Bianca Gold Band 64

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BEHÜTE UNSER GLÜCK
von LISA JACKSON

Randi muss fliehen - jemand versucht, ihr etwas anzutun! Zu ihrem Schutz haben ihre besorgten Brüder ausgerechnet den attraktiven Kurt Striker engagiert. Schon bald muss sie sich eingestehen: In seinen starken Armen fühlt sie sich geborgen. Obwohl er ihr etwas zu verschweigen scheint …

SINNLICHE ERWARTUNG
von MARIE FERRARELLA

Absurd! Ein Bodyguard soll die schöne Talkshow-Moderatorin Dakota Delany zwei Wochen lang beschützen - vor laufenden Kameras, Tag und Nacht. Und das, wo der atemberaubende Ian Russell doch so sinnliche Erwartungen in ihr weckt, dass deren Erfüllung keine Zuschauer duldet!

FLIEH NICHT VOR DER LIEBE, GRACIE!
von LAURA MARIE ALTOM

100.000 Dollar Preisgeld und ein wütender Ex-Mann - Gracie hat alles andere im Kopf als den attraktiven U.S. Marshal Beau Sanders, der sie als Zeugin in einem Strafprozess beschützen soll! Doch erst als sie tatsächlich in Gefahr gerät, wird ihr klar: Nur bei Beau ist sie noch sicher …

  • Erscheinungstag 23.07.2021
  • Bandnummer 64
  • ISBN / Artikelnummer 9783751502009
  • Seitenanzahl 447
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Lisa Jackson, Marie Ferrarella, Laura Marie Altom

BIANCA GOLD BAND 64

PROLOG

„Randi, mein Mädchen, ich werde bald sterben. Daran gibt es keinen Zweifel.“

Randi McCafferty blieb abrupt auf der Treppe stehen. Ihre neuen Stiefel drückten sie an den Fersen, als sie die Holztreppe im alten Ranchhaus nach unten eilte. In diesem geräumigen Haus, das auf einer sanften Anhöhe in den ausgedehnten Weiten Montanas errichtet worden war, hatte sie ihre Kindheit und Jugend verbracht. Randi hatte nicht bemerkt, dass ihr Vater sich nur noch halb liegend in seinem Lehnstuhl halten konnte, so sehr war sie in ihren Gedanken verloren gewesen.

Der alte Mann hielt den Blick starr auf den steinernen Kamin im Wohnzimmer gerichtet. John Randall McCafferty war immer noch ein großer Mann. Aber die Jahre hatten ihren Tribut gefordert. Längst besaß er nicht mehr seine einst imposante Statur, sondern war in sich zusammengesunken. Früher war er ausgesprochen attraktiv gewesen, aber jetzt wirkte sein Gesicht grau und faltig.

„Was redest du da?“, entgegnete Randi. „Du wirst ewig leben.“

„Niemand lebt ewig.“ John Randall hielt ihren Blick fest. „Ich werde dir die Hälfte der Ranch vermachen. Sollen deine Brüder sich die Köpfe heiß reden, wie sie den Rest unter sich aufteilen. Die Flying M wird dir gehören. Schon bald.“

„Ich will nicht, dass du so mit mir sprichst“, protestierte Randi und betrat das abgedunkelte Zimmer, in dem sich die Nachmittagshitze wie in einer Sauna gestaut hatte. Sie schaute aus dem staubigen Fenster hinaus auf die Veranda und auf die Ranch, die sich unter dem Himmel Montanas erstreckte. Rinder und Pferde grasten auf den Weideflächen nahe den Ställen und der Scheune. Die Tiere streiften so ruhelos über das Land wie der Wind, der das hohe Gras hin und her wogen ließ.

„Es ist besser, wenn du den Tatsachen ins Auge siehst. Komm her zu mir. Komm schon. Du weißt doch, dass ich eher belle als beiße.“

„Natürlich weiß ich das.“ Obwohl ihre Halbbrüder oft berichtet hatten, wie zornig der alte Mann werden konnte, hatte Randi ihren Vater nie so erlebt.

„Ich möchte dich nur anschauen. Aber meine Augen sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren.“ Er lachte und hustete dann so heftig, dass sein Atem rasselte.

„Dad, ich glaube, ich rufe besser Matt an. Du solltest dich ins Krankenhaus einweisen lassen.“

„Zum Teufel noch mal, nein.“

Als Randi das Zimmer durchquerte, wedelte er mit seiner knochigen Hand, als wollte er eine Fliege verscheuchen. „Keiner der verdammten Ärzte auf dieser Welt ist in der Lage, mir zu helfen.“

„Aber …“

„Halt den Mund, hast du verstanden? Du wirst mir jetzt genau zuhören.“ Der Blick des alten Mannes war klar, als er ihr einen vergilbten Umschlag in die Hand drückte. „Hier habe ich alles aufgeschrieben. Thorne, Matt und Slade gehört die zweite Hälfte der Ranch. Dürfte ziemlich spannend werden.“ Er lachte spöttisch auf. „Die drei werden sich um das Erbe streiten wie Raubtiere um den fettesten Brocken der Beute … aber mach dir keine Sorgen. Dir habe ich den Löwenanteil vermacht.“ Selbstzufrieden lächelte er über seinen Witz. „Dir und deinem Baby.“

„Meinem was?“ Randi war erschrocken, verzog aber keine Miene.

„Meinem Enkel. Du trägst ihn schon in dir, nicht wahr?“, fragte der Alte, kniff die Augen zusammen und musterte sie eindringlich.

Hitze kroch ihr den Nacken hoch. Randi hatte keiner Menschenseele erzählt, dass sie schwanger war. Niemand wusste Bescheid. Außer ihrem Vater, wie es schien.

„Du wirst verstehen, dass es mir lieber gewesen wäre, wenn du vor der Schwangerschaft geheiratet hättest. Aber dazu ist es nun zu spät. Und ich werde nicht mehr lange genug auf dieser Erde sein, um den Jungen noch mit eigenen Augen zu sehen. Aber für dich und ihn ist gesorgt. Die Ranch wird genug abwerfen.“

„Ich brauche niemanden, der für mich sorgt.“

Das Lächeln auf den Lippen ihres Vaters verschwand. „Natürlich brauchst du jemanden, Randi. Jemanden, der sich um dich kümmert.“

„Ich kann mich selbst um mich kümmern … und um das Baby. Ich besitze eine Eigentumswohnung in Seattle, ich habe einen guten Job, und …“

„Aber eben keinen Mann. Jedenfalls keinen mit ein bisschen Mumm in den Knochen. Wie heißt der Kerl, der dich flachgelegt hat?“

„Diese Unterhaltung ist einfach vorsintflutlich …“

„Jedes Kind hat ein Recht darauf, zu erfahren, wer sein Vater ist“, behauptete er, „selbst wenn es sich um einen Dreckskerl handelt, der die Frau im Stich gelassen hat, die sein Kind unter dem Herzen trägt.“

„Wie du meinst“, lenkte Randi ein, während sie den Briefumschlag befühlte und bemerkte, dass er mehr enthielt als nur ein Blatt Papier.

John Randall musste geahnt haben, was sie als Nächstes fragen würde. „Ich habe eine Halskette hineingelegt. Ein Medaillon. Hat deiner Ma gehört.“

Für den Bruchteil einer Sekunde war Randis Kehle wie zugeschnürt. Sie konnte sich gut an das Medaillon erinnern. Als Kind hatte sie damit gespielt, wenn ihre Mutter das glänzende Herz aus Gold an einer Kette um den Hals trug. „Ich weiß. Du hast es ihr zu eurem Hochzeitstag geschenkt.“

„Ja.“ John Randall nickte kurz. Sein Blick wurde weich. „Der Ring liegt auch im Umschlag. Falls du ihn haben willst.“

Plötzlich stiegen Randi Tränen in die Augen. „Danke.“

„Du kannst dich bei mir bedanken, indem du mir den Namen des Kerls nennst, der dir das angetan hat.“

Trotzig hob Randi das Kinn.

„Du wirst es für dich behalten, stimmt’s?“

Sie hielt dem starren Blick ihres Vaters stand. McCafferty gegen McCafferty, dachte sie unwillkürlich. „Da kannst du warten, bis du schwarz wirst.“

„Verdammt, mein Mädchen, du bist wirklich stur.“

„Habe ich vermutlich von dir geerbt.“

„Und es wird dir das Genick brechen. Denk an meine Worte.“

Randi hatte das Gefühl, als husche ein dunkler Schatten über ihr Herz wie eine Vorahnung. Aber trotzdem zuckte sie nicht mit der Wimper. Um ihres ungeborenen Kindes willen hielt sie die Lippen fest verschlossen.

Niemand sollte je erfahren, wer ihr Kind gezeugt hatte.

Noch nicht einmal ihr Sohn.

1. KAPITEL

„Verdammt noch mal“, fluchte Kurt Striker lautlos in sich hinein.

Er hasste den Job, den er zu erledigen hatte. Sehr sogar. Aber er durfte es sich nicht anmerken lassen. Dabei ging es nicht um das beachtliche Honorar, das man ihm versprochen hatte. Nein, die Summe war okay. Es war sogar verführerisch viel. Fünfundzwanzigtausend extra konnte jeder gut gebrauchen. Ein Scheck, der über die Hälfte der Summe ausgestellt war, lag vor ihm auf dem kleinen Tisch. Kurt Striker hatte ihn noch nicht angerührt.

Er verfluchte sich wegen gestern Abend. Seit diesem Abend hatte er ein Geheimnis zu hüten.

Kurt stand im Wohnzimmer vor dem Kamin, in dem ein Feuer knisterte und ihm die Unterschenkel wärmte. Durch die Eisblumen auf den Fensterscheiben konnte er die schneebedeckten Weideflächen der Flying-M-Ranch erkennen.

„Was sagen Sie dazu, Striker?“, wollte Thorne McCafferty wissen. Der älteste der drei Brüder war mit Leib und Seele Geschäftsmann und riss die Verantwortung gerne an sich. „Ist die Sache abgemacht? Werden Sie dafür sorgen, dass unserer Schwester kein Haar gekrümmt wird?“

Es war eine komplizierte Angelegenheit. Striker sollte als Randi McCaffertys persönlicher Bodyguard angeheuert werden. Ob es ihr passte oder nicht. Und Kurt würde jede Wette eingehen, dass es ihr nicht passte.

Er jedenfalls konnte sie nicht von einem einmal gefassten Entschluss abbringen. Und auch nicht ihre drei Halbbrüder. Obwohl es schien, als fühlten Thorne, Matt und Slade sich in letzter Zeit für ihre sturköpfige Halbschwester verantwortlich.

Randi war anstrengend. Daran gab es nichts zu rütteln. Allein die Art, wie sie vor ein paar Stunden davongerast war, hatte ihnen ihre finstere Entschlossenheit vor Augen geführt. Randi wollte nach Seattle zurückkehren. Mit ihrem Kind. Zu sich nach Hause. In ihren Job. In ihr altes Leben. Ohne Rücksicht auf die Folgen.

Striker gefiel die Lage überhaupt nicht. Aber schließlich durfte er sich diesen drei Männern nicht anvertrauen. Nicht jetzt. Oder doch? Die McCafferty-Brüder musterten ihn beinahe misstrauisch.

Auf keinen Fall wollte er sich eingestehen, warum er sich scheute, den Job zu übernehmen. Weil es um eine Frau ging, deshalb wollte er nichts damit zu tun haben. Und schon gar nicht mit der kleinen Schwester dieser harten Brüder, die sie um jeden Preis beschützen wollten.

Die Einsicht kommt ein bisschen spät, findest du nicht?

Randi war sexy. Sie sprühte vor Energie und Leidenschaft. Sie war eine starke Frau. Und wie jeder Sprössling von John Randall McCafferty, der etwas auf sich hielt, stand sie mit beiden Beinen fest im Leben. Was auch immer sie vorhat, dachte Kurt, sie wird ihren Weg machen.

Und sie würde es ganz und gar nicht schätzen, dass Striker ihr auf die Pelle rückte und seine Nase in ihre Angelegenheiten steckte. Noch nicht einmal dann, wenn er sie aus der Gefahr rettete. Im Gegenteil. Sie würde es ihm vorwerfen. Ganz besonders nach dem gestrigen Abend.

„Randi wird ausrasten vor Wut.“ Slade, der jüngste Bruder, brachte es auf den Punkt. Obwohl der Mann noch nicht einmal die Hälfte der Fakten kannte. Slade trug Jeans und ein ausgeblichenes Flanellhemd.

„Natürlich wird sie wütend werden. Wer würde das nicht?“ Matt, der zweitälteste Bruder, saß auf dem abgewetzten Ledersofa. Mit seinem Cowboystiefel stützte er sich auf dem Tischchen ab, auf dem der Scheck über zwölftausendfünfhundert Dollar lag. „Ich würde es auch hassen.“

„Aber sie hat keine Wahl“, bemerkte Thorne. Als Vorstandsvorsitzender in seinem eigenen Unternehmen war er es gewohnt, Befehle zu erteilen. Seine Angestellten hatten zu gehorchen. Vor Kurzem war er von Denver nach Grand Hope in Montana umgezogen. Aber seinen Job hatte er nicht aufgegeben. „Wir sind uns doch einig, oder?“

Fragend sah er seine jüngeren Brüder an. „Wir müssen sie beschützen. Sie und ihr Baby. Deswegen braucht sie einen Bodyguard.“

Matt nickte kurz. „Ja, wir sind uns einig. Aber das macht es Randi nicht leichter, die Kröte zu schlucken. Noch nicht einmal dann, wenn Kelly eingeweiht ist.“

Kelly war Matts Frau und ehemalige Polizistin, die jetzt als Privatdetektivin arbeitete. Sie hatte sich einverstanden erklärt, Striker in dem Fall, in den ihre Schwägerin verwickelt war, zu unterstützen.

Kurt drehte sich zum Fenster, wo immer noch der jüngste der Brüder stand. Slade war sein Freund, obwohl er es gewesen war, der ihm diese Suppe eingebrockt hatte. Slade vermied es, ihm in die Augen zu schauen, und starrte stattdessen weiter hinaus in die frostige Winterlandschaft.

„Wir müssen handeln. Und wir haben keine Zeit zu verschwenden. Jemand versucht, sie umzubringen“, betonte Thorne.

Striker biss die Zähne zusammen. Es war kein Witz. Und tief in seinem Inneren war ihm längst klar, dass er den Job annehmen würde. Wem sonst sollte er zutrauen, die Sache in den Griff zu bekommen? Zugegeben, Randi McCafferty war stur wie ein Ochse. Aber sie hatte etwas an sich, ein gewisses Glitzern in ihren braunen Augen, das ihm direkt unter die Haut ging. Es war, als glomm eine heiße Glut in ihr. Diese Glut hatte ihn völlig gefangen genommen und ließ ihn nicht mehr los.

Was gestern Abend geschehen war, war der beste Beweis dafür.

An den Falten auf Thornes Stirn konnte man erkennen, dass er sich große Sorgen machte. Seine Finger spielten mit dem Schlüssel in der Tasche, und er starrte Striker unverwandt an. „Übernehmen Sie nun den Auftrag? Oder müssen wir uns jemand anderen suchen?“

Allein bei dem Gedanken, dass ein anderer Mann sich in Randis Nähe aufhalten könnte, krampfte sich Kurts Magen zusammen. Aber bevor er antworten konnte, ergriff Slade das Wort.

„Nein, kein anderer. Wir brauchen jemanden, dem wir vertrauen können.“

„Amen“, stimmte Matt sarkastisch zu.

Vertrauen? Du lieber Himmel!

Striker biss die Zähne so fest zusammen, dass es ihn schmerzte.

Slade schaute aus dem Fenster und zeigte auf den Geländewagen, der sich langsam näherte. „Sieht so aus, als würde Nicole nach Hause kommen.“

Die Anspannung in Thornes Gesicht ließ etwas nach. Wenige Minuten später wurde die Haustür aufgerissen, und kalte Winterluft strömte ins Zimmer. Dr. Nicole McCafferty schüttelte sich den Schnee aus dem Mantel und hatte kaum den Flur betreten, als oben auf der Treppe zwei Paar kleine Füße auftauchten. Thornes Stieftöchter, vier Jahre alte Zwillingsmädchen, rannten lachend die Stufen nach unten.

„Mommy! Mommy!“, rief Molly, während ihre schüchterne Schwester Mindy sich freudestrahlend in Nicoles ausgebreitete Arme warf.

„Hey, wie geht es meinen Mädchen?“, grüßte Nicole, schloss die Zwillinge stürmisch in die Arme und küsste sie auf die Wange.

„Du bist kaaaalt!“, kreischte Molly.

Nicole lachte. „Ja, stimmt.“

Thorne hatte vor kurzer Zeit einen Unfall erlitten und humpelte immer noch leicht. Trotzdem eilte er so schnell wie möglich in den Flur und begrüßte seine Frau mit einem leidenschaftlichen Kuss, bis die Mädchen sich dazwischendrängten.

Striker wandte sich ab. Diese Familienszene war nicht für seine Augen bestimmt. Genauso unbehaglich hatte er sich in jenem Augenblick gefühlt, als Slade ihn angerufen und gebeten hatte, der Familie zu helfen. Kurz darauf hatte er das erste Mal den Fuß auf die Flying-M-Ranch gesetzt.

Es war im Oktober gewesen, nachdem Randi McCafferty mit ihrem Wagen von der Straße im Glacier-Park gedrängt worden war. Deswegen hatten vorzeitig die Wehen eingesetzt. Beinahe wären sie und ihr Baby gestorben. Randi hatte eine ganze Weile im Koma gelegen, und nachdem sie aufgewacht war, hatte sie unter Gedächtnisverlust gelitten.

Das behauptete sie jedenfalls.

Obwohl die Ärzte Randis Behauptung bestätigt hatten, war Striker davon überzeugt, dass die Amnesie ihr einfach zu gut in den Kram passte. Immerhin hatte er den Verdacht erhärten können, dass ein anderes Fahrzeug Randis Gefährt den steilen Hang hinuntergedrängt hatte, wo sie schließlich gegen einen Baum gekracht war.

Randi hatte überlebt. Sie hatte sich längst erholt, und ihr Gedächtnis funktionierte wieder. Aber sie weigerte sich strikt, über den Unfall zu sprechen oder Vermutungen zu äußern, wer versucht haben könnte, ihr das Leben zu nehmen. Entweder hatte sie tatsächlich keine Ahnung, wer der Täter war, oder sie wollte es nicht sagen.

Das galt auch für den Namen des Kindsvaters. Randi hatte niemandem anvertraut, wer den kleinen Joshua gezeugt hatte. Kurt verzog das Gesicht, wenn er daran dachte. Nein, er wollte sich nicht ausmalen, wie ein anderer Mann Randi umarmte. Obwohl das ziemlich dumm war. Schließlich hatte er keinerlei Recht auf sie … Er war sich noch nicht einmal sicher, ob er sie überhaupt mochte.

Dann hättest du sie gestern Abend in Ruhe lassen sollen … Stattdessen hast du zugeschaut, wie sie oben auf der Galerie ihren Sohn versorgt hat … und hast gewartet, bis sie ihn ins Bett gebracht hat …

Kurt erinnerte sich daran, wie sie auf dem Fensterbrett gesessen hatte. Das weiße Nachthemd hatte sich an ihren Körper geschmiegt, während sie ihr Kind im Arm gehalten und ihm leise summend das Fläschchen gegeben hatte. Er stand auf dem oberen Treppenabsatz und schaute über das Geländer nach unten. Das Mondlicht ergoss sich über ihre Schultern, und im Schein des fahlen Lichts sah sie aus wie die Madonna mit dem Kind.

Der Anblick wirkte beinahe heilig auf ihn, aber auch sehr sinnlich. Kurt trat in den Schatten und wartete. Als er endlich die Treppe hinunterging, knarrte eine der Dielen – obwohl er sich einzureden versuchte, dass er lediglich unbemerkt hatte verschwinden wollen. Randi hatte nach oben geblickt und ihn am Treppengeländer entdeckt.

„Lasst uns mal nachsehen, was Juanita für euch in der Küche gezaubert hat“, schlug Nicole vor und riss Kurt aus seinen Gedanken zurück in die Gegenwart. „Es riecht wunderbar.“

„Nach Zinnt“, verkündete das schüchterne Zwillingsmädchen.

„Zimt“, korrigierte Molly und verdrehte die Augen.

„Am besten, wir schauen mal nach.“ Nicole scheuchte die Mädchen über den Flur in die Küche, und Thorne kehrte wieder ins Wohnzimmer zurück.

Sein Lächeln war verflogen. Thorne war wieder ganz der Geschäftsmann. „Wie sieht es aus, Striker? Sind Sie dabei?“

Schweigend steckte Kurt den Scheck ein. Wenn er hätte ablehnen wollen, hätte er sich von Anfang an nicht auf die Sache einlassen dürfen. Jetzt war es zu spät.

Um nichts in der Welt brächte er es fertig, Randi McCafferty mit ihrem Kind nach Seattle ziehen zu lassen. Es war sicher, dass sie dort ihrem Killer direkt in die Arme laufen würde.

„Na, großartig!“ Randi hatte Grand Hope knapp zwanzig Kilometer hinter sich gelassen, als ihr Jeep sich plötzlich merkwürdig benahm. Das Lenkrad ließ sich nur noch schwer bewegen. Nachdem sie den Wagen mühsam auf den verschneiten Seitenstreifen gelenkt hatte, um den Schaden zu begutachten, stellte sie fest, dass die Luft aus dem linken Vorderreifen fast vollständig entwichen war. Dabei war sie mit prallen Reifen losgefahren.

Bisher verlief Randis Rückkehr in die Zivilisation anders als geplant. Nicht dass sie einen besonders ausgefeilten Plan gehabt hätte. Aber gestern Abend … mit Kurt … verdammt noch mal. Als sie heute Morgen aufgestanden war, hatte sie beschlossen, keine Minute länger zu warten.

Ihre drei Brüder waren inzwischen verheiratet, nur sie galt als sture Einzelgängerin. Außerdem schien es, als würde ihretwegen die gesamte Familie in Gefahr schweben. Das musste sie dringend ändern.

Aber du machst dir selbst etwas vor, nicht wahr? Du bist doch nicht wegen deiner Brüder oder wegen der Gefahr so überstürzt abgereist. Es liegt an Kurt Striker und an niemandem sonst …

„Bring es hinter dich“, murmelte sie, „dann musst du den verdammten Reifen eben selbst wechseln.“

Das Baby schlief seelenruhig im Sitz, während sie den Wagenheber und den Ersatzreifen aus dem Kofferraum holte. Im Grunde war es nicht kompliziert, einen Reifen zu wechseln. Doch da sie Handschuhe trug, wurde die Arbeit an den Schrauben zu einer echten Herausforderung. Schließlich entdeckte sie ein kleines Loch im Reifen.

Ob sie irgendwo über einen Nagel gefahren war? Oder hatte derselbe Idiot seine Finger im Spiel, der sie am Glacier-Park von der Straße gezwungen und dann in der Klinik versucht hatte, sie zu töten? Später hatte er die Ställe auf der Flying M in Brand gesetzt, sodass die Gebäude bis auf die Grundmauern heruntergebrannt waren. Versuchte er es nun wieder? Randi umklammerte den Kreuzschlüssel.

Es war bitterkalt. Der eisige Wind fegte die Straße hinunter und blies den Schnee vor sich her. Randi spürte, wie ihr ein Angstschauder über den Rücken kroch, als sie den Blick über die kahle Landschaft schweifen ließ.

Sie konnte niemanden entdecken.

Und kam zu dem Schluss, dass sie langsam unter Verfolgungswahn litt.

2. KAPITEL

Kaum zwei Stunden nach der Unterhaltung mit den McCafferty-Brüdern saß Striker im Flugzeug. Vorher hatte er mit einem Kollegen telefoniert und ihn gebeten, ihn bei den Ermittlungen zu unterstützen. Während er selbst Randi nicht aus den Augen ließ, würde Eric Brown sich auf die Suche nach der Wahrheit machen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Privatdetektiv die richtige Fährte gefunden hatte.

Durch das kleine Kabinenfenster betrachtete Striker die dicken Wolken und dachte über Randi McCafferty nach.

Sie war schön. Klug. Und unglaublich sexy.

Wer wollte ihren Tod?

Und warum?

Randi war eine faszinierende Frau mit einer scharfen Zunge. In ihren braunen Augen loderte ein Feuer, und mit ihrem schneidenden Witz hielt sie ihre drei Brüder mühelos in Schach.

Thorne, Matt und Slade hatten allen Grund, ihr Vorwürfe zu machen. Die drei Halbbrüder sollten sich eine Hälfte der Ranch teilen, während sie als einzige Tochter von John Randall McCafferty die andere Hälfte geerbt hatte. Obwohl so mancher Einwohner von Grand Hope anders darüber dachte, wusste Striker, dass die drei Brüder eine reine Weste hatten. Mit den Anschlägen hatten sie nichts zu tun.

Striker kaute auf einem Zahnstocher herum und starrte stirnrunzelnd in den wolkenverhangenen Himmel. Es gab zwei Geheimnisse um Randi. Erstens: Niemand kannte den Vater ihres Kindes. Und das war wohl das am besten gehütete Geheimnis. Das zweite rankte sich um ein Buch, das sie in der Zeit geschrieben hatte, als ihr der Unfall zugestoßen war.

Weder ihre Brüder noch sonst jemand in ihrer Nähe wussten, wer das Kind gezeugt hatte. Der Vater bestimmt auch nicht, dachte Striker. Randi schwieg sich darüber aus. Striker fragte sich, ob sie den Vater aus bestimmten Gründen schützen wollte. Oder sollte er einfach nicht Bescheid wissen?

Auf jeden Fall würde es nicht besonders schwer sein, den Daddy des kleinen Joshua zu ermitteln. In der Klinik hatte der Privatdetektiv bereits die Blutgruppe des Babys erfahren. Und es war ihm gelungen, ein paar Haare von Joshua zu bekommen … für den Fall, dass ein DNA-Test nötig wurde.

Es gab drei Männer, die Randi nahegestanden hatten. Nahe genug, um als Lover infrage zu kommen, obwohl Striker noch keine Ahnung hatte, mit wem sie schließlich im Bett gelandet war. Falls überhaupt mit einem von ihnen. Bei dem Gedanken durchschoss ihn Eifersucht wie ein Blitz.

Lächerlich. Nie im Leben würde Striker es sich gestatten, sich auf Randi McCafferty einzulassen. Noch nicht einmal nach letzter Nacht. Sie war seine Klientin, obwohl sie es noch nicht wusste. Wenn sie es erst mal erfahren hatte, würde sie Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihn wieder loszuwerden. Daran hatte er nicht den geringsten Zweifel.

Mit dem Zeigefinger pochte Striker an die kühle Fensterscheibe und fragte sich wieder einmal, wer Randi das Bett gewärmt hatte. Wer war der Vater ihres Kindes?

Die Galle stieg ihm hoch, als er die möglichen Kandidaten an seinem geistigen Auge vorüberziehen ließ.

Sam Donahue, ein ehemaliger Rodeoreiter, stand ganz oben auf der Liste. Kurt traute dem verwegenen Cowboy nicht über den Weg. Sam war immer ein Schurke gewesen, ein Kerl, den keiner der drei Halbbrüder hatte ertragen können. Schließlich hatte der Mann schon zwei Exfrauen zu versorgen.

Joe Paterno war ein freiberuflicher Fotograf, der gelegentlich für den Seattle Clarion arbeitete. Joe war ein notorischer Playboy, ein Mann, der die Frauen reihenweise vernaschte und niemals Verantwortung übernahm. Überall auf dem Globus hatte er seine Affären, ganz besonders in den politischen Krisengebieten, wo er seine Fotos schoss. Joe war nicht der Typ, der sich mit Frau und Kind irgendwo niederließ.

Der Anwalt Brodie Clanton, der dritte Kandidat, war schon mit einem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen. Brodie Clanton tat so, als wäre ihm das Leben etwas schuldig, und verbrachte seine Zeit damit, seine reichen Mandanten zu verteidigen.

Was zum Teufel hatte Randi sich dabei gedacht? Keiner dieser Männer war es wert, dass sie ihn ein zweites Mal anschaute. Trotzdem war sie mit jedem in Kontakt gewesen. Obwohl Randi in der Zeitung eine Ratgeber-Kolumne für Singles schrieb, hatte sie selbst bemerkenswertes Pech mit Männern.

Und was ist mit dir? Wie passt du in das Schema?

„Verdammt.“ Auf keinen Fall wollte Striker jetzt darüber nachdenken. Nein, er durfte nicht zulassen, dass der vergangene Abend sein Urteil über Randi trübte. Selbst wenn er herausgefunden hatte, wer der Vater ihres Kindes war, stände er immer noch am Anfang. Denn damit war nur bewiesen, dass Randi mit dem Kerl geschlafen hatte. Es hieß noch lange nicht, dass der Mann auch versuchte, sie umzubringen.

Der Spaß fing gerade erst an.

Regen trommelte auf das Dach ihres neuen Jeeps. Randi trat auf das Gaspedal und raste um die Kurve. Die Fahrt von Montana nach Seattle war die reinste Hölle gewesen. In Randis Schläfen machte sich der Kopfschmerz bemerkbar. Er erinnerte sie daran, dass der Unfall im Glacier-Park, der sie fast das Leben gekostet hatte, noch nicht lange zurücklag. Für den Bruchteil einer Sekunde sehnte sie sich zurück zu ihren Halbbrüdern nach Grand Hope.

Sie wechselte routiniert die Spur und trat vor der nächsten roten Ampel auf die Bremse. So sehr sie es sich wünschte, sie konnte sich nicht bis in alle Ewigkeit verstecken. Es war höchste Zeit, sich das eigene Leben zurückzuerobern. Und das spielte sich hier in Seattle ab, nicht auf der Flying-M-Ranch in Montana mit ihren drei besitzergreifenden Halbbrüdern.

Randi, du selbst bist verantwortlich. Es ist deine Schuld, dass deine Familie in Gefahr schwebt. Und jetzt hast du auch noch dafür gesorgt, dass du diesen Kurt Striker am Hals hast. Was ist los mit dir? Gestern Abend … Du hast ihn erwischt, wie er dich beobachtet hat. Schon seit zwei Wochen merkst du, wie es zwischen euch knistert … und was hast du getan? Hast dich etwa in dein Schlafzimmer zurückgezogen und die Tür hinter dir geschlossen – wie es jede Frau mit klarem Verstand getan hätte? Oh, nein. Du hast das Baby in die Wiege gelegt und bist Kurt Striker gefolgt, und du hast …

Erst als jemand hinter ihr hupte, wurde Randi klar, dass es längst Grün geworden war. Sie biss die Zähne zusammen und fuhr los. Verbannte die erotischen Fantasien über Kurt Striker in den hintersten Winkel ihres Herzens und mahnte sich streng, dass es wichtigere Dinge zu bedenken gab.

Immerhin war ihr Sohn in Sicherheit. Wenn auch nur im Moment. Schon jetzt vermisste sie ihr Baby schmerzlich. Aber trotzdem hatte Randi es an einem Ort untergebracht, wo niemand es finden konnte. Außerdem sollte Joshua nur so lange dort bleiben, bis sie erledigt hatte, was zu erledigen war. Es war die beste Lösung. Für sie. Und für ihn. Jedenfalls für eine Weile.

Randi starrte auf die Windschutzscheibe, aber vor ihrem inneren Auge sah sie ihren kleinen Sohn mit seinem roten Haarschopf und den rosigen Wangen. Unwillkürlich dachte sie an die sanft blubbernden Geräusche, die er manchmal von sich gab. Unschuldig und zutraulich.

Es zerriss ihr beinahe das Herz. Mit aller Macht drängte sie die Tränen zurück, die ihr plötzlich in die Augen gestiegen waren. Sie hatte keine Zeit für Sentimentalitäten. Jetzt nicht.

Während sie sich ihrer Wohnung näherte, blickte sie immer wieder in den Rückspiegel, um sicherzugehen, dass niemand sie verfolgte. Endlich lenkte sie den Jeep in eine Parklücke und schaltete den Motor aus. Als sie ausstieg, schaute sie sich ein letztes Mal um. Nichts.

Reiß dich zusammen. Randi nahm zwei Stufen auf einmal, steckte den Schlüssel ins Schloss und drückte die Tür mit der Schulter auf.

Drinnen roch es muffig und staubig, so als hätte sich schon seit Langem niemand mehr in der Wohnung aufgehalten. Staub hatte sich auf dem Fensterbrett gesammelt.

Randi fühlte sich nicht wie zu Hause. Nicht mehr. Aber ohne ihren Sohn fühlte sie sich ohnehin nirgendwo zu Hause. Mit dem Fuß kickte sie die Tür hinter sich zu und eilte mit großen Schritten durch den Flur. Plötzlich blieb sie abrupt an der Tür zum Wohnzimmer stehen. Ein Schatten hatte sich auf der Couch bewegt.

Das Adrenalin schoss ihr durch die Adern.

Lieber Himmel!, hämmerte es wie wild in ihrem Kopf. Ihr Mund war so trocken, dass sie keinen Ton hervorbringen konnte.

Der Killer erwartete sie.

3. KAPITEL

„Sieh mal einer an“, spottete er, „wer kommt denn da nach Hause?“

Randi erkannte seine Stimme auf Anhieb.

Dreckskerl.

Als er das Licht anmachte, begegnete Randi seinem durchdringenden und misstrauischen Blick. Kurt Striker, der Privatdetektiv, den ihre Brüder engagiert hatten.

Randis Angst war auf Anhieb verflogen, und sie kochte innerlich vor Wut. „Was zum Teufel hast du hier zu suchen?“

„Ich warte.“

„Worauf?“

„Auf dich.“

Sein spöttischer Tonfall raubte ihr den letzten Nerv. Das galt auch für die arrogante Art, mit der er sich auf ihrer Couch lümmelte. In Jeans, Cowboystiefeln und mit der Bierflasche in der Hand wirkte er in ihrer Wohnung wie ein Fremdkörper.

„Warum?“, fragte Randi, ohne das Wohnzimmer zu betreten. Sie wollte diesem Mann auf keinen Fall zu nahe kommen. Er verstörte sie. Sehr sogar.

Striker war ein Sturkopf wie sie, und er sah aus wie ein verwegener Cop aus einem Hollywood-Film. Die struppigen blonden Haarsträhnen fielen ihm über die Augen, und seine Wangen machten den Eindruck, als hätte er seit Tagen einen Bogen um die Rasierklinge gemacht.

Die tief liegenden Augen blickten wach und intelligent unter buschigen Brauen hervor, seine Gesichtszüge sahen aus wie gemeißelt. Er trug seine ausgeblichene Jeans sowie eine verschlissene Jeansjacke und strotzte vor Selbstbewusstsein.

Striker hatte sich auf ihrer Couch breit gemacht und musterte sie genüsslich von Kopf bis Fuß.

„Ich habe dich etwas gefragt.“

„Ich versuche, dir das Leben zu retten.“

„Du überschreitest deine Grenzen.“

„Dann ruf doch die Polizei.“

„Schluss mit den Spielchen.“ Randi ging zum Fenster und blickte auf den grauen See hinaus. Es wehte eine steife Brise, weiße Gischt spritzte auf, und der Nebel war so dicht, dass man das gegenüberliegende Ufer nicht sah.

Randi verschränkte die Arme vor der Brust, drehte sich um und suchte Strikers Blick.

Er lächelte. Striker lächelte verwirrend sexy, und ein spöttischer Funken glomm in seinen grünen Augen auf. Für den Bruchteil eines Augenblicks dachte sie an die Stunden, die sie miteinander verbracht hatten. Sie dachte daran, wie sie seine Haut berührt hatte, wie seine Hände sich anfühlten … Du liebe Güte.

Würde der Mann ihr nicht den letzten Nerv rauben, könnte sie ihn glatt attraktiv finden. Interessant. Sexy. Lange Beine, die in Cowboy-Stiefeln steckten. Schultern, über denen die Nähte seiner Jeansjacke sich spannten. Ein flacher Bauch … ja, alles in allem ein Prachtkerl. Zumindest in den Augen einer Frau, die gerade auf der Suche war. Was auf Randi keinesfalls zutraf. Sie hatte ihre Lektion gelernt. Der gestrige Abend war nur ein Ausrutscher gewesen. Es würde nie wieder vorkommen.

Es durfte nie wieder vorkommen.

„Gerne“, unterbrach Striker sie in ihren Gedanken. „Vergessen wir die Spielchen für eine Weile und machen wir uns an die Arbeit.“

„An die Arbeit?“, fragte sie genervt. Randi wollte, dass er aus ihrer Wohnung verschwand. Und zwar möglichst schnell. Striker hatte eine fast unerträgliche Art an sich, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Sekundenlang schaute er ihr tief in die Augen. Blitzschnell wurde Randi bewusst, dass er sich ebenso klar an den vergangenen Abend erinnerte wie sie. Striker räusperte sich. „Randi, ich glaube, wir sollten uns darüber unterhalten, was geschehen ist …“

„Über gestern Abend?“, fragte sie. „Das sollten wir lieber vergessen.“

„Kannst du das?“

„Keine Ahnung. Aber ich werde alles dafür tun.“

Er glaubte ihr nicht. Das sah sie deutlich.

„Okay, wenn du es so haben willst.“

„Ich sagte schon, es gibt nichts, was wir zu besprechen hätten.“

„Doch, natürlich. Du könntest mir zum Beispiel verraten, wer der Vater deines Kindes ist.“

Nie im Leben, mein Freund. Keine Chance. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das irgendeine Bedeutung hat.“

„Und ob, Randi.“ Bei diesen Worten erhob Striker sich, baute sich vor ihr auf und schaute sie an. „Es hat schon zwei Anschläge auf dein Leben gegeben, und dann das Feuer auf der Ranch. Erinnerst du dich, Randi? Deine Brüder sind beinahe dabei umgekommen.“ Sie zuckte zusammen, so schmerzhaft war die Erinnerung.

Plötzlich packte Striker sie an den Oberarmen. „Willst du dein Leben wirklich ein drittes Mal aufs Spiel setzen? Und das deiner Brüder? Das deines Kindes?“

Randis Knie wurden weich. Striker stand viel zu dicht vor ihr. Sie spürte seinen Atem an ihren Wangen.

„Ich rühre mich nicht von der Stelle“, drohte er an, „nicht einen einzigen Zentimeter, bis wir zwei nicht ein paar Unklarheiten aus dem Weg geräumt haben. Ich bin darauf eingerichtet, länger hierzubleiben. Die ganze Nacht, wenn es sein muss. Die ganze Woche. Das ganze Jahr.“

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Obwohl Randi angestrengt versuchte, sich aus seinem Klammergriff zu befreien, gelang es ihr nicht. Seine Finger schlossen sich sogar noch fester um ihre Oberarme.

„Randi, sag es mir. Wer zum Teufel ist J.R.s Vater?“

Du lieber Himmel, er stand einfach zu dicht vor ihr. „Lass mich los“, verlangte sie und weigerte sich, auf seine Frage zu antworten. „Und verschwinde aus meiner Wohnung.“

„Niemals.“

„Dann rufe ich die Polizei.“

„Nur zu“, ermunterte Striker sie mit einer Kopfbewegung in Richtung Telefon, das sie seit Monaten nicht mehr benutzt hatte. „Am besten, du erzählst der Polizei gleich alles, was dir zugestoßen ist. Ich werde dann erklären, was ich hier zu suchen habe.“

„Niemand hat dich hergebeten.“

„Deine Brüder machen sich Sorgen.“

„Sie haben kein Recht, mich überwachen zu lassen.“

Zweifelnd zog er die Brauen hoch. „Nein? Da sind die drei bestimmt anderer Meinung.“

„Das interessiert mich nicht.“ Randi warf den Kopf zurück und gab sich cool. „Hör zu, Striker. Es ist mein Leben. Ich komme zurecht. Und wenn du jetzt bitte so nett wärst, die Finger von mir zu nehmen … Ich habe viel zu tun.“

Striker musterte sie lange und eindringlich, durchbohrte sie förmlich mit seinem Blick. Dann zuckte er die Schultern und ließ sie los. „Ich kann warten.“

„Verschwinde endlich. Ich habe tausend Dinge zu erledigen“, stellte Randi klar und zeigte auf das Telefon. Das Lämpchen am Anrufbeantworter blinkte nicht. „Wie komisch“, murmelte sie und schaute misstrauisch zu Striker. „Moment mal … hast du die Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter abgehört?“ Wut stieg in ihr hoch.

„Nein. Ganz bestimmt nicht.“

Randi drückte auf die Abspieltaste. „Merkwürdig“, sagte sie, als sie Sarah Peeples’ Stimme erkannte.

„Hey, wann kommst du zurück zur Arbeit?“, fragte Sarah. „Es ist soooo langweilig mit all diesen Männern, die sich den ganzen Tag abrackern, nur um ein bisschen erfolgreich zu sein.“ Sie kicherte. „Na ja, vielleicht doch nicht so langweilig. Aber ich vermisse dich. Ruf mich an und drück Joshua ein Küsschen von mir auf die Wange.“ Es klickte, als Sarah auflegte.

Randi biss sich auf die Unterlippe. In ihrem Kopf ging es wild durcheinander. „Du hast die Nachricht noch nicht gehört?“

„Nein.“

„Wer dann?“

„Du. Oder etwa nicht?“, fragte er und zog die Brauen zusammen.

„Nein.“ Ihr jagte ein kalter Schauder über den Rücken. Wenn Striker ihre Nachrichten nicht abgehört hatte, wer war es dann gewesen?

Randis Nerven lagen blank. Sie machte sich Sorgen um ihr Baby. Der Mann in ihrem Apartment brachte sie aus der Fassung, in den vergangenen zwei Tagen hatte sie nur wenige Stunden geschlafen, und sie war erschöpft von der langen Autofahrt. Mehr war eigentlich nicht passiert. Aber es reichte, um sie beinahe um den Verstand zu bringen.

„Jetzt hör mir mal zu, Striker. Du kannst nicht einfach hier hereinplatzen, dir ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen, dich auf die Couch lümmeln und ganz wie zu Hause fühlen!“

„Wo steckt dein Sohn?“ Striker ließ sich nicht ablenken. „J.R. Wo steckt er?“

Randi hatte mit der Frage gerechnet. „Er ist zwar John Randalls Enkel, heißt aber trotzdem nicht J.R. Ich nenne ihn Joshua.“

„Okay. Wo ist Josh?“

„Irgendwo in Sicherheit.“

„Er ist nirgendwo in Sicherheit.“

Ihr Magen krampfte sich zusammen. „Das stimmt nicht.“

„Aber du hast Angst, dass dir tatsächlich jemand auf den Fersen sein könnte.“

„Ich bin schließlich Mutter. Ich würde ihn niemals in Gefahr bringen.“

„Nein, ihn nicht. Aber es reicht, dass du dich selbst in Gefahr bringst.“

„Wir sollten das Thema beenden.“

„Hält er sich bei deiner Cousine Nora auf?“

Randi spannte die Muskeln an. Wie hatte er herausgefunden, dass ihre Cousine mütterlicherseits Nora hieß? Denn ihre Brüder hatten Nora niemals kennengelernt.

„Oder vielleicht bei Aunt Bonita, der Stiefschwester deiner Mutter?“

Gute Güte, der Mann hat seine Hausaufgaben wirklich gemacht, dachte Randi. Der Schmerz in ihrem Kopf pochte unerträglich. „Striker, das geht dich nichts an.“

„Und was ist mit deiner Freundin Sharon?“ Striker verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich tippe auf sie.“

Randi erstarrte. Wie war er nur darauf gekommen, dass sie ihr geliebtes Kind bei Sharon Okano untergebracht hatte? Sharon und sie hatten sich – bevor sie Joshua zu ihr gebracht hatte – seit fast neun Monaten nicht mehr gesehen. Trotzdem war Striker ihr auf die Schliche gekommen.

„Eigentlich hättest du ihn gern in Montana gelassen. Aber du wolltest deine Verwandten nicht in Gefahr bringen. Deine Kollegen in der Redaktion scheiden aus, weil sie sich verplappern könnten. Also musste jemand her, dem du zwar vertraust, aber nicht so offensichtlich, dass es gleich die Spatzen von den Dächern pfeifen.“

Randis Herz krampfte sich zusammen.

Striker beugte sich vor und berührte sie an der Schulter. Sie zuckte zurück, als hätte sie sich verbrannt.

„Wenn ich nur ein bisschen raten muss, um herauszubekommen, wo dein Sohn steckt, dann ist es nur ein Kinderspiel für den Kerl, der dir auf den Fersen ist.“

„Wie bist du auf Sharon gekommen?“, wollte Randi wissen. „Ich kaufe es dir nicht ab, dass du zufällig richtig geraten hast.“

Kurt schlenderte zum Tisch und griff nach seinem Bier. „Man muss nicht höhere Mathematik studiert haben, um darauf zu kommen.“

„Aber …“

„Zu den meisten Handys gehört ein Einzelverbindungsnachweis.“

„Mit anderen Worten, du hast meine Post durchwühlt, um meine Handyrechnungen zu kontrollieren? Hast du schon mal was von Briefgeheimnis gehört? Was du getan hast, ist illegal, das müsstest du doch eigentlich wissen. Oder interessierst du dich nicht für solche Nebensächlichkeiten?“

„Es spielt keine Rolle, wie ich es erfahren habe“, meinte Striker. „Es ist einzig und allein wichtig, dich und deinen Sohn in Sicherheit zu bringen. Ob es dir passt oder nicht, deine Brüder haben mich engagiert, damit ich dich beschütze. Und genau das werde ich auch tun.“

Striker leerte die Bierflasche in einem einzigen Zug. „Randi, ich werde mich dir an die Fersen heften. Auf Schritt und Tritt werde ich dir folgen. Du kannst gern Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um es zu verhindern. Aber es wird dir nicht gelingen. Du kannst deine Brüder anrufen und dich bei ihnen beschweren. Aber die drei werden erst recht nicht nachgeben.“

Er holte tief Luft. „Du kannst versuchen zu flüchten. Aber ich werde dich so schnell geschnappt haben, dass dir Hören und Sehen vergeht. Du kannst auch die Polizei rufen. Dann werden wir hier auf der Stelle alles klären. So sieht es aus.“

Striker suchte ihren Blick. „Du kannst uns allen die Sache leichter machen, indem du uns erklärst, was zum Teufel hier eigentlich gespielt wird. Du kannst es uns natürlich auch schwer machen. Dann dauert es qualvoll lange, bis wir die Angelegenheit hinter uns gebracht haben.“ Er stellte die Flasche auf den Tisch und musterte sie eindringlich. „Ganz wie du willst.“

„Raus hier.“

„Wenn das dein Wunsch ist. Aber ich werde wiederkommen.“

Randi war so wütend, dass sie zitterte. „Raus hier, zum Teufel noch mal“, fauchte sie ihn an.

„Ich gebe dir eine Stunde, um über mein Angebot nachzudenken“, schlug Striker auf dem Weg zur Tür vor. „Genau eine Stunde. Dann stehe ich wieder vor deiner Tür. Wenn es sein muss, lösen wir den Fall auf die komplizierte Art. Du kannst es dir aussuchen, Randi. Aber wenn ich mich nicht irre, hast du kaum eine Wahl. Die Lage ist eindeutig.“

Er verließ die Wohnung und schlug die Tür hinter sich zu. Randi schob sofort fluchend den Riegel vor. Obwohl die Knie unter ihr nachzugeben drohten, zwang sie sich, aufrecht zu stehen. Was würde es nützen, wenn sie sich jetzt ihrem Schmerz überließ?

Auch wenn sie es nicht zugeben wollte, Kurt Striker hatte recht: Ihr blieb keine große Wahl. Trotzdem wollte sie sich nicht zu einer Entscheidung drängen lassen.

Dafür stand zu viel auf dem Spiel.

4. KAPITEL

Kurt setzte sich ans Steuer seines bronzefarbenen Leihwagens. Er hatte Randi eine Stunde Zeit für ihre Entscheidung gegeben und wollte diese Zeit nutzen, um seine Gedanken zu ordnen. Diese Frau hatte irgendetwas an sich, das ihm beinahe den Verstand raubte.

Jedes Mal, wenn Randi sich allein mit ihm in einem Zimmer aufhielt, lag eine fast greifbare Spannung in der Luft. Dabei gehörte er nicht zu den Männern, die dem Charme einer Frau gleich auf den ersten Blick erlagen. Schon gar nicht dem einer verwöhnten Diva. Randi war eine reiche Frau, die nur mit den Fingern zu schnippen brauchte, und schon las man ihr jeden Wunsch von den Augen ab.

Oh, ja, natürlich war sie hübsch. Jetzt jedenfalls, wo die Prellungen auf ihrem Gesicht verschwunden waren und ihr Haar wieder wuchs. Um ehrlich zu sein, sie war sogar eine Schönheit. Ihre Gesichtszüge waren klar und ebenmäßig. Obwohl sie bis vor wenigen Wochen noch schwanger gewesen war, war Randi schlank. Ihre Brüste waren so üppig, dass sie jedem Mann auffallen mussten, ihre Hüften wohlgerundet. Das Haar war rotbraun, das kleine Kinn reckte sie ihm manchmal frech entgegen, und die wundervollen braunen Augen machten jedes Make-up überflüssig.

Obendrein war sie ausgesprochen intelligent, und sie besaß eine scharfe Zunge. Mehr als einmal hatte sie ihm unmissverständlich klargemacht, dass sie auf seine Anwesenheit keinen Wert legte. Doch er fühlte sich dadurch nur angestachelt, und jedes Mal, wenn er sie sah, rauschte ihm das Blut doppelt so heiß durch die Adern.

Vergiss es. Sie ist deine Klientin.

Eigentlich stimmt es gar nicht, überlegte Kurt, denn sie hat mich nicht engagiert.

Aber ihre Brüder. Du musst unbedingt darauf achten, dass deine Beziehung zu ihr auf einer rein professionellen Ebene bleibt.

Beziehung? Welche Beziehung? Himmel noch mal, Randi konnte es doch noch nicht einmal ertragen, wenn er sich im selben Zimmer mit ihr aufhielt!

Oh, ja, stimmt. Tu bloß nicht so, als ob es gestern Abend nicht gegeben hätte.

Randi hatte Joshua in sein Zimmer gebracht, war Kurt gefolgt und hatte ihn schließlich im dunklen Wohnzimmer entdeckt. Das Feuer im Kamin war nahezu heruntergebrannt.

Kurt hatte sich schon einen Drink eingeschenkt und nippte an seinem Glas, während er durch die Eisblumen am Fenster auf die verkohlten Überreste der Ställe starrte.

„Sie haben mich heimlich beobachtet“, warf Randi ihm vor. Er nickte, ohne sich nach ihr umzudrehen. „Warum?“

„Ich hatte nicht die Absicht.“

„Verdammt!“

Das hieß, so einfach wollte sie ihn nicht davonkommen lassen. Auch gut, dachte Kurt und nippte noch mal an seinem Glas, bevor er ihr schließlich in die Augen schaute.

„Was zum Teufel hatten Sie oben zu suchen?“

„Ich habe ein Geräusch gehört und wollte überprüfen, ob sich dort jemand herumtreibt.“

„Das haben Sie ja auch getan. Ich bin es gewesen. Dieses Haus steckt voller Menschen, müssen Sie wissen.“

Randi strahlte nichts als Zorn aus. Kurt bemerkte, dass sie vergessen hatte, ihr Nachthemd zuzuknöpfen. Wahrscheinlich war ihr überhaupt nicht bewusst, dass er ihre Brüste sehen konnte. „Wollen Sie, dass ich Ihnen die Sache erkläre, oder nicht?“

„Ja. Versuchen Sie es mal.“ Randi verschränkte die Arme unter dem Busen und hob damit ihre Brüste unwillkürlich an. Kurt hielt den Blick starr auf ihre Augen gerichtet.

„Wie schon gesagt, ich hatte ein Geräusch gehört. Schritte. Ich bin nur kurz nach oben gegangen und dann den Flur entlang. Als ich wieder zur Treppe ging, sind Sie plötzlich aufgetaucht. Mehr war nicht. Vergessen wir’s einfach.“

„Sie haben leicht reden.“

„So leicht nun auch wieder nicht.“

Randi musterte ihn genauer. „Was soll das heißen?“

„Dass Sie unvergesslich sind.“

„Ja ja, schon klar.“ Als sie sich mit den Fingern durch das Haar fuhr, gewährte ihm der Ausschnitt ihres Nachthemds einen noch tieferen Einblick auf ihre Brüste. Wahrscheinlich spürte sie einen kalten Luftzug, denn plötzlich schaute sie an sich herunter und keuchte erschrocken auf.

„Na, großartig.“ Hastig fummelte sie an den Knöpfen herum. „Da stehe ich vor Ihnen und rege mich auf und mache ein großes Theater …“

„Schon gut“, unterbrach Kurt sie. „Darf ich Ihnen einen Drink anbieten?“

„Aus den Vorräten meines Vaters? Nein, wohl kaum. Ich … ich könnte mich zu etwas hinreißen lassen, was ich später bereue.“

„Glauben Sie?“

Randi atmete tief aus, musterte ihn von Kopf bis Fuß und nickte. „Ja, könnte durchaus sein.“

In diesem Augenblick hätte Kurt sich noch beherrschen können. Aber er gab sich keine Mühe und trank seinen Drink mit einem Schluck aus. Dann stellte er das Glas ab und trat dicht zu ihr. „Ich bin der Meinung, dass Reue im Allgemeinen überbewertet wird. Finden Sie nicht auch?“ Er bemerkte, wie ihr Puls unter der blassen Haut an der Kehle raste. Plötzlich wusste Kurt, dass sie genauso viel Angst hatte wie er.

Es war lange her, dass er eine Frau geküsst hatte. Und seit Wochen hatte er darüber nachgedacht, wie es sich wohl anfühlen würde, Randi McCafferty zu küssen.

Gestern Nacht hatte er es ausprobiert.

Kurt hatte die Arme um sie geschlossen. Und als ihr ein Seufzer über die Lippen gekommen war, hatte er seinen Mund auf ihren gepresst. Randi hatte sich instinktiv an seine Schultern geklammert und ihren Körper eng an seinen gedrückt.

In seinem Kopf hatten sämtliche Alarmglocken geschrillt. Doch er hatte sie ignoriert und stattdessen mit der Zunge ihren Mund erkundet und gespürt, wie seine Erregung beinahe schmerzhaft wurde. Randi fühlte sich warm an, und sie schmeckte nach Kaffee. Er strich spielerisch mit den Fingerspitzen über ihren Rücken, während sie sich stöhnend in seine Umarmung schmiegte.

Langsam hatte er ihr das Nachthemd hochgeschoben. Und mit einem Mal war es ihm wie die natürlichste Sache der Welt vorgekommen, Randi mit einem Schwung in die Arme zu heben und sich mit ihr zusammen auf den Teppich vor den Kamin zu legen …

Kurt saß in seinem Pick-up und lauschte, wie die Regentropfen auf die Windschutzscheibe trommelten. Wütend dachte er darüber nach, was er getan hatte. Er hätte es besser wissen müssen. Nichts konnte er weniger gebrauchen, als wegen einer Frau in Schwierigkeiten zu geraten.

Er ließ den Blick auf den Ringfinger seiner linken Hand schweifen. Noch immer war der Abdruck des Rings zu sehen.

Sein Nacken versteifte sich, und die Gedanken wirbelten ihm durch den Kopf. Gedanken an eine andere Frau … an eine schöne Frau und an ein kleines Mädchen …

Sofort rief er sich zur Ordnung. Er sah auf seine Armbanduhr. Randi hatte mittlerweile siebenundvierzig Minuten lang Zeit gehabt, um sich zu beruhigen und wieder zur Vernunft zu kommen. Er griff nach seiner verschlissenen Tasche auf dem Beifahrersitz und zog den Ordner mit der McCafferty-Akte heraus.

Er behielt Randis Apartment die ganze Zeit über im Blick, während er die Zeitungsausschnitte aus dem Seattle Clarion überflog. Es handelte sich um die Kolumnen, die Randi McCafferty geschrieben hatte und die mit ihrem Foto versehen waren.

Die Texte waren „Solo“ überschrieben, und alles drehte sich darin um Singles. Ob eingefleischte Junggesellen oder frisch Geschiedene, ob Verwitwete oder Großstadtsingles: Jeder konnte um Rat bitten, und Randi antwortete – meistens mitfühlend, manchmal aber auch mit beißendem Sarkasmus. Da gab es zum Beispiel eine Frau, die sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden konnte und beide belog. Randi hatte ihr geraten, endlich erwachsen zu werden.

Immer versuchte Randi, witzig und entspannt zu klingen. Kein Wunder, dass andere Verlage sich für die Kolumne interessiert und die Nachdruckrechte gekauft hatten.

Trotzdem kursierten beim Clarion Gerüchte, dass es Ärger gegeben hatte. Es hieß, dass Randi McCafferty und ihr Chefredakteur Bill Withers im Clinch lagen. Striker hatte nicht herausgefunden, warum die zwei sich bekämpften. Noch nicht. Aber es würde nicht mehr lange dauern.

Außerdem hatte Randi unter dem Pseudonym R.J. McKay ein paar Artikel für ein Magazin geschrieben. Und es gab noch das Buch, über das sie nicht sprechen wollte: einen unvollendeten Schlüsselroman über die Rodeowelt. Ja, es ist ziemlich viel los im Leben der Miss McCafferty, dachte Kurt, lehnte sich zurück und starrte auf den Hauseingang. Sie war eine sehr interessante Frau. Aber für ihn völlig außer Reichweite.

Gilt das nicht für alle Frauen?, schoss es ihm durch den Kopf. Seine Gedanken schweiften zurück in die Vergangenheit. In die Zeit, bevor er den Glauben an die Frauen verloren hatte … an die Ehe. An das Leben. Es war eine Zeit, an die er nicht erinnert werden wollte. Nicht jetzt. Niemals wieder.

„Geht es ihm gut?“, fragte Randi über das Handy. Sie hatte feuchte Hände und starb beinahe vor Angst. Sie wusste nicht, wie sie ihre aufsteigende Panik in den Griff bekommen sollte. Kurts Warnungen hatten ihr beinahe den Verstand geraubt.

„Du hast ihn doch erst vor knapp einer Stunde bei mir abgegeben“, wunderte sich Sharon. „Joshua geht es großartig. Ich habe ihn gefüttert, ihm die Windeln gewechselt und ihn schlafen gelegt. Im Moment schlummert er … selig wie ein Baby.“

Randi atmete aus und fuhr sich mit zittrigen Fingern über die Lippen. „Gut.“

„Immer mit der Ruhe. Ich weiß, dass du noch nicht lange Mutter bist. Aber glaub mir, es hilft niemandem, wenn du die Nerven verlierst. Weder dir noch dem Baby. Entspann dich.“

„Danke.“ Randi starrte durch das Fenster auf Strikers Pick-up, der sich nicht von der Stelle gerührt hatte. Der Mann saß am Steuer. Sie bemerkte, dass er sich im Wagen bewegte, konnte aber seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen.

Doch sie spürte, wie er auf ihre Wohnung starrte. „Hör zu“, sagte sie zu Sharon, „ich werde dich morgen besuchen. Wenn es zwischendurch irgendetwas zu besprechen gibt, kannst du mich jederzeit über das Handy erreichen.“

„Mach ich. Und hör auf, dir den Kopf zu zerbrechen.“

Keine Chance, dachte Randi, kaum dass sie aufgelegt hatte. Seit sie ihren Sohn geboren hatte, hatte sie ununterbrochen darüber gegrübelt, wer ihr etwas antun wollte. Sie war sogar noch schlimmer als ihre Halbbrüder, und das wollte etwas heißen.

Thorne war ihr ältester Bruder und immer derjenige, der den Ton angab. Aber vor kurzer Zeit hatte er Nicole geheiratet und sich mit ihr und ihren Zwillingsmädchen häuslich eingerichtet. Unwillkürlich musste Randi lächeln, als sie an Mindy und Molly dachte. Die vierjährigen Mädchen platzten beinahe vor Energie und Tatkraft. Sie sahen sich zum Verwechseln ähnlich, waren aber grundverschieden.

Matt war ein ernster Typ. Früher hatte er Rodeo geritten und eine eigene Ranch in Idaho besessen, bis er sich in Kelly verliebt hatte. Inzwischen war er mit ihr verheiratet.

Dann gab es noch Slade. Der jüngste Bruder war ein Rebell. In seiner Jugend hatte es ihn nicht gekümmert, was seine Familie über ihn dachte und was einmal aus ihm werden sollte. Doch plötzlich hatte er es zu seiner persönlichen Aufgabe erklärt, sich um seine jüngere, unverheiratete Schwester und um deren Sohn zu kümmern.

Vielleicht sollte ich Strikers Hilfe annehmen, dachte Randi plötzlich. Aber sie hatte Angst, dass sie ihr Baby in nur noch größere Gefahr brächte, wenn sie sich Striker oder irgendjemand anderem anvertraute. Andererseits hatte Kurt recht: Wenn er herausfinden konnte, wo sie Joshua versteckt hatte, dann würde es dem Attentäter ebenfalls nicht schwerfallen. Wer auch immer es war. Ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Warum sollte jemand versuchen, ihr unschuldiges Baby zu verletzen? Warum nur?

Randi, es geht nicht um Joshua, beschwichtigte sie sich. Es geht um dich. Jemand will dich tot sehen. Solange dein Sohn nicht in deiner Nähe ist, ist er in Sicherheit.

Krampfhaft klammerte sie sich an diesen Gedanken und nahm sich vor, ihren Alltag wieder in Ordnung zu bringen. Sie kochte sich eine Tasse Kaffee und wählte die Nummer ihrer Redaktion. Der Chefredakteur war nicht im Hause, aber sie hinterließ ihm eine Nachricht auf seiner Mailbox. Anschließend rief sie ihre E-Mails ab, packte dann schnell ihre Sachen aus und zog sich ein sauberes Sweatshirt, eine frische Hose und Stiefel an und schlang sich ein Tuch um den Hals. Sie wusch sich gerade die Hände, als jemand ungeduldig an der Tür klingelte.

Sie musste nicht lange raten, wer sie wohl besuchen wollte. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet ihr, dass derjenige vor einer Stunde und fünf Minuten ihre Wohnung verlassen hatte. Striker. Offenbar hielt der Mann, was er versprach.

Eigentlich hatte sie ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass sie ihn nicht zu sehen wünschte. Irgendwie scheint er es nicht begriffen zu haben, dachte sie grimmig.

„Na, großartig“, murmelte sie, trocknete sich die Hände an einem Handtuch ab und warf es in den Wäschekorb, bevor sie an die Tür ging. Sie brauchte niemanden, der sich an ihren Rockzipfel hängte, sie ständig beobachtete und nichts anderes zu tun hatte, als ihr auf die Nerven zu gehen.

Wütend riss sie die Tür auf.

Vor ihr stand Kurt Striker, einsfünfundachtzig groß, unglaublich männlich und tatkräftig. Sein regennasses Haar klebte ihm förmlich am Kopf.

In seiner alten Lederjacke und der noch älteren Jeans sah er so sexy aus, wie es nur möglich war.

„Warum klingelst du wie verrückt?“, fragte Randi und gab sich keine Mühe, ihren Ärger zu verbergen. „Ich dachte, du hast selbst einen Schlüssel. Oder einen Dietrich oder sonst irgendetwas. Dank meiner Brüder.“

„Sie machen sich nur Sorgen um dich.“

„Sie sollen sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern.“

„Und um dein Kind.“

„Ich weiß.“ Inzwischen war Randi ins Wohnzimmer gegangen. Striker folgte ihr auf dem Fuß. Sie hörte, wie er die Wohnungstür zuschlug, sie abschloss und ihr dann mit lauten Schritten hinterherkam.

„Hör zu, Randi“, begann Kurt, während sie im Schrank nach ihrem Regenmantel suchte. „Wenn ich hier einbrechen kann, dann …“

„Ja, ja, ist schon klar. So schlau bin ich auch.“ Randi schlüpfte in den Regenmantel. „Ich werde die Schlösser auswechseln und einen neuen Sicherheitsbolzen montieren lassen. Okay?“

„Gut. Vergiss nicht, auch eine Alarmanlage zu installieren und dir einen Wachhund anzuschaffen.“

„Hey … denk dran, ich habe ein Baby.“ Randi ging zum Sofa und schnappte sich ihre Tasche. Was fehlte noch? Der Computer. Hastig stopfte sie den Laptop in die Tasche. „Ein Kampfhund, der im Notfall auch angreift … keine besonders gute Idee.“

„Nein, ich hatte nicht an einen Kampfhund gedacht. Sondern an einen Wachhund. Das ist ein großer Unterschied.“

„Wie du meinst. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, ich muss in die Redaktion.“ Randi ahnte, was er gleich sagen würde, und kam ihm zuvor. „Hör mal, es ist keine gute Idee, mich zu begleiten. Ich liege schon länger im Clinch mit meinem Chefredakteur.“ Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern ging schnurstracks zur Tür. „Wenn du mich also bitte entschuldigen würdest …“

Kurt verzog die Lippen zu einem kläglichen Lächeln. „So schnell wirst du mich nicht los.“

„Warum nicht? Liegt es an dem Honorar, das du schon kassiert hast?“ Überrascht musste Randi feststellen, dass allein der Gedanke daran sie störte. Es schnitt ihr förmlich ins Herz, dass er Geld dafür nahm, für ihre Sicherheit zu sorgen. „Das ist doch alles, worum es dir geht, oder? Meine Brüder haben dich dafür bezahlt, dass du mich überwachst. Du sollst … oh, zum Teufel noch mal … du bist mein Bodyguard.“ Randi holte einmal tief Luft. „Richte Thorne, Matt und Slade doch bitte aus, dass sie nicht so verdammt altmodisch sein sollen.“

Am liebsten hätte sie laut aufgelacht, wenn es nicht so traurig gewesen wäre. „Das muss auf der Stelle aufhören. Ich brauche meine Privatsphäre. Ich brauche Zeit für mich. Ich brauche …“

Strikers Hand schnellte nach vorn, schnappte nach ihrem Handgelenk und umschloss es mit hartem Griff. „Was du brauchst“, unterbrach er sie, „das ist ein wenig mehr Bescheidenheit. Wie kann man nur so selbstsüchtig sein?“

Wieder stand er so dicht vor ihr, dass sie seinen Atem auf ihren Wangen spüren konnte. Kurt Striker kochte vor Wut. „Du musst endlich aufhören, so beharrlich auf deine Unabhängigkeit zu pochen. Denk an die Sicherheit deines Kindes. Und an deine eigene.“ Ebenso plötzlich, wie er nach ihrem Handgelenk gegriffen hatte, ließ er es wieder los. „Lass uns gehen. Ich werde dich nicht stören.“

Über die Schulter hinweg warf er ihr ein atemberaubendes Lächeln zu. „Versprochen.“

5. KAPITEL

„Ausgeschlossen, dass du bei mir mitfährst“, warnte Randi, streifte sich die Kapuze über und eilte zu ihrem Jeep. In den frühen Abendstunden hatte der starke Regen nachgelassen, aber es nieselte und war so neblig, dass sie kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Die Wolken hingen schwer am dunklen Himmel.

„Es würde die Sache viel leichter machen“, widersprach Striker.

Offenbar hatte er wieder einmal nicht begriffen, was Randi ihm zu verstehen geben wollte. Denn er schlug seinen Mantelkragen hoch und eilte mit ihr zusammen zu ihrem Wagen.

„Für wen?“ Randi warf ihm einen fragenden Blick zu und klickte auf die Fernbedienung ihres Autoschlüssels. Es piepste, und sofort ging im Jeep die Innenbeleuchtung an.

„Für uns beide.“

„Das glaube ich kaum.“ Randi stieg in ihren Wagen und schloss die Türen. Striker rührte sich nicht von der Stelle, sondern blieb erwartungsvoll neben dem Jeep stehen.

Sie ließ den Motor an und ließ Striker draußen im Regen stehen, während sie den Wagen aus der Parklücke manövrierte und losfuhr. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte ihr, wie er zu seinem Truck rannte. Kurz darauf fädelte sie sich in den Verkehr Richtung Innenstadt ein, ohne im Geringsten daran zu zweifeln, dass Striker ihr auf den Fersen war.

Sie mahnte sich, auf den Verkehr zu achten. Auf keinen Fall durfte sie es sich erlauben, ihre Gedanken ständig zu Striker schweifen zu lassen. Auch dann nicht, wenn sie sich gestern Abend reichlich dumm benommen hatte.

Randi hatte zugelassen, dass er sie küsste. Sie hatte es zugelassen, dass er ihr das Nachthemd von den Schultern streifte, hatte seine Lippen heiß und verlangend auf ihrem Körper gespürt, in der Halsgrube und an der Schulter.

Natürlich hätte sie es niemals erlauben dürfen. Sie wusste genau, dass es ein Fehler war. Aber ihr Körper hatte sie verraten, und als Striker mit seinen rauen Fingerspitzen über ihre Brüste fuhr und seine unrasierten Wangen ihre Haut liebkosten, hatte sie alle Vorsicht in den Wind schießen lassen und ihn leidenschaftlich geküsst.

Randi war überrascht gewesen, wie sehr sie plötzlich nach ihm verlangt, wie leidenschaftlich sie seinen Kuss erwidert hatte. Sie hatte versucht, ihm die Kleider vom Leib zu reißen, hatte seine sehnigen Schultern gestreichelt und die feinen Löckchen auf seiner Brust.

Die letzte Glut im Kamin hatte das Zimmer in ein warmes Orange getaucht. Randis Atem ging stoßweise, ihr Herz klopfte wie wild, und sie spürte, wie Verlangen ihren Körper zum Pulsieren brachte.

Verzweifelt sehnte sie sich danach, dass Striker sie anfasste, sie überall berührte. Sie bebte vor Begierde, als er mit seinen Lippen über ihre Knospen fuhr und sein heißer Atem zärtlich über ihren Bauch und ihre Schenkel strich.

Sie schien keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können … sie wollte nur noch ihn. Oh, sie verlangte stärker nach ihm, als sie je nach einem Mann verlangt hatte.

Was reichlich dumm gewesen war … aber als Strikers Küsse immer leidenschaftlicher und intimer geworden waren, als er sie mit seinem ganzen Körper liebkost hatte, hatte sie völlig die Beherrschung verloren. Sie musste sich eingestehen, dass sie sich überhaupt nicht mehr unter Kontrolle hatte. Dabei hatte sie jahrelang hart daran gearbeitet, sich niemals gehenzulassen.

Randi verpasste beinahe die Ausfahrt, während sie über Striker und den Zauber der letzten Nacht nachdachte. Am nächsten Morgen war sie überstürzt abgereist, noch bevor der Tag richtig begonnen hatte. Als ob sie sich schämte.

Sie lenkte den Wagen vom Highway und fuhr die steilen Straßen zur Bucht hinunter. Auf dem Parkplatz des Verlagsgebäudes stellte sie den Motor aus und griff nach ihrer Tasche. Sie war bereit, wieder in das Leben einzusteigen, das sie vor vielen Monaten aufgegeben hatte.

Die Redaktionsräume des Seattle Clarion lagen im vierten Stock des hundertjährigen, frisch renovierten Backsteingebäudes. Die Empfangssekretärin Shawn-Tay verlor beinahe die Fassung, als Randi hereinkam.

„Du liebe Zeit, du bist es wirklich!“, rief sie, sprang auf und schloss Randi in die Arme, als wollte sie sie nie wieder loslassen.

„Was zum Teufel ist eigentlich in dich gefahren? Warum hast du nie angerufen?“, empörte sich Shawn-Tay. „Ich war krank vor Sorge, nachdem ich von deinem Unfall gehört hatte. Und wie geht es dem Baby?“ Sie runzelte die Stirn, als das Telefon klingelte. „Oh, wie ärgerlich. Ich muss leider rangehen. Aber du kommst gleich zurück und erzählst mir alles, was inzwischen passiert ist!“ Sie hastete wieder an ihren Arbeitsplatz zurück. „Seattle Clarion, mit wem darf ich Sie verbinden?“

Randi ging am Tresen vorbei in die Redaktion. Ihr Schreibtisch war an einen neuen Platz geschoben worden. Er stand jetzt in einer Ecke der Nachrichtenredaktion hinter einer Glaswand.

Ein paar Kollegen schienen noch unter Hochdruck zu arbeiten, obwohl der Großteil der Redaktion schon Feierabend gemacht hatte. Alles in allem war es in der Redaktion recht ruhig.

Randi setzte sich an ihren Schreibtisch und wunderte sich, dass sie ihn genauso vorfand, wie sie ihn verlassen hatte. Offenbar hatte niemand außer ihr an ihrem Platz gesessen. Dabei lag es mehrere Monate zurück, dass sie sich in Seattle aufgehalten hatte und in der Redaktion gewesen war.

Im vergangenen Sommer hatte Randi mit dem Chefredakteur vereinbart, nach der Geburt einen kurzen Mutterschaftsurlaub zu nehmen. Schon im Voraus hatte sie viele Texte für die Kolumne geschrieben, weil ihr klar war, dass sie ein paar Monate nur mit ihrem Baby verbringen wollte. Außerdem hatte sie ihr Buch zu Ende schreiben wollen.

Trotzdem wurde es langsam Zeit, sich neuen Leserfragen zu widmen. Die nächsten Stunden verbrachte Randi damit, die E-Mails zu lesen, die sich im Lauf der letzten Monate angesammelt hatten.

Zwischendurch fragte sie sich, ob Kurt Striker ihr wohl gefolgt war. Ob er in diesem Augenblick etwa mit Shawn-Tay am Empfang plauderte? Nein, Striker war nicht der Typ für eine harmlose Plauderei. Überhaupt nicht. Er hatte keine Ahnung, wie man so etwas anstellte.

Meistens hielt er die Lippen fest verschlossen. Er mochte noch so sexy sein, aber über seine Vergangenheit verlor er kein Wort. Randi vermutete, dass er irgendwann einmal bei der Polizei gearbeitet hatte. Doch sie wusste nicht, warum er den Dienst quittiert hatte. Natürlich konnte sie es herausfinden. Es hatte schließlich Vorteile, bei einer Zeitung zu arbeiten.

„Hey, Randi!“ Sarah Peeples arbeitete als Kino-Expertin beim Clarion. Sie war eine große Frau mit üppiger Figur, wilden blonden Locken, einer Vorliebe für teure Stiefel und billigen Schmuck. Viele Stunden ihres Lebens verbrachte sie damit, sich Filme anzusehen – im Kino, auf DVD oder auf Video. Sie lebte für das Kino, für die Filmstars und für alles, was mit Hollywood zu tun hatte.

Heute trug Sarah einen engen Reif um den Hals, der aussah, als wäre er eigentlich für einen Rottweiler hergestellt worden. Ihre Stiefel waren vorne betont spitz, die Absätze silbern gefärbt. Der graue Pullover war tief ausgeschnitten und der schwarze Rock vorn hoch geschlitzt, sodass sie viel Bein zeigte.

„Ich hatte schon befürchtet, dich nie wiederzusehen!“

„Eine Frau wie ich lässt sich nicht unterkriegen“, gab Randi im gleichen witzigen Tonfall zurück.

„Dein Wort in Gottes Ohr. Wo um alles in der Welt hast du gesteckt?“

„In Montana. Bei meinen Brüdern.“

„Du hast eine neue Frisur. Steht dir aber gut. Kurz und frech.“ Sarah nickte bekräftigend. „Du siehst großartig aus. Wie geht es dem Baby?“

„Sehr gut“, erwiderte Randi ausweichend. Je weniger sie über Joshua sprach, desto besser. „Wie läuft es hier?“

Sarah verdrehte die Augen und lehnte sich an Randis Schreibtisch. „Alles beim Alten. Ich habe mich in die Arbeit gestürzt … na ja, wenn man es so nennen will. Ich schaue mir tausend Filme an. Sämtliche Filme, die jemals für den Oscar nominiert waren.“

„Klingt so, als müsstest du ziemlich erschöpft sein“, bemerkte Randi spöttisch.

„Okay, ich weiß, es ist nicht unbedingt schweißtreibend. Aber Arbeit ist es trotzdem.“ Eine Weile plauderte Sarah über alles, was sich hinter den Kulissen abgespielt hatte, über die Machenschaften der Redaktionsleitung und den Klatsch und Tratsch im Büro. Umgekehrt brannte sie darauf, alles zu erfahren, was Randi in Montana erlebt hatte, bei ihrem Unfall angefangen. „Paterno ist wieder in der Stadt“, schloss sie nach einer Weile.

Randi spürte, wie ihr Rücken sich versteifte. „Ach, wirklich?“ Der Mann war fünfundvierzig Jahre alt, zweimal geschieden, hatte dichtes, an den Schläfen interessant ergrautes Haar und einen Sinn für schwarzen Humor. Er arbeitete als freiberuflicher Fotograf. Vor ein paar Jahren hatten sie eine kurze Affäre gehabt.

Es gab viele Gründe, weshalb sie nicht länger zusammengeblieben waren. Damals hatte es hauptsächlich daran gelegen, dass weder sie noch er sich festlegen wollten. Außerdem waren sie nicht ineinander verliebt.

„Er hat sich nach dir erkundigt.“ Sarah legte den Briefbeschwerer wieder auf den Schreibtisch, mit dem sie herumgespielt hatte. „Falls du noch allein bist, solltest du ihm vielleicht eine zweite Chance geben. Du verstehst.“

Randi schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube, das sollte ich nicht.“

„Hast du etwas vor ihm zu verbergen?“

„Was sollte ich vor ihm zu verbergen haben?“, fragte Randi zurück. Aufmerksam ließ sie den Blick über das Gesicht ihrer Freundin schweifen. „Ach … ich verstehe.“ Seufzend schüttelte sie den Kopf. Niemand wusste, wer der Vater ihres Kindes war. Noch nicht einmal er selbst. Aber bevor Randi noch etwas sagen konnte, klingelte das Handy ihrer Freundin.

„Uups. Die Pflicht ruft.“ Sarah schaute auf das Display. „Neue Filme sind angekommen. Rate mal, was ich dieses Wochenende vorhabe … Du kannst gern vorbeikommen, falls du nichts Besseres zu tun hast“, bot sie Randy an, bevor sie lächelnd davoneilte.

„Ja, vielen Dank. Aber ich habe alle Hände voll zu tun“, rief Randi ihr nach.

Wie praktisch, dachte sie gleich darauf, dass ich wirklich alle Hände voll zu tun habe. Sie hatte eine Menge dringender Aufgaben vor sich. Die dringendste war, sich zu überlegen, was sie mit Kurt Striker anstellen sollte.

„Stimmt. Sie sind alle drei in Seattle“, erklärte Eric Brown. „Okay, Clanton wohnt hier, aber Paterno ist vor drei Tagen gekommen, Donahue gestern.“

Also nur wenige Stunden, bevor Randi ebenfalls zurückgekehrt war. Striker verzog das Gesicht, während er sich vor dem Redaktionsgebäude das Handy ans Ohr hielt. „Zufall?“, murmelte er. Natürlich glaubte er keine Sekunde daran.

Eric Brown am anderen Ende lachte bitter. „Wer’s glaubt …“

„Wird selig“, ergänzte Striker. „Paterno ist vermutlich beruflich hier. Aber Donahue …“ Er biss die Zähne zusammen. „Kannst du dich auf seine Fährte setzen?“

„Nicht wenn du darauf bestehst, dass ich Randis Wohnung im Auge behalte.“

Verdammt, fluchte Striker lautlos, ich habe nicht genügend Leute für die Beschattung. „Fürs Erste solltest du bleiben, wo du bist. Sag mir sofort Bescheid, wenn dir irgendwas komisch vorkommt. Schon beim geringsten Verdacht.“

„Verstanden. Aber was ist mit den beiden anderen Kerlen? Paterno und Clanton?“

„Versuch herauszufinden, was sie vorhaben. Denk dran, dass Donahue mir am wichtigsten ist. Wir können uns später weiterunterhalten.“ Striker beendete das Gespräch.

Er war wütend auf sich und die Welt, als er sein Handy zuklappte. Alle drei Männer, mit denen Randi zu tun gehabt hatte, hielten sich in der Stadt auf. Na, großartig … einfach großartig. Ihm war kalt, er zog die Schultern hoch und spürte, wie Eifersucht in ihm aufkeimte.

Eifersucht und Neid gehörten zu den Gefühlen, die Striker verhasst waren. Es waren dumme Gefühle, die er nach Möglichkeit immer vermieden hatte. Sogar in der Zeit seiner Ehe. Aber vielleicht war genau das sein Problem. Vielleicht hätte er in den ersten Jahren seiner Ehe ein bisschen leidenschaftlicher sein sollen. Oder ein bisschen eifersüchtiger. Warum hatte er sich nicht mehr um seine Frau gekümmert?

Ich hätte ihr zeigen sollen, wie sehr sie mir am Herzen liegt, dachte Kurt, vielleicht wäre dann alles anders gekommen. Ach was. Als ob er nicht wüsste, dass an der Vergangenheit nichts mehr zu ändern war. Auch nicht an dem Unfall. Das war das Wort, das sie dafür immer zu benutzen pflegten. Nach dem Unfall war nichts mehr so gewesen wie früher. Der Unfall hatte ihm beinahe das Herz zerrissen. Es war wie eine tiefe Wunde in der Seele, die niemals heilen würde.

Aber dann gestern Abend, die Sache mit Randi … Kurt Striker hatte sie berührt. Er hatte sie geküsst. Hatte gespürt, wie sie sich mit ihrem warmen Körper an ihn schmiegte, und danach war für ihn alles anders. Du solltest nicht mehr daraus machen, als es tatsächlich ist, mahnte er sich, ja, du hast mit ihr geschlafen. Na und? Vielleicht kam ihm die letzte Nacht nur deshalb so wichtig vor, weil es so lange her war, dass er Sex gehabt hatte.

Was auch immer der Grund war, er konnte die Erinnerung an den Abend einfach nicht abschütteln. Er konnte nicht vergessen, wie gut und richtig es sich angefühlt hatte …

Obwohl es durch und durch falsch gewesen war.

Um das Bild von Randi loszuwerden, die nackt vor dem Kamin lag und ihn aus ihren warmen Augen anschaute, zog er sich einen Kaffee aus dem Automaten. Aufmerksam beobachtete er den Eingang zur Redaktion.

Autos, Lieferwagen und Trucks mit teilweise beschlagenen Windschutzscheiben fuhren durch die engen Straßen in diesem alten Teil der Stadt. Striker ließ den Blick über den Eingang eines nahe gelegenen Hotels schweifen, trank seinen Kaffee aus und merkte, wie die Wut wieder in ihm aufkeimte, als er an die Männer in Randi McCaffertys Leben dachte. Oder jedenfalls an den einen, der mit ihr im Bett gewesen war und ihr ein Kind gemacht hatte …

Paterno. Clanton. Donahue. Verdammte Kerle, alle drei.

Doch langsam kam er der Sache näher. Kurt Striker hatte die Männer, mit denen Randi zu tun gehabt hatte, mehrmals überprüft. Es war unwahrscheinlich, dass Joe Paterno das Kind gezeugt hatte. Auch zeitlich passte es nicht.

Zu dem Zeitpunkt, als das Kind gezeugt worden war, hatte Paterno sich in Afghanistan aufgehalten. Es hatte Gerüchte gegeben, dass er für ein Wochenende in der Stadt gewesen sei. Aber nachdem Kurt ein paarmal mit Paternos geschwätziger Vermieterin telefoniert hatte, musste er diese Möglichkeit ausschließen. Es sei denn, der Mann hatte sich das ganze Wochenende über nicht in seinem Apartment blicken lassen und ein heimliches Liebeswochenende mit Randi verbracht. Und weil Randi sich beinahe den ganzen Monat außerhalb der Stadt aufgehalten hatte, schied Joe eigentlich aus.

Blieben noch Brodie Clanton, der aalglatte Anwalt, und Sam Donahue, der verwegene Cowboy. Donahue genoss einen Ruf, der so schmutzig war wie sein Hut. Wieder keimte die Eifersucht in Kurt auf. Clanton war ein Schleimer, ein reicher Anwalt, dem die Frauen hinterherliefen. Er war nicht verheiratet, benahm sich wie der geborene Junggeselle, der sich ständig in der Nähe irgendwelcher Berühmtheiten zeigen musste, sobald sie in der Stadt eintrafen. Der Mann spekulierte an der Börse, fuhr teure Autos und umgab sich gern mit jungen Frauen. Kurz, er benahm sich in Strikers Augen wie der letzte Mistkerl.

In der Zeit, in der Joshua gezeugt worden war, hatte der Anwalt sich in der Stadt aufgehalten. Aber Striker hatte nur ein wenig in Kreditkartenabrechnungen herumschnüffeln müssen, um herauszufinden, dass Randi in jener Zeit nur selten in Seattle gewesen war.

Natürlich war sie nie bis nach Afghanistan gereist. Aber sie war einer Story über die professionellen Rodeos auf der Spur gewesen. Dort kannte man Sam Donahue. Er war der Mann, der die wildesten Broncos zuritt und den Frauen reihenweise das Herz brach …

Am ehesten würde Striker wetten, dass Sam Donahue der Daddy des Kindes war. Donahue war zweimal verheiratet gewesen, hatte beide Frauen betrogen. Seine erste Ehefrau, die er wegen einer Jüngeren verlassen hatte, stammte aus Grand Hope – aus der kleinen Stadt, in der auch Randi aufgewachsen war. Und jetzt war Sam Donahue rein zufällig in Seattle aufgetaucht. Nur einen Tag vor Randi.

Striker presste die Lippen zusammen.

Er sah nur einen Weg, herauszufinden, wer Joshuas Vater war: einen DNA-Test. Es sei denn, er konnte Randi dazu zwingen, ihr Geheimnis preiszugeben. Unwillkürlich dachte er an ihren Mund, der auch dann noch verführerisch war, wenn Randi vor Wut beinahe platzte. Dann verzog sie die Lippen zu einem Schmollmund, den Striker unglaublich sexy fand. Was vollkommen verrückt war.

Nein, auf keinen Fall durfte er seine Gedanken abschweifen lassen. Es spielte keine Rolle, wie attraktiv Randi McCafferty war. Es war seine Aufgabe, sie zu beschützen. Und nicht, sie zu verführen.

Kurt Striker fluchte lautlos. Es war unglaublich, welche Erregung schon der bloße Gedanke an Randi auslöste. Außerdem war jetzt der falsche Zeitpunkt für seine lächerlichen Fantasien. Er hatte einen Job zu erledigen. Am besten kümmerte er sich sofort darum.

Bevor es wieder einen unerklärlichen Unfall gab.

6. KAPITEL

Randi stieß die gläserne Drehtür auf und entdeckte Kurt genau dort, wo sie es erwartet hatte. Er stand auf der Straße und sah so sexy und verwegen aus wie immer. Und er tat so, als sei es die natürlichste Sache der Welt, mitten im Regen auf sie zu warten.

Bei seinem Anblick ging Randis Puls schneller.

Autor

Marie Ferrarella

Marie Ferrarella zählt zu produktivsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Jahr 1981. Bisher hat sie bereits 300 Liebesromane verfasst, viele davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Auch unter den Pseudonymen Marie Nicole, Marie Charles sowie Marie Michael erschienen Werke von Marie Ferrarella. Zu den zahlreichen Preisen, die...

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