Der andere Bräutigam

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Ihr Lachen bezaubert ihn, und ihre Augen versprechen das Paradies - Rafe kann dieser Frau nicht widerstehen! Obwohl er weiß, dass er von verbotenen Früchten nascht, denn Genevra wollte seinen verstorbenen Bruder heiraten. Jetzt umarmt sie Rafe und schwört ihm die ewige Liebe …
  • Erscheinungstag 26.02.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733755409
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Genevra Bravo-Calabretti, Prinzessin von Montedoro, hievte die Leiter aus leichtem Metall in die Höhe und brachte sie in eine aufrechte Position.

Mit größter Vorsicht lehnte sie die Leiter gegen die hohe Steinmauer, doch schon im nächsten Augenblick drohte sie wieder abzurutschen. Das Metall machte ein hässliches Geräusch auf den verwitterten alten Steinen. Genny zuckte zusammen. Unruhig sah sie sich um. Sie rechnete damit, dass der Lärm die Dienstboten aufscheuchen würde. Doch zu ihrer Erleichterung blieb alles still.

Es war eine milde Mainacht, und der Mond stand einer silbernen Sichel gleich am Himmel und warf ein blasses Licht auf die Szenerie. Das tröstete Genny allerdings kaum. Mit einem wenig prinzessinnenhaften Uff stemmte sie die Füße der Leiter ins Gras und stellte sicher, dass diese sich nicht mehr bewegte.

Ihr Atem ging schwer. Die Leiter den Hügel heraufzutragen war anstrengender gewesen, als sie gedacht hatte. Aber jetzt durfte sie keinen Rückzieher mehr machen.

Seufzend lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Mauer und ließ sich auf die Fersen nieder. Nur einen Moment ausruhen.

Von hier oben hatte man einen fantastischen Blick auf den Hafen. Die Lichter der Schiffe funkelten heimelig im Halbdunkel. All das war ihr so vertraut: das Meer, die sanften Geräusche der Wellen und der schwere Duft nach Rosen.

Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie sollte gar nicht hier sein. Sie sollte mit ihren Freunden in einem der unzähligen Cafés sitzen oder einen nächtlichen Strandspaziergang machen – und nicht hier herumschleichen, gänzlich in Schwarz gekleidet, wie ein Einbrecher, der sich unerlaubt Zutritt zu der Villa Santorno verschaffte.

Für einen Augenblick kämpfte sie mit den Tränen. Hatte sie denn eine Wahl? Nein. Und sie hatte weiß Gott schon genug Schmerz ertragen. Wut und Enttäuschung hatten sie in den vergangenen Wochen mürbe gemacht. Ganz zu schweigen von ihrem Körper. Ihre Hormone schienen verrückt zu spielen.

Sie wollte das nicht tun. Sie kam sich absolut lächerlich dabei vor. Lächerlich, aufdringlich und in höchstem Maße ungewollt. Bemitleidenswert.

Unwirsch rieb sie sich die Augen trocken. Genug jetzt. Sie war so weit gekommen, jetzt konnte sie es ebenso gut durchziehen.

Genny erhob sich, klopfte Schmutz und Staub vom Hosenboden und sah nach oben. Dummerweise reichte die Leiter nicht bis zur oberen Kante der Mauer. Voll Unbehagen fasste Genny die freie Stelle ins Auge. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als von dort aus zu klettern.

Schritt für Schritt erklomm sie die Leiter. Doch als sie oben angekommen war, bekam sie es mit der Angst. „Dämliche Idee“, flüsterte sie in die Dunkelheit. Die obere Kante war viel weiter von der Leiter entfernt, als es von unten den Anschein hatte.

Sie nahm all ihren Mut zusammen, streckte die Arme aus und zog sich hoch. In dem Augenblick, in dem sie sich abstieß, geriet die Leiter ins Wanken und landete mit lautem Krachen auf dem Boden.

Gennys Herz hämmerte in ihrer Brust. Hatte man in der Villa den Lärm gehört? Würde man kommen und sie holen, bevor ihre Kraft sie verließ – oder würde sie fallen und sich den Hals brechen?

Eine Sekunde lang gab sie sich der Vorstellung hin, wie Rafe kommen und ihren leblosen Körper auf dem Boden liegen sah. Geschähe ihm bloß recht.

Aber ihr Überlebensinstinkt sah das völlig anders. Mit ungeahnter Kraft klammerte sie sich fest, fand mit den Füßen Halt in der Mauer und zog sich hoch.

Schließlich gelang es ihr, das rechte Bein über die Mauer zu schwingen.

Schwer atmend blieb sie auf der Mauer liegen.

Das wäre geschafft. Vorerst.

Durch die Zweige der Palmen und Olivenbäume hindurch sah sie die Villa. Hinter den Fenstern brannte Licht, doch offensichtlich hatte noch niemand ihr Kommen bemerkt.

Sie warf einen Blick in den dunklen Garten. Das Gras war hier höher und weicher. Doch das würde ihr wenig nutzen, denn ohne die Leiter musste sie eine schwindelerregende Höhe überwinden.

Lieber Himmel, was mach ich nur, was mach ich nur …

Aber ihr Stolz verbat ihr, nach Hilfe zu rufen. Was für eine armselige Figur sie abgegeben hätte, wenn man sie hilfeschreiend auf der Mauer finden würde!

Nein. Dann lieber auf direktem Wege nach unten. Genny hielt sich mit beiden Händen fest und ließ sich hängen. Ihre Füße baumelten im Nichts.

Lass los, Genevra. Du musst loslassen …

Ihr blieb keine Wahl. Auch wenn ihr Verstand sich wehrte, ihre Kräfte waren langsam erschöpft.

Sie ließ sich fallen und schlug hart auf dem Boden auf. Ein stechender Schmerz fuhr in ihre linke Ferse, schnitt durch ihren Knöchel und brannte sich einen Weg in ihre Wade. Ihr entfuhr ein erstickter Schrei, gefolgt von einer Reihe hässlicher Kraftausdrücke.

„Oh!“ Sie rollte sich zur Seite und griff nach ihrem Knöchel. „Au au au!“ Der Knöchel pochte im gleichen Rhythmus wie ihr Herz. „Autsch!“ Blindlings rieb sie über die schmerzende Stelle und rollte sich von einer Seite zur anderen.

„Gen.“ Die vertraute, tiefe Stimme erklang direkt hinter der Hecke, vor die sie gefallen war. „Ich hätte es wissen müssen.“

Sie wandte den Kopf. „Rafe?“

Rafael Michael DeValery, Graf von Hartmore, trat durch eine Öffnung in der Hecke. In voller Größe stand er vor ihr, und das Licht aus der Villa hinter ihm erhellte seine beeindruckende Silhouette.

Und bei seinem Anblick überschlug sich ihr albernes Herz beinahe vor Freude.

„Hast du dir wehgetan?“

Sie warf ihm einen finsteren Blick zu und rieb energisch ihren Knöchel. „Ich werd’s überleben. Aber du hättest ja einfach das Tor öffnen können, als ich angeklopft habe. Oder … lass mich nachdenken … einen meiner unzähligen Anrufe entgegennehmen.“

Es herrschte ein angespanntes Schweigen. Genny konnte den Blick seiner schwarzen Augen förmlich auf ihrem Körper spüren. Als er antwortete, war seine Stimme schwer vor Bedauern. „Ich hielt es für sinnvoll, mich an unser Abkommen vom März zu halten.“

Erneut stiegen heiße Tränen in ihre Augen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. „Und wenn ich deine Hilfe gebraucht hätte?“

Er zögerte. „Brauchst du meine Hilfe?“

Kein Wort kam über ihre Lippen.

Seine Stimme wurde sanfter. „In keiner deiner Nachrichten hast du erwähnt, dass du Hilfe brauchst.“

Ihre Wangen brannten wie Feuer. Es war, als würden vor ihr in der klaren Nachtluft die Erinnerungen wiederauferstehen. Die Erinnerungen an ihre heiße, vier Tage andauernde Liebesaffäre. Eine himmlische Zeit.

Und gleichzeitig ein schmerzvolles Andenken daran, wie hoffnungslos ihr seither alles vorkam.

„Hör zu: Auch wenn es gerade nicht so aussieht, habe ich auch meinen Stolz. Und ich erzähle deinem Dienstmädchen bestimmt nicht, dass ich dich brauche.“

„Gen …“ Er trat näher. Was hörte sie in seiner Stimme? Verlangen? Schmerz? Oder entsprang das bloß ihrer Wunschvorstellung?

Was auch immer sich in seiner Stimme verbarg, überspielte er gekonnt, indem er die Hand ausstreckte und Gen aufhalf. „Komm ins Haus“, sagte er ruhig.

Seine Berührung sandte einen leisen Schauer über ihren Rücken. Doch im nächsten Augenblick durchfuhr der stechende Schmerz ihren Knöchel, als sie versuchte zu gehen. „Au! Verdammt.“

Behutsam führte er ihren Arm um seinen Nacken. Seine anmutige Art, sich zu bewegen, hatte sie schon immer fasziniert. Er war groß und kräftig gebaut – doch er konnte sich so leicht und geschmeidig bewegen wie ein Tänzer.

Auch jetzt, obwohl er sich bei dem folgenschweren Unfall vor sechs Monaten das Bein gebrochen hatte. Ihre Affäre lag zwei Monate zurück, und zu diesem Zeitpunkt hatte er noch leicht das Bein nachgezogen.

Als sie aus dem Schatten der Hecke traten, fiel das Mondlicht auf sein Gesicht. Dort hatte der Unfall eine deutliche Spur hinterlassen. Er hatte eine lange rote Narbe auf seiner rechten Wange hinterlassen, die seine ebenmäßigen Gesichtszüge in Unordnung brachten. Sie zog sich vom rechten Augenwinkel über seine Wange wie der Halbmond bis zum Mund und schien daran zu ziehen, so, als würde sie ein Lächeln erzwingen wollen – und scheitern.

Rafe lächelte nur noch selten. Vor zwei Monaten hatte sie ihn gefragt, ob er die Möglichkeiten der plastischen Chirurgie in Erwägung ziehen wollte. Nein, wollte er nicht. Und er gedachte, es dabei zu belassen.

„Geht es?“ Er legte den Arm um ihre Taille.

Ein warmer Schauer durchrieselte ihren Körper. Warum musste er sich bloß so gut anfühlen? Und warum in aller Welt musste er so köstlich duften?

Das war ihr schon früher aufgefallen. Selbst, als sie nichts weiter als gute Freunde waren, hatte sie seinen Duft gemocht. So rein und natürlich wie frisches Gras, Wind und satte, nahrhafte Erde.

Schluss damit. Wenn sie ihm sagen wollte, warum sie gekommen war, durfte sie sich nicht von seinem Duft ablenken lassen.

Behutsam führte er sie über den Rasen zu dem Steinplattenweg und von dort aus auf die weitläufige Terrasse. Dann betraten sie die Villa durch die große, doppelte Glastür und gelangten in das offene Wohn- und Esszimmer.

Dankbar sank Gen in einen Sessel und sah sich um. „Es hat sich so viel verändert“, stellte sie fest. Der Raum war renoviert worden, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Die Wände waren heller, das Mobiliar moderner und die Küchenzeile mit zeitgemäßem Gerät ausgestattet.

Sie vermisste die dicken Teppiche, die Tapeten mit den üppigen, floralen Mustern und die schweren Möbel im Barock- und Rokoko-Stil.

„Touristen mit dickem Geldbeutel legen keinen Wert auf verblichenen Glanz“, erklärte er. „Heutzutage will niemand mehr schwere Vorhänge und antike Herde. Sie wollen Komfort und helle Räume und freie Sicht auf das Meer.“

Sie folgte seinem Blick. Die Veranda, die um das gesamte Haus herumführte, endete an dieser Seite direkt am Kliff, wo die schroffen Felsen steil zum Meer abfielen. Die Aussicht war atemberaubend.

Die DeValerys stammten aus England und hatten normannische Vorfahren. Doch in ihrer Blutlinie gab es auch einen montedorischen Einschlag. Einst hatte ein DeValery seine Braut in Montedoro gewählt, und ihnen war es zu verdanken, dass die Villa am Meer seit Generationen im Besitz der Familie war.

„Heißt das, du willst es wirklich vermieten?“, fragte Genny mit kaum verhohlenem Bedauern.

„Ja.“ Sein Blick war ernst.

Als er vor zwei Monaten nach Montedoro gekommen war, war die Vermietung der Villa nichts weiter als eine vage Idee gewesen. Er hatte sich hierher zurückgezogen, um Abstand von dem Ort des Geschehens zu haben – seiner englischen Heimat, wo sein Bruder bei dem tragischen Unfall ums Leben gekommen war. Rafe hatte durch das Ereignis nicht nur die Narbe davongetragen, sondern er wurde zum rechtmäßigen Erben und hochoffiziell in den Stand des Grafen von Hartmore erhoben.

Genny hatte ihn kurz darauf hier aufgestöbert und gestellt. Genau wie jetzt.

Aber damals … Damals hatte es damit geendet, dass sie sich in genau diesem Raum geliebt hatten. Mehrmals.

Seither schienen Jahre vergangen zu sein.

„Musst du so traurig schauen?“, fragte er ungeduldig. Beinahe schroff. Als könne er den Anblick nicht ertragen.

„Ich mochte es vorher lieber. Das ist alles.“ Schon während ihrer gesamten Kindheit hindurch pflegten Mitglieder seiner Familie dann und wann hier zu residieren, um sich in Montedoros Nachtleben zu stürzen, Urlaub zu machen oder an den Festlichkeiten im Palast der Bravo-Calabrettis teilzunehmen.

Im Gegenzug wurden die Bravo-Calabrettis hierher zum Tee oder Abendessen eingeladen. Genny sah sich selbst als zehnjähriges Mädchen, wie sie auf einem der samtbezogenen Sofas saß und voll Inbrunst darauf wartete, mit Eloise zu sprechen. Rafes Großmutter hatte einen besonders guten Draht zu ihr – und Genny hoffte jedes Mal, eine weitere Einladung auf ihren englischen Landsitz zu bekommen.

Hartmore. Für sie war es ein verzaubertes Wort. Das Anwesen der DeValerys in Derbyshire war so ziemlich der schönste Ort, den sie sich vorstellen konnte.

Rafe setzte ihren Gedanken ein jähes Ende, indem er vor ihr auf die Knie ging. „Soll ich mir das mal ansehen?“

Da erst wurde ihr bewusst, dass er lediglich ihren Knöchel untersuchen wollte. Noch ehe sie einen Ton hervorbringen konnte, hob er behutsam ihren Fuß an und entknotete mit der anderen Hand die Schnürsenkel ihres Turnschuhes. Dann streifte er den Schuh ab.

Er ging dabei so vorsichtig und bedacht vor, dass ihr das Herz wehtat. Mit unendlicher Sorgfalt bewegte er den Fuß und betastete die geschwollene Stelle. „Es scheint nicht gebrochen zu sein. Wahrscheinlich ist es eine leichte Verstauchung.“

„Es geht schon wieder. Es tut kaum noch weh.“

Er blickte auf. „Wir sollten den Knöchel trotzdem verbinden.“

„Nein“, entgegnete sie heftiger als beabsichtigt. „Lass es, Rafe. Es geht schon.“

„Na schön.“ Er erhob sich zu seiner vollen, beeindruckenden Größe.

Schon wieder erwischte sie sich dabei, wie sie ihn sehnsüchtig anstarrte. Seltsam. Sie hatte ihn immer gemocht – als Freund. Aber als Mann war er ihr zu wild und grob erschienen. Vor allem als Teenager war er ziemlich rau und ungehobelt gewesen.

Sie musste blind gewesen sein. Eine blinde, kindische Idiotin.

„Jetzt sag mir, warum du hergekommen bist“, verlangte er. Sein Blick war undurchdringlich. Er konnte einem das Gefühl geben, bis auf den innersten Grund der Seele zu sehen – ohne dabei auch nur das Geringste über sich selbst preiszugeben. Er war wie ein stiller Beobachter aus einem anderen Reich, der sich seiner Stärke zwar bewusst war, aber still und unbemerkt zwischen den Normalsterblichen wandelte. „Sag es mir, Gen. Bitte. Was immer es ist.“

„Gut.“ Sie holte tief Luft. Jetzt gab es kein Zurück mehr. „Ich bin schwanger. Es ist von dir.“

War er zusammengezuckt?

Sie war sich nicht sicher. Wahrscheinlich nicht. So etwas tat er nie. Und ihre Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Sie hatte es sich bestimmt nur eingebildet.

„Mein Gott, Gen.“ Mit ein Mal war er völlig verändert. Seine Stimme hatte einen fast ehrfürchtigen Klang. „Wie kann das sein? Wir haben doch aufgepasst.“

„Offensichtlich nicht genug. Wenn du einen Vaterschaftstest willst, können wir gerne …“

„Das ist nicht notwendig. Ich glaube dir.“

Ich glaube dir. Seine Worte hallten in ihrem Kopf wider.

Langsam breitete sich die Erleichterung in ihrem Inneren aus wie eine sanfte Brise. Jetzt war es heraus. Sie hatte es ihm gesagt. Und er versuchte nicht, es zu verleugnen. Er wandte sich nicht ab.

Stattdessen stand er noch immer vor ihr und sah sie an – ohne die geringste Spur von Groll oder Vorwürfen.

Sie lehnte den Kopf zurück, schloss die Augen und seufzte tief. „Das wäre geschafft.“

„Geht es dir gut?“ Seine Stimme klang unerwartet nah.

Sie öffnete die Augen. Er kniete vor dem Sessel und musterte sie aufmerksam. „Perfekt“, antwortete sie.

„Warst du schon beim Arzt?“

„Noch nicht. Aber ich habe drei Schwangerschaftstests gemacht. Verschiedene. Und alle drei waren positiv.“

„Du solltest zum Arzt gehen.“

„Ich weiß. Bald. Aber mir geht’s gut.“

„Gut.“ Er straffte sich. „Ich werde mich um alles kümmern.“

Ihr Magen schlug einen Salto. „Was meinst du damit?“

„Wir werden heiraten.“ Sein Tonfall ließ nicht den geringsten Zweifel daran aufkommen, dass er es ernst meinte.

Um ein Haar wäre sie in Tränen ausgebrochen. Tränen der Erleichterung – aber auch Tränen der Verzweiflung. War das die richtige Entscheidung? Es fühlte sich merkwürdig an. Und irgendwie falsch.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als seinen Bruder zu heiraten. Wie konnte sie die Brüder einfach austauschen? In ihrem Leben – und in ihrem Herzen?

Davon abgesehen war Rafe ihr seit der Affäre beharrlich aus dem Weg gegangen. Ein Mann, der wirklich beabsichtigte, sie zu heiraten, würde sie wohl kaum wochenlang meiden. Um dann bei der Aussicht auf ein Baby auf die Knie zu fallen und um ihre Hand anzuhalten.

„Rafe, ganz ehrlich, ich … Ich weiß nicht, ob das eine gute …“

„Natürlich ist es das. Es ist das einzig Richtige.“

Sie hatte das Bedürfnis, sich zu widersetzen. Sich ihm entgegenzustellen und stark zu sein – und sei es nur aus dem Grund, um ihm zu zeigen, dass er nicht einfach über ihren Kopf hinweg entscheiden konnte. Schließlich heiratete heutzutage niemand mehr, nur weil ein Baby unterwegs war.

Nun, außer vielleicht ihrem Bruder Alex. Und vielleicht ihrer Schwester Rhia.

Und jetzt, da sie darüber nachdachte, funktionierten beide Ehen ziemlich gut.

Davon abgesehen war sie neuerdings so verknallt in ihn. Neuerdings? Sie wusste es nicht. Aber eines wusste sie sehr genau: Ihr Baby hatte ein Recht auf das Erbe von Hartmore. Ein Recht darauf, ein anerkanntes, eheliches Kind zu sein. Zumindest würde das die Dinge sehr vereinfachen.

Und Hartmore … Ihr geliebtes Hartmore war zum Greifen nahe.

Herrin von Hartmore. Die Stimme der Versuchung flüsterte in ihr Ohr. Plötzlich konnte ihr Traum wahr werden – obwohl sie ihn nach Edwards Tod schon begraben hatte.

Edward.

Allein sein Name erfüllte ihr Herz mit Verwirrung und Schuldgefühlen. Sie hatte wirklich geglaubt, dass sie ihn liebte. Sie hatte nur darauf gewartet, dass er ihr einen Antrag machte, damit sie gemeinsam das Leben führten, das ihnen vorherbestimmt war.

Aber jetzt, im Angesicht dessen, was sie für Rafe empfand, war sie sich ihrer früheren Gefühle überhaupt nicht mehr sicher. Sie war sich über gar nichts mehr klar.

„Sag Ja.“ Es war, als habe sich ihr einstiger bester Freund in einen dunklen, verführerischen Fremden verwandelt. Einen Fremden, dem sie sich nicht entziehen konnte. Und dem man nicht widersprechen konnte.

Bebend sah sie ihn an. „Bist du sicher?“

„Das bin ich. Sag Ja.“

Und in ihrem Inneren hatte ihre Antwort längst Gestalt angenommen, hatte ihr Wesen durchforstet und zu dem einzigen Wort verdichtet, das sie diesem Mann entgegenbringen konnte. Sie musste es nur noch aussprechen.

„Ja.“

2. KAPITEL

Nach diesem Ja war alles sehr schnell gegangen.

Sie hatten vereinbart, bereits am kommenden Samstag zu heiraten, und Rafe hatte darauf bestanden, dass sie Gennys Eltern gemeinsam und so schnell wie möglich von der Heirat in Kenntnis setzten.

In diesem Punkt war er unbeirrbar. Beinahe herrisch. Zunächst hatte Genny gezögert. Sie hatte zwar keine Angst, dass ihre Eltern etwas dagegen einzuwenden hätten, doch sie mussten ja nicht sofort von dem Baby erfahren. Vor allem ihr Vater. Er war unglaublich verständnisvoll, aber Gen wollte ihn auf keinen Fall enttäuschen.

Allerdings war Rafe auch in dieser Angelegenheit sehr deutlich gewesen. Er konnte ziemlich bestimmend sein – und dabei vernünftig und zielorientiert.

Daher hatte er auch beschlossen, als allererstes Eloise anzurufen. Seine Großmutter wusste am besten, wie man alles rechtzeitig in die Wege leitete. Sie war ein Fels in der Brandung.

Auf sie konnte Genny sich verlassen. Trotzdem konnte sie in dieser Nacht kaum schlafen. Unruhig wälzte sie sich in ihrem Bett hin und her und grübelte, ob dies auch die richtige Entscheidung war.

Am Morgen stand sie früh auf, nahm eine Dusche und ein leichtes Frühstück und bat ihre Mutter um eine Unterredung am Nachmittag.

Genny hatte ihr eigenes Apartment im Prinzenpalast. Dieser thronte hoch oben auf dem Kap Royale und bot einen ziemlich beeindruckenden Anblick. Ihr Leben lang hatte sie diese Räume bewohnt – und dabei gleichzeitig davon geträumt, wie es sei, im romantischen englischen Anwesen Hartmore zu leben.

Eine halbe Stunde vor der Besprechung mit ihren Eltern traf Rafe ein.

Sobald sie ihn sah, wich etwas von der Anspannung aus Gennys Körper. „Du siehst toll aus.“ Unwillkürlich hielt sie den Atem an. Er trug ein geschmackvolles, leichtes Jackett mit passender Hose und eleganten Schuhen.

Trotzdem wirkte seine Garderobe nicht übertrieben. Im Gegenteil. Sein Aufzug schien noch zu unterstreichen, dass er eine wilde, ungezähmte Seite hatte. Eine Seite, die er perfekt unter Kontrolle halten konnte – wenn er nur wollte.

Ein Raubtier in einem Maßanzug.

Sein schwarzes Haar lockte sich über den Kragen des Jacketts, und seine Augen sprühten wilde Funken. Und die Narbe über seiner Wange verlieh ihm diese seltsame, anziehende Andersartigkeit.

„Und du bist wunderschön“, entgegnete er in seiner ruhigen, formellen Art.

Aber das war sie nicht. Nicht wirklich. Ihre Mutter war wunderschön. Und ihre vier Schwestern. Genny hatte das unscheinbarste Äußere von allen. Sie fand ihr blondes Haar zu dünn und ihre braunen Augen nicht besonders auffällig. Hübsch, im besten Fall. Aber nicht schön.

Unruhig strich sie über die Jacke. Sie trug eine taillierte, weiße Jacke über einem einfachen, royalblauen Kleid. Ein Outfit, das hoffentlich dem Anlass gemäß war. „Danke. Hast du Eloise erreicht?“

„Ja.“

„Hast du ihr … von dem Baby erzählt?“

„Das habe ich.“

Genny schluckte. „Wie hat sie es aufgenommen?“

„Sie war in höchstem Maße erfreut.“

„Sie war nicht überrascht? Ich meine, dass du und ich … zusammen sind?“

Er sah sie an. In seinen Augen spiegelte sich unendliche Geduld. „Meine Großmutter kann überhaupt nichts überraschen. Das müsstest du doch wissen.“

„Ich …“ Sie wollte eine vage, nicht besonders ehrliche Antwort geben. Dann bremste sie sich. Warum lügen? „Ja. Das weiß ich.“

Immerhin hatte Eloise nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie Genny gerne in der Familie der DeValerys aufnehmen würde. Allerdings hatte sie früher an eine Verbindung zwischen Genny und Edward gedacht.

Nicht nur, weil Genny Hartmore sehr zugetan war. Sie hatte auch Geld. Eine ganze Menge sogar. Und gigantische Anwesen wie das von Hartmore waren auf Geld angewiesen, wenn man sie instand halten wollte.

Autor

Christine Rimmer
Christine Rimmers Romances sind für ihre liebenswerten, manchmal recht unkonventionellen Hauptfiguren und die spannungsgeladene Atmosphäre bekannt, die dafür sorgen, dass man ihre Bücher nicht aus der Hand legen kann. Ihr erster Liebesroman wurde 1987 veröffentlicht, und seitdem sind 35 weitere zeitgenössische Romances erschienen, die regelmäßig auf den amerikanischen Bestsellerlisten landen....
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