Bianca Extra Band 104

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DAS FEUER EINER WINTERNACHT
von HELEN LACEY

Fast zehn Jahre ist Scott jünger als sie. Soll die verwitwete Evie deshalb das Prickeln zwischen ihr und dem sexy Feuerwehrmann ignorieren? In seinen Augen liest sie unendlich viel mehr als nur Verlangen. Was, wenn er sich genau wie sie nach Liebe für immer sehnt?

HEIMLICH, STILL UND ZÄRTLICH
von AMI WEAVER

Ein Kuss unterm Mistelzweig erschüttert Maggies Welt. Bis jetzt war Dr. Josh Tanner, dessen Söhnchen sie betreut, nur ihr Arbeitgeber, freundlich, aber distanziert. Doch plötzlich ist er viel mehr: ein toller Mann, der ihren Schwur in Gefahr bringt, sich nie mehr zu verlieben …

DEINE LIEBE - MEIN SCHÖNSTES GESCHENK
von BRENDA HARLEN

Daddy zu werden stand nicht auf Trevors Wunschzettel. Doch dann verbringt er eine heiße Nacht mit der hübschen Haylee - mit zwei süßen Folgen. Spontan lädt er sie auf seine Ranch ein. Bis zum Weihnachtsfest wollen sie gemeinsam herausfinden: Erst Babys, dann Liebe - klappt das?

WEIHNACHTSHOCHZEIT IN GALLANT LAKE
von JO MCNALLY

Ein schöner Auftrag: Amanda soll ein altes Schloss neu einrichten. Aber kein Tag vergeht ohne Streit mit dem arroganten Besitzer Blake Randall! Er glaubt ihr nicht, dass hier ein echtes Zuhause entsteht, scheint nicht mal Gefühle zu haben! Bis er Amanda überraschend küsst …

  • Erscheinungstag 14.12.2021
  • Bandnummer 104
  • ISBN / Artikelnummer 9783751500449
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Helen Lacey, Ami Weaver, Brenda Harlen, Jo McNally

BIANCA EXTRA BAND 104

HELEN LACEY

Das Feuer einer Winternacht

Evie ist wunderschön, ihr Lachen entfacht in Scotts Herzen ein heißes Feuer. Aber genau wie ihr Mann, für den ein Einsatz tödlich endete, ist Scott Feuerwehrmann. Sie würde ihn nie erhören – oder?

AMI WEAVER

Heimlich, still und zärtlich

Josh hat der Liebe abgeschworen. Da darf auch die neue Nanny seines kleinen Sohnes keine Ausnahme sein! Aber heimlich, still und zärtlich schleicht sich die Liebe zurück in sein einsames Herz …

BRENDA HARLEN

Deine Liebe – mein schönstes Geschenk

„Ich bekomme ein Baby von dir.“ Haylees Herz klopft wie wild, als sie Trevor die Folgen ihrer heißen Nacht beichtet. Doch seinen spontanen Heiratsantrag lehnt sie ab, denn von Liebe sagt er kein Wort …

JO MCNALLY

Weihnachtshochzeit in Gallant Lake

In seinem neu erworbenen Schloss soll es spuken? Unsinn. Nur einen Geist glaubt der Unternehmer Blake Randall zu spüren – den Geist der Liebe, seit die Innenarchitektin Amanda das Schloss umgestaltet …

1. KAPITEL

Evie Dunn saß auf einem unbequemen Platz im Wartebereich des Flughafens. Seit zwei Stunden befand sie sich schon hier im Ankunftsterminal und wurde langsam ungeduldig.

Sie schaute auf das Pappschild in ihrem Schoß und fuhr die Buchstaben entlang. Mit der Zwölf-Uhr-Maschine aus Los Angeles über Sydney kam der kleine Bruder ihrer zukünftigen Schwägerin an. Evie hatte sich bereit erklärt, ihn abzuholen, denn so kannte man sie eben: Sie holte Leute ab, brachte sie weg – Evie, der Fels in der Brandung, immer zuverlässig.

Evie, die graue Maus.

Nein, das stimmt auch wieder nicht. Sofort korrigierte sie sich. Sie war keine graue Maus. Sie war eben verlässlich und verantwortungsbewusst, daran gab es nichts auszusetzen – überhaupt nichts. An diesem Tag lief sie ein weiteres Mal zu Hochform auf, nachdem sie zugestimmt hatte, die vierstündige Fahrt von Crystal Point nach Brisbane im australischen Queensland zu übernehmen. Wenn Evies Neffe Matthew nicht vom Fahrrad gefallen wäre und sich dabei nicht den Arm gebrochen hätte, dann hätte ihre Schwägerin Callie diese Fuhre übernommen. Ich wünschte, Callie wäre jetzt hier.

Evie hatte ein gutes Selbstwertgefühl, zumindest meistens. Manchmal, wenn sie zweifelte, verdrängte sie dies erfolgreich. Sie musste für Trevor da sein, ihren Sohn im Teenageralter, und allein für ihr finanzielles Auskommen sorgen, da räumte sie Risiken verständlicherweise keinen Platz in ihrem Leben ein.

Die Passagiere strömten aus dem Gate, und Evie stand auf und hielt das Schild hoch. Als der Menschenstrom langsam nachließ, fiel ihr ein hochgewachsener Mann mit braunen Haaren auf. Selbstbewusst und ruhig schritt er durch das Gate, als hätte er alle Zeit der Welt. Irgendwie kam er ihr bekannt vor. Hatte er dieselben blauen Augen wie Callie? Die beigefarbene Cargohose saß locker auf der Hüfte, dazu trug er ein schwarzes T-Shirt und einen Seesack wie vom Militär. Mit den breiten Schultern und dem gestählten Körper sah er einfach umwerfend aus.

Das ist doch kein kleiner Bruder.

Der Mann wurde langsamer und ließ den Blick suchend über die Menschen schweifen. Dann schaute er sie an. Ein kurzer Blick auf das Schild, zu Evie, noch einmal auf das Schild, woraufhin er sie anstrahlte, und Evies Knie wurden weich. Kurz vor ihr hielt der Typ an und musterte sie von oben bis unten – ein langer, intensiver Blick, bei dem sie errötete. Kurz wünschte sie sich, ihrem Aussehen an diesem Morgen mehr Zeit gewidmet zu haben.

„Hey, bist du hier, um mich abzuholen?“

Sein weicher amerikanischer Akzent brachte sie etwas aus dem Gleichgewicht. „Hi, ich bin Evie, Noahs Schwester.“ Ihre Stimme klang ungewöhnlich piepsig.

„Scott. Freut mich, dich kennenzulernen.“

Scott Jones – der schönste Mann, den ich je gesehen habe. Und ungefähr zehn Jahre zu jung für eine sechsunddreißigjährige Frau wie mich.

Plötzlich war ihr Mund trocken, und sie brachte kaum ein Wort heraus. „Wie war dein Flug?“

„Ganz in Ordnung. Nach der Zollkontrolle hatte ich in Sydney noch drei Stunden Aufenthalt.“

„Du kannst auf der Rückfahrt etwas schlafen, wenn du magst.“

„Nett, dass du mich abholst.“

„Gern geschehen.“

„Ich sollte noch mein Gepäck holen.“

Lächelnd folgte er ihr auf die Rolltreppe nach unten, und sie spürte ihn hinter sich. Evie wurde bewusst, wie altbacken und langweilig sie in ihrem ausgeblichenen Jeansrock und der cremefarbenen Bluse aussehen musste. Sie strich sich über die Hüften und richtete sich auf.

Keine drei Minuten später hatten sie Scotts Gepäck gefunden und waren nach weiteren fünf Minuten wieder bei ihrem Auto. Gott sei Dank hatte Evie den viersitzigen Pick-up ihres Bruders ausgeliehen und war nicht in ihrer eigenen kleinen Limousine hergekommen. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie Scott sich in ihrem flotten Honda über Stunden hätte kleinmachen müssen – gerade mit diesen langen, starken Beinen, den breiten Schultern und den kräftigen Armen …

Evie atmete tief durch. Oha, ich muss mich in den Griff kriegen, und zwar schnell.

Seit Ewigkeiten hatte sie keine derartigen Gedanken mehr an Männer verschwendet, denn schließlich war sie Witwe und Mutter. Zehn Jahre. Immer wieder gingen ihr diese Worte durch den Kopf. Ein Jahrzehnt der Entsagung – mit dieser tollen Leistung könnte ich quasi direkt ins Kloster eintreten.

Ganz kurz schaute sie Scott an, damit es nicht auffiel. Der Kerl ist jung, Callies Bruder, nur für drei Wochen zu Besuch und ganz und gar nicht mein Typ.

Gordon war ihr Typ gewesen – stark und vernünftig. Sie war mit ihrer ersten und einzigen Liebe glücklich gewesen, und es war ihr schwergefallen, seinen sinnlosen Tod zu bewältigen. Danach hatte sie den Teil von sich, der sich als Frau fühlte, sozusagen zusammen mit ihrem Ehemann begraben und mit dem Leben weitergemacht.

Zumindest dachte sie das.

„Danke fürs Abholen.“

Den Blick starr nach vorne gerichtet, fuhr Evie vom Parkplatz. „Das hast du schon gesagt.“

Scott streckte die Beine aus. „Was ist eigentlich mit dem Jungen los?“

„Matthew ist vor zwei Tagen vom Fahrrad gefallen und hat sich den Arm gebrochen. Er ist nicht mehr im Krankenhaus, aber Callie wollte ihn nicht alleine lassen.“

Evie bewunderte die Verlobte ihres Bruders. Mit Bravour hatte Callie die Mutterrolle für Noahs vier Kinder übernommen und war schnell zum Mittelpunkt der Familie Preston geworden. Als der vierjährige Matthew seinen Unfall gehabt hatte, war Evie sofort eingesprungen, um Callies Bruder abzuholen, denn Callie hatte weiß Gott genug zu organisieren und sollte sich keine Sorgen machen, ihren jüngeren Bruder am Flughafen stranden zu sehen.

Allerdings hatte Evie nicht erwartet, dass Scott so aussah.

Und sie hatte nicht erwartet, dass sie sich urplötzlich wieder so lebendig fühlen würde. Na gut, das beweist nur, dass mein Herz noch schlägt.

„Sag mal, als was arbeitest du eigentlich?“ Sie klang fröhlicher, als sie sich fühlte.

Scott schaute aus dem Fenster. „Ich arbeite bei der Feuerwehr von Los Angeles.“

Ein Feuerwehrmann? Was für ein gefährlicher Beruf. Genau das hatte sie gebraucht, um ihre erwachende Libido direkt wieder abzukühlen. „Ist das nicht gefährlich?“

„Das kann es sein.“

Jetzt war Evie neugierig. Ich muss ihn fragen. „Und warum bist du Feuerwehrmann?“

„Irgendwer muss es ja machen, meinst du nicht auch?“

„Das stimmt natürlich.“ Sie musste trotzdem an die Risiken denken. Seit Jahren dachte sie immer an Risiken und Gefahren – seit jener Regennacht, in der Gordon die Kluft des freiwilligen Rettungsdienstes übergeworfen und sie mit dem Versprechen verlassen hatte, bald wiederzukommen. Doch er war niemals zurückgekehrt. Nach dieser schrecklichen Nacht vor langer Zeit hatte sie abgeschaltet. „Aber warum bist du Feuerwehrmann? Bist du ein Adrenalinjunkie?“

Er lachte leise. Das klang so unglaublich sexy, dass Evie errötete.

„Davon sind meine Mutter und Schwester sicher überzeugt.“

„Aber du nicht?“

„Ich mache es, weil es meine Arbeit ist. Weil es das ist, was ich gelernt habe. Über die Gründe dafür denke ich nicht nach. Setzt du dich hin und denkst darüber nach, warum du das tust, was du tust?“

Nein, denn wenn man abgeschaltet hatte, hinterfragte man sich selbst nicht mehr. Es ging nur noch um die Gegenwart und um Kontrolle, doch sie wollte lieber wie alle anderen klingen und antwortete: „Manchmal schon.“

„Was genau machst du eigentlich?“

„Ich habe eine Frühstückspension.“

„Stimmt, das hat mir Callie erzählt, glaube ich. Und du hast ein Kind?“

„Trevor, er ist fünfzehn.“

Obwohl sie sich weiter auf die Straße konzentrierte, spürte sie seinen überraschten Blick.

„Dann hast du aber früh geheiratet.“

„Je nachdem, wen man fragt, ja. Ich war neunzehn.“

Fast konnte sie hören, wie er nachrechnete und fühlte sich wie eine Hundertjährige. Dabei war er erst siebenundzwanzig, das wusste sie.

Evie startete den CD-Player und unterdrückte den Impuls, laut mitzusingen.

„Sollen wir uns mit dem Fahren abwechseln?“

„Wir fahren aber auf der anderen Straßenseite, also links.“

„Kein Problem, ich habe einen internationalen Führerschein.“

Natürlich hatte er den, denn er war ja jung, gut aussehend, furchtlos und versiert. „Okay, ich sage dir dann Bescheid.“

Eine Zeit lang schwieg er, und sie war erleichtert, obwohl sie seine Nähe im ganzen Körper spürte. Was hatten Männer wie Scott Jones an sich, dass einige Frauen ihren Verstand über Bord warfen und ihnen an die Wäsche wollten? Evie beschloss, sich nicht wegen seines Traumkörpers und umwerfenden Lächelns zur Idiotin zu machen.

Sie warf einen kurzen Blick in seine Richtung. Er hatte die Augen geschlossen – sehr gut. Solange er schlief, musste sie sich nicht mit ihm unterhalten. Außerdem mussten sie es drei Wochen miteinander aushalten, einschließlich der Hochzeit und Weihnachten.

Ganz sicher würden das die längsten drei Wochen werden, die sie je erlebt hatte, das sagte ihr Bauchgefühl bereits heute.

Scott wollte schlafen, denn er brauchte Schlaf, aber er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er zuletzt mehr als wenige Stunden am Stück geschlafen hatte, ohne von Albträumen heimgesucht zu werden.

Doch, das kann ich … Etwa vor acht Monaten. Acht Monate war es nun her, dass sein Freund und Kollege Mike O’Shea umgekommen war. Und seit diesem Tag hatte Scott mit Schuldgefühlen gelebt, sich Vorwürfe gemacht und schlecht geschlafen.

Obwohl eine Untersuchung bestätigt hatte, dass Scott bei diesem Vorfall nicht fahrlässig gehandelt hatte, fühlte er sich verantwortlich. Er hätte seinen Freund retten müssen, denn das hatte Mike verdient – genau wie seine zwei kleinen Töchter und die trauernde Ehefrau, die er hinterlassen hatte.

Für Scott bewies dies, dass ein Mann in seinem Beruf nicht alles haben konnte. Der Beruf, den er liebte … Dieser Job und der Traum von einem eigenen Familienleben passten grundsätzlich nicht zusammen. Vor Jahren hatte Scott sich einmal verliebt, weil er noch gedacht hatte, eine Beziehung mit einer Feuerwehrfrau müsste funktionieren. Schließlich müsste eine Berufskollegin den mit dem Job verbundenen Druck und damit einhergehende Gefahren verstehen, doch Belinda hatte Scott nach achtzehn Monaten sitzengelassen, mitsamt der gemeinsamen Wohnung und ihren gemeinsamen Zukunftsplänen.

Scott hätte es wissen müssen. Seitdem spielte die Liebe in seinem Leben keine Rolle mehr, wenn es sich beim Sex auch anders verhielt. Seit Belinda ihn verlassen hatte, hatte Scott ein halbes Dutzend andere Frauen getroffen. Mit einigen von ihnen hatte er geschlafen, doch etwas Ernstes hatte er nie im Sinn gehabt, denn das war nichts für ihn – nicht, solange er bei der Feuerwehr arbeitete.

Als Scott tief durchatmete, roch er einen süßen Duft, Vanille. Er lächelte, weil er ihm so gut gefiel. Die Frau auf dem Sitz neben ihm war sehr attraktiv, aber extrem verspannt. Er mochte ihr Aussehen – lange, dunkle sexy Haare hatten es ihm schon immer angetan. Seine Chauffeurin hatte einen schönen Mund und große grüne Augen. Eine solche Frau fiel ihm auf. Perfekt! dachte er. Es juckte ihn in den Fingern, sie zu berühren.

Vielleicht sollte ich etwas sagen, um das Eis zu brechen? Scott war es immer leichtgefallen, mit Frauen zu plaudern, denn er schätzte ihre Gegenwart. Meistens mochten sie ihn auch, aber anscheinend war Evie an keinem Gespräch interessiert, weshalb Scott die Augen schloss und sich auf die leise Musik konzentrierte, die das Auto erfüllte.

Schlafen … ja … das bekomme ich hin.

Evie hatte Kopfschmerzen, wahrscheinlich, weil sie den Kiefer so sehr anspannte. Den neben ihr schlafenden Mann nahm sie deutlich wahr, deshalb klammerte sie sich ans Steuer und schaute starr nach vorne. Nach anderthalb Stunden Fahrt brauchte sie eine Kaffeepause, weshalb sie kurz darauf bei einem Truckstop anhielt und den Pick-up vor dem Restaurant parkte. Ihr Beifahrer rührte sich nicht, als sie den Motor abschaltete und ihren Gurt löste. Sie musterte Scott von oben bis unten und spürte ein eigenartiges Kribbeln im Bauch. Und nicht nur dort.

Na gut, anscheinend ist mein Körper nicht ganz so eingerostet, wie ich dachte.

Evie war sich unsicher, welche Gefühle diese unerwartete Anziehungskraft in ihr auslöste. Sie war sich unsicher, ob sie überhaupt etwas fühlen wollte und überhaupt noch wusste, wie das ging. Natürlich wusste sie, wie sie ihren Sohn, ihre Eltern und Geschwister, ihre Nichten und Neffen lieben sollte und war eine gute, treue Freundin, aber … ein Mann aus Fleisch und Blut wie derjenige, der gerade neben ihr saß? Mit ihm verbunden sein zu wollen, war ein völlig anderes Ding. Ihr Kopf überschlug sich mit Erinnerungen daran, wie Geister aus einem früheren Leben, das nicht das ihre war.

Sie dachte über das Leben einer Frau nach, die einen Ehemann, Liebhaber und Seelenverwandten gehabt hatte. Als Gordon noch lebte, hatten sie miteinander gelacht und sich geliebt. Sie spürte plötzlich die Leidenschaft, die Hitze, den Schweiß.

Doch dieser Frau entsprach Evie nicht mehr.

Sie atmete tief durch und stieg so leise wie möglich aus dem Auto. Im Restaurant war nicht viel los, deshalb bestellte sie schnell Kaffee zum Mitnehmen und einige eingepackte Sandwiches. Evie blieb an der Theke stehen, bis die Bestellung fertig war, und nahm sich noch Zucker und Plastiklöffel. Gerade wollte sie alles einpacken, als sie hinter sich eine Stimme hörte.

„Wie ist der Kaffee hier so?“

Evie drehte sich um. Scott stand ganz in ihrer Nähe. Wie eine Mauer ragte seine Brust vor ihr auf. „Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall heiß.“ Zum Beweis hielt sie den kleinen Pappträger mit zwei Kaffeebechern hoch.

„Das ist schon mal ein guter Anfang.“

„Ich wusste nicht, wie du ihn trinkst.“

Er lächelte. „Schwarz, zweimal Zucker, Milch.“

Ein Spaßvogel, na toll. Also gab sie ihm vier Tütchen Zucker. „Nimm, so viel du brauchst.“

„Sollen wir uns setzen?“

Evie gab ihm den Kaffee. „Klar, gerne.“

Dann folgte sie ihm mit dem Essen an einen der leeren Tische. „Wie viel bekommst du von mir?“

Evie schüttelte den Kopf und ignorierte ihr Herzrasen. „Ich lade dich ein.“

Wieder lächelte Scott, und sein Grübchen kam erneut zum Vorschein. „Danke.“ Er gab etwas Zucker in seinen Kaffee. „Callie hat mir erzählt, dass du in der Brautgesellschaft bist?“

Nickend schob Evie ihm ein Sandwich hinüber. „Und du führst die Braut zum Altar?“

„Ja … Was machst du denn sonst so, wenn du nicht gerade in deiner Pension arbeitest?“

„Ich male.“

„Gebäude?“

„Bilder – Porträts, Landschaften, so was in der Art.“

„Talentiert und wunderschön“, kommentierte er charmant.

Evie spürte, wie sie errötete. Ihr war bewusst, nicht schön zu sein. Auch wenn sie ebenmäßige Gesichtszüge hatte, war sie höchstens attraktiv. „In meinem Atelier gebe ich Malkurse. Was ist mit dir? Was machst du so?“

„Wenn ich nicht gerade unterwegs bin?“ Scott zuckte mit den Schultern. „Das Übliche, würde ich sagen.“

„Das Übliche?!“, hakte sie nach.

„Ich arbeite.“

Evie atmete tief durch. Ich muss mit ihm reden, irgendwas sagen. Ich quatsche doch jeden Tag mit allen möglichen Leuten. Das ist meine Stärke. „Und wann hast du Spaß?“

Das hatte sie so eigentlich nicht sagen wollen, denn in ihren Ohren klang es so, als wollte sie mit ihm flirten. Und Evie flirtete niemals. Ohne Vorwarnung hatte Scott Jones, der wahnsinnig sexy war, die Frau in ihr zum Leben erweckt, deren Bedürfnisse sie seit zehn Jahren verdrängte.

„Was ich sagen will, ist: Machst du Sport oder so?“, korrigierte sie sich schnell, um den peinlichen Moment zu überspielen.

„Ich mag Sport und du?“

„Ich schaue mir Sport gerne an, sogar solche Machosportarten wie American Football.“

„Aber selber spielst du nicht?“

Evie fühlte sich sogleich wie eine Stubenhockerin. „Ich gehe laufen.“

„Das mache ich auch.“

Für diesen Körper tat er sicher noch mehr, darauf würde Evie wetten.

„Wollen wir los?“ Bevor er antworten konnte, schnappte sie sich ihren Kaffee und ihr Sandwich und ging nach draußen. Die Nachmittagssonne ging langsam unter, doch sie mussten noch weitere drei Stunden fahren. Bei ihrer Ankunft in Crystal Point würde es schon lange dunkel sein.

Evie stieg in den Wagen, startete den Motor und wartete, bis auch Scott sich angeschnallt hatte, bevor sie losfuhr. Einige Minuten lang herrschte Schweigen.

„Lacrosse“, verkündete Scott.

Evie schaute ihn von der Seite an. „Wie bitte?!“

„Das würde dir bestimmt gefallen. Ist auch was für schwitzende Machos.“

„Ich dachte, das wäre einfach Badminton auf die harte Tour?“

Als er lachte, erschauerte sie am ganzen Körper. „Autsch. Das tut echt weh.“

„Also spielst du auch?“

„Ja. Und ich glaube trotzdem, dass es dir gefallen würde.“

„Wenn ich das nächste Mal in L. A. bin, schaue ich mir ein Spiel an.“

„Warst du schon mal da?“

„Einmal, vor vielen Jahren. Gordon und ich sind nach unserer Hochzeit viel gereist.“

„Gordon? War das dein Mann?“

„Ja, das war er.“ Automatisch wurde ihre Stimme weicher. „Er ist tot.“

„Das hat Callie mir erzählt. Du vermisst ihn bestimmt“, erwiderte Scott in ernsterem Ton.

„Ja.“

„Wart ihr glücklich?“

Kurz schaute sie ihn von der Seite an. Für einen Fremden war das schon eine sehr persönliche Frage. Ein Fremder, der bald zur Familie gehören wird, ein Mitglied der Prestonsippe. Allerdings war sie schon lange nicht mehr Evie Preston, sondern verstand sich als Evie Dunn, Mutter eines Sohnes oder auch Glucke, wie ihr Vater sie oft schmunzelnd nannte – die Frau, die als Erste in den Hintergrund trat und tat, was getan werden musste. Sie verkörperte die ganz und gar vernünftige Tochter.

„Wir sind sehr glücklich gewesen“, antwortete sie leise.

„Und sieht dein Sohn wie sein Vater aus?“

„Nein, Trevor kommt nach mir.“

„Da hat er Glück gehabt.“

Noch ein Kompliment. Darin war ihr Beifahrer anscheinend gut. Diesen Mut zur Offenheit und das dazu passende männliche Selbstbewusstsein hatte er sicher schon als Kind entwickelt. Fast hätte Evie sich bedankt, konnte sich aber gerade noch stoppen.

Als Scott die Beine ausstreckte, wanderte Evies Blick wie von selbst zu seinen Schenkeln. Ich muss mich wirklich zusammenreißen, und zwar schnell.

Also ließ sie sich etwas einfallen. „Und deine Freundin hatte keine Zeit mitzukommen?“

„Ich bin Single“, antwortete er emotionslos.

„Tut mir leid, ich wollte nicht aufdringlich sein.“

Wieder schaute er sie an. Seinen durchdringenden Blick spürte Evie im ganzen Körper. Natürlich konnte sie ihm nichts vormachen. So dumm es auch war, sie wollte sehr wohl wissen, ob es eine Frau in Scotts Leben gab. Und sie kam sich dämlich vor, unglaublich dämlich – wie ein dummer Teenager, der für den Neuen in der Klasse schwärmte.

Evie schaute ihn an und hoffte, dass er es nicht bemerkte, und fragte sich, was ihre Hormone plötzlich mit ihr anstellten. Er war kein kleiner Junge, ganz im Gegenteil.

Aber er ist jung und viel zu jung für mich.

„Mit meiner Ex-Freundin habe ich vor über einem Jahr Schluss gemacht.“

„Das tut mir leid.“

„Wirklich?“

Sie klammerte sich ans Lenkrad. „Natürlich … Na ja, eigentlich bin ich keine Phrasendrescherin, also nehme ich das zurück. Ab jetzt stecke ich meine Nase nicht weiter in Angelegenheiten, die mich nichts angehen, okay?“

„Das wäre aber schade um diese wunderschöne Nase, meinst du nicht?“

Scott hatte anscheinend immer einen guten Spruch drauf. Evie zeigte auf einen CD-Stapel in der Mittelkonsole. „Such dir doch etwas Musik aus.“

Kurz überlegte Scott, dann schaute er sich den Stapel durch und legte eine CD von Jack Johnson ein.

„Gute Wahl.“

„Warum klingst du so überrascht?“

„Die hat mir mein Sohn heute Morgen mitgegeben. Ich hatte keine Ahnung, was er ausgesucht hat. Darum habe ich erwartet …“

„Dass ich keine Wohlfühlmusik aussuchen würde?“

„So ungefähr.“

„Mein Vater hat mir von klein auf Jazz vorgespielt und meine Mutter große Bands wie die Eagles und Bread, denn sie ist auch heute noch ein echter Siebzigerjahrefan“, erklärte Scott. „Ich mag die meisten Musikstile.“

Evie fühlte sich zurechtgewiesen. „Tut mir leid.“

„Das sagst du gern.“

Zumindest zu dir. Aber das dachte sie nur. Sie wollte nicht mehr über seinen Waschbrettbauch, das verdammt niedliche Grübchen und die angenehme Stimme nachdenken.

„Ich werde einfach …“, setzte sie an, hielt dann aber inne, weil sie wusste, dass er sie ansah, sich ein Bild machte und versuchte, sie zu verstehen. „Meinetwegen müssen wir uns nicht unterhalten, wenn dir das lieber ist. Du hattest einen langen Flug, und ich …“

Scott lachte leise. „Entspann dich, Evie. Ich komme auch klar, wenn wir nicht reden.“ Sein Grinsen konnte sie zwar nicht sehen, aber hören.

Er lehnte sich zurück, und Evie atmete tief durch, sie kam sich wie eine Hochstaplerin vor und konnte nicht sagen, weshalb. Sie wusste nicht, ob sie es überhaupt wissen wollte. Sie wusste nur, dass das Leben, das sie bereits seit vielen Jahren lebte, ihr plötzlich wie ein nur halb gelebtes Leben erschien.

Ihr kam es vor, als hätte sie jahrelang geschlafen, ohne nachzudenken und ohne sich wichtige Fragen zu stellen. Doch nun begann Evie, sich zu fragen. Nun war sie wach, hellwach.

2. KAPITEL

Scott wachte in einem fremden Bett auf, rollte sich auf den Rücken und sah sich um. Er befand sich in einem hübschen Zimmer mit Dachschrägen und lag auf einer bequemen Matratze, darüber frische Bettwäsche mit Zitrusduft. Noch mehr Düfte erregten seine Aufmerksamkeit – Kaffee und Vanille.

Grüne Augen, Lippen so rot wie reife kalifornische Kirschen, dunkles, lockiges Haar, das ihr den Rücken herabwallte.

Evie Dunn.

Sofort erinnerte Scott sich daran, wo er war. Ich bin in Evies Bett.

Na ja, nicht direkt in ihrem Bett. Auch wenn ihm diese Idee überraschenderweise gut gefiel, als er noch einen Schwall Kaffee und Vanille roch. Es handelte sich um ein Bett in ihrer Wohnung und nicht in ihrer Pension, die ebenfalls im gleichen Haus lag. Ihn hatte es gewundert, sich in ihren Privaträumen aufhalten zu dürfen, doch sie erklärte ihm, die Zimmer seien über die Feiertage ausgebucht. Sie hätte ihre Buchungen nicht mehr ändern können, da Callie und Noah ihre Hochzeit äußerst kurzfristig angekündigt hatten.

Ein Blick auf den Wecker zeigte Scott, dass es sechs Uhr morgens war. Also hatte er über neun Stunden geschlafen. Als sie am Vorabend am Dunn Inn angekommen waren, hatte er nur noch seine Tasche abgestellt und war direkt ins Bett gefallen.

Scott knurrte der Magen und sein Körper schmerzte. Er schwang sich aus dem Bett, stand auf und streckte sich. Ich muss unbedingt laufen gehen. In seiner Tasche kramte er nach Shorts und T-Shirt, dann zog er sich Socken und Laufschuhe an, schnappte sich seinen iPod und verließ das Zimmer. Er ging den Flur entlang und hinunter ins Erdgeschoss.

Draußen hatte er einen guten Blick auf das Haus. Es war riesig und hatte hohe Fenster mit Fensterläden aus Holz, über allem thronte ein Giebeldach. Rückwärts ging er über den Vorplatz bis in den Garten. Dann drehte er sich um und wurde von einem wunderschönen Blick auf den Pazifik überrascht, der keine hundert Meter entfernt lag. Als Kinder hatten Callie und er manchmal in der nahegelegenen Stadt Bellandale Urlaub gemacht, da ihr Vater dort geboren worden war. Doch Crystal Point hatte Scott vorher noch nie besucht.

Er genoss den Blick auf das Meer und atmete tief durch. Hier waren die Fluten spiegelglatt, am Horizont entdeckte er einige Fischerboote. Ihm gefiel dieser Ort auf Anhieb. Vor allem, da er mit einem Blick nach links Evie Dunn erspähte, die über den Bürgersteig joggte und äußerst durchtrainierte Beine hatte. Sie überquerte einen Grünstreifen zwischen der Straße und dem Fußweg und kam auf ihn zu – im weißen Tanktop, hellrosafarbenen Socken und farbenfrohen neuen Laufschuhen. Die wunderschönen Haare hatte sie unter der ebenfalls rosafarbenen Schildkappe zusammengebunden. Scott musste schlucken. Callie sah lebensfroh und absolut begehrenswert aus.

„Hey, ich hatte nicht damit gerechnet, dass du so früh wach bist!“, begrüßte sie ihn und blieb in seiner Nähe stehen. Dann holte sie tief Luft und stemmte die Hände in die Hüften.

„Hatte dir doch erzählt, dass ich laufe.“ Er versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie er sie musterte. Lächelnd hielt er den Blick auf Höhe ihrer Augen. „Vielleicht können wir beim nächsten Mal zusammen joggen?“

„Vielleicht. Na ja, ich muss wieder rein. Da warten hungrige Gäste auf mich.“

Sie joggte langsam aufs Haus zu. Automatisch drehte Scott sich um und schaute ihr nach, bis sie um die Ecke verschwand. Ihm gefiel, wie sie sich bewegte. Ihm gefiel ihr kurviger, trainierter Körper.

Wieder durchzuckte ihn Begehren, stärker diesmal. Das wollte er nicht, ganz und gar nicht. Sie schien ihm keine Frau für eine lockere Affäre zu sein, keine von denen, die er nach der Trennung von Belinda getroffen hatte. Evie Dunn sah aus wie eine Frau, die etwas Festes wollte und etwas Festes brauchte.

Und das kann ich ihr nicht geben.

Für Verpflichtungen gab es in seinem Leben keinen Platz. Er hatte seinen Beruf – einen Beruf, in dem er sich beweisen musste und von den ihn nichts ablenken durfte.

Scott setzte die Ohrhörer auf und stellte die Lautstärke seines iPods ein. Nach einem kurzen Stretching für die reisemüden Muskeln drehte er eine große Runde und nahm sich vor, nicht an die tollen Beine, wunderschönen Hüften oder hellgrünen Augen von Evie zu denken. Er musste sie einfach komplett aus dem Kopf verdrängen.

Die Manning-Schwestern kamen seit neun Jahren in den Dunn Inn. Beide waren über siebzig, verwitwet und standen einander so nahe, wie Evie es noch in vielen Jahren mit ihren eigenen Geschwistern erleben wollte. Gerade saßen die beiden im Esszimmer beim Frühstück.

„Haben wir dich draußen mit einem Mann sprechen sehen?“, fragte Amelia und nippte an ihrem Tee.

Evie schaute vom Büfett auf. Die Manning-Schwestern hatten definitiv noch kein Problem mit den Augen, obwohl sie sich häufig darüber beschwerten, nicht mehr so gut sehen zu können. „Er ist auf der Hochzeit meines Bruders zu Gast.“

„Aha, habe ich es dir doch gesagt!“ Flora nickte ihrer Schwester zu. „Du solltest nach einem Mann Ausschau halten. Dein Sohn braucht einen Vater.“ Sie richtete ihren perfekt gestylten Dutt.

Freundlich lächelnd wechselte Amelia das Thema. „Sag mal, wann hängst du endlich den Weihnachtsschmuck auf?“

Das war eine gute Frage. Bis Weihnachten waren es nur noch wenige Wochen, und normalerweise hätte Evie längst alles dekoriert. Die große Zypresse stand bereits an ihrem Platz mitten im Wohnzimmer und sah mit den Lichtern und dem Christbaumschmuck wunderschön aus. Sonst half ihr Noah immer mit den restlichen Girlanden und Dekorationen, die sie im ganzen Haus verteilte. Doch in diesem Jahr war alles anders. Er und Callie mussten ihr eigenes Haus schmücken, und Evie wollte ihren Bruder nicht behelligen, nur weil sie zu klein war, um alles aufzuhängen.

„Das mache ich so bald wie möglich“, versprach sie.

Dann ließ sie die beiden Schwestern in Ruhe frühstücken und ging zurück in die große Küche ihrer Pension. Gerade wollte sie die Spülmaschine einräumen, als sich die Verbindungstür zum Privatbereich öffnete und Evies Sohn Trevor hereinschlurfte.

„Guten Morgen“, begrüßte sie ihn.

„Wir haben oben keine Milch mehr“, murmelte er verschlafen.

Evie griff in den Kühlschrank und gab ihrem Sohn eine Packung. „Versuch bitte, damit länger als einen Tag auszukommen, ja?“, neckte sie ihn.

„Klar. Sag mal, kannst du mir einen Zwanni leihen? Bei Cody steigt morgen Abend eine Zockerparty, und wir wollen zusammen Essen bestellen.“

„Na gut.“ Evie sah auf die Uhr. „Du solltest lieber hochgehen und zu Ende frühstücken. Gleich kommt Codys Mutter und holt dich ab.“ Mit wenigen Schritten war sie bei ihm und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Wange. „Und denk an die Milch.“

Kaum war der eine junge Mann aus dem Zimmer, kam der andere zur Hintertür herein. Allerdings brachte dieser junge Mann ihr Herz zum Stolpern. Solche Arme gehörten verboten. Unter dem hellblauen T-Shirt zeichneten sich seine Muskeln deutlich ab. Oh mein Gott.

Als Scott bemerkte, wo er sich befand, lächelte er sie an. „Ups, ich glaube, ich habe die falsche Tür erwischt.“

Evie zwang sich, ihn nicht anzustarren, als wäre er ihre Lieblingsspeise. Anscheinend war er lange gelaufen. Die dunkelbraunen Haare klebten ihm an der Stirn, und der Schweiß tropfte ihm vom Kinn.

Du solltest nach einem Mann Ausschau halten.

Plötzlich hörte sie wieder die Worte von Flora Manning. Sollte sie das? Wollte sie das überhaupt? Evie fand Scott eindeutig attraktiv, keine Frage. Das würde jeder Frau so gehen, oder? Er war jung, furchtbar gut aussehend und hatte irgendwie ihre schlummernde Sehnsucht nach Sex auf Hochtouren gebracht. Aber es ging nur um Begehren, um Anziehungskraft – und die war nun einmal sinnlos, wenn nicht mehr dazukam. Mit Gordon hatte sie mehr erlebt, nämlich Liebe und Urvertrauen, eine Ehe, gemeinsames Glück.

Evie schluckte. „Das Haus ist einfach groß, doch du findest dich bald zurecht. Hast du gut geschlafen?“

Scott nickte und atmete einige Male tief durch. „Wie ein Baby.“

Unwillkürlich sah Evie vor sich, wie seine langen, kräftigen Beine mit der weichen Haut und den festen Muskeln auf ihrer Baumwollbettwäsche aussehen würden. Sie räusperte sich und bemühte sich, in Gedanken nicht noch weiter abzuschweifen. „Frühstück gibt es oben.“

„Frühstücken wir zusammen?“

„Äh, ja, ich muss nur kurz nach meinen Gästen schauen.“

„Dann sehen wir uns oben.“ Er zog den Saum seines T-Shirts hoch, um sich damit den Schweiß von der Stirn zu wischen. Evie traute ihren Augen nicht, als sie die heißesten Bauchmuskeln erblickte, die sie je gesehen hatte. Ein Sixpack, nein, ein Zwölferpack.

„Okay, in Ordnung.“

Scott verschwand durch die Tür zum Privatbereich, und Evie wartete, bis sie seine Schritte oben auf dem Treppenabsatz hörte, bevor sie die Küche verließ und ins Esszimmer zurückkehrte. Die beiden Schwestern tranken noch immer Tee und befreiten ihren Toast von seiner Kruste. Evie nahm einige Teller mit und sagte den Schwestern, den Rest später zu erledigen. Nachdem sie in der Küche aufgeräumt hatte, ging sie hinauf in ihre Wohnung. Als sie hörte, dass im Gästebad das Wasser lief, entspannte sie ein wenig.

Evie setzte Kaffee auf und holte zwei Tassen aus dem Küchenschrank. Dann schnitt sie etwas Obst auf und deckte den kleinen Tisch, an dem sie sonst mit ihrem Sohn zusammen aß.

Zehn Minuten später tauchte Scott in der Wohnküche auf. Unter der ausgeblichenen Jeans, die ihm perfekt auf der Hüfte saß, und dem schwarzen T-Shirt konnte sie seine breiten Schultern und den flachen Bauch genau sehen. Er war barfuß, hatte frisch gewaschene Haare und duftete sauber und wahnsinnig maskulin. In dieser viel zu intimen Atmosphäre bereute es Evie plötzlich, ihn in ihrer Wohnung zu beherbergen. In den unteren Räumen der Pension wäre es eindeutig besser gewesen, denn unten ging es ums Geschäftliche. Hier oben befand sich ihr privates Reich, das sie mit ihrem Sohn teilte. Seit Jahren hatte sich hier kein Mann mehr aufgehalten.

Scott schaute sich um und setzte sich. „Die Wohnung ist wunderschön, du hast echt Geschmack.“

Und ich wette, dass du auch gut schmeckst

Evie räusperte sich und hielt die Kanne hoch. „Kaffee?“

„Aber klar doch. Kann ich irgendetwas für dich tun?“

Verzweifelt versuchte sie, das Thema zu wechseln. „Wie soll ich dein Brot toasten?“

Er lächelte. „Ganz egal, gib’s mir einfach.“ Dann schaute er auf die Toastscheiben, mit denen sie herumwedelte.

Evie bemühte sich, den provokanten Kommentar zu ignorieren, steckte das Brot in den Toaster, stellte zwei Teller bereit und holte die Obststückchen. Nachdem alles bereit war, kam sie mit den Tellern, dem Toast und der Kaffeekanne zurück an den kleinen Tisch.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, nahm er den Faden wieder auf und goss sich Kaffee ein, „ob ich hier im Haus irgendetwas für dich tun kann, solange ich bei dir wohne.“

Die Vertrautheit in seinen Worten traf Evie bis ins Mark. Sie hätte darauf bestehen sollen, dass er bei ihren Eltern wohnte, anstatt ihn hier in den Privaträumen des Dunn Inn zu beherbergen. Beherbergen? Haben wollte sie sagen. Nein, das stimmte auch nicht. Ich will ihn nicht haben. Ich will niemanden haben.

„Ich komme klar. Außerdem bist du doch im Urlaub, oder nicht?“ Evie versuchte, an etwas anderes als seine attraktiven Bauchmuskeln zu denken.

„Stimmt schon“, gab er zu und nahm sich einen Toast, „aber ich möchte für meine Unterbringung aufkommen.“

„Du bist mein Gast.“

„Und ich gehöre zur Familie. Bald sind wir miteinander verwandt. In einer Familie hilft man sich doch gegenseitig.“

Vorsichtig wie immer beäugte Evie ihn misstrauisch. „Woran hast du da gedacht?“

„Das sollst du mir sagen. In diesem großen Haus ist doch bestimmt immer was zu tun.“

Mit mir kannst du es machen! schoss es ihr durch den Kopf, und sofort errötete sie. Sie wollte auf der Stelle die vernünftige Evie zurück. Die musste zurückkommen, bevor sie sich völlig blamierte. Doch die vernünftige Evie hatte sie anscheinend verlassen. An deren Stelle war die Ich-hatte-seit-zehn-Jahren-keinen-Sex-mehr-Evie getreten, und die trat stark und unbestreitbar in Aktion.

„Ich sage dir Bescheid, aber wie gesagt, ich komme klar.“

„Du nimmst nicht gern Hilfe von anderen an, oder?“

„Doch, doch, natürlich“, log Evie, „aber ich bekomme alles gut allein hin, aus Gewohnheit und weil es notwendig ist.“

„Also komme ich niemandem ins Gehege, wenn ich hier bin?!“ Scott schaute sie so durchdringend an, dass sie den Blick abwenden musste.

Evie wusste, was er mit dieser Frage bezweckte. Wahrscheinlich hatte er sich gefragt, ob es einen Mann in ihrem Leben gab. „Nein, da gibt es nur meinen Sohn und mich.“

„Kaum zu glauben.“

Sofort schaute sie ihn wieder an. „Was genau? Dass ich Single bin oder dass ich mich dazu entschieden habe, allein zu leben?“

Er lächelte. „Dass du sie nicht alle vom Hof jagst.“

„Wer sagt, dass ich das nicht tue?“

Evie wollte locker erscheinen und nicht zeigen, dass ihr Herz in diesem Moment raste. Ihr ganzer Körper war außer Kontrolle geraten wie ein herrenloses Fahrzeug oder ein galoppierendes Pferd ohne Reiterin.

„Dann habe ich mich geirrt.“

Wieder lächelte Scott, und das wahnsinnige Grübchen zeigte sich erneut. Na gut, eigentlich jagte sie keine Verehrer vom Hof. Über die Jahre hatte es schon einige Anwärter gegeben, nur hatte sie die nicht erhört.

„Ist alles in Ordnung, Evie?“

Nein …, aber Evie würde Mr. Traumkörper mit süßem Grübchen garantiert nicht verraten, dass ihr seinetwegen ganz heiß wurde. „Alles wunderbar.“

Scott ließ sich nicht täuschen, und sie spürte es gleichfalls. Zwischen ihnen lag etwas in der Luft, das sie nicht aussprachen. Um nichts sagen zu müssen, knabberte sie an dem Obst auf ihrem Teller.

Nach dem Frühstück bot Scott an, den Abwasch zu machen. Evie wollte gerade ablehnen, als sie hörte, wie unten eine Tür geöffnet wurde und eine vertraute Stimme ihren Namen rief.

„Das ist Callie.“

Kurz darauf ging die Küchentür auf, und Scotts Schwester betrat den Raum. Schnell ging Callie auf ihren Bruder zu und schloss ihn in die Arme. Dann kam auch Noah herein, und nachdem Evie ihm die Schlüssel des Pick-ups zurückgegeben hatte, begrüßte er Scott. Die beiden schätzten sich gegenseitig ohne viele Worte ab und begannen ein ruhiges Gespräch. Dann schob Callie ihre Freundin in Richtung Spüle.

„Ich kann dir gar nicht genug dafür danken, dass du meinen kleinen Bruder abgeholt hast!“

Kleiner Bruder? Ja klar. Evie bemerkte plötzlich, wie ähnlich sich die Geschwister waren. Ihre zukünftige Schwägerin war genauso hübsch wie Scott.

„Das habe ich doch gern gemacht“, antwortete sie. „Sind die Kinder bei meinen Eltern?“

„Ja, wir haben sie dort abgesetzt, bevor wir hergefahren sind. Matthew liebt seinen Gipsarm. Verrückt, dass schon fast wieder ein Schulvierteljahr zu Ende geht. Aber ich freue mich so sehr auf Weihnachten.“

Evie lächelte. „Du heiratest ja auch an Heiligabend.“

„Ich wirke etwas genusssüchtig, ich weiß.“ Callie grinste dermaßen glücklich, dass Evie kurz einen neidischen Stich verspürte. „Und hab vielen Dank für deine Hilfe mit dem Catering. Ich kann es gar nicht fassen, dass wir das alles in einem guten Monat organisiert haben. Du bist ein Genie! Und eine wirklich gute Freundin.“

„Das ist ein besonderer Tag, und ich liebe es, Dinge zu planen.“

„Habe ich ein Glück.“

„Der Abend wird gewiss perfekt werden“, versicherte Evie ihr.

Ihre Freundin strahlte von innen heraus. Habe ich jemals so toll ausgesehen wie Callie? Ja, natürlich. Ganz bestimmt. Zweifellos.

Evie hatte Gordon geliebt, seit sie siebzehn war. Er hatte ihr ihren ersten Kuss gegeben, war ihr erster Liebhaber gewesen … ihr einziger. Sie hatten gemeinsame Träume, gemeinsame Werte und die Liebe für ihren kleinen Sohn geteilt. Doch da war noch mehr gewesen – ein Band zwischen zwei Menschen, die sich in Gedanken so nah gestanden hatten, so einig in ihrem Tun, als wären sie die zwei Hälften eines Ganzen. Evie erwartete nicht, dies noch einmal erleben zu dürfen.

Wieder schaute sie zu Scott, und ihr Herz schlug schneller. Das ist rein körperlich. Doch obwohl in ihrem Kopf der Alarm losging, überwältigte sie seine Anziehungskraft.

Sex vernebelt einem den Verstand, so war es doch. Für Sex tun die Menschen verrückte Dinge. Sie machte sich nichts vor. Über einen neun Jahre jüngeren Mann zu fantasieren, hatte mit Vernunft rein gar nichts zu tun. Natürlich hegte er keinerlei Interesse an ihr, denn er hatte die freie Auswahl. Und er würde sich ganz sicher nicht für eine sechsunddreißigjährige, alleinerziehende Mutter entscheiden, die den Zenit schon lange überschritten hatte.

Außerdem arbeitete er als Feuerwehrmann aus Leidenschaft. Und für Männer mit gefährlichen Berufen war kein Platz in Evies Leben, weil sie bereits einen Mann an die Naturgewalten verloren hatte. Ganz sicher würde sie sich keinen Fantasien über einen Mann hingeben, der freiwillig in brennende Häuser hineinlief.

Nachdem sie das für sich geklärt hatte, sagte Evie den anderen, sich weiter um die Pension kümmern zu müssen. Es gab viel zu tun. Und da war dieser furchtbar gut aussehende Mann, den sie sich irgendwie aus dem Kopf schlagen musste.

3. KAPITEL

Den größten Teil des Tages verbrachte Scott mit seiner Schwester. Callies Farm lag etwas außerhalb von Crystal Point. Vorne hing ein neues Schild: Zu verkaufen! Callie erklärte ihm, dass sie ihre Reitschule in den kommenden Monaten auf Noahs größeres Grundstück verlagern wollte.

„Also bist du glücklich?“

Callie riss die Augen auf. „Überglücklich!“, antwortete sie. „Noah ist einfach …“ Sie hielt inne und lächelte so verliebt, wie Scott es noch nie bei ihr gesehen hatte. „Er ist einfach alles für mich.“

Alles? Das war ganz schön stark. Scott konnte sich nicht vorstellen, für eine Frau alles zu bedeuten – nicht einmal auf Belinda hatte dies zugetroffen, als er davon überzeugt gewesen war, sie zu lieben.

„Ich freue mich, dass er dich glücklich macht.“ Wehe, wenn nicht! Doch das sprach er nicht aus.

Callie hakte sich bei ihm ein. „Und was ist mit dir? Gibt es zurzeit jemanden in deinem Leben?“

„Nein“, antwortete er, und plötzlich kam ihm Evie in den Sinn. Schnell verdrängte er den Gedanken.

„Schade, dass du nicht länger bleibst. Mama kommt in zwei Wochen, und mit den ganzen Hochzeitsvorbereitungen kann ich dir gar nicht groß die Gegend zeigen, während du hier bist.“

„Mach dir keine Sorgen. Du musst an wichtigere Dinge denken.“

Callie drückte ihm den Arm. „Auf jeden Fall bin ich froh, dass du hier bist. Und bei Evie bist du in guten Händen.“

Scott trafen ihre Worte wie ein Schlag in die Magengrube. Wenn er an die Hände von Evie Dunn dachte, erinnerte er sich daran, wie sie an diesem Morgen in der Wohnküche ausgesehen hatte – äußerst heiß hatte sie ausgesehen. Sagte man das so? In Jeans und weitem weißen Shirt, das ihre Schlüsselbeine erahnen ließ, hatte sie sein Herz höherschlagen lassen, Scott hatte den Blick kaum von ihr abwenden können. Evie hatte wunderschöne Haut. Und ihre dunkle Lockenmähne wallte ihr bis über die Schultern. Er hatte mit den Händen hineingreifen, ihren Kopf neigen und die zarte Haut an ihrem Hals küssen wollen.

„Scott, wegen Evie …“

Er fühlte sich ertappt. „Was ist mit ihr?“

Seine Schwester lächelte ihn an. „Du weißt ja, sie ist meine Freundin. Und Noahs Schwester.“

„Und wo ist das Problem?“

Callie atmete hörbar aus. „Das Problem ist, dass sie meine Freundin ist. Und heute Morgen in der Küche schien es zwischen euch beiden heiß herzugehen.“

„Ach was, das bildest du dir ein.“ Sie schaute ihn skeptisch an. „Seit meiner Teenagerzeit jage ich nicht mehr jedem Rock hinterher.“

„Das weiß ich doch. Aber seit du dich von Belinda getrennt hast und Mike gestorben ist, hast du dich verändert, und ich …“

„Das mit Belinda ist schon lange her“, unterbrach er sie. „Und mir ist nicht klar, inwieweit Mike hiermit irgendwas zu tun hat.“

Callie zuckte mit den Schultern. „Er war dein Freund.“

„Ja und?“

„Und wenn man einen so guten Freund verliert, ist das hart. Und, na ja, Evie ist wie ein Magnet. Das spürt jeder. Sie ist warmherzig und großzügig und einfach so nett. Jeder, der ihr begegnet, fühlt sich von ihr angezogen. Ich will nicht, dass sie verletzt wird.“

„Und ich könnte das tun?“ Scott unterdrückte den aufkommenden Ärger. Callie lag völlig falsch. Klar, er fand Evie Dunn attraktiv, aber er hatte nicht vor, mehr daraus zu machen. Ihm war bereits klar geworden, dass Evie nicht zu ihm passte.

Na gut … Vielleicht habe ich heute Morgen etwas mit ihr geflirtet, aber ein Flirt ist harmlos. Mehr passiert da nicht. Dafür werde ich sorgen.

„Du bildest dir das ein“, widersprach er seiner Schwester. „Wir kennen uns kaum.“

Callie verzog das Gesicht. „Ich weiß, was ich gesehen habe.“

„Vergiss es einfach, Callie.“

Sie sagte nichts mehr dazu, doch der Gedanke ließ Scott den ganzen Nachmittag nicht los. Als Callie ihn wieder am Dunn Inn absetzte, war es nach drei Uhr. Evies Auto stand in der Einfahrt, und Scott kramte gerade in seiner Tasche nach dem Schlüssel, als er sah, wie ein Teenager zwischen Haus und Atelier einen Basketballkorb zu werfen trainierte. Er war ziemlich schlecht.

Als er sich dem Jungen näherte und ihn ansprach, hielt dieser inne. „Hi.“

Scott lächelte, schüttelte ihm die Hand und stellte sich vor. Der Sohn von Evie Dunn schien nett zu sein, aber natürlich, ein Kind von Evie Dunn konnte gar nicht anders sein.

„Wollen wir ein paar Körbe werfen?“ Trevor warf ihm den Ball zu. „Wäre schön, wenn das Teil tatsächlich mal reingehen würde.“

Scott lachte und versenkte den Ball problemlos im Korb. „Du musst nur an deinem Winkel arbeiten.“

Lächelnd zuckte Trevor mit den Schultern. „Ich bin kein besonders guter Sportler. Komme wohl eher nach meiner Mutter.“

Scott erinnerte sich daran, wie Evie morgens in ihrem Laufdress ausgesehen hatte. Sie hielt sich definitiv gut in Form. „Sie ist Künstlerin.“

Trevor schaute ihn neugierig an. „Vielleicht. Mein Dad war der Sportler in unserer Familie.“

„Meiner auch.“ Scott warf ihm den Ball zu.

Der Teenager fing ihn auf, zielte, konzentrierte sich und warf ihn in Richtung Korb. Er ging vorbei, prallte ab und fiel Scott direkt in die Hände. „Mein Vater ist tot.“

Scott warf den Ball noch einmal in den Korb. „Meiner auch.“

Trevor schnappte sich den Ball und versuchte es erneut. Der Ball rollte über den Ring und fiel dann an der Seite herunter. „Ja … echt scheiße.“

Nachdem sie noch einige Zeit Körbe geworfen hatten, hielt ein Taxi vor dem Haus, und zwei ältere Damen stiegen aus. In kürzester Zeit überredeten sie Scott, ihnen dabei zu helfen, die Taschen ins Haus zu tragen. Die makellos gestylten Damen waren sicher die Manning-Schwestern, von denen Evie auf der langen Fahrt vom Flughafen erzählt hatte.

Scott stieg die Stufen bis zur Wohnzimmertür hinauf und balancierte mehrere Pakete auf dem Arm. Nachdem die beiden Schwestern hineingegangen waren, folgte er ihnen ins Haus. Vanille. Der Duft traf ihn wie ein Schlag. Evie.

Im perfekt aufgeräumten Wohnzimmer stand der große, üppig geschmückte Weihnachtsbaum. Ein echter Baum, wie er ihn aus seiner Kindheit kannte, als sein Vater noch gelebt hatte. Eigenartig, an diese Zeit dachte er sonst kaum noch. Er versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie sehr er seinen Vater vermisste. Der war ein guter Mann gewesen, ein guter Vater, aber leichtsinnig. Und dieser Leichtsinn hatte zu seinem Tod geführt. Unter der Woche war er ein Schreibtischtäter gewesen, doch am Wochenende hatte er immer wieder neue Abenteuer gesucht – segeln, Skifahren, klettern. Letztlich hatte ihm das Klettern den Tod gebracht, was in Scott etwas ausgelöst hatte. Mit achtzehn Jahren hatte sich der Sohn dazu entschlossen, zur Feuerwehr zu gehen und diesen Beruf verantwortungsvoll auszuüben. Er ging keine Risiken ein, sondern hielt sich an die Regeln.

Und diese Regeln verboten es ihm, sich Träumereien über Evie Dunn hinzugeben.

Eine Witwe. Eine alleinerziehende Frau.

Zwei gute Gründe, um sie sich sofort aus dem Kopf zu schlagen.

Die Manning-Schwestern dankten ihm für seine Hilfe, und Scott wollte sich gerade davonmachen, als Evie ins Zimmer trat und ihn anlächelte. Er erwiderte ihr Lächeln, sah, dass sie errötete und schnell den Blick abwandte. Wieder fiel ihm auf, wie hübsch sie war. Und diese wunderbaren sexy Haare. Sie unterhielt sich mit den Schwestern, doch er spürte genau, dass sie seine Anwesenheit wahrnahm, denn sie schien alles dafür zu tun, ihn nicht ansehen zu müssen.

Plötzlich juckte es Scott in den Fingern, er wollte ihr Gesicht berühren, das Kinn streicheln und den wunderschönen Mund spüren. Sie öffnete ihn, als wüsste sie, was Scott gerade dachte …, dass er sich fragte und sich vorstellte, ob ihr Mund so süß schmeckte, wie er aussah. Evie sah ihn an und fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. Das brachte ihn völlig aus der Fassung, sein ganzer Körper bebte, und sein Schoß war wie elektrisiert.

Scott schaute wieder zu den beiden alten Damen, die weiterhin mit ihren Päckchen beschäftigt waren. Er musste schnell weg von Evie, darum verabschiedete er sich und ging hoch.

In seinem Zimmer beruhigte Scott sich langsam wieder. Er setzte sich auf die Bettkante, atmete tief durch und ballte die Hände zu Fäusten. Ich lasse mich hier auf nichts ein. Ich fahre bald wieder nach Hause, zurück in mein Leben und zu allem, was ich kenne. Drei Wochen, Scott Jones … Ich muss mich zusammenreißen.

Evie trödelte am späteren Nachmittag im größten Zimmer der Pension herum. Bald kamen neue Gäste – ein frisch verheiratetes Paar, das für eine Woche bleiben wollte. Sie dachte an Scott. Wenn sie sich nur an seinen Blick erinnerte, bekam sie Herzklopfen – ein loderndes, alles verzehrendes, sich langsam ausbreitendes Feuer hatte in der Luft gelegen.

Das ist völlig verrückt … Er ist siebenundzwanzig Jahre alt, verdammt noch mal!

Evie atmete tief durch und ging nach oben in ihr Schlafzimmer. Dort schaute sie aus dem Fenster und sah ihren Sohn beim Basketballspielen. Scott war bei ihm. Sie unterhielten sich und warfen Körbe. Als Trevor laut lachte, schnürte sich ihr die Brust zu.

Nein, oh nein, ich werde alles tun, um ihn nicht zu mögen. Aber wenn sie ihn so mit ihrem Sohn sah, musste sie ihn mögen. Es ging nicht nur um Begehren, sie nahm ihn auch auf einer anderen Ebene wahr.

Trevors Lachen brannte sich in Evies Seele ein. Sie wusste, dass ihr Sohn sich eine Vaterfigur in seinem Leben wünschte. Doch es war blödsinnig, sich Scott in dieser Rolle auch nur eine Sekunde vorzustellen, da er in drei Wochen wieder abreisen würde.

Etwa zehn Minuten später kamen ihre Gäste an. Mitte fünfzig und schwer verliebt begrüßten Trent und Patti Keller sie lächelnd, und Evie zeigte ihnen ihr Zimmer. Sie führte sie einmal durchs Haus und stellte sie den Manning-Schwestern vor, die lesend im Wohnzimmer saßen. Dann verkündete sie, dass es um sieben Uhr Abendessen gab und überließ ihre Gäste sich selbst.

Oben duschte Evie, zog eine weiße Cargohose, ein smaragdgrünes Poloshirt und Sandalen mit niedrigen Absätzen an. Sie kämmte sich die Haare, trug dezentes Make-up auf und ging in den Flur. Vor Scotts Zimmer blieb sie stehen und verharrte dort, die Hand zum Klopfen erhoben.

„Evie?“

Er stand hinter ihr und war gar nicht in seinem Zimmer. Evie drehte sich um, atmete tief durch und gab ihm wegen des Abendessens Bescheid. „Also, isst du mit uns?“

„Natürlich. Muss ich mich umziehen?“

Evie konnte es nicht lassen und bewunderte seinen großen, muskulösen Körper. Jeans und T-Shirt standen ihm einfach wunderbar. „Nein, nein. Wir sehen uns um sieben.“

Evie kochte gerne und liebte ihre große, gut ausgestattete Küche. Den Esstisch deckte sie für sechs Personen, denn heute Abend war Trevor nicht da. Er wollte mit Cody lernen und hatte versprochen, bis neun Uhr zurück zu sein. Nachdem Evie das Büfett mit gekühltem Wein und Bier bestückt hatte, ging sie zurück in die Küche.

Um kurz vor sieben kamen die ersten Gäste ins Esszimmer. Als Ersten bemerkte sie Scott. Doch bevor sie etwas sagen konnte, kamen die Manning-Schwestern herein und belegten ihn sofort mit Beschlag. Evie entspannte sich, als die Kellers das Zimmer betraten. Nachdem sich alle miteinander bekannt gemacht hatten, trug sie die Speisen auf und bat zu Tisch.

Der Abend verlief entspannt und angenehm, vor allem, weil Scott Jones so viel Charisma hatte, die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf sich zu ziehen. Evie ließ sich genau wie die drei anderen Damen von seinen humorvollen Anekdoten und Geschichten verführen.

Nach dem Abendessen machten sich Evies Gäste auf den Weg ins Wohnzimmer, und sie räumte den Tisch ab. Ganz auf ihre Aufgabe konzentriert, bemerkte sie zunächst nicht, dass Scott zurückgeblieben war und nun in der Tür stand. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen. Mit seinen blauen Augen musterte er sie so eindringlich, dass sie seinen Blick auf der Haut spürte.

„Kann ich dir helfen?“

Nein. „Ach, ja, gerne. Danke.“

„Also, Flora sagte, dass du Hilfe beim Schmücken brauchst?“ Er griff nach einem Stapel Teller.

Evie hielt inne. „Trevor hilft mir morgen dabei.“

„Warum erst morgen, wenn wir es schon heute erledigen können? Flora und Amelia freuen sich so darauf, wenn alles geschmückt ist.“

Scott hatte ja recht, und Evie hatte längst versprochen, das Haus fertig zu schmücken. Wenn sie seine Hilfe ablehnte, klang das idiotisch. „Na gut. Ich könnte später Hilfe gebrauchen.“

Nachdem das geklärt war, ging Evie mit vollen Händen zurück in die Küche. Scott kam hinterher und räumte mit ihr zusammen die Spülmaschine ein. Jede seiner Bewegungen nahm Evie so deutlich wahr, dass sie ihn fast anstarrte.

Als sie die Küche aufgeräumt hatten, wandte Evie sich ihm zu. „Draußen im Schuppen steht eine Leiter. Vielleicht könntest du …“

„Klar“, antwortete er schnell und verschwand durch die Hintertür.

Während Scott draußen war, holte Evie einen Karton mit Weihnachtsschmuck aus dem Schrank unter der Treppe. Bewaffnet mit einer Schere, doppelseitigem Klebeband, einer Packung Nägelchen und einem Hammer wartete sie vorne in der Diele, als er zurückkam.

„Also, wo willst du mich haben?“

Eine zweideutige Frage.

Evie räusperte sich und zeigte auf den Türbogen über ihnen. „Ich möchte das hier da oben haben“, antwortete sie und holte einen Kranz aus dem Karton.

Scott stellte die Leiter in die Tür, nahm ihr den Kranz ab und ließ sich Hammer und Nägel geben. „Sag mir einfach, wo.“ Er stieg die Leiter hinauf.

Evie blieb ruhig stehen und gab ihm Anweisungen. Gar nicht so einfach. Als er auf der obersten Stufe stand, hatte sie den perfekten Blick auf seine Leistengegend. Ganz und gar nicht so einfach. Sie schaute zu Boden, betrachtete die Gummifüße der Leiter und zählte die Macken auf dem Holzboden. Sie schaute überall hin, nur nicht nach vorne. Doch dann übermannte Evie die Versuchung, sie hob den Blick und hielt beinahe den Atem an. Als er die Arme hob, um die Nägelchen festzumachen, rutschte seine Jeans leicht herunter, sodass sein Bauch zum Vorschein kam – wunderschön.

„Evie?“

Sie hob so schnell den Kopf, dass sie sich fast den Nacken verrenkte. Als Scott zu ihr herunterblickte, wusste sie, dass er sie beim Glotzen erwischt hatte.

Er lächelte. „Ich brauche noch einen Nagel.“

Sie holte einen weiteren Nagel aus der Packung und ließ ihn in seine ausgestreckte Hand fallen.

„Das sollte reichen.“ Er kam die Leiter herunter. „Noch was?“

Evie griff in den Karton und holte einen grün und bronzefarben dekorierten Kranz heraus. „Der hier kommt an die Vordertür.“

Während Scott sich darum kümmerte, schaute Evie in den Karton. Mistelzweige. Die immergrünen Plastikexemplare lagen im Haufen auf dem Kartonboden. Auf keinen Fall wollte sie, dass diese Zweige, unter denen man sich den christlichen Bräuchen nach zur Weihnachtszeit zu küssen hat, überall im Haus an den Türen hingen. Darum schob Evie sie in die letzte Ecke des Kartons und holte stattdessen drei lange grüne Girlanden heraus. „Die kommen ins Wohnzimmer, an die Schiene für die Wandbilder“, erklärte sie.

„Zeig mir den Weg.“

Mit dem Karton unterm Arm ging sie voran. Ihre Gäste waren nirgendwo zu sehen, und sie nahm an, dass sie sich alle für den Abend zurückgezogen hatten. Etwa eine Viertelstunde später hingen alle Girlanden. Evie schaute weg, als Scott die Leiter zusammenklappte und Hammer und Klebeband zurück in den Karton packte.

„Also dann, vielen Dank für deine Hilfe. Gute Nacht.“

Scott zog leicht die Augenbrauen hoch. „Schickst du mich ins Bett, Evie?“

Sie wurde feuerrot, spürte es zwischen ihnen knistern. „Natürlich nicht. Ich wollte nur …“

Hinten im Haus knallte eine Tür. Trevor. Evie atmete erleichtert auf. „Das ist mein Sohn. Ich sollte nachschauen, ob er etwas gegessen hat.“ Mit diesen Worten wandte sie sich ab, blieb aber an der Türschwelle stehen. Ich bin so bescheuert. „Ich mache Pfefferminztee, falls du auch magst.“

Scott lächelte, und wieder sah sie das Killergrübchen. „Kaffee wäre besser.“

„Klar, Kaffee.“

Evie ging hinauf und spürte ihn hinter sich. Als sie in die Wohnküche kam, stand Trevor am offenen Kühlschrank. „Hast du Hunger?“, fragte sie ihn.

Trevor schüttelte den Kopf. „Jetzt nicht mehr“, antwortete er und stopfte sich ein kaltes Stück selbstgemachte Pizza in den Mund. „Ich glaube, ich pack’s mal.“

Bleib. Doch das sprach sie nicht aus, denn Evie wollte nicht zugeben, die Anwesenheit ihres Sohnes zu brauchen, um sich vor dem stetig wachsenden Begehren nach Scott zu schützen. Sie wünschte Trevor eine gute Nacht und machte Kaffee. Scott setzte sich auf einen Stuhl – es handelte sich um denselben, auf dem er am Morgen gesessen hatte.

Er passt so gut in meine Küche. Ich könnte mich daran gewöhnen, ihn in meiner Küche zu haben.

Evie legte eine Hand auf die Arbeitsplatte. Ihre Gedanken empörten sie. Und sie wusste, dass sie etwas sagen musste. „Scott, ich …“

„Evie, ich …“

Beide hielten inne, schauten sich an, wollten etwas sagen. „Du zuerst!“, meinte sie schnell.

Scott nickte und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. „Okay. Hier passiert etwas.“

„Ist das so?“

„Das weißt du genau. Unten … und heute Nachmittag … Da war es wieder.“

Am liebsten wollte sie widersprechen, doch stattdessen nickte sie. Sie wollte die Wahrheit aussprechen. Die Wahrheit war immer gut.

„Also, was sollen wir jetzt tun?“

Evie fühlte, dass ihre Wangen glühten. „Tun? Gar nichts. Es ist doch nur …“

„… körperlich“, beendete Scott ihren Satz. „Ja … und es ist stark, Evie.“

Er fand sie attraktiv? Evie konnte ihre Gefühle kaum kontrollieren, ihr ganzer Körper war davon erfüllt. Sie hatte es schon vermutet und es selbst bereits gespürt. Aber plötzlich zu wissen, dass dieser wahnsinnig gut aussehende Mann es genauso empfand, verursachte ihr geradezu Schwindelgefühle.

„Wir müssen das realistisch betrachten. Du hältst dich nur drei Wochen hier auf und bist Callies Bruder. Ich bin Realistin. Ich bin … und du bist … Die Idee ist verrückt.“

„Wahrscheinlich“, stimmte er leise zu, „aber manchmal machen die verrückten Ideen am meisten Spaß.“

Evie glühte. „Ich will keinen Spaß.“

„Was willst du dann?“

„Nichts. Ich habe alles, was ich brauche.“

„Dann gehörst du zu den wenigen Auserwählten.“

„Was soll das heißen?!“

„Das heißt, dass die meisten von uns auf der Suche sind – nach Freundschaft, Erfolg, Liebe, Sex.“

Evie schluckte. „Und du bist auf der Suche nach Sex?“ Sie konnte nicht glauben, dass sie diese Worte tatsächlich aussprach.

„Nicht mehr als jeder andere Mann, würde ich sagen.“

Das war eine ziemlich lockere Antwort, dabei wusste Evie, dass es zwischen ihnen ganz und gar nicht entspannt war. Das Feuer wurde größer, und beide fachten es weiter an.

Er will mich?! Oh Gott, ich habe vergessen, wie es sich anfühlt, gewollt zu werden.

Einen kurzen Augenblick lang dachte sie an Gordon und als sie ihn gewollt hatte. Wie gut sich das angefühlt hatte. Dann wandten sich Evies Gedanken wieder Scott zu, und plötzlich wollte sie nicht mehr nachdenken oder Vergleiche anstellen oder sich auch nur kurz vorstellen, dass das, was sie mit ihrem Ehemann gehabt hatte, jemals ersetzt werden könnte.

„Ich habe kein Interesse an …“ Evie errötete, ihr Gesicht glühte. „In meiner Situation kann ich keinen … Was ich sagen will, ist, dass ich kein Interesse an zwanglosem Sex habe.“

Scott verschränkte die Hände ineinander und schaute sie so durchdringend an, dass Evie den Blick nicht abwenden konnte. „Glaub mir, Evie, wenn wir uns lieben würden, hätte das gar nichts Zwangloses.“

Das ist alles ein Traum … eine andere Erklärung gibt es nicht. „Aber wir …“

„Aber wir werden es nicht tun“, beendete er ihren Satz entschieden. „Ja, das habe ich verstanden.“ Scott schaute ihr direkt in die Augen. „Ich bin nicht völlig naiv, Evie. Mir ist klar, welche Art von Frau du bist, auch ohne dass meine Schwester deine Tugenden aufzählen muss.“

„Callie hat von mir gesprochen? Was hat sie denn gesagt?“

„Wortwörtlich? Dass du freundlich und großzügig bist.“

Also langweilig und uninteressant. „Na, das ist ja mal ein Kompliment.“

„Stimmt es also nicht?“

Evie lachte. „Doch, doch, das stimmt schon. Aber so klinge ich ziemlich alt und äußerst langweilig.“

„Wie alt bist du denn? 35? 36?“

„Eine Sechs am Ende.“

„Damit bist du definitiv noch kein Zombie.“

Sie mochte die Gefühle, die Scotts Worte in ihr auslösten, genau wie das leichte Grinsen in seinem Gesicht, bei dem manchmal das Grübchen zum Vorschein kam. „Wahrscheinlich nicht. Aber weißt du, egal was deine Schwester über mich gesagt hat, ich bin nicht immer so nett, wie die Leute meinen.“

„Muss schwer sein, die Erwartungen der anderen erfüllen zu wollen.“

Evie schaute ihn an, neigte den Kopf und lächelte. „Das müsstest du doch selbst wissen, oder?“

„Inwiefern?“

Sie zuckte mit den Schultern und konzentrierte sich, um ihre Gedanken in Worte zu fassen. „Man erwartet von dir, dass du in brennende Häuser rennst, auf Bäume kletterst, um Kätzchen zu retten, und dein Leben für fremde Menschen riskierst, einfach, weil das dein Beruf ist. Klingt, als hättest du die schwerere Aufgabe.“

„Das ist nur ein Job.“

„Einer, den du liebst, oder?“

„Ich könnte mir nichts anderes vorstellen.“

„Weil du sozusagen süchtig danach bist, dein Leben zu riskieren?“

Wachsam schaute er sie an. „Weil ich geschworen habe, Leben und Eigentum zu schützen.“

„Das Leben anderer, das Eigentum anderer.“

„Hast du etwas dagegen?!“, schoss er scharf zurück, als hätte sie einen wunden Punkt erwischt.

Evie dachte einen Augenblick nach und überlegte, was sie sagen sollte. Sie wollte nicht irrational erscheinen oder irgendetwas zugeben, was Scott einen Einblick in ihre Ängste und Gedanken gab, denn sie glaubte, schon zu viel gesagt zu haben.

Doch dann wollte sie es plötzlich loswerden. Es musste heraus. Die Worte lagen ihr auf der Zunge, und bevor ihr Verstand einschreiten konnte, sagte sie: „Mein Mann war Freiwilliger beim Rettungsdienst. Eines Abends kam ein Wirbelsturm die Küste entlang, und er ist rausgefahren, um dabei zu helfen, den Ferienpark zu evakuieren, denn die starken Winde hatten Wohnmobile und Wohnwagen umgestoßen. Er ist gestorben, als er das Leben und Eigentum anderer geschützt hat. Und ich muss unseren Sohn allein großziehen.“

4. KAPITEL

Scott hörte Evies Schmerz, fühlte ihn in seinem Herzen. Und plötzlich stellte seine Karriere ein unüberwindbares Hindernis dar. Ihr Mann war gestorben, als er sich für die Allgemeinheit eingesetzt hatte, und Scott wusste ohne jeden Zweifel, dass ein Feuerwehrmann aus Kalifornien keine Chance auf einen Platz im Leben von Evie Dunn hatte.

Nicht, dass er einen solchen Platz begehrte … Als er sie ansah und den Schmerz in ihren Augen erkannte, wollte Scott ihr sagen, ihren Verlust zu bedauern, doch er wusste, dass Worte nicht ausreichten.

„Bist du wütend?“, frage er stattdessen.

Schnell schüttelte Evie den Kopf. „Es ist schwer zu erklären. Ich … manchmal fühle ich … ich fühle mich, als ob …“

„Als ob was?! Ich höre dir zu“, versicherte Scott ihr, als sie abbrach.

Evie schaute ihm direkt in die Augen, und sein Herz raste. Eigenartig, dachte er, während er darauf wartete, dass sie etwas sagte. Alles an Evie schien von seiner inneren Stimme erkannt zu werden. Obwohl sie nach außen hin lustig und freundlich wirkte, wusste Scott intuitiv, dass sie eine vielschichtige Frau voller leidenschaftlicher Gefühle war.

Sie atmete tief durch. „Ich habe das Gefühl, als ob ich hätte wissen müssen, dass etwas passieren würde.“

Anscheinend fühlte sie sich schuldig, dieses Gefühl kam Scott nur allzu bekannt vor. „Du hättest die Zukunft auf keinen Fall vorhersehen können.“

„Da bin ich mir nicht so sicher. Gordon und ich hatten eine starke, unzerstörbare Verbindung. Wir haben immer gewusst, wenn etwas nicht stimmte und der andere uns brauchte.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber an diesem Abend hat es sich anders angefühlt. Der Zyklon war in den zwölf Stunden vor der Evakuierung des Ferienparks drei Mal hochgestuft worden. Wir haben die Fenster zugeklebt und alles aus dem Garten geholt, was herumfliegen konnte. Dann kam die Alarmierung. Er ist sofort losgefahren.“

Scott bekam eine Gänsehaut. „Hat er euch hier allein gelassen?“

Schnell schüttelte Evie den Kopf. „Nein, nein, Noah war hier. Seine damalige Frau und die älteste Tochter waren nicht da, deshalb ist er vorbeigekommen, um Gordon bei den Vorbereitungen auf den Sturm zu helfen. Als Gordon gefahren ist, bin ich nach unten und habe vorne am Fenster gesessen. Dort habe ich nach draußen in die Dunkelheit geschaut und dem Wind und Regen zugehört.“

„Und gewartet?“

„Ja. Stundenlang habe ich gewartet. Als er nicht nach Hause kam, habe ich es gewusst. Ich habe es gewusst, bevor die Polizei gekommen ist und es mir berichtet hat. Ich habe es irgendwie gespürt.“ Evie schüttelte den Kopf, als wollte sie die Worte loswerden und sich von den Erinnerungen befreien. „Ich weiß nicht, warum ich dir das erzähle. Seit Jahren habe ich nicht mehr über Gordons Unfall gesprochen.“

„Vielleicht, weil du sonst immer die Zuhörerin bist?“

Überrascht schaute sie ihn an. „Woher wusstest du das?“

„Das ist nicht schwer zu erraten.“ Scott wollte, dass sie weiterredete, denn wenn er bei ihr war, spürte er deutlich mehr als nur sexuelle Anziehung. „Du führst die Pension. Bei diesem Job ist man normalerweise derjenige, der sich die Lebensgeschichten aller anderen anhören darf. Und die Leute reden meistens gern über sich selbst.“

„Das stimmt tatsächlich. Und wie ist es bei dir?“

„Das kommt darauf an, wer mir zuhört.“

„Du hast meine volle Aufmerksamkeit.“

Scott schaute sie an. „Und du meine.“

Wieder veränderte sich die Atmosphäre zwischen den beiden, unsichtbar und doch merklich. Evie fühlte es genau wie er, das wusste Scott.

„Das bringt uns wieder zu unserem früheren Thema zurück.“ Sie lächelte, obwohl er spürte, dass ihr gar nicht nach lächeln zumute war. „Ich denke, wir sollten, was auch immer da passiert, unter Kontrolle halten.“

Sex war das, was da passierte, dachte Scott. Oder zumindest Gedanken an Sex. Mehr war da doch nicht, oder? Und sie wollte nicht, dass es dazu kam. Und er wusste, dass es nicht dazu kommen konnte. „Alles klar.“

Evie atmete tief durch. „Gut. Wir sind uns einig, dass das der vernünftigste Weg ist.“

Scott unterdrückte ein Lächeln. „Sehr vernünftig.“

Dann bemerkte er fasziniert, wie sie unter seinem Blick errötete. Sie war wahnsinnig sexy. Evie Dunn war ihm nicht auf den allerersten Blick aufgefallen, doch ihre Sinnlichkeit brodelte unter der Oberfläche und hatte ihn sehr stark in ihren Bann gezogen.

„Machen wir morgen etwas zusammen?“

Sie starrte ihn an. „Wie bitte?!“

„Windsurfen“, schlug er leichthin vor.

„Das geht auf keinen Fall.“

„Warum nicht? Kannst du schwimmen?“

Evie nickte. „Natürlich.“

„Dann kannst du wahrscheinlich auch windsurfen.“ Ihm kam eine Idee. „Ich bringe es dir bei! Und würdest du dich besser fühlen, wenn Trevor als Anstandswauwau mitkommt?“, schlug er grinsend vor.

Evie verzog das Gesicht, und ihm gefiel es, wie sie die Nase kräuselte, weil er sie neckte. „Wir brauchen ganz sicher keinen Anstandswauwau“, sagte sie im Brustton der Überzeugung, und ihre grünen Augen leuchteten. „Na gut, ich bin einverstanden.“

Die beiden wünschten sich eine gute Nacht, dann verließ Scott die Küche und ging in sein Zimmer. In dieser Nacht fand er keine Ruhe. Der Zeitunterschied hielt ihn wach, und er lag die meiste Zeit im großen Bett und starrte an die Decke. Dabei dachte er an Evie, die nur ein paar Türen entfernt war.

Eigentlich wollte er am nächsten Morgen in Bellandale ein Auto mieten. Er brauchte einen fahrbaren Untersatz, damit er bis zur Hochzeit nicht wie bestellt und nicht abgeholt in der Pension herumhängen musste.

Entschlossen schüttelte er sein Kopfkissen auf, legte sich wieder hin und schloss die Augen.

Warum steht da ein Motorrad in meiner Einfahrt?

Evie bestaunte die große Maschine vor ihrem Atelier, die bestimmt einen Höllenlärm machte. Als sie nach oben ging und zwei Helme auf dem Küchentisch liegen sah, wurde ihr klar, zu wem sie gehörte. Über einen Stuhl war eine Lederjacke gehängt.

Kurz darauf erschien Scott auf der Bildfläche. Heute trug er ein hellgelbes T-Shirt und lange dunkelblaue Shorts aus einem besonders schnell trocknenden Stoff, wie man sie zum Schwimmen anzog. Turnschuhe, Hut und eine Sonnenbrille vervollständigten seinen Surferlook.

„Brauchst du noch lange, um dich fertig zu machen?“

Evie ließ die Einkaufstaschen auf die Bank fallen. „Nein, ganz und gar nicht. Hübsches Bike. Gehört es dir?“

Scott nickte lächelnd. „Zumindest in den kommenden drei Wochen. Ich habe schon angerufen, wir können im Surfclub ein Board ausleihen.“ Er musterte sie von oben bis unten. „Du solltest dich umziehen.“

Evie packte die verderblichen Lebensmittel in den Kühlschrank und zog sich zurück. In ihrem Zimmer saß sie auf der Bettkante und fragte sich, wohin ihre Vernunft verschwunden war.

Windsurfen mit Scott … Sie glaubte, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben. In der letzten Nacht hatte sie sich immer wieder im Bett herumgeworfen und sich gefragt, warum sie sich ihm derart geöffnet und so persönlich mit ihm gesprochen hatte. Evie sprach nie über sich selbst und ließ niemanden an sich heran. Doch Scott gegenüber hatte sie offen ihre Gefühle geäußert – über Gordon und über sich selbst.

Evie stand auf und griff nach Shorts und einem Top, um darunter ihren schlichten Badeanzug zu verstecken. Sie zog sich um, machte sich einen Pferdeschwanz, cremte sich mit Sonnenmilch ein und nahm ihre Schildkappe mit.

Zurück in der Küche war Scott nirgends zu sehen. Dann hörte sie den unverkennbar satten Sound einer Harley-Davidson. Sie holte noch ein paar Strandtücher aus dem Schrank im Flur und ging nach draußen. Evie folgte dem Motorengeräusch, sah Scott an die Maschine gelehnt dastehen und ging zum Angriff über.

„Auf kei-nen Fall! Nie-mals!“, protestierte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

Er hielt ihr einen Helm hin. „Wir müssen nur die Straße runter. Dir kann gar nichts passieren.“

Evie sah Scott an, dann das Motorrad. „Ich werde trotzdem nicht …“

„Na, komm schon“, forderte er sie heraus, nahm ihr die Strandtücher ab und legte sie in das Ablagefach der Maschine. „Ich lasse nicht zu, dass dir etwas passiert.“

So, wie er das sagte, wäre sie sogar ohne Sicherung auf einen Berg gestiegen, solange Scott Jones bei ihr geblieben wäre. Sie rührte sich nicht, als er ihr den Helm aufsetzte. Das war ihre erste Fahrt mit einem Motorrad, und obwohl sie nur eine kurze Strecke fuhren, spürte Evie die Aufregung bis in die Zehenspitzen. Sie klammerte sich an seine Taille und fühlte die festen Muskeln, nur eine dünne Baumwollschicht trennte ihre Hände von seinem Bauch. Wie gern hätte sie die Finger bewegt, um ihn richtig zu spüren. Doch das tat sie nicht, denn so etwas erlaubte sich die vernünftige Evie nicht.

Am Surfclub angekommen, stellte Scott die Harley ab und hielt Evie die Hand, während sie abstieg.

„Heute ist ein guter Tag. Hoffen wir, dass der Wind anhält. Dann mal los!“ Er zog sie am Arm in Richtung Clubhaus.

Der Surfclub wurde gerade intensiv renoviert. An der Front zog sich ein Baugerüst entlang, und weite Teile des Erdgeschosses waren entkernt worden, um eine Komplettsanierung zu ermöglichen. Doch vorne lag ein kleines Büro. Am Schreibtisch saß ein ehrenamtlicher Rettungsschwimmer, und schon nach zehn Minuten hatten sie ihr Surfbrett samt Rettungswesten und machten sich auf den Weg zum Strand.

„Das ist ein toller Surfspot.“ Scott stellte das Surfbrett auf den Sand und zog die Schuhe aus. Evie tat es ihm gleich und traute ihren Augen nicht, als er sich das T-Shirt über den Kopf zog und auf den Boden fallen ließ.

Er hatte einen wahnsinnig tollen Oberkörper und eine muskulöse Brust, von der Evie den Blick nicht abwenden konnte. Glatte gebräunte Haut bedeckte feste trainierte Muskeln. Makellose Brustmuskeln, Bizepse, Bauchmuskeln … er hatte alles. Und sie schaute ihn noch immer an, war fasziniert von seiner Schönheit und überwältigt von diesem perfekten Körper. In ihren Fingerspitzen kribbelte es, sie wollte ihn berühren, diese glatte Brust streicheln und mit den Händen tiefer gehen, seine wahnsinnigen Bauchmuskeln entlang und noch tiefer, bis …

„Evie?!“

Scotts Stimme riss sie aus ihrem Tagtraum. Ihr war klar, dass ihre Wangen glühten. Er lächelte, und sie wollte am liebsten im Boden versinken. „Ich … bin so weit.“ Ihre Stimme zitterte.

„Ohne die Klamotten geht es besser“, riet er ihr und griff nach einer Schwimmweste. „Und du musst die hier anziehen.“ Er legte die Weste neben ihr auf den Boden.

Evie schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht …“

„Vertrau mir“, sagte Scott, ganz schlicht, ganz leise, und Evie gab ihren Widerstand auf. Langsam zog sie sich das T-Shirt über den Kopf. Scott beschäftigte sich mit dem Segel und schenkte ihrem unerotischen Striptease keinerlei Beachtung. Einerseits war das eine Erleichterung, gleichzeitig auch eine Demütigung. Ihn hatte sie begafft, als hätte sie nach dem Anblick eines Mannes gedürstet, doch er schien keinerlei Interesse zu zeigen, ihr dabei zuzusehen, wie sie ihr T-Shirt auszog.

Evie war keine fünfundzwanzig mehr. Sie hatte den Körper einer sechsunddreißigjährigen Frau, die ein Kind geboren hatte und bei der man jedes einzelne der sechsunddreißig Jahre sah und vor allem fühlte, als sie den gut aussehenden Mann neben sich betrachtete.

„Bist du so weit?“ Scott schaute sie noch immer nicht an.

Warum habe ich mich überhaupt hierauf eingelassen? Sand, kristallklares Wasser, sexy geschnittene Badeanzüge … Damit beschwor sie Unheil herauf. „Ja, natürlich.“ Sie schob ihre Flipflops zur Seite, wand sich möglichst unspektakulär aus den Shorts und zog sich schnell die Schwimmweste an.

„Dann mal los.“ Scott hob noch immer nicht seinen Blick.

Scham verwandelte sich langsam, aber sicher in Empörung. Na gut, mit ihrem Körper würde sie auf dem Laufsteg keine Preise mehr gewinnen – aber so hässlich war er nun auch nicht.

Schau mich an. Beinahe hätte Evie die Worte ausgesprochen. Schau mich an oder …

Scott drehte sich um, hielt inne und richtete sich auf. Und dann schaute er sie an. Mit demselben Blick wie am Vortag im Wohnzimmer – lange, mit Muße und voller Bewunderung. Einen verrückten Augenblick lang vergaß Evie alles, was sie als Makel empfand. Ihr einfacher Badeanzug fühlte sich plötzlich wie die verführerischsten Dessous der Welt an.

Zwischen ihnen knisterte es. Evie spürte ein Kribbeln auf der Haut, ihre Brüste wurden schwer und empfindlich, sie drückten gegen die Schwimmweste. Ihr schien es, als führte ihr Körper plötzlich ein Eigenleben und würde sie verraten und sie gehörig auslachen.

„Na, komm schon.“ Scott konzentrierte sich wieder auf das Surfbrett und zwang Evie dazu, ihre Gedanken wieder auf etwas anderes zu richten als auf einen leidenschaftlichen Kuss mit diesem Mann. „Wir wollen doch den Wind nicht verpassen.“

Evie folgte ihm bis ans Wasser. Er hatte absolut recht, heute war ein guter Tag. Der Wind wehte kräftig, aber das Wasser war angenehm warm.

Scott erklärte ihr Brett und Segel und wie sie sich hinstellen musste, und Evie war sich seiner Nähe schmerzlich bewusst. Er war ein guter Lehrer. Sie spürte ihn hinter sich, und jedes Mal, wenn sie das Segel bewegte, um den Wind einzufangen, berührten sich ihre Arme, und sie spürte seine Brust im Rücken, da er sie auf dem schmalen Brett stützte.

Er ist wirklich etwas Besonderes! In ihrem Kopf neckte sie die Stimme, die sie seit zwei Tagen immer wieder nervte. Evie schwankte und verlor das Gleichgewicht. Schnell hielt Scott sie noch fester und richtete das Segel wieder auf.

„Konzentrier dich“, sagte er ihr ins Ohr, und Evie spürte seinen warmen Atem auf der Haut. Trotz der heißen Sonne erschauerte sie. „Und entspann dich.“

„Das versuche ich.“ Sie wusste, dass sie sich in seinen Armen nicht entspannen konnte.

Plötzlich war sein Körper ihr noch näher, seine Umarmung fester, intimer, und Evie lehnte sich an seine starke Brust. In Scotts Armen fühlte sie sich wie in einem Sicherheitsnetz, er legte die Hände am Gabelbaum auf ihre, während das Board über das Wasser glitt. Sie spürte seine Schenkel am Po, und tief in ihrem Inneren zuckte es vor Lust. Ihre lange vernachlässigte Libido erwachte und brachte ihr Blut zum Kochen.

Und als Scott sie so festhielt, war es plötzlich mehr als nur Begehren, mehr als ein unerwartetes Erwachen ihres Körpers. Ihr Herz klopfte wie wild, und ihr wurde beinahe schwindelig. Sie lehnte sich noch weiter zurück, spürte sein Kinn an den Haaren und wie er sich plötzlich anspannte. Wer muss sich jetzt entspannen, hm?

Eine halbe Stunde später lenkte Scott das Surfbrett an den Strand, und sie stiegen ab.

„Unglaublich!“, kommentierte Evie atemlos, während Scott das Brett aus dem Wasser zog. „Ich kann gar nicht glauben, wie viel Spaß das gemacht hat.“

„Wer von uns beiden ist jetzt der Adrenalinjunkie?!“ Er griff nach einem Strandtuch.

Lächelnd trocknete Evie sich ab. „Wer hätte das gedacht?“

„Ich glaube, Evie, selbst wenn man dich ein Leben lang kennt, überraschst du einen noch immer.“

Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch. Oh Gott, ich habe echt ein Problem.

Kurz danach hatten sie sich wieder angezogen und brachten die Ausrüstung zurück zum Surfclub. Sie folgte Scott zum Motorrad und wartete, während er die Strandtücher unter dem Sitz verstaute.

Scott rührte sich nicht, als Evie hinter ihm Platz nahm und ihm die Hände auf die Taille legte. Doch er fühlte ihre Berührung so heiß, als würde sie ihn mit den Fingern verbrennen.

Er holte tief Luft und startete die Maschine. Je schneller sie nach Hause fuhren, desto besser. Und sie würden nicht noch einmal surfen gehen. Kein Hautkontakt mehr. Keine Gelegenheiten mehr, bei denen er Mühe hatte, die Hände bei sich zu behalten. Und garantiert keine Ausflüge, wenn sie diesen verdammt verführerischen Badeanzug trug, der gerade genug zeigte, um Scott nahezu wahnsinnig zu machen.

Am Haus angekommen, hörte Scott, wie sie sich leise bei ihm bedankte. Dann ging sie schnell weg, und das war ihm recht. Er blieb noch eine Weile draußen und dachte nach. Vielleicht wäre ein Hotel eine gute Idee. Zumindest wäre er dann in sicherer Entfernung von der verführerischen Evie Dunn.

Scott ging im Garten spazieren und versuchte, seinen Körper unter Kontrolle zu bringen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich zuletzt so gefühlt hatte, wenn überhaupt. Zumindest hatte es ihn völlig überrumpelt. Er begehrte etwas – jemanden und konnte sie nicht haben. Und das passte ihm ganz und gar nicht.

Eine Weile ging Scott durch den Garten und betrachtete alles sehr genau. Okay, Gärten waren überhaupt nicht sein Fachgebiet, aber Evie liebte sie offenbar. Das erkannte er an der wunderbaren Zusammenstellung von Grünpflanzen und Blumen, die entlang der Wege gepflanzt waren und die kleinen Felsmauern hochrankten. In der Gartenmitte stand ein kleiner Wunschbrunnen. Daneben lud ein altes Holzschild die Besucher dazu ein, sich etwas zu wünschen und eine Münze hineinzuwerfen.

„Das spende ich alles der Wohlfahrt.“

Blitzschnell drehte Scott sich um. Evie hatte sich wie eine Katze von hinten angeschlichen. Und sie hatte sich umgezogen. Der lange Rock umschmeichelte ihre Beine verführerisch, als sie sich Scott näherte. Und die Haare ließ sie locker herunterhängen, was die wunderbare Farbe ihrer Augen und den perfekt geformten Mund betonte. Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden.

„Wie bitte?!“, hörte Scott sich selbst sagen und fragte sich, warum sie ihm in den Garten gefolgt war.

Evie zeigte auf den Brunnen. „Das Geld für die Wünsche. Ich hole es einmal im Jahr heraus und spende es der Wohlfahrt.“

„Also bereicherst du dich nicht daran?“

Sie lächelte. „Ganz und gar nicht. Die Leute scheinen nicht mehr an Wünsche zu glauben.“

Scott verschränkte die Arme vor der Brust. „Und du?“ Auf einmal wurde ihm heiß und er verkrampfte sich, denn er musste die ganze Zeit an ihren Mund denken, den er so gerne küssen wollte.

„Ob ich an Wünsche glaube?“ Evie trat noch einen Schritt näher an den Brunnen und schaute hinein. „Ich weiß nicht genau. Das wäre wahrscheinlich so, als würde ich sagen, dass ich an Magie glaube.“

In Evies Nähe wurde Scott von den unterschiedlichsten Gefühlen überrollt. Einige waren romantisch, fast schon sentimental. Er schaute Evie an und spürte, wie ihre Ausstrahlung ihn erfasste. Was auch immer das war, ganz sicher spürte sie die Schwingungen ebenfalls.

Plötzlich stand Evie direkt vor ihm. Sie schaute Scott an, als wollte sie etwas sagen, hielt aber inne. Dann sah sie zu ihm auf. Das war sein Zeichen. Er legte die Arme um sie, und nach einem Hauch von Widerstand legte sie ihm die Hände auf die Brust.

Und weil Scott wusste, dass es in diesem Augenblick für sie beide das einzig Richtige war, holte er tief Luft und küsste Evie auf ihren wundervollen Mund.

5. KAPITEL

Irgendwann würde die Vernunft Evie dazu bringen, Scott Jones nicht länger zu küssen, oder ihn dazu, sie nicht länger zu küssen. Egal wie, sie mussten aufhören. Solche Küsse gehörten in die Märchenwelt oder in Kitschfilme. Von solchen Küssen schwärmte ihre Freundin Fiona und forderte, dass man auf sie warten sollte.

Ja, es hatte sich wirklich gelohnt, auf einen Kuss von Scott zu warten. Als er ihn vertiefte, erschauerte Evie am ganzen Körper. Dieser Mann konnte wirklich küssen.

Aber wir müssen trotzdem aufhören …

Doch als er sie an den Hüften packte und sie noch enger an sich zog, konnte Evie nicht mehr klar denken. Sie spürte seinen Atem, seine Lippen, seine Zunge und erwiderte den Kuss. Zuerst unwillig, sodass sie kaum den Mund öffnete. Sie ließ ihn machen und fühlte zum ersten Mal seit Ewigkeiten etwas. Da könnte keine Frau widerstehen! neckte sie eine Stimme im Hinterkopf. Keine Frau aus Fleisch und Blut würde es überhaupt wollen.

Schnell wurde Evie klar, durchaus eine Frau aus Fleisch und Blut zu sein und Scott gern zu küssen. Sie mochte es so sehr, dass ihre Haut glühte und sie die Hitze im ganzen Körper spürte. Leidenschaft … Wieder meldete sich die Stimme in ihrem Hinterkopf. Darum ging es hier. Begehren, Verlangen, Sex.

Sex ohne Liebe? Konnte sie das überhaupt? Jemanden lieben, den sie gar nicht liebte? Evie wusste, dafür nicht geschaffen zu sein – egal, wie wunderbar sein Mund sich anfühlte.

Anscheinend hatte Scott ihre wachsenden Zweifel gespürt, denn er beendete den Kuss und ließ sie sanft los. „Wahrscheinlich denkst du jetzt, dass das keine gute Idee ist?!“

Evie errötete. „Was denkst du?“

„Es ist nur ein Kuss.“

„So unüberlegt handle ich sonst nicht.“ Evie warf einen Blick in Richtung Haus. Sie wollte auf keinen Fall dabei ertappt werden, wie sie mit Scott herumknutschte. „Wie auch immer.“ Sie atmete tief durch und versuchte, sich unter Kontrolle zu bringen. „Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass Callie angerufen hat. Sie erwartet dich heute Abend um sechs Uhr.“

Scott nickte. „Sie hat mich zum Abendessen bei ihnen eingeladen. Möchtest du mitkommen?“

Schnell schaltete sich die vernünftige Evie ein. Gott sei Dank. Sonst hätte sie vielleicht zugesagt. „Ich unterrichte heute Abend.“

„Da habe ich wohl Pech gehabt.“

Sie hatte Herzklopfen und stolperte über ihre Worte. „Na gut, also, dann bis später.“ Dann drehte sie sich um und ergriff die Flucht.

In den nächsten Stunden vergrub Evie sich in ihrem Atelier, denn normalerweise konnte sie dort zur Ruhe kommen. Doch diesmal war sie so abgelenkt, dass diese Ruhe sich partout nicht einstellen wollte. Sie dachte die ganze Zeit nur an Scott. Lange Zeit hatte sie vergessen, wie gut es sich anfühlte, jemanden zu küssen, und wie sehr sie es vermisst hatte zu kuscheln. Sie hatte vergessen, wie gut es sich anfühlte, von jemandem im Arm gehalten zu werden – starke Arme und breite Schultern. Alles hatte sie vergessen.

Der Kuss von Scott hatte sich gut angefühlt, viel zu vertraut. Doch daraus würde nichts werden. Evie stürzte sich also in die Arbeit, um die Zeit bis zu ihrem Kunstkurs zu überbrücken. Sie hatte fünf regelmäßig kommende Schüler, darunter auch ihre gute Freundin Fiona Walsh. Als alle angekommen waren, konnte sie sich endlich darauf konzentrieren, den Frauen beizubringen, wie man einer Leinwand mit Farben Struktur verlieh.

Später, nachdem alle gegangen waren, probierte Evie sich an einer Staffelei aus. Sie spielte mit Aquarellfarben herum, entspannte sich ein wenig und versuchte eine Zeit lang, sich im kreativen Schaffen zu verlieren. Doch sobald sie den Klang von Scotts Motorrad in der Einfahrt hörte, verspannte sie sich wieder. Kurz darauf klopfte es an der Tür. Da sie nur ein Fliegengitter trennte, wusste Evie, sich sowieso nicht verstecken zu können, und bat Scott herein.

„Störe ich dich bei der Arbeit?“

Evie senkte den Pinsel und rutschte an die Hockerkante. „Ganz und gar nicht. Ich spiele nur ein wenig mit den Farben herum, ich arbeite an nichts Konkretem.“ Dann stand sie auf und wischte sich die Hände auf der mit Farbklecksen übersäten Hose ab. „Wie war denn dein Abend?“

Scott legte Helm und Schlüssel auf die Bank an der Tür und ging einige Schritte auf sie zu. „Schön.“ Er lächelte. „Noah ist es sogar egal, dass Callie nicht kochen kann.“

Evie nickte. „Ja, die beiden sind wirklich sehr glücklich miteinander. Und mein Bruder ist schon ein guter Mann. Er wird sie gut behandeln.“

Scott runzelte die Stirn. „Ich habe nie etwas anderes behauptet.“

„Tut mir leid, die Macht der Gewohnheit – manchmal will ich meine Familie anscheinend zu sehr beschützen.“

„Dafür musst du dich nicht entschuldigen.“ Geschickt nahm er sich einen Hocker und stellte ihn vor die Wand, bevor er sich setzte. „Ich persönlich finde das echt süß.“

Evie spürte die Intimität in seinen Worten und wusste, dass er sie bewusst provozierte. Jung und draufgängerisch. Oder einfach der klassisch männliche Egoismus.

„Evie … Du bist sehr talentiert.“

Diesen Ausspruch hatte sie nicht erwartet. Scott schaute an ihr vorbei auf die vielen Bilder, die im Raum hingen. Auch ein Kunstinteresse hatte sie nicht angenommen. „Vielen Dank.“

Er ging an den Staffeleien vorbei. „Verkaufst du viele deiner Arbeiten?“

„Eigentlich nicht.“

„Warum nicht?“ Scott blieb vor drei Landschaftsaquarellen stehen, die an der Wand hingen. „Diese hier sind wirklich erstklassig.“

Evie ging ihm hinterher. „Interessierst du dich für Kunst?“

„Ich weiß, was mir gefällt, bin aber kein Fachmann. Du hast eine außergewöhnliche Gabe.“

Eine Gabe? Wie lange war es her, dass ihr das jemand gesagt hatte. Gordon hatte dies bemerkt, doch dies gehörte in ein anderes Leben. Gordon war ihr größter Unterstützer gewesen und hatte sie auf vielen Ebenen inspiriert. Er hatte Evie aufgefordert, härter an sich zu arbeiten und jedes Mal ihr Bestes zu geben versuchen, wenn sie vor der Leinwand stand. Doch bei seinem Tod war auch etwas in ihr gestorben.

„Ich komme nicht mehr so oft zum Malen wie früher.“

„Warum?“

Autor

Helen Lacey

Als Helen Lacey ein kleines Mädchen war, gehörten „Black Beauty“ und „Unsere kleine Farm“ zu ihren Lieblingsbüchern. Diese Klassiker haben sie im Alter von sieben Jahren dazu inspiriert, ihr erstes Buch zu schreiben – eine Geschichte über ein Mädchen und sein Pferd.

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