Bianca Gold Band 26

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DER MILLIARDÄR UND DAS KINDERMÄDCHEN
von GREEN, CRYSTAL

Witwer Zane Foley ist verwirrt: Die hübsche Nanny Melanie verzaubert nicht nur seine Tochter Livie, sondern vor allem ihn selbst. Doch eigentlich hat Zane der Liebe abgeschworen. Eine neue Beziehung kommt für ihn nicht infrage! Wird er Melanies Charme widerstehen können?

EINE NANNY ZUM KÜSSEN
von ADAMS, JENNIE

"Kein Problem!" Gern hilft Phoebe Unternehmer Max Saunders aus der Klemme und betreut seine vierjährigen Zwillinge. Dumm nur, dass der attraktive Junggeselle nach und nach immer stärkere Gefühle in Phoebe weckt! Denn eins ist klar: Max ist und bleibt überzeugter Single!

KELLY UND DER MILLIONÄR
von GOODNIGHT, LINDA

Millionär Ryan Storm hat alles im Griff - bis auf seine sechsjährige Tochter Mariah! Doch Hilfe naht: in Person von Kindermädchen Kelly. Innerhalb kürzester Zeit verdreht die hübsche Brünette Ryan den Kopf. Aber darf er hoffen? Schließlich scheint Kellys Herz vergeben …

  • Erscheinungstag 27.03.2015
  • Bandnummer 0026
  • ISBN / Artikelnummer 9783733730444
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Crystal Green, Jennie Adams, Linda Goodnight

BIANCA GOLD BAND 26

Die Nanny und der Millionär

CRYSTAL GREEN

Der Milliardär und das Kindermädchen

Arroganter Kerl! Wenig begeistert tritt Nanny Melanie den neuen Job bei Zane Foley an. Liebevoll kümmert sie sich um seine kleine Tochter – und merkt schon bald: Hinter der kühlen Fassade des Milliardärs schlägt ein leidenschaftliches Herz! Immer stärker fühlt Melanie sich zu Zane hingezogen. Aber wie soll sie ihm die Sünden aus ihrer Vergangenheit beichten?

JENNIE ADAMS

Eine Nanny zum Küssen

Plötzlich Vater von vierjährigen Zwillingen? Max Saunders ist schockiert! Schnell muss ein Kindermädchen her – aber bitte nicht Phoebe, mit der er sich in den Haaren liegt, seit er denken kann. Doch Max hat keine Wahl, die Zeit drängt. Phoebe zieht bei ihm ein, und Max erkennt: Was sich neckt, das liebt sich! Darum unterbreitet er Phoebe ein gewagtes Angebot …

LINDA GOODNIGHT

Kelly und der Millionär

„Ihre Tochter braucht Sie!“ Kindermädchen Kelly ist verzweifelt: Ihr Boss Ryan Storm lebt nur für seine Arbeit. Da hat Kelly eine Idee: allabendliche Vorlese- und Kuschelstunden. Plötzlich scheint der Workaholic wie verwandelt! In vollen Zügen genießt Kelly die neue Dreisamkeit und beginnt zu träumen. Doch für eine neue Liebe scheint Ryan noch nicht bereit!

1. KAPITEL

Wenn Melanie Grandy den Internet-Artikeln glauben konnte, die sie über ihren zukünftigen Arbeitgeber gelesen hatte, dann war Zane Foley ein knallharter Unternehmertyp. Der härteste in ganz Texas.

Gleichzeitig war Foley laut besagten Artikeln ein ziemlich geheimnisvoller Mensch, der dafür sorgte, dass nichts aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit drang.

Dafür hatte Melanie mehr Verständnis als jeder andere.

Vom Kopfende eines langen Mahagonitisches aus beobachtete sie den erfolgreichen Geschäftsmann dabei, wie er durch ihre Bewerbungsmappe blätterte. Dabei schritt er gemächlich über das Wohnzimmerparkett seiner Stadtvilla in Dallas.

Ich darf ihn nicht ständig anstarren, ermahnte sich Melanie.

Leicht fiel ihr das allerdings nicht …

Das dunkelbraune Haar ließ er offenbar in einem teuren Salon stylen. Der Schnitt saß perfekt, bloß im Nacken standen ein paar störrische Strähnen hoch. Wahrscheinlich wusste er nichts davon, denn sonst hätte er sie längst geglättet.

Zane Foley war ausgesprochen groß und breitschultrig. Er hatte eine schmale Taille und lange Beine. Melanie wusste nicht, was er in seiner Freizeit für Sport trieb, konnte sich ihn aber gut im Sattel vorstellen.

Eigentlich kannte er ihre Bewerbungsmappe längst: Als Melanie sich vor zwei Tagen bei ihm vorgestellt hatte, hatte er ihren Lebenslauf bereits genauestens unter die Lupe genommen. Warum ging er also jetzt noch mal alles durch? Wollte er sie etwa einschüchtern?

Am anderen Ende des Raumes blieb er stehen und blickte sie an. Die Maisonne fiel durch das Buntglasfenster und zauberte sanfte Farbreflexe auf sein weißes, höchstwahrscheinlich maßgeschneidertes Hemd. Da stand er, mitten zwischen den dunklen Ledermöbeln, die dem Raum ein düsteres Ambiente verliehen.

Melanie fühlte sich ertappt, als Zane Foley ihr direkt ins Gesicht sah und mit seinen haselnussbraunen Augen fixierte. Trotzdem wich sie seinem Blick nicht aus. Sie wollte ihm beweisen, wie standhaft sie war. So standhaft, dass sie allen Herausforderungen gewachsen wäre, wenn er sie als Nanny für seine sechsjährige Tochter Olivia einstellte. Melanie hatte die Kleine beim ersten Vorstellungsgespräch bereits kurz kennengelernt und sofort ins Herz geschlossen.

Sie zwang sich, ruhig und gleichmäßig zu atmen, bis Zane Foley sich wieder ihrer Bewerbungsmappe zuwandte.

„Aha, aus Oklahoma kommen Sie also“, sagte er plötzlich mit tiefer, klangvoller Stimme.

Ein Schauer durchlief Melanie. Es fühlte sich an, als hätte er direkt neben ihr gestanden und ihr die Worte ins Ohr geraunt. Sie bemühte sich, möglichst ruhig zu sprechen, damit er ihr die Erregung nicht anmerkte. „Ja, ich bin sozusagen am Stadtrand von Tulsa aufgewachsen.“

Eigentlich hatten sie auch darüber bei ihrem ersten Termin gesprochen, und wahrscheinlich hatte Foley in den letzten zwei Tagen ihre früheren Arbeitgeber kontaktiert. Zuletzt war sie für eine Geschäftspartnerin von ihm tätig gewesen, mit der er eng zusammenarbeitete, und deren Urteil er sehr vertraute. Wahrscheinlich hatte Melanie überhaupt nur deswegen einen Fuß in die Tür bekommen.

Warum schaute er sich eigentlich gerade ihre ganze Bewerbungsmappe noch einmal an? Wollte er sie damit etwa verunsichern? Hoffte er darauf, dass sie vor lauter Nervosität ihr dunkles Geheimnis verriet?

Weil er zu ihrer Erklärung, wo sie aufgewachsen war, nichts sagte, sprach sie weiter: „Zuerst waren wir bloß zu zweit, meine Mutter und ich. Während ich im Kindergarten war, hat sie die Buchhaltung für einen kleinen Betrieb erledigt. Sobald ich etwas älter war, habe ich mich nach der Schule immer um den Haushalt gekümmert.“

Dabei verschwieg Melanie ihm, dass es sich bei dem „kleinen Betrieb“ um eine schmierige Gaststätte handelte, in der ihre Mutter hauptsächlich als Kellnerin gearbeitet hatte. Zwischendurch hatte Leigh Grandy immer mal wieder einen „guten Freund“ zum „Übernachten“ nach Hause gebracht. Wahrscheinlich war Melanie selbst auch auf diese Art entstanden, aber das wusste sie nicht genau, denn ihren Vater hatte sie nie kennengelernt.

Langsam kam Zane Foley auf den langen Mahagonitisch zu, an dem Melanie saß. Am gegenüberliegenden Ende blieb er stehen und legte ihre Bewerbungsmappe auf die Tischplatte.

Dieser Mann sah aber auch wirklich zu gut aus! Wenn sie ihn genauer betrachtete, wurde ihr ganz flau im Magen. Sie musste sich dazu zwingen, sich wieder auf ihre Bewerbungssituation zu konzentrieren. Und darauf, was es bedeuten würde, wenn er sie einstellte: Dann wäre er nämlich ihr Chef und sie die Nanny, Punkt. Und dass er sie einstellte, war noch gar nicht gesagt.

„An Ihrem Lebenslauf sehe ich, dass Sie schon sehr früh mit Kindern gearbeitet haben. Inwiefern haben denn Ihre Geschwister Ihre Berufswahl beeinflusst?“

„Eigentlich waren das meine Stiefgeschwister.“

„Oh, dann habe ich mich wohl verlesen.“

Melanie lächelte, aber Zane Foleys Miene blieb ernst. Bei ihm schien das normal zu sein.

„Als ich fünfzehn war, heiratete meine Mutter einen Mann, von dem sie behauptete, er sei ihre ‚wahre Liebe‘“, erklärte sie. Kaum zu glauben, dass Leigh Grandy sich schließlich dauerhaft auf eine ihrer Männerbekanntschaften festgelegt hatte … und noch viel erstaunlicher war es, dass diese Ehe bis heute noch nicht geschieden war.

„Der Mann hatte vier Kinder. Die beiden Mädchen waren ein ganzes Stück jünger als ich“, fuhr Melanie fort. „Also habe ich auf sie aufgepasst und nebenbei weiter die Hausarbeit erledigt. Dann gab es noch zwei Söhne, Zwillinge, die waren aber ständig unterwegs und bei irgendwelchen Sportveranstaltungen.“

„Die Mädchen waren jünger, und es gab zwei Söhne?“, wiederholte Zane Foley und zog eine Augenbraue hoch.

Melanie umklammerte die Tischplatte, bis ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Inzwischen hatte sich ihr potenzieller Arbeitgeber ihr gegenüber an das andere Ende in einen Ledersessel gesetzt und die Finger verschränkt. Er wirkte wie ein Staatsanwalt beim Kreuzverhör.

Ich will diesen Job haben, dachte sie. Ich brauche diesen Job. Bitte!

Fast ihre ganzen Ersparnisse hatte sie dafür ausgegeben, um zum Vorstellungsgespräch nach Dallas fliegen zu können.

„Würden Sie mir bitte erklären, woran das liegt?“, hakte er nach. „Warum sprechen Sie von Ihren Stiefgeschwistern in der Vergangenheitsform?“

Melanie zwang sich zu einem Lächeln. „Das war wohl eher ein Versehen“, erklärte sie. „Natürlich haben wir immer noch Kontakt.“ Sofern man ein paar kurze E-Mails als „Kontakt“ bezeichnen konnte … Nur ihre Mutter rief ziemlich häufig bei ihr an – um sich Geld von ihr zu leihen.

Seit der Hochzeit ihrer Mutter hatte Melanie nur noch eine unbedeutende Nebenrolle in der Familie gespielt. Ihr Stiefvater hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm seine eigenen Kinder viel lieber waren. In seinen Augen war Melanie bloß die „uneheliche Tochter seiner Frau“. Alle damit verbundenen negativen Gefühle bekam sie ab, nicht Leigh.

Darüber hatte Melanie sogar einmal mit ihrer Mutter gesprochen – in der Hoffnung, dass Leigh wiederum mit ihrem Mann reden und sich die Situation für alle verbessern würde. Aber da hatte sich Melanie gründlich getäuscht: Ihre Mutter hatte sehr ärgerlich reagiert und ihr vorgeworfen, sie würde ihr bloß alles kaputt machen wollen. Ausgerechnet jetzt, wo sie endlich glücklich war.

Melanie hatte sich damals verraten und verletzt gefühlt. Und ihr war schmerzhaft bewusst geworden, dass Leigh ihre Männerbekanntschaften immer wichtiger sein würden als ihre eigene Tochter. Dabei hatte sie sich immer so angestrengt, ihrer Mutter alles recht zu machen, und dabei gehofft, dass diese Melanie dafür umso mehr lieben würde.

Sie verdrängte die schlimmen Erinnerungen. „Ich habe als Teenager mehrere Kurse zum Thema Kinderbetreuung belegt“, erklärte sie Zane Foley. „Und dann habe ich als Babysitter gearbeitet. Meistens am Wochenende, aber oft auch in der Woche, wenn ich das mit der Schule vereinbaren konnte.“

„Das scheint Ihnen nicht besonders schwergefallen zu sein, wenn ich mir Ihre ausgezeichneten Zeugnisse ansehe.“

„Ich habe mir auch alle Mühe gegeben – weil mir klar war, dass ich nur auf diese Weise etwas in meinem Leben erreichen könnte.“

Bestimmt hatte Zane Foley in den letzten Tagen sämtliche Zeugnisse und Referenzen überprüfen lassen, die sie der Bewerbung beigelegt hatte. Blieb nur zu hoffen, dass er bei seinen Nachforschungen nichts von dem einzigen Job erfahren hatte, der nicht im Lebenslauf erwähnt war. Mit diesem speziellen Job hatte Melanie sich damals das College finanziert … und jetzt wollte sie ihn am liebsten vergessen: Damals hatte sie nämlich in einem drittklassigen Casino in Las Vegas getanzt – als Showgirl.

Ganz langsam atmete sie aus und konzentrierte sich darauf, sich bloß mit keinem Wort zu verraten. „Während meiner Schulzeit habe ich neben dem Babysitten auch noch als Kellnerin gearbeitet. Das mit dem Babysitten hat sich schnell in der Nachbarschaft herumgesprochen, weil die Leute wohl zufrieden mit meiner Arbeit waren. Und so habe ich nach und nach immer mehr Aufträge bekommen.“

„Da waren Sie ja sehr engagiert“, warf Zane Foley ein. Bloß um überhaupt etwas zu sagen, oder weil er wirklich beeindruckt war?

Immerhin waren die Foleys berühmt dafür, dass sie nicht davor zurückschreckten, sich die Finger mit harter, ehrlicher Arbeit schmutzig zu machen. Nur so waren sie überhaupt zu ihrem Vermögen gekommen. Vielleicht wusste Zane Foley es ja gerade deswegen zu schätzen, dass sein Kindermädchen die gleichen Qualitäten hatte?

„Ich habe damals jeden einzelnen Dollar gespart“, fuhr sie fort. „Nur für meine vielen Tanzstunden habe ich Geld ausgegeben, weil ich sie dringend gebraucht habe, als Ausgleich.“

„Ich glaube, wir brauchen alle irgendein Ventil“, sagte er geistesabwesend und schaute wieder in ihre Bewerbungsmappe. „Hm … warum sind Sie eigentlich gleich nach der Highschool nach Las Vegas gegangen?“, fragte er dann.

Jetzt wird’s gefährlich, dachte sie. Ihr Nacken kribbelte. „Ich hatte gehört, dass die Stadt wirtschaftlich besonders gut dasteht, das wollte ich für mich nutzen. Also habe ich dort erst mal als Kellnerin in einem Café gearbeitet. So viel Trinkgeld wie in Las Vegas hatte ich bis dahin noch nie!“

Zane Foley schwieg, als erwartete er, dass sie weitererzählte.

Herausfordernd lächelte sie ihn an. „War das bei Ihnen nicht sogar ähnlich, Mr Foley? Sind Sie nicht auch wegen der günstigen Wirtschaftslage dorthin gezogen? Sie haben ja einige Projekte in der Stadt durchgeführt.“

Bildete sie es sich nur ein, oder musste er gerade über ihre Bemerkung grinsen? Bevor sie sich seiner Reaktion sicher sein konnte, schaltete er allerdings schon wieder auf „Mr Wichtig“ und kritzelte ein paar Anmerkungen auf ihre Bewerbungsmappe.

Natürlich hatte sie in Las Vegas nicht nur gekellnert, sondern auch getanzt – und wie! Begonnen hatte alles damit, dass sie eines Abends entdeckt worden war. Sie war mit einigen Mitstudentinnen tanzen gewesen, und dann hatte ihr der Talentscout des Grand Illusion Casino in Las Vegas seine Visitenkarte in die Hand gedrückt.

Auf seinen Vorschlag, doch mal zum Vortanzen vorbeizukommen, war sie zunächst nicht eingegangen. Immerhin verdiente sie als Kellnerin genug zum Leben. Aber dann hatte ihre Mutter sie wieder angeschrieben und um Geld gebeten, und so hatte sie doch Kontakt zu besagtem Talentscout aufgenommen. Das Grand Illusion Casino suchte damals Tänzerinnen für seine kleine, anspruchslose Revue. Dabei handelte es sich um eine etwas schlüpfrige Mischung aus Zaubershow und Musical. Wenigstens waren die Darbietungen nicht völlig geschmacklos: Alle Tänzerinnen durften ihre paillettenbesetzten Oberteile bis zum Schluss anbehalten.

Zunächst hatte Melanie sowieso nicht damit gerechnet, weiter als bis zum Vortanzen zu kommen, aber dann hatte sie alles mit Bravour gemeistert. Die Betreiber des Grand Illusion boten ihr nicht nur ein Engagement bei zufriedenstellender Bezahlung, sondern ließen ihr auch die Möglichkeit offen, sich ein paar Tage in der Woche für Studium und Kellnerjob freizuhalten.

Sobald sie aber ihren Studienabschluss in der Tasche hatte, hängte sie den Revuetanz an den Nagel und nahm ihren ersten Job als Nanny an. Ihre Studienberaterin hatte sie wärmstens einer ihrer Freundinnen empfohlen: Andrea Sandoval baute gerade ein erfolgreiches Unternehmen auf und verdiente damit bereits viel Geld. Als alleinerziehende Mutter brauchte sie allerdings dringend Unterstützung, und die hatte Melanie ihr geboten. Viele Jahre hatte sie für Andrea Sandoval gearbeitet und sich bei ihr außerordentlich wohlgefühlt – bis diese wieder heiratete und beschloss, zu Hause bei ihrem Kind zu bleiben.

Und so hatte Melanie sich mit ihren achtundzwanzig Jahren auf den Weg nach Dallas gemacht, zu Zane Foley: Ihre ehemalige Arbeitgeberin hatte mit ihm eng an einem Bauprojekt in Las Vegas zusammengearbeitet. Sie hatte ihm Melanie empfohlen, als die Nanny seiner Tochter kündigte und er verzweifelt eine neue suchte.

„Andrea Sandoval hat Ihnen ja schon erzählt, dass ich dringend jemanden suche, der sich um meine Tochter kümmert und auch bei ihr wohnt“, erklärte er. „Was ich bisher über Sie gehört habe, klingt ja schon fast zu gut, um wahr zu sein.“

Das Blut schoss Melanie ins Gesicht. Zu gut, um wahr zu sein? Dann hatte er also wirklich Nachforschungen angestellt und mehr über sie herausgefunden? Oder vielleicht doch nicht?

„Na ja, niemand ist perfekt, Mr Foley“, erwiderte sie und wartete kurz, ob er ihr zustimmte und das Thema damit vielleicht abgehakt wäre. Keine Chance. Daher sprach sie weiter: „Andererseits scheinen Sie und Ihre Familie der Perfektion ziemlich nahe zu kommen.“

Er erwiderte ihren Blick nicht. „Wohl kaum.“

„Nicht? Dann würde ich Ihren PR-Leuten aber empfehlen, dieses Image nicht weiter zu verbreiten“, sagte sie leichthin. „Die Presse sieht die Foleys offenbar als Vorzeige-Unternehmerfamilie.“

„Dann haben Sie also Nachforschungen über mich und meine Familie angestellt“, bemerkte er. Er wirkte angespannt.

Was sollte sie dazu sagen? Es war gar nicht schwer gewesen, zumindest etwas über das erfolgreiche Familienunternehmen herauszufinden: Angefangen hatte alles mit ein paar Bohrinseln, und heute herrschten die Foleys über ein umfangreiches Immobilien- und Medienimperium. Auch für wohltätige Zwecke engagierten sie sich beispielhaft, dazu zogen sie in der Politik einige Strippen, und Zanes Bruder Jason erschien häufiger mal in den Klatschblättern. Kurz: Die Presse liebte die Foleys, obwohl Zane sich in der Öffentlichkeit so rar wie möglich machte.

„Natürlich habe ich ein bisschen recherchiert“, gab sie schließlich zu. „Ich wollte mir nämlich ein Bild davon machen, ob Sie zu mir passen würden. Genauso, wie Sie jetzt prüfen, ob ich zu Ihnen passe.“

Spontan strahlte sie ihn an – aber nicht etwa, um ihn für sich einzunehmen, sondern weil sie gerade an seine Tochter denken musste: Olivia hatte große Rehaugen und eine Nase voller Sommersprossen. Das Mädchen und sie hatten sich zwar erst kurz kennengelernt, aber selbst in der kurzen Zeit hatte Melanie gespürt, dass sie zu ihr gehörte. Irgendetwas an Olivia hatte sie tief berührt … vielleicht die Tatsache, dass das Mädchen sie ein bisschen an sie selbst erinnerte: Sie wirkte ähnlich einsam und verloren, wie Melanie sich als Kind oft gefühlt hatte.

Zane Foley erwiderte ihr Lächeln nicht. Er wich ihrem Blick sogar aus. Ein Sonnenstrahl fiel durch das bleiverglaste Fenster und überzog seine markanten Gesichtszüge mit einem rötlichen Schimmer.

Melanie schluckte.

„Sie sind ein optimistischer Mensch. Das gefällt mir“, bemerkte er. „Meiner Tochter Livie gegenüber können Sie eine gute Portion Optimismus nämlich gut gebrauchen. Ich habe Ihnen ja schon bei unserem ersten Gespräch erzählt, dass sie in den letzten sechs Jahren fünf verschiedene Nannys hatte.“

„Ja, daran erinnere ich mich gut“, erwiderte Melanie. Ihre bisherige Chefin hatte ihr auch schon davon erzählt, dass das Mädchen nach dem Tod ihrer Mutter sehr abweisend auf alle Frauen reagierte, die ihr gegenüber in die Mutterrolle schlüpfen wollten. Daher war Melanie darauf gefasst, dass sie keine leichte Aufgabe vor sich hatte. Trotzdem wollte sie die Herausforderung unbedingt annehmen: Sie wollte für das kleine Mädchen da sein – weil sie sich früher auch so sehr jemanden gewünscht hatte, der für sie da gewesen wäre.

„Meine Tochter ist nicht einfach. Das sage ich Ihnen gleich ganz offen“, sagte Zane Foley.

„Darauf bin ich gefasst“, gab Melanie zurück. „Ich gebe nicht so leicht auf.“

„Das haben mir Ihre Vorgängerinnen anfangs auch alle erzählt. Am Ende meinten dann die meisten, es wäre schön, wenn ich mich meiner Familie ähnlich intensiv widmen würde wie meinem Unternehmen.“ Er beugte sich ein Stück vor und fixierte Melanie. „Nur, damit Sie Bescheid wissen: Ich stelle Sie als Nanny an, nicht als Lebensberaterin.“

Sie zwang sich, seinem bohrenden Blick standzuhalten, und wurde dabei das Gefühl nicht los, dass Zane Foley mit seinem überheblichen Auftreten ein sehr verletzliches Innenleben schützte.

„Ich würde mir nie anmaßen, jemandem ungefragt Ratschläge zu geben, Mr Foley“, erwiderte sie seelenruhig.

Er lehnte sich wieder zurück, hörte aber nicht auf, sie zu beobachten.

Melanie spürte seinen Blick am ganzen Körper, sie war wie elektrisiert.

„Mir ist unser Familienunternehmen ausgesprochen wichtig“, führte er aus. „Livie ist meine einzige Tochter. Eines Tages will ich ihr alles hinterlassen, was mir gehört. Und ich wünsche mir, dass sie so viel wie möglich davon hat.“

Das klang ganz so, als wüsste er jetzt schon, dass er nie wieder heiraten und auch keine weiteren Kinder bekommen würde. Melanie erschauerte. „Das wird Ihre Tochter bestimmt zu würdigen wissen“, sagte sie.

„Ich will Ihnen nicht verschweigen, dass es mich sehr viel Zeit und Kraft kostet, mich um unsere Finanzen zu kümmern. Einfach dafür zu sorgen, dass nicht alles wieder den Bach runtergeht. Das führt leider dazu, dass ich nicht so viel Zeit mit meiner Tochter in Austin verbringen kann, wie manche Menschen das vielleicht von mir erwarten.“

„Aha“, erwiderte Melanie. „Ich habe schon gelesen, dass es Rivalitäten zwischen Ihrer Familie und den McCords gibt.“ Dass die Familien seit mehreren Generationen in Feindschaft lebten, war kein Geheimnis.

Zane Foley kniff die Lippen fest zusammen. Offenbar gefiel ihm das Thema überhaupt nicht. „Nun ja, ich habe sehr viele Verpflichtungen. Daher brauche ich jemanden für Livie, auf den ich mich hundertprozentig verlassen kann. Ich suche jemanden, der sich haargenau an meine Vorgaben hält und sie so erzieht, wie ich es für richtig halte.“

Melanie schüttelte sich insgeheim. Ganz schön autoritär! Der Mann tat ja gerade so, als wäre seine Tochter eines seiner vielen Geschäftsprojekte, und nicht etwa ein kleines Mädchen mit eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Livie brauchte viel mehr als strenge Vorgaben; das hatte Melanie bei ihrem ersten kurzen Kennenlernen gleich gespürt.

Sie wollte schon etwas Entsprechendes erwidern, konnte sich aber gerade noch rechtzeitig bremsen. „Verstehe“, sagte sie stattdessen, obwohl sie seine Motive kein bisschen nachvollziehen konnte.

Zane Foley sah sie noch ein letztes Mal mit seinen umwerfenden haselnussbraunen Augen an. Melanie bemühte sich, einigermaßen unbewegt zu wirken – auch wenn ihr dabei ganz flau im Magen wurde.

Schließlich stand er auf. Ihre Bewerbungsmappe ließ er einfach auf dem langen Mahagonitisch liegen.

Melanie stockte der Atem. Und jetzt? fragte sie sich. Habe ich den Job?

Ohne ein weiteres Wort ging er in Richtung Tür. Dann drehte er sich um, sah, dass Melanie noch am Tisch saß, und forderte sie mit einer Geste auf, ihm zu folgen.

Also gut.

Ihre Absätze hallten auf dem Parkettboden wider, während sie hinter Zane Foley den Flur hinunterging.

„Ich erwarte, dass Sie Livie umfangreich unterrichten, auch außerhalb der Schulstunden“, verkündete er mit fester Stimme.

„Das ist überhaupt kein Problem für mich“, sagte sie aufgeregt. Also war er tatsächlich bereit, sie einzustellen! „Mit Miss Sandovals Tochter Toni habe ich mir jeden Tag etwas Neues angeschaut. Das würde ich mit Livie gern genauso machen.“

„Ich habe gelesen, dass Sie viel tanzen. Davon kann Livie wahrscheinlich am stärksten profitieren.“

Melanie stockte der Atem. Doch dann wurde ihr bewusst, dass Zane Foley sich damit wahrscheinlich auf die vielen Kurse bezog, die sie im Lebenslauf erwähnt hatte: vom Jazztanz über Hip-Hop bis hin zu Ballettstunden war alles dabei. „Hatte Livie denn schon mal Tanzunterricht?“, fragte sie.

„Nein, aber sie braucht dringend ein geeignetes Ventil. Das Mädchen steht völlig unter Strom.“

„Ach so.“

„Abgesehen davon hat sie einen festen Zeitplan, an den Sie sich bitte genau halten. Klare Strukturen tun Livie nämlich gut, und Sie selbst können auch davon profitieren.“

Klare Strukturen also. Wenn Melanie sich in seiner perfekt durchgeplanten Stadtvilla umsah, kam ihr langsam der Verdacht, dass Livie in Austin in einer Art goldenem Käfig lebte.

Innerlich kochte sie schon vor Wut, aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Immerhin wollte sie dringend diesen Job haben … und sie brauchte ihn auch.

Zane Foley führte sie in ein kleines Büro, das mit antiken dunklen Holzmöbeln eingerichtet war. Auf einem mit Schnitzereien verzierten Schreibtisch stand ein Laptop. In den Regalen reihten sich in Leder gebundene Bände, die einen leicht muffigen Geruch verströmten.

An der Wand hingen einige große Gemälde. Das größte davon zeigte die ganze Familie Foley: Zanes jüngere Brüder Jason und Travis konnten zu dem Zeitpunkt nicht älter als zehn Jahre gewesen sein. Sie standen neben ihrem Vater, Rex Foley. Der Familienvater lächelte freundlich in den Raum. Seine inzwischen verstorbene Frau Olivia Marie hatte sich bei ihm untergehakt, auch sie lächelte sanft.

Zane Foley stand ein Stück abseits. Der Teenager auf dem Bild wirkte sehr ernst und gleichzeitig überheblich – ähnlich wie der erwachsene Mann, der Melanie eben in das Zimmer geführt hatte.

Als sie sich umdrehte, stieß sie fast mit ihm zusammen. Er stand hinter ihr und betrachtete gerade ein anderes Gemälde: das seiner Tochter Livie.

Das Bild war offenbar ziemlich aktuell. Es zeigte ein süßes kleines Mädchen in einem rosafarbenen Kleid; das wellige dunkle Haar wurde von einem Band aus Spitze zurückgehalten. Sie lächelte schüchtern. Im Arm hielt sie ein Stofflämmchen.

Melanie brauchte nur das Bild zu betrachten, und schon bekam sie eine Gänsehaut. Als sie dann aber Zane ansah, zog sich ihr das Herz zusammen: Sein Blick war voller Liebe …

Doch urplötzlich verdüsterte sich seine Miene: Leid und Angst spiegelten sich darin wider.

Was hatte das eine Gefühl mit dem anderen zu tun?

Wie gebannt betrachtete Zane das Porträt seiner Tochter. Und während er eben in Gedanken noch ganz bei Livie gewesen war, musste er jetzt an einen anderen Menschen denken: nämlich an Danielle.

Sechs Jahre lag der Tod seiner Frau mittlerweile zurück … aber immer, wenn er seine Tochter ansah, hatte er ihr Gesicht wieder vor sich. Immer wieder fragte er sich dabei, ob Livie später genauso werden würde wie ihre Mutter.

Hatte Livie wohl Danielles Veranlagung geerbt, wäre sie später den gleichen manisch-depressiven Stimmungsschwankungen ausgeliefert? Im einen Moment himmelhoch jauchzend, im anderen zu Tode betrübt? Diese sich abwechselnden Extreme hatten sich fast durch ihre ganze Ehe gezogen … bis zu dem einen schrecklichen Tag, an dem Danielle sich das Leben genommen hatte.

Als er sich von dem Bild seiner Tochter abwandte, fiel sein Blick auf die schlanke Gestalt seiner neuen Nanny. Mit ihrem goldblonden, langen Haar und den strahlend blauen Augen wirkte Melanie Grandy wie das genaue Gegenteil von Danielle und Livie. Doch wenn er ihr herzförmiges Gesicht und das schlecht sitzende blaue Kostüm betrachtete, das sie sich wahrscheinlich extra für Vorstellungsgespräche zugelegt hatte, kam sie ihm auf einmal sehr verletzlich vor. Möglicherweise hatte sie also doch einiges mit Danielle gemein …

Wie immer, wenn Melanie sich beobachtet fühlte, hob sie den Kopf. Sie hatten sich zwar bisher nur zweimal kurz gesehen, aber diese Angewohnheit war Zane gleich an ihr aufgefallen. Nein, wahrscheinlich war diese Melanie Grandy doch ganz anders als seine verstorbene Frau. Offenbar ließ sie sich so schnell durch nichts erschüttern, denn sie strahlte einen gewissen Stolz aus, der Zane tief berührte.

Wie ein ungeschliffener Diamant, durchfuhr es ihn.

Aber er konnte sich jetzt unmöglich irgendwelchen Schwärmereien hingeben. Schon gar nicht bei dieser Frau. Melanie Grandy war genau die Nanny, die er für seine Tochter gesucht hatte. Davon war er fest überzeugt. Livie brauchte nämlich jemanden, der sich nicht so schnell aus dem Konzept bringen ließ. Deshalb hatte er Miss Grandy gleich auf die Probe gestellt. Und tatsächlich – die Frau war ihm beeindruckend gelassen begegnet.

Für diese Empfehlung könnte er Andrea Sandoval auf Knien danken – die letzte Nanny hatte sein Anwesen in Austin nämlich Hals über Kopf verlassen.

Er sah noch einmal zu Melanie Grandy … und sofort begann die Luft zwischen ihnen zu knistern. Jedenfalls kam es ihm so vor. Auch die neue Nanny schien davon etwas zu spüren – sie legte ihre Kostümjacke auf einem Tischchen ab, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte wie gebannt auf das Bild seiner Tochter. Ihre Wangen glühten verräterisch.

Zane zwang sich, sich wieder auf den eigentlichen Anlass ihres Treffens zu konzentrieren. Schließlich war er mit Miss Grandy hier, um ihr auf seinem Laptop einen Grundriss des Anwesens in Austin zu zeigen. Er schaltete den Computer ein und sah zu der jungen Frau. Diese betrachtete immer noch das Gemälde.

„Ein wunderhübsches Mädchen“, bemerkte sie, und es klang ehrlich. „Ich freue mich schon auf unseren ersten gemeinsamen Tag. Vielleicht malen wir etwas zusammen. Auf diese Weise kann sie spielerisch ihre Gefühle und Wünsche ausdrücken, ohne sie aussprechen zu müssen.“

Zane lachte leise. „Wenn Sie meinen. Das hat schon mal eine Nanny versucht, und danach war sie stundenlang damit beschäftigt, Livie wieder sauber zu kriegen. Dabei war die Farbe angeblich abwaschbar.“

Er musterte Melanie aufmerksam. Offenbar überlegte sie gerade, ob sie dazu etwas sagen oder lieber schweigen sollte.

Alle anderen Nannys hatten sich bisher immer fürs Schweigen entschieden. Nicht so Miss Grandy.

Zane bewunderte ihren Mut, und gleichzeitig ärgerte er sich über ihre forsche Art.

„Wenn Livie ihren Spaß an der Sache hat, mache ich hinterher gern alles wieder sauber“, sagte sie. „Vielleicht tut es ihr sogar ganz gut, mal aus ihren gewohnten klaren Strukturen auszubrechen?“

Jetzt wurde diese Melanie Grandy ja regelrecht dreist!

Immerhin merkte sie sofort, wie schlecht ihre Bemerkung bei ihm ankam. „Mr Foley, ich wollte damit nicht andeuten, dass ich zu drastischen Maßnahmen greifen will“, sagte sie schnell. „Mir geht es nur darum, Livie näher kennenzulernen.“

Er seufzte innerlich. Irgendwie lief ihr Gespräch gerade ganz anders als geplant. Der Tag, an dem sich seine Tochter von oben bis unten mit Farbe beschmiert hatte, war sowieso eher die Ausnahme als die Regel gewesen: Eigentlich achtete Livie immer darauf, sich gerade nicht schmutzig zu machen. Und zwar von selbst, ganz ohne sein Zutun.

Oder?

Schuldgefühle überkamen Zane – wie so oft, wenn er an Livie dachte … und an seine Vaterrolle. Sofern man überhaupt von einer Vaterrolle sprechen konnte, denn schließlich fühlte er sich dieser Aufgabe kaum gewachsen. Ihm war viel wohler dabei, die Erziehung seiner Tochter anderen Menschen zu überlassen und sich hauptsächlich um das Familienunternehmen zu kümmern: Foley Industries. Schließlich hatte er genug damit zu tun, diese verdammten McCords in ihre Schranken zu verweisen.

Er sah verstohlen zu Melanie, die immer noch lächelnd das Gemälde seiner Tochter betrachtete. Seltsam, dass diese Frau so offen ihre Gefühle für ein Mädchen zeigen konnte, das sie erst einmal kurz kennengelernt hatte!

Auf dem Laptop öffnete er das Verzeichnis, in dem sich die Bilder seines Anwesens Tall Oaks in Austin befanden.

„Miss Grandy?“, sagte er.

Hoffnungsvoll sah sie ihn an.

Die Anstellung bedeutete ihr viel, das spürte er. Aber davon ließ er sich nicht beeinflussen. „Wann können Sie anfangen?“

Sie strahlte über das ganze Gesicht. „Wann wollen Sie mich denn haben, Mr Foley?“

Innerlich zuckte er zusammen. Wenn er ihre Frage rein persönlich verstand, müsste er sagen: Niemals. Obwohl das glatt gelogen wäre …

2. KAPITEL

Kaum hatte Melanie das Jobangebot angenommen, gab es jede Menge Formalitäten zu regeln: Zunächst mussten Zane Foley und sie sich über ihr Gehalt einig werden. Anschließend nahm er sie auf dem Computer mit auf eine virtuelle Tour über sein Anwesen in Austin, wo seine Tochter lebte.

Ich habe es geschafft! dachte Melanie stolz. Ich bin die Nanny der ältesten Tochter des Foley-Imperiums!

Das klang schon mal unheimlich gut. Als Nächstes sollte Foleys Chauffeur sie zu ihrem Motel bringen, wo sie ihre beiden schäbigen Koffer einladen würden, um gleich weiter nach Austin zu Livie zu fahren.

Aber noch war Melanie in Dallas bei Zane Foley, und in diesem Augenblick folgte sie ihm ins Foyer. Vor einer Ledercouch blieben sie stehen. Hier sollte Melanie auf den Chauffeur warten. Über der Couch hing ein Spiegel mit Goldrahmen. Melanie musste sich zwingen, nicht ständig hineinzuschauen, um ihren neuen Arbeitgeber anzusehen. Groß und breitschultrig stand er neben ihr. Nur wenige Zentimeter trennten sie voneinander.

Es kribbelte ihr am ganzen Körper. Am liebsten hätte sie diese wenigen Zentimeter einfach überwunden … Aber das kam für sie nicht infrage. Schließlich hatte sie viel für diesen Job aufgegeben; da konnte sie ihn nicht gleich wieder aufs Spiel setzen.

Also zwang sie sich, Zane Foley nicht mehr im Spiegel anzuschauen: seinen durchtrainierten Körper, seine stolze, aufrechte Haltung …

„Bis Tall Oaks sind Sie etwa dreieinhalb Stunden unterwegs“, sprach er in ihre Gedanken hinein und holte sie damit wieder in die Wirklichkeit zurück – zum Glück! „Bis Sie dort angekommen sind, kann meine Verwalterin Mrs Howe schon mal Ihren Vertrag vorbereiten und ihn zur Unterschrift nach Austin faxen. Sie kümmert sich übrigens um Livie, seit ihre letzte Nanny vor knapp einer Woche abgereist ist.“

„Gut, dann freue ich mich jetzt auf Tall Oaks“, erwiderte Melanie und reichte ihm die Hand. „Vielen Dank noch mal für alles. Besonders dafür, dass Sie mir Livie anvertrauen.“

Da, schon wieder! Einen kurzen Augenblick wirkte seine Miene schmerzerfüllt …

Doch dann umschloss er Melanies Hand mit seinen warmen Fingern und drückte sie.

Für einen Moment vergaß sie, dass sie ihm eigentlich nur die Hand schütteln wollte. Ihm schien es ähnlich zu gehen, denn auch er hielt ihre Finger ein oder zwei Sekunden zu lange umschlossen, bevor er sie losließ und Melanie wieder so kühl und distanziert musterte, wie sie es von ihm gewohnt war.

Sie schnappte nach Luft. Eigentlich kenne ich ihn ja gar nicht; von daher kann ich noch nichts von ihm gewohnt sein, erinnerte sie sich. Wahrscheinlich lerne ich Zane Foley nie richtig kennen, und das ist auch gut so.

Er trat einen Schritt zurück. „Ich gehe davon aus, dass Sie länger als Ihre fünf Vorgängerinnen bei uns bleiben werden.“ Dann drehte er sich um.

„Ganz bestimmt!“, rief sie ihm hinterher.

Einen Augenblick hielt er inne, als wollte er noch etwas dazu sagen. Aber dann ging er doch weiter und verschwand in einem der langen dunklen Flure des Hauses.

Melanie sah ihm noch lange hinterher, das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Jetzt ist es aber genug, ermahnte sie sich.

Immerhin hatte sie jetzt die Chance, sich und der Welt zu beweisen, was sie konnte, und wer sie war – nämlich mehr als bloß „die uneheliche Tochter von Leigh Grandy“, wie ihr Stiefvater sie immer wieder bezeichnet hatte.

Sie atmete tief durch und nahm auf dem Ledersofa Platz, um auf den Chauffeur zu warten und sich schon mal in Gedanken auf ihre neue Aufgabe einzustimmen. Auf dem Computer hatte sie ja schon Bilder von dem Anwesen in Austin gesehen … aber in der Realität wirkte alles natürlich noch mal ganz anders. Auf jeden Fall würde es sich dort anders leben als in dem heruntergekommenen Apartment, das sie und ihre Mutter anfangs zusammen bewohnt hatten, bis sie zu ihrem Stiefvater in den Trailer gezogen waren.

Weil der Fahrer jeden Moment eintreffen konnte, suchte Melanie schon mal nach ihrer Handtasche und der Kostümjacke. Die Handtasche lag gleich neben ihr auf der Sitzfläche; ihre Jacke war allerdings verschwunden.

In Zane Foleys Büro hatte sie sie noch über dem Arm getragen … und dann hatte sie sie abgelegt, als sie Livies Porträt genauer betrachten wollte.

Mist, dachte sie. Jetzt habe ich vor lauter Aufregung meine Jacke liegen lassen!

Da blieb ihr jetzt nur eins: Sie musste schnell zurücklaufen, an die Tür klopfen und sich das Kleidungsstück holen, so peinlich ihr das auch war.

Auf halbem Weg zum Büro war sie schon wieder ein echtes Nervenbündel. Der Gedanke daran, Zane Foley gleich wiederzusehen, brachte ihren Puls zum Rasen.

Bleib ganz ruhig, ermahnte sie sich.

Die Bürotür war nur angelehnt. Drinnen führte er offenbar gerade ein Telefonat. Und obwohl Melanie nicht lauschen wollte, konnte sie nicht anders: Sie musste einfach stehen bleiben. Seine tiefe, klangvolle Stimme jagte ihr einen wohligen Schauer nach dem anderen durch den Körper.

Wie es sich wohl anfühlte, wenn er sie dabei anlächelte und wirklich sie damit meinte? Wie ein ganzer Schwarm Schmetterlinge im Bauch vielleicht?

Plötzlich schwieg er, und eine andere Männerstimme antwortete – offenbar hatte Zane Foley die Lautsprecher eingeschaltet.

Die zweite Stimme war ebenfalls tief und männlich, aber sie klang für Melanie nicht halb so attraktiv wie die ihres Arbeitgebers.

Genug mit der Lauscherei! sagte sie sich und wollte schnell anklopfen, bevor ihr Boss sich wieder zu Wort meldete … aber zu spät!

„Ich habe heute übrigens eine neue Nanny angestellt.“

Melanie ließ die Hand sinken und blieb wie angewurzelt stehen. Der Lauscher an der Wand, dachte sie.

Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte. „Und, wie lange soll sie diesmal bleiben?“

„Das ist überhaupt nicht witzig, Jason“, gab Zane Foley zurück.

Jason war der jüngere Bruder ihres Arbeitgebers, und nach allem, was sie über ihn gelesen hatte, hatte er es faustdick hinter den Ohren. Gleichzeitig scheute er sich offenbar nicht davor, selbst als Geschäftsführer die Ärmel hochzukrempeln und ordentlich mit zuzupacken.

„Und?“, hakte Jason gerade nach. „Wie ist die Neue so? Beschreib sie mir doch mal!“

Melanie war sich völlig im Klaren darüber, dass sie sich jetzt schnellstmöglich zurückziehen sollte. Andererseits war sie auch nur ein Mensch …

Vom Fenster aus hatte Zane einen atemberaubenden Blick über die Innenstadt von Dallas, die auf der anderen Seite des Flusses lag. Was soll ich Jason bloß über Melanie Grandy erzählen? fragte er sich. Soll ich etwa ehrlich sein?

Am liebsten hätte er seinem jüngeren Bruder ihr helles Haar und ihr strahlendes Lächeln beschrieben … aber gleichzeitig wusste er, dass er sich lieber zurückhalten sollte – jetzt und auch in Zukunft. Zum Glück war es sehr unwahrscheinlich, dass er viel mit Melanie Grandy zu tun haben würde, denn er ließ sich nur selten auf seinem Anwesen in Austin blicken. So war es für ihn und Livie am besten.

„Die neue Nanny arbeitet viel künstlerisch. Dadurch will sie die Kreativität der Kinder fördern“, erklärte Zane schließlich. „Sie tanzt vor allen Dingen gern, das tut Livie bestimmt gut. Miss Grandy wirkt auf mich sehr … engagiert.“

„Danke für die Beschreibung, aber ich wollte eigentlich etwas anderes hören“, erwiderte Jason. „Das weißt du übrigens ganz genau.“

„Mehr erzähle ich dir nicht.“ Zane wandte sich vom Fenster ab und ging wieder zum Schreibtisch. „Aber jetzt sag mir doch mal, warum du eigentlich angerufen hast – bestimmt nicht, um mit mir über die neue Nanny zu diskutieren. Was ist los?“

„Die McCords sind los.“

Zane konnte sich lebhaft den Gesichtsausdruck seines jüngeren Bruders vorstellen, der wahrscheinlich gerade hinter seinem Schreibtisch in Houston saß. Die ganze Familie Foley war sich einig, dass die McCords unausstehliche Zeitgenossen waren. Und manchmal gab es Anlässe, sie besonders zu hassen. Dass mal wieder so einer vorlag, erkannte Zane an Jasons Tonfall.

„Travis hat mir da etwas erzählt, was du auch wissen solltest“, sagte Jason. „Es geht um seine Ranch.“

Oje, dachte Zane. Die Ranch ihres Bruders Travis stand ausgerechnet auf einem Grundstück, mit dem der ganze Streit zwischen den Foleys und den McCords losgegangen war: Damals hatte Grandpa Gavin Foley besagtes Stück Land beim Pokern aufs Spiel gesetzt und an einen notorischen Falschspieler namens Harry McCord verloren. Zu allem Überfluss hatte man auf dem Land auch noch Silber gefunden – und damit hatten die McCords dann den Grundstock ihres riesigen Schmuckimperiums gelegt. Inzwischen galten sie als die besten und teuersten Juweliere auf der ganzen Welt.

„Was ist denn mit der Ranch?“, hakte Zane gereizt nach. Seit die Silberminen nichts mehr abwarfen, hatten die McCords den Foleys das Land langfristig verpachtet, und Travis Foley betrieb darauf seine Ranch. „Die McCords haben auf dem Grundstück im Moment nichts zu suchen.“

Der Pachtvertrag war wahrscheinlich nur deswegen zustande gekommen, weil Zanes Vater Rex sich früher einmal um Eleanor McCord bemüht hatte, das derzeitige Familienoberhaupt der McCords. Eigentlich hatte es damals sogar so ausgesehen, als könnten die beiden Familien das Kriegsbeil begraben. Aber Eleanors kürzlich verstorbener Ehemann Devon hatte ihnen mit seiner fiesen Ader einen Strich durch die Rechnung gemacht: Immer und überall hatte er damit angegeben, dass er Eleanors Herz erobert und Rex den Kürzeren gezogen hatte.

„Die McCords haben auf dem Grundstück zwar nichts zu suchen, aber sie schnüffeln trotzdem darauf herum“, erklärte Jason gerade. „Wenn Grandpa Gavin noch am Leben wäre, würde er jetzt an die Decke gehen. Wir haben alle viel Arbeit in die Ranch gesteckt. Und zwar deswegen, weil wir davon ausgegangen sind, dass wir das Land dauerhaft pachten können.“

„Genau“, bestätigte Zane. Hatten die McCords jetzt etwa vor, das Grundstück wieder an sich zu nehmen und Travis von seiner Ranch zu verscheuchen? Nur über Zanes Leiche! „Was läuft da eigentlich gerade?“, erkundigte er sich. „Was haben die McCords bei Travis zu suchen? Wollen sie ihn etwa daran erinnern, dass das Land nicht wirklich uns gehört, obwohl es eigentlich so sein sollte?“

„Das wohl auch. Aber ich glaube, es geht noch um etwas anderes. Ich habe gehört, dass die McCords den Pachtvertrag ihren Anwälten zur genaueren Begutachtung vorgelegt haben … das hört sich für mich so an, als wollten sie das Land so schnell wie möglich wieder zurückhaben.“

Das würde bedeuten, dass Travis das verlor, was ihm am allerwichtigsten war. Zane kochte vor Wut. Am liebsten wäre er sofort losgefahren, um sich die McCords einzeln vorzuknöpfen. Als sein Blick auf das Gemälde seiner Tochter Livie fiel, zwang er sich, ruhiger zu atmen.

Immer, wenn er das Mädchen sah, musste er an Danielle denken, seine manisch-depressive verstorbene Frau. Seine Wutausbrüche hatten damals alles nur noch schlimmer gemacht. Daher hatte er sich meist zurückgezogen und in die Arbeit gestürzt, wenn er sich nicht mehr zu helfen wusste. Und immerhin konnte er sich bei seinen zahlreichen geschäftlichen Verhandlungen abreagieren. Dann konnte er die Konkurrenz übervorteilen, ohne mit der Wimper zu zucken, und die besten Geschäftsabschlüsse für sich erkämpfen.

Genauso würde er jetzt auch mit den McCords verfahren.

Zane zwang sich, den Blick von Livies Porträt zu lösen, und betrachtete stattdessen das Gemälde, auf dem die ganze Familie zu sehen war. Das Bild war entstanden, kurz bevor seine Mutter beim Reiten tödlich verunglückt war. Sein Vater hatte zwar getan, was er konnte, und war immer für die drei Brüder da gewesen … aber die Mutter hatte er ihnen nicht ersetzen können.

Manchmal fragte Zane sich, ob er dazu verdammt war, alle wichtigen Frauen in seinem Leben frühzeitig zu verlieren. Jedenfalls hatte der Tod seiner Mutter Olivia die Familie noch enger zusammengeschweißt. Zane als der älteste Sohn war schnell in die Rolle des zweiten Familienoberhauptes hineingewachsen und hatte sich gemeinsam mit seinem Vater um seine jüngeren Brüder gekümmert. Inzwischen war er sechsunddreißig und fühlte sich für alles verantwortlich: ob es nun um die geschäftlichen Dinge oder um die McCords ging.

Jason riss ihn aus seinen Gedanken: „Zunächst habe ich mich noch gewundert, warum sich die McCords auf einmal so sehr für die Ranch interessieren“, fuhr er fort. „Ich habe zwar Gerüchte gehört, dass sie mit ihrem Schmuckkonzern gerade in finanziellen Schwierigkeiten stecken, aber wenn sie das Land verkaufen, bringt ihnen das auch nicht viel. Dann sind mir allerdings die Silberminen auf dem Grundstück wieder eingefallen.“

„Ja, aber die sind doch alle stillgelegt, weil es da längst nichts mehr zu holen gibt“, wandte Zane ein. „Sonst hätten uns die McCords das Land nicht verpachtet.“

„Während du nach dieser neuen Nanny gesucht hast, hast du wohl nicht viel von dem mitgekriegt, was hier passiert ist?“

Das hatte gesessen! Als ältester Sohn fühlte sich Zane für alles verantwortlich. Für ihn war es unverzeihlich, wenn ihm etwas Wichtiges entging.

Sein Bruder lachte. „Ich erzähle es dir kurz“, sagte er. „Einer meiner Assistenten hat herausgefunden, dass Blake McCord in letzter Zeit zahlreiche lose gelbe Diamanten aufgekauft hat.“

„Aha.“ Noch verstand Zane nicht, worauf sein Bruder hinauswollte.

„Erinnerst du dich an diese Diamantengeschichte, die vor ein paar Monaten durch die Presse ging?“, erkundigte sich Jason.

„Meinst du die vom Santa-Magdalena-Diamanten?“, fragte Zane zurück. Der lupenreine gelbe Diamant von achtundvierzig Karat war weltberühmt und galt als einer der schönsten Edelsteine überhaupt. Offenbar stammte er aus einer indischen Mine, und man sagte ihm nach, dass er verflucht sei: Der Stein würde allen Besitzern Unglück bringen, bis er wieder in die Hände seines rechtmäßigen Eigentümers fiel, hieß es.

Der Diamant war inzwischen seit über einem Jahrhundert verschollen. Allerdings hatten Taucher vor Kurzem ein Schiffswrack entdeckt, auf dem sich der Stein befunden haben soll – zusammen mit weiteren Wertgegenständen ungewisser Herkunft. Auch der Urgroßvater der Foley-Brüder, Elwin Foley, war damals auf dem Schiff gewesen. Er hatte als einer der wenigen den Untergang überlebt.

In der Familie erzählte man sich, dass Elwin den Diamanten sowie eine juwelenbesetzte Truhe mit Münzen an sich genommen und in Sicherheit gebracht hatte. Möglicherweise war das bloß ein Gerücht. Aber nachdem man das Schiffswrack durchsucht und weder den Diamanten noch die Truhe gefunden hatte, stellte sich wieder die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Geschichte.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass die McCords hinter dem Diamanten her sind“, meldete sich Jason wieder zu Wort. „Vielleicht vermuten sie, dass Elwin Foley den Stein wirklich an sich genommen und ihn irgendwo auf dem Grundstück versteckt hat, auf dem Travis’ Ranch steht. Schließlich hat Elwin einmal das Land gehört, bevor er es an Gavin vererbt hat, der es dann beim Pokerspiel an die McCords verlor. Mit dem Diamanten könnten die McCords ihren angeschlagenen Konzern wieder ordentlich aufmöbeln.“

„Klingt ziemlich weit hergeholt“, bemerkte Zane.

„Das finde ich nicht. Zeitlich passt meiner Meinung nach alles: Kurz nachdem die Taucher das Wrack durchsucht haben, haben sich die McCords auf einmal verstärkt für das verpachtete Grundstück interessiert.“

„Vielleicht. Jedenfalls sehe ich nicht einfach tatenlos dabei zu, wie diese Familie Travis schikaniert.“

„Prima, dann machst du also mit.“

Zane runzelte die Stirn. „Wie bitte? Wobei genau soll ich mitmachen, Jason?“ Offenbar hatte sein jüngerer Bruder wieder eine seiner genialen Ideen. Seinem Einfallsreichtum hatten sie es immerhin zu verdanken, dass das Familienunternehmen weiterhin schwarze Zahlen schrieb.

„Na ja … wenn die McCords gerade irgendetwas aushecken, dann würde ich gern frühzeitig darüber Bescheid wissen. Damit wir das Schlimmste verhindern können.“

„Und wie genau willst du da vorgehen?“, hakte Zane nach. „Gut, von deinen Anwaltsfreunden weißt du, dass die McCords sich gerade intensiv mit dem Pachtvertrag auseinandersetzen … aber sehr viel mehr kannst du auf diesem Weg auch nicht herausfinden, oder?“

„Stimmt. Und deswegen muss ich jetzt eine bessere Informationsquelle auftun.“

„Aha.“ Zane wartete auf eine genauere Erklärung.

„Es gibt ein paar Schwachstellen in der Familie McCord“, fuhr Jason fort. „Eine davon heißt Penny.“

Offenbar sprach Jason von Penelope McCord, eine der McCord-Zwillingstöchter. Die blonde, sehr zurückhaltende Frau arbeitete als Schmuckdesignerin für das Familienunternehmen … und Jason Foley war ein berüchtigter Ladykiller.

„Was hast du vor, Jason?“

„Ach, nichts Besonderes. Vor Kurzem habe ich mitgekriegt, dass wir demnächst beide auf dieselbe Hochzeitsfeier eingeladen sind – eine riesige High-Society-Veranstaltung. Ich hatte mal geschäftlich mit dem Bräutigam zu tun, deswegen bin ich auch dabei. Auf der Feier wollte ich mich mal ganz locker zu Penny McCord an den Tisch setzen und ihr eine Art Friedensangebot machen, in Form eines höflichen kleinen Gesprächs …“

„… ja, und nebenbei horchst du sie unauffällig darüber aus, was sie über den Diamanten weiß.“ Keine schlechte Idee, fand Zane.

Jason sagte nichts weiter dazu. Das bedeutete wahrscheinlich, dass er im Moment nicht wie vermutet von seinem Schreibtisch aus telefonierte, sondern im Liegestuhl auf der Veranda die Sonne genoss.

„Also gut“, sagte Zane schließlich. „Es wäre natürlich toll, wenn du auf diese Weise ein paar Dinge herausfinden könntest. Zum Beispiel, ob die McCords wissen, wo der Diamant versteckt ist, und wie es wirklich um ihre Finanzen bestellt ist.“

„Tja, und wenn sich über die Hochzeit hinaus noch etwas ergeben sollte …“

„Jason!“, fiel Zane seinem Bruder ins Wort.

„Nicht das, was du vielleicht denkst. Ich meinte eigentlich eher, dass Penny und ich uns danach noch mal auf einen Kaffee treffen … oder so.“

Dass Jason es dabei belassen würde, nahm Zane ihm nicht ab, denn dafür kannte er seinen jüngeren Bruder zu gut: Jason war ein echter Frauenheld, und die wunderschöne Penny McCord entsprach haargenau seinem Beuteschema. Das wollte Zane gerade ansprechen, doch plötzlich hörte er ein Geräusch, das aus Richtung Tür kam.

„Moment mal“, sagte er zu seinem Bruder, dann stand er auf, um auf dem Flur nachzuschauen … nichts!

Trotzdem kam es ihm vor, als würde er einen ganz leichten sommerlichen Duft wahrnehmen. Sein Puls beschleunigte sich.

Seufzend schloss er die Tür und zwang sich, sämtliche sommerliche Gefühle, die in ihm hochkamen, zu ignorieren.

Erst als der Wagen schon die Hälfte der Strecke nach Austin hinter sich gebracht hatte, konnte Melanie wieder ruhig atmen. Sie hatte sich abgelenkt, indem sie die Landschaft beobachtet hatte, die hinter den getönten Fensterscheiben an ihr vorbeigezogen war. Außerdem hatte sie sich angeregt mit Monty unterhalten, dem Chauffeur. Und so wusste sie inzwischen fast alles über seine vier temperamentvollen und ziemlich anspruchsvollen Töchter.

Fast hatte sie darüber schon vergessen, dass sie vor einiger Zeit noch ihren Chef beim Telefonieren belauscht und dabei mitbekommen hatte, dass er sie als „engagiert“ bezeichnet hatte – mehr nicht.

So ungern sie sich das eingestand, es enttäuschte sie doch ein bisschen. Insgeheim hatte sie nämlich gehofft, Zane Foley würde seinem Bruder von ihrem umwerfenden Lächeln erzählen … von ihrem gewissen Etwas …

Hör auf damit! ermahnte sie sich. Nimm dich zusammen. Schluss mit der Träumerei!

Als Nächstes hatte sich Zane mit Jason über die Familie McCord unterhalten … und über den Santa-Magdalena-Diamanten.

Der Edelstein war so berühmt, dass er selbst Melanie ein Begriff war. Sie hatte auch schon gehört, dass er in dem Schiffswrack vermutet wurde, das ein paar Taucher kürzlich entdeckt hatten. Was die beiden Brüder darüber gesagt hatten, verwirrte sie allerdings nur noch mehr. Die Familie Foley gab ihr echte Rätsel auf. Sie seufzte.

Als sie aufsah, traf ihr Blick im Rückspiegel auf Montys. Der Chauffeur war etwa Ende dreißig, hatte eine olivfarbene Haut, einen Dreitagebart und dunkle Augen, aus denen der Schalk blitzte.

„Soll ich die Belüftung hochdrehen?“, erkundigte er sich.

Melanie lächelte ihm im Spiegel zu. „Nein, danke. Ich bin bloß …“

„Na los, raus mit der Sprache, was haben Sie auf dem Herzen? Wenn Sie mir alles erzählen, geht die Zeit bis Austin viel schneller rum.“

Monty machte es einem wirklich leicht, sich ihm zu öffnen – andererseits sollte er lieber nicht wissen, wie sehr ihr gemeinsamer Arbeitgeber, Zane Foley, sie beschäftigte.

„Ich habe eben dummerweise meine Kostümjacke im Büro vergessen“, erwiderte sie. „Und das gleich am ersten Tag – wahrscheinlich hält Mr Foley mich jetzt für völlig zerstreut.“

Monty lachte und zuckte mit den Schultern. „Kein Problem. In Austin esse ich dem Koch nur schnell den Kühlschrank leer, und dann fahre ich den Schlitten hier wieder zurück nach Dallas zu Mr Foley. Bei der Gelegenheit kümmere ich mich darum, dass Sie Ihre Jacke schnell wiederbekommen.“

„Das ist wirklich sehr freundlich, aber ich will Ihnen keine Umstände bereiten.“

Monty machte eine wegwerfende Handbewegung. Offenbar sah er die Sache ganz gelassen.

„Das ist echter Luxus, finde ich: immer einen Chauffeur in der Nähe zu haben, wenn man einen braucht“, bemerkte Melanie.

„Ja, Mr Foley ist ein reicher Mann. Sie werden staunen, wenn Sie das Haus in Austin sehen, wo Livie wohnt. Leider ist er selbst nie da.“

Melanie traute ihren Ohren nicht. „Wie bitte, Mr Foley ist nie in Tall Oaks?“

„Na ja, jedenfalls nur sehr selten. Zu Livies Geburtstag oder zu Weihnachten schaut er natürlich vorbei. Hin und wieder nutzt er die Räume für eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Er hat eben immer viel zu tun. Trotzdem sorgt er dafür, dass Livie alles bekommt, was sie braucht.“

Sie hat jedenfalls immer eine Nanny, dachte Melanie und erinnerte sich daran, dass sie ihrem Chef versprochen hatte, nicht über ihn zu urteilen. Und weil Monty so wirkte, als wollte er nicht weiter darüber sprechen, beschloss Melanie, ein anderes Thema anzuschneiden. Allerdings war das auch ziemlich heikel.

„Komisch, wie es manchmal so kommt im Leben“, bemerkte sie. „Wenn Harry McCord damals Gavin Foley nicht beim Kartenspiel betrogen hätte, dann hätten die Foleys vielleicht heute ein Schmuckimperium.“

„Stimmt“, bestätigte Monty. „Auf dem Grundstück gab es nämlich sage und schreibe fünf Silberminen. Da hat der alte Foley ganz schön was aufs Spiel gesetzt.“ Der Chauffeur lachte leise. „Zu der Geschichte mit dem Kartenspiel gibt es übrigens noch ein paar andere Versionen, nicht nur die der Foleys.“

„Wie meinen Sie das?“

Monty warf ihr einen kurzen Schulterblick zu und konzentrierte sich dann wieder auf die Straße. „Was ich Ihnen gleich erzähle, bleibt aber unter uns, okay?“

„Auf jeden Fall.“ Ihr Herzschlag beschleunigte sich.

„Meiner Meinung nach war Gavin Foley einfach beleidigt, dass er das Pokerspiel verloren hat. Gerade, wo das Land so viel abgeworfen hat. Dass Harry McCord geschummelt hat, ist gar nicht gesagt.“

„Ach so?“, erwiderte Melanie.

„Na ja, zum Glück waren die Foleys dann im Ölgeschäft sehr erfolgreich, und da tat der Verlust nicht mehr ganz so weh. Trotzdem hat der alte Gavin immer wieder erzählt, dass die Silberminen eigentlich auch den Foleys gehören müssten, nicht den McCords. Mit der Geschichte sind die drei Brüder also praktisch aufgewachsen, besonders Travis, der jüngste. Als er noch klein war, saß er gern bei seinem Großvater auf dem Schoß und hörte sich seine Geschichten an. Zane war ja schon älter; er hat sich nach dem Tod der Mutter um das Familienanwesen gekümmert.“

Sofort fiel Melanie die Frau von dem Gemälde wieder ein, Olivia Foley. Auf dem Bild hatte sie so liebevoll und sanftmütig ausgesehen, wie Melanie sich immer ihre eigene Mutter gewünscht hatte. Sie spürte einen Stich in der Herzgegend. „Dann war Zane Foley also lange Zeit das zweite Familienoberhaupt, neben dem Vater Rex Foley?“

„Ja, Ma’am. Zane Foley hat sich schnell um die Ölfelder und das Immobiliengeschäft gekümmert. In geschäftlichen Dingen ist er sehr zielstrebig und ehrgeizig. Das hat er früh gelernt.“

Melanie lehnte sich gegen die Rückbank und schloss die Augen. Sie sah Zane Foley vor sich, seine haselnussbraunen Augen … Erst als sie wieder in den Rückspiegel und damit in Montys verwundertes Gesicht sah, wurde ihr bewusst, dass sie laut geseufzt hatte.

„Er hat eine ziemlich schwere Vergangenheit, das hängt mit seiner verstorbenen Frau zusammen“, bemerkte der Chauffeur. „Ich erzähle Ihnen am besten schon mal, was damals passiert ist. Als neues Familienmitglied kommen Sie um die Geschichte nicht herum. Aber sagen Sie bitte niemanden, dass Sie das alles von mir haben.“

„Keine Sorge.“

„Okay … Danielle war manisch-depressiv. Nachdem sie eigenmächtig ihre Medikamente abgesetzt hat … hat sie sich das Leben genommen.“

Melanie zuckte zusammen. Auf einmal war ihr klar, warum Zane Foley mit der Presse nicht über sein Privatleben sprach. Wie Livie wohl auf den Selbstmord ihrer Mutter reagiert hatte? Und Zane selbst?

Auf einmal fiel ihr wieder sein schmerzerfüllter Blick ein. „Das tut mir furchtbar leid“, sagte sie leise.

„Ja, das ging uns allen so. Inzwischen ist das fast sechs Jahre her, aber irgendwie ist sie immer noch da, die ganze Zeit.“

Dazu wusste Melanie nichts zu sagen. Es kam ihr vor, als würde sie in ein Geisterhaus ziehen. Bald würde sie über denselben Boden gehen wie Danielle, würde dieselben Wände berühren …

„Er hat seine Frau direkt nach der Highschool geheiratet“, fuhr Monty fort. „Kurz danach ging es gleich los mit ihren extremen Stimmungsschwankungen. Ganz offensichtlich wusste Mr Foley nicht, wie er damit umgehen sollte, aber er hat alles versucht. Sie hat dann auch Medikamente genommen, aber als sie dann einfach damit aufgehört hat …“

Melanie schloss die Augen und bereitete sich auf das vor, was jetzt kommen würde – obwohl sie es nicht hören wollte.

„Mr Foley ist es gewohnt, alles im Griff zu haben: früher in der Schule, zu Hause, beim Sport und im Geschäft. Aber Danielle hat er nicht helfen können. Er konnte sich nur darum kümmern, dass sie medizinisch und therapeutisch in den allerbesten Händen war. Nachdem sie die Überdosis Schlaftabletten genommen hatte, hat er sich schreckliche Vorwürfe gemacht und sich völlig in seiner Arbeit vergraben.“

Melanie öffnete die Augen. „Und Livie?“

„Livie war damals noch ein Baby, aber sie sieht Danielle immer ähnlicher, je älter sie wird. Sie können sich bestimmt vorstellen, wie schrecklich das für Mr Foley ist …“ Monty brach ab, den Rest konnte Melanie sich denken.

Besuchte Zane Foley seine Tochter etwa deswegen so selten? Weil er befürchtete, dass sie nicht nur äußerlich, sondern auch psychisch nach ihrer Mutter käme und sich das Drama irgendwann wiederholen würde?

Und hatte Livie sich vielleicht deswegen so benommen, dass eine Nanny nach der anderen gekündigt hatte? Weil sie spürte, dass ihr Vater Angst davor hatte, bei ihr zu sein, und sie ihren Schmerz darüber an ihre Betreuerinnen weitergab?

Auf einmal glaubte Melanie zu verstehen, warum Zane Foley manchmal so unendlich traurig aussah … und sie wünschte sich umso mehr, für seine Tochter da zu sein.

Auch wenn sie ihre eigene schmerzvolle Vergangenheit noch längst nicht bewältigt hatte.

3. KAPITEL

Mit seinen Türmchen und Erkern und weitläufigen Rasenflächen wirkte Tall Oaks auf Melanie wie ein Märchenschloss.

Weiden und Eichen umgaben das Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert, auf der Veranda mit dem kunstvoll gesägten Holzgeländer standen gusseiserne Gartenmöbel.

Aber kaum hatte Melanie einen Fuß ins Haus gesetzt, zerplatzte der Kleinmädchentraum: Die Einrichtung wirkte düster und spartanisch. Melanie hatte gerade ihre beiden Koffer in das Foyer gehievt, da schloss die Verwalterin Mrs Howe schon die Tür und eilte ihr voraus zur Treppe.

Mrs Howe trug ein mausgraues Kleid. Die roten Haare hatte sie zu einem strengen Knoten frisiert. „Kommen Sie bitte, Miss Grandy“, sagte sie und legte eine Hand auf das hölzerne alte Treppengeländer.

Bevor sie der Verwalterin folgte, spähte Melanie durch die offen stehenden Doppeltüren ins Wohnzimmer. Sie ließ den Blick über einen alten Sekretär schweifen, dann über den nackten Parkettboden. Der ganze Raum wirkte düster und kahl. An den Decken befanden sich zwar aufwendig gestaltete Gemälde von Engeln, die durch bauschige Wolkenlandschaften schwebten, aber die Farben waren schon stark verblichen.

Irgendwie unheimlich, fand Melanie.

Ihr Blick fiel auf einen großen goldenen Käfig in einer Zimmerecke. Darin hockte ein einsamer Kanarienvogel stumm auf einer Stange.

„Das ist Sassy“, stellte Howe den Vogel vor. „Sie lebt schon seit ein paar Jahren bei uns. Manchmal versucht Livie, sie zum Singen zu bringen, aber das klappt nicht immer. Störrisches kleines Tier.“

Melanie überraschte das nicht weiter – sie selbst hätte in der Umgebung auch keine Lust, fröhlich vor sich hin zu trällern. Sie griff nach ihren Koffern und folgte Mrs Howe zur Treppe. Draußen hatte sie ihre und Montys Angebote zurückgewiesen, ihr mit dem schweren Gepäck zu helfen. Spätestens auf dem Weg nach oben bereute sie diese Entscheidung.

Viel versprach sie sich inzwischen nicht mehr von ihrem Zimmer – zum Glück, wie sich zeigte! Die türkisfarbene Decke auf ihrem Bett stammte wahrscheinlich noch aus den Fünfzigerjahren, und auch die spartanische Möblierung hatte wenig Märchenhaftes.

Egal, sagte sie sich. Ich kann mir sowieso nicht erlauben, hier die Prinzessin auf der Erbse zu spielen.

Mit aller Kraft hievte sie ihre beiden Koffer auf das Bett und bedankte sich bei Mrs Howe für den Empfang.

„Livie spielt gerade noch ein bisschen“, erklärte die Verwalterin. „Um sechs Uhr gibt es Abendessen. Danach muss sie noch lernen, und dann geht’s auch schon bald ins Bett. Um Punkt sieben steht sie übrigens auf. Sie müssen sie für die Vorschule fertigmachen und auch hinfahren.“

Dass Melanie seine Tochter zur privaten Vorschule bringen sollte, hatte Zane Foley ihr bereits erklärt. Der Rest verwunderte sie allerdings. „Lernen? Livie ist doch erst sechs. Was muss sie da lernen?“, hakte sie nach.

Mrs Howe lächelte nachsichtig. Aus der Nähe fiel Melanie auf, wie glatt die Haut der Verwalterin war. Die Frau konnte also kaum älter als vierzig sein. Zuerst hatte Melanie sie für wesentlich älter gehalten – wegen ihres Haarknotens, und weil sie kein Make-up trug. Ansonsten war sie schwer einzuschätzen.

„Mr Foley legt Wert darauf, dass seine Tochter vertieft, was sie in der Vorschule gelernt hat, indem sie sich Bilderbücher anschaut“, erklärte Mrs Howe.

„Was für eine schöne Kindheit“, bemerkte Melanie leichthin, um die Reaktion der Verwalterin zu testen.

Diese wirkte überrascht.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte Melanie schnell. „Es kommt mir bloß so vor, als wäre Mr Foley ziemlich …“

Sie suchte nach Worten.

„… schwierig?“, schlug Mrs Howe vor.

Melanie grinste verlegen, und die andere Frau lächelte nachsichtig. „Na ja, es ist ihm eben wichtig, dass Livie in seine Fußstapfen tritt … und wir halten uns an seine Anweisungen, weil er ein wirklich fairer Arbeitgeber ist.“

Bevor Melanie etwas erwidern konnte, sah Mrs Howe in Richtung Flur, denn sie schien dort etwas entdeckt zu haben.

Melanie wandte sich gerade noch rechtzeitig um, um einen geblümten Rockzipfel verschwinden zu sehen.

„Da ist offenbar jemand neugierig auf Sie“, raunte ihr die Verwalterin zu.

Melanie stockte das Herz. Livie!

Sie ging zur Tür und schaute um die Ecke, aber das Mädchen war schon nicht mehr zu sehen. Mrs Howe war inzwischen damit beschäftigt, die Bettdecke glatt zu ziehen, die durch die schweren Koffer ein paar Falten warf.

Oje, dachte Melanie.

Die Verwalterin strich sich über den grauen Rock und verließ das Zimmer. Im Türrahmen drehte sie sich noch einmal um. „Livies Spielzimmer liegt übrigens ein Stockwerk höher, wenn Sie mal vorbeischauen wollen.“ Sie lächelte. „Viel Glück!“ Dann ging sie den Flur hinunter – und Melanie hätte schwören können, dass die Frau noch ein „Das werden Sie auch brauchen“ gemurmelt hatte.

Melanie ließ sich nicht abschrecken. Sie ging in den ersten Stock und blieb dort vor einer verschlossenen Tür stehen, hinter der Licht brannte.

An der Tür war ein Schild angebracht, auf dem in lilafarbenen Buntstift-Großbuchstaben „LIVIE“ stand.

Melanie zögerte. Das Mädchen hatte so einen strengen Tagesablauf, dass sie dadurch bestimmt Zeit für sich brauchte. Da wollte Melanie nicht einfach in ihren Privatbereich eindringen.

Schließlich klopfte sie doch an die Tür und wartete. Keine Reaktion.

„Livie?“, rief sie. „Hier ist Miss Grandy, deine neue Nanny. Ich wollte dir nur kurz Hallo sagen.“

Immer noch keine Antwort. War das Mädchen überhaupt in ihrem Zimmer?

Vorsichtig drückte Melanie die Klinke herunter. Die Tür war nicht abgeschlossen – was Melanie auch verwundert hätte. So etwas gestattete Zane Foley bestimmt nicht.

Ganz unvermittelt musste sie an ihr eigenes Zimmer in diesem Haus denken. Sie stellte sich vor, wie sie nachts unter der türkisfarbenen Decke lag, wie sich die Zimmertür öffnete und Mr Foley hineinschaute …

Sie erschauerte. Dann fasste sie sich schnell wieder und drückte die Kinderzimmertür auf. Ihr Blick fiel auf ein ordentliches, schmuckloses Dachzimmer. An den Wänden befanden sich Regale mit Spielsachen; dazwischen standen Kisten und niedrige Holztische.

Als Melanie nach unten sah, bemerkte sie, dass ihr dort eine Gruppe von Stofftieren den Weg versperrte. Jemand hatte sie schnell im Halbkreis auf den Boden gesetzt.

Von links hörte sie eine Mädchenstimme: „Sie wollen nicht, dass du reinkommst.“

Melanie drehte den Kopf. Livie saß in einem Kinderschaukelstuhl; die Hände hatte sie im Schoß gefaltet. Sie trug Riemchenschuhe mit kurzen Söckchen. Ihre Haare waren mit einem Spitzenband zurückgebunden. Fehlte nur noch das Stofflamm, dann wäre sie ein Ebenbild des Mädchens auf dem Gemälde in Dallas gewesen. Allerdings fiel Melanie noch etwas an Livie auf, das auf dem Gemälde nicht richtig zur Geltung gekommen war: Das Mädchen hatte unendlich traurige große Augen …

Melanie spürte einen Stich in der Brust. „Ich dachte, hier wäre niemand“, sagte sie und lächelte freundlich, dann wies sie auf die Stofftiere am Boden. „Du hast ja eine Riesensammlung.“

Die Kleine musterte ihre neue Nanny in aller Seelenruhe. Ein wunderhübsches Kind, dachte Melanie. Wahrscheinlich genau wie ihre Mutter.

Livie warf einen Blick auf die Stofftierversammlung. „Die hat mir Daddy alle dieses Jahr zum Geburtstag geschickt. Weil er diesmal nicht selbst da sein konnte.“

Armes Kind, dachte Melanie. Die Worte des Mädchens taten ihr im Herzen weh, am liebsten hätte sie die Kleine fest in die Arme geschlossen. Immerhin wusste sie selbst zu gut, wie es sich anfühlte, wenn der eigene Geburtstag übergangen wurde. Ihre Mutter hatte Melanies Geburtstag ständig vergessen. Ein paar Tage später war er ihr meist wieder eingefallen, und dann hatte sie versucht, alles wiedergutzumachen, und beim Bäcker einen alten Kuchen aus dem Ausverkauf geholt.

„Und was machen die Tiere da auf dem Boden?“, erkundigte sie sich – obwohl sie genau wusste, warum Livie sie dorthin gesetzt hatte.

Das Mädchen stand aus dem Schaukelstuhl auf. Das knarrende Geräusch ließ Melanie zusammenfahren. Livie ging zu einem der Regale und drehte dabei Melanie den Rücken zu. „Die Tiere wollen dir sagen, dass das hier ihr Zimmer ist, nicht deins.“

„Verstehe“, gab Melanie zurück. „Dann hätten wir das schon mal geklärt. Wir müssen aber noch ein paar andere Regeln besprechen, Livie. Darf ich mich irgendwo hinsetzen? Bisher haben wir uns noch nicht richtig unterhalten. Das würde ich jetzt gern tun.“

Das Mädchen drehte ihr immer noch den Rücken zu, aber auch von hinten war deutlich zu erkennen, dass sie gerade die Arme vor der Brust verschränkte. „Ich heiße Olivia“, sagte sie.

„Alles klar.“ Melanie blieb seelenruhig. Nach allem, was das Mädchen durchgemacht hatte, hatte sie jede Menge Geduld verdient. „Olivia, was hältst du davon, wenn wir auf der Veranda hinter dem Haus zusammen eine Limonade trinken?“

„Limonade hat zu viel Zucker. Davon werde ich unruhig. Hat Daddy gesagt.“

Melanie musste sich sehr zusammennehmen, um nicht mit den Augen zu rollen. Zane Foley machte sie noch völlig wahnsinnig – dabei war er nicht mal hier!

„Dann bereite ich uns einfach einen ungesüßten Eistee zu. Was hältst du davon?“, schlug sie vor.

Livie seufzte und suchte weiter in ihrem Regal nach Spielzeug. Sie beachtete ihre neue Nanny nicht weiter.

Trotzdem ließ Melanie sich nicht abschrecken. Sie blieb einfach im Zimmer stehen und sah sich gründlich um. Nachdenklich betrachtete sie die Stofftiere auf dem Boden: Hunde, Delfine und ein Schaf … alles eher sanftmütige Wesen.

Neben der Tür stapelten sich gleich mehrere Puzzlekartons, die so aussahen, als hätte Livie noch nie damit gespielt. Und dann gab es noch jede Menge Puppen, besonders Barbies.

Melanie lächelte leise und zog sich zurück – aber nur deswegen, weil ihr gerade eingefallen war, wie sie Livie vielleicht aus der Reserve locken könnte. Mit ihrem ersten Schützling war ihr das auch gelungen.

In ihrem Zimmer öffnete sie einen der Koffer und holte eine Tasche mit Nähutensilien und Puppenkleidern heraus. Schon damals, als sie noch als Babysitterin gejobbt hatte, hatte sie mit diesem Hobby angefangen. Und fast alle kleinen Mädchen hatte sie damit begeistern können.

In Livies Kinderzimmer setzte Melanie sich wieder in den Halbkreis, den die Stofftiere vor der Tür bildeten, und zog ein besonders fein gearbeitetes Barbie-Brautkleid hervor. Zuerst bauschte sie die zarten Ärmel auf und breitete dann den weiten Rock aus. Dabei sprach sie Livie nicht weiter an, aber das war auch nicht nötig.

Das Mädchen schien immer noch die Spielzeugregale zu durchsuchen. Dabei arbeitete sie sich aber allmählich und kaum merklich immer näher an Melanie heran.

Als Nächstes legte sich Melanie das Kleid auf die Knie und strich es glatt. Dann zog sie noch ein langes schmales Satinkleid aus dem Beutel. In diesem Party-Outfit sah jede Barbie einfach umwerfend aus.

Inzwischen war Livie nur noch ein paar Schritte von Melanie entfernt, stand allerdings nach wie vor auf der anderen Seite der Stofftiere. Melanie sah hoch und tat, als wäre sie überrascht, das Mädchen zu entdecken. Sie hielt ihr das Hochzeitskleid hin, und Livie berührte es kurz, zog aber schnell die Finger wieder weg.

„Du darfst es dir gern angucken“, forderte Melanie sie auf. „Hol doch mal eine Puppe. Dann probieren wir, ob es ihr steht, okay?“

Livie sah ihrer neuen Nanny nicht in die Augen, ging aber sofort zum Spielzeugregal und kam kurze Zeit später mit einer braunhaarigen Barbie zurück. Mit glänzenden Augen fixierte sie das Kleid.

Auch Melanies Augen leuchteten, als das Mädchen die Puppe in das Hochzeitskleid steckte. Unwillkürlich musste sie wieder an Zane Foley denken … daran, dass bestimmte Dinge mit einem Mann wie ihm nie möglich wären …

Seit Zane das Telefonat mit seinem Bruder Jason beendet hatte, war er nicht einmal vom Schreibtisch aufgestanden. Ständig klingelte das Telefon in irgendeiner geschäftlichen Angelegenheit. Während Zane mit den Leuten sprach, blätterte er in einem Buch über den legendären Santa-Magdalena-Diamanten und suchte alte Zeitungsartikel heraus, die über seinen Urgroßvater Elwin und das Verschwinden des Edelsteins berichteten.

Eigentlich hatte Zane sich alles längst mehrfach angeschaut, aber wer weiß – vielleicht hatte er doch eine wichtige Information übersehen?

Schon wieder klingelte das Telefon. Diesmal erschien die Nummer seines jüngeren Bruders auf dem Display. Zane setzte sich das Headset auf und lief zur Küche. Er hatte Hunger.

„Hey, Travis“, begrüßte er seinen Bruder, während er den dunklen Flur entlangging. Er brauchte kein Licht, denn er kannte jeden Quadratzentimeter in- und auswendig. „Bist du gerade draußen auf der Weide?“

„Nein, ich bin schon wieder im Haus. Ich habe bis eben noch ein paar Zäune repariert. Jason hat mir erzählt, dass er inzwischen mit dir über die McCords gesprochen hat … und darüber, dass sie sich auf einmal für das Grundstück hier interessieren.“

„Das stimmt.“

„Dann hat er dir ja auch von seinem tollen Plan und der Sache mit Penny McCord berichtet. Mir ist übrigens nicht ganz wohl dabei. Aber falls sich die Sache dadurch aufklärt, könnte ich damit leben.“ Travis war im Grunde seines Herzens ein echter Cowboy und Einzelgänger. Dass die McCords auf dem von ihm gepachteten Grundstück herumschnüffelten, würde ihn nicht weiter stören, wenn er nicht befürchten müsste, seine Ranch dadurch zu verlieren.

„Jason und ich wollten dir auf jeden Fall vorher Bescheid sagen, bevor wir deswegen etwas unternehmen“, erwiderte Zane und öffnete den Kühlschrank – nichts, bis auf einen kleinen Rest Milch und einige Bierflaschen. Er holte sich eine Flasche und ging weiter zur Speisekammer.

„Ich finde es gut, wenn wir alle Bescheid wissen“, sagte Travis. Dann schwieg er eine Weile. Als er weitersprach, klang seine Stimme gleich viel ruhiger. Sobald es um die McCords ging, konnte auch er nicht gelassen bleiben. „Ich habe gehört, dass du eine neue Nanny eingestellt hast. Jason hatte übrigens den Eindruck, dass sie dir ziemlich gut gefällt.“

Beinahe wäre Zane die Bierflasche aus der Hand gefallen. Nicht nur deswegen, weil Travis ihn völlig überrumpelt hatte, sondern auch, weil ihn auf einmal ein heftiges Verlangen überkam, das er lange verdrängt hatte. Und dafür hatte er nur kurz an Melanie Grandy denken müssen …

Immerhin gelang es ihm, sich innerhalb weniger Sekunden wieder einigermaßen zu sammeln. „Meine Güte, Travis, ihr tratscht ja wie zwei alte Weiber beim Teekränzchen.“

Travis lachte leise. „Ich wollte dich nur mal ein bisschen aus der Reserve locken. Na ja, jedenfalls meinte Jason auch, dass Livie jetzt endlich wieder eine engagierte Nanny an ihrer Seite hat, und das kann sie gut gebrauchen. In dem großen Haus fühlt sie sich bestimmt einsam.“

Zane atmete tief durch. Diese Leier kannte er schon: Jason und Travis liebten ihre kleine Nichte sehr und gaben Zane immer wieder zu verstehen, dass er sich intensiver um sie kümmern solle. Das war sicher gut gemeint, allerdings hatten sie ja keine Ahnung, wie schwer die ganze Situation für ihn war. Keiner der beiden war mit Danielle verheiratet gewesen und hatte durchgemacht, was Zane nach ihrem Selbstmord durchgemacht hatte. Demnach konnten seine Brüder ihn auch nicht verstehen … ihn und seine Angst davor, dass ihm das Gleiche mit Livie passieren könnte.

„Zane“, begann Travis vorsichtig, „ich weiß, dass Danielles Todestag dir sehr bevorsteht, und ich will jetzt auch gar kein Fass aufmachen, aber … hast du dir schon mal ernsthafte Gedanken darüber gemacht, was du wegen Livie unternehmen willst?“

„Halt dich da bitte raus.“

Travis überging die Anweisung einfach – typisch Foley! „Glaubst du wirklich, dass es gut für Livie ist, wenn du Danielle ihr gegenüber völlig totschweigst?“, beharrte er. „Livie wird ja wohl kaum vergessen, dass sie mal eine Mutter gehabt hat. Ich glaube, du machst gerade alles nur noch schlimmer.“

Zane begann innerlich zu kochen. Aber insgeheim wusste er, was dahintersteckte: Er machte sich selbst schreckliche Vorwürfe. „Das muss ich mir von dir nicht bieten lassen“, schimpfte er.

„Hör mal, Zane …“

Aber Zane legte einfach auf. In der Dunkelheit drückte er die Stirn gegen die Tür und wünschte, er könnte Travis vermitteln, wie leid ihm das alles tat. Travis und noch einigen anderen Menschen, die ihm nahe standen …

Um zehn vor sechs klingelte eine Glocke im Erdgeschoss. Livie sprang in ihrem Kinderzimmer sofort auf die Beine und räumte blitzschnell alle Barbies und Stofftiere ins Regal zurück, als ginge es um Leben und Tod.

„Gleich gibt’s Essen“, verkündete das Mädchen mit ernster Stimme.

Melanie sammelte die Puppenkleider wieder ein. Dabei beobachtete sie Livie mitfühlend. Das Mädchen hatte die Stofftiere, die Melanie den Zutritt versperrt hatten, nach und nach entfernt – ganz unauffällig, damit die neue Nanny auch ja nicht merkte, dass Livie einen Schritt auf sie zumachen wollte. Schließlich war eine Lücke entstanden, durch die das Mädchen zu Melanie geschlüpft war.

In dem Moment hatte Melanie eine Gänsehaut bekommen.

Jetzt stand Livie neben der Tür, verschränkte die Arme vor der Brust und sah Melanie erwartungsvoll an.

Verwirrt erwiderte Melanie ihren Blick.

„Um diese Zeit kommt meine Nanny immer ins Zimmer, um nachzuschauen, ob ich auch alles ordentlich weggeräumt habe“, erklärte das Mädchen.

Ach so, dachte Melanie.

Trotzdem blieb sie zunächst auf ihrer Seite der Grenze, die Livie vorhin aufgebaut hatte. „Darf ich denn reinkommen, Olivia?“, erkundigte sie sich.

Autor

Linda Goodnight
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