Cora Collection Band 38

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SÜSS, SEXY UND SO AUFREGEND von JANELLE DENISON

Als Natalie im Krankenhaus erwacht, kann sie sich nicht daran erinnern, dass der unglaublich attraktive Mann neben ihrem Bett - Noah - ihr Verlobter ist. Natürlich wohnt sie nach dem Unfall erst mal bei ihm. Sie ahnt nicht, dass sie nie zuvor mit Noah zusammen war. Er lügt - zu ihrer eigenen Sicherheit ...

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  • Erscheinungstag 09.04.2021
  • Bandnummer 38
  • ISBN / Artikelnummer 9783751502153
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Janelle Denison, Metsy Hingle, Jan Hudson

CORA COLLECTION BAND 38

1. KAPITEL

„Wenn ich mir von allen anwesenden Männern einen fürs Bett aussuchen dürfte, dann würde ich Noah Sommers wählen. Er ist verdammt sexy.“ Gina fächelte sich mit einer Serviette kühle Luft ins Gesicht und warf Natalie Hastings einen neidischen Blick zu. „Leider gibt es in dieser Bar aber nur eine Frau, an der er Interesse zeigt, und das bin ich leider nicht.“

Geduldig lächelnd, stellte Natalie ihr Tablett auf die edle Theke aus Mahagoni und Messing und wartete, bis Murphy die bestellten Getränke an diesem Samstagabend eingeschenkt hatte. Die Anspielung ihrer Freundin war klar und deutlich. Noah Sommers wollte sie. Seit neun Monaten bekundete er offen sein Interesse an ihr, egal, wie häufig sie seine Avancen schon abgewiesen hatte.

Ihr Blick suchte und fand den Mann, um den es ging. Ein toller Typ, mit dunklen zerzausten Haaren, unglaublich blauen Augen und einem durchtrainierten, fantastischen Körper, der für die Liebe wie geschaffen war. Und sie konnte nicht leugnen, dass dieser Mann Auslöser für einige ihrer sexuellen Fantasien gewesen war.

Er stand in dem Spielbereich von Murphys Bar und Grillrestaurant und spielte eine Partie Poolbillard mit einem seiner besten Freunde, Bobby Malone. Als Noah seine Bierflasche an die Lippen hob, bewunderte sie die energische Linie seines Kinns und seine breite Brust, über der sich das blaue T-Shirt spannte. Enge, verwaschene Jeans umschlossen schmale Hüften, muskulöse Oberschenkel und lange Beine.

Oh ja, der Mann war die personifizierte Sünde.

Noah drehte den Kopf, als Bobby seinen Stoß ausführte, und ertappte Natalie dabei, wie sie in seine Richtung sah. Ein umwerfendes Lächeln breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus, und er zwinkerte ihr zu. Ihr wurde warm, und ein Prickeln durchlief ihren Körper. Sie unterdrückte jedoch diese Begierde – seit ihrer letzten Beziehung wollte sie von einer Bindung nichts mehr wissen –, erwiderte das Lächeln und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder den Bestellungen zu.

„Hast du nichts zu deiner Rechtfertigung zu sagen?“, neckte Gina sie. „Oder weist du ihn nur ab, um dich noch interessanter zu machen?“

Natalie verdrehte die Augen. „Du weißt genau, dass ich mit einem Gast nichts anfange.“ Eine Regel, die sie für sich persönlich aufgestellt hatte. Allerdings führte Noah sie mit seinem umwerfenden Lächeln und männlichen Charme ständig in Versuchung, diese Regel zu brechen.

„Und auch sonst mit niemandem“, fügte Gina hinzu und lud die Getränke auf ihr Tablett. „Dabei könntest du bei deiner Traumfigur jeden Mann haben, den du willst.“

Natalie zuckte zusammen. Statt ihre Kurven zu zeigen, versuchte sie eher, sie zu verstecken. Doch unter ihrer Arbeitskleidung – Jeans und ein grünes, enges T-Shirt mit dem „Murphys Bar und Grillrestaurant“-Schriftzug über ihrer üppigen Brust – ließ sich nicht viel verstecken.

Sie nahm eine Zitronenscheibe und steckte sie auf die Flasche Corona auf Ginas Tablett. „Glaub mir, diese Figur ist eher ein Fluch als ein Segen.“ Ihre Traummaße hatten ihr mehr Schmerz als Freude bereitet, obwohl sie nicht erwartete, dass irgendjemand verstand, was sie durchgemacht hatte, bevor sie vor neun Monaten nach Oakland, Kalifornien, gezogen war.

Gina blickte an sich hinunter auf ihre eher unwesentliche Oberweite, dann wieder auf Natalie. Amüsiert zog sie die Augenbrauen hoch. „Entschuldige, aber da bin ich anderer Meinung.“

Natalie schüttelte den Kopf und füllte mehrere Glasschälchen mit Erdnüssen für die Gäste. „Wie heißt es doch so schön? Man will immer das haben, was man nicht hat.“ Für sie selbst jedenfalls traf es zu. Als junges Mädchen hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als eine flache Brust und schmalere Hüften zu haben.

„Der Spruch ist mir sehr vertraut“, sagte ihre Freundin und warf die dunklen Haare zurück. „Es gibt aber noch einen anderen: ‚Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst. Es könnte in Erfüllung gehen.‘ Ich hoffe, mein Wunsch wird Wirklichkeit.“

Natalie lachte, und Gina rauschte davon, um ihre Getränke an die Tische zu bringen. Sie genoss die bewundernden Blicke und Kommentare der männlichen Stammgäste, während Natalie sie lediglich als unvermeidliche Begleiterscheinung ihres Jobs tolerierte.

Im Alter von zwölf Jahren hatte sie bereits Körbchengröße B getragen, ausgeprägte Hüften gehabt und so lange Beine, dass sie sich wie eine Giraffe fühlte. Mittlerweile trug sie Größe 75 D, und seit dem Ende ihrer High-School-Zeit war ihr klar, dass die meisten Jungen und Männer sie ansahen und nur an eines dachten: Sex. Sie hatten sich mit ihr in dem Glauben verabredet, sie sei leicht zu haben, und reagierten tief enttäuscht, wenn sie den neugierigen Händen nicht erlaubte, unter ihre Bluse oder in ihren Slip zu gleiten. Selbst der Junge in der letzten Pflegefamilie, in der sie bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag gelebt hatte, hatte versucht, sie in sein Bett zu bekommen. Jedoch vergeblich.

Erst vor zwei Jahren, mit dreiundzwanzig, hatte sie ihre Jungfräulichkeit verloren. Der erste Mann in ihrem Leben war Chad Freeman gewesen, ein Kommilitone an der University of Nevada, in Reno, der sie wochenlang verfolgt hatte, bis sie schließlich eine Einladung zum Dinner annahm, was zu weiteren Verabredungen geführt hatte. Als sie schließlich einwilligte, mit ihm zu schlafen, war die Erfahrung peinlich und nur für ihn befriedigend. Und daran änderte sich auch danach nichts. Obwohl sie sich nach mehr sehnte, begnügte sie sich mit absolut unerquicklichem Sex.

Im Laufe der Zeit änderte sich jedoch Chads Haltung ihr gegenüber. Er vertraute ihr nicht mehr, wurde beherrschend und eifersüchtig. Sobald ein Mann sie auch nur ansah, kam der Kommentar, dass sie weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde, wenn sie sich anders kleidete. Wenn sie andeutete, dass sie sexuell mehr erwartete, dass sie auch einmal einen Orgasmus erleben wollte, warf er ihr vor, ein leichtes Mädchen zu sein.

Seine Überredungskunst erwies sich als sehr ausgeprägt, und die einseitige Beziehung hatte angedauert, bis sie einen Job als Showgirl in einem Kasino in Reno annahm, um etwas Geld für ihr Studium zu verdienen. Chad hatte mit einem Wutausbruch reagiert. Er hatte sie beschimpft und ihr vorgeworfen, ihren Körper vor anderen Männern zur Schau zu stellen, und von ihr verlangt, den neuen Job aufzugeben.

Da sie es leid war, mental, emotional und körperlich von ihm beherrscht zu werden, weigerte sie sich zu tun, was er verlangte, und trennte sich von ihm. Das machte ihn nur noch wütender. Die nächsten drei Monate verfolgte er sie, bedrohte sie und fiel schließlich eines Nachts nach der Arbeit über sie her. Da sie fürchtete, eine Anzeige würde nichts ändern, und auch keine Angehörigen hatte, packte sie ihre wenigen Habseligkeiten und zog in einer Nacht- und Nebelaktion und ohne eine Adresse zu hinterlassen nach Oakland, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Ihre Brust zog sich bei den schrecklichen Erinnerungen zusammen. Seit dieser katastrophalen Affäre fühlte sie sich im Umgang mit Männern unsicher und ging einer neuen Bindung aus dem Weg. Sie verdrängte die unangenehmen Erinnerungen wie schon Hunderte Male zuvor und konzentrierte sich auf ihre neue Existenz in Oakland.

Vielleicht führte sie ein einsames, langweiliges Leben, aber sie war in Sicherheit. Und das genügte ihr. Auf jeden Fall redete sie sich das in den langen, einsamen Nächten ein, wenn sie sich wünschte, sie hätte mehr als ihre Bücher und die heißen Fantasien, die sich um einen gewissen tollen Mann mit blauen Augen und dunklen Haaren rankten, um sie zu wärmen.

Aber mehr würde es für sie nicht geben – sondern nur geheime Gedanken und erotische Träume, in denen Noah die Hauptrolle spielte, denn sie wusste, wie gefährlich es war, ihre Wünsche auszusprechen und Geist und Körper einem Mann zu überlassen. Ihre Beziehung zu Chad war zu einer demütigenden Erfahrung geworden – mit dem Erfolg, dass sie unsicher im Umgang mit Männern war und nicht zeigen konnte, dass sie gern wie eine Frau behandelt wurde und Spaß an den Berührungen eines Mannes hatte.

„He, hör auf zu träumen, Natalie“, sagte Murphy. Seine tiefe Stimme unterbrach ihre Gedanken. „Die Gäste warten auf ihre Getränke.“

Sie riss sich zusammen und stellte die Gläser schnell auf ihr Tablett. „Tut mir leid, Murphy“, sagte sie und warf ihm einen schüchternen Blick zu. „Ich war nur einen Augenblick in Gedanken. Heute hatte ich einen furchtbaren Tag an der Uni.“

Er lächelte sie verständnisvoll an. „Ich glaube, du verbringst viel zu viel Zeit über deinem komischen Psychokram und denkst zu wenig an dich.“

„Es geht mir gut, Murphy, und es wird nicht wieder passieren“, versprach sie und verschwand mit ihren Getränken, bevor Murphy ihr wieder einen langen Vortrag darüber halten konnte, dass sie mehr im Leben brauchte als Arbeit und Schule.

Das Studium war ihr Leben, und sie liebte ihr Hauptfach Sozialarbeit. Ihr Ziel war eine Stelle als Beraterin für Kinder in Not, und sie hatte im letzten Sommer sogar einen Aushilfsjob bei einer Vermittlungsstelle für Pflegefamilien angenommen, um Erfahrungen zu sammeln. Natalie selbst hatte in verschiedenen Pflegefamilien gelebt. Sie wusste, wie es war, ein Außenseiter zu sein, eine Nummer in einem System, das nicht immer zugunsten der Kinder arbeitete. Aus eigener Erfahrung wusste sie, was diese Kinder emotional brauchten, und sie hatte keine Angst, ihre eigene Geschichte zu erzählen, um ihnen die Befangenheit zu nehmen.

Minuten später war sie wieder ausschließlich für die Gäste da. Die Atmosphäre in der Bar war ungezwungen, und sie unterhielt sich mit den Stammgästen, zu denen sie im Laufe der Monate ein herzliches Verhältnis entwickelt hatte. Besonders gut gefiel ihr, dass ein großer Prozentsatz der Gäste im Polizeidienst arbeitete, was die Bar in Natalies Augen zu einem sicheren Ort machte. Bobby Malone war Kriminalbeamter, und selbst Noah arbeitete als Privatdetektiv in der Detektei seines Bruders.

Sie stellte eine Schale mit Kartoffelchips auf einen Tisch, an dem ein junges Pärchen saß, und erbebte bei dem Gedanken, Noah könnte all ihre Geheimnisse aufdecken. Und erst ihre erotischen Fantasien, die sich immer wieder um ihn drehten. Entweder wäre er geschockt oder erfreut, wenn er feststellte, dass er die Hauptrolle in ihren Träumen spielte. Nicht, dass sie ihm je die Gelegenheit geben würde, herauszufinden, welche Gefühle sie wirklich für ihn hegte.

Nachdem sie neun Monate lang ängstlich über die Schulter zurückgeblickt hatte, fühlte sie sich langsam sicherer. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war eine Affäre, die die alten Unsicherheiten wieder aufleben ließ. Egal wie sehr es sie reizte, sich mit Noah einzulassen und zur Abwechslung einmal ein wenig wild, hemmungslos und abenteuerlustig zu sein, es würde nicht passieren.

Natalie servierte drei jungen Männern in einer Nische ihre Kamikazedrinks, nahm weitere Bestellungen entgegen, füllte Schälchen mit Erdnüssen auf, räumte die frei gewordenen Tische ab und kassierte großzügige Trinkgelder. Nachdem sie die Gäste im Gastraum bedient hatte, steuerte sie auf den Bereich mit den Billardtischen zu und blieb zuerst an Noahs und Bobbys Tisch stehen.

„He, Jungs, ich mache in zehn Minuten Feierabend.“ Sie nahm die leeren Bierflaschen und wischte Erdnussschalen auf ihr Tablett. „Kann ich euch noch etwas bringen, bevor ich gehe?“

Bobby lächelte sie an und stellte die Billardkugeln für das nächste Spiel auf. „Ich trinke noch ein Bier.“

Natalie notierte die Bestellung und warf dann einen Blick auf Noah, der sie auf eine Art und Weise beobachtete, die ihren Puls schneller schlagen ließ. „Was ist mit dir?“

Er schüttelte den Kopf. „Nichts mehr. Für heute Abend habe ich genug getrunken.“

Noah trank nie mehr als zwei Bier, und sie hatte großen Respekt davor, dass er seine Grenze kannte und sich auch daran hielt. Sein älterer Bruder Cole war genauso. Allerdings war es lange her, dass sie ihn in der Bar zusammen mit den anderen gesehen hatte.

Sie neigte den Kopf und blickte Noah in die strahlend blauen Augen. Er war einer der wenigen Männer, die ihr tatsächlich ins Gesicht sahen und nicht auf ihren Busen oder ihren Körper. Trotzdem verwirrten sie seine Blicke. Und erregten sie. „Möchtest du irgendetwas anderes?“

Er lächelte sie entwaffnend an. „Aber Natalie“, tadelte er sie mit seiner tiefen Stimme, die so verrückte Dinge in ihrem Inneren bewegte. „Solch eine Frage solltest du nicht stellen. Du weißt doch genau, was ich will, aber ich glaube, ein Date steht nicht auf der Karte.“

Sie lachte. „Nein, stimmt.“ Der Mann flirtete schamlos mit ihr. Weil er aber nie irgendwelche unsittlichen Andeutungen gemacht hatte, genoss sie seinen charmanten Flirt bei der Arbeit. Er gab ihr das Gefühl, eine begehrenswerte Frau zu sein. Und auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte, konnte sie nicht leugnen, dass ihre Sinnlichkeit nur knapp unter der Oberfläche verborgen lag und nur darauf wartete, sich zeigen zu dürfen.

Der Himmel bewahre sie davor, dass ihre Sehnsüchte bei diesem Mann ans Licht kamen.

Noah kreidete seinen Queue für den Eröffnungsstoß. Seine Bewegungen waren langsam, selbstbewusst und absolut aufreizend. „Dann möchte ich für heute Abend nichts mehr.“

Und für die nächsten Nächte werden wir sehen, las sie in seinem Blick.

Sie bewunderte seine Zielstrebigkeit. Die meisten Männer hätten schon bei der ersten Zurückweisung aufgegeben. Noah nicht. Er war aus einem anderen Holz geschnitzt.

Noah beugte sich über den Billardtisch, um seinen ersten Stoß vorzubereiten. Seine Haltung lenkte ihren Blick über seine muskulösen Schultern zu seinem Rücken, der sich bei jeder Bewegung anspannte. Bei dem Gedanken, diesen starken Körper zu berühren, begann es in ihren Fingerspitzen zu kribbeln. Wie gern würde sie mit der Hand über seinen Rücken streichen und die Wärme und Beschaffenheit seiner Haut erforschen.

Es war so lange her, viel zu lange …

Ihre Kehle wurde trocken, und sie schluckte. Ein Themenwechsel war dringend angesagt. „Wo steckt Cole in letzter Zeit?“, fragte sie und räumte dabei einen Nachbartisch ab, der gerade frei geworden war.

Ein lautes Klacken ertönte, als die weiße Spielkugel gegen die farbigen Kugeln stieß und sie auf dem Tisch verteilte. Drei versanken in den Löchern – zwei Volle, eine Halbe.

„Volle!“, rief Noah Bobby zu. Dann sagte er zu Natalie: „Cole hat abends etwas Besseres zu tun, als hier mit uns eingeschworenen Junggesellen herumzuhängen.“

„Oh, und was ist das?“, fragte sie neugierig.

Er bewegte sich um den Tisch herum und lochte die nächste Kugel ein. „Er verbringt die Abende mit seiner Verlobten Melodie.“

Sie zerknüllte Cocktailservietten und stopfte sie in die leeren Gläser auf ihrem Tablett. „Richtig. Wollen sie nicht bald heiraten?“

„Nächsten Samstag.“ Er schaute hoffnungsvoll auf, bevor er zum nächsten Stoß ansetzte. „Begleitest du mich zur Hochzeit?“

Die Versuchung war groß, und Natalie stählte sich gegen seine sinnlichen Reize. „Tut mir leid, aber ich muss an dem Abend arbeiten.“

Er stieß den Queue gegen die Kugel, erzielte diesmal jedoch keinen Treffer. Mit einem tiefen Seufzer sagte er: „Fragen kostet ja nichts.“ Dann trat er zur Seite und überließ Bobby den Tisch. „Vielleicht habe ich ja irgendwann einmal Glück, und du sagst Ja.“

„Gina würde dich liebend gern begleiten“, schlug sie vor, ohne weiter nachzudenken. Am liebsten hätte sie sich auf die Zunge gebissen. Obwohl sie nie einem Date mit Noah zustimmen würde, hasste sie den Gedanken, er könnte mit einer anderen Frau intim werden. Du meine Güte, wie kleinlich. Sie hatte doch gar keinen Anspruch auf ihn, außer dass er in ihren nächtlichen erotischen Träumen eine Rolle spielte.

Er bewegte sich auf sie zu und blieb kurz vor ihr stehen. So nah, dass sie die Hitze seines imposanten Körpers spüren und den Duft seines herben After Shaves riechen konnte. Ihr wurde bewusst, wie stark er war. Und wie groß. Und wie überwältigend männlich. Und wenn er tief einatmete, würde seine breite Brust ihren vollen Busen mit den harten Knospen berühren.

Sie hielt den Atem an.

Er ging in die Knie, bis sie auf Augenhöhe waren. Sein Mund war zum Küssen nah. Er sah sie aus seinen tiefblauen Augen an und sagte: „Schätzchen, ich bin nicht an Gina interessiert.“

Sie hatte Pudding in den Knien, und ihr Herz pochte laut und schnell. Heftiges Verlangen breitete sich in ihr aus. Er fasste sie nicht an, warum also hatte sie trotzdem das Gefühl, als berührte er sie von den Brüsten bis hinab zu den Schenkeln?

Sie schaffte es zu lächeln und hob trotzig das Kinn. „Dann wirst wohl du die Feier wohl allein besuchen müssen.“

Noah zog angesichts der unterschwelligen Herausforderung in ihrer Stimme die Augenbrauen ein wenig hoch, doch bevor er noch etwas sagen oder sie mit Augen und Stimme total verführen konnte, schlüpfte sie an ihm vorbei. Aufgewühlt eilte sie zurück an die Theke und bat Gina, Bobby das Bier zu bringen. Von Murphy erhielt sie das Okay, Feierabend zu machen.

Aus dem Lagerraum holte sie ihre Jacke und Tasche, froh, dass ihre Schicht vorüber war. Und sehr, sehr enttäuscht, dass sie es nicht über sich brachte, Ja zu Noah zu sagen.

„Für das nächste Mal wünsche ich dir mehr Glück, mein Freund“, sagte Bobby und schlug Noah mitfühlend auf die Schulter.

„Ich weiß nicht, ob ich das je haben werde.“ Noah wandte seinen Blick von der Tür, hinter der Natalie verschwunden war, überzeugt davon, dass sich das Blatt nicht zu seinen Gunsten wenden würde. „Melodie hat mich mit einem Fluch belegt, und ich glaube so langsam, dass sie wirklich eine Hexe ist“, meinte er sarkastisch, doch die Worte, die seine zukünftige Schwägerin vor einigen Monaten gesprochen hatte, verfolgten ihn.

Bobby lachte und setzte das Spiel fort. Er lochte eine Halbe ein. „Wie meinst du das?“

Noah fuhr sich mit den Fingern durch die dicken Haare und ließ seinen Blick von seinem Freund zurück zu der Tür schweifen. Er wartete darauf, dass Natalie wieder auftauchte. „Vor einiger Zeit, als Melodie versuchte, die Aufmerksamkeit meines Bruders auf sich zu ziehen, hat sie ihren Frust an mir ausgelassen. Sie hat mich nicht nur einen Windhund genannt, sondern auch, dass sie hoffte, dass ich eine Frau kennenlernen würde, die ich unbedingt haben will, und dass diese Frau es mir schwer macht, sie zu erobern.“ Eine Frau, die dir deine Playboymanieren austreibt.

Sein Magen zog sich bei der Erinnerung daran zusammen. Damals hatte er sich über Melodies Bemerkung amüsiert und mit einem ironischen „das ist Wunschdenken“ geantwortet. Heute aber erlebte er genau diese Situation. Er versuchte die Aufmerksamkeit einer Frau auf sich zu lenken, die ihn in ungewöhnlicher Weise reizte und erregte. Und schon fand er es gar nicht mehr so lustig.

Natalie ging ihm unter die Haut und war der Grund, weshalb er regelmäßig bei Murphy einkehrte. Seit Monaten flirtete er mit ihr und bemühte sich, sie zu einem Date zu überreden, aber sie lehnte seine Einladungen grundsätzlich ab. Trotz der unterschwelligen Sehnsucht, die er in ihren Augen gesehen hatte. Anfangs war er verblüfft gewesen, denn bisher hatte keine Frau so lange seinen Avancen widerstehen können, und er musste zugeben, dass es sein männliches Ego traf. Sie wurde zu einer Herausforderung und schließlich zur Besessenheit.

Eine Besessenheit, die er nicht abschütteln konnte.

Und im Moment zeigte sein Körper deutlich seine Begierde. Ihr nah genug zu sein, dass er sie berühren und küssen konnte, hatte sein Blut in Wallung gebracht und in die Lenden schießen lassen. Nur mit großer Mühe hatte er sich zurückhalten können und nicht ihre leicht geöffneten Lippen geküsst. Ihrem sinnlichen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war sie nicht immun gegen seinen Charme.

Zweifellos fühlte er sich stark zu ihr hingezogen, doch nicht nur ihr unglaublicher Körper reizte ihn. Die Chemie zwischen ihnen stimmte, sie war intelligent und einfach süß. Und da war noch etwas, was seinem trainierten Auge auffiel. Eine Verletzlichkeit, die immer wieder erkennbar wurde. Und sie hatte emotionale Barrieren um sich herum errichtet, die ihm den Eindruck vermittelten, dass sie etwas tief im Innern versteckte und ihr Desinteresse nur vortäuschte.

„Gewonnen.“

Noah drehte sich zu Bobby um, der triumphierend grinste. „Wie bitte?“

„Das Spiel ist vorbei. Ich habe gewonnen.“ Sein Freund lehnte sich gegen den Billardtisch und schüttelte den Kopf. „Mann, Mann, dich hat es wirklich schlimm erwischt, wenn du dich nicht einmal auf das Billardspiel konzentrieren kannst.“

Es wäre lächerlich, das Offensichtliche zu leugnen, deshalb unternahm Noah gar nicht erst den Versuch.

Bobby deutete mit dem Kinn zum Eingang. „Sie ist auf dem Weg nach draußen, Romeo. Nutz deine Chance, und beeindrucke sie mit höflichem Benehmen. Öffne ihr die Tür – vielleicht öffnet sie dann eine Tür für dich. Wenn du verstehst, was ich meine.“

Noah verstand sehr gut. „Danke, Doktor“, scherzte er und eilte zur Eingangstür. Kurz vor Natalie war er dort. Er hielt ihr die Tür auf. Überrascht sah sie ihn an.

Etwas nervös schob sie den Riemen ihrer Handtasche über ihre Schulter und strich mit der Hand über die Jacke, die sie sich über den Arm gelegt hatte. „Gehst du auch schon?“

„Ja.“ Er lief neben ihr den Bürgersteig entlang. Die kühle Abendbrise war eine Wohltat auf seiner erhitzten Haut. „Dass ich zur selben Zeit gehe wie du, ist bloß ein schamloser Trick, um dich zum Auto zu begleiten.“

Abrupt blieb sie stehen und runzelte die Stirn. „Ich kann sehr gut allein zu meinem Wagen gehen, Noah. Ich brauche keine Begleitperson.“

„Das habe ich auch nicht gesagt“, erwiderte er sanft und versuchte, ihr die Befangenheit zu nehmen. „Es dient allein meinem Vergnügen.“

Die Anspannung in ihren Schultern ließ nach, und sie verzog den Mund zu einem Lächeln. Trotzdem zögerte sie noch, offensichtlich unschlüssig, ob sie seine Begleitung akzeptieren oder ablehnen sollte.

Da er den gerade geknüpften Gesprächsfaden nicht abreißen lassen wollte, entschied er sich für eine humorvolle Bemerkung. „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich beiße nicht.“

Sie zitterte ein wenig und schlüpfte in ihre leichte Jacke. „Tatsächlich? Wie kann ich da sicher sein?“

Die Art wie sie ihn ansah, war eher neckisch als argwöhnisch, und so ging er darauf ein. „Weißt du, wenn ich beißen würde, dann hätte ich jetzt schon ein oder zwei Stückchen von dir abgebissen.“ Ohne über die Konsequenzen nachzudenken, streckte er die Hand aus und strich ihre schulterlangen, blonden Haare aus dem Kragen.

Sie hielt den Atem an, als er mit den Fingern in den seidigen Haarschopf tauchte und mit dem Daumen über die samtene Haut unter ihrem Kinn strich. Die Zeit schien stillzustehen, als sich ihre Blicke trafen. In ihren Augen spiegelte sich die Hitze, die in seinem Körper brannte. Die Menschen gingen an ihnen vorbei, doch er sah nichts außer Natalie.

Es war das erste Mal, dass er sie überhaupt berührt hatte, und der Körperkontakt war eigentümlich intim und absolut sinnlich. Sie hatte die Lippen leicht geöffnet, und er sehnte sich danach, sie in die Arme zu ziehen und sie auf den Mund zu küssen.

Als spürte sie seine Absicht, trat sie einen Schritt zurück, und er ließ automatisch seine Hand fallen und räusperte sich. Bevor sie ihm jedoch wieder einen Korb geben konnte, nahm er ihren Ellenbogen und führte sie zum Parkplatz, der auf der anderen Seite von Murphys Bar und Grillrestaurant lag. „Komm, ich bringe dich zu deinem Wagen, und ein Nein lasse ich nicht gelten. Keine Diskussion also.“

Sie entspannte sich und lächelte, als sie an den Geschäften entlang zur Kreuzung gingen.

„Warum betrachtest du diesen netten, zwanglosen Spaziergang zu deinem Auto nicht einfach als ein erstes Date?“, schlug er vor.

Sie steckte die Hände tief in ihre Taschen und warf ihm einen schüchternen Blick zu. „Aha, du hast doch noch ein anderes Motiv, als mich nur sicher zum Auto zu bringen.“

„Ein sehr harmloses Motiv, das schwöre ich.“ Er hielt die Hände hoch und versuchte ein unschuldiges Gesicht zu machen. „Wir könnten zu Starbucks gehen, einen Kaffee trinken und einfach über das Wetter sprechen, wenn du möchtest.“

Sie musste lachen. „Über das Wetter? Meinst du das ernst?“

Noah zuckte mit den Schultern und zwinkerte ihr zu. „Ich möchte nicht, dass unser erstes Date zu persönlich ist.“

Sie kaute auf ihrer Unterlippe, wirkte hin und her gerissen und sagte schließlich: „Noah, ich kann nicht.“

Die Ampel war rot, und Noah drückte den Knopf für die Fußgängerampel. So schnell würde er diesmal nicht aufgeben. „Nicht einmal einen Kaffee? Ich verspreche, kein Händchenhalten oder Küssen.“

Natalie musste wieder lächeln, aber ihre nächsten Worte machten seine Hoffnung sofort zunichte. „Tut mir leid, aber ich schreibe am Montag eine wichtige Klausur, und dafür muss ich arbeiten.“

„Wir könnten zusammen arbeiten“, schlug er vor. „Es gibt einige Dinge, die ich wirklich gut vermitteln kann.“

„Ich möchte lieber nicht wissen, welche“, murmelte sie mit belegter Stimme. Sie hörte Schritte hinter sich und blickte kurz über die Schulter, dann wieder zu Noah. „Du gibst wohl nie auf, oder?“

Irgendwie hatte sich ihr Gesichtsausdruck in den wenigen Sekunden geändert. Angst sprach aus ihren Augen. Noah merkte es sofort, erkannte jedoch nicht die Ursache dafür. Um ihre plötzliche Unruhe zu lindern, ergriff er ihre Hand und zeichnete mit dem Zeigefinger ein Muster auf die Handfläche. „Ich würde aufgeben, wenn du mich ernsthaft zum Teufel jagen würdest.“

Sie starrte ihn an, dann schüttelte sie den Kopf. Ihre blonden Haare strichen sanft über ihre Schultern. „Du bist viel zu …“

„Unwiderstehlich?“ Er schenkte ihr sein unglaubliches Lächeln, das ihm bisher immer Pluspunkte beim anderen Geschlecht eingebracht hatte.

Die Fußgängerampel wechselte auf Grün, die Autos hielten an, und sie traten vom Bürgersteig, um die Straße zu überqueren. „Ich dachte mehr an hartnäckig.“

Er lachte. „Ich habe eben meine Schwächen.“

Natalie schien so abgelenkt, dass sie seinen Versuch, witzig zu sein, nicht bemerkte. Die Schritte hinter ihnen kamen näher, und als sie diesmal über die Schulter blickte, merkte Noah, dass sie sich verkrampfte und beschleunigte.

Er beeilte sich, mit ihr Schritt zu halten. Sie weckte nicht nur seine Besorgnis, sondern auch seinen Instinkt als Privatdetektiv. Auch er warf einen Blick zurück und entdeckte etwa zehn Meter entfernt einen Mann. Er trug ein Sweatshirt, Jeans und eine Baseballkappe. Der Schirm seiner Kappe warf einen Schatten auf sein Gesicht. Noah bekam eine Gänsehaut, und er wusste intuitiv, dass höchste Wachsamkeit angesagt war.

Als sie die andere Seite erreicht hatten, rannte sie schon fast. Es war ein Versuch, einer Gefahr zu entfliehen, die er nicht verstand. Sein einziger Gedanke war, Natalie beschützend an sich zu ziehen und dafür zu sorgen, dass sie sich bei ihm sicher fühlte. Was auch immer sie geängstigt hatte, er würde nicht zulassen, dass ihr irgendjemand Schaden zufügte.

Er legte eine Hand auf ihren Arm und zwang sie, stehen zu bleiben. Im Licht der Straßenlaterne erkannte er die Panik in ihrem Gesicht und spürte, dass sie vor Angst zitterte. „Natalie, was ist los?“

Ihr Blick fiel über seine Schulter auf denjenigen, der sich ihnen näherte, wer auch immer es sein mochte, und sie wurde kreidebleich. „Oh Gott, nein!“, schrie sie verzweifelt und versuchte sich von ihm loszureißen, damit sie weglaufen konnte.

Noah würde sie jetzt nicht loslassen, denn er wusste, dass sie in ihrem gegenwärtigen, fast hysterischen Zustand nicht mehr klar denken und sich Schaden zufügen konnte. Er wollte sie aus ihrer Erstarrung schütteln, aber er fürchtete auch, sie noch mehr zu ängstigen. „Verdammt, Natalie, nun sag schon, was los ist!“, fuhr er sie an.

Er ist es“, stieß sie hervor. Ihre Augen waren vor Angst geweitet.

Ihre Worte ergaben keinen Sinn.

„Wer ist es?“

Sie schüttelte verzweifelt den Kopf, krallte sich an seinem Hemd fest und zog Noah in eine kleine Nische, die zum Hintereingang eines Geschäfts führte.

„Was ist los, verdammt?“ Er drehte den Kopf, um einen Blick auf den Mann zu werfen, der sie so in Panik versetzt hatte, aber sie legte die Arme um seinen Nacken, glitt mit den Fingern in seine Haare und hielt ihn fest.

Ihre Augen flehten ihn an, ihr zu helfen, das zu tun, worum sie ihn bat. Küss mich einfach“, bat sie ihn mit heiserer Stimme.

Bevor er noch etwas sagen konnte, hatte sie schon seinen Mund geküsst.

2. KAPITEL

So oft Noah sich auch diesen Moment mit Natalie vorgestellt hatte, hatte er nicht im Traum daran gedacht, sie aus einer Notlage heraus zu küssen. Auch hatte er nicht erwartet, dass sie die Initiative ergreifen würde. Nein, er hatte sich immer vorgestellt, dass ihr erster Kuss ein sinnliches, erotisches Ergründen sein würde. Dass er derjenige wäre, der ihre Leidenschaft allmählich an die Oberfläche brachte, bis sie sich ihm schließlich hingab.

Diese draufgängerische Umarmung war alles andere als ein süßer, sehnsuchtsvoller Kuss. Er war heiß und hemmungslos, wild und einnehmend. Natalie klammerte sich an ihn, als wollte sie unter seine Haut kriechen und Teil von ihm sein, und sie schmiegte ihren herrlichen Körper an seinen auf eine Art und Weise, die seine lange Zeit vernachlässigte Libido nicht ignorieren konnte. Sie krallte sich an seinen Haaren fest und presste die Lippen so kraftvoll auf seine, dass er Angst hatte, sie zu quetschen.

Es schien ihr egal zu sein. Die Verzweiflung strömte aus ihr hinaus, als sich ihre Zungen in einem wilden, verführerischen Tanz vereinten, trotz der Gefahr, die er um sie herum spürte. Er schmeckte ihre Panik, fühlte ihre Angst, obwohl sie ihn so leidenschaftlich küsste, dass ihm schwindelig wurde. Und immer, wenn er sich von ihr zu lösen versuchte, wurde sie noch hemmungsloser, was seine körperliche Lust erhöhte.

Es gefiel ihm gar nicht, mit dem Rücken zum Anlass ihrer Angst zu stehen, doch er war noch nie in seinem Leben mit solcher Kraft und solch einem Verlangen von einer Frau umarmt worden – einer Frau, die ihn entweder als Ablenkungsmanöver benutzte oder als Schutzschild. Noah schwor sich, dass er auf sie aufpassen würde, selbst als er gegen das betörende Gefühl ankämpfte, sie so willig und eifrig in seinen Armen zu halten.

Herrje! Der fieberhafte Kuss und die innige Umarmung sandten widersprüchliche Signale an sein Gehirn und seinen Körper. Seine Muskeln waren angespannt, und er war bereit, einen Angriff abzuwehren, obwohl er so erregt war, dass seine Erektion fast schmerzhaft gegen ihren Bauch drängte. Er stöhnte laut, und sein Verlangen wurde heftiger, obwohl er wusste, dass die Umstände nicht stimmten.

Eine Ewigkeit schien vergangen, dabei waren es in Wirklichkeit nur wenige Sekunden gewesen, bis Noah schließlich die Oberhand gewann und sich aus der Umarmung löste.

Natalie protestierte leise, als der Körperkontakt unterbrochen wurde, und zitterte unkontrolliert. Schwer atmend und mit Tränen der Verzweiflung in ihren großen Augen blickte sie zu ihm auf.

Er legte zwei Finger auf ihre noch feuchten Lippen, damit sie ruhig war, bis er ein besseres Gefühl für ihre missliche Lage bekam. „Ich werde nicht zulassen, dass dir irgendetwas passiert“, versprach er mit tiefer Stimme.

Er schützte sie weiter mit seinem Körper, während er sich zurücklehnte und um die Ecke herum blickte, um zu kontrollieren, ob dort irgendjemand auf sie wartete. Er sah einige Fußgänger, die die Straße entlangschlenderten, aber nicht den Kerl mit der Baseballkappe, der sie offensichtlich so erschreckt hatte.

Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Natalie zu, um von ihr zu erfahren, was sie so Furchterregendes gesehen hatte. Aber zuerst musste er sie beruhigen. Sanft strich er über ihre Arme. „Dort ist niemand, Natalie. Bei mir bist du in Sicherheit.“

„Ich werde niemals in Sicherheit sein!“, schrie sie mit hysterischer Stimme und schüttelte heftig den Kopf. „Er wird nicht aufgeben!“

Sie stieß gegen seine Brust und schob ihn mit Wucht von sich. Der unerwartete Angriff brachte ihn aus dem Gleichgewicht, und er stolperte einen Schritt zurück.

Er streckte den Arm nach ihr aus, doch bevor er sie festhalten konnte, rannte sie schon über die Straße, zurück zu Murphys Bar. Die Ampel zeigte Rot, und er schrie hinter ihr her, sie solle stehen bleiben. Sie hörte nicht, sondern rannte nur fluchtartig fort.

Wovor, wusste er nicht.

Noah sprang hinter ihr her, verfluchte sich und seine Unfähigkeit, die Situation zu beherrschen und auf ihr überstürztes Handeln schneller zu reagieren. Bevor er die Straße erreichte, machte der Fahrer eines herannahenden Autos eine Vollbremsung, um Natalie nicht zu überfahren. Doch der Wagen war noch zu schnell, und Natalie passte nicht auf.

Starr vor Entsetzen, stieß er einen warnenden Schrei aus. Zu spät. Der Wagen schleuderte über die Straße und erwischte Natalie, kurz bevor er zum Stillstand kam. Sie flog durch die Luft und landete einige Meter weiter auf der Seite, die goldblonden Haare zerzaust, die Arme unnatürlich abgewinkelt, leblos.

Wie betäubt rannte Noah zu ihr, schrie die Leute an, die aus den Geschäften und Restaurants auf die Straße geeilt waren, sie sollten den Notarzt verständigen und einen Unfallwagen rufen. Er ließ sich auf den Boden neben sie fallen, ohne auf den Schmerz zu achten, der durch seine Knie schoss. Ihm wurde schlecht vor Angst. Hektisch presste er zwei Finger an ihre Halsschlagader und atmete erleichtert auf, als er ihren zwar schwachen, aber immerhin vorhandenen Puls fühlte. Sie lebte, und das allein zählte.

Eine Menschenmenge versammelte sich um ihn, und der Fahrer des Wagens trat an Noahs Seite, irgendetwas stammelnd, dass er sie erst gesehen hatte, als es zu spät war. Noah ignorierte ihn. Vorsichtig legte er Natalie auf den Rücken und suchte nach Verletzungen, indem er mit der Hand über ihre Schultern, die Arme hinab und über die Beine bis zu ihren Füßen glitt. Er öffnete ihre Jacke und strich mit den Fingern über ihr Schlüsselbein, die Rippen und Hüften. Offensichtlich war nichts gebrochen.

Ihre Jacke hatte sie vor Schürfwunden an den Armen geschützt, aber sie hatte eine hässliche Wunde auf der Wange, die heftig blutete. Hoffentlich würde keine Narbe zurückbleiben. Ihr Gesicht war kreidebleich, die Lippen weiß und kalt, und sie wirkte so verdammt verletzlich.

„Der Notarzt ist auf dem Weg“, rief irgendjemand hinter ihm.

Dankbar für die Nachricht, hielt er Natalies schlanke, kalte Hand in seiner großen, warmen und betete schweigend, dass sich die Sanitäter beeilten.

„Polizei“, sagte eine tiefe, vertraute Stimme. „Bitte treten Sie von der verletzten Person zurück.“

Bobbys autoritärer Ton drang an Noahs Ohren, und er blickte auf und sah, dass sein Freund seine Dienstmarke schwenkte und sein Bestes gab, um die Schaulustigen zu vertreiben. Als Bobby Noah erkannte, ging er neben ihm in die Hocke.

„Verdammt, es ist Natalie“, sagte er und klang genauso geschockt, wie Noah sich fühlte. „Ich hatte keine Ahnung. Wir hörten den Unfall in der Bar, und ich bin hinausgelaufen, um zu sehen, was passiert ist. Ist alles in Ordnung mit ihr?“

„Ich bin mir nicht sicher“, erwiderte Noah. „Sie ist ganz kalt und bewusstlos.“

Bobby maß den Puls. „Ihr Puls ist stabil, das ist ein gutes Zeichen.“

Noah nickte zustimmend, wusste aber, dass es Verletzungen geben könnte, die sie nicht sahen. „Tust du mir einen Gefallen? Kümmere dich um den Fahrer. Er ist völlig fertig. Es war nicht seine Schuld. Sie ist einfach auf die Straße und vor seinen Wagen gelaufen, obwohl die Ampel rot war.“

Bobby hob überrascht die dunklen Augenbrauen. „Sie war doch bei dir, oder?“, fragte er verwirrt. „Wie konnte das dann passieren?“

Noah seufzte. „Das ist eine lange Geschichte. Ich werde dir die Einzelheiten erzählen, sobald Natalie versorgt ist.“

„Okay“, stimmte sein Freund zu. Er respektierte Noahs Wunsch, wusste er doch, dass er später einen detaillierten Bericht bekommen würde.

Bobby kümmerte sich weiter um die Schaulustigen, während Noah bei Natalie blieb. Auf keinen Fall würde er sie verlassen. Sanft strich er ihr die Haare aus dem Gesicht und flüsterte ihr aufmunternde Worte ins Ohr. Leise flehte er sie an, die Augen endlich zu öffnen. Vergeblich.

Zärtlich presste er die Lippen an ihre Fingerspitzen und wünschte, Leben und Energie in ihren Körper hauchen zu können. Noch nie im Leben hatte er sich so hilflos gefühlt, so voller Angst, nicht einmal damals, als seine Eltern sich scheiden ließen oder als sein Vater bei der Ausübung seiner Pflicht ums Leben kam. Letzteres war ein tragisches Erlebnis für ihn, seinen Bruder und seine Schwester, aber er hatte es geschafft, seine Trauer hinter einer sorglosen, unbeschwerten Fassade zu verstecken. Das war eine Strategie, die ihm schon oft im Leben geholfen hatte. Bis zu diesem Moment.

Es traf ihn schwer, dass diese Frau ihn emotional lähmte. Seit Monaten war er hinter ihr her, und irgendwie hatte sie es geschafft, sich auf eine Art in sein Herz zu schleichen, die er nie erwartet hätte. Der Gedanke, sie zu verlieren, zerriss ihn innerlich und machte ihn krank.

Endlich kam das Sirenengeheul näher. Einen Moment später hielt der Unfallwagen schon neben ihnen, und die Sanitäter schoben ihn von Natalie weg, um sich um sie kümmern zu können. Einer der Sanitäter fragte ihn, was passiert sei. Noah erzählte alles, was aufschlussreich für mögliche Verletzungen sein konnte.

Immer noch bewusstlos, wurde Natalie auf eine Trage gehoben und in den Unfallwagen geschoben, um zum nächstgelegenen Krankenhaus transportiert zu werden. Noah folgte ihnen. Er weigerte sich, sie auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. „Ich fahre mit“, sagte er und zeigte seine Marke, die ihn als Privatdetektiv auswies, um jegliche Auseinandersetzung zu vermeiden.

Niemand protestierte, als er in den Wagen stieg und sich auf die Bank neben Natalies Trage setzte. Einer der Sanitäter legte eine Infusion und maß dann den Blutdruck, während ein anderer ihre Pupillen mit einer Taschenlampe prüfte.

Bobby blickte besorgt und voller Mitleid durch die Wagentür. „Ich werde einige Augenzeugen befragen, anschließend komme ich ins Krankenhaus.“

„Danke“, sagte Noah. „Und ich rufe Cole von unterwegs an und erzähle ihm, was passiert ist.“

Die Doppeltür wurde geschlossen, und der Unfallwagen machte sich mit Blaulicht und Sirene auf den Weg ins Krankenhaus.

Es war die längste Fahrt in Noahs Leben.

Ruhelos marschierte Noah im Wartezimmer auf und ab, umgeben von Cole, Melodie und Bobby. Drei Stunden waren vergangen, seit Natalie ins Krankenhaus eingeliefert worden war, und außer ein paar vagen Aussagen über ihren Zustand, die Noah absolut nicht befriedigten, hatten sie noch nichts erfahren. Die Warterei war unerträglich, und er war dankbar dafür, dass sein Freund und seine Familie ihm Gesellschaft leisteten.

Er rieb sich über das Kinn und atmete hörbar aus. Vor fünf Monaten waren er, Cole und Melodie das letzte Mal im Krankenhaus gewesen. Damals war der Anlass ein glückliches und freudiges Ereignis gewesen. Ihre Schwester Joelle hatte in den Wehen gelegen und schließlich einem acht Pfund schweren und fünfzig Zentimeter großen Mädchen das Leben geschenkt, das Joelle und Dean Jennifer genannt hatten. Heute aber war die Stimmung düster und traurig, als die vier darauf warteten, eine aussagekräftige Information des Arztes über Natalies Zustand zu erhalten.

Noah trank von dem schwarzen Kaffee, den Melodie in der Cafeteria für alle besorgt hatte. Der bittere Geschmack passte genau zu den Vorwürfen, die er sich machte. „Wenn ich sie doch nur zurückgehalten hätte“, sprach er seine Gedanken laut aus.

„Hör auf, dich für etwas verantwortlich zu machen, was du nicht verschuldet hast, Noah“, sagte Cole. „Es ändert nichts an dem, was geschehen ist.“

Trotzdem fühlte Noah sich teilweise verantwortlich für den Unfall. Hatte er Natalie nicht gesagt, dass sie bei ihm sicher war? Er hatte auf ganzer Linie versagt.

Sein Blick wanderte zu Bobby, dessen dunkle Haare genauso zerzaust waren wie Noahs. „Bist du sicher, dass niemand irgendetwas Ungewöhnliches gesehen hat?“

„Ja.“ Bobby trank einen Schluck von seinem Kaffee. Er zog eine Grimasse, so stark und bitter war das Gebräu. Selbst eine extra große Portion Zucker hatte daran nichts geändert. „Alle Leute, die ich gesprochen habe, haben entweder gesehen wie sie bei Rot über die Straße gerannt ist, oder sie haben den Unfall erst bemerkt, als er bereits geschehen war.“

Noah warf seinen leeren Becher in einen Abfalleimer. „Ich hatte gehofft, dass irgendjemand diesen Typen in dem Sweatshirt und mit der Baseballkappe gesehen hat, von dem ich dir erzählt habe.“

„Niemand“, erwiderte Bobby und zerschlug damit seine Hoffnung.

„Hat er irgendetwas getan, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, oder hat er sie bedroht?“, fragte Melodie. Da sie zusammen mit Cole an einigen Fällen gearbeitet hatte, war ihr Wahrnehmungsvermögen auf Details trainiert.

„Nein. Er ist einfach hinter uns gelaufen. Er hat weder etwas gesagt, noch hat er sich uns gegenüber irgendwie feindselig benommen.“ Sie waren die Szene ein Dutzend Mal durchgegangen, aber auf nichts gestoßen, was Natalies merkwürdiges Verhalten erklärte. Sie war die Einzige, die sie mit den fehlenden Teilen in dem Puzzle versorgen konnte. „Wer auch immer es gewesen sein mag, auf jeden Fall war er derjenige, der Natalie in Panik versetzt hat.“

„Dann müssen wir abwarten, bis wir mit Natalie sprechen können. Von ihr werden wir erfahren, wer der Typ ist“, meinte Bobby pragmatisch. „So wie es im Moment aussieht, kann die Polizei nicht einmal nach dem Mann forschen. Wir brauchen zuerst mehr Informationen von Natalie.“

Noah steckte beide Hände in die Taschen seiner Jeans. „Ich bin sicher, dass sie kooperieren wird, sobald sie sich besser fühlt.“ Zumindest hoffte er, dass sie mehr Informationen geben würde, als sie es zuvorgetan hatte.

Vierzig Minuten später erschien ein Arzt.

„Wer von Ihnen ist mit Miss Hastings verwandt?“, fragte er und rückte seine Brille auf der Nase zurecht, während er seinen Blick über die Menschen in dem Wartezimmer schweifen ließ.

Noah trat einen Schritt vor. „Ich.“

Die Lüge ging ihm leicht über die Lippen. Er wusste nicht, ob sie Familie in dieser Gegend hatte, und er hatte auch keine Hinweise darauf in ihrer Tasche gefunden. Aber er musste mehr über sie erfahren, um sicherzustellen, dass die Bedrohung, die sie gesehen hatte, nicht näher an sie herankam. Und die einzige Möglichkeit, ihre Sicherheit zu garantieren, war, dass er sich selbst zu ihrem Bodyguard ernannte, bis die Angelegenheit geklärt war. Was weiterhin bedeutete, dass er lügen musste, wenn es notwendig wäre.

Er schüttelte dem Arzt die Hand. „Ich bin ihr Verlobter“, fügte er hinzu. Er sah, dass Melodie große Augen machte und Cole die Augenbrauen hochzog, doch er ignorierte beide. „Wie geht es Natalie?“

„Ihr Zustand ist stabil“, sagte er Mann und faltete die Hände vor der Brust. „Sie hat keine lebensbedrohlichen Verletzungen, aber sie hat sich bei dem Aufprall auf die Straße eine schwere Gehirnerschütterung zugezogen. Für kurze Zeit hat sie das Bewusstsein wiedererlangt, und das ist ein gutes Zeichen.“

Eine große Sorge fiel von Noahs Schultern. „Dann ist also alles in Ordnung.“

„Sie hat ein paar Schrammen und Blutergüsse, aber davon wird sie sich schnell erholen“, versicherte ihm der Arzt. „Sorge bereitet mir allerdings ihr psychischer Zustand. Wir haben einige Untersuchungen durchgeführt, haben sie geröntgt und auch eine Computertomografie gemacht, um ernsthafte Schäden auszuschließen. Aber es scheint, als leidet sie unter Gedächtnisverlust. Sie erinnert sich nur bruchstückhaft daran, was zu dem Unfall geführt hat, und es ist offensichtlich, dass dieser Teil ihres Gedächtnisses blockiert ist.“

„Sie meinen, sie leidet unter einer Amnesie?“, fragte er ungläubig.

„Der medizinische Fachausdruck ist ‚retrograde Amnesie‘“, erklärte der Arzt. „Man findet diese Form der Amnesie bei Menschen, die Kopfverletzungen erlitten haben oder unter einem Trauma leiden, das den Unfall ausgelöst hat.“

Das zumindest könnte in Natalies Fall zutreffen. Noah starrte ungläubig auf seine drei Begleiter, die aufmerksam der Unterhaltung folgten. Dann wandte er sich wieder an den geduldigen Arzt. „Wie lange hält eine solche Amnesie an?“

„Das kann man nicht genau sagen. Es können Stunden, Tage aber auch Wochen sein. Wir werden sie über Nacht zur weiteren Beobachtung hierbehalten. Nach ihrer Entlassung sollte sie nicht allein gelassen werden, solange sie sich unsicher fühlt und Angst vor irgendetwas hat.“

„Das ist kein Problem“, sagte Noah sofort und erfand eine weitere Lüge, um möglichen Schaden von ihr abzuwenden. „Wir leben zusammen.“

„Sehr gut.“ Der Arzt lächelte zufrieden. „Drängen Sie sie nicht, sich an irgendetwas zu erinnern, denn das könnte sie zu sehr belasten und die Erinnerung noch tiefer vergraben. Warten Sie einfach ab, bis die Erinnerung von allein zurückkehrt.“

„Kann ich sie sehen?“, fragte er hoffnungsvoll.

„Sie schläft im Moment …“

„Ich werde sie nicht stören“, unterbrach er schnell. „Ich will mich nur selbst davon überzeugen, dass mit ihr alles in Ordnung ist.“

Der ältere Mann sah sich im Warteraum um. Sein Blick verweilte kurz bei Bobby, Cole und Melodie. „Sind noch weitere Familienmitglieder anwesend?“

„Nein, ihre Familie lebt nicht in dieser Gegend.“ Die Lügen gingen Noah immer leichter über die Lippen, und er war dankbar, dass sich niemand einmischte.

Der Arzt zögerte einen Moment, dann nickte er. „Okay. Wenn Sie möchten, kann ich eine Schwester bitten, eine Liege für Sie in das Zimmer zu stellen, damit Sie über Nacht bleiben können. So sieht sie ein vertrautes Gesicht, wenn sie aufwacht.“

„Das wäre großartig.“ Er schüttelte wieder die Hand des Mannes und freute sich über die Möglichkeit, Natalie so nah zu sein. „Vielen Dank.“

Nachdem er sich von seinem Bruder, Melodie und Bobby mit dem Versprechen verabschiedet hatte, sie sofort zu informieren, wenn es etwas Neues gab, folgte er der Schwester in das Krankenzimmer.

„Ich komme gleich mit einer Liege und einer Decke für Sie“, sagte die Schwester und ließ ihn dann mit Natalie allein.

Er trat in das kleine Zimmer. Sein Blick fiel augenblicklich auf die schmale, schlafende Gestalt im Bett. Eine leichte Decke bedeckte Natalie bis zur Brust, und sie hing noch am Tropf. Auf einem Monitor konnte er ihren Herzschlag und die Atmung verfolgen. Ihr Zustand war tatsächlich stabil. Ihr Gesicht hatte wieder ein wenig Farbe angenommen, und die Wunde auf der Wange war versorgt worden. Glücklicherweise hatte sie nicht genäht werden müssen.

Die schreckliche Beklemmung, die er seit dem Unfall in der Brust verspürt hatte, ließ endlich nach. Er zog einen Stuhl an das Bett, setzte sich, beugte sich vor und legte seine Hand auf Natalies, nur um einen Kontakt zu ihr herzustellen.

Er spürte ihren Pulsschlag und beobachtete das gleichmäßige Auf und Ab ihrer Brust und die Bewegungen ihrer Augen hinter den geschlossenen Lidern. Ihre Lippen waren leicht geöffnet. Er erinnerte sich an ihren Kuss und schwor sich, dass der nächste viel süßer sein würde. Nichts als Begierde und beidseitiges Verlangen würde zwischen ihnen stehen.

Seine Liege wurde gebracht, dazu eine Flasche Mineralwasser. Die Schwestern kamen regelmäßig in das Zimmer, um nach dem Rechten zu sehen, und er stellte klar, dass er nicht von Natalies Seite weichen würde, solange sie nicht erwacht war.

Und während die Minuten vergingen, quälte ihn ein Gedanke. Würde sie sich an ihn erinnern, wenn sie aufwachte?

Ihre Kehle war wie ausgetrocknet. Sie hatte schrecklichen Durst.

Natalie erwachte aus einem tiefen, traumlosen Schlaf und öffnete die Augen. Sie blinzelte und konzentrierte sich auf die Umgebung. Plötzlich erinnerte sie sich, dass sie einen Unfall gehabt hatte und sich im Krankenhaus befand. Sie begann zu zittern, als sie die Geräte sah, an die ihr gepeinigter Körper angeschlossen war, und nahm den antiseptischen Geruch wahr. Sie hatte fürchterliche Kopfschmerzen. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand. Halb sieben – morgens, wie sie vermutete.

Sie schloss wieder die Augen und versuchte sich an Details ihres Unfalls zu erinnern, doch alles, was ihr einfiel, war, dass sie im Krankenhaus das Bewusstsein wiedererlangt hatte. Und dass sie sich gefragt hatte, was eigentlich los war. Vor Erschöpfung war sie schließlich wieder eingeschlafen.

Doch offensichtlich hatte die Nachtruhe keinen Fortschritt gebracht, denn noch immer konnte sie sich nicht an den Unfallhergang erinnern. Bevor sich ihre innere Unruhe zu Panik entwickelte, beruhigte sie sich mit dem Wissen, dass sie ein Trauma erlitten hatte, und mit der Sicherheit, dass sich im Laufe des Tages Klarheit einstellen würde.

Ein leises Schnarchen riss sie aus ihren verwirrenden Gedanken. Mit gerunzelter Stirn drehte sie den Kopf, blickte hinunter und entdeckte einen Mann, der vornübergesackt auf einem Stuhl neben ihrem Bett saß. Sein dunkler Schopf und die muskulösen Arme ruhten auf der Matratze dicht neben ihrer Hüfte.

Sie lächelte, als ein weiterer leiser Schnarchton seiner Kehle entwich, und erkannte die zerzausten Haare und das markante Profil als Noahs. Offensichtlich war er eingeschlafen, während er über sie wachte. Die fürsorgliche Geste wärmte sie tief im Innern.

Eine flüchtige Erinnerung blitzte auf. Noahs Lippen auf ihren, ein wilder, leidenschaftlicher Kuss, anders als alles, was sie bisher erlebt hatte. Sie kannte Noah, und fühlte, dass sie sich bei ihm sicher und begehrt fühlte. Aber sie hatte keine Ahnung, wie er in ihr Leben passte. War er ihr Freund? Ihr Liebhaber? Nur ein Bekannter? Dem Verlangen nach zu urteilen, das sich in ihr ausbreitete, musste er weit mehr als ein flüchtiger Bekannter sein.

Natalie streckte den Arm aus und fuhr ihm sanft durch die Haare. Sie strich über die dunklen Bartstoppeln auf seinen Wangen und seinem Kinn und versuchte sich daran zu erinnern, ob sie jemals von diesen aufregenden Stoppeln morgens gekratzt worden war. Seine Lippen waren leicht geöffnet und wirkten so warm und weich. So einladend. Sie konnte dem Drang nicht widerstehen, sie zu testen und wurde nicht enttäuscht, als sie unter ihren Fingerspitzen seinen weichen Mund spürte.

Langsam erwachte er und öffnete die Augen. Du meine Güte, er war so wahnsinnig sexy, so absolut gut aussehend, dass ihr buchstäblich der Atem stockte.

Das charmante Grinsen, das sie zu sehen erwartete, ging jedoch nicht über sein Gesicht. Stattdessen hob er langsam den Kopf und blickte sie unsicher an, als sei er nicht sicher, was er von ihr erwarten sollte. Merkwürdig, dachte sie.

Ungeachtet dessen beruhigte sie jedoch seine Anwesenheit, und sie war dankbar, dass sie beim Aufwachen nicht allein gewesen war. „Hallo“, sagte sie mit belegter Stimme.

Er schluckte und schenkte ihr schließlich dieses unwiderstehliche Lächeln, das ihren Puls jedes Mal schneller rasen ließ. Mit solch einem prickelnden Gefühl am Morgen aufzuwachen war wunderschön, allerdings konnte sie sich nicht erinnern, jemals neben diesem Mann wach geworden zu sein.

Nicht, dass es nicht geschehen wäre. Sie konnte sich nur nicht erinnern. Ihr Geist war umnebelt und desorientiert, und die Unfähigkeit, sich klar zu erinnern, in welcher Beziehung sie zueinanderstanden, frustrierte sie.

„Hallo, Schätzchen“, murmelte er.

Schätzchen. Ja, sie mochte es, so genannt zu werden. Und sie wusste, dass er dieses Kosewort schon früher gebraucht hatte.

Er richtete sich in seinem Stuhl auf und reckte und streckte sich, um die Verspannungen zu lockern, die sein Körper zweifellos bei dieser unbequemen Schlafposition erlitten hatte. Seine Muskeln bewegten sich unter dem T-Shirt, als er die Arme über den Kopf hob. Erleichtert seufzte er, und sie genoss jeden Augenblick dieser männlichen Pose.

„Du hast geschnarcht“, sagte sie amüsiert.

„Tut mir leid.“ Erschreckt blickte er sie an. „Habe ich dich dadurch geweckt?“

„Nein. Eigentlich war es ein ganz liebenswertes Schnarchen. Nicht störend.“

Er lachte. Das rollende Geräusch ließ ihre Nervenenden angenehm vibrieren. „Schön zu wissen, dass du mein Schnarchen liebenswert findest, aber erzähl bitte niemandem davon. Erstens wird man mich ständig damit aufziehen, und zweitens trifft es mein männliches Ego.“

„Keine Sorge, dein Geheimnis ist sicher bei mir aufgehoben.“ Sie lächelte, neugierig, ob sie noch weitere intime Geheimnisse teilten. „Ich brauche unbedingt etwas zu trinken. Gibt es hier Wasser?“

„Sicher.“ Noah stellte ihr Kopfteil hoch, sodass sie aufrecht im Bett saß, und füllte dann einen Plastikbecher, der auf dem Tablett neben ihrem Bett stand. Er hielt ihn an ihre Lippen und beobachtete, wie sie trank. Seine Augen drückten Besorgnis aus. „Du klingst heute Morgen zwar besser, als ich erwartet habe, aber wie fühlst du dich wirklich?“

Sie trank noch einen Schluck von dem kalten Wasser. Eine Wohltat für ihre trockene Kehle. „Mein Kopf brummt, und mir tun alle Knochen weh. Als sei ich von einem Auto angefahren worden.“

Er lächelte über ihren sarkastischen Tonfall und neigte den Kopf. „Du erinnerst dich also?“

„Kaum.“ Sie seufzte und lehnte sich gegen die Kissen. „Eine der Schwestern hat mir erzählt, was passiert ist, als ich sie gestern Abend gefragt habe. Deshalb weiß ich es. Allerdings fehlen mir die Einzelheiten.“

Er trank einen großen Schluck aus ihrem Glas und stellte es dann ab. „Du wirst dich nach und nach an alles erinnern. Ich bin nur froh, dass deine wunderschönen Augen wieder weit geöffnet und klar sind. Du hast uns ganz schön Angst eingejagt.“

„Uns?“

Er setzte sich seitwärts auf ihre Matratze und nahm ihre Hand. Mit dem Daumen zeichnete er kleine Muster um die Knöchel. „Mir, meinem Bruder, Melodie, Bobby und allen, die bei Murphy waren.“

Sie versuchte krampfhaft diese Menschen einzuordnen. Ein plötzlicher Schmerz schoss durch ihre Schläfen, und sie drückte ihre Finger dagegen. „Die Namen sind mir vertraut, aber warum kann ich mir die Gesichter nicht vorstellen?“, fragte sie, wütend über ihre Unfähigkeit, Namen und Gesichter zusammenzubringen.

Er zögerte und hielt in seinen zärtlichen Liebkosungen inne. Dann fragte er vorsichtig: „Hat der Arzt dir nichts gesagt?“

Bedingt durch seinen Tonfall und den besorgten Gesichtsausdruck, war sie sicher, dass ihr nicht gefallen würde, was sie wohl hören müsste. „Was soll er mir gesagt haben?“

Er atmete hörbar aus. Da das Gespräch auf ihr Problem gekommen war, fühlte er sich verpflichtet, mit ihr darüber zu sprechen. „Hat er nichts von der Amnesie gesagt?“

„Amnesie?“ Ihre Stimme klang plötzlich eine Oktave höher, und sie verspürte einen qualvollen Adrenalinstoß. „Aber ich erinnere mich an dich.“ Aus dem Grund war sie auch wegen der anderen kleine Dinge, an die sie sich nicht erinnern konnte, nicht besonders beunruhigt gewesen. Aber nachdem er das Wort Amnesie benutzt hatte, ergab ihr mangelndes Erinnerungsvermögen einen Sinn, was ihr allerdings überhaupt nicht gefiel.

„Gott sei Dank.“ Zärtlich strich er ihr die Haare aus dem Gesicht. „Aber es gibt andere Sachen, an die du dich vielleicht nicht erinnerst.“

Nun, dieser Aussage konnte sie nichts entgegensetzen. Wie betäubt und voller Angst nickte sie. Wie merkwürdig, wenn man sich an gewisse Dinge im Leben nicht erinnerte und andere Dinge instinktiv wusste. Wie zum Beispiel die unerklärliche emotionale und körperliche Verbindung zu Noah.

„Sag mir, was der Arzt dir gesagt hat“, bat sie ihn und hörte genau zu, als er ihr ihren Grad der Amnesie erklärte. Dass sie sich an einige Einzelheiten aus der Vergangenheit und Gegenwart erinnerte, an andere aber nicht.

Geschockt schüttelte sie den Kopf. „Bleibt diese retrograde Amnesie bestehen?“

„Der Arzt sagt Nein“, versicherte er ihr. „Du hast ein Trauma erlitten, als du mit dem Kopf aufgeschlagen bist. In den nächsten Wochen oder Monaten wirst du dich an immer mehr Dinge erinnern. Er ist überzeugt, dass dein Erinnerungsvermögen irgendwann vollständig wieder hergestellt ist.“

Ein Schauer lief ihr über den Rücken. „Und bis dahin erinnere ich mich nur an Teile aus meinem Leben? Wie furchtbar.“

Er drückte zärtlich ihre Hand. „Ich weiß, dass das sehr beängstigend sein muss. Aber ich verspreche, ich werde für dich da sein.“

Das Wissen, dass sie sich auf Noah verlassen konnte, brachte ihr großen Trost, denn im Moment fühlte sie sich unsagbar allein und verletzlich. „Danke.“

„Es ist mir ein Vergnügen.“ Er beugte sich vor und hauchte einen Kuss auf ihre Wange.

Seine Lippen waren warm und sinnlich, sein Geruch würzig und männlich. Seine Bartstoppeln kratzten leicht über ihre Haut und weckten ein unsägliches Verlangen in Natalie. Ihr Herz schlug schnell und fest, und es überraschte sie, dass der Monitor, an den sie angeschlossen war, nicht durchbrannte. Als er den Kopf wieder hob und sie ansah, waren seinen Augen dunkel vor Begierde.

Sie atmete langsam aus, als sie sich tief in die Augen blickten. Sie begehrte diesen Mann in einem Maße, das sich nicht mit ihrem gegenwärtigen Gesundheitszustand vertrug. Es war unerklärlich, doch eines wusste sie genau: Das Gefühl war echt.

Eine Schwester betrat das Zimmer und störte den intimen Moment. Noah setzte sich zurück, als die Frau ans Bett trat und den Tropf neu einstellte. Sie trug einen pastellfarbenen Kittel, und das Namensschild wies sie als Schwester Shirley Richards aus.

„Sie sind wach“, sagte sie freundlich und lächelte Natalie an. „Wie fühlen Sie sich heute Morgen?“

„So gut, wie man sich unter diesen Umständen fühlen kann.“

Die Schwester nickte verständnisvoll. „Ich werde Ihnen noch ein Mittel gegen die Schmerzen geben. In ein paar Tagen werden Sie sich besser fühlen. Sie haben wahnsinniges Glück gehabt, dass Sie keine inneren Verletzungen davongetragen haben.“ Dann legte sie die Blutdruckmanschette um Natalies Arm und pumpte sie auf.

Während sie den Blutdruck maß, warf sie einen Blick auf Noah und sah dann wieder Natalie an. „Sie haben einen sehr fürsorglichen Verlobten“, sagte sie ehrlich. „Er wollte unbedingt bei Ihnen bleiben und hat die ganze Nacht an Ihrem Bett gesessen, damit Sie nicht allein sind, wenn Sie aufwachen.“

Natalie riss die Augen auf. Ihr Verlobter? Noch ein Schock, den sie erst einmal verdauen musste. Sie und Noah waren verlobt? Sie warf einen verstohlenen Blick auf ihre linke Hand und sah keinen Ring als Beweis. Allerdings hatte das nicht unbedingt etwas zu bedeuten. Zweifellos gehörte der Mann irgendwie zu ihrem Leben, und da er die Aussage der Frau weder zurückwies noch korrigierte, musste sie davon ausgehen, dass sie stimmte.

Und der Gedanke, zu Noah zu gehören, war ihr nicht gerade unangenehm.

„Ich denke, Sie möchten sich vielleicht ein wenig frisch machen“, sagte Shirley, nachdem sie Natalies Werte notiert hatte.

Natalie lächelte schüchtern. „Sehr gern.“

„Wahrscheinlich könnten Sie allein aufstehen, aber ich werde Ihnen das erste Mal helfen, für den Fall, dass Ihnen schwindelig wird. Außerdem hängen Sie noch am Tropf.“ Die Schwester wandte sich an Noah. „Könnten Sie uns vielleicht für eine Viertelstunde allein lassen?“

„Natürlich.“ Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Ich muss auch einmal verschwinden.“

Er zwinkerte Natalie zu und ging zur Tür. Sie sah ihm nach. Ihr Blick ruhte auf seinen breiten Schultern und seinem kräftigen Körper. Egal, wie sehr sie ihr Gehirn anstrengte, sich an etwas so Wichtiges wie eine Verlobung zu erinnern, es blieb leer.

Trotz ihres mangelnden Erinnerungsvermögens formte sich ein aufregender Gedanke in ihrem Kopf: Dieser fantastische, atemberaubende Mann gehört mir.

3. KAPITEL

Noah wusch sich die Hände und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Dann trocknete er sich mit einem Papierhandtuch ab und fuhr sich durch seine zerzausten Haare. Er hatte ein schlechtes Gewissen.

Natalie glaubte, dass sie verlobt waren. Er hatte Natalies Gesicht beobachtet, als die Schwester von ihrem fürsorglichen Verlobten sprach. Sie war überrascht gewesen, doch zu seiner großen Erleichterung hatte sie die beiläufig hingeworfene Bemerkung der Schwester nicht infrage gestellt. Das hatte ihn davor bewahrt, Natalie direkt anzulügen. Im Moment jedenfalls.

Er stützte sich mit den Händen auf dem Waschbecken ab und betrachtete sein Gesicht im Spiegel. Seine Augen wirkten müde und hatten dunkle Ränder. Sicher, seine Lügen hatten einen Grund. Er wollte in Natalies Nähe bleiben, damit er sie beschützen konnte, bis er den Grund für ihre Angst am Abend zuvor herausgefunden hatte. Es würde noch weitere Lügen geben, bis sie ihr Gedächtnis vollständig wiedererlangt hatte – doch alle nur zu ihrem Besten. Hier ging es allein um ihre Sicherheit.

Er vermutete, dass sie sich nicht mehr daran erinnerte, was sie so sehr geängstigt hatte, und das machte sie noch schutzloser und angreifbarer für den Mann, vor dem sie davongelaufen war. Mittlerweile glaubte er, dass sie die Zielscheibe eines „Stalkers“ war. Wie sonst ließen sich Natalies hysterische Worte erklären ich werde niemals in Sicherheit sein. Er wird nicht aufgeben!?

Im Moment wusste sie durch die Amnesie nicht, dass irgendetwas nicht stimmte, und ihr Urteilsvermögen war vielleicht durch den Gedächtnisverlust beeinträchtigt. Dadurch war das Risiko groß, dass die nächste Begegnung feindselig ausgehen würde.

Und auf keinen Fall würde er zulassen, dass ihr noch einmal etwas passierte. Nicht, solange er es verhindern konnte.

Er verließ die Herrentoilette und hielt vor dem Automaten in dem Wartebereich. Dort kaufte er eine Packung Pfefferminz und steckte sich drei auf einmal in den Mund. Dann wartete er noch ein paar Minuten, bevor er wieder zu Natalie ging. In der Zeit überlegte er sich seine Vorgehensweise. Er würde ihr ein paar beiläufige Fragen stellen, um herauszufinden, an was sie sich erinnerte und an was nicht. Natürlich würde er ihr nicht gleich die Wahrheit sagen, wie es zu dem Unfall gekommen war, denn wenn sie sich nicht erinnerte, lag es nur an ihrer Panik und Paranoia.

Er stopfte drei weitere Pfefferminzbonbons in den Mund, und als er wieder in ihr Zimmer trat, saß Natalie im Bett und hatte ihr Frühstück vor sich. Sie trug noch das Krankenhausnachthemd, aber ihre Haare waren gekämmt und hinter die Ohren gesteckt.

Angewidert blickte sie von ihrem Teller auf und zog die Nase kraus. „Ekelhaftes Zeug.“

Noah lachte und trat zu ihr. „So schlimm?“

„Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, was ich am liebsten zum Frühstück gegessen habe, aber das Zeug hier jedenfalls nicht. Verwässertes Rührei, Hafergrütze, die wie Kleister schmeckt, und trockener, kalter Toast.“ Sie deutete mit dem Zeigefinger auf die einzelnen Dinge auf ihrem Tablett. „Das Einzige, was genießbar aussieht, sind die frischen Früchte.“

Er stimmte ihr zu, dass das Frühstück nicht besonders appetitlich wirkte. „Dann iss die Früchte, und trink den Apfelsaft, und ich versuche später etwas Leckeres auf dein Zimmer zu schmuggeln.“

Sie lächelte. „Wie wäre es mit einer Peperoni-Pizza?“

Er lachte über ihre Begeisterung, froh darüber, dass sie sich so schnell erholte. „Eine große Pizzaschachtel ist vielleicht zu auffällig, meinst du nicht? Damit müssen wir warten, bis wir wieder zu Hause sind.“

„Zu Hause?“

Ihre gerunzelte Stirn sagte ihm, dass sie Probleme hatte, sich daran zu erinnern, wo sie wohnte. Für ihn war das ideal. „Meine Wohnung. Wir sind gerade zusammengezogen.“

„Ach so.“

Noah spielte seine Karten sehr vorsichtig aus. Auf keinen Fall wollte er sie in irgendeiner Weise beunruhigen. „Hast du ein Problem damit?“

„Nein, eigentlich nicht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich meine, wenn wir verlobt sind, ist das doch ganz normal.“

Sie war so vertrauensvoll, dass ihn erneut das schlechte Gewissen beschlich. Er schob die Gewissensbisse beiseite – und rief sich in Erinnerung, dass es keine andere Möglichkeit gab, sie zu beschützen.

Sie seufzte leise. „Ich muss einfach wieder lernen, wer ich bin. Zumindest teilweise.“

„Ja, genau das hat der Arzt gesagt.“ Da sie nichts aß, nahm er eine Grapefruit, schälte sie und hielt ihr ein Stück an den Mund. Als sie mechanisch die Lippen öffnete, schob er die Frucht hinein. „Wir werden viele Gespräche führen und so versuchen, Licht in das Dunkel zu bringen.“

Vorsichtig kam er auf ein anderes Thema zu sprechen, da er wissen wollte, was sie aus ihrer Vergangenheit noch wusste. „Soll ich jemanden aus deiner Familie benachrichtigen?“

„Ich habe keine Familie“, entgegnete sie, ohne zu zögern.

Überrascht fragte er: „Daran erinnerst du dich?“

„Ja“, erwiderte sie gleichermaßen erstaunt. „Du hast mich getestet, nicht wahr?“

Als ihr Verlobter müsste er natürlich über ihre Familienverhältnisse Bescheid wissen. Deshalb war er dankbar, dass sie seine Frage als eine Art Test betrachtete. Ein Vorteil für ihn, den er nutzen wollte, um weitere Informationen zu bekommen. „Ja, stimmt. Woran erinnerst du dich noch?“

Sie steckte sich ein Stück Melone in den Mund und dachte nach, während sie kaute. „Ich erinnere mich, dass meine Eltern bei einem Hausbrand ums Leben kamen, als ich fünf Jahre alt war. Ich bin in Pflegefamilien aufgewachsen.“

Wie schrecklich, dachte er und malte sich aus, was für eine schwierige Kindheit sie gehabt haben musste. Auch er hatte seine Eltern verloren, aber er hatte zumindest seinen Bruder Cole gehabt, der seine Schwester Joelle und ihn aufgezogen hatte. Sie bildeten eine starke Gemeinschaft – damals und auch heute. „Was ist mit Verwandten?“

Sie schüttelte den Kopf. „Meine Eltern waren Einzelkinder, ich habe also weder Tanten noch Onkel, und meine Großeltern sind auch tot.“

Er drängte sie, von ihrem Apfelsaft zu trinken. „Weißt du, wie es gestern Abend zu dem Unfall gekommen ist?“

Sie machte eine Pause, und Noah konnte ihr ansehen, wie sehr sie sich bemühte, sich an Einzelheiten zu erinnern. „Ich erinnere mich, dass ich mit dir zusammen gegangen bin … aber ich hatte vor etwas Angst?“

Unsicher sah sie ihn an und wartete darauf, dass er ihre Frage bestätigte. „Ja, du hattest Angst. Wovor hattest du Angst, Schätzchen?“

Sie schloss die Augen. In ihrem Gehirn arbeitete es, doch sie erinnerte sich nicht. „Ich weiß es nicht.“ Resigniert ließ sie den Kopf zurück in die Kissen fallen und stieß einen entmutigten Seufzer aus. „Wie kommt es, dass ich mich an so viele Dinge aus der Vergangenheit erinnere – auch an dich –, andere aber völlig vergessen habe? Ich fühle mich, als gäbe es ein riesiges Loch in meinem Leben.“

Sie schien wegen ihrer Ohnmacht, sich an gewisse Dinge zu erinnern, der Panik nahe.

Noah nahm ihre Hände zwischen seine und versuchte sie mit liebevollen Worten zu trösten. „Ich bin für dich da, Natalie, für alles, was du willst oder brauchst.“ Er meinte es ernst.

Sie schob das Frühstückstablett von sich. Offensichtlich war ihr der Appetit vergangen. „Ich will meine Erinnerung zurück. Ganz“, erwiderte sie trotzig.

Ein Wunsch, den er natürlich nicht erfüllen konnte. Da er wusste, wie verzweifelt sie war, versuchte er ihre Gedanken auf das Positive zu richten. „Weißt du was? Wir konzentrieren uns zuerst einmal auf Dinge, an die du dich erinnerst.“

Sie sah ihm in die Augen, so tief und lange, dass er das Gefühl hatte, sie könnte bis in seine Seele sehen. Dann starrte sie schließlich auf seinen Mund.

„Ich erinnere mich daran, dass wir uns geküsst haben“, sagte sie abrupt und mit leiser, belegter Stimme. Sie befeuchtete ihre Unterlippe mit der Zunge, und ihre Atmung ging schneller. „Komm“, flüsterte sie.

Wie hypnotisiert von ihrer Bitte, schob er den kleinen Tisch aus dem Weg und beugte sich vor. Mit einer Hand stützte er sich neben ihrem Kopfkissen ab. Bedingt durch diese Position drückte seine Brust gegen ihren vollen Busen, und flüchtig wünschte er, sie wären beide nackt, und er könnte ihre Haut an seiner spüren.

Er war unsicher, was sie wollte, aber egal, was es war, er würde bereitwillig mitspielen.

Mit der Hand strich sie zärtlich über seinen Arm bis zu seiner Schulter, dann tauchte sie die Finger in seine Haare und zog seinen Kopf zu sich herunter. Fasziniert von dem Verlangen, das aus ihren Augen sprach, folgte er. Bevor sich ihre Lippen wirklich berührten, sah er, dass sie die Augen schloss und den Mund für ihn öffnete.

Während ihr erster Kuss ein Akt der Verzweiflung gewesen war, war dieser aus der Leidenschaft geboren, die hell in ihnen loderte. Sie knabberte an seiner Unterlippe, und er ließ sie nach Lust und Laune schmecken und erforschen, egal, was es körperlich für ihn bedeutete. Er war bereits total erregt, sein bestes Stück hart und groß – eine normale Reaktion auf ihren Körper.

Der Kuss wurde intensiver, und er erwiderte ihre Lust mit dem gleichen Temperament. Ihre Zungen vollführten einen erregenden Tanz. Sie spielten miteinander und drangen tief in die heiße, feuchte Mundhöhle des anderen ein. So viel Leidenschaft. So viel Feuer. So intensiv und hemmungslos.

Natalie stöhnte auf. Er stimmte in den lustvollen Laut ein. Sie war einfach unwiderstehlich, eine Verlockung, eine Droge für seine vernachlässigte Libido, und sie machte ihn ruhelos und regte seinen Appetit auf mehr an.

Als sie sich von ihm löste, rang sie nach Luft. Sein eigener Puls raste. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, und er wollte sich in ihren vertrauensvollen, samtblauen Augen verlieren. Wollte die Decke wegziehen und ihr das Krankenhaushemd vom Körper reißen und sie lieben.

Das war natürlich nicht möglich. Nicht hier. Nicht jetzt. Nicht, solange sie ihr Erinnerungsvermögen nicht wiedererlangt hatte und ihre Empfindungen besser einordnen konnte. Ihm war klar, dass sie nicht mehr wusste, dass sie ihm monatelang aus dem Weg gegangen war und ihre Gefühle für ihn unterdrückt hatte. Aber diese Natalie lebte ihre Begierde aus. Eine Begierde, die sie immer verspürte hatte, vor ihm jedoch bis zum heutigen Tag verborgen hatte.

Interessant.

Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Und wofür war das …?“, murmelte er.

Sie streichelte über seine Wange, fuhr mit dem Daumen über seine volle Unterlippe und sah ihm noch immer tief in die Augen. „Ich wollte einfach sicher sein, dass das, was ich für dich empfinde, real ist.“

„Und ist es das?“ Er musste es wissen.

„Absolut. Es tut so gut, dich zu küssen.“

Er lachte erleichtert und fuhr mit der Fingerspitze über ihre süße Nase. „Nur damit du es weißt, du darfst mich jederzeit küssen.“

Lächelnd legte sie sich in die Kissen zurück. Plötzlich wirkte sie müde. Obwohl sie körperlich unverletzt schien, würde es ein paar Tage dauern, bis sie sich wirklich erholt hatte. Im Moment brauchte sie einfach Schlaf.

Er richtete sich auf und fällte eine schnelle Entscheidung, von der sie beide profitieren würden. „Ich gehe jetzt, komme aber ganz schnell zurück.“

Angst flammte in ihren Augen auf. „Wohin gehst du?“, fragte sie voller Panik.

Sofort versuchte er sie zu beruhigen. „Ich will nur duschen, mich rasieren und umziehen. Und du brauchst deinen Schlaf. Hast du Angst, allein zu bleiben?“, fragte er sanft.

„Ich bin nur etwas nervös“, gab sie zu und errötete leicht. „Ich fühle mich fehl am Platz und desorientiert, und du bist wie der Rettungsanker in dem Sturm, in dem ich mich anscheinend befinde.“

„Das ist ganz normal.“ Er griff nach dem Rufknopf für die Krankenschwester und zog ihn in Natalies Reichweite. „Hiermit kannst du die Schwester holen, wenn du irgendetwas brauchst. Und hier sind die Nummern für mein Handy und für meinen Pager.“ Er kritzelte beide auf eine Serviette und legte sie neben ihr Telefon. „Du kannst mich jederzeit anrufen, auch wenn es nur ist, um meine Stimme zu hören.“

Sie holte tief Luft. „Du musst mich für ein totales Nervenbündel halten.“

Nein, das tat er überhaupt nicht. Ihre Angst und Nervenanspannung waren begründet, aber darüber wollte er jetzt nicht mit ihr sprechen. Noch mehr Aufregung konnte sie im Moment absolut nicht brauchen.

„Ich klammere doch nicht immer so, oder?“, fragte sie. Die Augen fielen ihr vor Erschöpfung schon fast zu.

Der Gedanke schien ihr so peinlich zu sein, dass er lächeln musste. „Du klammerst nur, wenn es darauf ankommt, mein Schatz“, neckte er sie.

„Gut.“ Sie schloss die Augen und murmelte schläfrig. „Bringst du mir bitte frische Kleidung mit?“

Keine ungewöhnliche Bitte, da sie ja glaubte, sie lebten zusammen. „Natürlich.“ Glücklicherweise hatte er ihren Autoschlüssel und ihren Ausweis aus ihrer Tasche genommen, bevor er der Schwester ihre persönlichen Sachen gegeben hatte. So hatte er alles, was er brauchte, um in ihre Wohnung zu gelangen und genügend Dinge mitzunehmen, damit es so aussah, als wohnte sie tatsächlich bei ihm. Aber zuerst musste er ein Taxi holen, das ihn zu seinem Wagen brachte, denn der stand immer noch vor Murphys Bar und Grillrestaurant.

Er blieb an ihrer Seite, bis sie eingeschlafen war. Erst dann verließ er das Zimmer. Am Schwesternzimmer blieb er stehen, zeigte seinen Dienstausweis und ordnete an, dass niemand außer dem Krankenhauspersonal Natalies Zimmer betreten durfte.

Er wollte kein Risiko eingehen.

Die Hände in die Hüften gestemmt, sah Noah sich in dem einst sehr männlich ausgestatteten Badezimmer um. Jetzt nahmen Natalies Toilettenartikel die Hälfte des Platzes ein. Sein lieb gewordenes Junggesellenleben war vorüber – zumindest für die nächste Zeit. Der Gedanke, bedeutungslose Affären gegen ein ständiges Zusammenleben mit einer Frau einzutauschen, beunruhigte ihn nicht so sehr, wie er befürchtet hatte – denn es war Natalie, eine Frau, hinter der er schon lange her war. Eine Frau, die ihn reizte und Gefühle weckte, die ihn bei anderen Frauen in die Flucht geschlagen hätten. Bei ihr jedoch schien alles so unerklärlich richtig.

Im Moment wollte er jedoch seine wechselnden Empfindungen nicht weiter analysieren, denn er hatte einen Job zu verrichten, und seine Gefühle für Natalie mussten zunächst einmal in den Hintergrund treten. In erster Linie ging es jetzt darum, sie zu beschützen. Sobald sie ihr Erinnerungsvermögen wiedererlangt hatte und nicht mehr in Gefahr war, würden sie sich auf ihre Beziehung konzentrieren.

Er ging zurück in sein Schlafzimmer, machte im Schrank Platz für ihre Sachen und verstaute alles, was er aus ihrer Wohnung mitgenommen hatte. Bei Durchsicht ihrer Kleidung hatte er gemerkt, dass sie Jeans und Sweatshirts, weite T-Shirts und übergroße Pullover bevorzugte. Es gab nicht ein einziges sexy Kleidungsstück, wie es Frauen mit ihrer Figur normalerweise trugen. Als wollte sie ihren Traumkörper verstecken, statt ihn zu zeigen.

Das war eine sehr interessante Entdeckung. Ihre Wohnung insgesamt war sehr aufschlussreich gewesen. Statt der Wärme und Intimität, die er erwartet hatte, strahlte das Apartment nur Kälte und Einsamkeit aus. Es war lediglich der Ort, an dem sie schlief, aß und lernte, wie die vielen Bücher auf einem Tisch am Fenster vermuten ließen. Nichts, was darauf hinwies, dass sie mehr als ein ruhiges, einsames Leben führte.

In dem Apartment befanden sich nur die notwendigsten Dinge. Ein Bett, ein Nachttisch und ein alter Schrank, der nicht zu den übrigen Möbeln passte. Auf einem primitiven Regal stand ein tragbarer Fernseher, und dann gab es noch einen kleinen Esstisch und zwei alte Holzstühle. Selbst der Geschirrschrank war beinahe leer, und auch im Kühlschrank herrschte gähnende Leere.

Noah hatte den unbestimmten Eindruck, sie könnte zu jeder Tages- und Nachtzeit verschwinden und alles zurücklassen, ohne irgendetwas davon zu vermissen. Anscheinend wollte sie sich nicht für immer in Oakland niederlassen. Ihre Habseligkeiten waren dürftig, und er hatte nichts gefunden, was Aufschluss über ihr früheres Leben gab.

Er war sogar so weit gegangen, zwei Schubladen zu durchwühlen, in der Hoffnung, hilfreiche Information darüber zu bekommen, was sie erschreckt hatte. Das einzig Interessante, was er entdeckte, war eine alte Frauenzeitschrift mit ihrem Namen und einer Adresse in Reno, Nevada, darauf. Er konfiszierte das Magazin, mit dessen Hilfe er etwas über ihr Leben vor ihrem Umzug nach Nordkalifornien herauszufinden hoffte.

Noah leerte die letzte Tüte mit Kleidungsstücken auf sein Bett, um die Teile zu sortieren, und lächelte, als ihre Unterwäsche herausfiel. Er nahm ein Stück in die Hand, rieb den weichen Stoff zwischen den Fingern und atmete den frischen Wäscheduft ein. Es hatte ihn überrascht, dass sie einfache Baumwollwäsche bevorzugte, obwohl sie einen Körper hatte, der für Reizwäsche wie geschaffen war. Auch ihre BHs waren lediglich schmucklose Kleidungsstücke, dazu gedacht, ihre herrlichen Brüste zu bedecken – und nicht zu betonen.

Ihre Wäsche war absolut nicht reizvoll, und Noah hatte im Laufe der Jahre weitaus verführerischere Dessous gesehen, doch diese Einfachheit reizte ihn unglaublich. Den besten Beweis lieferte seine anschwellende, pochende Männlichkeit. Natalie war durch und durch Frau, und sie brauchte weder Seide noch Spitze, um ihre Attribute zu betonen.

Aber sie war auch eine Frau mit tief verborgenen Geheimnissen, und er beabsichtigte herauszufinden, was sie versteckte.

Er steckte die Slips und Büstenhalter in die Schublade, die er für Natalie geleert hatte, und warf auch ein paar von ihren Kleidungsstücken zusammen mit seinen in den Wäschekorb. Ihre Studienbücher lagen jetzt auf seinem Küchentisch, und die drei CDs, die er in ihrer Wohnung gefunden hatte, auf seiner Stereoanlage.

Nachdem sein Haus tatsächlich so aussah, als lebte auch eine Frau dort, stellte er sich zufrieden unter die Dusche, rasierte sich, zog frische Sachen an und telefonierte anschließend schnell mit Bobby und Cole, um sie über Natalies Zustand zu informieren. Er erinnerte sie daran, das Spiel mitzuspielen, dass er ihr Verlobter war. Schließlich kehrte er ins Krankenhaus zurück, bepackt mit Jogginghose, Sweatshirt, Socken und Unterwäsche.

Als er ihr Zimmer betrat, war sie wach und unterhielt sich gerade mit dem Arzt. Sie schenkte Noah ein Lächeln, das seinen Puls schneller schlagen ließ und ihm das Gefühl gab, ein Teenager zu sein, der sich das erste Mal so richtig verliebt hatte.

„Hallo“, sagte sie und winkte ihn aufgeregt an ihr Bett. Kaum war er dort, nahm sie seine Hand und drückte sie. „Gute Nachrichten. Ich kann nach Hause.“

Er bemerkte, dass sie nicht mehr am Tropf hing und auch nicht mehr an den Monitor angeschlossen war. „Das ist ja fantastisch.“

Der Arzt notierte etwas auf Natalies Karte und wandte sich dann an Noah. „Sie muss sich in den nächsten Tagen aber noch schonen und braucht viel Ruhe.“

„Kein Problem.“ Er legte ihre Sachen auf den Tisch, direkt neben den großen Blumenstrauß, der anscheinend während seiner Abwesenheit geliefert worden war. Lächelnd sah er zu Natalie. „Ich werde dafür sorgen, dass sie all die Fürsorge bekommt, die sie braucht.“

„Sehr schön.“ Der ältere Mann nickte zustimmend und steckte seinen Kugelschreiber wieder in seine Kitteltasche. „Sie kann sich jetzt fertigmachen, und ich sorge dafür, dass eine Schwester ihre persönlichen Dinge bringt.“

Der Arzt verließ das Zimmer, und Noah blickte zu dem wunderschönen, herrlich duftenden Blumenstrauß. Er war neugierig, wer der Schenkende war. „Schöne Blumen“, bemerkte er und hoffte, dass seine Stimme nicht die Spur von Eifersucht enthüllte, die er empfand. Weiter hoffte er, dass sie erzählen würde, woher der Strauß kam.

„Ja, sie sind wunderschön.“ Natalie streckte die Hand aus und berührte vorsichtig eine rote Rosenblüte. Ihre Gesichtszüge wurden weich, und sie blickte Noah voller Hingabe an. „Danke, dass du sie mir geschickt hast. Das war sehr lieb von dir und die Karte dazu sehr beruhigend.“

Er schluckte nicht nur seine Überraschung hinunter, sondern auch die Wahrheit, die ihm auf der Zunge lag. Was auch immer auf der Karte geschrieben stand, hatte ihr den Eindruck vermittelt, dass er ihr die Blumen geschickt hatte. Es juckte ihm in den Fingern, den Umschlag zu nehmen, der mitten in dem Strauß steckte, und die Worte zu lesen.

Sein Gesichtsausdruck verriet nichts. Lächelnd sagte er: „Gern geschehen.“

Tief seufzend setzte sie sich im Bett auf und schwang vorsichtig die Beine über die Bettkante. „Ich ziehe mich jetzt an, damit du mich endlich von hier wegbringen kannst.“

Noah half ihr beim Aufstehen und stützte sie, bis er sicher war, dass sie festen Stand hatte. Dann reichte er ihr die Kleidungsstücke, die er mitgebracht hatte. Er blickte ihr nach, als sie zu dem kleinen Badezimmer ging, und genoss den erregenden Anblick.

Um ein gewisses Maß an Schamgefühl zu bewahren, hielt sie mit einer Hand das auf dem Rücken offene Krankenhaushemd zu. Obwohl sie sich so gut wie möglich bedeckte, sah er doch ihren runden Po und die schlanken Schenkel.

Nachdem sie hinter der Tür verschwunden war, holte er tief Luft, was aber kaum half, das Ziehen in seinen Lenden zu schwächen, und wandte seine Aufmerksamkeit dem Blumenstrauß zu. Er wusste, dass Natalie in wenigen Minuten zurück sein würde. Schnell nahm er den Umschlag, zog das Kärtchen heraus und las die Worte, die jemand speziell für sie geschrieben hatte.

Du wirst immer mir gehören.

Kurz und bündig. Kein Name, keine Unterschrift. Ein unbehagliches Gefühl beschlich Noah, gepaart mit Wut, dass jemand so unverfroren Jagd auf Natalie machte. Wie weit würde dieser Verrückte gehen?

Die ungewisse Antwort auf diese Frage steigerte seine Wut und aktivierte den Beschützerinstinkt in ihm.

Glücklicherweise glaubte sie, er hätte die Blumen geschickt, und er würde sie in diesem Glauben lassen. Vermutlich verstand sie die Worte auf dem Kärtchen so, dass sie trotz des Unfalls und der Amnesie zu ihm gehörte. Für Natalie war der Text beruhigend gewesen, und sie hatte keine Ahnung, wie bedrohlich er in Wirklichkeit war.

Wer auch immer sie am vergangenen Abend verfolgt hatte, er wusste, dass sie im Krankenhaus lag. Er beobachtete sie, und das war ein beunruhigender Gedanke. Noah war dankbar, dass keine Patienteninformation an irgendjemanden weitergegeben werden durfte, denn Natalies Amnesie war etwas, was jemand mit bösen Absichten ohne Zweifel für sich ausnutzen könnte.

Hastig notierte er sich den Namen, Adresse und Telefonnummer des Blumenladens und steckte den Zettel in seine Tasche. Er würde diese Spur später verfolgen, in der Hoffnung, in dem Geschäft etwas über die Identität der Person zu erfahren, die die Blumen geschickt hatte.

Wenn dieser widerliche Kerl Katz und Maus mit Natalie spielen wollte, dann wäre Noah der Dobermann in diesem Spiel, denn er war entschlossen, sich diesen Kerl zu schnappen, bevor er Natalie schnappte.

Natalie saß gegenüber von Noah in der kleinen, gemütlichen Küche und nahm sich das zweite Stück der Peperoni-Pizza. Noch immer beschäftigte sie der Gedanke, dass Noah und sie in diesem zweistöckigen Haus zusammenlebten.

Bisher hatte sie nur die untere Etage gesehen, und sie musste sich selbst und auch Noah gegenüber eingestehen, dass ihr nichts vertraut war. Weder das Sofa noch der Großbildfernseher im Wohnzimmer, noch die Küche, in der sie sicher schon viele gemeinsame Mahlzeiten eingenommen hatten. Sie zermarterte sich das Gehirn und suchte verzweifelt nach dem kleinsten Anhaltspunkt, dass ihr wenigstens irgendetwas bekannt vorkam. Als sie resigniert aufseufzte, nahm Noah sie in seine starken Arme und sagte ihr, sie müsse Geduld haben und sich Zeit lassen.

Seine Nähe, Wärme und der erregende männliche Anblick beruhigten sie sofort. Sie klammerte sich an ihn, denn in seinen Armen fühlte sie sich sicher. Sie entspannte sich und genoss die Nähe dieses Mannes, der ihr jeden Wunsch von den Augen ablas und jede Marotte befriedigte. Eines Mannes, der sie zu heißen Fantasien inspirierte und einen Hunger in ihr weckte, der nichts mit Essen zu tun hatte.

Natalie biss von der Pizza ab und seufzte genüsslich bei dem würzigen Geschmack auf der Zunge. Wie versprochen hatte Noah eine Riesenpizza bestellt, kaum dass sie zu Hause angekommen waren. Und verglichen mit dem traurigen Frühstück und Lunch im Krankenhaus war diese Köstlichkeit wie Ambrosia auf ihren Geschmacksnerven, und sie schien nicht genug bekommen zu können.

Noah lächelte sie an, als er einen Bissen von seiner eigenen Pizza mit einem Schluck Bier aus der Flasche hinunterspülte. „Schmeckt es dir?“

Es schmeckte ihr nicht nur, sie war auch glücklich, obwohl sie allen Grund hatte, sich unsicher zu fühlen. „Sehr“, sagte sie und streckte die Zunge hinaus, um ein Stück Käse aus dem Mundwinkel zu lecken.

Er verfolgte die Bewegung ihrer Zunge, und ihr wurde heiß bei seinem Blick. „Der Geschmack ist noch besser, als ich ihn in Erinnerung hatte.“

Autor

Metsy Hingle
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