Julia Best of Band 303

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EINMAL – UND NIE WIEDER?

Reisen, frei sein und einmal heißen Sex mit einem Fremden: Siennas erster Stopp ist Sydney, wo ihr ein toller Mann über den Weg läuft. Von Rhys weiß sie allerdings viel zu wenig, als sie die Nacht mit ihm verbringt. Erst am nächsten Tag erfährt sie, wer ihr Lover ist …

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Sophy wird von dem reichen Weingutbesitzer Lorenzo Hall so charmant empfangen, dass sie ohne zu zögern einwilligt, für ihn zu arbeiten. Ein Fehler mit unabsehbaren Folgen! Denn ihr mächtiger Boss ist unglaublich sexy, was er ihr bei einem heißen Rendezvous prompt beweist …

COCKTAILS UND HEISSE KÜSSE

An meinem Geburtstag allein an einer Hotelbar, wie typisch für mich, denkt Bella traurig. Doch dann entdeckt sie in dem schummrigen Raum einen sexy Unbekannten, der sie mit Blicken geradezu auszieht. Und noch bevor es Mitternacht schlägt, lädt der Traummann sie in seine Suite ein …


  • Erscheinungstag 11.04.2026
  • Bandnummer 303
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541039
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Natalie Anderson

JULIA BEST OF BAND 303

Natalie Anderson

1. KAPITEL

Sydney – Sonne, Wellen und Shopping. Das Einzige, was fehlte, war der Sex.

Sienna lächelte vor sich hin, als sie über den Strand schlenderte. Unter ihren Füßen brannte der heiße Sand. Sie bahnte sich einen Weg zwischen den faszinierenden Körpern hindurch, um wieder zu dem schmalen Steg zu gelangen. Sollte sie je wieder einen Arzttermin wahrnehmen müssen, dann wäre dies der Rat, den sie auf jeden Fall befolgen würde: eine Woche Urlaub und Erholung. Vorbereitung auf das große Abenteuer. Die erste Woche, in der niemand etwas von ihrer Krankheitsgeschichte wusste. Der neue Anfang, auf den sie länger als ihr halbes Leben gewartet hatte.

Sie machte Platz, um ein Paar vorbeigehen zu lassen. Dabei versuchte sie, die Frau nicht um die Selbstverständlichkeit zu beneiden, mit der sie ihren Bikini trug. Die knappen feuerroten Dreiecke ließen mehr erahnen, als sie verbargen. Aber die Frau besaß die Courage und die entsprechende Figur. Mit keinem von beiden konnte Sienna aufwarten. Sie wollte keine Blicke herausfordern, ertrug weder die schlecht verhohlene Neugier noch das Mitleid. Deshalb trug sie auch das T-Shirt mit dem hohen, eng am Hals anliegenden Kragen. Zugegeben, bei ihrem Minirock lag die Betonung mehr auf Mini als auf Rock und sie bemerkte die interessierten Blicke einiger Männer durchaus. Doch sie ignorierte diese Blicke, scheute davor zurück. Nie würde sie ihr Dekolleté zeigen, so wie die Frau vorhin.

Der Ärger über sich selbst und ihr wankendes Selbstbewusstsein beschleunigte ihre Schritte. Wie sollte es ihr je gelingen, all die „Unbedingt erleben“-Punkte auf ihrer Liste abzuhaken, wenn sie nicht einmal dem Blick eines Mannes begegnen konnte? Wie passte das zu dem „Für den Moment leben“, ihrem neuen Motto?

Siennas Stimmung sank. Deshalb überquerte sie die Straße, ließ den Strand hinter sich und wechselte auf die Seite mit den Kneipen, Cafés und Restaurants. Sie musste sich zusammennehmen. Schließlich lautete ihr fester Vorsatz für das neue Jahr, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Vielleicht sollte sie mit den Mädchen, die sie im Hostel kennengelernt hatte, heute Abend tanzen gehen. Die waren nämlich unternehmungslustig und quirlig und könnten ihr sicher ein paar Tricks beibringen. Allein vom Zusehen würde sie etwas lernen.

Aber genau das war es ja, was sie nicht mehr wollte – zusehen. Immer nur am Rand dabeistehen. Nicht teilnehmen zu dürfen.

Nun, jetzt durfte sie teilnehmen. Es war niemand hier, der ihr sagte, dass sie nicht durfte, nicht sollte, nicht konnte. Allerdings war auch niemand hier, um ihr das Gegenteil zu sagen. Sie wünschte, Lucy wäre bei ihr. Die lebenslustige Freundin war die Einzige, mit der Sienna in all den Jahren wenigstens etwas Spaß gehabt hatte, trotz der Einschränkungen. Doch Sienna war ganz bewusst allein nach Sydney gekommen. Weil sie sich beweisen musste, dass sie es schaffte. Denn wenn sie erst sich selbst davon überzeugt hatte, würden die anderen es ihr auch glauben.

Kurz nach drei. Das Lunch-Publikum war also wieder an die Arbeit zurückgekehrt – abgesehen natürlich von den Urlaubern und Touristen. Die Türen der Bar in der Nähe des Hostels standen weit offen, um zu lüften, bevor das aufziehende Gewitter kam. Sienna sehnte sich richtig danach. Die Luftfeuchtigkeit machte das Atmen schwer, sie war diese drückende Luft nicht gewohnt.

Bumm, bumm, tsching. Da spielte jemand Schlagzeug. Jetzt folgte der Akkord einer elektrischen Gitarre, dann eine männliche Stimme.

„Eins, eins. Zwei. Soundcheck.“

Plötzlich fühlte sie sich richtig zu Hause, fühlte sich wieder wohl. Ihre Beine trugen sie direkt in die Bar hinein, obwohl sie eigentlich nicht geöffnet hatte, hin zu der Band, die auf dem kleinen Podium übte. Vier Jungs standen dort auf der Bühne, alle in Shorts und T-Shirts. Der Sänger am Mikrofon sah genauso aus, wie der Schwarm einer Boy-Group auszusehen hatte. Möglichst unauffällig stellte sie sich an die hintere Wand neben den Eingang und sah dem Drummer voller Neid zu.

„Es tut mir leid, aber hier können Sie nicht bleiben. Die Bar hat noch nicht geöffnet.“

Nur unwillig riss Sienna den Blick von dem Geschehen auf der Bühne los, um den Mann anzusehen, der neben ihr stand. Sie blinzelte. Einmal, dann ein zweites Mal. Grundgütiger! Solche Männer existierten also wirklich? Er war der Typ Mann, der jede Frau dazu bringen würde, im Fitnessstudio zu trainieren, weil sie mit absoluter Sicherheit wusste, dass eine Schlafzimmererfahrung mit ihm ein wahrhaft denkwürdiges Erlebnis sein würde.

Auch Sienna wusste das und verkrampfte sich sofort.

Stahlgraue Augen mit einer Andeutung von Grün musterten sie. Umrundet von schwarzen Wimpern, über denen sich geschwungene Augenbrauen bogen. Eine umwerfende Kombination. Doch es war der Mund, der Sienna die meisten Probleme bereitete. Sie sah auf die vollsten und sinnlichsten Lippen, die ihr je bei einem Mann untergekommen waren.

Sie blinzelte noch einmal und senkte den Blick. In Sekundenbruchteilen hatte sie seine gesamte Erscheinung registriert. Er trug die Designershorts mit lässiger Selbstverständlichkeit, dazu ein eng anliegendes T-Shirt und Sandalen aus weichem Leder. Das dunkle Haar war kurz geschnitten. Vor allem aber seine Hände faszinierten sie. Große Hände mit langen Fingern. Auf der Klaviatur könnte er mühelos zwei Oktaven greifen. Die Nägel waren perfekt gepflegt, vermutlich sogar professionell manikürt.

Bestimmt war er schwul.

Als sie mit ihrer Musterung fertig war, fiel ihr sein Blick auf. Die strenge Miene änderte sich unmerklich, während er sie genauer betrachtete. Das Grün in den Augen wurde stärker. Das Signal sprang um. Auf „Los“. Auf Anziehung.

Also nicht schwul.

Sienna erinnerte sich daran, dass sie etwas fragen wollte. „Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich ein wenig zusehe?“ Ihre Stimme schien alle Kraft verloren zu haben, sie klang fast wie ein mattes Krächzen. Ebenso wie ihr Verstand scheinbar die Fähigkeit verloren hatte, einen klaren Gedanken zu fassen. Himmel, der Typ war umwerfend!

Stumm starrte er sie an, und sie starrte ihn an. Endlich öffnete er den Mund, um etwas zu sagen, doch der Sänger kam ihm zuvor.

„Schon in Ordnung, Rhys. Sie kann ruhig bleiben. Kannst du noch den anderen Verstärker hochbringen?“ Weil der Sänger direkt vor dem Mikro stand, drang seine Stimme so laut durch den Raum, dass Sienna unwillkürlich zusammenzuckte. Mr. Umwerfend neben ihr übrigens auch.

Rhys. Sein Kopf ruckte jetzt zur Bühne, als hätte er sich gerade erst daran erinnert, wo er war. Sienna hatte lange genug mit Bands zu tun gehabt, um zu wissen, was die Männer dachten. Ein Groupie, aber im Moment hatten die Musiker weder Zeit noch Lust darauf. Aber Rhys als Band-Roadie? So einen Roadie hatte sie noch nie gesehen.

Überrascht sah sie ihm nach, wie er hinter die Bar ging und durch eine Tür verschwand, um das fehlende Equipment zu holen.

„Komm, setz dich ruhig nach vorn, wenn du eine Weile zuhören willst“, lud der Sänger sie ein.

Irgendwie gelang es ihr, ein Lächeln zustande zu bringen. Von dem Tisch, den sie wählte, hatte sie einen guten Blick auf die Band und konnte gleichzeitig die ganze Bar überblicken. Sie setzte sich, streckte die Beine aus und ließ sich vom Durchzug abkühlen. Es tat gut, aus der heißen Sonne heraus zu sein. Außerdem konnte sie ihre unruhige Seele hier vom Rhythmus des Schlagzeugs besänftigen lassen.

Zwei Minuten später kam Rhys zurück, einen großen schwarzen Kasten in der Hand. Er schob sich an ihrem Tisch vorbei, hievte den Verstärker auf die Bühne, tippte sich mit einem spöttischen Gruß an die Stirn und verschwand wieder hinter der Bar. Sienna verfolgte jede seiner Bewegungen.

So viel also zum Thema Abkühlen.

Er stand auf gleicher Höhe mit ihrem Tisch, allerdings auf der anderen Seite des Raums. Sienna versuchte, sich auf die Musiker zu konzentrieren. Doch ständig schweifte ihr Blick zu Mr. Umwerfend, sie konnte nichts dagegen tun. Vor allem, weil er sich nicht einmal bemühte zu verbergen, dass er sie anstarrte. Er stand mit dem Rücken an die Theke gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah kühl zu, wie sie der Band zuschaute.

Eine Weile gelang es ihr, sich tatsächlich auf die Musik zu konzentrieren. Ihre Gedanken schweiften allerdings immer wieder ab, vor allem, wenn sie eine Bewegung in den Augenwinkeln wahrnahm. Wie jetzt, zum Beispiel. Er streckte den Arm und griff unter die Bar. Und Sienna vergaß die Musik. Denn bei der Bewegung rutschte sein T-Shirt hoch und gab einen flachen muskulösen Bauch frei. Wie jeder andere Mensch wusste auch Sienna Schönheit zu schätzen, wenn sie sie sah. Und was sie sah, war atemberaubend!

Nun richtete er sich wieder auf, eine Flasche Wasser in der Hand. Wieder sah er zu Sienna. Mit der Andeutung eines Lächelns prostete er ihr zu, setzte die Flasche an die Lippen und nahm einen kräftigen Schluck.

Sie ertappte sich dabei, dass sie die Schluckbewegungen nachahmte, allerdings war ihr Mund staubtrocken. Nicht unbedingt, weil sie Durst hatte. Oder zumindest dürstete es sie nach etwas anderem. Wie mochte es wohl sein, die Tropfen von seinen Lippen zu lecken? Wenn er sie an sich zog und küsste?

Sie riss sich zusammen. Dieses kleine Lächeln in seinen Mundwinkeln machte sie argwöhnisch. Seine Augen funkelten wissend. Offenbar konnte er ihre Gedanken lesen. Und seiner Miene nach zu schließen, fand er sie gar nicht so unangenehm.

Sienna drehte sich zur Band um und ermahnte sich, diesmal wirklich der Musik zuzuhören. Ab sofort würde sie ihn nicht mehr ansehen. Unglaublich, aber sie wollte diesen Mann. Er war genau das, wonach sie immer gesucht und worauf sie nie zu hoffen gewagt hatte. Ein Mann, der konkurrenzlos den Titel „Sexiest Man Alive“ tragen konnte. Ein Mann, der ihr mit einem einzigen Blick sagte, dass sie schön war.

Kaum hatte sie den letzten Gedanken zu Ende gedacht, kehrte sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Er würde seine Meinung schnell ändern, wenn er sie erst sah – wirklich sah. Aus Faszination würde Mitleid … und Angst. Das hasste Sienna am meisten: die Angst in den Augen eines Mannes. Nicht unbedingt die Reaktion, bei der man sich begehrenswert fühlte. Oder normal. Und sie wollte endlich, wenigstens ein Mal, normal sein.

Damit fiel ihr sofort wieder ihr verrückter Plan ein. Punkt eins auf ihrer Liste der Dinge, die sie im Leben erleben wollte. Erst heute Morgen hatte sie es in ihr Logbuch eingetragen. Dieses Mal war es ihr ernst. Wenigstens einen Vorsatz wollte sie umsetzen. Würde ihr das gelingen? Würde sie es wagen?

Fahrig spielte sie mit dem Kragen ihres hochgeschlossenen T-Shirts. Unwahrscheinlich. Wenn ein Mann und eine Frau miteinander schliefen, dann geschah das meist nackt. Und Sienna war nicht für nackt – zumindest nicht, sobald es sie selbst betraf. Denn dann endete der Spaß abrupt, und das Mitleid setzte ein.

Energisch starrte sie auf die Trommelstöcke und hoffte auf eine hypnotische Wirkung. Vergeblich. Ihre Augen wanderten automatisch wieder zur Bar. Wenigstens noch ein letzter Blick …

Er war weg.

Seifenblase geplatzt.

Doch es gab einen Weg, um den Katzenjammer zu vertreiben. Sienna stand auf und ging zur Bühne vor. Die Jungs hörten auf zu spielen, der Sänger ließ das Mikro sinken.

„’tschuldigung, ich weiß, es ist eine seltsame Frage, und es ist auch okay, wenn ihr Nein sagt, aber dürfte ich mich kurz ans Schlagzeug setzen?“ Bei den letzten Worten sah sie den Drummer an.

„Du spielst Schlagzeug?“

„Ja. Aber ich bin im Urlaub und habe schon länger nicht mehr an den Drums gesessen. Deshalb würde ich unheimlich gern mal wieder spielen.“

„Warum nicht? Wir können sowieso eine Pause gebrauchen. Also, mach nur.“

„Danke.“ Strahlend stieg sie auf die Bühne und ging auf das Schlagzeug zu. Der Drummer überließ ihr lächelnd die Stöcke.

Und Sienna setzte sich, wiegte die Stöcke abschätzend in den Händen, schüttelte ihr Haar zurück. Mit geschlossenen Augen zählte sie still den Takt an … und dann legte sie los und veranstaltete einen Höllenlärm.

Rhys Maitland stand am hintersten Ende der Bar und schloss hastig den Mund, da er ihm vor Überraschung offen stand. Die Arme hielt er vor der Brust verschränkt, als könnte er so den Adrenalinschub unterdrücken. Seit die rotblonde Frau in die Bar gekommen war und ihn mit diesen riesengroßen blauen Augen angestarrt hatte, glaubte er, im Treibsand zu versinken. Auch sein Verstand arbeitete nicht mehr richtig. Nur ein einziger Gedanke drehte sich in seinem Kopf: Er wollte sie nackt in seinem Bett. Zumal er ahnte, dass es ihr nicht anders erging. Immer wieder sah sie zu ihm. Er hatte einen großen Schluck Wasser getrunken, um sich abzukühlen, doch das hatte nicht viel genützt. Also war er zur Hintertür der Bar hinausgeschlüpft und vorn unauffällig wieder hereingekommen, damit er nicht an Herzstillstand sterben würde. Ihre Augen waren einfach unglaublich. Dafür sollte ein Waffenschein Pflicht sein.

So stand er jetzt da und konnte die elfenhafte Figur da oben auf der Bühne aus dem Schatten heraus betrachten. Hinter dem Schlagzeug wirkte sie klein. Doch eigentlich war sie ziemlich groß. Sehr schlank, fast fragil, und doch schlug sie mit enormer Energie auf die Trommeln ein. Aus dem lockeren Knoten, zu dem sie ihr Haar aufgesteckt hatte, lösten sich die ersten Strähnen, und schließlich fiel die Lockenmähne ganz auf ihre Schultern.

Ganz gleich, wie oft er es sich auch vornahm, er konnte den Blick nicht von ihr losreißen.

Alles und jeder in der Bar schien irgendwie stillzustehen. Die anderen starrten sie ebenso reglos an. Sie sah zu Rhys. Und in diesem Augenblick erkannten sie ihr Verlangen nacheinander.

Es war vom ersten Augenblick an da gewesen, als sie die Bar betreten hatte, mit ihren langen Beinen und dem kurzen Rock. Sie trug offene flache Sandalen und ein niedliches T-Shirt und sah nicht anders aus als all die anderen jungen Dinger am Strand. Trotzdem war sie anders. Ihr fehlte das unbeschwerte Selbstbewusstsein. Sicher, sie war in die Bar gekommen, doch zögernd und still, fast schüchtern. Die blauen Augen standen in krassem Gegensatz zu ihrem Verhalten. Denn in ihnen sah Rhys draufgängerischen Wagemut blitzen. Es war dieser Widerspruch, der ihn verwirrte und verunsicherte, wie er weiter vorgehen sollte. Dass er weitergehen wollte, stand außer Frage! Binnen einer Sekunde hatte sich der Nebel der Abgestumpftheit, der ihn in den letzten Wochen eingehüllt hatte, verzogen.

Tim trat neben ihn. „Hast du so etwas schon mal gesehen?“

Weil er seiner Stimme nicht traute, schüttelte Rhys stumm den Kopf.

„Das ist das Heißeste auf zwei Beinen, was mir bisher begegnet ist. Absolut unglaublich.“ Und dann war selbst Tim weise genug, um den Mund zu halten und einfach nur den Anblick zu genießen.

Beide hätten Stunden so zuschauen können, aber nach ein paar Minuten hörte sie auf. Das Kinn auf die Brust gelegt, blieb sie einen Moment schwer atmend sitzen. Dann stand sie auf und gab Greg, dem Drummer, die Stöcke zurück.

„Danke, das brauchte ich.“

„Keine Ursache. Jederzeit.“ Auch Greg starrte sie nun so fasziniert an, dass er fast über den Verstärker gestolpert wäre.

Lächelnd sprang sie von der Bühne. „Ich bin euch wirklich dankbar, Jungs.“ Sie musste doch wissen, dass fünf erwachsene Männer sie fasziniert anstarrten. Aber sie verhielt sich so unkompliziert, als wäre sie sich dessen überhaupt nicht bewusst. „Jetzt geht es mir schon viel besser.“

Ihr ging es besser? Rhys’ Puls schlug härter und schneller, seit sie auf den Drums rumgehämmert hatte. Seit Monaten hatte er sich nicht mehr so lebendig gefühlt. Nun, ihm ging es auch besser. Und er wusste genau, wie es ihm noch besser gehen könnte.

Die Fremde durchquerte den Raum und steuerte auf die Tür zu, die fünf Augenpaare, die jeder ihrer Bewegungen folgten, komplett ignorierend. Als sie an der Bar vorbeikam, drehte sie den Kopf.

Sie waren fünf Tische voneinander entfernt, aber es hätten genauso gut Millimeter sein können. Sie lächelte nicht, als sie diese Killeraugen auf ihn richtete. Aber auch er lächelte nicht. Überhaupt war er völlig unfähig sich zu rühren.

Dann trat sie über die Schwelle nach draußen und war verschwunden. Rhys erwachte aus seiner Starre, erinnerte sich daran, Luft zu holen, und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Band.

„Mann oh Mann, das war vielleicht was!“, kam es von Tim. „Wie die dich gerade angesehen hat. Absoluter Wahnsinn!“

Irgendwie schaffte Rhys es, gespielt unbeteiligt mit einer Schulter zu zucken. Insgeheim jedoch musste er sich erst einmal von genau diesem Blick erholen. Die laserblauen Augen hatten die Nachricht regelrecht in ihn eingebrannt. Rhys kannte „den Blick“ gut. Es war der Blick, mit dem eine Frau einen Mann wissen ließ, dass sie interessiert war. Dass durchaus die Möglichkeit bestand, dass sie und er …

Die Möglichkeit?

Hier handelte es sich um felsenfeste Gewissheit. Er wollte diese Frau, wie er bisher noch keine Frau gewollt hatte. Sofort, intensiv, unvermeidlich. Sich zurückhalten zu müssen, verursachte ihm körperliche Schmerzen. In Sydney gab es schöne und elegante Frauen im Überfluss, und Rhys kannte genügend davon. Doch plötzlich ließ ihn ein Hauch von einem Mädchen in saloppem T-Shirt und einfachem Rock vor Begierde versteinern.

„Sobald sie herausfindet, wer du bist, gehört sie dir“, erklärte Tim knapp.

Das gefiel Rhys nicht. Sie hatte nicht gewusst, wer er war, und das sollte auch so bleiben. Er wollte nicht, dass das elementare Verlangen in ihren Augen durch etwas anderes ersetzt wurde – wie zum Beispiel Dollarzeichen.

Sie sprach mit neuseeländischem Akzent, war also fremd hier. Vermutlich auf Urlaub. Auch Rhys hielt sich nicht gerade in seiner üblichen Umgebung auf. Er kam nur selten in diesen Teil der Stadt, und glücklicherweise kannte ihn hier keine Menschenseele.

Also musste er sich keine Gedanken um seine Identität und ihr mögliches Interesse daran machen. Was für eine wunderbar reizvolle Vorstellung. Denn was er von ihr wollte, war rein physisch. Und sie hatte diese Anziehung auch gespürt, von der ersten Sekunde an.

Er würde die Bar nicht eher verlassen, bis sie zurückkam.

2. KAPITEL

Mit viel mehr Sorgfalt als üblich machte Sienna sich zurecht. Und mit viel mehr Aufregung. Wenn es einen Mann gab, der ihr helfen konnte, Punkt eins auf ihrer Liste abzuhaken, dann er. Kaum hatte Sienna die Worte „Band“ und „Kneipe“ ausgesprochen, waren Julia und Brooke, die beiden Mädchen aus Südafrika, auch schon Feuer und Flamme gewesen. Die beiden waren immer in Partylaune. Garantiert würden sie für einen lustigen Abend sorgen, ganz gleich, ob sich etwas mit diesem umwerfenden Typen ergab oder nicht. Schließlich lag darin der Sinn dieser Reise, nicht wahr? Sie war hier, um sich zu amüsieren. Wie normale junge Frauen sich eben amüsierten.

Als Sienna aus dem Bad kam, waren die anderen beiden schon fertig. „Kannst du mir bitte die Bänder verknoten?“, bat sie Julia.

Die pfiff anerkennend. „Wow! Das ist ein tolles Top!“

Was stimmte. Sienna hatte das Oberteil im allerletzten Moment noch eingepackt, ohne wirklich daran zu glauben, dass sie Gelegenheit haben würde, es zu tragen. Mitternachtsblauer Satin, mit einem Paillettensaum, am Hals nur von einem Band gehalten. Auf Hüfthöhe betonte ein weiteres Band ihre schmale Taille. Vorn war es hochgeschlossen, dafür ließ es den Rücken frei.

„Mach bitte einen Doppelknoten.“

„Sicher? Dann brauchst du eine Schere, wenn du es schnell ausziehen willst.“

„Ganz sicher.“ Darum ging es ja. Das Top war sexy, aber es stoppte neugierige Finger. Von unten kam man nicht weit nach oben, und von oben kam man gar nicht hinein. Es war perfekt.

Zu dem Top zog Sienna einen engen Rock und hochhackige Sandaletten an. Die Beine waren eigentlich das Beste an ihr, und sie gedachte, sie auch im besten Licht zu zeigen. Unter dem Rock trug sie einen Hauch Spitze als Unterwäsche. Alles an ihr war bedeckt, weitaus mehr als bei jener Frau im Bikini am Strand, aber so nackt hatte sie sich noch nie gefühlt.

„Das ist der klassische Vamp-Aufzug“, lautete Julias bewundernder Kommentar, dann schwang sie herum und kramte in ihrem Koffer. „Da muss ich mich unbedingt auch zurechtmachen. Sonst habe ich ja keine Chance!“

Aber Sienna maß der Bemerkung nicht zu viel Bedeutung bei. Sie wusste, dass sie nie Karriere als Pin-up-Girl machen könnte, und Julias Oberweite allein war Garantie für genügend Chancen.

„Wie ist der Sänger?“ Brookes Stimme klang leicht dumpf, weil sie sich gerade ihr Oberteil über den Kopf zog. „Süß?“

„Den kannst du haben. Um genau zu sein, kannst du die ganze Band haben, wenn du willst.“

Brookes Kopf kam wieder zum Vorschein. „An wem bist du denn interessiert? Am Barkeeper?“

War es so offensichtlich, dass sie an jemandem interessiert war? „Nein. Die Band hat jemanden, der ihnen hilft.“

„Oh Gott, du hast ein Auge auf den Roadie geworfen?!“ Brooke wirkte ehrlich entsetzt. „Oder ist er etwa einer dieser milchgesichtigen Tontechniker?“

„Ich kann nicht sagen, was genau er macht. Er hat ihnen mit dem Equipment geholfen.“

Was ihr einen mitleidigen Blick von den beiden anderen einbrachte. „Kein Problem. Den überlassen wir also dir.“

Die drei setzten sich auf ihre Betten und begannen, mit kleinen Handspiegeln an ihrem Make-up und den Frisuren für den Abend zu arbeiten.

Im Grunde ist es lächerlich, dachte Sienna. Da donnerte sie sich voller Aufregung auf – und wahrscheinlich völlig umsonst. Bestimmt war er gar nicht da. Auf einmal hätte sie das ganze Unternehmen am liebsten abgeblasen. Dann riss sie sich zusammen. Sie war in einer fremden Stadt und frei, alles zu tun, was sie wollte. Selbst wenn er nicht da war, würde sie sich amüsieren.

„Also, Mädels, auf geht’s! Holen wir uns das, was wir verdient haben!“ Julia drehte sich einmal um die eigene Achse, und Sienna konnte nicht anders, sie kicherte.

Und als die drei Arm in Arm die Straße entlangliefen, schwappte etwas von dem Selbstbewusstsein, das die beiden anderen in solchem Übermaß besaßen, auch auf Sienna über.

Sie kam erst, als die Band schon die erste Pause hinter sich hatte.

Rhys hatte sich hinter die Bar zurückgezogen, sodass er die Eingangstür im Auge behalten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Da war sie, zusammen mit zwei anderen Frauen, ganz offensichtlich Touristinnen. Während die beiden zur Bühne sahen, schweifte ihr Blick suchend durch den Raum. Er zog sich noch weiter in den Schatten zurück. Im Moment wollte er sie einfach nur eine Weile beobachten, um dann zu entscheiden, wie er vorgehen würde.

Auch Tim hatte die Ankunft der drei bemerkt und gab Rhys kurz ein Zeichen. Dann ließ die Band den letzten Song ausfallen, um auf die Frauen zuzugehen – alle vier. Tim war als Erster bei ihnen und machte keinen Hehl aus seiner Bewunderung für die Fremde von heute Nachmittag. Rhys beobachtete die Szene von seinem Platz aus. Er wollte wissen, ob sie ihren Killerblick auch den anderen gönnte. Konzentriert sah er zu, wie sie lächelnd ihre Freundinnen vorstellte. Danach jedoch zog sie sich zurück und überließ den anderen Frauen das Flirten, während die Jungs sie zu dem Tisch in der hinteren Ecke führten, der für die Band reserviert war. Wieder sah sie sich um, als suche sie jemanden.

Tim kam an die Bar, bestellte eine Runde Tequila für alle. „Doc, wieso versteckst du dich hier? Da sitzt eine Lady an unserem Tisch, der dein Name schon auf der Stirn steht.“

Rhys wollte seinen Namen nirgendwo sehen, wenigstens für einen einzigen Abend.

„Du kannst nicht ständig den hart arbeitenden Doktor mimen. Ab und zu musst du auch mal Spaß haben. Haben sie dir nicht eine Pause aufgebrummt? Mach mal Urlaub, spann aus. Da drüben“, Tim deutete mit dem Kopf zum Tisch zurück, „sitzt deine Entspannung.“

Ja, sie hatten ihm eine Pause verordnet. Er arbeite zu viel, sagten sie. Er häufe zu viele Überstunden an. Wenn es so weitergehe, hätte er bald drei Monate Überstunden voll. Und so etwas sei im Budget nicht vorgesehen.

Also hatte man ihn gezwungen, Urlaub zu nehmen. Zwei Wochen. Rhys machte nicht gern Urlaub. Das bedeutete nämlich, dass er Zeit zum Nachdenken hatte.

„Komm schon, Mann. Wann hast du das letzte Mal einen lustigen Abend mit anschließender Nacht verbracht?“

Für Tim mochte das okay sein. Ihn verfolgten keine Paparazzi. Wenn Rhys auch nur in der Nähe einer Frau gesichtet wurde, türmten sich bereits am nächsten Morgen die Zeitungen mit Berichten über eine angeblich neue Beziehung und Spekulationen über das Hochzeitsdatum. Zudem hatte er lernen müssen, dass jede Seele ihren Preis hatte.

Auch Mandys Seele war für einen Preis zu haben gewesen. Sie hatte sich – und ihn – an den Meistbietenden verkauft. Müde und erschöpft nach einer endlosen Schicht, hatte ihn ihre überschäumende Energie fasziniert, als er in dem Café neben der Klinik saß, in dem sie arbeitete. Es war amüsant gewesen, sich bei einer Tasse Kaffee zu unterhalten. Aus dem Kaffee wurde ein Dinner, dann folgte eine ganze Reihe von Verabredungen. Erst später begriff er, dass sie die ganze Zeit über gewusst hatte, wer er war. Er hatte sich verstanden gefühlt, doch das Einzige, was sie verstand, war der Reichtum und der Status, der mit seinem Namen verbunden war. Eine echte Mandy gab es nicht. Und auch das, was sie miteinander erlebt hatten, war nicht echt. Das einzig Echte an der Episode war ihre Geldgier.

Rhys hatte nicht vor, sich erneut in allen Zeitungen wiederzufinden. Wahrscheinlich sollte er es mit einem gleichgültigen Schulterzucken an sich abperlen lassen. Aber er wollte seinem Leben einen Sinn geben, wollte mehr sein als ein reicher Playboy.

Leider schien ihn das für die Klatschpresse nur noch interessanter zu machen. Und durch Mandys Verrat zeichnete man ihn nun als eine Art verwundeten Heiligen. Der ernsthafte Arzt, der sich seiner Arbeit verschrieben hatte, um der Oberflächlichkeit des privilegierten Lebens und den Tragödien der Vergangenheit zu entkommen. Aber das beschrieb ihn auch nicht richtig.

„Sie ist nicht von hier, oder?“, erkundigte er sich bei Tim.

„Aus Neuseeland. Die anderen beiden hat sie hier im Hostel kennengelernt.“

Rhys sah zum Tisch hinüber. Sie lächelte gerade über etwas, und ihre Augen strahlten. Vielleicht, nur einmal, sollte er sich darauf einlassen. Wahrscheinlich war sie sowieso nur ein paar Tage hier. Was sollte sie da sein Name interessieren?

„Na schön. Sie weiß, dass ich Rhys heiße, mehr nicht, oder? Nennen wir mich doch einfach … Rhys Monroe.“

Tim grinste verdutzt. „Und wie verdienen Sie sich Ihren Lebensunterhalt, Mr. Monroe?“

„Keine Ahnung. Was meinst du?“

„Am besten etwas, von dem du absolut nichts verstehst. Je größer die Lüge, desto eher wird sie geglaubt.“

„Woher weißt du das?“

„Rhys.“ Tim sah ihn nur mitleidig an. „Ich bin Profi.“ Er schenkte der Kellnerin, die Zitronenscheiben in die Gläser gab, ein strahlendes Lächeln. „Machen wir einen Handwerker aus dir. Wie wär’s mit Tischler? Genau, das ist es!“

„Blödsinn. Ich hab zwei linke Hände.“

„Eben.“

Rhys Lachen klang eher wie ein Brummen.

„Dann hast du am wenigsten gemeinsam mit diesem Maitland, dem Millionenerben.“

Er schüttelte den Kopf. „Noch nie von ihm gehört.“

Ebenfalls lachend nahm Tim das Tablett mit den Tequila-Gläsern in Empfang. „Na, dann komm, Monroe.“

„Ich komme gleich nach. Ich muss erst noch meine Rolle genauer ausarbeiten.“

Julia und Brooke stürzten jetzt schon den dritten Tequila hinunter. Sienna lachte zwar mit ihnen, doch ihre Laune befand sich bereits im Sinkflug. Schon jetzt stand fest, dass sie nur noch am Rande mitmachte. Der Tequila brannte in ihrer Kehle und in ihrem Magen. Hochprozentiges vertrug sie nicht. Sie hätte lieber ein Glas Wein, etwas Leichtes – für ein Leichtgewicht wie sie.

Von dem Roadie fehlte jede Spur. Sienna versuchte sich einzureden, dass es ihr nichts ausmachte. An der Bar standen genügend Männer. Alle sahen gut aus, und alle waren ohne Begleitung hier.

Heute Nachmittag war die Anziehungskraft so jäh und so stark gewesen, dass sie mehr hineingelesen hatte, als es in Wirklichkeit gewesen war. Wenn sie sich jetzt umsah, musste sie zugeben, dass die Kneipe hier an einen Fleischmarkt erinnerte.

Tim saß zwischen den beiden südafrikanischen Schönheiten, wippte mit dem Stuhl und hielt Hof. Die anderen Bandmitglieder überließen ihm willig die Hauptrolle, warfen aber ab und zu geistreiche Bemerkungen ein, die die beiden Mädchen noch mehr zum Lachen brachten. Das Ganze war zweifelsohne eine einstudierte Show, und Sienna fiel eindeutig die Rolle der Zuschauerin zu.

Plötzlich schob sich ein Arm von hinten über ihre Schulter. „Ich dachte mir, du würdest vielleicht lieber das trinken.“ Ein großes Glas Wasser wurde vor sie auf den Tisch gestellt. „Und das hier.“ Ein Glas Weißwein folgte.

Dann zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie, etwas weiter zurück von den anderen. Er trug schwarze Jeans und ein schwarzes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln, die gebräunte Unterarme frei gaben. Muskulös, kräftig.

„Danke.“ Sienna nahm einen großen Schluck Wasser. Das brauchte sie auch dringend, da ihr Hals auf einmal ganz trocken war.

Er sah ihr zu. Bevor sie das Glas absetzte, nahm er es ihr aus der Hand. Ohne den Blick von ihr zu wenden, trank er ebenfalls.

„Hast du etwas dagegen, wenn wir es uns teilen?“, fragte er erst hinterher.

Sienna schnappte unhörbar nach Luft. „Nein, überhaupt nicht.“

Vor Überraschung waren Julias Augenbrauen unter ihrem Pony verschwunden, Brooke fächelte sich mit der Hand Luft zu.

Tim ließ die Stuhlbeine auf den Boden zurückkippen. „Schön, dass du endlich zu uns stößt, Rhys. Julia, Brooke, das ist Rhys. Sienna kennt dich ja schon. Rhys ist ein alter Schulfreund und für ein paar Tage in der Stadt. Solange hilft er uns.“

Die beiden Männer tauschten einen vielsagenden Blick. Noch unmissverständlicher war der Blick, den Julia und Brooke miteinander wechselten.

„Solltest du nicht auf der Bühne stehen und herzerweichend singen, mein Freund?“, spottete Rhys.

Da grinste Tim, nahm seine Wasserflasche und schlenderte zur Bühne, wo die anderen bereits ihre Instrumente stimmten und einen Soundcheck machten.

Julia und Brooke sahen zuerst Tim nach, dann starrten sie Rhys an und schließlich Sienna.

„Wir gehen tanzen.“ Brooke ergriff Julias Hand und zog sie resolut auf die Füße.

„Von wegen milchgesichtiger Tontechniker“, murmelte Julia, als sie an Siennas Stuhl vorbeikam.

Eine Weile schaute Sienna den beiden auf der Tanzfläche zu. Sie waren ganz nach vorn gegangen, hatten Tim das Tamburin aus der Hand genommen und tanzten auf eine Art, die nicht nur die Jungs auf der Bühne animierte. Schließlich drehte sie sich zu Rhys um und sah, dass er sie unverwandt musterte. Nun, wenn sie etwas gut beherrschte, dann die Kunst der Konversation. Oder besser gesagt, die Kunst, andere dazu zu bringen, mit ihr zu reden. In den letzten Jahren war ihr immer wieder die Rolle der Vertrauten zugekommen. Die Rolle derjenigen, die dasaß und zuhörte, während die anderen etwas erlebten.

„Wie lange bleibst du in der Stadt, Rhys?“

„Nur für ein paar Tage. Ich bin Handwerker. Aus Melbourne.“ Er nahm noch einen Schluck aus dem gemeinsamen Wasserglas.

Sehr schön. Er war also bereit, von sich zu erzählen. Sie wollte mehr hören. „Du siehst irgendwie gar nicht wie ein Handwerker aus.“

Er warf ihr einen spöttischen Blick zu. „Das liegt nur daran, weil ich heute meinen Werkzeuggürtel nicht trage.“

Sienna grinste und vergaß den Small Talk.

Nun übernahm er die Rolle des Fragenden. „Und du? Was machst du?“

„Im Moment nichts.“

„Urlaub?“

Sie nickte.

„Und woher?“

„Aus dem Leben im Allgemeinen.“ Sie musste über ihre hochtrabende Antwort lachen. Damit er sie nicht von vornherein für komplett idiotisch hielt, klärte sie ihn auf: „Ich bin für eine Woche in Sydney, bevor ich zu meinem großen Abenteuer aufbreche.“

„Die große Übersee-Erfahrung?“

Sie nickte. Das machten die meisten Neuseeländer, wenn sie Anfang zwanzig waren. Vielleicht lag es daran, dass man in einem kleinen Land am Rande der Erde lebte. Also schulterte man seinen Rucksack und zog ein oder zwei Jahre durch die Welt. Bei ihr hatte es etwas länger gedauert, bis sie aufbrechen konnte. Aber jetzt war sie endlich so weit.

„Europa?“

„Erst einmal Südamerika.“ Peru stand mit ganz oben auf ihrer „Unbedingt erleben“-Liste.

„Und wo ist dein Zuhause?“

Sie zuckte die Schultern. „Ich bin mir noch nicht sicher“, gestand sie ehrlich. Da, wo sie herkam, auf jeden Fall nicht. Sie liebte die Menschen dort, aber sie brauchte Freiraum, um ihr neues Leben anzufangen. „Und was machst du?“

„Ich habe auch Urlaub. Also hänge ich ein wenig hier in Sydney herum.“

„Alte Freundschaften aufwärmen?“

„Im Moment bin ich mehr an neuen Freundschaften interessiert.“

Wieder schwiegen sie eine Weile. Er hielt ihre Augen mit seinem Blick gefangen, während er an ihrem Glas nippte, diesmal am Wein. Sie wünschte, er würde es nicht tun, denn sie sah nur seine Lippen. Seit wann konnte man auf ein Glas eifersüchtig sein?

Wohin wanderten ihre Gedanken da nur! Und das Schlimmste war: Er wusste es. Außerdem dachte er wahrscheinlich genau das Gleiche, als sie das Glas nahm und trank.

„Weißt du, was ich denke, Sienna?“, fragte er, als sie das Glas wieder abstellte.

„Was?“

„Ich denke, du solltest mit mir tanzen.“

Ein Schauer rann ihr vom Haaransatz bis in die Zehenspitzen. „Einverstanden.“

Sienna ging in die Mitte der Tanzfläche, sie wollte sich in der Menge verstecken. Tim und die anderen Bandmitglieder würden sie sicherlich beobachten. Und Brooke und Julia würden hinter Rhys’ Rücken den aufwärts gerichteten Daumen in ihre Richtung halten. Aber Sienna wollte sich weder verlegen fühlen noch abgelenkt werden.

Doch sobald er seine Arme um sie legte, vergaß sie die Welt um sich herum. Nur noch seine Nähe erfüllte ihr Bewusstsein. Rhys lächelte sie an, und sie lächelte zurück. Einfach so. Die Musik war eingängig, er bewegte sich, sie folgte. Als seine Finger über ihren Rücken strichen, fühlte sie einen Stromstoß und zuckte zusammen. Hatte er die Funken auch sprühen sehen?

Wenn sie sich schon so fühlte, nur weil er die Hand an ihren Rücken legte, wie musste es erst sein, wenn mehr daraus wurde? Sie wusste, dass sie mehr wollte. Dass sie es sich verzweifelt wünschte. Dieses Verlangen war ihr völlig fremd.

Jetzt lächelte auch keiner von ihnen mehr. Sie rückten näher aneinander, als die Tanzfläche sich füllte.

„Ich weiß, es ist fast unverschämt. Schließlich kennen wir uns kaum. Und du kannst natürlich auch Nein sagen, aber …“

„Ja?“

Er sah ihr direkt in die Augen. „Ich würde dich gern küssen.“

Sienna blieb stehen, um sich herum die tanzenden Paare. Als erste Reaktion kam die Erleichterung – weil diese Anziehungskraft tatsächlich auf Gegenseitigkeit beruhte und sie es sich nicht nur eingebildet hatte. Die Erleichterung machte Platz für elektrisierende Aufregung, die Selbstbewusstsein mitbrachte.

„Das ist gut. Denn ich gedenke, dich zurückzuküssen“, erwiderte sie geradeheraus.

Jetzt hörte auch Rhys auf, sich zu bewegen. Sein grüner Blick bohrte sich in ihre Augen. „Umso besser.“

Ihre Körper waren jetzt nur noch Millimeter voneinander entfernt. Aber für Siennas Empfinden waren es Meilen. Rhys ließ sich ganz bewusst Zeit. Er zögerte den Moment hinaus, damit sie beide auch wirklich jeden Sekundenbruchteil auskosten konnten.

Sosehr sie sich auch bewegen wollte … er war es, der den ersten Schritt machen musste.

Er hob die Hand und fuhr mit einem Finger über ihre Wange. Sienna erschauerte. Ihre Lippen prickelten. Sie musste sie sich lecken, musste einfach …

„Nein, lass mich das tun.“ Er beugte den Kopf und berührte mit der Zungenspitze ihre Unterlippe.

Das Gefühl riss sie mit.

Mit beiden Händen umfasste er zart ihr Gesicht. „Besser?“

„Nein.“ Verzweifelt versuchte sie, das Zittern zu unterdrücken. Sie wollte sich selbst nicht eingestehen, wie intensiv ihre Reaktion war.

„Noch immer durstig?“

Sie nickte stumm, legte den Kopf leicht zurück und hob ihr Kinn. Himmel, wie sehr sie diesen wunderschönen Mund auf ihrem spüren wollte!

Er fasste in ihr Haar. Ganz flüchtig strichen seine Lippen über ihren Mund. Sienna verlor die Selbstbeherrschung. Sie umfasste seinen Nacken und zog seinen Kopf zu sich herunter.

Er küsste ihren Hals, dann flüsterte er ihr ins Ohr. „Du bist schön.“ Seine Augen glühten, als er sie ansah.

Sie schlug die Lider nieder, damit er den Schmerz in ihrem Blick nicht sah. Schön? Nicht überall.

Sie wollte jetzt keine Worte hören, keine Komplimente oder schmeichelnde Floskeln. Sie wollte jeden Moment dieses magischen Abends auskosten. Der erotischste Mann der Welt küsste sie, als wäre sie die erotischste Frau der Welt. Sie würde diese Täuschung aufrechterhalten, solange sie konnte und sie würde jede Sekunde genießen.

Denn sie wollte mehr.

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Doch sie verhinderte es, indem sie sich auf die Zehensitzen stellte und ihm ihren Mund erneut bot. Sie wollte es nicht definieren, sie wollte es erleben.

Noch einmal.

Seine Finger glitten über ihren Rücken, zeichneten eine brennende Spur auf ihrer Haut. Das Verlangen, seine Hände überall zu spüren, ließ fast ihre Knie nachgeben. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern, um ihn an ihren Fingerspitzen zu fühlen.

So musste Aschenputtel sich auf dem Ball gefühlt haben, als sie mit ihrem Prinzen tanzte, wohl wissend, dass es nur eine Illusion war, die Schlag Mitternacht ein Ende finden würde.

Hol alles heraus.

Der Zeitdruck verlieh Sienna Mut. Sie sonnte sich in seinem verlangenden Blick. Er wollte sie, und sie wollte nichts anderes, als seinen Mund auf jedem Zentimeter ihrer Haut zu spüren.

Nein, nicht auf jedem Zentimeter. Sienna verdrängte den deprimierenden Gedanken und schmiegte sich enger an ihn. Aber sie würde nehmen, was sie bekommen konnte, solange sie es bekommen konnte.

So kühn war sie noch nie in ihrem Leben gewesen. Ein solcher Kuss gehörte eigentlich nicht in die Öffentlichkeit. Aber sie genoss es. Sie war in seinen Armen gefangen, beide besessen von dem verzweifelten Hunger, eins zu werden.

Was als langsamer, sinnlicher Tanz begonnen hatte, wurde hitzig und leidenschaftlich. Die Finger, die anfangs nur leicht über ihren Rücken gefahren waren, forderten jetzt fiebrig. Eine Hand umfasste hart ihren Po, presste sie an seinen Schoß. Sie fühlte seine Erregung, und ein heißer wunderbarer Schmerz schoss in ihren Unterleib. Ein Schmerz, den nur er lindern konnte. Als er ihr Gesicht und ihren Hals mit Küssen bedeckte, schloss sie die Augen. Ihr Atem ging schnell und stoßweise, fast flehend.

Abrupt hob er den Kopf. „Wir sollten nicht hier sein“, stieß er hervor. „Wir müssen allein sein.“

Seine grünen Augen suchten in ihrem Gesicht nach möglichen Zweifeln. Aber Sienna würde keinen Rückzieher machen. Zum ersten Mal in ihrem Leben ignorierte sie ihre Bedenken und ließ sich auf das ein, was sie wirklich wollte.

„Irgendwo in der Nähe.“ Erstaunlich, dass ihre Stimme noch funktionierte.

„Bist du sicher?“

Intensität und Feingefühl, gepaart mit einem leichten Zögern, und ein großes Verlangen lagen in seiner Frage. Und noch etwas anderes, andeutungsweise nur, aber es war da. Doch als er sie wieder zu sich zog, sah es so aus, als hätte er genau wie sie keine andere Wahl.

Sienna gab ihm die einzig mögliche Antwort. „Genauso sicher wie du.“

3. KAPITEL

Die Tür, die hinter ihnen ins Schloss fiel, dämpfte die Geräusche aus der Bar. Sienna stand in einer Art Lagerraum. Leicht benommen erfasste ihr Blick die Gläser mit eingemachten Tomaten in den Regalen, die Konservendosen und Säcke mit Reis.

An der Hand hatte Rhys sie von der Tanzfläche geführt. Er hatte genau gewusst, wohin er ging. Und sie war ihm einfach nur gefolgt, ohne Fragen zu stellen. Im Lagerraum angekommen, hatte er den Riegel von innen vor die Tür geschoben und Sienna mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt. Ihre Schulter befand sich auf gleicher Höhe mit dem Riegel, und er hatte mit dem Kopf in die Richtung genickt.

„Du kannst jederzeit gehen, wenn du möchtest.“

„Ich will nicht gehen.“

Obwohl er die Hände zu ihren beiden Seiten an die Tür stützte, hielt er den Körper von ihr fern. Sienna betrachtete seine Arme, sah die Muskeln. Sie wusste, dass er so stand, um sich zurückzuhalten. Aber sie wollte nicht, dass er sich zurückhielt. Er sollte sie ebenso begehren wie sie ihn, ohne Einschränkungen.

Sie wollte alles.

Nun war sie an der Reihe, den ersten Schritt zu machen. Wagemutig streckte sie die Hand aus, bevor die alte Gewohnheit zurückkehrte und sie zögern würde. Sie öffnete den ersten Knopf seines Hemdes, hörte, wie er scharf Luft holte. Ein kleines Lächeln zuckte in ihren Mundwinkeln. Das hier könnte richtig gut werden. Sie hatte so lange darauf verzichten müssen. Heute Abend würde sie nicht verzichten.

Auch wenn ihre Finger leicht zitterten, arbeitete sie sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit an der Knopfreihe entlang. Dann fiel der Stoff auseinander und gab den Blick auf einen perfekten männlichen Oberkörper frei. Ein Schwarm Schmetterlinge stob in ihrem Magen auf, in ihrem Unterleib krampfte sich jeder Muskel zusammen.

Eine gute Fee musste ihr ihren geheimsten Wunsch erfüllt haben. Nur mit Mühe riss sie den Blick los und lenkte die Augen auf sein Gesicht. Da lag wieder dieser ernste Ausdruck in seiner Miene.

„So etwas tue ich normalerweise nicht …“, brachte sie leise hervor.

„Ich auch nicht.“

Irgendetwas verriet ihr, dass er die Wahrheit sagte. „Ich möchte nur …“

„Ich auch.“

Dich berühren.

Mit der Hand griff sie neben sich und schaltete das Licht aus. Völlige Dunkelheit umschloss sie. Sienna konnte nicht einmal mehr seine Umrisse sehen. Aber sie hörte seinen Atem, spürte seine Nähe.

„Sienna?“

„Verwöhn mich.“ Im Dunkeln lächelte sie, amüsiert über sich selbst. Sie klang wie eine Verführerin. Hastig schlüpfte sie aus ihrem Slip und kickte ihn über den Boden. Jetzt kam sie sich auch vor wie eine Verführerin. Ein Gefühl von grenzenloser Freiheit überfiel sie. Hier im Dunkeln konnte sie so wild und ungestüm sein, wie sie wollte. „Berühr mich.“

„Wo soll ich dich berühren?“

Nichts zu sehen, schärfte die anderen Sinne. „Wo du willst.“ Überall. Im Dunkeln wurde alles möglich.

Er war ihr so nahe, doch er berührte sie noch immer nicht. Sie roch den Wein, den sie getrunken hatten. Und noch einen anderen Duft, berauschend, erregend – Rhys. Ihre Brüste spannten, sehnten sich nach seinen Händen. Sie wollte seine Lippen auf sich spüren, überall. Warum rührte er sich nicht? Warum tat er nichts? Panik machte sich in ihr breit. Hatte er es sich etwa anders überlegt?

Doch als er sprach, klang allein seine Stimme wie die verkörperte Verführung. „Ich weiß nicht, ob ich lieber die Hände oder die Lippen benutzen soll.“

„Warum nicht beides? Überall.“

Sie hörte sein leises Lachen. „Sienna, die Sirene.“

Und endlich, endlich griff er nach ihr. Legte die Hände an ihre Hüften und presste seine Lippen auf ihren Mund. Küsste sie mit einer Gier, die die Sehnsucht in ihr himmelhoch auflodern ließ.

„Der Stoff stört.“ Er zerrte an ihrem Top. „Wie kriegt man das runter?“

„Es ist kompliziert. Ich …“

„Später.“ Sein Stöhnen klang unterdrückt. „Wir werden uns später darum kümmern.“

Ganz kurz kam die Ernüchterung. Es würde kein Später geben. Doch der Gedanke löste sich jäh auf, als sie seinen Mund durch den Stoff an der harten Knospe ihrer Brust fühlte. In ihr setzte sich ein Strudel in Bewegung und riss sie mit sich. Noch nie hatte sie sich so begehrt gefühlt, noch nie hatte jemand ihren Brüsten eine so exquisite Aufmerksamkeit zukommen lassen. Jeder Mann hatte an diesem Punkt längst gestutzt – wegen der Narbe. Heute jedoch fühlte sie sein uneingeschränktes Verlangen durch den dünnen Stoff, der sie bedeckte. Ein Verlangen, das schwinden würde, sollte er sie vollkommen nackt sehen.

Aufreizend rieb sie sich an ihm. Sie wollte alles von ihm. Von seinem Körper. Von seiner Stärke …

Rhys hatte das Gefühl, in einem losgelösten Raum zu schweben, der wohl dem Paradies ähneln musste. Fiebrig wanderten seine Hände über Siennas Rundungen. Er wusste nicht, ob er sie lieber an sich ziehen oder doch auf ein Podest stellen sollte, um jede einzelne Stelle ihres wunderbaren Körpers besser erreichen zu können.

Außerdem lief er Gefahr, viel zu schnell die Kontrolle zu verlieren. Er brauchte unbedingt ein wenig Abstand, musste sich sammeln. Er konnte sich ja nicht einmal erinnern, ob er ein Kondom bei sich hatte. Hatte er oder nicht? Denk nach! Aber sie küsste ihn schon wieder, und der Rest an Verstand, der ihm noch geblieben war, verflüchtigte sich. Ihr langes Haar kitzelte ihn, als sie die Lippen auf seine Brust presste. Er sah die seidigen Locken vor sich, eine verführerische Mähne aus rotgoldenen Flammen. Der Drang, sie an ihrer intimsten Stelle zu berühren, wurde übermächtig. Und so, wie sie sich an ihm rieb, würde sie ihn nicht aufhalten.

Voller Begehren legte er die Hände an ihre Schenkel, hörte, wie sie nach Luft schnappte, küsste sie. Enger und enger presste er sich an sie, um jede ihrer Reaktionen, auch die kleinste, im Dunkeln mitzuerleben. Sie hatte schlanke, wohlgeformte Beine, und er fühlte die Kraft in ihnen. Später, wenn sie zusammen in seinem Bett lagen, würde er ausgiebig mit der Zunge die Stelle erkunden, wo sie zusammentrafen. Im Moment sandten seine Finger ihm die Bilder, die sich in seinem Kopf formten, seine Ohren lieferten die klangliche Untermalung. Ihr Atem ging stockend, als er sich seinem Ziel näherte. Aus flachen Atemzügen wurden kleine Seufzer. Er wollte ihr Stöhnen hören, wenn sie den Höhepunkt erreichte.

Rhys’ Denken setzte aus, als er erkannte, dass sie keinen Slip trug, dass seine Hände freien Zugang hatten. Aber sein Körper wusste genau, was zu tun war. Ihr Duft erfüllte ihn. Ganz. Er musste sie schmecken, sich in ihr verlieren. Musste diese Frau in Besitz nehmen, jetzt sofort.

Erst als er ihre Hand spürte, wurde ihm bewusst, dass sie seine Hose geöffnet hatte. Wie sie den Reißverschluss aufbekommen hatte, war ihm völlig unklar. Ihre Hand war warm und fest, und er stöhnte erstickt in ihren Mund.

Und dann sprang sie. Sprang ihn im wahrsten Sinne des Wortes an. Automatisch legte er die Hände an ihren Po, spreizte die Beine und ging leicht in die Knie, um ihrer beider Gewicht halten zu können, als sie ihre Beine um seine Hüften schlang und ihn tief in sich aufnahm.

Oh ja! Es fühlte sich so gut an. So unbeschreiblich gut, dass es fast zu Ende gewesen wäre, noch bevor es richtig angefangen hatte.

Er holte tief Luft, wehrte sich dagegen, mit einer Anstrengung, die ihn sicherlich einige Jahre seines Lebens kostete. Sein Herz hämmerte wild. Himmel, diese Frau verbrannte ihn mit ihrer Lust. Er durfte jetzt nicht daran denken, sondern musste seine Selbstbeherrschung wiederfinden, auch wenn sie nicht lange anhalten würde. Allmählich ging sein Atem ruhiger.

„Alles in Ordnung?“, keuchte sie.

Da wollte er sicherstellen, dass sie wirklich bereit für ihn war, und dann war sie es, die ihn fragte, ob alles mit ihm in Ordnung sei!

„Geht es dir zu schnell?“, fragte sie weiter.

„Etwas schon“, antwortete er ehrlich. „Aber jetzt habe ich dich.“

Er wollte es langsam angehen lassen, sagte sich immer wieder, dass das hier nur die Einleitung für die fantastische Nacht war. Eine Nacht in einem Bett, in einem Zimmer, damit er ihr die Kleider vom Leib reißen und ihren Anblick genießen konnte, ohne dass die gedämpften Geräusche aus der Bar zu ihnen drangen. Er wollte sie nehmen, immer und immer wieder, und ihre Lustschreie hören.

Doch sie trieb ihn an, unerbittlich, und ihre Seufzer wurden zu Jubel, als die Erlösung kam. Ganz deutlich fühlte Rhys die Wellen, die Sienna mit sich trugen und ihren Körper durchströmten. Erstaunlicherweise schaffte er es, nicht zu explodieren. Stattdessen trat er in eine neue Phase ein und bewegte sich intensiver, tiefer, kraftvoller.

Ein heiseres Knurren entfuhr ihm, als er ihre Beine wieder fester um seine Hüfte spürte. Seine Finger fassten kräftiger zu, als ein Instinkt in ihm zum Leben erwachte, ursprünglich, roh, uralt. Sie küsste ihn gierig, biss ihm in die Lippe. Sie atmete seinen Atem und forderte mehr. Sie verschlang ihn und schenkte ihm damit pure, unverfälschte Lust, wie er sie noch nie erfahren hatte.

Dagegen kam er nicht länger an. Das Pulsieren in seinem Körper wurde stärker, geriet außer Kontrolle. Die rotgoldenen Flammen in seinem Kopf explodierten zu einem gleißenden Licht, und er verlor sich in ihr, bis er meinte, völlig ausgelaugt zu sein.

Die süße Last ihres Gewichts lag nicht mehr auf ihm, er spürte ihre Beine nicht mehr an seinen Hüften. Seine Lungen brannten, als er rasselnd Atem holte.

Er spürte Siennas Finger an seinem Nacken, ihren warmen Atem an seinem Ohr, als sie seinen Kopf zu sich herunterzog.

„Danke.“

Bevor er überhaupt etwas sagen konnte, schob sie den Riegel zurück, schlüpfte hinaus und zog die Tür eilig hinter sich zu.

Rhys blinzelte. Gleißende Punkte blitzten vor seinen Augen, verursacht durch das Licht, das durch den Türspalt gefallen war. Als die Dunkelheit ihn wieder umgab, streckte er die Hände aus. Zum Teufel, sie war weg!

Benommen tastete er nach der Tür. Ihm schwindelte, er hatte keine Kraft mehr und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Langsam kehrte das Blut in seine Glieder zurück, aber nicht in sein Hirn. Vor allem konnte er kaum glauben, was hier eben passiert war. Noch immer konnte er sich kaum rühren, war völlig fertig.

Ein Schweißtropfen rann ihm über den Rücken, dann ein zweiter. Sein ganzer Körper zitterte, als seine Muskeln sich endlich meldeten, allerdings laut protestierend. Nur der Himmel wusste, wie lange sie hier drinnen gewesen waren.

Er drückte die Leuchttaste an seiner Armbanduhr. Über eine Stunde hatten sie sich hier vergnügt! Und noch immer hatte er nicht genug. Er wollte mehr, sofort, in dieser Minute …

Mit einem leichten Stöhnen richtete er sich auf. Unfassbar, aber sein Körper war schon wieder bereit zu erobern, zu besitzen. Jetzt, sofort.

Nachdem er das Licht wieder angeschaltet hatte, richtete er seine Jeans, schloss die Knöpfe vom Hemd und schaute sich dabei im Lagerraum um. Erstaunlich, alles wirkte sehr ordentlich. Nicht einmal eine Dose war umgekippt. Hatte er das Ganze etwa nur geträumt? Hatte seine Fantasie ihm einen Streich gespielt? Vielleicht hatten sie in der Klinik ja doch recht, und er musste wirklich mal ausspannen.

Dann fiel sein Blick auf den schwarzen Slip auf dem Boden. Er bückte sich und hob ihn auf. Ihr Duft stieg ihm in die Nase, und prompt setzte das Ziehen in seinen Lenden wieder ein. Lächelnd betrachtete er das luftige Nichts aus Spitze … dann stutzte er, und sein Lächeln erlosch.

Sie hatte genau gewusst, was sie wollte. Von Anfang an. Vielleicht hatte sie doch gewusst, wer er war, und es ganz gezielt auf ihn abgesehen. Und Idiot, der er war, war er in die größte Falle getappt, die einem Mann gestellt werden konnte. War ein Millionen-Dollar-Baby etwa der Preis für ihre Seele? Dagegen sähe Mandy wie eine blutige Amateurin aus.

Sein Puls schlug härter. Er wusste doch gar nichts über sie, hatte aber vor lauter Leidenschaft keinen Schutz benutzt. Dumm. Verantwortungslos. Riskant. Rhys riskierte nie etwas, er achtete immer und überall darauf, Vorkehrungen zu treffen und die Kontrolle über die Situation zu behalten.

Nur – dieses Mal hatte nicht er die Situation kontrolliert, sondern sie. Sie hatte ihn überrascht, und ein Mal, ein einziges Mal hatte er sich gehen lassen. Würde er jetzt einen hohen Preis dafür zahlen müssen?

Plötzlich war er rasend wütend auf sich selbst. Und auf Tim, weil er ihn in diese Touristen-Kneipe gebracht hatte. Wütend auf die Lust, die ihn so weit getrieben hatte.

Mit einem viel zu heftigen Ruck zog er seinen Gürtel zu und stopfte sich den Hauch Spitze in die Hosentasche. Er musste sie finden, und zwar schnell. Und dann würde er herausfinden, was für ein Spiel sie mit ihm trieb.

Er stürmte durch die Tür zurück in die Bar, ignorierte den erschreckten Aufschrei des Barkeepers, der zufälligerweise gerade vorbeiging.

Sekunden konnten darüber entscheiden, ob er sie noch einholte oder nicht. Denn sie war ganz eindeutig geflohen. Aber die Bar war gut besucht, so schnell konnte er sich nicht durch die Menge drängen. Dank seiner Größe sah Rhys jedoch ihren nackten Rücken. Sie schlängelte sich durch die Menge und war schon fast bei der Tür angekommen …

Resolut schob er sich an den tanzenden Paaren vorbei, rempelte jemanden an, hörte das Bersten von Glas und murmelte eine unverständliche Entschuldigung. Sein Blick haftete auf ihrem nackten Rücken. Der jetzt durch die Tür nach draußen verschwand. Sie lief nach links …

Nur Sekunden später stand Rhys auf dem Bürger...

Autor

Natalie Anderson

Natalie Anderson nahm die endgültigen Korrekturen ihres ersten Buches ans Bett gefesselt im Krankenhaus vor. Direkt nach einem Notfall-Kaiserschnitt, bei dem gesunde Zwillinge das Licht der Welt erblickten, brachte ihr ihr Ehemann die E-Mail von ihrem Redakteur. Dem Verleger gefielen ihre früheren Korrekturen und da es gerade einen Mangel an...

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Natalie Anderson nahm die endgültigen Korrekturen ihres ersten Buches ans Bett gefesselt im Krankenhaus vor. Direkt nach einem Notfall-Kaiserschnitt, bei dem gesunde Zwillinge das Licht der Welt erblickten, brachte ihr ihr Ehemann die E-Mail von ihrem Redakteur. Dem Verleger gefielen ihre früheren Korrekturen und da es gerade einen Mangel an...

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Natalie Anderson nahm die endgültigen Korrekturen ihres ersten Buches ans Bett gefesselt im Krankenhaus vor. Direkt nach einem Notfall-Kaiserschnitt, bei dem gesunde Zwillinge das Licht der Welt erblickten, brachte ihr ihr Ehemann die E-Mail von ihrem Redakteur. Dem Verleger gefielen ihre früheren Korrekturen und da es gerade einen Mangel an...

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