Bianca Gold Band 48

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Weihnachten naht, doch Shana ist verzweifelt: Wie soll sie ihrer Tochter mit ihren bescheidenen Mitteln ein schönes Fest bereiten? Gott sei Dank stellt sie der attraktive Landon als Haushälterin an! Doch sie wohnt noch nicht mal bei ihm, als ihr schon eine Affäre mit dem Boss unterstellt wird …

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  • Erscheinungstag 23.11.2018
  • Bandnummer 0048
  • ISBN / Artikelnummer 9783733734329
  • Seitenanzahl 447
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Crosby, Arlene James, Ginna Gray

BIANCA GOLD BAND 48

1. KAPITEL

Shana Callahan hoffte schon lange nicht mehr auf das große Los in ihrem Job. An diesem Morgen jedoch flatterten seltsamerweise Schmetterlinge in ihrem Magen. Sie presste sich die Hand auf den Bauch, als sie mit dem Aufzug in dem Bürohaus mitten im Stadtzentrum von Sacramento in den zweiten Stock fuhr.

Der Lift schien sich in Zeitlupe zu bewegen. Unentwegt gingen ihr die Worte ihrer Chefin durch den Kopf. „Es handelt sich um eine längerfristige Anstellung, Shana. Und zwar in Chance City.“

Chance City – der Ort, an dem sie aufgewachsen, aus dem sie mit achtzehn Jahren geflohen und in den sie nach zehn weiteren Jahren zurückgekehrt war. Zurück nach Hause.

Keine langen Fahrten mehr nach Sacramento, bloß um für ein paar Tage oder eine Woche einen Job anzunehmen. Keine Sorgen mehr, dass ihr Auto unterwegs schlappmachen könnte. Keine Angst vor Regen oder Nebel oder Verkehrsunfällen, die sie viel Zeit kosteten.

Wenn man tatsächlich einmal länger als zehn Minuten brauchte, um quer durch Chance City zu kommen, dann nur, weil man unterwegs anhielt, um mit einem Bekannten zu plaudern.

Natürlich gab es in diesem kleinen Ort auch eine Vermittlungsagentur – „Stets zu Diensten“ hieß sie. Wer etwas suchte oder anbot, klebte einen Zettel ans Schwarze Brett in der Kneipe, wo die meisten geschäftlichen Transaktionen geregelt wurden.

Die Aufzugtüren glitten auseinander. Shana folgte den Hinweisschildern zu den Räumen der noblen Vermittlungsagentur, die von den Klienten spöttisch auch „Frauen zur Miete“ genannt wurde. Julia Swanson war die Chefin, eine ebenso elegante wie selbstbewusste Frau.

„Hallo, Shana“, wurde sie von Missy, der Empfangsdame, begrüßt. „Gehen Sie bitte schon in Julias Büro. Sie wird gleich bei Ihnen sein.“

Das Büro strahlte die Noblesse seiner Besitzerin aus: gedeckte Farben, kostbare Möbel. Ihre Auftraggeber schätzten das vornehme Ambiente. Hinter dem Schreibtisch hing das Firmenmotto in Goldbuchstaben an der Wand: Wenn Sie Wert legen auf persönliche Zuwendung …

Shana setzte sich auf einen Stuhl, obwohl sie lieber auf und ab gelaufen wäre. Aus den Schmetterlingen in ihrem Magen war inzwischen ein Eisklumpen geworden. Nervös klopfte sie mit dem Fuß auf den Boden.

„Guten Tag, Shana.“ Julia stand im Türrahmen. „Wie fühlen Sie sich?“

Hoffnungsvoll. Verängstigt. Aufgeregt. „Gut danke. Ich bin schon ganz gespannt.“

Julia lächelte. „Bereit für Ihr Gespräch?“

„Ja.“ Shana erhob sich. „Können Sie mir schon etwas erzählen?“

„Mir ist es lieber, wenn das mein Klient tut.“

Sie verließen das Büro und gingen in den Konferenzraum, der zwei Türen weiter lag. Bisher hatte Shana mit ihren potenziellen Arbeitgebern immer in deren Büros gesprochen. In diesem Raum, in dessen Mitte ein großer Tisch mit vielen Stühlen stand, hatte sie noch keiner interviewt. Vor allem niemand aus Chance City. Das machte sie noch nervöser.

Ihre Hoffnung schwand, als der Mann sich von seinem Stuhl erhob. Er war groß, muskulös, hatte stahlblaue Augen und mittelbraunes Haar – und war ein alter Bekannter. Landon Kincaid. Shana hatte ihn vor einem Jahr zum ersten Mal gesehen und von Anfang an nicht leiden können. Er hatte nämlich versucht, ihre Schwester dem Mann abspenstig zu machen, für den sie seit jeher bestimmt war.

„Hallo, Shana“, begrüßte er sie jetzt, ohne ihr die Hand zu reichen.

„Kincaid.“ Sie klang abweisend.

„Dann lasse ich Sie beide jetzt mal allein.“ Julia schloss die Tür hinter sich.

Eine Weile starrte Shana auf die geschlossene Tür und versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Schließlich drehte sie sich zu ihm um. „Damit wäre die Sache ja wohl erledigt.“

„Wieso?“

„Nun ja, jetzt, wo du weißt, dass ich die Kandidatin bin …“

„Ich habe ausdrücklich nach dir gefragt.“ Kincaid deutete auf einen Stuhl.

Sie runzelte die Stirn. „Warum?“

„Weil du genau die Fähigkeiten besitzt, auf die es mir ankommt.“

Verwirrt rieb sie sich die Schläfen. „Wieso hast du mich dann nicht direkt angesprochen? Wir haben uns doch vor vier Tagen bei Aggies Thanksgiving-Party gesehen.“

„Weil du Nein gesagt hättest.“ Er setzte sich. „Jetzt weißt du wenigstens, dass es mir wirklich ernst mit meinem Angebot ist.“

„Warum sollte ich einen anständigen Job ausschlagen? Du kennst meine Situation. Ich suche schon seit Langem eine Arbeit in der Stadt. Du hättest dir die Vermittlungsgebühren sparen und mir mehr zahlen können. Wir hätten beide etwas davon gehabt.“

„Du hättest abgelehnt“, sagte er lächelnd.

„Nur, weil wir uns nicht besonders grün sind? Wohl kaum.“

Er lehnte sich zurück und betrachtete sie aufmerksam. „Offenbar hat Julia dir nicht alles erzählt.“

„Ich weiß nur, dass es in Chance City und für länger ist.“

„Also nicht, dass es eine Arbeitsstelle mit Unterkunft ist?“

Verblüfft starrte sie ihn an. „Nein. Außerdem habe ich eine Wohnung, vielen Dank.“ Warum erwähnte sie das? Ihm gehörte das Haus, in dem sie ein Apartment im ersten Stock gemietet hatte.

„Nicht mehr. Das heißt, bald nicht mehr. Ich brauche nämlich eine Wohnung für Dylan. Dein Apartment wäre genau das Richtige für ihn.“

Mit einem Satz war Shana auf den Füßen. „Du setzt mich vor die Tür? Ich habe eine Tochter, die siebzehn Monate alt ist. Wo sollen Emma und ich denn hin?“

„Zu mir.“

Sie traute ihren Ohren nicht. Das konnte doch nicht wahr sein! Was sollten die Leute von ihr denken, wenn sie in das Haus eines alleinstehenden Mannes zog? Gerade fing man wieder an, sie ernst zu nehmen und zu respektieren, nachdem sie vor ein paar Jahren einfach von zu Hause abgehauen war. Glücklicherweise war der Ärger darüber inzwischen verraucht.

Wenn sie mit Kincaid unter einem Dach lebte, ging das Getuschel sofort wieder von vorn los. Sie wollte gehen. „Das war reine Zeitverschwendung. Für beide von uns.“

Er schaffte es, vor ihr an der Tür zu sein und legte die Hand auf die Klinke, um sie am Hinausgehen zu hindern.

Ihr Herz machte einen Sprung, als sein Oberkörper ihre Schulter streifte. Sie war verletzt, aufgebracht und … noch etwas, über das sie lieber nicht nachdenken wollte. „Sei nicht kindisch, Kincaid.“

„Bitte hör mich an.“

Shana kämpfte gegen die Tränen der Enttäuschung und Wut an. Auf keinen Fall wollte sie vor ihm Schwäche zeigen.

„Bitte, Shana.“

„Na gut“, murmelte sie nach einer Weile. „Aber nur wegen Julia. Ich möchte ihr nicht erzählen, dass ich den Job abgelehnt habe, ohne zu wissen, um was es geht.“

Kincaid trat zur Seite, ohne Shana aus den Augen zu lassen. Befürchtete er vielleicht, dass sie doch noch weglief?

Mit hocherhobenem Kopf ging sie zu ihrem Stuhl zurück, setzte sich und verschränkte die Arme. Herausfordernd sah sie ihn mit ihren grünen Augen an.

Kincaid verkniff sich ein Grinsen. Ihr Zorn passte nicht so recht zu ihrem geschäftsmäßigen Äußeren – Rock, Jacke und hohe Absätze. Normalerweise trug sie Stiefel, Jeans und T-Shirts, die die Rundungen ihrer schlanken Figur betonten. Und der Pferdeschwanz, zu dem sie ihr blondes Haar gebunden hatte, war auch neu.

Am liebsten hätte er sich neben sie gesetzt. Doch etwas Distanz war ihr vermutlich lieber. Deshalb nahm er auf der anderen Seite des Tisches Platz. „Ich sage dir am besten gleich, was ich will. Zurzeit brummt mein Laden. Ich kann mich kaum noch persönlich um all meine Kunden kümmern.“

„Deswegen hast du doch Dylan eingestellt.“

„Vor allem, weil er das Gefühl haben sollte, seinen Platz gefunden zu haben. Er ist gerade mal achtzehn. Ich muss ihm noch eine Menge beibringen. Das kostet Zeit. In der Zwischenzeit kann ich mich um nichts anderes kümmern. Und jetzt kommst du ins Spiel.“

„Inwiefern?“

„Sarah McCoy ist im September aufs College gegangen. Zwei Jahre lang hat sie sich um meinen Haushalt gekümmert. Ich habe noch immer keinen vollwertigen Ersatz für sie gefunden.“

„Um dein Haus zu putzen, muss ich doch nicht bei dir wohnen.“

„Es geht um mehr als bloß Putzen. Es geht auch ums Aufräumen. Ich hasse Unordnung. Die Wäsche stapelt sich. Und zum Kochen habe ich auch keine Zeit …“

„Das sind doch ganz normale Hausarbeiten. Dafür brauche ich höchstens einen Tag pro Woche. Wenn das eine Art Gefälligkeitsjob für mich sein soll …“

„Ich brauche Hilfe“, unterbrach Kincaid sie. Natürlich war sie auf den Job angewiesen, auch wenn sie es niemals zugeben würde.

Ihre Schwester Dixie, mit der er recht gut befreundet war, hatte es ihm erzählt. Dixie lebte zwar derzeit auf der anderen Seite der Erdkugel, aber Aggie McCoy hielt sie auf dem Laufenden, was ihre Schwester anging. Sie hatte ihr berichtet, wie knapp Shana bei Kasse war, dass sie jeden Cent zweimal umdrehen musste und trotzdem auf keinen grünen Zweig kam.

Deshalb hatte Dixie ihn umgehend angerufen und gefragt, ob er Shana irgendwie helfen konnte. Geld würde sie niemals von ihm nehmen, aber wenn er einen Job für sie hätte …?

„Also eine Art Beschäftigungstherapie?“, hatte Kincaid gefragt.

„So darf es auf keinen Fall aussehen. Und sag ihr ja nicht, dass du es ihr zuliebe tust. Dann lehnt sie nämlich sofort ab und klappt zu wie eine Auster. Obwohl sie eigentlich an ihr Kind denken sollte, um das sie sich ja auch noch kümmern muss. Geh also sehr diplomatisch vor. Und versprich mir, ihr niemals zu sagen, dass ich es war, die dich um Hilfe gebeten hat.“

„Das ist die Abmachung, Shana.“ Er sah sie kühl an. „Renovierungen sind mein eigentlicher Job, aber dazu kommen noch zweiunddreißig Häuser, nicht nur in Chance City, sondern auch im Umland, um die ich mich kümmern muss. Dafür habe ich so gut wie keine Zeit. Die Mieter kommen und gehen. Die Häuser müssen auf Vordermann gebracht werden.“ Er holte kurz Luft.

„Außerdem brauche ich jemanden für die Büroarbeit – Buchhaltung und Steuererklärung und der ganze Kram. In einer Kiste sammle ich sämtliche Abrechnungen und Belege für das laufende Jahr. Die müssen geordnet werden. Wärst du dazu imstande?“

„Im Rechnen war ich schon immer gut.“

Das beantwortete seine Frage nicht wirklich. „Deinen Lohn zahlt die Agentur. Darüber hinaus biete ich dir Kost und Logis sowie eine zusätzliche Summe, wenn du dich um mein Haus kümmerst – und konsequenterweise um mein Leben.“ Er unterdrückte einen Seufzer. Dixie hatte ihn gewarnt, dass sie sich sperren würde.

„Ehrlich gesagt wollte ich niemals so viel arbeiten. Dabei habe ich schon mehr Aufträge abgelehnt als angenommen. Aber jetzt, wo Dylan bei mir arbeitet, ist das etwas anderes.“

„Inwiefern?“

„Er muss auf möglichst vielen Gebieten Erfahrungen sammeln, damit er eine vollwertige Arbeitskraft wird – und irgendwann selbstständig arbeitet. Um Nebensächlichkeiten wie Kochen und Saubermachen kann ich mich da nicht auch noch kümmern.“ Kincaid sah ihr in die Augen, die immer noch feindselig blickten.

„Das Beste habe ich dir allerdings noch gar nicht erzählt – das Beste für dich, wie ich meine. Ich weiß, dass du gern als Raumausstatterin arbeiten würdest. Es geht nicht nur darum, nach dem Renovieren die Möbel wieder aufzustellen. Du könntest die Kunden bei der Einrichtung ihrer Häuser beraten, ihnen Vorschläge machen. Du wärst der kreative Teil der Firma, und ich würde deine Ideen umsetzen. Wir wären ein prima Team.“

Endlich sah sie interessiert aus. Die tiefe Falte zwischen ihren Augenbrauen verschwand allmählich. „Inneneinrichtungen für Wohnungen und Büros?“, fragte sie.

Kincaid nickte und hoffte, dass seine nächsten Worte sie endgültig überzeugen würden. „Dieser Teil der Arbeit wäre ausschließlich deine Sache. Und du behältst das Geld, das du dabei verdienst.“ Dieses Angebot konnte sie unmöglich ablehnen. Dessen war er sich bewusst.

„In ein oder zwei Jahren hast du vielleicht genug Geld beisammen, um dir eine eigene Wohnung zu leisten. Ganz zu schweigen davon, dass du dir einen Kundenstamm aufbauen könntest – das hast du ja bis heute nicht getan.“

„Warum tust du das?“

Einer der Gründe, warum er Dixies Bitte erfüllte, lag in seiner Vergangenheit. Er dachte kaum noch darüber nach, und auch jetzt erwähnte er nur das Nötigste.

„Mit sechzehn musste ich zusehen, auf eigenen Beinen zu stehen, um aus einem ziemlichen Schlamassel herauszukommen. Im Gegensatz zu dir hatte ich nicht für ein kleines Kind zu sorgen, aber trotzdem war der Weg zum Erfolg ziemlich steinig. Ich habe es weitgehend allein geschafft, wenn mir auch hier und da jemand geholfen hat, um die ersten Jahre zu überleben. Wenn ich mich jetzt um Dylan kümmere, mache ich einiges damit wieder gut – und wenn ich dir einen Gefallen tun kann.“

Er beugte sich zu ihr. „Du hast deinen Stolz, Shana. Das weiß ich. Aber er sollte dir nicht im Weg stehen, wenn sich eine Gelegenheit bietet.“ Auch er hatte lange Jahre seinen Stolz gehabt.

„Emma ist siebzehn Monate alt“, erwiderte sie zögernd. „Das ist eine ziemlich stressige Zeit – für Mütter, meine ich. In dem Alter machen Kinder viel Krach und viel Unordnung.“

„Das klappt schon“, beruhigte er sie – und sich selbst. „Wie du weißt, ist mein Haus sehr groß.“

„Das weiß ich eben nicht. Ich war nämlich noch nie da. Ich kenne auch niemanden, der jemals dort eingeladen war.“

„Das soll in Zukunft anders werden.“ Mit seinem Einsiedlerleben war er jahrelang zufrieden gewesen, doch in letzter Zeit dachte er immer öfter darüber nach, dass es nach neunzehn Jahren, die er hier bereits lebte, Zeit war, die Stadt und ihre Bewohner näher kennenzulernen und nicht nur die wenigen aus seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Es käme auch Dylan zugute.

„Wenn du mir hilfst, wird sich das ändern“, wiederholte er. „Ich habe noch nicht einmal einen Weihnachtsbaum aufgestellt. Vielleicht könnte das deine erste Aufgabe werden. Emma würde es bestimmt auch gefallen, oder?“

Damit hatte er eine Saite in Shana zum Klingen gebracht. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich, wurde weicher. Sie war nicht länger die verärgerte, stolze Frau, als die sie den Raum betreten hatte. Ihre Tochter würde einen Tannenbaum haben. Es gab ein paar Dinge, die es wert waren, seinen Stolz zu vergessen. „Ja“, sagte sie leise. „Das würde ihr gefallen.“

„Außerdem hätte sie ihr eigenes Zimmer. Im Moment teilt ihr euch doch wohl das Schlafzimmer, stimmt’s? Also, was hältst du davon?“

Ein langes Schweigen entstand. Schließlich sagte sie: „Ich muss darüber nachdenken.“

Verblüfft sah er sie an. Dabei war er sich seiner Sache doch so sicher gewesen …

„Wie lange brauchst du dafür?“, wollte er wissen. Hatte sie überhaupt eine Wahl? Eine preiswerte Wohnung zu finden war fast unmöglich. Warum zögerte sie noch?

Sie stand auf. „Ich komme heute Abend bei dir vorbei – wenn du zu Hause sein solltest.“

„Jederzeit nach sieben Uhr.“ Er folgte ihr zu Tür und öffnete sie.

Ohne ein weiteres Wort stapfte sie aus dem Haus. Nicht einmal von Julia verabschiedete sie sich.

Nachdenklich klopfte Kincaid an Julias Tür.

Sie winkte ihn herein. „Alles klar?“

„Sie denkt darüber nach.“

Julia zog die Augenbrauen hoch. Dann lächelte sie. „Ich habe ihre Tatkraft immer bewundert.“

„Was Sie Tatkraft nennen, nenne ich Dickköpfigkeit.“

„Ich habe schon vermutet, dass da zwei eigenwillige Charaktere aufeinanderprallen.“

„Das kann man wohl sagen. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber bei ihr war es Abneigung auf den ersten Blick.“

„Warum wollten Sie dann ausgerechnet sie haben? Und auch noch in Ihrem Haus?“

Ja, warum eigentlich? Zunächst einmal hatte er Dixie einen Gefallen erweisen wollen. Außerdem sollte Dylan eine eigene Wohnung bekommen. Nicht zuletzt hatte er auch Verständnis für Shanas Situation.

„Ich denke, sie wird bald für sich allein sorgen können, aber fürs Erste braucht sie jemanden, der sie unterstützt. Ich habe die Möglichkeit dazu.“ Zum Abschied schüttelte er Julia die Hand. „Ich rufe Sie an, wenn sie sich entschieden hat.“

„Gern.“

Er nahm die Treppe zur Tiefgarage. Es hatte zu regnen begonnen. Shana würde über rutschige Straßen zu der kleinen Stadt am Fuß einer Hügelkette fahren müssen und sicherlich länger brauchen als die Stunde, die die Fahrt normalerweise dauerte. Ihr Wagen war die reinste Schrottkiste. Hoffentlich überstand er den Trip. Kincaid verdrängte den Gedanken an das, was ihr möglicherweise zustoßen konnte, setzte sich ins Auto und fuhr los. Vielleicht holte er sie auf der Strecke ein.

Tatsächlich kam ihr Wagen nach einer Viertelstunde in Sicht. Kincaid fluchte leise, als er sah, dass sie sich strikt an das Tempolimit hielt. Auf dieser Strecke war das überhaupt nicht nötig. Es war nicht das Einzige, was ihn irritierte.

Von Anfang an waren sie sich nicht grün gewesen. Dennoch bewunderte er sie dafür, wie verbissen sie darum kämpfte, auf eigenen Füßen zu stehen. Und Menschen, die sich aufrichtig bemühten, musste man helfen. Das hatte er sich fest vorgenommen, nachdem er selbst in dieser Situation gewesen war und andere ihm geholfen hatten.

Er war gespannt, wie sich ihre Beziehung entwickeln würde.

Diese rein geschäftliche Beziehung, wie er sich immer wieder einredete.

Eisern hielt Shana sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Alle paar Sekunden schaute sie in den Rückspiegel in der Hoffnung, dass Kincaid sie endlich überholen und in Ruhe lassen würde. Sie musste über viele Dinge nachdenken. Dass er an ihrer Stoßstange klebte, irritierte sie kolossal.

Wenn er sich als Boss ebenso verhielt, würde sie den Job ablehnen. Sie brauchte keinen Aufseher, um ihre Arbeit zu erledigen.

An der Ausfahrt zu Chance City lagen ihre Nerven blank. Kurz entschlossen fuhr sie an den Straßenrand und hielt an.

Kincaid parkte unmittelbar hinter ihr. „Hast du Probleme mit deinem Wagen?“ Er kam zu ihr, als sie ausstieg.

Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. „Warum folgst du mir?“

Überrascht sah er sie an. „Folgen? Ich habe dasselbe Ziel und ich dachte mir, es sei unhöflich, dich zu überholen.“

Stimmte das, oder wollte er sie nur besänftigen?

„Bist du sauer auf mich, Shana?“

Die Art und Weise, wie er seine Stimme senkte, fast vertrauensvoll, hätte sie um ein Haar aus der Fassung gebracht. Sie riss sich zusammen. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass du mich aus meiner Wohnung wirfst.“

„Genau genommen ist es die Wohnung deiner Schwester.“

Sie runzelte die Stirn. „Dafür mache ich in ihrem Schönheitssalon sauber.“

„Aber wer zahlt die Miete?“

„Dixie. Ihr Name steht schließlich auf dem Mietvertrag.“

„Glaubst du, dass du mit den paar Stunden Arbeit die Miete wettmachst?“

„Das hat sie mir gesagt.“ Sie wandte den Blick ab und schien nachzurechnen. „Wahrscheinlich nicht“, murmelte sie schließlich. Ein weiterer Gefallen, für den sie sich eines Tages würde revanchieren müssen.

Er schwieg.

„Würdest du mich wirklich auf die Straße setzen?“, fragte sie.

Er holte tief Luft. „Shana, ich biete dir die Chance für einen Job, den du immer schon haben wolltest. Ich biete dir ein Heim mit einem Garten für deine Tochter und die Gelegenheit, genug Geld zu verdienen, um dir in naher Zukunft ein eigenes Haus leisten zu können.“

Abwehrend hob er die Hand, als sie etwas erwidern wollte. „Nein, ich würde dich nicht auf die Straße setzen, denn dann würde Dixie kein Wort mehr mit mir reden. Aber warum willst du diese Chance nicht wahrnehmen?“

Da war sie also – die Wahrheit. „Du tust das also wegen Dixie?“

Er fuhr sich durchs Haar. Bereits jetzt bedauerte er seine Entscheidung. „Ich tue das, weil ich Hilfe brauche – und weil du dafür genau die Richtige bist.“

„Was werden die Leute sagen, wenn ich in deinem Haus wohne?“

„Ist das wirklich wichtig?“

„Ja. Dir sollte es auch wichtig sein.“

„Ich geb’s auf.“ Er machte auf dem Absatz kehrt und ging zu seinem Wagen zurück. „Vergiss es.“

Shana sah ihre Zukunft in sich zusammenstürzen wie ein Kartenhaus. „Nein, warte.“ Sie lief hinter ihm her. „Ich nehme den Job an – unter einer Bedingung.“

„Ach ja?“

Fast hätte sie über seinen sarkastischen Tonfall gelacht. „Du musst anfangen, mit einer Frau auszugehen.“

Schockiert starrte er sie an. „Woher weißt du, dass ich das nicht tue?“

Da war etwas dran – zumal er so schnell geantwortet hatte. „Du musst es ganz offensichtlich tun. Zum Beispiel mit deinem Mädchen samstagabends zum Tanzen gehen. Niemand hat dich jemals in Gesellschaft einer Frau gesehen.“

„Weil ich mein Privatleben nicht an die große Glocke hänge.“

Sie verschränkte die Arme. „Wie dem auch sei. Ich möchte nicht, dass die Leute auf die Idee kommen, wir könnten aus einem anderen als geschäftlichen Gründen unter einem Dach leben.“

„Deshalb soll ich also eine Frau kennenlernen und so tun, als würde ich mich für sie interessieren – selbst wenn das gar nicht der Fall ist?“

Seine Logik irritierte sie, zumal sie kein triftiges Gegenargument hatte. Deshalb sah sie Kincaid nur stumm an. Sie brauchte seine Zusicherung, auch wenn sie nicht wusste, ob sie sich darauf verlassen konnte. Immerhin war er ja auch hinter ihrer Schwester her gewesen …

„Na gut, Shana“, sagte er schließlich. „Ich werde mich mit Frauen verabreden. In aller Öffentlichkeit.“

„Eine reicht aus. Wirkt sogar überzeugender. Dein erstes Date ist am Samstag, nachdem ich bei dir eingezogen bin.“

„Okay.“

Er sagte es so leichthin, als habe er tatsächlich ein Verhältnis.

„Und du musst glücklich dabei aussehen.“

Er lachte. „Wie ich mich in Gegenwart einer Frau verhalte, geht dich nichts an. Jedenfalls werde ich am Samstag tanzen gehen. Mehr kann ich nicht versprechen.“

Sie beschloss, ihn nicht weiter zu drängen. Er war ihr schon mehr entgegengekommen, als sie erwartet hatte. Deshalb streckte sie die Hand aus. „Abgemacht.“

Seine große, warme, schwielige Hand umfasste ihre. Sie hatten sich noch nie zuvor berührt. Es war, als führe ein Blitz durch Shana hindurch. Er war ein starker Mann – genau der Richtige, um sich anzulehnen.

Für Shana kam das jedoch nicht infrage. Nicht hier, nicht heute und nicht morgen. Sie würde ihre Arbeit erledigen und dankbar dafür sein. Dank Kincaid war sie auf niemanden mehr angewiesen.

2. KAPITEL

Shana parkte vor Aggie McCoys Haus, schaltete den Motor aus und atmete tief durch. Seit ihrer Rückkehr in die Stadt vor einem Jahr war Aggie der Fels in ihrem stürmischen Leben geworden. Außerdem war sie der Schlüssel zu Shanas Erfolg. Wenn sie Aggie davon überzeugen konnte, dass ihre neue Tätigkeit eine rein geschäftliche Angelegenheit war, würde sich das in Windeseile in der ganzen Stadt verbreiten und jeglichen Tratsch und Klatsch von vornherein verhindern.

Aggie war neunundsechzig, seit mehr als zwölf Jahren Witwe, hatte acht Kinder großgezogen und inzwischen jede Menge Enkel. Sie kümmerte sich um jeden, der ihr über den Weg lief, egal, ob es sich um Verwandtschaft oder entfernte Bekannte handelte. Außerdem schloss sie Shana jedes Mal, wenn sie sich sahen, so liebevoll in die Arme, wie es ihre eigene Mutter niemals getan hatte.

Shana klopfte zweimal, bevor sie die Haustür öffnete. Der Duft von Äpfeln und Zimt stieg ihr in die Nase. „Jemand zu Hause?“, rief sie.

„Mommy! Mommy!“ Emma kam aus der Küche gelaufen.

Shana nahm sie auf den Arm und wirbelte sie durch die Luft. Emmas blonde Locken flogen ihr um die Stirn. Das T-Shirt passte perfekt zu ihren grünen Augen, wie sie alle Callahans hatten. „Da ist ja mein Schatz. Hier riecht es aber sehr gut.“

„Äpfel. Mhm.“

„Du bist früh dran.“ Aggie kam in den Flur und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Wie ist es denn gelaufen?“

Shana knuddelte Emma, die mit ihrem Anhänger spielte. „Ich habe den Job. Eine Vollzeitstelle. Mitten in der Stadt.“

„Und wer ist der Boss?“

„Kincaid.“

Aggie zog die schwarzen Augenbrauen hoch. „Was sollst du denn für ihn tun?“

„Ich bin so eine Art Mädchen für alles. Haushälterin, Putzfrau, Bürohilfe, Innenausstatterin …“

„Klingt nach mehr als einer Vierzigstundenwoche.“ Aggie ging in die Küche. „Ich muss den Kuchen aus dem Ofen nehmen.“

Shana folgte ihr. „Mit den vierzig Stunden bin ich mir nicht so sicher. Aber die Arbeit ist ziemlich abwechslungsreich. Außerdem wohne ich bei ihm.“

Aggie drehte sich um, sagte aber nichts. Das war ziemlich ungewöhnlich für sie.

„Es ist für alle eine Win-win-Situation, Aggie. Er will mein Apartment für Dylan, und er braucht eine Haushälterin. Deshalb ziehen Emma und ich bei ihm ein. Mein kleiner Schatz hat zum ersten Mal ein eigenes Zimmer – und einen Garten.“ Sie rieb ihre Nase gegen Emmas, die ihre Händchen auf Shanas Wangen legte und ihr einen nassen Kuss gab. „Er hat übrigens eine Freundin.“

„Wirklich?“ Aggie zog den Apfelkuchen aus dem Ofen und stellte das Blech auf einen metallenen Untersetzer.

Shana kam näher. „Die Leute sollen wissen, dass das alles rein geschäftlich ist. Kannst du das ein bisschen herumerzählen?“

„Unterstellst du mir etwa, Gerüchte zu verbreiten?“

„Ich betrachte das mehr als Schadensbegrenzung. Ich habe hart daran gearbeitet, in dieser Stadt wieder akzeptiert zu werden. Über Kincaid hat es noch nie Gerede gegeben. Das ist für mich eine große Chance. Jetzt kann ich es mir sogar leisten, dich und die anderen Babysitter zu bezahlen.“

„Darüber reden wir ein anderes Mal. Ich freue mich für dich, Liebes. Klingt wie die Lösung all deiner Probleme. Typisch Kincaid. Er muss hellseherische Fähigkeiten haben. Genau im richtigen Moment hat er sein Angebot auf den Tisch gelegt – als du es am dringendsten gebraucht hast.“

Sie musterte Shana mit einem seltsamen Blick, als ob sie etwas wüsste, von dem Shana keine Ahnung hatte. „Die Dinge geschehen nun mal, wenn es so weit ist. Hast du das nicht immer selbst gesagt?“

„Genau – und dass es auf die Sekunde ankommt.“

„Bitte, Aggie! Erzähl allen Leuten, dass es wirklich rein geschäftlich ist!“

„Ich versuche es, aber du weißt, dass sie sich trotzdem das Maul zerreißen, wenn sie Lust darauf haben. Würde mich nicht wundern, wenn sie sogar Wetten auf euch abschließen. Du weißt doch, wie die Leute sind.“

„Wenn sie erst mal Kincaids Freundin sehen, werden sie still sein.“

„Interessant, dass er sich noch nie mit einer Frau gezeigt hat. Wie kommst du darauf, dass er ein Verhältnis hat?“

„Runter“, quengelte Emma auf Shanas Arm.

Shana nutzte den Moment der Ablenkung, um sich eine Antwort zu überlegen. „Er will mit ihr am Samstag zum Tanzen gehen.“

„Ach ja?“ Aggie lachte glucksend. „Ich war schon seit Jahren nicht mehr im Stompin’ Grounds. Aber warum bietet er dir eine Arbeit als Haushälterin an, wenn er es endlich mal ernst meint mit einem Mädchen und sich in aller Öffentlichkeit mit ihr zeigt? Bist du ihm mit Emma da nicht nur im Weg?“

„Wer weiß schon, was in Kincaids Kopf vor sich geht.“ Shana setzte sich zu Emma auf den Boden und holte Plastikspielzeug aus einer Schublade.

„Wann ziehst du denn bei ihm ein?“

„Am Wochenende. Da die Möbel ohnehin Dixie gehören, lasse ich sie für Dylan stehen. Wenn es ihm nicht gefällt, kann er sich ja anders einrichten. Ich muss nur meine und Emmas Sachen mitnehmen. Die passen in ein paar Kisten.“

„Soll ich dir beim Umzug helfen?“

„Danke. Kincaid hat sich schon angeboten. Emma, leg das Spielzeug zurück. Wir müssen los.“ Shana erhob sich und tätschelte Aggies Schulter. „Tut mir leid, dass ich dir an Thanksgiving die Ohren vollgeheult habe. Es ist mir richtig peinlich. Trotzdem hat es mir gutgetan, mal mit jemandem über alles zu reden. Vielleicht hat Kincaid telepathische Fähigkeiten und es auf diese Weise mitbekommen.“

Aggie nickte ernst. „Damit könntest du sogar recht haben.“

Du hast ihm doch nicht etwa was erzählt?“

Sie hob die Hand. „Nicht ein Wort, das schwöre ich.“ Sie nahm Shana in die Arme. „Das ist genau das Richtige für dich und die Kleine.“

Shanas Augen brannten verdächtig. „Die Leute sollen vergessen, wie ich früher war. Ich bin jetzt ein anderer Mensch.“

„Wenn sie Gerüchte verbreiten oder Wetten auf dich abschließen, dann tun sie es nur, weil sie sich für dich interessieren und dich mögen. Andernfalls wärst du ihnen nämlich vollkommen egal.“

Shana richtete sich auf. „So habe ich das noch gar nicht gesehen.“

Auf einmal schienen sich die Ereignisse zu überstürzen. Shana konnte kaum begreifen, wie ihr geschah.

Ja, sie war ein Spätzünder, in jeder Beziehung, aber gezündet hatte es jetzt auf jeden Fall. Das alles verdankte sie Landon Kincaid, einem Mann, der sie bisher kaum beachtet hatte. Manchmal taten sich ganz neue Wege auf, mit denen man niemals gerechnet hatte. Und die Leute, die sie einem bahnten, erschienen auf einmal in einem neuen Licht.

Kincaids Handy klingelte in dem Moment, als er vor dem Restaurant parkte, in dem er sich mit Dylan zum Essen verabredet hatte. Er schaute aufs Display und ließ es noch einmal läuten, ehe er das Gespräch entgegennahm. „Hallo, Aggie. Ich habe mit deinem Anruf gerechnet.“

„Ach, wirklich? Wieso?“

„Shana hat dir bestimmt schon von meinem Angebot erzählt.“

„Ja, das hat sie. Dixie muss dich angerufen haben, weil ich ihr erzählt habe, dass ich mir wegen Shana Sorgen mache.“

„Ich habe Dixie versprochen, Shana nicht zu verraten, woher ich von ihrer Situation weiß. Nur von dir könnte sie es erfahren.“

„Ich nehme das Geheimnis mit ins Grab, Kincaid.“

Er entspannte sich. „Danke.“

„Sie macht sich allerdings Sorgen um ihren Ruf.“

„Das habe ich gemerkt.“

„An deiner Stelle würde ich allen sofort reinen Wein einschenken. Je länger du mit der Wahrheit hinterm Berg hältst, desto lauter wird das Gerede werden.“

„Und wer sollte das tun?“

„Du selbst. Fang bei Honey an. Dann wissen bald alle Bescheid.“

Honey war die Besitzerin des Restaurants, vor dem er gerade parkte. „Danke, Aggie. Für alles.“

„Gern geschehen.“ Ehe sie auflegte, meinte sie: „Weißt du, Kincaid, zwischen euch beiden herrscht eine ganz besondere Chemie.“

„Und ob. Aber eine ziemlich giftige.“

Aggie lachte leise. „Schon, aber hinter ihrer rauen Schale verbirgt sich ein sehr weiches Herz. Sie ist oft verletzt worden. Und sie hat sich ziemlich abgestrampelt, um wieder auf die Füße zu kommen. Ihre Unabhängigkeit ist ihr wichtig – wenn du verstehst, was ich meine.“

„Ja, ich habe verstanden. Ich soll ihr gegenüber ehrlich sein.“

„Genau.“

Kaum hatte er das Gespräch mit Aggie beendet, rief er Shana an. „Aggie rät uns, von Anfang an mit offenen Karten zu spielen“, erklärte er, nachdem sie ans Telefon gegangen war. „Sie schlägt vor, dass ich Honey erzähle, was wir vorhaben. Ich sitze gerade vor ihrer Kneipe; Dylan und ich wollen hier essen. Wenn du möchtest, kannst du zu uns stoßen, und wir erzählen es ihr gemeinsam.“

„Ist schon okay, wenn du das allein machst. Wenn ich da jetzt auch noch aufkreuze, sieht es womöglich so aus, als seien wir ein Paar.“

„Na gut.“ Er war ebenso erleichtert wie besorgt, denn er wollte die Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen. Honeys Kneipe war der Umschlagplatz von sämtlichen Neuigkeiten, die sich in der Stadt ereigneten. Wenn er es hier geschickt anstellte, konnte nichts schiefgehen. „Wann kannst du umziehen?“

„Am Freitag.“

„Samstag wäre mir lieber. Da habe ich nicht so viel zu tun.“

„Einverstanden. Hast du schon ein Date für Samstagabend?“

„Ich blättere gerade durch mein Notizbuch, während wir uns unterhalten.“

Sie lachte.

„Brauchst du Umzugskartons?“

„Nein, danke. Ich habe Dixie angerufen, um ihr Bescheid zu sagen, aber ich habe nur ihre Mailbox erreicht. Bis jetzt hat sie sich noch nicht gemeldet. Hast du schon mit ihr gesprochen?“

„Manchmal schicken wir uns E-Mails – wegen des Hauses.“ Er hatte nicht nur geschäftlich häufiger mit Dixie zu tun, sondern renovierte auch ihr und Joes Haus, solange die beiden im Ausland arbeiteten. Die Stelle hatten sie sofort nach ihren Flitterwochen angetreten.

„Ich versuch’s später noch mal. Könntest du Dylan bitten, mich anzurufen? Er soll sich die Wohnung mal anschauen.“

„Klar.“ In dem Moment fuhr Dylan in Kincaids Kleinlaster vor. „Wir bleiben in Verbindung, Shana. Ruf mich an, wenn du irgendetwas brauchst.“

„Ich würde mir dein Haus gern ansehen, bevor ich einziehe, um zu sehen, was ich noch an Möbeln für uns besorgen muss.“

„Wie wär’s mit morgen Abend?“ Sie verständigten sich auf eine Zeit. Dann drückte er die Aus-Taste, stieg aus dem Wagen und ging zu Dylan.

„Hey, Boss!“ Dylan sprang vom Fahrersitz.

„Hast du das mit dem Bad hingekriegt?“, wollte Kincaid wissen.

„Klar.“

Sie betraten das Restaurant. „Und was ist mit der Badewanne?“

„Das Zimmer ist leer geräumt. An einigen Stellen ist Schimmel.“

„Wie hast du die Wanne allein rausgekriegt? Das Ding muss doch eine Tonne wiegen.“

Dylan grinste. „Wahrscheinlich bin ich stärker als du.“ Er versetzte Kincaid einen Hieb gegen den Arm und tanzte wie ein Boxer um ihn herum.

Es war kaum zu glauben, dass der Junge bis vor zwei Monaten noch obdachlos gewesen war. Er hatte bereits an Gewicht zugelegt, sodass er muskulöser wirkte, und er trug sein Haar etwas länger. Die Mädchen warfen ihm begehrliche Blicke zu.

Kincaid winkte Honey zu und setzte sich an den einzigen freien Tisch.

„Bin gleich bei euch, Jungs!“, rief sie, während sie mit einem Teller in jeder Hand auf einen Tisch zusteuerte. Ihr grau melierter Pferdeschwanz wippte auf und ab.

„Eric hat heute angerufen“, berichtete Dylan. „Er und Marcy besuchen Gavin und Becca am Samstag. Sie haben mich zum Essen eingeladen.“ Verstohlen musterte er vier Mädchen, die kichernd an einem Nebentisch saßen und ständig zu ihm hinüberschauten.

Eric und Marcy Sheridan hatten Dylan vor ein paar Monaten von der Straße geholt. Erics Schwester Becca hatte vor Kurzem Shanas Bruder Gavin geheiratet. Irgendwie schienen alle Familien in Chance City miteinander zu tun zu haben.

Dylan schaute Kincaid an. „Ist das okay für dich – oder hast du am Samstag einen Auftrag für mich?“

„Es gibt einiges für dich zu tun.“

„Wirklich?“ Dylan sah enttäuscht aus.

„Du wirst nämlich umziehen“, erklärte Kincaid genau in dem Moment, als Honey an ihren Tisch trat, um ihre Bestellung entgegenzunehmen.

„Umziehen? Wohin? Warum?“

„In die Wohnung über der ‚Oase‘.“

Dylan runzelte die Stirn. „Du meinst den Schönheitssalon in der Innenstadt?“

„Genau den. Da drüber liegt deine neue Wohnung. Ein sehr schönes Apartment.“

„Und wohin zieht Shana?“, wollte Honey wissen.

„In mein Haus.“

Vielsagend zog Honey die Augenbrauen hoch.

„Ich brauche eine Haushälterin“, beeilte er sich zu erklären. „Außerdem soll sie noch ein paar andere Arbeiten für mich erledigen. Sie ist ideal dafür. Ich habe sie übrigens über eine Agentur engagiert.“

„Hört, hört“, kommentierte Honey.

„Es ist rein geschäftlich“, versicherte Kincaid.

„Mhm“, machte Honey.

Erstaunt riss Dylan die Augen auf. Er war bis jetzt noch gar nicht zu Wort gekommen. „Ich kriege wirklich ein Apartment ganz für mich allein?“

„Ja. Das Haus gehört mir. Du wirst mir also Miete zahlen müssen. Ich denke, du hast mir lange genug auf der Tasche gelegen.“

Dylan grinste übers ganze Gesicht.

„Emma wird wohl mitkommen“, mutmaßte Honey.

„Natürlich.“

„Ich habe dich noch nie zusammen mit einem Baby gesehen.“

Vermutlich, weil er noch nie mit einem zu tun hatte. Kinder interessierten ihn nicht besonders. Aber er musste sich ja auch nicht um die Kleine kümmern. „Der Garten wird ihr bestimmt gefallen“, sagte er zu Honey. „Und ich weiß, dass Shana froh ist, nicht mehr jeden Tag nach Sacramento fahren zu müssen. Es ist für alle eine gute Lösung.“

Kincaid war erleichtert. Die erste Hürde war genommen. Immer wieder schaute er zu Honey hinüber, die hinter der Bar stand und sich mit ihren Gästen unterhielt. Machte die Neuigkeit bereits die Runde?

Während des Essens sprachen Kincaid und Dylan über seine neue Wohnung. Eigentlich bezweifelte er, dass Dylan schon reif genug war, um allein zu leben, aber es war die einzige Möglichkeit, um Shana zu unterstützen – jedenfalls die Einzige, die sie akzeptieren würde. Auf jeden Fall wollte er Dylan im Auge behalten und darauf achten, dass er mit seiner neu gewonnenen Unabhängigkeit nicht übermütig wurde.

„Können wir uns die Wohnung mal ansehen?“, fragte Dylan, als Kincaid die Rechnung beglich.

„Heute Abend nicht. Shana hat gesagt, du sollst sie anrufen, um einen Termin zu vereinbaren. Könnte ja sein, dass dir die Einrichtung nicht zusagt. Sie ist sehr … weiblich, glaube ich.“

Die vier Mädchen kamen an ihrem Tisch vorbei. Jedes von ihnen warf Dylan ein Lächeln zu. Kincaid lebte allein, seit er sechzehn war. Nur zu gut wusste er, welche Versuchungen in dem Alter auf einen warteten – vor allem, wenn es ums andere Geschlecht ging. „Wir müssen uns mal über Bienen und Blümchen unterhalten“, grinste er.

Dylan verdrehte die Augen.

„Wenn du so klug bist, wie ich vermute, nimmst du dir zu Herzen, was ich dir zu sagen habe.“

„Jawohl, Sir!“

Kincaid musste lachen.

Auf dem Weg zum Ausgang fragte einer der Gäste: „Shana zieht also zu dir?“

„Um für mich zu arbeiten“, antwortete Kincaid freundlich, ohne stehen zu bleiben. Honey hatte also schon ganze Arbeit geleistet.

„Was ist denn daran so toll, dass Shana als Haushälterin zu dir zieht?“, wollte Dylan wissen, nachdem sie das Restaurant verlassen hatten.

„Sie ist jung, attraktiv, alleinstehend – und diese Stadt liebt den Klatsch.“ Kincaid spielte mit seinen Autoschlüsseln. „Vergiss das nicht. Außerdem haben die Einwohner ein Gedächtnis wie ein Elefant. Sie sind wie eine große Familie – mit all ihren Feindseligkeiten und Vorlieben.“

„Danke. Ich werde es nicht vergessen.“ Dylan schaute sich um. „Als du mir den Job hier angeboten hast, war ich wirklich froh. Ich habe mir allerdings schon Gedanken darüber gemacht, ob ich so weit weg von einer Großstadt wohnen möchte. Inzwischen gefällt es mir. Ich finde es toll, dass die Stadt von Goldgräbern gegründet wurde und dass das Zentrum nur ein paar Häuserblocks groß ist. Und dass alle Leute einen grüßen.“

„Selbst wenn sie alles von dir wissen?“

„Das finde ich cool. Man fühlt sich irgendwie … zu Hause, wenn du verstehst, was ich meine.“

Kincaid verstand ihn nur zu gut. Er hatte sich bisher aus dem gesellschaftlichen Leben weitgehend zurückgehalten und sich darauf beschränkt, gute Arbeit abzuliefern, was seinem Ruf nicht abträglich war.

„Außerdem gefallen mir die Natur und die Berge und die Aussicht auf die Sierras“, fuhr Dylan fort. „Ich könnte mir vorstellen, für immer hierzubleiben.“

Chance City lässt einen nicht mehr los, überlegte Kincaid. Ihm war es genauso ergangen, als er hier gelandet war. „Du hast recht. Es ist eine gute Stadt. Also, dann bis später. Wir treffen uns zu Hause.“

Zu Hause. In Kincaids ruhiges Haus war das Leben eingebrochen, als Dylan zu ihm gezogen war. Und jetzt wurde es möglicherweise noch lebendiger. Andererseits würde auch mehr Ordnung einkehren, wenn Shana sich erst einmal um den Haushalt kümmerte. So viel war schon mal sicher.

Er musste nur zusehen, dass sie niemals den Grund erfuhr, warum er sie eingestellt hatte. Dann würde sie keine Minute länger bei ihm bleiben, und er wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass sie erneut sämtliche Brücken hinter sich verbrannte.

Das war ein entsetzlicher Gedanke für jemanden, der so zuverlässig und verantwortungsbewusst war.

Kincaids Haus lag etwa dreißig Meter zurückgesetzt von der Straße.

Shana lenkte ihren Wagen über die von Pinien und Eichen gesäumte Auffahrt, die das Haus vor neugierigen Blicken schützten. „Ziemlich dunkel“, bemerkte sie, als sie um die letzte Kurve bog und vor dem Haus hielt, das mit seiner hell erleuchteten Veranda wie eine riesige Blockhütte aussah.

„Dunkel“, plapperte Emma nach, die in ihrem Kindersitz angeschnallt war.

„Tagsüber ist es bestimmt sehr schön. Meinst du nicht auch, Schätzchen? Schau dir nur all diese Fenster an. Die Aussicht muss großartig sein.“

„Ssön“, wiederholte Emma. Ihr Wortschatz wurde schnell größer.

Shana nahm Emma aus dem Kindersitz und lief die Treppenstufen zum Eingang des beeindruckenden Gebäudes hinauf. Es fügte sich perfekt in seine Umgebung ein. Die ganze Stadt wusste, dass er das Haus vor vier Jahren selbst gebaut hatte. Ursprünglich hatte er es verkaufen wollen, aber dann doch nicht getan. Wozu brauchte ein alleinstehender Mann fünf Schlafzimmer?

Man hatte Wetten über den Zeitpunkt seiner Hochzeit abgeschlossen, doch dazu war es nicht gekommen. Schließlich versiegte der Klatsch. Manch einer fragte sich allerdings, ob eine Frau wohl seinen Antrag zurückgewiesen und ihm damit das Herz gebrochen hatte.

Kincaid öffnete die Tür, ehe sie anklopfen konnte. Er trug Jeans, ein kariertes Flanellhemd und dicke Wollsocken. Die Hemdsärmel hatte er bis zu den Ellbogen aufgekrempelt, sodass seine muskulösen Unterarme zu sehen waren. Stark. Das war immer das erste Wort gewesen, was Shana in den Sinn kam, wenn sie an ihn dachte.

„Hat dir die Katze die Zunge abgebissen?“ Er legte den Kopf schräg und sah Emma an.

„Tatze?“ Emma sah sich um. „Will runter. Tatze.“ Genauso entschlossen klang sie, wenn sie ein „Pätzchen“ verlangte.

„Es gibt keine Katze, Schätzchen“, sagte Shana. „Oder etwa doch?“

„Keine Haustiere“, bestätigte Kincaid. „Hinein mit euch ins Warme. Ich habe Feuer gemacht. Keine Sorge – vor dem Kamin steht ein großer Schirm. Emma wird sich nicht verbrennen.“

Seine Gewissenhaftigkeit verblüffte sie. „Das ist sehr umsichtig.“

„Aber auch egoistisch“, fügte er hinzu. „Ich liebe Kaminfeuer im Winter und möchte um nichts in der Welt darauf verzichten.“ Er wandte sich an Emma. „Wie geht es dir denn, Miss Emma?“

„Erinnerst du dich an Kincaid, Emma?“, fragte Shana. „Kannst du Kincaid sagen?“

Emma schüttelte den Kopf und steckte den Daumen in den Mund.

„Es ist ein neues Wort, nicht wahr? Versuch’s doch mal, Emma. Sag Kincaid.“

Emma sah ihn lange an. Schließlich sagte sie „Tintaid“.

Shana unterdrückte ein Lachen. „Fast“, meinte sie. „Das müssen wir noch ein bisschen üben.“

„Bis dahin ist es eben Tintaid“, meinte Kincaid.

„Wenn es dich tröstet – Dylan hat sie zuerst auch Dilly genannt.“

„Dann bin ich lieber Tintaid als Dilly.“

„Klar.“ Sie lächelte. „Wo ist er überhaupt?“

„Nach Sacramento gefahren, um ein paar Poster zu kaufen. Den Vorschlag hast du ihm doch selbst gemacht.“

„Na ja, ich glaube nicht, dass meine Wildblumenbilder nach seinem Geschmack sind.“

Kincaid führte sie zum Kamin, der den größten Teil einer Wand einnahm und von zwei Fenstern mit Dreifachverglasung flankiert wurde – um Energie zu sparen, wie er erklärte. Die wuchtigen Möbel passten perfekt zum Blockhausstil – eine zwar sehr männliche, aber ausgesprochen gemütliche Einrichtung.

„Will runter“, wiederholte Emma. Shana setzte sie auf den Fußboden, und sie krabbelte zum Kamin. In gebührender Entfernung hielt sie inne. „Ssön.“

Shana zog ihr das Jäckchen aus und ihre eigene Jacke auch.

Kincaid hängte sie an die Garderobe neben der Haustür.

„Du hast ein wunderschönes Haus“, sagte Shana.

„Danke. Willst du auch die anderen Zimmer sehen?“

„Gern. Komm, Emma.“

Emma lief voraus, und sie folgten ihr ins Esszimmer, das sich ans Wohnzimmer anschloss, und von dem man ebenfalls eine fantastische Aussicht hatte.

Dahinter lag die Küche – so perfekt eingerichtet, wie Shana es noch nie gesehen hatte: holzverkleidete Schränke, Edelstahlspüle, Arbeitsplatten aus grüngoldenem Granit. Sie bot mehr Platz, als selbst ein Profikoch jemals benötigen würde, ganz zu schweigen von einem alleinstehenden Mann. Shana überlegte, ob eine solche Küche ihre Talente als Köchin beflügeln würde.

Sie besichtigten zwei weitere Zimmer im Erdgeschoss und gingen in die erste Etage, wo sich ein großes und zwei kleinere Schlafzimmer sowie das Arbeitszimmer befanden. In das große Schlafzimmer hätte ihr gesamtes Apartment locker hineingepasst. Jeder Raum war so perfekt eingerichtet, dass sie kaum etwas würde ändern müssen, was sie als Innenausstatterin fast enttäuschend fand. Sie hatte gehofft, Kincaid ein paar Tipps geben zu können.

„Du kannst mit Emma die beiden Räume im Erdgeschoss oder hier oben beziehen.“

„Danke. Ich werde es mir überlegen.“ Es wäre besser, etwas Distanz zu halten. Außerdem sollte Emma ihn so wenig wie möglich stören. Andererseits gefiel ihr der Gedanke, auf derselben Etage wie er zu leben.

„Du solltest dich bald entscheiden, damit Dylan und ich das entsprechende Zimmer für Emma herrichten können.“

„Klar. Hast du eigentlich einen Raumausstatter gehabt?“

„Ich habe mir Ratschläge geholt, aber im Großen und Ganzen habe ich das alles allein gemacht. Wenn du in der Nähe gewesen wärst, hätte ich dich engagiert.“

Shanas Blick wanderte von Kincaid zu Emma, die vor seinem Bett stand und zu überlegen schien, wie sie hinaufklettern könnte. „Komisch“, meinte Shana.

„Was ist komisch?“

„Die ganze Situation. Wir streiten uns überhaupt nicht. Das tun wir doch sonst immer.“

„Ich würde es nicht streiten nennen. Niemand von uns ist jemals laut geworden. Es sind nur kleine Nadelstiche. Normalerweise fängst du immer damit an.“

Shana blieb der Mund offen stehen. „Ich fange damit an? Du hast gerade damit angefangen.“ Sie hielt Emma davon ab, die grüne Tagesdecke, an der sie sich hochhangeln wollte, vom Bett zu ziehen.

Kincaid kam ihr zuvor. „Ich lasse sie schon nicht fallen“, meinte er, als er Shanas vorwurfsvollen Blick sah.

„Nein“, quäkte Emma.

„Emma!“, mahnte Shana.

„Nein, Tintaid.“ So schnell sie konnte, lief Emma davon. Shana blieb ihr dicht auf den Fersen.

Kincaid folgte den beiden in sein Büro, wo Emma auf seinen Schreibtischstuhl geklettert war und mit den Händen auf die Computertastatur trommelte. Der Bildschirm wurde hell, und das plötzliche Licht erschreckte Emma.

„Du darfst den Computer nicht anfassen“, schimpfte Shana mit ihr. „Tut mir leid, Kincaid.“

Er hielt den Atem an. Hatte Shana etwa gesehen, was auf dem Bildschirm stand? Es war seine Steuererklärung für das laufende Jahr – eine Aufgabe, die Shana erledigen sollte, wie er ihr gesagt hatte. Wenn sie entdeckte, dass er ihr eine Lüge aufgetischt hatte, würde sie ihm nie wieder etwas glauben …

Hastig griff er ins Regal. „Hier ist der Karton mit den Rechnungen, von denen ich dir erzählt habe.“ Er hielt ihr die Schachtel hin. „Ich werfe alles hinein und sortiere es erst am Jahresende.“

„Kein Problem. Ich wundere mich nur, dass du so unorganisiert bist. Du siehst ganz und gar nicht so aus.“

„Jeder Mensch hat seine Fehler.“

„Stimmt. Emma, wir gehen.“

Kincaid stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und folgte ihnen. Wieder lief Emma fröhlich krähend voran. In letzter Zeit war in seinem Haus nicht viel gelacht worden. Nicht, dass es ein bedrückender Ort gewesen wäre – aber er war immer allein gewesen. Die Zeit mit Dylan war schon eine Verbesserung, und sie hatten auch manchmal herzlich gelacht. Aber das war nichts im Vergleich zu dem, wie es sein würde, wenn Shana und Emma bei ihm wohnten.

Tintaid. Er musste grinsen, als er darüber nachdachte, wie die Leute wohl reagieren würden, wenn Emma ihn so in der Öffentlichkeit nannte – falls sie jemals warm mit ihm werden sollte. Der Gedanke, dass sie ihn nicht leiden konnte, war ihm bis jetzt gar nicht gekommen.

Aber schließlich war sie Shana Callahans Tochter. Und der Apfel fiel bekanntlich nicht weit vom Stamm …

Er ging ins Wohnzimmer, legte ein Holzscheit aufs Feuer und setzte sich auf die Couch. Kurz darauf gesellten Shana und Emma sich zu ihm. Shana nahm Emma in den Arm und wirbelte sie durch die Luft, ehe sie sich mit ihr auf das andere Sofa setzte. So muss es sein, wenn man eine Familie hat, dachte er.

Solche Szenen ereigneten sich tagtäglich tausendfach in anderen Häusern. In seinem geschah es zum ersten Mal. Shana und Emma waren eine Familie – wenn auch nur ein kleine. Jetzt würde Shana Tag und Nacht in seinem Haus sein und sich darum kümmern. Sie würde ihm bei seiner Büroarbeit zur Hand gehen und nur wenige Meter von ihm entfernt schlafen.

Eine Frau im Haus – aber leider keine Ehefrau.

Warum war sie in seiner Gegenwart nur so zickig? Insgeheim musste er sich eingestehen, dass ihm ihre kratzbürstige Art gefiel. Sie war sehr direkt – manchmal erschreckend direkt, und das störte ihn nicht. Allerdings hatte er noch nie erlebt, dass sie bei anderen Menschen die Krallen ausfuhr.

„Du bist ja ganz nass. Wir müssen die Windeln wechseln.“

„Windel wessel.“

„Genau.“ Shana warf Kincaid einen Blick zu. „Wir sollten jetzt gehen. Ich wechsel die Windel zu Hause.“

Sie war doch gerade erst gekommen. Er wusste nicht, ob er enttäuscht oder erleichtert sein sollte. „Na gut.“

Sie zogen ihre Jacken an. Er folgte Shana zu ihrem Wagen und sah zu, wie sie Emma im Kindersitz anschnallte.

„Sag Auf Wiedersehen Kincaid“, forderte Shana sie auf.

„Wiedersehn, Tintaid. Wiedersehn.“

Offenbar wurde sie zugänglicher, wenn sie gehen musste. „Wiedersehn, Miss Emma. Bis bald.“

Shana schloss die Tür und stieg auf den Fahrersitz. Sie kurbelte das Fenster herunter und schaute hinaus, als ob sie etwas sagen wollte.

Kincaid hockte sich neben den Wagen und wartete.

„Nochmals danke für den Job. Ich verspreche dir auch, keinen Streit mit dir anzufangen.“ Sie lächelte schwach. „Das heißt, ich hoffe, ich kann mein Versprechen halten.“

„Einen Schritt nach dem anderen. Wir werden sehen“, beruhigte er sie. Er erhob sich und klopfte zum Abschied auf das Wagendach.

„Bis Samstag dann.“ Sie winkte ihm noch einmal zu und fuhr los.

Er sah dem Wagen nach, bis die Rücklichter hinter den Bäumen verschwanden. Den Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie sich bei ihm bedankte, würde er so schnell nicht vergessen. Ihre Züge waren so weich gewesen, wie er es noch nie bei ihr bemerkt hatte. Die meisten Menschen mochten sie sehr. Was ihn anbetraf, so schien sie bisher alles getan zu haben, um von ihm nicht gemocht zu werden.

Bisher.

Aber nun keimte Hoffnung in seinem Herzen auf. Vielleicht konnten sie sogar Freunde werden.

Die Zeit würde es zeigen.

3. KAPITEL

Shana trug Emma hinauf in ihr Apartment. Nach der Besichtigung von Kincaids Haus erschien es ihr winzig.

„Ich liebe dich, Schätzchen“, murmelte Shana, als sie Emma auf den Wickeltisch legte.

Emma hatte noch nicht gelernt, „Ich liebe dich“ zu sagen. Shana freute sich schon darauf, diese Worte zum ersten Mal aus dem Mund ihrer Tochter zu hören. Ihre Eltern hatten es, soweit sie sich erinnern konnte, nie zu ihr gesagt. „Wie wäre es mit einem Bad?“

„Baaad.“

Das war ein begeistertes Ja.

Während Emma in der Badewanne planschte, dachte Shana über ihren Besuch bei Kincaid nach. Um ein Haar hätte sie ihm fast alles über ihre Vergangenheit erzählt. Im letzten Moment hatte sie es sich anders überlegt. Die Einzelheiten ihres unsteten Lebens kannten nicht einmal ihre besten Freunde.

Nur ihre engsten Familienangehörigen wussten über ihre Vergangenheit Bescheid – und Aggie. Obwohl sie gern tratschte, hatte sie Shanas Geheimnis für sich behalten und sie mit den Worten Henry Fords getröstet: „Ein Fehlschlag ist die Gelegenheit, wieder von vorn zu beginnen und beim zweiten Mal intelligenter zu Werke zu gehen.“

Shana seufzte. Wären ihre Eltern doch auch so nachsichtig! Immerhin hatte ihre Mutter ihr verziehen. Manchmal vermutete Shana, dass sie es vielleicht nur Emmas wegen getan hatte. Ihr Vater dagegen, ein strenger, halsstarriger Mensch, wechselte so gut wie kein Wort mit ihr. Seinetwegen war sie damals von zu Hause fortgelaufen. Sie waren beide stur und unnachgiebig. Kein Wunder, dass sie dauernd Streit hatten.

Sie wünschte, ihr Vater würde ihr verzeihen. Aber sie wusste, dass er niemals den ersten Schritt machen würde. Irgendwann, das hatte sie sich fest vorgenommen, würde sie sich ein Herz fassen und ihn um eine Aussprache bitten. Sie musste nur den richtigen Moment erwischen.

Nachdem sie Emma eine Gutenachtgeschichte vorgelesen hatte, machte sie sich eine Tasse Tee, ließ sich aufs Sofa fallen und sah sich um. Ein paar Umzugskisten standen bereits gepackt an der Wand. Kincaid wollte sie so bald wie möglich abholen.

Sie schloss die Augen und lehnte sich zurück, als ihr Telefon läutete. Es war ihre Schwester.

„He, Dix. Bei dir ist es doch gerade erst sechs Uhr morgens.“

Dixie lachte. „Wie schaffst du das bloß? Ich muss erst auf die Uhr schauen und den Zeitunterschied an meinen Fingern berechnen.“

„Wir alle haben unsere Talente.“

„Wahrscheinlich, du Rechengenie. Ich habe deine Nachricht erhalten, aber Joe und ich waren die ganze Zeit in einem Funkloch, deshalb kann ich mich erst jetzt melden. Was gibt’s denn?“

„Hm … interessante Neuigkeiten. Ich habe einen Job. Vollzeit, unbefristet. Hier in Chance City.“

„Wundervoll. Was ist es denn?“

„Ich werde für Kincaid arbeiten.“ Shana wartete auf eine Reaktion ihrer Schwester. Dixie wusste, wie Shana zu Kincaid stand.

„Wirklich? Läuft er ab sofort in einer kugelsicheren Weste herum?“

Shana lachte. Sie vermisste ihre Schwester. Könnten sie doch nur zusammen auf dem Sofa sitzen und alles bei einer Tasse Tee besprechen. „Sehr komisch, Dix.“

„Du kannst ihn doch nicht ausstehen. Seit eurem ersten Treffen wart ihr wie Feuer und Wasser.“

„Ich weiß, aber es ist eine ideale Gelegenheit, für Emma und mich zu sorgen. Dieses Angebot konnte ich einfach nicht ablehnen.“

„Du bist wirklich erwachsen geworden.“

„Das habe ich nur dir zu verdanken. Ohne dich hätte ich das niemals geschafft – und ich übertreibe nicht! Aber so dankbar dir ich auch bin – ich kann deinen Schönheitssalon nicht länger sauber halten. Ich werde genug anderes zu tun haben.“

„Was denn genau?“

„Alles. Ich helfe ihm bei seinen Geschäften, kümmere mich um die Möblierung in den Häusern seiner Auftraggeber, halte sein Haus in Schuss …“

„Sein Haus?“

„Ich ziehe bei ihm ein. Emma und ich werden bei ihm wohnen.“

Ein langes Schweigen entstand. „Bei ihm wohnen? Hältst du das für eine gute Idee?“

„Keine Ahnung. Ich werde es herausfinden. Aber das bedeutet, dass ich Geld sparen kann. Irgendwann kann ich mir ein Leben leisten, wie ich es mir für Emma und mich immer gewünscht habe.“

„Aber … mit ihm zusammenleben …?“

„Er hat mich über die Vermittlungsagentur engagiert. Es ist alles grundsolide.“ Selbst in ihren Ohren klang es so, als ob sie sich verteidigte. „Es hört sich komisch an, aber allmählich gewöhne ich mich an den Gedanken. Ich bin davon überzeugt, dass es klappen wird.“

„Was werden Mom und Dad dazu sagen?“

Wenn Shana geantwortet hätte, es sei ihr gleichgültig, hätte sie gelogen. „Vermutlich werden sie sauer sein, oder es ist ihnen unangenehm. Aber daran kann ich nichts ändern.“

„Nun ja, du bist erwachsen. Du kannst deine eigenen Entscheidungen treffen. Was die Arbeit im Salon angeht – Jade kann das Geld bestimmt gebrauchen. Sie putzt dann eben noch zusätzlich zu ihren Aufgaben als Empfangsdame.“ Dixie gähnte. Dann lachte sie. „Entschuldige, aber wir haben in der letzten Woche viele Überstunden gemacht.“

„Eigentlich solltet ihr längst zu Hause sein. Achttausend Meilen von hier bis Tumari sind eine verdammt weite Strecke.“

„Ich weiß. Ich habe auch Heimweh, Shana. Ich freue mich auf Weihnachten in Chance City. Mir wäre es auch egal, wenn ich nie wieder in meinem Leben reisen könnte, obwohl ich sagen muss, dass ich diese Gelegenheit um nichts in der Welt hätte missen mögen. Und Joe ist ganz in seinem Element. Trotzdem vermisst er euch alle sehr.“

Sie redeten noch eine Weile, und als sie sich verabschiedeten, war Shanas Tee kalt geworden.

Dixie war seit mehr als sechs Monaten fort. War Kincaid inzwischen über sie hinweggekommen? Oder würden alte Gefühle geweckt, wenn sie zurückkehrte? Shana verstand, warum er sich in Dixie verliebt hatte. Ihre Schwester war klug und warmherzig und wunderschön, ganz zu schweigen von ihren üppigen Kurven, die Männer so sehr schätzten.

Sie selbst dagegen war … ganz gewöhnlich. Ein bisschen dünn und ziemlich flach. Das sollte ihr dabei helfen, das Verhältnis zwischen ihr und Kincaid auf einer rein geschäftlichen Basis zu halten. Wenn er sie nicht attraktiv fand, würde es auch keine Komplikationen geben.

Sie brauchte diesen Job unbedingt – um Emmas willen, um ihretwillen. Es war ihre Chance auf ein glückliches Leben.

Und nichts war im Moment wichtiger für sie.

Kincaid und Dylan sahen so lange fern, bis Dylan müde wurde und zu Bett ging. Kaum war Kincaid allein, wanderten seine Gedanken wieder zu Shana. Wie würde es sein, mit ihr unter einem Dach zu leben?

Am Nachmittag hatte er sich in ihrer Gegenwart sehr wohlgefühlt. Er war überrascht, wie angenehm es war, sie um sich zu haben. Sie war zwar nicht unbedingt sein Typ, aber er musste sich eingestehen, dass er sie mochte – obwohl sie für ihn wohl kaum dasselbe empfand. Und er mochte Emma. Ja, er war mittlerweile ganz vernarrt in sie. Sie war witzig, neugierig und …

Sein Telefon klingelte. Wer rief um diese Zeit noch an?

Er schaute aufs Display. „Hallo, Dixie.“

„Sie zieht bei dir ein?“ Fast schrie sie ihn an.

Er zuckte zusammen. „Ich freue mich auch, von dir zu hören. Wolltest du nicht, dass ich ihr helfe? Genau das tue ich.“

„Ich habe nicht gesagt, dass du sie in dein Haus holen sollst, Kincaid. Du solltest ihr nur einen Job geben.“

„Du hast mich gefragt, ich zitiere wörtlich: ‚Kannst du ihr irgendwie helfen?‘“

„Ja. Aber damit habe ich Arbeit gemeint.“

„Und die kriegt sie auch. Es sind sogar mehrere Jobs, weil einer allein sie nicht den ganzen Tag ausfüllen würde. Zunächst einmal brauche ich unbedingt eine Haushälterin. Hier wohnt sie mietfrei, also kann sie eine Menge Geld sparen. Was hast du dagegen einzuwenden?“

„Wenn sie herauskriegt, dass ich etwas damit zu tun habe …“

„Das wird sie nicht, das habe ich dir doch versprochen. Sonst noch was?“

Ein längeres Schweigen entstand.

„Du kannst nicht mit ihr schlafen, Kincaid.“

„Nur fürs Protokoll: warum nicht?“ Der Gedanke erschien ihm nämlich nicht mehr so abwegig wie noch vor wenigen Tagen.

„Weil du nicht der Typ bist, der heiratet. Aber so einen Mann braucht sie.“

„Das muss sie doch wohl selbst entscheiden, findest du nicht? Abgesehen davon habe ich das sowieso nicht vor. Wieso bist du denn jetzt nicht zufrieden?“ Er klang etwas verärgert.

„Sie hat ein Dach über dem Kopf, eine Menge zu tun – und natürlich auch viel mehr Freizeit. Sie muss nicht mehr jeden Tag nach Sacramento fahren. Emma kann im Garten spielen. Ich habe alles getan, was du von mir verlangt hast.“

„Ich habe es nicht verlangt, ich habe nur darum gebeten. Und ich werde ein Auge auf euch haben. Ich rufe sie jeden Tag an.“

„Oh, da wird sie sich aber freuen.“ Er musste grinsen. Dixie konnte genauso dickköpfig sein wie Shana.

„Soll ich mich auch noch bei dir bedanken?“

„Warum nicht? Deinetwegen habe ich mein Leben schließlich ziemlich auf den Kopf gestellt.“

„Danke.“

Er lachte. „Das klang nicht besonders überzeugend.“

„Erst mal will ich das Ergebnis abwarten. Ich weiß es zu schätzen, dass du etwas für sie tust. Trotzdem mache ich mir Sorgen, weil ich nicht so recht weiß, was genau das ist.“

„Würdest du mir nicht vertrauen, hättest du mich wohl kaum gefragt. Ich verhalte mich deiner Schwester gegenüber absolut korrekt“, beruhigte er sie.

„Danke“, wiederholte sie. Diesmal klang es aufrichtiger.

„Gern geschehen. Du kannst jederzeit anrufen und dich davon überzeugen, dass alles in bester Ordnung ist.“

„Das werde ich auch.“

Er lachte und legte den Hörer auf. Die größte Hürde hatte er genommen: Dixie hatte akzeptiert, dass Shana bei ihm wohnen würde.

Du kannst nicht mit ihr schlafen, Kincaid. Seit vergangenem Jahr hatte er immer wieder daran gedacht. Und auf einmal war die Möglichkeit viel näher gerückt.

Unsinn schalt er sich. Du solltest nicht einmal davon träumen!

Wahrscheinlich würde das Zusammenleben mit ihr ohnehin kein Zuckerschlecken sein. Was seine Libido beträchtlich dämpfen würde. Außerdem war ja Emma auch noch da.

Jedenfalls machte er sich auf anstrengende Zeiten gefasst.

Dixies Oase sah aus wie die meisten Schönheitssalons in amerikanischen Kleinstädten – ein Ort, wo man sich Ratschläge holte und verteilte, Probleme besprach und löste, und wo viel getratscht wurde.

Als Kincaid auf den Parkplatz hinter dem Gebäude einbog, gefolgt von Dylan in seinem Truck, bemerkte er, dass Hochbetrieb im Laden herrschte. Da das Apartment nur durch den Schönheitssalon zu erreichen war, blieb den beiden nichts anderes übrig, als die Oase zu betreten. Gelegentlich ließen sich auch Männer hier die Haare schneiden, aber heute waren ausschließlich Frauen anwesend.

„Meine Damen“, begrüßte er sie. „Ich möchte Ihnen Dylan Vargas vorstellen. Er ist der neue Mieter des Apartments. Seien Sie nett zu ihm.“

„Worauf du dich verlassen kannst.“ Mit den Lockenwicklern und der schwarzen Farbe an den Haarwurzeln sah Aggie McCoy wie ein Alien aus. „Dylan, kennst du schon meine Enkelin Posey?“

„Nein, Ma’am.“ Dylan nickte dem hübschen Mädchen zu, das neben seiner Großmutter saß und die Haare geschnitten bekam. Verlegen schaute Posey den Jungen an, denn es war ihr peinlich, dass der attraktive Junge sie in diesem Zustand sah.

So fängt es immer an, dachte Kincaid wehmütig. Jetzt hat er sogar eine eigene Wohnung. Toll …

„Posey ist siebzehn“, informierte Kincaid ihn, als sie kurz darauf die Treppe hinaufstiegen.

„Hm“, machte Dylan.

„Vielleicht sollten wir dir einen eigenen Eingang bauen, damit du nicht dauernd durch den Salon laufen und den Betrieb stören musst“, schlug Kincaid vor.

„Gute Idee.“ Dylan schien erleichtert zu sein.

Die Tür zum Apartment stand offen. Die beiden kletterten über das Kindergitter. „Wir sind’s!“, rief Kincaid.

Emma lief ihnen entgegen. Kincaid ging in die Hocke, um sie zu begrüßen, aber sie blieb sofort stehen, als sie ihn sah.

„Guten Morgen, Miss Emma.“

„Hallo, Tintaid.“

„Tintaid?“ Dylan lachte. „Das ist ja witzig.“

„Dilly Arm.“ Emma streckte die Arme empor.

„Dilly? Das ist ja witzig!“, konterte Kincaid. Er fühlte sich zurückgewiesen, als Dylan sie auf den Arm nahm. Sein Spitzname schien ihm nichts auszumachen.

„Dilly, Dilly“, sagte sie und tätschelte sein Gesicht.

„Wo ist Mommy?“, fragte Kincaid.

In dem Moment tauchte Shana auf. „Guten Morgen. Es ist alles gepackt. Wir sind abfahrbereit. Nur das Kinderbett habe ich noch nicht auseinandergenommen. Aber kommt doch erst mal in die Küche. Aggie hat Apfelkuchen gebracht.“

Shana drehte sich um, und Kincaid ertappte sich dabei, wie er auf ihren Po starrte. Obwohl sie schlank war, saßen ihre Kurven an den richtigen Stellen. Warum war ihm das früher nie so richtig aufgefallen?

War das ein Grund zur Sorge?

Während sie die Reste des Apfelkuchens verschlangen, planten sie ihren Tag. Zunächst wollten sie Shanas Möbel in Kincaids Truck laden, bevor sie Dylans Sachen aus seinem Pick-up in die Wohnung brachten. Anschließend wollten sie alle zu Kincaid fahren, um Shanas und Emmas Zimmer einzurichten und das Kinderbett aufzubauen.

Aggie bot sich an, inzwischen auf Emma aufzupassen, doch Shana wollte beim Umzug lieber dabei sein. Wenn sie sah, dass ihr Bett in einem anderen Haus aufgestellt wurde, würde sie eher akzeptieren, dass sie von nun an dort schlafen müsste, argumentierte Shana.

„Glaubst du, dass es so einfach ist?“ Kincaid musterte sie mit einem zweifelnden Blick, als sie Emma im Kindersitz festschnallte. „Sie sieht ihr Bett und ist zufrieden?“

„Ich glaube nicht, dass der Wohnungswechsel ein Problem für sie ist. Sie war schon bei so vielen verschiedenen Babysittern, dass sie wechselnde Orte gewohnt ist. Das größte Problem für sie dürfte sein, dass ich nicht mehr im selben Zimmer mit ihr schlafe.“

„Sie hat doch nicht etwa Trotzanfälle?“, erkundigte Kincaid sich besorgt. Auf einmal schien ihm seine Idee doch nicht mehr so genial. Worauf hatte er sich da bloß eingelassen?

„Manchmal.“ Shana schloss die Wagentür und sah ihn an. „Das wird auch für dich eine ziemliche Umstellung werden.“

Sie wirkte nervös. Er war also nicht der Einzige, dem angesichts der neuen Lebensumstände ein wenig mulmig zumute war. „Du hast mich ja schon vorgewarnt. Sie ist ein ziemliches Temperamentsbündel.“

„Und nicht gerade leise. Das ist deine letzte Chance für einen Rückzieher.“

Kincaid musste nicht lange überlegen. Auf keinen Fall würde er die Möbel wieder ausladen. „Abgemacht ist abgemacht.“

„Ich sorge dafür, dass sie dich so wenig wie möglich stört“, versprach sie.

Sie wollte ins Auto steigen, aber er legte eine Hand auf ihren Arm. Das Kribbeln in seinen Fingerspitzen irritierte ihn, und er ließ sie sofort wieder los.

„Du musst sie nicht in ihr Zimmer sperren. Nur weil ich dir Gehalt zahle, heißt das nicht, dass das Haus nicht dein Zuhause ist. Du sollst dich nicht wie eine Besucherin fühlen. Eines Tages werde ich heiraten und selbst Kinder haben. Da kann ich gleich mal ausprobieren, wie das ist.“

Eigentlich wollte er sie mit seinen Worten beruhigen, doch an ihrer Reaktion merkte er, dass es schiefgegangen war. Sie runzelte die Stirn und presste die Lippen zusammen. Er unterdrückte den plötzlichen Wunsch, ihr das Stirnrunzeln wegzuküssen.

„Wenn du vorhast zu heiraten, warum hast du mich dann überhaupt in dein Haus geholt?“, fragte sie scharf.

„Es ist ja nicht so, dass schon jemand vor der Tür steht“, beschwichtigte er sie. „Ich habe nur gesagt, dass ich vorhabe, irgendwann mal zu heiraten und eine Familie zu gründen. Können wir es dabei belassen?“ Tatsache war, dass er bisher kaum daran gedacht hatte – und am allerwenigsten an Kinder. Das war für ihn immer Zukunftsmusik gewesen. Aber die Jahre zogen vorbei, und allmählich musste er aufpassen, dass er die Zukunft nicht verpasste …

„Hast du für heute Abend eine Verabredung?“, wollte sie wissen. Seine Antwort schien sie nicht zu überzeugen.

„Das habe ich doch gesagt.“

„Wer ist es denn?“

„Du kennst sie nicht.“

„Wie heißt sie?“

Shana klang irgendwie … verärgert oder gereizt. Dabei war sie es doch gewesen, die ihn aufgefordert hatte, zum Tanzen zu gehen.

„He, Boss. Hast du vergessen, dass ich eine Einladung von Gavin und Becca zum Abendessen habe?“, rief Dylan. Mit laufendem Motor wartete er darauf, dass sie endlich losfuhren.

„Wir treffen uns bei mir!“, rief Kincaid zurück. An Shana gewandt fuhr er fort: „Das diskutieren wir ein anderes Mal.“

Ein paar Minuten später standen alle vor Kincaids Haus. Zuerst bauten sie Emmas Bett zusammen, damit sie ihren Mittagsschlaf halten konnte, während sie den Erwachsenen ständig zwischen die Beine lief, um ihnen zu „helfen“. Zwischen ihren beiden Zimmern lag das Bad, und wenn Shana die Türen offen ließ, hatte sie ihre Tochter stets im Blick.

Kincaid war überrascht, dass sie sich für die Zimmer in der ersten Etage entschieden hatte, ganz nahe bei ihm. Eigentlich wäre es für sie einfacher gewesen, im Erdgeschoss zu wohnen. Dann hätte sie sich wegen Emma keine Sorgen um die Treppen zu machen brauchen.

Während Shana ihre Umzugskisten auspackte, wurde ihm schlagartig bewusst, dass auch er jetzt dafür verantwortlich war, dass Emma nichts zustieß. Bisher hatte er sein Werkzeug immer überall liegen gelassen. Das durfte er ab sofort nicht mehr machen. Frustriert hockte er sich auf seine Fersen.

„Und du hast geglaubt, ich wäre eine Herausforderung für dein Einsiedlerleben“, spottete Dylan, während er die letzten Schrauben in das Kinderbett drehte. In seinen Augen blitzte es vergnügt.

„Tja. Was habe ich mir nur dabei gedacht?“ Kincaid versuchte, ebenfalls witzig zu sein.

„Bist du sicher, dass du das schaffst?“

„Was?“

„Emma andauernd um dich zu haben. Und natürlich auch Shana. Das sieht doch ein Blinder, dass du scharf auf sie bist.“

Shana lief gerade durchs Badezimmer, als sie Dylans Bemerkung hörte. Wie vom Donner gerührt blieb sie stehen. Kincaid war scharf auf sie? Sie wartete auf seine Antwort.

„Halt die Klappe“, erwiderte er barsch. „Du weißt ja nicht, was du sagst.“

Stimmt das? fragte sie sich. Sie wollte das nicht. Sie wollte einfach nur ihre Arbeit erledigen. Schließlich hatte sie ihm von Anfang an klargemacht, dass ihre Beziehung rein geschäftlich sei. Sie wollte ihre eigene Herrin bleiben. Falls …

„’Tschuldigung“, murmelte Dylan.

Leise schlich Shana aus dem Badezimmer, um kurz darauf umso lauter zurückzukommen.

„Mommy!“ Emma lief ihr entgegen.

„Du bist bestimmt müde, Schätzchen. Hast du auch Hunger? Möchtest du etwas essen, bevor du Heia machst?“

„Nein.“ Es klang richtig trotzig. Dann legte sie den Kopf auf Shanas Schulter.

„Ist das Bett fertig?“, erkundigte sie sich, ohne die beiden Männer anzusehen. Dylans Bemerkung war ihr immer noch unangenehm.

„Jawohl!“, verkündete Kincaid.

Sie ging zu Dylan. „Hältst du sie bitte mal, damit ich das Bettzeug hineinlegen kann?“

Zögernd sah er zu Kincaid. „Ich bin schon ziemlich spät dran.“

„Ich nehme sie. Mach, dass du wegkommst. Und grüß alle von mir.“

„Von mir auch“, schloss Shana sich an, ehe sie Emma in Kincaids Arme gab. Sie schaute ihn misstrauisch an, war aber zu müde, um zu protestieren – allerdings nicht müde genug, um sich an ihn zu kuscheln.

Rasch machte Shana das Bett. Auch ohne zu Kincaid hinzuschauen, spürte sie, dass er jede ihrer Bewegungen beobachtete. Begehrte er sie wirklich? Der Gedanke verwirrte sie total. Als sie fertig war, nahm sie ihre Tochter auf den Arm. Sie war schon fast eingeschlafen.

Emma sagte nichts mehr, als Shana sie zudeckte. Zusammen mit Kincaid ging sie aus dem Zimmer und ließ die Tür halb offenstehen. Das Babyfon war eingeschaltet. An der Treppe hielt er sie zurück.

„Was Dylan da eben gesagt hat, Shana …“

Das Herz rutschte ihr in den Magen. „Woher weißt du …?“

„Ich habe dich im Badezimmerspiegel gesehen. Dylan hat da etwas falsch verstanden. Ich möchte nicht, dass du das Gefühl hast, einen Fehler gemacht zu haben. Er ist achtzehn. Er glaubt, er weiß alles.“

In ihrem Blick machte sich Enttäuschung breit, obwohl sie wusste, dass sie eigentlich froh sein sollte. „Gut. Danke.“ Schneller als nötig lief sie die Stufen hinunter. „Hast du Hunger? Soll ich dir … uns etwas zu essen machen?“

„Ich habe Pizza bestellt. Sie müsste jeden Moment eintreffen.“

Wie aufs Stichwort läutete es an der Tür. Kincaid bezahlte den Boten, legte ein großzügig bemessenes Trinkgeld drauf, und kurz danach saßen sie am Küchentisch, genossen ihre Pizza und die fantastische Aussicht.

Shana ließ ihren Blick durch den Garten schweifen. Die Eichen hatten ihre Blätter verloren; nur die Zedern, Pinien und die Stechpalmen waren noch grün. Sie nahm ein zweites Stück Pizza und trat ans Fenster, um besser sehen zu können. Ihr Blick fiel auf den kleinen Spielplatz, den er angelegt hatte – mit zwei Schaukeln, einer Rutschbahn und einem Klettergerüst.

Kincaid hatte sich neben sie gestellt. „Glaubst du, dass es Emma gefallen wird?“

„Hast du das extra für sie gemacht?“

Er zuckte mit den Schultern. „Kinder brauchen doch einen Platz zum Spielen.“

Es dauerte eine Weile, bis ihr die Bedeutung seiner Worte klar wurde. Er hatte sich wirklich für sie ins Zeug gelegt. Für Emma.

„Danke.“ Vor lauter Überraschung brachte Shana nicht mehr heraus.

Er lehnte sich an die Wand und betrachtete sie aufmerksam. „Ich habe dir ein Konto im Angel’s Market eingerichtet. Für geschäftliche Ausgaben – inklusive Benzin – bekommst du eine Firmenkreditkarte. Die ist allerdings noch nicht gekommen.“

„Schön. Was isst du denn gern?“

„Ich bin nicht anspruchsvoll. Fleisch und Kartoffeln reichen mir. Eier, Speck, Brote …“

Autor

Susan Crosby
Susan Crosby fing mit dem Schreiben zeitgenössischer Liebesromane an, um sich selbst und ihre damals noch kleinen Kinder zu unterhalten. Als die Kinder alt genug für die Schule waren ging sie zurück ans College um ihren Bachelor in Englisch zu machen. Anschließend feilte sie an ihrer Karriere als Autorin, ein...
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Arlene James
Arlene James schreibt bereits seit 24 Jahren Liebesromane und hat mehr als 50 davon veröffentlicht. Sie ist Mutter von zwei wundervollen Söhnen und frisch gebackene Großmutter des, wie sie findet, aufgewecktesten Enkels aller Zeiten. Darum hat sie auch im Alter von 50 plus noch jede Menge Spaß.

Sie und ihr Ehemann,...
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Ginna Gray

Ginna Gray wuchs in einer sehr fantasievollen und kreativen Familie in Texas auf. Erst mit zwölf Jahren erkannte sie, dass es nicht selbstverständlich war, wie leicht es ihr fiel, sich Geschichten auszudenken.

Schon ihre Lehrer erkannten ihr Talent und Ginna war sich sehr früh sicher, dass sie Schriftstellerin werden wollte....

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