Bianca Exklusiv Band 342

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  • Erscheinungstag 05.11.2021
  • Bandnummer 342
  • ISBN / Artikelnummer 9783751501200
  • Seitenanzahl 236
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Laura Marie Altom, Christine Rimmer, Brenda Harlen

BIANCA EXKLUSIV BAND 342

1. KAPITEL

Wenn Jess Cummings nicht ganz schnell handelte, würde das Fohlen nicht überleben.

Die Schmerzensschreie des jungen Tiers und das viele Blut auf dem honigfarbenen Fell rührten Jess zu Tränen. Doch sie musste stark bleiben – um Honeys und auch ihrer kleinen Töchter willen, aber vor allem wegen Dwayne, dem die Farm und die Tiere so viel bedeutet hatten.

Verzweifelt versuchte Jess, das Fohlen von dem Stacheldraht zu befreien, in dem es sich verfangen hatte. Währenddessen stand die Mutterstute nervös wiehernd auf der anderen Seite des Gatters. Jess merkte gar nicht, wie die Stacheln des Drahts sich durch ihre Handschuhe bohrten, und auch den eisigen Dezemberwind nahm sie kaum wahr.

„Ganz ruhig, Honey“, sagte sie mit besänftigender Stimme, doch Honey trat aus und wand sich verzweifelt, sodass es sich immer mehr in dem Stacheldraht verhedderte. Sie müsste unbedingt Hilfe holen, aber dummerweise hatte sie ihr Handy nicht dabei.

In zwei Tagen war Weihnachten, und dieser Tag war für Jess ohnehin schwer zu ertragen. Warum musste das ausgerechnet jetzt passieren?

Wie oft hatte sie sich bei den Versammlungen der Farmer darüber beschwert, dass am Südrand ihrer Farm ständig Müll abgeladen wurde? Wie oft hatte sie den Sheriff darauf hingewiesen, dass da verrosteter Maschendraht und leere Dosen herumlagen, die für die Tiere gefährlich werden konnten?

Während sie fieberhaft das Fohlen zu befreien versuchte, redete sie beruhigend auf das Tier ein, das inzwischen so entkräftet war, dass es den Kopf auf die Seite gelegt hatte.

Plötzlich hörte sie hinter sich das Brummen eines Motors, und als sie sich umdrehte, sah sie einen Jeep über den holprigen Feldweg kommen. Sie kannte jedes Fahrzeug im näheren Umkreis, aber dieses gehörte nicht dazu. Vielleicht ein Gast, der seine Angehörigen zu Weihnachten besuchte? Egal. Hauptsache, er konnte ihr helfen.

Mit ausgebreiteten Armen stellte sie sich auf den Feldweg. Der Fahrer erfasste offenbar sofort den Ernst der Lage und trat scharf auf die Bremse. Mit ein paar Schritten war er bei ihr.

„Geben Sie mir das“, sagte der große, schlanke Mann, Typ Cowboy, sprang aus dem Wagen und nahm ihr die Drahtschere aus der Hand. „Ich schneide den Draht auf, und Sie versuchen, das Fohlen ruhig zu halten.“

Mit geschickten Handgriffen schnitt der Fremde den Draht auf, ohne darauf zu achten, dass er sich die Hände blutig stach.

„Haben Sie schon den Tierarzt gerufen?“, fragte er.

„Nein, ich habe leider kein Handy dabei.“

„Hier, halten Sie mal“, sagte er und reichte ihr die Drahtschere. „Rufen Sie auch immer Doc Matthews?“

„Ja, aber …“ Jess kam nicht mehr dazu, die Frage zu stellen, woher der Mann den örtlichen Tierarzt kannte. Das würde sie später nachholen, wenn Honey versorgt war.

„Doc kommt gleich“, sagte der Mann Sekunden später und steckte das Handy in seine Jeanstasche. „Wenn ich mir das Tier so ansehe … er sollte sich besser beeilen.“

Das Fohlen lag kraftlos auf der Seite und blutete aus mehreren Wunden. Vorsichtig entfernte Jess einen Rest Draht aus seinem rechten Vorderfuß. „Ich kann Ihnen gar nicht genug danken.“

„Das hätte doch jeder getan.“

„Schon, aber wenn Sie nicht vorbeigekommen wären …“

Der Mann nickte mit düsterer Miene, dann ging er zu seinem Jeep und holte eine Satteldecke, die er behutsam über dem Fohlen ausbreitete. „Ziemlich kalt hier draußen. Ich würde ihn gern in den Stall zurückbringen, aber solange der Arzt ihn nicht untersucht hat …“

„Der Meinung bin ich auch“, sagte Jess. „Es ist sicher besser, wenn ich hier auf Doc warte. Aber Sie können ruhig weiterfahren. Sicher sind Sie ja irgendwohin unterwegs.“

Er brummte nur undeutlich etwas vor sich hin und schlug seinen Jackenkragen hoch. „Ist Ihnen nicht auch kalt?“, fragte er.

„Nein“, log sie.

Schweigend hockten sie neben dem verwundeten Fohlen, Jess am Kopf, der Fremde an der Seite.

„Gage ist mein Name“, sagte er nach einer Weile. „Gage Moore.“

„Jess Cummings.“ Sie streckte ihm ihre behandschuhte Hand hin, zog sie jedoch sofort wieder zurück, denn auf dem Handrücken des Mannes klaffte eine hässliche Schnittwunde. „Sie brauchen selbst einen Arzt.“

Er zuckte die Achseln. „Hab schon Schlimmeres erlebt.“

Der Schatten, der über sein Gesicht ging, zeigte ihr, dass er nicht nur von körperlichen Schmerzen redete.

„Trotzdem. Kommen Sie nachher mit zu mir nach Hause, damit ich die Wunde versorgen kann.“

Wieder zuckte er die Achseln.

In dem Moment kam Doc Matthews angefahren. „Schon wieder der Kleine“, sagte der freundliche alte Veterinär kopfschüttelnd mit Blick auf das Fohlen. „Seit du auf der Welt bist, hältst du uns ganz schön auf Trab, Honey.“

Die schwarze Arzttasche neben sich, kniete der Tierarzt neben Honey nieder. Es stimmte, das Fohlen hatte in seinem jungen Leben schon ziemlich viel Unfug angestellt. Es fing damit an, dass es eine Steißgeburt war und seiner Mutter Buttercup höllische Schmerzen bereitet hatte. Kaum konnte es laufen, galoppierte es direkt in ein Hornissennest, und einmal biss es einen geschlossenen Futtersack auf und fraß so viel, dass es eine Bauchkolik bekam.

„Wird er wieder gesund?“, fragte Jess ängstlich. „Du weißt ja, wie die Mädels an ihm hängen.“

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Doc. „Der kleine Kerl ist zäher, als er aussieht. Ich gebe ihm jetzt eine Schmerzspritze, und dann bringen wir ihn und seine Mutter erst mal in den Stall. Hier draußen ist es zu kalt, um ihn zu behandeln. Nachdem die Wunden versorgt sind, bekommt er ein Antibiotikum, und dann ist er bald wieder auf den Beinen.“

Vor Erleichterung kamen Jess die Tränen. Schnell wischte sie sich über die Augen, denn sie wollte ihre Gefühle nicht zeigen.

„Wie bist du denn überhaupt bis hier heraus gekommen?“, fragte Doc, nachdem er die beiden Tiere mit Hilfe von Gage in seinen Pferdeanhänger verfrachtet hatte. Er blickte sich suchend um. Weder sah er Jess’ Jeep, noch Smoky Joe, das Pferd, das sie seit ihrem sechzehnten Lebensjahr ritt.

Erst jetzt merkte Jess, dass sie in der ganzen Aufregung vergessen hatte, den Hengst anzubinden. Inzwischen war er sicher zum Stall zurückgelaufen. „Sieht aus, als hätte Smoky Joe mich sitzen lassen“, sagte sie und lächelte schief. „Wahrscheinlich hatte er genug von der Kälte und vor allem von Honeys ständigen Dramen.“

Doc lachte. „Wenn du mich fragst, er ist der Cleverste von der ganzen Bande.“ Gemeinsam gingen sie zu seinem Pick-up.

„Soll ich nicht lieber hinten bei Honey sitzen?“

„Nicht nötig, nach der Spritze wird er sich erst mal beruhigen. Wahrscheinlich träumt er schon wieder von seinem nächsten Abenteuer.“

„Soll ich … zu dir nach Hause zurückfahren?“, fragte Gage, zu Doc gewandt.

„Nein, Martha wollte zwar, dass du bis nach den Ferien bei uns bleibst, aber ich glaube, Jess braucht dich im Moment mehr.“

„Macht es dir etwas aus, mir zu erzählen, wovon ihr gerade geredet habt?“, fragte Jess, als sie neben Doc im Wagen saß. Sie hatte die Handschuhe ausgezogen und hielt ihre steif gefrorenen Hände vor die heiße Lüftung.

„Was meinst du denn?“

„Tu nicht so unschuldig. Du weißt genau, was ich meine. Hast du mit meinem Vater zusammen schon wieder einen Plan ausgeheckt, wie ihr mich unter die Haube bringen könnt?“

„Nein, du kannst ganz beruhigt sein. Glaub mir, wir haben unsere Lektion gelernt, nachdem Pete Clayton uns erzählt hat, dass du ihn mit gezogenem Revolver aus deinem Haus vertrieben hast.“

„Er hat versucht, mich zu küssen.“

„Kannst du es ihm verdenken?“, fragte Doc lachend. „Wenn ich nicht so alt wäre, dass ich dein Großvater sein könnte, würde ich es vielleicht selbst mal probieren.“

Mit zusammengepressten Lippen schüttelte Jess den Kopf. „Dwayne ist doch gerade erst gestorben …“

„Vor knapp einem Jahr, ich weiß. Wir alle wissen das, Jess. Aber du bist eine schöne junge Frau mit zwei äußerst lebhaften kleinen Mädchen. Dwayne würde nicht wollen, dass du das alles allein bewältigen musst.“

„Du übertreibst wie immer. Meine Mädels und ich kommen sehr gut zurecht. Ich habe nicht das geringste Interesse an einem neuen Mann – vor allem nicht an einem der Cowboys, mit denen du und mein Vater immer ankommt.“

„Habe schon verstanden“, erwiderte Doc, als er auf den Kiesweg einbog, der zum Haus führte. „Deshalb ist Gage ja auch nur hergekommen, um dir bei der Farmarbeit zu helfen.“

„Wie bitte?“ Mit offenem Mund starrte Jess ihn an.

„Beruhige dich. Wir machen uns eben Sorgen um dich. Du kannst diese ganze Arbeit nicht allein schaffen. Wir haben alle zusammengelegt und Gage für die ersten paar Monate seinen Lohn gezahlt.“

Doc hob die Hand, bevor sie protestieren konnte.

„Gage ist ein feiner Kerl, glaub mir. Ich kenne seine Familie schon seit ewigen Zeiten. Und vor allem kann er zupacken. Er wird dir viel von deiner Last abnehmen.“

„Aber ich kann es mir nicht leisten …“

„Wie gesagt, für die ersten Monate hat er sein Geld schon bekommen. Und wenn erst der Frühling kommt und du wieder gut verkaufst, dann kannst du bestimmt einen Farmarbeiter bezahlen.“

Der Tierarzt stellte das Radio an, und als ein Countryklassiker gespielt wurde, fing er an, fröhlich mitzusingen. Jess warf ihm einen Seitenblick zu.

„Worüber freust du dich denn so?“, fragte Jess.

„Ach, nichts weiter. Aber immerhin haben wir bald Weihnachten.“

Gage saß hinter dem Lenkrad seines Jeeps und wünschte sich weit weg. Von Anfang an hatte er Zweifel gehabt, ob es eine gute Idee war, hierherzukommen. Jess Cummings hatte zwar nichts direkt Ablehnendes gesagt, aber ihre Körpersprache drückte deutlich aus, dass er unerwünscht war.

Als sein Vater zum ersten Mal das Thema ansprach, der Freundin eines Freundes oben in Oklahoma zu helfen, war ihm das als möglicher Ausweg aus seiner Misere erschienen. Bekanntlich half man sich selbst am besten, indem man anderen Menschen half. Doch er hätte sich näher über diesen Job erkundigen sollen, bevor er zusagte.

Docs Stimme schreckte ihn aus seinen Grübeleien. „Willst du den ganzen Tag in deinem Auto hocken, oder mir helfen, unseren Patienten in den Stall zu bringen?“

„Mommy!“

Zwei kleine Mädchen mit rotblonden Locken stürmten aus dem Haus, gefolgt von einer älteren, grauhaarigen Frau.

„Hallo, meine Süßen“, sagte Jess und nahm ihre Töchter in den Arm.

Die Größere fragte: „Wird Honey wieder gesund?“

„Ja, ganz bestimmt.“

„Guten Tag.“ Die ältere Frau streckte Gage freundlich lächelnd die Hand hin. „Ich bin Georgia, Jess’ Mutter. Und Sie sind bestimmt Walters Sohn Gage.“

„Ja, Madam.“ Gage nahm den Hut ab. Es war schon eine Weile her, seit er in einer Kleinstadt gelebt hatte, und er hatte ganz vergessen, wie schnell sich Neuigkeiten herumsprachen. „Schön, Sie kennenzulernen. Meine Eltern haben mir viel von Ihrer Familie erzählt.“

„Die beiden waren hier sehr beliebt, und es hat mir sehr leidgetan, dass sie weggezogen sind. Natürlich waren Sie damals erst zwei Jahre alt und können sich wahrscheinlich gar nicht mehr erinnern.“

„Nein.“

„Kannst du mir mal helfen, Gage?“, fragte Doc, der den Pferdeanhänger geöffnet hatte.

„Sicher.“ Insgeheim war Gage froh über die Ablenkung. Früher hatte er gern neue Kontakte geknüpft, aber in letzter Zeit war er froh, wenn er nicht behelligt wurde.

„Er blutet ja!“, rief das größere der beiden Mädchen erschrocken. „Mommy, tu doch was!“ Die jüngere Schwester hing Daumen lutschend am Bein ihrer Mutter.

„Keine Angst, Lexie“, sagte Doc. „Honey ist ein zäher Bursche. Es sieht schlimmer aus, als es ist. Wenn Gage und ich ihn verarztet haben, wird er bald wieder gesund.“

„Versprochen?“

„Ja, und jetzt zieht ihr beiden euch eure Jacken über und kommt mit in den Stall. Ihr könnt mir helfen.“

„Dürfen wir, Mommy?“

„Natürlich. Es wird Honey sicher beruhigen, wenn ihr da seid.“

Als die Mädchen ins Haus liefen, nahm Georgia ihre Tochter beiseite: „Stimmt es, dass Honey wieder gesund wird, oder hat Doc das nur wegen der Mädchen gesagt?“

„Ich hoffe nicht.“ Gage stand in einiger Entfernung, und ihr erschöpfter Seufzer rührte ihn. Sein Vater und Doc hatten ihm lediglich erzählt, Jess sei eine Witwe, die dringend Hilfe benötige. Niemand hatte ihre Töchter und die vielen Pferde erwähnt. Ein alter Jagdhund, der schwanzwedelnd angelaufen kam, gehörte offensichtlich auch noch zu den Lebewesen auf der Ranch, die versorgt werden mussten. Er blieb vor Gage stehen und knurrte leise.

Jess lief herbei. „Keine Angst, Taffy muss nur jedem zeigen, wer hier der Boss ist.“

Gemeinsam brachten sie das Fohlen in den Stall. Hier war die Temperatur erträglicher als draußen, und es roch nach Pferden und nach Stroh und Hafer und nach Leder.

Als Doc sich neben das kranke Tier kniete, bemerkte er: „Martha hat gesagt, dass wir einen Schneesturm bekommen. Du weißt ja, wie verrückt sie auf den Wetterbericht ist.“

„Na, das sind ja schöne Aussichten.“ Jess lachte trocken auf.

„Hast du denn genügend Brennholz?“

Sie nickte, ohne Doc anzusehen.

Doc wandte sich an Gage. „Siehst du, weshalb ich dich hergebeten habe? Dieses Mädel lügt wie gedruckt. Ich vermute, sie hat grade mal einen Korb voll Holz, und das ist nicht mal trocken genug zum Verbrennen.“

„Erstens …“, sagte Jess und nahm dem Pferd, von dem Gage annahm, dass es sich um Smoky Joe handelte, den Sattel ab, „… bin ich kein Mädel, sondern eine erwachsene Frau. Zweitens habe ich Grips genug, um den Holzstapel bei Regen abzudecken. Und drittens … sicher meinen Sie es gut, Gage, aber vielleicht war es doch keine so gute Idee, herzukommen.“

„Hör nicht auf ihr Geschwätz, Gage“, wandte Doc ein. „Wirf lieber mal einen Blick auf die Holzvorräte. An der südlichen Hauswand.“

Nachdem Gage außer Hörweite war, baute Jess sich wütend vor Doc auf. „Jetzt hör mir mal zu. Ich weiß es ja zu schätzen, dass ihr, du und Martha und meine Eltern, mir helfen wollt, aber ich schaffe es inzwischen ganz gut allein. Und ich habe absolut etwas dagegen, dass ihr über meinen Kopf weg einfach jemanden für mich angestellt habt. Soll das so eine Art Ritter sein, der die Prinzessin rettet?“

„Ganz so ist es nicht“, erwiderte Doc. „Und sprich bitte etwas leiser, denn mit deinem schrillen Ton machst du Honey ganz nervös.“

„Tut mir leid, aber es ist einfach so, dass …“

„Hier sind wir!“, rief Lexie, die mit Ashley in den Stall gestürmt kam. „Was sollen wir helfen?“

„Eine von euch kann Honey streicheln, während ich seine Wunden versorge, und die andere kann mir die Verbandsachen reichen“, erklärte Doc.

Jess nagte an ihrer Unterlippe. „Na, ihr kommt ja wahrscheinlich ohne mich zurecht. Bis nachher.“ Sie verließ den Stall.

Draußen war der Himmel von dunklen Wolken verhangen. Jess hätte sich liebend gern zu ihrer Mutter in die Küche gesetzt, die garantiert bei einem schönen heißen Tee mit einer ihrer vielen Freundinnen aus der Kirchengemeinde telefonierte. Doch stattdessen ging sie um das Haus herum, um sich ihren kümmerlichen Holzstapel anzusehen.

Als sie die dumpfen Schläge einer Axt hörte, wusste sie, dass ihr neuer Angestellter bereits seine Arbeit aufgenommen hatte. Bei seinem Anblick wurde ihr der Mund trocken. Wow. Gage hatte seine Jacke ausgezogen und trug trotz der Kälte nur ein weißes T-Shirt, das seinen muskulösen Oberkörper umspannte.

„Ziehen Sie lieber Ihre Jacke wieder an, sonst erkälten Sie sich.“ Das sagte sie nur, weil sein Anblick sie so verwirrte.

Er blickte hoch. „Mir war so heiß. Wie geht’s Honey?“

„Besser, Doc vernäht ihn gerade. Ich glaube, das Schlimmste ist überstanden.“

„Gut, dass Sie ihn rechtzeitig gefunden haben.“ Gage nahm sich einen neuen Holzklotz vor und hieb ihn kraftvoll auseinander. „Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, so weit draußen nach ihm zu sehen?“

„Weil er von Anfang an von diesem Abfallhaufen fasziniert war. Als er nicht mehr auf der Weide stand, habe ich sofort an diese Stelle gedacht. Irgendein unverschämter Typ lädt da immer seinen Müll ab.“

Er brummte etwas Unverständliches und griff wieder nach einem Holzklotz. Jess zwang sich, nicht allzu auffällig auf sein Muskelspiel zu starren.

Schon eine ganze Weile hatte Jess keinen Mann mehr um sich gehabt, der vom Alter her nicht ihr Vater oder Großvater hätte sein können. An solche knappen, typisch männlichen Äußerungen war sie nicht mehr gewöhnt. Vielleicht sollte das ungefähr so viel heißen wie: Unglaublich, dass manche Leute die Unverfrorenheit besitzen, einfach ihren Müll auf dem Nachbargrundstück abzuladen.

„Wollen Sie nicht doch lieber Ihre Jacke anziehen?“ Sie redete sich ein, dass diese Frage nichts damit zu tun hatte, dass sein Anblick im T-Shirt ihr Blut in Wallung brachte. „Sieht aus, als ob wir gleich Eisregen bekommen.“

Wieder kam von ihm nur ein Brummen.

„Mit Eisregen ist nicht zu spaßen“, plapperte sie weiter. „Wenn das einmal anfängt, ist man besser dort, wo man hin will, sonst kann es unterwegs ziemlich brenzlig werden.“

„Madam“, erwiderte er, als er sich die kräftigen Arme mit Holzscheiten belud und den Stapel an der Hauswand damit aufstockte. „Ich will Ihnen ja nicht zu nahetreten, aber ich bin in Nordtexas aufgewachsen. Über Eisregen weiß ich alles.“

„Mommy!“ Ashley kam keuchend angerannt. „Grandma hat gesagt, wenn du nicht sofort ins Haus kommst, wirst du dir den Tod holen.“

Gage lachte in sich hinein.

Die Tatsache, dass er sich nicht nur über sie, sondern über ihre ganze Familie amüsierte, erinnerte Jess daran, weshalb sie überhaupt zu ihm gekommen war. Um ihn zu bitten, wieder zu gehen.

„Sag Grandma, ich komme gleich.“ Sie gab dem Bommel an Ashleys grüner Strickmütze einen liebevollen Stups.

„Okay.“ Die Kleine war so schnell wieder weg, wie sie gekommen war.

„Sie ist süß“, sagte Gage.

„Ja, finde ich auch.“

„Ich möchte nicht indiskret sein“, begann Gage und nahm sich einen neuen Holzklotz vor. „Aber Doc hat mir erzählt, was mit Ihrem Mann passiert ist. Sicher sind Ihre Töchter für Sie ein großer Trost.“

Seine Stimme war voller Wärme, und plötzlich spürte Jess ihren Verlust wieder mit ganzer Wucht, als wäre es erst gestern gewesen. Ihr Hals war wie zugeschnürt.

„Jedenfalls wollte ich sagen, dass es mir leidtut“, fügte Gage hinzu. „Das muss sehr schwer für Sie gewesen sein.“

Sie nickte mit zusammengekniffenen Lippen.

„Sie sollten wirklich ins Haus gehen“, sagte Gage.

Jess fand seine Sorge um ihr Wohlbefinden ziemlich irritierend. Eigentlich hatte sie ihm sagen wollen, dass sie ihn nicht brauchte, doch innerhalb einer Viertelstunde hatte er mehr Holz gehackt als sie in einem ganzen Monat.

Und dass er sich zu allem Überfluss noch um sie sorgte, wie Dwayne es immer getan hatte, machte ihr die Entscheidung auch nicht gerade leichter. Dwayne, ihr Freund aus der Highschool, war der einzige Mann gewesen, den sie je geliebt hatte. Und irgendwie tat es weh, plötzlich Zuwendung von einem anderen Mann zu bekommen.

Natürlich meinte Gage es gut, aber sie wollte nun mal von niemandem abhängig sein, weder arbeitsmäßig noch emotional.

Als strahlende Braut hatte sie noch an ein dauerhaftes Glück geglaubt. Jetzt wusste sie es besser. Geliebte Menschen konnten einem plötzlich und ohne Vorwarnung genommen werden. Wirbelstürme konnten einem das Haus wegreißen. Zu lernen, dass es im Leben für nichts eine Garantie gibt, war für Jess eine wertvolle Lektion gewesen. Es hatte ihr gezeigt, jeden Tag, den sie mit ihren Töchtern, ihren Eltern und ihren Freunden verbringen konnte, als Geschenk zu betrachten.

Und sie war zu der Einsicht gekommen, dass es besser war, keinen Mann mehr in ihr Leben zu lassen. Selbst wenn es sich dabei nur um einen Farmarbeiter handelte. Denn der unvermeidliche Verlust dieser helfenden Hand würde sie mehr schmerzen als ihre Muskeln nach einem harten Arbeitstag auf der Ranch.

„Hören Sie“, fing sie an, und die Tatsache, dass der Eisregen in diesem Moment einsetzte, brachte sie noch mehr durcheinander. Dicke Hagelkörner prasselten auf das Blechdach und auf den verrosteten antiken Pflug, den Dwayne zur Dekoration an der Hofecke aufgestellt hatte. Sie hatten so viele Pläne für dieses alte Haus geschmiedet.

Nach und nach wollten sie es restaurieren und zu einem Ort machen, auf den sie beide stolz sein könnten. „Ich weiß nicht, wie ich es auf höfliche Weise ausdrücken soll, deshalb sage ich es direkt. Sie machen das mit dem Holz fantastisch, und ich könnte zweifellos Hilfe brauchen, aber …“

„Sie wollen mich nicht hier haben.“

„Nun …“ Jess wollte nicht grob zu dem Mann sein, aber er hatte recht.

„Wissen Sie was?“, sagte er, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. „Doc und mein Dad sind ziemlich stolz darauf, dass sie das mit uns eingefädelt haben, und …“

Sie wurde rot. „Was haben sie?“

„So habe ich es nicht gemeint.“ Gage warf ihr ein zurückhaltendes, aber unwiderstehliches Lächeln zu. „Ich habe unbedingt einen Tapetenwechsel nötig, und Sie brauchen offensichtlich einen kräftigen Arbeiter. Für zwei komische Käuze wie Doc und meinen Vater sind wir wahrscheinlich das perfekte Paar.“

„Aha, na klar.“ Jess’ Wangen glühten jetzt noch stärker, diesmal vor Zorn, weil sie Gages unschuldige Bemerkung falsch auffasste.

„Ich war noch nicht fertig. Was halten Sie von folgendem Vorschlag: Ich bleibe den Nachmittag hier – gerade lange genug, um den Holzvorrat ordentlich aufzustocken, und dann fahre ich wieder, bevor das Wetter noch schlechter wird. Doc braucht das gar nicht zu wissen.“

„Das würden Sie für mich tun? So zu tun, als ob Sie bleiben?“

Er lachte. „Wenn ich hier schon einen ganzen Nachmittag in der Eiseskälte für Sie Holz hacke, wieso sollte ich dann nicht so eine Kleinigkeit hinkriegen?“

Sein Lachen war ansteckend, und einen Moment lang fühlte Jess sich erleichtert. Doch seltsamerweise hatte ihre bessere Laune weniger mit dem wachsenden Holzstapel als mit Gages warmem Lächeln zu tun.

2. KAPITEL

Noch ein paar Stunden, und dann wäre er hier wieder weg. Eigentlich hätte Gage darüber froh sein sollen, doch der Kloß in seinem Magen fühlte sich sehr nach Schuldgefühlen an.

Jess brauchte ihn, und er war dazu erzogen worden, niemals jemanden im Stich zu lassen, der Hilfe brauchte. In Anbetracht der Lage, in der Jess sich befand, empfand er es als Pflicht, sich um sie und ihre Kinder zu kümmern. Selbst der räudige alte Hund, der zusammengerollt vor dem Kamin im Wohnzimmer lag, schien ihn zu brauchen.

„Danke“, sagte Gage und nahm die dritte Schüssel Chili con Carne entgegen, die Jess’ Mutter ihm reichte. Es schmeckte köstlich, und er hätte das Essen noch mehr genossen, wenn nicht die beiden Gören am Tisch ihn auf unterschiedliche Weise genervt hätten. Die eine fragte ihm Löcher in den Bauch über die verschiedenen Größen von Dinosaurier-Eiern, die andere schoss ihm unablässig vernichtende Blicke zu.

Georgia machte es wieder wett mit ihrem netten Geplauder über das Wetter und ihre Kochrezepte. Gage vermisste seine Mutter. Weihnachten würde sicher schlimm für sie werden, weil er nicht da war. Aber er konnte sich einfach nicht dazu überwinden, seine Eltern zu besuchen. Zu vieles erinnerte ihn zu Hause an Marnie.

Doc war längst mit Honey fertig und nach Hause gefahren, um seiner Frau beim Einpacken der Weihnachtsgeschenke für ihre sechs Enkel zu helfen. Gage wäre auch gern gefahren, aber wie hätte er das Jess’ Mutter erklären sollen?

Georgia nahm sich eine zweite Schüssel Chili und setzte sich auf den Stuhl neben ihm. „Ray Hawkins hat den alten Ofen im Cottage wieder hergerichtet, Gage. Sie werden es kuschelig warm haben, selbst bei diesem Sturm.“

„Er bleibt hier? Im Cottage? Dort spiele ich doch mit meinen Barbies.“ Wütend lief Lexie aus der Küche.

„Tut mir leid“, sagte Jess. „Seit ihr Vater …“

Gage wusste ganz genau, was sie sagen wollte. Seit dem Tod ihres Vaters konnte sie keinen Mann ausstehen, der auch nur entfernt in die Nähe ihrer Mutter kam. Nun, seinetwegen brauchte sich die Kleine keine Sorgen zu machen. Erstens würde er nicht bleiben, und zweitens stand ihm der Sinn im Moment überhaupt nicht nach Frauen.

Obwohl Jess ganz entschieden eine sehr hübsche Frau war. Groß, mit einer perfekten Figur und einer rotblonden Lockenmähne, die auf ein temperamentvolles Wesen schließen ließ. Vor allem ihre Augen waren faszinierend. Grau mit einem Stich ins Blaue. Ob sie an einem sonnigen Tag wohl himmelblau wären?

Eigentlich schade, dass er das nie erfahren würde.

„Vielen Dank für das köstliche Chili“, sagte er zu Georgia.

„Gern geschehen“, erwiderte sie, offensichtlich erfreut über das Lob. „Sie sehen aus, als könnten Sie ein ordentliches Essen vertragen.“

„Das stimmt.“ Er hatte in den letzten Monaten ziemlich abgenommen.

„Mr. Gage“, sagte Ashley, „wussten Sie, dass ein Tyrannosaurus einen Mann mit einem einzigen Biss durchbeißen kann? Und dann zermanscht er ihn, und das Blut spritzt überall hin – wie in einer Saftpresse.“

„Ashley“, schimpfte Georgia. „Musst du so etwas unbedingt beim Essen erzählen?“

„Aber es stimmt.“ Ungerührt bestrich die Kleine ihren Muffin dick mit Butter. „Ich dachte, Mr. Gage sollte sich vielleicht in acht nehmen, falls er mal einen sieht.“

Gage nickte. „Da hast du ganz recht, man kann bei diesen Tyrannos nicht vorsichtig genug sein. Besonders in Texas, wo ich herkomme.“

„Wo denn in Texas?“, fragte Jess.

„Aus Dallas, dort gibt es Tyrannos an jeder Ecke.“

„Ich hoffe, einer kriegt Sie.“ Lexie lugte mit bösartigem Grinsen zur Küchentür herein.

„Lexie!“ Georgia und Jess entschuldigten sich für Lexies Benehmen, aber Gage zuckte nur die Achseln. Für ihn war das ganz in Ordnung. Lexie und er hatten wahrscheinlich mehr gemeinsam, als die beiden Frauen wissen konnten. Mehr als einmal war er selbst in letzter Zeit Leuten gegenüber beleidigend gewesen. Kellnerinnen, die ihn zu langsam bedienten, oder sein Manager, der ständig Auftritte für ihn buchen wollte.

Jess’ Ranch wäre ein wunderbares Versteck für ihn. Hier könnte er seine emotionalen Wunden mit harter Arbeit betäuben.

Von draußen kam ein lauter Knall. „Himmel, was war das?“ Erschrocken blickte Georgia zur Hintertür, durch die ein rotgesichtiger, stämmiger Mann im Flanellhemd hereinstürmte. Er schüttelte Gage die Hand und stellte sich als Jess’ Vater Harold vor. „Gut, dass Sie für eine Weile hierbleiben, bei dem, was ich gerade mit meinem Truck angerichtet habe.“

Jess seufzte, als sie den Schaden sah, den ihr Vater an ihrem Verandageländer verursacht hatte. Die Einfahrt war komplett vereist, und ihr Vater hatte die Kontrolle über seinen Wagen verloren.

Als ob das Haus nicht schon baufällig genug wäre.

„Tut mir leid, Jessie.“ Ihr Vater küsste sie auf die Wange. Sie standen alle unter dem Verandadach, auf das der Eisregen laut niederprasselte. „Sobald der Sturm vorbei ist, werde ich den Schaden beheben. Mit Gage zusammen schaffen wir es bestimmt an einem Nachmittag.“

„Okay, Dad, du kannst ja wirklich nichts dafür“, erwiderte Jess und warf Gage einen unsicheren Blick zu. Er würde doch hoffentlich zu seinem Wort stehen und ihrem Vater nichts verraten.

„Nur gut, dass dir nichts passiert ist“, sagte Georgia mit fürsorglicher Stimme zu ihrem Mann.

Ashley schmiegte sich an das Bein ihres Großvaters und sagte mit zuckersüßer Stimme: „Ich bin auch froh, dass dir nichts passiert ist, Grandpa.“

„Glaubst du, dass wir heute Nacht hierbleiben müssen?“, fragte Georgia.

„Das wäre wohl besser“, sagte ihr Mann seufzend. „Aber wer kümmert sich um die Hunde?“

„Allerdings“, warf Jess mit einem Anflug von schlechtem Gewissen ein. „Ihr könnt die Hunde ja nicht allein lassen.“ Was war sie bloß für eine Tochter? Schickte ihre Eltern in den Sturm hinaus.

„Es wird schon gut gehen“, sagte Harold. „Für den Fall, dass wir zu Weihnachten nicht herkommen können, habe ich schon mal die Geschenke mitgebracht. Wir packen sie schnell aus und fahren dann gleich los.“

„In Ordnung, ich hole nur schnell meinen Mantel, und dann helfe ich dir.“ Georgia lief ins Haus.

Als ihre Eltern abfuhren, schickte Jess ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie gut ankommen mögen, und alle winkten dem Auto hinterher.

„Mom, dürfen wir fernsehen?“, fragte Lexie, sobald die Rücklichter des Wagens um die Kurve verschwunden waren.

„Erst wird das Geschirr gespült“, entschied Jess und schob die beiden Mädchen ins Haus.

Gage streckte die Hand nach draußen. „So einen schlimmen Eisregen habe ich lange nicht mehr erlebt. Haben Sie Schneeketten?“

„Ich glaube nicht“, sagte sie. „Wenn, dann sind sie im Schuppen neben dem Stall.“

„Ich sehe mal nach. Und Sie gehen ins Haus. Sie zittern ja vor Kälte.“

Kurze Zeit später beobachtete Jess durch das Küchenfenster, wie Gage rostige Schneeketten über die Reifen zog. Doch kaum hatte er seinen Truck gestartet und war probeweise angefahren, da hörte man ein metallisches Klirren. Sofort stellte er den Motor wieder ab, stieg aus – und landete prompt auf seinem Po.

Schnell schnappte Jess sich ein Tuch und lief auf die Veranda. „Alles in Ordnung?“, rief sie.

„Ja, außer meinem verletzten Stolz.“ Er rappelte sich hoch und klopfte sich das Eis von den Jeans. „Haben Sie ein Schweißgerät?“

Mit mulmigem Gefühl stand Jess da und überlegte. Beide Schneeketten waren gebrochen, und der Hof war so vereist, dass man sich kaum aufrecht halten konnte. Die Straße würde nicht besser aussehen. Es wäre lebensgefährlich, jetzt loszufahren. „Bleiben Sie hier!“, rief sie.

„Wie bitte?“ Er kam über das Eis zur Veranda geschlittert. „Vor ein paar Stunden wollten Sie mich doch noch unbedingt loswerden.“

„Schon, aber nicht bei diesem Wetter. Bleiben Sie wenigstens, bis die Straßen frei sind. Mein Vater hat gerade angerufen und gesagt, sie hätten es zwar geschafft, aber sie seien ständig ins Rutschen gekommen. Ich könnte es nicht verantworten, wenn Ihnen etwas passiert.“

Er blies sich in die Handflächen. „Schon komisch, irgendwo zu bleiben, wo man unerwünscht ist.“ Sein schiefes Lächeln zeigte ihr, dass er die Situation aufzuheitern versuchte.

„Tut mir leid, vorhin habe ich nicht groß nachgedacht, aber jetzt … bitte bleiben Sie.“

„Das Wetter wird ja nicht ewig anhalten. Ich niste mich für ein paar Tage im Cottage ein, und dann bin ich weg.“

„Danke. Das hört sich gut an.“

„Ich habe noch eine Frage. Wieso sind Sie so scharf darauf, unbedingt alles allein schaffen zu wollen? Wenn einer Hilfe braucht, dann doch Sie.“

„Das ist meine Angelegenheit“, erwiderte sie brüsk.

„Und meine Angelegenheit ist es, dass ich nicht mit ansehen kann, wie sich jemand kaputt rackert. Die Tiere machen viel Arbeit, und bald kommt die Fohlensaison. Ist Ihnen eigentlich klar, dass Honey nicht hätte weglaufen können, wenn Sie mehr Zeit für die Tiere hätten?“

Sie blitzte ihn wütend an. „Geben Sie mir etwa die Schuld dafür, was mit Honey passiert ist?“

„Nein, natürlich nicht, es ist nur …“

Den Rest des Satzes hörte sie nicht mehr, denn da war sie bereits im Haus verschwunden.

Als Gage die Tür zum Cottage aufschob, schlug ihm behagliche Wärme entgegen. Er nahm den Hut ab und hängte ihn an einen Haken am Fußende des Bettes. Prüfend drückte er auf die Matratze. Nicht zu hart, nicht zu weich, gerade richtig. Er freute sich auf ein paar Stunden ungestörten Nachtschlaf.

Im Laufe seines Lebens hatte er einige dieser Cottages für die Farmarbeiter von innen gesehen, aber dieses hier war etwas ganz Besonderes. An den drei Fenstern, die den Blick über die sanft gewellten Weiden freigaben, waren geblümte Übergardinen angebracht, und an den Wänden hingen schöne Gemälde mit ländlichen Motiven.

Auf einer Holzkommode stand ein älterer Fernseher, und über der Kommode war ein Bücherregal angebracht, in dem Gage genügend Lesestoff finden würde, falls er jemals zum Lesen käme.

Eine schmale Tür links vom Bett führte in ein kleines Badezimmer mit einer frei stehenden Badewanne, auf der ein Stapel flauschiger weißer Handtücher lag.

Seufzend fuhr er sich durchs Haar. Hier war er also nun. Immerhin ein gemütliches Zuhause – so lange, bis die Straßen wieder frei waren.

Er setzte sich in den Schaukelstuhl aus Eichenholz, der vor dem Kaminofen stand, und legte den Kopf zurück.

Warum war diese Jess Cummings nur so verdammt dickköpfig? Genau wie seine Schwester. Marnie hatte auch immer alles allein machen wollen. Hätte sie ihn damals bloß um Hilfe gebeten …

Sollte einer die Frauen verstehen.

Er war mit der Absicht hierhergekommen, seinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Stattdessen war er verwirrter als zuvor.

Er nahm das Schüreisen von dem Gestell vor dem Kaminofen und stocherte in der Glut. Sein Pech, dass er von einem Gefühlschaos direkt ins nächste gesprungen war.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach seine Grübeleien.

„Herein!“, rief er.

Die neunjährige Lexie stapfte aus der Kälte herein.

„Hallo, was gibt’s denn?“, fragte er.

Um die Kleine herum bildete sich eine Wasserlache.

„Das ist mein Haus.“ Sie stellte die rosafarbene Schachtel ab, die sie in der Hand hielt. „Ich und meine Puppen wohnen hier – nicht du.“ Ihre Augen sprühten Funken und machten dem Kaminofen Konkurrenz.

„Keine Angst, ich bin schneller wieder weg, als du denkst.“

„Gut.“ Sie baute sich mit verschränkten Armen vor ihm auf.

„Womit kann ich dir sonst noch dienen?“

„Du sitzt mir im Weg.“

„Wieso denn?“

Sie deutete auf die Steinumrandung des Ofens. „Da will ich meinen Bauernhof aufbauen. Meine Puppen wollen ans Feuer.“

„Meinst du nicht, dass es ihnen da ein bisschen zu heiß ist?“

Sie verdrehte genervt die Augen. „Meine Puppen sind Siedler und haben noch kein Haus, deswegen müssen sie draußen schlafen.“

„Haben sie denn nicht wenigstens einen Planwagen, wo sie reinkönnen, wenn’s regnet?“

„Nein, dazu haben sie kein Geld.“

Wieder ging die Tür auf, und Ashley, die kleinere Schwester kam herein. „Hier bist du!“, stellte sie vorwurfsvoll fest. Gleich darauf wandte sie sich an Gage. „Hast du gewusst, dass das größte Dinosaurier-Ei so groß wie ein Fußball ist?“

„Du bist sooooo doof“, bemerkte Lexie abfällig.

„Selber doof.“

Gage stand auf. „Ich unterbreche nur ungern eure interessante Unterhaltung, aber hättet ihr etwas dagegen, woanders zu spielen? Ich brauche dringend ein bisschen Schlaf.“

Lexie blitzte ihn wütend an. „Aber ich spiele hier immer mit meinen Puppen.“

Seufzend schloss Gage die Augen. „Hört mal zu, ihr beiden. Ich finde …“

Wieder wurde die Tür aufgerissen. Das ging ja hier zu wie im Taubenschlag.

Diesmal war es Jess, die eisigen Wind von draußen hereinbrachte. Die Hände in die Hüften gestemmt, baute sie sich vor ihren Töchtern auf. „Was zum Teufel macht ihr hier?“

„Ich will mit meinen Puppen spielen“, jammerte Lexie, „aber er sitzt mir im Weg.“

„Und ich wollte nicht allein spielen, aber Lexie ist sooo gemein.“

„Bin ich nicht!“ Lexie streckte ihrer Schwester die Zunge heraus.

Gage hatte große Lust, sich die Ohren zuzuhalten. Wo war er hier bloß hingeraten?

„Ihr bewegt euch jetzt mal ganz schnell rüber ins Haus.“ Jess unterstrich ihre Aufforderung mit einer eindeutigen Geste in Richtung Tür.

Ashley gehorchte sofort. Lexie hingegen schoss Gage einen vernichtenden Blick zu, bevor sie murrend ihre rosa Schachtel an sich nahm.

„Lex, bitte entschuldige dich bei unserem Gast.“

„Nein“, erwiderte die Kleine mit trotzig vorgeschobenem Kinn.

„Dann gehst du jetzt sofort auf dein Zimmer.“

Froh, so leicht wegzukommen, lief Lex hinaus, und Gage und Jess befanden sich allein im Raum.

Er räusperte sich. „Das war, hm …“

„Eine verzwickte Situation?“ Seufzend zog Jess ihre grüne Regenjacke aus und setzte sich auf die Bettkante. „Seit mein … ich meine, seit ihr Vater …“

Als er ihre traurigen Augen sah, zog sich sein Herz vor Mitgefühl zusammen. „Das ist schon in Ordnung, Jess. Sie brauchen mir nichts zu erklären. Bald bin ich sowieso weg.“ Ich habe mein eigenes Päckchen zu tragen und kann gut darauf verzichten, mir noch mehr aufzuladen.

„Ich weiß.“ Sie blickte in das lustig knisternde Feuer im Kaminofen. Wie schön sie aussieht, dachte Gage. Und so zart und verletzlich. Früher wäre bei einer solchen Frau sein Beschützerinstinkt erwacht, aber heute hatte er nichts mehr zu geben.

Jess seufzte. „Sieht aus, als benutzt Lexie Sie als Zielscheibe.“

„Zielscheibe?“

„Sie ist so verbittert darüber, dass ihr Dad tot ist, dass sie das an jedem Mann auslässt, der den Fuß auf unsere Ranch setzt.“

„Deshalb wollen Sie auch keinen Helfer hier haben?“

Er nahm ihr Schweigen als Bestätigung.

„Vielleicht sollten Sie strenger mit ihr sein.“

Sie schnaubte. „Wenn das so einfach wäre.“

„Ja, das kann ich verstehen.“ Streng zu sein fällt schwer, wenn man sieht, wie ein Kind leidet. Wie gut konnte er sich in Lexie hineinversetzen. Er spürte die gleiche Verbitterung über Marnies Tod, und gleichzeitig plagten ihn Schuldgefühle. Mit diesem Mädchen konfrontiert zu sein, das einen ähnlichen Schmerz verspürte, hielt er kaum aus.

Von Schuldgefühlen war Lexie sicher nicht belastet, schließlich konnte sie nichts dafür, dass ihr Vater ums Leben kam. Anders als Gage bei seiner Schwester. Zwar hatten ihm alle Leute versichert, dass es nicht seine Schuld war, aber tief im Inneren wusste er es besser, und nur das zählte.

Unverwandt blickte Jess ins Feuer. „Meine Eltern und Doc haben recht. Ich brauche Hilfe, und es stimmt auch, dass ich dickköpfig bin …“ Der Eisregen hämmerte jetzt heftiger auf das Dach. „Tut mir leid, aber ich muss mal nach den Mädels sehen – und nach Honey.“

„Um das Fohlen kann ich mich kümmern.“

„Nein, Sie sind unser Gast, ich kann Sie nicht noch mehr …“

„Ich habe gesagt, ich kümmere mich um das Fohlen.“

Einen kurzen Moment lang trafen sich ihre Blicke, und Gage spürte, wie aufgewühlt sie hinter ihrer beherrschten Fassade war.

„Danke.“ Sie stand auf, zog ihre Jacke über und setzte die Kapuze auf. Wie bezaubernd sie aussieht, dachte er wieder.

„Keine Ursache.“

„Wann wollen Sie morgen frühstücken?“, fragte sie, schon an der Tür.

„Ist sieben Uhr zu früh?“

„Nein, ich mache Ihnen bis dahin das Frühstück zurecht.“ Sie stemmte die Tür gegen den heulenden Wind auf.

„Jess?“

„Ja?“, fragte sie mit argwöhnischem Unterton.

„Es tut mir leid.“

„Was denn?“

„Wegen Ihrer Tochter und Ihres Mannes. Und dem Fohlen. Sie haben es wirklich nicht leicht und …“

„Bitte, Mr. Moore.“ Ungeduldig strich sie sich das vom Wind verwehte Haar aus dem Gesicht. „Wir kommen ganz gut zurecht.“

„So habe ich das nicht gemeint.“

„Nun muss ich aber wirklich nach Hause. Danke, dass Sie sich um Honey kümmern.“

Er nickte, aber das sah sie schon nicht mehr.

Wieso lief sie eigentlich immer davon? Warum wollte sie nicht mit ihm reden? Und weshalb weigerte sie sich so hartnäckig, Hilfe anzunehmen?

Er fing sein Spiegelbild am Kleiderschrank auf und brummte: „Was tust du hier eigentlich, Mann?“

Leider schien der Fremde, der ihm da entgegenstarrte, auch keine Ahnung zu haben, weshalb er sich um Jess Cummings, ihre beiden Mädchen und ihre Ranch Sorgen machte.

3. KAPITEL

„Mommy? Ist er tot?“ Ängstlich griff Ashley nach der Hand ihrer Mutter.

„Nein, Mr. Moore schläft nur.“ Halb sieben Uhr früh am Heiligabend, und noch immer fiel unablässig Eisregen vom Himmel. Gage lag fest schlafend in Honeys und Buttercups Box, einen Heuballen unter dem Kopf und eine Satteldecke über sich gebreitet. So etwas hätte ihr Mann auch fertiggebracht – im Stall einzuschlafen, während er nach den Pferden sah.

„Ich dachte, er wäre schon weg“, sagte Lexie vorwurfsvoll.

Jess seufzte. Was sollte sie bloß mit diesem Mädchen anfangen? Früher war ihre Tochter ein so fröhliches Kind gewesen. Jetzt murrte sie nur noch herum.

„Bei diesen schlechten Straßenverhältnissen kann er nicht bis nach Texas fahren. Außerdem ist morgen Weihnachten. Meinst du nicht, es wäre höflicher, ihn einzuladen? Schließlich hat er uns geholfen.“ Sie sprach im Flüsterton.

„Wir brauchen keine Hilfe“, maulte die Kleine. Doch als sie sich neben Honey kniete und ihr die Nüstern streichelte, wurde ihr Gesicht weicher.

„Siehst du, deinem Fohlen geht es schon viel besser“, sagte Jess leise.

„Wegen dem da ist unser Weihnachten verdorben.“ Lexie war nicht bereit, einzulenken.

„Lexie, wenn du jetzt nicht aufhörst, kriegst du nichts vom Weihnachtsmann.“

„Mir doch egal. An den glaube ich sowieso nicht mehr.“

„Aber es gibt ihn!“, rief Ashley empört.

„Halt den Mund!“, schrie Lexie.

Gage bewegte sich stöhnend. „Was ist denn los?“

„Das reicht jetzt, Lexie. Entschuldige dich bitte bei deiner Schwester.“

Statt einer Entschuldigung streckte Lexie die Zunge heraus und lief zur Stalltür.

„Lexie, komm sofort zurück!“, rief Jess ihr nach.

„Lassen Sie sie gehen“, sagte Gage und stand auf.

Ashley nuckelte an ihrem Daumen. „Mommy, wieso hasst Lexie mich?“

Jess nahm ihre Jüngste in den Arm. „Sie hasst dich nicht, Kleines, ich glaube, sie ist nur ein bisschen durcheinander.“ Das Herz zog sich Jess vor Mitgefühl mit ihren beiden Töchtern zusammen. Sie wollte ihre Kinder wieder glücklich sehen. Aber wie sollte sie das schaffen, wenn ihr selbst das Herz so schwer war?

Gage räusperte sich. „Honey hat die Nacht gut überstanden. Er ist ein Kämpfer, genau wie Ihre Tochter.“

Jess schluckte schwer. „Danke, dass Sie auf Honey aufgepasst haben. Aber Lexie ist mein Problem.“

„Heißt das, ich soll mich um meinen eigenen Kram kümmern?“ Sein Grinsen zeigte ihr, dass sie wieder einmal zu weit gegangen war. Aber sie konnte sich auch nicht erklären, wieso ihr das bei ihm ständig passierte.

„Tut mir leid“, sagte sie zerknirscht. „Sie müssen einen Bärenhunger haben. Ich mache mal Frühstück.“

„Ja, danke. Ich bin tatsächlich am Verhungern. Ist schon eine Weile her seit Georgias Chili.“

„Leider bin ich keine so gute Köchin wie meine Mutter, aber etwas Einfaches wie Pfannkuchen mit Speck bekomme ich schon hin.“

„Mmh“, seufzte Gage genüsslich. „Deine Mom lügt“, sagte er zu Ashley. „Sie ist eine sehr gute Köchin.“

Den Mund voll mit Pfannkuchen, konnte die Kleine nur nicken.

In letzter Zeit hatte er wenig Appetit gehabt, aber hier in Jess’ gemütlicher Küche schmeckte es ihm irgendwie besser.

Jess brachte Lexie ihren Teller aufs Zimmer und ließ Gage und Ashley allein an dem runden Eichentisch sitzen.

„Weißt du was?“, fragte die Kleine und schlabberte einen halben Dosenpfirsich in sich hinein. „Ein Brachiosaurus ist so lang wie zwei Schulbusse und so hoch wie vier Häuser.“

„Das wusste ich noch nicht. Danke für die Information.“

„Bitte. Hier, du kannst den Rest von meinem Pfirsich haben.“ Sie ließ ihn auf seinen Teller plumpsen, schob ihren Stuhl zurück und sprang auf. „Bis nachher.“

„Wo gehst du denn hin?“

„Ich muss noch meine Bilder für den Weihnachtsmann fertigmalen. Daddy hat immer gesagt, wenn man Plätzchen und hübsche Zeichnungen hinlegt, bekommt man mehr Geschenke.“

„Dein Dad war ein kluger Mann.“

„Ja, und ich habe ihn sehr lieb gehabt. Bye-bye.“ Sie lief hinaus.

Kaum war Ashley draußen, kam Jess in die Küche. „Hoffentlich hat sie Ihnen nicht die Ohren abgequasselt.“

Grinsend griff er sich an die Ohren. „Alles noch dran.“

Bei ihrem herzlichen Lachen wurde ihm ganz komisch zumute. Eine Art Stolz überkam ihn, weil er sie zum Lachen gebracht hatte.

„Sie ist ein niedliches Kind.“ Er stand auf und brachte seinen Teller zur Spüle.

„Das kann ich doch machen.“

„Ich weiß, aber bei uns zu Hause galt die Regel, wer kocht, braucht nicht abzuwaschen.“

„Die Regel gefällt mir.“ Jess schenkte sich noch einen Kaffee ein und ließ ihn gewähren.

„Schön, dass Sie sich mal helfen lassen.“

„Bin ich wirklich so schlimm?“

„Es geht.“

Sie seufzte. „Vielleicht bin ich im Moment abweisender als üblich. Mir macht das alles ziemlich zu schaffen.“

„Das kann ich vollkommen verstehen. Sie haben viel durchgemacht.“

„Bitte kein Mitleid.“ Sie trank von ihrem Kaffee. Wie sollte sie Gage erklären, dass es nicht nur die Farm und die Kinder waren, die ihr zu schaffen machten, sondern nach dem Tod ihres Mannes auch die Angst, wieder verlassen zu werden, wenn sie sich auf einen Mann einließe?

„Ich mag es nicht, wenn alle meine Probleme auf Dwaynes Tod zurückgeführt werden. Er ist schon über ein Jahr tot, und dass mein Tag einfach nicht lang genug ist, um alle Arbeit hineinzupacken, hat nichts mit ihm zu tun.“

Gage war mit Spülen fertig und griff zum Geschirrtuch. „Das habe ich schon verstanden. Aber Sie verlangen zu viel von sich. Das alles können Sie beim besten Willen nicht allein bewältigen. Warum wollen Sie es denn unbedingt ohne Hilfe schaffen?“

Wie oft hatten ihre Eltern und Doc ihr dasselbe erzählt, und jedes Mal musste sie sich rechtfertigen.

„Sie haben recht, und ich weiß, dass ich es niemals allein schaffen kann. Aber die Ranch wirft nicht genug ab, um jemanden einzustellen. Es geht einfach nicht.“

Noch zwei Stunden später, als Jess über den vereisten Hof ging, hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Was für eine lahme Ausrede. Wo Gage doch schon seinen Lohn für die nächsten Monate in der Tasche hatte. Sie war so in Gedanken vertieft, dass sie einen Moment nicht aufpasste, und schon war es passiert. Sie rutschte aus und fiel auf den Po.

Vor Schmerz schrie sie auf und versuchte vergeblich, wieder auf die Füße zu kommen. Erschöpft legte sie sich zurück und starrte in den grauen Himmel.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen!“, rief Gage vom Stall herüber und lief auf sie zu. Während sie ungeschickt versuchte, auf alle Viere zu kommen, streckte er die Hand nach ihr aus – und landete selbst auf dem Hosenboden.

„Autsch“, stöhnte er.

Jess kroch auf ihn zu. „Tut es sehr weh?“

„Nein, geht schon wieder. Wie gesagt, es ist mehr der verletzte Stolz.“ Vergeblich versuchte er aufzustehen, denn die Stelle, wo er ausgerutscht war, war besonders glatt.

„Geben Sie mir Ihre Hand“, sagte Jess, die inzwischen zum Stehen gekommen war. Doch als sie die Hand nach ihm ausstreckte, kam sie erneut ins Rutschen. Schnell griff er nach ihr und zog sie zu sich hin, sonst wäre sie platt auf dem Boden gelandet. Stattdessen lag sie nun auf seiner Brust, und plötzlich mussten sie beide lachen, weil die Situation so komisch war.

„So, jetzt versuchen wir’s noch mal“, sagte er, hieb die Stiefelabsätze ins Eis und stemmte sich mit seinen kräftigen Beinen hoch, dann half er ihr beim Aufstehen. Als Jess sich hochrappelte, spürte sie seine starken Arme um sich, die sie festhielten.

Einen Moment lang lehnte sie sich an ihn und genoss seine Wärme und das wunderbare Gefühl, beschützt zu sein. Wie sie das vermisst hatte!

Doch Gage ließ sie wieder los und nahm ihre Hand. „Ich bringe Sie mal lieber hinein. Es ist viel zu kalt hier draußen.“ Als sie Hand in Hand vorsichtig über das Eis zum Stall gingen, hatte Jess das Gefühl, dass sie sich diesem Mann bedenkenlos anvertrauen konnte.

„Danke“, sagte sie, als sie wieder auf sicherem Boden standen.

„Gern geschehen.“ Er grinste sie an, dann ging er zu Honeys Box.

Sie sah ihm nach, betrachtete seine breiten Schultern unter der Jacke, das Eis, das ihm noch in den Haaren hing. Und sie dachte an seinen Geruch, als er sie kurz im Arm gehalten hatte. Würzig wie das Heu, auf dem er geschlafen hatte, und auch noch ein bisschen nach Pfannkuchen und Kaffee. Der normale Geruch eines Mannes. Auch den hatte sie lange vermisst.

Plötzlich überfiel sie eine Panikattacke. Gage Moore musste verschwinden, und zwar sofort, bevor sie sich an ihn gewöhnte. Bloß, wie sollte das bei den vereisten Straßen gehen? Da würde ja nicht mal der Weihnachtsmann auf seinem Rentierschlitten fahren können.

„Ja, du bist eine ganz Gute“, murmelte Gage liebevoll.

Als Jess in die Box lugte, sah sie ihn Buttercups Hals tätscheln. Sanft und gleichzeitig geübt. Gage war tüchtig und verantwortungsbewusst, im Grunde genau der Mann, den sie brauchte. Warum bloß konnte sie sich nicht überwinden, ihn für sich arbeiten zu lassen? Was hatte sie denn zu verlieren? Wenn er wieder ging, würde sie jemand anders finden. Wo war das Problem?

„Der kleine Kerl sieht schon viel besser aus“, sagte Gage. „Doc hat mir noch ein paar Tipps gegeben, worauf man achten muss. Aber es scheint alles in Ordnung zu sein.“

„Wie lange kennen Sie Doc eigentlich schon?“

„Solange ich denken kann. Als meine Eltern hier gewohnt haben, waren sie mit Doc und seiner Frau befreundet. Und sie haben immer noch Kontakt.“

„Das ist schön. Meine Eltern kennen auch einige Paare schon seit ewigen Zeiten und unternehmen viel mit ihnen gemeinsam.“

Gage kam aus der Box und häufte Stroh in eine Schubkarre. „Sieht aus, als hätten Sie das schon öfters gemacht“, bemerkte Jess, als er das Stroh am Boden der Box ausbreitete. „Haben Sie viel mit Pferden zu tun?“

„Ja, das heißt, seit einiger Zeit nicht mehr.“

„Stimmt, Sie haben ja gesagt, dass Sie in Dallas leben. Aber Ihre Eltern haben wahrscheinlich eine Ranch, oder?“ Sie griff nach einer zweiten Heugabel, um ihm zu helfen.

„Ja, auch in Texas, gar nicht so weit von Dallas entfernt.“

„Wieso sind Sie eigentlich über Weihnachten nicht bei ihnen?“, fragte sie, als sie zur nächsten Box gingen.

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Ich habe Zeit.“

Gage schwieg eine Weile, dann sagte er: „Darüber möchte ich nicht reden.“

„Okay.“ Das verstand sie. Sie hatte weiß Gott selbst genug Dinge, über die sie nicht reden wollte. „Warum arbeiten Sie denn nicht mehr auf der Farm Ihrer Eltern?“

„Ich bin schließlich erwachsen und wollte mein eigener Herr sein.“

„Und Sie haben kein Interesse an einer eigenen Farm?“

Er seufzte. „Soll das hier ein Verhör sein?“

„Natürlich nicht, ich bin einfach nur neugierig.“

Wahrscheinlich gab es familiäre Probleme, vermutete Jess. Das war ja nichts Ungewöhnliches.

Er sah sie lange an, als wüsste er, dass sie sich jetzt ihren eigenen Reim auf das Wenige machte, was er von sich gegeben hatte. „Jedenfalls bin ich kein Krimineller auf der Flucht, falls es das ist, woran Sie denken.“

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie entrüstet.

„Ich verstehe, dass es schwer zu begreifen ist, warum ich hier und nicht auf der Farm meiner Eltern arbeiten möchte.“

Sie zuckte die Achseln.

„Die Sache ist die … ich habe etwas erlebt, was ich nicht …“ Jess bemerkte, wie er unter dem Kragen seines Flanellhemds schwer schluckte. „Ich kann einfach nicht darüber reden, okay? Aber ich verspreche Ihnen, Jess, Sie können sich in jeder Hinsicht auf mich verlassen, falls ich für Sie arbeite.“

„Ja, das weiß ich.“ Nicht nur, weil Doc und ihre Eltern ihn ihr empfohlen hatten, sondern weil sie die Aufrichtigkeit in seinen Augen sah. Und auch weil sie seine Verletztheit spürte. Falls er lange genug hierbliebe, was unwahrscheinlich war, dann würde er sich vielleicht öffnen.

Und wenn die Dinge anders lägen und er tatsächlich länger hierbliebe, würde sie ihm gern zuhören. Im Laufe des letzten Jahres hatte sie sich zu einer Expertin für schwierige Lebenslagen entwickelt.

Hinter ihnen wieherte leise eines der zwölf Pferde.

„Da hat jemand Hunger“, sagte Jess.

„Ich kümmere mich um das Futter und Sie sich um das Wasser.“

„Abgemacht.“

Gemeinsam ging die Arbeit wesentlich schneller von der Hand. Doch Jess musste die ganze Zeit an den gequälten Blick in Gages Augen denken. Den würde sie so schnell nicht vergessen.

4. KAPITEL

„Lassen Sie mich in Ruhe.“ Lexie hielt schützend den Arm vor das Bild, an dem sie malte.

Nachdem Gage nach dem Lunch beim Abwasch geholfen hatte, konnte er sich nicht entscheiden, ob er wieder in das Cottage gehen oder Jess beim Einpacken der Geschenke Gesellschaft leisten sollte. Also brachte er erst mal das schmutzige Geschirrtuch in die Waschküche.

Und dort traf er auf Lexie, die auf dem Linoleumboden saß, mit dem Rücken am Wäschetrockner und einem Malblock auf dem Schoß. Neben ihr stand ein Kasten mit Farbstiften.

Gage hockte sich neben sie. „Ich dachte, du glaubst nicht an den Weihnachtsmann.“

„Wer sagt denn, dass das für den Weihnachtsmann ist?“, blaffte sie ihn an. „Ich hasse den Weihnachtsmann. Und Sie auch.“

Über einer Winterlandschaft mit Schneemann und einer vierköpfigen Familie las Gage die Überschrift: „Lieber Weihnachtsmann. Bitte bring mir zu Weihnachten meinen Daddy zurück.“

Er spürte ein Brennen im Hals. „Tut mir leid, dass du so traurig bist.“

„Und mir tut es leid, dass Sie immer noch hier sind.“

Das saß. „Lex …?“

„Ich heiße Lexiiiiiiiie.“

„Okay, Lexie.“ Er holte Luft. „Gibt es nun den Weihnachtsmann oder nicht, was meinst du?“

„Was wollen Sie eigentlich von mir?“ Wütend zerriss sie das gemalte Bild, zerknüllte es und warf damit nach ihm. „Warum hauen Sie nicht endlich ab?“

„Lexie!“ Mit entsetztem Gesicht stand Jess in der Tür. „Geh sofort auf …“, begann sie, aber die Kleine war schon draußen.

Gage rieb sich die Stirn. „Das war nicht so gut.“

„Was ist denn passiert?“

Der Trockner stoppte, und Jess seufzte resigniert.

„Ich kümmere mich um die Wäsche“, sagte Gage. „Meine Schwester hat immer gebettelt, dass ich ihre Wäsche zusammenlege, damit sie mehr Zeit zum Telefonieren hat. Ich bin ein Profi im Wäschezusammenlegen.“

„Danke, aber das ist mein Job.“

„Ja natürlich, aber da ich im Moment nichts anderes zu tun habe, kann ich es ja dieses eine Mal machen.“

Sie nagte an ihrer Unterlippe. „Na gut.“

Als er sie sanft beiseiteschob, um zum Trockner zu gehen, berührten sich kurz ihre Schultern, und er spürte ein elektrisierendes Kribbeln. Rasch wandte er sich ab und machte sich an der Wäsche zu schaffen. Währenddessen hob Jess das zusammengeknüllte Bild ihrer Tochter auf und glättete es. Als sie die Überschrift las, schlug sie sich erschrocken die Hand vor den Mund. Dann murmelte sie leise zu sich selbst: „Was soll ich bloß mit diesem Kind machen?“

Gage musterte sie nachdenklich. „Darf ich mir als Außenstehender eine Bemerkung erlauben? Mir scheint, dass bisher keine Ihrer Erziehungsmaßnahmen funktioniert hat.“

Jess nahm sich ebenfalls ein paar Wäschestücke vor. „Erstens will ich Ihre Meinung nicht hören. Zweitens, da Sie selbst offenbar keine Kinder haben, können Sie sich überhaupt nicht in meine Lage versetzen. Und drittens …“

„Ich habe schon verstanden“, erwiderte Gage ungeduldig.

„Mommy!“

Gage blickte über den gelben Kinderpyjama hinweg, den er gerade zusammenfaltete, und sah Ashley weinend in der Tür stehen.

„Lexie hat Tom kaputt gemacht.“ In einer Hand hielt sie einen Dinosaurierrumpf, in der anderen den Kopf des Plastiktiers. „Kannst du das wieder ganz machen?“

„Ich kann es versuchen, Kleines.“ Jess drückte erschöpft die Hand gegen die Stirn. „Aber Hartplastik klebt nicht so gut zusammen.“

„Darf ich mal sehen?“ Gage ging neben Ashley in die Hocke, die ihm bereitwillig das kaputte Spielzeug in die Hand drückte.

„Als ich gestern nach den Schneeketten gesucht habe, habe ich eure Werkzeuge gesehen.“ Er besah sich das Ding. „Darf ich da ein Loch reinbohren? Ich denke, wenn ich die beiden Teile mit einem Holzstift verbinde und sie dann zusammenklebe, könnte Tom gerettet werden.“

„Darf ich dir helfen?“, fragte Ashley.

„Wenn deine Mom es erlaubt.“

„Okay“, erwiderte Jess. „Aber zieh deine Schneestiefel an, damit du nicht auf dem Eis ausrutschst.“

„Mach ich.“ Ashley rannte hinaus.

„Danke“, sagte Jess zu Gage. „Aus unerfindlichen Gründen liebt sie dieses hässliche Ding.“

Gage wandte sich ebenfalls zum Gehen, dann drehte er sich um. „Soll ich erst noch den Rest Wäsche zusammenlegen?“

Mit leicht amüsiertem Lächeln schüttelte sie den Kopf. Er bemerkte einen feuchten Glanz in ihren Augen. Zu gern hätte Gage gewusst, was in ihr vorging. War es Traurigkeit? Oder Hilflosigkeit? Und was sie wohl über ihn dachte?

„Hallo, Kleines.“ Jess stand am Fußende von Lexies Bett. In diesem Zimmer spielte Barbie die Hauptrolle, und alles – Tapete, Vorhänge und Bettzeug – war rosa. Genauso war Lexie gewesen, bevor Dwayne starb. Immer in rosaroter Laune, fröhlich plappernd, voller Lebenslust. „Möchtest du mir etwas erzählen?“

„Nein.“ Das Kind lag zusammengerollt unter der Bettdecke, den riesigen Pandabären an sich gedrückt, den ihre Großeltern ihr zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hatten.

„Ich habe etwas gefunden.“ Jess hielt Lexies Zeichnung hoch.

„Das ist nicht von mir.“

„Lexie“, seufzte Jess. „Wenn du lügst, machst du alles noch schlimmer.“

„Okay, ich habe das blöde Bild gemalt, aber ich glaube nicht an den Weihnachtsmann.“

„Das brauchst du auch nicht. Aber das Bild ist sehr schön, obwohl es mich traurig macht.“

Lexies große Augen lugten aus der Bettdecke hervor. „Und wieso?“

„Weil ich weiß, dass selbst der Weihnachtsmann dir deinen Daddy nicht zurückbringen kann. Und wenn du es dir noch so sehr wünschst.“

„Ich weiß, ich bin ja nicht blöd.“

„Das habe ich auch nicht gemeint.“ Jess setzte sich auf die Bettkante und streichelte ihrer Tochter den Rücken. „Meine kleine Krabbe, ich mache mir Sorgen um dich, weil du immer so zornig bist. Nicht nur Gage gegenüber, auch gegen mich und deine Schwester, und Oma und Opa.“

„Wieso könnt ihr mich nicht alle in Ruhe lassen?“ Wütend schlug Lexie die Bettdecke zurück und lief aus dem Zimmer.

Jess hörte, wie gegenüber die Badezimmertür zugeknallt wurde. Sie legte die Finger an ihre Schläfen und schloss die Augen. Wenn sie nur wüsste, wie sie ihrer Tochter helfen könnte. Dwayne war umgekommen, als er nach einem heftigen Wolkenbruch vergeblich versucht hatte, den Uferdamm an einem Teich abzustützen.

Der Damm brach, und durch die einstürzende Mauer war der Traktor umgekippt und hatte Dwayne unter sich begraben. Seitdem war Lexie buchstäblich in ihrer Trauer vergraben. Für sie galt der Satz nicht, dass die Zeit alle Wunden heilt.

Jess ging über den Flur und klopfte an die Badezimmertür. „Bitte, Lex, sprich mit mir. Du kannst heulen oder schreien, was immer du willst. Aber sag etwas.“

Nach einer Weile ging die Tür auf, und Lexie kam ruhig und gefasst heraus. „Backen wir trotzdem Weihnachtsplätzchen?“

„Du bist ganz schön schlau“, sagte Ashley bewundernd, als Gage mit geschickten Händen ihr Spielzeug reparierte. „Woher kannst du das?“

„Von meinem Dad. Er kann ganz viele Sachen.“

„Ist er auch tot, so wie mein Daddy?“

Gage stockte einen Moment lang der Atem. Einerseits fand er es enorm, dass eine Siebenjährige so offen über den Tod ihres Vaters sprach, andererseits war es erschreckend, dass der Tod für das Kind anscheinend etwas ganz Normales war.

„Nein, mein Dad lebt noch. Aber meine Schwester ist tot.“

„Manchmal wünsche ich mir, dass Lexie auch tot ist.“ Sie kletterte auf einen Hocker und baumelte mit den Beinen. „Warum ist sie nicht im Himmel statt Daddy?“

Da war er von zu Hause weggegangen, um den Tod seiner Schwester zu vergessen, und nun war er hier gelandet, wo anscheinend von nichts anderem geredet wurde. „Das meinst du aber nicht wirklich, oder?“

„Manchmal schon. Wenn sie mir etwas kaputt macht, so wie Tom. Sie ist so gemein. Ich glaube, sie denkt, ich bin schuld, dass Daddy gestorben ist. Aber ich war gar nicht dabei.“

„Woran ist dein Dad denn gestorben?“, fragte Gage und kam sich schäbig vor, weil er ein Kind über so etwas ausfragte. Aber er war einfach zu neugierig.

„Ich weiß nur, dass ihm was ganz Schlimmes mit seinem Traktor passiert ist. Mommy erzählt mir nichts, und Grandma und Grandpa auch nicht.“ Das Kind beobachtete ihn, wie er den Holzstift einsetzte und danach die beiden Flächen zusammenklebte. „Mr. Gage?“

„Ja?“

„Glaubst du, meine Mommy und Grandma und Grandpa wollen Daddy vergessen?“

„Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, sie lieben deinen Dad so sehr, dass es ihnen wehtut, über ihn zu sprechen. Hier drin …“, er legte die Hand auf sein Herz, „… reden sie die ganze Zeit über ihn, aber das kannst du nicht hören.“

Ashley zog die Nase kraus. „So ähnlich, wie wenn man betet?“

„Genau“, sagte er und kniff sie sachte in ihre süße Stubsnase. Wie klug dieses Kind war. Er wollte, er wäre es auch.

Obwohl er von dem deftigen Essen satt war, nahm Gage sich noch eines von den köstlichen Plätzchen, einen Weihnachtsmann mit Zuckerguss.

„Jess, Lexie, Ashley“, sagte er. „Ich danke euch. Das war sehr lecker.“

„Wir sind die besten Plätzchenbäcker“, verkündete Ashley stolz.

„Ja, das seid ihr wirklich.“ Er griff nach einem Tannenbaum-Plätzchen mit bunten Streuseln, als Ashley sich zwei Engel nahm, einen für sich, den anderen für Taffy, der zu ihren Füßen lag und sie mit seinen Hundeaugen bettelnd ansah.

„Das ist jetzt schon das Fünfte.“ Lexie bedachte Gage mit einem vorwurfsvollen Blick.

„Oh, tut mir leid.“ Er stoppte mitten im Abbeißen. „Hebt ihr die Tannenbäume auf?“

„Ja, aber jetzt ist es auch egal, jetzt können Sie den Rest auch noch aufessen.“

„Lexie“, sagte Jess mit warnendem Unterton. „Bitte entschuldige dich bei unserem Gast.“

Aber Lexie dachte gar nicht daran, sondern sprang auf und lief die Treppe hoch.

„Ich sollte ihr nachgehen und mit ihr reden, aber langsam glaube ich, dass das Reden am allerwenigsten hilft.“

„Du musst ihr den Po verhauen“, meldete Ashley sich zu Wort und stopfte sich einen Stern mit Zuckerguss in den Mund.

„Ashley, willst du wohl still sein!“

„Vielleicht hat sie gar nicht so unrecht“, meinte Gage. „Bei manchen Kindern soll es helfen, wenn man sie etwas härter anfasst, wie in einem Erziehungscamp zum Beispiel.“

Jess warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Sie wollen mir doch wohl nicht im Ernst vorschlagen, meine Tochter in ein solches Camp zu schicken.“

„Nein, aber man könnte ja auch zu Hause ähnliche Methoden anwenden. Zum Beispiel sie schwer arbeiten lassen, damit sie dadurch vielleicht an das rankommt, was sie bedrückt.“

„Ashley, nimm doch den Plätzchenteller schon mal mit ins Wohnzimmer, und leg einen Weihnachtsfilm ein. Ich komme gleich.“

„Wieso kann ich nicht hierbleiben?“

Jess presste die Lippen zusammen. „Darum.“

„Oh.“ Die Kleine blickte zwischen Gage und ihrer Mom hin und her, dann drückte sie Tom an sich, nahm den Plätzchenteller in die freie Hand und trabte ins Wohnzimmer, gefolgt von Taffy.

„Hören Sie“, begann Jess, sobald ihre Tochter außer Hörweite war. „Ich weiß Ihre Bemühungen zu schätzen, aber ich werde schon allein mit Lexie fertig.“

„Bei allem Respekt“, sagte Gage mit ernster Miene. „Dem Kind geht es nicht gut. Und wenn Sie nicht ganz den Kontakt zu ihr verlieren wollen, dann müssen Sie jetzt anfangen, sich mit der Situation auseinanderzusetzen.“

Jess funkelte ihn böse an. „Ihre klugen Ratschläge können Sie sich sparen.“

„Bei diesem Kind brauchen Sie einen ganzen Sack voller Ratschläge.“

„Okay, Herr Kinderpsychologe, wenn Lexie Ihre Tochter wäre, wie würden Sie mit ihr umgehen?“

„Zuallererst würde ich sie nicht mit Samthandschuhen anfassen. Dass Sie sie ständig auf ihr Zimmer schicken, ist für sie keine Strafe, sondern quasi eine Belohnung für ihr unsoziales Verhalten. Eine Aufforderung, so weiterzumachen und noch unsozialer zu werden. Zweitens …“

Als er sah, dass Jess die Tränen über die Wangen liefen, merkte er, dass er zu weit gegangen war.

„Oh, Mist …“ Er ging um den Tisch herum und legte ihr beruhigend die Hände auf die Schultern. „Tut mir leid. Sie haben recht. Das geht mich überhaupt nichts an. In ein paar Tagen bin ich sowieso nicht mehr da und dann …“

„Nein“, schniefte sie. „So schwer es ist, das zuzugeben, aber Sie haben recht. Ich kann Lexie nicht so weitermachen lassen. Wie oft haben meine Eltern und Doc und Martha schon darüber diskutiert, aber wir sind alle zu sehr betroffen.

Wir müssen immer daran denken, wie nah Lexie ihrem Vater stand, und es erscheint uns grausam, sie hart anzufassen, wo sie ihn doch so sehr vermisst.“

„Ich kenne dieses Gefühl.“ Gage ging zu seinem Stuhl zurück. Es hatte sich gut angefühlt, Jess anzufassen. Viel zu gut. Besonders, da sie ihre Hände auf seine gelegt hatte. Für einen kurzen Moment hatte er sich weniger einsam gefühlt.

„Haben Sie auch jemanden verloren, der Ihnen nahestand?“

„Ja, aber reden wir lieber über Lexie …“

„Nein.“ Jess legte die Unterarme auf den Tisch und beugte sich zu ihm. „Ihr Ablenkungsmanöver funktioniert nicht mehr. Ich habe Ihnen mein Herz ausgeschüttet, und es ist das Mindeste …“

„Meine Schwester, vor drei Monaten“, erwiderte er mit brüchiger Stimme.

„Das tut mir sehr leid“, sagte sie in warmem, mitfühlendem Ton. „Mehr brauche ich nicht zu wissen. Erzählen Sie mir mehr, wenn Sie dazu bereit sind.“

Als würden sie sich in zwanzig Jahren noch kennen! Er war ja nicht mal sicher, ob er sie übermorgen noch sehen würde.

„Und jetzt genug damit“, sagte Jess übertrieben fröhlich. „Wir haben Heiligabend und jammern herum wie alte Klageweiber.“

„Ja.“ Er grinste schief. „Aber wenigstens sind wir noch nicht alt.“

„Darauf stoßen wir an“, erwiderte sie und hob ihr Glas Milch.

Sie lächelten sich an, und in diesem Moment fühlte Gage sich glücklich. Das Gefühl war berauschend, und er hätte gern mehr davon gehabt. Nur leider hatte ihn die Erfahrung gelehrt, dass das Glück schnell wie ein Vogel davonfliegt.

Beide schwiegen. Dann räusperte Gage sich. „Wenn es das Ganze einfacher für Sie macht, dann gehe ich lieber rüber ins Cottage und bleibe dort, bis Weihnachten vorbei ist.“

„Wie bitte?“ Fassungslos sah sie ihn an. „Ich dachte, wir würden uns morgen einen schönen Tag machen. Wieso wollen Sie denn unbedingt in diesem trostlosen Cottage bleiben?“

„Trostlos?“, fragte Gage erstaunt. „Verglichen mit dem, was ich bisher gesehen habe, ist das Cottage ein kleines Schloss.“

Natürlich, sie hatte vergessen, wie schön ihre Mutter und Martha alles dekoriert hatten. Es gab also eigentlich keine Einwände dagegen, dass er dort wohnte. Bloß, wieso hatte sie Magenschmerzen bei dem Gedanken, dass er weggehen könnte, und wieso fühlte sie sich wie ein Kind, dem man seine Weihnachtsüberraschung verdorben hatte?

„Jess, was ist?“

Sie holte tief Luft. „Also, wahrscheinlich halten Sie mich jetzt für verrückt, aber ich möchte, dass Sie hierbleiben. Ich habe wenige Freunde … nicht, dass ich Sie schon als Freund bezeichnen würde, aber …“

„Hey.“ Er streckte die Hand aus und berührte ihre Fingerspitzen. Wie aufregend das prickelte.

Unwillkürlich zuckte sie zusammen und zog ihre Hand weg.

„Tut mir leid“, sagte er.

„Nein, mir tut es leid. Sie haben doch nur versucht, mich zu trösten, und ich benehme mich wie eine …“

„Genug mit den Entschuldigungen, Jess. Sie benehmen sich ganz einfach wie eine Frau, die … nicht gern von einem Fremden angefasst wird. Ich muss mich entschuldigen.“

„Jetzt ist es aber gut.“ Beherzt griff Jess nun ihrerseits nach seiner Hand und hielt sie ganz fest. „In Wirklichkeit bin ich zurückgezuckt, weil es sich so gut angefühlt hat.“

„Das fand ich auch, aber ich habe das ganz ohne Hintergedanken gemacht, das müssen Sie mir glauben. Es ist einfach so … als Sie von Freunden gesprochen haben, wurde mir klar, weshalb ich mich so wohl bei Ihnen fühle – Lexie lassen wir mal beiseite.“

„Ich habe auch schon lange niemanden mehr kennengelernt, mit dem ich so gern zusammen bin, zusammen esse oder … mich unterhalte.“ Jess lächelte. „Dabei kennen wir uns kaum. Ich weiß nicht mal, was Sie beruflich machen. Sind Sie schon immer Farmarbeiter gewesen?“

Er lächelte ebenfalls. „Nein, ich bin professioneller Rodeoreiter, und es gibt keinen Knochen mehr in diesem Körper, der nicht schon mal gebrochen war.“

„In der Highschool habe ich beim Westernreiten mitgemacht. Ich war ziemlich gut.“

„Warum haben Sie denn aufgehört?“

„Ach, irgendwann war ich mehr an den Jungs interessiert. So ein knackiger Cowboyhintern ist nicht zu verachten.“ Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund. „Habe ich das wirklich gesagt?“

„Ja“, sagte er leise lachend. „Aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis. So eine Westernreiterin kann auch einen aufregenden Po haben.“

Autor

Brenda Harlen
Brenda ist eine ehemalige Rechtsanwältin, die einst das Privileg hatte vor dem obersten Gerichtshof von Kanada vorzusprechen. Vor fünf Jahren gab sie ihre Anwaltskanzlei auf um sich um ihre Kinder zu kümmern und insgeheim ihren Traum von einem selbst geschriebenen Buch zu verwirklichen. Sie schrieb sich in einem Liebesroman Schreibkurs...
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