Dr. Cavaletti kämpft um sein Glück

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Rachel ist fasziniert und tief beeindruckt von Dr. Luca Cavalettis aufopferungsvollen Kampf um das Leben eines kranken Babys. Tief hat er ihr Herz berührt, aber trotzdem muss Rachel stark bleiben: In vier Wochen wird ihr Traummann wieder nach Italien zurückkehren ...
  • Erscheinungstag 09.07.2021
  • Bandnummer 3
  • ISBN / Artikelnummer 9783751506205
  • Seitenanzahl 128
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Rachel warf ihren Mundschutz in den Abfalleimer und den grünen Kittel in den Wäschekorb, als sie den OP verließ. Sie war zu müde, um sofort unter die Dusche zu gehen und sich umzuziehen. Daher ging sie in den angrenzenden kleinen Aufenthaltsraum, ließ sich mit einem tiefen Seufzer in einen Sessel sinken und zog sich die Haube vom Kopf, unter der sie im OP ihr Haar verborgen hatte.

„Wie schade, so wunderschönes Haar unter einer hässlichen Haube zu verstecken“, sagte eine tiefe Stimme mit einem leichten südländischen Akzent.

Rachel drehte sich überrascht um.

Die Stimme gehörte niemandem in ihrem OP-Team aus der chirurgischen Kinderklinik.

Rachel hörte sie zum ersten Mal. Der Mann war ihr tatsächlich unbekannt. Er war nicht sehr groß, aber athletisch, und sah äußerst attraktiv aus. Er konnte manche Frau zum Träumen bringen. Frauen im Allgemeinen – Rachel dachte dabei nicht an sich selbst.

Ein kurzes Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes, ein Gesicht, wie man es sonst eher auf Anzeigen für Herrenkosmetik sah. Aber da stand kein gestyltes Fotomodell, sondern die ungeschminkte Naturausgabe eines äußerst attraktiven Mannes.

Rachel merkte, dass ihre Gedanken auf Abwege gerieten – und sie war selbst darüber am meisten verblüfft.

Die dunklen Augen unter tiefschwarzen Brauen waren ruhig und aufmerksam auf sie gerichtet. „Sie kennen mich noch nicht“, sagte der Mann. „Ich bin erst gestern Abend hier angekommen – zu spät, um mich noch vorzustellen. Mein Name ist Luca Cavaletti. Und ich bin hier, um von Alex und dem Team möglichst viel zu lernen.“

Er lächelte wieder und fügte hinzu: „Auch von Ihnen.“

Verwirrt durch ihre völlig ungewohnte körperliche Reaktion auf den Unbekannten, starrte sie ihn nur an und verschränkte schnell die Finger ineinander, weil sie den kaum zu zügelnden Wunsch verspürte, mit beiden Händen ihre Frisur noch etwas aufzulockern, weil sie wusste, dass ihr Haar unter der Haube ziemlich platt gedrückt worden war.

„Sie waren im OP?“ Verwundert sah sie ihn an. Ihr Blick wanderte über sein markant geschnittenes Gesicht mit den starken Wangenknochen zu den ausdrucksvollen Lippen und kehrte zu seinen dunklen Augen zurück.

Was ist bloß mit dir los?, fragte sie sich. Hast du noch nie zuvor einen Mann gesehen?

„Ich hatte den Eindruck, dass mehr Menschen als sonst im OP waren, mir aber nichts dabei gedacht.“ Rachel wusste, dass ihr Chef Alex Attwood, mit dessen OP-Team sie vor einigen Monaten aus den USA nach Australien gekommen war, manchmal Kollegen als Gäste einlud. „Viele Menschen wollen Alex bei der Arbeit zusehen, er hat einen ausgezeichneten Ruf.“

„Ich bin nicht als Zuschauer gekommen, sondern weil ich etwas lernen will. Er ist ein berühmter und erstklassiger Kinderchirurg und benutzt bei der Herzchirurgie Techniken, die wir in Italien noch nicht beherrschen. Sein ganzes Team ist aufeinander eingespielt und so hervorragend organisiert wie kaum ein zweites auf der Welt. Ich bin wirklich sehr froh, dass ich vier Wochen lang dabei sein darf.“ Der Mann zog einen Stuhl heran und setzte sich, sodass Rachel nicht mehr zu ihm aufblicken musste.

Sie hoffte, dass ihre Frisur aus diesem Blickwinkel vielleicht nicht ganz so schlimm aussehen würde. Mit einer schnellen Bewegung lockerte sie ihr Haar etwas auf. Jetzt erinnerte sie sich, dass Alex vor ein paar Tagen etwas von einem Gast gesagt hatte. Er hatte erwähnt, es handele sich um einen unglaublich reichen Mann. Sie warf einen verstohlenen Blick auf ihr Gegenüber, aber sie hätte nicht sagen können, wie man äußerlich einen sagenhaft reichen von einem armen Mann unterscheiden konnte – vor allem wenn er einen Operationskittel trug.

„Drüben in der Kanne steht Kaffee. Und im Kühlschrank finden Sie ein paar Sandwiches.“ Sie fühlte sich nicht als Gastgeberin, aber diese Bemerkung erschien ihr in Gegenwart dieses beeindruckenden Mannes noch am unverfänglichsten.

Über seiner linken Augenbraue entdeckte sie eine kleine Narbe, die die Symmetrie seiner Gesichtszüge jedoch nicht störte, sondern nur noch unterstrich.

Unwillkürlich tastete sie nach ihrer eigenen Narbe, die vom Haaransatz an der linken Stirn bis zum Ohr hinunterlief, die Folge eines Fahrradsturzes, als sie gerade fünf gewesen war.

Sie fragte sich, was Kurt wohl von dem Besucher halten würde. Erschrocken fuhr sie aus ihren Gedanken auf, als der Mann sie fragte, ob er ihr einen Kaffee mitbringen sollte. Hatte sie wirklich die Absicht, hier im OP-Kittel, mit zerdrückten Haaren und ohne Make-up mit einem attraktiven Mann Kaffee zu trinken?

Sie mochte kein persönliches Interesse an diesem Mann haben, aber sie hatte ihren Stolz als Frau. „Nein, danke. Ich wollte nur nach dem langen OP-Tag etwas durchatmen, dann duschen und mich umziehen.“

„Verständlich. Ihr Team hatte einen sehr anstrengenden Tag. Wenn es um die Operation an kleinen Kindern geht, bemüht sich jeder besonders intensiv. Kein Wunder, dass am Ende des Tages alle so erschöpft sind.“

Es waren seine mitfühlenden Worte und der leichte Akzent, die Rachel dazu brachten, ihn anzulächeln.

„Ich glaube, die Anspannung, die ich als OP-Schwester verspüre, ist nichts gegen die des Chirurgen“, sagte sie. „Die Arbeit ist zwar anstrengend, aber ich habe bei der Operation ganz sicher noch einen der leichteren Jobs.“

Er schüttelte lächelnd den Kopf, als ob er es besser wüsste. Aber dann stand er auf, um Rachel einen Kaffee zu holen.

Nur schnell weg hier, ging es ihr durch den Kopf. Sie eilte in den angrenzenden Duschraum und schloss die Tür hinter sich.

War es möglich, dass ihr Körper auf seine Gegenwart reagierte, ohne dass sie dieses Gefühl kontrollieren konnte? Ausgerechnet ihr sollte so etwas passieren? Unmöglich! Er war doch ein Fremder.

Was hatte er noch gesagt, wie sein Name war? Luca? Sie erinnerte sich an den Akzent beim Aussprechen seines Namens. Wie würde sich wohl ihr Name aus seinem Mund anhören, mit dem leicht gutturalen Akzent?

Sie drehte sich um und prallte mit dem Kopf gegen die Wand der Duschkabine. Kurt hatte recht, sie sollte mehr unter Menschen gehen und öfter mal etwas unternehmen. Dann würden Begegnungen mit Fremden sie nicht so aus dem Gleichgewicht bringen.

„Alles okay bei dir da drinnen?“

Das war Maggies Stimme.

„Alles in Ordnung. Ich bin nur mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen.“ Dabei fiel Rachel ein, dass sie an diesem Abend tatsächlich ausgehen würde. Maggie und Phil hatten zu ihrer Verlobungsfeier in ein italienisches Restaurant eingeladen. Das Restaurant lag nicht weit vom Krankenhaus entfernt. Und das ganze Team würde da sein.

Aber gemeinsam mit den Kollegen, die sie sowieso schon jeden Tag sah, zu Abend zu essen war wohl nicht das, was Kurt vorgeschlagen hatte. Kurt wollte, dass sie mit Männern ausging, vielleicht sogar eine Beziehung anfing.

Sie erschauerte bei dem Gedanken, und ihr kamen wieder bittere Erinnerungen hoch. Dann sah sie plötzlich das Gesicht des Italieners vor sich – und aus dem Erschauern wurde ein Kribbeln, das über ihren ganzen Körper lief und alles andere als unangenehm war.

Sie duschte, trocknete sich ab und musste sich jetzt noch anziehen. Hoffentlich würde sie dann nicht gleich wieder dem dunklen, attraktiven Mann gegenüberstehen, denn am Morgen hatte sie es eilig gehabt und sich keine Mühe mit der Garderobe gegeben. Sie war hastig in schon etwas ramponierte Jeans und einen nicht besonders eleganten Pullover geschlüpft, den vor Jahren mal eine Kollegin in einem Handarbeitskurs für sie gestrickt hatte, mit mehr Begeisterung als Geschick. Bisher hatte Rachel das nicht gestört.

Vorsichtig steckte sie den Kopf aus der Duschkabine und blickte sich in dem Umkleideraum um. Der Raum wurde von den Männern und Frauen des Teams gemeinsam benutzt, deshalb sah sich Rachel immer zuerst um, bevor sie aus der Duschkabine kam. Im Allgemeinen herrschte ein sehr lockerer Umgangston unter den Kollegen. Natürlich war Nacktheit tabu, aber man begegnete sich schon mal in Unterwäsche. Das war kein Problem. Die Vorstellung allerdings, Luca im Slip zu treffen, führte dazu, dass sich Rachels Mund plötzlich ganz trocken anfühlte.

Vielleicht sollte sie sich wirklich mal mit einem Mann verabreden. Nur um nicht vollkommen aus der Übung zu kommen. Obwohl sie jeden Tag mit mehreren Männern eng zusammenarbeitete, war ihre Reaktion auf das Erscheinen des Gastes aus Italien alles andere als normal gewesen.

„Sind Sie fertig mit duschen?“

Sie öffnete den Mund, um Luca zu antworten, aber sie war sich nicht sicher, ob sie ein „Ja“ herausbringen würde. Kein anderes Mitglied des Teams hatte eine olivfarbene Haut und einen Waschbrettbauch.

Nun – nicht, dass sie sich besonders dafür interessierte …

„Hab dich nicht so“, flüsterte Kurt an ihrem Ohr. Er legte den Arm um sie und führte sie zu den Waschbecken und den Spiegeln an der Rückwand des Raumes. „Der Mann ist eine Offenbarung. Für mich hatte er nicht einen einzigen Blick übrig. Aber dich mag er.“

„Du weißt, dass mich das nicht interessiert“, zischte sie Kurt zu. „Kein bisschen.“

Aber Rachel warf trotzdem einen besorgten Blick auf ihre unvorteilhafte Kleidung und seufzte. Dann sah sie in den Spiegel und stöhnte auf.

Hatte Alex nicht gesagt, der Fremde sei reich und berühmt in seinem Land? So ein Mann wird sich doch nicht für mich interessieren, sagte sie sich.

Sie wartete Kurts Antwort nicht ab und lächelte. „Lassen wir das Thema besser fallen. Außerdem ist er bestimmt längst verheiratet und hat zwei oder drei Kinder.“

„Er ist nicht verheiratet.“

Rachel starrte Kurt verblüfft an. „Nicht verheiratet?“

„Er trägt keinen Ring. Und in Europa trägt ein verheirateter Mann mit Sicherheit einen Ehering.“

„Aber niemand trägt im OP einen Ring am Finger. Das hat gar nichts zu bedeuten.“

Kurt seufzte wie so oft, wenn er wieder mal voller Erstaunen feststellte, wie wenig sie über Männer wusste. „Der Mann hat eine sonnengebräunte Haut. Hätte er den Ehering nur im OP abgenommen, wäre ein heller Streifen an seinem Ringfinger zu sehen.“

„Was du alles weißt“, flüsterte Rachel, aber ihr Herz schlug plötzlich ziemlich heftig. Dann begann sie, ihr noch feuchtes Haar zu kämmen. Sie war verwirrt, weil das alles für sie so ungewohnt war und sie wie ein unerfahrener Teenager auf diesen Mann reagierte. Natürlich hatten ihre Kollegen und Freunde versucht, sie wieder mit einem Mann zusammenzubringen. Aber keiner von den Männern, die ihr vorgestellt worden waren, hatte bei ihr irgendeine Reaktion hervorgerufen. Im Gegenteil – bei der Vorstellung, wieder eine Beziehung einzugehen, war sie innerlich erstarrt. „Verdammt, warum habe ich mich von dir überreden lassen, mein Haar lang wachsen zu lassen?“

Kurt nahm ihr den Kamm aus der Hand und begann vorsichtig, ihre verknoteten, lockigen Haare auszukämmen. „Weil du wunderschönes Haar hast“, sagte er dabei. „Es wäre eine Sünde, es kurz zu schneiden.“

Als er fertig war, gab er Rachel den Kamm zurück. Hinter ihm wurde die Tür der Duschkabine geöffnet, und Luca kam heraus, ein weißes Badetuch um die Hüften gewickelt.

Er ging zu der Wand mit den Spiegeln und nickte Kurt zu, der sich beeilte, unter die Dusche zu gehen, bevor ein anderer ihm zuvorkam. Da es nur zwei Duschkabinen gab, herrschte häufig ein ziemliches Gedränge.

„Sind Sie und Kurt ein Paar?“, fragte Luca direkt.

Rachel hatte sich immer noch nicht zu ihm umgedreht, sondern betrachtete ihn im Spiegel, in dem sie sich auch selbst sah. Sie bemerkte, dass sie bei seiner Frage überrascht die Augenbrauen hochzog. „Kurt und ich? Nein.“

Warum fragte er das? Er konnte doch kein ernsthaftes Interesse an ihr haben; schließlich waren sie sich gerade erst vor ein paar Minuten begegnet. Deshalb beließ sie es bei der knappen Antwort. Sie steckte den Kamm in ihre Kosmetiktasche und ging zu ihrem Spind. Dann atmete sie auf, weil sie sich ein paar Schritte von ihm entfernen konnte.

„Gut“, sagte Luca, folgte ihr und hielt die Schranktür für sie auf. Wieder war er viel zu dicht bei ihr, und wieder sah sie viel zu viel von seiner gebräunten Haut.

„Aber dann gibt es bestimmt einen anderen Mann in Ihrem Leben, oder?“

„Ist das nicht eine etwas zu intime Frage?“, gab Rachel leicht verärgert zurück. „Warum wollen Sie das wissen? Suchen Sie jemanden, der Ihnen während Ihres Aufenthaltes hier Gesellschaft leistet?“

Sie schlug heftig die Schranktür zu, aber dann fiel ihr ein, dass sie ihre Umhängetasche noch herausnehmen musste. Gereizt öffnete sie die Tür wieder.

Luca sah sie etwas ratlos an. Er schien ehrlich betroffen zu sein. „Tut mir leid, wenn ich Sie verärgert habe.“ Sein Akzent war jetzt deutlicher zu hören. „Aber ich weiß, dass Maggie und Phil ein Paar sind und Alex und Annie auch. Deshalb dachte ich, Sie und Kurt …“

„Um nichts in der Welt würde ich mich mit einer Frau abgeben, selbst wenn ich sie sympathisch fände“, erklärte Kurt kategorisch, der aus der Dusche gekommen war und ihre letzten Sätze gehört hatte. „Mit Frauen habe ich nämlich gar nichts im Sinn.“

Wieso brauchen Männer immer nur ein paar Sekunden Zeit unter der Dusche?, fragte sich Rachel. Und wie kam Kurt plötzlich dazu, sich ungefragt zu outen? Normalerweise war er bei dem Thema wesentlich verschlossener.

Laute Stimmen kündigten die Ankunft der anderen Teammitglieder an: Alex Attwood, Chef der Abteilung und begnadeter Herzchirurg. Phil Park, der bereits seit fünf Jahren als leitender Oberarzt mit Alex zusammenarbeitete. Scott Douglas, der Assistenzarzt, der hier am St. James Hospital zu ihnen gestoßen war, sozusagen das Greenhorn im Team.

„Ah, Luca, Sie haben sich also schon mit zwei Mitgliedern meines Teams bekannt gemacht“, sagte Alex und kam auf sie zu. „Rachel ist, wie Sie ganz bestimmt bemerkt haben, die beste und zuverlässigste OP-Schwester, die Sie sich vorstellen können. Und Kurt ist als technischer Assistent ein Genie, vor allem bei der Bedienung der Herz-Lungen-Maschine während schwieriger Operationen. Seine Verbesserungen der Technik haben das Leben der Patienten viel sicherer und meine Arbeit wesentlich leichter gemacht.“

Luca bedankte sich mit einer Handbewegung bei Alex, als dieser ihm Kurt vorgestellt hatte. Dann zeigte er auf Rachel. „Wir sind einander noch nicht offiziell vorgestellt worden“, sagte er zu Alex, sah aber Rachel dabei an. Der unverwandt auf sie gerichtete Blick seiner dunklen Augen ließ sie leicht erzittern, noch bevor seine starke, warme Hand ihre Finger umfasste und leicht drückte. „Luca Cavaletti.“ Er ließ ihre Hand los, aber seine Augen blieben auf sie gerichtet.

Der kurze körperliche Kontakt hatte Rachel so verwirrt, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. „Rachel … Rachel Lerini“, brachte sie heiser heraus.

Sie war nicht einmal überrascht, dass Luca sofort ins Italienische wechselte, als er ihren Namen hörte.

„Halt, halt“, sagte sie schnell. „Mein Urgroßvater hat zwar seine Familie und diesen Namen in die USA gebracht, aber unsere Italienischkenntnisse sind inzwischen mehr als dürftig geworden. Ciao, prego und pasta – mehr kann ich nicht.“

„Vielleicht könnte ich Ihnen noch ein paar mehr Worte beibringen?“

Rachel sah ihn erstaunt an. Sie hatte zwar noch nicht ganz vergessen, wie das Spiel mit Kennenlernen und Verabreden zwischen Männern und Frauen ablief – aber dieser Mann legte ein beunruhigendes Tempo vor.

Ihre Reaktion auf seine Nähe – dieses Kribbeln und die Beschleunigung ihres Pulsschlags – empfand sie nicht als angenehm, sondern machte sie misstrauisch. Das war alles so ungewohnt für sie.

Sie dachte so intensiv darüber nach und merkte kaum, dass Luca immer noch vor ihr stand und mit ihr redete.

„Haben Sie schon einen Begleiter für die Party heute Abend? Darf ich Ihnen anbieten, mit Ihnen dorthin zu gehen?“

„Nein.“ Das Wort rutschte ihr heraus, bevor sie begriff, wie verletzend es geklungen haben musste. „Ich wollte sagen … das ist nicht so eine Art von Party. Es ist ein Abendessen im Kreise der Kollegen. Maggie und Phil wollen ihre Verlobung feiern. Und das ganze Team hat noch einen zweiten Grund zum Feiern, weil viele Probleme, die plötzlich aufgetreten waren, gelöst werden konnten. Es ist also keine Party, zu der man einen Begleiter mitbringen müsste.“

„Außerdem hätte sie ja mich, wenn sie einen Begleiter bräuchte“, warf Kurt ein, der am Waschtisch stand und aufmerksam dem Gespräch zugehört hatte.

„Sei nicht so vorlaut“, fuhr Rachel ihn an. Sie wollte Lucas Drängen nicht so rasch nachgeben, aber sie wollte ihn auch nicht abschrecken und Gefahr laufen, dass er den Kontakt mit ihr völlig abbrach.

Da es viele Monate her war, dass sie eine ganz harmlose Verabredung mit einem Mann gehabt hatte, und fast vier Jahre, seit ihre Ehe in einem Desaster zu Ende gegangen war, konnte ein Flirt von vier Wochen mit einem Mann wie Luca Cavaletti genau richtig sein.

Sie wusste selbst, wie lahm dieser Erklärungsversuch in Wirklichkeit war. „Ich muss noch ins Büro und Papierkram erledigen“, sagte sie und hoffte, Luca würde gehen und seine Aufmerksamkeit jemand anderem widmen. „Wir sehen uns dann nachher zu Hause!“, rief sie Kurt zu.

Sie ging aus dem Raum, aber es war offensichtlich nicht so einfach, Luca zu entkommen. Als sie vor dem Umkleideraum kurz mit Annie sprach, kam Luca wie selbstverständlich dazu und begleitete Rachel auf dem Weg zu den Büroräumen der Station.

„Sie leben mit Kurt zusammen?“, fragte er und trat mit Rachel in das Büro.

Becky, die Sekretärin, sah überrascht hoch, als sie seine Stimme vernahm.

„Ja“, sagte Rachel kurz angebunden.

„Aber er ist homosexuell, und er versucht, mit mir zu flirten“, erwiderte Luca.

Rachel war es im Laufe der Jahre zur Gewohnheit geworden, ihren besten Freund Kurt gegen jede Art von Angriff zu verteidigen. „So?“, fragte sie kühl.

Ein Lächeln ließ Lucas Gesicht erstrahlen. Er breitete die Arme aus und sah Rachel an. „Also ist er nicht mit Ihnen zusammen, sondern nur ein Freund!“ Dann drehte er sich zu Becky herum, die sie beide verblüfft anstarrte.

„Darf ich vorstellen?“, sagte Rachel. „Mr. Cavaletti … oder Dr. Cavaletti … was dir lieber ist.“ Sie gab sich Mühe, ihre Stimme ganz neutral und geschäftsmäßig klingen zu lassen. In Wirklichkeit hatte er es mit seinem Lächeln geschafft, dass ihre Knie weich wurden und sie den dringenden Wunsch nach einer weiteren Dusche verspürte – aber dieses Mal mit eiskaltem Wasser.

„Dass Kurt nur ein Freund ist, muss ja nicht heißen, dass ich nicht mit einem anderen Mann zusammen sein könnte. Ich weiß nicht, wie das in Italien ist – aber für eine Amerikanerin ist das Tempo, das Sie vorlegen, entschieden zu schnell. Wenn Sie sich wegen der kurzen Zeit, die Sie nur hier sind, Sorgen machen, sollten Sie es bei jemand anderem versuchen.“

„Tut mir leid … ich fühlte mich gleich von Ihnen angezogen, als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe. Ihr wunderschönes Haar vielleicht …“ Er lächelte sie um Verzeihung bittend an. „Normalerweise bin ich nicht so draufgängerisch.“ Er berührte ganz leicht ihre Schulter. „Und … haben Sie nun eine Beziehung?“

Rachel starrte ihn an. Das war die Gelegenheit. Ein einziges Wort, ein kurzes Ja, würde genügen, um allem ein Ende zu machen. Aber sie brachte es nicht heraus.

„Schon gut … ich halte mich zurück.“ Dann beugte er sich vor und gab ihr einen ganz leichten Kuss erst auf die eine, dann auf die andere Wange. Anschließend ging er aus dem Raum, während Rachel ihre Handflächen auf die brennende Haut ihrer Wangen presste.

„Wenn du ihn nicht willst, dann überlass ihn mir“, sagte Becky, die Luca verträumt nachschaute.

„Bitte, ich habe nichts dagegen“, sagte Rachel.

Becky schüttelte den Kopf. „Keine Chance – er hat nur Augen für dich.“

Rachel war sowohl von Beckys Worten als auch von Lucas Verhalten überrascht. Energisch winkte sie ab. „Es ist nur mein Haar, das ihn so beeindruckt. Offensichtlich kennt man diese Farbe in Italien nicht.“

„Du hast einmalig schönes Haar“, sagte Becky bewundernd. „Ein richtiges Rotgold, das uns normale Blondinen fast ordinär aussehen lässt. Eigentlich habe ich immer gedacht, italienische Männer ständen auf Blondinen.“ Sie warf Rachel einen fragenden Blick zu. „Was ziehst du heute Abend an?“

Beckys Frage war so leicht durchschaubar, dass Rachel lachen musste.

„Vielleicht meinen alten Flanellpyjama mit den aufgedruckten Comicfiguren“, scherzte sie.

„Wahrscheinlich kommt es nicht darauf an“, sagte Becky. „Er wird es vielleicht gar nicht bemerken, sondern nur auf dein Haar starren.“

Becky seufzte. „Alex hat gesagt, dass er ein sehr reicher und in Italien berühmter Mann ist. Aber er hat nicht erwähnt, dass Luca auch hinreißend aussieht.“

Rachel lachte und ging zu ihrem Schreibtisch, den sie sich mit Kurt teilte. Also war Luca tatsächlich ein so reicher Mann, wie Alex angedeutet hatte. Wenn das so war … und bei seinem Aussehen … würden ihm die Frauen reihenweise zu Füßen liegen.

Aber wenn er erwartete, sie ebenfalls zu seinen Füßen zu finden, würde er sich gewaltig irren.

2. KAPITEL

Rachel hatte sich für ein eng anliegendes schwarzes Kleid aus Seidenjersey entschieden, für das sie auf Kurts Drängen ein halbes Monatsgehalt ausgegeben hatte, als sie noch mit ihm und dem Team in Melbourne war. Sie hatte es bisher nur einmal getragen, auf der Hochzeit von Alex und Annie. Und sie hatte es auch anziehen wollen, wenn Phil und Maggie, die Narkoseärztin des Teams, heirateten. Denn noch einmal konnte sie sich einen solchen Preis für ein Kleid nicht leisten.

„Keine Sorge, niemand wird das Kleid wiedererkennen“, hatte Kurt sie beruhigt. „Die Hochzeit von Alex und Maggie war am Nachmittag. Du hast eine weiße Kostümjacke dazu getragen und diese himmlischen schwarzen Sandalen. Heute Abend strahlst du puren Sex aus, meine Liebe.“

Er ließ Rachel gar nicht die Zeit zu protestieren. „Außerdem könntest du auch deinen alten Pyjama mit den Comicfiguren tragen“, fügte er hinzu und verdrehte die Augen. „Der Italiener würde es gar nicht merken, weil er dir die ganze Zeit nur in die Augen starren wird.“

„Ach, was du immer denkst“, wehrte sie ab, aber ohne innere Überzeugung. Schon wenn sie nur an Luca dachte, flatterten Schmetterlinge in ihrem Bauch. Das konnte ja ein heiterer Abend werden!

„Ein wunderschönes Kleid“, sagte Luca, der vor der Tür des Restaurants auf sie gewartet hatte. „Aber nicht so schön wie die Frau, die es trägt.“

Autor

Meredith Webber
Bevor Meredith Webber sich entschloss, Arztromane zu schreiben, war sie als Lehrerin tätig, besaß ein eigenes Geschäft, jobbte im Reisebüro und in einem Schweinezuchtbetrieb, arbeitete auf Baustellen, war Sozialarbeiterin für Behinderte und half beim medizinischen Notdienst.
Aber all das genügte ihr nicht, und sie suchte nach einer neuen Herausforderung, die sie...
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