Die eigenwillige Braut des Highlanders

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Schon als Kind war Charlotte „Charlie“ Stewart ein Wildfang, und daran hat sich nichts geändert. Lieber reitet sie im Kilt über Schottlands Hügel, als im Abendkleid auf Bällen zu tanzen. Leider wollen ihre Eltern nicht länger hinnehmen, dass ihre ungestüme Tochter ledig bleibt. Ein passender Mann ist schnell gefunden, allerdings lässt er Charlies Herz kalt – ganz anders als Kade Kendrick, ihr Freund aus Kindertagen. Aus dem kränklichen Jungen ist ein gut aussehender Mann und gefeierter Musiker geworden. Auf einer Hochzeit begegnen sie einander wieder, doch nicht nur Charlies Familie hat etwas gegen die Verbindung …


  • Erscheinungstag 11.04.2026
  • Bandnummer 426
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540261
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Vanessa Kelly

Die eigenwillige Braut des Highlanders

Vanessa Kelly

Bereits auf der Universität konzentrierte Vanessa Kelly sich auf die englische Literatur des 18. Jahrhunderts. Ihren Job im öffentlichen Dienst gab sie auf, um hauptberuflich zu schreiben. Inzwischen sind ihre Romane, die meist zur Zeit des Regency spielen, regelmäßig auf den amerikanischen Bestsellerlisten zu finden und wurden bisher in neun Sprachen übersetzt. Vanessa Kelly lebt mit ihrem Mann, der ebenfalls Autor ist, im kanadischen Ottawa.

PROLOG

Inveraray Castle,

Sommer 1814

Als ein Adler über ihm schrie, blickte Kade Kendrick von seinem Buch auf. Der prächtige Vogel schwebte in der Luft, getragen von den unsichtbaren Wirbeln der Sommerbrise, die vom Loch Fyne herüberwehte. Der Duft von Rosen und Flieder erfüllte die Luft, zusammen mit dem Geruch von frisch gemähtem Gras. Die Gärten hinter dem Schloss leuchteten in allen Farben des Sommers. Der schöne Nachmittag hatte Kade dazu verleitet, sich zum Lesen zurückzuziehen, und er hatte den perfekten Ort dafür gefunden: eine entlegene Ecke unter einer Gruppe von Eichen.

Nach dem unaufhörlichen Nebel und Nieselregen der letzten drei Tage, der die meisten Gäste im Schloss festgehalten hatte, war der Sonnenschein ein willkommenes Geschenk. Nach Kades Erfahrung waren Clan-Versammlungen laute und ausgelassene Angelegenheiten, die am besten im Freien stattfanden. Bei dieser waren die Campbells mit den MacDonalds, den Kendricks und anderen Clan-Familien, die zur Versammlung des Duke of Argyll eingeladen waren, regelrecht zusammengepfercht.

Nicht alle verstanden sich gut, wie der Streit zwischen Kades Großvater Angus und Lord Kinloch am Vorabend gezeigt hatte. Grandda war ein MacDonald, ebenso wie die Frau von Lord Kinloch. Aber diese Verwandtschaftsbeziehung hatte sie nicht davon abgehalten, sich lautstark in die Haare zu kriegen. Die Auseinandersetzung hatte sich um eine längst vergangene Schlacht und die Rolle des MacDonald-Clans darin gedreht. Grandda hatte sich über eine Kleinigkeit aufgeregt und Lord Kinloch schließlich zum Duell herausgefordert. Der Duke of Argyll und Kades ältester Bruder Nick hatten eingreifen müssen. Die Streithähne waren getrennt worden und hatten vom Duke eine strenge Standpauke erhalten, woraufhin ein unruhiger Frieden eingekehrt war.

Der Frieden hatte jedoch nicht lange angehalten. Zwei Stunden später hatten die Zwillinge – Kades ältere Brüder – versehentlich ein kleines Nebengebäude in Brand gesetzt, als sie versucht hatten, selbst Feuerwerkskörper herzustellen. Der arme Nick war darüber ziemlich in Rage geraten, vor allem, weil Grandda die Zwillinge verteidigt hatte. Die Geduld des Dukes war am Ende gewesen, und die Zwillinge und Grandda waren für den Rest des Abends auf ihre Zimmer geschickt worden.

Kade liebte seine Familie, und normalerweise brachte sie ihn mit ihren Eskapaden zum Lachen. Aber diesmal war es ihm ziemlich peinlich. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Buch in seinen Händen zu. Zumindest würde er Nick keine Schwierigkeiten bereiten. Trotzdem machte sich sein Bruder ständig Sorgen um ihn. Alle machten sich Sorgen um ihn, vor allem, weil er so oft krank war, was alle in Aufregung versetzte. Glücklicherweise ging es ihm seit geraumer Zeit deutlich besser, was der einzige Grund dafür war, warum Nick ihn zum Clan-Treffen mitgenommen hatte.

Jetzt wünschte Kade sich, er wäre zu Hause in Kinglas Castle geblieben, wo er in Ruhe hätte lernen und Klavier üben können. Aber Grandda hatte gedacht, es wäre eine große Freude für ihn, Zeit mit den Clans zu verbringen, anstatt sich mit einem Haufen „schimmeliger alter Bücher“, wie sein Grandda die Lektüre seines Enkels zu nennen pflegte, in dem stillen Schulzimmer des Schlosses zu verkriechen.

„Du könntest etwas darüber lernen, wie man ein richtiger Highlander ist, Junge“, hatte Angus gesagt. „Anstatt auf diesem Klavier herumzuklimpern und Lieder von all diesen verdammten Sassenachs und anderen fragwürdigen Leuten zu spielen.“

Als Kade darauf hingewiesen hatte, dass er den großen Mozart studiere, hatte Grandda spöttisch geantwortet, dass die Deutschen genauso schlimm seien wie die Sassenachs. Er hatte auch abgewinkt, als Kade versucht hatte, ihm zu erklären, dass Mozart in Salzburg geboren worden war, nicht in Deutschland.

„Clan-Versammlungen sind reine Folter“, murmelte Kade, während er versuchte, sich auf sein Buch zu konzentrieren.

Er begann wieder in die Musikgeschichte einzutauchen und genoss die Ruhe des Gartens um ihn herum. Doch dann waren schnelle Schritte auf dem Kiesweg zu hören. Jemand kam auf ihn zu – wahrscheinlich ein Dienstmädchen, das ihm sagen sollte, er solle ins Haus kommen und sich für das Abendessen fertig machen. Oder vielleicht war es nur ein weiterer Gast, der im Garten spazieren ging.

Er hoffte, dass der Gast ihn in Ruhe lassen würde, wenn er seinen Kopf tief über sein Buch beugte und fast mit der Nasenspitze darin versank.

„Da bist du ja“, sagte eine Mädchenstimme. „Ich habe dich überall gesucht.“

Resigniert blickte er auf und sah die kleine Charlotte Stewart ein paar Meter entfernt stehen, die Hände in die Hüfte gestemmt. Die Tochter von Lord und Lady Kinloch war eigentlich gar nicht so klein, denn mit elf Jahren war sie nur zwei Jahre jünger als Kade.

Charlotte, die eine ziemliche Rabaukin war, war anders als alle Mädchen, die er bisher kennengelernt hatte. Obendrein kleidete sie sich mit Vorliebe in Kilts und schien sich nicht einen Deut um ihr Aussehen zu kümmern.

Heute trug sie eine kurze Jacke über ihrem Kilt und ein Paar abgewetzte Reitstiefel an den Füßen. Ihr glänzendes goldenes Haar war zu einem unordentlichen Knoten zusammengebunden, und auf ihrer Jacke war ein Schmutzfleck. Wahrscheinlich war sie reiten gewesen – oder hatte in den Ställen herumgetobt. Charlotte liebte Pferde und war sogar schon mit den Zwillingen ausgeritten. Kades Brüder hatten gesagt, sie sei eine echte Wucht, denn sie habe jede Hecke ohne die geringste Unsicherheit oder Angst genommen.

Außerdem trieb sie ihre Mutter mit ihrem jungenhaften Verhalten in den Wahnsinn, und Lady Kinloch schien Charlotte regelmäßig zu schelten.

„Warum hast du mich gesucht?“, fragte er.

Charlotte ließ sich neben ihm auf die schmiedeeiserne Bank fallen. „Weil ich mit dir reden wollte. Warum versteckst du dich hier draußen? Was, wenn du hinfällst und dir wehtust? Niemand würde dich finden. Außer mir natürlich. Ich finde immer, was ich suche.“

Das war eine weitere Eigenschaft von Charlotte. Sie redete gern. Ihm machte das nichts aus. Manchmal dachte er, dass sie ein wenig einsam wäre, obwohl sie immer von einem Abenteuer ins nächste stürzte.

„Mir wird wohl kaum etwas passieren, wenn ich nur auf einer Bank sitze“, antwortete er. „So ungeschickt bin ich nun auch wieder nicht.“

„Natürlich bist du nicht ungeschickt. Es ist nur …“ Sie verstummte.

Kade unterdrückte einen Seufzer. „Es ist nur, dass ich ziemlich kränklich bin? Ich weiß, dass sich alle Sorgen um mich machen, aber mir geht es ganz gut. Wirklich.“

„Natürlich geht es dir gut“, sagte sie entschlossen. „Es ist nur, na ja, du weißt schon. Die Erwachsenen machen sich wegen der dümmsten Dinge Sorgen.“

In seinem Fall war die Sorge nicht so dumm. Als er jünger gewesen war, wäre er fast an einem Fieber gestorben und war seitdem anfällig. Er glaubte jedoch, dass es ihm besser ging. Zumindest hoffte er das.

„Ich weiß, dass meine Familie sich ständig Sorgen um mich macht“, gab er zu. „Ich hasse das.“

Sie krauste mitfühlend die Nase. „Das ist doch ganz normal, weil sie dich lieben. Das ist doch nichts Schlimmes, oder? Ich finde das sogar ganz schön, um ehrlich zu sein. Niemand macht sich jemals Sorgen um mich.“

„Das liegt daran, dass du unerschütterlich bist.“

Charlotte sah ihn verwirrt an. „Ich weiß nicht, was das bedeutet.“

„Es bedeutet, dass du furchtlos bist.“

Sie schien darüber nachzudenken, während sie gedankenverloren einen Halm Stroh von ihrem Ärmel zupfte. „Das ist auch schön, denke ich.“

Sie schwiegen, während zwei Singvögel in den Ästen der Eiche über ihnen herumflatterten und ein fröhliches Lied trällerten. „Warum spielst du nicht mit den anderen oder reitest mit ihnen aus?“, fragte er schließlich.

„Du meinst die Campbell-Jungs? Weil sie langweilig sind.“

„Aber du treibst dich doch schon seit unserer Ankunft mit ihnen herum.“

„Das ist besser, als in diesem düsteren Schloss eingesperrt zu sein. Ich bin lieber draußen im Regen, als mir den ganzen Tag Mamas Schimpftiraden anzuhören.“

Kade grinste. „Sie schimpft viel, nicht wahr?“

Sie verdrehte übertrieben die Augen. „Ziemlich. Was auch langweilig ist.“

„Ich bin auch ziemlich langweilig, Charlotte. Ich sitze nur herum und lese Bücher, und du magst …“ Er machte eine vage Geste. „Dinge tun.“

„Bitte nenn mich Charlie. Alle anderen tun das auch. Außer Mama und Melissa, meiner kleinen Schwester.“

Er neigte den Kopf, um sie zu mustern. „Ich habe gehört, dass einige der Jungen dich Charlie nennen. Ich dachte, das wäre ein Scherz.“

„Mein Vater hat vor langer Zeit angefangen, mich so zu nennen, und es ist einfach hängen geblieben. Er wollte einen Jungen, aber stattdessen hat er mich bekommen.“

Kade runzelte die Stirn. „Das ist seltsam. Du hast doch einen Bruder, oder?“

„Johnny kam erst einige Jahre nach mir und Melissa zur Welt. Der Name stört mich nicht, da ich Mädchenkram nicht besonders mag. Es macht mehr Spaß, mit Papa zusammen zu sein. Er nimmt mich sogar mit, wenn er seine Pächter besucht und so. Und ich verbringe gern Zeit in den Ställen und lerne alles über Pferde, was ich kann. Pferde sind die besten Wesen, die ich kenne.“

„Die Campbell-Jungs scheinen mehr Spaß zu haben als ich“, sagte er vorsichtig.

Sie schüttelte nachdrücklich den Kopf. „Nein, im Vergleich zu dir sind sie sehr langweilig. Wie gesagt. Du bist klug und nett. Ich bin mir nicht sicher, ob Richard und Andrew wirklich so nett sind, wie sie immer tun.“

Kade spürte ein warmes Glühen in der Brust. Nicht, dass ihr Lob ihm wirklich wichtig gewesen wäre. Sobald die Versammlung vorbei war, hatte er keine Ahnung, wann er sie wiedersehen würde. Aber auch wenn es nur für ein paar Tage war, war es schön, eine Freundin zu haben, jemanden außer seinen Brüdern oder den Kinglas-Bediensteten, die ihn mit Argusaugen bewachten. Charlotte war nicht jemand, der viel Aufhebens machte, und das fand er erfrischend.

Kade lächelte sie an. „Danke. Ich finde auch, dass Andrew Campbell nicht sehr nett wirkt.“ Andrew war der ältere Bruder. „Richard scheint aber in Ordnung zu sein.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Vermutlich. Aber er ist …“

„Langweilig?“

Charlie grinste und beugte sich dann vor und tippte auf die aufgeschlagenen Seiten seines Buches. „Was liest du?“

„Es ist eine Geschichte über die Oper. Ich habe es in der Bibliothek des Dukes gefunden, und er war so freundlich, es mir zu leihen. Es ist ein bisschen trocken, fürchte ich. Ich bin mir nicht sicher, ob du es besonders interessant finden würdest.“

Er fand es so interessant, dass er die halbe Nacht damit verbracht hatte, es zu lesen. Aber er bezweifelte, dass Charlie es schaffen könnte, lange genug still zu sitzen, um über die Unterschiede zwischen Händel und Gluck zu diskutieren. Sie war so quirlig und voller Energie, dass Kade sich fast vorstellen konnte, wie ihr Blitze aus den Fingerspitzen schossen.

Sie drehte sich zu ihm und sah ihn mit ihren kastanienbraunen Augen ernst an. Als er Charlie zum ersten Mal getroffen hatte, war ihm die Farbe ihrer Augen aufgefallen, weil sie einen so unerwarteten Kontrast zu ihrem goldenen Haar bildeten.

„Ich glaube schon“, antwortete sie. „Ich liebe Musik, aber ich kenne wirklich nur die alten Highland Reels und Jigs. Mama spielt nicht mehr – sie sagt, verheiratete Frauen tun das nicht – und Melissa möchte Harfe lernen.“ Sie verdrehte wieder die Augen. „Ich finde Harfe albern. Nur Mädchen wollen Harfe spielen, weil die Jungs dann denken, sie wären Engel oder so etwas Dummes. Aber sie ist bei Weitem nicht so schön wie Klavier oder Geige, wenn du mich fragst.“

Er lächelte über ihr Geplapper. „Da muss ich dir zustimmen, denn ich spiele sowohl Klavier als auch Geige.“

„Ich weiß. Ich habe dich neulich im Ostsalon Geige spielen hören. Du bist so gut. Ich wünschte, ich könnte das auch.“ Sie verzog kurz den Mund, als würde sie nachdenken. „Ja, Geige. Die würde ich gern spielen.“

„Wenn du Geige spielen willst, äh, warum machst du es nicht einfach?“, fragte er.

„Mädchen spielen doch normalerweise nicht Geige, oder?“ antwortete sie zweifelnd.

Er lächelte. „Du scheinst mir nicht jemand zu sein, der sich von so etwas abschrecken lässt. Gibt es in deinem Dorf vielleicht jemanden, der es dir beibringen könnte?“

Sie setzte sich aufrechter hin, ihre Augen leuchteten vor Eifer. „Ja, tatsächlich. Unser Pfarrer spielt Geige, und er ist auch sehr gut.“

„Dann bitte ihn doch, dir Unterricht zu geben.“

Charlie seufzte ein wenig entmutigt. „Mama würde das nicht gefallen. Sie will nicht, dass ich etwas mache, was Mädchen nicht tun sollen.“

Kade verzog mitfühlend das Gesicht. Trotz ihrer rauen Schale war Charlie unglaublich lieb. Und er hätte einen Schilling darauf gewettet, dass sie tatsächlich einsam war, gefangen zwischen zwei Welten.

„Warum fragst du nicht deinen Vater? Ich wette, er würde Ja sagen.“

Sie winkte ab. „Das hängt davon ab, wie sehr er dazu bereit wäre, Mama zu verärgern.“

„Nick wollte nicht, dass ich Klavier spiele, zumindest nicht am Anfang. Er dachte, das würde mich zu sehr ermüden. Aber ich wusste, dass es mir helfen würde, also habe ich ihn so lange damit belagert, bis er schließlich nachgab. Vielleicht solltest du deinen Vater auch so lange belagern, bis er endlich Ja sagt.“

Sie musterte ihn und krauste dabei die Nase auf diese lustige Weise, die er langsam als ihre Eigenart zu erkennen begann. Aus irgendeinem Grund brachte ihn das zum Lächeln.

„Und hat es dir geholfen?“

Er nickte. „Wenn ich spiele, vergesse ich meine Krankheit und fühle mich danach immer besser.“

Charlie grinste ihn frech an. „Dann werde ich Papa fragen, aber ich werde ihm nicht sagen, dass du es vorgeschlagen hast. Er ist immer noch wütend auf deinen Großvater, also …“

Laute, schlurfende Schritte unterbrachen sie. Sie schauten auf und sahen die Campbell-Brüder auf sie zustürmen, die dabei mit ihren Füßen Kies vom Weg aufwirbelten.

Kade stöhnte innerlich auf. Richard war ihm zwar egal, aber Andrew war eine andere Geschichte. Obwohl er nur ein Jahr älter war als Kade, war er einen halben Kopf größer und sehr sportlich. Er war ein hervorragender Sportler und schien die meisten Spiele, die die Jungen spielten, zu dominieren.

Außerdem war er ein Tyrann.

„Oh, verdammt“, murmelte Charlie.

„Da seid ihr ja!“, rief Richard atemlos, als die Brüder vor ihnen zum Stehen kamen. „Wir haben euch gesucht. Wollt ihr nicht mit uns reiten gehen? Es ist ein sonniger Tag, da werden wir ausnahmsweise mal nicht so schmutzig wie sonst.“

Sein großer Bruder stieß ihn grob mit beiden Händen. „Charlie macht Schmutz nichts aus. Sie reitet regelmäßig.“ Er fixierte sie. „Das macht dir doch nichts aus, oder?“

„Nein“, antwortete sie. „Obwohl ich nicht verstehe, warum du Richard schubsen musstest, um das klarzustellen.“

Andrew zuckte mit den Schultern. „Weil er gejammert hat.“

„Habe ich nicht“, sagte Richard und rieb sich den Arm. „Und du musstest mich nicht so fest schubsen. Das hat wehgetan.“

„Kleinkind“, spottete Andrew.

„Ich komme mit dir reiten, Richard“, sagte Charlie und ignorierte Andrew demonstrativ. „Wir treffen uns in einer halben Stunde im Stall. Ich möchte erst noch mit Kade reden.“

Andrew schnaubte. „Was gibt es denn mit ihm zu reden, außer über Bücher oder das dumme Klavier, auf dem er immer spielt? Das ist doch so was von langweilig.“

Charlie zuckte lässig mit den schmalen Schultern. „Er ist es nicht, der mich gerade langweilt.“

Kade biss sich auf die Innenseite der Wange, um nicht zu lachen.

Andrew starrte sie einen Moment lang an und richtete dann den Blick auf Kade. Ein böses Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Oder wir könnten Kades Großvater zuhören, wie er über irgendeine dumme Schlacht schwadroniert. Das wäre zwar genauso langweilig, aber er ist so ein verstaubter alter Kauz, dass man einfach lachen muss. Das tun alle, weißt du? Ich meine, über ihn lachen. Wie könnt ihr ihn nur ertragen?“

Wut stieg in Kade auf, aber er wusste, Andrew versuchte nur, ihn zu provozieren. Er ließ sich nicht in die Falle locken.

„Meine Brüder und ich lieben und respektieren unseren Großvater“, sagte er ruhig. „Nachdem meine Mutter gestorben war, hat er uns großgezogen, hat sich besonders um mich gekümmert. Außerdem weiß er viel über die Geschichte Schottlands und unseres Clans, und das ist wichtig.“

Andrew schnaubte. „Clan-Geschichte ist nur etwas für alte Knacker, die in der Vergangenheit leben. Das interessiert heute niemanden mehr.“

„Ich hoffe, der Duke hört dich nicht so etwas Dummes sagen“, warf Charlie ein. „Er ist immerhin das Oberhaupt des Campbell-Clans, und du bist ein Campbell.“

„Sie hat recht, Andy“, sagte Richard. „Papa hat gesagt, wir müssen dem Duke den gebührenden Respekt erweisen, weißt du noch?“

Andrew stieß seinen Bruder erneut grob, sodass der kurzzeitig ins Taumeln geriet. „Wer hat dich überhaupt gefragt?“

Richard warf ihm einen finsteren Blick zu, war aber offensichtlich nicht bereit, sich gegen seinen tyrannischen Bruder zu behaupten. Nicht zum ersten Mal schickte Kade ein Dankgebet für seine Brüder gen Himmel. Einige von ihnen waren zwar wild und ungestüm, aber sie hatten allesamt ein gutes Herz.

Andrew wandte seine Aufmerksamkeit wieder Charlie zu. „Also, kommst du mit reiten oder nicht? Wenn du dich jetzt nicht beeilst, ist es zu spät. Wir müssen rechtzeitig zurück sein, um uns für das Abendessen umzuziehen.“

„Ich will nicht“, antwortete Charlie. „Ich bin noch zu jung, um mit den Erwachsenen zu Abend zu essen, weißt du noch?“

„Ich wünschte, ich wäre auch noch zu jung“, sagte Kade. „Das dauert immer ewig. Ich würde viel lieber mit dir und den anderen Kindern zu Abend essen.“

„Das liegt daran, dass du ein Dummkopf bist“, sagte Andrew verächtlich.

Charlie zeigte mit einem Finger auf ihn. „Das ist unglaublich gemein.“

„Na und?“, erwiderte Andrew. „Das ist nur der dumme Kade. Der sitzt nur rum und liest Bücher.“ Dann packte er Charlie am Arm und zog sie auf die Beine. „Jetzt komm schon, bevor es zu spät wird.“

„Lass mich los!“, fauchte Charlie und versuchte, ihren Arm aus seinem Griff zu befreien.

„Nein!“, rief Andrew und zerrte an ihr.

Aber Charlie stemmte sich mit beiden Füßen fest in den Boden. Sie war zwar zierlich, aber stärker, als sie aussah. Dennoch versetzte es Kade in Wut, zu sehen, wie dieser miese Tyrann sie so drangsalierte.

Wenn es eine Sache gab, die ein Kendrick mehr hasste als alles andere, dann waren es Tyrannen.

Er legte sein Buch beiseite und sprang auf. „Lass sie los, Andrew. Charlie kommt, wenn sie will, und nicht, wenn du es verlangst.“

„Und du willst mich dazu zwingen, was?“, spottete Andrew.

Kade nahm Charlies freie Hand, und sie verschränkte ihre Finger mit seinen und hielt ihn fest.

„Wenn ich muss, ja, dann werde ich das“, antwortete Kade.

Der große Tyrann schnaubte – fast wie ein Schwein –, ließ Charlie dann aber los.

Kade nickte. „Danke …“

Sofort stürzte sich Andrew auf ihn und stieß ihn hart gegen die Brust. Kade flog gegen die schmiedeeiserne Bank und schlug mit der Hüfte auf die Kante. Obwohl ihm der Schmerz durch den Körper schoss, weigerte er sich zu schreien.

Noch schlimmer als der Schmerz war der fassungslose Ausdruck auf Charlies Gesicht.

„Ich bitte dich, Andy!“, rief Richard. „Du musst dem armen Kerl doch nicht wehtun. Er ist nicht ganz auf der Höhe, wie du siehst.“

„Mir geht es gut“, presste Kade hervor, während er sich mühsam aufrichtete.

„Hier, ich helfe dir“, sagte Charlie und bot ihm einen Arm an.

Kade spürte, wie ihm vor Scham die Hitze ins Gesicht stieg. Es war schon schlimm genug, dass er geschubst worden war, aber hielt sie ihn etwa für so schwach, dass er ihre Hilfe brauchte, um aufzustehen?

Er schüttelte den Kopf und richtete sich hastig auf. Niemand schubste einen Kendrick herum und kam damit durch. Kade wusste, dass man sich niemals einem Tyrannen beugen durfte, egal, wie die Konsequenzen aussahen.

Er stellte sich Andrew in den Weg und kniff die Augen zusammen, um dessen grinsendes Gesicht besser sehen zu können. Er versuchte, seinen Blick eiskalt werden zu lassen, so wie er es Nick tausendmal gegenüber Schurken und Dummköpfen hatte tun sehen. Nick war dafür bekannt, Menschen mit seinem kalten, ruhigen Blick einzuschüchtern, und Kade hoffte, dass er dieses Talent geerbt hatte.

Erstaunlicherweise blinzelte Andrew, als wäre er wirklich überrascht. Er starrte Kade an und schien plötzlich unsicher zu sein, was er tun sollte. Für einen wahnsinnigen Moment dachte Kade, er würde sich tatsächlich entschuldigen.

Dann stieß der große Tyrann ein hässliches Lachen aus. „Verpiss dich, Kendrick. Und geh mir aus dem Weg, bevor ich dir deine armselige Fresse einschlage.“

„Nein, verpiss dich selbst“, erwiderte Charlie.

Blitzschnell versetzte sie Andrew einen gezielten Schlag, der ihn direkt auf die Nase traf. Der Junge schrie auf und taumelte zurück, während er sich eine Hand aufs Gesicht presste.

„Du hast mich geschlagen!“, rief er.

Charlie schnitt eine Grimasse und schüttelte die Hand. „Und ich mache es wieder, wenn du uns nicht in Ruhe lässt.“

Dann wandte sie sich an Richard, der sie mit offenem Mund anstarrte. „Richard, bitte bring deinen Bruder zurück ins Haus. Ihm blutet die Nase.“

Blut sickerte zwischen Andrews Fingern hervor, als er seine Nase umklammerte. Der Rest seines Gesichts war vor Wut verzerrt, als er Charlie anstarrte. „Wie kannst du es wagen, mich zu schlagen!“, brüllte er.

Sie zuckte mit den Schultern. „Du hast es verdient.“

Der Junge machte einen Schritt nach vorn, aber Richard griff schließlich ein. „Hör auf“, fuhr er ihn an und packte Andrew am Arm. „Du hast für heute genug Ärger gemacht. Lass uns zurück ins Haus gehen, bevor du dich noch vollblutest.“

Als Richard ihn wegzerrte, warf Andrew einen wütenden Blick über die Schulter. „Das wirst du mir büßen!“, schrie er Charlie an.

„Das bezweifle ich!“, rief sie zurück. Dann drehte sie sich mit besorgter Miene zu Kade um. „Ist alles in Ordnung?“

Er starrte sie einen Moment lang an. „Mir geht es gut. Und dir?“

„Meine Hand tut ein bisschen weh. Ich werde sie kühlen, wenn wir im Haus sind.“

Kade lachte ungläubig. „Wirklich?“

Charlie verdrehte die Augen. „Er ist nicht der erste Junge, den ich geschlagen habe, und er wird wahrscheinlich auch nicht der letzte sein.“ Dann sah sie etwas beunruhigt aus. „Das macht dir doch nichts aus, oder? Wolltest du ihn nicht zuerst schlagen?“

„Das wollte ich eigentlich, aber ich glaube, du bist besser darin als ich.“

„Ich habe wahrscheinlich mehr Übung.“

Dann ließ sie sich wieder auf die Bank fallen und nahm das Buch zur Hand. „Wo waren wir stehen geblieben? Du wolltest mir etwas von deinem Buch erzählen.“ Sie ihn an. „Gluck. Der hat einige berühmte Opern geschrieben, oder? Ich habe noch nie eine Oper gehört. Das würde ich gern einmal machen.“

Kade ließ sich neben ihr nieder und ließ ihre süße, mädchenhafte Stimme auf sich wirken. Er hätte sich schämen sollen, dass er nicht schnell genug reagiert hatte, um sich zu verteidigen, sodass sie eingreifen musste. Aber das tat er nicht. Charlie sah ihn offensichtlich weder als schwach noch als zu hilflos an, um sich gegen einen Tyrannen zur Wehr setzen zu können. Sie sah ihn einfach als … einen Freund.

Und das war großartig.

1. KAPITEL

Kinglas Castle,

Schottland Juli 1828

Kade seufzte, als er dem stechenden Blick des Earl of Arnprior begegnete. Eine verbale Tracht Prügel von seinem großen Bruder stand ihm bevor, und er hatte sich das selbst zuzuschreiben, da er der Dummkopf war, der sich überhaupt erst hatte niederstechen lassen.

Nick stand hinter seinem imposanten Schreibtisch in der ebenso imposanten Bibliothek von Kinglas. Er starrte Kade, der ihm gegenüber in einem der ledernen Clubsessel saß, weiterhin finster an.

„War es wirklich notwendig, mit einer russischen Spionin zu schlafen, um deine Mission zu erfüllen?“, fragte sein Bruder. „Um Gottes willen, Junge. Was hast du dir dabei gedacht, dich in solche Gefahr zu begeben?“

Junge.

Obwohl Kade siebenundzwanzig war und seit Jahren allein durch Europa reiste, war er für Nick und den Rest der Kendricks immer noch das Nesthäkchen der Familie, das mehr Schutz brauchte als alle anderen.

Er tat so, als würde er über die Frage nachdenken. „Hmm, mal überlegen. Ach ja, richtig. Ich dachte, es würde helfen, die Mission der britischen Krone zu erfüllen, wenn ich Marina näherkäme.“

Royal, der neben ihm im Sessel saß, grinste. „Sehr nah, wie es scheint.“

Kade warf seinem anderen Bruder einen bösen Blick zu. Royal hatte sich das Lachen verkneifen müssen, als Kade Nick geduldig die Gründe für seine plötzliche Rückkehr nach Hause an diesem Morgen erklärt hatte. Er hatte auf mindestens einen Tag Ruhe gehofft, aber Nick hatte ihn sofort in die Bibliothek befehligt, wo ihn die obligatorische Befragung und die anschließende Predigt erwarteten.

Die Kendrick-Brüder waren an Vorträge von Nick gewöhnt, da sie alle im Laufe der Jahre immer mal wieder in den Genuss gekommen waren. Alle außer Kade. Er war noch nie vor Nicks Schreibtisch beordert worden oder hatte aus dem Fenster fliehen müssen, um einer donnernden Standpauke zu entgehen. Er war immer der perfekte Kendrick gewesen, derjenige, der nie für Aufruhr sorgte.

„Ich dachte, du wärest auf meiner Seite“, sagte Kade zu Royal.

„Ich bin immer auf deiner Seite, auch wenn du etwas Dummes machst, was in deinem Fall zugegebenermaßen sehr selten vorkommt.“ Royal legte sich eine Hand auf die Brust und sah ihn eindringlich an. „Oh, wie sich die Zeiten geändert haben. Jetzt verführt unser kleiner Junge Opernsängerinnen und russische Spioninnen.“

„Die Opernsängerin war auch die russische Spionin“, erwiderte Kade. „Außerdem habe ich das für König und Vaterland getan, und es war ein notwendiger Teil meiner Arbeit.“

„Und sieh, wie gut es ausgegangen ist“, sagte Nick sarkastisch. „Was diese Spionageangelegenheit angeht, von der keiner von uns bis vor ein paar Tagen etwas wusste, darüber werden wir gleich sprechen. Was ich wissen will, ist, warum du dich dafür entschieden hast, eine so gefährliche Mission ohne unsere Hilfe anzutreten? Was, wenn du schwer verletzt worden wärst oder sogar …“

Getötet.

Nick presste die Lippen zusammen, sichtlich verzweifelt. Kade bekam Schuldgefühle. Das Leben hatte es mit den Kendrick-Männern viele Jahre lang gut gemeint. Glückliche Ehen mit so hübschen wie klugen Frauen, viele Kinder und florierende Geschäfte, die sie alle auf Trab hielten. Zwar gab es gelegentlich Entführungen oder Schmuggeleien, mit denen man sich befassen musste, aber im Großen und Ganzen waren sie alle gesegnet. Früher jedoch war ihr Leben oft tragisch und hart gewesen, was bei allen tiefe Wunden hinterlassen hatte, besonders aber bei Nick. Doch daran hatte Kade nicht gedacht, als er vor zwei Jahren zugestimmt hatte, gelegentlich Geheimdienstaufträge für die Krone zu übernehmen. Er hatte darin lediglich eine spannende Abwechslung zu seinem Leben als Musiker und Konzertpianist gesehen.

Plötzlich überkam ihn eine Welle der Erschöpfung. Die letzten Wochen waren anstrengend gewesen. Seine Mission hatte mit einer nur knapp gelungenen Flucht aus Paris, einem anstrengenden Ritt an die Küste, einer rauen Überfahrt nach Edinburgh und einer langen Kutschfahrt nach Kinglas geendet.

Er verzog entschuldigend das Gesicht und sah Nick an. „Es tut mir leid, dass ich dir Sorgen bereitet habe. Es ist nur ein Kratzer, versprochen.“

Kade wollte nicht zugeben, dass es nur dem größten Glück zu verdanken war, dass er schnell genug hatte ausweichen können, um zu verhindern, ein Messer zwischen die Rippen gerammt zu bekommen. So war die Klinge an seinem Rücken entlanggeglitten, und er war vor einer schweren Verletzung bewahrt geblieben.

Marina zu verführen war zwar nicht der beste Plan gewesen, aber er war überzeugt gewesen, dass ihr Notizbuch in ihrem luxuriösen Hotelzimmer versteckt war. In diesem Notizbuch standen die Namen einiger sehr wichtiger Männer, die sie im Auftrag Russlands erpresste, darunter zwei hochrangige britische Beamte. Es zu beschaffen hatte höchste Priorität.

Marina kennenzulernen war kein Problem gewesen, da sowohl sie als auch Kade an der Pariser Oper auftraten. Die bezaubernde Sopranistin schien sehr daran interessiert gewesen zu sein, Zeit mit ihm zu verbringen, aber irgendwann hatte sie seinen Plan durchschaut. Während er sich also davon überzeugte, dass seine Verführung gut vorankam – ganz zu schweigen davon, dass das Ganze überaus angenehm war –, hatte Marina seinen Untergang geplant.

„Laut Aden war es mehr als nur ein Kratzer“, antwortete Nick. „Und in seinem Brief stand eindeutig, dass du Glück gehabt hast, ohne gravierendere Verletzungen davongekommen zu sein.“

Aden St. George war Chef des Geheimdienstes im Innenministerium. Er war außerdem der Halbbruder von Nicks Frau, was ihn zu einem Familienmitglied machte, und es war daher unwahrscheinlich, dass er Nick in seinem Brief auch nur irgendetwas vorenthalten hatte.

Kade rutschte auf seinem Stuhl hin und her, um den Druck auf seine noch nicht ganz verheilte Wunde zu verringern. „Es war wirklich nicht so schlimm. Glücklicherweise konnte Marina mich nicht verfolgen, weil sie …“

„Nackt war?“, vollendete Royal sarkastisch den Satz.

Kade seufzte. „Ich hatte nur mein Hemd ausgezogen, also war ich im Vorteil. Ich konnte leicht entkommen.“

Er hatte nicht die Absicht zu verraten, dass Marina auch eine Pistole aus ihrem Nachttisch genommen und einen Schuss abgegeben hatte, als er mit Stiefeln und Hemd in der Hand aus dem Zimmer stürmte. Er konnte nur hoffen, dass Aden dieses Detail in seinem Brief ausgelassen hatte.

Nick sank schließlich auf seinen Stuhl. „Guter Gott, was für ein blutiges Durcheinander.“

„Ja, das Blut hat mein bestes Hemd ruiniert“, scherzte Kade, um die Stimmung aufzulockern.

Nick bedachte ihn mit einem finsteren Blick, während Royal nur missbilligend den Kopf schüttelte.

„Hört mal“, sagte Kade, „die Mission war von besonderer Wichtigkeit. Außerdem ist Marina eine talentierte und angesehene Sopranistin. Ich dachte, sie würde lediglich nützliche Informationen an ihre Regierung weitergeben. Wie hätte ich ahnen können, dass sie sich wie eine wahnsinnige Attentäterin auf mich stürzen würde?“

„Ja, und das soll dir eine Lehre sein“, meldete sich Angus plötzlich zu Wort. „Es bringt nichts Gutes, sich mit Franzosen einzulassen, noch dazu mit einer Opernsängerin. Was hast du dir dabei gedacht, dich von so einer hinters Licht führen zu lassen?“

Ihr Großvater war während der gesamten Diskussion ungewöhnlich still gewesen – so sehr, dass Kade vergessen hatte, dass er im Raum war.

Angus saß in seinem Lieblingssessel am Kamin und sah in seinen abgewetzten Stiefeln und seinem schäbigen alten Kilt erwartungsgemäß zwielichtig aus. Mit seinen faltigen Gesichtszügen und seinem weißen Haarschopf begann er, einer Highland-Version von Methusalem zu ähneln, der friedlich seine Pfeife schmauchte.

Aber Granddas Blick hatte immer noch eine Schärfe, die sein Alter Lügen strafte. Er hatte darauf bestanden, bei der Befragung dabei zu sein. Seit Kade ein kleiner Junge gewesen war, hatte Angus ihn behütet wie eine Wölfin ihren einzigen Welpen, und er sah diese Aufgabe offensichtlich nicht als beendet an.

„Marina ist Russin, keine Französin“, sagte Kade. „Und sie hat mich ausgetrickst, weil sie eine sehr gute Spionin ist.“

„Pah.“ Angus stand auf und zog seinen Stuhl zum Schreibtisch, wobei er Asche aus seiner Pfeife verstreute.

Kade sprang auf und zuckte zusammen, da ihn die Wunde schmerzte. „Grandda, lass mich das machen.“

„Ich will nicht, dass du mich wie einen Invaliden behandelst. Der bist nämlich du, und ich will nicht, dass du dich noch mehr verletzt, als du es ohnehin schon bist.“ Angus knallte seinen Stuhl auf den Boden. „Außerdem sind Russen und Franzosen alle gleich, und du solltest nicht mit ihnen herumtändeln.“

„Ich habe nicht mit ihnen herumgetändelt. Nur mit einer, und das aus gutem Grund.“

„Trotzdem erwartet man von einem gefeierten Pianisten nicht, dass er sich auf ruchlose Machenschaften einlässt. Und das gilt besonders, wenn dieser Pianist ein Kendrick ist“, sagte Nick.

„Ich bin kaum der erste Spion in dieser Familie“, gab Kade zu bedenken. „Und darf ich dich daran erinnern, dass ich das Opfer bin. Marina hätte mich fast erstochen, nicht umgekehrt.“

Angus paffte kräftig an seiner Pfeife und blies den Rauch über Kade hinweg. „Wie ich schon sagte, das kommt davon, wenn man mit französischen Opernsängerinnen herumtändelt.“

Argh.

Kade wedelte mit einer Hand vor seinem Gesicht. „Ich soll mich erholen, nicht ersticken.“

Angus ignorierte seinen Protest. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Vicky darüber besonders erfreut sein wird. Du bist ihr Liebling, weißt du, und immer noch ihr kleiner unschuldiger Junge.“

Victoria, Countess of Arnprior, war Kades frühere Gouvernante und in sein Leben getreten, als er sich sowohl körperlich als auch emotional in einer prekären Lage befunden hatte. Sie war schnell mehr als nur eine Lehrerin geworden und liebte und beschützte ihn mit einer unbändigen Loyalität. Der Tag, an dem sie von seiner Gouvernante zu Nicks Frau geworden war, war für alle ein freudiger Tag gewesen, aber zwischen ihr und Kade hatte immer eine besondere Verbindung bestanden.

Jetzt freute sich Kade nicht gerade darauf, seiner Schwägerin gegenüberzutreten. Vicky war heute Morgen im Dorf gewesen und hatte daher seine Ankunft verpasst.

„Ich bin eigentlich ihr Liebling, weißt du“, sagte Nick trocken. „Aber ich verstehe, was du meinst, Grandda. Victoria muss nicht alle schmierigen Details dieser unglücklichen Affäre erfahren.“

Royal zog die Augenbrauen hoch. „Betonung auf ‚Affäre‘.“

„Du bist echt eine große Hilfe“, meinte Kade und verdrehte die Augen.

„Und sie wird nichts Anzügliches erfahren“, befahl Nick streng.

„Victoria ist schon genug verzweifelt, weil du dir unter etwas unklaren Umständen eine fast tödliche Wunde zugezogen hast.“

Kade winkte ab. „Die Wunde war nur leicht entzündet. Braden hat sich darum gekümmert, sobald ich nach Edinburgh zurückgekehrt war.“

Leider hatte sich die leichte Infektion während seiner Reise nach Schottland verschlimmert. Sein Bruder Braden – ein herausragender Arzt – hatte die Wunde gereinigt und Kade widerlich schmeckende Tränke eingeflößt, während er ihm strenge Vorträge über die Dummheit von Musikern hielt, die sich als Spione betätigten. Kade stand Braden näher als jedem anderen Menschen auf der Welt, aber er war mehr als erleichtert gewesen, als er endlich aus der Obhut seines überfürsorglichen Bruders entlassen worden war.

„Braden schrieb, dass du mehrere Tage lang Fieber hattest“, sagte Nick.

Kade zuckte mit den Schultern. „Mir geht es jetzt bestens, es ist nichts passiert.“

Nick schüttelte den Kopf. „Du kannst uns nicht vorwerfen, dass wir uns Sorgen gemacht haben, Kade. Du und Fieber, das war noch nie eine gute Kombination.“

„Ja, genau“, fügte Royal leise hinzu. „Wir würden uns nie davon erholen, wenn wir dich verlieren würden, Junge.“

Da war es wieder, das Markenzeichen der Kendricks. Angst und Liebe verbanden sich zu einer gewaltigen Wirkung und erzeugten beim Adressaten ein Höchstmaß an Schuldgefühlen.

„Ich war seit Jahren nicht mehr krank“, erwiderte Kade. „Und noch einmal: Können wir die Erklärung für Vicky bitte so kurz wie möglich halten?“

Nick nickte zustimmend. „Victoria sollte nur das Nötigste erfahren, besonders in ihrem empfindlichen Zustand.“

Kade hellte sich auf. „Vicky ist wieder schwanger? Das sind großartige Neuigkeiten, Nick. Herzlichen Glückwunsch euch beiden.“

Endlich lächelte sein Bruder. „Danke. Aber sie braucht Ruhe und Erholung, Kade, keine haarsträubenden Geschichten über deine Abenteuer.“

Angus winkte mit seiner Pfeife und verstreute noch mehr Asche auf den Teppich. „Ach, Vicky ist stark wie ein Ochse. Kein Grund zur Aufregung, Junge.“

„Trotzdem“, sagte Nick, „ich will nicht, dass Victoria sich wegen dieser lächerlichen …“

„Victoria weiß bereits alles, auch von Kades Abenteuer mit einer bestimmten Opernsängerin“, sagte eine strenge Stimme hinter ihnen.

Oh, verdammt.

Kade sprang auf und drehte sich um. Seine Schwägerin stand in der Tür, noch immer in Pelisse und Haube, und sah aus, als würde sie jeden Moment auf ihn losgehen und ihm die Ohren langziehen. Aber trotz ihres finsteren Blicks musste er lächeln.

„Hallo, du“, sagte er. „Ich habe gehört, dass Glückwünsche angebracht sind. Die anderen Kinder werden sich gewiss freuen, dass sie einen weiteren Bruder oder eine weitere Schwester bekommen.“

Ihre Mundwinkel zuckten. „Ich vermute, dass ein gewisses Maß an Bestechung notwendig sein wird, um den kleinen Kyle zu besänftigen. Er hat sich ziemlich daran gewöhnt, das Nesthäkchen zu sein.“

„Du wirst ihn um den Finger wickeln, genau wie alle anderen Männer in der Familie“, meinte Kade lächelnd.

Sie zeigte auf ihn. „Glaub ja nicht, dass du mich ablenken kannst, Kade Kendrick. Ich bin sehr wütend über dich.“

Nick ging ihr entgegen. „Du kannst Kade später eine ordentliche Standpauke halten, Liebling. Aber jetzt komm erst mal aus der Zugluft heraus. Ich will nicht, dass du dich erkältest.“

Sie ließ sich von Nick zu einem der Stühle vor seinem Schreibtisch führen. „Nicholas, wir haben Mitte Juli.“

„Dann darfst du dich nicht überhitzen“, entgegnete ihr Ehemann und zuckte mit den Schultern.

„Umarme mich, Vicky“, sagte Kade und streckte die Arme aus.

Sie legte vorsichtig die Arme um ihn. „Bist du sicher, dass es dir gut geht? Nach dem, was Braden gesagt hat, war deine Wunde furchtbar entzündet.“

„Meine Schuld. Es hat in jener Nacht geregnet, und ich bin auf Kopfsteinpflaster ausgerutscht und mit dem Hintern in einer schönen schmutzigen Pfütze gelandet.“

Flach auf dem Rücken und immer noch ohne Hemd, hätte er hinzufügen können. Es hatte höllisch wehgetan, aber das war in jenem Moment seine geringste Sorge gewesen. Nicht erschossen zu werden, hatte ganz oben auf seiner Liste gestanden.

„Übrigens“, sagte er, als er und Vicky sich setzten, „wie hast du von der Opernsängerin erfahren? Aden hat mir versprochen, dir nichts über diesen Teil der … ähm … Situation zu erzählen.“

„Vivien hat mir geschrieben.“

„Natürlich hat sie das“, sagte Kade mit einem Seufzer.

Vivien war mit Aden St. George verheiratet. In Kades Familie gab es keine Geheimnisse, zumindest nie lange.

Nick sah sie entschuldigend an. „Es tut mir leid, dass ich dir nichts gesagt habe, Schatz, aber ich wollte dich nicht beunruhigen.“

Sie verdrehte die Augen. „Hast du wirklich geglaubt, ich würde es nicht herausfinden? Ich weiß immer, wenn etwas mit einem von euch nicht stimmt.“

„Das kann man wohl mit Fug und Recht behaupten“, sagte Angus. „Unsere Sassenach hat eine Nase für Ärger.“

„Das kommt von meiner langjährigen Erfahrung mit den Kendricks“, antwortete sie. „Das spielt jedoch momentan keine Rolle. Es geht jetzt um Kade. Nichts an dieser Geschichte ist erfreulich.“

Kade nahm die Hand seiner Schwägerin und sah ihr besorgt in die Augen. „Ich wollte euch wirklich keine Sorgen bereiten.“ Er warf Nick einen Blick zu. „Keinem von euch.“

Sein Bruder nickte. „Ich weiß, Junge, aber wir machen uns Sorgen.“

Kade riss die Augen auf und tat überrascht. „Wirklich? Das habe ich gar nicht bemerkt. Aber von nun an werde ich mich ganz auf meine Musikkarriere konzentrieren. Meine Tage als Spion sind gezählt.“

„Ausgezeichnet“, sagte Nick. „Du musst ein Konzert vorbereiten, und ein Sonderauftrag des Königs ist nicht zu verachten.“

Das war ihm nur allzu bewusst, denn die verdammte Angelegenheit bereitete ihm große Schwierigkeiten. Aus irgendeinem Grund fiel ihm das Komponieren nicht so leicht wie sonst.

„Und Braden ist sicher, dass deine Verletzung deine Spielfähigkeit in Zukunft nicht beeinträchtigen wird?“, fragte Vicky.

Kade nickte. „Es ist nur eine Frage der Zeit und der richtigen Erholung. Bis Mitte Herbst sollte ich wieder voll einsatzfähig sein.“

„Dann keine langen Übungsstunden, Kade. Ich kenne dich, und wenn es sein muss, schließe ich das Musikzimmer ab.“

„Ja, Mutter“, antwortete er trocken.

„Du schrecklicher Junge. Aber wie Nicholas schon sagte, kannst du diese Ruhepause nutzen, um an deinem Konzert zu arbeiten. Kinglas ist die perfekte ruhige Umgebung. Niemand wird dich im Geringsten stören.“

Eigentlich würden ihn alle stören. Seine Familie würde wie ein Haufen nervöser Hühner um ihn herumschwirren und ihn innerhalb einer Woche in den Wahnsinn getrieben haben.

„Ich hoffe aber, dass du dich nicht langweilst“, fügte Vicky hinzu. „Dein Leben ist so glamourös, dass wir im Vergleich dazu wie ein altmodischer Haufen wirken müssen.“

„Tourneen sind nicht so aufregend. Meistens ist es nur Arbeit und man verbringt zu viel Zeit in Kutschen und wird auf schlechten Straßen durchgeschüttelt.“

Vicky lächelte ihn neckisch an. „Vivien sagte, du bist sehr beliebt und die Hälfte der Damen in Europa sei in dich verliebt.“

Kade winkte ab. „Wahrscheinlich nicht mehr als ein Drittel.“

„Kade Kendrick, ich habe nur Spaß gemacht!“

Er lachte. „Ich auch. Und ich muss mich offensichtlich mal mit Vivien unterhalten. Sie plaudert zu viel aus dem Nähkästchen.“

Vicky tätschelte ihm die Hand. „Du warst immer der liebste und bravste Kendrick, also bin ich mir sicher, dass diese Berichte übertrieben sind.“

„Kade würde niemals etwas tun, was die Familie in Verlegenheit bringen könnte“, verteidigte Angus seinen Enkel voller Inbrunst. „Aber er wird langsam alt. Ich denke, es ist Zeit, dass der Junge sich niederlässt. Eine nette Frau findet und heiratet.“

„Ausgezeichnete Idee, Grandda“, sagte Nick und nickte nachdrücklich.

„Ich werde nicht alt“, sagte Kade. „Und ich bin zu beschäftigt, um mich niederzulassen.“

„Das denkst du nur, weil du noch nicht die Richtige getroffen hast“, entgegnete Nick. „Apropos …“ Er warf seiner Frau einen vielsagenden Blick zu.

Vicky lächelte Kade an. „Jetzt, da du wieder zu Hause bist, mein Lieber, dachten wir, es wäre schön, einen Ball zu deinen Ehren zu geben. Es gibt einige reizende junge Ladys in der Nachbarschaft. Die Davenport-Schwestern zum Beispiel.“

Kade lief ein Schauer über den Rücken. „Danke, aber ich habe wirklich keine Lust auf Gesellschaft. Ich muss ein Konzert ­schreiben.“

„Ja, die Davenport-Mädchen“, meldete Angus sich wieder zu Wort. „Die beiden würden dir ordentlich einheizen. Ihr Vater ist außerdem steinreich.“

Nick schenkte Kade ein ermutigendes Lächeln. „Die Davenport-Mädchen sind beide sehr hübsch. Ich bin sicher, sie würden sich sehr freuen, Zeit mit dir zu verbringen.“

Kade stellte sich eine Reihe schrecklicher gesellschaftlicher Anlässe vor, die alle darauf abzielten, ihn in die Arme einer von einem Kendrick ausgewählten jungen Frau zu treiben.

Er versuchte, nicht völlig entsetzt zu wirken, und sah Royal flehend an.

Sein Bruder rieb sich mit einer Hand über den Mund, als wollte er ein Lachen unterdrücken, antwortete aber mit seiner üblichen Loyalität. „Anstatt den armen Jungen zu einer Reihe öder gesellschaftlicher Veranstaltungen zu schleppen“, sagte Royal, „wie wäre es mit einem Aufenthalt in Cairndow? Frische Luft, die Berge, die Ruhe auf dem Land, das ist es, was Kade braucht. Nicht ein Haufen alberner Mädchen, die ihm hinterherzwitschern.“

„Falls du es nicht bemerkt hast“, sagte Nick, „Kinglas ist das Land. Außerdem würde ich Kade niemals irgendwohin schleppen. Ich würde ihm lediglich ein paar Ausflüge vorschlagen, die ihm gefallen könnten.“

„Du würdest mich auf jeden Fall mitschleppen, egal, ob ich will oder nicht“, erwiderte Kade und schüttelte den Kopf.

„Cairndow ist im Vergleich zu Kinglas das Ende der Welt“, sagte Royal. „Es ist so abgelegen, dass sogar ich mich manchmal verritten habe.“

Victoria spottete: „Jetzt bist du albern. Cairndow liegt nur einen Tagesritt nördlich von Kinglas, wenn überhaupt. Es ist allerdings sehr ruhig dort.“

Cairndow war das kleine, aber gepflegte Anwesen, das Royals Frau Ainsley von ihrer Großtante geerbt hatte. Es war ein eher altmodischer Ort, aber dennoch gemütlich und einladend. Und im Gegensatz zu seinen übrigen Verwandten interessierte sich Ainsley nicht im Geringsten für Heiratsvermittlungen. In Cairndow würde man Kade in Ruhe lassen, damit er an seinem Konzert arbeiten konnte.

„Das klingt perfekt“, sagte er dankbar zu Royal.

Nick runzelte die Stirn. „Aber du bist gerade erst angekommen, Kade. Möchtest du nicht mehr Zeit mit uns verbringen?“

„Doch, natürlich, aber …“

„Ainsley erwartet mich erst Ende der Woche“, unterbrach Royal ihn und sah Nick an. „Du kannst ein paar Tage mit Kade verbringen, dann bringe ich ihn nach Cairndow, damit er sich richtig ausruhen kann.“

„Nun, wenn du dir sicher bist“, sagte Victoria zweifelnd zu Kade.

„Ich bin mir absolut sicher“, antwortete er. „Ich muss an meinem Konzert arbeiten, Vicky. Ich will den alten Mann nicht enttäuschen, weißt du.“

Der „alte Mann“ war der König von England, Vickys leiblicher Vater.

Sie blinzelte ein paarmal. „Du hast vollkommen recht. Es wäre in der Tat schrecklich, ihn zu enttäuschen.“

„Wirklich entsetzlich.“

„Dann ist alles geklärt“, sagte Royal. „Auf nach Cairndow.“

Nick sah Kade einen Moment lang an, als würde er überlegen, ob er widersprechen sollte, zuckte dann aber mit den Schultern. „Ich denke, es ist das Beste so. Wir können einen Ball für dich veranstalten, wenn du zurückkommst, bevor du nach Glasgow aufbrichst. Dann kannst du die Davenport-Mädchen kennenlernen.“

Oder auch nie.

„Auf jeden Fall“, sagte Kade.

Angus steckte seine Pfeife in seine Weste und rappelte sich auf. „Dann werde ich mich besser um unsere Medizin und so kümmern. Wir wollen doch nicht mit heruntergelassenen Hosen in der Pampa erwischt werden.“

Kade runzelte die Stirn. „Grandda, wovon redest du?“

„Ich komme natürlich auch mit nach Cairndow. Jemand muss sich um dich kümmern.“

„Danke, aber ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen. Du brauchst dich nicht um mich zu kümmern.“

„Und in Cairndow gibt es Ärzte“, sagte Royal.

Angus spottete: „Pah. Von jetzt an werde ich mich um unseren Kade kümmern. Ich kenne euch alle besser als mich selbst, und ich werde unseren Jungen nicht ohne mich durch die Gegend ziehen lassen, so empfindlich, wie er ist.“

Kade starrte seinen runzligen Großvater an, der ihm kaum bis zur Schulter reichte. „Grandda, ich bin nicht aus Paris geflohen, damit du mich mit deinen ominösen Mixturen umbringst.“

„Keine Aufregung, mein Sohn“, sagte Angus in nachsichtigem Ton. „Deine Familie weiß, was das Beste für dich ist, besonders ich.“

Vicky nickte. „Das stimmt. Du brauchst Ruhe, Kade. Ich denke, du solltest Angus deine Schulter ansehen lassen und dann ein kleines Nickerchen machen. Klingt das nicht perfekt?“

Angus rieb sich die Hände. „Ja, das ist die Lösung. Ich hole meine Utensilien und treffe dich und Kade oben im Schlafzimmer des Jungen. Unser Braden hat zweifellos sein Bestes gegeben, aber die alten Methoden sind immer noch die besten.“ Er klopfte Kade auf die Schulter. „Keine Sorge, Junge. Wir bringen dich im Handumdrehen wieder auf die Beine.“

„Ich bin schon wieder auf den Beinen“, protestierte Kade.

Royal verzog das Gesicht. „Und niemand braucht dein Höllenzeug, Grandda. Im Ernst.“

Angus stieß Royal mit einem knorrigen Finger gegen die Nase. „Ho, keine Frechheiten, Junge. Bei Kades empfindlicher Konstitution sollten wir kein Risiko eingehen. Unter meiner Aufsicht wird er keinen Rückfall erleiden.“

„Unter meiner auch nicht“, erklärte Vicky entschieden.

Kade seufzte innerlich. Plötzlich schien ihm Paris gar nicht mehr so ein schlechter Ort zu sein.

2. KAPITEL

Als ihre Kutsche an den letzten verstreuten Häuschen vorbeifuhr, bot sich ihnen ein spektakulärer Ausblick. Loch Leven mit seinem hell glitzernden Wasser bildete einen starken Kontrast zu den schroffen Gipfeln, die sich am gegenüberliegenden Ufer erhoben.

„Das ist das letzte Stück von Glencoe“, sagte Kade. „Nur noch ein paar Meilen bis Ballachulish, dann sind wir fast da.“

Ainsley blickte von ihrer Zeitschrift auf. „Gott sei Dank, ich habe genug davon, einen verdammten Hügel nach dem anderen heraufzurumpeln, während ich die ganze Zeit darauf warte, dass die Kutsche in ein mörderisches Moor kippt.“

„Stimmt“, antwortete Kade mit einem Lächeln. „Ich dachte schon, die Serpentinen auf dem Black Mount würden uns das Leben kosten.“

Sie schauderte. „Gott, erinnere mich nicht daran.“

Royal, der neben Ainsley saß, tätschelte ihr das Knie. „Du musst zugeben, dass die Aussicht spektakulär war.“

Ihre Tochter Tira seufzte dramatisch. „Rannoch Moor sah wirklich unheimlich aus. Schade, dass außer mir niemand dort anhalten und nach Geistern Ausschau halten wollte.“

„Ich hätte angehalten“, sagte Kade zu der Zwölfjährigen, die sich zwischen ihn und Angus gekuschelt hatte. „Aber deine Mama hat ihr Veto eingelegt.“

„Entschuldige bitte, dass ich nicht wollte, dass meine Tochter – oder du – in ein möglicherweise verfluchtes Moor fällt und nie wieder gesehen wird“, antwortete Ainsley sarkastisch.

Tira verdrehte die Augen mit der ganzen Dramatik ihrer Jugend. „Mama, ich wäre nie so dumm, in ein Moor zu fallen. Und selbst wenn, würde Papa mich retten.“

Royal beugte sich vor und tippte seiner Tochter auf die Nase. „Da kannst du dir sicher sein. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich Onkel Kade retten könnte. Er ist so groß, dass er direkt auf den Grund sinken würde und für immer verschwunden wäre.“

„Du würdest mich retten“, sagte Kade. „Sonst würde ich zurückkommen und dich heimsuchen.“

„Du würdest mich zweifellos mit deinen Interpretationen düsterer Sonaten trübsinniger Komponisten quälen.“

„Oder vielleicht würde ich anfangen, Dudelsack zu spielen, und dich völlig in den Wahnsinn treiben.“

„Dafür haben wir schon Grandda“, scherzte Royal.

Angus stieß seinen Enkel in den Oberschenkel. „Sei nicht albern. Ich spiele fast so gut Dudelsack wie Kade Klavier. Hast du unseren Auftritt in Kinglas letztes Weihnachten vergessen?“

„Ich glaube nicht, dass irgendjemand diese besondere Darbietung jemals vergessen könnte“, erwiderte Kade ironisch.

Obwohl Angus wahrscheinlich der schlechteste Dudelsackspieler Schottlands war, war der alte Mann nach wie vor davon überzeugt, ein Virtuose zu sein.

Royal seufzte. „Mein Gehör wird nie mehr dasselbe sein.“

„Ihr seid alle Banausen“, brummte Angus.

„Ich finde es immer noch schade, dass wir nicht nach Geistern gesucht haben in dem Moor“, sagte Tira mit kindlicher Hartnäckigkeit. „Wir haben keine Geister in Cairndow, nicht einmal in Kinglas. Das ist so langweilig.“

„Vielleicht gibt es in Laroch Manor ein oder zwei Geister“, sagte Kade. „Wir können uns ein bisschen nach ihnen umsehen, wenn du möchtest.“

Tira drehte sich auf ihrem Sitz um und blickte ihn mit hoffnungsvollen blauen Augen an. „Glaubst du wirklich, Onkel Kade? Das wäre so toll.“

„Nach dem, was deine Mutter erzählt hat, ist das Haus in seinen Ursprüngen uralt. Da muss es doch ein oder zwei Geister geben.“

„Wenn du Geister sehen willst“, sagte Angus, „sollten wir nach Glencoe fahren und unseren Respekt erweisen. Ich bin sicher, die armen Seelen deiner ermordeten Verwandten würden sich über einen Besuch freuen.“

„Grandda, wir nehmen an einer Feier teil, weißt du noch?“, sagte Royal. „Wenn wir an einem Ort herumtrampeln, an dem ein Massaker stattgefunden hat, kommen wir kaum in die richtige Stimmung für eine Familienhochzeit.“

„Es ist ja nicht so, als hätten Kade und ich etwas zu sagen gehabt, ob wir zu dieser blutigen Hochzeit gehen wollen oder nicht“, erwiderte Angus empört. „Ainsley hat uns einfach keine Wahl gelassen. Und unser Kade ist gerade in einer so labilen Verfassung, wie du weißt.“

Ainsle...

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