Bianca Exklusiv Band 281

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ECHO DER LIEBE
von MILLER, LINDA LAEL

Fast hätte Echo ihn umgefahren -Rance McKettrick, den reichsten und bestaussehenden Mann im Ort. Je näher sie den jungen Witwer mit zwei Töchtern kennenlernt, desto kühner werden ihre Träume. Aber mittellose Waise und schwerreicher Unternehmer …kann das gut gehen?

FAMILIE GESUCHT, LIEBE GEFUNDEN
von JENSEN, MURIEL

Die Suche nach ihren leiblichen Eltern führt China zur vermögenden Familie Abbott. Alle nehmen sie herzlich auf - nur nicht Campbell, ihr attraktiver neuer Bruder. Erst als ein DNA-Test beweist, dass China doch keine Abbott ist, vertraut er ihr seine Gefühle an …

TRAUMHOCHZEIT FÜR CAROLINE
von THACKER, CATHY GILLEN

Als Hochzeitsplanerin lässt Caroline Träume wahr werden, privat blieb ihr das große Glück bislang verwehrt. Doch dann trifft sie den faszinierenden Unternehmer Jack Gaines. In seinen Armen wünscht Caroline sich insgeheim, endlich selbst als Braut vor dem Altar zu stehen …

  • Erscheinungstag 03.03.2017
  • Bandnummer 0281
  • ISBN / Artikelnummer 9783733733018
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Linda LaelMiller, MurielJensen, Cathy GillenThacker

Bianca Exklusiv BAND 281

1. KAPITEL

Der Hund hockte mit nassem, verfilztem Fell auf dem rutschigen Gehsteig neben Echo Wells’ rosa lackiertem VW Käfer. In der Hoffnung, nicht allzu nass zu werden, stürzte Echo aus dem Truckstop-Restaurant. Als sie den Hund sah, blieb sie wie angewurzelt stehen.

„Ich kann keinen Hund brauchen“, erklärte sie dem Universum und legte den Kopf in den Nacken.

Der Hund winselte. Das große Tier war von unbestimmter Farbe und Rasse. Eine leichte Vertiefung am Hals deutete darauf hin, dass er früher einmal ein Halsband getragen hatte. Seine Rippen zeichneten sich deutlich unter dem Fell ab. Auf einer Vorderpfote entdeckte sie einen bräunlichen Blutfleck.

„Ach, zur Hölle!“, rief Echo. Sie sah sich auf dem Parkplatz um. Abgesehen von ein paar kleinen Lastern und einem uralten Wohnwagen war er leer. Sie sah keine Menschenseele und vor allem niemanden, der nach einem weggelaufenen Tier Ausschau hielt.

Der Hund schien schon seit Tagen allein zu sein, wenn nicht seit Wochen oder sogar Monaten. Bei der Vorstellung, wie einsam und verängstigt er sein musste, bekam Echo Mitleid.

„Ich habe den Wagen gerade putzen lassen“, erklärte sie dem Hund. Der Käfer war die einzige Eitelkeit, die sie sich leistete.

Das Tier winselte erneut. Dann sah es so hoffnungsvoll mit seinen schwermütigen Augen zu ihr auf, dass Echos Herz dahinschmolz.

Resigniert lief sie um den Wagen und öffnete die Beifahrertür mit einer Hand, während sie auf der anderen die Schachtel mit dem Abendessen balancierte. Der Hund schlich geduckt neben ihr her. Er hinkte ein wenig.

„Komm schon“, lockte sie sanft. „Spring rein.“

Einen Moment zögerte der Hund, dann hüpfte er auf den Sitz – schmutzig und nass, wie er war. Echo seufzte, öffnete die Schachtel und fütterte, im Regen stehend, den Hund mit den Resten des Hackbratens.

Der ausgehungerte Hund schlang sein Abendessen hinunter. Anschließend sah er Echo so herzergreifend an, dass ihr Tränen in die Augen schossen.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte sie zu ihm und zu sich selbst. „Alles wird gut.“

Zweieinhalb Stunden später, am Stadtrand von Phoenix, fuhr sie auf den Parkplatz einer günstigen Hotelkette. Während Echo einen ihrer Koffer aus dem Auto wuchtete, erledigte das Tier diskret hinter einem Busch sein Geschäft.

„Jetzt wirst du erst mal gebadet.“ In ihrem Zimmer lotste Echo den Hund direkt ins Badezimmer.

„Na so was“, rief sie, nachdem sie ihn gründlich abgeduscht hatte. „Du weißt das vielleicht nicht, aber du bist ein weißer Labrador. Und noch dazu ein weiblicher.“

Der Hund wedelte mit dem Schwanz, als hätte er sie verstanden.

„Du brauchst einen Namen“, beschloss sie, als sie ihn mit einem Handtuch trockenrieb. „Und irgendwie hast du etwas Geheimnisvolles und Mystisches an dir – ich glaube, das liegt an deinen Augen.“ Sie überlegte. „Deshalb taufe ich dich auf den Namen Avalon.“

Rance McKettrick betrachtete das Schaufenster neben Coras Laden, einer Mischung aus einem Schönheitssalon und einer Halle für rhythmische Sportgymnastik. Offenbar bemerkte er, dass das Verkaufsschild aus dem staubigen Fenster verschwunden war.

„Hast du endlich den Laden verkauft?“, fragte er.

Seufzend musterte Cora den gut aussehenden Ehemann ihrer verstorbenen Tochter. Er war über einen Meter fünfundachtzig groß. Und trotz des teuren Anzugs gelang es ihm, wie ein wilder Cowboy auszusehen, der gerade von seiner Ranch geritten war. Sein Haar war dunkel. In den markanten blauen Augen lag tiefer Kummer. Seit Julies Tod vor fast fünf Jahren schien Rance nicht mehr ganz am Leben zu sein. Wie eine Marionette erfüllte er seine Pflichten und Aufgaben, mehr aber auch nicht.

Auch Cora vermisste Julie, vielleicht sogar noch mehr als er, denn nichts auf der Welt war schmerzlicher, als das eigene Kind zu begraben. Aber ihren Enkelinnen zuliebe hatte sie sich mit ihrer Trauer abgefunden. Die Mädchen waren erst sechs und zehn Jahre alt. Sie brauchten ihre Großmutter. Natürlich brauchten sie auch Rance, der die beiden auf seine eigene, zerstreute Art liebte. Doch offenbar schaffte er es, die Gefühle für seine beiden Töchter auf Eis zu legen, sobald er auf Geschäftsreisen ging – was sehr häufig der Fall war.

„Es wird eine Buchhandlung“, erklärte Cora. „Die unsere kleine Stadt sehr gut gebrauchen kann.“

„Ich wollte fragen, ob Rianna und Maeve für ein paar Tage bei dir bleiben können“, sagte er, ohne sie anzusehen. „Ich habe einen wichtigen Termin in San Antonio, im Hauptbüro.“

McKettrickCo, der Konzern, der Rances Familie unendlich reich gemacht hatte, stand kurz vor seinem Börsengang. Wenn sich nun alle in San Antonio trafen, musste es sich wirklich um einen wichtigen Termin handeln. Rances Cousin Jesse interessierte sich bekanntermaßen überhaupt nicht für die Firmengeschäfte.

„Rance“, begann Cora vorsichtig, „Rianna hat Samstag Geburtstag. Sie will eine Party feiern. Und Maeve bekommt Montagmorgen ihre Zahnspange, für den Fall, dass du das vergessen hast.“

Rance warf genervt die Arme in die Luft. „Rianna und Maeve haben kein Problem damit“, behauptete er. „Wir können die Geschichte mit der Zahnspange verschieben, und Sierra wird an Riannas Geburtstag eine kleine Party auf der Ranch schmeißen.“

Cora verschränkte die Arme vor der Brust. Zwar spielte sie ihre Trumpfkarte nicht gern aus, aber genau das war es, was Rance McKettrick brauchte, um verflixt noch mal endlich zu kapieren, dass seine Töchter ihn brauchten. Er konnte sie nicht behandeln wie irgendwelche Termine, die er verschob, um seine verrückten und komplett überflüssigen Geschäfte zu machen. „Was würde Julie deiner Ansicht nach zu dem sagen, was mit ihren Kindern geschieht, Rance? Und mit dir?“

Einen Moment sah er aus, als hätte sie ihn geschlagen. Dann stieß er verärgert die Luft aus. „Verdammt, Cora, das war unter der Gürtellinie.“

„Nenn es, wie du magst“, entgegnete Cora und zwang sich dabei, kein Mitleid zu zeigen. „Du und diese beiden kleinen Mädchen haben Julie mehr bedeutet als alles andere auf der Welt. Sie hat ihre Karriere aufgegeben, um euch allen ein Heim zu schaffen, dort draußen auf Triple M. Und jetzt behandelst du dieses Heim wie ein Hotel, in dem man ein- und auscheckt, wie es einem passt.“

Nach diesem Vorwurf schwieg Rance lange. Cora wartete mit angehaltenem Atem ab.

„Kümmerst du dich nun um Rianna und Maeve oder nicht?“, fragte er schließlich.

Obwohl sie damit gerechnet hatte, dass das Gespräch auf diese Weise enden würde, verspürte Cora bittere Enttäuschung.

„Das weißt du doch genau“, sagte sie nur. „Tu, was du tun musst. Ich kümmere mich um Rianna und Maeve.“

„Ich weiß das zu schätzen“, sagte Rance. Cora wusste, dass er es ernst meinte. Aber leider Gottes nicht ernst genug.

Rance sah seiner Schwiegermutter hinterher, wie sie ins Curl and Twirl stolzierte und die Tür hinter sich zuknallte. Dabei hatte er das Gefühl, vor den Augen aller übers Knie gelegt worden zu sein. Zu allem Überfluss schoss in diesem Moment auch noch ein bonbonrosa Käfer in den freien Parkplatz, auf dem er stand, und fuhr ihm dabei beinahe alle Zehen ab.

Es war gut, seinen Ärger auf etwas anderes zu richten. „Was zur Hölle …“, stieß er hervor und stürmte zur Fahrerseite des Wagens.

Das Fenster wurde geöffnet, und eine Blondine mit großen haselnussbraunen Augen und Zopf blinzelte ihn an, mit leicht geröteten Wangen.

„Tut mir leid“, sagte sie.

Rance beugte sich vor. Ein weißer Hund, der auf dem Beifahrersitz angeschnallt war, knurrte ihn warnend an. „Ich habe keine Ahnung, wo Sie herkommen, Lady“, sagte Rance, „aber in dieser Gegend muss man normalerweise nicht um sein Leben fürchten, nur weil man in sein Auto steigen will.“

„Gehört dieser Geländewagen Ihnen?“, fragte sie nach einem Blick in den Rückspiegel.

„Ja“, antwortete er und begriff nicht, was sein Wagen damit zu tun haben sollte.

„Wenn Sie ein vernünftiges Auto fahren würden und nicht so eine gigantische Benzinschleuder, dann hätten Sie mich gesehen und dieser ganze Nicht-Unfall wäre nicht passiert.“

Diese Dreistigkeit verblüffte Rance so, dass er auflachte, allerdings nur kurz und unwirsch, woraufhin der Hund sofort wieder zu knurren begann.

Wieder blinzelte sie. Doch dann streckte sie eine schlanke Hand durch das Fenster, was ihn fast genauso erschreckte wie ihr rasanter Einparkstil. „Echo Wells“, sagte sie.

„Wie bitte?“

„Das ist mein Name“, erklärte sie.

Er ergriff ihre Hand. Sie fühlte sich kühl und weich an.

„McKettrick“, sagte er etwas verspätet, wobei er ihre Hand länger festhielt als nötig. „Rance McKettrick.“

Plötzlich lächelte sie, und Rance fühlte sich irgendwie wie aus dem Hinterhalt überfallen.

„Ist ja nichts passiert“, sagte sie.

Dessen war er sich nicht so sicher. Denn er fühlte sich merkwürdig erschüttert. Vielleicht hatte sie ihn doch überfahren, mit allen vier Rädern, und er hatte es irgendwie überlebt und stand in einer wirren Verfassung wieder auf seinen Beinen? „Was für ein Name soll Echo Wells denn sein?“, hörte er sich fragen.

„Was soll Rance McKettrick denn für ein Name sein?“, schoss sie zurück.

Ohne Rance aus den Augen zu lassen, beugte sie sich zur Seite, um dem Hund ein paar Mal beruhigend übers Fell zu streichen. Instinktiv wünschte Rance, er könnte mit dem Tier tauschen. Doch da er ein äußerst praktischer Mann war, schob er den albernen Gedanken umgehend weit von sich.

„Wären Sie so nett, zur Seite zu gehen?“, fragte Echo in süßsaurem Ton. „Es war eine lange Fahrt, und ich würde gern aussteigen.“

Sie reichte ihm gerade bis ans Kinn, und das knappe rosa-weiße Sommerkleidchen musste die kleinste Größe haben. Anstelle der Highheels, die er wegen des Kleides erwartet hatte, trug sie knöchelhohe, rosa Turnschuhe mit goldenen Schnürsenkeln. Sie lächelte verträumt, als ob Rance durchsichtig geworden wäre und sie durch ihn hindurch das Land auf der anderen Straßenseite betrachten könnte.

„Willkommen in Indian Rock.“ Das sagte er eigentlich nur, um ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen. Durchaus möglich, dass sein Tonfall dabei ein klein wenig angespannt klang.

Statt zu antworten, ging sie um ihn herum auf den Gehsteig, öffnete die Tür und ließ den Hund heraus. Avalon – was für ein alberner Name für einen Hund. So einen versponnenen Namen konnte man nur von jemandem erwarten, der einen Bergkristall am Rückspiegel hängen hatte und rosa Turnschuhe passend zum rosa Auto trug.

Immer noch stumm, nahm Echo Wells ihre Handtasche aus dem Auto und kramte darin nach einem Schlüssel. Dann marschierte sie direkt zu dem Laden neben dem Coras Curl and Twirl und steckte ihn ins Schloss.

Das war die neue Besitzerin? Er hatte jemand ganz anderes erwartet. Jemanden, der Cora mehr ähnelte. Aber auf jeden Fall nicht so eine Frau.

Bevor Rance sich abwenden konnte, wurde die Tür von Coras Laden aufgerissen, und seine Töchter stürmten heraus. Beide hatten sein dunkles Haar, doch die grünen Augen von Julie. Es hatte ein ganzes Jahr gedauert, bis er nach Julies Unfall in der Lage gewesen war, in diese Augen zu schauen, ohne zusammenzuzucken.

„Wir hätten beinahe vergessen, uns zu verabschieden!“, sagte Rianna, die Jüngere, und umklammerte mit beiden Armen sein rechtes Bein. Am Samstag feierte sie ihren siebten Geburtstag.

Maeve, die für ihre zehn Jahre ziemlich groß war, hielt sich an seiner Taille fest. Rance schmolz das Herz, und seine Augen brannten ein wenig. Er umarmte die beiden Mädchen, dann beugte er sich herab, um sie auf die Stirn zu küssen.

„In ein paar Tagen bin ich zurück“, sagte er.

Doch Riannas Aufmerksamkeit richtete sich auf den rosa Volkswagen. Ehrfürchtig berührte sie den Kotflügel, als handelte es sich um eine verzauberte Kutsche, die sechs weiße Pferde zogen.

„Sieht aus wie das Auto von Barbie“, sagte sie verwundert. „Nur größer.“

Maeve, ganz Frau von Welt, verdrehte die Augen.

Die Tür des künftigen Buchladens öffnete sich. Rance hörte eine Türglocke bimmeln. Mit einer nackten, wunderhübschen Schulter lehnte Echo am Türrahmen und lächelte den Mädchen zu.

„Hi“, sagte sie und sah die beiden Mädchen freundlich und aufmerksam an, ohne Rance zu beachten. „Ich heiße Echo. Und ihr?“

„Echo“, seufzte Rianna verzaubert.

„Das hast du bestimmt erfunden“, warf Maeve ein, ganz die Tochter ihres Vaters. Doch sie klang trotzdem fasziniert.

„Da hast du recht, den Namen habe ich erfunden – gewissermaßen“, sagte Echo. „Aber er passt zu mir, findet ihr nicht?“

„Und wie heißt du in echt?“

Rance hätte sich längst auf den Weg zum Flughafen machen müssen, wo der Privatjet von McKettrickCo mit Keegan und Jesse an Bord bereits auf ihn wartete. Doch er war auf die Antwort mindestens so gespannt wie Maeve.

„Das ist ein Geheimnis.“ Echo legte einen Finger an die Lippen. „Vielleicht verrate ich es euch, wenn ich euch etwas besser kenne.“

„Ich heiße Maeve“, erklärte Rances älteste Tochter.

„Und ich Rianna“, sagte die jüngere.

„Tja, wenn mein echter Name so schön wäre wie eure, dann hätte ich ihn behalten“, gestand Echo.

In Gedanken hörte Rance die gestarteten Motoren des Jets. „Ich muss jetzt gehen“, sagte er zu seinen Töchtern, die seine Existenz offenbar vergessen hatten.

Der weiße Hund schlüpfte an Echo vorbei. Er trottete zu Rianna und leckte ihr übers Gesicht. Rianna kicherte, streichelte den Hund mit beiden Händen und warf Rance einen Blick über ihre Schulter zu. „Bekommen wir auch einen Hund, Daddy?“

„Nein“, sagte er. „Ich verreise zu oft.“

„Das kannst du laut sagen“, sagte Maeve. Manchmal kam sie ihm vor wie eine kleine Erwachsene.

Bei dieser Bemerkung hob Echo eine ihrer wunderschönen Augenbrauen.

„Wiedersehen“, sagte Rance zu seinen Töchtern.

Rianna war viel zu sehr damit beschäftigt, mit dem Hund zu kuscheln, um zu antworten. Und Maeve warf ihm nur einen Blick zu. Er stieg in seine gigantische Benzinschleuder und fuhr davon.

„Ich mag dein rosa Auto“, sagte Maeve, allerdings erst, nachdem der Wagen ihres Vaters außer Sicht war.

„Ich mag deinen Hund“, ergänzte Rianna.

„Dad erlaubt nicht, dass wir einen haben“, verkündete Maeve.

„Er ist oft weg“, sagte Rianna.

„Wir sind die meiste Zeit bei Granny“, fügte Maeve hinzu.

„Reist eure Mutter auch so viel?“, fragte Echo.

„Sie ist tot.“

Vor Schreck zuckte Echo zusammen. „Oh.“ Etwas anderes fiel ihr nicht ein.

In diesem Moment öffnete sich die Tür von Curl and Twirl und eine Frau steckte ihren kunstvoll frisierten Kopf heraus. „Maeve, Rianna …“ Sie hielt inne, als sie zuerst den Hund entdeckte, dann das Auto und schließlich Echo. Ein strahlendes Lächeln erhellte ihr Gesicht. „Ach, Sie müssen Miss Wells sein“, sagte sie.

„Nennen Sie mich doch bitte Echo.“

„Gern“, entgegnete die Frau freundlich. „Ich bin Cora Tellington, und wie ich sehe, haben Sie meine Enkelkinder bereits kennengelernt.“

„Allerdings“, sagte Echo sanft.

Cora trat begeistert auf sie zu und schüttelte ihre Hand „Ich habe Sie erst in ein paar Tagen erwartet. Ich hätte im Laden noch etwas Staub gewischt und die Wohnung darüber gelüftet, wenn ich gewusst hätte, dass Sie so bald kommen.“

„Das ist sehr nett von Ihnen.“ Echo mochte die Frau bereits. Sie hatte den Laden ungesehen gekauft. Das komplette Geschäft war per Telefon, Fax und Post abgeschlossen worden.

„Ich freue mich darauf, die Wohnung schön herzurichten“, sagte Echo.

„Hast du gar keine Möbel?“, fragte Maeve, die durch das schmutzige Schaufenster spähte.

Rianna und Avalon stellten sich neben Maeve, um selbst einen Blick hineinzuwerfen.

„Wieso hast du einen Buchladen ohne Bücher?“, wollte Rianna wissen.

„Das kommt alles mit einem Umzugswagen“, erklärte Echo. „Bevor ich die Regale einräumen kann, habe ich noch eine ganze Menge zu tun.“

Rianna sah Echo besorgt an. „Wo schläfst du?“

„Hier“, antwortete Echo. „Avalon und ich haben heute Morgen an einem Supermarkt gehalten und Luftmatratzen und Decken gekauft.“

„Das ist wie Camping“, bemerkte Rianna.

„Nein, ist es nicht, du Doofi“, rief Maeve mit der Verachtung der älteren Schwester. „Camping macht man im Freien.“

„Genug“, unterbrach Cora sie freundlich. Doch sie sah genauso besorgt aus wie Rianna. „In meiner Wohnung ist jede Menge Platz“, sagte sie. „Und Hunde sind natürlich auch willkommen.“

Nach dieser aufrichtigen Einladung wurde Echo ganz warm ums Herz. „Wir kommen schon zurecht, nicht wahr, Avalon?“

Wenn es um einen Neuanfang ging, war Indian Rock genauso gut wie jeder andere Ort auf der Welt.

2. KAPITEL

Als Echo den Laden genauer unter die Lupe nahm, kamen ihr allerdings Zweifel. Sie würde jede Menge Arbeit und Geld in die Renovierung stecken müssen. Und das, wo ihre Geldreserven seit ihrem Entschluss stetig schrumpften.

Für den Laden hatte sie eine gut bezahlte Stelle in der Windy City aufgegeben, wo sie Benefizveranstaltungen für eine Kunstgalerie organisiert hatte. Auch ihr winziges Apartment mit Seeblick hatte sie verkauft. Dort hatte sie an ihren einsamen Abenden ein kleines Onlinegeschäft aufgebaut, das allerdings keinen Profit abwarf.

Zusammen mit Avalon stieg Echo die Treppe hinauf, um sich ihr neues Zuhause anzusehen: ein Zimmer und ein winziges Bad. Doch die Wohnung besaß einen gewissen Charme mit ihren unebenen Holzböden und den großen Fenstern. Eines davon ging auf die Straße, das andere nach hinten hinaus auf eine Gasse.

„Wir brauchen Putzmittel“, erklärte Echo Avalon. Diese neue Gewohnheit, Gespräche mit einem Hund zu führen, beunruhigte sie ein wenig. Die Wahrheit war, dass sie schon zu lange allein lebte und viel zu viele Worte aufgespart hatte. „Und etwas zu essen.“

Am Samstagmorgen öffnete Rianna McKettrick die Augen und blieb ganz still liegen. Im Bett gegenüber hörte sie Maeve leise und regelmäßig atmen.

„Ich bin sieben“, hätte Rianna am liebsten laut gesagt. „Gestern Abend, als ich ins Bett ging, war ich noch sechs. Aber heute Morgen bin ich sieben.“ Sie sprang aus dem Bett.

Gestern Abend, nachdem Granny sie und Maeve ins Bett gebracht und mit ihnen gebetet hatte, hatte Rianna ihrer Schwester zugeflüstert, dass sie glaubte, ihr Vater würde doch noch zu der Geburtstagsparty kommen. Schließlich hatte er einen eigenen Jet, mit dem er hin und herfliegen konnte, oder vielleicht nicht?

„Vergiss es“, sagte Maeve. „Er kommt nicht. Er ist beschäftigt.“

Riannas Hals begann zu schmerzen. Ihre Augen brannten jetzt so sehr, dass sie einen Moment lang nichts sehen konnte.

„Rianna, Liebling?“, rief Granny leise von unten an der Treppe. „Alles Gute zum Geburtstag, meine Süße.“

Das Mädchen schluckte schwer, setzte ein Lächeln auf und lief die Treppe hinunter. „Ich bin sieben“, verkündete sie.

Als Rianna unten ankam, beugte Granny sich nach vorn, um sie auf den Kopf zu küssen. „Das bist du allerdings. Ein richtig großes Mädchen.“ Danach nahm Granny sie fest in die Arme. Sie roch nach Flieder wie immer.

Maeve erschien in ihrem Schlafanzug auf der Treppe. Sie rieb sich die Augen und gähnte. „Ist das Frühstück fertig?“

„Ich bin sieben“, platzte Rianna heraus, nicht in der Lage, diese erstaunliche Tatsache für sich zu behalten.

„Toll“, sagte Maeve. „Trotzdem bist du ein Baby.“

„Maeve McKettrick“, schimpfte Granny. „Wenn du frech sein willst, geh besser gleich wieder zurück ins Bett.“ Sie wandte sich lächelnd an Rianna. „Und auf dich warten ein paar Geschenke in der Küche.“

Das verbesserte Riannas Laune schlagartig. Sie mochte Geschenke.

Neben Riannas Teller lag ein großer Berg Geschenke. Jedes einzelne war mit einer Schleife versehen, und sie vergaß sofort, dass Maeve sie Baby genannt hatte. Laut überlegte sie, welches davon wohl von ihrem Vater war.

Ganz kurz wurden Coras Lippen schmal. „Er hat etwas zur Ranch schicken lassen“, sagte sie. „Myrna Terp hat vorhin angerufen und es mir gesagt.“

„Ich hoffe, es ist ein Hund“, sagte Rianna.

„So ein Quatsch“, rief Maeve.

„Maeve“, mahnte Granny.

Maeve verdrehte die Augen. Das tat sie sehr oft. Rianna vermutete, dass ihre Augen eines Tages einfach aus ihrem Kopf fallen und auf dem Boden herumkullern würden.

„Vielleicht ist es auch eine Mommy“, überlegte Rianna.

„Man kann keine Mutter kaufen, Doofi“, entgegnete Maeve. Doch ein weiterer Blick von Cora ließ sie verstummen.

Derweil inspizierte Rianna das oberste Geschenk. „Kann ich es aufmachen?“

„Iss erst“, bestimmte Cora und stellte Riannas Lieblingsfrühstück auf den Tisch: French Toast mit Blaubeeren und Schlagsahne.

Nach dem Frühstück stürzte sie sich auf die Geschenke.

Ein Malbuch.

Ein kleines Plastikpony mit lavendelfarbener Mähne.

Außerdem bekam sie von Granny ein paar Kleider für die Barbiepuppen und ein goldenes Medaillon in einer roten Samtschachtel.

Als sie das Medaillon auspackte, hielt Rianna die Luft an. Maeve hatte genau so eins bekommen, als sie zehn wurde. Deshalb hatte Rianna geglaubt, dass sie noch weitere drei Jahre warten musste.

Mit zitternden Fingern öffnete sie das kleine herzförmige Medaillon. Darin entdeckte sie ein Foto von ihrer Mutter und eines von ihrem Vater. Beide lächelten.

„Das solltest du besser nicht verlieren“, sagte Maeve.

Wieder warf Cora Maeve einen warnenden Blick zu, dann legte sie Rianna die Kette um den Hals, obwohl sie noch immer ihren Schlafanzug trug.

Das dünne Goldkettchen glitzerte märchenhaft, als Rianna an sich herabsah. Mit einem leisen Schniefen wandte Cora den Kopf ab und blieb sehr lange am Spülbecken stehen.

„Sie vermisst Mom“, flüsterte Maeve ihr zu.

Ich auch, wollte Rianna sagen, verkniff es sich aber.

Maeve tätschelte ihre Hand und lächelte wie die alte Maeve – die Maeve, die ihre Schwester lieb hatte. „Alles Gute, Kleine“, sagte sie.

Echo und Avalon standen auf dem Trottoir und bewunderten die goldene Beschriftung auf dem Schaufenster – Echo’s Books and Gifts – als Cora in ihrem alten Pick-up angefahren kam. Rianna und Maeve purzelten heraus, bevor ihre Großmutter noch ganz angehalten hatte.

„Sieh mal!“, rief Rianna, die vor Begeisterung fast tanzte. „Ich habe ein Medaillon mit dem Foto meiner Mutter bekommen!“

Echo lächelte. Den kleinen Stich, den sie verspürte, schob sie der Tatsache zu, dass sie ihre eigene Mutter vermisste. Als Echo vier Jahre alt gewesen war, hatten ihre Eltern einen Unfall, bei dem sie beide starben. Danach wuchs sie bei einer Tante und ihrem Mann auf, die selbst drei Kinder hatten und eigentlich kein viertes brauchen konnten, wie sie ihr regelmäßig erklärten.

„Zeig mal“, sagte sie sanft zu Rianna.

Stolz öffnete das Mädchen das Medaillon. „Das ist meine Mommy“, erklärte Rianna ehrfürchtig.

Echo nickte. „Sie ist sehr hübsch. Und ihr seht ihr sehr ähnlich.“ Sie blickte auf, um Rianna und Maeve eindringlich zu mustern.

„Ich glaube, wir sehen eher Dad ähnlich“, sagte Maeve.

„Ihm auch“, stimmte Echo zu, während sie mit Cora einen Blick tauschte.

„Sind deine Möbel gekommen?“, fragte Rianna.

„Ja, gestern. Avalon gefällt die Luftmatratze. Deshalb schläft sie jetzt darauf.“

„Du hast noch immer keine Bücher“, bemerkte Maeve, die näher ans Schaufenster trat. Avalon folgte ihr und leckte zögernd ihre Hand.

„Die kommen nächste Woche. Vorher baut ein Handwerker die neuen Regale auf.“

„Und ihr Mädchen kommt jetzt mit mir rein und stört Miss Wells nicht länger“, sagte Cora ein wenig abgelenkt. Obwohl es erst halb neun war, drängelten sich bereits die Kunden im Curl and Twirl. Gehorsam marschierten die Kinder in den Laden.

Nur Cora blieb noch einen Moment draußen. „Das sollte nicht unhöflich klingen“, sagte sie. „Nur, an solchen Tagen wie heute … na ja, da vermisse ich Julie – meine Tochter – ganz besonders.“

Echo nickte. „Geburtstage und Feiertage sind immer am schlimmsten“, sagte sie leise.

„Es hilft, wenn man beschäftigt ist.“ Die ältere Frau lachte nervös auf. „Bitte sagen Sie, dass ich nicht vergessen habe, Sie heute Abend auf die Geburtstagsparty einzuladen“, flehte sie. „Auf der Ranch, im Haus von Sierra und Travis.“

„Das haben Sie nicht“, beruhigte Echo ihre Geschäftsnachbarin. „Und ich sagte Ihnen, dass ich das Gefühl hätte, zu stören.“

„Unfug“, rief Cora. „Wie wollen Sie Leute kennenlernen, wenn Sie keine Partys besuchen? Avalon kann auch mit, wenn es ihr nichts ausmacht, in meinem Kofferraum zu sitzen. Und Sie könnten sich zwischen die Mädchen quetschen.“

„Ich kann auch in meinem eigenen Wagen hinterherfahren“, sagte Echo.

„Wunderbar. Wir fahren gegen sechs los“, sagte Cora. Dann verschwand sie in ihrem Laden.

Avalon hob den Kopf, stellte die Ohren auf und ließ ihre Zunge heraushängen. Sie sah genauso aus wie auf dem Foto, das Echo am Tag zuvor gemacht und auf mehrere Internetseiten für vermisste Haustiere gestellt hatte.

Ganz plötzlich hatte Echo das Bedürfnis, sich auf den Boden zu werfen und in Tränen auszubrechen. Direkt hier auf dem Gehweg. Weil kleine Mädchen ihre Mütter verloren. Weil ihre Väter zu beschäftigt waren, um zu Geburtstagspartys zu kommen. Weil dieser Hund vielleicht niemandem wichtig genug war, um im Internet nach ihm zu suchen und ihn nach Hause zu holen. Und weil irgendjemand vielleicht genau das tun würde.

3. KAPITEL

Als Avalon sich um punkt sechs Uhr abends standhaft weigerte, ins Auto zu springen, führte Echo sie durch den Laden die Treppe hinauf in ihre Wohnung im ersten Stock. Cora und die Mädchen kamen hinterher.

Mit einem Seufzen legte die Hündin sich auf die Luftmatratze.

„Ob sie vielleicht krank ist?“, fragte Echo Cora besorgt.

Doch Cora lächelte, näherte sich dem Hund und tätschelte seinen Bauch. „Nein. Ich glaube, sie ist schwanger.“

„Heißt das, sie bekommt Babys?“, schrie Rianna begeistert auf, bevor Echo dieselbe Frage stellen konnte – allerdings weniger begeistert.

„Was denn sonst, Dumpfbacke?“, fragte Maeve.

„Babys?“, wiederholte Echo.

„Ich bin keine Tierärztin“, entgegnete Cora. „Aber trotzdem stehe ich zu meiner Diagnose.“

„Krass“, sagte Maeve.

Cora streichelte Avalon liebevoll. „Ruh dich aus, Mädchen. Ich verspreche, dass wir dein Frauchen bald zurückbringen.“ Dann wandte sie sich an Echo. „Möchten Sie jetzt doch mit uns fahren?“

„Nein, ich nehme mein eigenes Auto“, beschloss Echo, weil sie damit rechnete, die Party früher zu verlassen als die anderen. „Ich fahre Ihnen hinterher.“

Also scheuchte Cora die Mädchen in den Pick-up und stieg ein, während Echo ein stilles Gebet gen Himmel schickte, dass Avalon ohne sie zurechtkam. Kurz darauf folgte sie Cora über mehrere Landstraßen, bis sie nach etwa einer Viertelstunde an einem riesigen, alten Schild vorbeifuhren, das die Einfahrt zur Triple M Ranch kennzeichnete.

Nach mehreren Kurven tauchte schließlich das Haupthaus auf, ein großes, robustes Holzhaus, das genauso hierher zu gehören schien wie die alten Gelbkiefern. Kinder und Hunde jagten lärmend durch den großen Garten. Bunte Laterne hingen in den Bäumen und leuchteten rot, gelb und blau, obwohl es noch immer hell war. Überall waren Autos in alle möglichen Richtungen geparkt.

Echo griff hinter sich, nahm ein großes Stoffpony vom Rücksitz, das sie für Rianna in der Stadt gekauft hatte. Während die Mädchen davonflitzten, schlenderten Cora und Echo langsam auf den Garten zu.

Echo zupfte die große, rote Schleife am Hals des Ponys in Form. „Ich werde mir niemals all die Namen merken können“, gestand sie.

„Keine Sorge“, sagte Cora. „Es dauert einfach seine Zeit, bis man all die Leute kennenlernt. Es ist einfach nur wichtig, sich mal sehen zu lassen.“

„Die halbe Stadt muss hier sein“, bemerkte Echo.

„Alle außer Rance McKettrick“, entgegnete Cora leise, dann legte sie ein Partylächeln auf und marschierte mitten hinein in das fröhliche Fest.

Weil Cora sie wieder fest untergehakt hatte, blieb Echo keine Wahl, sie musste mitgehen. Eine große Frau mit kurzem, braunem Haar und nachdenklichen blauen Augen kam lächelnd auf sie zu. Cora stellte sie als Sierra McKettrick vor, die Cousine von Rance.

„Echo gehört die neue Buchhandlung neben meinem Laden“, sagte Cora.

„Die ganze Stadt wartet schon darauf, dass Ihre Buchhandlung aufmacht“, rief Sierra mit blitzenden Augen. „Ich jedenfalls werde Stammkundin bei Ihnen werden.“

Wenige Minuten später verschwand Sierra, um andere Gäste zu begrüßen. Nachdem sie das Pony zu einem Berg fröhlich verpackter Geschenke gestellt hatte, mischte Echo sich unter die Gäste. Cora kam und ging, stellte ihr gelegentlich jemanden vor, brachte ihr ein Glas Punsch und ermunterte sie, Bekanntschaften zu schließen.

Echo lächelte viel, versuchte angestrengt, Namen und Gesichter miteinander in Verbindung zu bringen, verlor aber schnell den Überblick. Schließlich setzte sie sich auf die Verandatreppe, atmete tief durch und beobachtete, wie Sierras Mann Travis Reid ein Seil über einen Ast warf. An dem Seil hing eine riesige Pinata, ein mit Süßigkeiten gefüllter Vogel aus Pappmaché. Rianna und Maeve und ihre Freunde warteten aufgeregt darauf, dass es losging, während die Erwachsenen fröhlich zusahen.

Cora ließ sich mit einem kleinen Seufzer neben Echo sinken.

„Gütiger Himmel“, sagte sie. „Ich werde alt.“

„Niemals“, behauptete Echo.

Das Geburtstagskind durfte zuerst nach der Pinata schlagen. Nach einer Weile durften auch die anderen Kinder Rianna mit ihren Stöcken helfen. Laut johlend hieben sie auf den Vogel ein. Federn aus Krepppapier flogen in die Luft, bis der Pappkörper schließlich auseinanderbrach und es Süßigkeiten und Spielzeug herabregnete, auf die die Kinder sich kreischend stürzten.

Es war ein ganz besonderer Moment, den Echo sorgfältig in einer Ecke ihres Herzens bewahren wollte. Doch dann lenkte sie ein merkwürdig knatterndes Geräusch ab, wie alle anderen Gäste auch. Es kam näher, und alle blickten in den Himmel.

„Ich will verdammt sein“, rief Cora atemlos und strahlte übers ganze Gesicht, als ein Hubschrauber über den Ställen schwebte und schließlich auf einem großen Rasenstück landete.

„Wurde der Präsident eingeladen?“, fragte Echo nur halb im Scherz.

„Viel besser.“ Cora stand auf und klopfte sich die Jeans ab. „Das ist Rance, wenn ich mich nicht irre, der seinem kleinen Mädchen gratulieren will.“

Echo schnappte nach Luft.

Die Erwachsenen hielten ihre Kinder fest, die am liebsten zu dem Hubschrauber gerannt wären. Die Propeller rotierten und wurden dann langsamer. Schließlich schwang die Tür auf, und Rance sprang heraus wie ein siegreicher Eroberer. Strahlend breitete er die Arme aus, als er Rianna, die über den Zaun geklettert war, auf sich zurennen sah.

Er trug Jeans, ein weißes Hemd und eine braune Lederjacke, die schon bessere Zeiten gesehen hatte. Das Bild, wie er seine kleine Tochter hochhob und wieder und wieder herumwirbelte, brannte sich in Echos Gedächtnis ein wie eine lebendige Fotografie.

„Gerade, als ich so weit war, dem Blödmann den Hals umzudrehen“, staunte Cora mit Tränen in der Stimme, „scheint er es endlich kapiert zu haben.“

Zwei weitere Männer stiegen aus dem Hubschrauber, woraufhin sich ein anderes Kind aus der Menge löste und auf sie zustürmte.

„Der Blonde ist Jesse“, erklärte Cora. „Der andere Keegan. Und die Kleine, die an seinem Hals hängt, ist seine Tochter Devon.“ Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Diese McKettricks wissen, wie man einen Auftritt hinlegt.“

„Ich glaube, ich fahre zurück und schaue nach Avalon“, murmelte Echo, starrte dabei jedoch Rance an, der Rianna über den Zaun half und ihr dann hinterherkletterte.

Aber Cora packte ihre Hand. „Sie bleiben hier.“

Weil sie sich sowieso nicht rühren konnte, blieb Echo, wo sie war.

Rance schwang Rianna auf seine Schultern, Maeve dicht an seiner Seite, die ihren Vater anstrahlte. Er legte einen Arm um sie. Jesse und Keegan folgten ihnen, mit einer hüpfenden Devon neben sich.

Nur Sekunden später lief eine wunderschöne dunkelhaarige Frau in Jesses Arme.

„Das ist Cheyenne Bridges“, erklärte Cora, hilfsbereit wie immer. „Sie und Jesse werden nächsten Monat heiraten, oben auf dem Berg.“

Gefangen in ihrer Betrachtung der romantischen Szene, bemerkte Echo gar nicht, wie Rance auf sie zukam, bis er direkt vor ihr stand. Grinsend hob er Rianna von seinen Schultern.

Von allen Gästen hatte er sich ausgerechnet sie ausgesucht?

„Hallo, Echo Wells“, sagte er.

Sie schluckte. „Da haben Sie einen ganz schönen Auftritt hingelegt.“ Weil ihr nichts anderes einfiel, wiederholte sie Coras Worte.

Das Grinsen wurde breiter.

Hilflos fragte Echo sich, ob dieses Lächeln irgendwo patentiert war – als tödliche Waffe.

„Mit dem Jet konnten wir nur bis nach Flagstaff fliegen“, erklärte er. „Dort haben wir dann den Hubschrauber gechartert.“

Noch immer musste Echo sich von seinem Grinsen erholen, deshalb stammelte sie nur: „Wie beeindruckend.“ Was immerhin zutraf – und zwar gleichermaßen auf die spektakuläre Landung und das Grinsen.

Rances Gesichtsausdruck veränderte sich fast unmerklich.

Ungeduldig zerrte Rianna an seiner Hand. „Zeit für die Geburtstagstorte, Daddy“, rief sie. „Ich darf jetzt die Kerzen ausblasen und die Geschenke aufmachen!“

Rance nickte, doch seine Augen blickten ernst und ein wenig verblüfft. „Geh schon mal vor“, sagte er. „Ich komme gleich.“

Rianna hüpfte davon.

„Es war mir eine Ehre, Sie zu beeindrucken, Miss Wells“, sagte er eisig.

„Ich wollte nicht …“, antwortete Echo.

Doch er ließ sie stehen.

„Taube Nuss“, meldete Cora sich zu Wort.

Echo, die Cora ganz vergessen hatte, sah sie fragend an.

„Er, nicht Sie“, sagte Cora, legte eine Hand auf ihre Schulter und drückte sie leicht. „Kommen Sie, holen wir uns ein Stück von dem Kuchen.“

Rance sah Rianna beim Auspacken der Geschenke zu. Aufgeregt riss sie das Papier des größten Geschenks auf und kämpfte dann mit einer riesigen Pappschachtel.

Als ein Miniaturauto zum Vorschein kam, kreischte Rianna begeistert auf. Ein rosa Käfer mit einem richtigen Motor, echten Lichtern und einer Hupe.

„Das sieht genauso aus wie das von Echo!“, rief Rianna, kletterte auf das kleine Gefährt und hupte mehrmals. „Genau wie das von Echo!“

„Ich schätze, du solltest gleich mal eine Runde drehen“, sagte er und musste sich räuspern.

Rianna fand sofort den Startknopf, drückte ihn und fuhr direkt aus dem Karton. Sie beschrieb mehrmals eine Acht, wie ein Clown während einer Zirkusparade, und ließ die Scheinwerfer aufleuchten.

Die Gäste sprangen lachend aus dem Weg. Auch Rance lachte, nachdem er das Gefühl überwunden hatte, in Tränen ausbrechen zu müssen. Er wollte sich gar nicht ausmalen, dass er das alles beinahe verpasst hätte.

„Darf ich mit meinem Auto in die Stadt fahren, Daddy?“, fragte Rianna.

„Nein“, sagte er.

„Es sind dreißig Meilen bis in die Stadt, Doofi“, bemerkte Maeve.

„Nenn sie nicht so“, tadelte Rance seine älteste Tochter.

„Ich fahre vorsichtig“, sagte Rianna. „Nicht zu schnell. Ich schwöre.“

„Dein Auto fährt allerhöchstens zwei Meilen pro Stunde, Kleines. Da bräuchtest du schon mehrere Tage, um nach Indian Rock zu kommen. Außerdem wäre die Batterie leer, bevor du auf der Hauptstraße bist“, sagte er.

Daraufhin sah Rianna zutiefst enttäuscht aus. „Aber was soll ich mit einem Auto, wenn ich damit nirgendwo hinfahren kann?“

„Bis zum Ende der Auffahrt und wieder zurück“, verordnete Rance. „Nicht weiter.“

„Über die Brücke zu Onkel Keegans Haus?“, versuchte es Rianna.

„Auf keinen Fall“, sagte Rance.

„Ich will Devon in meinem Wagen mitnehmen“, lamentierte Rianna.

„Devon passt da nicht rein“, sagte Maeve. „Weil es ein Baby – Auto ist.“

„Lass deine Schwester in Ruhe, Maeve“, mahnte Rance.

Maeve verstummte, doch in ihren Augen funkelte das McKettrick-Feuer.

„Babys fahren gar kein Auto“, erklärte Rianna ihrer Schwester.

„Genug“, unterbrach Rance sie.

Aber Rianna ließ nicht locker. „Wie soll ich Echo denn zeigen, dass mein Auto genauso aussieht wie ihres?“

„Echo hat dein doofes Auto doch gestern gesehen“, sagte Maeve.

Rance seufzte.

„Esst euer Frühstück, beide“, meldete Cora sich zu Wort, die auf der Ranch übernachtet hatte. Rance warf ihr einen dankbaren Blick zu. „Und du auch“, fügte sie hinzu.

Er nahm am Kopfende Platz. Cora stellte eine Platte mit Bratkartoffeln, Eiern und Würstchen auf den Tisch. Seit Julies Tod hatte er mehrere Haushälterinnen und Kindermädchen beschäftigt, aber keine war lange geblieben. Deswegen lastete viel zu viel Verantwortung auf Cora.

„Sieht ganz nach einem drohenden Herzinfarkt aus“, sagte er anerkennend und stürzte sich aufs Essen.

4. KAPITEL

Echo saß im Schneidersitz auf ihrem Bett, den Laptop auf dem Schoß, während Avalon friedlich neben ihr döste. Vier Leute aus vier verschiedenen Teilen des Landes hatten ihr eine E-Mail geschrieben und angeboten, Avalon zu adoptieren. Doch der Besitzer hatte sich nicht gemeldet. Zugleich erleichtert und ein wenig entmutigt rief sie ihre eigene Website auf.

Wie immer musste sie dabei lächeln. Diese Seite war ihr kleines Geheimnis. Es waren etliche Bestellungen eingegangen.

„Dann sollte ich mal besser loslegen“, sagte sie zu Avalon, die kurz die Augen öffnete, gähnte und dann weiterschlief.

Mit Stift und Notizblock ausgestattet, schrieb Echo eine Einkaufsliste: Samtsäckchen. Kordeln. Verschiedene Kräuter und Steine. Einiges davon war zwar mit den Möbeln gekommen, aber trotzdem musste sie ihren Großhändler kontaktieren. Auf der Unterlippe kauend überflog sie noch einmal die Bestellungen. Irgendetwas war ihr an ihnen vorhin aufgefallen. Und dann entdeckte sie den Namen.

Cora Tellington.

„Cora?“, rief sie laut. Als sie die Adresse überprüfte, strahlte sie. Tatsächlich handelte es sich um Cora Tellington in Indian Rock, Arizona.

Natürlich könnte sie die Bestellung persönlich ausliefern. Aber das wäre Cora vielleicht peinlich. Außerdem war Echo noch nicht so weit, über ihren Nebenjob zu sprechen. Ihr Name tauchte auf der Website nicht auf, auch keine Telefonnummer oder Postadresse. Die Verkäufe wurden über einen Onlinezahlungsservice abgewickelt, und die Päckchen verschickte sie ohne Absender.

Ihr fiel noch etwas auf. Cora hatte nicht für sich selbst bestellt.

„Hm“, murmelte Echo verwirrt.

Was in aller Welt hatte Cora veranlasst, einen Liebeszauber nicht für sich, sondern für einen Mann zu bestellen?

Das Päckchen kam mit der Nachmittagspost am Montag. Cora lächelte, als sie es sah.

Natürlich war es albern, Hoffnungen in diese Art von Magie zu setzen. Doch besondere Umstände verlangten besondere Maßnahmen. Sie hatte schon alles versucht, und so langsam fiel ihr nichts mehr ein.

Ich tue das für dich, Julie, dachte sie. Und für deine Mädchen. Natürlich hätte Julie darüber gelacht, das wusste sie. Ihre Tochter war ein praktischer, pragmatischer Mensch gewesen – genau wie Rance, der nur an das glaubte, was er sehen, hören und berühren konnte.

Das fand Cora irgendwie traurig.

Gehämmer in Echos Laden riss sie aus ihren Gedanken. Eddie Walters Lastwagen parkte noch immer vor der Tür. Nach drei Dauerwellen und ein Mal Strähnchen konnte sie eine Pause vertragen. Sie beschloss, nach nebenan zu gehen und zu sehen, wie die Arbeiten vorangingen.

Echo stand barfuß auf einer Leiter und strich die Decke. Lange Beine ragten aus ihrer kurzen Shorts. Sie trug ein enges T-Shirt und sah aus wie eine Nymphe. Der Hund war nirgends zu sehen.

„Wow“, rief Cora voller Bewunderung. „Der Laden wird eine Wucht.“

Lächelnd kletterte Echo die Leiter hinunter, legte die Farbrolle auf ein Tablett und stemmte die Hände in die Hüften. „Donnerstag soll die erste Bücherlieferung kommen. Also kann ich vielleicht schon am Samstag eröffnen.“

Cora sah mit Freude, wie der alte Laden zu neuem Leben erwachte. Sie hatte ihn vor Jahren gekauft, in der Absicht, sich zu vergrößern. Doch dann stellte sich heraus, dass sie auch so alle Hände voll zu tun hatte. Inzwischen dachte sie immer öfter darüber nach, sich aus dem Arbeitsleben zurückzuziehen. Vielleicht könnte sie ein paar Reisen unternehmen.

Aber natürlich konnte sie das nicht, solange Rance wie ein Verrückter durch die Weltgeschichte flog und alles daran setzte, vor der Vergangenheit davonzulaufen, die er immer mehr idealisierte. Cora hatte ihre Tochter geliebt, doch Julie war eine Frau aus Fleisch und Blut gewesen, mit allen dazugehörigen Fehlern und Schwächen, und keine Heilige. In gewisser Hinsicht fand sie es unfair, auf welche Weise Rance sie verehrte. Er hatte vergessen, wie oft sie sich fast die Köpfe eingeschlagen hatten, weil sie sich einfach zu sehr ähnelten.

Auf dem Boden lagen Sägespäne. Kurz entschlossen schnappte Cora sich einen Besen und fegte den Raum aus.

„Das brauchen Sie nicht zu tun“, protestierte Echo.

Das erinnerte Cora daran, dass Echo aus Chicago kam. Leute aus der Großstadt fegten nicht einfach die Böden der Nachbarn. Aber sie waren schließlich in Indian Rock, nicht in Chicago, daher machte sie unbeirrt weiter.

Die ganze Zeit über sah Echo ihr ernst zu, und Cora hatte den Eindruck, als ob sie etwas sagen wollte. Als Eddie seine Sachen gepackt hatte, gab Echo ihm einen Scheck. Kaum fiel die Tür hinter ihm ins Schloss, trottete Avalon die Treppe hinunter.

„Wie geht’s dir, kleine Mama?“, fragte Cora. Schon immer hatte sie Hunde gemocht, aber für diesen hatte sie eine besondere Schwäche. Vielleicht weil sie von Echo wusste, dass sie Avalon auf einer Raststätte gefunden hatte, durchweicht bis auf die Knochen.

„Ich war mit ihr am Samstag nach der Geburtstagsparty spazieren“, erzählte Echo. „Im Park habe ich sie von der Leine gelassen. Da ist sie direkt auf einen Wohnwagen zugerannt, hat an der Tür gekratzt und versucht, hineinzukommen.“

Cora verstand sofort, was das hieß.

„Ich will ihre Besitzer finden“, murmelte Echo traurig. „Wirklich. Aber es wird mich umbringen, wenn ich sie gehen lassen muss.“

„Aber Sie tun, was richtig ist.“ Cora leerte eine Schaufel voller Sägespäne in den Müll. „Sie sind so ein Mensch.“

In Echos Augen glitzerte es verdächtig. Blinzelnd sah sie weg.

„Es geht mich vielleicht nichts an“, hakte Cora vorsichtig nach. „Aber haben Sie keine Familie?“

„Eine Tante und einen Onkel und ein paar Cousins. Aber wir stehen uns nicht sehr nah.“

„Kein Mann oder Freund?“

Echo schüttelte den Kopf. Sah weg. Sah Cora wieder an. „Ich hätte fast geheiratet. Justin und ich hatten schon einen Termin in einer dieser bunten kleinen Kapellen in Las Vegas gebucht. Ich flog hin, zog mein Kleid an und fuhr mit dem Taxi zur Kapelle. Und Justin war – verhindert.“

„Sie meinen, er hat Sie sitzen lassen?“

„Er behauptete, er hätte in letzter Sekunde zu einem Meeting gemusst.“ Echo versuchte, zu lächeln.

Oje, dachte Cora bei dem Wort Meeting. Schon ein paar Mal hatte sie heimlich mit dem Gedanken gespielt, ob Echo und Rance nicht vielleicht ein Paar werden könnten. Die Mädchen mochten Echo, außerdem sahen Rance und sie zusammen einfach bezaubernd aus. Auch wenn die beiden sich miteinander noch etwas schwertaten. Aber Rance war ein Workaholic, und dieser Idiot von Justin offenbar auch.

„Also sind Sie ganz allein in Vegas geblieben? Er ist überhaupt nicht mehr gekommen?“, hakte sie nach.

„Ich sagte ihm, er solle sich nicht bemühen.“ Echo Stimme klang ganz weit entfernt.

„Aber als Sie wieder zu Hause waren …“

„Justin lebt in New York, und ich lebte in Chicago. Zu dieser Zeit wollte keiner von uns umziehen. Insofern hätte es sowieso nicht funktioniert.“

„Trotzdem.“ Am liebsten hätte Cora geweint.

„Bei Justin drehte sich alles nur um die Arbeit“, fuhr Echo fort, als wollte sie Cora trösten. „Seine Firma war ihm wichtiger als alles andere auf der Welt. Ich hingegen wollte …“

„Was wollten Sie, Echo?“, fragte Cora.

„Einen Hund“, antwortete Echo. „Einen Mann und Kinder.“

Sofort erwachte neue Hoffnung in Cora. „Sie sind jung – neunundzwanzig? Dreißig? Sie dürfen nicht aufgeben.“

Echo beugte sich vor, um Avalon nachdenklich zu streicheln. „Neunundzwanzig“, sagte sie. „Und was ist mit Ihnen, Cora? Sie haben einmal Ihren Mann erwähnt. Möchten Sie sich eines Tages wieder verlieben?“

Cora musste an das kleine Päckchen in ihrer Tasche denken. „Julies Vater starb schon vor Jahren. Mein Mike war der beste Mann, den eine Frau sich nur wünschen kann. Nein, ich suche keinen Mann. Immerhin bin ich dreiundsechzig. Ich habe etwas Geld gespart und würde gern mal eine Kreuzfahrt machen.“

„Was hält Sie davon ab?“, erkundigte sich Echo.

„Rance“, gestand Cora nach einem Moment. „Ich habe Angst, dass er wieder irgendein unfähiges Kindermädchen engagiert, während er um die Welt fliegt und Rianna und Maeve allein lässt.“

Den Blick aufs Schaufenster gerichtet, errötete Echo. „Wenn man vom Teufel spricht.“

Cora drehte sich um und sah, wie Rance aus seinem Geländewagen stieg. Unbeirrt steuerte er aufs Curl and Twirl zu, dann entdeckte er Cora und Echo hinter dem Schaufenster und wechselte die Richtung.

„Wo sind die Mädchen?“, fragte Cora, kaum dass er den Laden betreten hatte.

Nach einem kurzen Seufzen grinste er dieses schiefe McKettrick-Grinsen. „Ich dachte doch die ganze Zeit, dass ich etwas vergessen habe, als ich vorhin das Zelt in den Wagen gepackt habe.“

„Sehr witzig.“ Doch Cora lächelte.

„Sie sind mit Devon bei Keegan“, erklärte Rance. Obwohl er mit Cora sprach, sah er Echo an, betrachtete die Farbkleckse, die langen, nackten Beine und das eng anliegende T-Shirt.

„Gerade fällt mir ein, dass ich drüben noch dringend etwas erledigen muss, bevor das Curl and Twirl für heute schließt“, verkündete Cora und steuerte direkt auf die Tür zu. Draußen angekommen, blieb sie einen Moment stehen und gestattete sich ein kleines Lächeln. Sie dachte an die Website und all die Empfehlungsschreiben von Kunden und an die 30-Tage-Geld-zurück-Garantie.

Höchste Zeit, es mal mit Magie zu versuchen.

„Wegen Samstagabend“, begann Rance unbehaglich, während er dem Hund einen Seitenblick zuwarf. Zumindest war er ihm bisher nicht an die Kehle gesprungen.

Rance fuhr sich durchs Haar. Mit einem Mal wünschte er, er hätte geduscht und sich umgezogen, bevor er in die Stadt gefahren war. Doch schließlich war er nur gekommen, um Cora über seine Rückkehr zu unterrichten. Zumindest hatte er sich das eingeredet. Aber als er jetzt Echo Wells gegenüberstand, wusste er, dass es nur ein Vorwand gewesen war.

„Ich war auf der Geburtstagsparty ein wenig gereizt“, fuhr er unbeholfen fort. „Dafür möchte ich mich gern entschuldigen.“

Ihre Augen weiteten sich. Offenbar hatte sie mit allem gerechnet, nur nicht mit einer Entschuldigung. „Das ist nicht nötig“, sagte sie, noch immer vorsichtig.

„Ich habe haufenweise Fische geangelt“, hörte er sich selbst sagen. „Ich dachte, ich werfe heute Abend ein paar auf den Grill.“ Er hielt inne, räusperte sich und überlegte, wann er sich zum letzten Mal wie ein Sechzehnjähriger gefühlt hatte, der im Begriff war, das beliebteste Mädchen der Schule einzuladen. „Hätten Sie Lust zu kommen?“

Prompt errötete sie. Zappelte ein wenig herum. „Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist …“

„Die Mädchen werden dabei sein“, stellte er schnell klar. Dann lächelte er, eher verlegen als belustigt. „Sie können auch den Hund mitbringen.“

Ohne dass sie es merkte, fuhr Echo sich mit der Zunge über die Lippen. „Hören Sie, Sie müssen nicht …“

„Sprechen Sie eigentlich jemals in ganzen Sätzen?“

Sie blickte an ihrer Kleidung herab, die Rance ihr liebend gern genüsslich ausgezogen hätte.

„Ich sehe schrecklich aus“, bemerkte sie.

Und wie schrecklich, dachte er, und wurde noch unruhiger, als er sich vorstellte, wie er ihre wunderschönen Beine streichelte. „Meiner Ansicht nach sehen Sie gut aus.“ Das war die Untertreibung des Jahrhunderts.

„Okay“, nickte sie.

„Okay“, sagte er ebenfalls.

„Ich gehe nur schnell duschen. Wir treffen uns dann später bei Ihnen.“

Ein anderes Bild explodierte in seinem Kopf. Echo, nackt unter der Dusche, wie sie in seine Umarmung sank. Wenn er nicht schnell hier verschwand, musste er schnell hinter den Ladentresen verschwinden, damit sie seine Erregung nicht bemerkte.

„Um sechs?“, fragte er.

„Um sechs“, bestätigte sie.

Auf der Fahrt nach Hause dachte er ununterbrochen an Echo.

Er interessierte sich nicht für Esoterik.

Er rief keine Wahrsager an, hängte keine Steine auf und befragte keine Tarotkarten.

Das alles brauchte er auch nicht, um zu wissen, was die Zukunft ihm bringen würde. Er würde mit Echo Wells schlafen – und zwar bald.

„Das hat nichts zu sagen“, erklärte Echo Avalon, als sie nach der Dusche Jeans und die weiße Spitzenbluse überstreifte, die sie immer dann anzog, wenn sie etwas Dekolleté zeigen wollte. „Er will nur sein unhöfliches Verhalten von der Party wieder gutmachen.“

Avalon legte hechelnd den Kopf zur Seite.

„Wir sollten da nicht zu viel hineininterpretieren“, fuhr Echo fort und schüttelte ihr Haar. „Na komm.“ Sie nahm Avalon an die Leine und schnappte sich ihre Tasche. „Wir werden langsam fahren, damit wir nicht zu eifrig wirken.“

Kurz darauf fuhren sie aus der Stadt. Erst nach einigen Meilen fiel Echo wieder ein, dass sie ja nicht zu eifrig wirken wollte. Sofort bremste sie auf das Tempo eines Mähwagens ab. Avalon betrachtete interessiert die Landschaft.

Das Holzhaus stand an einem Bach, auf dem die letzten Sonnenstrahlen des Sommerabends tanzten und glitzerten. Ordentlich parkte sie ihr Auto neben Rances Geländewagen und musste lachen, als Rianna und Maeve aus dem Haus gestürmt kamen.

„Ich habe auch ein rosa Auto!“, schrie Rianna zur Begrüßung.

Avalon bellte freudig und zerrte am Sicherheitsgurt. Echo stieg aus und ließ Avalon heraus. Sofort begann die Hündin, die beiden Mädchen aufgeregt zu umkreisen. Dann rannten die drei davon, offenbar zu aufgeregt, um auch nur eine Sekunde still zu stehen. Einen Moment sah Echo ihnen hinterher, und plötzlich, ohne dass sie sich vorbereiten konnte, stand Rance neben ihr.

„Willkommen auf Triple M“, sagte er leise. Seine dunkle Stimme ließ Echo kurz zusammenzucken. Erschrocken blickte sie zu ihm auf und unterdrückte ein erneutes Zittern, als sie sah, wie das Sonnenlicht in seinem dunklen Haar glitzerte.

Ungewollt trat sie einen Schritt zurück. „Ich hätte etwas mitbringen sollen“, sagte sie. „Wein oder … oder irgendwas.“

„Sie haben sich selbst mitgebracht“, entgegnete er leichthin. „Das reicht vollkommen.“

Stumm starrten sie sich eine Weile an. Rance gewann. Echo schaute zuerst weg, suchte nach den Mädchen und Avalon. Sie entdeckte sie am Bach. Maeve schleuderte einen Stock, und Avalon jagte ihm hinterher.

Rance ergriff Echos Hand, nur kurz, aber lang genug, um sie Richtung Haus zu ziehen. Und ebenfalls lang genug, um ihr einen Schauer durch den ganzen Körper zu jagen. Auf der Terrasse, zu der er sie führte, wartete bereits eine Flasche Weißwein in einem Kühler auf sie. Vor sich konnte Echo den Bach glitzern und die Mädchen mit dem Hund spielen sehen. Auf der anderen Wasserseite entdeckte sie ein weiteres Haus, noch größer als dieses.

„Das ist Keegans Haus“, erklärte Rance, während er die Flasche öffnete und Echo ein Glas einschenkte. Der Wein war trocken und so kalt, dass das Glas beschlug. Er schob zwei Stühle zurecht.

„Bereit fürs Essen?“, fragte er.

Der köstliche Duft von gegrilltem Fisch lag in der Luft. Echos Magen knurrte hörbar, und sie lachten beide.

„Ich schätze schon“, gab sie zu.

Rance rief die Mädchen, schickte sie zum Händewaschen ins Haus und deckte den Tisch mit verschiedenfarbigen Tellern und nicht zusammenpassendem Besteck.

Nachdem die beiden Mädchen sich gesetzt hatten, schenkte Rance ihnen Saft ein. Danach stellte er eine riesige Platte mit Fisch auf den Tisch, außerdem Salat und einen Korb mit Brötchen.

„Die Fische haben wir selbst gefangen“, erklärte Maeve gewichtig. Sie lispelte ein wenig beim Sprechen, und da erst fiel Echo auf, dass sie eine fast durchsichtige Zahnspange trug. „Dad war mit uns zelten. Auf Jesses Berg.“

„Das ist jetzt auch Cheyennes Berg“, korrigierte Rianna. „Sie wird Jesse nämlich heiraten. Die knutschen die ganze Zeit.“

Rance lachte.

Und Echo ertappte sich bei dem Wunsch, dass alles für immer so bleiben möge – zu viert auf der Terrasse essen, wie eine richtige Familie mit Hund. Solche Augenblicke waren selten in ihrem Leben und viel zu flüchtig. Die Kinder, die Häuser und die Hunde gehörten immer anderen Menschen. Doch heute Abend konnte sie sich fast vormachen, dass sie dazugehörte.

„Glaubst du, Avalon würde gern in meinem Auto fahren?“, erkundigte sich Rianna ernsthaft.

„Ich hab’s dir doch schon gesagt“, rief Maeve. „Sie passt da nicht rein.“

Rance und Echo wechselten einen Blick, in dem so viel Vertrautheit lag, dass sie fast keine Luft mehr bekam. Wie gern würde sie hier bleiben, mit Rance nach dem Essen den Tisch abräumen, mit ihm plaudern, während sie abwuschen, die Kinder nach einem Bad ins Bett bringen …

Halt, dachte sie, aber es half nichts.

Wenn die Mädchen im Bett lagen, würden Rance und sie auf die Terrasse zurückkehren, die Sterne betrachten, die wie Diamanten am klaren Himmel funkelten, und dann würden sie zusammen nach oben gehen und sich bei geöffnetem Fenster lange und zärtlich lieben …

Echo errötete.

Ihr Blick begegnete dem von Rance.

„Wenn ich Wein trinke, wird mir immer ganz warm“, erklärte sie hastig und wedelte sich mit einer Hand frischen Wind zu.

Ein Grinsen erhellte sein Gesicht. „Wie Sie meinen“, antwortete er.

5. KAPITEL

Nach dem Essen rannte Rianna ins Haus und bog kurz darauf mit ihrem rosa Auto begeistert hupend um die Ecke. Echo war von dem Anblick seltsam berührt und zugleich amüsiert. Sie lachte und spürte Rances Blick auf sich ruhen.

„Sieht genauso aus wie dein Auto!“, juchzte Rianna.

„Das stimmt.“

„Nur dass Echo mit ihrem auch wirklich fahren kann“, hob Maeve unerbittlich hervor.

„Ich kann auch fahren“, protestierte Rianna. „Ich wette, ich könnte bis nach Indian Rock fahren, wenn Daddy mich lassen würde!“

„Das hatten wir doch bereits“, sagte Rance.

„Ich darf nicht mal über die Brücke zu Onkel Keegan fahren“, schmollte Rianna.

„Geht spielen“, forderte Rance seine Töchter auf. „Beide.“

Hupend fegte Rianna die Auffahrt hinunter, Maeve rannte neben ihr her. Avalon erhob sich, gähnte und trottete halbherzig davon.

„Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe“, gestand Rance. „Das Mädchen wird schnell genug sechzehn sein und ein richtiges Auto fahren.“

Ganz instinktiv tätschelte Echo seine Hand. Ihre Haut prickelte bei der Berührung, und auch er zuckte zusammen, als hätte er dasselbe gefühlt. Beide atmeten hörbar tief durch.

Mit geröteten Wangen murmelte Echo: „Sie liebt dieses Auto. Und ganz eindeutig liebt sie Sie.“

„Ich bin nicht sicher, ob ich das verdient habe.“ Er ergriff ihre Hand und strich sanft über die Fingerknöchel. „Und was ist mit Ihnen, Echo Wells? Wer liebt Sie?“

Zuerst versteifte sie sich, dann versuchte sie es mit einem Lächeln. „Ich bin eher eine Einzelgängerin“, erwiderte sie.

Rance ließ ihre Hand nicht los, was sich, nachdem der erste Schreck verflogen war, gut anfühlte. „Sie kommen mir gar nicht wie eine Einzelgängerin vor. Sie sagten, Ihre Familie wäre oft umgezogen. Bedeutet das, dass Sie niemandem richtig nahe stehen?“

„Ja.“ Weil mit einem Mal Tränen in ihren Augen brannten, sah sie weg. „Das bedeutet es.“

Rance schwieg. Und hielt weiter ihre Hand fest. Langsam setzte die Dämmerung ein, und der Mond stieg direkt über dem Schornstein von Keegan McKettricks Haus auf.

„Es ist so wunderschön hier“, sagte Echo leise. Am liebsten hätte sie ihre Hand zurückgezogen. Sie wusste, dass sie es tun sollte. Aber dieses Wissen blieb irgendwo auf dem Weg zwischen ihrem Gehirn und ihren Muskeln stecken.

„Heute Abend ist es schöner als sonst“, murmelte er.

Das hatte sie bereits einmal erlebt, und sie wusste, dass sie diesen Schmerz nicht noch einmal ertragen könnte. Ohne ein Wort stand sie auf und begann, die Teller zu stapeln.

„Echo“, sagte Rance leise, ohne aufzustehen. „Hören Sie auf.“

Maeve, Rianna und Avalon kamen in einer kleinen Staubwolke wieder die Auffahrt hinauf.

„Ich sollte in die Stadt zurückfahren“, meinte sie.

„In Ordnung.“ In seiner Stimme lag ein Zögern, als ob er lieber etwas anderes vorgeschlagen hätte.

Echo zwang sich, ihn anzusehen. „Es … es war ein sehr schöner Abend.“

Obwohl er lächelte, entdeckte sie eine Spur Traurigkeit in seinen Augen.

„Irgendetwas hat Sie erschreckt, Echo“, bemerkte er sanft. „Was ist es?“

Wie sollte sie ihm erklären, dass er sie erschreckte? Er und all die Gefühle, die er in ihr auslöste. An einem einzigen Abend hatte er Träume in ihr geweckt, die sie längst begraben hatte. Träume, die nie wahr werden konnten, weil sie nicht zueinander passten.

„Ich weiß nicht“, log sie.

Da legte er eine Hand unter ihr Kinn und strich mit dem Daumen so zart über ihre Lippen, dass sie erbebte. „Ich denke doch. Aber wenn Sie noch nicht so weit sind, es mir zu sagen, ist das in Ordnung.“

Rianna surrte in ihrem Miniauto auf die Terrasse und fuhr einen Stuhl um.

„Jetzt wird geparkt“, forderte Rance sie auf. „Das reicht für heute.“

Mit einem lauten Seufzen über die unverständlichen Wünsche der Erwachsenen kletterte Rianna aus dem Auto.

Echo griff nach ihrer Handtasche.

„Gehst du schon?“, wunderte sich Rianna.

„Ich habe morgen viel zu tun.“

Rance brachte Echo zum Auto. Dort ließ sie Avalon auf den Beifahrersitz springen und schnallte sie an. Als Echo sich umdrehte, stieß sie direkt mit Rance zusammen. Ihr wurde ein wenig schwindlig. Locker schlang er einen Arm um ihre Taille, senkte den Kopf und küsste sie auf die Lippen, kaum länger als einen Herzschlag. Und doch blieb Echo aufgewühlt und verwirrt zurück.

Jetzt wusste sie ganz sicher, dass sie sich früher oder später gegen alle Vernunft von Rance McKettrick verführen lassen würde.

In dieser Nacht schlief Rance kaum. Am nächsten Morgen fuhr er mit den Mädchen ins Roadhouse zum Frühstücken, bevor er sie in Coras Laden absetzte. Enttäuscht stellte er fest, dass Echos albernes rosa Auto nicht da war. Doch er sagte sich, dass es besser war, sie nach gestern Abend nicht sofort wiederzusehen. Denn auch er hatte den Abend ein wenig zu sehr genossen.

Seine Schwiegermutter war allein im Laden, abgesehen von einer älteren Dame, die mit Plastikumhang unter einem Haartrockner saß.

„Wie war das Essen gestern Abend?“, erkundigte sich Cora.

„Außerordentlich köstlich. Forellen. Ich habe sie selbst gegrillt.“

„Du weißt genau, dass ich das nicht meine.“

Grinsend beugte Rance sich vor, für den Fall, dass die alte Dame unter der Trockenhaube etwas hören konnte. „Zuerst habe ich die Mädchen ins Bett geschickt. Und als sie schliefen, habe ich Echo die Klamotten vom Leib gerissen, sie ins Gras geworfen und bin über sie hergefallen.“

Für den Bruchteil einer Sekunde riss Cora die Augen auf, dann boxte sie ihn in die Seite. „Blödmann. Eine Sekunde lang habe ich dir sogar geglaubt.“

Rance lachte, weil er sich wünschte, tatsächlich über Echo hergefallen zu sein. Dann hätte er vermutlich besser geschlafen und sich nicht bis in die frühen Morgenstunden im Bett hin und hergeworfen.

„Warum esst ihr heute nicht bei mir zu Abend? Du und die Mädchen?“, schlug Cora vor.

Er hob eine Augenbraue. „Rieche ich da eine Falle?“

„Vielleicht lade ich auch Echo ein, falls du das meinst“, entgegnete Cora.

„Vermutlich hat sie sich einmal die Finger verbrannt“, überlegte er gegen seinen Willen laut.

Ernst sah Cora ihn an und warf einen Blick auf die Frau unter der Wärmehaube, die sich inzwischen in eine Ausgabe vom People Magazine vertieft hatte. „Er hieß Justin. Sie ist den weiten Weg nach Las Vegas geflogen, um ihn in einer dieser albernen Kapellen zu heiraten, aber er kam nicht.“

Wie sehr ihn diese Neuigkeit traf, überraschte Rance. Einerseits war er unendlich froh, dass diese Ehe nicht zustande gekommen war, andererseits hätte er sich diesen Justin am liebsten einmal gründlich zur Brust genommen.

„Hat sie dir das erzählt?“, fragte er.

„Frauen erzählen einander Sachen, die sie einem Mann nicht in einer Million Jahre verraten würden“, erklärte Cora weise. „Jedenfalls nicht direkt.“

„Ich überlege mir das mit dem Abendessen“, versprach er Cora. Und das stimmte. Aber erst, nachdem er über eine ganze Reihe andere Dinge nachgedacht hatte.

Am Nachmittag schaltete Echo ihren Laptop ein und loggte sich ein. Die E-Mail fand sie unter sechs anderen: „Sieht wie mein Hund aus“, schrieb ein Fremder. „Sie ist vor drei Wochen aus unserem Hinterhof in Day Creek, Arizona, weggelaufen. Sie ist trächtig und somit echtes Geld wert, deswegen will ich sie zurück. Zahle keinen Finderlohn.“ Der Mann hatte mit Bud Willand unterschrieben.

Echo blickte zu Avalon, die still auf einem sonnigen Flecken vor dem Schaufenster lag. Auf ihrem Weg von Tuscon war sie tatsächlich an der Ausfahrt Day Creek vorbeigefahren.

„Kennst du jemandem namens Bud Willand?“, fragte sie.

Avalon streckte sich seufzend.

Nachdem sie eine Weile mit ihrem Gewissen gekämpft hatte, wählte Echo die Telefonnummer, obwohl sie ein ungutes Gefühl hatte.

„Yo“, meldete sich eine barsche Stimme.

„Spreche ich mit Mr. Willand?“, fragte Echo.

„Bud“, bestätigte die Stimme.

„Sie haben mir eine E-Mail wegen einer entlaufenen Hündin geschrieben. Können Sie mir sagen, wie sie heißt?“ Falls Avalon tatsächlich Bud Willand gehörte, würde sie auf den Namen reagieren.

Aus dem Hörer ertönte ein ruppiges, leicht verächtliches Lachen. „Die Kinder haben sie Whitey genannt, auch wenn das keine Rolle spielt. Das verdammte Vieh hört sowieso nicht.“

„Whitey“, wiederholte Echo und wartete auf eine Reaktion.

Avalon zuckte nicht einmal.

„Ich glaube nicht, dass es sich um Whitey handelt“, sagte sie.

„Trotzdem würde ich sie mir gern ansehen“, entgegnete Willand. „Die Kinder vermissen sie schrecklich.“

Echo gab Bud Williams die Wegbeschreibung nach Indian Rock und zu ihrem Laden, wobei sie inbrünstig hoffte, dass er nie auftauchen würde.

Innerhalb einer halben Stunde hatte sie Mr. Willand vollkommen vergessen. Die erste Bücherlieferung kam, und sie hatte alle Hände voll damit zu tun, sie in die Datenbank ihres Computers einzugeben.

Um kurz nach fünf spazierte Cora herein. „So langsam sieht’s hier wirklich wie in einer Buchhandlung aus“, bemerkte sie zufrieden.

Echo strahlte, glücklich und erschöpft. „Ja, es wird.“ Natürlich lag noch eine Menge Arbeit von ihr, wenn sie die Buchhandlung wirklich am Samstag eröffnen wollte. Doch sie war fest entschlossen, an dem Termin festzuhalten.

„Ich helfe Ihnen gern“, sagte Cora. „Aber vorher sollten Sie heute Abend zum Essen zu mir kommen. Das Hündchen können Sie selbstverständlich mitbringen.“

„Das ist sehr nett von Ihnen.“ Echo strich sich eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht. „Aber ich hatte vor, nur schnell ein Joghurt zu essen und dann weiterzuarbeiten.“

„Joghurt“, rügte Cora sie gutmütig, „damit kann es mein Speck-und-Bohnen-Auflauf natürlich nicht aufnehmen.“

„Vermutlich nicht“, lachte Echo.

„Ich bestehe darauf, dass Sie bei mir essen. Danach kommen wir gemeinsam zurück und arbeiten weiter.“

In diesem Moment stand Avalon auf, streckte sich, lief zu Cora und leckte ihre Hand.

Echo lachte. „Ich schätze, damit ist es entschieden. Ich mache mich nur noch schnell frisch.“

„Ach, Sie sehen doch gut aus. Ich muss vorher bei McKettrickCo vorbeifahren und die Mädchen abholen. Rance hat sie vorhin zum Mittagessen mitgenommen und ist dann mit ihnen ins Büro gefahren. So langsam beginne ich zu glauben, dass für diesen Mann doch noch Hoffnung besteht.“

„Kommt er auch mit?“, erkundigte sich Echo vorsichtig.

„Das ist noch nicht sicher.“

Nach einem kurzen Zögern versprach Echo, in einer halben Stunde bei Cora zu sein.

Cora lebte in einem zweistöckigen viktorianischen Gebäude, weiß und grün gestrichen, mit einem Lattenzaun davor und blühenden Fliederbüschen. Ein großer Ahornbaum spendete Schatten, und eine Holzschaukel stand im Garten. Maeve und Rianna begrüßten Avalon mit ohrenbetäubendem Geschrei und vielen Streicheleinheiten, und Echo hätte schwören können, dass die Hündin lächelte.

Kurz musste sie wieder an Bud Willand und seine Kinder denken. War Avalon wirklich Whitey? Würden die Kinder von Bud Willand sie genauso begeistert und glücklich begrüßen wie Maeve und Rianna?

„Wieso siehst du so traurig aus?“, forschte Rianna, die Echo interessiert musterte.

„Ich bin nur ein bisschen müde“, erklärte Echo hastig.

Cora, die offenbar durch einen Seiteneingang das Haus betreten hatte, erschien auf der Veranda.

„Im Kühlschrank ist Limonade für euch!“, rief sie.

Bei dem Anblick des wunderbar schlichten Hauses mit seinen geputzten Fenstern und dem gepflegten Garten verspürte Echo einen weiteren Stich in der Brust.

Wie es sich wohl anfühlte, in so einer Umgebung aufzuwachsen?

Offenbar verstand Rianna sie trotz ihres jungen Alters. Denn sie nahm Echos Hand und drückte sie leicht. „Ich vermisse meine Mom“, wisperte sie.

Tränen brannten in Echos Augen.

Maeve versteifte sich. „Du kannst dich gar nicht an Mom erinnern“, zischte sie.

„Ich vermisse sie trotzdem.“

„Lasst uns die Limonade holen“, schlug Echo vor.

Nach einem Glas eisgekühlte Limonade im Garten hinter dem Haus spielten die Kinder mit Avalon.

„Ihre Mutter ist hier in diesem Haus aufgewachsen“, bemerkte Cora leise. „Sie hat im Garten gespielt, mit ihrem Hund Farky, genauso wie Rianna und Maeve jetzt. Ich hätte niemals geglaubt, dass ich meine Julie überleben würde.“

Echo wusste nicht, was sie sagen sollte.

Die ältere Frau zwang sich zu einem tapferen Lächeln. „Ich bin eine alte Närrin, Ihnen von jemandem zu erzählen, den Sie gar nicht kennen. Tut mir leid.“

„Ich höre Ihnen gern zu, Cora. Und Sie sind alles andere als eine alte Närrin.“

„Möchten Sie sich vielleicht ein paar Fotos ansehen?“, fragte Cora mit rührender Schüchternheit. „Von Julie, meine ich?“

„Das würde ich sehr gern.“

Da lief Cora ins Haus und kam kurz darauf mit einem abgegriffenen Fotoalbum zurück. Sie zog ihren Stuhl näher zu Echo, legte das schwere Album auf den Tisch und schlug die erste Seite auf.

Als hätten sie etwas gespürt, tauchten Maeve und Rianna wieder auf und stellten sich links und rechts neben ihre Großmutter. Zweifellos kannten sie die Fotos schon, und doch betrachteten sie sie so fasziniert wie beim ersten Mal.

Als sie das Album zuklappten, kläffte Avalon leise, und alle sahen auf. Rance beobachtete sie vom Rasen aus. Sein Gesicht lag im Schatten, doch als er auf sie zukam, lächelte er.

Echo Herz schien stillzustehen.

„Ich hoffe, ich habe das Essen nicht verpasst“, sagte er.

Avalon lief auf ihn zu, und Echo beobachtete stumm, wie er sich vorbeugte, um ihren Kopf zu tätscheln.

„Wir haben noch nicht gegessen“, informierte Rianna ihren Vater.

„Gut.“ Er sah Echo an, während er näherkam. Und dann fiel sein Blick kurz auf das Fotoalbum.

„Ich hole dir eine Limonade“, bemerkte Cora und drückte das Album an die Brust, als fürchtete sie, er könnte es ihr entreißen.

„Danke“, erwiderte er leise.

Cora verschwand im Haus. Rianna und Maeve folgten ihr. Avalon wartete, bis Rance saß, dann legte sie sich zu seinen Füßen.

„Langer Tag?“, fragte Echo, als sie seine müden Augen sah. Am liebsten hätte sie ihm über das leicht zerzauste Haar gestrichen.

„Wie immer. Wie ich sehe, hat Cora Ihnen eines ihrer Fotoalben gezeigt.“

Sie nickte. „Julie war sehr schön.“

Das quittierte Rance mit einem kurzen Nicken.

Rianna kam mit einem Glas Limonade zurück. „Gehen wir an die Börse?“, wandte sie sich wie eine Erwachsene an ihren Vater.

Ihre Worte hingen einen Moment in der Luft, dann lachte Rance. „Das ist noch nicht beschlossen. Im Augenblick ist McKettrickCo noch immer ein Familienunternehmen.“

Am liebsten hätte Echo gefragt, auf welcher Seite Rance stand, beschloss dann aber, dass sie das nichts anging.

„Sind wir dafür oder dagegen?“, kam Rianna ihr zu Hilfe.

„Wir sind uns nicht sicher“, antwortete Rance.

„Und Onkel Jesse?“

„Nicht sicher.“

„Onkel Keegan ist auf jeden Fall dagegen“, verkündete Rianna.

„Das kann man wohl sagen“, bestätigte Rance. „Für ihn wäre es eine schreckliche Vorstellung, künftig das Leben einfach nur zu genießen.“

„Was würdest du tun, Daddy? Wenn du nicht mehr arbeiten müsstest, meine ich?“ Rianna sah ihn so hoffnungsvoll an, dass Echo wegschauen musste.

„Ich würde mehr Zeit mit dir und deiner Schwester verbringen.“

In diesem Moment sah Rianna ihrer Mutter trotz des dunklen Haars so ähnlich, als wäre sie wieder lebendig geworden. Sie strahlte. „Das wäre toll.“

Rance trank einen Schluck Limonade. „Das wäre allerdings toll“, bestätigte er.

6. KAPITEL

„Du willst doch nicht etwa schon gehen, oder?“ Cora duzte Echo einfach. Sie fand, dass sie inzwischen so was wie Freundinnen waren.

Mit Mühe riss Echo sich von Rances Anblick los. „Es ist schon fast acht“, sagte sie.

Sofort drehte Cora den Wasserhahn ab und wickelte den Schlauch zu einer glänzend grünen Rolle auf. „Ich habe versprochen, dir heute Abend beim Auspacken der Bücher zu helfen. Und ich halte mein Wort immer.“

„Du musst doch müde sein“, protestierte Echo.

„Unsinn“, rief Cora. „Ich bin topfit.“

„Wir können auch helfen“, bot Rianna hoffnungsvoll an. „Oder nicht?“ Doch sie gähnte bereits beim Sprechen.

„Ich sag euch was“, mischte Rance sich ein. „Das klingt, als ob da eine Menge schwerer Sachen getragen werden müssten. Ihr Mädchen bleibt bei Granny, und ich helfe mit den Büchern.“

„Das ist wirklich nicht nötig.“ Echo wirkte verführerisch nervös. „Das kann alles auch bis morgen warten.“

„Nicht, wenn du am Samstag den Laden eröffnen willst“, behauptete Cora. Selbst in der Dunkelheit sah Rance das Funkeln in den Augen seiner Schwiegermutter. Dann gähnte sie etwas übertrieben. „Und wo du es schon erwähnt hast, ich würde wirklich gern die Füße hochlegen und vielleicht ein bisschen fernsehen.“

Sichtlich beunruhigt knabberte Echo an der Unterlippe und warf einen scheuen Blick in Rances Richtung. Sie schien hin und her gerissen, und er genoss es, ihr beim Überlegen zuzusehen.

„Wie mir scheint, haben wir keine andere Wahl“, erklärte Echo schließlich.

„Scheint mir auch so“, lächelte er.

„Dann geht mal, ihr beiden.“ Cora hob die Hände. „Die Mädchen und ich genehmigen uns noch ein Eis, und dann schauen wir, was im Fernsehen kommt.“

So souverän wie möglich bedankte Echo sich für das Abendessen, sagte den Mädchen Gute Nacht und rief Avalon zu sich. Rance versprach, seine Töchter in etwa zwei Stunden wieder abzuholen. Dann brachte er Echo zu ihrem Auto und folgte ihr in seinem Wagen.

Vor ihrem Buchladen parkte ein Lastwagen. Ein Mann stieg aus.

Dabei überkam Rance ein unangenehmes Gefühl, das er sich selbst nicht recht erklären konnte. Wenn er sich nicht sehr täuschte, war dieser Mann nicht Echos Typ. Er sah viel zu heruntergekommen aus. Ganz eindeutig brauchte er dringend eine Dusche, einen Haarschnitt und eine Rasur – und wahrscheinlich auch einen Job.

Zögernd stieg Echo aus und ging entschlossen auf den Mann zu. Rance stellte sich neben sie.

„Ich bin Bud Willand“, sagte der Fremde.

Rance fiel auf, dass Echo den Hund im Wagen gelassen hatte.

„Echo Wells“, entgegnete sie mit leiser und zittriger Stimme. Offenbar behagte ihr dieses Gespräch ganz und gar nicht.

Willand betrachtete Rance von Kopf bis Fuß, wie Männer es seit Urzeiten taten, und hielt klugerweise Distanz. Er blickte durch das Beifahrerfenster in Echos Wagen, wo Avalon mit heraushängender Zunge saß.

„Sieht eindeutig nach Whitey aus“, brummte er. „Hallo, mein Mädchen“, begrüßte er den Hund. „Scheint so, als hättest du in Saus und Braus gelebt, seit du von zu Hause weggelaufen bist.“

Doch Avalon duckte sich in den Sitz und versuchte, an dem massigen Körper vorbei zu Echo zu sehen. Diese trat einen Schritt nach vorn. „Ist schon gut, Avalon“, sagte sie sanft.

Ohne einen weiteren Ton trat Willand auf das Auto zu.

Autor

Cathy Gillen Thacker
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Linda Lael Miller wurde als Tochter eines Town Marshalls in Washington geboren. Natürlich wurde sie auch durch den Beruf ihres Vaters in den „Western lifestyle“ hineingeboren, der ihr Leben prägte. Sie verließ Washington und folgte ihrem Fernweh. Sie lebte in Arizona und London (Europa) und reiste rund um die Erde....
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