Crimson in Colorado - Endlose Weite, endlose Liebe (9-teilige Serie)

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Endlose Weite, dramatische Berge, intensive Farben - das ist Colorado. Und im kleinen Städtchen Crimson, da ist es besonders zauberhaft. Denn hier stehen endlose Liebe, dramatische Schicksalsstunden und intensive Gefühle auf der Tagesordnung. In Crimson bleibt kein romantisches Herz lange einsam!

Neun Romane warten darauf, von Ihnen verschlungen zu werden!

Folgende Romane von Michelle Major sind in diesem E-Book-Paket enthalten:

  • Erst Nanny, dann neue Liebe?
  • Verdacht auf Liebe
  • Mit dir ist das Leben süß
  • Die heilende Kraft deiner Liebe
  • Wenn Santa Claus den Amor spielt…
  • Viel zu gut, um wahr zu sein?
  • Liebesglück im Doppelpack
  • Recht, Ordnung – und Chaos im Herzen!
  • Rosie, das Glück und wir

  • Erscheinungstag 24.02.2022
  • ISBN / Artikelnummer 9783751513869
  • Seitenanzahl 1440
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Michelle Major

Crimson in Colorado - Endlose Weite, endlose Liebe (9-teilige Serie)

IMPRESSUM

Erst Nanny, dann neue Liebe? erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2015 by Michelle Major
Originaltitel: „Suddenly a Father“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA EXTRA, Band 29
Übersetzung: Anna-Pia Kerber

Umschlagsmotive: GettyImages_Lacheev

Veröffentlicht im ePub Format in 06/2021

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751507202

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Millie Spencer holte tief Luft, wischte einige Chipskrümel von ihrem leichten Sommerkleid und klopfte an die Tür.

Während sie wartete, betrachtete sie die breite Veranda aus Holz, die um das gesamte Haus verlief. Bis auf ein zartes Spinnennetz in der Ecke war sie vollkommen leer. Dabei rief dieser Platz förmlich nach einer hübschen, altmodischen Hollywoodschaukel, auf der man laue Sommerabende genießen und Limonade trinken konnte, während die Welt da draußen ihrem eigenen Rhythmus folgte.

Als kleines Mädchen hatte Millie von einem Ort wie diesem geträumt. Aber in der winzigen Wohnung, die sie mit ihrer Mutter teilte, war selbst für ihre Träume kaum Platz genug gewesen.

Als noch immer niemand antwortete, trommelte Millie energisch mit den Fingerknöcheln an die Tür. Das Haus befand sich am Rande der kleinen Stadt Crimson, einem idyllischen Fleckchen Erde in Colorado auf knapp zweieinhalbtausend Höhenmetern inmitten der majestätischen Rocky Mountains.

Es lag gar nicht einmal so weit entfernt von dem hübschen, frisch renovierten viktorianischen Haus in der Nähe des Stadtzentrums, das ihre Halbschwester Olivia bewohnte.

Millie hatte es Olivia zu verdanken, jetzt hier zu sein. Oder tat sie ihr umgekehrt einen Gefallen damit?

Vor wenigen Tagen hatte Millie vor Olivias Tür gestanden – sowohl nervlich als auch finanziell ziemlich am Ende. Glücklicherweise hatten weder Olivia noch ihr Mann Logan viele Fragen gestellt, sondern Millie ohne Weiteres das Gästezimmer angeboten. Und das, obwohl sich Millie und Olivia im Grunde kaum kannten. Sie hatten denselben Vater, waren jedoch völlig unterschiedlich aufgewachsen. Ein Umstand, der anfangs für Schwierigkeiten gesorgt hatte, da beide Frauen das Gefühl gehabt hatten, mit der Liebe ihres Vaters zu kurz gekommen zu sein.

Und zu ihrer Scham musste Millie gestehen, dass sie seitdem nicht viel mehr getan hatte, als auf Olivias Couch zu sitzen, Junkfood zu essen und schlechte TV-Serien anzusehen.

Bis Olivia ihr vorgeschlagen hatte, sich bei Logans Bruder um den Job als Nanny zu bewerben. Sie hatte Millie erzählt, dass Jake vor Kurzem bei einem Unfall verletzt worden war und seitdem nicht mehr Auto fahren konnte, sodass er auf Hilfe angewiesen war.

Demnach musste Jake zu Hause sein. Oder er hatte das schöne Wetter an diesem Augusttag genutzt und war in den Park gegangen, den Millie auf dem Weg hierher bemerkt hatte.

In dem Augenblick, in dem Millie sich zum Gehen wenden wollte, wurde die Tür einen Spalt breit geöffnet. Das goldene Nachmittagslicht fiel auf das Gesicht eines Mannes mit strahlend blauen Augen. Die gleichen blauen Augen wie Logans.

Allerdings musterte er Millie ziemlich kritisch. „Wir möchten nichts“, sagte er von oben herab. Er war viel größer als Millie, doch von seinem Körper war nichts zu sehen, weil er die Tür unnachgiebig geschlossen hielt.

„Was möchten Sie nicht?“ Millie stellte sich unwillkürlich auf die Zehenspitzen, um einen Blick über seine Schulter zu werfen. Am Ende siegte immer ihre Neugier.

„Kein Popcorn, keine Kekse oder was auch immer ihr verkaufen wollt“, sagte er schnell. Sein Blick streifte über Millies Schulter. „Wo sind deine Eltern?“

Millie blieb buchstäblich der Mund offen stehen. Entschlossen richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf. Stolze hundertachtundfünfzig Zentimeter. Hundertsechzig sogar, wenn sie hohe Schuhe trug. „Ich bin kein …“, begann sie empört, doch es war umsonst. Der Mann fluchte leise, drehte sich um und verschwand im Haus.

Millie starrte die Tür an. Er hatte sie nicht hinter sich verschlossen; daher stieß sie mit der Schuhspitze dagegen. Das Licht fiel in einen hellen Flur. „Hallo?“, rief sie, und ihre Stimme hallte leise von den kahlen Wänden.

Von Olivia wusste Millie, dass Logans Bruder erst kürzlich nach Crimson zurückgekehrt war. Bestimmt hatte er schon neue Möbelstücke bestellt. Insgeheim hoffte sie, dass vielleicht eine Hollywoodschaukel darunter war.

Plötzlich drang Lärm aus dem hinteren Teil des Hauses. Ein Poltern war zu hören, dann noch mehr Fluchen und das Weinen eines Kindes. Zunächst zögerte sie. Unwillkürlich suchte sie in ihrer Tasche nach dem Handy, um Olivia anzurufen. Doch dann wurde das Weinen lauter, gefolgt von einem erstickten Nein!

Millie konnte sich nicht länger zurückhalten. Mit schnellen Schritten durchquerte sie den Flur und betrat den Raum am Ende des Ganges.

Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um eine geräumige, helle Küche.

Eine Küche, in die ganz offensichtlich der Blitz eingeschlagen hatte.

Bei dem Anblick blieb Millie im Türrahmen stehen.

Der Raum ging in ein Wohnzimmer über, das mit seinen großen Fenstern und dem Blick in den Garten durchaus einladend aussah.

Bis auf die Tatsache, dass Millie nicht wusste, wohin sie die Füße setzen sollte. Auf dem Fußboden waren Puppen, Plüschtiere und ein Allerlei aus pinkfarbenem Plastikspielzeug verstreut. Es sah aus, als sei ein Spielzeugladen explodiert.

Hatte Jake Travers wirklich nur ein Kind? Oder einen ganzen Stall voll?

Millies Blick wanderte zur offenen Wohnküche zurück. Zwei hohe Barhocker standen ordentlich neben der Anrichte. Allerdings waren sie das einzig Ordentliche an der Küche. Über die Anrichte waren aufgerissene Cornflakes-Packungen, angebrochene Milch- und Safttüten und zwei umgekippte Frühstücksschälchen verteilt, deren Inhalt auch schon auf dem Fußboden verteilt war.

Die durchweichten Weizenflocken schwammen in einer hellbraunen Lache, die wie eine Mischung aus Schokomilch und Traubensaft aussah.

Und rechts neben der Anrichte stand Jake Travers. Er hatte Millie den Rücken zugekehrt, sodass sie seine breiten Schultern und die schmalen Hüften sehen konnte.

Er trug ein graues T-Shirt, das seinem muskulösen Körper schmeichelte, und dazu dunkle Basketballshorts, die knapp über dem Knie endeten und den Blick auf die Schiene freigaben, die er am rechten Bein trug.

Darüber trug er ein violettes Tutu.

Millie grinste. Deswegen hatte er die Tür nur einen Spalt geöffnet.

Dann bemerkte sie das plüschige Ding, das er in der ausgestreckten Hand hielt. Bei genauerem Hinsehen entpuppte es sich als Hase, aus dessen nassem Fell noch mehr Traubensaftschokomischung tropfte.

Zu Jakes Füßen hüpfte ein weinendes kleines Mädchen auf und ab und versuchte verzweifelt, nach dem Plüschtier zu greifen. Ein aussichtsloses Unterfangen. Millie vermutete, dass Jake mindestens eins achtzig maß.

Er war jedenfalls nicht das, was sie erwartet hatte. Nach Olivias Schilderung hatte sie mit einem invaliden Rollstuhlfahrer gerechnet – nicht mit einem durchtrainierten, hünenhaften Athleten.

Millie wich einen Schritt zurück. Doch bevor sie sich davonschleichen konnte, sah das Mädchen sie an. Sie hatte die strahlend blauen Augen ihres Vaters, so groß und leuchtend, dass sie in ihrem kleinen herzförmigen Gesicht beinahe unwirklich aussahen. Ihr Haar war dicht und glänzend und eine Nuance dunkler als Jakes, allerdings musste es mal kräftig gebürstet werden. Sie trug ein pinkfarbenes Trikot mit dazu passendem Tutu. Das perfekte Outfit für eine kleine Ballerina, das nun allerdings mit Traubensaftflecken verschmutzt war.

Millie spürte sofort eine Verbindung zu dem Mädchen.

Die Kleine hörte auf zu weinen und verfiel in einen erschöpften Schluckauf. Dann zeigte sie mit dem Finger auf Millie. „Da! Eine Fee!“

Jake Travers seufzte. Es war ihm vollkommen gleich, ob eine wahrhaftige Fee oder ein Geist ins Haus geschwebt war, solange Brooke nur aufhörte zu weinen.

Sein Blick fiel auf die Küchentür. Doch da stand keine Fee, sondern das Mädchen, das er eben noch von der Veranda verscheucht hatte.

Nur dass es sich dabei nicht um ein Mädchen handelte. Sie war eine Frau. Eine kleine, zierliche Frau mit der Statur einer Elfe, aber immerhin eine Frau. Das Licht, das auf ihr geblümtes Sommerkleid fiel und ihre sanften Kurven betonte, ließ daran keinen Zweifel.

„Ich bin Millie“, erklärte sie rasch. „Millie Spencer. Olivias Schwester. Sie und Logan haben mich geschickt.“ Sie strich sich eine Strähne ihres kinnlangen, karamellfarbenen Haars hinter das Ohr. Bei dieser Geste klingelten fröhlich die unzähligen Armreifen, die sie um das schmale Handgelenk trug.

Brooke entfuhr ein ersticktes kleines Geräusch. „Daddy! Sie glitzert!“

Jake ließ den tropfenden Hasen sinken und kniff die Augen zusammen. Millies Haut schien in diesem Licht wirklich zu schimmern.

Sie sah auf ihre blanken Arme und begann zu lachen. Es war ein fröhliches, glockenhelles Geräusch, genau wie ihre Armbänder. „Das ist meine Lotion“, sagte sie freundlich. „Sieht so aus, als hätte ich die mit Glitzer erwischt.“

Brookes Gesicht hellte sich auf. „Ich will auch Glitzer.“ Ihre Stimme hatte einen verträumten Klang angenommen.

„Logan hat dich geschickt?“ Jake verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte die Schiene am rechten Handgelenk zu verbergen. Glitzer war nun wirklich das Letzte, das er in diesem Chaos noch brauchte.

Er bemerkte, wie Millie ihre kecke kleine Nase kraus zog. „Ich dachte, Logan hätte mit dir darüber gesprochen. Er sagte, dass du Hilfe brauchst, wegen …“ Sie bewegte die Hand auf und ab, als wolle sie mit der Geste seinen Körper beschreiben. Wieder dieses fröhliche Klingeln.

Jake straffte sich. Er hasste es, dass seine Verletzungen sein gewohntes Leben beeinträchtigten. Jetzt erinnerte er sich vage daran, wie Logan gestern Abend angerufen hatte, um ihm einen Vorschlag zu machen. Er hatte davon geredet, einen Babysitter für Brooke zu finden und jemanden, der Jake zu seinen Therapiestunden chauffieren würde.

Allerdings hatte Jake nur mit halbem Ohr zugehört, weil die Tiefkühlpizza im Ofen verdächtig verbrannt roch und Brooke einen Stapel Teller gefährlich schräg balancierte.

Sein Bruder hatte es sicher gut gemeint, aber Jake wollte keine Hilfe. Zumindest wollte er auf niemanden angewiesen sein. Und schon gar nicht auf jemanden, der wie Tinker Bell aussah. „Wir schaffen das schon“, entgegnete er knapp.

Ihr Blick streifte durch den Raum, bevor er an dem Tutu um seine Hüfte hängen blieb. „Ganz sicher?“

„Wir haben getanzt“, murmelte er ärgerlich und streifte das Röckchen ab. Dann deutete er mit dem Kinn in Richtung Tür.

Natürlich brauchte er niemanden. Er war sein ganzes Leben lang auf keine Hilfe angewiesen gewesen. Und so sollte es auch bleiben.

„Ich will Glitzer“, beharrte Brooke.

Jake legte die Hand auf Brookes Kopf. „Heute nicht, Schätzchen.“ Da blieben seine Finger an etwas haften. Es fühlte sich an wie ein Klumpen Kaugummi. „Auch das noch.“ Der Gedanke, sich mit langen, verklebten Mädchenhaaren zu befassen, machte ihm Angst.

Na schön. Vielleicht musste er am Ende doch nachgeben.

Doch als er zu der Stelle sah, wo Millie eben noch gestanden hatte, war sie verschwunden.

Verdammt. Mit dem gesunden Arm hob er Brooke hoch und drückte sie an seine Brust. Mittlerweile spielte es ohnehin keine Rolle mehr, dass auch sein Shirt fleckig wurde. „Na los. Suchen wir unsere gute Fee.“

Dafür wurde er mit Brookes strahlendem Lächeln belohnt.

Millie blieb nicht stehen, als sie Jake rufen hörte.

Auch wenn Olivia der Meinung war, dass dieser Mann sie brauchte, hatte Millie nicht vor, sich aufzudrängen. Sie spürte sehr genau, wann sie nicht erwünscht war.

Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Sonnenstrahlen in ihrem Gesicht und die frische Bergluft, die ihr schon bei ihrem ersten Besuch in Crimson so gut gefallen hatte.

Doch dann hörte sie die Stimme des kleinen Mädchens und machte den Fehler, sich umzudrehen. Sie sah Jake, der die Kleine auf dem Arm trug und versuchte, so schnell wie möglich die Verandatreppe hinabzusteigen, indem er das gesamte Gewicht auf das gesunde Bein verlagerte.

„Willst du wirklich, dass ich dir in diesem Zustand hinterherrenne?“, fragte er atemlos, als er ihren Blick auffing.

„Ich dachte, ihr schafft das schon“, bemerkte sie spitz. Trotzdem ging sie ihm entgegen.

Jake betrat die Rasenfläche. „Ich bin es gewohnt, mich um mich selbst zu kümmern. Es fällt mir nicht leicht, Hilfe anzunehmen.“

„Jeder Mensch braucht von Zeit zu Zeit Hilfe.“

Er presste die Lippen zusammen. „Ich nicht.“

In diesem Augenblick hatte Millie Mitgefühl. Sie ahnte, wie sich sein Leben gerade anfühlte. Jetzt hätte sie die üblichen Phrasen über Menschlichkeit und Hilfebedürfnis anwenden können, aber die verkniff sie sich. Immerhin hatte sie sich lange genug allein durchgeschlagen, um zu wissen, wie schwer es war, sich auf jemanden zu verlassen.

Da begann Brooke zu zappeln. Jake ließ sie herunter, und ihr Ellenbogen traf sein verletztes Handgelenk. Er verzog schmerzhaft das Gesicht, ließ sich aber nichts weiter anmerken.

Brooke schlang die Arme um sein Bein und betrachtete Millie aus dieser sicheren Position heraus.

Es war ein seltsames Bild. Jake stand auf dem Rasen und blickte etwas hilflos auf das Kind, als würde er sich wundern, wie er so plötzlich zu einer Tochter gekommen war.

Millie räusperte sich.

Er sah auf. „Entschuldigung. Vater zu sein … Ist für mich noch ziemlich neu.“

Millie kniete sich auf den Rasen, um mit Brooke auf Augenhöhe zu sein. „Wie alt bist du, Brooke?“

Auf einmal war das Mädchen schüchtern. Anstatt eine Antwort zu geben, betrachtete sie ihren Plüschhasen und hielt vier Finger in die Höhe.

Jake seufzte. „Was haben Logan und Olivia über mich gesagt?“

„Nicht viel“, gab Millie zu. „Nur, dass du als Chirurg arbeitest und um die ganze Welt geflogen bist, bis du bei einem Erdbeben verletzt wurdest. Wenn ich mich richtig erinnere, war es auf einer Insel bei Haiti. Und dass du ein Kindermädchen brauchst, bis du wieder gesund bist.“

Seine Mundwinkel hoben sich im Anflug eines Lächelns. „Das ist die Kurzversion der Geschichte.“

„Hab’ ich mir gedacht.“ Millie richtete sich auf. „Hey Kleines, sollen wir deinen Hasen baden? So kann er doch nicht herumlaufen.“

Brooke hob den Blick. „Mit Seifenblasen?“

„Natürlich! Und dann darfst du zusehen, wie er trocken gewirbelt wird.“

Sie streckte die Hand aus. Zu ihrem großen Erstaunen schob Brooke ihre kleinen Finger in Millies Hand. „Na gut.“

„Fein. Zeigst du mir das Badezimmer?“ Millie kam Jake so nahe, dass sie die Mischung aus Traubensaft und Waschmittel riechen konnte, die von seinem T-Shirt ausging. „Ich würde gern die lange Version hören“, sagte sie leise.

Er nickte. Sein durchdringender Blick sandte einen Schauer über ihren Rücken. „Ich ziehe mich um, und anschließend können wir reden. Aber nicht vor Brooke.“

Er bedeutete Millie, ins Haus zu gehen, doch dann hielt er sie noch einmal auf. „Ich wollte noch sagen … danke.“

„Wofür? Ich habe noch nichts getan.“

Er beugte sich vor und flüsterte: „Meine Tochter hat in den vergangenen fünf Minuten nicht geweint. Du hast keine Ahnung, was das für mich bedeutet.“

Vielleicht wusste Millie das wirklich noch nicht, aber plötzlich war sie glücklich, diesem Fremden helfen zu können. Und auf einmal war dieser Fremde sehr … präsent.

Es war wohl besser, sich auf Brooke zu konzentrieren.

Immerhin war es lange her, seit sie das Gefühl gehabt hatte, etwas in ihrem Leben erreicht zu haben. Sie würde sich erst einmal kleine Etappen zum Ziel setzen.

„Alles wird gut, Jake“, behauptete sie.

Sie hoffte, dass es am Ende für sie beide zutraf.

2. KAPITEL

Mit seiner Verletzung brauchte Jake ungewöhnlich lange, um sich umzuziehen und frisch zu machen.

Ein Umstand, der ihn maßlos ärgerte. Vor allem, weil er auf Schnelligkeit getrimmt war. Im Lauf seiner Karriere hatte er sich Effizienz zur Hauptaufgabe gemacht. Das war sehr nützlich, wenn man als Chirurg für Miles of Medicine arbeitete, einer internationalen humanitären Hilfsorganisation, die Ärzte in die entlegensten Winkel der Erde schickten.

Er war es gewohnt, sich blitzschnell auf neue Aufträge einzulassen, seinen Koffer innerhalb weniger Minuten zu packen und alles hinter sich zu lassen, um dahin zu fliegen, wo er am meisten gebraucht wurde.

Allerdings war der Mensch, der ihn jetzt am meisten brauchte, ein kleines Mädchen. Seine Tochter.

Und es gelang ihm kaum noch, sich umzuziehen.

Ärgerlich zerrte er das Shirt über seinen Kopf und streifte ein frisches über. Auf dem Weg zur Küche hörte er Brookes zwitschernde Stimme aus dem Badezimmer. Er war froh, dass seine Schwägerin dieses Haus gefunden hatte. Dank Olivia wohnte er nun zur Miete in diesem hübsch gelegenen, geräumigen Haus – und das Beste war, dass es zwei Badezimmer gab. Eines für Brooke und eines für ihn.

In der Küche begann er mit dem Aufräumen. Als er sich bückte, um den Saft vom Boden aufzuwischen, fuhr ein scharfer Schmerz in seinen Knöchel. Manchmal reichte schon die kleinste falsche Bewegung aus.

Er schloss die Augen und zählte langsam bis zehn. Als er sie wieder öffnete, stand Brooke direkt vor ihm. „Hier, riech mal, Daddy.“ Sie hielt ihm den nassen Stoffhasen unter die Nase. „Er ist wieder ganz sauber.“

Jake zwang sich zu einem Lächeln. „Wie schön.“

„Und jetzt muss er in den Trockner“, verkündete Brooke. „Und ich darf zusehen, wie er im Kreis herumtanzt.“

Millie legte die Hände auf Brookes Schultern. Sie grinste. „Ganz genau. Und inzwischen können wir uns unterhalten.“

Jake war mehr als erstaunt, dass Brooke sich darauf einließ, denn für gewöhnlich wich sie nicht von seiner Seite. Seit er sie nach Crimson gebracht hatte, hing sie an ihm wie ein Klammeräffchen und ließ ihn nur aus den Augen, wenn sie schlief.

Vielleicht war Millie Spencer eine Art Kinderflüsterer. Und so jemanden konnte er gerade verdammt gut gebrauchen.

„Du bist also Olivias Schwester“, begann er das Gespräch, als Millie zwei Minuten später in die Küche zurückkehrte. „Ihr seht euch gar nicht ähnlich.“

„Sie ist meine Halbschwester. Wir haben denselben Vater.“

„Seid ihr zusammen aufgewachsen?“

Ihr Lächeln wurde einen Hauch kühler. „Ich fürchte, wir haben nur wenige Minuten, bevor deine Tochter vom Trockner-Anschauen gelangweilt wird. Vielleicht sollten wir gleich zum Wesentlichen kommen.“ Sie beugte sich vor, um nach einem Wischlappen zu greifen. Dann begann sie mit schnellen Bewegungen aufzuwischen.

„Du musst das nicht tun.“

Ohne ihn anzusehen und ohne mit der Arbeit aufzuhören, forderte sie ihn stattdessen auf: „Erzähl mir von dir und Brooke.“

Ihr kinnlanges Haar fiel in ihr Gesicht, doch sie machte sich nicht die Mühe, es zurückzustreichen. Jake ertappte sich bei dem Wunsch, die Hand auszustrecken, um zu sehen, ob es sich genauso weich anfühlte, wie es aussah. Auch ihre Arme sahen unglaublich weich und zart aus, und die Haut war von der Sonne leicht gebräunt.

„Ich habe erst vor zwei Monaten erfahren, dass ich eine Tochter habe.“ Jetzt war es heraus. Er konzentrierte sich darauf, die Küche aufzuräumen, und war froh, dass Millie dasselbe tat. Irgendwie machte es das einfacher, darüber zu sprechen.

„Brookes Mutter war ebenfalls Ärztin. Ich lernte sie auf einer Dienstreise kennen, und dann kreuzten sich hin und wieder unsere Wege in verschiedenen Ländern. Dann verschwand Stacey.“ Mit mehr Wucht als nötig schmetterte er die Tassen in die Spülmaschine. „Vor einigen Monaten trafen wir uns schließlich wieder. Sie war mir gefolgt, auf eine Insel in der Nähe von Haiti, um mir zu sagen, dass ich eine vier Jahre alte Tochter habe. Die beiden lebten in Atlanta und Brooke wollte wissen, wer ich bin. Stacy wollte mir die Gelegenheit geben, meine Tochter kennenzulernen.“

„Das muss ein echter Schock für dich gewesen sein.“ Millie erhob sich und warf die nassen Papiertücher in den Abfalleimer. „Bitte erzähl weiter.“

Jake hasste diesen Teil der Geschichte. Alles, was er damit verband, waren Schuldgefühle. Und das schreckliche Gefühl der Hilflosigkeit.

Er hatte den Großteil seiner Kindheit damit verbracht, sich hilflos und schuldig zu fühlen. Seinem Vater und dessen Alkohol-Eskapaden konnte er nichts entgegensetzen, und seinen Geschwistern war er keine Hilfe gewesen. Irgendwann war es ihm gelungen, aus seiner Heimat auszubrechen – aber er hatte seine Geschwister einfach zurückgelassen. Und das nagte seither noch immer an ihm.

Er hätte nie geglaubt, einmal nach Colorado zurückzukehren. Trotzdem war es das einzige Zuhause, das er kannte. Beide Brüder waren nach Crimson zurückgekehrt, hatten sich ein neues Leben aufgebaut und schienen hier glücklich zu sein. Trotz all der bedrückenden Erinnerungen an die Vergangenheit.

Wohin hätte er Brooke sonst bringen sollen? Insgeheim hatte er vielleicht gehofft, dass diesem Ort ein bestimmter Zauber innewohnte. Davon hatte er allerdings noch nicht viel bemerkt. Im Gegenteil. Jake fühlte sich beinahe gefangen, wenn ihn an bestimmten Straßenecken oder Häusern die Erinnerungen überkamen.

Immerhin hatten seine Brüder Verständnis für seine Situation und stellten keine Fragen, auf die er ohnehin keine Antwort gehabt hätte.

„Ich war mehr als schockiert. Kinder kamen in meiner Lebensplanung überhaupt nicht vor. Meine Arbeit ist mein Leben. Aber ich hatte gar keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Stacy und ich gerieten in Streit, und sie verließ spät am Abend mein Hotel. Wegen des Erdbebens war ich seit Tagen auf den Beinen, um Verletzten zu helfen. Ich lebte praktisch von Kaffee und hatte kaum geschlafen. Trotzdem ging ich ihr nach. Ich konnte kaum glauben, was sie mir erzählt hatte.“

Er fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar. „Kaum war ich in ihrem Hotel, wurde die Insel von einem schweren Nachbeben erschüttert. Das Gebäude stürzte einfach ein, und Stacy wurde verschüttet.“

Millie straffte sich. „Brookes Mutter wurde getötet?“, fragte sie fassungslos.

Er nickte knapp. „Sie hätte mir niemals nachreisen dürfen. Dort war es viel zu gefährlich.“

„Sie hat ein großes Risiko auf sich genommen.“

Er sah Millie nicht an. Doch die Schuld wog so schwer auf seinen Schultern, dass er auch noch die letzten Bruchstücke der Wahrheit beichten musste. „Stacy hatte schon vorher versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen. Sie hatte auf meine Mailbox gesprochen und mir E-Mails geschickt, in denen sie mich bat, mit ihr zu reden. Ich dachte, sie wolle unsere Affäre fortsetzen. Aber das wollte ich nicht. Ich ging ihr aus dem Weg. Ich ließ ihr keine andere Wahl, als mir nachzureisen.“

Er schluckte. „Am Ende konnte ich ihr nicht einmal helfen. Ich war von einem herabgestürzten Balken eingeklemmt. Ich konnte nur ihre Hand halten. Für die letzten Augenblicke ihres Lebens.“

Jake kreuzte die Arme vor der Brust. „Stacys Eltern wollten die Kleine zu sich nehmen. Aber ich hatte Stacy versprochen, mich um Brooke zu kümmern. Sie hatte mir sogar schon das Sorgerecht übertragen. Einem Mann, der seine eigene Tochter nicht einmal kannte.“

Er schüttelte den Kopf, als könne er all das selbst noch nicht glauben. „Ich musste ins Krankenhaus, um meinen Arm und meinen Fuß operieren zu lassen. Gleich danach machte ich mich auf den Weg, um Brooke zu finden.“

„Und ihre Großeltern ließen sie einfach gehen?“

„Vorerst.“ Er ballte die Hand zur Faust. „Aber das Verrückteste war, dass Brooke keine Sekunde zögerte, mit mir zu gehen. Stacy hatte ihr erzählt, dass sie nach mir suchen wollte. Es gab ein Foto von mir auf Brookes Nachtschränkchen. Sobald ich ihr Haus in Atlanta betrat, klammerte sie sich an mich, als wäre ich schon immer ihr Dad gewesen. Als ob sie auf mich gewartet hätte.“

„Kinder können einen immer wieder überraschen“, flüsterte Millie.

„Ich habe keine Ahnung, wie man ein guter Vater wird. Aber ich bin es Brooke schuldig, es zumindest zu versuchen. Und Stacy auch. Ihre Eltern wollen, dass Brooke bei ihnen aufwächst. Ich habe keine Ahnung, wie meine Zukunft aussieht. Noch kann niemand sagen, ob meine Hand bleibende Schäden aufweist. Dann könnte ich nicht mehr operieren.“

„Aber du wirst Brooke doch nicht verlassen?“

In ihrem Tonfall schwang ein leiser Vorwurf, den Jake nur zu gern auf sich nahm. Bisher hatten ihn alle Leute mit Samthandschuhen angefasst. Er hatte es gar nicht verdient, Mitgefühl zu ernten. Schließlich war er schuld an Stacys Tod. „Ich will nur das Beste für sie. Und ich glaube nicht, dass ich auf die Dauer das Beste für sie wäre. Du hast mich ja heute erlebt.“

„Du bist ihr Vater.“ Eine zarte Röte stieg in Millies Wangen. „Du kannst sie jetzt nicht im Stich lassen.“

Er hob die Schultern. „Ich bin dieser Situation überhaupt nicht gewachsen.“

„Ich kann doch helfen“, sagte sie schnell.

Jake spürte die Energie, die von Millie ausging. Entgegen ihrer zarten Statur, dem elfenhaften Auftreten und dem blumigen Sommerkleid war diese junge Frau mit Sicherheit sehr viel zäher, als sie aussah. Und das lag womöglich daran, dass ihr eigenes Leben kein Zuckerschlecken gewesen war.

„Warum willst du helfen?“ Er trat einen Schritt näher. „Wie lautet deine Geschichte, Millie Spencer?“

Für den Bruchteil einer Sekunde loderte Panik in ihren Augen auf, doch sie hatte sich sofort wieder unter Kontrolle. „Ich habe sowohl schon in Grund- als auch in Vorschulen gearbeitet. Außerdem mache ich meinen Abschluss in Früherziehung. Zurzeit pausiere ich, deswegen bin ich bei Olivia untergekommen. Wir sind zwar nicht gemeinsam aufgewachsen, aber wir wollen uns näher kennenlernen. Olivia hat mich eingeladen, aber ich will auf keinen Fall wochenlang ihre Gastfreundschaft ausnutzen. Ich brauche einen Job, solange ich hier in Crimson bin. Und ich kann gut mit Kindern umgehen.“

Jake sah sie aufmerksam an. „Hast du ein Empfehlungsschreiben?“

„Natürlich. Abgesehen davon habe ich gerade Bunny gewaschen und den Küchenboden geschrubbt. Ich finde, das ist schon mal ein ziemlich guter Anfang.“

Beschwichtigend hob Jake die gesunde Hand. „Hey, wie gesagt, all das ist neu für mich. Und ich will nur das Beste für Brooke.“

Sie nickte. „Sicher. Ich habe ein Empfehlungsschreiben in meinem Auto. Ich hole es gleich. Geht Brooke zur Vorschule?“

Er rieb sich das Gesicht und deutete mit dem Kinn auf einen Stapel Papiere. „Ich nehme mir schon seit Tagen vor, die Anmeldung auszufüllen. Es ist unglaublich, wie erschöpft ich abends bin, sobald ich Brooke endlich ins Bett gebracht habe.“

„Ich kann helfen“, wiederholte sie ruhig.

„Ich kann nicht Auto fahren und muss regelmäßig zu Therapiestunden gebracht werden.“

„Auch das ist in Ordnung.“ Sie schien sich zu entspannen. „Olivia hat mir das Apartment über ihrer Garage angeboten. Sie und Logan wohnen nicht weit weg, ich kann also schnell zur Stelle sein, wenn ich gebraucht werde.“

Er schüttelte den Kopf. „Hier gibt es ein großes Gästezimmer. Es ist zum Garten gelegen und sehr geräumig und ruhig. Da kannst du wohnen.“

Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Das ist nicht …“

„Sieh mich an.“ Er verlagerte das Gewicht auf das verletzte Bein. „Ich kann nicht selbst fahren. Himmel, ich komme ja kaum die Treppen herunter. Wenn Brooke irgendetwas passiert, will ich, dass jemand in der Nähe ist.“

Was er nicht erwähnte, war die ungeheure Erleichterung darüber, nicht mehr vollkommen allein auf Brooke aufpassen zu müssen. Obwohl er in seinem Beruf so viel Verantwortung tragen musste, war ihm noch nie etwas so schwergefallen wie die ungewohnte Vaterrolle. Und erst jetzt, da Millie aufgetaucht war, wurde ihm bewusst, wie schwer diese Tatsache auf seinen Schultern gelastet hatte.

Aber in Millies Gesicht zeigten sich noch ernste Zweifel.

„Ich bin harmlos“, erklärte er und schenkte ihr ein entwaffnendes Lächeln.

Sie blickte zur Decke. „Das glaube ich kaum.“

„Ich bin verzweifelt“, sagte er sanft.

Sie begann zu lächeln. „Das glaube ich gern. Aber bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“

„Es gibt zurzeit gar nichts Gutes in meinem Leben, aber …“ Er verstummte, weil in diesem Augenblick Brooke in die Küche kam.

„Der Trockner hat gepiept.“ Sie wippte auf den Zehen. „Ist Bunny jetzt fertig?“

„Gar nichts?“, hakte Millie nach.

„Doch“, gab er zu. „Sie ist das einzig Gute. Und ich werde mir die größte Mühe geben.“ Er bückte sich zu seiner Tochter herunter. „Was hältst du davon, wenn Millie deine Nanny wird und uns im Haus hilft?“

„Sie ist Fairy Poppins!“, rief Brooke glücklich. Mit großen Augen sah sie Millie an. „Bringst du Glitzer mit?“

„Natürlich.“ Millies Blick glitt von Brooke zu ihrem Vater. „Ich bin zwar nicht Mary Poppins, aber wir haben einen Deal.“

„Du machst wohl Witze!“, rief Millie außer Atem, als sie dreißig Minuten später durch die Küchentür in Olivias Haus stürmte. „Das nächste Mal könntest du mich ruhig vorwarnen, bevor du mich in die Höhle des Löwen schickst.“

Olivia drehte sich um. Im letzten Augenblick gelang es ihr, ein Lächeln zu verbergen. „Wenn ich das getan hätte, wärst du wohl kaum hingegangen.“

Millies Halbschwester hatte eine beeindruckend große, anmutige Gestalt und überragte Millie um einen halben Kopf. Ihr glattes, kastanienbraunes Haar war meistens zusammengesteckt und betonte ihre klassischen Gesichtszüge.

Millie seufzte. „Vielleicht.“ Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken.

Olivia setzte sich zu ihr und schob ihr einen Teller mit selbstgebackenen Keksen zu. „Hier, bedien dich.“

„Hat Logan die gemacht?“ Millie konnte nicht widerstehen. Olivias Mann hatte wirklich eine Gabe: Seine Kuchen und Kekse waren himmlisch. Etwas, das man ihm auf den ersten Blick kaum zutrauen würde, denn Logan Travers sah aus wie ein Model aus einem Katalog für Outdoor-Kleidung.

Genau wie sein Bruder Jake, nur mit dem Unterschied, dass Jake blondes Haar hatte. Ziemlich schönes Haar, wenn man es genau betrachtete.

„Es tut mir leid, Millie“, sagte Olivia gerade und riss Millie aus ihren Gedanken. „Aber er braucht wirklich Hilfe. Ich wusste, dass du zu ihm durchdringen würdest. Logan und Josh machen sich große Sorgen.“

„Warum ist er dann allein da draußen?“, fragte Millie anklagend. „Was für eine Familie lässt jemand in so einer Situation allein mit seiner Tochter?“

Mit einer entschuldigenden Geste hob Olivia die Hände. „Die Familiensituation der Travers ist ein bisschen schwierig. Die Brüder hatten nicht immer einen guten Draht zueinander.“

Millie starrte sie an. Wahrscheinlich war das noch maßlos untertrieben. Aber ihre Halbschwester war sehr gut darin, die Dinge so diplomatisch wie möglich auszudrücken. Sie wollte nie jemanden in Verlegenheit bringen. Deswegen konnte man der heiligen Olivia auch nie lange böse sein.

Selbst wenn sie einen unvorbereitet in die Höhle des Löwen geschickt hatte.

„Ich hielt es für besser, wenn dir Jake selbst die Situation erklärt“, bestätigte Olivia Millies Vermutung. „Und ich wollte, dass du Brooke kennenlernst, bevor du den Job ablehnst.“

„Ja, weil ich eine Schwäche für süße kleine Kinder habe“, knurrte Millie. Sie nahm sich noch einen Keks. „Und eine Schwäche für Süßes. Offensichtlich bin ich überhaupt ziemlich schwach.“

„Das finde ich nicht“, widersprach Olivia. „Aber du liebst es, mit Kindern zu arbeiten. Du hast ein Talent dafür.“

„Woher willst du das wissen? Du kennst mich ja kaum“, widersprach Millie stur.

Olivia seufzte. „Ich weiß zwar nicht, warum dein letztes Schulpraktikum gescheitert ist, aber ich weiß, dass es eine Schande wäre, wenn du jetzt deine Träume aufgibst.“

„Ich gebe meine Träume nicht auf“, widersprach Millie. „Ich habe mir nur für ein Semester Auszeit von der Uni genommen. Das ist keine große Sache.“

Olivia schien zu spüren, dass Millie noch nicht bereit war, darüber zu reden. Sie warf ihr einen Blick zu, als wolle sie sagen: ‚Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen. Wenn du reden willst, bin ich für dich da.‘

Dann lenkte sie das Thema zurück zum Ausgangspunkt. „Jedenfalls ist Jake mindestens so stur wie seine Brüder“, erklärte sie, und dieses Mal klang es, als wolle sie sagen: Mindestens so stur wie du.

Millie konnte es ihr nicht einmal übel nehmen.

„Er war schon immer ein Einzelgänger. Logan hat mir erzählt, dass er es ziemlich weit gebracht hat. Aber um den Preis, dass er immer allein war. Und er erlaubt seinen Brüdern nur im allergrößten Notfall, ihm zu helfen.“ Sie verzog das Gesicht. „Nicht, dass das hier kein Notfall wäre. Josh und Sara haben ihm schon so oft Hilfe angeboten. Sara sagt, es sei zum Verrücktwerden.“

„Wollte Sara nicht zu dieser Premierenfeier?“, hakte Millie nach. „Wie ist es denn so, mit einem Celebrity rumzuhängen?“ Das Leben von Olivias Freundinnen übte eine seltsame Faszination auf sie aus. Zum einen war sie ein bisschen neidisch, dass es Olivia gelungen war, sich ein schönes Leben in Crimson aufzubauen – mit guten Freundinnen, auf die sie sich verlassen konnte. Millie dagegen konnte nicht so leicht Freundschaften schließen.

Zum anderen war Olivias Freundin Sara nicht nur Mutter eines entzückenden Mädchens und leitete ein Gästehaus auf der Farm ihres Mannes, sondern war auch ein wiederentdeckter Filmstar. Schon in ihrer Kindheit hatte sie beim Film mitgewirkt, und viele Jahre später hatte sie eine große Rolle in einem Hollywood-Streifen bekommen.

Deswegen pendelte sie nun zwischen dem glamourösen Leben einer Schauspielerin und dem gediegenen Leben in der Kleinstadt Crimson hin und her – ein Spagat, der ihr von außen betrachtet mühelos gelang.

„Wenn sie in Crimson ist, ist sie einfach nur Sara“, entgegnete Olivia mit einem Lächeln. „Du musst sie unbedingt kennenlernen. Ich bin sicher, ihr werdet euch mögen. Sie hat denselben Mumm wie du.“

Millie konnte sich kaum vorstellen, dass sie überhaupt irgendetwas mit einer Hollywoodschauspielerin gemein hatte. Aber dieses Mal hielt sie es für besser, nicht zu widersprechen.

„Bevor sie geflogen ist, haben wir bei Jake vorbeigeschaut, um einige Lebensmittel vorbeizubringen. Wir wollten fragen, ob Brooke Lust hätte, den Tag mit uns zu verbringen, aber sie wich nicht von Jakes Seite. Logan und Josh hatten auch nicht mehr Glück.“ Sie sah Millie neugierig an. „Aber dich mochte sie?“

Millie nickte. „Kinder vertrauen mir. Das liegt wohl daran, dass ich so klein bin. Bei Mom war es genauso. Wir nehmen den Menschen ihre Befangenheit.“ Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht. „Wir sind keine Bedrohung.“

„Genau.“ Olivia lachte trocken. „Deine Mutter war jahrzehntelang eine Bedrohung für meine Familie. Joyce ist vielleicht klein, aber sie hat es in sich.“

Millie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Ihr gemeinsamer Vater war US-Senator gewesen. Er war mit Olivias Mutter verheiratet, unterhielt aber eine langjährige Affäre mit Millies Mutter. Bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren hatte er dieses Doppelleben geführt – mehr oder weniger erfolgreich.

Millies Mutter Joyce hatte fast dreißig Jahre lang ihr Leben im Schatten verbracht. Als Roberts Geliebte, seine Vertraute, die Frau, die ihn zum Lachen brachte, während Olivias Mutter die strenge und korrekte Senatorengattin spielte.

Dafür hatte Joyce nie etwas verlangt. Keine finanzielle Unterstützung, keine Bedingungen, keinen Zuspruch, nicht einmal mehr von seiner wertvollen Zeit. Millies Mutter hatte ihr gesamtes Leben darauf ausgerichtet, für diesen Mann verfügbar zu sein, sobald er seinem Familienalltag in Washington entkommen konnte.

Sie war die perfekte Geliebte.

Aber Robert war alles andere als der perfekte Vater. Millie hatte sich immer einen Vater gewünscht, der zu Elternabenden ging, ihre Schulaufführung besuchte und ihre Freunde kennenlernte.

Himmel, sie wäre schon damit zufrieden gewesen, erzählen zu können, dass sie überhaupt einen Vater hatte. Aber ihre Mutter hatte darauf bestanden, seine Existenz zu verleugnen, um seinen Ruf und seine Karriere zu schützen. Im Grunde ging es immer nur um seine Karriere.

Jedenfalls hatte Millie diesen Charakterzug von ihrer Mutter geerbt: sich anderen Menschen unterzuordnen und ihnen zu erlauben, auf ihr herumzutrampeln. Millie wusste gar nicht, ob man zwischenmenschliche Beziehungen auch auf andere Weise führen konnte.

Vielleicht fühlte sie sich deswegen mehr zu Kindern hingezogen. Kinder hatten keine Geheimnisse und handelten nicht aus versteckten Motiven heraus.

Außer ihnen war nur Olivia bedingungslos nett zu ihr gewesen. Und das, obwohl sie allen Grund dazu gehabt hätte, Millie zu hassen. Die heimliche zweite Tochter. Die Tochter, an der ihr Vater viel mehr Freude zu haben schien als an seiner eigenen Familie.

Aber ihr Vater hatte ihr Leben für immer geprägt. Und auf gewisse Weise verpfuscht.

„Ich bin nicht meine Mutter.“ Millies Stimme war leise. Ihr Kinn zitterte. Sie hasste sich selbst dafür, dass ihr in diesem Augenblick die Tränen in die Augen stiegen.

„Gott sei Dank.“ Olivias Ton wurde sanfter. „Aber Jake gehört jetzt auch zu meiner Familie. Logan kann vor Sorge um seinen Bruder kaum noch schlafen. Und ich habe dich gebeten, ihm zu helfen, weil ich dir vertraue, Millie. Vielleicht sehe ich etwas in dir, was du selbst noch nicht entdeckt hast. Aber es ist da. Und ich hoffe, dass dir die Zeit in Crimson dabei helfen wird, es zu finden.“

Sie lächelte geheimnisvoll. „Dieser Ort hat etwas Besonderes. Er holt das Beste aus einem heraus.“

In Millies Brust stritten die widersprüchlichsten Gefühle. Man hatte ihr nie besonders viel zugetraut. Von frühester Kindheit an hatte man ihr beigebracht, umgänglich und lustig und immer nett zu anderen Menschen zu sein, ohne selbst etwas zu verlangen.

Aber Olivia wollte sie mit einer Aufgabe betrauen, die ihr wichtig war. Mit Menschen, die ihr wichtig waren. Und dieses Vertrauen wollte Millie nicht enttäuschen. Sie wollte ihrer Schwester beweisen, dass sie es verdient hatte.

Auch wenn sie Jake Travers erst davon überzeugen musste.

Millie verschränkte entschlossen die Arme vor der Brust. „Vielleicht ist es nur eine weitere von vielen falschen Entscheidungen, die ich im Leben getroffen habe. Aber ich werde erst einmal in Crimson bleiben.“

3. KAPITEL

Sobald er Brookes glückliches Quietschen hörte, wusste Jake, dass Millie zurückgekommen war.

Es waren kaum zwei Stunden vergangen, seit sie gefahren war, um ihre Sachen zu packen und Olivia Bescheid zu sagen, doch in der Zwischenzeit hatte sich Jake immer wieder gefragt, ob sie es sich vielleicht noch anders überlegen würde.

Er hätte es ihr nicht verdenken können.

Sie brauchte zwar einen Job, aber sie konnte mit Sicherheit einen ruhigeren an Land ziehen als in einem Haushalt mit einem alleinerziehenden Vater und seiner vierjährigen Tochter, deren Leben im Chaos versank.

Jake dachte an seine Brüder. Sie hatten mehr als einmal ihre Hilfe angeboten, aber er hatte jedes Mal abgelehnt. Er war immerhin der älteste. Und er hatte sich sein Leben lang allein durchgeschlagen. Wie hätte er jetzt ihre Hilfe annehmen können?

Davon abgesehen hatte er ihnen den Rücken gekehrt, sobald sich die erste Chance ergeben hatte. Damals hatte es ihm – dank seiner guten Noten – ein Stipendium für die Universität ermöglicht, Crimson hinter sich zu lassen. Und ihren dem Alkohol verfallenen Vater.

Jake hatte nichts getan, um seine jüngeren Geschwister zu unterstützen.

Selbst als Logans Zwillingsschwester Beth völlig durchdrehte und schließlich bei einem Autounfall ums Leben kam, hatte Jake nichts unternommen.

Die Schuldgefühle wogen so schwer auf seiner Brust, dass er manchmal kaum atmen konnte.

Er hatte zuerst seine Ausbildung, dann seinen Job und die vielen Reisen als Entschuldigung benutzt, so selten wie möglich nach Hause zu kommen.

Es war Ironie des Schicksals, dass er jetzt zurückgekehrt war. Jetzt, da er nicht wusste, wohin er sich sonst wenden sollte.

Doch das hieß noch lange nicht, dass er deswegen auf seine Brüder angewiesen war. Und außerdem verdiente er es gar nicht, dass sie ihn nach all den Jahren so herzlich aufgenommen hatten.

Zu Jakes größter Erleichterung war diese Nanny zumindest genau das, was Brooke sich wünschte. In den vergangenen zwei Stunden war sie zwischen Fernseher und Fenster hin und her gelaufen und hatte ein Dutzend Mal gefragt, wann ‚Fairy Poppins‘ endlich zurückkehrte.

Jetzt stand Brooke vor ihr im Flur und sah sie mit leuchtenden Augen an.

Millie hatte einen Rollkoffer und eine große Tasche bei sich und betrachtete Jakes Gesichtsausdruck. Dann lächelte sie. „Du hast nicht geglaubt, dass ich zurückkomme.“

Er ignorierte ihre Bemerkung. „Ich bin froh, dass du da bist“, sagte er stattdessen. Es war beunruhigend, wie leicht sie seine Gedanken lesen konnte. Immerhin hatte er als Chirurg gelernt, seine Gefühle nicht zu zeigen. Ganz gleich, was geschah. „Ich trage deine Tasche.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er ihr die schwere Tasche von der Schulter.

Sie strafte ihn mit einem missbilligenden Blick auf seine verletzte Hand.

„Ich bin kein Invalide, klar?“, kommentierte er ihren Blick. Damit wandte er sich ab und stapfte den Flur entlang.

Ihm entging nicht, wie sie murmelte: „Invalide? Nein. Sturkopf? Ja.“

„Ich zeige dir dein Zimmer!“, krähte Brooke und schoss an ihm und Millie vorbei, um als Erste an der Tür zu sein.

Jake verlagerte das Gewicht der Tasche und versuchte verzweifelt, mit der gesunden Hand den Schulterriemen zu richten, um mehr Stabilität zu erlangen.

Endlich stand er vor Millies Tür im hinteren Teil des Hauses. Das geräumige Schlafzimmer hatte eine gemütliche Sitzecke, wo man sich auch tagsüber aufhalten konnte, und über den Flur gab es ein kleines Gästebad.

Als Sara ihm das Haus zum ersten Mal gezeigt hatte, hatte er nicht daran geglaubt, so viel Platz zu brauchen. Jetzt war er sehr dankbar dafür, dass Sara so weitsichtig gewesen war.

„Wir sind hier, Daddy!“, rief Brooke fröhlich.

Daddy. Unglaublich, wie leicht ihr das Wort über die Lippen ging, obwohl er noch gar nichts als Vater geleistet hatte.

Jake lugte ins Schlafzimmer, wagte aber nicht einzutreten. Seit es zu Millies Schlafzimmer geworden war, hatte er Skrupel, es zu betreten. „Ist alles in Ordnung?“, fragte er.

Millie, die es sich auf der Bettkante bequem gemacht hatte, stand hastig auf und strich sich das Haar aus dem Gesicht. „Perfekt. Alles, was ich brauche.“ Sie räusperte sich. „Habt ihr schon Pläne fürs Abendessen?“

„Pizza!“, rief Brooke entschieden.

„Wir hatten in letzter Zeit viel Pizza“, gab Jake etwas zerknirscht zu.

„Lasst uns erst mal nachsehen, was im Kühlschrank ist.“ Sie strich über Brookes Haar. „Außerdem brauchen wir Erdnussbutter.“

Die Kleine verzog das Gesicht. „Erdnussbutter schmeckt nicht auf Pizza.“

„Nein, Süße. Die ist für das Kaugummi in deinem Haar.“

Brooke wiegte den Kopf. „Bei Mommy durfte ich nie Kaugummi haben.“

„Du musst sie schrecklich vermissen“, sagte Millie leise.

Das Mädchen hielt inne. Versunken starrte sie ins Zimmer und steckte einen Finger in den Mund.

Jake erschrak. Er hatte schon einmal erlebt, dass Brooke so reagierte. Es machte ihm Angst. „Millie möchte jetzt ihren Koffer auspacken“, sagte er. „Hilfst du mir, die Pizza zu bestellen, Brooke?“

Sie rührte sich nicht.

„Wenn du mir hilfst, gibt es Zimtschnecken zum Nachtisch.“

Die Aussicht auf Süßes schien den Zauber zu brechen. Brooke nickte langsam, nahm den Finger aus dem Mund und streckte Jake die Hand hin.

Er schluckte und ergriff ihre Hand. Immer wieder war er erstaunt, dass sie ihm so bedingungslos vertraute. Er wandte sich an Millie. „Wir haben viel zu besprechen.“

Millie nickte. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

„Zuerst die Pizza“, stellte Brooke fest.

„Natürlich. Zuerst die Pizza“, bestätigte Jake. Dann folgte er Brooke aus dem Schlafzimmer.

Nachdem Jake die Kleine später am Abend zu Bett gebracht hatte, holte Millie die Flasche Wein, die sie vorher im hintersten Winkel des Kühlschranks entdeckt hatte.

Sie war keine passionierte Weintrinkerin, aber nach diesem Tag brauchte sie definitiv einen Schluck, wenn sie mit Jake Travers unter vier Augen sprechen wollte.

Sie nahm ein Glas aus dem Schrank, füllte es großzügig auf und wollte gerade ein zweites holen, als Jake die Küche betrat. „Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich mich selbst bediene.“

„Tu dir keinen Zwang an.“

Wenn es nur so einfach wäre. Sie hob das zweite Glas. „Möchtest du auch?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich nehme jeden Abend eine Schmerztablette. Da verzichte ich wohl besser.“

„Sind die Schmerzen sehr schlimm?“

„Es geht schon.“ Er wich ihrem Blick aus. „Nur wenn ich viel herumlaufe und mich bewege, wird es schlimmer.“

„Und du nimmst dir natürlich keine Zeit, um dich auszuruhen. Als Vollzeitvater.“ Millies Ton wurde sanfter. „Brooke hängt sehr an dir.“

Er sah sie direkt an. Sein intensiver Blick zwang sie beinahe in die Knie. „Das haut mich wirklich um. Ich habe keine Ahnung, was ich tue, aber ihr ist es völlig egal.“

„Du gibst dir Mühe“, entgegnete Millie. „Allein das zählt.“

Seine Augen verengten sich.

In diesem Moment hatte Millie das Gefühl, genau wie ihre Mutter zu werden. Sie versuchte, die Wogen zu glätten und ihrem Gegenüber ein gutes Gefühl zu geben, obwohl sie ihn kaum kannte. Vielleicht war das die größte Schwäche, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte: die Schwäche für andere Menschen. Sich viel zu schnell von jemandem einnehmen zu lassen.

Und sie betrachtete ihre Mitmenschen viel zu oft durch die rosarote Brille.

Womöglich war Brooke mit ihren Großeltern besser dran. Aber Millie wusste auch, wie es war, einen Vater zu haben, der nur sporadisch auftauchte. Und die Sehnsucht nach mehr konnten keine Geschenke ausgleichen, keine Spielsachen, Süßigkeiten oder sonstige Bestechungsversuche.

Brooke hatte bereits ein Elternteil verloren, und Millie nahm sich vor, Jake zu beweisen, dass ein Vater mit Fehlern besser war als gar keiner. „Na schön. Lass uns eine Liste der Dinge erstellen, die erledigt werden müssen. Und welche Aufgaben ich dir in Zukunft abnehmen kann.“ Sie beugte sich über die Anrichte und griff nach Stift und Notizzettel.

Dabei fing sie Jakes Blick auf.

Ein leiser Schauer rann über ihren Körper.

So, wie er vor ihr an der Theke lehnte – die Arme hinter sich abgestützt und die breite Brust enthüllt – bot er ein beeindruckendes Bild. Unwillkürlich stellte Millie sich vor, wie es wäre, sich anzulehnen. An dieser Statur, in den muskulösen Armen würde man sich vollkommen sicher fühlen. Geborgen.

Aber diesen Gedanken durfte sie nicht ausführen. Zumindest nicht jetzt, in der Stille des Abends, allein mit ihm in der Küche.

Wenn Brooke in der Nähe war, stand sie sofort im Zentrum der Aufmerksamkeit. Jetzt waren sie allein, und Jakes Präsenz war überwältigend. Zum ersten Mal bemerkte Millie seinen aufregenden Mund, die scharfe, elegante Kinnlinie und seine breiten Schultern.

Und sie bemerkte die winzigen Erschöpfungsfältchen in seinen Augenwinkeln. Es war dieses Anzeichen der Übermüdung, das sie in die Realität zurückholte. Dieser Mann war unglaublich attraktiv. Aber deswegen war sie schließlich nicht hier.

Sie hatte seine Brüder Logan und Josh bereits kennengelernt und geahnt, welchen Effekt sie auf Frauen hatten. Alle drei sahen aus wie Filmstars.

Nur mit dem Unterschied, dass von Jake etwas ausging, was sie berührte. Auf eine Weise, wie es ihr noch nie passiert war.

Und das war definitiv noch ein Grund mehr, ihre Beziehung rein geschäftlich zu halten.

„Mein Gehalt“, entfuhr es ihr.

Jake zögerte nur eine Sekunde, bevor er sich auf einen Stuhl sinken ließ. „Du redest nicht lange drum herum. Das gefällt mir.“

„Ich wollte nicht … ich bin sicher, wir werden uns einig … schließlich helfe ich dir gern und …“

„Tausend.“

„Tausend was?“

„Dollar. Laut meiner Ärzte dauert meine Behandlung erst einmal anderthalb Monate. In dieser Zeit wird sich herausstellen, ob ich wieder operieren kann. In zwei Wochen kommen Brookes Großeltern, aber ich möchte trotzdem, dass du hier wohnst, solange ich in Crimson bin.“

„Tausend Dollar für sechs Wochen?“ Millie hatte noch nicht viel Berufserfahrung, aber dieses Gehalt kam ihr bedenklich gering vor.

Um seinen Mundwinkel zuckte es verdächtig. „Ich bezahle dir tausend Dollar die Woche. Sechs Wochen lang. Du wohnst hier, also ist es so, als wärst du vierundzwanzig Stunden in Bereitschaft. Du zahlst keine Miete und musst dich nicht am Haushaltsgeld beteiligen. Ich komme für alles auf.“

Millies Augen weiteten sich. „So viel kann ich nicht annehmen.“

Jake lachte. „An deinem Verhandlungsgeschick musst du noch arbeiten.“ Er legte die Hand auf den Bauch. „Ich kann zwar das Essen bezahlen, aber ich kann nicht kochen. Das wird also an dir hängen bleiben.“

„Kein Problem.“ Millie war noch immer überwältigt. „Aber wie … bist du Millionär? Badest du heimlich in Geld?“

„Ich habe eine Menge gespart. Und ich werde eine üppige Invalidenrente bekommen, wenn das so weitergeht.“ Er beugte sich vor. Mit den Fingerspitzen berührte er ihren Handrücken. „Ich bin mir sicher, dass du es wert bist.“

Der Kontakt war winzig, seine Berührung erfasste nur einen Millimeter ihrer Haut, und doch spürte Millie sie im ganzen Körper. Es war, als würde sie sich in Wellen ausbreiten und direkt in ihren Bauch fahren, wo sich ein wohliges und zugleich erregtes Gefühl einstellte.

Ich bin mir sicher, dass du es wert bist. Diesen Satz hatte sie nicht oft im Leben gehört.

Weil sie Kinder mochte, hatte sie als Babysitter gejobbt und in Kitas ausgeholfen, bevor sie sich entschlossen hatte, Vorschullehrerin zu werden. Trotzdem hatte sie stets an sich gezweifelt, ob sie wirklich die Fähigkeit dazu hatte.

Und dann war sie im College-Praktikum kläglich gescheitert.

Sie brauchte diesen Job. Genauso, wie Jake eine Nanny brauchte. Nicht nur wegen des Geldes, sondern auch, um ihr angekratztes Selbstwertgefühl wiederherzustellen. Nein, nicht nur angekratzt.

Es war zertreten, zerstört und weggeworfen worden.

Aber sie wollte beweisen, dass sie etwas bewirken konnte. Dass sie zumindest das Leben eines anderen Menschen geradebiegen konnte.

Das Leben eines bestimmten Menschen.

Von diesem Mann.

„Du wirst es nicht bereuen“, sagte sie sanft. Dann tippte sie mit der Kugelschreiberspitze auf das Blatt Papier. „Dann lass uns mal loslegen.“

Jake schreckte aus dem Schlaf und riss die Bettdecke vom Körper.

Er schwang die Beine auf den Boden und rückte an die Bettkante. Erst der stechende Schmerz in seinem Knöchel brachte ihn endgültig zurück in die Realität.

Sein Herz raste. Er atmete langsam ein und aus.

Der Alptraum war in den vergangenen Monaten zum ständigen nächtlichen Begleiter geworden. Jake befand sich in dem Hotel und musste hilflos zusehen, wie Stacy begraben wurde, als das Nachbeben die Insel erschütterte.

Er war nie in Stacy Smith verliebt gewesen. Ihre Affäre beruhte allein auf der Tatsache, dass sie zur selben Zeit am selben Ort waren – mit derselben Aufgabe und demselben Bedürfnis nach Nähe, das am nächsten Morgen schon wieder ausgelöscht war.

Trotzdem war ihm ihr Schicksal nicht gleichgültig. Er hatte ihr nur das Beste gewünscht – und konnte sich nicht verzeihen, dass sie seinetwegen in diesem Hotel umgekommen war. Jetzt hatte er eine Tochter, die ohne ihre Mutter aufwachsen musste.

Zum wiederholten Mal wünschte er, er wäre an ihrer Stelle gestorben.

Sicher, seine Brüder hätten um ihn getrauert. Aber in seinem Leben gab es niemanden, der ihn so sehr brauchte wie Brooke ihre Mutter.

Sie war tief traurig über den Verlust ihrer Mutter, aber sie schien nicht davon zerstört zu sein. Irgendwie hatte sie den endgültigen Abschied akzeptiert. Ein Umstand, der es Jake bloß noch schwerer machte.

Er würde alles tun, um Stacys letztem Wunsch gerecht zu werden. Auch wenn er sich in der Rolle des Vaters mehr als fehl am Platz fühlte.

Er warf einen Blick auf die Uhr, dann auf das Licht, das durch einen Spalt zwischen den Vorhängen fiel.

Für gewöhnlich blieb er mit seinen Erinnerungen allein, quälte sich mit Schuldgefühlen durch die erste Stunde vor Sonnenaufgang, bevor Brooke hereinkam und ihren gemeinsamen Tag einläutete.

Erstaunlicherweise hatte er heute länger geschlafen als gewöhnlich, und es war bereits kurz vor acht Uhr. Mit einem unterdrückten Stöhnen stand er auf, verlagerte das Gewicht auf das gesunde Bein und zog sich ein T-Shirt über. Dann machte er sich auf den Weg in die Küche.

„Daddy!“, rief Brooke, als sie ihn entdeckte. Stürmisch kam sie ihm entgegen. Obwohl sie noch ihren Schlafanzug trug, thronte auf ihrem Kopf eine kleine Krone aus Plastik. Sie ergriff seine Hand und zog ihn in die Wohnküche. „Fairy Poppins und ich haben aufgeräumt“, verkündete sie. In ihrer Stimme lag so viel Stolz, wie eine Vierjährige nur aufbringen konnte.

Tatsächlich waren Küche und Wohnzimmer kaum wiederzuerkennen. Jake sah sich voll Bewunderung in dem blitzblanken Raum um.

„Mein Name ist Millie, nicht Fairy Poppins, Brookie-Cookie“, ertönte da eine helle Stimme.

Brookes Kichern erhellte die Küche, während Millie aus der schmalen Vorratskammer trat. Heute Morgen erinnerte seine neue Nanny weniger an eine Elfe als vielmehr an die fleischgewordene Fantasie eines Holzfällers. Sie trug eine ausgeblichene Cargohose und ein cremefarbenes Flanellshirt über einem leichten Trägerhemdchen.

Das kinnlange Haar hatte sie mit einem breiten Band zurückgenommen, was ihre zarten, fein geschnittenen Gesichtszüge besonders zur Geltung brachte.

Trotz ihrer Größe wirkten ihre Beine lang und aufregend, und Jake schloss für eine Sekunde die Augen, bevor er ihren Körper zu intensiv anstarrte.

Brooke zupfte an seinem Shirt. „Wir haben Pancakes gemacht. Echte Pancakes. Nicht die aus der Flasche.“

„Echte Pancakes?“ Er ging in die Hocke, um Brooke auf Augenhöhe zu begegnen. „Die duften wirklich gut. Vielen Dank, Kleines.“

„Du musst dich auch bei Fairy Poppins bedanken. Ich meine bei Millie.“

Er richtete sich auf und sah, wie Millie Orangensaft in drei Becher goss. „Ich wusste nicht einmal, dass wir Zutaten für Pancakes im Haus haben.“

Sie nickte, hielt ihren Blick aber auf die Becher gerichtet. „Der Kühlschrank und die Speisekammer sind erstaunlich gut gefüllt. Ehrlich gesagt hat mich das selbst ein bisschen überrascht.“

„Dank Olivia und Sara. Sie bringen mir mehr Lebensmittel vorbei, als ich jemals aufbrauchen kann.“

„Das ist nett von ihnen.“

Trotzdem war das Beste, was Jake bisher zum Frühstück zustande gebracht hatte, Bagels vom Bäcker und Cornflakes mit Milch. „Danke, Millie.“

„Das gehört zu meinem Job.“

Aus irgendeinem Grund ärgerte ihn dieser Satz, doch er ließ sich nichts anmerken.

„Möchtest du Kaffee?“

„Ich mache das schon.“ Im gleichen Augenblick, in dem er sich der Anrichte näherte, trat Millie vor und streckte den Arm nach der Kaffeekanne aus. Sie stieß gegen seinen Oberkörper und geriet ins Stolpern.

Jake ergriff ihre Oberarme und hielt sie fest, bevor sie fallen konnte. Er ließ sie nicht los, bis sie den Blick hob und ihm direkt in die Augen sah. „Danke, dass du Frühstück gemacht hast.“

„Bitte sehr.“ Dieses Mal klang ihre Stimme etwas atemlos.

Jake nahm es mit einer leisen Genugtuung zur Kenntnis. Immerhin war sie ihm gegenüber nicht völlig immun. Seltsam, wie befriedigend sich diese Feststellung anfühlte. „Ich kümmere mich darum.“ Zögernd ließ er sie los. „Meine Damen, bitte nehmt Platz.“

Wenige Minuten später saßen alle drei um den Küchentisch und aßen Millies Pancakes mit viel Sirup und frischen Früchten.

„Wie oft musst du zur Krankengymnastik?“ Millies Ton war beiläufig, aber sie schien bemerkt zu haben, wie sehr er sich mit der verletzten Hand quälte.

„Mir wurden drei Stunden in der Woche verordnet.“ Er führte die Gabel an den Mund. „Aber weil ich einige Stunden verpasst habe, habe ich die Übungen zu Hause gemacht.“

„Ich will nicht, dass Daddy weggeht“, stellte Brooke nüchtern fest.

„Dein Daddy muss aber zur Therapie gehen, wenn er gesund werden soll. Wir werden eine Menge Spaß zusammen haben, solange er weg ist.“

Brooke verzog das Gesicht. „Und was ist, wenn er bei der Therapie einschläft? Dann hat er wieder schlimme Träume von Mommy.“

Jake entging nicht Millies erschrecktes Gesicht, aber er wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

Das war auch unnötig, denn Brooke plapperte einfach weiter. „Ich habe schöne Träume von Mommy“, fuhr sie fort. „Im Traum war ich mit Mommy im Zoo. Da haben wir mal einen Orang-Utan gesehen. Der war lustig.“ Sie leckte Sirup von ihren Fingern. „Heute Nacht werde ich Dad einen von meinen Träumen abgeben. Dann kann er besser schlafen.“

Jake starrte sie an. „Danke, Liebling. Das ist wirklich lieb von dir. Aber ich will, dass du deine schönen Träume für dich behältst.“ Seine Kehle war wie zugeschnürt.

„Ich habe aber ganz viele.“ Sie schenkte ihm ein leuchtendes Lächeln. Dann widmete sie sich mit Hingabe dem Sirup auf ihrem Teller.

Als Jake aufsah, erwischte er Millie dabei, wie sie sich mit dem Handrücken über die Augen strich. „Weißt du was?“, fragte sie schnell. „Wir bringen deinen Daddy zu seiner Therapiestunde und machen ein Picknick im Park, während wir auf ihn warten.“

„Ich mag Makkaroni zum Picknick.“

„Kein Problem.“ Millie stand auf, um die leeren Teller abzuräumen.

Jake half ihr, das Geschirr in die Spüle zu stellen. „Sie kann nichts dafür“, raunte er Millie zu. „Aber manchmal bringt sie mich mit diesen Kommentaren völlig aus der Fassung.“ Er seufzte. „Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich bin völlig überfordert. Und ich hasse das Gefühl, überfordert zu sein.“

„Du wirst es schaffen. Ich weiß es. Es ist eben eine völlig neue Situation für euch beide. Aber sie braucht dich, Jake. Sie verlässt sich auf dich.“

Jake wandte den Blick ab. Er war nicht einmal in der Verfassung, dieses Gespräch zu führen. Erst Brookes bedingungslose Liebe, dann Millies bedingungsloses Vertrauen. Wie konnte er auch nur einem davon gerecht werden?

Aber wenn er etwas in seinem Job gelernt hatte, dann war es, einen Schritt nach dem anderen zu gehen und das zu tun, was der Augenblick verlangte. Nicht mehr. Wenn die Gedanken sich verselbstständigten und in die Zukunft schweiften, führte das bloß zu Fehlern.

Davon abgesehen konnte er ohnehin erst eine Entscheidung über die Zukunft treffen, wenn endgültig geklärt war, ob seine Hand heilen würde und er irgendwann wieder arbeiten könnte.

„Wasch dein Gesicht“, sagte Jake zu Brooke und richtete das Krönchen auf ihrem Kopf. „Und dann suchen wir etwas zum Anziehen heraus.“

„Aber Da-ad! Das kann Millie machen. Sie ist ein Mädchen. Sie ist besser mit Kleidern.“

Jake nickte erleichtert. Es gab mit Sicherheit eine Million Dinge, die Millie besser konnte als er – zumindest, was die Erziehung von kleinen Mädchen betraf.

Sie einzustellen war die beste Entscheidung gewesen. Hoffentlich.

Zwanzig Minuten später hatte Millie die Küche aufgeräumt, die Waschmaschine angestellt und ein Kleid für Millie ausgesucht.

Während sie den Kindersitz holte, um ihn in ihrem kleinen Auto zu installieren, kreisten ihre Gedanken um ihren Vater.

Es war schrecklich gewesen, ihn verleugnen zu müssen. Sie hatten Robert Palmer entweder hinter geschlossenen Türen getroffen oder an Orten, wo er unerkannt blieb. Dabei hätte sich Millie nichts sehnlicher gewünscht, als dass er zu ihrem Schwimmwettbewerb kam.

Aber Brookes Mutter würde nicht einmal gelegentlich vorbeikommen. Brookes Mutter würde überhaupt nie mehr kommen.

Millie bezweifelte, dass der vierjährigen Brooke die Endgültigkeit dieser Tatsache bewusst war. Sie trug den Tod der Mutter mit Fassung und einer entwaffnenden, beinahe heiteren Ehrlichkeit.

Kein Wunder, dass Jake manchmal davon schockiert war.

In dem Augenblick, in dem Millie die Kleine im Kindersitz anschnallte, spürte sie Jakes Präsenz.

Und ihr wurde siedend heiß bewusst, wie tief sie sich in das Wageninnere gebückt hatte.

Sie wirbelte herum und erwischte ihn mit einem selbstgefälligen Grinsen und dem Blick auf ihrem Po. Seine blauen Augen kamen ihr mit einem Mal einen Hauch dunkler vor.

„Wirf mir Bunny rüber“, sagte sie knapp.

Jake lächelte. Anstatt das Plüschtier zu werfen, trat er näher heran und drückte es Millie sanft in die Arme. Dann hob er die Hand und berührte mit dem Zeigefinger ihr Kinn. Behutsam zog er eine Linie und richtete den Kragen ihres Flanellhemds. „Du wirst ja rot.“

„Mir ist nur heiß.“

„Nur heiß.“

„Genau“, antwortete sie trotzig. „Hast du jemals versucht, einen Kindersitz in einen winzigen VW Beetle zu quetschen?“

Er lachte leise. „Ich frage mich, wie ich mich selbst da hineinquetschen soll.“

„So klein ist er nun auch wieder nicht. Du wirst prima reinpassen.“

Sein Lächeln war eine Spur zu anzüglich, und Millie grollte leise.

Aber im Grunde störte es sie nicht. Jake Travers war kein Aufreißer. Er hatte eine angenehme Art, und in seiner Gegenwart fühlte sie sich wohl. Vielleicht sogar ein bisschen zu wohl.

Nachdem er sich auf den Beifahrersitz geklemmt und die Tür hinter sich zugezogen hatte, lehnte er den Kopf zurück und schloss die Augen.

Millie legte ihm besorgt die Hand auf den Arm. „Alles in Ordnung?“

Er nickte und hielt die Augen geschlossen. „Ich bin bloß nicht mehr daran gewöhnt, mich am frühen Morgen so viel zu bewegen. Traurig, aber wahr.“

„Es wird besser“, versprach Millie und hoffte, dass es nicht nur eine leere Phrase war.

Die Fahrt zum Krankenhaus dauerte nur wenige Minuten, doch die Aussicht war atemberaubend.

Als Millie ihre Schwester zum ersten Mal in Crimson besucht hatte, waren die Tannenspitzen noch mit Schnee bedeckt. Jetzt hielt langsam der Frühling Einzug in die Berge, und die Hänge leuchteten in sattem Tannengrün und dem zarten jungen Grün der Espen.

Selbst Brooke brachte der majestätische Anblick der Berge zum Verstummen.

Erst als sie die große Eingangshalle des Krankenhauses betraten und Jake sich von ihr verabschieden wollte, glomm Panik in ihren Augen. „Lass mich nicht allein!“, rief sie, den Tränen nahe.

„Wir haben doch darüber gesprochen“, sagte Jake geduldig. „Ich bin bald zurück, und in der Zwischenzeit wirst du viel Spaß mit Millie haben.“ Er warf Millie einen hilflosen Blick zu.

Brooke schüttelte den Kopf. „Lass. Mich. Nicht. Allein.“

Millies Brust zog sich schmerzhaft zusammen. „Brookie-Cookie“, begann sie sanft. „Wir machen es so: Wir begleiten deinen Daddy hinein und sehen uns den Raum an, wo er seine Therapiestunde bekommt. Dann brauchst du keine Angst um ihn zu haben. Und wenn du möchtest, bleiben wir hier und warten, bis er fertig ist.“

Brooke schniefte. „Okay.“

Jakes Mund wurde zu einer schmalen Linie, aber Millie ignorierte ihn.

Auf dem Weg zum Aufzug wirkte Brooke entspannter und begann, dem Plüschhasen ein Lied vorzusingen.

Jake neigte den Kopf. „Ich habe Untersuchungen und anschließend Therapiesitzungen. Das könnte mehrere Stunden dauern“, flüsterte er.

Millie hob die Schultern. „Dann warten wir. Aber ich glaube, sobald Brooke sich selbst ein Bild von allem gemacht hat, wird sie beruhigt sein.“ Sie betrat den Fahrstuhl. „Keine Sorge, Jake. Wir bekommen das hin.“

Gemeinsam fuhren sie hinauf in das dritte Stockwerk und gingen einen langen Flur entlang, auf dem sich mehrere, mit Glaswänden verkleidete Räume befanden. Alles war hell und freundlich und wirkte ziemlich neu. Millie gefiel das Therapiezentrum – bis sie die Reaktion der Rezeptionistin bemerkte.

„Oh, mein Gott. Du bist es wirklich.“

Jake war nichts anzumerken, weder Freude noch Unbehagen.

„Erinnerst du dich an mich? Lauren Bell. Wir sind zusammen zur High School gegangen. Du warst nie bei den Klassentreffen, Jake. Dabei warst du Jahrgangsbester.“ Sie schüttelte tadelnd den Kopf und schenkte ihm gleichzeitig ein dunkles Lächeln. „Ich habe gehört, dass du Arzt geworden bist und um die Welt fliegst. Das muss sehr aufregend sein.“

Jake verlagerte das Gewicht auf den gesunden Fuß. „Ja, ich … Ich bin Chirurg.“ Er hielt die geschiente Hand in die Höhe. „Ich war Chirurg.“

„Wir werden uns gut um dich kümmern“, versicherte Lauren.

Brooke zupfte an seinem Ärmel. „Du lässt mich nicht allein, Daddy.“

Jake schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, spielte ein verführerisches Lächeln um seine Mundwinkel. Er beugte sich über die Rezeption. „Würdest du mir einen Gefallen tun? Um der guten alten Zeiten willen“, fügte er hinzu und grinste Lauren Bell an.

Millies Hände ballten sich zu Fäusten.

„Meine Tochter würde gern sehen, wie ich hier untergebracht werde, bevor ich sie in die guten Hände unserer Nanny übergebe.“ Er zwinkerte Lauren zu. „Du kennst dich hier doch bestens aus. Kannst du uns eine kleine Führung geben?“

Lauren zögerte keine Sekunde. Sie stand auf und rief über die Schulter: „Rhonda, würdest du für mich den Empfang übernehmen?“

Ohne Millie auch nur eines Blickes zu würdigen, verkündete sie: „Dann los, ihr zwei. Es wird euch bei uns gefallen.“

Es hätte nicht viel gefehlt, und Lauren Bell hätte einen kleinen Freudentanz aufgeführt, dachte Millie ärgerlich.

Bevor er Lauren folgte, flüsterte Jake: „Na, wie habe ich das gemacht?“

„Ganz toll. Für jemanden, der angeblich keinen Charme hat“, gab Millie kühl zurück.

„Ich habe nie behauptet, dass ich keinen Charme habe, Fairy Poppins“, erwiderte Jake. „Ich setze ihn bloß sehr gezielt ein.“

„Dann sieh zu, dass du dich nicht verbrennst. Ich bin im Wartezimmer. Bis später.“ Mit diesen Worten wandte Millie sich ab.

Es dauerte keine zehn Minuten, bis Brooke zu Millie zurückkehrte. „Hier wird Daddy nichts passieren“, verkündete sie zufrieden. „Und Bunny gefällt es auch.“

Sie drehte sich um und winkte Jake, der im Türrahmen stehen geblieben war. „Bis später, Daddy.“

„Bis später, Liebes.“ Sein Blick fing Millies und hielt ihn fest. Die Art, wie er sie plötzlich ansah, sandte einen warmen Schauer über ihren Körper – und an Stellen, an denen er gar nichts zu suchen hatte.

„Danke, Millie. Für alles.“

Sie probierte eine wegwerfende Geste, doch es sah eher aus wie ein missglücktes Winken. „Ich mache nur meinen Job!“, rief sie betont fröhlich.

Sein Blick verfinsterte sich, und Millie bereute augenblicklich, was sie gesagt hatte. Aber da war es schon zu spät. Jake hatte sich umgedreht und war verschwunden.

4. KAPITEL

Bevor sie in die Stadt fuhr, hinterließ Millie eine Nachricht auf Olivias Mailbox. Wenn sie Jake und Brooke weiterhin durch die Gegend kutschieren wollte, brauchte sie unbedingt ein anderes Auto, und Olivia wusste bestimmt einen Rat.

Auf dem Weg ins Stadtzentrum hielt Millie am Supermarkt, um einige Besorgungen zu machen.

Es waren viele Touristen unterwegs, die das schöne Spätsommerwetter nutzten. Von Olivia wusste Millie, dass Crimson besonders von den Besuchern profitierte. Olivia war mit Crimsons ehemaligem Bürgermeister verheiratet gewesen, bevor sie die Scheidung eingereicht und Jakes Bruder Logan kennengelernt hatte.

Jetzt leitete sie das Bürgerzentrum und organisierte Begegnungen für lokale und auswärtige Künstler und Kunstinteressierte. Außerdem hatte sie einen Geschenkladen eröffnet, in dem man lokale Produkte erstehen konnte.

Millie wunderte sich nicht im Geringsten, dass die kleine Stadt ein Magnet für Touristen war. Die Rocky Mountains boten eine wundervolle Kulisse für die hübsche Stadt mit ihren farbenfrohen, im viktorianischen Stil gehaltenen Häusern. Trotzdem hatte sich der Ort seinen Kleinstadtcharme bewahrt, und die Menschen waren freundlich und zuvorkommend – anders als in anderen, angesagten Höhenkurorten, wo es nur schicke Läden und überteuerte Restaurants gab.

In Crimsons Zentrum entdeckte Millie eine hübsche kleine Bäckerei, die sie magisch anzog. Das lag nicht nur an dem Schild mit der Aufschrift Life is Sweet, sondern an den appetitlichen Kuchen, die in der Auslage zu sehen waren.

„Wir brauchen Brot für French Toast“, sagte Millie und hielt Brooke die Tür auf. „Und was möchtest du?“

„Blaubeermuffins!“, rief Brooke ohne zu zögern und sah sich mit großen Augen um.

Auch Millie gefiel es auf Anhieb. Hier herrschte eine gemütliche, einladende Atmosphäre, und es duftete nach frisch geröstetem Kaffee und Kuchen aus dem Ofen.

Die Wände waren in hellem Gelb gehalten, und die Theke und die niedrigen Tischchen in einer Ecke waren aus dunklem, naturbelassenem Holz gefertigt. Die Gäste führten mit einem verträumten Ausdruck im Gesicht Gabeln voll herrlichem Kuchen zum Mund.

Millie entdeckte an einem der Tische Natalie Holt, eine Freundin von Olivia, die sie einmal bei ihrer Schwester getroffen hatte.

Natalie winkte sie zu sich. Sie unterhielt sich gerade mit einer jungen Frau mit einem offenen, sympathischen Lächeln, die sich als Katie Garrity vorstellte. „Katie ist die Kuchenfee“, erklärte Natalie und zwinkerte Brooke zu.

Millie erinnerte sich daran, wie Olivia von ihr gesprochen hatte. Die Besitzerin von Life is Sweet war allerdings jünger, als Millie sie sich vorgestellt hatte.

Beide Frauen begrüßten Millie herzlich und hatten einige liebe Worte für Brooke, die sich zuerst schüchtern hinter Millies Rücken versteckte.

Millie spürte erneut einen Anflug von Eifersucht auf das Leben, das Olivia sich hier aufgebaut hatte. An dem Ort, an dem sie sich so wohlfühlte, auch noch liebe Freundinnen zu finden, war etwas, das Millies Vorstellung von Glück schon sehr nahe kam.

„Millie ist auch eine Fee“, sagte Brooke mit wachsendem Mut. „Sie ist Fairy Poppins. Sogar Dad hat sie vorhin so genannt.“

Natalie hob die Brauen und wechselte einen amüsierten Blick mit Katie.

Millie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.

„Millie ist bestimmt mehr Fee als ich“, meinte Katie lächelnd. „Aber auch wenn ich keine Fee bin, kann ich dir zumindest einen Muffin anbieten.“ Sie legte den Zeigefinger an die Lippen, als würde sie scharf nachdenken. „Habe ich da vorhin Blaubeermuffins gehört?“

„Ja!“, rief Brooke und kam hinter Millies Rücken hervor. „Ich möchte einen. Und Bunny auch.“ Sie drückte den Stoffhasen an ihre Brust. „Das ist Bunny. Meine Mommy hat ihn mir geschenkt. Aber jetzt ist sie tot.“

Katie sog scharf die Luft ein. Ihre Augen wurden traurig. „Aber Bunny hilft dir, sich an sie zu erinnern, nicht wahr?“ Sie streckte die Hand aus. „Komm mit in die Backstube. Du darfst dir etwas aussuchen.“

Brooke sah Millie an. „Du lässt mich nicht allein, stimmt’s?“

„Natürlich nicht, Cookie. Geh ruhig mit Katie. Aber hör auf das, was sie sagt.“

Zu ihrem Erstaunen nickte Brooke und folgte Katie, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Natalie legte Millie die Hand auf den Arm. „Kinder sind erschreckend ehrlich, nicht? Ich arbeite im Seniorenheim und bin es gewohnt, mit dem Tod umzugehen. Es ist besser, kein Geheimnis daraus zu machen.“

Millie nickte. „Das stimmt. Brooke ist so … entwaffnend.“

„Schön, dass sie dir vertraut. Olivia hat erzählt, dass sie normalerweise nicht von Jakes Seite weicht.“

Millie seufzte. „Schon. Aber was den beiden fehlt, ist Normalität. Und Jake braucht ein bisschen Zeit für sich, um die neue Situation zu verarbeiten.“

„Warum schickt ihr Brooke nicht in die Vorschule? Mein Sohn war auch da. Sie braucht den Umgang mit anderen Kindern. Es wird ihr guttun – und Jake auch.“

„Eine gute Idee“, gab Millie zu.

„Bestimmt. Die Vorschule ist sehr beliebt. Austin hat es dort gut gefallen.“

„Wie alt ist dein Sohn jetzt?“

„Acht Jahre. Ich habe ihn allein großgezogen.“

„Meine Mutter war auch alleinerziehend. Ich weiß, wie schwierig das ist“, sagte Millie voll Mitgefühl.

Natalie hob die Schultern. „Ich kenne es nicht anders. Meine Mutter hat ihre eigenen Probleme. Dafür kann ich mich auf meine Freunde verlassen.“

„Hast du schon immer in Crimson gelebt?“, wollte Millie wissen.

„Ja. Es gab keinen Grund für mich, wegzugehen.“ Mit einem Mal wirkte Natalies Gesichtsausdruck verschlossener. Offensichtlich wollte sie gern das Thema wechseln. Sie holte einen Notizzettel und ihr Mobiltelefon aus ihrer Handtasche und notierte eine Nummer. „Hier. Die Leiterin der Schule heißt Laura Wilkes. Grüß sie von mir. Ich muss jetzt zurück ins Seniorenheim.“

Millie nahm den Zettel entgegen. „Danke.“

Natalie stand auf. „Gern. Wir sind für dich da, Millie. Wenn du etwas brauchst, sag Bescheid.“ Sie lächelte. „In Crimson kann man gut leben. Du könntest ja darüber nachdenken, hierzubleiben. Ich weiß, dass Olivia sich sehr freuen würde. Und ich auch“, fügte sie hinzu.

„Das stimmt. Und wir könnten mal gemeinsam wandern gehen“, schlug Katie vor, die mit einem Tablett an Millies Tisch zurückkehrte.

Brooke lächelte selig.

„Oder Fliegenfischen. Aber jetzt muss ich arbeiten. Lasst es euch schmecken.“

Millie sah ihr nach und biss von dem Muffin ab. Doch das war nicht der Grund, warum ihr Magen eine fröhliche Pirouette drehte.

Sie war dabei, sich in diese kleine Stadt zu verlieben.

Jake zählte jetzt schon die Tage, bis er seine Heimatstadt endlich wieder verlassen konnte.

Er hatte gute Gründe, längere Zeit nicht hier gewesen zu sein. Zu sehr schätzte er seine Privatsphäre und liebte das Unbekannte und neue Herausforderungen. Stattdessen fühlte sich die Rückkehr nach Crimson so an, als müsste er versuchen, sich in ein altes Kleidungsstück zu zwängen, dem er schon lange entwachsen war: eng und unbequem.

Vielleicht lag seine schlechte Stimmung auch an den vergangenen Stunden im Therapiezentrum, die sich endlos hinzuziehen schienen. Nach Aussage seines Orthopäden heilte Jakes Handgelenk zwar gut, doch es blieb weiterhin fraglich, ob er die volle Kontrolle über seine Finger zurückerlangen würde, die sich noch immer taub anfühlten.

In der vergangenen Woche hatte sich bereits einige Male der Leiter von Miles of Medicine bei ihm gemeldet, um sich über die Fortschritte seiner Genesung zu informieren.

Wie sollte Jake irgendwelche Pläne schmieden, wenn unklar war, ob er jemals wieder seinen Job ausüben konnte? Seinen Job – die Karriere, für die er so hart gearbeitet hatte.

Tief in Gedanken versunken verließ er die Klinik. Er bemerkte weder den strahlend blauen Himmel noch den Duft der Pinien. Erst auf dem Parkplatz blieb er stehen und sah sich ratlos um. Von Millies gelbem Beetle keine Spur.

Dann hupte jemand. Jake wirbelte herum und sah Millie aus einem riesigen SUV heraus winken. Beim Näherkommen bemerkte er die Aufschrift auf der Seite des Geländewagens. Es war der Name von Josh’ Ranch.

Brooke saß auf dem Rücksitz und strahlte ihn an. „Daddy! Du bist nicht im Krankenhaus gestorben.“

„Natürlich nicht.“ Er räusperte sich. „Mir geht es gut, Prinzessin.“ Mit finsterer Miene wandte er sich an Millie. „Ich brauche Josh’ Hilfe nicht.“

„Nicht? Möchtest du dich weiterhin in mein Auto zwängen?“, fragte sie mit zuckersüßer Stimme. „Zu spät. Ich habe einen Tausch organisiert. Mein Auto steht jetzt auf der Ranch.“

Jake hob die Braue. „Was soll Josh mit einem Beetle?“

„Du solltest niemals einen Beetle unterschätzen“, gab Millie zurück. Dann klopfte sie fröhlich auf das Lenkrad. „Aber so ein Sattelschlepper ist auch nicht schlecht.“ Sie grinste. „Außerdem steht er mir.“

Jake wandte den Kopf ab, um sein Lächeln zu verbergen. Beim Einsteigen stellte er fest, wie viel angenehmer die erhöhten Sitze des Wagens waren.

Brooke war gar nicht mehr zu bremsen. Sie erzählte Jake vom Einkaufen, schwärmte von der Bäckerei und betonte, wie viel Spaß sie mit Millie gehabt hatte.

„Klingt als hättest du einen schönen Tag gehabt“, bemerkte er.

Sie nickte heftig. „Den besten.“

Natürlich war das albern, aber ihre Worte versetzten Jake einen kleinen Stich. Immerhin war es der erste Tag in Crimson, den seine Tochter nicht mit ihm verbracht hatte.

Wieder einmal schien Millie seine Gedanken zu lesen. „Sie hat dich vermisst“, sagte sie sanft. „Ständig hat sie von dir geredet.“

Jake schluckte und ließ sich nichts anmerken. „Hast du Josh getroffen?“, fragte er beiläufig.

„Er war gerade nicht da, aber ich habe mit Sara gesprochen. Sie hat uns heute zum Abendessen auf die Ranch eingeladen. Logan und Olivia werden auch kommen.“

„Wir gehen nicht hin.“

Millie warf ihm beim Fahren einen raschen Seitenblick zu. „Bist du zu müde? Möchtest du dich lieber ausruhen?“

„Ich bin nicht müde.“ Er strich sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Ich bin Chirurg. Da komme ich tagelang mit wenig Schlaf und wenig Nahrung aus. Ein Vormittag mit Physiotherapie wird mich nicht umhauen.“

Das stimmte zwar nicht ganz, aber immerhin ging es hier um seinen Stolz.

„Hast du andere Pläne? Vielleicht mit deiner alten Freundin Lauren?“, fragte sie spitz.

„Ich will nicht mit meinen Brüdern zu Abend essen. So einfach ist das.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist nicht so einfach. Sie sind deine Familie, Jake. Sie lieben dich und machen sich Sorgen um dich.“

„Richtig.“ Er seufzte. „Aber das will ich nicht. Himmel, ich bin nur noch die Hülle des Mannes, der ich einmal war. Ich will nicht, dass sie um mich herumschwirren und mich bemuttern.“

Millie schwieg einen Augenblick. Dann fragte sie sanft: „Warum bist du zurückgekommen, wenn du sie nicht sehen möchtest?“

„Ich wusste nicht, wo ich sonst hingehen sollte.“ Jake ignorierte ihren Seitenblick und sah aus dem Fenster. An den Berghängen leuchtete das satte Tannengrün, und sobald sie aus der Stadt heraus waren, erstreckten sich Wiesen und Felder mit kniehohem Gras und friedlich weidenden Kuhherden.

Als Kind hatte er viel Zeit im Wald verbracht. Er liebte die Stille und blieb gern für sich. Er war fleißig und ruhig gewesen und oft allein losgezogen. Natürlich hatte er auch den einen oder anderen Streich gespielt, aber seine Dummheiten waren nichts im Vergleich zu dem Unheil, das seine jüngeren Geschwister angerichtet hatten.

Jake war acht Jahre älter als die Zwillinge, und schon als Logan und Beth laufen lernten, träumte er davon, sein gewohntes Leben hinter sich lassen zu können.

Ihr Vater war ein Säufer, und ihre Mutter war zu schwach, ihm etwas entgegenzusetzen, selbst als die Dinge nach und nach aus dem Ruder liefen.

Jake war das genaue Gegenteil seines herrischen, rüpelhaften Vaters. Jake wollte auch nichts mit ihm gemein haben. Leider war er rein äußerlich das genaue Ebenbild von Billy Travers.

Billy hatte seinem Sohn prophezeit, dass er eines Tages genau wie er würde.

Wahrscheinlich sollte das ein Kompliment sein, aber es hatte Jake zu Tode geängstigt.

Billy brüstete sich mit Jakes Talent für Naturwissenschaften und war der festen Überzeugung, dass der Junge diesen Zug von ihm geerbt hatte. Er behauptete, vor ihm hätte eine ähnlich glänzende Zukunft gelegen, wenn seine Frau Janet nicht mit siebzehn Jahren mit Jake schwanger geworden wäre.

Jake glaubte nicht daran. Billy hatte sich das Leben selbst verbaut, indem er es in Alkohol ertränkt hatte. Und Jakes größte Angst bestand darin, die gleichen Fehler zu machen und einmal genauso hart und verbittert wie sein Vater zu werden.

Deswegen hatte er Crimson verlassen und nie zurückgesehen. Auch nicht, als die Situation zu Hause eskalierte und die Zwillinge abzugleiten drohten. Sobald sie zur High School gingen, waren sie nicht mehr zu bremsen.

Und als Jake klar wurde, dass er eingreifen musste, war es zu spät. Seine Schwester Beth fuhr eines Nachts mit einem betrunkenen Jungen nach Hause und starb, als der Wagen gegen einen Baum krachte.

Logan wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben, und Josh war viel zu sehr mit der Karriere als Rodeo-Reiter beschäftigt gewesen.

Zu jener Zeit befand sich Jake mitten in der Ausbildung zum Facharzt. Er war regelmäßig übermüdet und erschöpft und steckte all seine Energie ins Krankenhaus. Er hatte nicht einmal versucht, seine Familie wieder zusammenzuführen.

Er hatte seine Brüder im Stich gelassen. Es war undenkbar, jetzt ihre Hilfe anzunehmen, nachdem er reumütig und aufgrund eines Schicksalsschlages nach Hause zurückgekehrt war. Auch wenn er sie gebraucht hätte.

Brookes helle Stimme holte ihn zurück in die Realität. Sie sang ein fröhliches Lied und ließ den Plüschhasen neben sich auf dem Sitz tanzen.

Brooke war der Grund, warum er hier war. Und ihr Glück hatte oberste Priorität – ganz gleich, was das für sein eigenes Glück bedeuten mochte.

Er wandte den Kopf in Millies Richtung. „Na gut, ich gehe zur Ranch“, sagte er. Er deutete auf den Rücksitz. „Um ihretwillen.“

Am Abend musste sich Jake ernsthaft zusammennehmen, um nicht aus Frust mit den Zähnen zu knirschen.

Seine Brüder waren überfürsorglich und behandelten ihn die ganze Zeit über wie ein rohes Ei, sodass er immer wieder an seine Verletzungen erinnert wurde.

Irgendwann klinkte er sich aus dem Gespräch aus und ließ den Blick über die Umgebung schweifen. Die Aussicht war atemberaubend. Sie saßen auf der breiten Veranda auf der rückwärtigen Seite des Haupthauses, von wo man einen herrlichen Blick auf die Berge hatte. Der nahe gelegene Fluss plätscherte leise, und die Luft war angenehm frisch. Es war gerade noch warm genug, um das Abendessen draußen einzunehmen, und Jake konnte verstehen, warum so viele Gäste ihre Ferien auf Crimson Ranch verbringen wollten.

Laut Josh war heute Morgen ein ganzer Schwung abgereist – und morgen würden neue Gäste kommen. Dieser Abend war ganz der Familie gewidmet.

Nach dem üppigen Essen mit Burgern, Salaten und Backofenkartoffeln folgte Brooke Josh’ Tochter nach oben in ihr Zimmer. Vom ersten Augenblick an war Brooke fasziniert von dem älteren Mädchen, und die Dreizehnjährige hatte nichts dagegen, mit ihrer neuen kleinen Cousine Zeit zu verbringen.

Zu spät bemerkte Jake, dass er in die Falle geraten war. Sara und Olivia waren aufgesprungen, um die leeren Teller ins Haus zu tragen und das Dessert anzurichten. Aber dem Blick seiner Brüder nach zu urteilen war das geplant, um allein mit ihm reden zu können.

Millie, die zunächst aufgestanden war, um den anderen beim Abräumen zu helfen, schien sein Unwohlsein zu bemerken und legte betont langsam das Besteck zusammen.

Jake griff nach einer Bierflasche.

„Verträgt sich Alkohol mit deinen Medikamenten?“, fragte Josh.

„Es ist ein Bier.“ Jake trank einen langen Zug aus der Flasche.

„Möchtest du lieber ein alkoholfreies?“ Logan machte ein besorgtes Gesicht.

„Ihr zwei …“ Millie seufzte und ließ sich wieder am Tisch nieder. „Was ist euer Problem? Er trinkt ein Bier.“

Josh’ Mund wurde zu einer schmalen Linie. „Er trinkt keinen Alkohol.“

„Niemals“, bestätigte Logan.

„Ihr meint früher?“, hakte Millie nach. „Na und? Jetzt ist er erwachsen.“ Sie stapelte die Teller. „Und hat eben Lust auf ein Bier. Also hört auf, ihn zu bemuttern.“

Sie konnte einen ziemlich scharfen Blick haben, wenn sie wollte. Und das, obwohl seine Brüder vermutlich doppelt so groß waren.

Meine kleine Fairy Poppins hat einen stählernen Willen, erkannte Jake. Es tat gut, zu wissen, dass sie ihm den Rücken stärkte. Auch wenn sie nicht ahnen konnte, warum seine Brüder wegen einer Flasche Bier so besorgt waren.

„Unser Vater war Alkoholiker“, sagte er ruhig und legte die Hand auf ihren Arm. Die Berührung machte ihn ruhiger, erdete ihn auf eine Art, die er nicht gewohnt war. „Er hat immer gesagt, dass ich einmal genauso werde wie er.“

Millies große Augen richteten sich auf sein Gesicht. „Aber du bist nicht …“

Er schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich lag es daran, dass ich ihm so ähnlich sehe. Wer weiß? Jedenfalls habe ich es damals so aufgefasst, als würde er mir prophezeien, irgendwann selbst Alkoholiker zu werden. Aus diesem Grund hatte ich geschworen, niemals einen Tropfen Alkohol zu trinken.“

Logan legte die Unterarme auf den Tisch. „Er hat uns sogar zusammengetrommelt, damit wir so eine Art verrückten Blutsbrüderschwur leisten.“

Bei dieser Erinnerung hätte Jake beinahe gelächelt. „Verdammt, du und Beth wart zu dem Zeitpunkt vielleicht sieben Jahre alt.“

„Ich erinnere mich nur daran, dass er ganz wild darauf war, uns zu schneiden, damit er uns wieder zusammenflicken und verarzten konnte.“ Josh sah Millie an. „Er wollte schon immer Arzt werden. Als Kind hatte er diesen kleinen Erste-Hilfe-Kasten, den hat er überallhin mitgenommen.“

„Aber nur, weil ihr und eure idiotischen Freunde euch immer irgendwo verletzt hattet.“

„Es war jedenfalls gut zu wissen, dass du in der Nähe warst.“ Josh zupfte am Etikett seiner Bierflasche. „Du könntest hierbleiben, Jake“, sagte er ungewohnt sanft. „Es ist eine gute Stadt, um ein Kind großzuziehen und sich ein eigenes Heim zu schaffen.“

Ein eigenes Heim. Die Worte hingen bedeutungsschwer in der Luft. Jake wurde bewusst, dass seine Brüder genau das getan hatten. Sich ein Heim schaffen – an einem Ort, mit dem sie keine besonders schönen Kindheitserinnerungen verbanden. Zumindest nicht mit ihrem Elternhaus.

„Ich bin jetzt hier. Mehr kann ich vorerst nicht versprechen.“ Jake rieb sich die Schläfen, um die aufkommenden Kopfschmerzen zu vertreiben.

„Wisst ihr was? Das Gerede über Blut hat meinen Magen ganz schön durcheinandergebracht.“ Millie lächelte schwach. „Vielleicht hätte ich auch nicht so viel essen sollen. Würde es dir etwas ausmachen, wenn wir bald aufbrechen?“

Jake betrachtete sie. Er bezweifelte, dass sie Magenschmerzen hatte. Mit Sicherheit hatte sie bemerkt, dass es ihm langsam zu viel wurde.

Schrecklich. Ein Abend mit seinen Brüdern überforderte ihn, und Millie durchschaute ihn wie ein offenes Buch. Andererseits war es sehr hilfreich. Und er war ihr mehr als dankbar. „Ich hole Brooke“, sagte er und flüchtete ins Haus.

5. KAPITEL

Gegen elf Uhr am selben Abend schlug Millie resigniert die Bettdecke zurück und stand auf.

Seit sie Brooke Gute Nacht gesagt hatte, war sie nervös in ihrem Zimmer auf und ab getigert und hatte sich gefragt, was wohl in Jakes Kopf vorgehen mochte.

Brooke hatte ihn dazu überredet, ihr eine Geschichte vorzulesen. Zunächst wirkte er zu erschöpft, doch als er es sich neben seiner Tochter in ihrem Bett gemütlich gemacht und das Märchenbuch zur Hand genommen hatte, war ihm deutlich anzusehen, wie die Anspannung des Tages aus seinen Schultern wich.

Daraufhin hatte sich Millie in ihr eigenes Reich zurückgezogen. Und gewartet.

Aber worauf? Glaubte sie im Ernst, dass Jake noch einmal an ihre Tür klopfen würde, um … zu reden? Bestimmt nicht. Was für ein dummer Gedanke.

Schließlich konnte sie es nicht länger leugnen. Sie sehnte sich nach seiner Gesellschaft. Außerdem gab es etwas, worüber sie mit ihm sprechen wollte. Es hatte damit zu tun, dass Jake sich so vehement dagegen wehrte, in Crimson zu bleiben. Oder zumindest darüber nachzudenken.

Millie straffte sich. Na schön, vielleicht war das eine fadenscheinige Ausrede. Aber als sie die Tür öffnete und durch den Flur ins Wohnzimmer ging, redete sie sich ein, dass es zumindest ein Gesprächsthema war, das sie nicht vor Brooke führen sollten. Warum also nicht jetzt?

Im Wohnzimmer lief der Fernseher. Der Raum war in das sanfte Licht der Sofalampe getaucht. Millie zuckte erschrocken zusammen, als ein Knall ertönte. Offenbar sah Jake sich einen Actionfilm an. Er saß mit dem Rücken zu ihr auf der Couch und hatte den verletzten Knöchel auf den niedrigen Sofatisch gestützt. Über seine Schultern hinweg erkannte Millie im Fernsehen einen alten Streifen mit Bruce Willis.

Millie zögerte. Das Fenster in der Küche war nur angelehnt, und ein kühler Wind strich hinein und zauberte einen Schauer auf ihre nackten Arme.

Nein. Es war definitiv keine gute Idee, an einem schönen, stillen Spätsommerabend mit Jake allein in einem Raum zu sein.

In diesem Augenblick drehte er die Lautstärke zurück. „Du kannst ruhig reinkommen. Ich beiße nicht.“

Millies Herz schlug einen Takt schneller. Sie trat näher und ging um die Ecke des Sofas herum. Mit einem Mal wünschte sie sich, ihre lange, leichte Schlafanzughose wäre weniger durchscheinend.

„Ich habe auf dich gewartet.“ Er nahm die Fernbedienung und schaltete den Film aus. Plötzlich lag sein Gesicht im Dunkeln.

Millie setzte sich ans andere Ende der Couch, so nah wie möglich an die kleine Lampe.

Ohne sie anzusehen, griff Jake nach einem Glas und ließ die klare Flüssigkeit darin kreisen. Einige Eiswürfel klingelten fröhlich. Das Geräusch war unerwartet laut in dem stillen Raum. „Es ist nur Sodawasser, falls du dich wunderst.“

„Tu ich nicht.“

Endlich wandte er ihr das Gesicht zu. „Wirklich? Nach allem, was du heute Abend gehört hast? Hast du nicht Angst, dass ich mich durch meinen Unfall in ein trinkendes, Schmerzmittel-schluckendes Wrack verwandele? So war es nämlich bei meinem Vater. Er hatte schon immer gern getrunken, aber nach seinem Unfall ging es steil bergab. Er hat auf Baustellen gearbeitet und alle möglichen seltsamen Jobs angenommen. Und eines Tages ist er von einer Leiter gefallen und hat sich am Rücken verletzt. Danach wurden die Jobs weniger und die Trinkerei mehr. Und mir könnte es ganz genauso ergehen. Wie der Vater, so der Sohn. Ich denke, das ist der Hauptgrund, warum Josh und Logan so besorgt sind.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube eher, du benutzt das Schicksal deines Vaters, um dich nicht deinem echten Problem stellen zu müssen.“

Er hob die Braue. „Und das wäre?“

„Du hast Angst zu scheitern.“

Seine Hand ballte sich zur Faust. „Sieh mich an, Millie. Glaubst du nicht, dass ich längst gescheitert bin?“

„Womit?“

Einen Moment herrschte Stille. Dann flüsterte er: „Ich konnte Stacy nicht retten.“

Ärger und Frustration wallten in Millie auf. Sie rückte näher an Jake heran. „Du bist nun einmal nicht unbesiegbar, Jake. Was passiert ist, war ein tragischer Unfall. Es war ihre Entscheidung, auf die Insel zu kommen, obwohl sie wusste, dass es nicht sicher war. Ihre Entscheidung.“

Er wollte etwas erwidern, doch Millie hob die Hand. „Und nein, ich glaube nicht, dass du viel vom Scheitern verstehst. Glaub mir, in diesen Dingen bin ich Expertin. Ich wette, du bist an keiner einzigen Aufgabe in deinem Leben gescheitert. Denn vorher bist du immer weggelaufen. Das war die einfachste Lösung.“

„Die einfachste Lösung?“ Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen. „Ich habe mir selbst die Ausbildung und das College finanziert. Ich bin … ich war ein verdammt guter Chirurg. Ich wurde an Orte geschickt, die sich die meisten Leute nicht einmal annähernd vorstellen können. Glaubst du, das war einfach?“

Sie hob die Schultern. „Ich habe nicht gesagt, dass du nicht hart arbeitest. Aber du bist klug.“ Mit Zeige- und Mittelfinger schrieb sie Anführungszeichen in die Luft. „Jahrgangsbester.“ Es war unfair, ihn zu provozieren, das spürte sie. Aber andererseits war es vielleicht der einzige Weg, die Mauer zu durchbrechen, die er um sich errichtet hatte.

„Ich glaube, du hast deine Intelligenz benutzt, um dieser Stadt ein für alle Mal zu entkommen. Und daran ist nichts Verwerfliches. Aber dafür hast du in Kauf genommen, dich von deinen Brüdern zu entfernen. Und als ein Mädchen, das sich immer Geschwister gewünscht hat, fällt es mir schwer, das zu begreifen.“

„Verstehe.“ Er lehnte den Kopf zurück. Sein Hals war leicht gebräunt, und um sein Kinn lag der dunkle Schatten eines Dreitagebarts, was ihm einen müden und gleichzeitig wilden Ausdruck verlieh. Wilder, als Millie gewöhnt war.

„Du magst ein brillanter Chirurg sein“, fuhr Millie fort und bemühte sich um den festen Klang ihrer Stimme. „Aber du hast dir absichtlich einen Beruf ausgewählt, der keine längerfristigen Beziehungen erlaubt. Du hast es selbst gesagt: Du sitzt immer auf gepackten Koffern und wartest darauf, woanders hingeschickt zu werden. Das ist bestimmt anstrengend, aber es ist auch eine Art von Stress, mit dem du umgehen kannst. Den du vielleicht sogar brauchst. Eine Tochter zu haben ist etwas völlig anderes. Und eine Verletzung, die dir vielleicht die Karriere verstellen wird.“

„Glaubst du, das wüsste ich nicht selbst?“

„Ich glaube, du willst es nicht wahrhaben. Zum ersten Mal geht es nämlich nicht darum, fremde Leben zu retten. Sondern um dich. Um dein eigenes Fleisch und Blut. Das ist beängstigend, nicht? Aber du musst dich dieser Angst stellen.“

Jake nahm den Fuß von dem Tisch, beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf die Knie. Mit beiden Händen strich er sich durchs Gesicht. „Und jetzt? Bist du Kinderflüsterer und Hobby-Freud?“

„Zumindest haben wir hier schon mal die Freud’sche Couch.“

Er ließ die Hände sinken und lächelte schwach. „Und Komiker obendrein. Was habe ich doch für ein Glück.“

„Habe ich recht?“

Er atmete tief ein und aus, bevor er antwortete. „Und selbst wenn … was soll ich denn tun?“

Wir werden etwas tun. Wir schmieden einen Plan.“

Sein Lächeln wurde weiter. „Ich dachte, du bist nicht der Typ, der Pläne schmiedet, Millie.“

„Nein, es … ist ja auch für dich. Hier geht es nur um dich“, erwiderte sie hastig. „Ich bin ein Freigeist. So wurde ich erzogen. Man kann mich nicht festnageln. Ich mag Bewegung und Veränderung.“

Er legte die Stirn in Falten.

„Da kannst du alle Leute fragen, die mich kennen. Trotzdem geht es hier um dich. Und Brooke.“

„Ich habe sie nach Colorado gebracht.“

„Das war eine Notlösung. Keine Langzeitlösung, richtig?“

Jake starrte sie an. Natürlich hatte sie recht. Er hatte Brooke nach Crimson gebracht, weil er einer sterbenden Frau ein Versprechen gegeben hatte – nicht, weil er sich plötzlich zum Vater berufen fühlte.

Aber was konnte er tun? Er war noch immer der Überzeugung, dass Brooke bei ihren Großeltern besser aufgehoben war. Spätestens dann, wenn er wieder arbeiten konnte.

Als hätte sie seine Gedanken erraten, sagte Millie: „Du kannst deine Entscheidung nicht nur davon abhängig machen, ob du wieder als Chirurg arbeiten wirst oder nicht. Brooke ist deine Tochter.“ Ihre Stimme war sanft.

„Als ob ich das nicht wüsste.“

Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann bat sie: „Halloween. Behalte Brooke bis Halloween. Bis dahin sind es noch zwei volle Monate. Gib ihr eine Chance. Gib euch beiden eine Chance. Selbst, wenn zwischenzeitlich Brookes Großeltern auf der Matte stehen und dir einreden wollen, dass es besser für sie wäre, bei ihnen zu leben.“

Er lächelte gequält. „Du redest, als ob du Stacys Eltern bereits kennen würdest.“

„Ich weiß nur, dass ihr alle einiges durchgemacht habt.“ Sie rückte noch näher heran und legte behutsam die Fingerspitzen auf sein Handgelenk. „Und ich weiß, dass dein Verhältnis zu deiner Tochter sie für ihr Leben prägen wird.“

Jake verlor sich für eine Sekunde in ihren großen, leuchtenden Augen. Er wünschte, er könnte der Mann sein, den sie in ihm sah.

„Ich weiß, dass du sie nicht enttäuschen willst.“

Langsam hob er die Hand und legte die Handfläche an ihre. Ihre Hand war so klein, dass sie beinahe in seiner verschwand. „Hat dein Vater dich enttäuscht, Millie?“, fragte er und hielt ihre Hand fest, als Millie sie zurückziehen wollte.

„Mein Vater ist das beste Beispiel. Die schlimmste Enttäuschung bereitet man einem Menschen, wenn man ihn einfach ignoriert und gar nichts tut.“ In ihren Augen spiegelte sich jetzt eine tiefe Trauer. „Es wäre viel schlimmer für Brooke, in dem Glauben aufzuwachsen, dass sie nicht einmal den Versuch wert war. Das weiß ich mit Sicherheit.“

Jake spürte ihren Schmerz. Er litt mit dem kleinen Mädchen, das Millie einst gewesen war. Und das geglaubt hatte, nichts wert zu sein, weil ihr Vater ihr keine Aufmerksamkeit schenkte.

Ganz gleich, wie viel Angst er hatte: Dieses Schicksal wollte er seiner Tochter ersparen.

Mit der freien Hand berührte er ihr Gesicht und zeichnete eine Linie auf Kinn und Wangen. Vielleicht würde seine Hand nie mehr so werden wie früher, aber das Gefühl von Millies weicher Haut war alles, was er in diesem Moment brauchte.

Sie schloss die Augen. Es war wie eine Einladung. Er beugte sich vor und küsste sie sanft. Dann legte er die Hand in ihren Nacken, um Millie dichter an sich zu ziehen.

Sie schlang die Arme um seine Schultern und stöhnte leise auf, was Jake sofort erregte.

Noch nie hatte eine Frau ihn so umgehauen. Alles an ihr war verlockend. Ihr Duft, ihr Haar, die weiche Haut.

Sie war eine betörende Mischung aus Verletzlichkeit und Stärke in der vollendeten Erscheinung der Anmut. „Dein Vater war ein Dummkopf“, flüsterte er in ihren Atem. „Du bist es wert. Du bist all das hier wert.“

Es sollte ein Kompliment sein, aber plötzlich sprang sie auf und zerrte am Kragen ihres Pyjamas. „Das können wir nicht machen“, sagte sie atemlos.

Jake sah Panik in ihren Augen.

Er stand auf und streckte die Hand nach ihr aus, doch sie wich zurück. „Es war nur ein Kuss, Millie. Das ist alles. Und ich hatte nicht den Eindruck, dass du es nicht wolltest.“

Sie schüttelte traurig den Kopf. „Ich bin nicht so eine.“

Was für eine?“ Nun spürte er Ärger in sich aufsteigen. Wovon zur Hölle redete sie?

„Eine, die … du kannst nicht … wir können nicht …“ Sie schloss die Augen. „Ich arbeite für dich, Jake. Das ist alles.“

„Und jetzt glaubst du, das ist die Sonderzulage, für die ich dich bezahle? Dass du auf mein Kind aufpasst und dich bereithältst, sobald sie ins Bett gegangen ist? Ist es das, was du denkst?“

„Nein. Ich wollte nicht …“

„Vergiss es.“ Er rieb sich mit den Handflächen energisch über das Gesicht. „Dieser Kuss hat niemals stattgefunden. Das war nicht Teil des Deals. Schon verstanden. Und egal, wie schnell meine Verletzungen heilen, ich bleibe hier bis Halloween. Ich werde Brooke und mir eine echte Chance geben. Auch wenn ich noch immer bezweifle, dass ich das Beste für sie bin.“

Oder für irgendjemand sonst. „Aber ich werde es zumindest versuchen, auch wenn ich kläglich scheitere. Das willst du doch, oder?“

Millie nickte und biss sich auf die Unterlippe. Ihr Blick fiel auf den Boden.

Ein verdammter Kuss, und sie konnte ihm nicht einmal mehr in die Augen sehen.

„Du hast deinen Willen bekommen. Herzlichen Glückwunsch.“ Er ging an ihr vorbei in den Flur. „Ich hoffe, du weißt, was du tust.“

Am nächsten Morgen lag Millie grübelnd in ihrem Bett und starrte zur Decke. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie sich verhalten sollte.

Ich hatte nicht den Eindruck, dass du es nicht wolltest. Das waren Jakes Worte gewesen. Was für eine Untertreibung! Sobald er ihre Lippen berührt hatte, war Millies Welt aus den Angeln gehoben worden.

Und sie wusste nicht, ob sie sie jemals wieder gerade rücken konnte.

Es war, als wäre in diesem Augenblick ihr gesamter Körper zum Leben erwacht. Als wäre ein Teil von ihr, den sie schon lange abgeschrieben hatte, wieder lebendig geworden. Gefühle hatten sich in ihr geregt, die Millie nie zugelassen hätte – wenn man sie vorher gefragt hätte.

Aber sie wurde nicht gefragt. Und jetzt musste sie mit den Konsequenzen leben.

Allerdings würde sie nicht dieselben Fehler machen wie ihre Mutter. Sie hatte ja gesehen, wohin das führte. Von außen betrachtet war ihre Mutter eine starke, lebensfrohe Frau, die Männern nur ihre guten, witzigen Seiten zeigte. Die ihre Sexualität als Waffe benutzte, um das zu bekommen, was sie wollte.

Doch das war nur die halbe Wahrheit. Auf die verführerische Liebhaberin reduziert zu werden, das hatte irgendwann an ihrem Selbstwertgefühl genagt – und es beinahe zerstört. Und selbst ihre Mutter hatte sich insgeheim mehr gewünscht. Immer stand sie allein. Sie musste sich der Welt einsam stellen und dabei auch noch Millie durchbringen, und den Vater durfte sie nicht einmal erwähnen.

Diesen Weg wollte Millie nicht einschlagen. Sie würde sich von niemandem abhängig machen – weder emotional noch finanziell.

All ihren Überlegungen zum Trotz begann ihr Herz wild zu schlagen, als sie Jake in der Küche begegnete. Ihr Verstand mochte sich gegen ihn entschieden haben, aber ihr Bauchgefühl war ganz anderer Meinung.

Und das nicht nur, weil er in den knielangen Shorts und dem eng anliegenden, ausgeblichenen T-Shirt zum Niederknien aussah. Nein, er hatte sogar Frühstück gemacht.

„Quesadillas!“, krähte Brooke fröhlich, die bereits putzmunter am Tisch saß.

Millie warf einen Blick in die Pfanne. Goldbraune, köstlich aussehende Weizenfladen mit Käsefüllung brutzelten im heißen Fett. Jake war in der Küche also doch nicht so unbegabt, wie er behauptet hatte.

„Die sind köstlich“, bemerkte Millie, nachdem sie probiert hatte.

„Tja, in Mexiko habe ich gelernt, aus der Not eine Tugend zu machen. Wir hatten nur Eier, Tortillas und Käse. Es war ein Akt der Verzweiflung.“ Er lächelte. Ein unglaublich entwaffnendes Lächeln, wie Millie feststellte. „Meine Kochkünste sind beschränkt, aber ich gebe alles.“

Plötzlich war sein Blick nicht mehr provozierend oder neckend. Es lag so viel aufrichtige Hoffnung darin, dass es Millie den Atem verschlug.

Wenn dieser Mann sich etwas in den Kopf gesetzt hat, wird er es früher oder später auch bekommen. Ganz gleich, was es ist. Auch das Herz einer Frau.

„Ich habe einen Termin für die Vorschulbesichtigung gemacht“, wechselte Millie das Thema. „Heute ist Tag der offenen Tür, das heißt Brooke darf sich alles ansehen und mitmachen, wenn sie will. Ich hatte gehofft, dass du auch mitkommst. Immerhin ist es deine Entscheidung.“

„Meine Entscheidung“, wiederholte er, doch es klang beinahe wie eine Frage.

„Ich will da nicht hin“, sagte Brooke entschieden. Sie griff nach dem Plüschhasen und drückte ihn fest an ihre Brust. „Ich will bei Daddy bleiben.“ Ihre großen blauen Augen füllten sich mit Tränen.

Jake war anzusehen, dass er ihrem Wunsch am liebsten nachgegeben hätte.

„Lass es uns zumindest versuchen“, lockte Millie sanft. „Wenn es dir dort wirklich überhaupt nicht gefällt, können wir uns immer noch eine andere Lösung überlegen. Und nachdem du es dir angesehen hast, besuchen wir Katie im Life is Sweet und essen Kuchen.“

Brooke sah auf. „Schokoladenkuchen?“

„Natürlich“, versprach Millie.

„Na gut. Ich werd’s mir ansehen.“ Mit diesen Worten kletterte das Mädchen von ihrem Stuhl. „Und jetzt muss ich Bunny anziehen.“ Dann rannte sie aus der Küche.

Jake sah ihr verblüfft nach. „Wie machst du das?“, fragte er Millie. „Keine Tränenausbrüche, keine Wutanfälle, kein Drama. Ich schwöre, bevor du aufgetaucht bist, ist sie alle fünf Minuten in Tränen ausgebrochen.“

Millie hob die Schultern. „Im Grunde ist sie ein vernünftiges Kind.“ Sie lächelte herausfordernd. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Dann hob sie die Hände. „Ob du’s glaubst oder nicht, Kinder wollen Regeln. Und Aufgaben. Sie brauchen etwas, worauf sie sich verlassen können. Das ist besser, als ihnen immer nachzugeben.“

„Da spricht die zukünftige Vorschullehrerin.“

„Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich habe mir gerade eine Auszeit genommen. Wer weiß, ob ich jemals einen Abschluss machen werde.“ Millie stand rasch auf und räumte die Teller zusammen. Was war bloß in sie gefahren? Sie wollte niemandem einen Einblick in ihre unsichere Zukunft gewähren. Und schon gar nicht in ihre Ängste. Sie wandte Jake den Rücken zu und konzentrierte sich auf das Geschirr.

„Hast du Angst vorm Scheitern?“, fragte er prompt. Seine Stimme war plötzlich sehr dicht an ihrem Ohr.

Millie wirbelte so schnell herum, dass Jake gerade noch der Gabel entkommen konnte, die sie in der Hand hielt.

Lachend sprang er zurück. „Whoa! Willst du mich aufspießen?“

„Entschuldige.“ Millie ließ die Gabel sinken. „Aber ich habe keine Angst vorm Scheitern.“ Ihre Stimme zitterte. „Und ich laufe nicht davon.“

„Das habe ich nie gesagt.“ Jake trat näher und legte die Hand auf ihren Arm. „Ich habe nur Spaß gemacht, Millie. Okay?“ Er hielt inne. „Und es tut mir leid wegen gestern Nacht. Ich wollte nicht, dass du dich hier ausgenutzt fühlst. Oder unwohl.“

Sie winkte ab. „Schon gut. Wahrscheinlich war es mein Fehler. Ich weiß, dass ich …“

Er packte sie an den Armen. „Du hast nichts falsch gemacht.“ Er betonte jedes Wort. „Gar nichts.“

Sie nickte. „Du auch nicht“, erwiderte sie leise. „Wir waren nur … kurzzeitig verwirrt.“

Jake lachte leise, aber es war kein fröhliches Lachen. „Wenn du es so sehen willst.“ Er ließ sie los und trat einige Schritt zurück. An der Tür drehte er sich noch einmal um. „Danke, dass du den Termin gemacht hast. Es wäre schön, wenn du mich vom Krankenhaus abholst.“ Er zögerte. „Und um das klarzustellen: Ich war kein bisschen verwirrt. Keine Sekunde lang.“

Mit diesen Worten ließ er sie stehen.

6. KAPITEL

Als Jake nach der Physiotherapie durch die Eingangshalle des Krankenhauses ging, um sich nach Millie und Brooke umzusehen, rief jemand seinen Namen.

Er wandte den Kopf und hielt überrascht inne. „Lana?“

Die große, dunkelhaarige Frau lächelte warmherzig. „Ich habe schon gehört, dass du wieder in der Stadt bist.“

Fassungslos schüttelte er den Kopf. „Was machst du in Crimson?“

„Ich bringe mein Stipendium zu Ende.“ Lana Mayfield sandte ihm einen selbstbewussten Blick. „Und ich habe das große Glück, meinen Lieblings-Kommilitonen zu treffen.“ Sie drehte sich zur Seite, um Jake einen Mann vorzustellen, der neben ihr stand. „Das ist Vincent Gile, der medizinische Direktor des Rocky Mountain West.“

Der ältere Mann mit dem freundlichen Gesicht hielt Jake die Hand hin. „Wie schön, Sie endlich einmal zu treffen. Sie sind so etwas wie eine lokale Legende.“

Jake hob die Braue. „Ist das so?“

„Aber sicher. Die Menschen in Crimson sind extrem stolz auf ihren jungen Arzt, der um die Welt fliegt, um Leben zu retten. Sie wären überrascht, wie viele Patienten mich nach dem berühmten Dr. Travers fragen.“ Vincent Gile lächelte milde. Er schien durchaus ernst zu meinen, was er sagte, auch wenn Jake den Verdacht nicht loswurde, dass er übertrieb. „Jedenfalls ist es schön, Ihrem Namen endlich ein Gesicht zuordnen zu können. Und eine Ehre, einen so engagierten Chirurg kennenzulernen.“

„Vielen Dank.“ Jake wusste nicht, wie er auf so viel Lob reagieren sollte.

Giles Lächeln blieb bestehen. „Ich habe von Ihrem Unfall gehört. Das tut mir sehr leid. Aber ich würde gern bei Gelegenheit mit Ihnen über Ihre Zukunft sprechen. Vielleicht würden Sie eine Stelle in Ihrem Heimatort in Betracht ziehen? Ich würde mich außerordentlich freuen.“

Jake war zu überrumpelt, um etwas zu erwidern.

Glücklicherweise meldete sich in diesem Moment Giles Pager. Gile nahm das Gerät aus der Tasche und warf einen Blick darauf. „Tut mir leid, ich muss gehen. Treffen wir uns nächste Woche zum Lunch?“

„Sicher“, gab Jake zurück. „Gern.“

„Ich freue mich darauf!“ Vincent Gile nickte den beiden noch einmal zu und eilte davon.

Jake sah ihm nach. „Ist der immer so?“, fragte er schließlich.

„Direkt? Unverblümt?“ Lana lachte. „Oh ja. Absolut. Und damit ist er ziemlich weit gekommen. Für so einen abgelegenen Ort wie Crimson ist das Krankenhaus hervorragend.“

„Gefällt es dir hier nicht?“

Sie wiegte den Kopf. Dann umarmte sie ihn flüchtig. „Es ist auf jeden Fall besser, jetzt, da du hier bist.“

„Danke.“ Schon wieder fehlten Jake die Worte. Er hatte Lana auf der medizinischen Hochschule kennengelernt. Er hatte hart gearbeitet, um die Ausbildung in kürzester Zeit durchzuziehen. Obwohl er ein Stipendium hatte, jobbte er nebenbei in einem Restaurant, um sich die teuren medizinischen Fachbücher leisten zu können.

Lana war mindestens genauso ehrgeizig wie er. Nur mit dem Unterschied, dass sie ihrem Vater, einem Neurochirurgen, beweisen wollte, dass sie sein Talent geerbt hatte.

Ab und zu waren sie zusammen ausgegangen, aber es war offensichtlich, dass zu diesem Zeitpunkt keiner der beiden Interesse an einer festen Beziehung hatte. Dafür waren sie viel zu beschäftigt. Schließlich hatte sie das Leben auf verschiedene Wege geführt, und der Kontakt war abgebrochen.

Als er Lana zum ersten Mal begegnet war, stellte sie alles dar, was er in Crimson vermisst hatte: Sie war kultiviert, intellektuell und eine kühle, elegante Schönheit.

Offensichtlich hatten die vergangenen Jahre nichts daran geändert.

Und im Gegensatz zu den anderen Ärzten, die er in Crimson kennengelernt hatte, hatte Lana sich nicht dem legeren Bergbewohner-Stil angepasst, sondern trug ein schickes, maßgeschneidertes Kostüm unter ihrem Laborkittel. Ihr glänzendes, dunkles Haar hatte sie im Nacken zu einem Knoten gedreht.

Im Vergleich dazu war Millies Haar leicht und wild und voller Lebendigkeit. Seltsam, dass er an Millie dachte, während er mit Lana redete.

„Ich habe dich vermisst, nachdem du weggezogen warst.“ Lanas Stimme holte ihn zurück in die Gegenwart.

„Ja. Tut mir leid.“ Er erinnerte sich daran, dass sie ihm nach dem Abschluss noch einmal geschrieben hatte. „Ich war ziemlich viel unterwegs und habe mich bei niemandem gemeldet.“

Sie neigte den Kopf. „Ich habe um sechs Feierabend. Lass uns etwas zu Abend essen gehen. Ich will alles über deine Abenteuer hören.“ Sie legte die Hand auf seinen Arm. „Ich bin noch bis Ende September hier. Danach würde ich gern etwas Neues ausprobieren. Ich dachte an Miles of Medicine. Wir könnten mal gemeinsam reisen, das wäre sicher lustig.“ Sie drückte seinen Arm. „Wie früher.“

Wie früher. Damals war seine einzige Sorge, genug Kaffee zu trinken, um das Lern- und Arbeitspensum zu halten.

Ein echtes Kinderspiel gegen einen Tag mit Brooke.

„Zurzeit muss ich mich um jede Menge kümmern“, sagte er vage. „Ich wäre heute Abend sicher keine gute Gesellschaft. Ein anderes Mal.“

Ihr Lächeln geriet nur eine Sekunde ins Wanken. „Schön. Ich freue mich drauf.“ Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Es tut gut, dich zu sehen, Jake. Das macht Crimson plötzlich viel interessanter.“

Das Leuchten in ihren Augen machte ihn nervös. „Bis bald, Lana“, verabschiedete er sich und ging rasch nach draußen.

Schon von Weitem hörte er Brookes helle Stimme. Der Explorer parkte nicht weit entfernt vom Hauptportal, und die Fenster waren geöffnet, sodass jeder das Lied hören konnte, das Brooke aus voller Seele schmetterte.

Begleitet von Millie. Deren Stimme war kaum weniger hell, dafür voller und sicherer. Und fröhlich.

Das Lied kam Jake vage bekannt vor, doch er konnte es nicht zuordnen. Beim Einsteigen wollte er Millie danach fragen, doch sie hob die Hand und bedeutete ihm, zu warten, bis das gloriose Finale vorbei war.

Dann drehte sie sich um und hielt Brooke die Hand zum Einschlagen hin. „Du bist die beste Arielle, die ich je gehört habe“, lobte sie die Kleine.

„Und du singst wie eine echte Prinzessin“, gab Brooke ehrfürchtig zurück.

Jake sah seiner Tochter an, dass Millie in deren Achtung gerade um weitere hundert Punkte gestiegen war. „Das Lied war aus Arielle?“, fragte er überflüssigerweise.

„Oh ja. In meiner Kindheit war das mein Lieblingslied. Und nachdem ich den Film gesehen hatte, habe ich mir wochenlang das Haar mit einer Gabel gekämmt“, erwiderte Millie fröhlich.

Jake hob die Brauen. „Warum sollte man sich die Haare mit einer Gabel kämmen?“

„Dad sieht keine Prinzessinnenfilme“, stellte Brooke fest.

„Wirklich? Dann muss er heute eine Ausnahme machen. Arielle ist Pflichtprogramm“, bestimmte Millie und startete den Wagen. „Wir leihen den Film aus und schauen ihn heute Abend gemeinsam an.“

„Jaa!“, rief Brooke. „Arielle! Mit Daddy!“

Jake ließ sich in den Sitz zurücksinken. „Ich kann’s kaum erwarten“, murmelte er ergeben. Doch zu seinem größten Erstaunen tat er das wirklich. Auch wenn er es nicht zugegeben hätte. Aber vorher mussten sie den Vorschulbesuch hinter sich bringen.

„Ich will da nicht hin“, sagte Brooke leise, als hätte sie in diesem Augenblick dasselbe gedacht.

„Keine Angst, wir wollen erst einmal nur gucken“, entgegnete Millie. „Du bist meine tapfere kleine Prinzessin, Brookie-Cookie.“

Das Mädchen presste den Plüschhasen an ihre Brust. „Wenn ich Prinzessin bin, ist Daddy ein König. Und Könige haben vor niemandem Angst.“

Jake nickte. Er brachte keinen Ton heraus. Innerlich war er genauso aufgeregt wie seine Tochter.

Wie sich herausstellte, waren sowohl Brookes als auch Jakes Angst völlig unbegründet.

Der Nachmittag in der Vorschule war wie im Flug vergangen.

Laura Wilkes, eine gutmütige Frau um die Fünfzig, entsprach genau dem Bild, das Jake sich von einer Vorschullehrerin gemacht hatte. Während sie ihnen die Räumlichkeiten zeigte, die Malecke und die Spielküche, scharten sich die Kinder um sie, als sei sie der Rattenfänger von Hameln.

Außer Brooke gab es noch einen weiteren Neuzugang. Als Jake und Brooke in den Aufenthaltsraum gingen, wo sich vier weitere Mütter aufhielten, bemerkte er, dass Millie nicht mehr an seiner Seite war.

Sein Unbehagen war gewachsen, als sich die Frauen um ihn geschart und mit Elternthemen bestürmt hatten. Eine unter ihnen hatte mehr als deutlich darauf hingewiesen, dass sie alleinerziehend war, und ob er nicht mal zum Kaffeetrinken vorbeikommen wollte, um Erziehungstipps auszutauschen?

Spätestens in diesem Moment hatte Jake die Flucht ergriffen. Beinahe betroffen stellte er fest, dass Brooke sich ohnehin schon von ihm gelöst hatte, um mit einem anderen Mädchen zu spielen, sodass er das Büro aufsuchte, wo er Millie und Miss Wilkes traf.

„Hier bist du“, stellte er fest. Es klang beinahe vorwurfsvoll.

Millie lächelte. „Ich habe die Papiere ausgefüllt.“

„Leider bin ich zurzeit darauf angewiesen, dass die Eltern hin und wieder einspringen“, erklärte Miss Wilkes. „Die zweite Lehrkraft musste Crimson kürzlich verlassen, weil sie von ihrer Familie gebraucht wird.“

Jake stieß Millie unauffällig mit dem Ellenbogen an, doch sie ignorierte ihn und sagte nur: „Vielen Dank, Laura. Es hat uns hier sehr gut gefallen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Brooke wiederkommen möchte.“

Sie ging bereits zur Tür, als Jake sich nicht länger zurückhalten konnte. „Sie sollten Millie einstellen“, wandte er sich an Miss Wilkes. „Sie ist ausgebildete Vorschullehrerin.“

„Nicht wirklich“, widersprach Millie schnell. „Ich habe noch keinen Abschluss.“

Laura wirkte erfreut. „Das macht gar nichts. Für die Stelle der Lehrassistentin muss ich kein Diplom sehen, sondern Engagement. Mir ist wichtig, dass die Person mit Kindern umgehen kann. Überlegen Sie es sich“, schlug Laura vor. „Ich würde mich sehr freuen. Es gibt noch zwei weitere Kandidaten, aber ehrlich gesagt bin ich mir nicht so sicher, ob sie für den Job geeignet sind.“

Millie nickte, aber um ihre Lippen spielte ein ziemlich grimmiges Lächeln. Jake verstand nicht, warum. Er hätte gedacht, dass sie sofort die Gelegenheit ergreifen würde, um wieder zu unterrichten. Hatte Olivia ihm nicht erzählt, wie gern ihre Schwester mit Kindern arbeitete?

Als sie das Gebäude wieder verließen, sprang Brooke aufgeregt neben ihm auf und ab. „Ich möchte hier lernen“, verkündete sie, und ihre Worte versetzten Jake einen schmerzhaften Stich.

Natürlich war das albern. Das hier war Brookes erster wichtiger Schritt in die Selbstständigkeit. Und trotzdem tat es weh. Wie schnell sich doch die Dinge änderten.

Millie umarmte Brooke fest. „Ich bin sehr stolz auf dich, Brookie-Cookie.“

Das hätte ich ihr sagen sollen, dachte Jake. Schließlich bin ich ihr Vater. Er fragte sich, warum er immer so zögerlich war. Und gab sich gleich darauf die Antwort: Es war ihm schon immer schwergefallen, Gefühle zu zeigen. Daran würde sich wohl nichts mehr ändern.

Brooke rannte voraus, während Millie ihm einen säuerlichen Blick zuwarf. „Tu das nie wieder“, sagte sie. „Ich kann mir meine Jobs selbst besorgen. Es sei denn, du willst mich loswerden. Dann solltest du es besser gleich sagen.“

Jake hob abwehrend die Hände. „Wie kommst du denn darauf? Natürlich will ich dich nicht loswerden, Millie. Ich …“

Dann kam Brooke zurück, weil Millie den Wagen abgeschlossen hatte. Millie hatte ein fröhliches Lächeln aufgesetzt. „Erinnerst du dich, was ich dir versprochen hatte? Wir besuchen Katie im Life is Sweet. Ein Cookie für Brookie.“

„Und für Dad!“, hatte die Kleine gerufen. „Und für dich. Du bist unsere gute Fee, Millie.“

Dem hatte Jake nichts entgegenzusetzen.

Aber er ahnte, dass unter Millies unbeschwerter Fassade eine Traurigkeit lag. Und er nahm sich fest vor, den Grund dafür herauszufinden.

Zwei Tage später besuchte Jake seinen Bruder Logan und dessen Frau Olivia in ihrem hübschen großen Haus nahe dem Stadtzentrum.

Logan hatte Jake abgeholt, aber er war sichtlich bemüht, seinen älteren Bruder dieses Mal nicht zaghaft zu behandeln. Zufrieden stellte Jake fest, dass er ihn sogar allein die Treppe hinaufgehen ließ, ohne bei jedem Schritt zusammenzuzucken.

Als er die Küche betrat und sah, was für ein schönes Heim sich Logan und Olivia geschaffen hatten, musste er daran denken, was für eine schwere Zeit sein jüngerer Bruder hinter sich hatte.

Der Tod ihrer Schwester Beth hatte Logan am härtesten getroffen, weil er ihr Zwillingsbruder war. Seine Trauer und Sorgen hatte Logan allein bewältigt und nicht mit Jake geteilt, der die Familie schließlich so schnell wie möglich hinter sich gelassen hatte.

Aber er hatte etwas aus seinem Leben gemacht, und seit er Olivia kennengelernt hatte, wirkte er sehr zufrieden mit sich und der Welt.

Olivia war auch einer der Gründe, warum Jake die beiden besuchen wollte. Er hatte die Gelegenheit genutzt, als Millie und Brooke heute Morgen gemeinsam ins Kindermuseum nach Aspen gefahren waren, und wollte mit Olivia über ihre Schwester sprechen.

Er erzählte Olivia und Logan von dem Besuch in der Vorschule und berichtete von der freien Stelle, die Laura Wilkes vergeben wollte. „Ich frage mich, warum sie so abweisend war. Millie liebt Kinder und hat eine besondere Gabe, mit ihnen umzugehen. Warum sollte sie sich diesen Job entgehen lassen? Ich habe das Gefühl, in ihrer Vergangenheit ist irgendetwas vorgefallen, das sie hemmt“, schloss er.

Olivia sah ihn nachdenklich an. „Früherziehung ist ihr Hauptfach“, bestätigte sie.

„Eben. Hat sie dir erzählt, warum sie das Studium unterbrochen hat?“

„Nicht direkt. Ich glaube, es hatte etwas mit ihrem Schulpraktikum zu tun. Ich vermutete, dass es Millie vielleicht zu langweilig geworden ist. Oder zu starr. Sie legt doch immer sehr viel Wert auf ihre Freiheit. Es liegt sicher an ihrer Erziehung. Ihre Mutter war auch ein selbst ernannter Freigeist.“ Olivia lächelte säuerlich. „Deswegen war mein Vater ja auch so von ihr angetan.“

„Millie ist nicht ihre Mutter, sondern eine eigene Persönlichkeit“, verteidigte Jake sie. Sein Ton war unerwartet heftig. Etwas leiser fuhr er fort: „Auch wenn sie immer so tut, als sei sie ein chaotischer Freigeist, ist mein Haus so ordentlich wie noch nie. Sie ordnet sogar Brookes Plüschtiere nach Farben. Und sie achtet darauf, wie viele Portionen Obst und Gemüse Brooke jeden Tag isst. Millie mag lustig und verspielt sein – aber sie ist sehr gut strukturiert in allem, was sie tut.“

Er seufzte. „Ordnung war also bestimmt nicht der Grund, warum sie das Studium abgebrochen hat. Ich mache mir Sorgen um sie. Ich habe das Gefühl, dass irgendetwas auf ihrer Seele lastet.“

Nachdem er geendet hatte, wurde es sehr still im Raum.

Logan starrte ihn an. „So viel auf einmal hast du noch nie im Leben gesagt.“

Jake wurde verlegen. Ihm fiel auf, dass Olivia still in sich hineinlächelte. Was mochte sie denken? Wunderte sie sich, dass Jake Millie so glühend verteidigt hatte? Er wunderte sich ja selbst darüber.

Logan war der Erste, der schließlich das Schweigen brach. „Josh und ich fahren gleich rauf in die Berge, um nach den Zäunen zu sehen. Möchtest du nicht mitkommen? Wir würden uns freuen. Dort oben kommst du auf andere Gedanken.“

Jake zögerte. In seinem Zustand war er seinen Brüdern keine große Hilfe. Andererseits schien Logan das Angebot ernst zu meinen. Abgesehen davon war der Gedanke, vor Millie und Brooke allein in ein leeres Haus zurückzukehren, nicht besonders erheiternd. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass ihm die Einsamkeit etwas auszumachen schien. „Gern.“

„Am Wochenende ist das Labor Day Festival“, warf Olivia ein. „Habt ihr Lust mitzukommen?“

Als Kinder waren Jake und seine Geschwister jedes Jahr hingegangen – auch wenn sie es sich nicht leisten konnten, mit der Achterbahn zu fahren.

„Ich weiß noch, wie du uns damals mitgeschleppt hast“, erinnerte sich Logan. „Jedes Jahr hattest du ein paar Dollar für uns, damit wir uns Zuckerwatte kaufen konnten. Ich habe mich immer gefragt, wie du das gemacht hast.“

„Ach, das war doch nichts.“ Jake erinnerte sich daran, wie er wochenlang im Voraus Geld gespart und Pfandflaschen gesammelt hatte, damit seine Geschwister Spaß hatten. Er wollte, dass sie die häuslichen Sorgen wenigstens an einem Tag im Jahr vergessen konnten.

„Brooke würde es lieben“, ermunterte Olivia ihm.

Jake wiegte den Kopf. Er hatte versprochen, sich der Vaterrolle zu stellen. Mit allem, was dazugehörte. „Gut. Wir werden kommen.“

7. KAPITEL

„Daddy, du musst die Krone tragen!“

Amüsiert betrachtete Millie Jakes erschrockenes Gesicht. Voller Unbehagen nahm er die Krone aus Gänseblümchen entgegen, die Brooke geflochten hatte. „Du bist der König.“

„Muss das sein? Kann ich nicht ein König ohne Krone sein?“

Sowohl Brooke als auch Millie schüttelten die Köpfe. „Auf keinen Fall.“

Beinahe gerührt sah Millie dabei zu, wie Jake dem Wunsch seiner Tochter nachkam und die Blumenkette aufsetzte. Er wirkte dabei nicht einmal lächerlich.

Überhaupt war sie erstaunt darüber, wie natürlich Jake in ihr und Brookes Spiel eingestiegen war. Nachdem er von dem Ausflug mit seinen Brüdern zurückgekehrt war, hatte er sich zu Millie und Brooke in den Garten hinter dem Haus gesellt und geholfen, eine ‚Suppe‘ aus Wasser, Schlamm und Löwenzahn zu machen, die Brooke für Bunny kochen wollte.

Es war herrlich, an der frischen Luft zu sein, und Millie erinnerte sich an die einsamen Tage, die sie im Wald verbracht hatte, wenn ihre Mutter mit ihrem Vater in ihrer kleinen Wohnung allein sein wollte. Millie hatte sich Schlösser, Burgen, sogar ganze Welten ausgedacht, wenn sie allein gespielt hatte. Und Freunde. Im Grunde war es eine sehr einsame Zeit gewesen.

Brookes fröhliches Lachen riss Millie aus ihren Gedanken. „Nein, Daddy, du kannst die Suppe nicht essen“, quietschte sie vergnügt, als Jake spielerisch den Eimer an die Lippen hob.

In diesem Moment klingelte es an der Tür. „Pizza!“, rief Brooke.

„Wir haben doch gar keine Pizza bestellt“, erinnerte Millie sie. „Heute haben wir für deinen Daddy Lasagne gemacht, erinnerst du dich?“

„Vielleicht habe ich etwas in Logans Auto vergessen. Ich sehe nach.“ Jake stand auf und betrat das Haus durch die Hintertür, ohne den Blumenkranz abzunehmen.

Millie streckte sich auf der Decke im Gras aus und genoss die Strahlen der Abendsonne im Gesicht. Sie fühlte sich rundum wohl, als hätte sie mit der Betreuung von Brooke endlich eine sinnvolle, befriedigende Aufgabe gefunden.

Und sie konnte nicht leugnen, dass das Gefühl auch auf Jake zutraf. Es fühlte sich an wie zu Hause ankommen – auch wenn es nur für eine begrenzte Zeit sein sollte.

Kurz darauf hörte sie Jakes Stimme. Sie klang verändert, knapper und kontrollierter. „Brooke, kommst du mal her? Ich möchte dir eine Freundin vorstellen.“

Verwundert setzte Millie sich auf und klopfte das Gras von ihren Shorts. Sie trug noch immer das Life is Sweet T-Shirt, das Katie ihr geschenkt hatte.

Gleich darauf wünschte sie, sie hätte sich umgezogen.

Neben Jake stand eine Frau auf der Veranda, die sie nicht kannte.

Es war mit Sicherheit keine Einheimische, das erkannte Millie sofort an ihrem Kleidungsstil. Und an der Art, wie sie sich bewegte. Alles an ihr – von der Seidenbluse über den Bleistiftrock bis zu den hochhackigen Pumps – war mondän und elegant und sah nach Großstadt aus.

Unbehaglich klopfte sie noch mehr Grashalme von ihrer Hose und strich sich das Haar hinter das Ohr. Dann ging sie zur Veranda.

„Lana, das ist Millie Spencer, Brookes Nanny“, stellte Jake sie vor, während seine Hand auf Lanas unterem Rücken ruhte.

Die Frau musterte Millie von oben bis unten.

Aus der Nähe betrachtet war sie umwerfend. Sie hatte hohe Wangenknochen und langes, glänzendes Haar, das sie im Nacken zu einem Knoten gedreht hatte. Als Millie bemerkte, dass Jakes Gänseblümchenkrone an seinem Zeigefinger baumelte, nahm sie rasch die Blumen aus ihrem eigenen Haar.

„Wie nett“, sagte Lana, doch ihr herablassender Ton klang alles andere als nett. „Du hast eine Tochter und eine Nanny.“ Sie drückte Jakes Arm. „Wir haben wirklich einiges nachzuholen.“

Jake räusperte sich. „Lana und ich haben gemeinsam die Facharztausbildung gemacht“, erklärte er. „Sie ist eine brillante Neurochirurgin und arbeitet zurzeit in Crimson.“

„Brillant“, wiederholte Millie. „Wie schön.“ Neben Lana, die aussah, als sei sie geradewegs einem Modemagazin entstiegen, fühlte Millie sich klein und schäbig.

Noch nie im Leben hatte sie jemand als brillant bezeichnet. Laut ihrer Mutter hatten die Spencers bessere Vorzüge als ihren Verstand. Aber Millie hatte sich immer gewünscht, intelligent zu sein und mehr von ihrem Vater geerbt zu haben als seine braunen Augen.

„Lana hat Abendessen mitgebracht“, bemerkte Jake und sah Millie entschuldigend an.

„Aber wir haben doch Lasagne gemacht“, widersprach Brooke.

„Die hält sich auch bis morgen, Kleines. Stimmt’s, Millie?“

Millies Gesicht glühte, doch sie nickte tapfer. „Sicher.“

„Ich weiß nicht, ob ich genug für alle habe.“ Lana zog einen perfekten Schmollmund. „Ich habe etwas vom Chinesen mitgebracht.“ Sie neigte den Kopf. „Kung pao Hühnchen. Das war dein Lieblingsessen nach einer langen Schicht, erinnerst du dich, Jake?“

Millie unterdrückte einen Würgereiz, als Jake zögerlich „Ich … äh … schätze schon“, herausbrachte.

„Tut mir leid. Ich dachte, wir sind nur zu zweit. Aber natürlich möchte ich deine Tochter einladen.“ Lana warf Millie einen schneidenden Blick zu.

Vielleicht war sie nicht brillant, aber den Wink mit dem Zaunpfahl verstand sie nur zu gut. „Ich werde die Lasagne für morgen einpacken. Esst ihr schön zusammen. Ich hatte ein reichhaltiges Mittagessen.“

„Du hattest Salat“, warf Brooke hilfreich ein.

„Es war ein großer Salat.“

Lana legte freudig die Fingerspitzen zusammen, als hätte sie damit gerechnet, ihren Willen zu bekommen. „Perfekt.“

„Bist du sicher?“ Jakes Stimme war so sanft, dass sich Millies Magen schmerzhaft zusammenzog. Sie nickte leicht. „Ich räume hier draußen auf. Wasch dir die Hände vor dem Essen, Brooke.“

Und dann war sie allein im Garten.

Millie versuchte, die aufwallenden Gefühle niederzukämpfen. Lana war eine alte Freundin von Jake. Eine ehemalige Kollegin. Mit Sicherheit hatten sie sich viel zu erzählen. Sie spielten in derselben Liga. Und Lana sah genauso aus, wie eine Arztgattin auszusehen hatte.

Sie war ein Teil seiner Vergangenheit – und allem Anschein nach legte sie es darauf an, auch Teil seiner Zukunft zu werden.

Millie dagegen war nur eine kurzweilige, unterhaltsame Episode in seinem Leben. Sie war die Nanny. Die Angestellte. Ein Platzhalter, wie so oft in ihrem Leben. Genau wie ihre Mutter.

Wenn es darum ging, Spaß zu haben, abzuschalten und eine Pause vom echten Leben zu machen, waren sie gut genug. Aber wenn die Dinge ernst wurden, fielen sie aus dem Raster.

So wie immer.

Am Ende dieses Abends wünschte Jake einmal mehr, als Eremit auf einem Berg zu leben.

Wie sollte man verstehen, was eine Frau wollte, wenn sie das genaue Gegenteil von dem sagte, was sie sich wünschte?

Zunächst hatte er geglaubt, das Lasagne-Dinner zu verschieben sei nicht so schlimm. Fehler Nummer Eins.

Und als Millie sich so schnell bereit erklärt hatte, auf das Abendessen zu verzichten, war er davon ausgegangen, dass sie etwas Zeit für sich haben wollte. Eine Pause von ihm und Brooke. Eine Gelegenheit zum Erholen. Fehler Nummer Zwei.

Aber das hatte er erst erkannt, nachdem er mit Sara telefoniert hatte. Diese hatte nach dem Abendessen angerufen, um zu fragen, wie die Lasagne gelungen war. Offenbar handelte es sich dabei um ein heiß begehrtes, streng geheimes Crimson Ranch-Rezept. Spätestens da wurde Jake klar, dass er in Schwierigkeiten steckte.

Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, nagte das schlechte Gewissen an ihm.

Er fing Millie ab, als sie aus Brookes Zimmer kam, und trat ihr in den Weg. „Tut mir leid, dass ich euer Abendessen ruiniert habe.“

„Kein Problem. Ich wollte ohnehin einige E-Mails beantworten.“ Ihr Ton war eisig.

Er beschloss, seine Taktik zu ändern. „Also war es gut, dass du mal ein bisschen Zeit für dich hattest?“

Sie sah ihn finster an. „Sicher. Vielleicht lässt du mich das nächste Mal nur ein bisschen früher wissen, wenn du Zeit für dich haben willst.“ Für dich und Lana, war das, was sie eigentlich sagen wollte.

Lana zum Abendessen einzuladen, war demnach Fehler Nummer Drei. Auch wenn sie sich danach – sichtlich zögerlich – verabschiedet hatte, weil Jake seine Tochter selbst ins Bett bringen wollte.

„Sie ist eine alte Freundin. Nichts weiter.“

„Du schuldest mir keine Erklärung.“ Noch mehr Eiseskälte.

Jake betrachtete ihr Gesicht. Millie duftete noch immer nach Gras und Sommer. Er mochte sie, wenn sie fröhlich und unbekümmert war. Aber jetzt merkte er, dass sie ihm auch gefiel, wenn sie gereizt war. Das war ein echtes Problem.

Langsam hob er die Hand und zupfte einen Grashalm aus ihrem Haar.

Sie sog hörbar die Luft ein. „Ich … wollte gerade in die Küche gehen.“ Mit diesen Worten drängte sie sich an ihm vorbei.

Jake zögerte, dann ging er ihr nach. Als er sah, wie sie sich im Stehen ein Brot schmierte, sagte er: „Du hättest doch mit uns essen können.“

Sie wich seinem Blick aus. „Ich war in meinem Leben lange genug das fünfte Rad am Wagen für meine Mutter und meinen Vater. Ich weiß genau, wann ich unerwünscht bin.“ In ihrer Stimme lag so viel Verletzlichkeit, dass es Jake beinahe das Herz zerriss. „Aber das ist schon in Ordnung. Wirklich. Ich arbeite schließlich für dich. Wir sind keine Freunde oder so …“

„Nein“, widersprach Jake. Er trat zu ihr und umfasste mit beiden Händen zaghaft ihr Gesicht. „Wir sind Freunde, Millie. Und das bedeutet mir etwas. Ich hatte nie viele Freunde im Leben.“

Sie presste die hübschen Lippen zusammen. „Lana Mayfield würde das sicher anders sehen.“

„Lana ist in Ordnung.“ Er neigte ihr das Gesicht zu. „Es war schön, sie wiederzusehen. Aber sie ist nicht …“

Millie wartete darauf, dass er den Satz beendete. Sie sah ihm in die Augen. Es kam ihr so vor, als hätten seine Augen sich verdunkelt – als wäre ein dunkles Verlangen darin aufgezogen wie Wolken an einem stürmischen Himmel.

Vielleicht war es aber auch Wut.

„Nicht was?“

Seine Lippen streiften ihren Mund. „Du“, flüsterte er. „Sie ist nicht du.“

Dann küsste er sie hingebungsvoll.

Millie seufzte leise. Sie spürte das unbändige Verlangen, das von ihm ausging, doch für sie nahm er sich zurück und berührte sie so zaghaft, als sei sie aus Porzellan. Er überließ ihr die Führung, und Millie kostete seine Lippen, seine Zunge und die weiche Textur seiner Haut.

Der Kuss machte sie gieriger. Sie schloss die Arme um seinen Hals und griff in sein Haar, um ihn dichter an sich zu ziehen.

Es war, als sei in diesem Augenblick die Zeit stehen geblieben.

„Du fühlst dich so gut an.“ Er löste sich von ihren Lippen, küsste ihren Hals und streichelte ihren Rücken.

„Mehr“, flüsterte sie und schob die Hände unter sein T-Shirt. Sie wollte sich jetzt diesem Mann hingeben und verdrängen, warum das keine gute Idee war.

Doch natürlich fiel ihr gerade jetzt ein, dass es keine gute Idee war. Schwer atmend wich sie zurück und lehnte sich an die Küchenzeile. „Ich kann das nicht.“ Sie zwang sich, ganz langsam einzuatmen. „Es ist nicht richtig. Ich arbeite für dich.“

Unwillkürlich dachte sie daran, wie sich ihre Mutter für einen Mann aufgeopfert hatte, der sie zwanzig Jahre lang im Schatten gehalten hatte. Zwanzig Jahre. Beinahe ein halbes Leben lang. Ihre Mutter war zuerst seine Sekretärin gewesen – so hatte es angefangen. Und sie hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt.

„Was hast du?“, fragte Jake mit belegter Stimme. Sein Blick war noch immer verschleiert. „Was ist passiert, dass du so große Angst hast?“

Sie richtete sich auf. „Ich habe keine Angst. Ich habe mit Laura Wilkes telefoniert. Morgen früh habe ich ein Vorstellungsgespräch. Und wenn sie mich haben will, fange ich nach Labor Day an. Sie würde sogar meinen Stundenplan Brookes Unterricht anpassen, sodass ich weiterhin Nanny sein kann.“

„Oh. Das ist schön. Du wirst das sicher toll machen.“ Er verlagerte das Gewicht. „Hör zu, Millie. Ich will dir nicht im Weg stehen. Wenn es irgendetwas gibt, was du gern tun würdest – egal, ob privat oder für einen anderen Job – dann mach es. Du bist hier nicht rund um die Uhr gefangen.“

„Ich nehme dich beim Wort.“ Was sollte sie auch sonst antworten? Nein, danke. Ich habe kein eigenes Leben, weder Freunde noch Hobbys. Nur, wenn ich mit dir und deiner kleinen Tochter zusammen bin, habe ich halbwegs das Gefühl, zur Welt zu gehören. So armselig bin ich.

Nein, das würde sie niemals zugeben. Lieber würde sie ihre Sachen packen und davonlaufen. Ganz gleich, wie weh es tun würde. Denn weglaufen war ihr schon immer leichter gefallen als zu bleiben – und für etwas zu kämpfen, was sie sowieso nicht verdiente.

„Das ist alles?“ Seine Stimme klang gepresst.

„Das ist alles“, bestätigte sie. Dann wandte sie sich ab und flüchtete in ihr Zimmer.

8. KAPITEL

„Wie läuft es mit dem heißen Doktor?“ Natalie nahm sich eine Handvoll Chips und zwinkerte Millie über den Tisch hinweg zu.

Millie spürte, wie sie errötete. Glücklicherweise war das Licht in der Bar so gedämpft, dass es niemandem auffiel.

Nicht, dass sie den Frauen überhaupt etwas vormachen konnte.

Olivia, Natalie und Katie hatten sie zu einer Ladies Night überredet und in eine mexikanische Bar eingeladen, wo es nicht nur vorzügliches Essen, sondern auch gigantische Cocktails gab.

Millie war überwältigt. Zuerst war sie einfach froh, für einen Abend das Haus verlassen zu können. Immerhin hatte Jake sie nicht gerade subtil darauf aufmerksam gemacht, dass sie ihr eigenes Leben führen sollte.

Andererseits schien er ziemlich schockiert zu sein, als sie verkündete, am Abend auszugehen.

Genauso überrascht wie Millie selbst darüber war, dass die Frauen sie eingeladen hatten.

Ein Abend mit Freundinnen. Unglaublich, wie gut sich das anfühlte. Auch wenn ihr unter Natalies forschendem Blick etwas unbehaglich zumute wurde.

Olivia schien es zu bemerken. „Deine Zeit wird auch noch kommen, Natalie“, wechselte sie das Thema. „Und dann werden wir dich genauso ausquetschen.“

Natalie hob die Braue und trank einen Schluck von ihrer Margarita. „Ich und die Männer, das ist Geschichte. Ich habe einen wundervollen Sohn, das reicht mir völlig.“ Sie setzte das Glas ab. „Und ich finde es toll, dass Millie Vorschullehrerin wird.“

„Stimmt“, bekräftigte Olivia. „Du solltest darüber nachdenken, in Crimson zu bleiben, Millie.“

Millie versteckte das Gesicht hinter ihrem Glas. „Ich will dir nicht noch mehr zumuten.“

Olivia schüttelte den Kopf. „Du bist meine Schwester, keine Zumutung. Außerdem bin ich nicht die Einzige, die sich darüber freuen würde. Habe ich recht, Mädels?“

„Und wie!“, stimmte Katie zu. „Und ich kenne ein kleines Mädchen, das ganz verrückt nach dir ist.“ Sie lächelte. „Ebenso wie ihr Vater.“

Millie senkte den Blick. Jake Travers war ganz sicher nicht verrückt nach ihr.

Vielleicht auf eine flüchtige, ungenaue Art. Aber nicht mehr. Er war kein Mann für sie. Er war ein Mann für Frauen wie Lana.

Aber daran wollte Millie jetzt nicht denken. Viel wichtiger war, dass sie Anschluss gefunden hatte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen so schönen Abend mit Freundinnen verbracht zu haben. Den würde sie sich nicht verderben lassen.

Brookes Großeltern tauchten schon zwei Tage vor dem verabredeten Termin auf.

Nicht, dass es Jake überrascht hätte. Wahrscheinlich glaubten sie, ihn inmitten von Chaos und Elend zu ertappen, weil er seines und Brookes Leben nicht meistern konnte.

Wenn Millie nicht gewesen wäre, wäre es wohl auch so gekommen. Doch dank ihr herrschte im Haus eine peinliche Ordnung. Jake hatte nicht übertrieben, als er Olivia von Millies Organisationstalent erzählt hatte. Sie mochte wie eine entrückte Elfe auftreten, aber sie meisterte den Haushalt mit Bravour.

So kam es, dass das Haus sauber und die Küche blitzblank war, als Janice und John Smith durch die Verandatür traten. Staunend sahen sie sich um.

Brooke saß am Küchentisch und spielte selbstvergessen mit ihrer bunten Knete. Ihr Turnanzug war fleckenlos, das Gesicht sauber und das Haar zu einem komplizierten Zopf geflochten, um den sie Millie jeden Morgen bat. In ihrer gewohnt aufgeschlossenen Art blickte sie auf und sagte: „Grandma, Grandpa, möchtet ihr Pizza haben?“

Janice betupfte die Augenwinkel mit einem Taschentuch. „Oh, Kleines, ich habe dich so vermisst. Lass dich umarmen.“

Gehorsam legte Brooke die Knete beiseite und ließ sich in eine feste Umarmung ziehen.

Jake schüttelte John die Hand, als Millie den Kopf zur Tür hineinsteckte. „Ich habe Cookies aus der Bäckerei mitgebracht.“ Sie verstummte, als sie den Besuch bemerkte.

„Das sind Brookes Großeltern“, erklärte Jake überflüssigerweise. „John, Janice, das ist Millie Spencer, Brookes Nanny.“

Janice verzog das Gesicht. „Eine Nanny? Ist das wirklich nötig?“

„Ich bin verletzt, Janice. Ich kann weder Auto fahren noch schwere Gegenstände heben.“

„Und was ist mit deiner Familie? Deine Brüder?“

„Das war die beste Lösung“, entgegnete Jake knapp.

Für Janice schien es alles andere als die beste Lösung zu sein. „Stacy hätte keine Nanny genommen.“

„Sie ist viel um die Welt gereist. Genau wie ich“, antwortete Jake.

„Dafür hatte sie uns“, schoss Janice zurück.

„Hört auf.“ Millie hob die Hände. „Das hilft doch niemandem.“

„Richtig.“ John reichte ihr die Hand. „Freut mich, Miss Spencer.“ Er sah seine Frau an. „Schatz, warum probierst du nicht mit Brooke die Pizza? Du hast heute noch nicht viel gegessen.“ Dann bedeutete er Jake, ihm zu folgen.

Sie gingen hinaus in den Garten. Offenbar wollte John mit ihm allein sprechen, und Jake war froh, dass sie dafür in der frischen Luft waren.

„Es ist schwierig für Janice“, eröffnete John das Gespräch.

„Es ist für uns alle schwer“, entgegnete Jake. Nach Janices Auftritt fiel es ihm sichtlich schwer, Mitgefühl aufzubringen.

Doch dann sagte John etwas, das seiner Wut mit einem Mal den Wind aus den Segeln nahm. „Dieses kleine Mädchen ist alles, was uns von unserer Tochter geblieben ist.“

Jakes Hals wurde eng. Natürlich trauerten sie. Sie hatten den schlimmsten Verlust erlitten, den man sich vorstellen konnte. Und sie waren gute Menschen. Zuerst hatten sie ihre Tochter verloren – und dann kam Jake wie aus dem Nichts und wollte ihnen auch noch die Enkelin wegnehmen.

„Es tut mir leid, John.“ Er strich sich mit beiden Händen durch das Haar. „Ich versuche einfach nur, Stacys letzten Wunsch zu erfüllen.“

„Nach dem Unfall warst du einverstanden, dass es das Beste ist, wenn Brooke bei uns in Georgia aufwächst.“

Ein dumpfer Schmerz breitete sich in Jakes Brust aus. „Ich möchte meine Tochter kennenlernen. Auch wenn … sie am Ende bei euch lebt. Ich möchte trotzdem Teil ihres Lebens sein.“

Der ältere Mann nickte langsam. „Das ist schön zu hören, mein Sohn. Anfangs hätte ich nicht geglaubt, dass du das willst.“

„Ich musste eine Menge verarbeiten.“ Jake machte nicht einmal den Versuch, die Bitterkeit in seiner Stimme zu überspielen.

„Ich habe meine Tochter geliebt.“ Johns Stimme brach. Er rang um Fassung. Dann räusperte er sich und fuhr fort: „Sie war das Beste, was uns je im Leben widerfahren ist. Ich kann es noch immer nicht glauben, dass sie nicht wiederkommt. Aber es gab etwas, in dem wir uns nicht einig waren. Ich hielt es von Anfang an nicht für richtig, dass sie Brookes Existenz vor dir geheim hielt. Sie hatte bestimmt ihre Gründe, aber es war dennoch falsch.“

„Sie hatte ihre Gründe“, wiederholte Jake leise. In jener Nacht, als Stacy ihm von Brooke erzählt hatte, hatte sie ihm die Worte buchstäblich ins Gesicht gespuckt. Sie hatte ihm vorgehalten, ein eiskalter Egoist zu sein. Sie war überzeugt gewesen, dass er nicht in der Lage war, Kompromisse einzugehen – ganz zu schweigen davon, eine Beziehung zu führen oder ein guter Vater zu sein.

„Aber warum hat sie mich dann aufgesucht, John? Warum? Warum hat sie plötzlich ihre Meinung geändert und mich gebeten, mich um Brooke zu kümmern?“

„Das kann ich dir nicht sagen. Ich wünschte, ich wüsste es. Janice und ich waren vollkommen schockiert, als sie plötzlich nach dir suchen und auf die Insel fliegen wollte. Sie sagte nur, dass es für Brooke sei. Brooke war für sie immer das Wichtigste. Genau wie für uns. Ich möchte, dass du das weißt. Janice meint es nur gut mit ihr.“

„Glaubt sie etwa, ich tue das nicht? Was wäre, wenn ich mir mit euch das Sorgerecht teilen würde? Würde Janice mich meine Tochter sehen lassen?“

„Wenn du das willst.“ John deutete auf Jakes Arm. „Ich nehme an, wenn du wieder gesund bist, möchtest du wieder arbeiten. Soweit ich das mitbekommen habe, ist deine Arbeit dein Leben, Jake. Willst du dann immer noch deine Tochter großziehen?“

Mit diesen Worten hatte er genau ins Schwarze getroffen. Vor einigen Wochen hatte Jake dasselbe gedacht. Er hatte Brooke nach Crimson gebracht und sie kennengelernt – aber nur, um einer Sterbenden ihren letzten Wunsch zu erfüllen.

Kein Wunder, dass Janice gerade eben so schockiert gewesen war. Vor einigen Monaten hatte Jake bestimmt nicht den Eindruck gemacht, als wolle er dafür kämpfen, ein Kind großzuziehen.

Wollte er es jetzt?

Er hatte sich verändert. Brooke hatte ihn verändert. Und Millie. Mit ihrem festen Glauben, dass er ein guter Vater sein könne, wenn er es nur versuchte. Und dass er einen großen, sehr wichtigen Einfluss auf Brookes weiteres Leben hatte.

„Ich weiß nur, dass es nicht gut für Brooke ist, wenn sich ihr Vater und ihre Großeltern streiten. Könntest du also bei Janice ein gutes Wort für mich einlegen, John? Um Brookes willen.“

John nickte. „Sicher. Ich werde es versuchen.“

„Danke.“ Jake hoffte inständig, dass es reichen würde.

Am Abend des Labor Day Festivals war das Wetter perfekt.

Die Abendsonne sandte die letzten zarten Strahlen über das Tal und ließ die Bergspitzen rot glühen.

Die gute Stimmung auf dem Festivalgelände war ansteckend. Überall wurde gelacht, geredet und natürlich gegessen: Es war ein Fest, das man mit allen Sinnen genießen konnte.

Auf einer Holzbühne trat eine Countryband auf, während es für die Kinder einige Beschäftigungen und Spiele gab, die alle dem Thema Goldrausch gewidmet waren. Daher durfte Brooke mit einem Sieb Katzengold aus einem Zuber waschen und bekam von Jake einen Cowboyhut geschenkt. Millie kaufte er denselben, und als die drei mit Hüten und Zuckerwatte ausgestattet Jakes Brüder trafen, waren alle ausgelassen und fröhlich.

„Warum reserviert ihr uns nicht schon einmal einen Tisch?“, fragte Logan an Jake und Millie gewandt. Dann hob er Brooke auf seine Schultern. „Und wir besorgen Funnel Cake. Ich wette, so etwas hast du noch nie gegessen.“ Brooke schüttelte den Kopf und quietschte vor Vergnügen, als Logan einen kleinen Sprung machte und für sie das Reittier spielte.

Jake sah der kleinen Gruppe nach. Dann wandte er sich an Millie und schob die Hand in ihre. „Ich bin froh, dass du mitgekommen bist, Millie. Ohne dich könnte ich mir all das hier gar nicht vorstellen.“

Millie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Schweigend saßen sie nebeneinander auf der Bank, lauschten der Band und beobachteten die Menschenmenge.

Vier Kinder liefen vorbei. Ihrem Äußeren nach zu urteilen waren sie Geschwister, und der größte Junge machte ein ernstes Gesicht und hatte offensichtlich die Aufgabe, auf die anderen aufzupassen.

Millie beobachtete Jakes Gesichtsausdruck. „Du hattest dieselbe Verantwortung, richtig?“, fragte sie. „Das muss hart gewesen sein. Der älteste Sohn zu sein, meine ich. Ich bin sicher, dass Logan und Josh das mittlerweile verstehen. Sie werfen dir nicht mehr vor, dass du damals weggegangen bist.“

Für einen Augenblick sah es so aus, als wolle Jake widersprechen. Dann lächelte er. „Wie machst du das bloß?“, fragte er.

„Was?“

„Du findest immer die richtigen Worte. Du bringst mich zum Lächeln.“ Er hob ihre Hand und küsste ihren Handrücken.

Die Berührung sandte ihr einen angenehmen Schauer über den Rücken.

Jake streichelte ihre Wange. „Ich will dich küssen“, flüsterte er.

Seine Worte jagten heftiges Verlangen in ihren Bauch. Dann fang an. Und hör nie wieder auf! Stattdessen schüttelte sie den Kopf. „Nicht hier. Brooke und die anderen könnten jeden Moment zurückkommen.“

Jake atmete tief aus. „Vielleicht nicht hier“, stimmte er zu. „Aber du sollst wissen, dass ich dich wieder küssen will.“ Er schenkte ihr ein dunkles Lächeln. „Unbedingt.“ Seine Stimme klang belegt.

Der Gedanke, ihn beim Kragen seines T-Shirts zu packen, hinter die nächstbeste Bretterbude zu zerren und wie Teenager übereinander herzufallen, wurde beinahe übermächtig. Aber noch bevor sie sich das volle Ausmaß dieses Traums vorstellen konnte, erschien Brooke atemlos an ihrem Tisch.

„Ich habe euch Funnel Cake mitgebracht!“, rief sie fröhlich und legte ein in Folie verpacktes Päckchen auf den Tisch.

Millie lächelte. „Ich kann’s kaum erwarten.“

Dann fing sie Jakes Blick auf. Darin konnte sie die Doppeldeutigkeit ihrer Worte lesen und errötete. Rasch wickelte sie das Päckchen aus und nahm einen großen Bissen von dem süßen, in Fett gebackenen Dessert.

Um ihren Bauch brauchte sie sich nicht zu sorgen.

Es war ihr Herz, das in Gefahr geriet.

9. KAPITEL

Zwei Tage später kam der große Tag: Es war Brookes und Millies erster Tag in der Vorschule.

Millie war früh aufgewacht, obwohl es eine unruhige Nacht gewesen war. Gegen zwei Uhr hatte sie Jakes Rufen aus dem Schlaf gerissen. Sie wusste, dass der Arzt ihm nach dem Unfall Schlafmittel gegen die Alpträume verschrieben hatte, doch er weigerte sich, sie zu nehmen – aus Angst, er könne Brookes Hilferuf verpassen, wenn ihr etwas fehlte.

Es war eine seltsame Ironie, dass nun das Gegenteil eintrat und die kleine Brooke Jake zu Hilfe eilte. Im Flur war sie Millie begegnet. „Daddy träumt“, hatte sie sachlich festgestellt und war in sein Zimmer marschiert.

Millie hatte vorsichtig den Kopf durch die Tür gesteckt, um nach Jake zu sehen. Brooke war noch einmal zurückgekommen. „Ich hole Bunny. Dann schlafen wir bei Daddy und passen auf ihn auf.“

Jake hatte Millie ins Zimmer gewinkt. Sein Haar war vom Schlaf zerzaust, und er schien kaum zu bemerken, dass der Anblick seines nackten Oberkörpers Millie durcheinanderbrachte. „Ich habe meine Tochter aus dem Schlaf gerissen“, hatte er gemurmelt. „Wie soll das weitergehen? Ich will ihr keine Angst machen. Was ist, wenn die Alpträume niemals aufhören?“

„Gib dir Zeit. Lass nicht zu, dass die Angst überhandnimmt, Jake. Ich glaube an dich. Alles wird sich finden“, hatte sie ihm versichert.

Jake hatte sie merkwürdig angesehen. Dann hatte er den Arm ausgestreckt und die Hand auf ihre Taille gelegt. Bis Brooke zurückkehrte und es sich zu Jakes Erstaunen mit Bunny in seinem Bett bequem machte, und Millie hatte die beiden allein gelassen.

Während sie den Tisch deckte und Obst für das Frühstück schälte, erinnerte sie sich an ihre eigene Kindheit. Für sie war es das Größte gewesen, am Wochenende morgens ins Bett ihrer Mutter zu schlüpfen und gemeinsam Cartoons anzusehen.

Aber wenn ihr Vater zu Besuch kam, gab es für sie ein striktes Schlafzimmerverbot. In Millies Augen war das mehr als ungerecht – da der Vater ihre Mutter immer zum Weinen brachte, wenn er sie wieder verließ.

Jake und Brooke betraten gleichzeitig die Küche und rissen Millie aus ihren Gedanken. „Habt ihr gut geschlafen?“

„Ja! Aber ich habe Daddy zwei Mal die Decke weggenommen“, erklärte Brooke vergnügt.

Jake lächelte und zerzauste Brookes Haar. „Du bist ja auch das kleine Bettmonster.“

„Ich bin kein Monster“, rief Brooke und hüpfte von einem Bein auf das andere. „Ich bin eine Fee, wie Millie!“

In diesem Augenblick wurde die hintere Eingangstür geöffnet.

Millie sah erstaunt, wie Janice und John die Küche betraten. John lächelte ihr zu. „Guten Morgen. Habe ich da eine Fee gehört, Brooke?“

„Ja! Millie ist eine Fee, Grandpa.“

„Ihr seid früh dran“, bemerkte Jake und bot ihnen einen Platz am Küchentisch an.

„Wir wollten Brooke zu ihrem ersten Tag in der Vorschule Glück wünschen“, entgegnete Janice. „Aber offensichtlich seid ihr noch nicht fertig“, fügte sie mit einem Blick auf Brookes Pyjama spitz hinzu.

„Wir haben noch genug Zeit.“ Millie sah die ältere Frau an. „Möchten Sie Brooke helfen, ein Kleid auszusuchen? Danach flechte ich ihr einen Zopf. So trägt sie ihre Haare am liebsten.“

Janices Gesichtsausdruck wurde bei Millies Angebot weicher. „Natürlich. Das mache ich gern. Komm, Brooke, wir suchen dir etwas Schönes aus.“

Nachdem sie die Küche verlassen hatten, sagte Jake: „Heute wird mir die Beinschiene abgenommen. Dann kann ich wenigstens wieder selbst Auto fahren.“

„Gut. Auch wenn es mir nichts ausgemacht hat, dich zu fahren.“ Millie senkte den Blick. Als sie wieder aufsah, war der traurige Ausdruck in ihren Augen verschwunden. „John, warum frühstücken Sie nicht mit uns gemeinsam? Ich wette, Sie könnten noch etwas zur Stärkung vertragen, bevor Ihre Enkelin den ersten Schritt in die Welt macht.“

„Das will ich meinen.“ John sah sie dankbar an. „Es tut gut, Sie zu sehen, Miss. Brooke hätte keine bessere Nanny bekommen können.“

„Das stimmt“, bestätigte Jake. Seine Stimme war so ernst und liebevoll, dass Millie sich rasch abwenden musste, damit die beiden Männer nicht die Träne sahen, die sich in ihren Augenwinkel gestohlen hatte.

Es fiel Jake überraschend schwer, Brooke gehen zu lassen.

Ebenso wie Janice.

Brooke dagegen betrat die Vorschule, als sei es ihr zweites Zuhause. Während sie ohne Scheu auf die anderen Kinder zuging, kam Janice aus dem Schluchzen gar nicht mehr heraus. Sobald Jake sich überzeugt hatte, dass es sowohl Brooke als auch Millie in ihrer neuen Umgebung gut ging, gelang es ihm, sich loszureißen. Schließlich legte er sanft den Arm um Janices Schulter und führte sie nach draußen, wo John auf sie wartete.

John bot ihm an, ihn zu seinem Termin im Krankenhaus zu fahren, doch Jake lehnte dankend ab. Er hatte mit Logan vereinbart, dass dieser ihn mitnehmen würde, da er nur wenige Straßen weiter an einem Haus arbeitete.

Jake war froh über den kleinen Spaziergang. Die Luft war klar und frisch und klärte seinen Kopf von all den Sorgen, die er sich um Brooke gemacht hatte. Nur leider nicht von der Sehnsucht, die er sowohl nach ihr als auch nach Millie hatte. Die Aussicht, in ein leeres Haus zurückkehren zu müssen, gefiel ihm gar nicht.

Jake konzentrierte sich auf seinen Weg. Ihm fiel auf, wie gepflegt und einladend die Häuser wirkten. Zum ersten Mal sah er Crimson so, wie es wirklich war: eine idyllische kleine Stadt in schönster Lage, mit freundlichen, auf dem Boden gebliebenen Menschen.

Kein Wunder also, dass seine Brüder so zufrieden wirkten – trotz ihrer gemeinsamen schwierigen Vergangenheit in Crimson.

Jeder, der Jake bisher hier begegnet war, hatte ein nettes Wort für ihn. Niemand erinnerte ihn an seinen Vater oder die Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen waren. Die Menschen schienen im Gegenteil stolz zu sein auf das, was er inzwischen erreicht hatte – als würde seine Karriere ein gutes Licht auf die ganze Stadt werfen.

Als Jake das Haus erreichte und Logan im Vorgarten traf, war seine Stimmung bedeutend besser.

„Wie lief es in der Vorschule?“, fragte sein jüngerer Bruder.

„Erstaunlich gut. Brooke war so furchtlos und selbstsicher. Sie ist genau wie Beth damals.“

„Wenn das so ist, steckst du bald in ernsten Schwierigkeiten“, entgegnete Logan lachend. Er hatte seine Zwillingsschwester vergöttert. Aber am Ende hatte sie nicht mehr auf ihn gehört, und ihre Eskapaden waren völlig aus dem Ruder gelaufen.

Jake sah Logan direkt an. „Es tut mir leid, dass ich euch damals allein gelassen habe. Ich weiß, dass es schwer für dich war. Erst bin ich gegangen, dann Josh. Er hat sich so gewünscht, als Rodeoreiter Karriere zu machen. Aber du und Beth wart dann ganz allein mit ihm.“

So, wie er das Wort ihm betonte, war offensichtlich, dass er von ihrem Vater sprach.

Logan verstand es. „Ich bin nicht wütend auf dich, Jake. Und auf Josh auch nicht.“

Jake dachte daran, wie Logan sich bei Beths Beerdigung verhalten hatte. „Aber du warst es“, sagte er leise.

„Ich war auf jeden wütend.“ Logan reichte ihm einen Werkzeugkasten. „Trägst du den bitte zum Wagen?“ Er nahm einen zweiten Kasten und ging in Richtung Straße. „Aber am meisten war ich auf mich selbst wütend.“ Mit einer schwungvollen Geste lud er den Kasten auf die Ladefläche des Pick-ups. „Und dann habe ich gelernt, dass es niemandem hilft, in der Vergangenheit zu leben.“

„Hast du das von Olivia gelernt?“

„Unter anderem.“ Logan zwinkerte ihm zu. Dann nahm er Jake den Werkzeugkasten ab, damit dieser ihn nicht mit der verletzten Hand über die Ladeklappe heben musste.

Jake beobachtete ihn. „Ich bin stolz auf dich“, sagte er ernst.

Logan hielt inne. „Wie kommst du jetzt darauf?“

„Weil ich es längst hätte sagen sollen. Schon vor Jahren. Und weil es … andere nicht getan haben.“ Wieder war klar, dass er mit andere ihren Vater meinte. „Auch wenn Mom versucht hat, dich zu schützen. Leider nicht genug.“

Für einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann sagte Logan: „Ich erinnere mich, wie er auf dir herumgehackt hat. Ich habe nie verstanden, warum meistens du alles abgekriegt hast. Josh und ich waren diejenigen, die immer Ärger gemacht haben. Aber wenn er getrunken hatte, hast du seine geballte Wut abbekommen.“

„Er wollte mich kleinkriegen.“ Jakes Stimme war ruhig. „Er sagte, ich würde mich für etwas Besseres halten. Ich bekam gute Noten und hatte die Aussicht auf eine vielversprechende Zukunft. Vielleicht hat er es nicht ertragen, dass er seine eigene Chance vertan hatte. Dabei sah ich ihm so ähnlich. Möglicherweise habe ich ihn an sein Scheitern erinnert.“

„Es war nicht fair.“

„Er war zu niemandem fair. Aber wir drei haben es trotzdem geschafft. Ich wünschte nur, Beth hätte es auch getan.“

Logan sah ihn schweigend an. Dann fragte er: „Um wie viel Uhr ist dein Termin?“

„In einer Stunde.“

„Gut. Bis dahin kannst du mir helfen.“

Jake hob den verletzten Arm. „Bist du dir sicher?“

„Ich vertrau dir, Kumpel.“

Jakes Herz machte einen Sprung. „Dann mal los.“

„Gib’s zu, du fährst gern dicke Autos.“ Josh zwinkerte Millie zu.

Nach dem Unterricht war sie zur Ranch gefahren, um Josh’ Auto wieder gegen ihr eigenes einzutauschen. Immerhin wurde Jake heute die Beinschiene abgenommen, und dann konnte er wieder selbst fahren. Das bedeutete aber auch, dass er nicht mehr auf Millie angewiesen war.

Dieser Umstand machte Millie traurig. Es hatte sich gut angefühlt, gebraucht zu werden.

Trotzdem war sie guter Dinge, als sie Josh traf. Ihr erster Arbeitstag war viel besser verlaufen, als sie zu hoffen gewagt hatte. Das lag nicht nur daran, dass Millie sich wundervoll mit den Kindern verstand, sondern auch daran, dass Laura Wilkes eine geduldige, ruhige Mentorin war. Jemand, den sich Millie schon früher gewünscht hätte – denn ihr letztes Praktikum war deswegen gescheitert.

Bis heute war Millie der Überzeugung gewesen, es sei ihre eigene Schuld, dass das Praktikum in einer Katastrophe geendet hatte. Doch Laura hatte ihr Selbstbewusstsein an nur einem Tag wieder aufgebaut.

Nach dem Unterricht hatten Janice und John schon auf Brooke gewartet, um sie zum Essen und ins Kino auszuführen. Zufrieden stellte Millie fest, dass selbst Janice beeindruckt war, wie sehr die kleine Brooke an ihrem Vater hing, denn zuerst ließ sie sich nicht einmal mit der Aussicht auf den Kinobesuch locken.

Erst, nachdem Jake ihr versichert hatte, dass sie den Abend gemeinsam verbringen würden, war Brooke mit Janice und John gegangen, und Jake und Millie waren zur Ranch gefahren.

Ein leichter Wind kam auf und strich Millie eine Haarsträhne ins Gesicht.

Jake wandte rasch den Blick ab und sah stattdessen hinauf zu den Bergen. Der Herbst nahte in großen Schritten. Bald würden sich das Laub verfärben und die Temperaturen dramatisch fallen. Aber hier oben in den Bergen gefiel Jake jede Jahreszeit. „Möchtest du einen Spaziergang machen?“

Sein Vorschlag schien Millie zu überraschen. „Wohin?“

„Am Fluss entlang.“ Er deutete hinter die Ranch. „Josh und Sara sind ohnehin mit den Gästen beschäftigt. Und Brookes Großeltern werden sie erst in einer Stunde zurückbringen.“

„Und dein Bein?“

Er hob die Schultern. „Ich soll sowieso trainieren, damit das Bein wieder kräftiger wird.“

Beim Anblick seiner breiten Brust, den muskulösen Armen und den langen Beinen war es kaum vorstellbar, dass er noch stärker werden sollte. Sein Körper war so mächtig im Vergleich zu Millies kleiner, zarter Statur, und doch wurde sie unwiderstehlich davon angezogen.

Sie schlug den Weg zum Fluss ein – und hoffte, auch ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken.

Jake kam zu ihr.

Schweigend gingen sie am Wasser entlang.

Der Duft nach frischem Gras und Kiefern hüllte sie ein. Ihre Schritte ließen einen Hasen aufschrecken, der mit drei großen Sätzen im Wald verschwand. Der Fluss plätscherte beruhigend.

„Hast du schon mal Steine springen lassen?“ Jake bückte sich, um einen flachen, runden Stein aufzuheben.

„Über einen Fluss? Nein.“

Er trat näher und legte den Stein in ihre Hand. „Der Trick liegt in der richtigen Bewegung des Handgelenks.“

Millie lachte nervös. „Wo habe ich das bloß schon einmal gehört?“

Jake grinste. „Hier. Versuch es.“ Er stellte sich hinter sie und führte ihren Arm.

Die Nähe seines warmen Körpers machte sie nervös, doch es gelang ihr, den Stein zwei Mal über das Wasser springen zu lassen. „Ich hab’s geschafft!“ Freudig drehte sie sich um und hielt ihn an den Oberarmen fest. „Das ist mir noch nie gelungen!“

Plötzlich waren sich ihre Gesichter sehr nahe. Jakes Atem wurde schneller. „Du hast mir gesagt, ich solle dich nicht mehr küssen.“

Sie schluckte. „Das war ziemlich clever von mir.“

Er neigte den Kopf. „Und? Bist du jetzt auch clever?“

Millie legte die Arme um seinen Hals. „Man hat mir noch nie viel Verstand nachgesagt.“

Das ließ ihn innehalten. „Sag so etwas nicht.“ Er gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. „Du bist viel mutiger, stärker und klüger, als du glaubst, Millie Spencer.“

Sie hielt den Atem an. Es war erstaunlich, wie viel ihr seine Worte bedeuteten. Und wie lange sie darauf gewartet hatte. Trotzdem wusste sie nicht, wie sie darauf antworten sollte. Stattdessen beugte sie sich vor und küsste ihn auf den Mund.

Dieses Mal war es kein sanfter, sondern ein verlangender Kuss.

Mit sanftem Druck öffnete Jake ihren Mund und drängte die Zunge an ihre Lippen.

Millie ließ sich in seine Umarmung fallen.

Jake strich ihr über den Rücken und streichelte ihre Anspannung weg. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, diesem Mann nahe zu sein.

Dann wieherte ganz in der Nähe ein Pferd, und Jake straffte sich.

Millie sah ihn atemlos an. „Wir sollten nicht …“

„Hör auf damit, Millie. Ich werde mich nicht dafür entschuldigen. Nichts, was sich so gut und richtig anfühlt, könnte ein Fehler sein.“

Er rieb sich das Gesicht. „Das hier ändert nichts. Ich will dich. Du willst mich. Und das bedeutet nicht, dass ich dich nicht respektiere. Ich weiß zwar nicht, was dir in der Vergangenheit widerfahren ist, aber es hat nichts mit mir zu tun.“

Er hatte recht. Sie wusste es. Jake war weder ihr Vater noch ein anderer Mann, der sie schamlos ausgenutzt hatte. Doch der Gedanke, dass sie selbst daran schuld gewesen war, ließ sie nicht los. „Lass uns zurückgehen. Ich möchte das Abendessen machen, bevor Brooke heimkommt. Sie wird müde sein.“

Jake sah sie forschend an. Zunächst sah es so aus, als wolle er etwas erwidern, doch dann nickte er nur und wandte sich ab.

Schweigend gingen sie zurück zur Ranch.

Ich will dich. Das bedeutet nicht, dass ich dich nicht respektiere. Die Worte hallten in ihrem Kopf nach. Doch wie lange würde das anhalten? Würde Jake sie auch noch respektieren, nachdem er die ganze, traurige Wahrheit erfahren hatte?

In den folgenden Wochen hatte Jake das Gefühl, zum ersten Mal ein normales Leben zu führen. Er hielt sich an einen geregelten Tagesplan, trainierte das Bein und bemerkte, wie die Heilung seiner Hand fortschritt. Und zu seinem größten Erstaunen erkannte er, wie schön Normalität sein konnte.

Nachdem er sich mit Vincent Gile getroffen hatte, nahm er eine Stelle als Vertretung an. Drei Mal wöchentlich half er im Krankenhaus aus und kümmerte sich um mittellose Patienten, die sich keine herkömmliche Behandlung leisten konnten.

Jake kannte das Problem: Im Gegensatz zu der nahe gelegenen Stadt Aspen, die einem Ressort für Superreiche glich, lebten in Crimson auch arme Menschen. Viele davon waren hier geboren und erlebten über die Jahre, wie das Leben in den Bergen immer teurer wurde. Jake fragte sich oft, wie sie überhaupt über die Runden kamen. Es war eine erfüllende Aufgabe, diesen Menschen helfen zu können.

Natürlich fehlte dabei der Nervenkitzel, der ihn zu Miles of Medicine getrieben hatte. Aber die Veränderung tat ihm gut, und wenn er am Abend zu Brooke und Millie zurückkehrte, hatte er das Gefühl, dazuzugehören und angekommen zu sein. Etwas, womit er nie im Leben gerechnet hatte.

Und die allabendliche Routine, mit der er Brooke ins Bett brachte und ihr eine Geschichte vorlas, wurde ihm zur liebsten Gewohnheit.

Bis er eines Abends zu der Verlobungsfeier einer der Krankenschwestern eingeladen wurde. Er hatte Millie spontan gebeten, ihn in die Bar zu begleiten, und hatte der Feier keine weitere Bedeutung beigemessen.

Ganz anders als Millie.

Jake bemerkte ihre Nervosität erst, als sie neben ihm auf dem Beifahrersitz saß und sich zum wiederholten Mal das Haar hinter das Ohr strich. „Was ist los?“, fragte er sanft und parkte das Auto einige Meter von der Bar entfernt am Straßenrand.

„Vielleicht hätte ich lieber nicht mitkommen sollen.“ Sie warf ihm einen seltsamen Blick zu. „Ich bin nur die Nanny. Was werden deine Kollegen dazu sagen?“

„Dass ich eine verdammt gute Selbstbeherrschung habe, weil ich nicht über dich herfalle.“ Er wollte sie zum Lachen bringen.

Stattdessen ließ sie die Mundwinkel hängen. „Sie werden denken, dass wir miteinander schlafen“, entgegnete sie leise.

„Millie.“ Jake streckte die Hand nach ihrem Kinn aus und zwang Millie, ihn anzusehen. „Es ist vollkommen egal, was diese Leute denken.“

„Das sagst du so leicht. Du bist ja auch der Doktor. Ein lokaler Held. Ich bin ein Niemand.“

„Nicht für mich.“ Er legte die Hand in ihren Nacken und massierte die angespannten Muskeln. „Außerdem ist es eine Verlobungsparty. Niemand wird uns beachten. Ich wollte, dass du deinen freien Abend genießt. Unseren freien Abend.“

Brooke verbrachte die Nacht bei Logan und Olivia. Überraschenderweise hatte Brooke sofort eingewilligt, als sie ihr den Vorschlag gemacht hatten. Die Aussicht, mit ihrem Onkel Logan am Abend Plätzchen zu backen, hatte Brooke überzeugt.

Sehr zum Unmut von Janice, der es bisher nicht gelungen war, Brooke zum Übernachten in ihrer Ferienwohnung zu überreden. Die Kleine verbrachte zwar gern Zeit mit ihren Großeltern, wollte aber abends immer wieder zu Jake zurück. Nur Logans Kekse schienen das zu ändern.

Wenn Jake jetzt ehrlich war, musste er zugeben, dass er auch deswegen der Einladung gefolgt war, weil er den Abend nicht mit Millie allein verbringen konnte – so viel traute er seiner Selbstbeherrschung nun doch nicht zu. Seit dem Kuss auf der Ranch hatten sie sich nicht mehr berührt, aber je öfter er sie ansah, desto mehr wollte er sie.

„Ich kenne diese Leute kaum“, erklärte Jake. „Ich arbeite noch nicht lange mit ihnen. Das sind nicht meine Freunde. Du bist meine Freundin.“ Er lächelte sie aufmunternd an. „Und niemand wird dich beißen. Es wird ein schöner Abend, versprochen.“

Millie nickte zögernd. „Tut mir leid. Ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist.“

„Ich habe gesehen, wie du mit einer Bande wilder Vorschüler fertiggeworden bist. Dagegen ist dieser Abend ein Klacks.“

Auf dem Weg zur Two Moon Bar widerstand Jake dem Verlangen, den Arm um Millie zu legen. Er musste sich wirklich zurückhalten, wenn es um sie ging. Aber es war sein Ernst, als er sie als Freundin bezeichnete. Millie war viel mehr als eine hübsche Versuchung. Sie war Vertraute, Gefährtin und Verbündete in seinem neuen Alltag – und stand ihm wohl von allen Menschen am nächsten.

Wie er erwartet hatte, war die Bar gedrängt voll. Es war ein beliebter Ort in Crimson, um den Freitagabend zu verbringen, und außer seinen Kollegen tummelten sich Einheimische und Touristen um die Theke und auf der kleinen Tanzfläche.

Für einen Augenblick wurde Jake von seinen Erinnerungen überwältigt. Als Junge war er hier aufgetaucht, um seinen Vater nach Hause zu holen, wenn dieser betrunken war.

Seine Mutter hatte immer ihn als ältesten Sohn geschickt, um in die Bar zu laufen und den streitsüchtigen Zecher heimzubringen, wenn dieser es allein nicht mehr schaffte. Jake war mit gesenktem Kopf in die Bar gegangen und hatte es vermieden, jemandem in die Augen zu sehen – aus Angst, er könne die Scham nicht überstehen, wenn er einem der Erwachsenen auf der Straße begegnete.

Seitdem hatte sich die Bar kaum verändert. Da gab es noch immer die dunkle Holzvertäfelung und die abgenutzten Hocker, und der Bar haftete noch immer derselbe klebrig süße Geruch nach Alkohol und Parfum an, der Jake als Kind zum Würgen gebracht hatte.

Zu seiner Überraschung ließ ihn der Geruch heute unberührt. Vielleicht lag es an Millie, die in dem Gedränge so dicht vor ihm herlief, dass er den süßen Duft ihres Haarshampoos atmen konnte.

Gemeinsam schlossen sie sich der Gruppe seiner Kollegen an. Jake beobachtete, wie Millie mit zwei Krankenschwestern sprach. Nach und nach schien sie sich zu entspannen. Außerdem bemerkte er Natalie Holt, von der er wusste, dass sie zu Millies neuem Freundeskreis gehörte.

Während er ohne großen Durst an seinem Bier nippte, gesellte sich Lana Mayfield neben ihn an die Bar. Sie legte den Arm um die Lehne seines Stuhls und beugte sich vor, sodass ihre Brust seine Schulter berührte. „Und? Was hast du jetzt vor?“, fragte sie. Ihr Atem roch nach Alkohol.

„Den Abend genießen“, antwortete Jake ausweichend. Er hob die Flasche. „Auf das glückliche Paar.“

„Ach, komm schon, Jake“, gurrte Lana und rückte noch dichter heran. „Dein Bein ist wieder geheilt. Und soviel ich weiß, wird deine Hand auch wieder vollständig heilen. Was wirst du dann tun?“ Sie neigte den Kopf. Ihre Lippen berührten beinahe sein Ohr. „Bald kannst du wieder arbeiten. An deine Zukunft denken. Und ich wäre gern ein Teil davon.“

Jake riss das Etikett von der Bierflasche und zerpflückte es in winzige Fetzen. Welche Zukunft? Noch hatte er sich nicht entschieden. Bisher hatte er seine Verletzung als Entschuldigung benutzt, die Entscheidung aufzuschieben. „Es ist kompliziert, Lana“, sagte er schließlich.

Er erwischte Millie dabei, wie sie verstohlen zu ihm sah, doch sie wandte rasch den Blick ab. „Ich muss mir zuerst überlegen, was das Beste für meine Tochter ist.“

Lana kräuselte die Nase. „Ich dachte, die Großeltern würden sie gern großziehen.“

„So war es ausgemacht. Aber die Dinge haben sich geändert.“

„Du hast dich nicht verändert, Jake. Du bist ein überzeugter Einzelgänger. Und du hast dir nichts sehnlicher gewünscht, als Arzt zu werden und um die Welt zu reisen. Du bist kein häuslicher Typ. Du brauchst den Druck. Du brauchst Adrenalin, um dich lebendig zu fühlen.“ Sie drückte sich an ihn. „Wir beide brauchen es. Wir sind uns sehr ähnlich, du und ich.“

Das bezweifelte er. Er rückte den Stuhl zurück und befreite sich aus ihrer unbeholfenen Umarmung.

„Möchte jemand tanzen?“ Natalie Holt war aufgestanden und sah erwartungsvoll in die Runde. Ihre Hand war um Millies Handgelenk geschlossen, während Millie den Blick starr auf die Tanzfläche gerichtet hielt.

„Wir haben gerade etwas Wichtiges zu besprechen“, sagte Lana kalt und musterte Millie eingehend von Kopf bis Fuß. „Eine Angelegenheit unter Ärzten. Ihr würdet es ohnehin nicht verstehen.“

Natalies Augen wurden zu schmalen Schlitzen. „So? Ich brauche jedenfalls keinen Doktortitel, um zu erkennen, dass hier jemand mit der Brechstange versucht …“

„Komm schon, Nat.“ Millie zog Natalie energisch in Richtung Tanzfläche.

Verdammt. Jake biss die Zähne zusammen. Warum musste Lana ausgerechnet den Finger in diese Wunde legen? Vielleicht war es keine Absicht, dass sie Millies Komplex wegen ihrer abgebrochenen Ausbildung angetastet hatte. Lana war nun einmal ein Snob – ein unangenehmer Charakterzug, der Jake bisher noch nicht so deutlich an ihr aufgefallen war.

Er wich zurück und blickte suchend über die Köpfe hinweg zur Tanzfläche. Er mochte kein guter Tänzer sein, aber in diesem Moment hätte er alles dafür gegeben, Millie im Arm halten zu dürfen.

Sie sah heute Abend besonders hübsch aus, in ihrer hellen Bluse, dem kurzen Jeans-Rock und den Riemchensandalen, deren Bänder bis über ihre schlanken Fesseln geknotet waren. Außerdem hatte sie die Lotion benutzt, die Brooke so an ihr mochte, und ihre Haut schimmerte wie die einer Elfe.

Doch Lanas nächster Kommentar ließ ihn innehalten. „Sieht so aus, als hätte deine Nanny auch ohne dich einen Tanzpartner gefunden.“

Millie und Natalie tanzten mit einer Gruppe junger Männer. Deren Kleidung nach waren es Touristen. Ein dunkelhaariger Typ ergriff Millies Hand und wirbelte sie gekonnt über die Tanzfläche.

Es fühlte sich an, als hätte jemand seine Faust in Jakes Magen gerammt.

10. KAPITEL

Jake trank einen Schluck Bier und wandte sich ab, doch sein Blick glitt immer wieder zu seiner hübschen Nanny.

Nach zwei weiteren Songs zog es Millie, Natalie und ihr neues Gefolge an die Bar. Jake beobachtete, wie sich der Dunkelhaarige zu Millie beugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte, was sie zum Lachen brachte. Sie sah so fröhlich aus, reizend und voller Leben.

Und so sollte es auch ein, dachte Jake plötzlich. Sie sollte ihr junges Leben genießen und nicht jeden Abend mit ihm und Brooke im Haus eingesperrt sein. Jetzt, da er sie in einer anderen Umgebung sah, wurde ihm bewusst, dass es da noch die andere Millie gab: den Freigeist, die junge Frau, die tanzen und leben wollte.

Immer mehr Leute schlossen sich ihrer Gruppe an. Es war beinahe komisch: Millie, die so große Angst gehabt hatte, nicht dazuzugehören, wurde umschwärmt, während Jake außen vor war. Er war einfach zu ernst und zu still. Und so war er schon immer gewesen.

Jakes Kopf begann unangenehm zu pochen.

Lana redete weiterhin auf ihn ein und gab wenig dezente Hinweise, wie sie sich ihre vermeintliche gemeinsame Zukunft vorstellte.

Millie und die anderen waren auf die Tanzfläche zurückgekehrt.

Da hielt es Jake nicht mehr aus. Er wollte keine Sekunde länger tatenlos zusehen, wie Millie in den Armen eines anderen lag.

„Ich gehe frische Luft schnappen“, sagte er knapp und stand auf, bevor Lana auf die Idee kommen konnte, ihm zu folgen.

Auf dem Weg zum Ausgang glitt sein Blick unwillkürlich zurück zu Millie. Ihr Tanzpartner zog sie gerade fest an sich, doch ihr Gesichtsausdruck war alles andere als begeistert. Sie schien sich zu wehren, und als der Kerl ihr etwas ins Ohr sagte und sie festhielt, wurde ihre Miene starr vor Angst.

Jake brauchte nur wenige Sekunden, um die Richtung zu ändern, sich rücksichtslos durch die Menge zu drängen und den Kerl bei den Schultern zu packen. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte ihm sofort das selbstgefällige Grinsen aus dem Gesicht geschlagen, doch im letzten Augenblick hielt er sich zurück.

„Was zum Teufel …“, setzte der Fremde ärgerlich an.

Jake legte den Arm um Millie und führte sie weg.

Als sie zu ihm aufsah, schimmerten Tränen in ihren Augen. „Du brauchst nicht …“

„Lass uns gehen.“ Jake wollte Millie so schnell wie möglich von hier wegbringen. Ihr war anzusehen, wie sehr sie um Fassung rang.

Doch dann trat der Kerl vor sie und verstellte ihnen den Weg. „Hey, Kumpel, die Lady gehört zu mir. Such dir deine eigene Braut.“

„Wenn eine Lady Nein sagt, meint sie auch Nein, Kumpel.“ Jake hielt schützend den Arm vor Millies Körper. „Und jetzt geh mir aus dem Weg.“

„Sie wollte es.“ Der Typ deutete mit dem Kinn auf Millie. „Hey, manche mögen’s eben auf die harte Tour.“

Ein Zittern lief durch Millies Körper. Jake hasste es, dass dieser Idiot sie zum Weinen gebracht hatte. Und als der Kerl nun auch noch die Hand nach ihr ausstreckte, ging Jakes Temperament mit ihm durch. Ohne nachzudenken holte er aus und stieß seine Faust in das Gesicht des Fremden.

Im gleichen Moment schoss ein sengender Schmerz durch seinen Arm. Instinktiv hatte er mit der verletzten rechten Hand ausgeholt. Er schnappte nach Luft und zählte langsam bis zehn, um sich nicht von dem Schmerz überwältigen zu lassen.

Währenddessen war der Kerl rückwärts gestolpert. Er fing sich wieder, richtete sich auf und machte den Anschein, als wolle er sich auf Jake stürzen.

Jake wäre klar im Nachteil gewesen, denn seine Hand brannte wie Feuer, und Millie hielt sich an ihm fest wie an einem Rettungsring.

Zu seinem Glück hatte der Türsteher die Szene beobachtet. Pfeilschnell sprang er vorwärts und schlang die bulligen Arme um den Kerl. „Gehen Sie weiter, Dr. Travers“, sagte er ruhig.

Jetzt erkannte Jake ihn wieder. Vergangene Woche hatte der Mann seine Mutter in die Klinik gebracht, die an starken Magenschmerzen gelitten hatte. „Ich kümmere mich um diesen Witzbold.“

Jake schaffte es zur Tür hinaus und die Stufen hinunter auf den Gehweg, bis er Millie losließ und sich stöhnend zusammenkrümmte. Leise fluchend hob er die Hand und bewegte vorsichtig die Finger. Immerhin war nichts gebrochen.

„Oh nein.“ Millie legte die Hand auf seinen Rücken. „Du hast ihn mit deiner verletzten Hand geschlagen! Was hast du dir bloß dabei gedacht?“

„Ich dachte, dass er dir wehtut. Dass du Angst hast. Ich dachte, ich komme dir zu Hilfe.“

„Wer sagt denn, dass ich Hilfe brauchte?“ Ihre Worte waren schneidend, doch ihre Stimme war sanft. Behutsam legte sie die Finger um seine verletzte Hand und küsste seine Knöchel. Eine Träne rann aus ihrem Augenwinkel und tropfte auf seinen Handrücken.

„Millie.“

Sie schüttelte den Kopf. „Lass uns nach Hause gehen.“ Wortlos liefen sie zum Wagen. Jake wusste, dass Millie mit den anderen Gästen einige Schnäpse getrunken hatte, und setzte sich hinter das Steuer. Erst im Auto konnte er die Frage nicht mehr zurückhalten. „Was ist da drinnen passiert, Millie? Auf der Tanzfläche warst du plötzlich … wie versteinert.“

„Es war nichts. Der Typ hat mich genervt. Aber ich hätte das auch allein regeln können.“

Jake ließ es vorerst darauf beruhen. Auf gar keinen Fall wollte er sie wieder zum Weinen bringen.

Sobald er den Motor abstellte, sprang Millie aus dem Wagen und rannte ins Haus. Beinahe rechnete er damit, dass sie sich in ihrem Zimmer verschanzen würde. Und dorthin wäre er ihr nicht gefolgt.

Doch dann sah er, dass sie in die Küche gegangen war. Ohne Licht zu machen, trat sie zum Eisschrank und nahm ein Kühlkissen heraus. „Hier.“ Sie drückte es sanft auf seine verletzte Hand.

Jake zuckte zusammen, und dann sah er sie an. Ihr Gesicht war in das blasse Mondlicht getaucht, das durch das Fenster fiel.

„Du warst mehr als genervt“, sagte er leise. „Du hattest Angst. Ich will nie wieder sehen, dass du vor einem Mann Angst hast.“ Mit dem Zeigefinger hob er ihr Kinn an.

„Es war meine Schuld“, flüsterte sie. „Ich habe ihn auf dumme Gedanken gebracht.“

„Unsinn. Du hast nur mit ihm getanzt. Ich habe dich gesehen, Millie. Daran war nichts Anstößiges. Davon abgesehen … du könntest Zahnseide benutzen, und es würde einen Mann auf dumme Gedanken bringen.“

Das entlockte ihr zumindest ein schwaches Lächeln.

„Du verdienst jemanden, der dich liebt und achtet.“ Jake lief Gefahr, mehr preiszugeben, als er beabsichtigt hatte. Doch der Schmerz in seiner Hand verwirrte seine Gedanken, Millies Duft vernebelte seine Sinne, und im Schutz der Dunkelheit fühlte er sich sicher. „Ich würde dich achten.“

In ihren Augen sah er dasselbe Verlangen aufglimmen, das schon seit Wochen in seinem Körper brannte. Trotzdem hielt er sich mit aller Macht zurück. Sie hatte einen schwachen Moment, war verletzlich und traurig, und Jake wollte nicht der Mann sein, der sich das zunutze machte.

Sie hatte ihn einst gebeten, sie in Ruhe zu lassen, und Jake wollte sich gerade zwingen, zurückzuweichen, als sie sich auf die Zehenspitzen stellte und ihn auf den Mund küsste. Und all seine Selbstbeherrschung war dahin. Selbst wenn sein Leben davon abhängen würde, hätte er sich nicht mehr von ihr lösen können.

Ich würde dich achten.

Diese Worte gaben Millie Wärme und Geborgenheit. Es war verrückt. Nach all ihren Erfahrungen, und speziell nach diesem Abend, der einmal mehr bewiesen hatte, dass sie Männer auf die falsche Spur lockte, glaubte sie Jake.

Vorhin hatte sie einfach nur tanzen wollen. Sie war frustriert gewesen, weil Jake sich vertraulich mit Lana unterhielt, und hatte nicht einmal darauf geachtet, mit welchen Männern sie die Tanzfläche teilte.

Bis einer ihr zu nahe gekommen war. Hatte sie ihn ermutigt? Ihm Zeichen gegeben, die er am Ende falsch verstanden hatte?

Sie wusste es nicht. Aber jetzt spielte es keine Rolle mehr. Es gab nur einen Mann, dem sie vertraute und den sie so sehr wollte, dass es ihr beinahe körperliche Schmerzen bereitete, ihn nicht zu berühren.

„Millie.“ Seine Stimme war heiser. „Möchtest du das wirklich? Ich werde dich nicht drängen. Ich …“

„Ja.“ Die Silbe glich einem Flüstern. „Ja, ich will es.“

Jake küsste sie mit einer Intensität, dass ihre Knie zu zittern begannen. Dann ergriff er ihre Hand und führte Millie durch den dunklen Flur zu seinem Schlafzimmer. Dort legte er die Hände auf ihre Taille und hob sie mühelos hoch.

Sie spürte seine Zurückhaltung. Er ließ ihr die Wahl: Sie konnte jederzeit aufhören, wenn sie wollte. Aber das wollte sie nicht. Wenn sie auch ihrem Herzen nicht traute, traute sie zumindest ihrem Körper. Und sie verließ sich darauf, dass Jake seine Stärke niemals gegen sie verwendet hätte – auch wenn sie in seinen Armen so hilflos gewesen wäre wie ein kleiner Vogel.

Sie legte die Hände auf seine Brust und berührte die festen Muskeln durch den Stoff seines T-Shirts.

Mit einer fließenden Bewegung zog er die Decke beiseite und legte Millie auf das Bett. Er streifte ihre Sandalen ab und streichelte ihre Beine, bis er die empfindsamen Stellen an ihren Oberschenkeln berührte.

Millie versuchte sich aufzurichten, um den Rock auszuziehen, doch Jake hielt sie mit sanfter Gewalt zurück. „Lass mich das machen.“ Die Dunkelheit verbarg sein Lächeln, aber Millie konnte es spüren.

Als er ihr den Rock ausgezogen hatte und die Innenseiten ihrer Oberschenkel zu küssen begann, schloss sie genießerisch die Augen. Ein alberner Gedanke flog durch ihren Kopf: Immerhin hatte sie daran gedacht, an diesem Abend passende Unterwäsche anzuziehen.

Er küsste sie zwischen den Schenkeln, nur noch getrennt durch den leichten Satinstoff, und Millie wurde von einem so unerwartet heftigen Verlangen gepackt, dass sie sich die Hand auf den Mund schlug, um nicht laut aufzustöhnen.

„Sieh mich an“, forderte Jake sie auf.

Zögernd öffnete sie die Augen. In seinem Blick spiegelte sich ihr Verlangen wider. „Ich … bin so viel Aufmerksamkeit nicht gewohnt“, sagte sie schüchtern.

Er schüttelte den Kopf. „Das ist jammerschade. Du bist alle Aufmerksamkeit der Welt wert, Millie.“ Er öffnete ihre Bluse, schob sie über ihre Schultern und öffnete den Verschluss ihres BHs am Rücken.

In diesem Moment lichteten sich die Wolken vor dem Mond, und Licht fiel durch das Fenster. Millie fühlte sich entblößt und hielt den Arm schützend vor ihre Brust, doch Jake schob ihn sanft beiseite.

„Hab keine Angst“, flüsterte er. „Ich will dich ansehen. Du bist wunderschön.“ Er küsste ihren Hals und den zarten Bogen ihres Schlüsselbeins.

Millie nahm ihren Mut zusammen. „Ich will dich auch ansehen.“

Jake zögerte nicht. Er streifte sich das Shirt über den Kopf und warf es auf den Boden. Sein Körper pulsierte vor Hitze. Was für ein Bild von einem Mann! Breite Brust, flacher Bauch und schmale Hüften.

Als sie seine nackte Haut streichelte, durchlief ihn ein erwartungsvolles Zittern.

Jake drückte sie mit dem Rücken in die Kissen und schloss die Lippen um die zarte Spitze ihrer Brust.

Millie bog sich ihm entgegen.

Jake küsste und streichelte sie überall mit leidenschaftlicher Hingabe. Dabei flüsterte er ihr verführerische Worte zu.

Und dann liebkoste er ihre empfindsamste Stelle mit der Zunge, bis sie glaubte, vor Verlangen zu vergehen.

Natürlich hatte Millie schon Erfahrungen gesammelt. Aber das hier war anders. Sie hätte es nie für möglich gehalten, sich einmal so sehr danach zu sehen, mit einem Mann zusammen zu sein.

Schon glaubte sie, vollkommen die Kontrolle über sich zu verlieren, da wich Jake zurück und öffnete die Schublade des Nachtschranks. Er nahm ein Kondom heraus und streifte es über. Als er kurz darauf in sie eindrang, bog sie sich ihm entgegen und schlang die Arme um seinen Rücken, um ihn noch tiefer in sich zu ziehen.

Mit den Fingernägeln krallte sie sich in seinen Rücken, und Jake stöhnte tief auf. Ihre Bewegungen wurden immer schneller, immer intensiver.

Gemeinsam erreichten sie einen überwältigenden Höhepunkt.

In diesem Moment ahnte Millie, dass sie nicht nur ihren Körper, sondern auch ihr Herz weit öffnete. Und dass sie sich damit auch verletzlich machte. Aber das war kein Gedanke für eine Nacht wie diese.

Selig kuschelte sie sich in Jakes starke Arme und fiel in den Schlaf.

Wenig später wurde sie von Jakes Kuss geweckt. Er liebkoste ihren Hals und streichelte ihre Brüste. Sie schliefen noch einmal miteinander, diesmal langsamer und noch zärtlicher, und Millie ließ sich Zeit, seinen Körper zu betrachten und zu berühren.

Am nächsten Morgen begann Millie ernsthaft an ihrem Verstand zu zweifeln.

Das Sonnenlicht fiel auf Jakes nackte Brust und malte weiche Schatten auf sein schlafendes Gesicht. Sein Anblick versetzte ihr einen schmerzhaften Stich in die Brust. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht?

Wollte sie denn so enden wie ihre Mutter? Ihr Herz an einen Mann verlieren, dessen Leben sich um ganz andere Dinge drehte? Nein. Sie hatte gesehen, wo das hinführte. Ihre Mutter hatte ihr eigenes Glück aufgegeben und im Schatten gelebt, weil an der Seite dieses Mannes offiziell kein Platz für sie war.

Von plötzlicher Panik befallen, raffte sie ihren Rock und ihre Bluse zusammen und stieg leise aus dem Bett.

Offensichtlich nicht leise genug, denn Jake streckte die Hand nach ihr aus. „Wo willst du hin?“

„Ich … kann das nicht.“ Ihre Stimme war erstickt. Sie flüchtete aus dem Schlafzimmer und eilte in ihren Teil des Hauses. Dort betrat sie das kleine Bad und nahm eine heiße Dusche.

Erschrocken fuhr sie zusammen, als Jake die Glastür der Dusche öffnete. „Was ist los?“ Er sah ihr forschend ins Gesicht.

Millie strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht. „Es …“ Sie rang nach Worten. Ihre Kehle war eng. „Hat sich zwischen uns etwas geändert?“

Er sah sie lange an. Dann trat er zu ihr unter die Dusche. In der kleinen Kabine war kaum Platz für zwei, und Millie spürte die Hitze seiner Haut. „Möchtest du das?“, fragte er.

Sie brachte kein Wort heraus.

„Hör zu.“ Seine Stimme war rau. „Ich lasse dir die Wahl. Wenn du möchtest, können wir es bei dieser einen Nacht belassen. Nicht, dass ich das will.“ Er hob ihr Kinn mit dem Zeigefinger an. „Das ist auch für mich neu, Millie. Der vergangene Monat hat mein Leben völlig verändert. Und ich habe keine Ahnung, ob ich es richtig mache. Wenn aus uns mehr werden sollte als diese Nacht, wäre ich überglücklich. Wenn du das nicht möchtest, muss ich das akzeptieren. Du hast die Wahl.“

Millies Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Dass Jake ihr die Entscheidung überließ, machte ihn noch viel anziehender.

Sie legte die Fingerspitzen an seine Brust und sah ihn an. Er meinte es ernst. Seine Worte waren aufrichtig, und in seinem Blick lag Verletzlichkeit.

Sie war also nicht die Einzige, die Angst hatte. Und auch für Jake war diese Erfahrung neu. Vielleicht war dies eine Chance, eine Beziehung sozusagen auf Augenhöhe zu beginnen. Und vielleicht würden sie sich gegenseitig durch den Sturm tragen, bis sie beide gefestigt waren. „Ich wähle dich“, sagte sie leise. „Ich wähle uns.“

Jake schloss für einen Moment die Augen und holte tief Luft. Als er sie wieder öffnete, war die Verletzlichkeit verschwunden, und in seinem Blick erkannte Millie heißes Verlangen.

„Komm näher“, flüsterte er und zog sie an sich, bis ihre Körper unter dem heißen Wasserstrahl eins wurden.

11. KAPITEL

In den folgenden Tagen war Jake sehr nachdenklich.

Ich wähle uns. Millies Worte gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Noch nie zuvor hatte es in seinem Leben ein uns gegeben.

Während Millie und Brooke mitten in den Vorbereitungen für ein Schulmusical steckten, Proben veranstalteten, Lieder auswählten und abends an den Kostümen arbeiteten, bekam Jake immer wieder Anfragen von seinem ehemaligen Chef bei Miles of Medicine. Früher hatte Jake sich sofort auf neue Aufträge gestürzt, doch jetzt zögerte er die Antwort mehr und mehr hinaus.

Es fiel ihm plötzlich schwer, sich vorzustellen, von einem Ort zum anderen zu hetzen und abends allein in ein leeres Hotelzimmer zu kommen, wo niemand auf ihn wartete.

Eines Nachmittags machte Jake sich auf den Weg zur Vorschule, um Millie und Brooke abzuholen. Die Proben waren noch in vollem Gang, als er den Hauptraum betrat. Ein Dutzend Vorschüler in Kostümen scharten sich um Millie. In dem Stück ging es um die Flora und Fauna in den Rocky Mountains, daher war jedes Kind als Tier, Pflanze oder Baum verkleidet.

Die Aufregung war groß – so groß, dass sie bei einem kleinen Mädchen buchstäblich in die Hose gegangen war. Millie nahm ihre Hand. „Das macht nichts, Süße. Wir gehen in den Waschraum. Jake, würdest du so lange hier aufpassen?“

Jakes Herz begann zu rasen. Unfreiwillig stellte er sich in die Mitte des Raumes und versuchte, auf jedes der Kinder gleichzeitig ein Auge zu werfen.

Kurze Zeit später war ein Mädchen in Tränen ausgebrochen, ein Junge hatte sein Kostüm zerfetzt, und zwei Kinder zogen sich gegenseitig an den Haaren und schrien so laut, dass es in Jakes Ohren zu klingeln begann.

Es war Jakes persönliche Hölle.

Als Millie zurückkehrte, seufzte er erleichtert auf. Alles, was sie tun musste, um die Meute wieder zur Ordnung zu rufen, war, ein leises Lied zu singen. Sofort herrschte Ruhe, und wenige Minuten später hatten die Kinder die Probe beendet und sogar den Raum blitzblank aufgeräumt.

Jake schüttelte den Kopf. „Ich bin ein Versager“, murmelte er enttäuscht. „Janice hätte gewusst, was zu tun ist.“

„Unsinn. Du bist ein Dad, kein Kindergärtner“, widersprach Millie. „Also sei nicht so streng mit dir.“

„Ich bin Chirurg. Ich kann menschliche Körper zusammennähen, aber ich schaffe es nicht, Brookes Kostüm zu machen.“ Er raufte sich die Haare. „Ich bezweifle, dass ich ein guter Vater bin.“

Millies Mund nahm einen entschlossenen, beinahe grimmigen Zug an. „Doch, das bist du.“

Er sah sie an. „Janice und John erwarten von mir, dass ich ihnen das Sorgerecht überlasse. Und mein ehemaliger Chef erwartet, dass ich zu Miles of Medicine zurückkehre.“

Jetzt trat ein wachsamer Ausdruck in Millies Augen. „Ich dachte, du arbeitest gern im Krankenhaus?“

„Schon, aber das ist nur vorübergehend.“

„Du könntest bleiben.“

Jake wandte den Blick ab. „Ich bin nicht dafür geschaffen“, flüsterte er. „Auch wenn du das gern denkst.“

Millie atmete geräuschvoll ein. „Ich? Hier geht es nicht um mich, sondern um Brooke, die ihren Vater braucht.“

Einen Moment herrschte Schweigen. Dann antwortete Jake: „Ich werde immer für sie da sein. Aber vielleicht nicht so, wie du es dir vorstellst.“

Ein eisiger Schauer lief über Millies Rücken. Wie konnte sie ihn davon überzeugen, dass Brooke ihn brauchte? Nicht nur als Wochenendvater, sondern als fester Bestandteil ihres Lebens?

Und ging es ihr wirklich nur um Brooke – oder hatte sie vor etwas anderem Angst?

Doch Millie bekam keine Gelegenheit mehr zum Antworten, weil in diesem Augenblick eine Frau den Raum betrat, die sie nur zu gut kannte. Ihr Herz machte stolpernde Schritte in ihrer Brust. „Mrs. Bradley.“ Zögernd ging sie auf die Frau zu. „Was tun Sie hier in Crimson?“

„Hallo, Millie.“ Die Frau zupfte an ihrem strengen Dutt und sah sich wohlwollend um. „Leider hast du meine Nachrichten nicht beantwortet. Deshalb habe ich deine Schwester kontaktiert. Sie sagte mir, dass ich dich hier finden würde.“

Bei dem Gedanken, wie viel Mrs. Bradley Olivia erzählt haben mochte, wurde Millie schwindlig.

Jake bemerkte ihre Unsicherheit und stellte sich vor. „Ich bin Jake Travers.“ Er reichte Mrs. Bradley die Hand. „Millie arbeitet für mich.“

Die Frau hob die Braue. „Mein Name ist Karen Bradley. Ich bin die Vorsitzende des College of Education an der Universität von Las Clara.“ Ihr aufmerksamer Blick streifte Millie. „Ich war Millies wissenschaftliche Beraterin am College. Aber ich verstehe nicht ganz, Mr. Travers. Man hat mir gesagt, dass Millie hier in der Vorschule arbeitet.“

In diesem Augenblick kam Brooke herein. Sie hatte sich draußen von den anderen Kindern verabschiedet, die bereits von ihren Eltern abgeholt worden waren. Sie trug noch immer ihr Fuchskostüm, und die plüschigen Ohren und der lange Schwanz wippten bei jedem Schritt.

„Sie ist Fairy Poppins“, erklärte sie und stellte sich neben Millie. „Sie ist unsere gute Fee, weil Daddy verletzt war und meine Mommy gestorben ist. Jetzt ist sie im Himmel und passt auf uns alle auf.“

Karen Bradleys Blick wurde sanft. Sie war eine Expertin in Früherziehung und hatte bereits einige Bücher zu dem Thema veröffentlicht – ein Umstand, der Millie immer etwas eingeschüchtert hatte.

Jetzt beugte sie sich zu Brooke hinunter. „Das war sicher nicht leicht für dich“, sagte sie. „Aber es ist gut, dass dein Daddy für dich da ist.“

Brooke nickte heftig. Unwillkürlich suchten ihre Finger nach Bunny, aber der Plüschhase blieb während der Proben in der Garderobe. Das war ein Fortschritt, auf den Millie besonders stolz war.

Aber auf das, was sie als Nächstes sagte, waren weder Jake noch Millie vorbereitet. „Zu meinem Geburtstag hatte ich mir einen Daddy gewünscht. Ich habe Mommy gesagt, dass ich überhaupt keine anderen Geschenke haben will, nur einen Daddy, genau wie meine Freundinnen. Darum hat Mommy ihn mir zum Geburtstag geschenkt. Sie ist losgeflogen und hat ihn gesucht.“ Sie breitete die Arme aus. „Aber da, wo sie ihn gesucht hat, hat die Erde gewackelt. Und da ist sie gestorben.“

Es war, als hätte ihnen jemand vor die Brust geschlagen. Millie und Jake rangen um Atem.

Das war also der Grund, warum Stacy Smith beschlossen hatte, Jake zu suchen. Es war keine Entscheidung aus heiterem Himmel gewesen. Nach vier Jahren der Unwissenheit war es Brooke selbst, die den Wunsch geäußert hatte.

„Du bist ein sehr tapferes Mädchen, Brooke“, sagte Karen Bradley.

Brooke sah Millie an. „Darf ich Bunny holen?“

„Natürlich, Kleines.“

Karen Bradley blickte dem Mädchen hinterher. Dann sah sie Jake entschuldigend an. „Ich würde gern mit Millie allein sprechen.“

Millie hob alarmiert den Kopf. „Das wird nicht nötig sein“, sagte sie rasch. Sie zwang sich zu einem heiteren Lächeln. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum Sie …“

„Es geht um Daniel Blaine.“

Jetzt war es heraus.

Millies Kehle zog sich schmerzhaft zusammen. „Was gibt es da noch zu sagen?“, fragte sie leise. „Ein Wort stand gegen das andere. Ende der Geschichte. Was soll ich jetzt noch …“

„Es haben sich zwei weitere Frauen gemeldet, die ihn wegen Belästigung anklagen“, erwiderte Karen ruhig.

„Oh.“

„Wir brauchen dich, Millie. Ich weiß, dass dir damals niemand glauben wollte. Aber jetzt gibt es noch mehr Zeugen. Und wir benötigen deine Aussage.“

Nach dem Gespräch mit Karen Bradley nahm Millie sich viel Zeit für den Heimweg. Sie schlenderte durch Crimsons ruhige abendliche Straßen und bewunderte die hübschen Häuser und gepflegten Vorgärten.

Sie stellte sich vor, wie die ersten Siedler damals nach Crimson gekommen waren. Sie hatten sich dem wilden, rauen Leben in den Bergen gestellt und eine Stadt errichtet, in der man sich geborgen fühlen konnte.

Zumindest Millie fühlte sich hier wohl. Die Berge mit ihren majestätischen Höhen hatten einen positiven Einfluss auf die Seele: Man fühlte sich geerdet und gleichzeitig beflügelt.

Sie malte sich aus, was die Menschen hier vorgefunden hatten, bevor sie diesen herrlichen Flecken Erde in den Bergen gezähmt hatten. Manche waren nur wegen des vermeintlichen Goldes gekommen – andere wagten einfach einen Neubeginn.

Aber es war nicht ihre Heimat. Das Gespräch mit Karen Bradley hatte sie schmerzhaft daran erinnert. Sie war ihrer Vergangenheit einfach davongelaufen – und jetzt wurde sie wieder davon eingeholt.

Mit gemischten Gefühlen betrat Millie Jakes Haus. Eine wohltuende Wärme und Stille empfing sie, und die vertrauten Gerüche erweckten den Anschein, nach Hause zu kommen.

Sie fand die beiden in Brookes Schlafzimmer, wo Jake gerade die Bettdecke bis zu Brookes Nasenspitze zog und ihr zärtlich über das Haar strich.

Der Anblick fuhr wie ein Stich in Millies Brust.

Sie liebte Brooke. Und sie liebte ihren Vater.

Ich liebe Jake.

Sie wandte sich rasch ab und ging in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Wie hatte das bloß passieren können? Letztendlich war sie genau wie ihre Mutter. Sie hatte sich in ihren Boss verliebt. Und was das mit ihrer Mutter angerichtet hatte, hatte sich tief in Millies Gedächtnis gegraben.

Noch bevor sie sich von dem Schock erholt hatte, stand Jake auf einmal hinter ihr. Aus Angst, er könne ihre Gedanken lesen, wich sie seinem Blick aus. Doch Jake umfasste zaghaft ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Schön, dass du wieder da bist.“ Er hielt ihren Blick fest. „Willst du mir nicht erzählen, was passiert ist?“

„Ich bin müde“, wich sie aus. „Es war ein langer Tag.“

„Aber es ist wichtig, Millie. Ich muss es wissen.“ Sein Blick wurde finster. „Hat dir jemand wehgetan?“

Millie schüttelte langsam den Kopf. „Es ist nicht so, wie du denkst. Nur ein … Missverständnis.“ Sie presste die Lippen zusammen.

Jake breitete die Arme aus. „Dann erzähl’s mir. Bitte.“ Sein Tonfall wurde spielerisch drohend. „Oder soll ich deine Schwester anrufen?“

„Bloß nicht“, wehrte Millie ab. Es würde einfacher sein, Jake davon zu erzählen. Olivia hatte einen so großen Beschützerinstinkt entwickelt, wenn es um ihre kleine Schwester ging, dass sie vermutlich höchstpersönlich nach Las Clara gefahren wäre. Aber diese Sache musste Millie allein zu Ende bringen.

Millie wich zurück und ließ sich auf dem Sofa nieder. Sie atmete tief durch.

Jake folgte ihr und nahm am anderen Ende des Sofas Platz. Erwartungsvoll sah er sie an.

Sie wusste, dass er nicht nachgeben würde, bis sie die Geschichte erzählt hatte – also konnte sie es ebenso gut jetzt hinter sich bringen. „Es war wirklich keine große Sache“, begann sie. Sie versuchte, das Zittern in ihrer Stimme herunterzuspielen. „Es gab einen Zwischenfall mit dem Direktor der Grundschule, wo ich damals ein Praktikum gemacht habe.“

„Hat er dir etwas angetan?“ Jakes Tonfall war sanft, doch seine Stimme war mit Eis durchsetzt.

„Nein.“ Sie zwang sich, ruhig zu atmen. „Nicht wirklich. Als ich das Praktikum begann, war er ausgesprochen nett und hilfsbereit. Ich sah in ihm einen Freund und Mentor, und wir haben viel geredet. Wir kamen sehr gut miteinander aus. Das hat er wohl falsch verstanden.“

„Was hat er getan?“

Sie schnippte mit den Fingern. „Er wurde ein bisschen … zudringlich. Du weißt schon.“

„Nein, weiß ich nicht. Erklär mir das.“

Plötzlich fühlte sich Millie wie in einem Verhör. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Es gefiel ihr nicht, dass Jake diesen Teil der Geschichte hörte. Er verriet nur, wie schwach sie war. „Er hat mich geküsst und mir zu verstehen gegeben, dass es in unserer Beziehung – wenn man das überhaupt so nennen kann – Zeit für den nächsten Schritt war.“

„Und im nächsten Schritt ging es um Sex?“

Jakes Direktheit ließ sie zusammenzucken. „Er sagte, mein Arbeitszeugnis werde davon abhängen, wie ich mich gebe – und zwar in jeglicher Hinsicht.“

„Das ist sexuelle Belästigung.“

„Nun, wir … wir waren etwas trinken gegangen. Ich mochte ihn. Nicht … so. Aber ich dachte, ich könne ihm vertrauen. Er ist verheiratet und hat Kinder. Und er genießt einen guten Ruf am College. Seine Angestellten mögen ihn.“ Sie senkte den Blick. „Er behauptete, ich hätte ihm eindeutige Signale gegeben. Und dass ich nicht für Elterngespräche geeignet wäre, weil ich den Männern Avancen mache. Jemandem wie mir würde niemand sein Kind anvertrauen.“

Es war so demütigend, es laut auszusprechen. Millie spürte, wie die Hitze in ihren Wangen brannte.

„Du weißt aber, dass das Quatsch ist, richtig?“

„Jetzt schon. Aber …“ Sie verstummte.

„Aber was?“

Gegen ihre Angst sah sie ihm in die Augen. „Aber so hat meine Mutter die Dinge geregelt. Nicht, dass sie meinem Vater nicht treu war. Das war sie. Aber sie hat jedem schöne Augen gemacht, wenn sie es brauchte. Meinem Vater, dem Vermieter, dem Automechaniker … Bis sie die Hilfe bekam, die sie brauchte. Sie hat daraus buchstäblich eine Kunst gemacht. Und als junges Mädchen wollte sie mir diese Kunst beibringen.“

Millie atmete tief durch. „Sie hielt es für ein Instrument der Macht. Aber das stimmte nicht. Ich habe gesehen, wie sie ihre Würde weggeworfen hat. Und das nur, um zu gefallen. Diese Männer sahen in ihr nicht mehr als ein Objekt. Ich habe mir geschworen, niemals so zu werden wie sie. Aber manchmal glaube ich, das ich dasselbe tue.“

Autor

Michelle Major
Die USA-Today-Bestsellerautorin Michelle Major liebt Geschichten über Neuanfänge, zweite Chancen - und natürlich mit Happy End. Als passionierte Bergsteigerin lebt sie im Schatten der Rocky Mountains, zusammen mit ihrem Mann, zwei Teenagern und einer bunten Mischung an verwöhnten Haustieren. Mehr über Michelle Major auf www.michellemajor.com.
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