CORA Best of Band 13

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SCHNEEKÜSSE FÜR DIE WINTERBRAUT von NINA MILNE

Hell leuchtet der Mond, Schnee liegt in der Luft: Der Ausritt mit dem Fremden ist für Gabriella ein Abschied vom alten Leben. Morgen wird sie als neue Kronprinzessin von Casavalle den Ball mit dem Prinzen des Nachbarlandes eröffnen. Wäre sie frei, würde sie jetzt ihren Begleiter küssen …

NUR EINE SÜSSE WEIHNACHTSROMANZE? von NINA SINGH

Seit ihrer geplatzten Weihnachtshochzeit flieht Celeste vor dem Fest der Liebe in die Karibik. Doch statt Ruhe und Erholung erwartet sie diesmal pure Sinnlichkeit. Hotel-Tycoon Reid küsst sie heiß und bringt sie sogar zum Lachen. Kann er auch ihre Wunden heilen?

EINGESCHNEIT MIT UNSEREM DADDY von CHRISTINE RIMMER

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KÜSS MICH UNTERM MISTELZWEIG! von CAROL MARINELLI

Hebamme Louise ist betörend schön, witzig, sexy – und tabu für Dr. Anton Rossi! Nach einer schlechten Erfahrung hält er Job und Privatleben strikt getrennt. Auf der Weihnachtsfeier kann er trotzdem nicht widerstehen, Louise zu küssen. Schließlich stehen sie beide unterm Mistelzweig …


  • Erscheinungstag 24.10.2026
  • Bandnummer 13
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538961
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Nina Milne, Nina Singh, Christine Rimmer, Carol Marinelli

CORA BEST OF BAND 13

Nina Milne

1. KAPITEL

Royal Palace, Aguilarez, November …

Seine königliche Hoheit Prinz Cesar Asturias aus Aguilarez blickte vom Helikopter auf die vertrauten Bäume, Felsen und Klippen hinunter, während der Pilot den Hubschrauberlandeplatz ansteuerte, der oberhalb des festungsartigen Palastes lag. Hier war er aufgewachsen. In einem Palast, den er in den letzten drei Jahren nur selten besucht hatte.

Außer, wenn er von höchster Stelle herzitiert wurde – wie jetzt.

Diesmal zu einem Familiengipfel. Vermutlich, um angesichts des Skandals, der das Königshaus bis in die Grundfesten erschüttert hatte, eine Strategie zu entwickeln, die den Schaden begrenzte oder im besten Fall abwandte. Zumal der Skandal auch das benachbarte Königshaus Valenti in Casavalle betraf.

Zwei Königreiche, die sich dieselbe Insel teilten – und damit auch eine Geschichte voller Fehden und Kriege. Ein unerbittlicher Schlagabtausch von Invasionsversuchen hatte beide Länder so geschwächt, dass die Regenten schließlich einen fragilen Frieden ausgehandelt hatten, der über zwei Jahrhunderte hielt. Und von dem beide Länder profitierten.

Ein bedrohter Frieden. Und das allein wegen Cesars Schwester Meribel.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Wie alle fünf königlichen Geschwister wusste Meribel von Kindesbeinen an, dass Aguilarez immer an erster Stelle stand und damit auch Ehre, Verantwortungs- und Pflichtgefühl, während Emotionen nicht besonders hoch gehandelt wurden – sprich: gar keine Rolle spielten.

Daher war ihm Meribels Verhalten unbegreiflich. Nur wenige Tage vor ihrer Vermählung mit Kronprinz Luca Valenti ließ sie die Hochzeit platzen. Aber damit nicht genug: Sie war schwanger mit dem Kind eines anderen Mannes. Sie und Luca waren einander schon als Kinder versprochen worden, um eine Allianz zwischen beiden Königreichen zu schließen, die nun hinfällig war.

Diesem Skandal folgte ein zweiter auf dem Fuße, als sich herausstellte, dass der Kronprinz von Casavalle gar keiner war. Wie es aussah, würde an seiner Stelle Gabriella Ross den Thron besteigen. Gabriella war Lucas bisher verschollene ältere Schwester aus der ersten Ehe seines verstorbenen Vaters und in Kanada ohne Kenntnis ihres Erbes oder ihres königlichen Blutes aufgewachsen.

Das Ganze war ein heilloses Chaos. So wunderte es niemanden, dass in Casavalle und Aguilarez große Aufregung und Unsicherheit herrschten und beide Seiten schwere Vorwürfe wegen Betrugs und Gegenbetrugs gegen das Nachbarreich erhoben.

Daher auch der Befehl an Cesar, sich im elterlichen Palast einzufinden.

Obwohl es eigentlich eher eine Bitte gewesen war und er die Notwendigkeit eines Treffens absolut einsah, stieß ihm die knappe Aufforderung ohne ein Anzeichen familiärer Zuneigung unangenehm auf. Aber so war der Umgangston im Königshaus von jeher gewesen, und so würde es wohl auch für immer bleiben.

Egal. Jetzt war er hier und wappnete sich innerlich für die Tortur, die ihm unweigerlich bevorstand, während er gleichzeitig tief die frische, schneegeschwängerte Bergluft einatmete. Ungeachtet aller familiärer Differenzen war dies seine Heimat, die er liebte.

Nur Minuten später betrat Cesar den Thronsaal, wo ihn seine Eltern mit ernsten Mienen erwarteten. Auf einem Podest im Hintergrund stand der imposante, mit Juwelen verzierte Thron, eine Kriegsbeute aus ferner Vergangenheit. Die Wände ringsum zierten riesige Ölgemälde, die vergangene Schlachten heroisierten, und über dem massiven Marmorkamin prunkte ein stolzes Paar gekreuzter Schwerter.

„Das wurde auch höchste Zeit, Cesar“, empfing ihn sein Vater, König Jorge. „In wenigen Stunden werden wir in Casavalle erwartet und haben bis dahin noch eine Menge zu besprechen.“

Während er sich zuerst vor seinem Vater und dann vor seiner Mutter verneigte, wechselte Cesar geschmeidig in den Diplomatenmodus, eine Rolle, auf die er von Kindesbeinen an getrimmt worden war. „Verzeih, Vater.“

Auf keinen Fall durfte er Gründe für eine Verspätung oder ein Versäumnis angeben, da dies nur als Ausrede gewertet würde.

„Zuerst müssen wir über Lady Amelia sprechen“, übernahm seine Mutter das Gespräch.

„Müssen wir?“ Cesar konnte sich nicht vorstellen, wozu das dienen sollte.

Lady Amelia Scott-Browne war seine derzeitige Liebschaft. Wie lange noch, stand allerdings in den Sternen. Einer Ehe war er bisher aus Überzeugung erfolgreich ausgewichen, da er nicht unter dem Druck stand, Thronerben liefern zu müssen. Seine beiden Brüder waren zum Altar marschiert und hatten inzwischen die erforderlichen Erben gezeugt.

„Ja, Cesar, das ist sogar eminent wichtig. Du musst diese … Liaison beenden.“

Seine Mutter machte keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegenüber Lady Amelia.

„Und warum, wenn ich fragen darf?“ Bisher hatten sich seine Eltern nie in seine amourösen Verbindungen eingemischt, sondern so getan, als existierten sie nicht.

Sein Vater beugte sich vor. „Weil wir einen Plan haben.“

Cesar verspürte ein übles Kribbeln im Nacken. „Was für einen Plan?“

„Der beste Schachzug, ein Bündnis zu schließen und der Welt zu zeigen, dass Aguilarez und Casavalle immer noch Verbündete sind, ist eine Ehe. Also wirst du die neue Kronprinzessin von Casavalle heiraten, Gabriella Ross.“

Königspalast von Casavalle, Dezember…

Gabi fand einfach keinen Schlaf.

Zweitausendsiebenhundertfünf Schafe hatte sie bereits gezählt. Sie hatte es mit Yoga-Tiefenatmung versucht und sich erfolglos vorgehalten, dass es geradezu eine Sünde war, umgeben von all dem Komfort, der einer Königin nun einmal zustand, nicht wie ein Baby zu schlummern. In ihrem Kopf schwirrten einfach zu viele wirre Gedanken herum.

Aber wie sollte sie auch mit der surrealen Vision zurechtkommen, demnächst auf einem Thron sitzen und regieren zu müssen?

Einunddreißigeinhalb Jahre ihres Lebens hatte sie geglaubt, ein gewöhnlicher Mensch zu sein. Gabriella war von einer ältlichen Tante und deren Mann in einer kleinen Stadt in den kanadischen Bergen großgezogen worden, hatte nach deren Tod ihre Buchhandlung geerbt und sie in einen florierenden Laden verwandelt, was ihr viel Freude bereitet hatte.

Und jetzt saß sie in diesem Palast fest.

Nur, weil sie vor acht Monaten zwei Briefe von ihrer Mutter gefunden hatte, die gestorben war, als Gabriella drei gewesen war. Ein Brief war an König Vincenzo von Casavalle gerichtet, der andere an sie. Beide Briefe enthüllten ihre wahre Identität: König Vincenzo Valenti war ihr Vater. Ein Vater, den sie nie kennenlernen würde, der nichts von ihrer Existenz gewusst hatte.

Was für eine Ironie! Von allen Wunschträumen, die Gabi in ihrer kindlichen Sehnsucht durchgespielt hatte, war der unwahrscheinlichste Realität geworden.

Ich bin eine Prinzessin. Eine echte!

Mit einem unwilligen Seufzer gab sie den Versuch auf, doch noch einzuschlafen. Sie stopfte sich eines der weichen Daunenkissen in den Rücken und schaute sich in ihrem prächtigen Schlafgemach um, das in Rot- und Goldtönen gehalten war.

In einer Ecke stand ein Weihnachtsbaum, bestückt mit funkelnden Lichtern und wunderschön bemalten Glaskugeln. Plötzlich befiel sie Heimweh nach ihrem winzigen Schlafzimmer in Crystal Lake. Ein kuscheliger Raum mit schlichten Kiefernmöbeln und dem Poster eines Hockeyspielers, für den sie als Teenager geschwärmt hatte, das immer noch in den Tiefen ihres Kleiderschrankes existierte.

Stopp! rief sie sich energisch zur Ordnung.

Es gab so viel, wofür sie dankbar sein musste. Nach dem Tod ihrer Tante und ihres Onkels war sie ganz ohne Familie gewesen, und jetzt hatte sie zwei Brüder, zu denen sie vom ersten Moment an eine Verbindung gespürt hatte.

Als zusätzlichen Bonus hatte sich Luca, der ältere der beiden, in ihre beste Freundin Imogen verliebt. Ihr zweiter Bruder Antonio würde bald Tia heiraten, die Gabi bereits liebte wie eine Schwester. Außerdem hatte Königin Maria, die Mutter der beiden Prinzen, sie voller Wärme und Herzlichkeit aufgenommen, wie eigentlich alle hier.

Trotzdem lastete ein erdrückendes Schuldgefühl auf ihr.

Luca war in dem Glauben erzogen worden, der nächste Thronerbe von Casavalle zu sein, und musste diesen Platz jetzt für sie räumen. Die Auswirkungen dieses drastischen Einschnitts auf die gesamte königliche Familie ängstigten sie ebenso wie das Gefühl, der verantwortungsvollen Position nicht gewachsen zu sein.

Sie wusste ja nicht einmal, wie sich eine Königin zu benehmen hatte. Und das wenige Stunden vor ihrem Präsentationsball, auf dem sie am heutigen Abend der Öffentlichkeit vorgestellt werden sollte!

Kein Wunder, dass sie nicht schlafen konnte!

Zum Wohle von Casavalle und Aguilarez musste Gabi die Menschen für sich und ihre Sache gewinnen, um die Nachwirkungen der Skandale einzudämmen, die das Land in Unruhe versetzt hatten. Das hieß aber gleichzeitig, unter den Augen all dieser Würdenträger zu agieren und hinzunehmen, dass jede Äußerung von ihr im In- und Ausland beobachtet und hinterfragt wurde. Nicht zu vergessen, dass sie sich außerdem der königlichen Familie von Aguilarez stellen musste, einschließlich des berühmt-berüchtigten Prinzen Cesar, der nicht gerade erfreut gewesen sein sollte, von seinen Aufgaben als Botschafter abberufen zu werden, um auf ihrem Ball zu erscheinen.

Gabi seufzte schwer. Für beide Königshäuser wäre es sicher einfacher gewesen, wenn sie nie die Wahrheit über ihre Herkunft herausgefunden hätte.

Was für eine traurige Parallele zu ihrer Kindheit. Denn auch damals hatte sie gespürt, dass Tante Bea und Onkel Peter – ein älteres kinderloses Ehepaar – es leichter gehabt hätten, wenn sie nicht mit der dreijährigen Gabi belastet worden wären.

Es hatte keinen Sinn, sich noch länger zu quälen. Sie würde ohnehin kein Auge mehr zubekommen.

Gabi schwang die Beine über die Bettkante und vergrub die nackten Zehen in dem dicken flauschigen Teppich. Sie zog Jeans und ein lässiges Sweatshirt über ihren Flanell-Pyjama und schlüpfte in ihre Laufschuhe. In dieser nicht sehr königlichen Aufmachung schlich sie auf Zehenspitzen in Richtung Küche, um sich einen Kamillentee zu machen und vielleicht noch einen kleinen Snack. Vor lauter Nervosität wegen des Balls hatte sie das Abendessen ausfallen lassen.

Unterwegs rief sie sich selbst zur Ordnung, weil sie sich wie eine Diebin durch den Palast bewegte, obwohl er ihr als zukünftiger Königin faktisch gehörte. Doch dieses Wissen hemmte sie eher, da sie angesichts der unzähligen Traditionen, Regeln und Vorschriften ständig befürchtete, dem stolzen Namen Valenti niemals gerecht werden zu können.

Vermutlich ähnlich, wie auch ihre Mutter es vor gut dreißig Jahren erlebt hatte, als Sophia Valenti quasi bei Nacht und Nebel ohne Erklärung aus ihrer Ehe mit König Vincenzo geflohen war. Sobald der Skandal nicht mehr in aller Munde war, endete sie als die kürzeste Fußnote in der Chronik des Königshauses von Casavalle.

Als Gabi sich der Küche näherte und trotz der späten Stunde hörte, wie das Personal offenbar noch eifrig dabei war, die bevorstehenden Feierlichkeiten vorzubereiten, verließ sie der Mut. Wie es aussah, war der Palast ein lebender Organismus, der nie schlief. Aber dann kam ihr ein Geistesblitz …

Die Reitställe! Dort würde sie Ruhe und Frieden finden, weil es diese großartigen Tiere nicht interessierte, ob sie eine Prinzessin war oder nicht. Besonders freute sie sich auf zwei Prachtexemplare, die erst heute als Willkommensgeschenk für sie aus dem Königshaus Aguilarez dem hiesigen Bestand hinzugefügt worden waren.

Selbst wenn es lächerlich war, hatte Gabi sich schon den ganzen Tag über gefragt, ob die edlen Tiere möglicherweise Heimweh hatten. Der unvermeidliche Pressefototermin mit ihren Geschenken hatte ihre Besorgnis eher verstärkt als beschwichtigt.

Bevor sie es sich anders überlegen konnte, schlich sie an der Küchentür vorbei und durch einen Seitenausgang in den gepflasterten Innenhof. Ein eisiger Hauch raubte ihr zunächst den Atem, doch dann sog sie geradezu begierig die schneeschwangere Nachtluft ein. Es war ein vertrauter Geruch und doch so anders als der in ihrer kanadischen Heimat.

Im Stall war es behaglich warm. Und sobald Gabi die beiden Neuankömmlinge gefunden hatte, die sie leise wiehernd begrüßten, fühlte sie sich regelrecht belebt. Sanft strich sie über die seidigen Nüstern der Tiere.

„Wenn ihr doch nur morgen zum Ball kommen könntet anstatt der asturischen Königsfamilie, die …“

Ein seltsames Geräusch ließ sie innehalten. Es hörte sich an wie Schritte und das Rascheln eines sperrigen Kleidungsstückes. Gabis Irritation verwandelte sich in Sekundenschnelle in echte Panik. Wer immer das sein mochte … zu dieser Zeit in diesem Aufzug im Stall erwischt zu werden brachte sie in jedem Fall in Erklärungsnot.

Instinktiv nutzte sie die nächstbeste Fluchtmöglichkeit, hechtete förmlich in eine der Boxen, landete bäuchlings im Stroh und blieb mit angehaltenem Atem lauschend liegen, während ihr Herz ganz oben im Hals schlug.

Cesar Asturias fluchte lautlos in sich hinein, während er mit ausholenden Schritten den Innenhof des Casavalle-Palastes überquerte. Nach einem weiteren Treffen von Vertretern beider Königshäuser hier vor Ort gestaltete sich die Sachlage immer verworrener und komplizierter. Wie es aussah, saß er in der Falle und sollte nun das ultimative Opfer bringen: eine politisch motivierte Ehe!

Der Diplomat in ihm akzeptierte das als Notwendigkeit, um das filigrane Bündnis zwischen Casavalle und Aguilarez zu festigen und nach außen zu demonstrieren, dass beide Königshäuser Gabriella Ross als rechtmäßige Königin akzeptierten.

Zumal die Heirat mit ihr quasi als Zweitnutzen auch Meribels unsägliches Verhalten ausbügeln und hoffentlich vergessen machen würde. Eine von beiden Königshäusern bereits im Kindesalter arrangierte Hochzeit in letzter Sekunde platzen zu lassen! Und das auch noch schwanger von einem anderen Mann und mit der Begründung, nur eine echte Liebesheirat eingehen zu wollen!

Nun war es an ihm, den Scherbenhaufen wieder zu einem Glanzstück der Diplomatie zusammenzufügen …

Also hatte er sich schließlich zähneknirschend bereit erklärt, dem für Gabriella Ross geplanten Ball am nächsten Tag beizuwohnen.

Operation königliche Vernunftehe zum Wohle aller! So hieß die aktuelle Devise.

Tatsächlich war es ein Feldzug, der sorgfältig geplant und vorbereitet werden musste. Und da Braut und Bräutigam heutzutage laut seinem Vater bedauerlicherweise nicht mehr zur Ehe gezwungen werden konnten, hatte dieser sich bemüßigt gefühlt, ihm noch einen weisen Rat mit auf den Weg zu geben. Umso mehr, als Gabriella Ross keine königliche Erziehung genossen hatte, auf die man zurückgreifen könne.

„Du musst vorsichtig und mit Bedacht vorgehen, Cesar. Am besten bringst du sie dazu, sich in dich zu verlieben.“

Seine Reaktion hatte keine Sekunde auf sich warten lassen und war eindeutig gewesen. „Das werde ich sicher nicht tun, sondern mich bemühen, sie mit Argumenten zu überzeugen. Aber ich muss alle Anwesenden bitten, sich diesbezüglich absolut herauszuhalten …“ Sein vielsagender Blick galt in erster Linie seinen Eltern sowie Königin Maria.

„Ich möchte nicht, dass Gabriella in irgendeiner Form unterwiesen, gezwungen oder überredet wird. Meribel hat uns allen gerade höchst wirkungsvoll vorgeführt, wie schief so etwas laufen kann. Ich werde alles Notwendige auf meine Weise tun.“

So lautete die allgemeine Vereinbarung schlussendlich, dass Königin Maria die geplante Verbindung weder ihren Söhnen noch Gabriella gegenüber erwähnen sollte.

Mit finsterer Miene und ebensolchen Gedanken strebte Cesar seinem Wagen zu, um so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Er stoppte aber ad hoc, als helles Wiehern aus Richtung der Stallungen ertönte.

Das war noch ein Punkt, der ihn maßlos ärgerte und tief getroffen hatte. In einer weiteren Geste guten Willens hatte man sich dahin verstiegen, Gabriella zwei Vollblutpferde zu schenken, von denen ihm eines besonders am Herzen lag. Doch seine Einwände waren fruchtlos verhallt.

„Wenn alles wie geplant läuft, gehen die Pferde ja ohnehin wieder in deinen Besitz über“, hatte sein Vater emotionslos angeführt.

Und seine Mutter hatte das, sichtlich verärgert, noch getoppt. „Sei nicht albern, Cesar. Du warst in den letzten Jahren kaum in Aguilarez und hast diese Pferde doch so gut wie nie zu Gesicht bekommen. Dann von Zuneigung zu sprechen …“

Da war es wieder, das unausgesprochene Motto derer von Aguilarez: Emotionen sind sinnlos und eher kontraproduktiv. Also gilt es, sie zu vermeiden oder zumindest nicht zu zeigen.

Das beste Beispiel war die Ehe seiner Eltern: eine kalte Vereinigung, aus der dennoch fünf Kinder hervorgegangen waren. Das Königspaar hatte einander die Treue gehalten. Aber Anzeichen von Intimität oder auch nur einfacher Zuneigung hatte Cesar nie feststellen können.

War es da ein Wunder, dass er sich schon in jungen Jahren gegen die Ehe und für ein problemloseres und weitaus vergnüglicheres Junggesellenleben entschieden hatte? Doch jetzt lag ein Schicksal vor ihm, das dem seiner Eltern ähnelte. Besonders frustrierend war, dass er die Notwendigkeit dieses Manövers sogar einsah.

Ein leises Wiehern durchbrach seine düsteren Gedanken. Zur Hölle! Das musste ein Zeichen sein. Er würde zu Ferron gehen und ihn begrüßen. Unsinnig oder nicht, er mochte diesen Satansbraten.

Als er den Pferdestall betrat, überfiel ihn das untrügliche Gefühl, dass er nicht allein war. Eine hastige Bewegung, ein scharfer Atemzug, das Rascheln von Stoff.

Cesar beeilte sich, Ferrons Box zu inspizieren, aber mit dem Hengst schien alles in Ordnung zu sein. Geräuschlos bewegte er sich in Richtung der benachbarten Box und stieß in höchster Alarmbereitschaft die Tür auf. Ein Pferdedieb oder Saboteur?

Auf jeden Fall versuchte er, sich im Stroh zu verbergen.

Cesar zog sein Handy aus der Tasche, richtete den Strahl der Taschenlampe auf die Gestalt am Boden – und blinzelte betroffen.

Vor ihm im Stroh lag eine der schönsten Frauen, die ihm je unter die Augen gekommen waren. Langes kastanienbraunes Haar, eine gerade, klassische Nase, hohe Wangenknochen. Und dazu diese schlanke und zugleich aufregend kurvige Figur, die selbst lässige Jeans und ein Oversized-Pullover nicht kaschieren konnten, aus dessen weiten Ärmeln auch noch die karierten Manschetten eines Flanellpyjamas hervorlugten.

Jetzt galt es allein eine Frage zu klären: Warum versteckte sich Gabriella Ross, Kronprinzessin von Casavalle und, wie es aussah, seine zukünftige Braut, vor ihm in einem Strohbett?

2. KAPITEL

Gabi beschattete ihre Augen mit der Hand vor dem aufdringlichen Lichtstrahl, und sofort lenkte der Eindringling ihn gen Boden.

Wie dumm von mir und wie demütigend! Was, um alles in der Welt, hat mich geritten, in einer Pferdebox Zuflucht zu suchen?

Auch wenn es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein schien, musste sie jetzt wenigstens versuchen, einen Rest Würde zu wahren beziehungsweise wiederzuerlangen! Als sie zu dem Mann aufsah, beugte er sich zu ihr und streckte eine Hand aus.

„Darf ich Ihnen aufhelfen, Königliche Hoheit?“

Na super! Er hatte sie erkannt. Damit war jede Hoffnung, sich als übermüdetes Stallpersonal auszugeben, dahin.

„Danke …“, murmelte sie und akzeptierte lieber die angebotene Hilfe, als womöglich noch ungeschickt auf die Füße zu kommen. Seine Hand umfasste ihre. Der Griff war kühl und fest, und sobald sie sicher stand, gab er sie frei.

Neugierig musterte sie sein im Schatten liegendes Gesicht. Selbst im schwachen Schein der Handylampe bemerkte sie die ausdrucksvollen Gesichtszüge und das amüsierte Lächeln. Dunkles, kurzes Haar, ein markantes Kinn und eine beeindruckende Körpergröße. Der elegante graue Wollmantel betonte die breiten Schultern. Gabis Interesse war geweckt … wider Willen!

Etwas verspätet fragte sie sich, ob sie Angst haben müsste, da sie den Mann noch nie in den Stallungen gesehen hatte. Aber vielleicht gehörte er ebenfalls zu dem ausgefallenen Geschenk und sollte sich um die beiden kostbaren Pferde Ferron und Arya kümmern. Nur seltsam, dass er ihr auf den zweiten Blick vage vertraut vorkam …

Lieber Himmel! Müsste sie ihn kennen und erinnerte sich nur nicht? Sie war in den letzten Wochen so vielen Menschen vorgestellt worden, dass es fast unmöglich war, sich an alle zu erinnern, obwohl sie es wirklich versuchte.

Aber wenn sie es recht bedachte, wirkte er nicht wie ein Pferdepfleger.

„Noch einmal danke. Ehrlich gesagt ist mir die Situation ziemlich unangenehm …“ Sie wies mit dem Kinn in Richtung des Strohhaufens. „Es mag albern klingen, aber ich dachte, die Pferde könnten sich hier fremd fühlen, weshalb ich kurz nach ihnen sehen wollte.“

Er lächelte und nickte. „Das ergibt Sinn oder ist zumindest eine sympathische Geste, aber …“ Jetzt wies er mit seinem markanten Kinn in dieselbe Richtung wie sie gerade. „Aber warum das Strohlager?“

„Ich … Sie haben mich erschreckt. Ich bin nur in Deckung gegangen“, erklärte Gabi und versuchte, einigermaßen hoheitsvoll zu klingen. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass um diese Zeit jemand nach den Pferden schaut, und wollte Sie nicht bei Ihrer Arbeit stören. Lassen Sie sich durch mich nicht aufhalten.“

Ein Ausdruck, den Gabi nicht deuten konnte, huschte über sein Gesicht. Dann trat er einen Schritt zurück und verbeugte sich leicht. „Ma’am, Sie müssen sich weder erklären noch entschuldigen. Ferron und Arya wissen Ihre Fürsorge sicher zu schätzen.“

„Und ich bin sicher, dass die beiden Ihnen ebenso am Herzen gelegen haben“, erwiderte sie spontan. „Waren Sie …“

„Ja, ich war für sie verantwortlich und bin nur hier, um sicherzustellen, dass es ihnen gut geht und sie kein Heimweh haben, wie Sie es ebenfalls befürchteten. Aber bevor ich nach Aguilarez zurückkehre …“ Cesar zögerte. „Wir könnten einen Mondscheinausritt unternehmen, damit Sie die beiden besser kennenlernen.“

Jetzt sollte sie vermutlich zögern. Für Gabi hörte sich der Vorschlag himmlisch an, aber durften Prinzessinnen derart ungewöhnliche Ausflüge überhaupt unternehmen? Wenn sie doch nur besser mit der Hofetikette vertraut wäre!

Andererseits … was für ein Abenteuer! Und genau die Art von Abwechslung und Entspannung, nach der sie sich sehnte.

Außerdem gehörte dieser Mann zum Palastpersonal des Königshauses Aguilarez, liebte offensichtlich die Pferde und hoffte wahrscheinlich auf die Chance zu einem letzten Ausritt. So gesehen wäre es ein Akt der Freundlichkeit und Kulanz von ihrer Seite. Außerdem ritten Könige doch öfter mit Gefolge aus, und auf diese Weise erfuhr sie möglicherweise noch vor dem Ball etwas mehr über die Königsfamilie Asturias im Allgemeinen und Prinz Cesar im Besonderen.

„Danke für das Angebot. Ein Ausritt würde mir sicher guttun, wenn Sie nicht gleich zurückmüssen?“

„Nein, aber die Nachtluft ist ziemlich kalt. Wenn es nicht zu anmaßend ist, würde ich Ihnen gern meinen Mantel anbieten.“

„Und was ist mit Ihnen?“

„Ich bin hier aufgewachsen und diese Temperaturen gewohnt, Ma’am. Mein Pullover hält mich warm genug.“ Er zog seinen Mantel aus und reichte ihn ihr mit einem Lächeln, das ihr Herz plötzlich ganz oben im Hals schlagen ließ.

„Danke, obwohl ich bestimmt lächerlich …“ Sie brach ab, als ihr einfiel, dass kaum etwas noch lächerlicher wirken konnte als die Pyjama-Ärmel und -Hosenbeine, die unter ihrer Jeans und dem Sweatshirt hervorlugten.

„Dann sattle ich die beiden.“

„Das machen wir zusammen“, entschied Gabi. „Wen möchten Sie reiten? Ferron, nehme ich an?“ Schließlich war er zuerst zu dem Hengst gegangen.

„Wenn es Ihnen recht ist, gern.“

Gabi nickte und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie er den Hengst sattelte. Seine Bewegungen waren flüssig und sicher. Die gutturalen, fast zärtlichen Laute und sanften Berührungen, die er dabei benutzte, ließen auf eine große Vertrautheit mit dem Tier schließen.

Kurz darauf führten sie die Pferde aus dem Stall und saßen auf.

„Wohin?“, fragte er.

„Durch die Wälder?“

„Gern“, kam es zurück, während er den Hengst mit Schenkeldruck in die angegebene Richtung lenkte.

Erst hier, im hellen Mondschein, fielen ihr seine gepflegten Hände und die definitiv kostspielige Kleidung auf.

„Arbeiten Sie schon lange für die Königsfamilie?“, erkundigte sie sich.

„Mein ganzes Leben. Man könnte sagen, es ist eine Familientradition.“

Gabi glaubte, einen Hauch von Ironie zu hören. Aber vielleicht irrte sie sich auch. „Bedauern Sie das?“

„Überhaupt nicht, es ist nur manchmal schwierig, ein bereits vorherbestimmtes Leben zu führen.“

„Mir hat das gefallen“, gestand sie spontan. „Ich meine mein altes Leben.“

„Sie haben in einem Buchladen in Kanada gearbeitet?“

Ihr Lachen war leise und wehmütig. „Oh, es war viel mehr als das! Meinem Onkel und meiner Tante gehörte dieser Buchladen, und ich habe ihn nach ihrem Tod geerbt.“

Sie war Peter und Bea, die innerhalb weniger Monate gestorben waren, so dankbar dafür gewesen, dass sie ihren eigenen Traum geopfert und sie an Kindesstelle angenommen hatten. Ohne die beiden hätte sie ganz allein auf der Welt gestanden.

Nach ihrem Tod hatte sie sich in Arbeit geflüchtet, um sich wieder zu fangen, und Kinder und Erwachsene mit Leseschwächen unterrichtet. Daneben tat sie alles, um den Buchladen zum Florieren zu bringen. „Neben dem Regieren eines Königreiches mag es nach Peanuts aussehen, aber ich habe meinen Laden nicht nur geliebt, sondern ihn zu einem echten Erfolg gemacht.“

Gabi hoffte inständig, dass der Geschäftsführer, den sie eingestellt hatte und so oft wie möglich anrief, ihren Standard aufrechterhalten konnte.

„Und Sie hatten keine Ahnung von Ihrer wahren Herkunft und Ihrem Erbe?“

Noch ganz in Gedanken schüttelte sie den Kopf. „Nein, absolut nicht.“

Plötzlich war der Hengst dicht neben ihr, als wollten Tier und Mensch ihr Trost spenden. „Das muss sehr hart für Sie sein.“

Sie sah ihren Begleiter direkt an. „Sie sind einer der wenigen Menschen, die das offenbar nachvollziehen können.“ Allgemein war man der Meinung, sie müsse außer sich vor Begeisterung über ihre unverhoffte Position sein.

„Die meisten Menschen haben die naive Vorstellung, ein Adelstitel bedeute Glamour, Geld und Ruhm. Das stimmt zum Teil, aber es gibt auch die Kehrseite der Medaille.“

„Ja, diese starren Regeln und …“ Plötzlich realisierte Gabi, was sie da so unbedarft von sich gab. Das entsprach ganz sicher nicht dem Ehrenkodex von Prinzessinnen! „Es erfordert eine enorme Umstellung und Anpassung.“

Sie beugte sich vor und tätschelte ihrem Pferd liebevoll den Hals.

„Was ist mit Ihnen?“, wechselte sie dann das Thema. „Selbst wenn Sie aus Familientradition für die königliche Familie arbeiten, sind Sie ja nicht zwangsläufig an sie gebunden, oder?“

Einen Sekundenbruchteil zögerte er mit der Antwort. „Tradition ist wichtig. Mein Job gefällt mir … ich führe ein gutes Leben. Ich wollte nicht undankbar klingen. Auch nicht, als würde ich etwas bedauern.“

Doch Gabi war nicht überzeugt und runzelte die Stirn. „Sie wissen hoffentlich, dass ich dieses Gespräch vertraulich behandele und es niemandem gegenüber erwähnen würde, wenn Sie Vorbehalte gegenüber Ihrer Arbeit hätten.“

Jetzt lächelte er, und sein warmes, beruhigendes Lächeln im hellen Schein des Mondes überzeugte sie. „Ich danke Ihnen, Ma’am. Auch ich werde dieses Gespräch vertraulich behandeln und kann aufrichtig versichern, dass ich keine Furcht vor der Königsfamilie habe.“

„Sie Glücklicher, ich schon!“ Das war ihr entrutscht, bevor sie es verhindern konnte.

„Warum?“ Sein Lächeln war wie weggewischt, und der Ton überraschend scharf. „Was haben sie Ihnen angetan?“

„N… nichts“, stammelte sie verlegen. „Es liegt allein an mir. Ich bin einfach nervös, weil … morgen mein Präsentationsball ist. Oh nein, nicht morgen, sondern schon heute Abend!“ Sie seufzte. „Ehrlich gesagt habe ich einfach Angst. Ich werde allen vorgeführt und fürchte mich schrecklich davor. Es gibt so viele Fettnäpfchen, in die ich stolpern und damit möglicherweise eine politische Auseinandersetzung provozieren könnte …“

„Sie haben nichts zu fürchten, Ma’am. Sie wirken ausgesprochen königlich und sind, wenn ich so frei sein darf, wunderschön. Sie werden Ihre Gäste bezaubern.“

Ihr wurde warm bei seinen Worten, und als ihre Blicke sich trafen, lief ein heißer Schauer über ihren Rücken. Natürlich wusste sie, dass ihm nur daran lag, dass sie sich besser fühlte, denn wunderschön war sie nicht. Ihr größter Pluspunkt war vermutlich ihr langes kastanienbraunes Haar, wenn man davon absah, dass sie nie wirklich wusste, wie sie es bändigen sollte. Was den Rest betraf, war sie bestenfalls Durchschnitt und nahezu einen Meter und achtzig groß.

„Das ist wirklich nett, aber ich möchte nur den Abend überstehen, ohne mich lächerlich zu machen, und wünsche mir, dass die Menschen mir zutrauen, die Rolle auszufüllen, die ich übernehmen soll. Allerdings bezweifle ich, dass mir das beim Königshaus von Asturias gelingt, besonders was Prinz Cesar betrifft.“

Ihr Begleiter zügelte den Hengst und warf ihr einen scharfen Blick zu. „Warum sagen Sie das?“

Gabi seufzte. Sie konnte sich selbst nicht erklären, warum sie diesem Mann derart intime Dinge anvertraute. Vielleicht, weil sie hoffte, dass er sie als langjähriger Mitarbeiter des Königshauses beruhigen könnte?

Nach allem, was sie bisher gehört hatte, hatte Prinz Cesar jahrelang fern seiner Heimat gelebt. Seine Vita klang wie ein schillerndes Kaleidoskop aus Diplomatie, Reisen und Partys, bevorzugt mit umwerfenden Schönheiten am Arm.

„Anscheinend ist Prinz Cesar wütend, weil er extra nach Hause beordert wurde, um mir auf dem Ball vorgestellt zu werden.“

„Ich würde nicht jeden Klatsch glauben. Sich bei derartigen Anlässen im Kreis der königlichen Familie zu zeigen gehört zu seinen Aufgaben.“

Gabi seufzte abermals und schüttelte den Kopf. „Vielleicht will er ja nur nicht mit mir tanzen“, sagte sie leichthin, hörte aber selbst das Zittern in ihrer Stimme. „Ich muss nämlich den Eröffnungstanz mit ihm absolvieren. Wahrscheinlich hat er gehört, dass ich zwei linke Füße habe.“ Noch ein Grund zur Panik!

„Ich bin sicher, Sie unterschätzen sich. Ihre natürliche Anmut zeigt sich schon darin, wie Sie auf dem Pferderücken sitzen.“

„Das ist etwas völlig anderes!“, wehrte Gabi ab, sein Kompliment tat ihr aber trotzdem gut. „Ich reite leidenschaftlich gern. Aber bis ich nach Casavalle kam, habe ich noch nie getanzt … schon gar keinen Walzer! Und jetzt muss ich mit einem Fremden übers Parkett walzen, während mich alle mit Argusaugen beobachten.“ Diese Vorstellung ließ sie trotz des warmen Mantels schaudern.

„Ich bin sicher, Sie werden diese Feuertaufe bestens überstehen, Ma’am“, kam es mit einer ruhigen Sicherheit zurück, die tatsächlich auf sie abzufärben schien.

Seine Worte verführten sie zu einem weiteren Geständnis. „Es ist ja nicht nur der Walzer, sondern das große Ganze. Ich hoffe wirklich inständig, meiner Rolle als Kronprinzessin gerecht werden zu können.“

„Sie müssen keine Rolle spielen, Ma’am. Sie sind die Kronprinzessin, die in absehbarer Zeit Königin sein wird.“ Seine Stimme drang leise, aber nachdrücklich durch die kalte Nachtluft zu ihr herüber. „Das ist nichts, was man nach Belieben aufgeben kann. Dafür wurden Sie geboren, selbst wenn Sie es erst vor Kurzem erfahren haben.“

Sekundenlang glaubte Gabi, eine zentnerschwere Last auf ihren Schultern zu spüren, dann verflüchtigte sich die Vision.

„Wir sollten umkehren“, entschied sie.

„Ma’am?“

„Jetzt gleich.“

Er öffnete den Mund, schien sich aber zu besinnen und schüttelte den Kopf. „Sie haben absolut recht. Kehren wir um.“

Der Heimweg verlief schweigend, nur begleitet vom leichten Hufschlag ihrer Pferde auf dem weichen Waldboden. Doch Gabi konnte nicht anders, als ihren Begleiter aus den Augenwinkeln immer wieder zu beobachten. Vielleicht nur, um die seltsame Anziehungskraft zu ergründen, die er auf sie ausübte.

Dabei war er gar nicht ihr Typ.

Die wenigen Männer, mit denen sie in der Vergangenheit ausgegangen war, glichen sich alle darin, dass sie durchschnittlich gewesen waren … ungefährlich, angenehm, sicher. Das Exemplar neben ihr war davon jedoch weit entfernt. Obwohl er sich ihr gegenüber höflich gab, spürte sie unter der glatten Schale eine Dominanz bis zur Rücksichtslosigkeit.

Erschwerend hinzu kam, dass sie immer noch die Berührung seiner Finger in ihren Haaren zu spüren glaubte, als er einen Strohhalm herausgezupft hatte. Besser, er kehrte schnellstmöglich zu seinen Pflichten nach Aguilarez zurück. Sollte sie ihn jemals wiedersehen, dann nur im Gefolge der königlichen Familie.

Sobald sie die Stallungen erreichten, stieg er geschmeidig vom Pferd und kam zu ihr, offenkundig in der Absicht, ihr zu helfen.

Hastig zog Gabi den Fuß aus dem Steigbügel und schwang ihr Bein über den Pferderücken. Zu hastig, wie sich herausstellte. Denn Arya begann, nervös zu tänzeln, sie selbst verfing sich im Mantelsaum und wäre mit einer gemurmelten Verwünschung zu Boden gegangen, hätten nicht starke Männerhände ihren Sturz verhindert.

In seinem festen Griff gefangen, steigerte sich ihre Pulsfrequenz geradezu dramatisch. Zugleich spürte sie seine muskulösen Arme um ihre Taille.

Einen Herzschlag lang verharrten sie wie erstarrt. Dann setzte er sie ab, trat zurück und deutete eine leichte Verbeugung an. Ihre Blicke trafen sich, in seinen dunklen Augen wetterleuchtete es, und Gabi spürte ihren Hals eng werden.

„Ich hätte Sie warnen sollen, Ma’am“, sagte er rau. „Arya macht manchmal beim Absteigen Probleme.“

„Schon in Ordnung, ich hätte eher auf sie achten sollen, als …“ Sie brach ab und biss sich auf die Unterlippe. Er war ihr so nah, dass sie ihn küssen könnte, wenn sie einen Schritt nach vorn machen und sich auf die Zehenspitzen stellen würde.

Als ob er dasselbe dachte wie sie, verdunkelte sich sein Blick, was ihr Verlangen noch wachsen ließ.

„Ihr Mantel“, sagte sie heiser, schlüpfte aus der wärmenden Hülle und reichte ihm das geliehene Kleidungsstück.

„Ich kümmere mich um die Pferde.“

Gabi fühlte sich entlassen. „Danke für den Mondscheinritt und Ihre Eskorte.“ Sie hätte gern mehr gesagt, wusste aber, dass das unmöglich war.

„Gern geschehen, Ma’am. Und um den Ball müssen Sie sich keine Sorgen machen. Sie werden alle verblüffen und bezaubern, auch Prinz Cesar. Das steht fest.“

„Danke …“

Wie in Trance trat sie einen Schritt vor und sah, wie sein Blick zu ihren Lippen und dann wieder hoch zu ihren Augen wanderte. Für eine atemlose Sekunde glaubte Gabi, er würde sie küssen. Sie spürte, wie sich ihre Lippen teilen wollten und ihre Lider schwer wurden – und riss sich im letzten Moment zusammen.

Kronprinzessinnen küssten nun mal keine Fremden vor Palaststallungen.

Als würde auch er sich plötzlich daran erinnern, streckte er seine Hand aus, umfasste ihre Finger und zog sie an seine Lippen. Die altmodische Geste ließ einen Schauer über ihren Rücken laufen, und Gabi war kurz davor, selbst die Initiative zu ergreifen.

Aber das durfte sie nicht, es war ein Tabu.

„Auf Wiedersehen, Ma’am.“

„Auf Wiedersehen …“ Sie sah ihm nach, während er die Pferde in den Stall führte. Erst, als er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, stellte sie fest, dass sie nicht einmal seinen Namen kannte.

Ob sie ihren mysteriösen Fremden jemals wiedersehen würde? Aber natürlich war er nicht ihr Galahad. Das wäre ja auch lächerlich.

3. KAPITEL

Cesar betrat den im weihnachtlichen Glanz erstrahlenden Ballsaal. Zwei riesige, prachtvoll geschmückte Christbäume erfüllten die Luft mit einer fast magisch anmutenden Mischung aus Kiefernduft und festlicher Vorfreude.

In gesetztem Schritt folgte er seinen Eltern, flankiert von seinen älteren Brüdern, deren Frauen und seiner jüngeren Schwester Flavia. Die bewusst als Einheit auftretende Königsfamilie hatte viel Sorgfalt auf ihr Erscheinungsbild verwendet. Der Monarch und seine Söhne trugen royale Uniformen. Die Frauen wirkten in ihren Designerkleidern und dem huldvollen Lächeln auf den Lippen ausgesprochen königlich.

Flavia stieß ihren Bruder unauffällig in die Rippen. „Die arme Prinzessin Gabriella tut mir leid. Trotz festlich royalen Outfits treten wir hier auf wie eine bedrohliche Invasion!“

Augenblicklich befiel Cesar ein Schuldgefühl, als er an die Ängste und Vorbehalte gegenüber seiner Familie dachte, die Casavalles zukünftige Königin ihm auf ihrem Mondscheinritt anvertraut hatte. Und das erst vor wenigen Stunden!

Verdammt! Er hätte ihr unbedingt sagen müssen, wer er war, um ihr die Angst und Panik zu nehmen. Aber er hatte der Versuchung, mehr über Gabriella Ross zu erfahren, einfach nicht widerstehen können. Denn ganz sicher hätte sie sich ihm gegenüber anders verhalten, wenn sie gewusst hätte, wer er war.

Zumindest wusste Cesar jetzt, dass – zumindest von seiner Seite aus – eine ausbaufähige Anziehung existierte, und zwar von der Sekunde an, als er die Prinzessin in Jeans und hervorblitzendem Pyjama im Stroh liegen gesehen hatte. Nach ihrem gemeinsamen Mondscheinritt war er überzeugt, dass diese Wahrnehmung auf Gegenseitigkeit beruhte.

Auf jeden Fall gab es keinen Grund, sich schuldig zu fühlen. Er hatte ihr immerhin eine schriftliche Erklärung zukommen lassen, damit sie nicht allzu überrascht reagierte, wenn er plötzlich vor ihr auftauchte. Obwohl sie als angehende Regentin nicht rechtzeitig genug lernen konnte, ihre Emotionen in der Öffentlichkeit zu überspielen oder, noch besser, zu verbergen. Eine wütende Frau war nicht der beste Start für die geplante Ehe-Kampagne. Zumal sein Masterplan vorsah, diesen Ball zu nutzen, um eine romantische Charme-Offensive zu starten.

„Cesar!“ Die gezischte Ansprache seiner Schwester holte ihn zurück ins Hier und Jetzt. Würdenträger und wichtige Honoratioren standen entlang der Wände und warteten auf das vorbereitete Spektakel, um der ganzen Welt zu demonstrieren, dass Meribels ebenso unbedachte wie skandalöse Aktionen und die Ankunft einer neuen Thronerbin die erneuerte Allianz zwischen Casavalle und Aguilarez nicht getrübt hatten.

Seine Eltern schritten gesetzt über den goldblauen Teppich, der sie zu den Mitgliedern des Königshauses Valenti führte.

Cesar richtete den Blick nach vorn und erstarrte. Gabriellas ungewöhnliche Schönheit, die ihn bereits letzte Nacht angezogen hatte, ließ seinen Atem stocken. Ihr Kleid, in Schwarz und Weiß gehalten, mit weitem Rock, einem Hauch von Spitze und gestickten Blumen auf weißem Tüll, war ein Traum. Auch die zarten Träger ihrer Ballrobe zierten winzige gestickte Blüten. Das kastanienbraune Haar umrahmte in weichen Wellen ein Gesicht von klassischer Schönheit. Einzig die leichten Schatten unter den Augen beeinträchtigten das Gesamtbild minimal.

Wie gebannt lauschte er ihrem leicht kanadisch geprägten Akzent. Was sie sagte, wirkte einstudiert und eine Spur atemlos. Das Lächeln war etwas angespannt, aber insgesamt hielt sie sich gut. Am liebsten hätte er leise applaudiert.

Als Nächstes kamen seine Brüder und dann er an der Reihe.

„Willkommen, Euer …“ Ihre Stimme brach ab. Die braunen Augen weiteten sich entsetzt, und in der Sekunde wusste Cesar, dass seine Nachricht sie nicht erreicht haben konnte. „Was haben Sie denn …“

Was ich hier verloren habe? Möglicherweise mein Herz?

Cesar sah, wie sich ihre wundervollen Augen verengten, als sie begriff. Er sah die Zornesfalte auf der glatten Stirn und hörte das interessierte Summen der umstehenden Gäste im Hintergrund.

Er verbeugte sich tief. „Es ist mir eine außerordentliche Ehre, Sie kennenzulernen, Königliche Hoheit“, sagte er. Es mochte gegen das Protokoll sein, die zukünftige Regentin zu unterbrechen, aber alles war besser, als sie weiterreden zu lassen.

Gabriella senkte kurz den Blick und hob ihn dann wieder. Er sah, wie es sie anstrengte, nicht mit zusammengebissenen Zähnen zu zischen, sondern ihn normal anzusprechen. „Und mir ist es eine besondere Freude, Sie hier begrüßen zu dürfen, weiß ich doch, wie wichtig und bedeutungsvoll Ihre Aufgaben als Diplomat sind. Danke, dass Sie trotzdem Zeit gefunden haben, die Freundschaft und Verbundenheit unserer beider Königreiche zu honorieren.“

Allein ein Hauch von Röte auf den hohen Wangenknochen deutete auf ein gewisses Unbehagen hin, als sie weiterschritt und Flavia begrüßte.

Cesar konnte nur hoffen, dass die Pressevertreter nicht jede Sekunde dieser kleinen Szene sezierten, nur um irgendwelche unsinnigen Vermutungen in sämtlichen Klatschmagazinen zu verbreiten. Er wusste, dass ihn in diesem Fall die Hauptschuld traf, aber Gabriella würde grundsätzlich lernen müssen, Emotionen und Gefühle zu kaschieren, um in diesem royalen Haifischbecken zu überleben.

„Cesar, was hatte das gerade zu bedeuten?“ Der Ton seines Vaters war eisig und schneidend, worauf sich seine Brüder mit reumütigen Grimassen verzogen. „Die Prinzessin schien alles andere als glücklich zu sein, dich hier zu sehen.“

„Vermutlich fühlt sie sich von dem Ganzen einfach überfordert.“

„Denk daran, was wir vereinbart haben“, warnte ihn sein Erzeuger.

Was du befohlen hast, meinst du wohl. Doch das sagte Cesar nicht laut. Stattdessen akzeptierte er lächelnd das angebotene Glas Champagner von einem der Kellner.

„Du sollst die Prinzessin umwerben und sie nicht verärgern. Diese Ehe ist immens wichtig für beide Königreiche, und wir vertrauen darauf, dass du das Beste für dein Land tust, so wie deine Mutter und ich.“

Und seid ihr auch glücklich damit? hätte Cesar am liebsten gefragt. Doch die Worte verhallten unausgesprochen in seinem Innern.

Selbst wenn seine Ehe lieblos beginnen sollte, gedachte er sie nicht so kalt und leidenschaftslos zu führen, wie seine Eltern es taten. Aber zumindest in einem Punkt hatte sein Vater recht: Wenn er diese Ehe tatsächlich eingehen wollte, müsste er um Gabriella werben. Und der Start, den er hingelegt hatte, war zugegebenermaßen nicht der beste gewesen.

Um den verlorenen Boden wiedergutzumachen, sollte er betont vorsichtig auftreten. Alle Augen waren auf sie gerichtet und beobachteten jede noch so kleine Bewegung.

Momentan stand Gabriella inmitten einer kleinen Gruppe, zu der auch Königin Maria und einige hohe Würdenträger gehörten, denen sie mit höflichem Interesse lauschte. Cesar näherte sich ihnen sehr diskret, und unter wortloser Assistenz von Königin Maria waren sie bald allein … oder zumindest so separiert, wie es auf einer Veranstaltung dieser Art überhaupt möglich war.

Gabriellas Augen blitzten vor unterdrückter Wut, doch zu ihrer Ehrenrettung sei gesagt, dass ihr Lächeln fast echt wirkte. „Eure Königliche Hoheit …“, begrüßte sie ihn zuckersüß. „Ich hoffe, Sie hatten Spaß und sind auf Ihre Kosten gekommen.“

„Ich möchte mich in aller Form für mein …“

„Nicht nötig“, wehrte sie mit breitem Lächeln ab, das nicht an ihn gerichtet war.

„Ich habe Ihnen postwendend eine schriftliche Erklärung geschickt, die Sie offenkundig nicht erreicht hat.“

Ihre dunklen Brauen wanderten nach oben. „Ein Brief? Wie zeitgemäß. Ein Telefonat oder persönliches Gespräch ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen? Was …“ sie brach ab, weil er sanft eine Hand unter ihren Ellenbogen legte und Gabriella lächelnd, aber mit Nachdruck in den Schatten einer gewaltigen Marmorsäule dirigierte.

„Ich war um Diskretion bemüht.“

„Und haben Ihr Ziel verfehlt“, teilte sie ihm unverblümt mit.

„Sieht fast so aus“, knurrte er immer noch mit dem verbindlichen Lächeln auf den Lippen. „Sie müssen so aussehen, als würde Ihnen unser Gespräch gefallen.“

„Ich kann besser reiten als schauspielern.“

„Dann müssen Sie es lernen, und zwar schnell. Eine Maske zu tragen und sie, zumindest in der Öffentlichkeit, niemals abzulegen ist Regel Nummer eins für eine Prinzessin … und erst recht für eine Königin.“

„Nun, dann bin ich eben nicht königlich. Warum haben Sie mir nicht gesagt, wer Sie wirklich sind?“ Gabi presste eine Hand auf ihre jetzt glühende Wange. „Ich bin so wütend und beschämt, dass ich …“

„Dass Sie was könnten?“, fragte er, immer noch leise, aber in scharfem Ton. „Alles ruinieren? Haben Sie nicht behauptet, dieser Ball sei immens wichtig? Für Ihr Land und für Sie persönlich? Das gilt ebenso für mich und meine Familie. Wenn Sie nicht alles ruinieren wollen, müssen Sie sich zusammenreißen. Dies ist kein Privatspaß. Sollte die Öffentlichkeit oder die Presse den Eindruck gewinnen, dass wir auf verschiedenen Seiten stehen und gegeneinander kämpfen, kann das für beide Länder unabsehbare Folgen haben. Verstanden?“

Santo Cielo! Das lief anders als geplant, aber ihm blieb keine Wahl. Und, grazie a Dio, es funktionierte! Cesar konnte zusehen, wie sich ihr Gesichtsausdruck auf frappierende Weise veränderte.

Gabi atmete tief ein und nickte. „Okay, verstehe. Sie haben recht.“

„Gut – und noch etwas.“

„Ja?“

„Ich entschuldige mich aufrichtig für mein unsägliches Verhalten.“

Sie schüttelte den Kopf, aber um ihre Lippen spielte ein schwaches Lächeln. „Sie haben mich wie eine Närrin dastehen lassen.“

„Nein, Gabriella, das sind Sie absolut nicht!“, entfuhr es ihm gegen seinen Willen. Und jetzt legte er auch noch einen Finger unter ihr Kinn, um sie zu zwingen, ihm in die Augen zu schauen. Er sah den Schmerz, aber auch, wie sie ihn zu verbergen suchte.

Accidenti! Cesar Asturias, außerordentlicher Botschafter, hatte es vermasselt und musste es jetzt unbedingt wiedergutmachen.

„Ich meine das absolut ernst“, sagte er eindringlich. „Und bitte … zwingen Sie sich zu einem Lächeln, und tun Sie wenigstens so, als wenn Sie mich mögen.“

„Ich werde es versuchen“, flüsterte sie.

Die Mutlosigkeit in ihrer Stimme griff ihm ans Herz. „Gestern haben Sie mich doch gemocht“, erinnerte er sie. „Ich bin immer noch derselbe Mann.“

„Nein, das sind Sie nicht“, widersprach sie heiser. „Sie sind ein Prinz, kein Angestellter. Sie haben mich angelogen, mich in die Irre geführt, mich getäuscht und …“

„Ich habe meine Identität geheim gehalten, und dafür entschuldige ich mich nochmals aufrichtig. Es war ein Fehler. Aber alles andere, was ich gesagt habe, war wahr. Erinnern Sie sich an meine Worte? Nicht eines davon war gelogen.“

Gabi hatte ihn nicht aus den Augen gelassen. „Nicht eines?“

„Ich schwöre …“ Hörte sie denn nicht die Aufrichtigkeit in seiner Stimme? In den letzten Minuten hatte Cesar völlig verdrängt, dass sie nicht allein waren.

Endlich nickte Gabriella zögernd und schenkte ihm ein schwaches Lächeln, das er als echt klassifizierte. Seine Erleichterung war so groß, dass er sich zurückhalten musste, sie nicht an sich zu ziehen.

„Um dieses wichtigen Abends willen und für den Mann, mit dem ich in der letzten Nacht ausgeritten bin, werde ich mich darum bemühen. Aber ich wünschte, Ihr Brief hätte mich erreicht.“

„Darf ich es persönlich erklären? Gleich morgen? Wir …“

„Morgen bin ich den ganzen Tag über verplant.“

„Dann vielleicht am Abend? Wir könnten ein Picknick … Überlassen Sie alles mir. Wir treffen uns am besten im Stall.“ Er sah ihr Zögern und seufzte. „Verstehe, Sie müssen das erst abklären, was möglicherweise auch besser ist.“

Er wusste ohnehin, wie das Ergebnis aussehen würde. Wenn Gabriella sich an Königin Maria wandte, würde diese schon dafür sorgen, dass es zu dem Treffen kam. Immerhin war sie ja – genau wie seine Eltern – für diese arrangierte Ehe, obwohl sie behauptete, Gabriella keinesfalls zwingen zu wollen.

Gabriella nickte. „Ich gebe Ihnen Bescheid. Jetzt muss ich mich um meine anderen Gäste kümmern. Das wird von mir erwartet.“

„Sie haben recht. Aber nicht vergessen …“ Cesar lächelte und zog ihre Hand an die Lippen. „Der erste Tanz gehört mir.“

Eine bedachte Geste für die aufmerksame Öffentlichkeit um sie herum, trotzdem konnte Gabi nicht verhindern, dass sie errötete.

„Und noch etwas, Gabriella …“

„Ja?“

„Ich habe dich wirklich nicht angelogen. Schon gar nicht, als ich behauptete, Prinz Cesar würde verblüfft sein. Du siehst wunderschön aus, und ich bin mehr als bezaubert.“

„Als ob ich das glauben würde“, murmelte sie und spürte, wie sich die Röte auf ihren Wangen vertiefte.

„Wenn es nicht so viele Zuschauer gäbe, würde ich es beweisen.“

„Und wie?“, fragte sie misstrauisch.

„Ich würde dich küssen.“ Er lächelte. „Natürlich nicht, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.“

„Ich … ich …“

„Wie würde deine Antwort lauten?“

Sie konnte nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern, wobei ein schelmisches Grübchen auf ihrer Wange erschien.

„Warum startest du nicht einen Versuch und findest es heraus?“ Als sie seine echte Verblüffung bemerkte, kicherte Gabi triumphierend und brachte ihn damit ebenfalls zum Lachen. „Jetzt muss ich aber wirklich gehen“, teilte sie Cesar mit und war auch schon verschwunden.

Habe ich das wirklich gerade gesagt?

Nur mit äußerster Willensanstrengung widerstand Gabi dem Drang, sich hinter einem der riesigen Weihnachtsbäume zu verstecken, um sich zu sammeln. Aber das war leider keine Option. Darum musste sie ihr inneres Gefühlschaos schnellstmöglich in den Griff bekommen und nach außen so tun, als wäre alles in bester Ordnung.

Ihr mysteriöser Stallknecht war also Prinz Cesar Asturias. Eigentlich müsste sie wütend auf ihn sein wegen seines Täuschungsmanövers. Vor allem, weil er auch noch die Unverfrorenheit besessen hatte, ihr vorzuhalten, sie müsse sich zusammenreißen.

Dumm war nur, dass er damit absolut recht hatte.

Sie war wütend, verletzt, verwirrt … und hatte es ihm und allen anderen gezeigt. Dabei lautete die königliche Regel Nummer eins: Keine Emotionen zeigen.

Dann war es Cesar irgendwie gelungen, ihre Wut zu beschwichtigen und sie auch noch auf seine Seite zu ziehen. Am Ende hatte sie sogar mit ihm geflirtet und ihm quasi versprochen, ihn zu küssen!

Schluss damit! sagte sich Gabriella. Sie war fest entschlossen, Prinz Cesar aus ihrem Kopf und ihren sehnsüchtigen Gedanken zu verbannen und sich darauf zu konzentrieren, was sie tun sollte: all diese Leute glauben zu lassen, dass sie es in sich hatte, ihre Königin zu werden.

Aber damit kehrte sofort auch das lähmende Gewicht der Verantwortung und die Angst, es zu vermasseln, zurück. Die ungewohnte Situation, ein kostbares Ballkleid zu tragen, die unbequemen Schuhe, der pompöse Ballsaal … all das zusammen drohte sie zu überwältigen.

Doch als ultima ratio rekrutierte sie ihr mühsam vor dem Spiegel einstudiertes königliches Lächeln, da Königin Maria auf sie zukam, um ihr einen weiteren wichtigen Gast vorzustellen.

Eine Stunde später hakte Luca sie brüderlich unter. „Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich.

„Alles bestens, obwohl es ziemlich überwältigend ist.“

„Du machst das großartig.“

„Von welchem Blickwinkel aus?“, fragte sie mit schiefem Lächeln.

„Von jedem. Du bist eine überzeugende Kronprinzessin und wirst Casavalle eine gute Königin sein.“

„Das meint Cesar auch“, sagte sie leise und bereute es sofort.

„Tatsächlich? Das klingt so, als wärt ihr euch schnell nähergekommen.“

„Ja.“ Was sollte sie auch sonst dazu sagen? Die Beziehung zwischen den Valentis und ihren Nachbarn war kompliziert genug.

„Recht hat er jedenfalls. Du hast es absolut in dir, Gabriella.“

Sie lächelte weich. „Ich danke dir und Imogen für eure Unterstützung.“

„Dafür ist Familie da, und jetzt hast du endlich eine.“ Luca erwiderte ihr Lächeln. „Wollen wir ein wenig Vale...

Autor

Nina Singh
Nina Singh lebt mit ihrem Mann, ihren Kindern und einem sehr temperamentvollen Yorkshire am Rande Bostons, Massachusetts. Nach Jahren in der Unternehmenswelt hat sie sich schließlich entschieden, dem Rat von Freunden und Familie zu folgen, und „dieses Schreiben doch mal zu probieren“. Es war die beste Entscheidung ihres Lebens. Wenn...
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