Bianca Exklusiv Band 258

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SAG DOCH JA, JOHN!
von FERRARELLA, MARIE

Courtneys 30. Geburtstag rückt immer näher! Bis dahin muss sie verheiratet sein - sonst verliert sie den Anspruch auf ihr riesiges Erbe. Der blonde Zimmermann John scheint genau der Richtige für eine Vernunftehe zu sein. Doch so vernünftig, wie gedacht, wird diese Ehe gar nicht …

VERGESSEN SIND ALL DIE TRÄNEN
von CARLEEN, SALLY

Sam traut seinen Ohren nicht, als eine fremde, blonde Frau vor seiner Tür steht und ihm von der Verwechslung ihrer beider Kinder erzählt. Doch schnell erkennt er, dass Marcie die Wahrheit sagt. Wie aber wird seine heißgeliebte Tochter Kyla diese neuen Umstände verkraften?

DEN MUTIGEN LACHT DAS GLÜCK
von DOUGLAS, CHARLOTTE

Kurz nach der Rückkehr in seine Heimatstadt begegnet Jeff der attraktiven Cafébesitzerin Jodie. Eine wunderbare Frau, die all seine zärtlichen Gefühle und sein Begehren weckt! Mit Jodie könnte ein Traum wahr werden, würde sie sich ihm nur nicht immer entziehen …

  • Erscheinungstag 22.05.2015
  • Bandnummer 0258
  • ISBN / Artikelnummer 9783733730192
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Marie Ferrarella, Sally Carleen, Charlotte Douglas

BIANCA EXKLUSIV BAND 258

MARIE FERRARELLA

Sag doch Ja, John!

Courtneys Angebot ist verlockend – doch viel mehr reizt den attraktiven Zimmermann John die atemberaubende Frau selbst, die sein Herz aus dem Takt bringt. Dass er zum Schein mit ihr eine Ehe eingehen soll, damit sie dem Wunsch ihres Großvater entspricht: kein Problem! Dabei sind ihm ihre Millionen völlig egal. Sein Wunsch ist sie allein …

SALLY CARLEEN

Vergessen sind all die Tränen

Marcie kann es kaum glauben als sie erfährt, dass ihre Mutter vor 13 Jahren ihr Baby kurz nach der Geburt mit einem anderen Kind vertauschte. Und während das fremde Kind in Marcies Armen starb, lebt ihre Tochter Kyla weiter! Sofort sucht sie Kylas „falschen Vater“, den Witwer Sam Woodward, auf und verlangt, ihre Tochter kennenzulernen. Wie wird Sam reagieren?

CHARLOTTE DOUGLAS

Den Mutigen lacht das Glück

Als Jeff Davidson nach Pleasant Valley zurückkehrt, spürt Jodie schon bei ihrem ersten Wiedersehen, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlt. Sein geduldiges Werben weckt in ihr die Sehnsucht nach Zärtlichkeit! Aber ist Jeff wirklich der geeignete Vater für ihre süße Tochter? Erst wenn Jodie darauf eine Antwort findet, kann sie dem Glück eine Chance geben …

1. KAPITEL

„Willst du meine Mommy werden?“ Courtney Tamberlaine erschrak, als sie die leise, melodische Stimme hörte. Eigentlich hatte Courtney angenommen, sie wäre ganz allein. Schließlich saß sie gerade in ihrem eigenen Garten. Sie löste den Blick von dem Krimi, der sie bisher nur mäßig interessiert hatte, um herauszufinden, wer ihr die Frage gestellt hatte.

Vor ihr stand ein kleines Mädchen mit weizenblondem Haar und himmelblauen Augen. Etwa vier oder fünf Jahre war die Kleine wohl alt, und Courtney hatte sie noch nie zuvor gesehen.

Sie schloss das Buch und schwang die Beine vom Liegestuhl. Dann schirmte sie ihre Augen gegen die Sonnenstrahlen ab, die sich im Swimmingpool spiegelten und sie blendeten, und betrachtete das Kind wortlos. Wer ist das, und wie ist sie hier in den Garten gekommen? fragte sie sich. „Wie bitte?“, sagte sie schließlich zu dem Mädchen.

Auf einmal wirkte die Kleine ganz schüchtern und vergrub die Hände in den Taschen ihrer rosafarbenen mit Blumen bedruckten Latzhose. Jetzt erst bemerkte Courtney, wie blass das Mädchen war. Mit ihrer hellen Haut erinnerte die Kleine sie an die Porzellanpuppen, die sie früher einmal gesammelt hatte.

„Willst du meine Mommy werden?“, wiederholte das Kind schließlich. Nun wich ihre Schüchternheit einem Lächeln, das alles um sie herum zu erhellen schien. „Du siehst nämlich genauso aus wie sie.“

Das kleine Mädchen jedoch sah überhaupt niemandem aus Courtneys Bekanntenkreis ähnlich. „Wer bist du denn?“

Soweit Courtney wusste, hatte keiner von ihren Angestellten eine Tochter, Nichte oder Enkelin in diesem Alter, und das Mädchen hätte unmöglich von der Straße aus hier hereingelangen können. Dann hätten nämlich die Sensoren, die am schwarzen schmiedeeisernen Zaun angebracht waren, etwas registriert, und die Alarmanlage hätte sich gemeldet, noch bevor das Mädchen beim Swimmingpool angekommen wäre.

„Katie!“ Direkt hinter Courtney ertönte eine tiefe männliche Stimme. Die Stimme klang streng, aber gleichzeitig sehr liebevoll. Und anstatt verlegen oder ängstlich zu reagieren, lächelte die Kleine über das ganze Gesicht, als ihr Blick den Mann fand, der da nach ihr gerufen hatte.

Wie viele unbekannte Leute laufen hier eigentlich noch herum? dachte Courtney. Ärgerlich wandte sie sich um und erblickte dabei den Fremden, der auf sie und das Kind zukam: eine blonder, sonnengebräunter Mann mit nacktem, verschwitztem Oberkörper und der Statur eines griechischen Gottes. Die Jeans, die er trug, saßen nur knapp über den Hüften, das Gewicht eines schweren Werkzeuggürtels zog sie nach unten. Eine ganze Weile lang konnte Courtney den Blick nicht von ihm lösen.

Wer war das bloß?

Ihn wiederum schien es gar nicht zu interessieren, wer sie war, denn er nickte ihr nur kurz höflich zu und ergriff dann die Hand des Mädchens. Courtney war es nicht gewohnt, so schnell und leichthin abgefertigt zu werden. Sie richtete sich auf.

„Es tut mir leid, sie hat hier eigentlich gar nichts zu suchen“, sagte der Mann und schaute liebevoll in das Gesicht des Mädchens, das zu ihm hochblickte. „Katie, habe ich dir nicht gesagt, dass du nicht die Leute belästigen sollst, während ich arbeite?“

„Doch, hast du.“ Das Kind schien unbeeindruckt von der sanften Zurechtweisung. „Aber schau doch mal, Daddy, sie sieht genauso aus wie Mommy.“

Courtney ließ den Blick über seinen schlanken muskulösen Oberkörper gleiten. Seine Haut glänzte noch von der anstrengenden körperlichen Arbeit, der er bis eben nachgegangen sein musste. Als Courtney sich darüber klar wurde, dass sie schon die ganze Zeit die Luft anhielt, atmete sie ganz langsam aus. Wer auch immer „Mommy“ war, sie konnte sich wirklich glücklich schätzen.

Auf das Geheiß des Mädchens hin betrachtete der Mann Courtney nun flüchtig. Sein Blick bewirkte, dass ihr ausgerechnet jetzt, mitten am wärmsten Julitag, den es seit Langem in Kalifornien gegeben hatte, ein eisiger Schauer über den Rücken lief.

„Nein, sie sieht nicht so aus wie Mommy“, erwiderte der Mann schließlich geduldig. Allerdings kostete es ihn offenbar große Mühe, die Worte auszusprechen.

„Aber sie sieht aus wie auf dem Bild“, beharrte Katie und sah verwirrt zu ihrem Vater hoch. „Das Bild in deinem großen weißen Buch.“

So unterhaltsam das kleine Zwischenspiel auch war, Courtneys Frage war noch immer unbeantwortet: Wer waren diese Leute, und was machten sie auf ihrem Grundstück?

Courtney erhob sich vom Liegestuhl, zupfte sich den knapp geschnittenen Bikini zurecht und klemmte das Buch unter den Arm. Dabei betrachtete sie das Gesicht des Mannes und bemerkte zufrieden den anerkennenden Ausdruck in seinen Augen.

Als sich ihre Blicke begegneten, wandte er sich abrupt ab und entfernte sich langsam. Dabei hielt er die Hand seiner Tochter fest umschlossen. Courtney sah dabei zu, wie der Griff des Hammers, den er im Werkzeuggürtel trug, ihm beim Gehen rhythmisch gegen die Hüfte schlug.

Courtney blinzelte. Die beiden schienen sich hier auf ihrem Grundstück wie zu Hause zu fühlen. „Hey, Moment mal!“, rief sie ihnen hinterher. „Wer sind Sie überhaupt?“

Der Mann hielt inne und drehte sich wieder zu ihr um. „Ich heiße John Gabriel, und ich wurde von einem Mann namens Sloan angeheuert, um das Gästehaus zu renovieren. Und das hier ist meine Tochter Katie.“

„Ach so.“ Langsam und bedächtig ging Courtney zu den beiden hin. Es verwirrte sie, dass John Gabriel ihr dabei die ganze Zeit ins Gesicht sah.

Jetzt erinnerte sie sich auch wieder verschwommen daran, dass sie Sloan darum gebeten hatte, irgendwann mal jemanden damit zu beauftragen, das Gästehaus einer Generalüberholung zu unterziehen. Und weil sie ihrem alten Butler blind vertraute, hatte sie die Angelegenheit ganz ihm überlassen und sich nicht weiter darum gekümmert. Wenn jedenfalls der Mann, den Sloan da eingestellt hatte, nur halb so gut arbeitete, wie er aussah …

„Dann arbeiten Sie also für mich“, bemerkte sie und streckte die Hand aus. „Ich heiße Courtney Tamberlaine. Das hier ist mein Haus.“

John ergriff ihre Hand und schüttelte sie. „Haus“ schien ihm kaum eine angemessene Bezeichnung für das mächtige Gebäude zu sein, das auf dem weitläufigen Grundstück stand.

„Nett hier“, sagte er schließlich. Die Frau hielt immer noch seine Hand umschlossen, und ihm fiel auf, wie fröhlich Katie aussah. Obwohl er sich darüber freute, seine Tochter so glücklich zu sehen, wollte er auf keinen Fall, dass sie sich mit ihrer blühenden Mädchenfantasie noch falsche Vorstellungen machte. „Na ja, ich werde hier pro Stunde bezahlt“, erklärte er, um damit anzudeuten, dass er sich wieder an die Arbeit machen müsste.

Courtney nickte und entzog ihm die Hand. „Dann will ich Sie nicht länger aufhalten.“ Sie wandte sich ab und entfernte sich. Dabei war sie sich sicher, dass er sie aufmerksam beobachtete.

Als sie jedoch einen Blick über die Schulter warf, bemerkte sie, dass er sich gerade ausschließlich darauf konzentrierte, seine Tochter zum Gästehaus zurückzubringen und dabei noch nicht einmal in ihre Richtung sah. Ein wenig beleidigt zuckte Courtney mit den Schultern, dann öffnete sie die gläserne Verandatür. Für heute hatte sie genug Sonne abbekommen.

Gerade hatte sie das Wohnzimmer zur Hälfte durchschritten, als sie bemerkte, dass sie nicht allein im Raum war.

„Aha, so kleidet man sich also heutzutage an der Riviera – oder sollte ich besser sagen: So entkleidet man sich?“

Courtney brauchte gar nicht erst hinzuschauen, die Stimme war ihr seit frühster Kindheit vertraut. Sofort breitete Courtney die Arme aus und eilte ihrer ältesten Freundin entgegen. „Mandy! Wann bist du denn hier angekommen?“ Courtney hatte eigentlich damit gerechnet, sie frühestens in einer Woche wieder zu sehen.

Miranda Calhoun erwiderte Courtneys stürmische Umarmung ebenso herzlich. „Heute Morgen.“ Dann seufzte sie betont dramatisch. „Der Flug von Athen hierher war eine einzige Belastungsprobe.“

Courtney griff nach dem kurzen grünen Bademantel, den sie auf dem Sofa hatte liegen lassen. „In der ersten Klasse?“ Lachend schlüpfte sie in das Kleidungsstück. „Das glaube ich dir sofort.“

Mandy nahm auf dem Sofa Platz und setzte sich in Pose. Dabei strich sie sich den weiten eisblauen Rock glatt, der ihre Urlaubsbräune perfekt unterstrich. „Wie meinst du das, erste Klasse? Ich bin doch in Louis’ Privatjet mitgeflogen. Louis war die Belastungsprobe.“ Ihre braunen Augen, die nur ein kleines bisschen dunkler waren als ihr Haar, blitzten schelmisch auf. „Er will mich heiraten.“

Nun ja, das wollten alle Männer: Mandy heiraten. Im Gegensatz zu Courtney war sie klein und zierlich, damit weckte sie in vielen den Beschützerinstinkt. Der äußere Eindruck täuschte allerdings, denn Mandy besaß einen eisernen Willen und einen großen Freiheitsdrang.

Courtney lehnte sich seitlich gegen das Sofa. Sie kannte die Antwort schon, bevor sie die Frage ausgesprochen hatte, gönnte Mandy jedoch ihren kleinen Auftritt. „Und?“

„Was, und?“ Mandy zog die exakt gezupften Brauen zusammen. „Bin ich etwa verrückt? Wenn ich irgendwann mal heirate, dann bestimmt nicht, um die dritte Mrs Norville zu werden. Ich will nicht die Dritte sein, für niemanden.“ Sie strich sich eine Falte im Rock glatt. „Wenn ich einmal heirate, dann will ich die erste Mrs Wie-auch-immer sein.“ Nun legte sie den Kopf schief und betrachtete ihre beste Freundin aufmerksam. „Apropos heiraten …“

Abrupt stieß Courtney sich vom Sofa ab und warf Mandy einen warnenden Blick zu. „Jetzt fang bitte nicht damit an.“

Allein der Tonfall war Antwort genug. Mandy konnte es kaum glauben. „Soll das etwa heißen, dass du noch nicht mal angefangen hast?“

„Angefangen womit?“

„Na, mit den … Maßnahmen.“

„Den Maßnahmen also“, wiederholte Courtney, und ein leises Lächeln umspielte ihren Mund. Maßnahmen. Eine hübsche Umschreibung für Hochzeitsvorbereitungen. „Das dürfte ein bisschen schwierig sein, so ganz ohne Bräutigam.“

„Na, dann beeil dich lieber, sonst stehst du bald als Blumenverkäuferin auf der Straße. Und zwar genau in … dreißig Tagen, kommt das hin?“

Courtney rechnete nach. „Nein, achtundzwanzig, aber wen interessiert das schon so genau?“

„Dich sollte das eigentlich interessieren. Du liebe Güte, Court, du bist ja wohl Weltmeisterin im Verdrängen!“ Mandy runzelte die Stirn. „Sag mal, was glaubst du eigentlich, warum dein Vater das überhaupt gemacht hat?“

Courtneys Vater hatte ihr immer wieder angedroht, eine gewisse Klausel in sein Testament zu setzen, aber sie hatte einfach nicht daran geglaubt … bis er vor elf Jahren gestorben war und das Testament verlesen wurde.

„Ich glaube, Dad wollte mir damit irgendeine Lektion über moralische Werte erteilen“, sagte Courtney gleichgültig. Sie hatte nicht vor, die Angelegenheit weiter zu diskutieren. „Ach, ich weiß auch nicht. Ich weiß bloß, dass diese Klausel einfach lächerlich ist und dass unser Familienanwalt mich unmöglich darauf festnageln wird.“ Ihr Blick begegnete Mandys, und die Freundin sah sehr skeptisch aus. „Das kann Edwin Parsons einfach nicht tun.“

Da die Tamberlaines und die Calhouns beide von derselben Kanzlei vertreten wurden, kannte auch Mandy Calhoun den dünnen humorlosen Juristen sehr gut. „Ich weiß nicht, Daddy meint, er ist immer sehr korrekt“, erinnerte sie die Freundin.

Courtney hatte lange dafür gebraucht, sich mit dem Gedanken auszusöhnen, dass ihr Vater es nur gut gemeint hatte. Aber sie konnte immer noch nicht akzeptieren, dass sie – abgesehen von einer geringfügigen jährlichen Unterhaltszahlung – tatsächlich weitestgehend enterbt würde, wenn sie sich nicht an die Klausel im Testament hielt. Wenn sie sich eben nicht bis zu ihrem dreißigsten Geburtstag in vier Wochen mit jemandem vor den Altar stellte und Worte dahersagte, die heutzutage sowieso niemand mehr ernst meinte.

Mandy hingegen war vollends überzeugt, dass ihre Freundin sich der Klausel würde fügen müssen. „Courtney, wenn du nicht willst, dass dein Erbe in alle Winde verstreut wird und an fünfhundert verschiedene Wohltätigkeitseinrichtungen geht, dann suchst du dir besser einen Mann. Und zwar schnell.“

Courtney seufzte. Da war sie nun fast dreißig und immer noch nicht berechtigt, über ihr gesamtes Vermögen zu verfügen, und das hatte sie ihrem Vater und seinen aus seiner Sicht so weisen Entscheidungen zu verdanken. „Einen Mann zu finden dürfte nicht das Problem sein“, sagte sie. Schließlich kannte sie eine ganze Reihe von Männern, die alle nur zu gern mit dem Tamberlaine-Vermögen in Berührung gekommen wären. Andererseits erfüllte keiner von diesen Männern die Bedingungen, die ihr Vater an den Wunschkandidaten gestellt hatte: Ein richtiger Arbeiter sollte es sein, der sein Geld im Schweiße seines Angesichts verdiente. „Ich sehe einfach nicht ein, warum ich von heute auf morgen jemanden heiraten soll“, sagte Courtney. „Das kann mir niemand vorschreiben.“

Mandy grinste. „Na ja, dein Vater kann dir offenbar doch etwas vorschreiben, selbst noch aus dem Jenseits“, sagte sie schließlich.

Das stimmte allerdings, obwohl es Courtney ganz und gar nicht gefiel. „Wahrscheinlich hat er das alles nur gut gemeint. Aber bloß weil Mum früher als Kellnerin gearbeitet hat, heißt das doch noch lange nicht, dass ich mir jetzt meinen Ehemann von der Baustelle holen muss, oder?“

„Warum gibst du nicht einfach eine Anzeige auf?“ Um Mandys Mundwinkel zuckte es verdächtig. „Suche Ehemann, biete Benimmschulung.“ Sie zwinkerte ihrer Freundin zu. „Nur für den Fall, dass seine derbe Herkunft doch zu derb für deinen Geschmack sein sollte.“

Courtney konnte nicht erkennen, was an dieser Angelegenheit auch noch witzig sein sollte. „Mir gefällt es grundsätzlich nicht, wenn ich zu etwas gezwungen werde.“

In diesem Augenblick entdeckte Mandy den Mann, der draußen im Garten neben Courtneys Gästehaus stand. Einen umwerfenden, halb nackten Mann, von dem sich Mandy wünschte, dass er mehr als bloß sein Hemd ausgezogen hätte.

Mandy kniete sich auf das Sofa, um den Mann dort draußen besser dabei beobachten zu können, wie er gerade etwas abmaß. Sie schluckte. Mit glänzenden Augen sah sie schließlich zu ihrer Freundin hinüber. „Hey, wer ist eigentlich dieser Traummann da drüben?“

„Wie bitte?“ Geistesabwesend gesellte Courtney sich zu ihr, um herauszufinden, wovon Mandy da gerade so fasziniert war. Eigentlich hätte sie es sich ja denken können. „Ach, der.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Sloan hat ihn angeheuert, damit er das Gästehaus in Ordnung bringt.“

„Wow. Kann Sloan ihn wohl auch mal bei mir vorbeischicken?“

Courtney hatte im Moment ganz andere Sorgen. Je länger sie über alles nachdachte, was Mandy zu der Klausel im Testament gesagt hatte, desto stärker wurde ihr Gefühl, dass die Freundin diesmal ausnahmsweise recht haben könnte. Vielleicht würde sich Parsons, der Anwalt, tatsächlich unnachgiebig zeigen.

„Du hast doch gar kein Gästehaus“, murmelte Courtney zerstreut. Dann ging sie zum Schreibtisch und zog dort das Telefon zu sich hin.

„Wieso Gästehaus?“ Mandy warf Courtney einen flüchtigen Blick zu, bevor sie sich wieder ganz auf den Mann konzentrierte, der hinter dem Swimmingpool stand. „Ich will ihn doch für mich haben. Er ist einfach umwerfend.“

Das letzte Wort klang beinahe wie ein Seufzen. Nun hob auch Courtney den Blick und sah sich John Gabriel noch einmal an. Sie zuckte mit den Schultern. „Ja, auf seine etwas derbe Art ist er das vielleicht.“ Dann nahm sie den Hörer auf und tippte die Nummer von Edwin Parsons’ Kanzlei in den Apparat. „Ich hätte gern Mr Parsons gesprochen“, bat Courtney die Frau am anderen Ende der Leitung und stöhnte, als diese sie vertrösten wollte. „Nein, ich möchte keine Nachricht hinterlassen. Hier spricht Courtney Tamberlaine, und ich muss Mr Parsons unbedingt persönlich erreichen. Sofort. Vielen Dank.“

Es dauerte ein wenig, bis Parsons das Gespräch entgegennahm. In der Zwischenzeit wickelte sich Courtney das Telefonkabel um den Finger und beobachtete Mandy. Die Freundin sah aus, als wäre sie in Trance. Neugierig folgte Courtney ihrem entrückten Blick. Gerade war John Gabriel wieder auf der Bildfläche erschienen. Sein verschwitzter Oberkörper glänzte im Sonnenlicht.

Mandy seufzte und sah dann zu Courtney. „Sein Körper schimmert richtig, nicht?“

Sie wandte sich ab. „Das ist Schweiß.“

„Ja …“ Mandy schmiegte sich in die Sofakissen, als würde sie sich bereits ihren Fantasien hingeben. „Ich weiß.“

Als die leise klassische Musik am anderen Ende der Leitung plötzlich unterbrochen wurde, war Courtney sofort wieder bei ihrem Anruf. „Mr Parsons? Ja, hier spricht Courtney Tamberlaine. Es geht um das Testament meines Vaters …“

Der Mann am anderen Ende der Leitung ließ sie den Satz gar nicht erst zu Ende bringen: „Ja, Miss Tamberlaine?“

Parsons’ Tonfall nach zu urteilen, würde Courtney es nicht leicht mit ihm haben. Aber was machte das schon, sie war der Herausforderung gewachsen. Schließlich stand auch einiges auf dem Spiel. Jedenfalls hatte sie jetzt keine Zeit, am Telefon Belanglosigkeiten auszutauschen. Sie atmete einmal tief durch und kam sofort zur Sache: „Mr Parsons, Sie wollen meine Erbschaft doch wohl nicht ernsthaft an diese lächerliche Klausel binden, oder?“

Courtney hätte schwören können, dass sie die leichte Belustigung des Anwalts am anderen Ende der Leitung spürte. Womöglich hatte Parsons sogar gerade gelächelt! Ein äußerst seltener Anblick, dachte sie gereizt.

„Reden Sie gerade davon, dass Ihre gesamte Erbschaft verschiedenen Wohltätigkeitseinrichtungen gespendet wird, wenn Sie bis zu Ihrem dreißigsten Geburtstag noch nicht mit einem hart arbeitenden Mann verheiratet sind? Und Sie dann sozusagen nur einen recht großzügig bemessenen Unterhalt ausgezahlt bekommen?“

Im Geiste knirschte Courtney mit den Zähnen. „Ja, genau das meinte ich.“

„Dann kann ich Ihnen versichern, dass ich mich fest an diese Klausel halten werde.“

Nun war Courtney sich ganz sicher, dass der Anwalt über sie lächelte. Wahrscheinlich grinste er sogar! Sie bemühte sich darum, so Ehrfurcht gebietend wie möglich zu klingen, als sie ihn erneut ansprach: „Mr Parsons …“

Leider hatte es nicht den Anschein, dass er sich von ihrem Tonfall einschüchtern ließ, so wie ihr das bei anderen Leuten meist gelang. „Es geht hier nicht um mein Testament, Miss Tamberlaine, sondern um das Testament Ihres Vaters, und als sein Anwalt ist es meine Pflicht, mich um die Vollstreckung zu kümmern.“

Aber es muss doch eine Möglichkeit geben, diese eine Klausel zu umgehen, dachte Courtney. „Wenn ich nur noch etwas mehr Zeit bekommen könnte …“

Einige Sekunden lang hörte sie nur das Rascheln von Papier. Es klang ganz so, als würde Mr Parsons das Testament durchgehen, um noch einmal ganz genau alles nachzulesen. Als ob er es nicht ohnehin schon in- und auswendig kannte, genau wie jedes andere Dokument, an dessen Niederschrift er mitgewirkt hatte.

Schließlich meldete sich der Anwalt wieder zu Wort: „Hier steht nichts von einer möglichen Verlängerung.“

Eigentlich hatte Courtney gehofft, er würde ihr ein bisschen entgegenkommen, statt sie zu bevormunden. Sie wagte noch einen weiteren Versuch und appellierte dabei an seinen Gerechtigkeitssinn: „Nun kommen Sie schon, Sie werden doch wohl nicht von mir erwarten, dass ich losgehe und einfach den ersten Arbeiter heirate, der mir über den Weg läuft!“

Als sie zu Mandy hinübersah, grinste die sie an und deutete auf die gläserne Terrassentür. Schnell wandte Courtney der Freundin den Rücken zu.

„Ich habe gar nicht das Recht, irgendetwas von Ihnen zu erwarten, Miss Tamberlaine“, erwiderte Parsons vorsichtig. „Aber Ihr Vater, der Sie vor seinem Tod mit den Bedingungen in seinem Testament vertraut gemacht hat, hatte sehr wohl das Recht, von Ihnen zu erwarten, dass Sie mittlerweile jemanden gefunden haben. Schließlich kommt das für Sie ja nicht ganz aus heiterem Himmel.“

Dieser aufgeblasene Schnösel! Courtney musste sich Mühe geben, um ihre Empörung für sich zu behalten. „Nein, aber ich hatte eigentlich angenommen, dass ich mit Ihnen vernünftig reden könnte.“

„Miss Tamberlaine, ich bin sozusagen die Vernunft selbst. Und trotzdem steht hier immer noch schwarz auf weiß …“

Courtney wusste nur zu gut, was in dem Testament stand, sie musste es sich nicht noch ein weiteres Mal vorlesen lassen. „Also gut, ich habe verstanden.“ Ungewohnt temperamentvoll schmetterte sie den Hörer auf die Gabel.

Und jetzt?

„Na, kein Glück gehabt?“, amüsierte sich Mandy. Nur widerwillig löste sie sich von dem Anblick, der sich ihr im Garten bot.

„Ach, das ist ein knallhartes altes Miststück“, klagte Courtney. Was hätte es dem alten Erbsenzähler schon geschadet, wenn er ihr noch eine Gnadenfrist gegönnt hätte?

Mandy lehnte sich in die Sofakissen zurück. „Er befolgt doch bloß die Wünsche deines Vaters.“

„Du bist mir auch keine große Hilfe“, murrte Courtney. „Wie soll ich denn bitte in achtundzwanzig Tagen die Liebe meines Lebens finden? Wo soll ich mit dem Suchen anfangen? In den Gelben Seiten unter dem Buchstaben L etwa?“

Mandy lächelte plötzlich. „Warum nicht vor der eigenen Tür? Um genauer zu sein: im Garten.“

Na wunderbar. Da steckte Courtney in einer Krise, und Mandy schmachtete immer noch ihrem Hilfsarbeiter hinterher! Courtney seufzte. „Er heißt übrigens John Gage oder John Gabriel oder so. Möchtest du dich mit ihm verabreden?“

Mandy wollte noch einen letzten Blick auf den Mann werfen, doch der war schon wieder außer Sichtweite. „Schön wär’s. Aber ich hatte da eher an dich gedacht.“

Courtney war die ganze Zeit nervös auf und ab gegangen. Nun blieb sie abrupt stehen und sah ihre Freundin an. „Wie meinst du das, an mich?“, fragte sie langsam.

Aufgeregt erhob Mandy sich vom Sofa. „Da hast du doch deinen Arbeiter.“ Sie umfasste Courtneys Arme und schob die Freundin zur Verandatür. „Das ist genau der Typ Mann, den dein Vater in seinem Testament beschrieben hat.“

Courtney befreite sich und rollte mit den Augen. „Also, ich bitte dich … außerdem ist er verheiratet.“

„Oh. Ach so.“ Mandys Enttäuschung hätte deutlicher nicht sein können. „Weißt du das genau?“

„Der Mann hat eine Tochter“, klärte Courtney sie auf. „Die mich übrigens eben gefragt hat, ob ich nicht ihre Mommy werden möchte.“ Courtney ging den Zwischenfall am Swimmingpool im Geiste noch einmal durch. „Wie kommt sie wohl darauf, mich so etwas zu fragen?“

Mandy zuckte mit den Schultern. „Vielleicht mag sie ihre richtige Mutter ja nicht?“

Nein, das ist nicht der Grund, dachte Courtney und biss sich gedankenverloren auf die Unterlippe. „Hm, sie hat etwas davon erzählt, dass ich aussehe wie sie … auf einem Foto.“

Nun brauchte Mandy keine weiteren Erklärungen mehr. „Hey, das kann doch nur heißen, dass sie jetzt keine Mutter mehr hat!“ Ihre Augen funkelten vor Aufregung, und erneut griff Mandy nach Courtneys Arm. „Und das wiederum bedeutet, dass der scharfe Mann mit dem Werkzeuggürtel über den sexy Hüften entweder geschieden oder verwitwet ist.“ Sie schnipste mit den Fingern. „Bingo.“

„Bingo?“

Manchmal musste man Courtney aber auch wirklich alles erklären! Mandy konnte ihre Ungeduld kaum unter Kontrolle halten. „Ja, das heißt: Du hast gewonnen.“ Sie wies auf die Verandatür, hinter denen jetzt wieder der Mann zu sehen war, der es Mandy offenbar so angetan hatte. „Und zwar ihn.“

Courtney erstarrte. „Du willst mir doch wohl nicht im Ernst vorschlagen …“

„Doch, das ist mein voller Ernst“, beharrte Mandy, und ihr Gesichtsausdruck bestätigte ihre Worte. „Dieser Mann ist die Rettung in der Not … und gleichzeitig ein fleischgewordener Traum.“ Sie betrachtete ihre beste Freundin. „Oder hast du etwa eine bessere Idee?“

Courtney kehrte dem Garten und damit auch John Gabriel den Rücken zu. Sie weigerte sich, Mandy anzusehen. Auf einmal fühlte Courtney sich schrecklich müde und verwirrt. Sie ging zur Hausbar hinüber. Normalerweise trank sie kaum Alkohol, und wenn doch, dann erst nach fünf Uhr nachmittags. Aber dies war eine Ausnahme. „Mandy, wenn ich dich nicht schon seit Ewigkeiten kennen würde, würde ich dich jetzt einweisen lassen.“ Courtney nahm ein Glas aus dem Schrank und griff dann nach einer Kristallkaraffe, auf der sie die Hand verharren ließ.

Mandy berührte die Freundin sanft am Arm. „Nun komm schon, Court, denk doch mal darüber nach. Das Ganze wäre eine rein geschäftliche Angelegenheit. Ein Mann wie er wird doch sicher gewisse Bedürfnisse haben …“

Courtney lachte kurz auf, aber es klang alles andere als belustigt. Sie war sich sicher, dass sich John Gabriel im Grunde nicht von den anderen Männern unterscheiden würde, denen sie bisher in ihrem Leben begegnet war: nur auf seine eigenen Vorteile und sein eigenes Vergnügen bedacht. „Ja, ich weiß.“

Mandy lächelte schelmisch. „Nein, nicht, was du jetzt denkst. Ich meinte eigentlich finanzielle Bedürfnisse. Schließlich ist er ein alleinerziehender Vater, der sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hält. Und heutzutage ist doch alles sehr teuer. Vielleicht würde er seiner Tochter gern viel mehr gönnen, als er sich eigentlich leisten kann – vielleicht ein Studium.“ Mandy zuckte mit den Schultern. „Schlag ihm einfach einen Handel vor. Dabei kannst du nur gewinnen, zu verlieren hast du nichts.“

Courtney überlegte hin und her. Der Vorschlag ihrer Freundin war einfach verrückt, andererseits hatte sie wohl gar keine andere Wahl. Und zumindest hätte sie in der Angelegenheit das Sagen, weil sie diejenige sein würde, die die Regeln festlegte. „Auf deine verrückte Art und Weise hast du vielleicht wirklich recht“, sagte sie schließlich. „In den nächsten achtundzwanzig Tagen wird mir bestimmt nicht die große Liebe über den Weg laufen.“ Sie legte beide Hände auf den Griff der Verandatür und zog sie auf. „Also gut. Los geht’s.“

Doch bevor sie nach draußen gehen konnte, hielt Mandy sie auf.

„Was ist denn?“, wollte Courtney wissen. Tat sie nicht gerade genau das, was ihre Freundin ihr geraten hatte?

„Zieh den Bademantel aus“, empfahl Mandy. „Damit er sieht, was er bekommt.“

Ach, er hat mich doch schon längst ohne den Mantel gesehen und sich nicht mal die Mühe gemacht, ein zweites Mal hinzuschauen, dachte Courtney ein wenig beleidigt. Dann hob sie den Kopf. Nun denn, wenn er kein Interesse hatte, dann war das sein Pech – und die Dinge würden dadurch weitaus unkomplizierter werden.

„Das Einzige, was er von mir bekommt, ist ein Scheck“, sagte sie zu Mandy.

Trotzdem löste Courtney den Gürtelknoten, während sie nach draußen schlenderte. Als sie John Gabriel erreichte, war ihr der Stoff auf einer Seite über die Schulter gerutscht.

„Mr Gabriel.“ Der Mann reagierte zunächst gar nicht, sein lautes Hämmern am Gästehaus übertönte alle anderen Geräusche. Das kleine Mädchen hatte Courtney jedoch erblickt und lief nun zu ihr herüber. Dadurch wurde auch er auf sie aufmerksam und wandte sich ihr zu.

Seine Augen sind wirklich unglaublich grün, dachte sie. Selbst aus einigen Metern Entfernung konnte sie das gut erkennen. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sich Courtney ein kleines bisschen unsicher. „Mr Gabriel?“

Wie ein Revolverheld, der seine Waffe wieder einsteckte, hängte er sich den Hammer in den Werkzeuggürtel. „Ja, bitte?“

Unbewusst befeuchtete sie ihre Lippen mit der Zungenspitze, bevor sie weitersprach. Ihm entging diese Geste nicht.

„Ich möchte Ihnen ein Angebot unterbreiten.“

2. KAPITEL

Katie kniff die Augen zusammen, bis ihre leuchtend blauen Augen nur noch als kleine Schlitze zu sehen waren, die von langen dunklen Wimpern eingerahmt waren. Verwirrt wandte sie sich an die Person, die aus ihrer Sicht alles wusste. „Was heißt das, ein Angebot unterbeitern, Daddy?“

John lächelte seiner Tochter zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. Katie will immer alles wissen und alles verstehen, dachte er. Er musste immer wieder daran denken, wie glücklich er sich schätzen konnte, dass dieses wundervolle Geschöpf in sein Leben getreten war. „Wenn man jemandem ein Angebot unterbreitet, dann macht man einen Vorschlag, von dem man glaubt, dass ihn der andere nicht ablehnen kann“, erklärte er.

Courtney fand, dass seine Erläuterung ziemlich spöttisch klang. Er schien regelrecht empfindlich auf sie zu reagieren, und sie konnte nur vermuten, dass es mit ihrer Herkunft zu tun hatte. Einen kurzen Augenblick lang spielte Courtney mit dem Gedanken, ihr ganzes lächerliches Vorhaben einfach zu vergessen. Als sie dann allerdings über Alternativen nachdenken wollte, wurde ihr bewusst, dass sie gar keine hatte. Wenn nicht vor ihrem Geburtstag noch ein Wunder geschah, musste sie sich wohl an diesem Mann die Zähne ausbeißen. Und genau darauf würde es hinauslaufen, das merkte sie jetzt schon.

„Dein Vater hat das fast richtig erklärt …“, begann Courtney und bemühte sich dann, sich an den Namen des Mädchens zu erinnern. „Katie“, fügte sie schließlich hinzu, als er ihr wieder einfiel. Sie lächelte das Kind an. „Aber eigentlich ist es eher so eine Art Geschäft, bei dem beide Personen etwas bekommen, das sie gern haben wollen.“ Courtney bezweifelte, dass Katie das wirklich verstand, aber besser konnte Courtney es momentan nicht ausdrücken.

Sie schaute zu John Gabriel hinüber, und er erwiderte höflich ihren Blick, wirkte allerdings distanziert. Offenbar hatte sie keine Pluspunkte dadurch sammeln können, dass sie mit seiner Tochter gesprochen hatte.

Katie hat recht, dachte John. Es besteht wirklich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Diane und dieser Tamberlaine-Lady. Und zwar nicht bloß äußerlich. Miss Tamberlaine wirkte sehr selbstsicher, schien es gewohnt zu sein, immer das zu bekommen, was sie wollte – genau wie Diane. Und er konnte sich gut an die Zeit erinnern, in der er auch tatsächlich alles für seine verstorbene Exfrau getan hätte. Bis ihm dann klar wurde, dass sie immer nur noch mehr wollte.

„Und was genau wollen Sie haben, Miss Tamberlaine?“, griff er ihre letzten Worte auf.

Natürlich hätte sie sich dem Thema langsam, geschickt und diplomatisch nähern können – wenn sie nur die Zeit dazu gehabt hätte. Aber die war ihr nun davongelaufen. Courtney atmete einmal tief durch und wappnete sich innerlich gegen den Sprung ins kalte Wasser. „Ich will einen Ehemann, Mr Gabriel.“

Mit allem Möglichen hatte John gerechnet, aber darauf wäre er nicht im Entferntesten gekommen. Er ließ die Hand von Katies Schulter gleiten und starrte die Frau, die da vor ihm stand, fassungslos an. „Und nun möchten Sie, dass ich Ihnen einen zimmere?“

„Nein, Sie selbst sollen der Ehemann sein.“

Das Ganze war ganz offensichtlich ein Witz, aber wo blieb bloß die Pointe? John wartete ab, allerdings machte Miss Tamberlaine keine Anstalten weiterzusprechen. Schließlich sagte er: „Ich soll Sie also heiraten“, und wartete darauf, dass sie in lautes Gelächter ausbrach.

Aber sie tat nichts dergleichen. „Ja, genau das meinte ich“, bestätigte sie stattdessen.

Entweder hatte diese Courtney Tamberlaine einen äußerst seltsamen Humor, oder aber sie war nicht ganz richtig im Kopf. „Habe ich da eben etwas nicht mitbekommen? Warum bitten Sie mich denn darum, dass …“

„Wirst du jetzt wirklich meine Mommy?“ Katie war von der Seite ihres Vaters gewichen und zupfte nun an einem Zipfel von Courtneys Bademantel, der ihr mittlerweile vollständig von der Schulter gerutscht war.

Oh nein! dachte John. Ich lasse es nicht zu, dass diese Frau Katie in ihre seltsamen Spielchen einbezieht, worauf auch immer das Ganze hinausläuft! John legte seiner Tochter die Hand fest auf die Schulter und zog das Mädchen wieder zu sich herüber. „Nein, Katie, sie wird nicht deine Mommy. Ich glaube eher, dass Miss Tamberlaine ein bisschen durcheinander ist und das Datum verwechselt hat.“ Er warf Courtney einen warnenden Blick zu. „Wir haben nämlich Juli, nicht den ersten April.“

Jetzt habe ich ihn verärgert, dachte Courtney. Als ihr das bewusst wurde, schlug ihre Unsicherheit in Wut um. Wie kam er eigentlich dazu, sich über sie zu ärgern? Schließlich war sie doch diejenige, die ein Problem hatte, nicht er. Im Gegenteil: Sie würde einen reichen Mann aus ihm machen, ohne dass er etwas dafür getan hatte, außer vielleicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

„Ich komme nie mit etwas durcheinander“, informierte sie ihn also mit eiskalter Stimme, dann zwang sie sich zu einem Lächeln. Schließlich wollte sie ja noch mit ihm verhandeln. „Mögen Sie sich mit mir auf die Veranda setzen und ein Glas Limonade trinken? Ich würde Ihnen die Angelegenheit gern erklären. Ganz langsam.“

Das letzte Wort hatte sie absichtlich besonders betont, und John entging nicht, was sie damit sagen wollte: Offenbar hielt ihn Miss Tamberlaine für etwas begriffsstutzig, weil er Handwerker war. Nun denn, er verdiente sich sein Geld tatsächlich zurzeit im Schweiße seines Angesichts – ebenso wie damals, als er sich sein Studium des Ingenieurwesens damit finanzierte, dass er anderen Leuten ihre Küchen neu einrichtete.

Auf diese Weise hatte er Diane kennengelernt: Damals hatte er ein paar Vorratsschränke für ihre Mutter gebaut. Er war zwanzig gewesen und hatte ihre Überheblichkeit für gutes Benehmen gehalten. Mittlerweile war er ein ganzes Stück älter und wusste es besser.

John sah zu dem Gästehaus hinüber, an dem er nun für Miss Tamberlaine arbeitete. Bei der Arbeit hielt er sich immer an einen strengen Plan, den er vorher selbst erstellte. Und nun verschwendete diese Frau seine Zeit. Er nahm Katies Hand, wies mit dem Kopf auf das Gästehaus und schickte sich an, in diese Richtung zu verschwinden. Dabei fiel ihm auf, dass Katie sanften Widerstand leistete. „Wie ich Ihnen vorhin schon sagte, bezahlen Sie mich ja stundenweise, deswegen …“

Courtney ließ sich so leicht nicht abwimmeln. „Dann habe ich wohl auch zu bestimmen, womit genau Sie Ihr Geld hier verdienen.“

John zog eine Braue hoch und sah sie aus seinen tiefgrünen Augen an. „Solange es sich um vernünftige Arbeit handelt.“

Courtney lächelte. „Ich bin immer vernünftig.“

John wagte zu bezweifeln, dass eine Frau wie Courtney Tamberlaine jemals vernünftig war, es sei denn, es ging ganz und gar nicht anders. Andererseits war sie wirklich diejenige, die ihn bezahlte, und wenn sie ihr Geld dafür ausgeben wollte, sich mit ihm unter die gestreifte Markise zu setzen, zu reden und Limonade zu trinken, dann war das ihre Angelegenheit. Außerdem war Katie fast den ganzen Vormittag lang artig gewesen, also hatte sie noch mehr als er selbst eine Pause verdient.

„Also gut“, erwiderte er schließlich. „Dann bin ich mal gespannt, was an Ihrem Vorschlag vernünftig sein soll.“

Sobald er die Hand seiner Tochter losließ, lief Katie auch schon zu der Frau hin, die ihrer Mommy auf dem Bild so sehr ähnelte. Das Mädchen lachte über das ganze Gesicht. „Ich liebe Limonade“, vertraute sie sich Courtney an. „Davon kribbeln meine Lippen immer so schön.“

Kribbeln, das war ja ein passendes Stichwort. Unwillkürlich musste Courtney daran denken, dass John Gabriel es bestimmt bestens verstand, dafür zu sorgen, dass es einer Frau am ganzen Körper kribbelte. Seine Hände machten den Eindruck, als könnten sie nicht bloß mit Werkzeug geschickt umgehen.

Courtney legte dem kleinen Mädchen einen Arm um die Schultern und führte sie zum Tisch, der auf der Veranda stand. Sie erschrak darüber, wie zart und zerbrechlich sich das kleine Mädchen anfühlte. „Du darfst so viel Limonade haben, wie du willst.“

„Vielen Dank.“

Courtney kannte einige Erwachsene, die sich weder so gut ausdrücken konnten noch so höflich waren wie Katie. Sie warf John Gabriel über ihre Schulter hinweg einen Blick zu. „Wie alt ist sie?“

Bevor er jedoch antworten konnte, hielt Katie stolz vier Finger in die Luft und bewegte sie hin und her, um ihre Aussage zu unterstreichen. „Vier. Ich bin vier Jahre alt.“

Obwohl sie allein wegen ihrer Körpergröße jünger schien, wirkte ihr Verhalten fast erwachsen. Wahrscheinlich hat sie das von John Gabriel, dachte Courtney.

„Dafür, dass sie erst vier ist, kann sie sich aber ganz ausgezeichnet ausdrücken.“ Außerdem fand Courtney das Mädchen viel zugänglicher und sympathischer als ihren Vater.

„Ich spreche auch mit ihr wie mit einer gleichberechtigten Gesprächspartnerin, nie von oben herab“, erwiderte John Gabriel gefühlvoll.

„Das finde ich bewundernswert.“

Courtney fiel auf, wie er Katie ansah, während er ihr den Stuhl zurechtschob. Irgendwie erinnerte er Courtney an ihren eigenen Vater. Sie spürte einen schmerzhaften Stich, als sie daran dachte, wie vernarrt Alexander Tamberlaine früher in sie gewesen war.

Nun setzte Courtney sich ebenfalls an den Terrassentisch. Es überraschte sie, dass John Gabriel auch ihr den Stuhl zurechtrückte. „Sie haben ja eine gute Kinderstube.“

Ob sie wohl meinte, dass er ihre Anerkennung nötig hätte? „Ich wasche mich sogar regelmäßig.“

Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Ebenfalls eine lobenswerte Eigenschaft.“ Courtney schaute sich nach einem ihrer Angestellten um. Als sie Sloan hinter der Verandatür in der Bibliothek erblickte, gab sie ihm ein Zeichen, dass er zu ihnen kommen solle.

Katie beobachtete erstaunt, wie Everett Sloan auf die Veranda trat und zu ihrem Tisch kam. Er trug einen schwarzen Dienstbotenanzug, ganz so, wie es seine Position, Ausbildung und die Tradition geboten. Kurzum: Mit beinahe zwei Metern Körpergröße war der dünne Butler Sloan schon beeindruckend anzuschauen.

„Wer ist das?“, flüsterte Katie und rutschte im Stuhl näher zu ihrem Vater hinüber.

Courtney lächelte. Nur zu gut konnte sie sich daran erinnern, dass ihre Reaktion ähnlich ausgefallen war, als sie Sloan zum ersten Mal begegnet war. Als ihr Vater den Butler eingestellt hatte, war sie nicht älter als Katie gewesen. „Das ist Sloan, Katie. Er bringt dir gleich deine Limonade.“ Courtney wandte sich nun an ihren Angestellten. „Nicht wahr, Sloan?“

„Sofort, Miss.“ Auf dem bisher so unbewegten, geradezu finster dreinblickenden Gesicht erschien ein leichtes Lächeln, als der Butler das kleine Mädchen ansah. „Sie wünschen drei Gläser Limonade, habe ich das richtig verstanden, Miss?“

Courtney warf John Gabriel einen Blick zu. „Es sei denn, Sie hätten gern etwas Stärkeres?“

John hatte das Gefühl, dass er durchaus etwas Stärkeres würde gebrauchen können, wenn sie mit ihrer Unterhaltung fertig wären, aber er hatte danach noch eine ganze Menge Arbeit. Außerdem musste er an Katie denken. „Danke, Limonade reicht.“

Courtney nickte Sloan zu, da kam ihr ein Gedanke. „Warten Sie noch einen Augenblick, bitte“, sagte sie zu dem Butler, dann wandte sie sich an Katie. „Welche Farbe soll denn deine Limonade haben?“

Das Mädchen zögerte nicht eine Sekunde. „Rosa. Das ist nämlich meine Lieblingsfarbe.“ Sie brachte den Wunsch mit derselben Sicherheit hervor, mit der ein Weinkenner in einem teuren Restaurant eine edle Rebsorte bestellte. Impulsiv bedeckte Courtney die Hand des Kindes mit ihrer. „Dann sollst du auch rosafarbene Limonade bekommen.“ Courtney hob den Blick, um ihren Butler anzusehen. „Sloan?“

„Rosa Limonade, selbstverständlich.“ Er neigte den grau melierten Kopf und zog sich dann zurück, um den Wunsch des kleinen Mädchens zu erfüllen.

Courtney nahm wahr, dass John Gabriel sie eindringlich beobachtete, als wollte er ihre Gedanken lesen. Aber wenn er auch neugierig auf das war, was sie zu sagen hätte, so hielt er sich doch zurück. Ganz eindeutig wollte er es ihr überlassen, den Anfang zu machen.

Warum bin ich bloß so aufgeregt? fragte sie sich. Schließlich ist das hier doch auch nicht viel anders, als würde ich mir ein neues Segelboot oder ein neues Auto kaufen. Courtney versuchte sich zu beruhigen und verschränkte die Hände vor sich auf dem Tisch. Dann musterte sie den Mann, der ihr gegenübersaß.

„Haben Sie eigentlich eine Beziehung, John?“

„Das ist privat, Miss Tamberlaine.“ Was sollten diese Spielchen? Zuerst hatte sie sich doch gar nicht groß für ihn interessiert, und auch jetzt schien sich daran nicht viel geändert zu haben. Mit Diane war das damals anders gewesen. Sie hatte sich immer wie zufällig in seiner Nähe aufgehalten und versucht, ihn in Gespräche zu verwickeln, während er arbeitete. Aber Diane war damals neunzehn gewesen und hatte stolz ihren schlanken weiblichen Körper zur Schau stellen wollen. Die Frau, der John jetzt gegenübersaß, hatte etwas ganz anderes vor. Und irgendwie schien sie ihn in dieses Vorhaben verwickeln zu wollen.

Er aber hatte viel zu viel zu tun, um einer reichen, verwöhnten Erbin als Zeitvertreib zu dienen.

„Dann haben Sie also eine Beziehung?“, meldete sie sich wieder zu Wort.

Es gab keine Frau in Johns Leben. Er hatte für niemanden Zeit, außer für Katie. Sie brauchte ihn viel mehr, als dass er das Bedürfnis hatte, nachts einen warmen Frauenkörper neben sich zu spüren. „Ich habe eben bloß gesagt, dass das etwas Privates ist“, erwiderte er mit Nachdruck. „Ihre Frage habe ich weder mit Ja noch mit Nein beantwortet.“

Langsam wurde Courtney ungeduldig, aber sie versuchte, sich zu beherrschen. „Nein, das haben Sie nicht, aber ich brauche eine Antwort. Also: Haben Sie eine Beziehung, oder treffen Sie sich gerade mit einer Frau?“

Schüchtern ist sie schon mal nicht, dachte John, der ein bisschen über ihre Frage lächeln musste. Nun denn, wahrscheinlich hatte sie nie einen Anlass gehabt, schüchtern zu sein. Vermutlich nutzte sie alles, was ihr zur Verfügung stand, zu ihrem Vorteil. Für ihn bestand kein Zweifel daran, dass sich hinter ihrem umwerfenden Äußeren ein äußerst oberflächlicher Charakter verbarg.

Gerade als er ihr die Frage beantworten wollte, erschien Sloan wieder auf der Veranda. Der Butler hob drei hohe Gläser vom Tablett und stellte sie vorsichtig auf dem Tisch ab.

Katie stieß einen begeisterten kleinen Schrei aus und legte sofort die Hände um ihr beschlagenes Glas. Sie kicherte, als sie es zu sich nach unten holte. Sloan hatte einen Strohhalm in ihr Getränk gesteckt, den sie nun begierig mit ihrem kleinen Mund umschloss.

Courtney konnte John anmerken, wie er die Luft anhielt, während er gespannt abwartete, ob Katie ihr Getränk trinken würde, ohne es zu verschütten. Die Kleine bedeutet ihm viel, dachte Courtney. Sehr viel. Und ein Mann, der seine Tochter so liebte, konnte einfach nicht durch und durch schlecht sein. Das gab Courtney gleich ein sehr viel besseres Gefühl in Bezug auf ihre absolut verrückten Pläne. „Haben Sie denn nun eine Beziehung?“, beharrte sie.

John musste sich selbst gegenüber eingestehen, dass er neugieriger war, als ihm lieb war.

„Und wenn ich Ihnen sage, dass ich keine habe …?“

Bingo! Er war ungebunden. John Gabriel kam ihr jedenfalls nicht vor wie jemand, der gern Spielchen spielte. Und wenn er sie gerade anlog, dann hätte Katie mit ihrer unschuldigen Direktheit ihm sicher sofort widersprochen und den Namen einer Frau genannt. Courtney atmete erleichtert auf. „Dann möchte ich Ihnen mein Angebot jetzt gern etwas genauer schildern.“

Was auch immer sie zu sagen hat, hoffentlich vergisst sie nicht, dass Katie mit am Tisch sitzt! dachte John. „Fangen Sie gern an. Ich höre Ihnen zu.“

Courtney war schon immer stolz auf ihre Unerschrockenheit gewesen, mit der sie selbst unangenehmen Dingen ins Auge sah. Zögerliche, zurückhaltende Menschen wurden schließlich meist übergangen, vergessen, ignoriert. Sie selbst hatte nie gezögert, und so weit sie sich erinnern konnte, war sie auch noch nie so richtig in Verlegenheit geraten.

Bis jetzt.

Ihre Handinnenflächen fühlten sich ganz feucht an, wie sie erschrocken feststellte.

Vielleicht ist es besser, wenn ich ihn erst mal ein bisschen über den Hintergrund der ganzen Angelegenheit informiere, dachte sie sich. Sie musste versuchen, sein Mitgefühl zu wecken. Wenn er so etwas überhaupt besaß. „Mein Vater hat immer sehr viel von Menschen gehalten, die ihr Geld mit ihrer eigenen Hände Arbeit verdienen.“

Na toll. Als Nächstes erzählte diese Frau ihm wahrscheinlich, dass ihr guter alter Daddy es sich zum Prinzip gemacht hatte, jedes Jahr zu Thanksgiving im November einen Arbeiter zum Truthahnessen mit seiner Familie einzuladen. Solche Leute kannte John zur Genüge. Er spürte, dass er langsam wütend wurde. „Wie ehrenwert von ihm.“

Courtney ignorierte Johns verbitterten Unterton einfach und sprach weiter: „Er war wirklich ein sehr ehrenwerter Mann, wenn er auch am Ende etwas wunderlich wurde.“

Am Ende. Das hieß also, dass ihr Vater inzwischen nicht mehr unter den Lebenden weilte. Allerdings konnte John immer noch nicht erkennen, was das alles mit ihm zu tun hatte. „Und davon werden Sie mir gleich noch ausführlicher erzählen, stimmt’s?“

„Genau. Mein Vater wollte nämlich unbedingt, dass ich noch vor meinem dreißigsten Geburtstag einen Arbeiter heirate.“

So unterschiedlich waren also die Reichen. Dianes Familie zum Beispiel hatte nicht gewollt, dass sie etwas mit ihm zu tun hatte. Alle hatten so lange auf Diane eingeredet, bis sie „Vernunft angenommen hatte“ und sich von ihm hatte scheiden lassen. Ganz offensichtlich sah Courtney Tamberlaines Vater das anders. Aber warum erzählte sie ihm, John, das alles? So, wie sie aussah, konnte er sich nicht vorstellen, dass es ihr schwerfiele, Heiratskandidaten zu finden. „Ich verstehe nicht so ganz, was das alles mit mir zu tun hat“, sagte er schließlich.

Vielleicht war er doch begriffsstutziger, als sie angenommen hatte. „Nächsten Monat feiere ich meinen dreißigsten Geburtstag.“

So etwas wie ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Na, dann herzlichen Glückwunsch.“

Courtney sah ihm in die Augen. Machte der Mann sich da etwa über sie lustig? „Ich hätte noch mehr Grund zum Feiern, wenn ich einen Ehemann hätte.“

„Und …?“

Courtney lehnte sich über den Tisch zu John hinüber, um ihm kurz etwas zu sagen, das Katie nicht mitbekommen sollte, die bisher jedem Wort aufmerksam gelauscht hatte. „Und ich bin bereit, Ihnen eine Menge Geld zu zahlen, wenn Sie mich heiraten.“

„Dann … meinen Sie das also wirklich ernst?“

Leider, dachte sie. „Sehr ernst sogar.“

John schob seinen Stuhl zurück, sodass die Beine über den Boden schabten. „Lady, ich weiß ja nicht, was Sie außer der Limonade sonst noch zu sich genommen haben, aber allmählich wird es mir hier zu bunt.“

Urplötzlich überkam Courtney helle Panik. Was wäre, wenn er wirklich ihre letzte Gelegenheit verkörpern würde, diese lächerliche Klausel zu erfüllen?

„Warten Sie!“

John Gabriel sah sie interessiert an, und sie beeilte sich fortzufahren. Im Stillen verfluchte sie dabei sowohl ihn als auch ihren Vater. „Mein Vater hat in seinem Testament festgelegt, dass ich noch vor meinem dreißigsten Geburtstag geheiratet haben muss. Sonst wird nämlich der Großteil seines Geldes unter seinen liebsten wohltätigen Einrichtungen verteilt.“

„Und Sie gehen dabei leer aus.“ John konnte kaum Mitgefühl entwickeln.

Courtney zuckte mit den Schultern. „Ich bekomme eine jährliche Zuwendung.“

Wahrscheinlich war die doppelt so hoch wie das Gehalt, das er mal als Ingenieur verdient hatte. „Damit sind Sie immer noch zuverlässiger versorgt als die meisten anderen Leute.“

Falls er ihr damit Schuldgefühle machen wollte, dann hatte er keinen Erfolg. „Das ist mir schon klar“, erwiderte sie ruhig, „aber ich möchte das Haus nicht aufgeben.“

Das Haus ist sowieso viel zu groß, dachte John. Ihm selbst wäre schon das Gästehaus mehr als genug gewesen. Allerdings war ihm durchaus klar, dass Menschen wie Courtney viel zu festgefahren und egoistisch waren, um sich anderen Bedingungen anzupassen.

„So ist nun mal das Leben, Miss Tamberlaine. Wir müssen alle mal von etwas Abschied nehmen.“ Dann rutschte er ein Stück nach hinten und sagte: „Ich fürchte, ich kann ihnen nicht weiterhelfen.“ Das klang endgültig.

Dieser gefühllose Klotz! Er hört mir ja gar nicht richtig zu, dachte Courtney und erhob sich schnell. „Es wäre aber eine rein geschäftliche Angelegenheit.“

John Gabriel lächelte, trotzdem wirkte sein Gesichtsausdruck dabei kalt. „Meine erste Ehe hat sich schließlich auch als rein geschäftliche Angelegenheit herausgestellt. So etwas möchte ich lieber nicht ein zweites Mal mitmachen.“

„Aber verstehen Sie denn nicht, worum es hier geht? Es wäre doch gar keine echte Heirat …“

Er schaute kurz zu Katie hinüber, um Courtney dann zuzuraunen: „Das war meine erste Ehe auch nicht, wie sich herausstellte.“

Nun zog Courtney ihren Trumpf aus dem Ärmel. „Haben Sie denn gar keinen offenen Wunsch?“ Sie wies auf Katie. „Vielleicht wollen Sie Ihrer Tochter ja etwas Gutes tun?“

Mit einem warnenden Blick bedeutete er ihr, sie möge Katie aus der Sache heraushalten. „Menschen kann man nicht kaufen.“

Courtney umklammerte die Stuhllehne und gab sich alle Mühe, sich ihre Wut und Verzweiflung nicht anmerken zu lassen. „Ich will Sie ja auch gar nicht kaufen, sondern mieten. Für zwei Jahre.“ Nun schien es fast so, als hätte sie kurz seine Aufmerksamkeit gewonnen. Schnell fuhr sie fort: „Wie alt sind Sie?“

„Einunddreißig.“ Was hatte denn das jetzt mit der ganzen Sache zu tun?

„Gut, in zwei Jahren sind Sie dreiunddreißig – und außerdem um zweihunderttausend Dollar reicher.“ Courtney beobachtete sein Gesicht und rechnete fest damit, so etwas wie freudige Überraschung darin zu erkennen. Oder irgendein Anzeichen, dass er schwach werden würde. Doch zu ihrer Verwunderung sah Courtney nichts dergleichen.

„Warum wollen Sie denn so unbedingt, dass ich Ja sage? Eine Frau, die aussieht wie Sie, sollte doch gleich mehrere Männer finden können, die bereit dazu wären.“

„Wenn das gerade ein Kompliment sein sollte, dann vielen Dank.“ Courtney zweifelte allerdings daran, dass er es als solches gemeint hatte. Wahrscheinlich gehörte er zu denjenigen, der einen Groll gegen alle Menschen hatte, die über mehr Geld verfügten als er selbst. „Aber die Männer, die ich bisher kennengelernt habe, waren alle viel zu geblendet vom Reichtum meines Vaters, um mich überhaupt noch wahrzunehmen. Wahrscheinlich hätte es keinem davon etwas ausgemacht, wenn ich wie Quasimodo ausgesehen hätte.“ Sie hielt inne. Wahrscheinlich überforderte sie John Gabriel gerade, vielleicht verstand er gar nicht, dass sie vom Glöckner von Notre Dame sprach. „Damit meine ich …“

Sie versteht es wirklich ganz ausgezeichnet, andere Leute von oben herab zu behandeln, dachte John. „Ich weiß, wer das ist, Miss Tamberlaine. Schließlich war Literatur im Studium eines meiner Nebenfächer.“

Die Verblüffung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Courtney betrachtete den Werkzeuggürtel. „Sie waren auf dem College?“

Ihre Reaktion hatte durchaus eine gewisse Komik. „Ich habe an der Universität von Los Angeles Ingenieurwesen studiert und das Studium als Drittbester meines Jahrgangs abgeschlossen.“

„Aber warum arbeiten Sie dann …“, begann Courtney, dann hielt sie inne. „Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht beleidigen.“

Das war ihr aber hervorragend gelungen. „Gut zu wissen.“

Courtney seufzte. Was immer sie angerichtet hatte, ihr blieb nun keine Zeit mehr für die Schadensbegrenzung. Also atmete sie tief durch und nahm erneut Anlauf: „Na ja, um jedenfalls wieder auf mein … Problem zu sprechen zu kommen“, sagte sie, „da will ich mich nicht weiter mit irgendwelchen Heuchlern abgeben und mir darüber Gedanken machen müssen, ob die Liebe, die in den Augen dieser Männer aufleuchtet, wirklich mir oder nur meinem Bankkonto gilt. Ich habe jetzt auch einfach nicht mehr die Zeit, nach dem einen ehrlichen Mann zu suchen, von dem mein Vater offenbar angenommen hat, dass ich ihn finden würde. Wenn Sie nun auf mein Angebot eingehen, Mr Gabriel, bekommen wir beide, was wir wollen. Ich erhalte meine Erbschaft, und Sie verdienen sich dadurch sehr viel mehr Geld, als Sie innerhalb von zwei Jahren mit Ihrem Hammer erarbeiten könnten.“

Ganz egal, wie sie die Sache verpackte, diese Frau versuchte ihn zu kaufen. Aber seine Rechtschaffenheit und sein guter Name standen einfach nicht zum Verkauf. „Miss Tamberlaine, mir gefällt ehrliche Arbeit am besten, und das hier …“

„Aber Sie würden doch gar nichts Betrügerisches tun. Na ja, aus Parsons’ Sicht vielleicht schon, aber …“

„Parsons?“

Courtney nickte. „Der Anwalt meines Vaters. Er ist derjenige, der darauf besteht, dass die Bedingungen im Testament ganz genau eingehalten werden.“

Immerhin schien der Mann noch so etwas wie Ehrgefühl zu haben. „Und wie wollen Sie diesen Parsons davon überzeugen, dass die Ehe echt ist? Fährt er etwa mit in die Flitterwochen, um Fotos zu machen?“

„Nein, er ist nur bei der Hochzeit selbst dabei, und eine Reise wird es gar nicht geben. Parsons wird mir einfach so glauben müssen. Und das tut er auch.“ Courtney war durchaus in der Lage, dem Anwalt gegenüber die liebende Ehefrau zu mimen. Wenn es darauf ankam, konnte sie sehr überzeugend schauspielern.

Was auch immer dieser Parsons für ein Mensch war, er tat John leid. „Muss ganz schön leichtsinnig sein, der Anwalt.“

„Dann gehen Sie also auf mein Angebot ein, Mr Gabriel?“

Hatte er ihr etwa diesen Eindruck vermittelt? Heftig schüttelte er den Kopf. „Nein, auf gar keinen Fall. Ich lasse mich nämlich nicht kaufen … oder mieten, Miss Tamberlaine.“ Nun sah er zu seiner Tochter, die schon eine ganze Zeit lang mit dem letzten Rest Limonade in ihrem Glas beschäftigt war. Sie schien gar nicht wahrzunehmen, was um sie herum passierte. „Fertig, Katie?“

Obwohl sie erst vier war, wusste das Mädchen schon, was dieser bestimmte Tonfall zu bedeuten hatte. Jetzt wurde nicht mehr herumgetrödelt. Katie sog noch einmal kräftig am Strohhalm, dann stellte sie das leere Glas ab. „Fertig.“

„Okay, dann gehen wir jetzt, mein Schatz.“ John sah auf seine Armbanduhr. Vielleicht wäre es am besten, wenn er morgen schon ganz früh mit der Arbeit anfinge. Noch bevor ihre Majestät das Himmelbett verlassen hatte. Katie würde er dann bei Adrienne unterbringen, seine Nachbarin passte nur allzu gern auf das Kind auf. Dann könnte er endlich aufholen, was er heute versäumt hatte.

„Vielen Dank für die Limonade, Miss Tamberlaine“, sagte John und schob Katie von der Veranda. „Morgen komme ich wieder. Dann arbeite ich weiter am Gästehaus“, fügte er der Deutlichkeit halber hinzu.

Als John und seine Tochter bereits einige Schritte entfernt waren, löste sich Katie von ihrem Vater und rannte zurück zu Courtney. Sie war überrascht, als das Kind sie zu sich herunterzog und ihr die schmalen Kinderarme um den Hals schlang.

„Ich rede noch mal mit ihm“, versprach Katie, und ihr warmer Atem streifte Courtneys Wange.

3. KAPITEL

John zog an dem knallblauen Sicherheitsgurt, führte ihn um den Kindersitz und ließ ihn schließlich einrasten. Dabei merkte er durchaus, wie unangenehm es für Katie war, sich in dem Sitz anschnallen zu lassen. Mit ihren vier Jahren war sie allerdings zu klein und auch zu leicht, um ohne Kindersitz im Auto mitgenommen zu werden. Das hatte John ihr schon mehrmals erklärt, und sie hatte sich das auch geduldig angehört. Er wusste jedoch, dass ihr das trotzdem ganz und gar nicht gefiel, sie ließ sich nun mal nicht gern in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken. Vielleicht erinnerte es sie ja an all die Schläuche, die man ihr damals in den kleinen Körper gesteckt hatte, als sie im Krankenhaus gelegen hatte.

Manche Leute mochten ja behaupten, dass sie sich bestimmt nicht an etwas erinnern konnte, was sie im Alter von zwei Jahren durchgemacht hatte, aber John kannte seine Tochter. Natürlich erinnerte sie sich noch an diese Tortur. Ihm kam es sogar manchmal so vor, als könnte sie sich an alles erinnern, was sich ereignet hatte, seitdem sie das Licht der Welt erblickt hatte. Wie sonst konnte es angehen, dass sie oft so lebenserfahren auf ihn wirkte?

Sanft strich er ihr über den Arm. „In ein paar Jahren brauchen wir dich nicht mehr in den Kindersitz zu quetschen, mein Schatz.“

Katie seufzte geduldig. Manchmal fragte er sich, wer von ihnen beiden eigentlich der Erwachsenere war. Obwohl er natürlich einige Jahre älter war als seine Tochter, fühlte er sich manchmal so ratlos wie ein verunsichertes kleines Kind. Ganz besonders dann, wenn er sich in dem Wirrwarr aus Arztbesuchen und – rechnungen zurechtfinden musste.

Schließlich schnallte er sich selbst an und startete den Wagen, der anfangs nicht so wollte wie John. Nach einigem Stottern gab der Motor jedoch nach und sprang an. Zu Katies Belustigung tätschelte John das Armaturenbrett. „Guter alter Knabe“, sagten er und Katie wie aus einem Munde, dann lachten sie. John wurde warm ums Herz, und das Gefühl verdrängte nach und nach die Verbitterung, die er vorhin noch empfunden hatte. Die Verbitterung, die er gespürt hatte, als diese Tamberlaine-Lady ihm ihr seltsames Angebot unterbreitet hatte.

Langsam lenkte John das Gefährt die breite geschwungene Auffahrt hinunter.

„Fandest du sie nett?“, meldete sich Katie zu Wort.

„Wen soll ich nett finden?“

Katie wackelte mit den Zehen. Nein, dieser Kindersitz gefiel ihr ganz und gar nicht. Natürlich wusste sie, dass ihr Vater nur um ihre Sicherheit besorgt war. Wie immer. Er achtete darauf, dass sie nicht zu lange spielte, damit sie hinterher nicht so erschöpft war. Außerdem bestand er immer darauf, dass sie dieses ganze eklige Zeug aß, weil er meinte, dass es gesund war. Dabei wollte sie am liebsten die ganze Zeit nur Eis essen. Am liebsten Kirsche.

Katie war sich sicher, dass die nette Frau von heute Nachmittag das erlauben würde, wenn sie ihre Mommy wäre. „Ich meine die Lady, die so aussieht wie Mommy.“

„Ich kenne Miss Tamberlaine noch nicht gut genug, um sie nett zu finden“, beantwortete er Katies Frage.

Das entsprach nicht so ganz der Wahrheit. John hatte nämlich durchaus das Gefühl, diese Frau gut genug zu kennen, um sie eben nicht nett zu finden, aber das behielt er lieber für sich. Wenn seine Tochter so großherzig war, sie zu mögen, dann wollte er sie ihr nicht schlecht machen.

Katie reckte das Kinn vor. „Also, ich fand sie nett.“ Dann warf sie ihrem Vater einen bedeutungsschweren Blick zu. „Sie hat mich ganz toll umarmt.“

John hätte fast laut losgelacht. Versuchte die Kleine etwa gerade, ihn zu beeinflussen? „Nein, du hast sie ganz toll umarmt“, verbesserte er sie. „Sie hat bloß darauf reagiert.“ Weil sie gerade an einer roten Ampel standen, lehnte er sich kurz zu Katie hinüber. „Wer umarmt am besten auf der ganzen Welt?“, wollte er von ihr wissen.

Katie strahlte über das ganze Gesicht. Diese Frage kannte sie nur zu gut. „Ich“, erwiderte sie und wies mit dem Daumen auf ihre Brust.

„Darauf kannst du deinen süßen kleinen Hintern verwetten“, bestätigte John. Dann sah er sie an und erkannte, wie erschöpft sie war … obwohl sie ganz offensichtlich versuchte, das vor ihm zu verbergen. Ihm zog sich das Herz zusammen. „Bist du müde, mein Schatz?“

Kate zuckte mit den Schultern. Es hatte keinen Sinn, ihn anzulügen, Daddy durchschaute sie doch immer. „Nur ein bisschen“, gab sie also zu.

„Gleich sind wir zu Hause“, versprach John.

Die Ampel hatte gerade erst auf Grün geschaltet, da trat er auch schon das Gaspedal durch. Schuldgefühle nagten an ihm. Ich habe Katie viel zu lange draußen spielen lassen, warf er sich vor. Ganz schön egoistisch!

Als er seine Tochter heute mit zu seiner Arbeitsstelle genommen hatte, hatte er nicht etwa an sie gedacht, sondern nur an sich selbst. Er hatte sie einfach bei sich haben wollen, hatte so viel wie möglich von ihrer Fröhlichkeit und ihrer Unschuld mitbekommen wollen. Diese Erinnerungen wollte er ganz fest im Gedächtnis behalten, denn vielleicht würde sie schon bald nicht mehr …

Nein, verdammt! Genug mit dieser Schwarzmalerei, sagte John sich. Katie wird noch ganz gesund und steinalt und macht mich auch noch zum mehrfachen Urgroßvater.

Aber es half alles nichts, John machte sich große Sorgen. Ganz besonders wenn er mitten in der Nacht wach lag, nagte die Angst an ihm, hartnäckig und unnachgiebig. Und es gab ja durchaus Anlass zur Sorge: Auf seinem Konto gab es fast kein Geld mehr. Eine feste Anstellung konnte er aber nicht annehmen, weil er sich immer wieder Zeit für Katie nehmen musste, wenn es ihr gerade sehr schlecht ging. Mangels Festanstellung nahmen ihn die gesetzlichen Krankenkassen nicht auf, und die privaten verlangten horrende Beiträge. Und diese Tamberlaine-Erbin tat doch tatsächlich so, als wäre sie in einer ausweglosen Lage. Sie hatte ja keine Ahnung!

Als John die Auffahrt zu dem kleinen, von Stiefmütterchen gesäumtem Haus hochfuhr, in dem er und Katie wohnten, war diese bereits im Kindersitz eingeschlafen. Offenbar war sie wirklich sehr müde gewesen. So war das oft: Die Erschöpfung brach ganz unvermittelt über Katie herein und entzog ihr alle Energie.

John öffnete die Beifahrertür, hob seine Tochter vorsichtig aus dem Sitz und trug sie ins Haus, um sie dort sofort ins Bett zu bringen. Nachdem er sie zugedeckt hatte, blieb er noch eine Weile neben ihr stehen und betrachtete sie. Was würde ich bloß ohne dich anfangen? fragte er sich, dann seufzte er und verließ langsam das Zimmer.

Anschließend ging er sofort zu dem Telefon, das in der Küche stand. Er nahm den Hörer auf und wählte die erste Position des automatischen Nummernspeichers aus: Katies Herzspezialist. Eigentlich sollte ein Vierjährige noch gar keinen Herzspezialisten brauchen, dachte John verbittert, sondern bloß einen Kinderarzt. Und eigentlich sollte ich sie bloß hin und wieder zum Impfen fahren müssen, nicht zum EKG.

Ich sehe das nicht ein, dachte Courtney. Ich rufe jetzt noch mal Parsons an und bringe ihn zur Vernunft. Es kann doch einfach nicht sein, dass ich innerhalb eines knappen Monats einen passenden Ehemann finden soll!

Nun gut, eigentlich hatte sie insgesamt sehr viel mehr Zeit gehabt, denn ihr Vater war bereits vor elf Jahren gestorben … Aber trotzdem: Sie war eben bis jetzt noch nicht bereit für eine Hochzeit gewesen. Nun denn, eigentlich war sie das jetzt immer noch nicht. Und es würde doch mit dem Teufel zugehen, wenn Parsons kein Verständnis für ihre Lage aufbrächte.

Als Courtney mit dem Anwalt sprach, stellte sich jedoch schnell heraus, dass er ein Herz aus Stein haben musste. Mit monotoner Stimme erklärte er ihr noch einmal, dass er sich genau nach der im Testament festgehaltenen Regelung richten würde. Gerade wollte sie Parsons mit einer weiteren Reihe von Argumenten konfrontieren, da hörte sie es in der Leitung piepen: Offenbar versuchte gerade jemand, sie zu erreichen.

Courtney ignorierte das Geräusch einfach und setzte das Gespräch fort. „Mr Parsons, ich lasse mich von Ihnen nicht einschüchtern, ich …“

Nun piepte es schon wieder in der Leitung! Das war jetzt bereits das dritte Mal, dass jemand sie anrief, während sie mit dem Anwalt telefonierte. Und der Anrufer ließ ihr nie lange Ruhe. Hatte er endlich aufgelegt, versuchte er es fünf Minuten später gleich noch einmal. Ihr wurde klar, dass es nichts brachte, den wiederkehrenden Piepton weiter zu ignorieren: Diese Person würde ja doch nicht aufgeben.

„Bleiben Sie bitte kurz in der Leitung, Mr Parsons“, bat Courtney ihren Anwalt ungeduldig. „Bei mir klopft gerade schon wieder jemand in der Leitung an, der sich einfach nicht abwimmeln lässt.“

„Sieht so aus, als gäbe es hier mehrere Leute, die sich nicht so leicht abwimmeln las…“

Schnell drückte Courtney den Anwalt aus der Leitung. Sie empfand leise Genugtuung dabei, ihn mitten im Satz unterbrochen zu haben.

Nun wandte sie sich dem aufdringlichen Anrufer zu. „Ja, bitte?“, begrüßte sie ihn bissig.

„Miss Tamberlaine?“

Die tiefe Stimme klang irgendwie vertraut, trotzdem konnte Courtney sie nicht einordnen. „Ja, mit wem spreche ich, bitte?“

„Mit John Gabriel, Miss Tamberlaine.“ Offenbar fiel es ihm schwer, die Worte herauszubringen. „Können wir uns vielleicht irgendwo treffen, um uns noch einmal über das Angebot zu unterhalten, das Sie mir heute gemacht haben?“

Eine seltsame Mischung aus Triumph und Enttäuschung überkam Courtney. Da hatte sie ihm doch tatsächlich geglaubt, als er ihr versichert hatte, dass er nicht käuflich sei. Sie hatte tatsächlich geglaubt, dass er anders war als andere. Dabei hätte sie eigentlich wissen müssen, dass die Menschen im Grunde alle gleich waren, wenn man nur ein bisschen an der Oberfläche kratzte. Jeder war käuflich, es war bloß eine Frage der Summe. Hatte sie diese Lektion denn nicht schon oft genug gelernt?

„Warten Sie bitte kurz“, sagte sie knapp. „Ich muss noch schnell mein Gespräch auf der anderen Leitung beenden.“

4. KAPITEL

So hatte Courtney sich das eigentlich nicht vorgestellt.

Ungeduldig durchsuchte sie die gut bestückte Bar, die ihr Vater vor über zwanzig Jahren aus Japan eingeflogen hatte. Wo war bloß die Flasche mit dem Tonic Water? Courtney kam sich vor wie in einem Traum, sie konnte einfach nicht glauben, dass ihr das wirklich alles passierte.

Sie schaute kurz zu dem gut aussehenden Mann hinüber, der auf ihrem riesigen, makellosen weißen Sofa Platz genommen hatte. Obwohl er auf eine ungeschliffene, etwas derbe Art geradezu umwerfend aussah, änderte das nichts. Es änderte nichts daran, wie es ihr mit dem Gespräch ging, das sie gleich führen würden. Sie war traurig, wütend und trotzig zugleich. Und sie fühlte sich in die Ecke gedrängt.

Dass sie diese Gefühle einmal ihrem zukünftigen Ehemann gegenüber haben würde, hatte sie sich nie träumen lassen. Eigentlich müsste sie doch jetzt überglücklich, berauscht und trunken vor Freude sein − und außerdem Hals über Kopf verliebt, oder zumindest so etwas in der Art.

Mit mürrischem Blick betrachtete Courtney den Hinterkopf ihres zukünftigen Ehemannes, während sie ihm den Drink brachte, den er ihr genannt hatte, nachdem sie darauf bestanden hatte. In diesem Moment drehte er sich zu ihr um, und sie sah schnell nach unten. Als sie ihm schließlich doch in die Augen schaute, hatte sie eine trotzige Miene aufgesetzt.

„Bitte schön, Ihr Gin Tonic.“ Courtney überreichte ihm den Drink und setzte sich John Gabriel gegenüber auf ein s-förmiges Sofa. Unbewusst schaffte sie räumliche Distanz, um sich abzugrenzen. Schließlich saßen sie hier nicht zusammen, um einen freundschaftlichen Schwatz zu halten, das wussten sie beide.

Mandys Pudel Cuddles sprang neben ihr auf das Sofa, bellte einmal kurz und sprang dann wieder hinunter, um weiter das Zimmer zu erforschen. Der Hund war heute Abend das reinste Nervenbündel.

Nicht nur der Hund.

Wie schaffte es dieser Mann bloß, dass sie sich in seiner Gegenwart so unbeholfen und tollpatschig vorkam? Lag es etwa daran, dass sie den Eindruck hatte, er würde über sie richten? Ihr mit seinen seegrünen Augen bis in die Seele blicken? Dabei war es ihr wirklich herzlich egal, was er von ihr hielt, er und alle anderen. Schließlich waren ihr die Meinungen anderer Leute bisher immer herzlich egal gewesen.

Warum sagte er bloß nichts? Hatte er etwa vor, sie den ganzen Abend lang nur anzustarren? Dabei war er doch derjenige gewesen, der sie heute Nachmittag angerufen hatte, sie hatte seine Nummer nicht gewählt.

Courtney setzte sich auf dem Sofa zurecht und zog die Beine auf die Sitzfläche. „Wo haben Sie denn Katie gelassen?“

Diese Frau hat unendlich lange Beine, dachte John. Langsam ließ er den Blick darüber gleiten, während sie sie unter den Körper zog. Dabei rutschten ihre Shorts ein Stück nach oben, und sie zupfte sie am Saum wieder zurecht. Die weiße kurze Hose bedeckte gerade mal das Nötigste. Man konnte nicht gerade sagen, dass Miss Tamberlaine sich für das bevorstehende Gespräch besonders anständig angezogen hatte.

Aber dann wiederum war auch ihr Angebot an ihn nicht gerade anständig gewesen. Gut, er brauchte das Geld dringend, aber das hielt ihn noch lange nicht davon ab, ihr das Angebot übel zu nehmen oder es sich selbst übel zu nehmen, dass er darauf einging. Eigentlich gehörte sich so etwas nicht. Selbst als er Diane heiratete, hatte er zumindest noch die Illusion, dass ein glückliches Leben vor ihnen beiden lag. Hier konnte er sich so etwas nicht einreden. Es war eine rein geschäftliche Angelegenheit. Das machte die Sache einfacher und gleichzeitig komplizierter.

„Katie ist zu Hause“, beantwortete er die Frage nach seiner Tochter. „Es passt jemand auf sie auf.“ Dann sah er Courtney ins Gesicht. „Ich hielt es für besser, dass sie sich das hier nicht anhört.“

Aber warum denn nicht? Soll sie etwa nicht mitbekommen, wie käuflich Daddy ist?

Der Gedanke huschte ihr durch den Kopf, und fast hätte sie ihn laut ausgesprochen. Gerade noch rechtzeitig konnte sie sich davon abhalten.

„Nein“, erwiderte sie stattdessen. „So ist es wohl wirklich besser.“ Auf einmal brauchte Courtney etwas, woran sie sich festhalten konnte, also nahm sie eines der Velourslederkissen, die zur Dekoration auf den Sitzmöbeln lagen, und drückte es an sich. „Mit vier Jahren ist sie noch ein bisschen zu jung, um ihre Illusionen zu verlieren.“

Die Art, wie Courtney diese Worte aussprach, weckte seine Neugier. „Wie alt waren Sie denn, als Sie Ihre Illusionen verloren haben?“

Sie zuckte mit den Schultern und wickelte sich die azurblauen Fransen des Lederkissens um die Finger. „Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Das war eine ganz allmähliche Entwicklung, da gab es kein bestimmtes Aha-Erlebnis wie bei manchen Kindern, wenn sie eines Tages herausfinden, dass es den Weihnachtsmann in Wirklichkeit gar nicht gibt.“ Ihr Vater hatte ihr damals immer gesagt, dass sie schon als Erwachsene geboren worden war. Womöglich hatte er recht gehabt. Und die Männer, denen sie in ihrem Leben begegnet war, hatten sie nur noch weiter auf den Boden der Tatsachen geführt. „Ja, ich habe meine Illusionen ganz allmählich verloren.“ Courtney sah John direkt in die Augen. „Man könnte sogar sagen, dass der Vorgang noch nicht abgeschlossen ist.“

Ihr Blick wirkte geradezu vorwurfsvoll, dabei hatte John ihr doch gar nichts getan. Dadurch, dass er auf ihr Angebot einging, verletzte er sich in erster Linie selbst: Er verriet damit seine eigenen Prinzipien.

Courtney betrachtete Johns Gesicht, während er schweigend dasaß. Es sah so aus, als würde er sie verstehen, oder als hätte er zumindest Mitleid mit ihr. „Und Sie?“, erkundigte sie sich. „Wie alt waren Sie, als Sie Ihre Illusionen verloren haben?“

Es überraschte John, dass sie sich für ihn als Person interessierte. „Ich kann mich auch nicht mehr genau erinnern.“ Er hielt inne, um genauer über die Frage nachzudenken. „Ich glaube nicht, dass ich jemals welche hatte.“

Vor seinem geistigen Auge sah er Diane, und er erinnerte sich daran, wie wunderbar ihm die Beziehung anfangs vorgekommen war. Endlich jemanden gefunden zu haben, den er liebte. Endlich das Gefühl zu haben, dass etwas wirklich passte.

Aber dann war doch wieder alles kaputtgegangen.

„Na ja, vielleicht früher einmal“, räumte er schließlich ein. „Aber dann bin ich erwachsen geworden.“

Auf einmal war John danach, einen großen Schluck von seinem Drink zu nehmen. Sofort schoss ihm das Wasser in die Augen, und er musste sich sehr beherrschen, um nicht loszuhusten und alles wieder auszuspucken. Ihm brannte die Kehle. Der Gin Tonic bestand fast ausschließlich aus Gin. Ob Courtney Tamberlaine den Drink absichtlich so gemischt hatte?

John atmete tief durch, um sich wieder etwas zu fassen, und stellte das Glas auf dem schweren Couchtisch ab, der zwischen ihnen stand.

Courtney schien von seinem Problem mit dem Drink gar nichts mitbekommen zu haben. „Na ja, es hilft ja nichts, Dingen nachzutrauern, die eben einfach nicht sein sollen“, sagte sie. „Stattdessen sollten wir uns lieber mit dem Unvermeidlichen auseinandersetzen, stimmt’s?“ Sie wartete seine Antwort gar nicht erst ab. „Ich nehme an, Sie sind hier, um mit mir die Details durchzusprechen, in Bezug auf unsere zukünftige …“ Courtney hielt inne und suchte nach einer Möglichkeit, das eigentliche Wort zu umgehen. „… Zusammenarbeit.“ Na also, das traf es doch. „Habe ich recht?“

John reagierte nicht sofort. Er konnte immer noch nicht ganz glauben, dass er nun tatsächlich diese Zweckehe in Erwägung zog, die Courtney Tamberlaine ihm angeboten hatte. Doch dann musste er wieder an das denken, was ihm Katies Herzspezialist heute am Telefon mitgeteilt hatte: Die letzten Untersuchungen im Krankenhaus hatten ergeben, dass Katie sehr viel früher wegen des Loches in ihrem Herzen operiert werden musste, als John angenommen hatte. Sehr viel früher, als sein Bankkonto es zuließ.

Um die letzte Operation zu bezahlen, hatte er das Haus, in dem sie wohnten, mit einer zweiten Hypothek belasten müssen. Nun gab es für ihn keine Möglichkeit mehr, ein Darlehen aufzunehmen.

Die einzige Alternative wäre gewesen, sich an Dianes Eltern zu wenden, aber das kam für ihn gar nicht in Frage. Immerhin hatten Howard und Elizabeth Divers ihm deutlich zu verstehen gegeben, was sie von ihm hielten, nämlich nichts. In ihren Augen war Katie gar nicht ihr Enkelkind, sondern „bloß“ seine Tochter. Auf Dianes Beerdigung hatte er den Fehler begangen, den beiden sein Beileid auszusprechen. Im Gegenzug war er beschimpft worden. Nun denn, wenn sie nichts als Hass für ihn übrig hatten, dann sollte es wohl so sein.

Da war es John schon lieber, sich an eine vollkommen fremde Person zu wenden, selbst wenn das bedeutete, dass er einen Pakt mit dem Teufel schließen musste.

Irgendwie, so sagte er sich, war es ja auch nur eine Art von vielen, sich sein Geld zu verdienen. Erneut hob er das Glas an und nahm einen weiteren Schluck. Dieses Mal brannte es ihm schon nicht mehr so sehr in der Kehle, schließlich wusste er jetzt, was auf ihn zukam. Vielleicht würde er mit Courtney ja auch besser klarkommen, wenn er sie erst besser einschätzen konnte? „Sie meinten, Sie würden mir zweihunderttausend Dollar zahlen“, sagte er.

Sieh mal einer an, dachte Courtney. Er gehört ganz bestimmt nicht zu der Sorte Menschen, die ihre Zeit mit Palaver verschwenden. Nun denn, was hatte sie auch anderes erwartet? Sie lächelte eisig. „Das ist für Sie natürlich bloß eine kleine Nebensächlichkeit, nehme ich an.“ Sie runzelte die Stirn. Versuchte er etwa, mehr herauszuholen? „Bevor wir weiterreden, möchte ich Sie darauf hinweisen, dass ich nicht mit mir darüber verhandeln lasse.“

Verdammt, wenn es hier nicht um Katie ginge, würde John ihr jetzt sagen, wo sie sich ihr dämliches Geld hinstecken konnte, Dollar für Dollar … Als ob er derjenige wäre, der sie um ihr Vermögen bringen wollte, schließlich hatte sie ihm doch dieses Angebot gemacht und ihm dabei eine Summe genannt.

Irgendwie gelang es ihm, ruhig zu bleiben. „Ich bin mit zweihunderttausend Dollar einverstanden.“

Es überraschte Courtney, dass er so schnell nachgab. Eigentlich wäre sie sogar bereit gewesen, mehr zu zahlen, wenn es hätte sein müssen. Nachdenklich betrachtete sie ihn, ließ den Blick über seine wie in Stein gemeißelten Gesichtszüge und das dunkelblonde gelockte Haar gleiten. Schließlich legte sie das Dekokissen zur Seite und neigte sich nach vorn. „Gut.“

John fragte sich, ob sie die Bluse extra für ihn angezogen hatte. Sie war knallpink und direkt unter den Brüsten geknotet. Dadurch zog sie den Blick direkt auf das verführerisch entblößte Dekolleté. Bei dem Anblick konnte kein Mann einen klaren Kopf behalten!

Autor

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