Costa Blanca, Küste der Liebe

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Ein Blick aus Nicholas’ tiefblauen Augen genügt, um Rosies Herz höher schlagen zu lassen. Dabei will die PR-Agentin mit ihm in seiner Villa an der Costa Blanca nur eine Werbestrategie für sein neues Buch entwickeln. Doch nicht nur Nicholas' Augen lassen sie alles Geschäftliche vergessen …
  • Erscheinungstag 30.06.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757717
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Der Freitag war wie immer hektisch. Rosie hatte mittags nur Zeit für ein Sandwich am Schreibtisch. Ihre Verabredung zum Mittagessen hatte sie abgesagt, und zu Hause hatte sie die Nachricht hinterlassen, dass sie erst spät zum Abendessen käme.

Es war tatsächlich schon nach neun Uhr, als sie müde, aber zufrieden, alles geschafft zu haben, in das Taxi stieg, das sie von ihrem Büro im Zentrum von London hinaus in die Nähe von Covent Garden bringen sollte. Das Haus in Fulham teilte sie sich mit Sasha Otley, wie sie eine entschlossene Karrierefrau, und Clare Bardwell, die etwas älter war als Rosie und Sasha und für beider Wohlergehen sorgte.

Seit mehreren Jahren schon fuhr Rosie jeden Tag mit dem Bus oder der U-Bahn zur Arbeit und wieder nach Hause, außer wenn sie spätabends heimkam. Doch trotz ihres beträchtlichen Einkommens war sie nicht arrogant geworden. Wenn sie an den Bushaltestellen die müden Gesichter sah, war sie sich immer ihres großen Glücks bewusst.

Selbst die Tatsache, dass sie dafür hart arbeiten musste, minderte nicht ihr Gefühl, außerordentliches Glück zu haben. Sie genoss ihre Arbeit, und sogar ein Tag wie heute, an dem tausend kleine Hindernisse den reibungslosen Ablauf in ihrer erfolgreichen Agentur für Public Relations störten, machte mehr Spaß als ein leichter Arbeitstag im Leben der meisten anderen Menschen.

Und was die Verabredung anlangte, die Rosie hatte absagen müssen, war auch das keine große Enttäuschung. Der Kontakt zu Carl war sehr nützlich, und Carl selbst war ein angenehmer Mann, der, wenn sie gewollt hätte, gerne eine engere Beziehung mit ihr eingegangen wäre.

Doch, wie Rosie gleich zu Anfang klargestellt hatte, war das bei ihr nicht drin. Also trafen sie sich etwa einmal im Monat und redeten übers Geschäft – Carl war in der Werbebranche. Weiter ging ihr Verhältnis nicht – und weiter ging keine ihrer Beziehungen zu Männern.

Rosie war jetzt siebenundzwanzig. Früher hatte sie mit allen Mitteln versucht, sich zu verlieben. Doch nach ein paar unbefriedigenden Beziehungen hatte sie die Hoffnung aufgegeben, doch noch die Liebe ihres Lebens zu finden, und sich voll auf ihre Karriere konzentriert.

Manchmal fragte sie sich tatsächlich, ob sie überhaupt fähig war, jemanden zu lieben. Nur ein Mann hatte jemals das Verlangen in ihr geweckt, mit ihm ins Bett zu gehen.

Doch, wie die Haushälterin ihrer Mutter zu sagen pflegte, „man kann nicht alles im Leben haben“. Und Rosie war sich bewusst, dass sie mehr hatte als die meisten Frauen. Eine gut bezahlte Arbeit, die sie ausfüllte. Ein glückliches Elternhaus in Yorkshire und ein behagliches Heim in London. Urlaube im Ausland. Designer-Kleidung. Jede Menge Freunde und ein reges gesellschaftliches Leben.

Das einzige, was ihr fehlte, war ein Mann, den sie liebte und von dem sie geliebt wurde. Doch nachdem sie einmal das Unglück einer unerwiderten Liebe erlebt und das Liebesleben anderer Frauen beobachtet hatte, schien es ihr, als bedeuteten Männer häufig mehr Kummer, als sie wert waren.

Eine halbe Stunde später aalte sich Rosie in dem sprudelnden Wasser des Whirlpools, den sie und Sasha im letzten Jahr hatten einbauen lassen. Sie nippte an einem großen Glas Gin-Tonic, während sie in einer Fachzeitschrift für Verlagswesen blätterte.

Als sie ein paar Minuten später einen Artikel überflog, stieß sie auf einen Namen, den sie in diesem Zusammenhang nie erwartet hätte. Und plötzlich war es vorbei mit ihrer Ruhe.

Es war ein Name, den sie am liebsten vergessen hätte, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit durch die Fernsehnachrichten an ihn erinnert worden wäre.

Obwohl die Verleger neuerdings zurückhaltender geworden sind, wenn es um die Zahlung riesiger Vorschüsse für potenzielle Bestseller geht, mussten Bury & Poole auf der Auktion für Nicholas Winchesters ersten Thriller schon eine sechsstellige Summe bieten.

Wie Frederick Forsyth begann Winchester seine Karriere als Zeitungsreporter, bevor er zum Fernsehen kam, wo er den Zuschauern durch seine Reportagen aus den Krisengebieten der Welt wohl bekannt ist. Inzwischen hat Winchester – genau wie Forsyth – sich der Schriftstellerei zugewandt, und man sagt, dass sein erster Versuch Forsyths derzeitigen Bestseller noch übertreffen könnte.

„Es ist brillant: stilistisch prägnant, handlungsreich und voller Spannung. Selbst die Sexszenen – häufig ein Schwachpunkt in Büchern von Männern für Männer – sind brillant. Ich konnte es nicht aus der Hand legen“, begeisterte sich Carolyn Campden, Leiterin der Abteilung für Unterhaltungsliteratur bei B. & P.

Für gewöhnlich überlegte Rosie bei der Lektüre eines solchen Artikels zuallererst, wer den Werbeauftrag für das Buch bekommen würde. Ihre Firma war eine von zahlreichen Agenturen, die darauf spezialisiert waren, Bücher für einen Verleger erfolgreich auf den Markt zu bringen. Und die Chancen standen gut, dass die Leiterin der Pressestelle von Bury & Poole, für die Rosie bereits mehrere erfolgreiche Werbeaktionen organisiert hatte, sie auswählen würde, auch dieses Projekt zu übernehmen.

Doch trotz des enormen Ansehens und des Geldes, das damit verbunden wäre – wollte sie tatsächlich Reklame für das Buch eines Mannes machen, der ihr einmal großen Liebeskummer bereitet hatte?

Nicholas Winchester war damals, und zweifellos auch heute noch, ein Mann, der Frauen anzog wie das Licht die Motten und der keine Gelegenheit zu einer Eroberung ausließ.

Ohne dass er sich um sie bemüht hätte, war Rosie ihm verfallen. Kein Wunder, denn er war damals ein erfahrener Mann von fünfundzwanzig und sie eine unbedarfte Siebzehnjährige.

Während er bereits der beste Reporter der angesehenen regionalen Morgenzeitschrift News war, für die sie beide arbeiteten, hatte Rosie gerade mit ihrer Ausbildung zur Journalistin begonnen.

Vier Monate lang hatte sie sich voller Überzeugung der Illusion hingegeben, dass ihre Gefühle für ihn am Ende erwidert würden. Dann war er aus ihrem Leben gegangen, und sie hatte sich der schmerzlichen Wahrheit gegenübergesehen, dass sie ihm nichts bedeutet hatte.

Rosie warf die Zeitschrift auf die Badematte und griff nach ihrem Drink.

Als sie schließlich aus dem Wasser stieg und nach dem Handtuch griff, das Clare fürsorglich über die Heizung gehängt hatte, besah sie zufrieden ihren schlanken Körper im Spiegel gegenüber.

Mit siebzehn, als sie noch von ihrer Mutter gemästet wurde, die selbst den Kampf gegen ihr Übergewicht aufgegeben hatte, war Rosie viel zu mollig gewesen. Erst als sie von zu Hause ausgezogen war, hatte sie angefangen, schlanker zu werden und sich auch sonst mehr um ihr Äußeres zu kümmern.

Mrs. Middleton war eine liebevolle und in mancher Hinsicht ideale Mutter. Aber man musste einfach sagen, dass sie über Diäten nichts wusste und noch weniger über vorteilhafte Kleidung. Andererseits waren ihr Mitgefühl und ihre Hilfsbereitschaft unerschöpflich, wenn jemand in Not war oder Kummer hatte. Rosie wusste genau, dass ihre eigene Fähigkeit, mit nahezu jedem Menschen, egal aus welcher sozialen Schicht, auf Anhieb gut auszukommen, eine Gabe war, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte.

Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, streifte sie die Badehaube ab. Ihr Haar fiel ihr in seidigen Wellen über die Schultern. Es war um einiges heller und wesentlich vorteilhafter geschnitten als die mittelbraune, dauergewellte Mähne, die sie während ihrer Ausbildung getragen hatte.

Zum Glück war sie mit dem meisten, was sie nicht ändern konnte – ihrem Knochenbau, ihren Augen und ihrem Mund –, recht zufrieden. Ihre Verwandlung vom pummeligen Teenager, als den Nicholas sie gekannt hatte, hatte im Grunde nur darin bestanden, aus ihren natürlichen Vorzügen das Beste zu machen. Sogar ihre grauen Augen, die sie immer als das Schönste an sich betrachtet hatte, wirkten jetzt, da ihr Gesicht schmaler geworden war, größer und strahlender, seit sie gelernt hatte, mit Kajalstift und Lidschatten geschickter umzugehen.

Das Telefon klingelte. Rosie wickelte das Handtuch fest um sich und ging auf den Flur, um abzunehmen.

„Hallo.“

„Rosie? Hi! Wie geht es Ihnen?“ Die Leiterin der Pressestelle von Bury & Poole hatte eine so markante Stimme, dass sie es nicht nötig hatte, sich bei Leuten, die sie so gut kannten wie Rosie, mit dem Namen zu melden.

„Mir geht’s gut, Anna. Wie geht’s bei Ihnen?“

„Alles wie gewöhnlich. Haben Sie von unserem neuesten Erfolg gehört?“

„Sie meinen das Buch von Winchester?“

„Allerdings, das meine ich. Alle sind vollauf begeistert davon. Und Sie sollten es auch sein. Wir möchten, dass Sie die Werbekampagne dafür übernehmen.“

„Das ist wirklich ein großes Kompliment, Anna, aber ich bin nicht sicher, ob ich frei bin. Ich habe zurzeit eine Menge Aufträge zu bearbeiten.“

„Ach, kommen Sie, spielen Sie nicht die Unabkömmliche. Sie würden doch einiges dafür geben, den Auftrag zu bekommen. Abgesehen davon, dass das Buch auf jeden Fall ein Bestseller wird, ist der Autor überaus attraktiv und, was noch interessanter ist, ungebunden. Keine Exfrau, keine feste Freundin … und ganz bestimmt keine männlichen Begleiter. Wäre ich nicht eine treue Ehefrau …“

„Haben Sie ihn schon persönlich kennengelernt, Anna?“

„Noch nicht, aber ich habe ihn im Fernsehen gesehen. Der Mann hat eine enorme Ausstrahlung, selbst noch in Situationen, in denen ich vor Angst schwitzen und um Hilfe schreien würde. Sagen Sie mir nicht, er beeindruckt Sie nicht.“

„Es ist lange her, seit ich ihn das letzte Mal sah. Ich sehe mir selten die Nachrichten im Fernsehen an, meistens höre ich sie spätabends oder morgens früh im Radio. Ich sehe mir höchstens Talkshows auf Video an. Auf die Weise kann ich weiterspulen, wenn mich etwas nicht interessiert, und nur die Interviews ansehen, mit denen wir zu tun haben … oder die Konkurrenz.“

„Das mache ich genauso, aber John sieht sich immer die Nachrichten an.“ Annas Mann war politischer Abgeordneter. „Und obwohl ich es satthabe, mir jeden Abend denselben Überblick über Kriege und Katastrophen anzusehen, horche ich immer auf, wenn Nicholas Winchester auf dem Bildschirm erscheint. Wollen wir Anfang nächster Woche zusammen zu Mittag essen? Ich würde gern unsere Verkaufsstrategie mit Ihnen durchsprechen. Wie ist es mit Dienstag?“

Als Rosie mit dem Abendessen fertig war, blätterte sie die neueste Ausgabe von Hella! durch, um zu sehen, ob Sashas Fotos und ihr Artikel über eine berühmte Schauspielerin darin waren.

Während Rosie ihre Ausbildung zur Journalistin machte, war Sasha bei derselben Zeitung zur Fotografin ausgebildet worden. Die beiden Mädchen hatten häufig zusammen gearbeitet und waren enge Freundinnen geblieben, nachdem Rosie zu den Public Relations übergewechselt war. Sasha hatte ihre Anstellung aufgegeben und arbeitete jetzt freiberuflich.

Als das Telefon wieder klingelte, war es Sasha, die aus Schottland anrief, wo sie Aufnahmen für einen Prospekt über ein neues Hotel im Landhausstil machte.

„Das war eine harte Woche. Ich werde heute Früh zu Bett gehen, damit ich die Ränder unter den Augen ausbügeln kann für unsere Party morgen Abend. Ich nehme an, dass Clare wie üblich alles vorbereitet hat“, begann Sasha.

„Ich denke doch. Ich war spät zu Hause, und wir hatten noch keine Zeit, uns zu unterhalten. Warum hattest du eine harte Woche?“

„Das Wetter hat gute Außenaufnahmen äußerst schwierig gemacht. Und außerdem macht sich der Chef des Unternehmens gern an junge Frauen ran“, sagte Sasha. „Einer von der Sorte, die eine höfliche Abfuhr völlig überhören. Heute Nachmittag wurde er richtig hitzig. Ich nehme an, ich müsste mich daran gewöhnt haben, unwillkommene Umarmungen als Berufsrisiko zu betrachten. Aber ich werde immer schrecklich wütend, wenn so ein Casanova mittleren Alters annimmt, dass ich ihm einfach nicht widerstehen kann und will, ohne ihn im geringsten ermuntert zu haben. Nun ja, c’est la vie. Wie war deine Woche?“

„Nicht übel … bis vor einer halben Stunde. Da rief Anna mich an und brachte mich in die Zwickmühle. Sie will, dass ich die Werbekampagne für ein Buch übernehme, das sie gerade teuer eingekauft haben.“

„Und wo ist daran die Zwickmühle?“, fragte Sasha.

„Das Buch ist von Nicholas Winchester.“

Es herrschte einen Moment Stille, bevor Sasha sagte: „Hm … ja, ich verstehe. Aber das ist lange her. Du bist nicht mehr die schlichte Seele von damals, Rosie. Du hast doch keine Schwäche mehr für ihn?“

„Nein, nein … natürlich nicht“, sagte Rosie schnell. „Aber ich würde ihn lieber nicht wieder sehen und daran erinnert werden, wie dumm ich war.“

„Gar nicht dumm. Wenn ich damals nicht in Tom verliebt gewesen wäre, wäre ich Nicholas wahrscheinlich selbst verfallen. Was für ein Buch hat er denn geschrieben? Teil eins seiner Autobiografie?“

„Nein, einen Roman … einen Thriller. Ich weiß noch nicht viel darüber. Klingt nach einer Art Flugzeuglektüre. Das, was die leitenden Angestellten auf ihren Reisen zu Konferenzen nach Tokio oder Los Angeles auf andere Gedanken bringt.“

„Wann kommt er heraus?“

„Weiß ich auch nicht. Aber ich esse am Dienstag mit Anna zu Mittag. Das lässt mir kaum Zeit, um mir einen triftigen Grund zu überlegen, warum ich nicht annehmen kann.“

„Sei nicht kindisch, du musst annehmen. Bei so hohen Summen bedeutet das einen fetten Gewinnanteil für dich. Und mal abgesehen vom Geld, denk doch nur an dein Ansehen in der Branche. Du wärst verrückt, wenn du ablehnen würdest, Rosie. Anna wäre verärgert … und zu Recht. Ich weiß, dass du in deinem Job gut bist, aber das sind deine Konkurrenten auch. Wenn du Anna vor den Kopf stößt, wird sie dir vielleicht nie wieder so einen Leckerbissen zuwerfen.“

„Ich könnte ihr die Wahrheit sagen“, sagte Rosie.

„Die Wahrheit würde für sie keinen Sinn ergeben. Du hattest vor langer Zeit eine Jugendschwärmerei für einen Mann, also hast du Angst davor, ihn wiederzutreffen. Wie klingt das? Als wärst du eine Idiotin.“

„Ich nehme an, du hast recht“, gab Rosie zu. „Aber Tatsache ist, dass ich Angst habe, Sasha. Mich in Nicholas zu verlieben war die erste schlimme Erfahrung in meinem Leben … die schlimmste, die ich je gemacht habe. Ist es nicht natürlich, dass ich den Schmerz nicht wieder aufrühren möchte?“

„Warum sollte alles wieder aufgerührt werden, wenn du für ihn arbeitest? Du bist doch keine Siebzehnjährige mit Sternchenaugen mehr. Du bist erfolgreich. Vielleicht ist es dir noch nicht in den Sinn gekommen, aber das wäre eine Gelegenheit, den Spieß umzudrehen.“

„Was meinst du damit?“

„Er könnte dir verfallen. Warum nicht? Du scheinst dir nicht darüber im Klaren zu sein, wie unwiderstehlich du heute bist. Irgendwie hast du trotz aller gegenteiligen äußeren Anzeichen tief in dir drinnen noch immer das alte Bild von dir selbst bewahrt. Die Rosie Middleton, die andere Leute sehen, hat keine Ähnlichkeit mit der, die du damals warst. Wenn du es wirklich darauf anlegst, könntest du ohne Mühe Nicholas’ Skalp als Trophäe am Gürtel tragen.“

„Du übertreibst. Okay, ich kann es mir heute leisten, bessere Kleidung zu kaufen, und mein Haar sieht nach einer Frisur aus, nicht nach einem Vogelnest. Aber das macht mich noch lange nicht unwiderstehlich. Außerdem will ich Nicholas’ Skalp nicht. Ich möchte nichts mehr mit ihm zu tun haben.“

„Wir reden morgen darüber. Ich bin am Nachmittag zurück. Dann haben wir vor der Party noch genug Zeit für ein ruhiges Gespräch. Lieg bloß nicht die ganze Nacht wach und leide. Denk lieber darüber nach, wo wir dieses Jahr unseren Urlaub verbringen. Bis morgen.“

Nicht lange nachdem Sasha aufgelegt hatte, klopfte es an der Tür, und Clare kam ins Schlafzimmer.

Während Rosie sich im Whirlpool entspannt hatte, hatte Clare das Kostüm und die Schuhe, die ihre Arbeitgeberin heute getragen hatte, mitgenommen und brachte jetzt beides zurück. Das Kostüm war frisch gebügelt, die Flecken entfernt, die Schuhe waren frisch poliert und mit Papier ausgestopft.

„Clare, ich habe dir doch schon gesagt, dass du keine Überstunden machen sollst. Das hätte doch bis morgen Zeit gehabt. Du sollst dich abends entspannen“, warf Rosie ihr sanft vor.

Die Haushälterin lächelte, als sie das Kostüm in den Schrank hängte. „Es gab nichts Anständiges im Fernsehen, und den Pullover für Angie habe ich fertiggestrickt. Morgen muss ich mich um Sashas Kleider kümmern. Kann ich dir noch etwas bringen?“

„Nein, danke. Das Essen war köstlich. Wie war dein Tag?“

„Viel weniger anstrengend als deiner. Morgens habe ich für die Party vorgekocht, und nachmittags war ich in der neuen Ausstellung in der Tate Gallery. Ein sehr schöner Tag“, antwortete Clare.

Während sie überlegte, ob Clare wirklich so zufrieden war, wie sie schien, stellte Rosie ein paar Fragen zur Ausstellung, bevor sie sagte: „Sasha hat vor ein paar Minuten angerufen. Sie wird morgen Nachmittag zurück sein. Ich hoffe, du weißt, wie sehr wir es schätzen, wie gut du für uns sorgst, Clare. Wir können unserem Glücksstern nie genug danken, dass du auf unsere Anzeige geantwortet hast.“

„Ich hatte Glück, dass ich die Anzeige entdeckt habe. Es gibt nicht viele Stellen als Haushälterin, die für mich so angenehm wären, wie für euch beide zu arbeiten. Ich wünsche dir eine gute Nacht.“

„Gute Nacht, Clare.“

Nachdem sich die Tür leise hinter ihr geschlossen hatte, dachte Rosie, wie sie es schon oft getan hatte, noch einige Zeit über Angies Vater nach und darüber, warum er und Clare wohl nicht zusammenlebten.

Clare war mit ausgezeichneten Empfehlungsschreiben von zwei Arbeitgebern zu ihnen gekommen. Beide hatten sie nicht gerne gehen lassen, als sie die Stellung wechseln wollte, um näher bei ihrer Tochter zu leben, die jetzt in London Musik studierte.

Doch obwohl sie zweifellos ein Schatz war und ihnen den Haushalt führte, als wäre es ihr eigener, wussten Rosie und Sasha wenig über Clares Leben. Sie wussten, dass sie früh ihre Eltern verloren hatte und als Haushälterin arbeitete, da sie weder einen Ehemann noch eine Familie hatte, die ihr halfen, sich und ihre Tochter zu ernähren. Ihr Kind war geboren worden, als sie neunzehn war, so alt, wie Angie jetzt war. Das waren die einzigen persönlichen Einzelheiten, die sie ihnen anvertraut hatte.

Clare und ihre Tochter, ein liebenswertes und äußerst talentiertes Mädchen, bewohnten das Dachgeschoss, das zu einer abgeschlossenen Wohnung umgebaut worden war. Im ersten Stock lagen Rostes und Sashas Schlafzimmer, ihr gemeinsames Bad und Sashas Dunkelkammer. Das Erdgeschoss war zu einem weiträumigen Wohnzimmer ausgebaut worden, und im Kellergeschoss lagen die Küche, eine Garderobe und ein kleines Fernsehzimmer.

Trotz Sashas Mahnung konnte Rosie es nicht verhindern, dass sie an Nicholas dachte, während sie sich eine Talkshow ansah.

Wenn irgendjemand anders, der häufig im Fernsehen zu sehen war, ein Buch geschrieben hätte, hätte sie sich darum gerissen, die Leitung der Werbeaktion für das Buch zu übernehmen. Aber Nicholas … instinktiv schreckte sie davor zurück, sich in eine Situation zu begeben, die sie zu näherem Kontakt mit ihm zwang.

Wäre das Buch weniger bedeutend gewesen, hätte sie die Werbetour zwar planen können, aber die Aufgabe, den Autor quer durch das Land zu begleiten und zu betreuen, an eine Assistentin delegieren können. Doch in diesem Fall würde Anna erwarten, dass Rosie die Aufgabe selbst übernahm. Und das bedeutete, dass sie stundenlang Seite an Seite mit ihm in Flugzeugen, in Erste-Klasse-Abteilen oder im Fond eines chauffeurgesteuerten Wagens sitzen musste.

Und wie Sasha schon gesagt hatte, gab es keine Möglichkeit, der Sache auszuweichen, ohne die Beziehung zu Anna und Bury & Poole zu gefährden.

Als Rosie das Licht ausmachte, versuchte sie an all die exotischen Orte zu denken, zu denen sie und Sasha in ihrem nächsten Urlaub fahren könnten. Doch ihre Gedanken wurden immer wieder von dem Bild eines hageren, scharfkantigen Gesichtes mit ausgeprägten Lachfältchen gestört.

Sie erinnerte sich noch deutlich an die Farbe von Nicholas’ Augen. Ein dunkles Blau, wie Lapislazuli. Diese lebhaften Augen hatten immer amüsiert gefunkelt. Und um die Winkel seines schön geschnittenen Mundes hatte fast immer der Anflug eines Lächelns gespielt. Wie viele Male hatte sie verstohlen auf diesen Mund gesehen, als sie noch zu jung und naiv war, um zu erkennen, dass es der Mund eines Mannes mit einem starken körperlichen Verlangen nach Frauen war?

Erhalte weder geraucht noch zu viel Bier getrunken. In der Redaktion, wo die meisten Männer nikotinverfärbte Finger und Bierbäuche hatten, hatte Nicholas die Ausnahme dargestellt. Seine schlanken Finger waren stets makellos sauber wie die eines Chirurgen, und sein Körper war schlank wie der eines Athleten.

Ob er noch immer so aussah? fragte sich Rosie. Oder hatte das harte, unstete Leben eines Live-Berichterstatters, der von einem Krisengebiet ins nächste jagte, ihn in einen harten Trinker mit rotgeäderten Augen verwandelt, die längst nicht mehr so lebhaft blau waren wie in Rosies Erinnerung?

Sie fühlte sich zwischen dem Widerwillen dagegen, Nicholas als einen heruntergekommenen Reporter wieder zu sehen, und der Hoffnung, dass er nicht mehr der Charmeur wäre, der er einst war, hin- und hergerissen.

Denn er hatte nicht nur sie verzaubert. Auf die eine oder andere Weise war jede Frau, die mit der Zeitung zu tun hatte, ihm verfallen. Von der vollbusigen Frau des Chefredakteurs bis hin zu den Reinemachefrauen.

Mit einer Ausnahme war er auch bei seinen männlichen Kollegen sehr beliebt gewesen. Der einzige, der ihn nicht mochte, war ein stellvertretender Redakteur, mit dessen Frau Nicholas eine Affäre gehabt hatte. Aber Rosie hatte erst davon erfahren, als Nicholas die Zeitung schon verlassen hatte. Dass ihr Idol fähig war, einen Arbeitskollegen mit dessen Frau zu betrügen, hatte ihr den letzten und heftigsten Stich versetzt.

Es war nicht sonderlich überraschend, dass sein Buch sehr lebhaft geschilderte Sexszenen enthielt. Zweifellos basierten sie auf seiner weitreichenden Erfahrung.

2. KAPITEL

Anna saß bereits an der Bar des Groucho Clubs, als Rosie dort am darauf folgenden Dienstag zum Mittagessen eintraf.

Der Club lag im Herzen von Soho und war 1985 als Treffpunkt für Verleger, Schriftstelleragenten und andere, die mit der Verlagswelt in Verbindung standen, eröffnet worden. Rosie war Mitglied dieses und noch eines weiteren Clubs im West End von London. Beide besuchte sie regelmäßig.

„Eure Party am Samstag war einfach großartig“, sagte Anna, als Rosie sich zu ihr setzte.

„Ich freue mich, dass es John und Ihnen gefallen hat.“ Als Anna den Kellner herbeirief, sagte Rosie: „Ich nehme das Gleiche wie Sie, bitte.“ Anna trank Mineralwasser mit einem Schuss Zitronensaft.

Die meisten männlichen Verleger hielten sich noch immer an die Traditionen aus der Zeit, als das Verlegen noch eine „Beschäftigung für Herren“ war und Arbeitsessen noch der Anlass für üppige Mahlzeiten mit viel Wein waren. Dagegen neigte die Mehrzahl der Frauen im Verlagsgeschäft, die mittlerweile viele wichtige Positionen bekleideten, eher dazu, abstinent zu leben. Salate und Meeresfrüchte mit Mineralwasser, schwarzem Kaffee und vielleicht einmal ein Glas Weißwein wurden für gewöhnlich serviert, wenn Frauen beim Essen übers Geschäft sprachen.

„Sind Sie am übernächsten Wochenende frei?“, fragte Anna.

Rosie zog ihren Terminkalender hervor.

„Samstag oder Sonntag?“, fragte sie, da sie annahm, dass sie zu einer von Annas Privatpartys eingeladen würde.

„Vom späten Freitagnachmittag bis zum darauf folgenden Montagnachmittag.“

Rosie sah sie verblüfft an. „Was wird denn das? Eine römische Orgie?“

„Ein Wochenende in Spanien. Können Sie es einrichten?“

„Ja, das klappt zufällig. Zumindest habe ich sonst nichts Wichtiges vor an dem Wochenende. Aber worum geht es?“

Autor

Anne Weale
Jay Blakeney alias Anne Weale wurde am 20. Juni 1929 geboren. Ihr Urgroßvater war als Verfasser theologischer Schriften bekannt. Vielleicht hat sie das Autorengen von ihm geerbt? Lange bevor sie lesen konnte, erzählte sie sich selbst Geschichten. Als sie noch zur Schule ging, verkaufte sie ihre ersten Kurzgeschichten an ein...
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