Romana Extra Band 171

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VERFÜHRT AN IRLANDS WILDROMANTISCHER KÜSTE von BETTY SUMMERS

Journalistin Kitty kämpft in ihrem Heimatort an der irischen Westküste um die Existenz der Lokalzeitung. Kann sie Medienmogul Kian Masterson mit Charme davon überzeugen, zu investieren? Doch die verbotene Anziehung zwischen ihnen droht ihren raffinierten Plan zu durchkreuzen …

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  • Erscheinungstag 11.04.2026
  • Bandnummer 171
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539289
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Betty Summers, Nina Milne, Lela May Wight

ROMANA EXTRA BAND 171

Betty Summers

1. KAPITEL

Mit zittrigen Händen versuchte Kitty McAllister ihre widerspenstigen blonden Locken zu einem Zopf zu flechten. Aus dem Badezimmerspiegel sah ihr eine hübsche junge Frau entgegen, und obwohl sie ihr Spiegelbild natürlich kannte, kam ihr das Gesicht, das ihren Blick mit zusammengekniffenen Lippen und kleiner Sorgenfalte zwischen den Augenbrauen erwiderte, heute irgendwie fremd vor.

Zu kirschrot waren die Lippen, zu auffällig ihr Augen-Make-up, und auch der streng nach hinten gekämmte Zopf war ungewohnt. An den meisten Tagen hatte sie weder Zeit noch Lust, ihre Lockenmähne zu bändigen.

Heute war aber nicht irgendein Tag. In wenigen Minuten würde es an der Tür klingeln und sie würde dem Mann gegenüberstehen, der ihr zukünftiges Leben in der Hand hielt. Nicht nur ihre eigene Zukunft stand auf dem Spiel, auch die ihres Vaters, die seines Lebenswerkes, eigentlich die der ganzen Kleinstadt.

Ihr Vater Harold McAllister war Inhaber und Chefredakteur der Tageszeitung ihres Heimatortes Castleport, einer beschaulichen Kleinstadt an der irischen Westküste. Harold führte das von ihrem Urgroßvater gegründete Tageblatt in dritter Generation und war selbst eine lokale Berühmtheit.

Doch so abgelegen und kuschelig der kleine Fischerort Castleport auch sein mochte, selbst hier gingen die Leute mit der Zeit. Mit dem stetig wachsenden Angebot überregionaler Zeitungen, auf deren Berichte die Einwohner des Ortes auch über ihre Computer und sogar ihre Mobiltelefone Zugriff hatten, konnte der Castleport Daily einfach nicht mithalten.

So sanken zunächst die Einnahmen der kleinen Zeitung, dann die Auflage, und schließlich musste ihr Vater fast alle seiner Mitarbeiter entlassen. Als harter Kern übrig geblieben waren nur noch Harold selbst, sie und Mark. Mark war ursprünglich lediglich als Fotograf für Zeitung tätig gewesen, nutzte mittlerweile jedoch seine Rugbybegeisterung, um in unbezahlten Zusatzschichten den Sportteil des Castleport Daily zu versorgen. Außerdem war er ihr bester und auch einzig enger Freund – für Freundschaften außerhalb des Arbeitsplatzes fehlte ihr als einzige angestellte Redakteurin einfach die Zeit.

Mittlerweile war es fast zwei Wochen her, dass sie von ihrem Schreibtisch im Dachgeschoss aufgeschreckt war, weil sie ihren Vater im Erdgeschoss fluchen gehört hatte. Das Großraumbüro in Hafennähe, das über fünfzig Jahre lang als Redaktion des Castleport Daily gedient hatte, hatte er schon vor einem halben Jahr zu einem Spottpreis verkaufen müssen. Kitty hatte ihm die Enttäuschung damals deutlich ansehen können, doch geflucht hatte er nicht. Ihr Vater war immer ein Optimist gewesen, der stets bis zum bitteren Ende an eine positive Wendung glaubte.

„Unser Wohnzimmer ist sowieso ein viel gemütlicherer Arbeitsplatz. Außerdem können wir uns so noch früher am Morgen an die Arbeit machen“, hatte er gesagt und ihr dabei aufmunternd auf den Rücken geklopft.

Dass sie ihn an diesem Mittwochnachmittag laut fluchen hörte, konnte daher nichts Gutes bedeuten. Irgendetwas musste passiert sein, etwas, das noch schlimmer war als der Verlust der meisten seiner Mitarbeiter und seiner Büroräume. Es musste wirklich dramatisch sein, um Harold McAllister ein Schimpfwort zu entlocken.

„Ist alles in Ordnung, Daddy?“, hatte sie gerufen, als sie die hölzerne Treppe vom Dachboden hinuntergeeilt war.

Er hatte am Esstisch gesessen, über mehrere vor ihm ausgebreitete Dokumente gebeugt. Seine Stirn war von tiefen Sorgenfalten durchzogen gewesen, und zwischen Daumen und Zeigefinger hatte er seinen grauen Schnauzbart gezwirbelt.

„Wir sind verloren.“ Seine Stimme zitterte.

Sofort war sie auf ihn zugegangen, um ihn tröstend in den Arm zu nehmen.

„Es ist bestimmt nicht so schlimm. Was ist denn überhaupt passiert? Hat wieder jemand sein Abo gekündigt?“

„Viel schlimmer. Es geht um diesen Schnösel vom Great Ireland Watcher, dem Onlinemagazin. Er will uns aufkaufen!“

Entsetzt hatte Kitty ihn angesehen, doch er war ihrem Blick ausgewichen.

„Aber … du wirst das Angebot doch wohl nicht annehmen? Es geht schließlich um unser Familienerbe! Und um Castleport! Was versteht irgendein Großstadt-Snob schon von unserem Leben in der Kleinstadt?“

„Leider muss ich, Liebling.“ Er hatte ihre Hand auf seiner Schulter getätschelt. „Ich habe nachgerechnet. Wir sind zu hoch verschuldet, um abzulehnen.“

Der Schnösel hieß Kian Masterson und war ein aufstrebender Wirtschaftsmogul aus Dublin, der es sich zum Ziel gemacht hatte, die Presse in Irland zu revolutionieren.

So stand es zumindest auf seiner Website, auf der neben Selbstlob hauptsächlich verschiedenen Fotos des jungen Unternehmers zu sehen waren, auf denen er in dunklen Anzügen in die Kamera strahlte.

Er sah gut aus, das musste man ihm lassen – aus welchem Grund er seinen Traum unbedingt in Castleport in die Tat umsetzen musste, leuchtete ihr allerdings nicht ein. Warum sollte ein so erfolgreicher Unternehmer ausgerechnet eine kurz vor dem Ruin stehende Lokalzeitung aufkaufen?

Fakt war jedoch, dass der Geschäftsmann mit dem Zahnpastalächeln in diesem Moment auf dem Weg zu ihrem kleinen Cottage war, um die Kaufabwicklung zu besprechen.

Ihr Vater und Mark waren nicht da, sie hatten kurzfristig in den Nachbarort fahren müssen, um über einen Unfall beim jährlichen Fischerfest zu berichten. Die beiden waren so hektisch aufgebrochen, dass Harold fast vergessen hatte, ihr eine Vollmacht für seine Vertretung bei den Vertragsverhandlungen auszustellen. Gerade noch rechtzeitig hatte sie ihn daran erinnert.

Der Zufall, dass sie ausgerechnet an diesem Tag ihren Vater vertreten musste, kam ihr nicht ungelegen – während Harold innerlich bereits aufgegeben hatte, wollte sie für den Castleport Daily kämpfen.

Noch sah sie eine Chance, den Mann aus der Großstadt von ihrem Anliegen zu überzeugen: Schließlich war er so reich, dass er eine rettende Investition in die Zeitung von seinem Kleingeld bezahlen konnte.

Sie musste jedoch zugeben, dass seine Biografie und die Bilder auf seiner Website sie ein wenig eingeschüchtert hatten. Anscheinend hatte er sein Wirtschaftsstudium als Bester seines Jahrgangs abgeschlossen und besaß Immobilien in ganz Irland. Sein breites Lächeln war einschüchternd, jedoch auch irgendwie … anziehend.

Das für sie ungewohnte Make-up hatte sie ausgewählt, um möglichst professionell zu wirken. Dazu hatte sie ihre nobelsten Klamotten aus dem Schrank geholt: eine schwarze, Figur umschmeichelnde Stoffhose und eine hellblaue Bluse. Sie war gerade dabei, die Knöpfe der Bluse zu schließen, als die Türglocke sie schrill und unüberhörbar auf Besuch aufmerksam machte.

„Mist!“ Sie warf einen Blick auf die hölzerne Standuhr in der Ecke des Zimmers, während ihre Hände noch immer damit beschäftigt waren, Knöpfe und Knopflöcher zusammenzubringen. „Der Kerl ist fünf Minuten zu früh!“

Gehetzt stolperte sie die Treppe hinunter, hielt vor der Haustür noch einmal kurz inne, um Luft zu holen, legte schließlich die Finger um die kühle Messingklinke und öffnete ihm.

Der Mann, der auf ihrer Türschwelle stand, sah noch besser aus, als die Fotos auf seiner Website es versprochen hatten. Er war groß, hatte einen akkuraten Haarschnitt und steckte wie auf den Fotos im Internet in einem maßgeschneiderten Anzug. Als er den Mund zu einem breiten Lächeln öffnete, kamen strahlend weiße Zähne zum Vorschein.

„Kian Masterson“, sagte er selbstbewusst und streckte ihr die Hand hin, die sie perplex schüttelte. „Sie sind vermutlich nicht Harold McAllister? Zumindest hatte ich mir unter dem Namen jemand anderes vorgestellt.“

„Seine Tochter, Kitty McAllister. Unser Chefredakteur ist heute leider verhindert, ich darf ihn vertreten“, erklärte sie schnell und streckte ihm demonstrativ ihre Vollmacht entgegen. Anstatt das Dokument zu betrachten, glitt Mastersons Blick von ihrem Gesicht zu ihrem Oberkörper. Kitty spürte, wie ihre Wangen rot wurden. Was fiel dem denn ein? Kannte man in Dublin etwa keine Manieren?

„Na ja, wir werden schon miteinander auskommen“, bemerkte Masterson den Blick noch immer auf ihr Dekolleté gerichtet. Anstatt auf eine Einladung zu warten, schob er sich an ihr vorbei ins Haus.

„Übrigens, Ihre Bluse ist schief geknöpft.“

Schockiert blickte Kitty an sich herab. Tatsächlich, die Knöpfe saßen je ein Knopfloch nach unten versetzt! Wie hatte sie das nur übersehen können?

Beinahe schämte sie sich jetzt dafür, dass sie gedacht hatte, Masterson würde ihren Körper betrachten. Tatsächlich war sie kläglich daran gescheitert, sich ordentlich für das Verkaufsgespräch – beziehungsweise das ihrer Hoffnung nach Nicht-Verkaufsgespräch – fertig zu machen. Wie peinlich! Hoffentlich hielt er sie jetzt nicht für einen Trampel. Schließlich saß sein Anzug perfekt und warf keine einzige Falte, als hätte er ihn noch im Auto gebügelt. Und er stand ihm gut …

Stopp, ermahnte Kitty sich. Der Mann, dem sie hier schwärmend hinterhersah, war schließlich der Feind!

Allerdings ein ziemlich gut aussehender Feind, das konnte sie nicht abstreiten.

2. KAPITEL

Diese Frau war anders als seine sonstigen Geschäftspartner, das spürte Kian deutlich. Das lag nicht nur an ihrem Geschlecht – zwar war die Investorenwelt in den Chefetagen nach wie vor hauptsächlich von Männern geprägt, doch ab und zu hatte er es auch mit weiblichen Gegenübern zu tun. Meistens handelte es sich dabei jedoch um eher ältere Damen in Stöckelschuhen, deren strenges Äußeres nur zu gut zu ihrem Geschäftssinn passte.

Diese Kitty McAllister hingegen war jung und hatte etwas Wildes an sich. Während seine Geschäftspartnerinnen in Dublin stets perfekt gestriegelt daherkamen, hatte die Blondine ihm mit schief geknöpftem Hemd die Tür geöffnet, an ihren Füßen augenscheinlich selbstgestrickte Wollsocken anstatt der üblichen High Heels. Ihr Make-up wirkte übertrieben, eher für einen Opernbesuch geeignet als für ein Geschäftsgespräch. Zwar hatte sie sich an einem strengen Zopf versucht, doch aus dem hatten sich einige Strähnen gelöst und kringelten sich auf ihrer Stirn, was fast schon niedlich aussah.

Auch der Ort ihres Verkaufsgesprächs kam ihm seltsam vor. Als er die Adresse ins Navi getippt hatte, hatte er damit gerechnet, es würde ihn zu einem Bürokomplex führen – nicht zu einem gemütlichen Cottage aus Stein mit buntgemusterten Gardinen in den Fenstern und Primeln in den Blumenkästen. Der Ort hatte Charme, aber in erster Linie kam ihm das Ganze fürchterlich unprofessionell vor.

„Gemütlich haben Sie es hier“, sagte er und blickte sich im Flur des alten Gemäuers um. Private Kinderfotos hingen über einem Schuhregal, das völlig vollgestopft war. Jedoch sah er darin nicht ein einziges Paar Absatz- oder Lackschuhe. Dafür zahlreiche Flipflops, Gummistiefel und matschverschmierte Turnschuhe. Es musste sich um das Eigenheim seiner Gastgeberin handeln, nicht wie erwartet um die Redaktion des Magazins, dessentwegen er hier war.

Amüsiert wollte er sich aus dem Flur in das anschließende Wohnzimmer begeben, als er von McAllister zurückgepfiffen wurde.

„Die Schuhe bitte ausziehen!“, forderte sie ihn mit einer gewisse Strenge in der Stimme auf.

„Oh, Entschuldigung“, sagte er schnell und begann, die Schnürsenkel seiner glänzenden Schuhe zu entknoten. Ihm war etwas mulmig zumute bei dem Gedanken, sich nur in Socken vor seiner neuen Geschäftspartnerin zu zeigen. Es fühlte sich unprofessionell an, schuhlos in irgendeinem Wohnzimmer in der Pampa Vertragsverhandlungen zu führen. Und wenn er eines nicht sein wollte, dann unprofessionell.

„Wollen wir dann übers Geschäftliche reden?“, fragte er und bemühte sich, seine Lippen zu einem Lächeln zu bewegen. Wie üblich gelang es ihm. Mit zwei angehobenen Mundwinkeln schaffte er es eigentlich immer und überall, die Damen um den Finger zu wickeln.

Als er sich zu Kitty McAllister umdrehte, stand die mit vor der Brust verschränkten Armen da und musterte ihn skeptisch. Sie schien ihm nicht zu trauen, doch sie fing sich schnell und schenkte ihm ein Lächeln, das mindestens so aufgesetzt war wie sein eigenes. Nur konnte er es besser verbergen.

„Klar doch“, sagte sie und führte ihn ins Wohnzimmer.

Augenblicklich spürte er die Kälte des Steinbodens unter seinen Füßen.

„Ich kann Ihnen gerne Wollsocken anbieten, falls es Ihnen zu kalt wird. Unsere Nachbarin strickt sie wie eine Weltmeisterin.“

„Nein, danke.“ Kian konnte sich nur schwer davon abhalten, loszuprusten. In seinen eigenen Socken zu verhandeln war schon unprofessionell genug, aber bunte Wollstrümpfe wären einfach nur albern. Seine Kumpels in der Stadt würden sich nicht mehr einkriegen, wenn er ihnen erzählte, dass er seine erste Lokalzeitung in bunten Strümpfen aus Schurwolle gekauft hatte, die irgendeine verrückte Alte aus dem Dorf am laufenden Band produzierte.

Der Esstischstuhl quietschte verächtlich, als Kian ihn zurückschob, um sich darauf niederzulassen. McAllister bot ihm einen Kaffee an, aber er lehnte dankend ab. Diese Verhandlung würde nicht lange dauern. Er wusste um die prekäre finanzielle Lage, in der sich der „Castleport Daily“ befand, und in seiner Aktentasche hatte er einen ausgearbeiteten Vertrag, mit dem er sich die Zeitung fast schon schenken ließ.

Er konnte die stetig sinkenden Leserzahlen bei der jetzigen Unternehmensstrategie gut nachvollziehen, war sich aber sicher, dass er mit seinem Geschäftskonzept den Erfolg des Blattes um einhundertachtzig Grad wenden konnte. Er würde der gelangweilten Stammleserschaft etwas Neues bieten, Artikel, die sich nicht in den ewig gleichen Informationen über diese verschlafene Kleinstadt erschöpften, und sie so wieder an das Produkt binden.

Jedenfalls konnte er sich nicht vorstellen, was man über ein solches Dorf Interessantes berichten sollte. Allerdings musste er zugeben, dass er sich nie sonderlich für das Dorfleben interessiert hatte. Sein Leben spielte sich in der Stadt ab mit ihrer ständigen Abwechslung und dem ewigen Rummel, was keine Zeit für Langeweile ließ.

McAllister musste sich ihrer miserablen Verhandlungsposition bewusst sein. Außerdem wusste sie ja nicht, dass er ein größeres Interesse an dem Kauf hatte, als man ahnen konnte.

Er hatte sich genau überlegt, wie er den Great Ireland Watcher noch größer und erfolgreicher machen konnte, und zwar, indem er den Castleport Daily aufkaufen und ihn in sein Online-Magazin eingliederte. So würde er das Gefühl von Vertrautheit bei den Landbewohnern erwecken, das die überregionalen Konkurrenten nicht bieten konnten. Die Kombination aus ihrem altbekannten Dorfblatt und den zusätzlichen Onlineangeboten würde den Dörflern eine ganz neue Welt des Medienkonsums eröffnen – und er wäre derjenige, der dadurch Profit machen würde.

„Kommen wir zur Sache“, sagte er bestimmt, holte den dicken Packen Dokumente aus seiner Tasche und platzierte ihn auf dem Esstisch. „Sie können das gerne einmal durchlesen, wenn sie möchten. Ich bin aber überzeugt davon, dass Sie mit allen Konditionen einverstanden sein werden.“

Selbstverständlich hoffte er, dass sie aufs Lesen verzichtete. Am liebsten wäre er schon wieder zurück auf der Schnellstraße, den unterschriebenen Vertrag neben sich auf dem Beifahrersitz.

Zu seiner Enttäuschung zog die Redakteurstochter den Blätterstapel zu sich und begann, den Text auf der ersten Seite zu studieren, wobei sie die Stirn in Falten legte.

„Da ist ein Fehler“, bemerkte sie und sah ihn vorwurfsvoll an. „Dort steht Gerald McAllister. Mein Vater heißt aber Harold.“ Konzentriert blätterte sie weitere Seiten des Vertrages durch. „Hier noch mal.“ Sie schlug die Seite um. „Und hier!“ Eine kurze Pause. „Und hier!“

Als sie am Ende des Stapels angekommen war, sah sie ihn ungläubig und leicht amüsiert an. „Sie haben ein einziges Mal seinen richtigen Namen verwendet. So können wir das unmöglich unterschreiben.“

Kians spürte, dass seine Mundwinkel nach unten gleiten wollten. Stattdessen versuchte er, sie noch ein wenig weiter anzuheben, sodass sein Kiefer jetzt beinahe krampfte.

Wie konnte ihm nur so ein fieser Fehler unterlaufen sein? Und was war mit Shelly los? Er hatte sie doch explizit gebeten, alles Korrektur zu lesen.

„Ein Flüchtigkeitsfehler meiner Sekretärin. Ich werde sie gleich anrufen und das korrigieren lassen.“

„Ihre Sekretärin? Haben Sie den Vertrag etwa gar nicht selbst gelesen?“, stichelte seine angehende Vertragspartnerin.

Wollte die unprofessionelle Blonde ihn etwa absichtlich auf die Palme bringen? „Doch, doch, selbstverständlich. Nur die Kleinarbeit überlasse ich meinen Angestellten.“

Beschämt griff Kian in die Jackettasche seines maßgeschneiderten Anzugs und holte sein Handy heraus. „Sie entschuldigen“, murmelte er, und McAllister nickte ihm wortlos zu.

„Mist!“, fluchte er, als er aus der Tür des kleinen Hauses in den Vorgarten trat. Am liebsten hätte er einem der Blumentöpfe einen Tritt versetzt. Dieser Besuch lief so gar nicht, wie er ihn sich vorgestellt hatte.

Missmutig wählte er die Nummer seines Büros in Dublin.

„Hey Kian, wie läuft es?“, meldete Shelly sich nach nur einem Klingeln.

„Hey Shelly, hör mal, ich muss dich um einen eiligen Gefallen bitten. Du musst dich kurz in die Software zur Vertragsbearbeitung über den Castleport Daily einarbeiten und …“

„Verdammt!“, unterbrach Shelly ihn am anderen Ende der Leitung.

Er hörte, wie sie schnell auf eine Tastatur einhämmerte. Entnervt stöhnte sie auf. Dann schien sie die Fassung zurückzugewinnen.

„Tut mir leid, was wolltest du sagen, Kian?“

Bevor er ihr von seinem Anliegen berichten würde, musste er wissen, was Dramatisches in seinem Büro vor sich ging, das seine sonst immer einen kühlen Kopf bewahrende Sekretärin fluchen ließ. „Ist alles in Ordnung bei dir, Shelly?“

Shelly war eine taffe junge Frau, die ihm so viel unter die Arme griff, dass sie fast so etwas wie eine stellvertretende Geschäftsführerin war. Zumindest wenn er nicht im Haus war, blieb der Großteil der Arbeit und der Verantwortung an ihr hängen. Manchmal fragte er sich, ob er ihr nicht zu viel zumutete.

„Um ganz ehrlich zu sein, nein. Das Computersystem funktioniert schon den ganzen Tag nicht und die IT-Typen scheinen geschlossen krank geworden zu sein, zumindest kann ich niemanden erreichen. Ich versuche schon die ganze Zeit, das System wieder zu starten, aber es klappt nicht! Und ständig klingelt das Telefon und jemand will sich beschweren, weil die Website offline ist und ich … ich komme einfach nicht mehr hinterher!“ Erneut seufzte sie. „Zurück zu dir, worum wolltest du mich bitten?“

Obwohl sie es durch das Telefon natürlich nicht sehen konnte, schüttelte Kian energisch den Kopf. „Hör zu Shelly, ich schicke dir meinen Freund Pauly vorbei, der betreibt ein Technik-Startup. Er kann die Software sicher wieder zum Laufen bringen. Sollte er es hinkriegen, rufst du mich an und ich sage dir, was du für mich tun kannst. Klappt es nicht, rufst du mich auch an und ich komme zurück nach Dublin, um mir die Sache selbst anzuschauen und dir mit den wütenden Anrufern zu helfen. Klingt das gut?“

„Das klingt super, danke, Kian!“

Kian konnte die Erleichterung in ihrer Stimme förmlich hören. Nachdem er das Gespräch mit Shelly beendet hatte, wählte er Paulys Nummer. Glücklicherweise hatte der Zeit und versprach, sich sofort auf den Weg zu machen.

Stirnrunzelnd betrachtete Kian das Handy in seiner Hand. Wieso musste so etwas ausgerechnet passieren, wenn er nicht vor Ort war?

Nachdem er kurz durchgeatmet hatte, ging er zurück ins Haus. Noch auf der Türschwelle verzog er sein Gesicht wieder zu einem strahlenden Lächeln.

„Leider ist unser Computersystem abgestürzt und ich kann den Vertrag nicht sofort überarbeiten lassen. Das Problem sollte aber in wenigen Stunden behoben sein“, erklärte er und zuckte dabei möglichst leger mit den Schultern. „Sobald die Technik wieder funktioniert, werde ich meine Sekretärin bitten, mir die überarbeitete Version des Vertrags zu schicken, und dann können Sie direkt unterschreiben, Mrs. McAllister.“

„Miss“, korrigierte die Blondine ihn schnell, „aber nennen Sie mich ruhig Kitty.“

„Darauf würde ich lieber verzichten“, entgegnete er leicht überrumpelt. Zumindest ein letztes bisschen Professionalität wollte er sich bewahren, indem er Distanz zwischen sich und seiner zukünftigen Geschäftspartnerin wahrte.

Für einen kurzen Augenblick glaubte er, sie aus dem Konzept gebracht zu haben, doch sie fasste sich schnell wieder.

„Warum setzen Sie sich nicht noch mal, Mr. Masterson?“, sagte sie. „Ich habe eine Idee, wie wir die Wartezeit überbrücken können.“

3. KAPITEL

Große Hoffnung, dass er ihren Vorschlag annehmen würde, machte Kitty sich nicht. Dieser Masterson hatte eine harte Schale, und sie war sich nicht sicher, ob sich darunter überhaupt ein Kern verbarg. Vermutlich würde er es ihrer Idee vorziehen, einfach nur im Cottage zu sitzen und über Aktien nachzudenken, oder was auch immer einen Investor wie ihn so interessierte.

„Wir wollen diesen Vertrag natürlich beide so schnell wie möglich unterschreiben …“, begann sie vorsichtig, obwohl es das genaue Gegenteil von dem war, was sie eigentlich wollte. „Aber da wir ja nun gezwungen sind, noch zu warten … Was halten Sie davon, wenn ich Sie ein wenig in Castleport herumführe, bis Ihre Technik wieder funktioniert.“

Er runzelte die Stirn.

„Immerhin wollen Sie doch sicher wissen, was die Leute hier bewegt, wenn Sie bald Inhaber des Castleport Daily sein werden“, schob sie schnell hinterher.

Mastersons Gesichtsausdruck verriet das Gegenteil. Er sah aus, als wollte er das ganz und gar nicht wissen.

„Mit Verlaub, Miss McAllister, das ist für mich nicht wirklich von Interesse. Es geht mir mehr darum, Lokalzeitungen aufzukaufen und die Leserschaft für unser neues überregionales Digitalprojekt, den Great Ireland Watcher, zu gewinnen.“

Kitty war schockiert von dieser arroganten Antwort. Schlimm genug, dass der eingebildete Stadtschnösel ihr das Familienerbe abknöpfen wollte – noch dazu zu einem absolut unverschämten Preis, wie sie den Vertragsunterlagen entnommen hatte –, und jetzt wollte er den Castleport Daily nicht mal weiterführen, sondern hatte es nur darauf abgesehen, die Leserschaft zu übernehmen?

Sie konnte es nicht fassen. Am liebsten hätte sie den arroganten Möchtegern sofort zur Tür rausgeschoben. Doch das hätte nichts geholfen. Sie musste sich zusammenreißen.

„Dann sehen Sie es als kurze Auszeit an“, versuchte sie es weiter. „Ich wette, die frische Landluft tut auch einem eingefleischten Städter wie Ihnen mal gut.“

Kurz glaubte sie, ein flüchtiges Schmunzeln auf seinen Lippen zu erkennen, dann presste er den Mund wieder zu einer schmalen Linie zusammen und schüttelte bestimmt den Kopf.

„Jetzt kommen Sie schon!“ Mittlerweile war sie leicht verzweifelt. „Gehen Sie wenigstens einen Kaffee mit mir trinken. Im Hafencafé gibt es den leckersten Apfelkuchen von ganz Irland! Und Sie wollen doch nicht den ganzen Tag nur im Auto gesessen haben.“

Endlich taute der Eisblock von Mann ihr gegenüber etwas auf.

„Ein Kaffee. Wenn meine Sekretärin mir bis dahin den Vertrag nicht zuschicken kann, fahre ich zurück ins Büro und kümmere mich selbst darum“, sagte Masterson bestimmt.

„Und ein Stück Apfelkuchen! Den müssen Sie einfach probieren. Vorher kann ich Sie leider nicht wieder fahren lassen.“ Lächelnd zwinkerte Kitty ihm zu, und kurz glaubte sie zu sehen, dass sich auch auf seinen Lippen ein Lächeln anbahnte.

Das Hafencafé lag an der kurzen Promenade von Castleport, die in einem Halbkreis an der Bucht entlangführte. Fast sah es so aus, als würden die kleinen Steinhäuser den Atlantik umarmen.

Kian Masterson hatte sich einen guten Tag ausgesucht, um Castleport einen Besuch abzustatten. Es war Ende Juli, und die Sommersonne warf glitzernde Streifen über den blauen Ozean. Der Himmel wetteiferte mit dem Meer darum, wer in makelloserem Türkisblau erschien. Das Wasser lag still in der Bucht, nur ab und zu schlug eine kleine Welle ein wenig Schaum ans Ufer und brachte eine angenehme Brise mit sich.

Kitty und er spazierten in angemessenem Höflichkeitsabstand auf das Café zu, das den Mittelpunkt der Promenade bildete und von großen Blumenkübeln geschmückt wurde.

Masterson hatte beide Hände in die Hosentaschen seiner Nadelstreifenhose geschoben und schlenderte bemüht lässig dahin – so lässig, wie ein Dubliner Jungunternehmer mit Anzugschuhen in einem kleinen Hafenort eben aussehen konnte. Auf der Nase trug er eine dunkle Markensonnenbrille, die so teuer wirkte, dass sie und ihr Vater allein mit dem Geld, das sie gekostet hatte, vermutlich die Einkäufe für einen ganzen Monat erledigen könnten.

„Dort vorne liegt es“, erklärte sie und zeigte auf das kleine Café, an dem ein verschnörkeltes Schild mit der vielversprechenden Aufschrift „Kuchen“ angebracht war. „Die Inhaberin heißt Marty, sie backt den Kuchen nach dem Geheimrezept ihrer Ururoma. So ziemlich alle Geschäfte in Castleport sind seit Ewigkeiten in den Händen derselben Familien – so wie auch der Castleport Daily.“

Prüfend warf Kitty dem breitschultrigen Masterson, der neben ihr ging, einen Blick zu. Ihr Einwurf schien ihn kalt zu lassen.

„Aha“, sagte er knapp und blickte weiter starr geradeaus.

Hinter seinen verdunkelten Gläsern konnte sie keine Gefühlsregung erkennen, doch in seinem Anzug musste er furchtbar schwitzen. Sie wünschte selbst, sie würde wie sonst ein Sonnentop anstelle der blauen Baumwollbluse tragen.

Wobei, vielleicht glich seine Eisklotz-Seele ja die Junihitze aus.

Kitty hoffte, diese Seele mit ein bisschen Kaffee und Kuchen erwärmen zu können.

Marty Everton war eine rundliche Frau Mitte sechzig, die ihrem Beruf mit Leib und Seele nachging. Verschiedenste Törtchen und Cupcakes waren in der Vitrine neben der Theke des Hafencafés ausgestellt. Ihr Kassenschlager war und blieb jedoch der saftige gedeckte Apfelkuchen, der seit über hundert Jahren mit unverändertem Rezept im Hafencafé angeboten wurde.

Als Kitty die blau gestrichene Holztür des Cafés aufzog, schlug ihr und ihrem Begleiter sofort der Duft von warmem Apfel und würzigem Zimt entgegen.

„Kitty!“, rief Marty begeistert und kam auf sie beide zu. „Das ist aber schön, dich zu sehen!“

Herzlich drückte die Frau sie an ihre üppige Brust, dann wandte sie sie sich ihrem Begleiter zu und zog ihn ohne großes Federlesen ebenfalls in eine einnehmende Umarmung.

Steif wie ein Brett ließ Masterson die Begrüßung über sich ergehen, dabei starrte er sie, Kitty, entsetzt an.

„Was für ein Prachtexemplar hast du uns denn hier mitgebracht?“, fragte Marty entzückt und kniff Masterson wie einem kleinen Schuljungen in die Wange.

„Das ist Mr. Masterson, Marty. Er ist hergekommen, um deinen famosen Apfelkuchen zu probieren.“

Unbeholfen streckte der Unternehmer Marty seine Hand entgegen. „Freut mich“, sagte er knapp.

Marty starrte einen Augenblick perplex auf seine Hand und zog Masterson dann erneut in ihre Arme.

„Und hat dein Mr. Masterson auch einen Vornamen?“, fragte sie erwartungsvoll.

„Hat er“, bestätigte Masterson, „Er würde jedoch gerne beim Nachnamen bleiben. Ich bin rein geschäftlich hier. Und ich bin auch nicht Miss McAllisters Mr. Masterson, sondern Mr. Masterson – Dublins erfolgversprechendster junger Unternehmer. Das können sie gerne in der Irish Times überprüfen.“

Mit leichtem Schmunzeln schaute Marty zu ihr und Kitty verkniff sich ein Grinsen.

„Na ja, wie Sie meinen. Dann bringe ich euch zwei Süßen mal zwei Stücke Apfelkuchen. Ich schneide natürlich extra große Stücke ab! Und darf es dazu ein Kännchen Filterkaffe sein?“

„Dieser Kuchen ist wirklich rekordverdächtig!“, bemerkte Masterson, als er seinen Teller genüsslich und in Rekordgeschwindigkeit leerte. Anschließend drehte er sich auf seinem Stuhl um und rief Marty zu: „Noch ein Stück bitte!“

Kitty musste unwillkürlich lächeln. Wenn es um Kuchen ging, verhielt der gestriegelte Geschäftsmann sich wie ein kleiner hungriger Junge. Sogar sein Jackett hatte er endlich abgelegt und saß ihr jetzt in seinem weißen Oberhemd gegenüber, das seine ausgeprägte Brustmuskulatur betonte.

„So etwas findet man in Dublin wohl nicht“, bemerkte sie schmunzelnd und beobachtete, wie Marty ein zweites Stück des saftigen Kuchens vor Masterson platzierte. Sofort machte er sich mit seiner Kuchengabel ans Werk.

„Nein“, gab er zu. „Ich habe aber auch selten Zeit zum Kuchenessen. Ich gehe meist in der Mittagspause ins Fitnessstudio und begnüge mich dann im Büro mit einem Salat.“

Das sieht man, dachte Kitty und musste sich beherrschen, es ihm nicht mitzuteilen.

„Ich habe schon lange geplant, mal ein Porträt über Marty im Castleport Daily zu bringen“, erklärte sie zwischen zwei Bissen Apfelkuchen. „Aber daraus wird nun wohl leider nichts mehr“, fügte sie seufzend hinzu und beobachtete seine Reaktion.

Tatsächlich schien sich etwas in Masterson zu regen. Eine kleine Grübelfalte legte sich zwischen seine akkurat gezupften Augenbrauen. Doch ebenso schnell, wie sie erschienen war, verschwand sie auch wieder.

„Martys Kuchen ist eine nationale Angelegenheit. Ich werde dafür sorgen, dass im Great Ireland Watcher ein Bericht über sie erscheint.“ Er machte eine ausschweifende Handbewegung und fügte hinzu: „Das dürfte auch den Besucherstrom hier ein wenig ankurbeln. Ganz Irland müsste vorbeikommen, um diesen Kuchen zu probieren!“

Tatsächlich war das Café wie leergefegt, abgesehen von ihnen und eine kleine Runde Fischer, die um den großen Ecktisch verteilt saßen. Der Tourismus in Castleport ließ nicht nur zu wünschen übrig, er war praktisch nicht existent.

Erneut drehte Masterson sich zur Theke um. „Ein Stück nehme ich noch!“, bat er und wandte sich dann wieder ihr zu.

„Ich hatte eigentlich eine ganze Porträtreihe im Castleport Daily geplant“, gab sie ihm zu verstehen. „Die meisten Bewohner von Castleport haben ein viel interessanteres Leben, als man denkt.“

„Wer? Die da drüben etwa?“ Stirnrunzelnd nickte Masterson in Richtung der Fischer, die sich lautstark unterhielten und deren Lachen immer wieder den Raum erfüllte.

Wie überzeugt von sich selbst konnte ein Mensch nur sein?

„Zum Beispiel“, erwiderte Kitty matt und überlegte fieberhaft, was sie dem selbsterkorenen Mann von Welt zeigen konnte, um ihn von ihrem Heimatort und der Wichtigkeit des Castleport Daily zu überzeugen.

Am liebsten hätte sie ihn einfach zurück nach Dublin geschickt, damit sie sich nicht länger mit seinem Hochmut abgeben musste. Wenn doch bloß nicht ihr Schicksal in seinen Händen läge! Und – viel schlimmer – auch das Schicksal ihres Vaters hing von diesem Schnösel ab.

Harold McAllister würde seinen Lebensinhalt verlieren, wenn der Castleport Daily nicht mehr existierte.

Masterson hatte gerade den ersten Bissen seines dritten Stücks Kuchen in den Mund geschoben, als sein Handy klingelte. Überrascht starrte er das schrill läutende Gerät an, als hätte er ganz vergessen, dass er einen Anruf erwartete. Hastig schluckte er den Bissen hinunter und nahm das Gespräch an.

„Ja, Shelly? … Wie jetzt, er konnte das System nicht neu starten? Aber er ist doch der Experte!“ Stöhnend strich er sich mit einer Hand durchs Haar und atmete heftig aus. „Nein, nein. Mach dir keinen Kopf Shelly. Du hast dein Bestes gegeben, wie ich dich kenne. Ich komme natürlich sofort zurück. Zusammen finden wir bestimmt eine Lösung.“

Gebannt beobachtete Kitty ihn. Der Anruf schien von seiner Sekretärin zu kommen, und sie hatte offenbar keine guten Nachrichten für ihn.

Obwohl sie sich über diese Erkenntnis eigentlich freuen sollte, war sie viel mehr fasziniert von Mastersons Art seiner Sekretärin gegenüber. Sie hätte ihn als strengen Chef eingeschätzt, der in Krisensituation eher laut wurde und seinen Angestellten gegenüber gerne betonte, wer der Boss war. Doch tatsächlich schien er ein nettes, ja fast freundschaftliches Verhältnis zu dieser Shelly zu haben und sogar eine einfühlsame Seite zu besitzen. Kitty musste sich ein Lächeln verkneifen.

Als er sein Gespräch beendet hatte, schlüpfte Masterson wieder in sein teures Sakko und nickte ihr zu. „Das war sehr lecker. Vielen Dank für den Tipp, Miss McAllister.“ Er erhob sich, dehnte kurz seinen Nacken und streckte seine muskulösen Arme zur Seite, eher in seine Jackettasche griff und sein Portemonnaie hervorzog.

„Leider muss ich jetzt doch zurückfahren. Das am Telefon gerade war meine Sekretärin, die mir mitgeteilt hat, dass unser Computersystem noch immer nicht funktioniert. Das schaue ich mir am besten mal persönlich an.“

Er versuchte gelassen zu wirken, doch an der Anspannung in seiner Stimme merkte Kitty, dass die Situation ihm Sorgen bereitete.

„Wenn es ihnen passt, würde ich morgen Mittag mit dem überarbeiteten Vertrag wiederkommen und wir können den Kauf am frühen Nachmittag abschließen.“

Kitty nickte stumm. Sie war zu überrumpelt, um sofort einen Gegenvorschlag zu machen. Irgendwie würde sie Zeit schinden müssen.

Masterson knöpfte sein Jackett zu, ging auf Marty zu und streckte ihr einen Geldschein entgegen.

„Vielen Dank Mrs. … Marty. Sie sind wirklich eine hervorragende Gastgeberin! Ich werde Sie unter meinen Geschäftspartnern weiterempfehlen. Auch wenn ich leider stark bezweifle, dass es einen von ihnen nach Castleport verschlagen wird …“

„Lass mal stecken, Schätzchen.“ Marty winkte ab. „Für Kitty und ihre Freunde geht Apfelkuchen hier aufs Haus!“

Martys Blick suchte ihren und Kitty sah sie hilfesuchend an.

Zum Glück war Marty geübt darin, die Mimik ihrer Kunden zu lesen, insbesondere ihren, da die Frau sie bereits als kleinen Goldschopf mit Zahnlücken und Sommersprossen gekannt hatte.

„Aber sag mal, du willst uns ja wohl nicht schon wieder verlassen? In drei Tagen beginnt das jährliche Fischerfest hier in Castleport, das würde ich an deiner Stelle nicht verpassen wollen.“

„Vielen Dank für die Einladung, aber ich muss leider ablehnen. Ich muss geschäftlich in die Stadt zurück.“

Schulterzuckend sah Marty ihm nach, als er auf die Tür des Cafés zuging. Sie hatte alles versucht, das musste man ihr lassen, dennoch war Kitty enttäuscht.

Sie spürte einen Knoten im Hals, als sie mit Masterson zu seinem hochklassigen Auto zurückschlenderte, das er vor dem Cottage der McAllisters geparkt hatte.

Unschlüssig blieben sie vor den Türen des schwarz lackierten Schlittens stehen.

„Nun dann“, brach Masterson schließlich das Schweigen.

„Nun dann“, wiederholte Kitty seine Worte. „Bis morgen, Mr. Masterson“, sagte sie und streckte ihm ihre Hand hin.

„Bis morgen, Miss McAllister.“

Sein Händedruck war bestimmt und fest, doch seine Handflächen waren warm und weich. Bei seiner Berührung durchlief Kitty ein angenehmes Kribbeln, und sie hoffte, er bemerkte es nicht.

Es schien nicht so. Ohne eine Miene zu verziehen, ließ Masterson sich auf den Fahrersitz gleiten und zog die Autotür zu. Ein letztes Mal nickte er ihr noch zu, dann startete er den Motor, brauste davon und ließ sie ratlos zurück.

4. KAPITEL

Mit sportlichem Tempo fuhr Kian die kurvigen Küstenstraßen des Ring of Kerry entlang. Immer wieder glitt sein Blick auf den azurblau funkelnden Ozean, der sich zu seiner Linken erstreckte.

Es war schon nach vierzehn Uhr, das hieß, er würde erst abends in der Stadt sein. Hoffentlich hatte Shelly bis dahin nicht endgültig die Nerven verloren. Und hoffentlich würde er vor Ort schnell eine Lösung für das Computer-Problem finden.

Ansonsten könnte er wohl nicht am kommenden Tag direkt nach Castleport zurückzukehren, um das ganze Thema endlich abzuhaken.

Eigentlich hatte er gedacht, den unterschriebenen Vertrag jetzt schon in seinem Dubliner Büro abheften zu können. Stattdessen hatte er mit einer leicht übergeschnappten Blondine Kaffeekränzchen gespielt. Was für eine Zeitverschwendung!

Er musste sich jedoch eingestehen, dass der Apfelkuchen von dieser resoluten Cafébesitzerin wirklich unvergleichbar gut war. Und freundlich war sie, wenn sie seiner Ansicht nach auch ein wenig zu viel Körperkontakt eingesetzt hatte. Auch das Dorf an sich war objektiv betrachtet ganz nett.

Und Kitty McAllister erst …

An dieser Stelle versuchte er, seine bildliche Vorstellungskraft zu stoppen.

Ja, McAllister war hübsch. Sie hatte niedliche Grübchen, wenn sie lächelte, zumindest wenn ihr Lächeln echt war und nicht nur ihre Unsicherheit überspielen sollte. Aber sie war vollkommen unprofessionell und ehrlich gesagt hatte er den Eindruck, sie war sogar ein bisschen übergeschnappt. Außerdem durfte er sich auf dem Weg beim Aufbau seines Medien-Imperiums nicht davon beirren lassen, dass seine angehende Vertragspartnerin ein ganz niedliches Lächeln hatte.

Seufzend trommelte er mit den Fingern seiner linken Hand auf dem Lenkrad, die rechte ließ er lässig aus dem Fenster baumeln und genoss den kühlen Fahrtwind, der ihm entgegenwehte.

So fuhr er bis an die Stadtgrenze von Dublin, wo ihm ein befremdlicher Abgasduft entgegenschlug. Ohne darüber nachzudenken, was er tat, ließ er das Fenster seines Sportwagens per Knopfdruck nach oben fahren. Fast vermisste er die frische Meeresbrise, die er im Hafen von Castleport eingeatmet hatte.

Kitty dachte an diesem Tag noch lange über ihre Begegnung mit Kian Masterson nach. Sie ärgerte sich, dass sie ihn so einfach hatte davonkommen lassen. Sie hätte kämpfen müssen, hätte ihm noch mehr von Castleport zeigen sollen! Doch dafür hatte die Zeit nicht gereicht. Außerdem war dieser Kerl ein so abgehobener Schnösel, dass sie ratlos war.

Wie sollte sie ihn nur davon überzeugen, dass der Castleport Daily wichtig für sie war, wichtig für ihre Familie, aber auch wichtig für die Region? Und vor allem, wie sollte sie bei diesem Eisklotz von einem Mann Empathie wecken?

Falls er überhaupt ein Herz hatte, war es auf die Größe einer Rosine zusammengeschrumpft, wenn sie Glück hatte. Vielleicht eher auf die Ausmaße eines Apfelkerns.

Die einzige Situation, in der er wirklich nahbar erschienen war, war bei dem Telefonat mit seiner Sekretärin gewesen. Doch von diesem Schein durfte sie sich nicht täuschen lassen. Vermutlich lag dahinter einfach nur die Strategie, seine Angestellten durch freundlichen Umgang zu noch mehr Leistung zu motivieren.

Verzweifelt griff Kitty nach ihrem Handy und wählte Marks Nummer. Dieser Fall erforderte Verstärkung. Nach dem ersten Klingeln ging Mark sofort ran. Auf ihren Freund war immer Verlass.

„Was gibt’s?“, fragte er.

Kitty reagierte mit einer Gegenfrage: „Seid ihr schon vom Fischerfest zurück?“

Mark seufzte auf. „Ich bin zurück, ja. Dein Vater hat sich dazu entschieden, über Nacht bei einem Kumpel zu bleiben, den er auf dem Fest getroffen hat.“

Augenblicklich musste Kitty grinsen. Es war jedes Jahr dasselbe. Die Fischerfeste erstreckten sich über drei Wochen und wurden auch in den beiden Nachbarorten ausgetragen. Den Auftakt machte Glenkee im Süden, in der zweiten Woche fanden die Feierlichkeiten in Castleport statt und endeten schließlich in Woche drei im nördlich gelegenen Chapel Cove.

Während dieser drei Wochen im Sommer sah sie ihren Vater kaum. Jede Woche wurde der in die Jahre gekommene Journalist in die Nachbarorte gerufen, um über irgendwelche Vorfälle während der Festivitäten zu berichten. Dort traf er dann immer auf einen oder mehrere alte Bekannte und entschied sich spontan, bei einem von ihnen zu übernachten. Meistens sah sie ihn erst wieder, wenn die Feierlichkeiten vorüber waren.

Kitty war ihrem Vater nicht böse, ganz im Gegenteil. Es war gut, dass er sich von den harten Zeiten ein wenig erholte. Außerdem konnte sie so in Ruhe Kian Masterson bearbeiten, ohne dass Harold ihr dazwischenfunkte oder voreilig den Vertrag unterschrieb.

„Das trifft sich gut“, teilte sie ihrem Freund und Kollegen am anderen Ende der Leitung mit. „Dann komm am besten gleich zu mir. Ich brauche deine Hilfe dabei, einen Schlachtplan zu entwickeln.“

Mark lachte. „Was hast du schon wieder angestellt, meine Liebe?“ Er machte eine kleine Pause und fügte dann, noch immer kichernd, hinzu: „Ich bin in zwanzig Minuten bei dir.“

Achtzehn Minuten später klingelte es an der Tür.

„Wie geht’s dir, Süße?“, flötete Mark und zog sie in eine freundschaftliche Umarmung.

„Keine Zeit für Small Talk!“, erwiderte Kitty und löste sich aus seinen Armen. „Komm mit ins Wohnzimmer, wir brauchen einen Plan!“

Widerspruchslos folgte Mark ihr und ließ sich auf seinen Stammplatz fallen – genau auf den Stuhl, auf dem noch vor wenigen Stunden Kian Masterson gesessen hatte.

„Also, worum geht’s?“, fragte er neugierig. „Arbeitest du wieder an einer komplizierten Reportage?“

Bestimmt schüttelte Kitty den Kopf.

„Ich hatte heute doch das Gespräch mit dem Kaufinteressenten des Castleport Daily.

„Ach, natürlich! Lass mich raten: Du willst den Kaufpreis nach oben treiben?“

„Ich will gar nicht verkaufen“, stellte sie sachlich fest.

Augenblicklich legten sich tiefe Falten auf Marks Stirn.

„Aber Harold hat gesagt, ihr seid dringend auf das Geld angewiesen, und …“

„Pscht!“, unterbrach Kitty ihn schnell und legte ihm ihren Zeigefinger auf die Lippen, ehe er weiterreden konnte. „Lass es mich erst erklären, danach kannst du immer noch versuchen, mich davon abzubringen.“

Doch das tat Mark nicht. Noch bevor sie mit ihren Ausführungen zum Ende gekommen war und erklärt hatte, dass sie Masterson zu einer Investition überreden wollte, begann er, mit nachdenklichem Blick in den Raum zu starren.

Während Kitty eine Sehenswürdigkeit nach der nächsten aufzählte, die sie dem reichen Unternehmer zeigen wollte, um ihn von Castleport und ihrer kleinen Zeitung zu überzeugen, schien Mark weit weg zu sein.

Schließlich reichte es ihr. „Hey, Erde an Mark!“, sagte sie leicht genervt.„Hörst du mir überhaupt zu?“

Er nickte. „Ja, aber dein Plan wird so nicht funktionieren.“

Kitty wollte widersprechen, doch Mark hob beschwichtigend die Hände und fügte schnell hinzu: „Ein Großstadtjunge wie dieser Masterson wird sich nie für unser Fischerdorf interessieren. Solche Dörfer gibt es aus seiner Sicht an den irischen Küsten wie Sand am Meer.“

Er machte eine kurze theatralische Pause und grinste, man sah, dass er seinen eigenen Vergleich für sehr gelungen hielt. Fast musste Kitty mit ihm schmunzeln.

Schließlich fuhr er fort: „Was jedoch einmalig in ganz Irland ist, das bist du! Vielleicht bin ich als dein Freund nicht ganz objektiv, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass du es nicht schaffst, diesem Masterson den Kopf zu verdrehen!“

Kitty lachte verächtlich auf. „Danke mein Lieber, aber nein danke.“

„Warum denn nicht? Versuch es doch wenigstens!“

Widerspenstig verschränkte sie die Arme vor ihrer Brust. Mittlerweile hatte sie die enge Bluse abgelegt und trug eins ihrer legeren Sommertops. „Erstens: Ich glaube nicht, dass ich jemanden dazu bringen kann, sich in mich zu verlieben. Bisher war ich auf diesem Gebiet mein ganzes Leben lang eher unerfolgreich.“

Mark stöhnte auf. „Du bist nur Single, weil du nie jemanden an dich ranlässt und immer nur an deine Arbeit denkst. Halb Castleport war schon in dich verguckt, aber du willst ja nie auf Dates gehen.“

„Zweitens“, fuhr Kitty unbeirrt fort, „kennst du Masterson nicht. Dieser arrogante Wichtigtuer hat nichts anderes im Kopf als sein Geld. Ich habe ihm das ‚Du‘ angeboten, aber das wollte er nicht annehmen! Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er romantisches Interesse an mir hat, wenn er mich noch nicht mal beim Vornamen nennen möchte.“

Mark ließ sich nicht von seiner Idee abbringen. „Dann sieh es als Herausforderung an. Und ganz nebenbei rettest du den Castleport Daily. Meinetwegen kannst du ja trotzdem eine Tour durch die Gegend mit ihm machen, aber versuch wenigstens ein bisschen, deinen Charme spielen zu lassen.“

Allmählich dröhnte ihr der Kopf und sie sah sich nicht in der Lage, weitere Gegenargumente zu suchen. Mark würde sich ja sowieso nicht von seiner Schnapsidee abbringen lassen. Und was sollte es schon schaden? Sie würde Masterson wie geplant die schönsten Stellen der Umgebung zeigen und nebenbei vielleicht ein bisschen mit ihm flirten. Bei einem Mann wie Kian Masterson würde sie sich dazu wohl nicht großartig überwinden müssen …

Problematisch war nur, dass sie eigentlich gar nicht so richtig wusste, wie man flirtete. In ihrem bisherigen Leben war sie – bis auf Mark und ihren Vater natürlich – sehr gut ohne männliche Begleitung ausgekommen.

„Zeig mir mal ein Bild von deinem Auserwählten“, bat Mark und schaute sie mit bemüht unschuldiger Miene an.

Seufzend holte Kitty ihren Laptop und rief Mastersons Website auf.

„Oh, wow!“, war Marks Reaktion auf die studiobelichteten Anzugfotos. „Halt dich lieber ran, sonst schnapp ich ihn mir!“

Er ließ seinen Blick skeptisch an ihr auf und ab gleiten. Kitty hatte die schwarze Stoffhose vom Vormittag gegen ausgewaschene Jeansshorts getauscht. Ihre Füße steckten wie immer in selbstgestrickten Wollsocken – das war das Problem am Leben in einem alten Cottage. Unter dem Steinfußboden gab es keine Fußbodenheizung. Ein Nachteil, den man jedoch leicht mit einem kuscheligen Paar Socken umgehen konnte.

„Für Mastersons nächsten Besuch style ich dich“, sagte Mark, wofür er von ihr einen gar nicht mal so sachten Hieb gegen die Schulter kassierte.

5. KAPITEL

Eine halbe Stunde früher als angekündigt fuhr Kian am nächsten Nachmittag mit seinem schwarzen Sportwagen vor Kitty McAllisters Haustür vor. Er konnte es nicht erwarten, endlich diesen Vertrag unterschrieben zu bekommen, aber irgendwie freute er sich auch darauf, in den kleinen Küstenort zurückzukehren.

Die Überprüfung des Computersystems hatte zwar mehr Zeit gekostet, als er gehofft hatte, aber er hatte alle zur Eile angetrieben. Wenigstens schien wieder alles zu funktionieren.

Jetzt war er einfach nur froh, seinen Zielort erreicht zu haben. Entschlossen ging er auf die hölzerne Tür des kleinen Cottages zu und drückte die Klingel. Durch die Tür konnte er leise Stimmen tuscheln hören.

Ob heute sowohl die junge Miss McAllister als auch ihr Senior anwesend sein würden?

Das wäre vermutlich von Vorteil, immerhin hatte Harold McAllister bei ihrem Telefongespräch vor einigen Wochen deutlich interessierter an seinem Kaufangebot gewirkt als dessen Tochter jetzt. Damals war er überzeugt gewesen, das Geschäft bereits in trockenen Tüchern zu haben.

Als die Tür sich schließlich öffnete, standen zwei Personen in ungefähr seinem Alter dahinter.

Zuerst fiel sein Blick nur auf Kitty McAllister, die wie verwandelt aussah. Ihr hübsches Gesicht war ihm schon gestern aufgefallen, doch jetzt war es deutlich besser in Szene gesetzt. Anstatt des übertriebenen Abend-Make-ups trug sie nur einen leichten Lipgloss und war insgesamt sehr dezent geschminkt, sodass ihre niedlichen Sommersprossen zur Geltung kamen.

Umrahmt wurde ihr Gesicht von den goldenen Locken, die er gestern nur hatte erahnen können. Jetzt fielen sie ihr wallend und ungebändigt über die Schultern. Sie trug ein leichtes weißes Blusenkleid, das zwar schick war, sie dennoch jugendlich wirken ließ. Insgesamt hatte sich ihre Ausstrahlung von möchtegern-professionell um einhundertachtzig Grad zu entspannter Eleganz gewandelt.

Vollkommen unprofessionell, teilte ihm eine Stimme in seinem Kopf dagegen mit. Diese Frau trug ein Sommerkleid zu einem geschäftlichen Anlass! Diese Stimme war aber ganz leise und kam von irgendwo in einer hinteren Ecke seines Verstands.

Erst nach einigen Sekunden des Starrens, das sie hoffentlich nicht bemerkt hatte, schaffte Kian es, seinen Blick von McAllister abzuwenden und den jungen Mann, der hinter ihr im Türrahmen lehnte, genauer zu betrachten.

Er war hochgewachsen, fast so groß wie er selbst, mit akkurat gestutztem Dreitagebart. Er trug ein Leinenhemd und pastellfarbene Shorts.

Wer war das denn? Etwa ihr Freund? Oder gar ihr Ehemann?

Aber wieso sollte sie ihren festen Partner zur Vertragsunterzeichnung mitbringen?

„Mr. Masterson!“, unterbrach McAllister seine Gedanken. „Sie sind aber früh dran.“

„Ich … ja …“, stammelte Kian. Irgendwie war er aus dem Konzept geraten.

„Mark Hamler“, meldete sich der Fremde zu Wort und streckte ihm seine Hand entgegen, die Kian perplex schüttelte. „Ich bin Fotograf und Sportreporter beim Castleport Daily und …“

„… und er muss jetzt leider sofort gehen, denn er hat einen wichtigen Termin“, beendete McAllister den Satz des Fotografen abrupt und sah ihn auffordernd an.

Fast meinte Kian, Enttäuschung im Blick des Mannes zu erkennen.

„Ja, natürlich. Der Termin. Es war ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Mr. Masterson!“

Der junge Mann schüttelte seine Hand erneut, wobei er sie ein paar Sekunden länger umfasste, als nötig gewesen wäre. Dann schlüpfte er in seine Loafers und schob sich an McAllister und ihm vorbei zur Tür hinaus.

Für einen kurzen Augenblick wirkten er und McAllister mit ihrer plötzlichen Zweisamkeit überfordert, dann bat sie ihn ins Haus.

Verunsichert betrachtete Kian die kleine Galerie privater Fotografien, die den Flur schmückte. Tatsächlich entdeckte er gleich auf drei Bildern diesen seltsamen Mark. Auf einem saßen der und McAllister festlich gekleidet nebeneinander und lächelten breit in die Kamera. Beide sahen auf dieser Aufnahme noch deutlich jünger, beinahe jugendlich aus.

Auf einem anderen, aktuelleren Bild waren die beiden vor dem Big Ben in London zu sehen. Mark hatte seinen Arm um McAllister gelegt, die breit in die Kamera grinste. Ihre Grübchen ließen ihr Lächeln besonders strahlend wirken, sie sah sehr glücklich aus.

Das dritte Foto zeigte die beiden neben einem älteren Herrn mit grauem Haar, Schnauzbart und dicken Brillengläsern, dessen hellblaue Augen und breites Lächeln stark an McAllisters Gesichtszüge erinnerten.

Das musste McAllister senior sein, der Mann, dessen Geschäft er aufkaufen wollte und den er bisher nicht zu Gesicht bekommen hatte.

Bei dem ominösen Mark, den er gerade kennengelernt hatte, musste es sich also doch um Kitty McAllisters Freund handeln. Warum sollte er sich sonst morgens aus ihrem Haus schleichen?

Aber vor allem: Wieso beschäftigte diese Frage ihn so sehr? Es konnte ihm doch egal sein, mit wem sich die Leute, deren Geschäfte er aufkaufte, das Bett teilten.

„Das war bei meinem Abschlussball“, erklang plötzlich eine sanfte Stimme hinter ihm.

Über seine Schultern zeigte McAllister auf das erste Foto, auf dem die beiden Jugendlichen in Abendmode zu sehen waren. Sie stand plötzlich so nah bei ihm, dass er ihren warmen Atem auf seinem Arm spürte.

„Ist dieser Mark Ihr fester Freund?“, hörte Kian sich fragen und ärgerte sich augenblicklich über sich selbst. Das ging ihn doch überhaupt nichts an! Wie konnte er nur so unprofessionell sein, seinen Impulsen sofort zu folgen?

„Nein!“ McAllister lachte auf. „Mark ist nur ein sehr guter Freund. Mein bester Freund seit vielen Jahren, um genau zu sein.“ Sie machte eine kurze Pause. „Warum? Würde es Sie etwa stören, wenn er mein Freund wäre?“

Langsam drehte er sich zu ihr um, sodass er direkt in ihre Augen sah. Nur wenige Zentimeter trennten ihre Gesichter voneinander, ihr Atem strich über sein Schlüsselbein. Er hätte sich nur ein wenig nach vorne lehnen müssen, um die Distanz zwischen ihnen zu überwinden und sie zu küssen. Genau das war es, was er in diesem Moment am liebsten wollte, obwohl es völlig irrational war. Verdammt, er kannte sie ja nicht mal wirklich!

Außerdem hatte er beim besten Willen kein Interesse an einem romantischen Verhältnis zu irgendeiner Frau. Das Ende seiner letzten Beziehung hatte ihn ziemlich mitgenommen. Nachdem Amanda ihn mit Seth, seinem Geschäftspartner und damals noch bestem Freund, betrogen hatte, hatte er den Frauen fürs Erste abgeschworen.

Abgesehen davon hatte er auch gar keine Zeit für diesen romantischen Unfug. Er war voll und ganz auf seine Karriere konzentriert, und das sollte auch so bleiben.

McAllister grinste ihm entgegen und mit aller Kraft widerstand er dem Drang, ihr Gesicht in beide Hände zu nehmen und sie an sich zu ziehen.

Bildete er es sich nur ein, oder war diese Frau heute in Flirtlaune?

„Das würde mich selbstverständlich nicht stören“, sagte er mit möglichst fester Stimme. „Ich versuche nur, Small Talk zu machen.“ Mit diesen Worten trat er einen Schritt zur Seite und ließ die Spannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, in sich zusammenfallen.

„Na, dann ist ja alles gut“, erwiderte McAllister.

Es klang schnippisch, doch er hatte das Gefühl, in ihrem Gesicht eine Spur von Enttäuschung zu sehen.

„Also, Sie hatten mir einen überarbeiteten Vertrag versprochen?“, fügte sie nach einer kurzen Pau...

Autor

Nina Milne

Nina Milne hat schon immer davon geträumt, für Harlequin zu schreiben – seit sie als Kind Bibliothekarin spielte mit den Stapeln von Harlequin-Liebesromanen, die ihrer Mutter gehörten. Auf dem Weg zu diesem Traumziel erlangte Nina einen Abschluss im Studium der englischen Sprache und Literatur, einen Helden ganz für sich allein,...

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Lela May Wight
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