Die Lagune von Te Enata

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Bernadette kann sich dem Zauber des Südseeparadieses einfach nicht entziehen. Obwohl sie mit aller Macht versucht, in dieser sinnlichen Atmosphäre Danton Fayette zu widerstehen, erliegt sie seinem Charme. Das große Glück? Oder hat er einen triftigen Grund, sich um sie zu bemühen?
  • Erscheinungstag 30.06.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757762
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Nicht schon wieder! dachte Bernadette und betrachtete den roten Rosenstrauß, den der junge Bote in den Händen hielt. Ohne sie gezählt zu haben, wusste sie, dass es diesmal vierundzwanzig waren.

„Miss Bernadette Hamilton?“

„Ja!“, fuhr sie den albern grinsenden Jungen grob an. Er wurde sofort ernst, und Bernadette tat es leid, so unfreundlich gewesen zu sein. Der Junge machte schließlich nur seine Arbeit. Woher sollte er denn wissen, dass die herrlichen Blüten ihr mehr Schmerz als Freude bereiteten?

Bernadette lächelte versöhnlich und nahm die Rosen und den goldgeprägten Briefumschlag entgegen, die der Junge ihr nun reichte. Der Umschlag war mit Wachs versiegelt. Wie jedes Jahr.

Sie fragte gar nicht erst, wer ihr die Blumen geschickt hatte. Schon vor drei Jahren hatte sie versucht, dieses Geheimnis zu lüften aber der Blumenhändler hatte ihr nichts Genaues über ihren rätselhaften Verehrer sagen können. Der Briefumschlag war jedes Mal zusammen mit kurzen, maschinengeschriebenen Anweisungen und genügend Bargeld ins Blumengeschäft geschickt worden.

Bernadette betrachtete nachdenklich das Siegel auf dem Umschlag. Dann schaute sie auf und bemerkte, dass der junge Mann vor ihr nur mühsam ein Lachen unterdrückte.

„Danke“, sagte sie kühl. Sie war sich sicher, dass diese alljährliche, geheimnisvolle Lieferung im Blumengeschäft Anlass zu Gerede gab. Durch ihren missglückten Versuch, herauszufinden, wer ihr die Rosen schickte, hatte sie dort Aufsehen erregt. Es reichte Bernadette völlig, als Gerard Hamiltons uneheliche Tochter stadtbekannt zu sein.

Der Bote machte eine kleine spöttische Verbeugung, bevor er zum Aufzug ging. Erst als er verschwunden war, betrat Bernadette ihre Wohnung wieder und schlug hinter sich wütend die Tür zu.

Das war jetzt das sechste Mal. Sie hasste diesen Unbekannten, der ihr das antat. Die Rosen an sich machten ihr nichts aus. Schließlich stellte es nichts Ungewöhnliches dar, dass eine junge Frau welche zum Geburtstag geschickt bekam. Aber es waren eben nicht nur die Rosen. Die goldgeprägten Umschläge setzten Bernadette so zu. Es war gemein, was der Unbekannte ihr mit seinen Briefen antat. Und was in diesen Briefen stand, hatte sie dazu gebracht, plötzlich an jedem Mann zu zweifeln, der sich für sie interessierte. Ihre Beziehungen zu Scott, zu Barry und schließlich zu Trent waren daran kaputtgegangen. Bernadette hatte sich zu fragen angefangen, ob ein Mann wirklich in sie verliebt war oder ob er bloß Gerard Hamiltons Schwiegersohn werden wollte.

Bernadette war durch viele Enttäuschungen sehr misstrauisch geworden, und dieses gemeine Spiel, das der Unbekannte mit ihr trieb, verschlimmerte alles noch. Warum gab er sich nicht endlich zu erkennen? Weshalb quälte er sie mit zärtlichen Worten, wenn er anscheinend nicht vorhatte, sie jemals persönlich kennenzulernen? Warum sagte er ihr das, was er ihr in diesen geheimnisvollen Briefen schrieb, nicht offen ins Gesicht?

Das Ganze war verrückt. Es war gemein, exzentrisch, egoistisch, und es machte Bernadette wütend.

Vielleicht war er ja wirklich ein Verrückter. Dieser Verdacht war ihr schon einmal gekommen. Der Gedanke ging ihr erneut durch den Kopf, während sie eine Vase mit Wasser füllte und die Rosen lieblos hineinstopfte. Es waren dunkel-rote Rosen, und Bernadette fand den starken Duft der Blüten fast aufdringlich. Jeder Winkel ihrer großen Wohnung roch bereits nach ihnen.

Nein, verrückt ist dieser geheimnisvolle Verehrer nicht, entschied Bernadette. Im Krankenhaus, in dem sie gearbeitet hatte, hatte sie mit geistesgestörten Menschen zu tun gehabt. Das Spiel, das der Unbekannte mit ihr trieb, war zu genau berechnet. Kein Geistesgestörter konnte einen so geschickten Plan aushecken. Ihr rätselhafter Verehrer war ein hinterhältiger, schlauer Mensch. Er hatte sich rücksichtslos in ihr Leben eingemischt und versuchte nun, sie zu beeinflussen.

Sicher war er ein Mitgiftjäger, und sie würde schon mit ihm fertig werden, falls er sich zu erkennen gab.

Bernadette nahm die Vase mit den Rosen und stellte sie auf den weißen Marmortisch im Wohnzimmer. Die Blumen waren herrlich, aber irgendwie passten sie überhaupt nicht zur hellen modernen Einrichtung ihres Zimmers.

Bernadette betrachtete das weiße Ledersofa und die weichen Kissen kritisch. Ein Innenarchitekt hatte die Wohnung im Auftrag ihres Vaters eingerichtet. Der Stil ist genauso kalt und gefühllos wie mein Vater, dachte Bernadette.

Sie hatte die Wohnung nie gemocht, dieses Geschenk aber trotzdem von ihrem Vater angenommen, um ihr Medizinstudium in Ruhe beenden zu können. Nun hatte sie endlich den Doktortitel, und niemand konnte ihr ihn streitig machen. Von jetzt an würde sie ihren eigenen Weg gehen, und dieser würde sich völlig von dem ihres reichen Vaters unterscheiden.

Als sie damals in die Wohnung eingezogen war, hatte sie sich vorgenommen, nichts zu verändern. Übernächsten Monat würde sie diese Räume ihrem Vater genauso zurückgeben, wie sie sie von ihm übernommen hatte, und sich irgendwo ein wirkliches Zuhause schaffen, ein warmes und gemütliches Zuhause, in dem es auch Rosen geben würde.

Sie schreckte auf. Der Unbekannte hatte es schon wieder geschafft. Seine verfluchten Blumen beeinflussten ihre Gedanken und weckten eine merkwürdige Sehnsucht in ihr. Bernadette blickte auf den Briefumschlag, den sie noch immer in der Hand hielt. Nachdenklich strich sie über das Siegel. Es wäre sicher besser, den Brief nicht zu lesen. Warum warf sie ihn nicht einfach in den Mülleimer?

Vielleicht sollte sie ihn ungeöffnet verbrennen. So würde sie dem Unbekannten einen Strich durch seine hinterhältige Rechnung machen.

Aber bisher hatte sie, Bernadette, noch jede Herausforderung angenommen. Sie hatte sogar gegen ihren Vater rebelliert, was noch nie jemand gewagt hatte. Im Alter von zwölf Jahren hatte sie ihn das erste Mal getroffen. Er war plötzlich aufgetaucht, dieser unbekannte Vater, der sie seit ihrer Geburt völlig ignoriert hatte.

Bernadette presste die Lippen entschlossen aufeinander. Sie hatte sich ihre Selbstständigkeit mühsam erarbeitet, und keiner würde sie ihr wieder fortnehmen. Sie würde sich von niemandem einschüchtern lassen und schon gar nicht von einem Mann, der sich im Schatten der Anonymität versteckte.

Die Frechheit, mit der sich der Unbekannte in ihr Leben einmischte, machte sie wütend. Sie riss den Umschlag auf, zog ungeduldig die darinsteckende Karte hervor und stellte fest, dass es die gleiche wie jedes Jahr war. In schwungvoller leuchtend roter Schrift stand da:

Alles Gute zum Geburtstag,

meine geliebte Bernadette!

Langsam öffnete Bernadette die Klappkarte und hielt unwillkürlich den Atem an. Was hatte er ihr wohl dieses Jahr geschrieben?

Seine geheimnisvollen Worte besaßen die unangenehme Eigenschaft, sich in ihrem Unterbewusstsein festzusetzen und ihr bei den unpassendsten Gelegenheiten durch den Kopf zu schießen. Bernadette hasste es, machtlos dagegen zu sein.

Hastig überflog sie den diesmal ungewöhnlichen kurzen Text, las ihn langsam noch einmal und schließlich ein drittes Mal.

Die Kraft und die Leidenschaft des Lebens

liegen in der Liebe.

Spüre die Kraft,

genieße die Leidenschaft.

Alles andere ist unwichtig.

Je mehr Bernadette den Sinn dieser Worte zu verstehen versuchte, desto mehr ärgerte sie sich. Wollte er ihr etwa einreden, dass die Jahre, die sie mit studieren verbracht hatte, vertane Zeit gewesen war? Wollte er sagen, dass sie diese Zeit besser damit verbracht hätte, ihn zu lieben? Und was hätte es mir wohl gebracht? fragte sich Bernadette bitter. Sie hätte in der Angst gelebt, eines Tages von ihm verlassen zu werden.

Schon sehr früh hatte sie beschlossen, selbstständig zu werden, und dieses Ziel auch erreicht. Es war nicht ihre Schuld, dass Liebe keine große Rolle in ihrem bisherigen Leben gespielt hatte. Sie hatte nicht darum gebeten, als Gerard Hamiltons uneheliche Tochter auf die Welt zu kommen, nicht sich gewünscht, ihre Mutter so früh zu verlieren. Und Leidenschaft? Leidenschaft konnten Männer leicht heucheln, das hatte sie schon früh erfahren.

Hätte sie sich in ihrem bisherigen Leben auf die Liebe verlassen, wäre es ihr wirklich schlecht ergangen. Genau das würde sie ihrem unbekannten Verehrer auch sagen, sobald sich die Gelegenheit dazu ergeben würde.

Bernadette warf die Karte in eine Schublade, in der sie all die anderen aufhob. Sie nahm sich vor, keine von ihnen jemals wieder zu lesen. Auch dann nicht, wenn sie einsam oder traurig war oder unter ihren gelegentlichen Depressionen litt.

Eines Tages würde der Unbekannte sich zu erkennen geben, und dann würde sie ihm seine Karten zeigen. Sie kannte jedes Wort auf ihnen auswendig, und sie würde herausfinden, wie ernst es ihm wirklich war. Sie würde verlangen, dass er ihr verriet, warum er die Karten geschickt hatte. Er müsste ihr die Wahrheit sagen, sie würde ihn dazu zwingen.

Es klingelte erneut an der Wohnungstür.

Bernadettes Herz begann aufgeregt zu klopfen. Sie atmete ein paar Mal tief durch, um ihre Fassung wiederzugewinnen. Diesmal war es sicher ihr Vater.

Sie eilte hinüber ins Schlafzimmer, um noch einmal einen Blick in den Spiegel zu werfen. Eigentlich hätte es ihr gleichgültig sein sollen, was ihr Vater von ihr hielt. Sie hatte früh gelernt, ohne seine Zuneigung zu leben. Aber ihr Stolz verlangte, dass sie mindestens genauso gut aussah wie Alicia, wenn sie sich mit ihrem Vater in der Öffentlichkeit zeigte. Alicia, Gerard Hamiltons eheliche Tochter, war der Liebling der Klatschreporter. Darum beneidete Bernadette sie allerdings nicht. Sie selbst hasste diesen ganzen Rummel. Trotzdem hatten die Reporter es auch auf Bernadette abgesehen. Ihr Vater war einfach ein zu wichtiger Mann.

Gerard Hamilton war an jedem Geschäft des Landes beteiligt. Seine Geschäftsverbindungen reichten von einem Ende der Welt zum anderen, und er hatte mit allem Erfolg, was er anfing. Er wurde ständig reicher, mächtiger und bedeutender.

Hatte er damals Bernadettes Mutter gekauft, so wie er sich seit dem Tod seiner Frau andere Geliebte gekauft hatte? Das hätte Bernadette wirklich gern gewusst. Doch sie hatte ihren Vater nie danach gefragt und würde es auch nie tun. Der Ausdruck in ihren blauen Augen wurde bei diesen Gedanken kalt.

Bernadette warf einen letzten Blick in den Spiegel. Nicht eine Strähne ihres blonden Haares war aus der eleganten Hochfrisur gerutscht, ihr Make-up war perfekt, und das weiße raffiniert geschnittene Abendkleid betonte ihre gute Figur. Ja, sie war bereit, es mit ihrem Vater aufzunehmen und auch mit jedem anderen, wenn es sein musste.

Langsam ging Bernadette vom Schlafzimmer in den Flur, nahm ihre Handtasche vom Garderobentisch und öffnete die Wohnungstür.

Gerard Hamilton war ein großer, breitschultriger Mann. So beeindruckend wie seine Gestalt war, war auch seine Ausstrahlung: ein mächtiger Mann mit großem Durchsetzungsvermögen. Niemand wagte es, sich ihm in den Weg zu stellen. Dass er bereits achtundfünfzig Jahre alt war, spielte keine Rolle. Sein Alter gab ihm die Selbstsicherheit eines erfahrenen Mannes und machte ihn noch anziehender.

Kein Wunder, dass die Frauen ihm nachliefen, ihn anbeteten und alles für ihn taten. Bernadette wusste, wie ihr Vater auf andere Menschen wirkte. Und obwohl sie sich geschworen hatte, ihn nie zu mögen, fiel es ihr oft sehr schwer, seinem Charme zu widerstehen.

Gerard Hamilton lächelte, als er sah, wie stolz und aufrecht seine Tochter vor ihm stand. Er mochte ihren etwas trotzigen Mund und herausfordernden Blick. Ihre elegante Frisur, die klare Schönheit ihres Gesichts und ihre sehr weibliche Figur erinnerten ihn an Odile.

Das Aussehen hatte Bernadette von ihrer Mutter geerbt, aber sie besaß den gleichen scharfen Verstand wie er. Sie war meistens ruhig, geduldig, konnte aber auch genauso dickköpfig sein wie er. Bernadette glich ihm viel mehr als seine beiden ehelichen Kinder. Gerard Hamilton fand, dass sie genauso faul, oberflächlich und kleinlich waren wie ihre Mutter, seine verstorbene Frau. Aber zu Bernadette fühlte er sich hingezogen.

Gerard Hamilton wusste, dass Bernadette ihn hasste. Sie war fest davon überzeugt, dass er ihr unrecht getan hatte, und es war zu spät, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Gerard hatte keine Beweise für seine Unschuld, und ohne Beweise würde Bernadette ihm nie glauben.

Außerdem wusste Gerard, dass Hass gar keine so schlechte Sache war. Das Leben war manchmal merkwürdig. Wenn man endlich das bekam, was man sich wünschte, wollte man es meistens gar nicht mehr. Seine ehelichen Kinder waren ein gutes Beispiel dafür.

Gerard Hamilton verscheuchte diese Gedanken. Er nahm sich vor, den Abend mit Bernadette zu genießen, obwohl er wusste, dass sie sich wieder streiten würden.

„Du wirst jedes Jahr hübscher“, sagte er anerkennend. „Alles Gute zum Geburtstag, Liebling!“

„Danke, Vater“, erwiderte Bernadette kühl.

Gerard Hamilton versuchte gar nicht erst, Bernadette auf die Wange zu küssen. Er wusste, dass sie seine Zärtlichkeit nicht wollte. Manchmal bedauerte er tief, dass Bernadette ihm gegenüber so kühl war. Trotzdem bewunderte er sie in ihrer Unabhängigkeit. Aber ihre Ablehnung schmerzte ihn mehr, als er zugeben wollte. Es war einfacher, nicht darüber nachzudenken.

Gerard Hamilton reichte Bernadette Autoschlüssel. „Dein Geburtstagsgeschenk!“

Sie nahm sie entgegen, wog sie in der Hand und hätte sie ihrem Vater beinah wieder zurückgegeben. Aber es gab eine bessere Art, ihm zu zeigen, wie wenig ihr sein Reichtum bedeutete.

Gerard Hamilton lächelte. Es war das selbstsichere Lächeln eines Mannes, der wusste, dass er sich alles kaufen konnte. „Es ist ein roter Mercedes. Ein Sportwagen. Du kannst uns damit zum Restaurant fahren“, meinte er.

„Danke, aber du weißt ja sicher, dass ich ihn verkaufen werde“, erwiderte Bernadette unfreundlich.

Sie verkaufte die Autos immer, die ihr Vater ihr schenkte, und stiftete das Geld für wohltätige Zwecke. Bernadette dachte unwillkürlich an das Frauenhaus, in dem ihre ärztliche Hilfe leider viel zu oft gebraucht wurde. Ja, dem Frauenhaus würde sie diesmal das Geld geben.

„Der Wagen gehört dir, Bernadette. Was du damit machst, ist ganz allein deine Sache“, meinte Gerard ungerührt.

Seine Gleichgültigkeit war nur ein weiterer Beweis dafür, wie wenig Gerard Geld bedeutete. Er versuchte, andere Menschen mit Autos, Pelzen und Schmuck zu kaufen. War Bernadettes Mutter nur deshalb Gerard Hamiltons Geliebte geworden, weil er ihr jeden Wunsch erfüllen konnte? Hatten die beiden sich überhaupt geliebt? Gerard hat meine Mutter sicher nicht geliebt, dachte Bernadette entschieden. Nur ein völlig liebloser Mann konnte sein eigenes Kind zwölf Jahre lang ignorieren.

Sie fragte sich, wieso Gerard sich in den vergangenen zwölf Jahren so um sie gekümmert hatte? Sicherlich nicht, weil er plötzlich angefangen hatte, sie zu lieben. Wahrscheinlich hatte er irgendetwas mit ihr vor. Gerard Hamilton machte keine Investitionen, von denen er wusste, dass sie keinen Gewinn erbrachten. Bernadette würde er sich jedoch nicht mit teuren Geschenken kaufen können.

Sie blickte ihren Vater ruhig an und sprach ihre Gedanken laut aus: „Mir wäre es lieber, wenn du mir nichts mehr schenken würdest, Vater. Du kannst mich nicht kaufen!“

Gerard lachte leise auf und meinte: „Bleib, wie du bist, Bernadette. Ohne dich wäre mein Leben bedeutungslos!“

Sie runzelte die Stirn und schloss ihre Wohnungstür ab.

„Bedeutungslos?“, fragte sie, während sie neben ihm zum Aufzug ging. „Ich dachte, du liebst die Macht, die dein Reichtum dir gibt!“

„Sicher! Ich war schon immer gern reich und mächtig. Aber mit Leidenschaft …“ Gerard machte eine Pause und fuhr dann leise fort: „Mit Leidenschaft bin ich schon lange nicht mehr bei der Sache. Schon seit vierundzwanzig Jahren nicht mehr, um genau zu sein.“

Der Aufzug kam an, und Bernadette ging hinein. Sie ließ sich nicht anmerken, wie sehr die Worte ihres Vaters sie schockiert hatten. Macht? Leidenschaft? Das waren auch die Schlüsselworte im Brief ihres unbekannten Verehrers. Hatte ihr Vater ihr vielleicht die ganze Zeit die Rosen und die Briefe geschickt? Weshalb? Welche Gründe hätte er dafür gehabt?

Aber ihr Vater hatte kein einziges Mal das Wort Liebe erwähnt. Wollte er ihre Liebe? Vierundzwanzig Rosen. Vierundzwanzig Jahre. Gerard Hamilton hatte Bernadette zwölf Jahre lang vernachlässigt. Natürlich hatte er dafür gesorgt, dass jemand sich um sie kümmerte und dass es ihr an nichts fehlte. Mit Liebe aber hatte das nichts zu tun gehabt.

Der Aufzug hielt in der Tiefgarage unter dem Haus. Gedankenverloren ließ sich Bernadette von ihrem Vater zu dem neuen roten Mercedes führen. Gerard öffnete die Autotür auf der Fahrerseite. Bernadette stieg ein. Ihr Herz schlug so heftig, dass es ihr schwerfiel zu atmen. Sie versuchte sich zu beruhigen – zu spät. Seit ihrer Kindheit hatte sie Asthma gehabt und bekam immer zu den unpassendsten Zeitpunkten einen Anfall.

Die Atemlosigkeit war schlimm genug, aber das Keuchen, das einen solchen Anfall begleitete, war noch viel schlimmer. Bernadette spürte, wie ihr der Schweiß auf die Stirn trat, während sie in ihrer Handtasche verzweifelt nach dem Inhalierspray suchte. Es war ihr peinlich, sich das Medikament in den Mund sprühen zu müssen, während ihr Vater auf dem Beifahrersitz zusah. Nur hatte sie keine andere Wahl. Bernadette atmete erleichtert auf, als der Druck in ihrer Brust nachließ.

„Es tut mir leid, Bernadette“, seufzte ihr Vater. „Ich weiß, dass ich eben schuld war. Ich rege dich immer zu sehr auf!“

„Das hatte nichts mit dir zu tun“, erwiderte Bernadette entschieden.

„Du hast immer nur dann einen Anfall, wenn du dich aufregst oder dir Sorgen machst“, bemerkte Gerard trocken. „Ich erinnere mich noch genau an die Arztberichte aus deiner Schulzeit, und ich glaube kaum, dass sich die Symptome geändert haben.“

„Du hast mich nicht aufgeregt, und ich mache mir keine Sorgen!“, sagte Bernadette energisch. „Es lag bestimmt am Geruch der neuen Sitzpolster hier im Auto. Vielleicht solltest du lieber fahren.“

Gerard wechselte mit Bernadette den Platz. Die Sitzpolster waren mit Bezügen aus Lammwolle bespannt und rochen überhaupt nicht neu. Bernadette bemerkte das jedoch zu spät. Ihr Vater würde sich mit ihrer Ausrede eben abfinden müssen.

„Ich wünschte, dir irgendwie helfen zu können“, meinte Gerard schließlich und warf Bernadette einen besorgten Blick zu. „Man kann nichts dagegen machen“, antwortete sie grob. Vor zwölf Jahren hatte er sich ja schließlich auch keine Sorgen um sie gemacht. Damals, als sie ihn so sehr gebraucht und sich so sehr nach ihm gesehnt hatte.

„Ja, ich weiß“, murmelte Gerard traurig, und Bernadette war froh, als er das Thema fallen ließ und den Wagen startete. Sie wollte nicht reden, denn sie brauchte Zeit zum Nachdenken.

Wenn es wirklich ihr Vater war, der ihr die Rosen schickte, weshalb hatte er damit dann erst an ihrem neunzehnten Geburtstag angefangen? Es ergab keinen Sinn. Was wollte er damit erreichen? Wollte er sie damit beeinflussen? Versuchte er, ihre Beziehungen zu Männern zu zerstören, die ihm nicht gefielen?

Aber warum? Weshalb konnte ihn das kümmern? Was wollte er?

Plötzlich wusste Bernadette, dass ihr Vater die Rosen nicht geschickt haben konnte. Ihr geheimnisvoller Verehrer war jemand anders. Gerard Hamilton hatte sicher väterliche Gefühle für sie – gleichgültig, wie spät er sie auch entwickelt hatte – er war aber nicht der Mann, der liebevolle Beziehungen wollte.

Bernadette erinnerte sich daran, wie ihr Vater sich das erste Mal wirklich um sie gekümmert hatte. Sie war damals dreizehn Jahre alt gewesen und besuchte seit einem Jahr ein sehr teures Internat. Allerdings war es nicht dieselbe Schule, die Alicia Hamilton besuchte. Auf Alicias Internat legte man viel Wert auf gesellschaftliches Ansehen, auf Bernadettes Schule dagegen erhielt man eine gute Ausbildung. Bernadettes Mitschüler kamen alle aus reichen Familien und wussten, dass sie Gerard Hamiltons uneheliche Tochter war.

Sie neckten sie gnadenlos und beschimpften sie tagtäglich. Bernadette ließ sich allerdings nichts gefallen und wehrte sich nach Kräften. Nach einem besonders schlimmen Streit wurde sie schließlich eines Tages ins Büro der Rektorin gerufen. Man bat Gerard Hamilton, zu einer Besprechung ins Internat zu kommen.

Bernadette hielt es nicht für möglich, dass ihr Vater erscheinen würde, aber er kam. „Würdest du lieber auf eine andere Schule gehen, Bernadette?“, fragte er sie.

„Es ist doch egal, wo ich zur Schule gehe!“, erwiderte sie hasserfüllt. „Dich kennt ja doch jeder!“

„Ich könnte dich nach England auf die Schule schicken! Würde es dir gefallen, in einem anderen Land zu wohnen?“

„Nein danke“, lehnte sie entschieden ab und hob das Kinn trotzig. „Ich laufe vor denen nicht fort.“

Ihr Vater sah sie lange und nachdenklich an, und die Andeutung eines Lächelns huschte über sein Gesicht.

Dann, am Ende des Schuljahrs, nahm Gerard Bernadette einen ganzen Monat lang mit auf Reisen. Sie fuhren nach Frankreich und Italien. Es war das erste Mal, dass Gerard mehr als ein paar Stunden mit Bernadette verbrachte. Sie weigerte sich zwar, ihren Vater zu mögen, lernte aber, ihn zu respektieren. Er war wirklich ein erstaunlicher Mann.

Von da an nahm Gerard sie jedes Mal während der Schulferien mit auf Reisen. Sie besuchten Kanada, die USA, die Schweiz, Österreich, Griechenland, Israel, Ägypten, England, Japan und Hongkong.

Als Bernadette endlich achtzehn war, erklärte sie ihrem Vater, dass sie ihn von nun an nicht mehr auf seinen Reisen begleiten würde. Sie hatte sich vorgenommen, Medizin zu studieren, und gewusst, dass das Studium ihre gesamte Zeit in Anspruch nehmen würde.

Gerard hatte nur wieder sein kleines, merkwürdiges Lächeln gezeigt und nichts gesagt.

Bernadette wünschte sich manchmal, ihren Vater besser zu verstehen. Er war ihr oft ein Rätsel.

„Was hast du denn so gemacht in letzter Zeit?“, fragte sie Gerard und bemühte sich, gleichgültig zu klingen.

„Ich versuche gerade eine Insel zu kaufen“, antwortete er trocken.

„Du brauchst dein eigenes kleines Königreich, hm?“, spottete Bernadette.

Gerard lachte leise auf, und Bernadette merkte, dass sie ihn wieder einmal missverstanden hatte.

„Nein, wenn jedoch Marlon Brando eine Insel kaufen kann, dann kann ich das auch. Ich werde die Insel in ein Ferienparadies verwandeln.“

Bernadette erinnerte sich daran, dass Marlon Brandos Insel irgendwo in der Nähe von Tahiti lag. Aber sicherlich wollte ihr Vater lieber in Australien Land kaufen. Bernadette wusste, dass er schon einige Feriensiedlungen an der „Gold Coast“ im australischen Queensland besaß.

„Wo liegt die Insel? Im Great Barrier Reef?“, erkundigte sich Bernadette. Eigentlich war es ihr gleichgültig. Sie wollte nur wissen, ob sie ihren Vater richtig eingeschätzt hatte.

„Nein. Es ist eine der kleineren Society-Inseln in der Nähe von Tahiti. Sie heißt Te Enata – Land der Männer.“

Bernadette zog eine Augenbraue erstaunt in die Höhe. „Und keiner der Männer hat etwas dagegen, dass du ihnen die Insel fortnimmst?“

Ihr Vater lachte auf. „Es geht nur um einen einzigen Mann bei der ganzen Sache. Die Insel ist schon in Privatbesitz. Sie gehört Danton Fayette!“

Bernadette holte unwillkürlich tief Luft. Danton Fayette! Sie erinnerte sich noch sehr genau an diesen Mann, konnte ihn fast vor sich sehen. Er war groß, schlank und elegant, unverschämt gut aussehend und intelligent. Aber am besten erinnerte sich Bernadette an seine verteufelt dunklen Augen.

Danton Fayette hatte damals mit ihr geflirtet, hatte sie geneckt und hätte sie sicher mit Haut und Haaren verschlungen, hätte sie ihn gelassen.

„Du hast ihn einmal in Hongkong getroffen“, meinte ihr Vater. „Aber das ist schon lange her. Wahrscheinlich erinnerst du dich gar nicht mehr an ihn!“

„Doch, ich erinnere mich“, murmelte Bernadette und hoffte, dass Gerard ihr nicht anmerkte, wie sehr sie sich aufregte. Bernadette hasste Danton Fayette und fand ihn zugleich faszinierend. Kein Mann hatte sie je so durcheinandergebracht wie er. Danton hatte sie damals wegen ihrer Ideale und Ziele, die sie so leidenschaftlich verteidigt hatte, verspottet. Bernadette erinnerte sich, dass sie ihre Sache recht gut gemacht hatte. Ein paar Mal schien der Zyniker Danton sprachlos gewesen zu sein.

„Er erinnert sich auch an dich und hat heute nach dir gefragt“, fuhr Gerard im Plauderton fort.

Autor

Emma Darcy
Emma Darcy ist das Pseudonym des Autoren-Ehepaars Frank und Wendy Brennan. Gemeinsam haben die beiden über 100 Romane geschrieben, die insgesamt mehr als 60 Millionen Mal verkauft wurden. Frank und Wendy lernten sich in ihrer Heimat Australien kennen. Wendy studierte dort Englisch und Französisch, kurzzeitig interessierte sie sich sogar für...
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