabriella hat es mir heute geschenkt. Weil ich ganz brav gewesen bin, als du weg warst, hat sie gesagt.“ Verlegen fügte sie hinzu: „Sie meint, ich soll erst mal nachlesen, wie man ein Pony versorgt, bevor ich dich bitte, mir eins zu kaufen.“

„Das hat sie getan?“

„Mm.“ Holly nickte. „Sie hat außerdem gesagt, dass sie als kleines Mädchen Reitunterricht hatte, als sie noch nicht hier gewohnt hat. Wenn ich will, kann sie Stunden für mich ausmachen – in dem Reitstall, in dem sie früher immer war.“

„Das hat sie getan?“, fragte Rufus erneut. Ihm war durchaus bewusst, dass er sich wiederholte, aber ihm fiel nichts anderes ein.

Dass Gabriella sich die Mühe gemacht hatte, ein Buch für Holly auszusuchen, war schon überraschend genug. Dass sie ihr auch noch Reitunterricht organisieren wollte, übertraf bei Weitem seine Erwartungen.

„Mm.“ Auch Holly wiederholte sich und nickte wiederum. „Natürlich will sie zuerst mit dir darüber reden“, erklärte sie hastig. „Darf ich Reitstunden nehmen, Daddy? Gabriella hat gesagt, dass sie mich für Sonntagmorgen anmeldet, wenn du Ja sagst.“

Gabriella hat dies, Gabriella hat das …

Hollys Einstellung hatte sich in den letzten neun Tagen gewaltig gewandelt. Vielleicht stand sie selbst auch schon im Begriff, sich zu ändern. Zumindest erweckte es den Anschein.

Doch es war vor allem Gabriellas Verhalten, das Rufus verwunderte. Da er kein Geschenk aus New York mitgebracht hatte, war sie ausgezogen, um selbst eines zu besorgen, weil Holly während seiner Abwesenheit „so brav gewesen“ war. Das war der wahre Sinn eines Geschenkes – eine Geste der Sympathie, des Danks und des Respekts und vielleicht auch der Belohnung, nicht ein Besänftigungsmittel, was sein Mitbringsel gewesen wäre.

Gabriella verstand anscheinend weit mehr als er von der Erziehung eines kleinen Mädchens.

„Ich wüsste nicht, was dagegen spricht, Püppchen.“ Er beugte sich vor, küsste seine Tochter auf die Stirn und geriet ein wenig aus dem Gleichgewicht, als sie sich ihm an die Brust warf und die Arme um seinen Hals schlang.

„Oh, danke, Daddy! Danke!“ Mit vor Freude leuchtenden Augen ließ sie sich rücklings in die Kissen fallen. „Gabriella hat versprochen, dass sie mich hinfährt, wenn du Ja sagst.“

„Das ist sehr lieb von ihr. Vielleicht komme ich auch mit.“

Ihre Miene erhellte sich nun noch mehr. „Das würdest du tun?“

„Warum nicht?“ Gelegentlich ging er mit Holly in den Park und manchmal ins Theater, wenn ein geeignetes Stück aufgeführt wurde. Aber er konnte sich nicht erinnern, dass er sie jemals so begeistert erlebt hatte. „Ich werde mit Gabriella darüber reden.“ Er stand auf. „Lies nicht mehr so lange“, warnte er liebevoll, bevor er zur Tür ging.

Holly nickte. „Gabriella hat gesagt, dass ich mir das Buch nur bis acht Uhr ansehen soll. Sonst bin ich morgen zu müde in der Schule.“

Rufus war verblüffter denn je. „Da hat sie völlig recht.“

„Ich … ich glaube, es war falsch von mir, dass ich so gemein zu ihr war, Daddy“, flüsterte Holly kleinlaut. „Ich … sie ist echt nett.“

Ja, das ist sie wirklich, gab Rufus ihr im Stillen recht. Und vielleicht, aber nur vielleicht, war es auch von ihm falsch, gemein zu ihr zu sein.

„Kannst du ihr das mit dem Reitunterricht sagen, wenn sie wiederkommt?“, fragte Holly eifrig.

„Wenn sie wiederkommt?“

Sie nickte. „Sie ist weggegangen, kurz bevor du nach Hause gekommen bist.“

Aber heute Morgen hat sie versprochen, dass sie zum Dinner hier ist …

„Hat sie gesagt, wann sie zurückkommt?“

Holly schüttelte den Kopf. „Bloß, dass es vielleicht spät wird.“

„Hat sie dir erzählt, was sie vorhat?“ Jetzt war Rufus richtig ungehalten, weil er sich auf ein gemeinsames Dinner eingestellt – und gefreut hatte.

„Dass sie ausgeht eben.“

„Aha.“ Er nickte langsam. „Na gut, Püppchen. Wir sehen uns morgen früh.“

Sie lächelte ihn an. „Ich hab dich lieb, Daddy.“

„Ich dich auch, Püppchen“, versicherte Rufus aufrichtig.

An seiner Liebe zu seiner Tochter hatte er nie gezweifelt. Nur seine Gefühle für Gabriella waren ihm ein Rätsel.

Und auch sie selbst wurde ihm immer rätselhafter …

„Wo hast du gesteckt?“

Gabriella erstarrte beim schroffen Klang von Rufus’ Stimme. Sie drehte sich auf halber Treppe zu ihm um.

Es war nach elf, und sie hatte gehofft, dass mittlerweile alle Bewohner – vor allem aber Rufus – im Bett lagen.

Doch dieses Glück war ihr offensichtlich nicht beschert.

Rufus wirkte finster und abweisend im schwachen Schein der Nachtbeleuchtung. Das Gesicht halb im Schatten, das Haar glänzend wie poliertes Altgold.

„Hast du heute Morgen nicht gesagt, dass du zum Dinner zu Hause bist?“

„Du bist doch nicht meinetwegen aufgeblieben, oder?“, fragte sie.

„Wohl kaum. Ich hatte Arbeit aufzuholen und habe dich nur zufällig hereingekommen gehört.“

„Ach so.“ Mit einem Schulterzucken erklärte Gabriella: „Ich habe einfach meine Pläne geändert und mich mit Freunden in der Stadt getroffen.“

In Wirklichkeit hatte sich ihr bei der Vorstellung, mit Rufus am Tisch zu sitzen, der Magen umgedreht – nach allem, was sie in dem Telefonat mit David Brewster erfahren hatte.

„Sieh mich nicht so missbilligend an, Rufus!“ Sie lachte über seine finstere Miene. „Ich habe wirklich Freunde, weißt du. Und Toby war nicht dabei, falls du das denkst.“

„Ich bin sicher, dass du außer Toby noch andere Freunde hast. Und ich wollte nicht andeuten, dass dem nicht so sein könnte.“

Gabriella musterte ihn skeptisch. „Und die Freunde, die ich heute Abend getroffen habe, sind ausnahmslos weiblich“, erklärte sie. „Ich kann dir ihre Telefonnummern geben, falls du es prüfen willst.“

Wieder einmal versuchte sie ihn vorsätzlich aus der Reserve zu locken. Aus welchem Grund wohl? Heute Morgen beim Frühstück hatten sie fast so locker wie ein normales Ehepaar miteinander geplaudert. Und er konnte nur anerkennen, wie viel Zeit und Energie sie Holly geopfert und welche Veränderungen sie bereits bewirkt hatte.

Warum also suchte sie erneut Streit?

„Ich will dir nicht nachspionieren, Gabriella. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, wie … enttäuscht ich darüber war, dass du nicht zum Dinner zu Hause warst.“

Misstrauisch musterte sie ihn. „Wer’s glaubt, wird selig!“

Warum in aller Welt verhielt sie sich so aggressiv? Dass sie ihre Pläne geändert hatte, bedeutete doch lediglich für ihn einen Grund zur Verärgerung, aber nicht für sie selbst. Immerhin war dies sein erster Abend zu Hause nach über einer Woche.

Wie Rufus zu seinem Leidwesen bemerkte, benahm er sich mehr und mehr wie ein verstimmter Liebhaber, nicht wie ein erzwungener Ehemann. „Komm doch hinunter und nimm noch einen Schlummertrunk mit mir“, schlug er vor.

Einige Sekunden lang blickte Gabriella ihn fragend an. Welches Motiv mochte hinter der Einladung stecken? Noch immer standen sie nicht gerade auf freundschaftlichem Fuß. Warum also sollten sie zusammen etwas trinken?

Als ihr eine passende Antwort einfiel, erklärte sie abweisend: „Ich bin heute nicht in der Stimmung für Sex.“

„Verdammt, Gabriella! Habe ich auch nur mit einem Wort erwähnt, dass ich mit dir ins Bett will?“

„Nein. Aber für gewöhnlich reden wir auch nicht darüber. Wir tun es einfach.“

Rufus verzog das Gesicht. „Du bist mir also immer noch böse wegen gestern Nacht. Ich dachte, ich hätte dir klarmachen können, warum ich mit dir im Bett war.“

Ihre Hand verkrampfte sich um das Treppengeländer. „Warum in aller Welt sollte ich sauer sein, nur weil du ohne Einladung in mein Bett und in meine Träume eingedrungen bist?“

Das läuft ja gar nicht gut, dachte er niedergeschlagen. Er hatte ihr den Drink ohne jeglichen Hintergedanken vorgeschlagen, aber er konnte verstehen, dass sie ihm das nicht abnahm.

In ihrer Beziehung – mit Ausnahme des Zwischenfalls auf Mallorca – war er bisher stets derjenige gewesen, der ihre Liebesspiele angefacht hatte. Gabriella war zwar immer darauf eingegangen, sogar sehr willig, aber sie hatte nie den ersten Schritt unternommen.

„Wie wäre es, wenn wir ein Abkommen treffen, dass wir das nächste Mal nur auf deine Initiative hin miteinander schlafen?“, schlug er vor.

Erstaunt riss sie die Augen auf, kniff sie aber gleich wieder argwöhnisch zusammen. „Du würdest dich an so einen Deal halten?“

Für welche Art Mann hält sie mich denn?

Die Antwort lag auf der Hand: Für einen Mann, der nicht länger als ein paar Stunden die Hände von ihr lassen konnte.

Aber dem war nur so, weil …

Weil was?

Rufus war sich nicht sicher.

Inzwischen hatte er so lange ohne Liebe gelebt, dass er die Anzeichen nicht mehr zu deuten vermochte.

Er wusste, dass er Gabriella begehrte. Ständig. Er wusste auch, dass ihm ihre quirlige Keckheit gefiel. Zumindest meistens. Er genoss es außerdem, sie zu betrachten. Tagtäglich. Denn sie zählte für ihn zu den schönsten Frauen, die er je gesehen hatte.

Er hatte außerdem allen Grund, ihr zu misstrauen.

Oder etwa nicht?

Das war es, was er nicht mehr eindeutig beurteilen konnte.

Und solange er zweifelte, dürfte es besser sein – für sie beide –, wenn sie die Situation nicht zusätzlich durch ihr Verlangen nacheinander belasteten.

„Ja, ich würde mich an so einen Deal halten“, erklärte Rufus. „Also, kommst du jetzt zu einem Schlummertrunk nach unten?“, fragte er dann ungeduldig. Schon jetzt spürte er die Qualen der Selbstverleugnung. Allein Gabriellas Anblick weckte sein Begehren. Ihre Jeans umschmiegten den wohlgerundeten festen Po, und die nackten Brüste zeichneten sich deutlich unter dem hautengen schwarzen T-Shirt ab.

Wenn er sein Versprechen halten wollte, musste er in nächster Zeit ziemlich oft kalt duschen!

Unschlüssig blieb Gabriella auf der Treppe stehen. Sollte sie etwas mit Rufus trinken? Was konnte es bewirken, außer dem Anwachsen dieser Sehnsucht, sich ihm in die Arme zu werfen?

„Holly hat mir von deinem Vorschlag erzählt, Reitstunden zu nehmen“, teilte er ihr sanft mit.

Aha, er wollte also über seine Tochter sprechen. Das war ein relativ harmloses Unterfangen.

„Ein kleiner Brandy wäre nicht schlecht“, sagte sie, löste die verkrampften Finger vom Treppengeländer und ging hinunter ins Foyer.

Sobald sie es sich in dem behaglichen kleinen Wohnzimmer gemütlich gemacht hatten, war Gabriella sich der Weisheit ihres Entschlusses allerdings nicht mehr sicher. Immer deutlicher spürte sie Rufus’ Anziehungskraft. Er saß ihr direkt gegenüber in einem Sessel, sodass sie ihn ungehindert betrachten konnte. Besonders fiel ihr die Stärke seiner Arme unter dem weißen T-Shirt auf und die Länge seiner Beine, die er lässig von sich streckte. Entspannt lehnte er sich zurück und hielt ein Glas Brandy zwischen den langfingrigen feinfühligen Händen.

Diese Hände, die sie so liebend gern auf ihrer Haut spürte, wenn er ihren ganzen Körper streichelte und sie …

Na, großartig!

Kaum zehn Minuten war es her, seit sie das Abkommen getroffen hatten, dass jeder körperliche Kontakt zwischen ihnen von ihr ausgehen musste, und schon sehnte sie sich so nach ihm, dass sie kaum noch klar denken konnte.

Unruhig schwenkte Gabriella den Brandy im Glas. Schließlich nahm sie einen Schluck und verspürte eine andere Art von Wärme, als der Alkohol auf ihren leeren Magen traf.

Sie hatte sich mit einigen Freundinnen zu Wein und Knabbereien getroffen, sonst aber seit dem Frühstück nichts mehr zu sich genommen. Sie musste vorsichtig sein. Ein Gläschen Brandy zu viel, und Rufus hätte sie über die Schulter werfen und doch ins Bett schleppen können – und zwar bewusstlos.

„Du hast Hollys Reitunterricht erwähnt“, sagte sie und stellte ihr Glas entschieden auf den Tisch, in der Absicht, nicht einmal mehr daran zu nippen.

„Ja.“ Er musterte sie aus schmalen Augen. Wie gewöhnlich ließen sich seine Gedanken nicht erraten. „Sie hat gesagt, dass du sie zu dem Reitstall fahren willst, in dem du früher geritten bist.“

Sie nickte. „Natürlich nur, wenn du einverstanden bist. Ich habe mir zwar nie ein Auto zugelegt, aber ich kann fahren. Bestimmt gibt es hier mehrere Wagen, von denen ich mir einen ausleihen kann.“

„Mir ging es nicht darum, wie du in den Reitstall gelangst.“

„Worum ging es dir dann?“ Gabriella runzelte die Stirn, als sich die wohlige Wärme des Alkohols in ihrem ganzen Körper ausbreitete.

„Ob du dir wirklich zumuten willst, Holly herumzukutschieren.“

„Wenn du das lieber selbst in die Hand nehmen willst, prima!“, entgegnete sie pikiert. „Ich gebe dir gern die Telefonnummer von dem Betrieb, den ich besucht habe. Aber bestimmt gibt es noch genügend andere Reitställe hier in der Gegend.“

Gequält verzog er das Gesicht. „Ich wollte damit nicht sagen, dass du Holly nicht hinbringen sollst. Sondern dir nur Gelegenheit zu einem Rückzieher geben – für den Fall, dass du es nicht wirklich willst.“

„Und warum sollte ich es nicht wollen, nachdem ich es aus freien Stücken angeboten habe?“

Er seufzte. „Was habe ich nur getan, das dich so in die Defensive gedrängt hat?“

Er weiß verdammt gut, was er getan hat!

Aber vermutlich glaubte er, dass sie nichts von den Scheidungspapieren erfahren würde, die er aufgesetzt hatte.

Gleich nach dem Frühstück hatte sie David Brewster angerufen und sich erkundigt, ob er Rufus von ihrer Erklärung erzählen wollte. Der Anwalt hatte ihr versichert, dass er ihren Wunsch nach Vertraulichkeit selbstverständlich respektieren würde. Und im Gegenzug erklärt, warum er versucht hatte, Rufus zu kontaktieren, von dem er offensichtlich nicht zur Verschwiegenheit verpflichtet worden war.

Ihre Scheidungspapiere waren fertig zum Einreichen, wie Mr. Gresham es verlangt hatte.

Zweifellos hatte Rufus diesen Schritt in die Wege geleitet – und zwar direkt, nachdem er Gabriella mit Toby „erwischt“ hatte.

Was bedeutete, dass er ihr kein einziges Wort geglaubt hatte. Wie immer.

Und jetzt wollte er allen Ernstes wissen, womit er sie in die Defensive gedrängt hatte!

Mit zornig funkelnden Augen starrte Gabriella ihn an. „Mir war gar nicht bewusst, dass ich jemals aus der Defensive herausgekommen bin!“ Damit sprang sie auf. „Lass mich bitte wissen, wenn du entschieden hast, was du wegen Hollys Reitstunden zu tun gedenkst.“

Niedergeschlagen stand auch Rufus auf. Zu sehen, wie sehr es Jen mitgenommen hatte, Rob sterben zu sehen, hatte ihn verändert. Sie würde Monate, wenn nicht sogar Jahre brauchen, um diesen Schicksalsschlag auch nur annähernd zu verkraften.

Ebenso war es James nach Heathers Tod ergangen. Seine Liebe zu ihr war so stark gewesen, dass er nicht mehr weiterleben wollte.

Nun wünschte Rufus, dass er Heather eine Chance gegeben und sie besser kennengelernt hätte. Inzwischen bereute er, dass er die Beziehung zu ihr von Zynismus und Enttäuschung über seine unheilvolle Ehe mit Angela hatte trüben lassen.

Und auch sein Verhältnis zu Gabriella litt noch immer unter seinen schlechten Erfahrungen.

Nach der Scheidung von Angela gelangte er zu der Überzeugung, dass alle Frauen raffgierig sind. Und die Tatsache, dass Heather von seinem Vater noch vor der Heirat Tausende von Pfund bekommen hatte, bekräftigte diese Ansicht nur noch.

Doch nun, rückblickend, glaubte er nicht länger, dass ein scharfsinniger und intelligenter Mann wie James sich derart inniglich in eine Frau verliebt hätte, die so intrigant und geldgierig wie Angela war. Was vermuten ließ, dass Heather jenes Geld aus gutem Grund gebraucht hatte.

Aber Gabriella weigerte sich, ihm den Grund zu verraten.

Und wer konnte ihr das verdenken – nach allem, was Rufus über ihre Mutter gesagt hatte? Und auch über sie selbst.

Ja, er hatte sich verändert, und das lag nicht nur am Tod seines Freundes und an Jens Trauer. Auch sein brennendes Verlangen nach Gabriella ließ ihn die Meinungen und Entscheidungen infrage stellen, zu denen die enttäuschende Erfahrung mit Angela geführt hatte.

Nichts geändert hatte sich aber leider an dem Schaden, den er verursacht hatte, an dem Kummer, den er vor allem Gabriella zugefügt hatte.

Wenn er die Dinge geraderücken wollte, lag es daher an ihm, einen Umschwung herbeizuführen.

„Ich habe schon über Hollys Reitstunden entschieden“, sagte er. „Ich möchte gern, dass du sie hinfährst. Wenn es dir wirklich nichts ausmacht …“

„Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich es sonst nicht angeboten hätte.“

„Aber es ist eine langfristige Verpflichtung.“

„Falls Holly in sechs Monaten, wenn das hier vorbei ist, immer noch Interesse an Pferden hat, wirst du sie sicher hinfahren können“, entgegnete Gabriella trocken.

Nachdem sie sich getrennt hatten.

Nachdem sie aus seinem und Hollys Leben verschwunden war.

„Dann bleibst du immer noch ihre Tante“, bemerkte Rufus.

Sie fragte sich, warum er diese zarte Verbindung betonte. Ruhig entgegnete sie: „Ich glaube, dass es besser für alle Beteiligten ist, wenn wir uns nach Ablauf der sechs Monate nie wieder unter die Augen kommen.“

Die Vehemenz in ihrer Stimme erschreckte Rufus. Offensichtlich konnte Gabriella es kaum erwarten, sich aus dieser Ehe zu befreien.

Aber wie hatte er etwas anderes hoffen können? Von ihrer ersten Begegnung an hatte er sie verachtet, verspottet und verhöhnt, und das umso mehr, seit sie zu dieser Ehe gezwungen worden waren. Dass Gabriella ihn körperlich attraktiv fand, bedeutete noch lange nicht, dass sie ihn nicht hasste. Vermutlich hasste sie ihn gerade deshalb noch mehr.

„Es tut mir leid, dass du das so empfindest …“

„Das wage ich zu bezweifeln!“, erwiderte sie mit einem bitteren Lachen.

Um zu verhindern, dass sie in dieser angespannten Stimmung auseinandergingen, bemerkte er: „Gabriella, ich habe schon vorher gewusst, dass du dich heute Abend nicht mit Toby getroffen hast.“

„Und woher willst du das gewusst haben?“

„Weil ich versucht habe, ihn zu kontaktieren. Von seinem Mitbewohner habe ich erfahren, dass er für eine Woche zu einem Casting in Amerika weilt.“

Ihr Lächeln wirkte sarkastisch und nicht amüsiert. „Welche Genugtuung, dass du zumindest in diesem Punkt einsiehst, dass ich nicht gelogen habe!“

„Gabriella, ich …“

„Warum hast du versucht, ihn zu kontaktieren?“, hakte sie nach. „Schon gut. Mach dir nicht die Mühe zu antworten. Ich kann es mir denken.“ Sie seufzte matt. „Ich bin müde und gehe jetzt ins Bett.“

Rufus ließ sie gehen – in dem Wissen, dass er an diesem Abend nichts mehr tun oder sagen konnte, um die Situation zwischen ihnen zu verbessern. Im Gegenteil, er hätte alles nur schlimmer gemacht.

Sofern das überhaupt möglich war.

10. KAPITEL

„Ich muss mit dir reden, Gabriella.“

Sie blickte von dem Buch auf, das sie gerade las, und stellte überrascht fest, dass Rufus unbemerkt ihr Zimmer betreten hatte.

Das irritierte sie. Denn eigentlich wusste sie immer genau, wo er sich gerade im Haus aufhielt – um ihm aus dem Weg gehen zu können.

In der Überzeugung, dass er an diesem Abend im Erdgeschoss umhergeisterte, hatte sie daher beschlossen, in ihrem Zimmer zu bleiben und zu lesen.

Kühl blickte Gabriella ihn an. Sie war fest entschlossen, sich nicht von seinem attraktiven Äußeren verführen zu lassen, auch wenn ihr bei seinem Anblick nicht nur ums Herz ganz warm wurde.

„Was willst du in meinem Schlafzimmer? Ich dachte, wir hätten uns geeinigt, dass ich künftig die Initiative ergreife. Was ich, wie du vielleicht bemerkt haben wirst, nicht getan habe.“

Dass Rufus sich an sein Versprechen gehalten hatte, überraschte und verwirrte sie zugleich. In manchen Nächten hatte ein unerfülltes Verlangen nach ihm sie derart geplagt, dass sie beinahe zu ihm gegangen wäre. Um sich zu nehmen, was sie sich ersehnte; um sich in der stürmischen Leidenschaft zu verlieren, die keinen Raum für etwas anderes als ihre Gefühle zu Rufus und das Entzücken ließ, das sie sich gegenseitig bereiteten.

Aber sie hatte sich beherrscht. Der Gedanke daran, dass Rufus sich bei der erstbesten Gelegenheit von ihr scheiden lassen wollte, dämpfte ihr Verlangen jedes Mal beträchtlich.

„Das ist mir nicht entgangen“, bemerkte er nun trocken, während er die Tür hinter sich schloss.

Ihr Atem wurde ein wenig flach, und ihre Wangen erglühten, als sie beobachtete, wie er mit geschmeidigen Schritten zu ihr trat. Prompt richteten sich ihre Brustspitzen unter dem engen weißen Top auf, und ein Prickeln zwischen den Schenkeln veranlasste sie, unruhig die Sitzposition zu wechseln.

Ihr war heiß, und sie war bereit für ihn, nur durch seinen Anblick!

Wenn er sie auch nur anfasste …

Auch Rufus bemühte sich, sein Verlangen nach Gabriella zu unterdrücken, während er ihre sinnliche Schönheit betrachtete – die stolz vorgereckten Brüste unter dem Top, die langen Beine in der Hose, die hauteng ihre wohlgerundeten Hüften und Schenkel umschmiegte.

Stumm kämpfte er gegen den Drang, ihr die Kleider vom Leib zu reißen, jeden Zentimeter ihrer seidigen Haut zu küssen, die nackten Brüste zu streicheln und Gabriella durch zärtliche Liebkosungen in schwindelnde Höhen der Ekstase zu entführen.

Seine Annahme, dass die Beziehung zwischen ihnen nicht noch schlechter werden könnte, hatte sich als Trugschluss erwiesen. Die letzten zwei Wochen, in denen Gabriella kaum mit ihm gesprochen hatte und ihm weitgehend aus dem Weg gegangen war, hatten sich zu einem Albtraum entwickelt. Sobald Rufus ein Zimmer betrat, verließ sie es; sie aß selten zu Hause – aß überhaupt selten, ihrem sichtbaren Gewichtsverlust nach zu urteilen; sie verkroch sich abends in ihrem Zimmer, wenn sie nicht ausging. Kurzum, sie entzog sich ihm völlig und auch jedem seiner Versuche, sie zu sehen oder zu sprechen.

Wie auch heute.

Und das ertrug Rufus nicht länger. Er begehrte diese Frau so sehr, dass es schmerzte. Er konnte weder essen noch schlafen, und der Gedanke an eine weitere Nacht ohne ihren hingebungsvollen Körper in seinen Armen war ihm unerträglich.

Also ging er zu ihr, entgegen der Vereinbarung, die sie in beidseitigem Einverständnis getroffen hatten. Er konnte einfach nicht anders. Er wollte, er brauchte Gabriella so sehr, dass er befürchtete, den Verstand zu verlieren, wenn er sie nicht bekam.

Bedrückt dachte Gabriella, dass Rufus keineswegs glücklicher wirkte, als sie selbst sich fühlte. Offensichtlich fanden beide das Zusammenleben unter den gegebenen Umständen gleichermaßen belastend.

Sie zwang sich, seinem eindringlichen Blick standzuhalten. Und sie wusste, dass ihr Gesicht zu schmal geworden war und die Kleidung ein wenig zu lose an ihrem Körper hing.

„Du siehst müde aus, Gabriella. Überfordert dich die Leitung des Restaurants?“

Bei dem Gedanken an ihren ganzen Stolz erhellte sich ihr Gesicht, und es erleichterte sie, über dieses unverfängliche Thema reden zu können. Gabriella’s hatte sich praktisch über Nacht zu einem erfolgreichen Unternehmen entwickelt. Einige ihrer ersten Gäste waren in weniger als zwei Wochen zu treuen Stammkunden geworden und hatten das Restaurant Freunden weiterempfohlen. Damit gingen ihre Träume und Hoffnungen, die damals beim ersten Versuch als Restaurantbetreiberin so kläglich gescheitert waren, endlich in Erfüllung.

„Ganz und gar nicht“, versicherte sie mit einem Auflodern ihrer früheren Energie. „Du solltest es mal testen“, fügte sie hinzu. „Fast die ganze Belegschaft von Gresham’s hat es schon getan.“

„Das habe ich gehört.“ Rufus nickte mit einem kleinen Lächeln. „Der Speisesaal der Geschäftsleitung ist praktisch leer, seit du eröffnet hast.“ Anerkennend bemerkte er: „Außerdem finde ich es sehr nett von dir, dass du überwiegend wieder das alte Personal eingestellt hast.“

Rufus hatte die vier Frauen, die vorher in der Cafeteria beschäftigt gewesen waren, zunächst in anderen Abteilungen des Kaufhauses untergebracht. Sobald Gabriella davon erfuhr, bot sie ihnen nur zu gern die alten Arbeitsplätze wieder an. Drei von ihnen kehrten zurück, und die Vierte blieb lieber in der Kosmetikabteilung.

Doch ihn schien es zu verwundern, dass sie überhaupt Rücksicht auf ihre Mitmenschen nahm.

„Warum hätte ich es nicht tun sollen?“, fragte sie, obwohl sie den Grund kannte: Er hielt sie für derart selbstbezogen, dass sie keinen einzigen Gedanken an die Probleme anderer verschwendete.

Er seufzte, weil sie ihn offensichtlich wieder einmal missverstand. Bei Gabriella schien er grundsätzlich nur die falschen Worte zu finden. Tonlos erklärte er: „Es sollte ein Kompliment sein, keine Kritik.“

Forschend musterte sie ihn mehrere Sekunden lang, bevor sie kleinlaut murmelte: „Oh. Ach so.“

Rufus lächelte. „Holly hat mir gesagt, dass ihr der Reitunterricht viel Spaß macht.“

Seine Tochter hatte ihm weit mehr erzählt, unter anderem, wie sehr sie ihre Stiefmutter inzwischen mochte. Außerdem hatte sie ihm dringend geraten, Tante Gabriella als Ehefrau zu behalten.

Da dieser Gedanke auch ihm selbst immer verlockender erschien, aber Gabriella seine Nähe offensichtlich nicht länger ertragen konnte, hatte er jedoch nichts davon hören wollen.

Und gewiss wollte auch sie nichts davon hören. Er wusste, dass sie es kaum erwarten konnte, diese Ehe zu beenden und ihn aus ihrem Leben zu verbannen.

„Sie macht sich sehr gut. Gemma vom Reitstall meint, sie sei ein Naturtalent.“

„Wie schön“, murmelte Rufus ziemlich zerstreut, während er schon nach einem neuen Gesprächsstoff suchte, denn er wollte sie noch nicht verlassen. Wenn er sonst schon nichts von ihr bekam, wollte er sie zumindest ansehen können.

Nach kurzer Überlegung verkündete er dann unvermittelt: „Toby ist noch in Amerika.“ Abrupt erkannte er, dass es genau das falsche Thema war, denn ihr Lächeln verschwand und ihre Miene wurde wieder misstrauisch. Niedergeschlagen schüttelte er den Kopf. „Vergiss, dass ich das gesagt habe. Verdammt, ich bin gekommen, weil … weil …“

„Ja? Warum bist du eigentlich ohne Einladung in mein Schlafzimmer eingedrungen? Um mich wieder mal zu beleidigen? Um auszuspionieren, ob ich Kontakt zu Toby habe? Was ich übrigens nicht habe und auch nicht will!“ Sie stand auf. „Oder möchtest du meine Mutter vielleicht mal wieder beleidigen? Dazu fällt dir für gewöhnlich genug für mehrere Minuten ein.“ Ihre Augen funkelten erbost. „Komm schon, Rufus, mich interessiert brennend, was du hier willst!“

Er holte tief Luft und schluckte die heftige Entgegnung hinunter, die ihm auf der Zunge lag. Einen Moment schloss er die Augen und zwang sich, nicht wie gewöhnlich mit Zorn auf Zorn zu reagieren. Dann sagte er leise: „Willst du wirklich wissen, was ich hier will?“

„Ich sterbe vor Neugier!“, entgegnete sie wütend. „Ich kann es überhaupt nicht erwarten, mir deine neuen Vorwürfe anzuhören!“

Rufus wusste, dass er nichts anderes verdient hatte. Aber diese Sehnsucht, dieses brennende Verlangen nach Gabriella, dieses Bedürfnis, bei ihr zu sein, ließ sich nicht beherrschen. Es fiel ihm sehr schwer, ihr das zu sagen, aber er musste es versuchen, wenn er die nächsten fünf Monate nicht durch die Hölle gehen wollte.

„Keine Vorwürfe, Gabriella. Nur das aufrichtige Eingeständnis, dass es mich allmählich verrückt macht, dich zu begehren, nach dir zu verlangen und nie in deiner Nähe zu sein.“

Verblüfft, ja sprachlos starrte sie ihn an.

Rufus begehrte sie?

Wie ich ihn begehre.

Aber das hätte sie ihm niemals gesagt. Eher wäre sie die nächsten fünf Monate in ihrem Zimmer geblieben. Doch er hatte sich ihr anvertraut.

Aber waren Begierde und Verlangen genug?

Es war alles, was Rufus ihr bieten konnte. Und obwohl sie sich mehr wünschte, mehr brauchte, machten Begierde und Verlangen allmählich auch sie verrückt.

„Das ist alles, Gabriella.“ Reumütig verzog er das Gesicht. „Bitte, komm wenigstens ab und zu zum Dinner nach unten, ja? Um mehr will ich dich nicht bitten. Nur darum, dass du mich nicht so meidest wie in den letzten zwei Wochen. Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder doch?“ Verzagt, mit einem Hauch von Hoffnung, blickte er sie an.

Sie konnte ihm nicht verdenken, dass er nach seinem Geständnis auf der Hut war. Niemals hätte sie gedacht, dass er ihr sein Verlangen auf diese Weise eingestehen würde. Es hätte sie nicht gewundert, wenn er versucht hätte, sie in sein Bett zu locken – wonach sie sich seit zwei Wochen vergeblich sehnte. Aber dass er es so unverblümt und ehrlich in Worte fasste?

„Das ist wohl ausgleichende Gerechtigkeit, wie?“ Rufus seufzte, als sie nicht antwortete. „Ich lasse dich lieber weiterlesen.“ Er nickte ihr zu, bevor er auf dem Absatz kehrtmachte, aus dem Raum stürmte und die Tür hinter sich schloss.

Weiterlesen? Nachdem er ihr sein Verlangen gestanden hatte?

Das muss wohl ein Scherz sein!

Wie konnte sie an etwas anderes denken, sich auf etwas anderes konzentrieren, nachdem Rufus ihr das anvertraut hatte?

Aufgewühlt wanderte Gabriella in ihrem Schlafzimmer auf und ab und focht einen inneren Kampf.

Durch sein Geständnis hatte sich nichts geändert. Gar nichts. Er hielt sie immer noch für raffgierig, glaubte immer noch, dass sie es nur auf James’ Geld abgesehen hatte. Genauso wie er ihr in Bezug auf Toby nicht glaubte. Deshalb hatte er die Scheidungspapiere von David Brewster aufsetzen lassen.

Andererseits entsprach die Trennung nach Ablauf von sechs Monaten der Vereinbarung, die sie vor der Eheschließung getroffen hatten – in gegenseitigem Einvernehmen. Warum also erzürnte es sie nun, dass er diese Scheidung vorausplante?

Weil es wehtat. Weil sie Rufus noch immer liebte. Weil sie nun, da sie mit ihm zusammenlebte, den Gedanken an eine Trennung nicht mehr ertrug.

Autor

Carole Mortimer
Zu den produktivsten und bekanntesten Autoren von Romanzen zählt die Britin Carole Mortimer. Im Alter von 18 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Liebesroman, inzwischen gibt es über 150 Romane von der Autorin. Der Stil der Autorin ist unverkennbar, er zeichnet sich durch brillante Charaktere sowie romantisch verwobene Geschichten aus. Weltweit...
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