Bianca Herzensbrecher Band 9

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ERST NANNY, DANN NEUE LIEBE?
von MICHELLE MAJOR

Jake Travers liebt seine Unabhängigkeit über alles. Als frischgebackener Single-Dad muss er allerdings über seinen Schatten springen und Millie als Nanny engagieren. Natürlich nur seiner süßen Tochter zuliebe. Nicht weil er sich spontan zu Millie hingezogen fühlt - oder doch?

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  • Erscheinungstag 24.08.2021
  • Bandnummer 9
  • ISBN / Artikelnummer 9783751502078
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Michelle Major, Judy Christenberry, Michelle Celmer,

BIANCA HERZENSBRECHER BAND 9

1. KAPITEL

Millie Spencer holte tief Luft, wischte einige Chipskrümel von ihrem leichten Sommerkleid und klopfte an die Tür.

Während sie wartete, betrachtete sie die breite Veranda aus Holz, die um das gesamte Haus verlief. Bis auf ein zartes Spinnennetz in der Ecke war sie vollkommen leer. Dabei rief dieser Platz förmlich nach einer hübschen, altmodischen Hollywoodschaukel, auf der man laue Sommerabende genießen und Limonade trinken konnte, während die Welt da draußen ihrem eigenen Rhythmus folgte.

Als kleines Mädchen hatte Millie von einem Ort wie diesem geträumt. Aber in der winzigen Wohnung, die sie mit ihrer Mutter teilte, war selbst für ihre Träume kaum Platz genug gewesen.

Als noch immer niemand antwortete, trommelte Millie energisch mit den Fingerknöcheln an die Tür. Das Haus befand sich am Rande der kleinen Stadt Crimson, einem idyllischen Fleckchen Erde in Colorado auf knapp zweieinhalbtausend Höhenmetern inmitten der majestätischen Rocky Mountains.

Es lag gar nicht einmal so weit entfernt von dem hübschen, frisch renovierten viktorianischen Haus in der Nähe des Stadtzentrums, das ihre Halbschwester Olivia bewohnte.

Millie hatte es Olivia zu verdanken, jetzt hier zu sein. Oder tat sie ihr umgekehrt einen Gefallen damit?

Vor wenigen Tagen hatte Millie vor Olivias Tür gestanden – sowohl nervlich als auch finanziell ziemlich am Ende. Glücklicherweise hatten weder Olivia noch ihr Mann Logan viele Fragen gestellt, sondern Millie ohne Weiteres das Gästezimmer angeboten. Und das, obwohl sich Millie und Olivia im Grunde kaum kannten. Sie hatten denselben Vater, waren jedoch völlig unterschiedlich aufgewachsen. Ein Umstand, der anfangs für Schwierigkeiten gesorgt hatte, da beide Frauen das Gefühl gehabt hatten, mit der Liebe ihres Vaters zu kurz gekommen zu sein.

Und zu ihrer Scham musste Millie gestehen, dass sie seitdem nicht viel mehr getan hatte, als auf Olivias Couch zu sitzen, Junkfood zu essen und schlechte TV-Serien anzusehen.

Bis Olivia ihr vorgeschlagen hatte, sich bei Logans Bruder um den Job als Nanny zu bewerben. Sie hatte Millie erzählt, dass Jake vor Kurzem bei einem Unfall verletzt worden war und seitdem nicht mehr Auto fahren konnte, sodass er auf Hilfe angewiesen war.

Demnach musste Jake zu Hause sein. Oder er hatte das schöne Wetter an diesem Augusttag genutzt und war in den Park gegangen, den Millie auf dem Weg hierher bemerkt hatte.

In dem Augenblick, in dem Millie sich zum Gehen wenden wollte, wurde die Tür einen Spalt breit geöffnet. Das goldene Nachmittagslicht fiel auf das Gesicht eines Mannes mit strahlend blauen Augen. Die gleichen blauen Augen wie Logans.

Allerdings musterte er Millie ziemlich kritisch. „Wir möchten nichts“, sagte er von oben herab. Er war viel größer als Millie, doch von seinem Körper war nichts zu sehen, weil er die Tür unnachgiebig geschlossen hielt.

„Was möchten Sie nicht?“ Millie stellte sich unwillkürlich auf die Zehenspitzen, um einen Blick über seine Schulter zu werfen. Am Ende siegte immer ihre Neugier.

„Kein Popcorn, keine Kekse oder was auch immer ihr verkaufen wollt“, sagte er schnell. Sein Blick streifte über Millies Schulter. „Wo sind deine Eltern?“

Millie blieb buchstäblich der Mund offen stehen. Entschlossen richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf. Stolze hundertachtundfünfzig Zentimeter. Hundertsechzig sogar, wenn sie Schuhe trug. „Ich bin kein …“, begann sie empört, doch es war umsonst. Der Mann fluchte leise, drehte sich um und verschwand im Haus.

Millie starrte die Tür an. Er hatte sie nicht hinter sich verschlossen; daher stieß sie mit der Schuhspitze dagegen. Das Licht fiel in einen hellen Flur. „Hallo?“, rief sie, und ihre Stimme hallte leise von den kahlen Wänden.

Von Olivia wusste Millie, dass Logans Bruder erst kürzlich nach Crimson zurückgekehrt war. Bestimmt hatte er schon neue Möbelstücke bestellt. Insgeheim hoffte sie, dass vielleicht eine Hollywoodschaukel darunter war.

Plötzlich drang Lärm aus dem hinteren Teil des Hauses. Ein Poltern war zu hören, dann noch mehr Fluchen und das Weinen eines Kindes. Zunächst zögerte sie. Unwillkürlich suchte sie in ihrer Tasche nach dem Handy, um Olivia anzurufen. Doch dann wurde das Weinen lauter, gefolgt von einem erstickten Nein!

Millie konnte sich nicht länger zurückhalten. Mit schnellen Schritten durchquerte sie den Flur und betrat den Raum am Ende des Ganges.

Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um eine geräumige, helle Küche.

Eine Küche, in die ganz offensichtlich der Blitz eingeschlagen hatte.

Bei dem Anblick blieb Millie im Türrahmen stehen.

Der Raum ging in ein Wohnzimmer über, das mit seinen großen Fenstern und dem Blick in den Garten durchaus einladend aussah.

Bis auf die Tatsache, dass Millie nicht wusste, wohin sie die Füße setzen sollte. Auf dem Fußboden waren Puppen, Plüschtiere und ein Allerlei aus pinkfarbenem Plastikspielzeug verstreut. Es sah aus, als sei ein Spielzeugladen explodiert.

Hatte Jake Travers wirklich nur ein Kind? Oder einen ganzen Stall voll?

Millies Blick wanderte zur offenen Wohnküche zurück. Zwei hohe Barhocker standen ordentlich neben der Anrichte. Allerdings waren sie das einzig Ordentliche an der Küche. Über die Anrichte waren aufgerissene Cornflakes-Packungen, angebrochene Milch- und Safttüten und zwei umgekippte Frühstücksschälchen verteilt, deren Inhalt auch schon auf dem Fußboden verteilt war.

Die durchweichten Weizenflocken schwammen in einer hellbraunen Lache, die wie eine Mischung aus Schokomilch und Traubensaft aussah.

Und rechts neben der Anrichte stand Jake Travers. Er hatte Millie den Rücken zugekehrt, sodass sie seine breiten Schultern und die schmalen Hüften sehen konnte.

Er trug ein graues T-Shirt, das seinem muskulösen Körper schmeichelte, und dazu dunkle Basketballshorts, die knapp über dem Knie endeten und den Blick auf die Schiene freigaben, die er am rechten Bein trug.

Darüber trug er ein violettes Tutu.

Millie grinste. Deswegen hatte er die Tür nur einen Spalt geöffnet.

Dann bemerkte sie das plüschige Ding, das er in der ausgestreckten Hand hielt. Bei genauerem Hinsehen entpuppte es sich als Hase, aus dessen nassem Fell noch mehr Traubensaftschokomischung tropfte.

Zu Jakes Füßen hüpfte ein weinendes kleines Mädchen auf und ab und versuchte verzweifelt, nach dem Plüschtier zu greifen. Ein aussichtsloses Unterfangen. Millie vermutete, dass Jake mindestens eins achtzig maß.

Er war jedenfalls nicht das, was sie erwartet hatte. Nach Olivias Schilderung hatte sie mit einem invaliden Rollstuhlfahrer gerechnet – nicht mit einem durchtrainierten, hünenhaften Athleten.

Millie wich einen Schritt zurück. Doch bevor sie sich davonschleichen konnte, sah das Mädchen sie an. Sie hatte die strahlend blauen Augen ihres Vaters, so groß und leuchtend, dass sie in ihrem kleinen herzförmigen Gesicht beinahe unwirklich aussahen. Ihr Haar war dicht und glänzend und eine Nuance dunkler als Jakes, allerdings musste es mal kräftig gebürstet werden. Sie trug ein pinkfarbenes Trikot mit dazu passendem Tutu. Das perfekte Outfit für eine kleine Ballerina, das nun allerdings mit Traubensaftflecken verschmutzt war.

Millie spürte sofort eine Verbindung zu dem Mädchen.

Die Kleine hörte auf zu weinen und verfiel in einen erschöpften Schluckauf. Dann zeigte sie mit dem Finger auf Millie. „Da! Eine Fee!“

Jake Travers seufzte. Es war ihm vollkommen gleich, ob eine wahrhaftige Fee oder ein Geist ins Haus geschwebt war, solange Brooke nur aufhörte zu weinen.

Sein Blick fiel auf die Küchentür. Doch da stand keine Fee, sondern das Mädchen, das er eben noch von der Veranda verscheucht hatte.

Nur dass es sich dabei nicht um ein Mädchen handelte. Sie war eine Frau. Eine kleine, zierliche Frau mit der Statur einer Elfe, aber immerhin eine Frau. Das Licht, das auf ihr geblümtes Sommerkleid fiel und ihre sanften Kurven betonte, ließ daran keinen Zweifel.

„Ich bin Millie“, erklärte sie rasch. „Millie Spencer. Olivias Schwester. Sie und Logan haben mich geschickt.“ Sie strich sich eine Strähne ihres kinnlangen, karamellfarbenen Haars hinter das Ohr. Bei dieser Geste klingelten fröhlich die unzähligen Armreifen, die sie um das schmale Handgelenk trug.

Brooke entfuhr ein ersticktes kleines Geräusch. „Daddy! Sie glitzert!“

Jake ließ den tropfenden Hasen sinken und kniff die Augen zusammen. Millies Haut schien in diesem Licht wirklich zu schimmern.

Sie sah auf ihre blanken Arme und begann zu lachen. Es war ein fröhliches, glockenhelles Geräusch, genau wie ihre Armbänder. „Das ist meine Lotion“, sagte sie freundlich. „Sieht so aus, als hätte ich die mit Glitzer erwischt.“

Brookes Gesicht hellte sich auf. „Ich will auch Glitzer.“ Ihre Stimme hatte einen verträumten Klang angenommen.

„Logan hat dich geschickt?“ Jake verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte die Schiene am rechten Handgelenk zu verbergen. Glitzer war nun wirklich das Letzte, das er in diesem Chaos noch brauchte.

Er bemerkte, wie Millie ihre kecke kleine Nase kraus zog. „Ich dachte, Logan hätte mit dir darüber gesprochen. Er sagte, dass du Hilfe brauchst, wegen …“ Sie bewegte die Hand auf und ab, als wolle sie mit der Geste seinen Körper beschreiben. Wieder dieses fröhliche Klingeln.

Jake straffte sich. Er hasste es, dass seine Verletzungen sein gewohntes Leben beeinträchtigten. Jetzt erinnerte er sich vage daran, wie Logan gestern Abend angerufen hatte, um ihm einen Vorschlag zu machen. Er hatte davon geredet, einen Babysitter für Brooke zu finden und jemanden, der Jake zu seinen Therapiestunden chauffieren würde.

Allerdings hatte Jake nur mit halbem Ohr zugehört, weil die Tiefkühlpizza im Ofen verdächtig verbrannt roch und Brooke einen Stapel Teller gefährlich schräg balancierte.

Sein Bruder hatte es sicher gut gemeint, aber Jake wollte keine Hilfe. Zumindest wollte er auf niemanden angewiesen sein. Und schon gar nicht auf jemanden, der wie Tinker Bell aussah. „Wir schaffen das schon“, entgegnete er knapp.

Ihr Blick streifte durch den Raum, bevor er an dem Tutu um seine Hüfte hängen blieb. „Ganz sicher?“

„Wir haben getanzt“, murmelte er ärgerlich und streifte das Röckchen ab. Dann deutete er mit dem Kinn in Richtung Tür.

Natürlich brauchte er niemanden. Er war sein ganzes Leben lang auf keine Hilfe angewiesen gewesen. Und so sollte es auch bleiben.

„Ich will Glitzer“, beharrte Brooke.

Jake legte die Hand auf Brookes Kopf. „Heute nicht, Schätzchen.“ Da blieben seine Finger an etwas haften. Es fühlte sich an wie ein Klumpen Kaugummi. „Auch das noch.“ Der Gedanke, sich mit langen, verklebten Mädchenhaaren zu befassen, machte ihm Angst.

Na schön. Vielleicht musste er am Ende doch nachgeben.

Doch als er zu der Stelle sah, wo Millie eben noch gestanden hatte, war sie verschwunden.

Verdammt. Mit dem gesunden Arm hob er Brooke hoch und drückte sie an seine Brust. Mittlerweile spielte es ohnehin keine Rolle mehr, dass auch sein Shirt fleckig wurde. „Na los. Suchen wir unsere gute Fee.“

Dafür wurde er mit Brookes strahlendem Lächeln belohnt.

Millie blieb nicht stehen, als sie Jake rufen hörte.

Auch wenn Olivia der Meinung war, dass dieser Mann sie brauchte, hatte Millie nicht vor, sich aufzudrängen. Sie spürte sehr genau, wann sie nicht erwünscht war.

Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Sonnenstrahlen in ihrem Gesicht und die frische Bergluft, die ihr schon bei ihrem ersten Besuch in Crimson so gut gefallen hatte.

Doch dann hörte sie die Stimme des kleinen Mädchens und machte den Fehler, sich umzudrehen. Sie sah Jake, der die Kleine auf dem Arm trug und versuchte, so schnell wie möglich die Verandatreppe hinabzusteigen, indem er das gesamte Gewicht auf das gesunde Bein verlagerte.

„Willst du wirklich, dass ich dir in diesem Zustand hinterherrenne?“, fragte er atemlos, als er ihren Blick auffing.

„Ich dachte, ihr schafft das schon“, bemerkte sie spitz. Trotzdem ging sie ihm entgegen.

Jake betrat die Rasenfläche. „Ich bin es gewohnt, mich um mich selbst zu kümmern. Es fällt mir nicht leicht, Hilfe anzunehmen.“

„Jeder Mensch braucht von Zeit zu Zeit Hilfe.“

Er presste die Lippen zusammen. „Ich nicht.“

In diesem Augenblick hatte Millie Mitgefühl. Sie ahnte, wie sich sein Leben gerade anfühlte. Jetzt hätte sie die üblichen Phrasen über Menschlichkeit und Hilfebedürfnis anwenden können, aber die verkniff sie sich. Immerhin hatte sie sich lange genug allein durchgeschlagen, um zu wissen, wie schwer es war, sich auf jemanden zu verlassen.

Da begann Brooke zu zappeln. Jake ließ sie herunter, und ihr Ellenbogen traf sein verletztes Handgelenk. Er verzog schmerzhaft das Gesicht, ließ sich aber nichts weiter anmerken.

Brooke schlang die Arme um sein Bein und betrachtete Millie aus dieser sicheren Position heraus.

Es war ein seltsames Bild. Jake stand auf dem Rasen und blickte etwas hilflos auf das Kind, als würde er sich wundern, wie er so plötzlich zu einer Tochter gekommen war.

Millie räusperte sich.

Er sah auf. „Entschuldigung. Vater zu sein … Ist für mich noch ziemlich neu.“

Millie kniete sich auf den Rasen, um mit Brooke auf Augenhöhe zu sein. „Wie alt bist du, Brooke?“

Auf einmal war das Mädchen schüchtern. Anstatt eine Antwort zu geben, betrachtete sie ihren Plüschhasen und hielt vier Finger in die Höhe.

Jake seufzte. „Was haben Logan und Olivia über mich gesagt?“

„Nicht viel“, gab Millie zu. „Nur, dass du als Chirurg arbeitest und um die ganze Welt geflogen bist, bis du bei einem Erdbeben verletzt wurdest. Wenn ich mich richtig erinnere, war es auf einer Insel bei Haiti. Und dass du ein Kindermädchen brauchst, bis du wieder gesund bist.“

Seine Mundwinkel hoben sich im Anflug eines Lächelns. „Das ist die Kurzversion der Geschichte.“

„Hab’ ich mir gedacht.“ Millie richtete sich auf. „Hey Kleines, sollen wir deinen Hasen baden? So kann er doch nicht herumlaufen.“

Brooke hob den Blick. „Mit Seifenblasen?“

„Natürlich! Und dann darfst du zusehen, wie er trocken gewirbelt wird.“

Sie streckte die Hand aus. Zu ihrem großen Erstaunen schob Brooke ihre kleinen Finger in Millies Hand. „Na gut.“

„Fein. Zeigst du mir das Badezimmer?“ Millie kam Jake so nahe, dass sie die Mischung aus Traubensaft und Waschmittel riechen konnte, die von seinem T-Shirt ausging. „Ich würde gern die lange Version hören“, sagte sie leise.

Er nickte. Sein durchdringender Blick sandte einen Schauer über ihren Rücken. „Ich ziehe mich um, und anschließend können wir reden. Aber nicht vor Brooke.“

Er bedeutete Millie, ins Haus zu gehen, doch dann hielt er sie noch einmal auf. „Ich wollte noch sagen … danke.“

„Wofür? Ich habe noch nichts getan.“

Er beugte sich vor und flüsterte: „Meine Tochter hat in den vergangenen fünf Minuten nicht geweint. Du hast keine Ahnung, was das für mich bedeutet.“

Vielleicht wusste Millie das wirklich noch nicht, aber plötzlich war sie glücklich, diesem Fremden helfen zu können. Und auf einmal war dieser Fremde sehr … präsent.

Es war wohl besser, sich auf Brooke zu konzentrieren.

Immerhin war es lange her, seit sie das Gefühl gehabt hatte, etwas in ihrem Leben erreicht zu haben. Sie würde sich erst einmal kleine Etappen zum Ziel setzen.

„Alles wird gut, Jake“, behauptete sie.

Sie hoffte, dass es am Ende für sie beide zutraf.

2. KAPITEL

Mit seiner Verletzung brauchte Jake ungewöhnlich lange, um sich umzuziehen und frisch zu machen.

Ein Umstand, der ihn maßlos ärgerte. Vor allem, weil er auf Schnelligkeit getrimmt war. Im Lauf seiner Karriere hatte er sich Effizienz zur Hauptaufgabe gemacht. Das war sehr nützlich, wenn man als Chirurg für Miles of Medicine arbeitete, einer internationalen humanitären Hilfsorganisation, die Ärzte in die entlegensten Winkel der Erde schickten.

Er war es gewohnt, sich blitzschnell auf neue Aufträge einzulassen, seinen Koffer innerhalb weniger Minuten zu packen und alles hinter sich zu lassen, um dahin zu fliegen, wo er am meisten gebraucht wurde.

Allerdings war der Mensch, der ihn jetzt am meisten brauchte, ein kleines Mädchen. Seine Tochter.

Und es gelang ihm kaum noch, sich umzuziehen.

Ärgerlich zerrte er das Shirt über seinen Kopf und streifte ein frisches über. Auf dem Weg zur Küche hörte er Brookes zwitschernde Stimme aus dem Badezimmer. Er war froh, dass seine Schwägerin dieses Haus gefunden hatte. Dank Olivia wohnte er nun zur Miete in diesem hübsch gelegenen, geräumigen Haus – und das Beste war, dass es zwei Badezimmer gab. Eines für Brooke und eines für ihn.

In der Küche begann er mit dem Aufräumen. Als er sich bückte, um den Saft vom Boden aufzuwischen, fuhr ein scharfer Schmerz in seinen Knöchel. Manchmal reichte schon die kleinste falsche Bewegung aus.

Er schloss die Augen und zählte langsam bis zehn. Als er sie wieder öffnete, stand Brooke direkt vor ihm. „Hier, riech mal, Daddy.“ Sie hielt ihm den nassen Stoffhasen unter die Nase. „Er ist wieder ganz sauber.“

Jake zwang sich zu einem Lächeln. „Wie schön.“

„Und jetzt muss er in den Trockner“, verkündete Brooke. „Und ich darf zusehen, wie er im Kreis herumtanzt.“

Millie legte die Hände auf Brookes Schultern. Sie grinste. „Ganz genau. Und inzwischen können wir uns unterhalten.“

Jake war mehr als erstaunt, dass Brooke sich darauf einließ, denn für gewöhnlich wich sie nicht von seiner Seite. Seit er sie nach Crimson gebracht hatte, hing sie an ihm wie ein Klammeräffchen und ließ ihn nur aus den Augen, wenn sie schlief.

Vielleicht war Millie Spencer eine Art Kinderflüsterer. Und so jemanden konnte er gerade verdammt gut gebrauchen.

„Du bist also Olivias Schwester“, begann er das Gespräch, als Millie zwei Minuten später in die Küche zurückkehrte. „Ihr seht euch gar nicht ähnlich.“

„Sie ist meine Halbschwester. Wir haben denselben Vater.“

„Seid ihr zusammen aufgewachsen?“

Ihr Lächeln wurde einen Hauch kühler. „Ich fürchte, wir haben nur wenige Minuten, bevor deine Tochter vom Trockner-Anschauen gelangweilt wird. Vielleicht sollten wir gleich zum Wesentlichen kommen.“ Sie beugte sich vor, um nach einem Wischlappen zu greifen. Dann begann sie mit schnellen Bewegungen aufzuwischen.

„Du musst das nicht tun.“

Ohne ihn anzusehen und ohne mit der Arbeit aufzuhören, forderte sie ihn stattdessen auf: „Erzähl mir von dir und Brooke.“

Ihr kinnlanges Haar fiel in ihr Gesicht, doch sie machte sich nicht die Mühe, es zurückzustreichen. Jake ertappte sich bei dem Wunsch, die Hand auszustrecken, um zu sehen, ob es sich genauso weich anfühlte, wie es aussah. Auch ihre Arme sahen unglaublich weich und zart aus, und die Haut war von der Sonne leicht gebräunt.

„Ich habe erst vor zwei Monaten erfahren, dass ich eine Tochter habe.“ Jetzt war es heraus. Er konzentrierte sich darauf, die Küche aufzuräumen, und war froh, dass Millie dasselbe tat. Irgendwie machte es das einfacher, darüber zu sprechen.

„Brookes Mutter war ebenfalls Ärztin. Ich lernte sie auf einer Dienstreise kennen, und dann kreuzten sich hin und wieder unsere Wege in verschiedenen Ländern. Dann verschwand Stacey.“ Mit mehr Wucht als nötig schmetterte er die Tassen in die Spülmaschine. „Vor einigen Monaten trafen wir uns schließlich wieder. Sie war mir gefolgt, auf eine Insel in der Nähe von Haiti, um mir zu sagen, dass ich eine vier Jahre alte Tochter habe. Die beiden lebten in Atlanta und Brooke wollte wissen, wer ich bin. Stacy wollte mir die Gelegenheit geben, meine Tochter kennenzulernen.“

„Das muss ein echter Schock für dich gewesen sein.“ Millie erhob sich und warf die nassen Papiertücher in den Abfalleimer. „Bitte erzähl weiter.“

Jake hasste diesen Teil der Geschichte. Alles, was er damit verband, waren Schuldgefühle. Und das schreckliche Gefühl der Hilflosigkeit.

Er hatte den Großteil seiner Kindheit damit verbracht, sich hilflos und schuldig zu fühlen. Seinem Vater und dessen Alkohol-Eskapaden konnte er nichts entgegensetzen, und seinen Geschwistern war er keine Hilfe gewesen. Irgendwann war es ihm gelungen, aus seiner Heimat auszubrechen – aber er hatte seine Geschwister einfach zurückgelassen. Und das nagte seither noch immer an ihm.

Er hätte nie geglaubt, einmal nach Colorado zurückzukehren. Trotzdem war es das einzige Zuhause, das er kannte. Beide Brüder waren nach Crimson zurückgekehrt, hatten sich ein neues Leben aufgebaut und schienen hier glücklich zu sein. Trotz all der bedrückenden Erinnerungen an die Vergangenheit.

Wohin hätte er Brooke sonst bringen sollen? Insgeheim hatte er vielleicht gehofft, dass diesem Ort ein bestimmter Zauber innewohnte. Davon hatte er allerdings noch nicht viel bemerkt. Im Gegenteil. Jake fühlte sich beinahe gefangen, wenn ihn an bestimmten Straßenecken oder Häusern die Erinnerungen überkamen.

Immerhin hatten seine Brüder Verständnis für seine Situation und stellten keine Fragen, auf die er ohnehin keine Antwort gehabt hätte.

„Ich war mehr als schockiert. Kinder kamen in meiner Lebensplanung überhaupt nicht vor. Meine Arbeit ist mein Leben. Aber ich hatte gar keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Stacy und ich gerieten in Streit, und sie verließ spät am Abend mein Hotel. Wegen des Erdbebens war ich seit Tagen auf den Beinen, um Verletzten zu helfen. Ich lebte praktisch von Kaffee und hatte kaum geschlafen. Trotzdem ging ich ihr nach. Ich konnte kaum glauben, was sie mir erzählt hatte.“

Er fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar. „Kaum war ich in ihrem Hotel, wurde die Insel von einem schweren Nachbeben erschüttert. Das Gebäude stürzte einfach ein, und Stacy wurde verschüttet.“

Millie straffte sich. „Brookes Mutter wurde getötet?“, fragte sie fassungslos.

Er nickte knapp. „Sie hätte mir niemals nachreisen dürfen. Dort war es viel zu gefährlich.“

„Sie hat ein großes Risiko auf sich genommen.“

Er sah Millie nicht an. Doch die Schuld wog so schwer auf seinen Schultern, dass er auch noch die letzten Bruchstücke der Wahrheit beichten musste. „Stacy hatte schon vorher versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen. Sie hatte auf meine Mailbox gesprochen und mir E-Mails geschickt, in denen sie mich bat, mit ihr zu reden. Ich dachte, sie wolle unsere Affäre fortsetzen. Aber das wollte ich nicht. Ich ging ihr aus dem Weg. Ich ließ ihr keine andere Wahl, als mir nachzureisen.“

Er schluckte. „Am Ende konnte ich ihr nicht einmal helfen. Ich war von einem herabgestürzten Balken eingeklemmt. Ich konnte nur ihre Hand halten. Für die letzten Augenblicke ihres Lebens.“

Jake kreuzte die Arme vor der Brust. „Stacys Eltern wollten die Kleine zu sich nehmen. Aber ich hatte Stacy versprochen, mich um Brooke zu kümmern. Sie hatte mir sogar schon das Sorgerecht übertragen. Einem Mann, der seine eigene Tochter nicht einmal kannte.“

Er schüttelte den Kopf, als könne er all das selbst noch nicht glauben. „Ich musste ins Krankenhaus, um meinen Arm und meinen Fuß operieren zu lassen. Gleich danach machte ich mich auf den Weg, um Brooke zu finden.“

„Und ihre Großeltern ließen sie einfach gehen?“

„Vorerst.“ Er ballte die Hand zur Faust. „Aber das Verrückteste war, dass Brooke keine Sekunde zögerte, mit mir zu gehen. Stacy hatte ihr erzählt, dass sie nach mir suchen wollte. Es gab ein Foto von mir auf Brookes Nachtschränkchen. Sobald ich ihr Haus in Atlanta betrat, klammerte sie sich an mich, als wäre ich schon immer ihr Dad gewesen. Als ob sie auf mich gewartet hätte.“

„Kinder können einen immer wieder überraschen“, flüsterte Millie.

„Ich habe keine Ahnung, wie man ein guter Vater wird. Aber ich bin es Brooke schuldig, es zumindest zu versuchen. Und Stacy auch. Ihre Eltern wollen, dass Brooke bei ihnen aufwächst. Ich habe keine Ahnung, wie meine Zukunft aussieht. Noch kann niemand sagen, ob meine Hand bleibende Schäden aufweist. Dann könnte ich nicht mehr operieren.“

„Aber du wirst Brooke doch nicht verlassen?“

In ihrem Tonfall schwang ein leiser Vorwurf, den Jake nur zu gern auf sich nahm. Bisher hatten ihn alle Leute mit Samthandschuhen angefasst. Er hatte es gar nicht verdient, Mitgefühl zu ernten. Schließlich war er schuld an Stacys Tod. „Ich will nur das Beste für sie. Und ich glaube nicht, dass ich auf die Dauer das Beste für sie wäre. Du hast mich ja heute erlebt.“

„Du bist ihr Vater.“ Eine zarte Röte stieg in Millies Wangen. „Du kannst sie jetzt nicht im Stich lassen.“

Er hob die Schultern. „Ich bin dieser Situation überhaupt nicht gewachsen.“

„Ich kann doch helfen“, sagte sie schnell.

Jake spürte die Energie, die von Millie ausging. Entgegen ihrer zarten Statur, dem elfenhaften Auftreten und dem blumigen Sommerkleid war diese junge Frau mit Sicherheit sehr viel zäher, als sie aussah. Und das lag womöglich daran, dass ihr eigenes Leben kein Zuckerschlecken gewesen war.

„Warum willst du helfen?“ Er trat einen Schritt näher. „Wie lautet deine Geschichte, Millie Spencer?“

Für den Bruchteil einer Sekunde loderte Panik in ihren Augen auf, doch sie hatte sich sofort wieder unter Kontrolle. „Ich habe sowohl schon in Grund- als auch in Vorschulen gearbeitet. Außerdem mache ich meinen Abschluss in Früherziehung. Zurzeit pausiere ich, deswegen bin ich bei Olivia untergekommen. Wir sind zwar nicht gemeinsam aufgewachsen, aber wir wollen uns näher kennenlernen. Olivia hat mich eingeladen, aber ich will auf keinen Fall wochenlang ihre Gastfreundschaft ausnutzen. Ich brauche einen Job, solange ich hier in Crimson bin. Und ich kann gut mit Kindern umgehen.“

Jake sah sie aufmerksam an. „Hast du ein Empfehlungsschreiben?“

„Natürlich. Abgesehen davon habe ich gerade Bunny gewaschen und den Küchenboden geschrubbt. Ich finde, das ist schon mal ein ziemlich guter Anfang.“

Beschwichtigend hob Jake die gesunde Hand. „Hey, wie gesagt, all das ist neu für mich. Und ich will nur das Beste für Brooke.“

Sie nickte. „Sicher. Ich habe ein Empfehlungsschreiben in meinem Auto. Ich hole es gleich. Geht Brooke zur Vorschule?“

Er rieb sich das Gesicht und deutete mit dem Kinn auf einen Stapel Papiere. „Ich nehme mir schon seit Tagen vor, die Anmeldung auszufüllen. Es ist unglaublich, wie erschöpft ich abends bin, sobald ich Brooke endlich ins Bett gebracht habe.“

„Ich kann helfen“, wiederholte sie ruhig.

„Ich kann nicht Auto fahren und muss regelmäßig zu Therapiestunden gebracht werden.“

„Auch das ist in Ordnung.“ Sie schien sich zu entspannen. „Olivia hat mir das Apartment über ihrer Garage angeboten. Sie und Logan wohnen nicht weit weg, ich kann also schnell zur Stelle sein, wenn ich gebraucht werde.“

Er schüttelte den Kopf. „Hier gibt es ein großes Gästezimmer. Es ist zum Garten gelegen und sehr geräumig und ruhig. Da kannst du wohnen.“

Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Das ist nicht …“

„Sieh mich an.“ Er verlagerte das Gewicht auf das verletzte Bein. „Ich kann nicht selbst fahren. Himmel, ich komme ja kaum die Treppen herunter. Wenn Brooke irgendetwas passiert, will ich, dass jemand in der Nähe ist.“

Was er nicht erwähnte, war die ungeheure Erleichterung darüber, nicht mehr vollkommen allein auf Brooke aufpassen zu müssen. Obwohl er in seinem Beruf so viel Verantwortung tragen musste, war ihm noch nie etwas so schwergefallen wie die ungewohnte Vaterrolle. Und erst jetzt, da Millie aufgetaucht war, wurde ihm bewusst, wie schwer diese Tatsache auf seinen Schultern gelastet hatte.

Aber in Millies Gesicht zeigten sich noch ernste Zweifel.

„Ich bin harmlos“, erklärte er und schenkte ihr ein entwaffnendes Lächeln.

Sie blickte zur Decke. „Das glaube ich kaum.“

„Ich bin verzweifelt“, sagte er sanft.

Sie begann zu lächeln. „Das glaube ich gern. Aber bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“

„Es gibt zurzeit gar nichts Gutes in meinem Leben, aber …“ Er verstummte, weil in diesem Augenblick Brooke in die Küche kam.

„Der Trockner hat gepiept.“ Sie wippte auf den Zehen. „Ist Bunny jetzt fertig?“

„Gar nichts?“, hakte Millie nach.

„Doch“, gab er zu. „Sie ist das einzig Gute. Und ich werde mir die größte Mühe geben.“ Er bückte sich zu seiner Tochter herunter. „Was hältst du davon, wenn Millie deine Nanny wird und uns im Haus hilft?“

„Sie ist Fairy Poppins!“, rief Brooke glücklich. Mit großen Augen sah sie Millie an. „Bringst du Glitzer mit?“

„Natürlich.“ Millies Blick glitt von Brooke zu ihrem Vater. „Ich bin zwar nicht Mary Poppins, aber wir haben einen Deal.“

„Du machst wohl Witze!“, rief Millie außer Atem, als sie dreißig Minuten später durch die Küchentür in Olivias Haus stürmte. „Das nächste Mal könntest du mich ruhig vorwarnen, bevor du mich in die Höhle des Löwen schickst.“

Olivia drehte sich um. Im letzten Augenblick gelang es ihr, ein Lächeln zu verbergen. „Wenn ich das getan hätte, wärst du wohl kaum hingegangen.“

Millies Halbschwester hatte eine beeindruckend große, anmutige Gestalt und überragte Millie um einen halben Kopf. Ihr glattes, kastanienbraunes Haar war meistens zusammengesteckt und betonte ihre klassischen Gesichtszüge.

Millie seufzte. „Vielleicht.“ Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken.

Olivia setzte sich zu ihr und schob ihr einen Teller mit selbstgebackenen Keksen zu. „Hier, bedien dich.“

„Hat Logan die gemacht?“ Millie konnte nicht widerstehen. Olivias Mann hatte wirklich eine Gabe: Seine Kuchen und Kekse waren himmlisch. Etwas, das man ihm auf den ersten Blick kaum zutrauen würde, denn Logan Travers sah aus wie ein Model aus einem Katalog für Outdoor-Kleidung.

Genau wie sein Bruder Jake, nur mit dem Unterschied, dass Jake blondes Haar hatte. Ziemlich schönes Haar, wenn man es genau betrachtete.

„Es tut mir leid, Millie“, sagte Olivia gerade und riss Millie aus ihren Gedanken. „Aber er braucht wirklich Hilfe. Ich wusste, dass du zu ihm durchdringen würdest. Logan und Josh machen sich große Sorgen.“

„Warum ist er dann allein da draußen?“, fragte Millie anklagend. „Was für eine Familie lässt jemand in so einer Situation allein mit seiner Tochter?“

Mit einer entschuldigenden Geste hob Olivia die Hände. „Die Familiensituation der Travers ist ein bisschen schwierig. Die Brüder hatten nicht immer einen guten Draht zueinander.“

Millie starrte sie an. Wahrscheinlich war das noch maßlos untertrieben. Aber ihre Halbschwester war sehr gut darin, die Dinge so diplomatisch wie möglich auszudrücken. Sie wollte nie jemanden in Verlegenheit bringen. Deswegen konnte man der heiligen Olivia auch nie lange böse sein.

Selbst wenn sie einen unvorbereitet in die Höhle des Löwen geschickt hatte.

„Ich hielt es für besser, wenn dir Jake selbst die Situation erklärt“, bestätigte Olivia Millies Vermutung. „Und ich wollte, dass du Brooke kennenlernst, bevor du den Job ablehnst.“

„Ja, weil ich eine Schwäche für süße kleine Kinder habe“, knurrte Millie. Sie nahm sich noch einen Keks. „Und eine Schwäche für Süßes. Offensichtlich bin ich überhaupt ziemlich schwach.“

„Das finde ich nicht“, widersprach Olivia. „Aber du liebst es, mit Kindern zu arbeiten. Du hast ein Talent dafür.“

„Woher willst du das wissen? Du kennst mich ja kaum“, widersprach Millie stur.

Olivia seufzte. „Ich weiß zwar nicht, warum dein letztes Schulpraktikum gescheitert ist, aber ich weiß, dass es eine Schande wäre, wenn du jetzt deine Träume aufgibst.“

„Ich gebe meine Träume nicht auf“, widersprach Millie. „Ich habe mir nur für ein Semester Auszeit von der Uni genommen. Das ist keine große Sache.“

Olivia schien zu spüren, dass Millie noch nicht bereit war, darüber zu reden. Sie warf ihr einen Blick zu, als wolle sie sagen: ‚Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen. Wenn du reden willst, bin ich für dich da.‘

Dann lenkte sie das Thema zurück zum Ausgangspunkt. „Jedenfalls ist Jake mindestens so stur wie seine Brüder“, erklärte sie, und dieses Mal klang es, als wolle sie sagen: Mindestens so stur wie du.

Millie konnte es ihr nicht einmal übel nehmen.

„Er war schon immer ein Einzelgänger. Logan hat mir erzählt, dass er es ziemlich weit gebracht hat. Aber um den Preis, dass er immer allein war. Und er erlaubt seinen Brüdern nur im allergrößten Notfall, ihm zu helfen.“ Sie verzog das Gesicht. „Nicht, dass das hier kein Notfall wäre. Josh und Sara haben ihm schon so oft Hilfe angeboten. Sara sagt, es sei zum Verrücktwerden.“

„Wollte Sara nicht zu dieser Premierenfeier?“, hakte Millie nach. „Wie ist es denn so, mit einem Celebrity rumzuhängen?“ Das Leben von Olivias Freundinnen übte eine seltsame Faszination auf sie aus. Zum einen war sie ein bisschen neidisch, dass es Olivia gelungen war, sich ein schönes Leben in Crimson aufzubauen – mit guten Freundinnen, auf die sie sich verlassen konnte. Millie dagegen konnte nicht so leicht Freundschaften schließen.

Zum anderen war Olivias Freundin Sara nicht nur Mutter eines entzückenden Mädchens und leitete ein Gästehaus auf der Farm ihres Mannes, sondern war auch ein wiederentdeckter Filmstar. Schon in ihrer Kindheit hatte sie beim Film mitgewirkt, und viele Jahre später hatte sie eine große Rolle in einem Hollywood-Streifen bekommen.

Deswegen pendelte sie nun zwischen dem glamourösen Leben einer Schauspielerin und dem gediegenen Leben in der Kleinstadt Crimson hin und her – ein Spagat, der ihr von außen betrachtet mühelos gelang.

„Wenn sie in Crimson ist, ist sie einfach nur Sara“, entgegnete Olivia mit einem Lächeln. „Du musst sie unbedingt kennenlernen. Ich bin sicher, ihr werdet euch mögen. Sie hat denselben Mumm wie du.“

Millie konnte sich kaum vorstellen, dass sie überhaupt irgendetwas mit einer Hollywoodschauspielerin gemein hatte. Aber dieses Mal hielt sie es für besser, nicht zu widersprechen.

„Bevor sie geflogen ist, haben wir bei Jake vorbeigeschaut, um einige Lebensmittel vorbeizubringen. Wir wollten fragen, ob Brooke Lust hätte, den Tag mit uns zu verbringen, aber sie wich nicht von Jakes Seite. Logan und Josh hatten auch nicht mehr Glück.“ Sie sah Millie neugierig an. „Aber dich mochte sie?“

Millie nickte. „Kinder vertrauen mir. Das liegt wohl daran, dass ich so klein bin. Bei Mom war es genauso. Wir nehmen den Menschen ihre Befangenheit.“ Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht. „Wir sind keine Bedrohung.“

„Genau.“ Olivia lachte trocken. „Deine Mutter war jahrzehntelang eine Bedrohung für meine Familie. Joyce ist vielleicht klein, aber sie hat es in sich.“

Millie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Ihr gemeinsamer Vater war US-Senator gewesen. Er war mit Olivias Mutter verheiratet, unterhielt aber eine langjährige Affäre mit Millies Mutter. Bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren hatte er dieses Doppelleben geführt – mehr oder weniger erfolgreich.

Millies Mutter Joyce hatte fast dreißig Jahre lang ihr Leben im Schatten verbracht. Als Roberts Geliebte, seine Vertraute, die Frau, die ihn zum Lachen brachte, während Olivias Mutter die strenge und korrekte Senatorengattin spielte.

Dafür hatte Joyce nie etwas verlangt. Keine finanzielle Unterstützung, keine Bedingungen, keinen Zuspruch, nicht einmal mehr von seiner wertvollen Zeit. Millies Mutter hatte ihr gesamtes Leben darauf ausgerichtet, für diesen Mann verfügbar zu sein, sobald er seinem Familienalltag in Washington entkommen konnte.

Sie war die perfekte Geliebte.

Aber Robert war alles andere als der perfekte Vater. Millie hatte sich immer einen Vater gewünscht, der zu Elternabenden ging, ihre Schulaufführung besuchte und ihre Freunde kennenlernte.

Himmel, sie wäre schon damit zufrieden gewesen, erzählen zu können, dass sie überhaupt einen Vater hatte. Aber ihre Mutter hatte darauf bestanden, seine Existenz zu verleugnen, um seinen Ruf und seine Karriere zu schützen. Im Grunde ging es immer nur um seine Karriere.

Jedenfalls hatte Millie diesen Charakterzug von ihrer Mutter geerbt: sich anderen Menschen unterzuordnen und ihnen zu erlauben, auf ihr herumzutrampeln. Millie wusste gar nicht, ob man zwischenmenschliche Beziehungen auch auf andere Weise führen konnte.

Vielleicht fühlte sie sich deswegen mehr zu Kindern hingezogen. Kinder hatten keine Geheimnisse und handelten nicht aus versteckten Motiven heraus.

Außer ihnen war nur Olivia bedingungslos nett zu ihr gewesen. Und das, obwohl sie allen Grund dazu gehabt hätte, Millie zu hassen. Die heimliche zweite Tochter. Die Tochter, an der ihr Vater viel mehr Freude zu haben schien als an seiner eigenen Familie.

Aber ihr Vater hatte ihr Leben für immer geprägt. Und auf gewisse Weise verpfuscht.

„Ich bin nicht meine Mutter.“ Millies Stimme war leise. Ihr Kinn zitterte. Sie hasste sich selbst dafür, dass ihr in diesem Augenblick die Tränen in die Augen stiegen.

„Gott sei Dank.“ Olivias Ton wurde sanfter. „Aber Jake gehört jetzt auch zu meiner Familie. Logan kann vor Sorge um seinen Bruder kaum noch schlafen. Und ich habe dich gebeten, ihm zu helfen, weil ich dir vertraue, Millie. Vielleicht sehe ich etwas in dir, was du selbst noch nicht entdeckt hast. Aber es ist da. Und ich hoffe, dass dir die Zeit in Crimson dabei helfen wird, es zu finden.“

Sie lächelte geheimnisvoll. „Dieser Ort hat etwas Besonderes. Er holt das Beste aus einem heraus.“

In Millies Brust stritten die widersprüchlichsten Gefühle. Man hatte ihr nie besonders viel zugetraut. Von frühester Kindheit an hatte man ihr beigebracht, umgänglich und lustig und immer nett zu anderen Menschen zu sein, ohne selbst etwas zu verlangen.

Aber Olivia wollte sie mit einer Aufgabe betrauen, die ihr wichtig war. Mit Menschen, die ihr wichtig waren. Und dieses Vertrauen wollte Millie nicht enttäuschen. Sie wollte ihrer Schwester beweisen, dass sie es verdient hatte.

Auch wenn sie Jake Travers erst davon überzeugen musste.

Millie verschränkte entschlossen die Arme vor der Brust. „Vielleicht ist es nur eine weitere von vielen falschen Entscheidungen, die ich im Leben getroffen habe. Aber ich werde erst einmal in Crimson bleiben.“

3. KAPITEL

Sobald er Brookes glückliches Quietschen hörte, wusste Jake, dass Millie zurückgekommen war.

Es waren kaum zwei Stunden vergangen, seit sie gefahren war, um ihre Sachen zu packen und Olivia Bescheid zu sagen, doch in der Zwischenzeit hatte sich Jake immer wieder gefragt, ob sie es sich vielleicht noch anders überlegen würde.

Er hätte es ihr nicht verdenken können.

Sie brauchte zwar einen Job, aber sie konnte mit Sicherheit einen ruhigeren an Land ziehen als in einem Haushalt mit einem alleinerziehenden Vater und seiner vierjährigen Tochter, deren Leben im Chaos versank.

Jake dachte an seine Brüder. Sie hatten mehr als einmal ihre Hilfe angeboten, aber er hatte jedes Mal abgelehnt. Er war immerhin der älteste. Und er hatte sich sein Leben lang allein durchgeschlagen. Wie hätte er jetzt ihre Hilfe annehmen können?

Davon abgesehen hatte er ihnen den Rücken gekehrt, sobald sich die erste Chance ergeben hatte. Damals hatte es ihm – dank seiner guten Noten – ein Stipendium für die Universität ermöglicht, Crimson hinter sich zu lassen. Und ihren dem Alkohol verfallenen Vater.

Jake hatte nichts getan, um seine jüngeren Geschwister zu unterstützen.

Selbst als Logans Zwillingsschwester Beth völlig durchdrehte und schließlich bei einem Autounfall ums Leben kam, hatte Jake nichts unternommen.

Die Schuldgefühle wogen so schwer auf seiner Brust, dass er manchmal kaum atmen konnte.

Er hatte zuerst seine Ausbildung, dann seinen Job und die vielen Reisen als Entschuldigung benutzt, so selten wie möglich nach Hause zu kommen.

Es war Ironie des Schicksals, dass er jetzt zurückgekehrt war. Jetzt, da er nicht wusste, wohin er sich sonst wenden sollte.

Doch das hieß noch lange nicht, dass er deswegen auf seine Brüder angewiesen war. Und außerdem verdiente er es gar nicht, dass sie ihn nach all den Jahren so herzlich aufgenommen hatten.

Zu Jakes größter Erleichterung war diese Nanny zumindest genau das, was Brooke sich wünschte. In den vergangenen zwei Stunden war sie zwischen Fernseher und Fenster hin und her gelaufen und hatte ein Dutzend Mal gefragt, wann ‚Fairy Poppins‘ endlich zurückkehrte.

Jetzt stand Brooke vor ihr im Flur und sah sie mit leuchtenden Augen an.

Millie hatte einen Rollkoffer und eine große Tasche bei sich und betrachtete Jakes Gesichtsausdruck. Dann lächelte sie. „Du hast nicht geglaubt, dass ich zurückkomme.“

Er ignorierte ihre Bemerkung. „Ich bin froh, dass du da bist“, sagte er stattdessen. Es war beunruhigend, wie leicht sie seine Gedanken lesen konnte. Immerhin hatte er als Chirurg gelernt, seine Gefühle nicht zu zeigen. Ganz gleich, was geschah. „Ich trage deine Tasche.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er ihr die schwere Tasche von der Schulter.

Sie strafte ihn mit einem missbilligenden Blick auf seine verletzte Hand.

„Ich bin kein Invalide, klar?“, kommentierte er ihren Blick. Damit wandte er sich ab und stapfte den Flur entlang.

Ihm entging nicht, wie sie murmelte: „Invalide? Nein. Sturkopf? Ja.“

„Ich zeige dir dein Zimmer!“, krähte Brooke und schoss an ihm und Millie vorbei, um als Erste an der Tür zu sein.

Jake verlagerte das Gewicht der Tasche und versuchte verzweifelt, mit der gesunden Hand den Schulterriemen zu richten, um mehr Stabilität zu erlangen.

Endlich stand er vor Millies Tür im hinteren Teil des Hauses. Das geräumige Schlafzimmer hatte eine gemütliche Sitzecke, wo man sich auch tagsüber aufhalten konnte, und über den Flur gab es ein kleines Gästebad.

Als Sara ihm das Haus zum ersten Mal gezeigt hatte, hatte er nicht daran geglaubt, so viel Platz zu brauchen. Jetzt war er sehr dankbar dafür, dass Sara so weitsichtig gewesen war.

„Wir sind hier, Daddy!“, rief Brooke fröhlich.

Daddy. Unglaublich, wie leicht ihr das Wort über die Lippen ging, obwohl er noch gar nichts als Vater geleistet hatte.

Jake lugte ins Schlafzimmer, wagte aber nicht einzutreten. Seit es zu Millies Schlafzimmer geworden war, hatte er Skrupel, es zu betreten. „Ist alles in Ordnung?“, fragte er.

Millie, die es sich auf der Bettkante bequem gemacht hatte, stand hastig auf und strich sich das Haar aus dem Gesicht. „Perfekt. Alles, was ich brauche.“ Sie räusperte sich. „Habt ihr schon Pläne fürs Abendessen?“

„Pizza!“, rief Brooke entschieden.

„Wir hatten in letzter Zeit viel Pizza“, gab Jake etwas zerknirscht zu.

„Lasst uns erst mal nachsehen, was im Kühlschrank ist.“ Sie strich über Brookes Haar. „Außerdem brauchen wir Erdnussbutter.“

Die Kleine verzog das Gesicht. „Erdnussbutter schmeckt nicht auf Pizza.“

„Nein, Süße. Die ist für das Kaugummi in deinem Haar.“

Brooke wiegte den Kopf. „Bei Mommy durfte ich nie Kaugummi haben.“

„Du musst sie schrecklich vermissen“, sagte Millie leise.

Das Mädchen hielt inne. Versunken starrte sie ins Zimmer und steckte einen Finger in den Mund.

Jake erschrak. Er hatte schon einmal erlebt, dass Brooke so reagierte. Es machte ihm Angst. „Millie möchte jetzt ihren Koffer auspacken“, sagte er. „Hilfst du mir, die Pizza zu bestellen, Brooke?“

Sie rührte sich nicht.

„Wenn du mir hilfst, gibt es Zimtschnecken zum Nachtisch.“

Die Aussicht auf Süßes schien den Zauber zu brechen. Brooke nickte langsam, nahm den Finger aus dem Mund und streckte Jake die Hand hin.

Er schluckte und ergriff ihre Hand. Immer wieder war er erstaunt, dass sie ihm so bedingungslos vertraute. Er wandte sich an Millie. „Wir haben viel zu besprechen.“

Millie nickte. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

„Zuerst die Pizza“, stellte Brooke fest.

„Natürlich. Zuerst die Pizza“, bestätigte Jake. Dann folgte er Brooke aus dem Schlafzimmer.

Nachdem Jake die Kleine später am Abend zu Bett gebracht hatte, holte Millie die Flasche Wein, die sie vorher im hintersten Winkel des Kühlschranks entdeckt hatte.

Sie war keine passionierte Weintrinkerin, aber nach diesem Tag brauchte sie definitiv einen Schluck, wenn sie mit Jake Travers unter vier Augen sprechen wollte.

Sie nahm ein Glas aus dem Schrank, füllte es großzügig auf und wollte gerade ein zweites holen, als Jake die Küche betrat. „Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich mich selbst bediene.“

„Tu dir keinen Zwang an.“

Wenn es nur so einfach wäre. Sie hob das zweite Glas. „Möchtest du auch?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich nehme jeden Abend eine Schmerztablette. Da verzichte ich wohl besser.“

„Sind die Schmerzen sehr schlimm?“

„Es geht schon.“ Er wich ihrem Blick aus. „Nur wenn ich viel herumlaufe und mich bewege, wird es schlimmer.“

„Und du nimmst dir natürlich keine Zeit, um dich auszuruhen. Als Vollzeitvater.“ Millies Ton wurde sanfter. „Brooke hängt sehr an dir.“

Er sah sie direkt an. Sein intensiver Blick zwang sie beinahe in die Knie. „Das haut mich wirklich um. Ich habe keine Ahnung, was ich tue, aber ihr ist es völlig egal.“

„Du gibst dir Mühe“, entgegnete Millie. „Allein das zählt.“

Seine Augen verengten sich.

In diesem Moment hatte Millie das Gefühl, genau wie ihre Mutter zu werden. Sie versuchte, die Wogen zu glätten und ihrem Gegenüber ein gutes Gefühl zu geben, obwohl sie ihn kaum kannte. Vielleicht war das die größte Schwäche, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte: die Schwäche für andere Menschen. Sich viel zu schnell von jemandem einnehmen zu lassen.

Und sie betrachtete ihre Mitmenschen viel zu oft durch die rosarote Brille.

Womöglich war Brooke mit ihren Großeltern besser dran. Aber Millie wusste auch, wie es war, einen Vater zu haben, der nur sporadisch auftauchte. Und die Sehnsucht nach mehr konnten keine Geschenke ausgleichen, keine Spielsachen, Süßigkeiten oder sonstige Bestechungsversuche.

Brooke hatte bereits ein Elternteil verloren, und Millie nahm sich vor, Jake zu beweisen, dass ein Vater mit Fehlern besser war als gar keiner. „Na schön. Lass uns eine Liste der Dinge erstellen, die erledigt werden müssen. Und welche Aufgaben ich dir in Zukunft abnehmen kann.“ Sie beugte sich über die Anrichte und griff nach Stift und Notizzettel.

Dabei fing sie Jakes Blick auf.

Ein leiser Schauer rann über ihren Körper.

So, wie er vor ihr an der Theke lehnte – die Arme hinter sich abgestützt und die breite Brust enthüllt – bot er ein beeindruckendes Bild. Unwillkürlich stellte Millie sich vor, wie es wäre, sich anzulehnen. An dieser Statur, in den muskulösen Armen würde man sich vollkommen sicher fühlen. Geborgen.

Aber diesen Gedanken durfte sie nicht ausführen. Zumindest nicht jetzt, in der Stille des Abends, allein mit ihm in der Küche.

Wenn Brooke in der Nähe war, stand sie sofort im Zentrum der Aufmerksamkeit. Jetzt waren sie allein, und Jakes Präsenz war überwältigend. Zum ersten Mal bemerkte Millie seinen aufregenden Mund, die scharfe, elegante Kinnlinie und seine breiten Schultern.

Und sie bemerkte die winzigen Erschöpfungsfältchen in seinen Augenwinkeln. Es war dieses Anzeichen der Übermüdung, das sie in die Realität zurückholte. Dieser Mann war unglaublich attraktiv. Aber deswegen war sie schließlich nicht hier.

Sie hatte seine Brüder Logan und Josh bereits kennengelernt und geahnt, welchen Effekt sie auf Frauen hatten. Alle drei sahen aus wie Filmstars.

Nur mit dem Unterschied, dass von Jake etwas ausging, was sie berührte. Auf eine Weise, wie es ihr noch nie passiert war.

Und das war definitiv noch ein Grund mehr, ihre Beziehung rein geschäftlich zu halten.

„Mein Gehalt“, entfuhr es ihr.

Jake zögerte nur eine Sekunde, bevor er sich auf einen Stuhl sinken ließ. „Du redest nicht lange drum herum. Das gefällt mir.“

„Ich wollte nicht … ich bin sicher, wir werden uns einig … schließlich helfe ich dir gern und …“

„Tausend.“

„Tausend was?“

„Dollar. Laut meiner Ärzte dauert meine Behandlung erst einmal anderthalb Monate. In dieser Zeit wird sich herausstellen, ob ich wieder operieren kann. In zwei Wochen kommen Brookes Großeltern, aber ich möchte trotzdem, dass du hier wohnst, solange ich in Crimson bin.“

„Tausend Dollar für sechs Wochen?“ Millie hatte noch nicht viel Berufserfahrung, aber dieses Gehalt kam ihr bedenklich gering vor.

Um seinen Mundwinkel zuckte es verdächtig. „Ich bezahle dir tausend Dollar die Woche. Sechs Wochen lang. Du wohnst hier, also ist es so, als wärst du vierundzwanzig Stunden in Bereitschaft. Du zahlst keine Miete und musst dich nicht am Haushaltsgeld beteiligen. Ich komme für alles auf.“

Millies Augen weiteten sich. „So viel kann ich nicht annehmen.“

Jake lachte. „An deinem Verhandlungsgeschick musst du noch arbeiten.“ Er legte die Hand auf den Bauch. „Ich kann zwar das Essen bezahlen, aber ich kann nicht kochen. Das wird also an dir hängen bleiben.“

„Kein Problem.“ Millie war noch immer überwältigt. „Aber wie … bist du Millionär? Badest du heimlich in Geld?“

„Ich habe eine Menge gespart. Und ich werde eine üppige Invalidenrente bekommen, wenn das so weitergeht.“ Er beugte sich vor. Mit den Fingerspitzen berührte er ihren Handrücken. „Ich bin mir sicher, dass du es wert bist.“

Der Kontakt war winzig, seine Berührung erfasste nur einen Millimeter ihrer Haut, und doch spürte Millie sie im ganzen Körper. Es war, als würde sie sich in Wellen ausbreiten und direkt in ihren Bauch fahren, wo sich ein wohliges und zugleich erregtes Gefühl einstellte.

Ich bin mir sicher, dass du es wert bist. Diesen Satz hatte sie nicht oft im Leben gehört.

Weil sie Kinder mochte, hatte sie als Babysitter gejobbt und in Kitas ausgeholfen, bevor sie sich entschlossen hatte, Vorschullehrerin zu werden. Trotzdem hatte sie stets an sich gezweifelt, ob sie wirklich die Fähigkeit dazu hatte.

Und dann war sie im College-Praktikum kläglich gescheitert.

Sie brauchte diesen Job. Genauso, wie Jake eine Nanny brauchte. Nicht nur wegen des Geldes, sondern auch, um ihr angekratztes Selbstwertgefühl wiederherzustellen. Nein, nicht nur angekratzt.

Es war zertreten, zerstört und weggeworfen worden.

Aber sie wollte beweisen, dass sie etwas bewirken konnte. Dass sie zumindest das Leben eines anderen Menschen geradebiegen konnte.

Das Leben eines bestimmten Menschen.

Von diesem Mann.

„Du wirst es nicht bereuen“, sagte sie sanft. Dann tippte sie mit der Kugelschreiberspitze auf das Blatt Papier. „Dann lass uns mal loslegen.“

Jake schreckte aus dem Schlaf und riss die Bettdecke vom Körper.

Er schwang die Beine auf den Boden und rückte an die Bettkante. Erst der stechende Schmerz in seinem Knöchel brachte ihn endgültig zurück in die Realität.

Sein Herz raste. Er atmete langsam ein und aus.

Der Alptraum war in den vergangenen Monaten zum ständigen nächtlichen Begleiter geworden. Jake befand sich in dem Hotel und musste hilflos zusehen, wie Stacy begraben wurde, als das Nachbeben die Insel erschütterte.

Er war nie in Stacy Smith verliebt gewesen. Ihre Affäre beruhte allein auf der Tatsache, dass sie zur selben Zeit am selben Ort waren – mit derselben Aufgabe und demselben Bedürfnis nach Nähe, das am nächsten Morgen schon wieder ausgelöscht war.

Trotzdem war ihm ihr Schicksal nicht gleichgültig. Er hatte ihr nur das Beste gewünscht – und konnte sich nicht verzeihen, dass sie seinetwegen in diesem Hotel umgekommen war. Jetzt hatte er eine Tochter, die ohne ihre Mutter aufwachsen musste.

Zum wiederholten Mal wünschte er, er wäre an ihrer Stelle gestorben.

Sicher, seine Brüder hätten um ihn getrauert. Aber in seinem Leben gab es niemanden, der ihn so sehr brauchte wie Brooke ihre Mutter.

Sie war tief traurig über den Verlust ihrer Mutter, aber sie schien nicht davon zerstört zu sein. Irgendwie hatte sie den endgültigen Abschied akzeptiert. Ein Umstand, der es Jake bloß noch schwerer machte.

Er würde alles tun, um Stacys letztem Wunsch gerecht zu werden. Auch wenn er sich in der Rolle des Vaters mehr als fehl am Platz fühlte.

Er warf einen Blick auf die Uhr, dann auf das Licht, das durch einen Spalt zwischen den Vorhängen fiel.

Für gewöhnlich blieb er mit seinen Erinnerungen allein, quälte sich mit Schuldgefühlen durch die erste Stunde vor Sonnenaufgang, bevor Brooke hereinkam und ihren gemeinsamen Tag einläutete.

Erstaunlicherweise hatte er heute länger geschlafen als gewöhnlich, und es war bereits kurz vor acht Uhr. Mit einem unterdrückten Stöhnen stand er auf, verlagerte das Gewicht auf das gesunde Bein und zog sich ein T-Shirt über. Dann machte er sich auf den Weg in die Küche.

„Daddy!“, rief Brooke, als sie ihn entdeckte. Stürmisch kam sie ihm entgegen. Obwohl sie noch ihren Schlafanzug trug, thronte auf ihrem Kopf eine kleine Krone aus Plastik. Sie ergriff seine Hand und zog ihn in die Wohnküche. „Fairy Poppins und ich haben aufgeräumt“, verkündete sie. In ihrer Stimme lag so viel Stolz, wie eine Vierjährige nur aufbringen konnte.

Tatsächlich waren Küche und Wohnzimmer kaum wiederzuerkennen. Jake sah sich voll Bewunderung in dem blitzblanken Raum um.

„Mein Name ist Millie, nicht Fairy Poppins, Brookie-Cookie“, ertönte da eine helle Stimme.

Brookes Kichern erhellte die Küche, während Millie aus der schmalen Vorratskammer trat. Heute Morgen erinnerte seine neue Nanny weniger an eine Elfe als vielmehr an die fleischgewordene Fantasie eines Holzfällers. Sie trug eine ausgeblichene Cargohose und ein cremefarbenes Flanellshirt über einem leichten Trägerhemdchen.

Das kinnlange Haar hatte sie mit einem breiten Band zurückgenommen, was ihre zarten, fein geschnittenen Gesichtszüge besonders zur Geltung brachte.

Trotz ihrer Größe wirkten ihre Beine lang und aufregend, und Jake schloss für eine Sekunde die Augen, bevor er ihren Körper zu intensiv anstarrte.

Brooke zupfte an seinem Shirt. „Wir haben Pancakes gemacht. Echte Pancakes. Nicht die aus der Flasche.“

„Echte Pancakes?“ Er ging in die Hocke, um Brooke auf Augenhöhe zu begegnen. „Die duften wirklich gut. Vielen Dank, Kleines.“

„Du musst dich auch bei Fairy Poppins bedanken. Ich meine bei Millie.“

Er richtete sich auf und sah, wie Millie Orangensaft in drei Becher goss. „Ich wusste nicht einmal, dass wir Zutaten für Pancakes im Haus haben.“

Sie nickte, hielt ihren Blick aber auf die Becher gerichtet. „Der Kühlschrank und die Speisekammer sind erstaunlich gut gefüllt. Ehrlich gesagt hat mich das selbst ein bisschen überrascht.“

„Dank Olivia und Sara. Sie bringen mir mehr Lebensmittel vorbei, als ich jemals aufbrauchen kann.“

„Das ist nett von ihnen.“

Trotzdem war das Beste, was Jake bisher zum Frühstück zustande gebracht hatte, Bagels vom Bäcker und Cornflakes mit Milch. „Danke, Millie.“

„Das gehört zu meinem Job.“

Aus irgendeinem Grund ärgerte ihn dieser Satz, doch er ließ sich nichts anmerken.

„Möchtest du Kaffee?“

„Ich mache das schon.“ Im gleichen Augenblick, in dem er sich der Anrichte näherte, trat Millie vor und streckte den Arm nach der Kaffeekanne aus. Sie stieß gegen seinen Oberkörper und geriet ins Stolpern.

Jake ergriff ihre Oberarme und hielt sie fest, bevor sie fallen konnte. Er ließ sie nicht los, bis sie den Blick hob und ihm direkt in die Augen sah. „Danke, dass du Frühstück gemacht hast.“

„Bitte sehr.“ Dieses Mal klang ihre Stimme etwas atemlos.

Jake nahm es mit einer leisen Genugtuung zur Kenntnis. Immerhin war sie ihm gegenüber nicht völlig immun. Seltsam, wie befriedigend sich diese Feststellung anfühlte. „Ich kümmere mich darum.“ Zögernd ließ er sie los. „Meine Damen, bitte nehmt Platz.“

Wenige Minuten später saßen alle drei um den Küchentisch und aßen Millies Pancakes mit viel Sirup und frischen Früchten.

„Wie oft musst du zur Krankengymnastik?“ Millies Ton war beiläufig, aber sie schien bemerkt zu haben, wie sehr er sich mit der verletzten Hand quälte.

„Mir wurden drei Stunden in der Woche verordnet.“ Er führte die Gabel an den Mund. „Aber weil ich einige Stunden verpasst habe, habe ich die Übungen zu Hause gemacht.“

„Ich will nicht, dass Daddy weggeht“, stellte Brooke nüchtern fest.

„Dein Daddy muss aber zur Therapie gehen, wenn er gesund werden soll. Wir werden eine Menge Spaß zusammen haben, solange er weg ist.“

Brooke verzog das Gesicht. „Und was ist, wenn er bei der Therapie einschläft? Dann hat er wieder schlimme Träume von Mommy.“

Jake entging nicht Millies erschrecktes Gesicht, aber er wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

Das war auch unnötig, denn Brooke plapperte einfach weiter. „Ich habe schöne Träume von Mommy“, fuhr sie fort. „Im Traum war ich mit Mommy im Zoo. Da haben wir mal einen Orang-Utan gesehen. Der war lustig.“ Sie leckte Sirup von ihren Fingern. „Heute Nacht werde ich Dad einen von meinen Träumen abgeben. Dann kann er besser schlafen.“

Jake starrte sie an. „Danke, Liebling. Das ist wirklich lieb von dir. Aber ich will, dass du deine schönen Träume für dich behältst.“ Seine Kehle war wie zugeschnürt.

„Ich habe aber ganz viele.“ Sie schenkte ihm ein leuchtendes Lächeln. Dann widmete sie sich mit Hingabe dem Sirup auf ihrem Teller.

Als Jake aufsah, erwischte er Millie dabei, wie sie sich mit dem Handrücken über die Augen strich. „Weißt du was?“, fragte sie schnell. „Wir bringen deinen Daddy zu seiner Therapiestunde und machen ein Picknick im Park, während wir auf ihn warten.“

„Ich mag Makkaroni zum Picknick.“

„Kein Problem.“ Millie stand auf, um die leeren Teller abzuräumen.

Jake half ihr, das Geschirr in die Spüle zu stellen. „Sie kann nichts dafür“, raunte er Millie zu. „Aber manchmal bringt sie mich mit diesen Kommentaren völlig aus der Fassung.“ Er seufzte. „Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich bin völlig überfordert. Und ich hasse das Gefühl, überfordert zu sein.“

„Du wirst es schaffen. Ich weiß es. Es ist eben eine völlig neue Situation für euch beide. Aber sie braucht dich, Jake. Sie verlässt sich auf dich.“

Jake wandte den Blick ab. Er war nicht einmal in der Verfassung, dieses Gespräch zu führen. Erst Brookes bedingungslose Liebe, dann Millies bedingungsloses Vertrauen. Wie konnte er auch nur einem davon gerecht werden?

Aber wenn er etwas in seinem Job gelernt hatte, dann war es, einen Schritt nach dem anderen zu gehen und das zu tun, was der Augenblick verlangte. Nicht mehr. Wenn die Gedanken sich verselbstständigten und in die Zukunft schweiften, führte das bloß zu Fehlern.

Davon abgesehen konnte er ohnehin erst eine Entscheidung über die Zukunft treffen, wenn endgültig geklärt war, ob seine Hand heilen würde und er irgendwann wieder arbeiten könnte.

„Wasch dein Gesicht“, sagte Jake zu Brooke und richtete das Krönchen auf ihrem Kopf. „Und dann suchen wir etwas zum Anziehen heraus.“

„Aber Da-ad! Das kann Millie machen. Sie ist ein Mädchen. Sie ist besser mit Kleidern.“

Jake nickte erleichtert. Es gab mit Sicherheit eine Million Dinge, die Millie besser konnte als er – zumindest, was die Erziehung von kleinen Mädchen betraf.

Sie einzustellen war die beste Entscheidung gewesen. Hoffentlich.

Zwanzig Minuten später hatte Millie die Küche aufgeräumt, die Waschmaschine angestellt und ein Kleid für Millie ausgesucht.

Während sie den Kindersitz holte, um ihn in ihrem kleinen Auto zu installieren, kreisten ihre Gedanken um ihren Vater.

Es war schrecklich gewesen, ihn verleugnen zu müssen. Sie hatten Robert Palmer entweder hinter geschlossenen Türen getroffen oder an Orten, wo er unerkannt blieb. Dabei hätte sich Millie nichts sehnlicher gewünscht, als dass er zu ihrem Schwimmwettbewerb kam.

Aber Brookes Mutter würde nicht einmal gelegentlich vorbeikommen. Brookes Mutter würde überhaupt nie mehr kommen.

Millie bezweifelte, dass der vierjährigen Brooke die Endgültigkeit dieser Tatsache bewusst war. Sie trug den Tod der Mutter mit Fassung und einer entwaffnenden, beinahe heiteren Ehrlichkeit.

Kein Wunder, dass Jake manchmal davon schockiert war.

In dem Augenblick, in dem Millie die Kleine im Kindersitz anschnallte, spürte sie Jakes Präsenz.

Und ihr wurde siedend heiß bewusst, wie tief sie sich in das Wageninnere gebückt hatte.

Sie wirbelte herum und erwischte ihn mit einem selbstgefälligen Grinsen und dem Blick auf ihrem Po. Seine blauen Augen kamen ihr mit einem Mal einen Hauch dunkler vor.

„Wirf mir Bunny rüber“, sagte sie knapp.

Jake lächelte. Anstatt das Plüschtier zu werfen, trat er näher heran und drückte es Millie sanft in die Arme. Dann hob er die Hand und berührte mit dem Zeigefinger ihr Kinn. Behutsam zog er eine Linie und richtete den Kragen ihres Flanellhemds. „Du wirst ja rot.“

„Mir ist nur heiß.“

„Nur heiß.“

„Genau“, antwortete sie trotzig. „Hast du jemals versucht, einen Kindersitz in einen winzigen VW Beetle zu quetschen?“

Er lachte leise. „Ich frage mich, wie ich mich selbst da hineinquetschen soll.“

„So klein ist er nun auch wieder nicht. Du wirst prima reinpassen.“

Sein Lächeln war eine Spur zu anzüglich, und Millie grollte leise.

Aber im Grunde störte es sie nicht. Jake Travers war kein Aufreißer. Er hatte eine angenehme Art, und in seiner Gegenwart fühlte sie sich wohl. Vielleicht sogar ein bisschen zu wohl.

Nachdem er sich auf den Beifahrersitz geklemmt und die Tür hinter sich zugezogen hatte, lehnte er den Kopf zurück und schloss die Augen.

Millie legte ihm besorgt die Hand auf den Arm. „Alles in Ordnung?“

Er nickte und hielt die Augen geschlossen. „Ich bin bloß nicht mehr daran gewöhnt, mich am frühen Morgen so viel zu bewegen. Traurig, aber wahr.“

„Es wird besser“, versprach Millie und hoffte, dass es nicht nur eine leere Phrase war.

Die Fahrt zum Krankenhaus dauerte nur wenige Minuten, doch die Aussicht war atemberaubend.

Als Millie ihre Schwester zum ersten Mal in Crimson besucht hatte, waren die Tannenspitzen noch mit Schnee bedeckt. Jetzt hielt langsam der Frühling Einzug in die Berge, und die Hänge leuchteten in sattem Tannengrün und dem zarten jungen Grün der Espen.

Selbst Brooke brachte der majestätische Anblick der Berge zum Verstummen.

Erst als sie die große Eingangshalle des Krankenhauses betraten und Jake sich von ihr verabschieden wollte, glomm Panik in ihren Augen. „Lass mich nicht allein!“, rief sie, den Tränen nahe.

„Wir haben doch darüber gesprochen“, sagte Jake geduldig. „Ich bin bald zurück, und in der Zwischenzeit wirst du viel Spaß mit Millie haben.“ Er warf Millie einen hilflosen Blick zu.

Brooke schüttelte den Kopf. „Lass. Mich. Nicht. Allein.

Millies Brust zog sich schmerzhaft zusammen. „Brookie-Cookie“, begann sie sanft. „Wir machen es so: Wir begleiten deinen Daddy hinein und sehen uns den Raum an, wo er seine Therapiestunde bekommt. Dann brauchst du keine Angst um ihn zu haben. Und wenn du möchtest, bleiben wir hier und warten, bis er fertig ist.“

Brooke schniefte. „Okay.“

Jakes Mund wurde zu einer schmalen Linie, aber Millie ignorierte ihn.

Auf dem Weg zum Aufzug wirkte Brooke entspannter und begann, dem Plüschhasen ein Lied vorzusingen.

Jake neigte den Kopf. „Ich habe Untersuchungen und anschließend Therapiesitzungen. Das könnte mehrere Stunden dauern“, flüsterte er.

Millie hob die Schultern. „Dann warten wir. Aber ich glaube, sobald Brooke sich selbst ein Bild von allem gemacht hat, wird sie beruhigt sein.“ Sie betrat den Fahrstuhl. „Keine Sorge, Jake. Wir bekommen das hin.“

Gemeinsam fuhren sie hinauf in das dritte Stockwerk und gingen einen langen Flur entlang, auf dem sich mehrere, mit Glaswänden verkleidete Räume befanden. Alles war hell und freundlich und wirkte ziemlich neu. Millie gefiel das Therapiezentrum – bis sie die Reaktion der Rezeptionistin bemerkte.

„Oh, mein Gott. Du bist es wirklich.“

Jake war nichts anzumerken, weder Freude noch Unbehagen.

„Erinnerst du dich an mich? Lauren Bell. Wir sind zusammen zur High School gegangen. Du warst nie bei den Klassentreffen, Jake. Dabei warst du Jahrgangsbester.“ Sie schüttelte tadelnd den Kopf und schenkte ihm gleichzeitig ein dunkles Lächeln. „Ich habe gehört, dass du Arzt geworden bist und um die Welt fliegst. Das muss sehr aufregend sein.“

Jake verlagerte das Gewicht auf den gesunden Fuß. „Ja, ich … Ich bin Chirurg.“ Er hielt die geschiente Hand in die Höhe. „Ich war Chirurg.“

„Wir werden uns gut um dich kümmern“, versicherte Lauren.

Brooke zupfte an seinem Ärmel. „Du lässt mich nicht allein, Daddy.“

Jake schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, spielte ein verführerisches Lächeln um seine Mundwinkel. Er beugte sich über die Rezeption. „Würdest du mir einen Gefallen tun? Um der guten alten Zeiten willen“, fügte er hinzu und grinste Lauren Bell an.

Millies Hände ballten sich zu Fäusten.

„Meine Tochter würde gern sehen, wie ich hier untergebracht werde, bevor ich sie in die guten Hände unserer Nanny übergebe.“ Er zwinkerte Lauren zu. „Du kennst dich hier doch bestens aus. Kannst du uns eine kleine Führung geben?“

Lauren zögerte keine Sekunde. Sie stand auf und rief über die Schulter: „Rhonda, würdest du für mich den Empfang übernehmen?“

Ohne Millie auch nur eines Blickes zu würdigen, verkündete sie: „Dann los, ihr zwei. Es wird euch bei uns gefallen.“

Es hätte nicht viel gefehlt, und Lauren Bell hätte einen kleinen Freudentanz aufgeführt, dachte Millie ärgerlich.

Bevor er Lauren folgte, flüsterte Jake: „Na, wie habe ich das gemacht?“

„Ganz toll. Für jemanden, der angeblich keinen Charme hat“, gab Millie kühl zurück.

„Ich habe nie behauptet, dass ich keinen Charme habe, Fairy Poppins“, erwiderte Jake. „Ich setze ihn bloß sehr gezielt ein.“

„Dann sieh zu, dass du dich nicht verbrennst. Ich bin im Wartezimmer. Bis später.“ Mit diesen Worten wandte Millie sich ab.

Es dauerte keine zehn Minuten, bis Brooke zu Millie zurückkehrte. „Hier wird Daddy nichts passieren“, verkündete sie zufrieden. „Und Bunny gefällt es auch.“

Sie drehte sich um und winkte Jake, der im Türrahmen stehen geblieben war. „Bis später, Daddy.“

„Bis später, Liebes.“ Sein Blick fing Millies und hielt ihn fest. Die Art, wie er sie plötzlich ansah, sandte einen warmen Schauer über ihren Körper – und an Stellen, an denen er gar nichts zu suchen hatte.

„Danke, Millie. Für alles.“

Sie probierte eine wegwerfende Geste, doch es sah eher aus wie ein missglücktes Winken. „Ich mache nur meinen Job!“, rief sie betont fröhlich.

Sein Blick verfinsterte sich, und Millie bereute augenblicklich, was sie gesagt hatte. Aber da war es schon zu spät. Jake hatte sich umgedreht und war verschwunden.

4. KAPITEL

Bevor sie in die Stadt fuhr, hinterließ Millie eine Nachricht auf Olivias Mailbox. Wenn sie Jake und Brooke weiterhin durch die Gegend kutschieren wollte, brauchte sie unbedingt ein anderes Auto, und Olivia wusste bestimmt einen Rat.

Auf dem Weg ins Stadtzentrum hielt Millie am Supermarkt, um einige Besorgungen zu machen.

Es waren viele Touristen unterwegs, die das schöne Spätsommerwetter nutzten. Von Olivia wusste Millie, dass Crimson besonders von den Besuchern profitierte. Olivia war mit Crimsons ehemaligem Bürgermeister verheiratet gewesen, bevor sie die Scheidung eingereicht und Jakes Bruder Logan kennengelernt hatte.

Jetzt leitete sie das Bürgerzentrum und organisierte Begegnungen für lokale und auswärtige Künstler und Kunstinteressierte. Außerdem hatte sie einen Geschenkladen eröffnet, in dem man lokale Produkte erstehen konnte.

Millie wunderte sich nicht im Geringsten, dass die kleine Stadt ein Magnet für Touristen war. Die Rocky Mountains boten eine wundervolle Kulisse für die hübsche Stadt mit ihren farbenfrohen, im viktorianischen Stil gehaltenen Häusern. Trotzdem hatte sich der Ort seinen Kleinstadtcharme bewahrt, und die Menschen waren freundlich und zuvorkommend – anders als in anderen, angesagten Höhenkurorten, wo es nur schicke Läden und überteuerte Restaurants gab.

In Crimsons Zentrum entdeckte Millie eine hübsche kleine Bäckerei, die sie magisch anzog. Das lag nicht nur an dem Schild mit der Aufschrift Life is Sweet, sondern an den appetitlichen Kuchen, die in der Auslage zu sehen waren.

„Wir brauchen Brot für French Toast“, sagte Millie und hielt Brooke die Tür auf. „Und was möchtest du?“

„Blaubeermuffins!“, rief Brooke ohne zu zögern und sah sich mit großen Augen um.

Auch Millie gefiel es auf Anhieb. Hier herrschte eine gemütliche, einladende Atmosphäre, und es duftete nach frisch geröstetem Kaffee und Kuchen aus dem Ofen.

Die Wände waren in hellem Gelb gehalten, und die Theke und die niedrigen Tischchen in einer Ecke waren aus dunklem, naturbelassenem Holz gefertigt. Die Gäste führten mit einem verträumten Ausdruck im Gesicht Gabeln voll herrlichem Kuchen zum Mund.

Millie entdeckte an einem der Tische Natalie Holt, eine Freundin von Olivia, die sie einmal bei ihrer Schwester getroffen hatte.

Natalie winkte sie zu sich. Sie unterhielt sich gerade mit einer jungen Frau mit einem offenen, sympathischen Lächeln, die sich als Katie Garrity vorstellte. „Katie ist die Kuchenfee“, erklärte Natalie und zwinkerte Brooke zu.

Millie erinnerte sich daran, wie Olivia von ihr gesprochen hatte. Die Besitzerin von Life is Sweet war allerdings jünger, als Millie sie sich vorgestellt hatte.

Beide Frauen begrüßten Millie herzlich und hatten einige liebe Worte für Brooke, die sich zuerst schüchtern hinter Millies Rücken versteckte.

Millie spürte erneut einen Anflug von Eifersucht auf das Leben, das Olivia sich hier aufgebaut hatte. An dem Ort, an dem sie sich so wohlfühlte, auch noch liebe Freundinnen zu finden, war etwas, das Millies Vorstellung von Glück schon sehr nahe kam.

„Millie ist auch eine Fee“, sagte Brooke mit wachsendem Mut. „Sie ist Fairy Poppins. Sogar Dad hat sie vorhin so genannt.“

Natalie hob die Brauen und wechselte einen amüsierten Blick mit Katie.

Autor

Judy Christenberry

Judy Christenberry war nicht immer eine Autorin, aber schon immer eine Träumerin. Sogar als Kind hat sie sich selbst Geschichten erzählt, in denen sie stets die Heldin war. Aber erst mit 38 Jahren, ein Jahr nach dem völlig unerwarteten Tod ihres Vaters, schrieb sie ihre erste Romance. Denn damals wurde...

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Michelle Major

Die USA-Today-Bestsellerautorin Michelle Major liebt Geschichten über Neuanfänge, zweite Chancen - und natürlich mit Happy End. Als passionierte Bergsteigerin lebt sie im Schatten der Rocky Mountains, zusammen mit ihrem Mann, zwei Teenagern und einer bunten Mischung an verwöhnten Haustieren. Mehr über Michelle Major auf www.michellemajor.com.

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