Bianca Exklusiv Band 283

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ZÄRTLICHKEIT IN BLAUEN AUGEN von OAKLEY, NATASHA
Als Eloise Lawton den faszinierenden Jeremy Norland auf einer Societyparty trifft, sagt ihr Herz sofort Ja zu ihm! Doch Jeremy ist der Stiefsohn von Lord Pulborough, den Eloise verachtet, weil er ihrer Mutter so viel Leid angetan hat. Kann die Liebe stärker sein als der Hass?

BEI TAG UND BEI NACHT ... von FERRARELLA, MARIE
Job und Vergnügen hält der erfolgreiche Anwalt Travis Marlowe stets getrennt. Bis die schöne Shana eines Morgens in seinem Büro auftaucht. Ehe er sich versieht, stürzt er Hals über Kopf in eine zärtliche Romanze. Doch Shana darf auf keinen Fall erfahren, was er vor ihr verbirgt …

EIN HIMMLISCHES VERSPRECHEN von HILL, TERESA
Ein Blick in Ben Taylors dunkle Augen - und Kate ist verloren. Dieser attraktive Mann bringt ihr sorgfältig geplantes Leben völlig durcheinander. Denn die Zärtlichkeit in seinen Blicken verspricht ihr etwas, das sie bei ihrem Verlobten nie gefunden hat: die große Liebe ...


  • Erscheinungstag 28.04.2017
  • Bandnummer 0283
  • ISBN / Artikelnummer 9783733733032
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Natasha Oakley, Marie Ferrarella, Teresa Hill

BIANCA EXKLUSIV BAND 283

1. KAPITEL

Inmitten einer großen Menschenmenge konnte man sich erschreckend einsam fühlen. Das spürte Eloise Lawton an diesem Abend ganz besonders.

Eigentlich sehnte sie sich danach, nach Hause zu gehen, ein heißes Bad zu nehmen und darin allen Kummer zu ertränken. Stattdessen musste sie zu dieser blöden Veranstaltung. Das war nun mal ihr Job. Oberflächliche Gespräche und Smalltalk gehörten dazu. Sie überhörte geflissentlich die gehässigen Spötteleien und spitzen Bemerkungen der Leute, die ihren Kommentar über den Modegeschmack der Gäste fürchteten. Wahrscheinlich zu Recht – denn ihre Artikel waren in letzter Zeit ziemlich bissig ausgefallen.

Eloise verlagerte ihr Gewicht von einem Bein auf das andere – die Eduardo Munno Sandaletten schnitten ihr schmerzhaft in die Füße. Sie sahen zwar umwerfend aus, waren aber dennoch hoffnungslos unbequem. Sie waren nämlich eine Größe zu klein und passten überhaupt nicht zu ihr. Genauso wenig wie die Leute um sie herum.

Jeder der Gäste wetteiferte um seinen Platz in der High Society, beurteilte die anderen Menschen nach ihrem Vermögen und ihrer gesellschaftlichen Stellung. Eloise fand diese Einstellung einfach erbärmlich.

Doch das war nun mal ihr Beruf. Davon bezahlte sie die Hypothek – denn sie verfügte leider nicht über den Luxus eines Treuhandvermögens oder eines geerbten Herrenhauses. Im Gegensatz zu jeder zweiten Person im Raum.

Eloise blickte verstohlen auf ihre Armbanduhr und rechnete sich aus, wie lange sie noch aushalten musste, bevor sie sich bei Cassie entschuldigen konnte. Noch bis vor Kurzem hätten Anlässe dieser Art sie hellauf begeistert, aber jetzt …

Nun, jetzt lagen die Dinge etwas anders. Eine spontane Eingebung, die Habseligkeiten ihrer Mutter aus dem Lager einer Spedition zu holen, hatte alles verändert.

Dabei war Eloise die Idee zunächst ganz vernünftig erschienen. Nach sechs Jahren, so meinte sie, wäre es wohl allmählich an der Zeit. Sie hatte die entsprechenden Papiere zur Auslösung unterzeichnet, ohne auch nur im Geringsten vorauszuahnen, dass sie eine Büchse der Pandora öffnete.

Ihre Entscheidung hatte sich als großer Fehler herausgestellt. Die Erinnerungen waren erneut auf sie eingestürmt. Kaum verheilte Wunden wurden wieder aufgerissen und schmerzten so qualvoll wie in der Sekunde, als der Lastwagenfahrer über dem Lenkrad eingeschlafen war und damit ihr Leben auf schreckliche Weise verändert hatte.

Immer wieder hatte sie den Brief ihrer Mutter gelesen, der an das Testament geheftet war, doch jetzt, sechs Jahre später, sah sie die Dinge mit anderen Augen.

Eloise ließ ihren Blick über den prachtvollen Saal mit seinen umlaufenden Galerien wandern. Riesige Kerzenleuchter hingen von der gewölbten Decke, und prächtige Blumenarrangements aus weißen Orchideen und winzigen Rosenknospen schmückten den Raum. Man hatte keine Mühen und Kosten gescheut; alles war perfekt und wunderschön arrangiert.

Trotzdem fühlte Eloise sich unwohl. Ihrer Ansicht nach ging es hier nur um eine protzige Zurschaustellung von Reichtum. Und welche Rolle spielt sie darin?

Es war ihr inzwischen egal, welche Farbe gerade angesagt war oder ob Seide zurzeit als perfekter Stoff galt. Morgen würde sie sich zusammenreißen und einen passenden Artikel schreiben, aber heute ließ ihre Umgebung sie kalt.

„Eine Alte, die auf jugendlich macht“, zischte Cassie gehässig über den Rand ihres Champagnerglases hinweg. „Dort drüben.“

Eloise riss sich aus ihren Gedanken und wandte ihre Aufmerksamkeit der Frau zu, über die ihre Chefin so verächtlich herzog.

Die Herausgeberin der Modezeitschrift Image stieß sie an. „Bernadette Ryland. Unter dem Porträt des grauenhaften, fettleibigen Generals.“

Eloise kam der Aufforderung nach und drehte sich in die gewiesene Richtung.

„Die Frau ganz in Gelb. Na ja, fast ganz. Was hat sich ihr Designer bloß dabei gedacht? Die sieht ja aus wie ein eingeschnürtes Huhn.“

Cassie hatte nicht übertrieben. Das Kleid war dem feierlichen Anlass tatsächlich nicht angemessen und passte überhaupt nicht in diesen Rahmen.

„Oh!“, rief Cassie plötzlich überrascht und nippte von ihrem Champagner. „Ach du meine Güte … dort ist Jeremy Norland. Zusammen mit Sophia Westbrooke. Also, ich muss schon sagen, das ist die erste Sensation heute Abend. Ich frage mich nur …“

„Jeremy Norland?“, fragte Eloise hastig nach, als ihr Blick scheinbar gelassen auf die große dunkle Gestalt fiel.

Sie hatte schon ein paar Fotos von ihm gesehen, eins, während er Polo spielte, und ein anderes bei einer Adelshochzeit. In Wirklichkeit wirkte er auf sie noch eleganter als auf den Bildern. Und überaus attraktiv.

„An der Tür. Kennst du ihn?“

„Nein.“ Nervös umklammerte sie ihr Glas. „Seinen Namen habe ich allerdings schon mal gehört“, erklärte sie betont gelassen.

„Heute ist aber auch alles versammelt, was Rang und Namen hat“, staunte Cassie und winkte mit ihrer manikürten Hand einer Dame in grauem Chiffon zu, die schon die ganze Zeit lebhaft versuchte, Cassie auf sich aufmerksam zu machen. „Das ist die Schwester des Duke von Odell“, erklärte sie Eloise mit einem merkwürdigen Unterton. „Verheiratet mit einem Mann der unteren Gesellschaftsschicht. Natürlich hat sie den Titel einer Lady behalten und stellt selbstverständlich sicher, dass jeder davon Kenntnis nimmt.“

Sie drehte sich herum und nahm sich ein neues Glas Champagner, das ihr von dem freundlichen Kellner angeboten wurde.

Eloise stand da wie gelähmt. Jeremy Norland. Hier. In London. Sie hatte Mühe, das Chaos ihrer Gefühle vor Eloise zu verbergen.

Er lehnte an der schweren Eichentür und war offensichtlich gut gelaunt und lachte unbekümmert.

Welche Sorgen sollte er auch schon haben? Er führte ein Leben wie Gott in Frankreich. Er war unter einem Glücksstern geboren.

Cassie folgte Eloises Blick. „Ist er nicht hinreißend? Und so muskulös … wahrscheinlich in zahlreichen Stunden auf dem Rücken eines Pferdes gestählt. Sein Anzug sitzt einfach fantastisch. Sieh dir bloß mal seinen knackigen Po an. Der Mann ist unglaublich attraktiv … sehr, sehr sexy.“

„Und dessen scheint er sich auch ziemlich bewusst zu sein, oder?“, erwiderte Eloise und beobachtete, wie er Sophia Westbrooke charmant anlächelte.

„Schon, aber ich kann ihm auch nicht verübeln, dass er diesen Effekt auf Frauen ausübt, Liebes. Tolles Aussehen. Geld. Gute Beziehungen. Ziemlich todsichere Kombination, würde ich sagen.“

Eloise zwang sich zu einem Lächeln. „Ich dachte, er mag London nicht.“

„Das stimmt ja auch. Er lebt in Sussex, auf dem Gut seines Stiefvaters. Dort fertigt er Tische, Stühle und andere Möbelstücke an.“

„Individuelle, elegante, kostbare und teure Designermöbel. Ja, ich weiß.“ Eloise nippte an ihrem Champagner. „Ich habe darüber gelesen.“

„Du musst schon einen Kredit aufnehmen, um dir auch nur ein einziges Stuhlbein leisten zu können“, stimmte Cassie ihr zu. „Das trifft wohl auch auf Sophias Kleid zu, kann ich mir vorstellen. Weißt du, wer es angefertigt hat?“

„Yusuf Atta. Ein aufstrebender Modedesigner. Spezialisiert sich gerade auf Stickerei auf Chiffon“, informierte Eloise ihre Vorgesetzte. „Sehr romantisch angehauchte Entwürfe.“

„Wäre er eine Reportage wert?“

„Schon möglich“, meinte Eloise abwesend und beobachtete, wie das junge Mädchen Jeremy bewundernd anblickte. Sophia Westbrooke konnte nicht älter als neunzehn Jahre alt sein. Jeremy hingegen war schon vierunddreißig, vielleicht auch fünfunddreißig. So genau erinnerte sie sich nicht mehr an den Internetartikel, den sie kürzlich gelesen hatte.

Cassie verfolgte offensichtlich die gleichen Gedanken. „Gerade zurück aus der Schweiz. Nicht einen Tag älter als neunzehn. Und mit einem Mann wie Jeremy Norland. Die Glückliche.“

„Das hat mit Glück nichts zu tun. Man bleibt eben gern unter sich und heiratet nicht unter seinem Stand. Hauptsache, Geld kommt zu Geld. Wenn Liebe mit im Spiel ist, stört es nicht, muss aber auch nicht unbedingt sein. Wusstest du das nicht?“, meinte Eloise ironisch im schönsten Upper-class-Englisch.

Ihre Bemerkung brachte Cassie zum Kichern. Mit ihren modischen lackierten Fingernägeln tippte sie an ihr Champagnerglas. „Pfui, wie gehässig. Aber jetzt mach bitte mal die Runde. Ich will den neuesten Klatsch erfahren. Und halte dich nicht an bestimmten Leuten fest, flirte nicht mit ihnen, sie beißen.“

Wie wahr. Nur schade, dass das niemand ihrer Mutter gegenüber erwähnt hatte, als diese vor achtundzwanzig Jahren angefangen hatte, auf Coldwaltham Abbey zu arbeiten. Sie konnte damals nicht viel älter gewesen sein als Sophia Westbrooke heute – doch das war wohl die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden Frauen. Das Schicksal wies den beiden völlig verschiedene Wege in die Zukunft.

Eloise beobachtete, wie sich ihre Chefin den Weg zurück in die Menschenmenge bahnte. Cassie passte ebenso wenig hierher wie Eloise, aber die Herausgeberin der Modezeitschrift ließ sich nichts anmerken. Selbstbewusst begegnete sie jedem, der versuchen sollte, sie zurückzuweisen.

So war Eloise auch einmal aufgetreten, ehrgeizig durch und durch – doch die Dinge hatten sich in den letzten vierzehn Wochen geändert. Vierzehn Wochen und drei Tagen, um genau zu sein. Der Tag, an dem sie die zwei Kisten ihrer Mutter nach Hause gebracht hatte. Wer hätte je ahnen können, dass eine so kurze Zeit so eine gewaltige Veränderung mit sich bringen könnte? Ihr Blick fiel wieder auf Jeremy Norland.

Er verkörperte perfekt das Leben in der High Society. Sein Anzug war sagenhaft. Zweifellos maßgeschneidert. Und wahrscheinlich unverschämt teuer.

Jeremy Norland – ein reicher Mann, dem schon immer alle Türen offengestanden hatten. Sein familiärer Hintergrund hatte ihm den Besuch der besten Universitäten ermöglicht und ließ ihn dementsprechend selbstsicher auftreten. Bis zu seinem Tod waren ihm der Rückhalt und die Unterstützung seiner Familie gewiss – eine garantierte, bequeme Lebensversicherung.

Sie ärgerte sich über ihn mit einer Vehemenz, die selbst sie überraschte.

Er wirkte auf Eloise so maßlos arrogant – vom Scheitel bis zur Sohle, von seinem teuren Haarschnitt bis zu den handgefertigten italienischen Lederschuhen. Sie war sich total sicher, niemals auf einen Mann wie Jeremy Norland hereinzufallen, geschweige denn, sich in ihn zu verlieben, wenn sie sich das unglückliche Leben ihrer Mutter vor Augen führte.

Wut, Zorn, und Abscheu waren schlimmer und schlimmer geworden, seit sie den Brief ihrer Mutter gelesen hatte. Jetzt konnte sie kaum noch die Nähe dieser oberflächlichen, egoistischen Menschen ertragen, die nur mit sich selbst beschäftigt waren und das Leben ihrer Mutter zerstört hatten.

Und ihr eigenes.

Noch bis vor wenigen Wochen hatte diese Gesellschaft sie fasziniert – als unbeteiligte und etwas amüsierte Beobachterin. Aber jetzt …

… jetzt spürte Eloise für sie nur noch Verachtung.

Jeremy Norland war der privilegierte Stiefsohn des Mannes, den sie besonders verabscheute – den adeligen Laurence Alexander Milton, Viscount Pulborough.

Ihren Vater.

Vater!

Als Eloise vor sechs Jahren den Brief ihrer Mutter zum ersten Mal gelesen hatte, hatte sie über deren Tod noch immer zu sehr unter Schock gestanden, um die Zusammenhänge zu erfassen. Der plötzliche Verlust ihrer Mutter hatte in ihr ein Trauma ausgelöst. Es hatte lange gedauert, bis sie akzeptieren konnte, was sie jetzt über die Identität des Mannes wusste, dessen Erbmasse sie teilte.

Viscount Pulborough war nicht Teil ihres Lebens. Er bedeutete ihr nichts. Es war ihre Mutter, die ihre Abschlussfeier nicht mehr erleben durfte – Eloise hatte sie schrecklich vermisst. Allein schon der Gedanke daran tat weh.

Damals packte sie die Habseligkeiten ihrer Mutter in Kisten und stellte diese bei einer Spedition unter. Doch sie gingen ihr nie aus dem Sinn … sechs lange Jahre.

Sechs Jahre. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Eloises Leben verlief hektisch und arbeitsreich, denn sie war voll damit beschäftigt, in ihrem Beruf als Journalistin Erfolg zu haben. Dabei bildete sie im Laufe der Zeit eine Mauer um sich herum, damit niemand merkte, wie entsetzlich einsam sie sich fühlte.

Der Brief.

Schon die ganze Zeit hatte er existiert. Eine vor sich hintickende Zeitbombe – nur hatte sie das nie erkannt.

Als sie die Worte ihrer Mutter sechs Jahre später noch einmal las, sah sie den Inhalt mit anderen Augen, aus einer neuen Perspektive. Ihre anfängliche Antipathie schlug um in Ärger und Zorn.

Sie konnte sich gut vorstellen, was in jenem Sommer geschehen war. Jung, naiv und hoffnungslos verliebt hatte sich ihre Mutter plötzlich in einer traumhaften Märchenwelt wiedergefunden – mit dem einzigen Makel, dass ihr verheißungsvoller Prinz ein verheirateter Mann gewesen war. Eher ein Frosch als ein Prinz. Es hatte sogar so etwas wie ein Schloss gegeben. Eine kurze Zeit vollkommener Glückseligkeit und … ja, was war geblieben?

Ein immerwährender Kampf als alleinerziehende Mutter. Zwei miserabel bezahlte Jobs und die ewig kreisende Frage um die Begleichung der nächsten Rechnung. Das zähe Ringen um die Existenz und die Verantwortung für ein Kind.

Ob sich der hoch geschätzte Viscount je darüber Gedanken gemacht hatte, wenn er über seinen großartigen Besitz in Sussex schritt?

Irgendwann wusste Eloise, dass sie es herausfinden musste, auch wenn sich das als äußerst schwierig herausstellte. Es dauerte Wochen, bis sie endlich den Mut aufbrachte, den Mann, der ihre Mutter und sie selbst verleugnet hatte, mit der Wahrheit zu konfrontieren.

Und was hatte es ihr gebracht?

Nichts.

Eloise bewegte sich vorsichtig auf ihren geborgten Designersandaletten zu einem der geöffneten Fenster, wo der Verkehrslärm Beethovens Musik im Saal übertönte.

Ein leichter Kopfschmerz machte sich nun an ihrer rechten Schläfe bemerkbar. Am liebsten hätte sie die Ungerechtigkeit, die ihr und ihrer Mutter widerfahren war, laut herausgeschrien.

Jeremy Norland beobachtete sie, angezogen von dem Funkeln ihres violetten Seidenkleides.

„Jeremy, hörst du mir eigentlich zu?“, fragte Sophia und zog ihn am Arm. „Andrew und ich wollen uns ein ruhiges Plätzchen suchen, wo wir uns hinsetzen können.“

„Wer ist diese blonde Frau?“, platzte Jeremy mit der Frage heraus, die ihn im Moment brennend interessierte, ohne auf die Aussage der jungen Frau zu achten.

Lord Andrew Harlington folgte seinem Blick quer durch den Saal. „In Lila? Die mit den langen Beinen?“

„Genau.“

Andrew konzentrierte sich. „Keine Ahnung“, sagte er und legte seinen Arm um Sophias Taille. „Und du, Sophia? Kennst du sie?“

„Das ist Eloise …“, seine Freundin dachte offensichtlich scharf nach, „… du weißt schon, diese Frau aus dem Fernsehen. Eloise … Leyton, nein, Lawton. Genau, Eloise Lawton. Die Frau, die sich mit Mode beschäftigt.“

Jeremy blickte sie verständnislos an. „Was?“

„Sie macht dieses Programm über Styling“, erklärte Sophia. „Farben und so was. Blautöne, Rottöne und so weiter. Es kommt eben darauf an, den besten Typ aus sich zu machen. Und darin ist sie wirklich gut. Sie schreibt übrigens auch für Image.“

„Davon habe ich auch schon gehört“, sagte Jeremy distanziert und sah sich die Frau genauer an, die gerade einen giftigen Pfeil auf seine Familie abgeschossen hatte.

Eine Blondine? Irgendwie hatte er keine blonde Frau erwartet. Eloise Lawton – eine scharfsinnige Journalistin, die geistreich über modische Eigenheiten und Schwächen ihrer Zeitgenossinnen zu berichten verstand. Darüber war er informiert. Seine Mutter und seine Stiefschwester hatten es ihm erzählt.

„Champagner, Sir?“

Jeremy wandte den Blick ab. „Danke sehr“, antwortete er und nahm das angebotene Glas von einem Tablett. Ihm war bewusst, dass seine Mutter ihm zur Vorsicht geraten hätte, doch die Gelegenheit war unwiderstehlich.

Was er wirklich wissen wollte, war, warum? Warum jetzt? Und warum Laurence? Sein Stiefvater war ein liebenswerter und untadeliger Mensch. Ein tief religiöser Mann, ehrenhaft und gutherzig. Es war undenkbar …

„Sie ist hübsch, oder?“, ließ sich Sophia neben ihm vernehmen. „Obwohl – eigentlich gar nicht dein Typ.“

Jeremy blickte in ihr verschmitztes Gesicht. „Was?“

„Eloise Lawton. Sie ist sehr hübsch.“

„Ja“, konstatierte er nüchtern.

Eloise Lawton war tatsächlich wunderschön. Aber auch raffiniert und gefährlich. Kaum vorstellbar, dass jemand von ihrem Aussehen so kaltblütig und unbarmherzig sein konnte.

Wie konnte sich jemand nur diesen betrügerischen Schwindel ausdenken? Und ausgerechnet in dieser Zeit, die für Laurence besonders schmerzhaft und schwierig war. Brauchte sie das Licht der Öffentlichkeit so sehr, dass ihr die Qual und die Verletzungen, die sie verursachte, egal waren?

Ungeachtet der amüsierten Blicke entschuldigte sich Jeremy und ging langsam in Richtung des geöffneten Fensters, an dem Eloise stand. Er war sich noch nicht sicher, was er sagen sollte – nicht bis zu dem Moment, als sie ihren Blick auf ihn richtete.

Jeremy Norland bemerkte in den Tiefen ihrer dunkelbraunen Augen, dass sie ihn erkannt hatte. Das hätte er sich denken können. Jemand wie Eloise Lawton machte natürlich seine Hausaufgaben.

Der Termin, an dem sie den Brief abgeschickt hatte, war perfekt geplant gewesen. Sie hatte bewusst einen Zeitpunkt gewählt, zu dem der ältere Viscount am anfälligsten war und seine Familie alles tun würde, um ihn zu beschützen.

Er jedenfalls war bereit, den Mann zu schützen, der sein Leben damals komplett verändert und in die richtigen Bahnen gelenkt hatte. Er unterdrückte seinen Ärger und sah sie kühl an.

„Jeremy Norland“, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand.

Er bemerkte, wie sie nervös ihre Abendtasche umklammerte und vergeblich versuchte, ein unverbindliches Lächeln zustande zu bringen.

Auf diese Eloise Lawton war er nicht im Geringsten gefasst. Zu seinem Erstaunen stellte er plötzlich fest, wie müde sie aussah. Dunkle Schatten lagen um ihre Augen, in denen er Verletzlichkeit, ja sogar eine gewisse Resignation erkannte.

Langsam stellte sie ihr Champagnerglas auf einen Seitentisch. „Eloise Lawton“, sagte sie und ergriff seine dargebotene Hand.

Jeremy hielt ihre Hand fest und unterdrückte den plötzlich aufkommenden Wunsch, sie zu trösten. Er durfte sich von ihrer Erscheinung nicht blenden lassen, denn Eloise Lawton war ein intrigantes Biest – davon war er fest überzeugt. Ihre Absicht schien es zu sein, die Menschen zu verletzen, die er liebte.

Da er sich erkundigt hatte, wusste er, dass der Platz neben dem Namen des Vaters auf ihrer Geburtsurkunde leer geblieben war. Wer immer auch ihr Vater sein mochte, es war auf keinen Fall Viscount Pulborough.

Also was bedeutete das Ganze?

Sie ließ es darauf ankommen und riskierte, ja, wagte alles. Nachdenklich musterte er sie. Er konnte sich vorstellen, zu welcher Sorte Frauen sie gehörte. Sie wollte nichts weiter als Publicity. Einmal im Rampenlicht stehen. Berühmt sein für nichts. Schon sein leiblicher Vater hatte diesem Frauentyp nicht widerstehen können, erinnerte er sich aus seiner frühen Kindheit.

Und doch … irgendwie machte sie nicht diesen Eindruck. Sie hatte mehr Klasse und Würde, als er erwartet hatte …

Eloise versuchte noch einmal zu lächeln und … scheiterte erneut. „Ich schreibe für Image.“

„Das habe ich schon erfahren“, sagte er und ließ ihre Hand los. Ihr Blick wanderte nervös zur Tür. „Meine Freundin Sophia hat mir erzählt, dass Sie eine Expertin darin sind, anderen Frauen zu empfehlen, wie sie sich kleiden sollen.“

„N… nein. Ich schreibe über Mode, falls sie das meint. Letzten Endes ist doch alles relativ.“

Eine diplomatische Antwort. Sie war klug. Das musste er zugeben. Und bildhübsch. Unbestreitbar. Eine kühle, gelassene Schönheit.

Und darunter … was befand sich dort? Leidenschaft? Feuer?

Und Gier. Es ging ihr doch nur um Geld, oder etwa nicht? Um die Karriere. Dafür wurde jeder mit Füßen getreten, der diesem Ziel im Weg stand.

Ihrem Ziel, rief er sich in Erinnerung. Dafür hatte sie sich einen kranken, älteren Mann ausgesucht und behauptete, seine Tochter zu sein. Und was für Beweise hatte sie?

Nicht einen einzigen.

Aber da hatte sie die Rechnung ohne Jeremy gemacht!

Er bemühte sich um einen gelassenen Ton. „Sie treten auch im Fernsehen auf? Sophia sagte so etwas.“

„Hin und wieder war ich im Frühstücksfernsehen.“

Unruhig strich sie über die Handtasche. Selbst ein Blinder hätte merken können, wie nervös sie war. Und dafür hatte sie einen guten Grund.

Laurence hatte Jeremy immer vertraut, auch wenn dieser zunächst gegen alles rebelliert hatte. Trotzdem hatte sein Stiefvater unerschütterlich an das Gute in seinem Adoptivsohn geglaubt. Heute wollte Jeremy dieses Vertrauen rechtfertigen.

Laurence war kein Mann, der sich vor seiner Verantwortung drückte. Sein Sinn für richtig und falsch, für Recht und Ordnung war ausgeprägt und Teil seiner Persönlichkeit. Er hätte niemals die Existenz einer Tochter verleugnet oder Coldwaltham Abbey verlassen.

„Wollen Sie in nächster Zeit noch mehr fürs Fernsehen machen?“, fragte Jeremy unverbindlich.

Eloise konnte ihre Nervosität nicht ablegen. Sie stellte ihre Tasche ab und nahm wieder das Champagnerglas. „Nein, eigentlich nicht. Aber es war eine interessante und aufregende Arbeit und hat dem Magazin sehr geholfen.“

„Image?“

„Ja.“ Sie nippte an ihrem Champagner. „Außerdem ist es gut für meinen Ruf.“

„Ist Ihnen der so wichtig?“

Unruhig ließ Eloise ihren Blick über die Menschenmenge im Saal schweifen, bis sie sich wieder auf Jeremy konzentrierte. „Ja, sehr. Wenn man sich einen Ruf erwirbt, stehen einem alle Türen offen.“

„Tatsächlich?“

„In diesem Metier kommt es mehr auf Beziehungen und Kontakte als auf Fachwissen an.“

Laurence war also zufällig das Opfer auf dem kometenhaften Aufstieg an die Spitze.

Aber warum gerade Laurence?

Warum ein Mann, dessen Leben über jeden Vorwurf erhaben war? Ein Mann, zu dem andere Menschen aufblickten? Warum diese Grausamkeit gegenüber Laurence, seiner Frau und seiner Familie?

Die Antworten lagen auf der Hand. Wahrscheinlich hatte Eloise Lawton einen Roman in der Schublade, den sie veröffentlichen wollte. Dazu brauchte sie einen „Namen“, einen kleinen Skandal, etwas, was die großen Verlagshäuser davon überzeugte, ihr eine Chance geben zu müssen.

Jeremy Norland empfand Abscheu.

„Eigentlich möchte ich doch viel lieber über andere Dinge schreiben. Ich liebe die Mode, aber …“ Sie unterbrach sich und blickte aus dem Fenster.

„… Sie wollen mehr?“, beendete er ihren Satz. Natürlich, das lag klar auf der Hand. Ihre gesamte Erscheinung sprach Bände.

Ihr war sein sarkastischer Unterton aufgefallen. Sie sah ihn fragend an. „Ist daran etwas falsch?“

„Es hängt davon ab, was Sie zu tun bereit sind, um Ihr Ziel zu erreichen.“

Sie warf ihm einen missbilligenden Blick zu. „Selbstverständlich.“ Seine Miene war schwer zu deuten, aber sie spürte, dass er nicht besonders viel von ihr hielt. Vielleicht ja nur, weil er ihren Beruf verachtete. Das ging vielen Leuten so. Aber möglicherweise …

Eloise leerte hastig ihr Glas, eine pure Verschwendung dieses kostbaren Getränks. Ebenso gut hätte sie auch Essig trinken können, sie hätte es nicht gemerkt.

Ihr Kommen war ein Fehler gewesen. Wenn sie vorher gewusst hätte, dass Jeremy Norland oder irgendein anderes Mitglied der Familie Pulborough auf der Gästeliste stehen würde, wäre sie der Veranstaltung ferngeblieben. Sie wollte vorbereitet sein, wenn sie ihnen gegenübertrat, und Ort und Zeitpunkt selbst bestimmen.

So hatte sie es sich nicht vorgestellt. Sie war noch nicht bereit. Jeremy Norland beobachtete sie, und das gefiel ihr ganz und gar nicht.

Wusste er es, oder wusste er es nicht? Hatte sein Stiefvater mit ihm gesprochen? Fragen über Fragen, die ihre innere Unruhe nur verstärkten.

„Ich hörte von meiner Mutter, dass Sie meinen Stiefvater kennen.“

Eloise umklammerte ihr Glas. Sie spürte einen leichten Schweißfilm auf der Stirn, und ihre Hände wurden feucht.

Er wusste es also.

Ihr war, als würde sich der Boden unter ihren Füßen auftun, als raste sie mit hoher Geschwindigkeit einem Schicksal entgegen, über das sie keine Kontrolle hatte.

„Viscount Pulborough!“, bekräftigte er, als sie für einen Moment schwieg. „Der zweite Mann meiner Mutter.“

„Wir … wir sind uns nie begegnet.“

Überrascht zog er die Augenbrauen hoch und taxierte ihren Körper von oben bis unten.

Sein hochnäsiges Verhalten und seine Art, sich für etwas Besseres zu halten, gaben Eloise das Gefühl, klein, unnütz und armselig zu sein. Wieder wurde sie wütend. Wenn irgendjemand sich beschämt fühlen sollte, dann war er es. Schließlich ging es um den Mann seiner Mutter, der das junge Mädchen, das sein Baby austrug, im Stich gelassen hatte.

„Tatsächlich? Dann muss ich etwas missverstanden haben.“

„Meine Mutter kannte ihn – vor vielen Jahren. Ich schrieb an Viscount Pulborough, um ihm mitzuteilen, dass sie gestorben ist.“ Sie stellte ihr Glas wieder ab und nahm ihre Handtasche. „Aber er hat nicht reagiert.“

Drei Wochen waren seitdem vergangen, und er hatte immer noch nicht geantwortet. Sie hatte zwar nicht gerade erwartet, dass ihr Vater sie mit offenen Armen willkommen geheißen hätte – aber gar nichts? Unglaublich. Und mit jedem weiteren Tag stieg ihr Unmut.

Warum verhielt er sich nur so? Wie konnte er Leben in die Welt setzen und sich nicht darum kümmern?

Von dem Zeitpunkt an, als sie alt genug gewesen war, Fragen über ihren Vater zu stellen, hatte ihre Mutter immer nur geantwortet, er wäre ein guter Mann gewesen. Ein Mann, der aber leider nicht mit ihnen zusammenleben konnte, auch wenn er es sich noch so sehr wünschte.

Seine Identität war immer ihr Geheimnis geblieben. Aber die Worte „guter Mann“ hatten sich damals in Eloises Gedächtnis festgesetzt. Er hätte gewollt, bei ihnen zu leben … wenn es möglich gewesen wäre. Er hätte sie geliebt. Hätte ihre Mutter geliebt. Er war ein „guter Mann“.

Kindereien – rückblickend gesehen. Dieser Mann besaß alles und schätzte die Menschen offensichtlich danach ein, ob sie es wert waren, beachtet zu werden oder nicht. Er hatte ein junges Mädchen verlassen, das allein und ohne Unterstützung mit den Konsequenzen ihrer Affäre fertigwerden musste, und verdrängt, dass er eine Tochter hatte.

Eloise.

„Es ging ihm gesundheitlich sehr schlecht.“

„Schlecht?“ Sie sah Jeremy Norland fragend an. Hörte sie da einen drohenden Unterton heraus, obwohl er sich höflich gab?

„Aber vielleicht haben Sie ja bereits davon gehört? Er war im Krankenhaus“, fuhr Jeremy leise fort.

„Nein, das wusste ich nicht.“

Woher sollte sie das erfahren haben? Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er ihr die Schuld gab. Aber wofür?

„Er musste sich einer Herzoperation unterziehen und hat vier Bypässe bekommen.“

„Oh.“ Eloise wusste nicht, was sie sagen sollte. Obwohl sie Viscount Pulborough nie gesehen oder gesprochen hatte, war sie betreten. Und gleichzeitig wunderte sie sich über ihre Reaktion.

„Nun, dreiundsiebzig Jahre fordern eben ihren Tribut.“

Panik stieg in ihr hoch. Er konnte nicht sterben. Nicht jetzt. Nicht bevor sie die Gelegenheit gehabt hatte, mit ihm zu sprechen. Sonst würde sie nie die Gründe erfahren, warum er sie allein gelassen hatte.

„Wie ernst steht es um ihn?“, fragte sie nervös.

„Er hat die Operation gut überstanden. Aber danach gab es Komplikationen.“

„Was für Komplikationen?“

„Sein Blutdruck schoss in die Höhe, als er nach der Narkose wieder zu sich kam. Die Ärzte sahen sich daher gezwungen, ihn in ein künstliches Koma zu versetzen. Aber inzwischen erholt er sich fabelhaft.“

„Das … das ist gut.“

„Ja. Die ganze Familie hält zusammen und unterstützt ihn nach Kräften.“

Aufgewühlt wandte Eloise sich ab. „Natürlich. Ich bin sicher, dass … ich …“ Sie schloss für einen Moment die Augen.

„Das heißt, dass ihm jede Aufregung erspart werden muss. Es darf nichts an ihn herangetragen werden, was ihn beunruhigen könnte.“

Jeremys Worte waren unmissverständlich. Irgendwie brachte Eloise ein „Ich verstehe“ zustande. Aber sie konnte nicht anders, sie musste es wissen. „Sie schützen ihn vor mir. Er hat meinen Brief gar nicht gelesen, oder?“

„Nein.“

Nein. Keine Entschuldigung, nur ein eindeutiges „Nein“. All diese Tage, an denen sie vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte. Ihre Sorgen und Ängste. Diese Angst vor völliger Zurückweisung, die sie schon fast krank machte. Der Ärger, die Wut.

Dabei wusste Viscount Pulborough nicht einmal, dass sie ihm geschrieben hatte!

Seine ehrenwerte Familie, seine „richtige“ Familie beschützte ihn vor allen Unannehmlichkeiten. Offensichtlich machte sich keiner von ihnen Gedanken darüber, wie Eloise sich fühlte.

Natürlich nicht! Es konnte ihnen ja auch egal sein. Von ihr nahm sowieso kein Mensch Notiz. Sie war nur ein Ärgernis. Geboren auf der falschen Seite des Lebens, wo sie sich weigerte zu bleiben.

Aber dann kam ihr ein weiterer Gedanke. Irgendjemand musste ihren Brief gelesen haben, obwohl er persönlich an Viscount Pulborough gerichtet war. Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken. Einer aus der Familie hatte den Brief geöffnet … ihn gelesen … und darüber mit den anderen Familienmitgliedern diskutiert. Sie hätte sich nicht träumen lassen, dass jemand anders als ihr Vater den Inhalt …

Sie atmete tief durch und sah Jeremy Norland an. „Kennen Sie den Brief?“

„Nein.“

„Wer dann?“

„Ist das so wichtig?“

„Es war ein persönlicher Brief. Der Inhalt dieses Schreibens geht niemanden etwas an außer …“ Sie zögerte, wusste nicht, wie sie ihn nennen sollte. Meinen Vater? Aber das konnte sie nicht sagen. Das Wort „Vater“ blieb ihr im Hals stecken. „… Viscount Pulborough und mich. Nicht Sie oder irgendjemand sonst.“

„Nicht einmal seine Frau?“

Eloise hielt seinem Blick stand. „Nein.“

Sie bemerkte, dass er unschlüssig war, wie er reagieren sollte. „Warum jetzt?“, wollte er mit leiser Stimme wissen.

„Wie bitte?“

Jeremy lächelte höflich, seine blauen Augen blitzten. „Ich frage mich, warum Sie sich gerade zu diesem Zeitpunkt gemeldet haben. Warum nicht schon vor einem Jahr oder noch früher?“

Seine Worte verwirrten Eloise. Sie verstand nicht, was er damit sagen wollte, aber sie konnte die unterschwellige Kritik hören.

Dann ging ihr plötzlich ein Licht auf. Die Erkenntnis traf sie mit voller Wucht.

Er glaubte ihr nicht.

Auf einmal meinte sie ersticken zu müssen; die schwere Luft aus Zigarettenrauch und Parfüm lag schwer auf ihrer Brust. Am geöffneten Fenster war der Verkehrslärm zu hören, und ab und zu tönten Polizeisirenen durch die dunkle Nacht.

Jeremy Norland glaubte nicht, dass sie die leibliche Tochter seines Stiefvaters war. Aber das ging ihn nichts an. Sie wurde wütend. Wie kam er dazu, ihr zu misstrauen?

Er wollte wissen, warum sie gerade jetzt Kontakt zu ihm aufgenommen hatte. Sie würde es ihm schon erzählen. Und zwar auf eine Weise, dass er wünschte, sie nie gefragt zu haben. „Weil ich erst jetzt festgestellt habe, wie wichtig es ist.“

Er schwieg und sah Eloise ungläubig an.

„Als meine Mutter starb … es gibt da einen Brief, zusammen mit ihrem letzten Willen.“ Es fiel Eloise schwer, mit Jeremy Norland darüber zu sprechen. Sie zitterte vor Wut und Trauer.

Bilder vom schlimmsten Tag ihres Lebens. Die Polizistin, die die Nachricht übermittelte. Die lange Fahrt zurück nach Hause. Der Schock und die Leere. Ihr Entsetzen, als sie ungläubig die Worte ihrer Mutter las, die sie in ihrer unverwechselbaren Schrägschrift aufgeschrieben hatte. Die Wahrheit. Endlich.

Es waren Worte, die ihre Mutter ihr persönlich hatte mitteilen wollen – eines Tages. Sie hatte die Wahrheit nur für den Fall aufgeschrieben und an ihr Testament geheftet, dass ihr etwas Unvorhergesehenes passieren sollte.

In der ersten Zeit war Eloise viel zu beschäftigt gewesen, um klar nachzudenken. Ein Begräbnis musste arrangiert und bezahlt, die Wohnung aufgelöst werden. Ihr Leben hatte sich in einer einzigen Sekunde komplett verändert.

Erst viel später kam sie allmählich zur Ruhe. Es sollte sechs Jahre dauern. Sie holte die wenigen Habseligkeiten ihrer Mutter aus der Lagerungsfirma. Ein ganzes Leben – aufbewahrt in zwei Kisten. Zum ersten Mal dachte sie über die Sozialwohnung nach, die sie ihr Zuhause genannt hatten, und begann im Internet nach Informationen über Coldwaltham Abbey zu suchen.

Und dann las sie den Brief ihrer Mutter – wieder und wieder. Doch zu ihrem Erstaunen erkannte sie darin keinerlei Bitterkeit. Ihre Mutter hatte ihren Vater geliebt, hatte an ihn geglaubt bis zu dem Moment, als sie den Brief an ihr Testament geheftet hatte. Wahrscheinlich bis zu ihrem Tod.

Seitdem ließ die Neugier Eloise keine Ruhe mehr. Deshalb erst jetzt. Aber wie konnte sie einem Mann wie Jeremy Norland begreiflich machen, was sie empfand? Sie wusste ja nicht einmal, ob sie es selbst verstand.

Eloise atmete tief durch und machte einen neuen Versuch. „Meine Mutter starb bei einem Autounfall. Vor sechs Jahren. Ein Lastwagen …“ Ihre Stimme stockte, Tränen schnürten ihr die Kehle zusammen. „Der Fahrer war hinter dem Lenkrad eingeschlafen. Sie … sie war auf der Stelle tot.“

„Das tut mir leid.“

Mit verschleiertem Blick bemerkte Eloise, wie Jeremy sich auf sie zubewegte. Sie machte einen Schritt zurück und hielt die Hände abwehrend hoch. „Es ist lange her. Sie wollen wissen, warum ich bis jetzt gewartet habe? Meine Mutter erzählte mir nie, wer mein Vater war. Es war ihr Geheimnis. Stattdessen schrieb sie einen Brief …“

„Niemandem?“

Ärgerlich sah sie ihn an. „Meine Mutter ist wohl offensichtlich auf Ihren Stiefvater hereingefallen. Dann verschwand sie in aller Stille, um allein ihr Baby zu bekommen. Sie hat ihn nie um Hilfe gebeten und niemals Kontakt zu ihm aufgenommen. Nie …“ Ihre Stimme versagte. Eloise begann zu schluchzen. „Meine Mutter war viel mehr wert als Viscount Pulborough. Er weiß gar nicht, was ihm entgangen ist.“

2. KAPITEL

Eloise drehte sich abrupt um und suchte mit tränenverschleiertem Blick ihren Weg heraus aus der Menschenmenge. Ihr Herz klopfte wie wild.

Der Brief hatte den Viscount, die große Liebe ihrer Mutter, gar nicht erreicht. Er war in fremde Hände gelangt, und das Geheimnis ihrer Mutter hatten nun ausgerechnet die Menschen erfahren, vor denen sie die Wahrheit geheim halten wollte. Sie fühlte sich tief in ihrer Ehre und der ihrer Mutter verletzt.

Endlich fand Eloise den richtigen Weg zu den Damenwaschräumen. Sie stieß die Tür auf und flüchtete in den mit kostbarem Marmor ausgestatteten Vorraum.

Gott sei Dank war er leer! Sie atmete tief durch, ging zu den Waschbecken und ließ das kalte Wasser erst eine Weile laufen, bevor sie es sich ins Gesicht spritzte.

Jeremy Norland glaubte ihr nicht. Wie oft hatte Eloise sich gefragt, welche Reaktion sie mit ihrem Brief wohl auslösen mochte. Aber keine Sekunde hatte sie damit gerechnet, dass man ihr nicht glauben würde.

Sie wollte jetzt am liebsten nach Hause fahren und über ihr weiteres Vorgehen nachdenken. Oder einfach nur weinen und ihren Frust und Ärger herausschreien.

Cassie würde nicht gerade begeistert reagieren, aber Eloise wollte nicht riskieren, Jeremy Norland noch einmal zu begegnen. Sie kontrollierte ihr Make-up im Spiegel, dann verließ sie den Waschraum.

Draußen empfing sie ein lauter Geräuschpegel, und die Luft war drückend. Eloise rieb sich die Stirn, als wollte sie die Anspannung vertreiben. Dann ging sie auf ihre Chefin zu.

„Du siehst scheußlich aus“, bemerkte Cassie.

Eloise und sie waren nur bis zu einem gewissen Grad Freundinnen. Cassie gehörte nicht zu den Frauen, denen sie grenzenlos vertraute.

Nach dem Tod ihrer Mutter hatte Eloise entdeckt, dass sie sich nur wenigen Menschen anvertrauen konnte. Jedenfalls dann, wenn es um Dinge ging, die ihr Herz und ihre Seele berührten.

„Ich brauche nur etwas Schlaf“, log sie. „Deshalb möchte ich jetzt nach Hause gehen.“

Cassie presste ärgerlich die Lippen zusammen. Es passte ihr nicht. Eloise wusste die Anzeichen sehr wohl zu deuten. Ihre Chefin lebte für den Job und erwartete von ihren Mitarbeitern dasselbe Engagement. Das Wichtigste in Cassies Leben war die Zeitschrift, deren Herausgeberin sie war. „Jetzt schon?“

„Ich habe genug Material.“ Eloise sah auf ihre Uhr.

„Das glaube ich dir. Aber da sind noch ein, zwei Leute, mit denen ich sprechen möchte, wenn sich schon die Möglichkeit ergibt.“

Die Wörter „scheitern“ oder „Misserfolg“ existierten nicht in Cassies Wortschatz. Sie würde mit jedem sprechen, den sie im Visier hatte – mochte es auch noch so lange dauern. Diese Hartnäckigkeit war der Schlüssel zu ihrem Erfolg.

„Gib mir noch eine halbe Stunde, dann komme ich mit dir. Seit dem Anschlag auf Naomi sind wir alle ein bisschen verängstigt und nervös.“

Der Überfall auf eine der Mitarbeiterinnen vor einiger Zeit hatte das ganze Büro traumatisiert – aber selbst dieses entsetzliche Ereignis konnte Eloise nicht davon abhalten, ihren Entschluss in die Tat umzusetzen. Sie wollte nicht warten. Aus Erfahrung wusste sie, dass aus Cassies halber Stunde gut und gern eine Stunde, wenn nicht sogar zwei werden konnten. Sie hielt es hier einfach nicht mehr aus.

Ihre Schläfen begannen zu pochen, und ihre Kopfschmerzen waren wie Nadelstiche. „Ich möchte dich nicht unter Zeitdruck setzen. Deshalb werde ich mir ein Taxi besorgen.“

Cassie hatte schon wieder jemanden im Auge. Offensichtlich fühlte sie sich hin und her gerissen. „Ganz allein? Bist du sicher?“

„Ja, klar. Ich komme schon zurecht. Es ist ja noch nicht sehr spät. Ich könnte sogar noch die U-Bahn nehmen, aber ich glaube, mit dem Kleid bin ich dafür nicht richtig angezogen. Als Modeguru sollte ich mir das besser nicht erlauben.“

Cassie lachte, wie Eloise es erwartet hatte. Sie lächelte, und Eloise legte eine Hand auf den nackten Arm. „Sie sollen dir an der Rezeption ein Taxi bestellen. Bring die Quittung morgen mit ins Büro. Und pass auf dich auf.“

Eloise bedankte sich schnell und wandte sich ab. In Gedanken schickte sie ein Stoßgebet zum Himmel. Entkommen. Sie fixierte die Türen zur Eingangshalle wie ein Ertrinkender, der das rettende Ufer zu erreichen versuchte. Noch nie hatte sie eine Veranstaltung so früh wie heute verlassen.

Die frische kühle Luft, die ihr aus der Halle entgegenwehte, tat ihr gut. Eloise war in ihrem Leben noch nie in Ohnmacht gefallen, aber im Ballsaal war sie kurz davor gewesen. Sie atmete ein paar Mal tief durch. Herrlich, diese Ruhe.

Nervös suchte sie in ihrer Tasche nach der Garderobenmarke. Sie blickte kurz über die Schulter zurück und eilte dann die breite Treppe hinunter.

„Miss Lawton?“

Eloise brauchte sich nicht umzudrehen, um sich zu vergewissern, dass die Stimme Jeremy Norland gehörte. Sie umklammerte das Treppengeländer aus Mahagoni, als sie ihren Schritt verlangsamte. „Lassen Sie mich in Ruhe“, brachte sie nur mit Mühe zustande. „Ich habe keine Lust, mit Ihnen zu sprechen.“

Damit eilte sie weiter die Treppe nach unten und raffte dabei ihr Kleid hoch, um sich nicht mit den hohen Absätzen darin zu verfangen.

Die mit Marmor geflieste Eingangshalle war voller Partygäste. Eloise hatte keine andere Wahl, als sich in der Schlange vor der Garderobe anzustellen. Da stand er schon neben ihr. Groß und einschüchternd.

„Ich möchte mich entschuldigen.“

Eloise blickte starr geradeaus. „Wofür?“

„Ich habe Sie gekränkt.“

Groteskerweise hörte er sich aufrichtig an. Eloise verstand nun gar nichts mehr. Er wollte mit ihr sprechen, obwohl er genau wusste, wer sie war? Was erwartete er denn von ihr?

„Ich bin wütend. Verstehen Sie?“ Sie drehte sich zu ihm um. „Nicht gekränkt, sondern wütend. Sehr, sehr wütend.“

„Es tut mir leid“, versicherte er ruhig und schien es ehrlich zu meinen.

Eloise fühlte zu ihrer Bestürzung, dass ihr wieder Tränen in die Augen schossen. „Gehen Sie.“ Ihre Stimme brach. „Bitte lassen Sie mich in Ruhe. Gehen Sie einfach weg.“

Die Schlange bewegte sich nun vorwärts. Endlich konnte Eloise die Garderobenmarke präsentieren und ihren Umhang in Empfang nehmen. Sie warf ihn sich locker über die Schultern und sah, dass Jeremy Norland in der Nähe der Rezeption wartete. Wenn er sie doch nur in Ruhe ließe!

Als Eloise die nicht enden wollende Schlange an der Rezeption wahrnahm, ging sie kurz entschlossen in Richtung Ausgang.

Jeremy stellte sich ihr in den Weg. „Wir müssen miteinander reden.“

„Worüber?“ Sie zog sich das Cape fester um die Schultern. „Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, und ich bin nicht im Geringsten an einer Unterhaltung mit Ihnen interessiert. Meine Mutter hatte vollkommen recht, als sie sich entschied, mit meinem Vater nichts zu tun haben zu wollen.“ Hoch erhobenen Hauptes setzte sie ihren Weg fort und trat aus der Tür hinaus.

Es war bereits dunkel. Nachts allein durch London zu gehen war nicht ganz ungefährlich, außerdem trug sie ein kostbares Abendkleid und Sandaletten mit hohen Absätzen. Sie war ziemlich leichtsinnig, dessen war sie sich wohl bewusst.

Aber jetzt konnte sie nicht mehr zurück. Eloise bekam leichte Panik, wie immer, wenn sie nachts allein unterwegs war. Sie hastete in Richtung der Hauptverkehrsstraße. Rings um sie herum herrschte Stille. Naomi hat nur Pech gehabt, redete sie sich ein, ich habe nichts zu befürchten. Schließlich war sie auf einem gut erleuchteten Weg in einer wohlhabenden Gegend, und an der Hyde Park Corner würde sie mit Leichtigkeit ein Taxi finden.

Ein leichter Wind kam auf, und sie zog ihr violettes Cape enger um ihren Körper, als könne es ihr Schutz bieten, Schutz gegen jeden, der ihr Böses wollte. Aber wärmen konnte sie es nicht. Was Eloise wirklich in einer Nacht wie dieser brauchte, waren entsprechende Unterwäsche und ein Dufflecoat. Und natürlich bequeme Schuhe. Was würde sie in diesem Moment nicht alles für ihre bequemen Mokassins geben.

Ein kurzer Blick zurück versicherte ihr, dass ihr niemand folgte, noch nicht einmal Jeremy Norland. Es war schon komisch, wie das Hereinbrechen der Nacht auch in vornehmeren Vierteln wie diesem unheimliche Gefühle verursachen konnte.

Sie überquerte die Straße und setzte ihren Weg auf dem Bürgersteig mit großen Schritten fort. Tagsüber war diese Straße recht belebt. Aber am Abend lag sie wie ausgestorben da. Zum Glück hatte Eloise es nicht mehr weit. Alles kein Problem, murmelte sie vor sich hin, geh einfach stramm weiter.

Stärkerer Wind kam auf, und es wurde kühler. Regen lag in der Luft. Verflixt! Ein Regenschauer wäre nun wirklich der krönende Abschluss eines total verkorksten Abends.

Plötzlich nahm sie in der Dunkelheit Schritte hinter sich wahr. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals, und sie beschleunigte das Tempo.

Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Noch ein paar Meter, dann bin ich am Ziel, dort sind jede Menge Menschen, beruhigte sie sich. Aber ihr Herz hämmerte.

Sie warf einen verstohlenen Blick zurück und überzeugte sich, dass ihr tatsächlich jemand folgte. Etwas weiter entfernt sah sie einen Mann. Ihre Gedanken überschlugen sich … wie weit war es wohl noch? Konnte er aufholen, wenn sie rannte? Wahrscheinlich. Und wenn sie ihre Schuhe auszog? Dann vielleicht nicht. Sie konzentrierte sich auf das Geräusch der Schritte. Das Tempo blieb offensichtlich gleich.

Bin ich übertrieben ängstlich, fragte sie sich. Sie war auf dem Weg in Richtung eines Hauptverkehrsknotenpunktes, und es war sehr wahrscheinlich, dass andere Menschen auch dorthin wollten. Dann bemerkte sie die schneller werdenden Schritte hinter ihr, und sie hörte, wie der Mann die Straße überquerte.

Eloises Nerven waren bis aufs Äußerste gespannt. Da sah sie schon das Ende der Straße. Die Lichter der Restaurants leuchteten auf. Wenn dieser Mann noch näher kommen sollte, würde sie die Schuhe ausziehen und rennen. Sie musste nur den richtigen Zeitpunkt abwarten.

Natürlich konnte sie sich auch umdrehen und sich wehren. Fieberhaft dachte sie darüber nach, was sie gelernt hatte. Hand unter das Kinn, das Knie in den Schritt …

„Miss Lawton.“

Sofort hielt sie an und wirbelte herum … und sah Jeremy Norland. Wütend und zugleich auch erleichtert fuhr sie den Mann an. „Sind Sie denn vollkommen verrückt geworden, mich hier in der Dunkelheit zu verfolgen? Hat man Ihnen denn keine Manieren beigebracht?“

„Ich wollte Sie wirklich nicht ängstigen“, entschuldigte Jeremy sich. „Ich dachte, Sie hätten mich gesehen.“

„Ach nein? So wie Sie mich auch nicht kränken wollten? Warum lassen Sie mich nicht einfach in Ruhe?“, rief sie aufgebracht und schnappte nach Luft. Naomis Überfall kam ihr wieder in den Sinn – und sie zitterte am ganzen Körper.

Jeremy nahm ihr Gesicht in die Hände. „Versuchen Sie, ganz ruhig zu atmen.“ Seine blauen Augen schienen ihre braunen Augen zu fixieren und ihr Ruhe einzuflößen. „Es ist alles in Ordnung.“

Eloise glaubte ihm zwar nicht, aber seine beruhigende Geste tat ihre Wirkung. Doch immer noch atmete sie stoßweise. „Entschuldigen Sie, aber ich …“

„Nicht reden“, unterbrach er sie leise. „Sie stehen offensichtlich unter Schock. Atmen Sie ganz ruhig … ein … und aus … besser wäre es mit einer Papiertüte.“

Trotz ihres Schocks musste Eloise lachen, dann folgten ein Schluckauf und ein kurzer Schluchzer. „Tut mir leid …“

„Ihnen? Ich bin derjenige, der Sie in Panik versetzt hat. Entschuldigen Sie bitte vielmals. Ich hätte mich früher bemerkbar machen sollen, damit Sie wissen, dass ich hinter Ihnen bin. Ich habe nicht nachgedacht.“

Als ihr Atem sich langsam beruhigte, nahm er die Hände wieder weg. Schweigend sahen sie einander an. Eloise zitterte immer noch.

Jeremy zog sein Jackett aus und legte es ihr um die Schultern.

„Nein, das kann ich nicht annehmen …“, begann sie, aber er unterbrach sie.

„Es ist kalt.“ Jeremy Norland schaute nach oben, als die ersten Regentropfen fielen. „Außerdem fängt es an zu regnen. Wir sollten uns beeilen.“

Nach einigen Schritten hielt Eloise an. „Was wollen Sie eigentlich von mir?“

„Mit Ihnen reden“, sagte er, als spräche er zu einem Kind.

Eloise schüttelte den Kopf, und ihre Stimme zitterte. „Warum? Sie glauben mir doch sowieso nicht.“

Er schob die Hände in die Hosentaschen. „Aber Sie sind fest von Ihrer Sache überzeugt“, sagte er leise. Dann setzten sie ihren Weg fort.

Er wollte sich mit ihr unterhalten? Warum? Auf einmal hatte sie nichts mehr dagegen. Hauptsache, sie war in Sicherheit. Sie war nicht überfallen worden.

Ein dicker Regentropfen fiel auf das Jackett aus feiner Wolle. Eloise sah zu Jeremy. „Sie werden ganz nass.“

„Ich werde es überleben“, erwiderte er lächelnd. „Wohin wollen Sie überhaupt?“, wollte er wissen.

„Zur Hauptstraße. Um ein Taxi zu finden.“

„Das hätten Sie sich auch an der Rezeption bestellen können.“

„Ich weiß“, gab sie zu und wich seinem Blick aus.

„Aber ich stand ja im Weg“, meinte er. „War das der Grund?“

„So ungefähr.“ Sie sah ihn verstohlen an. Sein blütenweißes Oberhemd klebte ihm allmählich am Körper.

„Ich werde mich um ein Taxi kümmern.“

Sein Ton erlaubte keine Widerrede, und sie war viel zu erleichtert, um zu protestieren. „Vielen Dank.“

„Nichts zu danken. Wenn ich Sie schon zu Tode erschreckt habe, ist es das Mindeste, was ich für Sie tun kann.“

Eloise bemerkte die kleinen Fältchen in den Winkeln seiner blauen Augen. Sehr sexy. Trotzdem war er ihr Feind.

„Warum glauben Sie mir eigentlich nicht?“, fragte sie plötzlich.

Jeremy sah sie ernst an, bevor er antwortete. „Laurence ist ein tief religiöser Mann. Er war mit seiner ersten Frau über zwanzig Jahre verheiratet gewesen. In den letzten Jahren ihrer Ehe litt sie an einer degenerativen Motoneuron-Erkrankung. Ursache dieser Krankheit ist das Absterben der Nerven in den Muskelzellen, und deshalb werden die Befehle des Gehirns nicht mehr übertragen. Der bekannteste Fall ist heute Professor Stephen Hawking. Aber das nur nebenbei. Laurence glaubt fest an den heiligen Stand der Ehe.“

„Sie meinen also, meine Mutter hätte gelogen?“

„Der Name meines Stiefvaters erscheint nicht auf Ihrer Geburtsurkunde …“

„Wie denn auch?“, entgegnete sie heftig. „So lange ist er doch gar nicht bei ihr geblieben.“

Jeremy sah ihr in die Augen. Sein Blick war traurig und voller Mitgefühl, so als wollte er sie nicht verletzen, aber dennoch glaubte, keine andere Wahl zu haben. „Ich verstehe nicht, warum Laurence ein Kind verleugnen sollte. Das entspricht überhaupt nicht seinem Charakter.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, insistierte Eloise. „Sie haben ihm ja nicht einmal den Brief gezeigt.“

„Nein. Noch nicht.“ Sie hielten an einem hell erleuchteten Café. „Trinken wir einen Kaffee zusammen?“

Eloise sah durch das Fenster. Das Personal räumte bereits die Tische ab. „Ich möchte lieber nach Hause. Es geht mir wieder gut, und Sie können zu der Gala zurückgehen.“

„Nein, ich gehe nicht mehr hin.“ Er strich sich das dunkle Haar zurück. „Mir ist kalt, außerdem bin ich durchnässt. Ich bringe Sie jetzt nach Hause.“

„Was ist mit Sophia Westbrooke? Wird sie nicht nach Ihnen suchen?“

„Sophia geht mit Andrew nach Hause.“

„Macht ihr das nichts aus?“

„Warum sollte es? Sie weiß genau, dass ich diese Art von Veranstaltungen hasse. Außerdem gefällt mir London nicht besonders. Zu viel Lärm. Zu viele Leute.“

Sie gingen um die letzte Ecke und standen unter einer Straßenlaterne, in deren sanftem Licht der Regen glitzerte.

„Ich habe darüber gelesen.“

Erstaunt sah er sie an. „Und was haben Sie sonst noch gelesen?“

Eloises Blick wanderte in die Ferne. „Ihr Vater hieß Rupert Norland. Er starb bei einem Unfall mit einem Schnellboot, als Sie vierzehn Jahre alt waren. Achtzehn Monate später heiratete Ihre Mutter Viscount Pulborough. Sie sind von der Schule geflogen. Inzwischen entwerfen Sie Möbel. Sie sind nicht verheiratet.“

„Ist das alles?“, fragte er neugierig. Er hatte die Hände noch immer in den Hosentaschen.

Verschmitzt lächelnd fuhr sie fort: „Ihr Halbbruder heißt Alexander. Er besucht die Harrow School und wird irgendwann Coldwaltham Abbey erben. Es gab vor einiger Zeit Gerüchte, dass Sie mit einer gewissen Brigitte Coulthard, der Erbin des Coulthard Wirtschaftsimperiums, so gut wie verlobt wären.“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „Wollen Sie noch mehr hören? Ich habe gut recherchiert.“

„Das merke ich. Ich habe allerdings auch nichts zu verbergen“, ließ er sie wissen.

„Ich denn?“

„Nein.“ Er lächelte zurück. „Recherchieren kann ich mindestens genauso gut.“

In dem Moment näherte sich ein schwarzes Taxi. Jeremy winkte es heran. Der Fahrer lenkte seinen Wagen an den Bordstein und schaltete das hell erleuchtete Taxischild ab. „Wohin?“, fragte Jeremy Eloise.

„Hammersmith.“

Er nickte, und Eloise bemerkte, wie ihm das Wasser aus den Haaren in den Hals lief und das Oberhemd ihm jetzt überall am Körper klebte. Das Jackett auf ihren Schultern war ebenfalls völlig durchnässt, und der Rock ihres leichten Seidenkleides triefte und hatte vollkommen seine Form verloren. Auch die Schuhe waren hin.

Aber es kümmerte sie nicht. Eigentlich war ihr im Moment alles egal. Jeremy schien jetzt die Regie übernommen zu haben, und sie besaß nicht mehr die Kraft, ihn daran zu hindern.

Sie machte es sich auf dem Rücksitz des Taxis bequem und schwieg, als er neben ihr Platz nahm.

Was, wenn er recht hatte? Was, wenn Viscount Pulborough tatsächlich nicht ihr Vater war? Ihre Zweifel überraschten sie selbst und kamen ihr wie Verrat an ihrer Mutter vor. Doch Jeremy schien sich sicher zu sein. So verdammt sicher.

Eloise sah hinaus und beobachtete, wie die Regentropfen an das Wagenfenster klatschten. Dahinter waren nur die verschwommenen Schatten der dunklen Nacht. Sollte ihre Mutter gelogen haben? Das konnte sie nicht glauben – wollte es nicht glauben.

„Wohin genau, junge Frau?“, riss der Taxifahrer sie aus ihren Gedanken, als er sich zu ihr umdrehte.

Eloise zuckte zusammen. „Die zweite Straße links. Nummer fünfzehn.“ Sie sah zu Jeremy, dessen Gesicht sie in der Dunkelheit kaum erkannte. Aber sie spürte, dass er sie beobachtete. Sie zog sein Jackett aus. „Das nehmen Sie besser wieder an sich“, sagte sie und gab es ihm zurück. „Danke.“

Als der Wagen vor ihrem Haus hielt, holte er seine Brieftasche aus dem Jackett. Dann öffnete er die Tür und half Eloise beim Aussteigen. Schweigend sah sie ihm zu, wie er zum Fahrer ging und bezahlte. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, aber die Bürgersteige waren dunkel, und die Luft fühlte sich feucht an.

Jeremy stellte sich neben sie, als das Taxi wieder wegfuhr. Nachdem die Rücklichter in der Dunkelheit verschwunden waren, sah sie ihn fragend an. „In dieser Gegend werden Sie aber kaum wieder ein Taxi bekommen.“

Er zuckte nur achtlos mit den Schultern. „Dann gehe ich eben zu Fuß.“

„Keine gute Idee.“ Eloise zitterte inzwischen wieder vor Kälte, ihr dünner Umgang wärmte überhaupt nicht.

„Mag sein, aber es ist mir lieber, wenn ich Sie sicher in Ihrer Wohnung weiß.“

Eloise drehte sich herum und steckte die Schlüssel in das Schloss ihrer Haustür. „Möchten Sie noch auf eine Tasse Kaffee mit hereinkommen? Sie können dann von meinem Telefon aus ein Taxi rufen.“ Bevor sie überhaupt darüber nachdenken konnte, waren ihr die Worte entschlüpft.

„Ein Kaffee wäre jetzt wirklich nicht schlecht.“

Das war sehr leichtsinnig, auch im „Ratgeber für alleinstehende Frauen in London“ wurde davor gewarnt. Man bat keinen Mann in seine Wohnung, den man gerade erst kennengelernt hatte. Aber obwohl sie vieles an Jeremy Norland nicht mochte, hatte sie keine Angst vor ihm.

Sie war sich nicht einmal mehr sicher, ob sie ihn überhaupt noch ablehnte. Irgendwie hatte sich dieses Gefühl im Laufe der letzten Stunde in nichts aufgelöst. Die Situation war schrecklich gewesen, aber mit jemandem zu sprechen, egal mit wem, war immer noch besser, als allein zu sein.

Die aus den dreißiger Jahren stammende Haustür führte in eine kleine Eingangshalle. „Meine Wohnung liegt eine Treppe höher“, sagte Eloise.

„Wie lange leben Sie denn schon hier?“

„Seit sechs Monaten. Ich hatte Glück, diese Wohnung zu bekommen.“

Jeremy folgte ihr die Treppe hinauf und wartete, während sie die zweite Tür aufschloss.

„Das Wohnzimmer ist geradeaus. Gehen Sie ruhig schon hinein“, wies sie ihm den Weg. „Ich ziehe mich nur schnell um.“

Eloise steuerte auf ihr Schlafzimmer zu und schloss die Tür hinter sich. Aufatmend lehnte sie sich gegen das kalte Holz. Was tat sie da bloß? Es hatte doch überhaupt keine Veranlassung bestanden, den Mann auf einen Kaffee hereinzubitten.

Aber er hätte die Einladung ja auch nicht annehmen müssen, rechtfertigte sie sich. Jeremy Norland hatte keinen Grund gehabt, sie nach Hause zu bringen. Wenn er so überzeugt davon war, dass ihre Mutter gelogen hatte, gab es auch keinen Gesprächsbedarf.

Eloise holte Unterwäsche, Jeans und einen blassrosa Pullover aus ihrer Kommode. Dann zog sich ihre ruinierten Eduardo Munno Sandaletten aus und atmete tief durch.

Sie streifte die schmalen Träger von ihren Schultern und ließ das nasse Kleid auf den Boden fallen. Ihre Haut fühlte sich kühl an, und ihre Haare waren nass. Es wäre jetzt so verführerisch, sich unter die warme Bettdecke zu kuscheln, die Augen zu schließen und die Probleme des Tages im Schlaf zu vergessen. Und nicht mehr an Jeremy Norland zu denken, der im Wohnzimmer auf sie wartete.

Du lieber Himmel! Schnell sprang sie in ihre Jeans und zog sich den Pullover über den Kopf. Er musste sich zu Tode frieren – aber sie hatte keine passende Kleidung für ihn.

Schnell griff sie nach einem Handtuch und ging nervös ins Wohnzimmer. „Es tut mir leid. Ich habe überhaupt nicht nachgedacht, Sie müssen in Ihrem nassen Hemd ja schrecklich frieren.“

Jeremy stand mit dem Rücken zu ihr am Fenster und sah auf die Straße hinunter. Dann drehte er sich zur ihr um. „Es ist hier sehr ruhig.“

Eloise drückte das Handtuch fest an ihren Körper. „Ja.“

Reiß dich endlich zusammen, ermahnte sie sich. Bis jetzt war sie immer problemlos mit allen Lebenslagen fertiggeworden. Aber heute Abend schien nichts mehr zu funktionieren.

Sie startete einen erneuten Versuch. „Deshalb habe ich die Wohnung auch gekauft. Außerdem ist ganz in der Nähe eine U-Bahn-Station.“ Was faselte sie da eigentlich für dummes Zeug?

Aber er lächelte nur. Seine blauen Augen blitzten und ließen Eloise fast vergessen, dass sie es mit ihrem Feind zu tun hatte. Offensichtlich besaß er das verblüffende Talent, jemandem das Gefühl zu geben, er sei etwas ganz Besonderes. Eine seltene, ungewöhnliche Gabe.

Zögernd reichte sie ihm das Handtuch. „Ich habe Ihnen das mitgebracht.“

„Danke. Vielleicht sollte ich es besser zum Schutz auf Ihr Sofa legen – falls ich mich setzen darf?“

„Natürlich.“ Müde fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn. „Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen auch noch ein zweites Handtuch holen“, damit ging sie zur Tür.

Aber seine Stimme hielt sie auf. „Das ist schon in Ordnung so.“

„Ich mache uns einen Kaffee.“

„Gern.“

Jeremy Norlands Stimme war tief und angenehm.

Eloise beobachtete ihn, wie er das Handtuch auf ihrem kleinen grünen Sofa ausbreitete, bevor er sich darauf setzte. Dann schloss sie für einen Moment die Augen, bevor sie fast widerstrebend das Zimmer verließ.

Sie rieb sich die kalten Arme und zitterte. Jeremy Norland war nicht ihr Verbündeter, sondern stand auf der Seite des Mannes, der das Vertrauen ihrer Mutter missbraucht hatte.

Das durfte sie niemals vergessen.

Viscount Pulborough konnte sich glücklich schätzen, einen so starken Mann hinter sich zu wissen. Ihr dagegen half niemand. Kein Mensch nahm sie in die Arme und hielt sie fest. Schon seit langer Zeit hatte sie für sich selbst kämpfen müssen. Manchmal wünschte sie sich einfach nur Trost und Wärme.

Sie vermisste ihre Mutter, die sie immer unterstützt, geliebt und beschützt hatte, so sehr. Und jetzt …

… jetzt war sie allein. Schon seit sechs Jahren.

Niemand war dagewesen, um mit ihr die glücklichen, erfolgreichen und triumphierenden Momente ihres Lebens zu teilen. Sie fühlte sich, als stünde sie am offenen Meer, und eine große Welle würde gleich über sie hereinbrechen und sie mit sich forttragen.

3. KAPITEL

Eloise stellte den elektrischen Wasserkocher an und suchte im unteren Schrank in ihrer Küche nach der Kaffeekanne. Sie stand ganz hinten im Regal. Dann schnupperte sie an einem geöffneten Paket Kaffee und hoffte, dass er noch frisch war.

Suchend sah sie sich nach einem Tablett um. Irgendwo musste es doch liegen. Dann entdeckte sie es hoch oben auf dem Küchenschrank.

Als sich auf die Zehenspitzen stellte und es vorsichtig mit den Fingerspitzen berührte, begann es bedenklich zu schwanken, bevor es über die Kante flog – mitsamt einigen Backformen und einem Backblech. Eloise schloss die Augen in Erwartung des ohrenbetäubenden Lärms. Vorsichtig sah sie um sich.

„Was zum Teufel ist denn hier los?“ Jeremy kam in die Küche gerannt. Erstaunt betrachtete er das Durcheinander auf dem Fußboden und hob alles auf. „Nicht Ihr Tag heute, was?“

„Ich habe nur nach einem Tablett gesucht.“

Er reichte es ihr. „Das haben Sie ja nun gefunden. Wo soll ich die Sachen hinlegen?“

Eloise nahm ihm die Formen und das Blech ab und stellte sie in den Backofen. Dann holte sie zwei Becher aus dem oberen Schrank und drehte sich zu ihm um. „Werden Sie langsam trocken?“

Er lächelte, dabei zeigten sich feine Linien in den Augenwinkeln. „Ich dampfe noch etwas.“

Die Antwort amüsierte Eloise. Merkwürdig. Sie suchte im Kühlschrank nach Milch. „Auch Zucker?“

„Nein, danke. Weder Milch noch Zucker.“ Entspannt und aufmerksam lehnte er im Türrahmen.

Sie goss Milch in ein kleines Kännchen und stellte alles auf das Tablett.

„Vielleicht sollte ich das besser tragen.“ Sie ließ ihn gewähren.

Jeremy sah sie nachdenklich an. Eloise machte einen außerordentlich jugendlichen Eindruck. Barfuß reichte sie ihm kaum bis zur Schulter. Seltsam. Obwohl sie seiner Familie schaden konnte, ertappte er sich bei dem Gedanken, Eloise beschützen zu wollen.

Und wenn ihre Geschichte wirklich der Wahrheit entsprach und sie Laurence’ Tochter war? Dann würde seine hohe Meinung von Laurence ins Wanken geraten und der Sockel, auf den er ihn gestellt hatte, Risse bekommen. Ausgerechnet der Mann, der so viel getan hatte, um Jeremy den Glauben an die Menschen zurückzugeben.

Er folgte Eloise in das kleine Wohnzimmer und beobachtete, wie sie den Gasofen anstellte. Die Flammen züngelten empor und gaben dem Raum eine anheimelnde Atmosphäre. Gedankenverloren blieb sie eine Weile davor stehen und machte es sich dann im Sessel bequem.

Vorsichtig stellte Jeremy das Tablett auf den alten Baumstamm, der ihr als Couchtisch diente. Er hatte das Gefühl, sich um sie kümmern zu müssen. Dabei fiel ihm ein, dass ihre Mutter nicht mehr lebte.

Ihre Mutter… Er zweifelte nicht mehr daran, dass ihre Mutter Eloise einen Brief hinterlassen hatte, aus dem hervorging, dass Viscount Pulborough ihr Vater war. Jetzt musste er nur herausfinden, ob Eloises Mutter gelogen hatte.

In diesem Fall stellte sich natürlich die Frage nach dem Warum. Offensichtlich ging es um Geld oder vielleicht auch nur um den plumpen Versuch, der Tochter Sicherheit zu bieten. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass sie tatsächlich eine Affäre mit dem Viscount gehabt hatte.

Trotzdem konnte Jeremy sich einfach nicht vorstellen, dass dieser sein eigenes Kind nicht anerkannt hatte. Sein Stiefvater war ein Mann, der für seine Familie lebte und ganz in der Fürsorge für andere Menschen aufging. Dieser untadelige Charakter hatte seine Mutter schließlich davon überzeugt, eine zweite Ehe zu wagen.

Und diese Ehe war ausgesprochen glücklich und harmonisch. Seine Mutter fühlte sich geborgen und war ausgeglichen – sie hatte keine Ähnlichkeit mehr mit der Frau, an die Jeremy sich aus seiner frühen Kindheit erinnerte.

Eloise war sichtlich nervös und strich immer wieder über die Armlehnen des Sessels.

„Kaffee?“, fragte Jeremy.

Verwirrt und abwesend erwachte sie aus ihren Gedanken. „Ich mache das schon. Tut mit leid. Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders.“ Sie drückte den Siebkolben herunter und goss den dampfenden Kaffee in seinen Becher.

Jeremy Norland zog an dem feuchten Stoff seines Oberhemdes und fuhr sich dann verlegen durchs Haar, das schon fast wieder trocken war. Eine verrückte Situation. Eigentlich sollte er gar nicht hier sein. Er hatte bei Eloise überhaupt nichts zu suchen. Das war auch nicht seine Absicht gewesen. Er wollte sie nur warnen und ihr klarmachen, dass er hinter Laurence stand.

Eloise gab Milch in ihren Kaffee und bedeutete ihm, den anderen Becher zu nehmen.

„Vielen Dank“, sagte er förmlich, lehnte sich im Sofa zurück und beobachtete, wie sie den Becher mit beiden Händen umklammerte. Sie sah müde aus. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten, und ihr Blick war leidvoll und gequält.

Er war nicht überrascht. Das Leben hatte es ihr offensichtlich nicht leicht gemacht. Er nahm einen Schluck. „Ausgezeichneter Kaffee“, meinte er unbeholfen, um das Schweigen zu brechen.

Sie sah zu ihm hinüber. „Finde ich auch, sogar zu einem angemessenen Preis.“

Wieder Schweigen.

Jeremy fühlte sich so ratlos wie seit Jahren nicht mehr. Er hatte dieses Treffen absichtlich herbeigeführt, war ihr gefolgt, hatte sie in Panik versetzt und für sich entschieden, dass es unbedingt sofort etwas zu klären gab … Und nun saß er hier und sträubte sich innerlich dagegen.

Eloise wirkte auf ihn so zerbrechlich. Eine Redakteurin der Zeitschrift Image hätte er sich anders vorgestellt. Nicht wie einen fragilen Schmetterling.

Lächelnd trank er einen Schluck Kaffee. Schmetterling war ein guter Vergleich. Besonders wenn Jeremy sich ihr Auftreten am frühen Abend ins Gedächtnis rief. Unglaublich schön und so grazil.

Nachdenklich betrachtete er sie. Irgendwo mussten sie beginnen, und das tat er am besten gleich ohne Umschweife. „Wann ist Ihre Mutter gestorben?“

Wieder umklammerte Eloise ihren Becher. „Vor sechs Jahren“, antwortete sie leise. „Am 28. November. Zu dem Zeitpunkt war ich an der Universität. Ich bekam einen Anruf.“ Sie sank in sich zusammen.

Jeremy fragte nicht nach, sondern schwieg teilnahmsvoll. Im Hintergrund tickte leise eine Uhr. Die Zeit verstrich. Er stellte seinen Becher auf die kleine Tischdecke. „Wie war der Name Ihrer Mutter?“, wollte er wissen.

„Vanessa. Vanessa Lawton.“ Verstohlen wischte Eloise sich eine Träne fort.

Jeremy hatte plötzlich das überwältigende Verlangen, sich neben sie zu setzen und sie tröstend in die Arme zu nehmen.

Natürlich konnte ihr Verhalten auch nur gespielt sein, doch das kam Jeremy nicht sehr wahrscheinlich vor. Oder er wollte die Möglichkeit nicht in Betracht ziehen. Wenn er sie so betrachtete, musste er einfach glauben, dass sie felsenfest davon überzeugt war, Viscount Pulborough wäre ihr Vater und hätte sie und ihre Mutter im Stich gelassen.

Unglücklich rutschte er auf dem Sofa hin und her. „Wie alt ist sie geworden?“

„Vierzig.“

Vierzig. Kein Alter, um zu sterben. Dann kam ihm ein neuer Gedanke. Laurence war dreiundsiebzig. Das machte einen Altersunterschied von … er rechnete schnell nach … von siebenundzwanzig Jahren.

Du lieber Himmel!

Er runzelte die Stirn. „Haben Sie den Brief Ihrer Mutter?“

Verwirrt blickte Eloise ihn an. „Natürlich.“ Sie stand auf und stellte ihren Becher auf das Tablett.

Er beobachtete, wie sie zum Bücherschrank ging und einen schlichten Karton aus dem Regal zog. Sie nahm einen Schnellhefter heraus und griff nach dem obersten Blatt Papier. Wortlos reichte sie es ihm. „Es ist ihre Schrift.“

Das bezweifelte Jeremy nicht. Eloise war für ihn absolut glaubwürdig. Was immer hier auch vorgehen mochte, er war überzeugt, dass sie sich das nicht ausgedacht hatte. Das Papier war eng beschrieben. Er sah sie unschlüssig an und zögerte plötzlich, den Brief zu lesen. „Darf ich?“

„Natürlich.“

Der Brief begann mit einigen Zeilen über den Sommer in Coldwaltham Abbey.

Jeder Satz versetzte ihm einen Stich. Er blickte auf. Eloise saß wieder in ihrem Sessel und hielt ihren Kaffeebecher fest. „Das heißt, Sie sind jetzt achtundzwanzig?“

Sie schüttelte den Kopf. „Siebenundzwanzig.“

Siebenundzwanzig. Er las weiter. Alle Beschreibungen von Coldwaltham Abbey, so knapp sie auch formuliert waren, stimmten haargenau. Trotzdem war in den ihm bekannten Unterlagen der Name Vanessa Lawton, die dort angeblich als Sekretärin gearbeitet hatte, nicht erwähnt.

Er wollte sich gerade dazu äußern, aber ein Blick in Eloises Gesicht hielt ihn davon ab. Sie hatte schon so viel verloren. Vorsichtig faltete er den Brief wieder zusammen. „Warum glauben Sie, hat Ihre Mutter Ihnen davon nicht erzählt?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Weil er verheiratet war. Wahrscheinlich fand sie es deshalb schwierig, darüber zu sprechen.“

„Und als seine Frau starb?“

Eloise rutschte tiefer in den Sessel. „Ich weiß es nicht.“ Nervös ließ sie ihren Becher von einer Hand in die andere wandern. Dann sah sie Jeremy an. Ihre braunen Augen waren dunkel und warmherzig. „Was ist Ihr Stiefvater für ein Mensch?“

Laurence? Noch vor ein paar Stunden hätte Jeremy mit der Antwort kaum gezögert, wenn er Laurence beschreiben sollte. Er war ein hochintelligenter Mann. Redegewandt. Liebevoll. Verantwortungsbewusst. Treu. Ein wundervoller Ehemann, Vater, Stiefvater …

Er legte den Brief auf den Tisch neben das Tablett. „Ich bin sicher, dass er all dem entspricht, was Sie über ihn gelesen haben.“

Eine Antwort, die sie nicht zufriedenstellte. Erschöpft lehnte sie sich zurück.

„Eloise …“

Es war das erste Mal, dass er ihren Namen erwähnte. Erstaunt sah sie ihm in die Augen.

„Er ist ein guter Mann.“ Jeremy hatte Schwierigkeiten, ihren Blick zu deuten – war es vielleicht Erleichterung? „Würden Sie mir den Brief anvertrauen?“

Eloise schüttelte den Kopf. „Nein.“

Diese Reaktion hatte er fast erwartet. Der Brief hätte ihm helfen können, aber … Jeremy konnte es ihr nicht verübeln.

„Ich gebe ihn nicht aus der Hand.“

„Es spielt keine Rolle. Ich werde mit Laurence reden.“ Damit schob er den Brief zu ihr. „Ihre Mutter erwähnt allerdings nicht, warum sie gegangen ist.“

Eloise stand auf und heftete den Brief wieder sorgfältig im Schnellhefter ab. „Nein.“

„Hat sie irgendwann einmal etwas darüber gesagt, ob Laurence wusste, dass sie ein Baby erwartete?“

„Sie hat niemals auch nur irgendetwas gesagt. Ich weiß alles nur aus dem Brief.“

„Hat sie vielleicht etwas über Coldwaltham Abbey erzählt oder Laurence’ Namen erwähnt?“

Kopfschütteln.

„Das ist eigenartig.“

„Warum?“ Aufmerksam sah sie ihn an. Ihr Blick war jetzt hell und klar.

„Weil sie nie über den Ort sprach, der offensichtlich so viel Bedeutung für sie hatte.“

„Viscount Pulborough hat ihr offenbar viel bedeutet. Immerhin bekam sie ein Kind von ihm“, stellte Eloise klar. „Aber sie nannte nie seinen Namen. Einige Dinge sind eben zu schmerzhaft, um ausgesprochen zu werden.“

Sie legte den Schnellhefter wieder in den Karton und stellte ihn zurück auf das Regal.

„Ist es möglich, dass Ihre Mutter Coldwaltham verlassen hat, ohne Laurence zu sagen, dass sie von ihm schwanger war?“

„Nein.“

Verwirrt sah er sie an. „Warum nicht?“

„Weil sie das niemals getan hätte. Jeder Vater hat das Recht, von seinem Kind zu erfahren. Nein, das hätte sie nicht … Das weiß ich ganz genau …“

Eine Träne lief Eloise über die Wange. Sie ließ den Kopf hängen, und die blonden Haare fielen ihr ins Gesicht. Zusammengesunken saß sie da und gab ein Bild des Jammers ab.

Jeremy fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Schlag versetzt. Zum ersten Mal verspürte er das dringende Bedürfnis, Eloise zu küssen. Verdammt! Ihr Gesicht war so sanft, so wunderschön, die Konturen so klar gezeichnet … der lange Hals … ihre verführerischen Kurven, der zarte Körper unter der Angorawolle ihres pinkfarbenen Pullovers.

Sie war einfach hinreißend – und verletzt.

„Haben Sie ein Foto von Ihrer Mutter?“, fragte er ungewollt barsch.

Sie nickte. „Aus jungen Jahren?“

„Ja.“

„Ich glaube schon.“

„Darf ich es sehen?“

Sie stand auf und ging zu einem Schrank neben dem Gasofen. „Vor ein paar Wochen habe ich die letzten Kisten aus dem Depot geholt, wo ich ihre Sachen gelagert hatte. Ich bin sicher, dass auch ein kleiner Karton mit Fotos dabei war. Ich habe noch nicht nachgesehen. Ich …“

… war dazu bis jetzt noch nicht in der Lage, vollendete Jeremy ihren Satz in Gedanken.

„… muss immer noch jede Menge Papierkram ordnen. Meine Mutter hob jede Weihnachtskarte auf, jeden Brief …“ Sie öffnete den Schrank und holte eine große Kiste heraus. „Die Fotos sind, glaube ich, hier drin.“ Sie stellte die Pappschachtel auf den Tisch und hockte sich davor.

Jeremy kniete sich sofort neben sie und hob das erste Album heraus.

„Ich glaube nicht, dass wir in den Alben etwas finden“, sagte Eloise. „Darunter sind noch ein paar lose Bilder. Vielleicht haben wir da mehr Glück.“

Jeremy nahm die nächsten drei Alben und fand eine Sammlung von Fotografien. Einige waren mit Gummibändern zusammengehalten, andere steckten in beschrifteten Umschlägen. Ein paar lagen nur lose herum.

Eines der Fotos zeigte eine sehr junge Frau, die Eloise ähnelte. Sie trug ihr hellblondes Haar, das im Wind flog, offen und saß auf einem alten Baumstumpf. Was ihn verwunderte, war der alte Baum dahinter.

Dann betrachtete er das Bild genauer. Er kannte die alte Eiche sehr gut. Tausendmal war er auf ihr herumgeklettert. Es war der Baum auf den südlichen Rasenflächen, genannt South Lawn. Das Gelände war jetzt für die Öffentlichkeit zugänglich. Aber damals, bei der Aufnahme dieses Fotos, eben noch nicht. Das würde bedeuten …

Was?

Dass Eloise die Wahrheit erzählte?

Dass der Brief ihrer Mutter keine Lügengeschichten enthielt? Dass Laurence … Eloises Vater war?

„Ist das Ihre Mutter?“ Eine dumme Frage eigentlich, aber er musste sicher sein.

Eloise sah sich das Bild an. „Ich kann nicht sagen, wo es gemacht wurde. Zu dem Zeitpunkt war ich noch nicht geboren. So schlank ist sie nie wieder gewesen.“

„Es ist in Coldwaltham Abbey aufgenommen.“

„Wirklich?“

Er nickte und bemerkte den Hoffnungsschimmer in ihren Augen. Das Bild bewies nichts anderes, als das Vanessa Lawton Coldwaltham Abbey besucht hatte. Natürlich kein schlüssiger Beweis für eine Vaterschaftsklage. Aber immerhin Anlass genug, um mit Laurence zu sprechen. Je früher, desto besser.

„Darf ich es mir ausleihen?“

„Das Foto?“

Jeremy nickte. „Ich fahre morgen nach Sussex zurück. Ich werde ihm Ihren Brief zeigen … und diese Fotografie.“

„Danke.“ Eloise legte die Alben zurück in den Karton. Dann sah sie ihn erwartungsvoll an. „Glauben Sie mir jetzt?“

Wie gern hätte er genickt. Aber das hieße gleichzeitig zuzugeben, dass sein Stiefvater gelogen hatte. Und Laurence log niemals. „Ich weiß es nicht.“

Sie drehte sich schwungvoll um. Ohne nachzudenken hob Jeremy eine Hand und hielt sie am Arm fest. Er sah ihr in die Augen. „Ich werde ihm Ihren Brief zeigen.“

Eloise nickte, ihre Lippen zitterten, und in ihrem Blick lag ein unermesslicher innerer Aufruhr.

Jeremy musste sich sehr zusammenreißen, um sie nicht an sich zu ziehen. Verzweifelt wünschte er sich, ihr Gesicht in die Hände zu nehmen und ihr das Leid fortzuküssen.

Stattdessen lächelte er sie liebevoll an und stand auf, das Bild immer noch in seiner Hand. „Und diese Fotografie. Ich werde mich sofort bei Ihnen melden, wenn ich mit ihm gesprochen habe.“

Eloise nickte.

Jeremy nahm sein Jackett und schlüpfte in die noch etwas klammen Ärmel. Das Foto steckte er in die Innentasche.

Er würde auch mit seiner Mutter sprechen.

Und mit seiner Stiefschwester. Sollte Laurence tatsächlich Eloises Vater sein, hätte die Affäre noch während seiner Ehe mit Belindas Mutter stattgefunden.

Was für ein Durcheinander!

„Nochmals vielen Dank.“

Jeremy betrachtete Eloise besorgt. Sie hatte herzlich wenig Grund, ihm zu danken. „Gehen Sie jetzt ins Bett. Sie sehen erschöpft aus.“

Er hätte sich auf die Zunge beißen können. Er stellte sie sich vor, wie sie sich unter ihre Bettdecke kuschelte, ihr blondes Haar ganz zerzaust. Sein Blick wanderte weiter zu ihren vollen und sinnlichen Lippen …

„Ich melde mich.“

„Ja.“

Auch Eloise stand jetzt auf. Ihre Jeans saßen hauteng. Sie hatte die Arme fröstelnd vor der Brust verschränkt. Wie gern hätte Jeremy sie an sich gezogen und einfach festgehalten.

Aber er machte sich etwas vor. Er wollte mehr. Am liebsten hätte er sie langsam ausgezogen, Stück für Stück, sie nackt in seinen Armen gehalten. Er wollte den verwundeten, verletzten Ausdruck aus ihren Augen wischen. Er wollte …

… so viel, und doch war es unmöglich. Sie war die Frau, die das Glück seiner Mutter erschüttern konnte.

Eloise folgte ihm hinaus bis zu der kleinen Treppe. Seine Kleidung war jetzt fast trocken. Doch das nahm er nicht wirklich wahr.

„Danke für den Kaffee.“

Eloise lächelte. „Danke für das Taxi.“

Autor

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