Die Lady und der nackte Earl

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Im silbernen Mondlicht rudert die junge Lady Daisy Patterdale zu der kleinen Insel im See. Sie sehnt sich nach Ruhe vor ihren frechen Brüdern, vor ihren Eltern, die sie gegen ihren Willen verheiraten wollen. Dabei hält Daisy die Ehe für ein Gefängnis! Aber ihre Bootsfahrt zur Insel endet für sie verhängnisvoll: Captain Benjamin Flinders, ein adliger Freund ihres Bruders, nimmt hier im Adamskostüm ein Mitternachtsbad. Und sie werden entdeckt. Daisy und ein nackter Earl? Was für ein Skandal! Das bedeutet Heirat! Ohne Liebe, ohne Hoffnung, lebenslang …


  • Erscheinungstag 25.06.2024
  • Bandnummer 404
  • ISBN / Artikelnummer 9783751526661
  • Seitenanzahl 256
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Lady Marguerite Patterdale stieß die Tür zur Bibliothek auf und atmete tief ein. Der tröstliche Geruch von altem Leder und Staub fühlte sich an wie ein Busenfreund, der die Arme öffnete und sie zu Hause willkommen hieß.

Zu Hause. Ja, ihr Tag war bislang bar jeder Freude gewesen, aber hier in der Bibliothek fühlte sie sich willkommen. Akzeptiert. Sicher.

Sie hielt nur inne, um die Tür hinter sich zu schließen, bevor sie hinüber zu ihrem Lieblingsregal schritt, das vom Fußboden bis fast hinauf zur Zimmerdecke reichte. Sie lehnte die Stirn gegen den zweiten und den dritten Band von Clarissa. Als ihr aufging, wie ungerecht diese Bevorzugung war, breitete sie die Arme aus und umarmte so viele ihrer teuren Freunde, wie sie konnte.

Wie sehr sie diese Bücher liebte, sie alle. Jedes einzelne Werk in diesem Raum hatte sie auf die eine oder andere Weise tief berührt und Spuren hinterlassen. Selbst die eher langweiligen hatten sie etwas über die Welt jenseits von Wattlesham Priory gelehrt, ohne dass sie sich aus ihrem Zimmer hatte bequemen müssen.

Doch das Beste war, dass Bücher sie nicht nach ihrem Stammbaum, ihrem Aussehen oder ihrem Reichtum beurteilten. Sie offenbarten ihren Schatz jedem, der in sie eintauchte. Nicht umsonst war die Redewendung „ein offenes Buch sein“ in aller Munde. Bücher gaben ihren Inhalt freigiebig preis und versetzten ihre Leserschaft in eine Welt voller Abenteuer, Wissen oder Fantasie. Sie waren der beste Gefährte, den ein Mädchen sich wünschen konnte. Vor allem eines, das keine Freundinnen hatte.

Ach, hätte sie doch ein Buch heiraten können. Nein, eine ganze Bibliothek. Sie hätte ebenso wenig ein Buch den anderen vorziehen können, wie es ihr gelungen war, sich unter all den angeblich geeigneten Junggesellen, die sie während ihrer Saison kennengelernt hatte, einen Mann auszusuchen. Nicht dass sie den Wunsch verspürt hätte, einen von ihnen zu erwählen. Wäre sie in der festen Absicht nach London gereist, einen Bräutigam zu finden, hätte das Ganze vielleicht nicht derart desaströs geendet.

Marguerite schauderte, als sie an die scheußlichen Dinge dachte, die ihre Mutter an jenem letzten Tag geäußert hatte, nachdem Lord Martlesham das Haus unter lautem Türenknallen verlassen hatte. Die Enttäuschung ihrer Mutter war nur schwer zu ertragen gewesen. Aber Marguerite hatte es schlicht nicht über sich gebracht, ihr zu erklären, weshalb sie seinen Heiratsantrag letztendlich nicht hatte annehmen können.

Das nämlich hätte ihre Mutter nur umso stärker enttäuscht. Denn Marguerite hätte schildern müssen, was sie an jenem Abend beobachtet hatte, als sie Martlesham neben James, ihrem ältesten Bruder, hatte stehen sehen. Ihre Mutter hätte es übel aufgenommen, denn sie vergötterte jeden ihrer fünf Jungen und wäre bestürzt gewesen, hätte Marguerite darauf hingewiesen … oder auch nur angedeutet … dass etwas am Verhalten der beiden ihr das gesamte männliche Geschlecht verleidet hatte.

Ihre Mutter hätte nicht verstanden, weshalb sie nicht einfach akzeptieren konnte, dass ihr einziger Wert für die Familie in ihrem Potenzial bestand, eine gute Partie zu machen. Also einen Mann zu ehelichen, der entweder dazu beitragen konnte, die Ambitionen mindestens eines ihrer Brüder zu befördern oder ihren Vater in seinen politischen Bestrebungen zu unterstützen. Ihre Mutter fand, dass Marguerite sich hätte glücklich schätzen sollen, ihrer Familie auf diese Weise zu … zu … dienen.

Doch selbst wenn sie hätte heiraten wollen, so gestaltete sich die Wahl eines Gatten nicht wie die Wahl einer Lektüre. Männer waren nicht wie Bücher. Alle Männer gaben vor, etwas zu sein, das sie nicht waren. Sie sagten Dinge, die nicht stimmten. Und am schlimmsten war, dass sie Marguerite danach beurteilten, wie sie aussah, welcher Familie sie entstammte und was für eine Mitgift sie in die Ehe einbrachte. Und ein Buch ließ sich zudem zurück ins Regal stellen, wenn man damit fertig war oder es weniger interessant als erhofft fand. Wohingegen man einen Ehemann für den Rest seines Lebens erdulden musste.

Doch ihre Londoner Saison war vorüber. Und sie war wieder zu Hause. Und sie konnte …

Vom Korridor her vernahm sie die Schritte mehrerer Personen, die Stiefel trugen. Das Geräusch ließ sie den Kopf heben. Zweifellos einer ihrer Brüder. In Begleitung einer Handvoll Freunde. Denn jedem ihrer Brüder war es gelungen, in London einige Freunde um sich zu scharen und sie einzuladen, den restlichen Sommer hier zu verbringen.

So wie stets.

Die Bibliothek würden sie allerdings nicht betreten. Sie war der einzige Ort, an dem Marguerite sicher war. Keiner der Burschen konnte Büchern etwas abgewinnen, abgesehen von Ben Flinders, wenngleich Bücher ihm nicht zum Lesen dienten. Vermutlich waren sie auf dem Weg ins Billardzimmer …

Aber, verflixt, anstatt vorbeizugehen, wurden die Schritte langsamer, als sie sich der Tür näherten, und jemand legte eine Hand an den Türknauf.

Auf gar keinen Fall würde sie sich von ihnen dabei ertappen lassen, wie sie ein Regal voller Bücher umarmte. Blitzschnell raffte sie ihre Röcke und kletterte die massiven Regale hinauf, die, das hatte sie vor einigen Jahren herausgefunden, so leicht zu erklimmen waren wie eine Leiter. Obwohl sie heute älter und größer war, stellte sie erfreut fest, dass sie nichts an Beweglichkeit eingebüßt hatte. So gelang es ihr, das oberste Fach zu erreichen und hinter dem kunstvoll geschnitzten oberen Abschluss des Regals zu verschwinden, ehe die Tür gänzlich geöffnet wurde.

„Hier wird uns keiner der anderen Gäste stören“, ertönte die Stimme von Jasper, ihrem zweitältesten Bruder. „Niemand setzt auch nur einen Fuß in die Bibliothek.“

Gewiss nicht die Dienstmädchen, um Staub zu wischen. Marguerite lag auf einem regelrechten Kissen aus Staub. Sie presste sich eine Hand auf Nase und Mund, um nicht zu niesen. Unter keinen Umständen wollte sie Jasper und dessen grässliche Freunde wissen lassen, dass sie so … nun, dass sie in ihrer gegenwärtigen Verfassung … nun, dass sie die Hänseleien der Jungen nicht ertrug, nicht heute. Hätte einer von ihnen auch nur ein Wort darüber verloren, dass sie ohne einen Verlobten im Schlepptau heimgekehrt war, dann … dann …

Tja, sie hatte es ja nicht einmal ertragen können, auf dem Heimweg zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Vater in der Kutsche zu sitzen, so empfindlich stimmte sie ihr bemerkenswerter Mangel an Erfolg, was das Ergattern eines Ehemannes anging. Lieber war sie gemeinsam mit ihrer Zofe in der kleineren Kutsche gereist, als zwei Tage lang zusammengepfercht mit einer enttäuscht dreinblickenden Mutter und einem Verachtung verströmenden Vater zu verbringen. Und bei keiner Rast hatte auch nur einer der beiden im Rahmen der unerträglich höflichen Wortwechsel vor Gastwirten, Stallknechten und Kellnern signalisiert, dass sie zur Familie und nicht zum Personal gehörte.

Groll stieg in ihr auf, gegen ihre Brüder, alle fünf. Und gegen deren grässliche Freunde. Sie verfolgten Marguerite auf Schritt und Tritt und ruinierten alles! Nicht genug damit, dass sie derzeit in einer Staubwehe lag, nein, während ihres gesamten London-Aufenthaltes hatten die Burschen sie wie ein Rudel knurrender, finsterer … Wachhunde umkreist.

Obwohl sie dem männlichen Geschlecht von Natur aus argwöhnisch gegenüberstand, hatte sie ihr Bestes gegeben, um die Hoffnungen ihrer Familie bezüglich der Saison zu erfüllen. Aber wie um alles in der Welt sollte sie einen Gatten finden, wenn die Jungen sie ständig abschirmten? Wenn sie alle anderen Männer mit demselben Maß an Eifer vertrieben, das sie als Schulknaben an den Tag gelegt hatten, wenn sie in den Ruinen auf dem Anwesen Christen und Sarazenen gespielt hatten? Und hatten ihre Mutter und ihr Vater dies etwa zur Kenntnis genommen? War ihnen während Marguerites Saison auch nur ein Wort des Tadels über die Lippen gekommen angesichts des Gebarens ihrer Brüder?

Nein. Sie war diejenige, die alle enttäuscht hatte. Sie war die Versagerin, die trotz all ihrer Vorteile und des Geldes, das in ihr Debüt gesteckt worden war, die Erwartungen ihrer Familie wieder einmal nicht erfüllt hatte.

„Hier sind wir unter uns“, hörte sie Jasper sagen, „und es gibt da etwas, das ich nur euch anvertrauen möchte und das niemand anderes je erfahren darf.“

Sie hätte gestöhnt, hätte sie sich dadurch nicht verraten. Nicht nur, dass sie auf einem Regal festsaß, nun würde sie auch noch zwangsläufig irgendeine missliche Angelegenheit belauschen, die Jasper unbedingt seinen Freunden beichten wollte. Und es musste sich um etwas Gravierendes handeln, wenn er sich damit nicht an James, den Ältesten des Wurfes, oder gar ihren Vater wandte. Letzteren ließ offenbar alles, was seine Söhne trieben, völlig unberührt, ganz gleich, wie verwerflich es in Marguerites Augen war. Stattdessen half er ihnen regelmäßig aus der Klemme und ließ lediglich die eine oder andere Bemerkung über Ausgelassenheit oder derlei Unfug fallen.

So viel dazu, dass sie in der Bibliothek sicher war. Nirgendwo, weder hier auf Priory noch in London, würde sie jemals vor ihren Brüdern sicher sein. Diese Ansicht wurde sogleich bestätigt, als ihr Bruder sagte: „Es geht um Daisy.“

Daisy. Gänseblümchen. Oh, wie sehr sie diesen Spitznamen hasste, den ihre Brüder ihr gegeben hatten. Und nicht bloß deshalb, weil er eine spöttische Anspielung auf die Blume darstellte, nach der sie benannt worden war. Schlimm genug, dass ihre Brüder sie mit dem unscheinbaren Pflänzchen gleichsetzten, welches mit der schönen, prachtvollen Blume verwandt war, mit der ihre Mutter sie gleich nach der Geburt verglichen hatte. Dabei waren Gänseblümchen kleinwüchsige Blumen, und ihre Brüder wurden nicht müde, sie damit aufzuziehen, dass sie hochschoss wie Unkraut. Denn sie hatte das Pech, nach dem väterlichen Familienzweig zu schlagen, in dem alle hochgewachsen und gertenschlank waren.

Nein, sie hasste ihn vor allem deshalb, weil alle sie inzwischen Daisy riefen. Sogar ihre Mutter und ihr Vater, denen nicht im Traum eingefallen wäre, Jasper, Jeremy und Joshua bei deren Spitznamen Gem, Germ und Trompeter zu nennen.

Aber so war das eben in dieser Familie. Den Jungen wurde der ganze Respekt zuteil. All der Spaß. All die Freiheit. Wohingegen sie nichts weiter war als die Zielscheibe des allgemeinen Spottes.

Ben sank das Herz. Sie waren noch keine fünf Minuten hier, und schon klang es so, als wollte Gem sie alle in eine wie immer geartete Narretei verwickeln, die er als Ulk oder Späßchen bezeichnen würde. Und hätte Ben eingewandt, dass sie inzwischen allesamt zu alt für derlei Eskapaden seien, hätten die anderen ihn als Spielverderber bezeichnet. Somit blieb ihm nichts anderes übrig, als sich anzuhören, was Gem plante, und dafür zu sorgen, dass sie alle mit heiler Haut davonkämen.

„Es geht um Daisy“, verkündete Gem.

Bei der Erwähnung ihres Namens stellten sich Ben die Nackenhaare auf, so wie sie es vor einem militärischen Einsatz taten. Gem würde doch nicht etwa vorschlagen, ihr einen Streich zu spielen, so wie zu Schulzeiten? Das hatte sie nicht verdient. Nun, das hatte sie auch damals nicht verdient. Soweit er das beurteilen konnte, wurde sie von ihren Brüdern nur deshalb so gnadenlos schikaniert, weil sie das einzige Mädchen in einer Jungenfamilie war.

Und das ausgerechnet in der Bibliothek. Einem Ort, den sie als ihre Zuflucht betrachtete. Einem Ort, den er so sehr mit ihr verband, dass er hätte schwören können, ihren Duft wahrzunehmen, einen schwachen, blumigen, sommerlichen Duft. Er hatte ihn tief eingeatmet an jenem Abend, da er einen Tanz mit ihr ergattert und das Privileg genossen hatte, eine quälende halbe Stunde lang ihr Tanzpartner zu sein. Nein, er musste ehrlich zu sich sein, wenn schon zu niemandem sonst. Die Qual hatte weit länger als eine halbe Stunde gewährt. Seit damals lag er allnächtlich wach und ließ jeden Augenblick, jedes noch so flüchtige Mienenspiel Revue passieren. Er dachte an ihr Haar, das im Kerzenschein wie Gold geglänzt hatte, dachte daran, wie ihre Glieder sich beim Tanzen unter dem hauchzarten Stoff ihres Kleides abgezeichnet hatten. Er dachte an ihren Duft, der ihn abwechselnd umwogt hatte und verebbt war, je nachdem, ob sie sich ihm genähert oder sich entfernt hatte …

Das erklärte wahrscheinlich, weshalb er sie zu riechen glaubte. Gem brauchte nur ihren Namen zu erwähnen, und schon sah Ben sie im Geiste vor sich und erinnerte sich an ihren Duft und das Gefühl, ihre Hand in der seinen zu halten, wenn auch nur kurz, wann immer der Tanz es verlangt hatte. In der Bibliothek roch es lediglich nach Büchern. Was, wenn er aufrichtig war, ebenfalls Erinnerungen heraufbeschwor. Als er ihr zum ersten Mal begegnet war, hatte sie ein Buch in der Hand gehalten. Und er hatte schnell begriffen, dass Bücher die Liebe ihres Lebens waren. Sie liebte sie so sehr, dass er keine Bibliothek und keinen Buchladen betreten konnte, ohne an sie zu denken. Daran musste es liegen, dass er meinte, ihren Duft wahrzunehmen. Es war eine … eine Geruchserinnerung, falls es so etwas gab.

„Ich mache mir Sorgen um sie“, sagte Gem beklommen.

Horace und Walter gaben unverbindliche Laute von sich, wobei sie sich beinahe überzeugend bemühten, interessiert auszusehen. Ben indes war auf einen Schlag hellwach und auf der Hut.

„Ich muss euch nicht erzählen, was für eine Katastrophe ihre Saison gewesen ist“, fuhr Gem fort, trat zu einem großen Schreibtisch und lehnte sich rücklings dagegen. „Bislang ist es mir nie aufgefallen, aber in gesellschaftlichen Kreisen ist sie, nun …“ Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Wie sich herausgestellt hat, ist sie recht schüchtern.“ Die Arme vor der Brust verschränkt, schaute er in die Runde, als wollte er Ben und die anderen beiden stumm herausfordern, ihm zu widersprechen. „Wir alle kennen sie als eine … tja, in vielerlei Hinsicht hat sie Schneid. Aber das würde man nicht meinen, wenn man erlebt, wie sie in Gesellschaft förmlich erstarrt. Deshalb hat kein Mann, der ihrer würdig wäre, erkennen können, welch ein Juwel sie in Wahrheit ist.“

Walter kicherte. Gem funkelte ihn verärgert an. „Tut mir leid, Gem“, entgegnete Walter. „Es ist nur … na ja, dein Spitzname Gem, also Edelstein, und dass du deinerseits sie als Juwel bezeichnest und so …“

Der grimmige Zug um Gems Mund verschwand. Den Spitznamen Gem hatte er in Eton erhalten, wegen seines Vornamens Jasper – Jaspis. Früher hatte ihm der Spitzname nicht gefallen, doch das hatte sich geändert, als seine jüngeren Brüder nach und nach eingeschult worden waren. Jeremy, der Nächste in der Reihe, für den sich der Spitzname Jem angeboten hätte, war mit dem weit weniger schmeichelhaften Germ, Keim, bedacht worden, da Jem, lauttechnisch identisch mit Gem, bereits besetzt gewesen war.

Daisys jüngste Brüder hatten noch weniger Glück gehabt. Joshua hatte sich den Spottnamen Trompeter eingefangen, in Anlehnung an die biblische Gestalt Josua und deren berüchtigte Schlacht um Jericho ebenso wie aufgrund seiner Neigung zu lauten Fürzen. Und das Nesthäkchen Julius wurde von aller Welt nur Fit, Anfall, genannt, weil sein Namensvetter Julius Cäsar unter solchen gelitten hatte. Vor diesem Hintergrund konnte sich Gem, was seinen Spitznamen anging, wahrlich nicht beschweren. Ein Juwel stand immerhin für Härte, eine männliche Tugend, und das war allemal besser, als nach einem Krankheitserreger oder einem Gebrechen benannt zu werden. Oder nach Flatulenzen.

„Wie dem auch sei“, sprach Gem fest weiter in dem Bestreben, die Unterredung wieder in geordnete Bahnen zu lenken, „es geht darum, dass es für ein Mädchen ziemlich vernichtend ist, ihre Saison ohne Verlobten zu beschließen. Und nach ihrem Verhalten in London zu urteilen, glaube ich kaum, dass ihr in einer zweiten Saison oder, äh, überhaupt irgendwann mehr Erfolg beschieden wäre. Was mich zu meinem Anliegen bringt.“ Er sah die anderen der Reihe nach an. „Ich bitte darum, dass einer von euch – wer, ist mir egal, da ihr alle anständige Kerle seid –, nun, dass einer von euch im Laufe des Sommers um ihre Hand anhält.“

Die Stille, die auf diese ungeheuerliche Äußerung folgte, war schier betäubend.

Gem lachte kurz auf. „Wie ich sehe, habe ich euch schockiert. Aber überlegt doch nur. Wer wäre besser geeignet, sie zu heiraten, als ein Bursche, den ich praktisch mein Leben lang kenne? Obendrein einer, den sie ebenso lange kennt, da ihr in den Schulferien viel Zeit hier verbracht habt. Ich schätze mich glücklich, dass ihr mir als Freunde erhalten geblieben seid, selbst nachdem sich unsere Wege getrennt haben. Das ist mehr, als ich von anderen Schulkameraden, die ich hierher eingeladen habe, behaupten kann. So mancher davon wirkte zwar anständig, entpuppte sich jedoch als …“, angewidert schüttelte er den Kopf, „… Schwerenöter. Ihr hingegen …“, er breitete die Arme aus, als wollte er sie alle umarmen, „… nun, ihr seid die besten aller anständigen Burschen. Es ist mir gleich, wer von euch sie erobert. Ich weiß, dass ich jedem von euch vertrauen kann, wenn es darum geht, sie zu, äh, ehren und so weiter.“

Die Antwort bestand abermals in perplexer Stille.

„Die Entscheidung, wer von euch ihr als Erster einen Antrag macht, überlasse ich euch“, setzte Gem hinzu, stieß sich vom Schreibtisch ab und strebte zur Tür.

Niemand machte Anstalten, ihn aufzuhalten, wenngleich alle drei wie Aufziehspielzeug herumschwenkten und ihm hinterherstarrten.

Ben vermochte sich nicht zu rühren und brachte keinen Ton heraus, doch sein Herz pochte wie wild. So wild wie an jenem Abend, da er mit ihr getanzt hatte.

Wenn er sie doch bloß heiraten könnte. Damit wäre ein Traum in Erfüllung gegangen.

Aber das konnte er nicht. Er hatte einer Frau nichts zu bieten, vor allem keiner Schönheit wie Daisy. Sie war so … perfekt. Mit ihrem goldblonden Haar, ihren blauen Augen, ihrer makellosen kleinen Nase und ihren sinnlichen Lippen, die zart wie Blütenblätter waren und ihm den Mund wässrig machten …

Er ertappte sich dabei, dass er sich an den eigenen Mund fassen wollte. Dieser war nie sein attraktivstes Merkmal gewesen, nicht einmal vor Salamanca. Nun wirkte er dank der Narbe auf seiner Wange umso breiter und verlieh seinen Zügen etwas verhalten Mokantes.

Aber selbst wenn er nicht so verflixt unansehnlich gewesen wäre, gehörte er nicht zu der Sorte Mann, die sich Daisys Eltern als Bräutigam für sie erhofften. Denn sie war nicht nur schön, sondern obendrein adelig und reich. Ihre Eltern würden erwarten, dass sie eine brillante Partie machte. Und er hatte nichts von Wert zu bieten, außer seinem Herz, das sie längst besaß, ohne auch nur die leiseste Ahnung davon zu haben. Denn er wollte nicht, dass sie ihn bemitleidete. Und das hätte sie getan, diese weichherzige Person, hätte sie Wind davon bekommen, wie es um ihn stand.

Nun jedoch hatte Gem ihm … die Erlaubnis erteilt … nay, ihn geradezu ermutigt …

Er schüttelte den Kopf. Es konnte niemals glücken. Abgesehen davon, dass er untauglich und ihrer nicht würdig war, gab es das weit banalere Hindernis, dass er vermutlich niemals in der Lage gewesen wäre, die entsprechenden Worte zu äußern. Er brauchte nur daran zurückzudenken, wie sehr er um Worte verlegen gewesen war, als er sie an jenem Abend zum Tanzen aufgefordert hatte. Ha! Nicht einmal das hatte er geschafft.

Er hatte Gem gefragt, ob er mit dessen Schwester tanzen dürfe, und Gem war derjenige gewesen, der ihn zu ihr geführt hatte, um ihr mehr oder weniger zu befehlen, sich seiner zu erbarmen. Und das hatte sie getan. Wenigstens hatte sie ihn auch nicht entnervter angesehen als all ihre übrigen Tanzpartner jenes Abends. Ja, sie hatte ihn gar angelächelt, als er sich mit ihr in die Tanzaufstellung eingereiht hatte. Ihr Lächeln war ihm wie eine besondere Gunst erschienen, da sie es nicht vielen ihrer Partner geschenkt hatte. Er hatte sich auserwählt und geehrt gefühlt. Und wann immer er ihre zierliche Hand ergriffen hatte, war er so verdammt erregt gewesen, dass er befürchtet hatte, sie könnte ihre Wirkung auf ihn bemerken, ebenso wie alle anderen Menschen im Ballsaal.

Er hatte im Geiste ein kaltes Bad nehmen, bei Schneegestöber im Freien nächtigen und anschließend mitten im Winter die Pyrenäen überqueren müssen, um sich zu beherrschen. Bis dahin war ihr Lächeln verblasst. Und er war von dem entmutigenden Gefühl befallen worden, dass sie ihm wieder einmal durch die Finger geglitten war …

„Gibt es hier irgendetwas zu trinken?“, fragte Walter und schaute sich eifrig um, ehe er zur gegenüberliegenden Seite der Bibliothek ging, wo auf einem kleinen Tisch inmitten einer Sesselgruppe eine Karaffe und mehrere Gläser standen.

Horace folgte ihm.

Und Ben war klar, dass er sich zu ihnen gesellen musste. Andernfalls hätten sein Zittern, sein ständiges Schlucken und, ja, auch sein Schwitzen womöglich verraten, dass er sich fühlte, als wäre er soeben vom Blitz getroffen worden.

2. KAPITEL

Marguerite traute ihren Ohren nicht. Gem glaubte also, er könnte seine Freunde auf sie ansetzen, ja? Und er glaubte, sie wäre dafür so dankbar, dass sie brav den Erstbesten akzeptierte, der sich zu einem Heiratsantrag herabließe? Nun, das würden sie ja sehen. Sobald die Burschen verschwunden wären und sie vom Regal hinuntersteigen könnte, würde sie …

Sie hörte, wie der Stöpsel aus der Karaffe gezogen wurde und ein Glas klirrte. Sesselbeine scharrten über den Fußboden, und Leder knarrte, als jemand sich setzte.

Mist. Gott allein wusste, wie lange sie bleiben würden, wenn sie sich erst einmal am Brandy gütlich taten. Denn natürlich hatten sie den gefunden. Marguerites Vater stellte sicher, dass in sämtlichen Räumen, die seine Gäste eventuell nutzten, Stärkungen bereitstanden.

Selbst in der Bibliothek.

„Erwartet er von uns etwa, dass wir Strohhalme um sie ziehen?“

Das war Walters Stimme.

„Es ist mir egal, was er von uns erwartet.“ Das war Horace. Der Haarige Horace. „Ich werde Daisy nicht heiraten. Lieber würde ich mit einem Eiszapfen ins Bett gehen.“

Was? Tja, wenn er sich einbildete, sie würde je mit ihm ins Bett gehen, hatte er sich gehörig getäuscht! Eher hätte sie einen … einen Affen geküsst! Denn er sah aus wie einer. Und meistens verhielt er sich auch so.

„Sie ist nicht kalt“, wandte Ben ein, „sondern schüchtern. Das ist es, was Gem gesagt hat, schon vergessen?“

„Schüchtern?“ Wieder Walter. „Sie ist nicht schüchtern, sondern einfach nur verflucht abweisend. Richtet nie mehr als zwei Worte an mich.“

Und wieso sollte sie auch, wo er doch ein solcher … Hornochse war?

„Selbst wenn ich all meinen Mut zusammennähme, würde sie mich nicht nehmen.“

Nun, das war die erste halbwegs intelligente Bemerkung, die sie Walter je hatte äußern hören.

„Ah, aber denkt nur an die Vorzüge“, warf Ben gedehnt ein. „Ihr könntet euch sicher sein, dass jedes ihrer Kinder von euch wäre, was heutzutage viel wert ist.“

Das klang nicht so recht nach einem Kompliment. Er schien nicht etwa zu glauben, dass sie sich getreulich an ihr Ehegelübde halten würde. Es klang vielmehr so, als wollte er damit sagen, dass kein Mann sie eines zweiten Blickes für würdig befände. Aber so war Ben nun einmal. Zynisch. Unwirsch. Das war ironisch angesichts seines Mundes, der stets so wirkte, als stünde Ben kurz davor zu lächeln. Was er indes nie tat.

„Sie würde euch nie mit infernalischem Geplapper auf die Nerven gehen, so wie andere Mädchen“, fuhr Ben fort, als zählte er die Aspekte an seinen Fingern ab, was er vermutlich auch tat. Es war eine irritierende Eigenschaft von ihm. „Sie ist reich, und zudem“, schloss er, „würdet ihr in die Familie Patterdale einheiraten. Eine gute Verbindung, das lässt sich nicht leugnen. Und Gem würde euer Bruder werden. Einen besseren Schwager kann man sich nicht wünschen. Es gäbe auch keine Überraschungen. Wir kennen sie alle seit Ewigkeiten.“

Darauf folgte widerwilliges, aber zustimmendes Gemurmel.

„Das hört sich so an, als würdest du selbst gern einen Versuch wagen“, bemerkte Walter.

„Nein!“

Oh, das kam definitiv von Herzen.

„Ich finde, du solltest es tun“, ergänzte Ben. „Du bist der … nun, der Beste von uns, Walter.“

„Verdammt, Ben, das ist nicht wahr. Du bist unter uns derjenige mit dem höchsten Rang, nun da du ein Earl bist.“

„Du musst endlich aufhören, dich bloß als jüngeren Sohn zu betrachten“, sagte Horace in diesem enervierenden altklugen Tonfall, den er oft anschlug, wenn er jemanden zu überzeugen trachtete.

„Rang beeindruckt sie nicht“, erwiderte Ben, „oder? Ansonsten hätte sie Lord Martlesham genommen.“

„Ich habe gehört“, meinte Horace, „sie habe ihm keine Entscheidung abringen können.“

Oh! Wie konnte er es wagen? Wenngleich wahrscheinlich jeder genau das dachte. Lord Martlesham dürfte kaum daran gelegen sein, irgendwen wissen zu lassen, dass sie ihn rundheraus abgewiesen hatte. Dafür war er zu stolz. Ihr Vater hatte sie aus London fortgebracht, bevor sie ihn hatte beschämen können, indem sie weitere anständige, ehrbare Männer demütigte, und somit hatte Lord Martlesham freie Bahn gehabt, um seine Version der Geschichte zu erzählen.

„Und du bist Hauptmann der Armee“, fügte Walter hinzu. „Die Mädchen lieben einen Mann in scharlachrotem Rock. Zieh deine Uniform an, Ben, altes Haus, und blende sie!“

„Lass ihn in Ruhe, Walter“, wandte Horace ein. „Er kann dem Wettstreit, den Gem uns auferlegt hat, offenbar ebenso wenig abgewinnen wie wir.“

Das hätte nicht so wehtun sollen. Schließlich war es ihr gleich, was die anderen Jungen dachten. Aber Ben … Ben konnte sie doch nicht dermaßen verabscheuen, oder? Nicht nach all den gemeinsam verbrachten Stunden in jenem Sommer, als er sich das Schlüsselbein gebrochen hatte. Bei der Verteidigung der Klosterruinen gegen, nun, es waren wohl die Roundheads, die Anhänger des Parlamentes. In jenem Jahr musste es gewesen sein, aber sie wusste es nicht mehr genau. Wenn ihre Brüder nicht Roundheads und Royalisten gespielt hatten, waren sie Sarazenen und Kreuzritter oder Piraten und Zöllner gewesen. Ihre Freunde hatten sich jeweils für eine Seite entschieden, und so war das gesamte Anwesen für die Dauer der Sommerferien ein einziger Kriegsschauplatz gewesen. Es hatte Marguerite entsetzt, dass ihre Brüder ihren Feldzug einfach fortgesetzt und Ben auf seinem Krankenlager vergessen hatten. Und noch bestürzter war sie darüber gewesen, dass keiner seiner Eltern sich angeschickt hatte, ihn nach Hause zu holen. Tag für Tag hatte er, so war ihr zu Ohren gekommen, auf einem Kanapee gelegen und düster aus dem Fenster gestarrt, während die übrigen Jungen bei Regen lärmend durch die Korridore getobt waren und bei schönem Wetter offene Schlachten im Wald ausgetragen und die Ruinen belagert hatten.

Bis zu dem Tag, an dem ihre Mutter ihr erlaubt hatte, zu ihm zu gehen und ihm vorzulesen, solange ein Dienstmädchen zugegen war.

Ben war nicht gerade angetan von dem Buch gewesen, das sie mitgebracht hatte. Und was das Motiv für ihre täglichen Besuche anging, war er regelrecht argwöhnisch gewesen. Es hatte Tage gedauert, ihn davon zu überzeugen, dass sie nicht etwa im Sinn hatte, ihn zu quälen, indem sie ihm vorlas, derweil er sich nicht wehren konnte. Sondern dass sie ihm, im Gegenteil, durch seine schmerzhafte und einsame Tortur helfen wollte. Was sonst, fragte sie gereizt, kannst du tun, solange du mit nur einem gesunden Arm hier eingesperrt bist? Eine Weile lang starrte er sie erbost an und rückte sich zurecht, als suchte er zu ergründen, ob er ihr trauen konnte. Endlich räumte er ein, dass er nichts gegen ein Kartenspiel einzuwenden hätte, und sein desinteressierter Tonfall konnte sie nicht täuschen. Es war offenkundig, dass er liebend gern Karten spielen wollte. Leider kannte sie keines der Spiele, die er vorschlug. Er war erstaunt zu erfahren, dass ihre Brüder sie nie mitspielen ließen, und selbst wenn sie es getan hätten, wäre keiner ihrer Gouvernanten in den Sinn gekommen, das Erlernen von Kartenspielen auf ihren Lehrplan zu setzen.

Beide lugten sie verstohlen zu dem Dienstmädchen hinüber, das damit beschäftigt war, Socken zu stopfen. Marguerite neigte sich vor und flüsterte ihm zu, dass sie wisse, wo sich ein Kartendeck finden lasse, das sie am nächsten Tag mitbringen werde.

Unbehelligt vom Dienstmädchen, brachte Ben ihr die Regeln von Whist, Pikett und Vingt-et-un bei. Und es fesselte Marguerite mehr als gedacht, die Feinheiten dieser Spiele zu lernen. So sehr, dass sie sich an einem richtigen Spiel versuchen wollte, sobald sie die Grundprinzipien begriffen hatte.

Ben war klar im Nachteil, da er nur eine Hand einsetzen konnte. Bis Marguerite die Idee kam, aus all den Büchern, auf deren Lektüre er verzichtet hatte, eine Art Sichtschutz zu bauen, hinter dem er seine Karten offen auf dem Tisch ausbreiten konnte.

Stundenlang ertrug sie gleichmütig seine finsteren Blicke und sein Murren, weil sie wusste, dass er Schmerzen litt und unglücklich darüber war, von Freunden und Eltern im Stich gelassen worden zu sein. Allmählich beschlich sie gar das Gefühl, dass sie Freunde geworden seien. Und als die Jungen am Ende des Sommers abreisten, Ben zurück zur Schule und die anderen zu ihrer jeweiligen Familie, ging sie nach draußen, um ihm nachzuwinken. Als sie erfuhr, dass er über Weihnachten zu Besuch kommen werde, freute sie sich auf das Wiedersehen, weil sie glaubte, sie könnten ihre Freundschaft fortsetzen. Doch er hatte nicht die geringste Neigung gezeigt, sich mit ihr abzugeben, sondern sie wie die Pest gemieden. Wenn es ihm unmöglich gewesen war, sie zu ignorieren, war er rot angelaufen und hatte auf ihre Füße gestarrt, statt ihr ins Gesicht zu sehen. Er hatte förmlich an der Meute um Jasper geklebt und keinen Zweifel daran gelassen, dass er sich in Grund und Boden dafür schämte, im Sommer zuvor so viel Zeit mit einem bloßen Mädchen verbracht zu haben.

Und es schmerzte noch immer. Aber so waren Jungen nun einmal. Männer. Selbstsüchtige Kreaturen, allesamt!

„Ich habe eine Idee“, meldete sich Horace zu Wort. „Wie wäre es mit einer Runde Billard? Dabei könnten wir auf einen Ausweg sinnen.“

„Wieso ziehen wir nicht einfach Strohhalme“, wandte Walter ein, „und wer immer den kürzesten erwischt …“

„Nein. Ich werde das nicht dem Schicksal überlassen“, warf Horace entschieden ein. „Lasst uns ein paar Wettkämpfe austragen, und diese Billardrunde soll der erste sein. Damit wir zumindest die Chance haben, uns zu überlegen, wie wir dieser Verpflichtung entgehen können.“

Sie hörte, wie Gläser auf den Tisch geknallt wurden. Zielstrebige gestiefelte Schritte waren zu vernehmen, ehe die Tür geöffnet und geschlossen wurde. Marguerite stemmte sich mit einem Ellbogen hoch und lugte wachsam über das Schnitzwerk, bevor sie Anstalten machte, ihr Versteck zu verlassen. Erst nachdem sie sich vergewissert hatte, dass wirklich alle verschwunden waren, stieg sie von den Bücherregalen hinunter, verließ die entweihte Sicherheit der Bibliothek und stürmte zurück in ihr eigenes Zimmer.

Sie stieß die Tür auf, trat ein und schlug sie zu. Danach riss sie die Tür erneut auf und schlug sie zu, um ihren Gefühlen Luft zu machen.

Marcie, ihre Zofe, die damit beschäftigt gewesen war, die Rückwand des Kleiderschrankes zu schrubben, schaute offenen Mundes auf.

„Herrje, Mylady, haben diese kleinen Racker Sie zu guter Letzt doch noch erwischt? Obwohl Sie so vorsichtig waren?“

Marcie bezog sich auf Marguerites jüngere Brüder Joshua und Julius, die ein Willkommensgeschenk für sie vorbereitet hatten, in Gestalt von Tauben in ihrem Kleiderschrank. Zweifellos hatten sie gehofft, diese würden herausfliegen, sobald sie die Tür öffnete, und sie wild flatternd verfolgen, während sie schreiend durchs Zimmer rannte. Ihr Streich war aus zwei Gründen misslungen. Erstens hatte Marguerite damit gerechnet, dass sie ihr irgendeine Falle gestellt hatten, weshalb sie ihr Zimmer gründlich untersucht hatte. Mit ihrem Sonnenschirm war sie unters Bett gefahren für den Fall, dass die Jungen ihr den Nachttopf mit Fröschen gefüllt hatten. Und auch über den Baldachin für den Fall, dass sie diesen mit Würmern bestreut hatten, die später, wenn sie geschlafen hätte, auf sie herabgeregnet wären. Und sie hatte die Tagesdecke vom Bett gerissen für den Fall, dass sie ihr Schnecken hineingelegt hatten. Zuvor hatte sie ihre Zimmertür mit der Spitze ihres Sonnenschirmes aufgestoßen für den Fall, dass sie einen Eimer Wasser auf dem Türsturz platziert hatten. Der zweite Grund dafür, dass der Streich nicht wie vermutlich gewünscht geglückt war, war der, dass die beiden die Tür des Kleiderschrankes hatten schließen müssen, um die Tauben einzusperren. Und da es dadurch im Innern dunkel gewesen war, waren die Vögel eingeschlafen. Es war nicht allzu schwierig gewesen, die verschlafen gurrenden Tiere einzusammeln, zum Fenster zu tragen und hinauszuwerfen. Leider hatten sie bis dahin schon getan, was Tauben nun einmal taten, und das auf sämtliche Kleider. Deshalb war die arme Marcie seit geraumer Zeit damit beschäftigt, besudelte Kleidung herauszunehmen und die Schrankfächer zu reinigen.

„Es waren nicht meine jüngeren Brüder“, erwiderte Marguerite. „Es war Jasper.“

„Der Älteste? Ich dachte, Sie hätten gesagt, der sei längst zu hochnäsig für solche Possen.“

Hochnäsig war exakt das Wort, mit dem sie James beschrieben hatte, kurz nachdem Marcie eingestellt worden war und Marguerite in ihr eine Verbündete gefunden hatte. „Nein, Jasper ist nicht der Älteste, sondern James. Jasper ist der Zweitälteste. Aber woher weißt du, dass ich eine Begegnung mit einem meiner Brüder hatte?“

„Weil Sie so aussehen, als hätten Sie einen Schornstein gefegt, Mylady“, antwortete Marcie. „Verzeihen Sie, aber da hätten Sie ebenso gut hierbleiben und mit mir den Schrank putzen können.“

Marguerite ging hinüber zu der jungen Frau, die ursprünglich nur für die Dauer der Saison als Hausmädchen im Stadthaus hatte dienen sollen und aus diversen Gründen ihre Zofe geworden war. Sie zupfte ihr eine Feder aus dem Haar. „Wenigstens sehe ich nicht so aus, als hätte ich mich mit Tauben angelegt. Das …“, sie wischte sich mit einer Hand über die Röcke, die, wie sie erst jetzt bemerkte, Spuren ihrer Regalbesteigung und ihres Ausharrens im Schmutz trugen, „… ist bloß Staub, kein Ruß.“

„Wenn Sie das sagen, Mylady“, meinte Marcie mit ihrem frechen Lächeln und ihrer wenig respektvollen Art. Beides hatte Marguerite damals für sie eingenommen.

„Und ich bin froh darüber, dass ich hinunter in die Bibliothek gegangen bin“, fügte Marguerite entschieden hinzu, „ansonsten hätte ich nie erfahren, was Jasper plant.“

Glaubte er allen Ernstes, sie würde sich folgsam bereit erklären, einen dieser … Dummköpfe zu heiraten, wer immer es sein würde, der um ihre Hand anhielte? Einen dieser Dummköpfe, die derzeit bei einem Billardspiel entschieden, wem von ihnen die leidige Pflicht zufallen sollte, ihr einen Heiratsantrag zu machen? Die lieber mit einem Eiszapfen ins Bett gegangen wären?

Ein Eiszapfen war sie also, ja? Einen Eiszapfen konnten sie haben!

„Marcie, habe ich irgendetwas Weißes zum Anziehen für das heutige Dinner?“

„Ja, selbstredend, Mylady. Alle Kleider in Ihren Truhen sind noch sauber und müssen nur geplättet werden.“

„Dann plätte mir das weißeste Kleid, das du finden kannst. Dazu werde ich das Überkleid aus silberfarbener Gaze tragen.“ Und sie würde das Ganze mit so viel Perlen- und Kristallschmuck abrunden, wie sie in ihrem Haar sowie an Hals und Armen unterbringen konnte. Sie würde regelrecht funkeln, wenn sie zum Dinner hinunterschritte. Frost würde ihr durch die Adern strömen und Stahl ihr Rückgrat stärken.

3. KAPITEL

Es überraschte Marguerite nicht, dass der lange Salon, in dem alle vor dem Dinner zusammenkamen, brechend voll war, weil sich ihre Brüder und deren Freunde darin drängten. Als sie vorhin eingetroffen war, hatte sie das Gewirr aus Zweispännern und Phaetons im Stallhof sowie die Gepäckberge gesehen, die sich in der Eingangshalle aufgetürmt hatten.

Ebenso wenig überraschte es sie, dass eine ausgelassene Stimmung herrschte. Jedermann war herzlich froh darüber, dass ihr Vater ihre Saison abgekürzt hatte, sodass man sich wieder den wirklich unterhaltsamen Dingen widmen konnte.

James, der sich seit Kurzem seiner Stellung als Erbe des Wattlesham-Anwesens bewusst war, hatte für den Sommer lediglich die zwei seiner Freunde eingeladen, die bereits Lords waren. Marguerite war nicht im Mindesten beeindruckt von ihnen, auch wenn sie recht ansehnlich und so erlesen gekleidet waren, als wären sie einer Modezeichnung entstiegen. Denn sie wusste, dass die arroganten, selbstgefälligen Gesichter vor nicht allzu langer Zeit noch mit Pickeln übersät gewesen waren.

Während ihrer Zeit in London hatte sie beobachtet, wie mehrere Mädchen einen von ihnen, Lord Bowes, angeschmachtet und seine Züge mit denen eines griechischen Gottes verglichen hatten. Marguerite hatte den Drang verspürt, die Augen zu verdrehen, wenngleich sie der Versuchung natürlich nicht nachgegeben hatte, da es gänzlich undamenhaft gewesen wäre. Nicht nur, dass kein Mann der Welt sie je dazu gebracht hätte, einfältig lächelnd zu seufzen. Nein, ihr stand auch noch lebhaft die Erinnerung an jenes Jahr vor Augen, in dem ihm direkt auf der Nasenspitze ein Pickel gewachsen war, der solche Ausmaße angenommen hatte, dass ihre jüngeren Brüder den jungen Mann Kirsche getauft hatten.

Jeremys Freunde, von denen die meisten inzwischen gemeinsam mit ihm die Universität besuchten, durchlebten derzeit die pickelige Phase. Sie hielten sich so nah wie möglich bei James und dessen Freunden, bemüht, nicht zu zeigen, dass sie deren Unterhaltung eifrig lauschten, um später die selbstsicheren Phrasen und Attitüden der etwas älteren Burschen nachzuahmen.

Die Halbwüchsigen, die sich um Joshua und Julius scharten, kicherten und knufften einander, zweifellos damit beschäftigt, sich Streiche für die älteren Brüder auszudenken. Streiche, die Tinte oder Teichwasser oder eine ganze Bandbreite weiterer Materialien beinhalteten, mit denen sich die elegante Kleidung und das sorgsam frisierte Haar all derer ruinieren ließen, die einen Dämpfer verdient hatten.

Was Jaspers Freunde anging …

Die würde sie keines Blickes würdigen. Dennoch entging ihr nicht, dass sie dicht beieinanderstanden und die Köpfe zusammensteckten, so als erörterten sie ihre Strategie.

Ihre Mutter warf ihr, wie üblich, nur einen einzigen, recht enttäuschten Blick zu, bevor sie damit fortfuhr, von Gruppe zu Gruppe zu gehen und sicherzustellen, dass alle Jungen sich herzlich willkommen fühlten. Ja, die Jungen waren allesamt willkommen. Für ihre Jungen hätte ihre Mutter alles getan. Aber hatte sie je ein offenes Ohr für ihre Tochter? Nahm sie Anteil daran, was Marguerite empfand, oder zeigte sie auch nur eine Spur Mitgefühl? Versicherte sie ihr, dass es egal sei, ob sie heirate oder nicht, solange sie nur glücklich sei?

Nein. Denn was ihre Mutter betraf, so bestand Marguerites einzige Aufgabe im Leben darin, die Gattin eines Mannes zu werden, der ihren Vater als Schwiegersohn mit Stolz erfüllte.

Heute Abend ließ ihre Mutter keinen Zweifel daran, dass ihre einzige Tochter sie nicht nur befremdete, sondern auch schwer enttäuschte. Dies zeigte sie, indem sie unablässig umhereilte, als wäre sie viel zu vereinnahmt von ihren Pflichten als Gastgeberin, um Zeit an ihre Tochter zu verschwenden.

Marguerite reckte das Kinn und richtete den Blick angelegentlich jeweils dorthin, wo niemand stand. Und sie konzentrierte sich darauf, wie ein Eiszapfen zu wirken.

Endlich öffnete Barnes, der Butler, schwungvoll die Tür am Ende des Salons, und alle strömten in Richtung des Speisezimmers. Da Marguerite wusste, was im Gange war, bemerkte sie, wie Jasper seine Freunde mit einem so eindringlichen wie vielsagenden Blick bedachte. Pflichtschuldig ließen sie sich zurückfallen, sodass sie die Tafel zeitgleich mit ihr erreichten. Walter rückte ihr den Stuhl zurecht und nahm zu ihrer Linken Platz, während Horace sich rechts von ihr niederließ. Ben musste während seiner Jahre in der Armee ein meisterhafter Stratege geworden sein, denn es gelang ihm, im letzten Moment abzuschwenken. So ergatterte er einen Platz ihr gegenüber und konnte sich hinter einem riesigen Tafelaufsatz verschanzen, der als zusätzlicher Schutzwall fungierte.

Hätte sie nicht gewusst, dass Horace und Walter von Jasper angestiftet worden waren, wäre sie amüsiert gewesen von den unbeholfenen Bemühungen der beiden, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Aber sie wusste es. Und daher wurde sie immer wütender, je länger die zwei gegen ihre natürliche Abneigung ihr gegenüber ankämpften. Ein ums andere Mal musste sie sich vor Augen führen, dass es unhöflich wäre, jemandem während des Dinners die Gabel in den Handrücken zu rammen. Obwohl die meisten der anwesenden Herren vor Lachen gejohlt hätten, wenn Walter oder Horace in lautes Wehklagen ausgebrochen wären und sich die blutende Hand in eine Serviette gewickelt hätten.

Jedenfalls hatte sie sich noch nie auf das Humorniveau ihrer Brüder herabgelassen, und sie würde jetzt nicht damit anfangen. Zudem waren ihre Eltern schon verärgert genug, auch ohne dass sie für eine solche Szene an der Dinnertafel sorgte. Und das auch noch am allerersten Abend ihrer sommerlichen Hausgesellschaft.

Allerdings wäre alles leichter zu ertragen gewesen, wenn Ben ihr nicht gegenübergesessen und seine Freunde angegrinst hätte …

Falls er denn grinste. Das war mittlerweile schwer zu sagen. Irgendwann im Laufe seiner Karriere bei der Armee hatte er eine Gesichtsverletzung davongetragen, durch die sein linker Mundwinkel leicht nach oben gezogen wurde. Dadurch wirkte er, als würde er immerzu höhnisch grinsen. Marguerite hatte gekeucht, als sie die Narbe zum ersten Mal gesehen hatte, und hätte ihn gern gefragt, wie und wo er sie sich zugezogen habe.

Doch sie hatte sich zu sehr geschämt dafür, es nicht zu wissen. Immerhin hätte sie seinen Weg quer über die Iberische Halbinsel verfolgen können, da die Zeitungen stets über größere Schlachten berichteten, manchmal auch über kleinere Scharmützel, sofern ein Offizier aus einem der Adelshäuser beteiligt war. Aber sie war so lange Zeit wütend auf ihn gewesen, dass es sich angefühlt hätte, als ob sie sich … nun, vielleicht nicht nach ihm verzehrte, aber doch mehr Interesse zeigte, als er verdient hatte.

Der Abend schritt voran, und schließlich hatten die Männer so viel Wein getrunken, dass die Unterhaltung ins Frivole abzugleiten drohte. Endlich schaute ihre Mutter Marguerite an, während sie aufstand und ihr zu verstehen gab, dass es an der Zeit sei, sich zurückzuziehen.

Ihre Mutter rauschte vor ihr her den Korridor entlang, ohne auch nur einmal über die Schulter zu blicken, geschweige denn zu warten, damit sie Arm in Arm gehen konnten. Finster starrte Marguerite ihren Rücken an. Nun, sie würde ihrer Mutter nicht zahm ins Musikzimmer folgen und sich reumütig ob ihres beharrlichen Widerstands zu heiraten zeigen, indem sie stundenlang Klavier spielte und sich von den Jüngeren heimlich mit Wein bespritzen und mit Kuchenkrümeln bewerfen ließ, derweil Jaspers Freunde sie belagerten und so taten, als kämen sie seinem Geheiß nach. Wenn ihre Mutter das glaubte, hatte sie sich getäuscht.

Als Marguerite die Nische erreichte, die zur Hintertreppe führte, schlug sie den Vorhang zurück und huschte hindurch. Da ihre Mutter ihr nach wie vor resolut den Rücken zuwandte, würde es mehrere Minuten dauern, ehe sie es bemerkte, und bis dahin hätte Marguerite beide Treppen bewältigt und den Dienstbotentrakt erreicht. Außerdem nahm ihre Mutter ihre Pflichten als Gastgeberin so ernst, dass sie nicht nach ihr suchen würde, sobald sie ihr Verschwinden bemerkte. Sie würde ein Dienstmädchen schicken.

Aber wo sollte sie sich verstecken? Nicht im Haus. Im Laufe der Jahre hatten die Dienstmädchen die meisten ihrer Verstecke aufgespürt. Gemeinhin hatten sie Verständnis dafür, dass Marguerite sich vor ihren Brüdern und deren niederträchtigen Hänseleien verbergen musste, und übersahen sie geflissentlich. Allerdings würden sie kaum ein Auge zudrücken, wenn Marguerites Mutter ihnen explizit auftrug, sie zu finden.

Sie würde hinaus in den Park gehen müssen. Mitten in der Nacht … Oh, wieso nur hatte sie sich für weiße Kleidung entscheiden müssen? Sie würde nicht nur wie ein Eiszapfen glitzern, sondern im Licht des Vollmondes förmlich wie eine Fackel leuchten. Dennoch, draußen war ihre Chance darauf, eine Weile lang Ruhe vor … ihnen zu haben, größer als drinnen.

Sie schritt zur Küchentür und blieb nur stehen, um sich einen Regenschirm und ein schwarzes Schultertuch aus dem Gewirr von Mänteln zu ziehen, die an Haken neben der Tür hingen. Das Tuch würde sie hoffentlich tarnen, solange sie sich im Schatten des Hauses befand. Und sie fühlte sich stets sicherer, wenn sie einen Sonnen- oder einen Regenschirm bei sich hatte. Ein Schirm war sehr nützlich, um nach den Fallen Ausschau zu halten, die ihre Brüder ihr stellten. Und um sich vor selbigen zu schützen, wenn sie diese zu spät erkannte.

In ihrer Eile, dem Haus zu entfliehen, achtete sie nicht darauf, welche Richtung sie einschlug. Doch schon nach kurzer Zeit erkannte sie, dass ihre Füße sie offenbar in Richtung See trugen. Tief im Innern musste ihr bewusst gewesen sein, dass es der ideale Ort war, um sich zu verstecken, trotz ihrer auffälligen Kleidung. Denn mitten im See gab es eine Insel, auf der einer jener Staffagebauten stand, die zu Zeiten ihres Großvaters unter Gentlemen so beliebt gewesen waren. Es handelte sich um einen Zierbau, der den Ruinen eines griechischen Tempels nachempfunden war. Und er bestand aus dem reinsten, weißesten Marmor, den ihr Großvater von seinem Geld hatte kaufen können.

Ihr Vater betrachtete die Staffage in mehr als einer Hinsicht als Narretei. Nicht nur hatten sich die Transportkosten für eine solch gewaltige Menge Marmor als beinahe ruinös erwiesen. Zudem verfügte das Anwesen bereits über eine echte Ruine. Mehr war von dem einstigen Kloster nicht übrig geblieben, nachdem Henry VIII. es erbeutet hatte. Die Familie Patterdale hatte sich darin niedergelassen, bis Cromwells Truppen es belagert und völlig unbewohnbar zurückgelassen hatten. Nach der Stuart-Restauration hatten die zurückgekehrten Patterdales das alte Kloster nicht wiederaufgebaut, sondern lieber ein prächtiges neues Haus errichtet. Jene Generation war derart spendabel gewesen, dass das Inselufer nunmehr übersät war mit Bruchstücken falscher Säulen sowie mit großen Marmorblöcken, die herabgefallenes Mauerwerk darstellen sollten. Dort wäre sie mit ihrer weißen, glitzernden Gewandung quasi unsichtbar.

Autor

Annie Burrows
Annie Burrows wurde in Suffolk, England, geboren als Tochter von Eltern, die viel lasen und das Haus voller Bücher hatten. Schon als Mädchen dachte sie sich auf ihrem langen Schulweg oder wenn sie krank im Bett lag, Geschichten aus. Ihre Liebe zu Historischem entdeckte sie in den Herrenhäusern, die sie...
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