Ein adliger Herzensbrecher

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Rettungslos verloren! Schon beim ersten Tanz verliebt Agnes sich in Flavian, Viscount Ponsonby. Dabei weiß sie genau, dass sie und der hochgewachsene Kriegsheld aus unterschiedlichen Welten stammen. Aber der Viscount sucht beharrlich ihre Nähe, raubt ihr einen Kuss und bittet sie überraschend um ihre Hand. Agnes ist die glücklichste Frau der Welt, als sie mit ihm vor den Altar tritt und unendlich sinnliche Nächte in seinen Armen genießt! Doch dann erfährt sie entsetzt: Nur aus Rache an seiner untreuen Verlobten hat er sie geheiratet. Soll die frischgebackene Viscountess fliehen - oder um ihre Liebe kämpfen?


  • Erscheinungstag 20.06.2017
  • Bandnummer 315
  • ISBN / Artikelnummer 9783733768348
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Obwohl sie sechsundzwanzig Jahre alt war, hatte sich Agnes Keeping noch nie verliebt. Sie hatte auch nie erwartet – oder gewünscht –, sich zu verlieben. Ihr war es lieber, ihre Gefühle und ihr Leben, so bescheiden Letzteres war, unter Kontrolle zu haben.

Mit achtzehn hatte sie sich entschieden, William Keeping zu heiraten, einen benachbarten Gentleman mit nüchternem Gemüt, festen Gewohnheiten und einem bescheidenen Auskommen. William hatte auf vorbildliche Weise bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten, um anschließend ihr in Gegenwart der zweiten Gattin ihres Vaters einen nicht minder korrekten Heiratsantrag zu machen. Agnes hatte ihren Mann gerngehabt und knapp fünf Jahre lang ein beschauliches Leben mit ihm geführt, bis er einer der fiebrigen Erkältungen erlegen war, die ihn im Winter oft heimgesucht hatten. Sie hatte ihn voll dumpfer Verzweiflung betrauert, weit über das obligatorische Trauerjahr in schwarzer Witwenkleidung hinaus. Noch immer vermisste sie ihn schmerzlich.

Geliebt hatte sie ihn indes nicht, so wenig wie er sie. Angesichts der wilden, hemmungslosen Leidenschaft, die in dem Wort mitschwang, erschien ihr die bloße Vorstellung absurd.

Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu, als sie sich den armen William von hemmungsloser Leidenschaft übermannt vorzustellen versuchte, ob nun romantischer oder andersgearteter Natur. Schließlich sah sie sich im Spiegel in die Augen. Sie sollte ihre glanzvolle Erscheinung lieber auskosten, solange sie konnte, denn auf dem Ball würde umgehend offenkundig werden, dass sie in Wahrheit kein bisschen glanzvoll war.

Sie trug das Abendkleid aus grüner Seide, das sie liebte, obwohl es alles andere als neu war – sie hatte es schon zu Williams Lebzeiten besessen. Nicht einmal in seiner Blütezeit war es besonders modisch gewesen. Es war hochtailliert und mäßig tief ausgeschnitten und hatte kurze Puffärmel. Der Saum von Rock und Ärmeln war mit Silberstickereien verziert. Trotz seines Alters war das Kleid keineswegs verschlissen. Immerhin trug man ein Abendkleid nicht allzu häufig, es sei denn, man bewegte sich in weit gehobeneren Kreisen, als sie es tat. Seit einigen Monaten lebte sie bei ihrer älteren Schwester Dora in einem schlichten Landhäuschen im Dorf Inglebrook in Gloucestershire.

Für Agnes würde dies der erste Ball sein. Natürlich hatte sie schon Tanzgesellschaften besucht, und man hätte einwenden können, dass sich eine solche von einem Ball nur durch den Namen unterscheide. Doch in Wahrheit bestand ein Riesenunterschied. Tanzgesellschaften wurden in Gesellschaftszimmern abgehalten, die sich zumeist im Obergeschoss eines Gasthauses befanden. Bälle waren private Lustbarkeiten, veranstaltet von Leuten, die reich und berühmt genug waren, ein Domizil mit Ballsaal zu bewohnen. Solche Leute und Häuser waren rar in der englischen Provinz.

Eines dieser Häuser allerdings lag in der Nähe.

Middlebury Park, nur eine Meile von Inglebrook entfernt, war das imposante Herrenhaus des Viscounts Darleigh, des Gatten ihrer neuen und teuren Freundin Sophia. In dem langen Flügel an der Ostflanke des kolossalen Haupttraktes befanden sich die Prunkgemächer, die überwältigend opulent waren – so zumindest waren sie Agnes vorgekommen, als Sophia ihr eines Nachmittages, kurz nach ihrer ersten Begegnung, das Haus gezeigt hatte. Zu den Prunkgemächern gehörte auch ein geräumiger Ballsaal.

Der Viscount hatte den Titel geerbt, nachdem sowohl sein Onkel als auch sein Cousin einem plötzlichen gewaltsamen Tod erlegen waren. Erst jetzt, vier Jahre später, war Middlebury Park wieder der gesellschaftliche Mittelpunkt der Umgebung. Lord Darleigh war im Alter von siebzehn Jahren erblindet, als er als Artillerieoffizier in den Napoleonischen Kriegen gedient hatte. Zwei Jahre darauf waren Titel, Anwesen und Vermögen an ihn gefallen. Er hatte ein zurückgezogenes Leben auf Middlebury geführt, ehe er im Spätfrühling dieses Jahres in London Sophia begegnet war und sie geheiratet hatte. Das war gewesen, kurz bevor Agnes hergezogen war. Seine Ehe und womöglich auch die zunehmende Reife hatten dem Viscount ein Selbstvertrauen verliehen, das ihm vorher offenbar gefehlt hatte. Und Sophia hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihn zu unterstützen und sich zugleich ein neues Leben als Herrin über ein großes Haus und Anwesen aufzubauen.

Daher der Ball.

Mit diesem ließen sie die alte Tradition des Ernteballs wiederaufleben, der stets Anfang Oktober veranstaltet worden war. Im Dorf allerdings wurde der Ball eher als Hochzeits- denn als Erntedankfest gehandelt, denn der Viscount und Sophia hatten sich klammheimlich in London vermählt, gerade einmal eine Woche, nachdem sie sich kennengelernt hatten. Eine öffentliche Traufeier hatte es nicht gegeben. Nicht einmal ihre Familien waren zugegen gewesen. Kurz nach ihrer Ankunft auf Middlebury hatte Sophia versprochen, dass sie die Hochzeitsfeier in absehbarer Zukunft nachholen würden. Das geschah in Gestalt des heutigen Balls, obwohl Sophia bereits in anderen Umständen war und sich dies, trotz der weit fallenden Kleider, die derzeit in Mode waren, nicht länger verhehlen ließ. Jeder in der Gegend wusste es, auch wenn es nicht offiziell bekannt gemacht worden war.

Es war keine besondere Ehre, zu dem Ball eingeladen zu sein, denn so gut wie jeder aus Dorf und Umgebung würde kommen. Und Dora stand dem Viscount und dessen Frau recht nahe, da sie den beiden Pianoforte-Stunden und dem Viscount zudem Violinen- und Harfenunterricht gab. Agnes und Sophia waren Freundinnen, seit sie herausgefunden hatten, dass sie ein Faible für Kunst teilten. Agnes malte Aquarelle, während Sophia eine begnadete Karikaturistin war und Kindergeschichten illustrierte.

Neben den einheimischen würden weitere, illustrere Gäste den Ball beehren. Lord Darleighs Schwestern und deren Gatten würden kommen, ebenso wie Viscount Ponsonby, einer von Lord Darleighs Freunden. Sophia hatte ihr erzählt, dass die beiden einem Kreis von sieben Personen angehörten, die mehrere Jahre gemeinsam in Cornwall verbracht hätten, wo sie von diversen Kriegsblessuren genesen seien. Die meisten von ihnen waren Offiziere beim Militär gewesen. Sie nannten sich „Survivors’ Club“ und fanden sich jedes Jahr für ein paar Wochen zusammen.

Auch einige von Sophias Verwandten würden zugegen sein: ihr Onkel Sir Terence Fry, ein ranghoher Regierungsdiplomat, sowie ein weiterer Onkel und dessen Frau – Sir Clarence und Lady March – mitsamt Tochter.

Das alles klang sagenhaft eindrucksvoll, und Agnes’ Vorfreude grenzte an Aufregung. Sie hatte sich nie als jemanden gesehen, der versessen auf gesellschaftliches Gepränge war, so wie sie nicht davon ausging, sich jemals zu verlieben. Diesem Ball jedoch fieberte sie entgegen, vielleicht weil Sophia es tat. Sie war Agnes sehr ans Herz gewachsen, und um ihrer Freundin willen hoffte sie inständig, der Ball möge ein großer Erfolg werden.

Kritisch musterte sie ihr Haar, das sie selbst frisiert hatte. Es war ihr gelungen, ihre Locken leidlich hoch aufzutürmen, wobei sie einige Strähnen ausgespart hatte, die sich um Hals und Ohren kringelten. Allerdings ließ sich die Frisur schwerlich als kunstvoll bezeichnen. Ihr Haar selbst war wenig spektakulär. Es war von unscheinbarer mittelbrauner Farbe, glänzte dafür aber gesund. Mein Gesicht ist kaum bemerkenswerter, dachte sie und schenkte ihrem Spiegelbild ein bekümmertes Lächeln. Zugegeben, hässlich war sie nicht, vielleicht nicht einmal reizlos, aber auch keine atemberaubende Schönheit. Und, gütiger Himmel, hatte sie das je sein wollen? Der anstehende Ballbesuch verdrehte ihr den Kopf und machte sie ganz fahrig.

Sie und Dora trafen früh ein, so wie einige der auswärtigen Gäste. Zu spät zu kommen gelte im ton während der Londoner Saison als schick, hatte Dora erklärt, als sie den ohnehin schon zeitigen Aufbruch um zehn Minuten vorverlegt hatten. Das zumindest habe sie gehört. Doch auf dem Lande hatten die Leute bessere Manieren. Daher waren sie überpünktlich.

Als sie die Türen zum Ballsaal erreichten, bekam Agnes vor Aufregung kaum Luft. Die Prunkgemächer waren wie verwandelt und umso prächtiger mit all den Blumenarrangements sowie den brennenden Kerzen in sämtlichen Wandhalterungen.

Sophia stand gleich hinter der Doppeltür und empfing, mit Lord Darleigh an ihrer Seite, die Gäste. Agnes entspannte sich und lächelte voll aufrichtiger Wärme. Auch wenn sie selbst sich als gefeit gegen die Liebe betrachtete, konnte sie weder deren Existenz noch den Umstand leugnen, dass sie ein schöner Anblick war. Das romantische Band zwischen ihnen ließ Lord und Lady Darleigh förmlich strahlen, obgleich sie ihre Gefühle niemals öffentlich zur Schau trugen.

Sophia sah großartig aus in ihrem türkisfarbenen Kleid, das ihr kastanienbraunes Haar betonte. Noch zu ihrer Hochzeit war ihr Haar knabenhaft kurz gewesen, doch seitdem hatte sie es wachsen lassen. Lang war es noch nicht, aber ihre Zofe hatte es geschickt so frisiert, dass es elegant wirkte und der seidige Schimmer zur Geltung kam. Zum ersten Mal ging Agnes auf, dass ihre Freundin mehr als nur elfenhaft hübsch war. Sophia bedachte Dora und Agnes mit einem herzlichen Lächeln und umarmte sie beide. Lord Darleigh schien sie trotz seiner Blindheit mit seinen tiefblauen Augen direkt anzublicken und gab ihnen lächelnd die Hand.

„Mrs. Keeping, Miss Debbins“, begrüßte er sie. „Wie überaus freundlich von Ihnen, dass Sie gekommen sind, um unseren Abend perfekt zu machen.“

Als täten seine Gäste ihm einen Gefallen. Er sah eindrucksvoll und attraktiv aus in seiner schwarz-weißen Kleidung.

Es war nicht schwer, die Fremden im Ballsaal ausfindig zu machen. Wenn man auf dem Land lebte – auch wenn dies erst seit wenigen Monaten der Fall war –, traf man zwangsläufig auf Schritt und Tritt immer wieder dieselben Menschen. Die Fremden hatten sich nach der neuesten Mode herausgeputzt und stellten Agnes’ grünes bestes Kleid in den Schatten, so wie sie es erwartet hatte. Sie übertrumpften alle, außer einander.

Mrs. Hunt, die Mutter des Viscounts, war so nett, Dora und Agnes herumzuführen und vorzustellen, zunächst Sir Clarence, Lady March und Miss March. Die drei wirkten überaus distinguiert, trotz der geradezu beängstigenden Höhe der Federn in Lady Marchs Kopfputz. Sie nickten mit steifer Herablassung – auch die Federn –, und Agnes tat es Dora gleich und knickste. Anschließend trafen sie Sir Terence Fry und Mr. Sebastian Maycock, dessen Stiefsohn, die beide fesch, aber nicht pompös gewandet waren. Ersterer verbeugte sich höflich und bemerkte, wie pittoresk das Dorf sei. Letzterer – ein hochgewachsener, ansehnlicher, sympathisch wirkender junger Bursche – ließ seine Zähne aufblitzen und erklärte, er sei entzückt und hoffe, sie würden ihm im Laufe des Abends die Ehre eines Tanzes erweisen. Von einer konkreten Verabredung sah er jedoch ab.

Ein Charmeur, befand Agnes, der vor allem seinem eigenen Charme und weniger dem anderer verfiel. Sogleich schalt sie sich für ein solch vorschnelles unfreundliches Urteil, das jeder Grundlage entbehrte.

Schließlich stellte Mrs. Hunt sie Viscount Ponsonby vor, dessen makellose förmliche Abendgarderobe die aller übrigen Herren ausstach, außer vielleicht die von Viscount Darleigh. Von dem Schwarz, das er trug, hoben sich lediglich das blütenweiße Leinenhemd, das raffiniert gebundene Krawattentuch sowie das Silber der Weste ab. Er war groß und gut gebaut, ein blonder Gott von einem Mann, wobei sein Haar nicht von jenem Weiß- oder Hellblond war, das in Agnes’ Augen nicht so recht zu einem Mann passte. Seine Züge waren von klassischer Perfektion, seine Augen tiefgrün. Eine gewisse Weltmüdigkeit lag darin, und seine Lippen umspielte ein Hauch von Spott. In einer seiner langgliedrigen Hände hielt er ein silbergefasstes Monokel.

Agnes wurde sich ihrer eigenen Gewöhnlichkeit bewusst, und das reizte sie. Als Mrs. Hunt sie miteinander bekannt machte, hob er sich zwar nicht das Monokel ans Auge – dafür war er zu kultiviert. Dennoch hatte sie das Gefühl, eingehend gemustert und abgetan zu werden, obwohl er sich vor Dora und ihr verbeugte, sich nach ihrem werten Befinden erkundigte und aufmerksam ihren nicht eben geistvollen Antworten lauschte.

Er gehörte zu der Sorte Mann, in deren Gegenwart sich Agnes stets unbehaglich fühlte, wobei sie, um die Wahrheit zu sagen, noch nicht viele Exemplare dieser Sorte getroffen hatte. In Gesellschaft solch überwältigend gut aussehender, einnehmender Herren kam sie sich fade und linkisch und nicht zuletzt ungemein gewöhnlich vor, und das führte dazu, dass sie sich selbst verachtete. Aber wie wollte sie solchen Männern gegenüber denn erscheinen? Wie ein hohlköpfiges Dummerchen, das immerzu mit den Wimpern klimperte? Oder gebildet und vor Esprit sprühend? Was für ein Unsinn.

Sie konnte ihm gar nicht schnell genug entfliehen, um im Gespräch mit Mr. und Mrs. Latchley wieder zu sich selbst zurückzufinden. Sie bemitleidete Mr. Latchley, der erst vergangene Woche vom Dach seiner Scheune gestürzt war und sich ein Bein gebrochen hatte. In den höchsten Tönen lobte er Lord und Lady Darleigh, die ihn persönlich besucht und darauf bestanden hätten, ihn und seine Frau mit der Kutsche zum Ball bringen zu lassen. Sie hatten die Latchleys gar überredet, über Nacht zu bleiben, um sie morgen nach Hause zurückzufahren.

Während sie sich unterhielten, schaute Agnes sich mit leuchtenden Augen um. Das Parkett war auf Hochglanz gewienert worden. Überall standen große Töpfe mit Blumen in herbstlichen Farben. Drei riesige Kronleuchter, an denen sämtliche Kerzen brannten, hingen von der Decke, die mit mythologischen Szenen bemalt war. Das Licht brach sich im goldenen Fries oberhalb der hölzernen Wandvertäfelung und in den vielen langen Spiegeln. Diese ließen den ohnehin schon weitläufigen Raum um ein Vielfaches größer und Blumen wie Gästeschar umso zahlreicher erscheinen. Die Mitglieder des Orchesters – ja, es gab tatsächlich ein achtköpfiges Orchester aus dem fernen Gloucester – hatten ihre Plätze auf der Estrade an einem Ende des Saales eingenommen und stimmten ihre Instrumente.

Wie es aussah, waren inzwischen alle Gäste eingetrudelt. Lord Darleigh und Sophia hatten sich dem Raum zugewandt, und Sir Terence Fry hielt auf sie zu, gewiss in der Absicht, seine Nichte um den ersten Satz Kontratänze zu bitten. Agnes lächelte. Amüsant war auch zu beobachten, wie sich die Marchs an Viscount Ponsonby heranpirschten. Sie mussten ihn als ersten Tanzpartner für Miss March auserkoren haben. Das war gleich doppelt erheiternd, da der Viscount ihnen lässig auswich, ohne auch nur ein einziges Mal in ihre Richtung zu schauen. Offensichtlich war er es gewohnt, unliebsamen Avancen aus dem Weg zu gehen. Oh, davon musste sie Sophia erzählen, gleich bei ihrer nächsten Zusammenkunft nach dem heutigen Abend. Sophia verstand sich meisterlich darauf, mit beißendem Witz zu karikieren.

Agnes war so sehr in den Anblick der verdrossenen Mienen aller drei Marchs vertieft, dass sie zunächst nicht bemerkte, wie Viscount Ponsonby auf das Sofa zusteuerte, auf dem Mr. Latchley sein geschientes Bein ausgestreckt hatte. Allerdings kam der Viscount nicht, um dem verletzten Mann sein Mitgefühl auszusprechen oder ihn auch nur mit einem Nicken zu grüßen. Stattdessen blieb er vor ihr stehen und verbeugte sich.

„Mrs. Keeping“, sagte er, sein Ton nonchalant, ja gar eine Spur gelangweilt. „Ich glaube, zu derlei Zusammenkünften gehört, dass man t…tanzt. Das zumindest hat mein Freund Darleigh mir heute Nachmittag eröffnet. Und obwohl er b…blind ist und man davon ausgehen sollte, dass ihm verborgen bliebe, wenn man nicht tanzte, kenne ich ihn gut genug, um mir recht s…sicher zu sein, dass er es durchaus merken würde, selbst wenn niemand es ihm verriete. Was nützt es, einen blinden Freund zu haben, frage ich mich manchmal, wenn man ihn in derlei Dingen nicht leimen kann?“

Oh, er stotterte leicht – gewiss sein einziger äußerlicher Makel. Er sprach mit halb gesenkten Lidern, was ihm etwas leicht Träges verlieh, wenngleich die Augen selbst kein bisschen träge wirkten.

Agnes lachte. Sie wusste nicht, wie sie sonst hätte reagieren sollen. Forderte er sie zum Tanzen auf? Das hatte er nicht ausdrücklich getan, oder?

„Ah“, erwiderte er und hob sich sein Monokel fast, aber nicht ganz bis ans Auge. Er hatte exquisit manikürte Fingernägel, fiel ihr auf, wobei seine Hand ausgesprochen maskulin war. „Recht so, Sie f…fühlen mit mir, wie ich sehe. Aber am Tanzen geht kein Weg vorbei. Werden Sie mir die Ehre erweisen, Madam, mit mir das Tanzbein zu schwingen?“

Er bat sie tatsächlich um einen Tanz, ja gar um den ersten Satz Tänze. Sie hatte inbrünstig gehofft, dass irgendjemand sie auffordern möge. Schließlich war sie erst sechsundzwanzig und gehörte noch lange nicht zum alten Eisen. Aber – Viscount Ponsonby? Sie war versucht, durch die Tür zu flüchten und schnurstracks bis nach Hause zu laufen.

Was war nur los mit ihr?

„Vielen Dank, Mylord“, antwortete sie und stellte erleichtert fest, dass sie so beherrscht wie immer klang. „Ich werde versuchen, das meine mit Würde zu schwingen.“

„Nichts G…geringeres erwarte ich von Ihnen. Den würdelosen Part werde ich übernehmen.“ Er bot ihr sein Handgelenk dar, auf das sie ihre Hand legte, gottlob, ohne zu zittern. Danach geleitete er sie zu den übrigen Tänzern. Während sie sich bei den Damen einreihte, verbeugte er sich vor ihr, ehe er sich zu den Herren gegenüber gesellte.

Ach, du lieber Himmel, dachte sie, und kurz war dies alles, was sie denken konnte. Doch ihr Sinn für Humor umfasste die Bereitschaft, über sich selbst zu lachen, und das rettete sie auch diesmal. Sie lächelte. Welch immenses Vergnügen es sein würde, diese halbe Stunde morgen Revue passieren zu lassen. Den größten Triumph ihres Lebens. Eine ganze Woche lang würde sie darin schwelgen. Zwei Wochen lang. Fast hätte sie laut aufgelacht.

Ihr gegenüber ignorierte Viscount Ponsonby Lärm und Gedränge um sich her, sah Agnes geradewegs in die Augen und ließ eine seiner mokant geschwungenen Brauen nach oben schnellen. Herrje. Bestimmt fragte er sich, was es mit ihrer Heiterkeit auf sich habe. Wahrscheinlich schob er diese auf ihr Entzücken darüber, mit ihm tanzen zu dürfen – und natürlich war sie entzückt. Allerdings wäre es plump gewesen, dies als Anlass zu einem triumphierenden Lächeln zu nehmen.

Das Orchester schlug den ersten Akkord an, und die Musik setzte ein.

Wenig überrascht stellte Agnes fest, dass er seine Tanzkünste vollkommen falsch dargestellt hatte. Er führte die Schritte und Figuren mit eleganter Geschmeidigkeit aus, ohne dabei an Männlichkeit einzubüßen. Dabei zog er mehr als nur ein paar Blicke auf sich: neidische von den Herren, bewundernde von den Damen. Obwohl die Komplexität des Tanzes eine Unterhaltung schwierig gestaltete, hatte der Viscount nur Augen für Agnes und vermittelte ihr das Gefühl, dass ihm an diesem Tanz mit ihr tatsächlich gelegen war und er nicht bloß seine gesellschaftliche Pflicht erfüllte.

So gibt sich ein wahrer Gentleman eben, sagte sie sich, als die Tanzfolge vorüber war und er sie zu Dora brachte, sich höflich vor ihnen verbeugte und davonging. An der Aufmerksamkeit, mit der er sie bedacht hatte, war nichts Besonderes gewesen. Und doch war sie überzeugt davon, sich nie zuvor auch nur halb so gut amüsiert zu haben wie an diesem Abend.

Sich amüsiert zu haben? Als wäre der Abend schon vorbei.

„Ich freue mich sehr darüber“, meinte Dora, „dass jemand guten Geschmack bewiesen und dich zum Tanzen aufgefordert hat, Agnes. Er ist ein Bild von einem Gentleman, nicht wahr? Obwohl ich gestehen muss, dass seine linke Augenbraue mir zu denken gibt. Sie hat etwas eindeutig Spöttisches an sich.“

„Stimmt“, meinte Agnes, während sie sich Luft zufächelte, und sie lachten.

Aber sie fühlte sich weder durch die Braue noch durch den Mann selbst verspottet. Stattdessen war sie höchst zufrieden mit sich und kam sich betörend vor. Sie hegte nicht den geringsten Zweifel daran, dass sie noch tage-, wenn nicht wochenlang von diesem Ball, den Eröffnungstänzen und ihrem Tanzpartner träumen würde. Womöglich jahrelang. Es hätte sie nicht im Mindesten gestört, jetzt nach Hause zu gehen, wobei das so früh am Abend außer Frage stand. Ach, von nun an konnte es nur bergab gehen.

Doch es kam anders.

Alle hatten ihre Alltagssorgen beiseitegeschoben, um sich an der üppigen Pracht des Ernteballs auf Middlebury Park zu erfreuen. Und alle waren hier, um die glückliche, bereits fruchtbare Ehe des jungen Viscounts zu feiern, den sie zutiefst bedauert hatten, als er vor dreieinhalb Jahren hergezogen war, blind und in sich gekehrt und förmlich erstickt durch die übertriebene Fürsorglichkeit von Mutter, Großmutter und Schwestern. Ein jeder war gekommen, um seine Hochzeit mit jenem zarten, elfenhaften Geschöpf zu bejubeln, das in den vergangenen sieben Monaten mit seinem bezaubernden Wesen und seinem unerschöpflichen Tatendrang das Herz aller erobert hatte.

Wie hätte Agnes sich nicht vergnügen und mit ihnen feiern können? Und genau das tat sie. Sie tanzte jeden Tanz und freute sich darüber, dass auch Dora einige Male aufs Parkett gebeten wurde. An die Dinnertafel wurde sie von Mr. Pendleton geleitet, einem der Schwäger des Viscounts. Er war ein liebenswürdiger Gentleman, der sie einen Gutteil der Mahlzeit über unterhielt, ebenso wie Mrs. Pearl, die Großmutter mütterlicherseits des Viscounts, die auf Agnes’ anderer Seite saß.

Es wurden Trinksprüche ausgebracht und Reden gehalten. Auch eine Hochzeitstorte gab es. Genau genommen war der Ball nichts anderes als eine waschechte, verschwenderisch feudale Hochzeitsfeier.

Oh, nein, mit dem Ball ging es mitnichten bergab nach jener ersten Tanzfolge. Und nach dem Dinner wurde weitergetanzt – angefangen mit einem Walzer. Es war der erste des Abends und würde vermutlich der letzte bleiben, und er sorgte für einige Erregung unter den Gästen. Zwar wurde er seit mehreren Jahren in London und anderen mondänen Zentren getanzt, doch in der Provinz galt er nach wie vor als gewagt und fand selten Eingang ins Programm ländlicher Geselligkeiten. Die Schritte waren Agnes vertraut. Sie hatte sie mit Dora einstudiert, die einige ihrer Musikschüler, darunter Sophia, auch im Tanzen unterrichtete. Dora hatte Agnes anvertraut, dass geplant sei, die Viscountess den Walzer mit ihrem Onkel tanzen zu lassen.

Allerdings war es offenbar nicht ihr Onkel, mit dem Sophia den Walzer zu tanzen gedachte. Das erkannte Agnes, als sie den Kopf wandte, um zu ergründen, was es mit dem Stimmengewirr auf sich hatte, in das sich Gelächter mischte. Irgendwer begann langsam zu klatschen, und andere fielen mit ein.

„Tanz mit ihr“, rief jemand – es war Mr. Harrison, ein enger Freund von Lord Darleigh.

Agnes erspähte Sophia auf der Tanzfläche. Sie hatte einen Arm ausgestreckt und hielt Lord Darleighs Hand umklammert. In ihrem erhitzten Gesicht spiegelte sich Erheiterung. Oh, gütiger Himmel, sie versuchte, ihren Gatten dazu zu bringen, mit ihr zu tanzen. Und inzwischen klatschte die Hälfte der Gäste im Ballsaal rhythmisch in die Hände. Agnes schloss sich ihnen an.

Alle skandierten Mr. Harrisons Satz.

„Tanz mit ihr. Tanz mit ihr.“

Der Viscount trat mit Sophia auf die leere Tanzfläche.

„Sollte ich mich gründlich zum Gespött machen“, verkündete er, als Singsang und Klatschen abebbten, „würden Sie alle wohl so gut sein vorzugeben, Sie hätten nichts gesehen?“

Das zeitigte allgemeines Gelächter.

Das Orchester wartete nicht auf weitere Tänzer.

Agnes legte sich die Hände an den Busen und schaute zu, so wie alle, inbrünstig darauf hoffend, dass sich der Viscount nicht zum Gespött machen möge. Zunächst tanzte er unbeholfen, wenngleich er es mit heiterer Miene und solch unverhohlenem Genuss tat, dass Agnes unwillkürlich gegen Tränen anblinzeln musste. Schließlich gelang es ihm, sich in den Rhythmus des Tanzes einzufinden, und Sophia strahlte ihn so hingebungsvoll an, dass sich trotz allen verzweifelten Blinzelns eine Träne über Agnes’ Wange stahl. Sie wischte sie mit einer Fingerspitze fort, schaute sich verstohlen um und vergewisserte sich, dass es niemandem aufgefallen war. Es war niemandem aufgefallen, aber ihr fiel auf, dass die Augen mehrerer anderer Gäste ebenfalls verdächtig glänzten.

Nach einigen Minuten pausierte die Musik, und andere Paare gesellten sich zu ihren Gastgebern aufs Parkett. Agnes seufzte zufrieden und vielleicht eine Spur sehnsüchtig. Oh, wie wunderbar es wäre …

Sie wandte sich an Dora neben ihr. „Du hast Sophia hervorragend unterrichtet.“

Aber Doras Blick war auf einen Punkt hinter Agnes’ Schulter gerichtet.

„Ich glaube“, murmelte sie, „dir wird gleich zum zweiten Mal an diesem Abend Aufmerksamkeit der besonderen Art zuteil. Die nächste Woche über wirst du unausstehlich sein.“

Agnes blieb keine Zeit, etwas zu erwidern oder sich umzudrehen, um zu sehen, was – oder wen – Dora erspäht hatte.

„Mrs. Keeping“, ertönte die nonchalante Stimme Viscount Ponsonbys. „B…bitte versichern Sie mir, dass ich mit keinem Rivalen um gerade diesen T…tanz mit Ihnen konkurrieren muss. Ich wäre am Boden zerstört. Wenn ich schon Walzer tanzen soll, dann nur m…mit einem vernunftbegabten Wesen.“

Agnes klappte ihren Fächer zusammen und wandte sich zu ihm um.

„Tatsächlich, Mylord? Und was verleitet Sie zu der Annahme, ich sei vernunftbegabt?“ Sollte das ein Kompliment sein? Dass sie vernunftbegabt sei?

Er bewegte den Kopf einen Zoll weit nach hinten und betrachtete ihr Gesicht.

„Sie haben s…so ein Leuchten in den Augen und einen gewissen Zug um den Mund“, entgegnete er. „Beides weist Sie als einen Menschen aus, der das Leben sowohl beobachtet als auch in die H…hand nimmt; der das Leben zuweilen auf amüsierte Weise beobachtet, sofern mich nicht alles täuscht.“

Grundgütiger. Erstaunt sah sie ihn an. Hoffentlich hatte niemand außer ihm dies bemerkt. Sie war nicht einmal überzeugt, dass es stimmte.

„Aber warum ist Ihnen ausgerechnet beim Walzer an einer vernunftbegabten Tanzpartnerin gelegen?“, hakte sie nach.

Vernünftig wäre es, auf sein Angebot einzugehen, ohne sich länger zu zieren. Schließlich konnte sie sich nichts Himmlischeres vorstellen, als auf einem richtigen Ball Walzer zu tanzen. Gewiss würde das Orchester jeden Augenblick wieder aufspielen, auch wenn es derzeit noch auf mehr Andrang auf der Tanzfläche wartete. Und hier bot sich ihr die Gelegenheit, den Walzer mit Viscount Ponsonby zu tanzen.

„Beim Walzer hat man seinen P…partner bis zum bitteren Ende Auge in Auge vor sich“, erklärte er. „Da bleibt einem nur, a…auf eine originelle Unterhaltung zu h…hoffen.“

„Ah. Somit kommt das Wetter als Sujet nicht infrage?“

„Ebenso wenig wie das eigene Befinden sowie das sämtlicher Bekannter bis zurück in die dritte und v…vierte Generation“, ergänzte er. „W…werden Sie mir diesen Walzer schenken?“

„Mir graut davor, denn nach Ihren Ausführungen bringe ich sicherlich kein Wort mehr heraus. Haben Sie mir auch nur ein Thema gelassen, an das ich mich, ob vernunftbegabt oder nicht, wagen darf?“

Wortlos offerierte er ihr sein Handgelenk, und sie legte ihre Hand darauf. Die Knie wurden ihr weich, als er sie anlächelte – es war ein träumerisches Lächeln, begleitet von einem Blick unter schweren Lidern hervor. Die Intimität, die aus beidem sprach, wirkte angesichts des öffentlichen Ambientes seltsam fehl am Platz.

Sie befand sich, vermutete sie, in den Händen eines versierten Casanovas.

„Vincent Walzer tanzen zu sehen, konnte einen schon zu T…tränen rühren“, sagte er, während sie sich, einander zugewandt, aufstellten. „Meinen Sie nicht auch, Mrs. Keeping?“

Oje, hatte er jene Träne bemerkt?

„Weil er kein Ausbund an Grazie war?“ Sie hob die Brauen.

„Weil er v…v…verliebt ist“, erwiderte er, über das vorletzte Wort stolpernd.

„Haben Sie nichts übrig für die romantische Liebe, Mylord?“

„Bei anderen finde ich sie höchst herzergreifend. Aber vielleicht sollten wir doch lieber über das Wetter parlieren.“

Dazu allerdings kamen sie nicht, denn das Orchester ließ just einen durchdringenden Akkord ertönen. Der Viscount schlang ihr einen Arm um die Taille, während sie ihm eine Hand auf die Schulter legte. Ihre andere Hand nahm er fest in seine, ehe er Agnes auch schon schwungvoll herumwirbelte und ihr damit den Atem raubte. Sie befand sich also nicht nur in den Händen eines Casanovas, sondern auch eines formvollendeten Tänzers. Selbst wenn sie mit den Schritten nicht vertraut gewesen wäre, hätte das keinen Unterschied gemacht, dessen war sie sicher. Es wäre so gut wie unmöglich gewesen, sich seiner Führung zu entziehen.

Farben und Licht umstrudelten sie. Musik umwogte sie ebenso wie Stimmen und Lachen. Die Luft war getränkt mit den Myriaden von Düften von Blumen und Kerzen und Parfüms. Agnes war berauscht vom Herumwirbeln, selbst ein Teil des Ganzen und mittendrin.

Und da war der Mann, der mit ihr übers Parkett schwebte und keinerlei Versuch unternahm, eine – vernunftbegabte oder anderweitige – Unterhaltung anzustoßen. Er hielt den korrekten Abstand zu ihr ein und blickte sie versonnen und doch scharfsichtig an. Sie erwiderte seinen Blick, ohne auch nur daran zu denken, den ihren abzuwenden oder sittsam zu senken – oder etwas zu sagen.

Er war so hinreißend gut aussehend und überwältigend anziehend, dass sie seinem Zauber nicht das Geringste entgegenzusetzen hatte. Seine Züge sprachen von Charakterstärke und Zynismus und Charisma und so viel Geheimnisvollem, dass man ihn ein Leben lang kennen mochte, ohne ihn je gänzlich zu ergründen. Er verströmte Stärke und Skrupellosigkeit und Witz und Charme und Schmerz.

Das alles erfasste sie unbewusst und ohne es in Worte fassen zu können. So intensiv war dieser Moment, dass er sich wie eine Ewigkeit anfühlte – oder wie ein Wimpernschlag.

Die Musik setzte kein weiteres Mal aus. Als sie endete, war auch die Tanzfolge vorbei. Das spöttische Funkeln kehrte in die Augen des Viscounts zurück, und um seine Lippen spielte erneut jener Hauch von Ironie.

„Also doch kein bisschen v…vernunftbegabt“, befand er. „Nur bezaubernd.“

Bezaubernd?

Er begleitete sie zurück zu Dora, verbeugte sich mit einer fließenden Bewegung und wandte sich wortlos ab.

Und Agnes war verliebt.

Törichterweise, bis über beide Ohren, mit Haut und Haar und auf berückende Weise verliebt.

In einen zynischen, weltgewandten, möglicherweise gefährlichen Casanova.

In einen Mann, den sie nach dem heutigen Abend nie wiedersehen würde.

Was vermutlich gut war.

Oh, ja, zweifellos.

2. KAPITEL

Fünf Monate später

Für Anfang März war der Tag recht angenehm. Ein wenig frisch vielleicht, aber weder regnete noch stürmte es, wie es seit kurz nach Weihnachten praktisch andauernd der Fall gewesen war. Die Sonne strahlte vom Himmel. Flavian Arnott, Viscount Ponsonby, war froh darüber, nicht in seine muffige Reisekutsche gepfercht durch die englische Landschaft ziehen zu müssen. Die Kutsche schaukelte mitsamt Kammerdiener und Gepäck irgendwo hinter ihm dahin, während er auf seinem Pferd saß.

Es würde merkwürdig sein, das alljährliche Treffen des Survivors’ Club auf Middlebury Park abzuhalten, in Vincents Domizil in Gloucestershire statt, wie sonst, auf Penderris Hall in Cornwall, dem Anwesen von George, dem Duke of Stanbrook. Die sieben Angehörigen des Clubs hatten drei Jahre zusammen auf Penderris verbracht, wo sie sich von diversen Kriegsverletzungen erholt hatten. Als sie fortgegangen waren, hatten sie vereinbart, sich jedes Jahr für einige Wochen dort zu treffen, um ihre Freundschaft wieder aufleben zu lassen und einander von ihren Fortschritten zu berichten. Und das hatten sie getan. Ein einziges Mal nur, vor zwei Jahren, hatte einer von ihnen gefehlt. Hugo hatte sich gerade auf den Weg nach Cornwall machen wollen, als sein Vater gestorben war. Sie alle hatten Hugo schmerzlich vermisst.

Und dieses Jahr waren sie Gefahr gelaufen, auf Vincent, Viscount Darleigh, verzichten zu müssen. Er hatte schon vor fünf Monaten erklärt, er werde Middlebury Park im März nicht verlassen, da Lady Darleigh Ende Februar zum ersten Mal niederkommen werde. Der Gerechtigkeit halber musste man der Dame zugutehalten, dass sie versucht hatte, ihn zu überreden, das Treffen nicht ihretwegen zu versäumen. Sie wusste, wie wichtig es ihm war. Dass sie sich bemüht hatte, konnte Flavian bezeugen – er war zu jener Zeit wegen des Ernteballs auf Middlebury gewesen. Als sie erkannt hatte, dass Vincent unverrückbar an seinem Entschluss, sie nicht allein zu lassen, festhalten würde, hatte sie die ausweglose Situation durch den Vorschlag gelöst, der Survivors’ Club könne sich doch bei ihnen einfinden, sodass Vincent weder das Treffen verpassen noch sie im Stich lassen müsse.

Die restlichen fünf waren befragt worden und hatten der Verlegung des Treffens zugestimmt, wenngleich der Ortswechsel sich eigenartig anfühlte. Zudem würden dieses Jahr Gattinnen mit von der Partie sein – drei waren seit dem letzten Treffen zu ihnen gestoßen. Das machte die Sache umso befremdlicher. Aber nichts im Leben blieb je, wie es war, oder? Manchmal war das bedauerlich.

Das Ziel seiner Reise lag unmittelbar vor ihm, wie er sah, als er ins Dorf Inglebrook einritt und dem Metzger zunickte, der die Schwelle seines Ladeneingangs fegte. Der Mann trug eine lange Schürze, deren Zustand bezeugte, dass er jüngst geschlachtet hatte. Die Zufahrt von Middlebury Park lag ein kurzes Stück hinter dem Ende der Dorfstraße. Flavian fragte sich, ob er der Erste vom Survivors’ Club sein würde, der einträfe. Aus unerfindlichen Gründen war dies meist der Fall, was von einem erschreckend übereifrigen Zug kündete, der nicht recht zu ihm passte. Gemeinhin kam er zu gesellschaftlichen Ereignissen stets zu spät – wenn nicht gar viel zu spät –, so wie es Mode war.

Denkwürdig war jenes Vorkommnis vergangenes Frühjahr, als ihm der Zutritt zu den geheiligten Hallen von Almack’s in London verwehrt worden war. Er hatte den wöchentlichen Ball besuchen wollen, korrekt in altmodische Breeches gekleidet, wie die Clubvorschriften es verlangten. Um zwei Minuten nach elf hatte er vor der Tür gestanden. Eine weitere Clubvorschrift besagte, dass nach elf Uhr ausnahmslos niemand mehr eingelassen wurde. Er war am Boden zerstört und untröstlich gewesen festzustellen, dass seine Taschenuhr nachging – das zumindest hatte er tags darauf seiner Tante gegenüber beteuert, deren Tochter, seiner Cousine, er einen Tanz versprochen hatte. Seine Tante hatte ihn vorwurfsvoll angeschaut und einen ungnädigen Kommentar über seine armselige Entschuldigung abgegeben. Ginny indes war aus härterem Holz geschnitzt. Sie hatte lediglich die Nase gerümpft und ihm beschieden, dass ihre Tanzkarte für Almack’s ohnehin so voll gewesen sei, dass sie ihn hätte enttäuschen müssen, wenn er sich dazu herabgelassen hätte zu erscheinen.

Gute, alte Ginny. Er wünschte, es gäbe mehr Frauen ihres Kalibers.

Er tippte sich mit der Reitgerte an die Hutkrempe, als er an der Pfarrersfrau vorüberritt – er war ihr vorgestellt worden, hatte aber ein erbärmliches Namensgedächtnis. Sie plauderte über das Gartentor des Pfarrhauses hinweg mit einer hochgewachsenen Frau. Er wünschte den beiden einen guten Tag, und sie erwiderten fröhlich, dass es in der Tat ein guter Tag sei, der lange währen möge.

Eine weitere Dame kam ihm auf der Straße entgegen, eine große Malerstaffelei unter einen Arm geklemmt und eine Tasche, vermutlich mit Malutensilien, in der anderen Hand. Sie hatte eine schlanke, jugendliche Figur, wie er anerkennend bemerkte. Ihre Kleidung war adrett, wenn auch ohne jedes Zugeständnis an die neueste Mode. Sie hob den Kopf – offenbar hatte sie sein Pferd gehört –, und da erkannte er sie.

Mrs. … Working? Looking? Darling? Weeding? Verflucht, wie hieß sie noch gleich? Er hatte auf Vinces Ball mit ihr getanzt, auf die Bitte der Viscountess hin, deren Busenfreundin sie war. Sogar den Walzer hatte er mit ihr getanzt – ja, beim Jupiter, das hatte er.

Als er auf einer Höhe mit ihr war, lüftete er den Hut.

„Guten Tag, Madam“, sagte er.

„Mylord.“ Sie deutete einen Knicks an und sah ihn aus großen Augen an, die Brauen gehoben. Dann errötete sie, was kaum an der Märzkühle liegen konnte, denn ihre Wangen hatten sich von einem Moment auf den anderen rosig gefärbt. Und sie senkte den Blick.

Na, so was. Interessant.

Sie sah gut aus, wenn sie auch keine blendende Schönheit war. Ihre Augen, nun sittsam unter den Lidern verborgen, waren hübsch, und ihr Mund schien fürs Lächeln wie geschaffen – oder fürs Küssen. Da war etwas an ihrem Sinn für Humor gewesen … Doch nein, obwohl kurz ein Bild am Rande seiner Erinnerung aufflackerte, war es verschwunden, ehe er es zu fassen bekam. Ärgerlich, aber so verhielt es sich mit seinen Erinnerungen – in seiner Vergangenheit klafften kleinere oder auch größere Lücken, derer er sich nicht bewusst war, bis schemenhaft etwas aufblitzte, manchmal lange genug, um es festzuhalten und näher zu betrachten, und manchmal so flüchtig, dass es verglühte, bevor er der Erinnerung habhaft werden konnte. Hier nun war Letzteres der Fall. Gleichwie.

Die Blüte ihrer Jugend hatte sie hinter sich, obgleich sie vermutlich jünger war als er. Zweifellos jünger sogar. Großer Gott, er war dreißig, praktisch ein Relikt.

Er ließ sein Pferd nicht anhalten. Wie zum Teufel lautete ihr Name? Er ritt weiter, und auch sie setzte ihren Weg fort.

Vernunftbegabt, das Wort schoss ihm durch den Kopf, als er das Ende der Straße erreichte, die Tore Middleburys offen vorfand und die Zufahrt einschlug, die sich durch Baumbestand schlängelte. Vernunftbegabt, das war sein Eindruck von der Frau gewesen, nachdem er sie pflichtschuldig um die Eröffnungstänze des Ernteballs gebeten hatte. Auch zum Walzer nach dem Dinner hatte er sie aufgefordert unter dem Vorwand, er hoffe auf geistreiche Konversation.

Nicht gerade schmeichelhaft, erkannte er fünf Monate zu spät. Und nicht gerade die Art Wort, die das Herz einer Frau, beseelt von romantischen Träumen, die sich um ihn drehten, höher schlagen ließ. Aber darum war es auch nicht gegangen, nicht wahr? Konversation hatte es während jenes Walzers nicht gegeben, weder geistreiche noch sonst wie geartete. Nur … Zauber.

Seltsam, dass ihm dies jetzt einfiel, denn nach dem Ball hatte er es völlig vergessen. Seltsam und ziemlich beschämend. Was zum Henker hatte sich sein Verstand dabei gedacht, ihm ausgerechnet dieses Wort in den Mund zu legen? Und – entsann er sich richtig? Hatte er es in ihrer Gegenwart laut ausgesprochen?

Also doch kein bisschen vernunftbegabt. Nur bezaubernd.

Was zum Teufel hatte er sich dabei gedacht?

Sie war nicht bezaubernd. Schlank und adrett, nicht unansehnlich, ja. Aber keineswegs außergewöhnlich. Hübsche Augen und ein humorvoller, vielleicht gar zum Küssen verleitender Mund genügten nicht, um Augen und Geist zu betören – oder Frühlingsgefühle zu wecken. Ohnehin war es Oktober gewesen.

Zauber, von wegen. Das war kein Begriff, der in seinem Vokabular einen hohen Stellenwert einnahm.

Er hoffte, dass sie ihn damals überhört hatte. Oder, falls nicht, dass sie sich nicht mehr erinnerte.

Aber er hatte sie eben erst erröten sehen.

Die Bäume lichteten sich und gewährten ihm einen herrlichen Blick über einen sorgsam gestutzten Barockgarten und gepflegte – selbst so früh im Jahr bunt leuchtende – Blumenparterren bis hin zur breiten, eindrucksvollen Fassade des Hauses. Wie jedes Mal, wenn er herkam, traf ihn das Wissen, dass sein Freund nichts von alledem je hatte sehen können, wie ein Blitz. Blindheit zählte zu den schlimmsten Gebrechen überhaupt, hatte Flavian immer gefunden. Selbst heute noch, obwohl er Vincent kannte und wusste, wie fröhlich dieser stets war, wie gut er mit seinem Leben zurechtkam und dass er es mit Glück und Bedeutung zu füllen verstand … selbst heute noch wurde es Flavian vor Kummer eng ums Herz, wann immer er an Vinces Blindheit dachte.

Wie gut, dass er noch ein Stück Weges bis zum Haus vor sich hatte, ehe er jemandem würde gegenübertreten müssen. Was würden die Leute von ihm denken, wenn ausgerechnet er – Viscount Ponsonby – mit feuchten Augen angeritten käme? Die bloße Vorstellung jagte ihm einen Schauer über den Rücken.

Seine Ankunft war bemerkt worden, erkannte er, als er einige Minuten darauf den Platz vor der mächtigen Doppeltür erreichte. Die Tür war offen, und Vincent stand auf der obersten Stufe der Eingangstreppe, seinen Blindenhund an der kurzen Leine neben sich und an der anderen Hand seine Viscountess. Sie begrüßten Flavian mit warmem Lächeln.

„Ich fing schon an zu glauben, dass niemand kommen würde“, sagte Vincent. „Aber jetzt bist du ja da, Flave.“

Dann war er also der Erste.

„Woher wusstest du, dass ich es bin?“, fragte Flavian und schaute voller Zuneigung zu den beiden hoch. „Gestehe. Du hast g…gespäht.“

Vincent und seine Frau schritten die Treppe hinab, während Flavian sich aus dem Sattel schwang und sein Pferd einem Stallburschen überließ, der aus Richtung Stallungen herbeigelaufen kam. Flavian schloss Vincent fest in die Arme und wandte sich der Viscountess zu, um ihr die Hand zu geben. Doch von Förmlichkeiten wollte sie offenbar nichts wissen. Auch sie umarmte ihn.

„Wir haben es kaum erwarten können“, bekannte sie. „Wir waren wie Kinder, die auf eine besondere Leckerei warten. Dies ist das erste Mal, dass wir allein Gäste bewirten. Meine Schwiegermutter ist geblieben, bis das Kind da war, ist aber vergangene Woche nach Barton Coombs zurückgekehrt. Sie hatte Heimweh, und schlussendlich habe ich sie davon überzeugen können, dass wir ohne sie zurechtkämen, wenn wir sie auch schmerzlich vermissen würden – was wir tun.“

„Ich hoffe, Sie sind wieder gänzlich wohlauf, Mylady“, sagte Flavian.

Jedenfalls wirkte sie wie das blühende Leben. Vor etwa einem Monat war sie von einem Jungen entbunden worden, einige Wochen früher als erwartet.

„Ich habe keine Ahnung, weshalb die Leute von einer Niederkunft wie von einer tödlichen Krankheit sprechen“, erwiderte sie, hakte sich bei ihm unter und erklomm an seiner Seite die Stufen. Vincent, geführt von seinem Hund, hielt sich an seiner anderen Seite. „Ich habe mich nie besser gefühlt. Oh, ich hoffe, die anderen treffen bald ein, ehe wir vor Aufregung platzen oder etwas ähnlich Unmanierliches anstellen.“

„Du solltest auf ein Glas mit hinauf in den Salon kommen“, meinte Vincent, „bevor einer von uns sich in den Kopf setzt, dich in die Kinderstube zu verschleppen, auf dass du unserem Sohn und Erben huldigst. Wir sind bemüht, uns vor Augen zu halten, dass andere ihn nicht unbedingt so sehr vergöttern, wie wir es tun.“

„Hat er jeweils zehn Zehen und Finger?“, erkundigte sich Flavian.

„Hat er“, antwortete Vincent. „Ich habe sie gezählt.“

„Und auch sonst ist alles da, wo es sein sollte, will ich hoffen? Sehr gut, das erleichtert mich immens. Und ich bin tatsächlich am V…verdursten.“

Säuglinge zu begutachten und über sie in Verzückung zu geraten war nie sein bevorzugter Zeitvertreib gewesen. Und doch schluckte er wieder einmal gegen einen Kloß im Hals an, als ihm aufging, dass Vincent seinen Sohn noch nie gesehen hatte und nie sehen würde. Hoffentlich trudelten die anderen bald ein. Vince war immer der Liebling aller gewesen, auch wenn niemand das je laut ausgesprochen hatte. In Gegenwart der restlichen Gruppe würde sich Flavian wirkungsvoller gegen unangebrachtes Mitleid feien können.

Zur Hölle, Vince würde mit seinem Kind niemals Kricket spielen.

Da stehe ich nun, dachte er, fragil und den Tränen nahe oder Schlimmeres, nur weil ich hier bin, weil ich zu Hause bin. Der Begriff hatte für ihn nichts mit diesem Ort zu tun, sondern ausschließlich mit den Menschen, die ihn, gemeinsam mit Vincent, bald umgeben würden. Dann wäre er wieder sicher und geborgen. Dann würde es ihm wieder gut gehen, und nichts würde ihm etwas anhaben können. Welch absurde Gedanken!

Kaum hatten sie den Salon betreten, als sie von der Auffahrt her Hufschlag und das Klirren von Pferdegeschirr vernahmen. Seine Kutsche war es nicht, stellte Flavian fest, als er aus den hohen Fenstern blickte. Auch nicht Georges oder Ralphs. Vielleicht Hugos? Oder Bens? Ben – Sir Benedict Harper – hatte sich von allen gottverlassenen Gegenden ausgerechnet Wales ausgesucht, um sich dort niederzulassen und für den Großvater seiner ihm frisch angetrauten Frau Kohlebergwerke und Eisenhütten zu leiten. Das alles mutete recht bizarr und abstrus und mehr als ein wenig besorgniserregend an. Noch absonderlicher war der Umstand, dass alle außer Vincent sich im Januar zur Hochzeit nach Wales hatten locken lassen. Sie hätten einen Monat lang oder länger dort festsitzen können. Was täte man einen Monat lang in Wales? Im tiefsten Winter? Sie sollten sich allesamt auf ihre geistige Gesundheit hin untersuchen lassen. Wobei er selbst nicht mehr ganz richtig im Kopf war, seit ihm eine Kugel in die Seite des Schädels gefahren war und er sich diesen beim Sturz vom Pferd auch noch angeschlagen hatte, so geschehen in einer denkwürdigen Schlacht auf der Iberischen Halbinsel. Denkwürdig für andere, hieß das. In seinem eigenen Gedächtnis hatte das Ereignis lediglich eine riesige Lücke hinterlassen, als hätte er es verschlafen und erst im Nachhinein davon erfahren.

„Oh“, rief Lady Darleigh und presste sich die ineinander verschränkten Hände an den Busen, „da kommt noch jemand. Ich muss wieder hinunter. Bleibst du hier, Vincent, und sorgst dafür, dass Lord Ponsonby etwas zu trinken bekommt?“

„Ich werde dich begleiten, Sophie“, entgegnete Vince. „Flavian ist ein großer Junge, der sich selbst einschenken kann.“

„Und das, ohne etwas zu verschütten“, pflichtete Flavian ihm bei. „Aber ich werde mich euch a…anschließen, wenn ihr gestattet.“

Wieder befiel ihn jene törichte Erregung, die bedingte, dass er sich stets als Erster zu den Jahrestreffen einfand. Bald wären sie sieben wieder vereint. Die Menschen, die ihm auf der Welt am wichtigsten waren. Seine Freunde. Sein Rettungsanker. Ohne sie hätte er jene drei Jahre nicht überlebt. Oh, sein Körper vielleicht, aber gewiss nicht sein Verstand. Auch jetzt noch wäre er ohne sie verloren.

Sie waren seine Familie.

Er hatte noch eine andere Familie, mit der er durch Blut und Stammbaum verbunden war. Er mochte seine Angehörigen gar, fast ohne Ausnahme, und sie mochten ihn. Aber diese Menschen hier, seine sechs Freunde – George, Hugo, Ben, Ralph, Imogen und Vincent –, waren seine Herzensfamilie.

Zum Henker, was für eine Phrase – Herzensfamilie. Da konnte ja jedem anständigen Mann glatt schlecht werden. Wie gut, dass er seine Gedanken für sich behalten hatte.

Keeping, schoss es ihm recht zusammenhangslos durch den Kopf, während er die Treppe wieder hinabging, um den Neuankömmling zu begrüßen. Ein Aufblitzen am Rande seines Gedächtnisses, und da war er – der Name der Frau. Mrs. Keeping, Witwe. Ein seltsamer Name, aber womöglich verhielt es sich mit seinem eigenen Namen Arnott nicht anders. Jeder Name klang seltsam, wenn man lange genug über ihn nachsann.

Als Agnes nach Hause kam, legte sie Schute und Pelisse ab, richtete ihre Frisur und wusch sich die Hände. Danach hatte sich ihr pochendes Herz so weit beruhigt, dass sie sich nach unten zu Dora in den Salon wagte, ohne fürchten zu müssen, dass diese es hören könnte.

Es war wirklich, wirklich nicht gerecht, dass er auf dem Pferderücken noch stattlicher und männlicher wirkte als im Ballsaal. Er hatte einen langen, schlichten Reitmantel mit wer weiß wie vielen Schulterkragen getragen – es war ihr nicht in den Sinn gekommen, sie zu zählen. Sein hoher Hut hatte leicht schräg auf seinem dunkelblonden Schopf gesessen, was ihm etwas Verwegenes verliehen hatte. Sie war sich seiner weichen Lederstiefel und seiner kräftigen Schenkel in der engen Reithose beklemmend bewusst gewesen, ebenso wie seiner militärischen Haltung, seiner breiten Brust und seines attraktiven Gesichtes mit den mokanten Zügen.

Sein bloßer Anblick, als sie sich schon so gut wie zu Hause wähnte, hatte sie in einen solch albernen Aufruhr versetzt, dass sie sich nicht mehr erinnern konnte, wie sie sich verhalten hatte. Hatte sie ihn einigermaßen höflich gegrüßt? Hatte sie ihn angestarrt? Hatte sie sichtlich gebebt, wie ein Blatt im Sturm? War sie errötet? Oh, lieber Gott, hoffentlich war sie nicht errötet. Wie erniedrigend das wäre. Gütiger Himmel, sie war sechsundzwanzig. Und verwitwet.

„Ach, da bist du ja, meine Liebe.“ Dora löste die Finger von der Klaviatur ihres alten, aber liebevoll gepflegten und sorgfältig gestimmten Pianofortes. „Du bist später zurück als versprochen – aber wann bist du das nicht, wenn du malst? Du hast den ganzen Spaß verpasst.“

„Ich komme nie absichtlich zu spät“, erwiderte Agnes und beugte sich vor, um ihre Schwester auf die Wange zu küssen.

„Ich weiß.“ Dora stand auf und läutete mit einer Silberglocke. Es war das Zeichen für ihre Haushälterin, das Teetablett zu bringen. „Mir geht es nicht anders, wenn ich spiele. Wie gut, dass wir beide solch zerstreute Künstlerinnen sind, ansonsten würden wir uns ständig in den Haaren liegen und einander Nachlässigkeit vorwerfen. Dann hast du ein fesselndes Motiv gefunden?“

„Narzissen auf einer Wiese, wo sie stets lieblicher anzuschauen sind als in einem Beet. Welchen Spaß habe ich verpasst?“

„Die Gäste, die auf Middlebury Park erwartet werden, trudeln nach und nach ein“, erklärte Dora. „Vorhin ist ein einzelner Reiter vorübergezogen. Er war am Haus vorbei, ehe ich zum Fenster stürzen konnte, und das, obwohl ich schnell wie der Wind war. Ich habe nur noch seinen Rücken gesehen, aber ich denke, es könnte der fesche Viscount mit der ironischen Augenbraue gewesen sein, der auf dem Ernteball war.“

„Viscount Ponsonby?“, fragte Agnes, und ihr Herz begann aufs Neue so heftig zu pochen, dass sie taub zu werden und atemlos zu klingen drohte. „Ja, da liegst du richtig. Ich bin ihm auf der Straße begegnet, und er hat mich tatsächlich gegrüßt und mir einen guten Tag gewünscht. Mein Name war ihm allerdings entfallen. Ich konnte förmlich sehen, wie er sich das Gehirn zermartert hat. Stattdessen hat er mich mit ‚Madam‘ angesprochen.“

Herrje, das alles war ihr aufgefallen?

„Und erst vor wenigen Minuten“, fuhr Dora fort, „sind zwei Kutschen vorübergerollt. In der ersten saßen zwei Leute, eine Dame und ein Herr. Die zweite war voll beladen mit Gepäck und barg einen Mann von solch selbstherrlichem Gebaren, dass er entweder ein Duke oder ein Kammerdiener ist. Ich argwöhne Letzteres. Ich wollte schon nach dir rufen, aber dann wäre auch Mrs. Henry nach vorn geeilt, und alle Welt hätte gesehen, wie wir drei an der Scheibe kleben und Maulaffen feilbieten, statt uns um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern, wie es sich für feine Damen gehört.“

„Kein Mensch hätte uns auch nur die geringste Aufmerksamkeit geschenkt“, wandte Agnes ein. „Ein jeder wäre viel zu beschäftigt damit gewesen, selbst Maulaffen feilzubieten.“

Lachend nahmen sie zu beiden Seiten des Kamins Platz, während Mrs. Henry mit dem Tablett hereinkam und ihnen mitteilte, dass ein Gast nach dem anderen auf Middlebury Park eintreffe, aber gewiss sei Miss Debbins zu sehr in ihre Musik versunken gewesen, um es zu registrieren.

Als sie fort war, tauschten Agnes und Dora ein schiefes Lächeln und standen auf, um zu schauen, wer noch so die Dorfstraße entlangkäme. Dieses Mal war es ein junger Gentleman in einem schneidigen Karriol, einen jugendlichen Reitknecht hinten auf dem Wagen. Auf den ersten Blick wirkte der Fahrer wie ein weiterer schlanker, attraktiver Herr, bis man die grausige Narbe auf der Wange sah, die er Doras und Agnes’ Fenster zugewandt hatte. Selbst der Hut vermochte die schaurige Entstellung nicht zu kaschieren. Sie verlieh dem Mann etwas Wildes, Piratenhaftes.

„Ich verachte mich dafür“, sagte Dora, „aber es macht Spaß.“

„Stimmt“, meinte Agnes, wenngleich sie wünschte, dies alles würde nicht passieren. Sie hatte ihn wirklich nicht wiedersehen wollen. Oh, doch, natürlich hatte sie das. Nein, hatte sie nicht. Ach, wie sehr sie dies hasste … diesen backfischhaften Wirbel um einen Mann, der sie vor fünf Monaten kaum beachtet und anschließend ihren Namen vergessen hatte.

Sophia hatte ihr vom Survivors’ Club erzählt und erwähnt, dass dieser sich einmal im Jahr in Cornwall treffe. Dieses Jahr hatte sie alle überreden können, stattdessen nach Middlebury Park zu kommen, weil ihr Gatte, das liebenswerte Dummerchen – Sophias Worte –, sich geweigert hatte, sie so kurz nach der Geburt allein zu lassen. Mit Viscount Darleigh waren sie zu siebt – sechs Männer und eine Frau. Drei von ihnen hatten im Laufe des vergangenen Jahres geheiratet. Drei Wochen würden sie hier weilen. Die gesamte Nachbarschaft war aus dem Häuschen, obwohl die Zusammenkunft sich hauptsächlich im vertraulichen Kreise abspielen würde. Alle Angehörigen des Clubs waren adelig: der Niederste war ein Baronet, der Hochrangigste ein Duke.

Agnes hatte beschlossen, einen weiten Bogen um die Gäste zu machen. Das hätte nicht weiter schwierig sein sollen. Sie ging oft zum Herrenhaus, um Sophia zu besuchen. So hatte sie es in den Monaten vor Thomas’ Geburt gehalten, als es für Sophia zunehmend mühevoller geworden war, zu ihr ins Dorf zu kommen. Und auch in dem Monat, der seit der Niederkunft verstrichen war, hatte sie es so gehandhabt. Aber solange im Haus Gäste bewirtet wurden, würde sie ihre Besuche aussetzen. Das hatte sie so oder so vorgehabt, selbst wenn er nicht dem Survivors’ Club angehört hätte, denn Sophia würde alle Hände voll damit zu tun haben, für das Wohl ihrer Gäste zu sorgen. Und obwohl Agnes oft – auf die ausdrückliche Einladung sowohl Sophias als auch Lord Darleighs hin – in den Park ging, um zu malen, würde sie die Bereiche meiden, in denen sie Gästen über den Weg zu laufen drohte. Und sie würde penibel darauf achten, weder beim Kommen noch beim Gehen gesehen zu werden.

Auch heute war sie vorsichtig gewesen – bis sie die Zeit aus den Augen verloren hatte. Keiner der Gäste werde vor Mitte des Nachmittages erwartet, hatte Sophia ihr berichtet. Daher war Agnes bereits morgens in den Park gegangen, um Narzissen zu malen. Sie hatte keine drei Wochen warten wollen, denn die Narzissen würden nicht warten. Sie werde kurz nach Mittag zu Hause sein, lange vor der erwarteten Ankunft der Gäste, hatte sie Dora versichert, bevor sie aufgebrochen war. Dann jedoch hatte sie zu malen begonnen und die Zeit völlig vergessen.

Den Heimweg wählte sie ebenfalls mit großer Umsicht. Sie hatte ein gutes Stück hinter See und Wäldchen gemalt, in der Nähe des Pavillons und nicht annähernd in Sichtweite des Haupthauses. Der Park rings um Middlebury war schließlich riesig. Zurück ging sie nicht am See entlang wie auf dem Hinweg, um am unteren Ende des Rasens auf die Zufahrt zu stoßen. Dadurch hätte man sie einige Minuten lang, wenn auch aus der Ferne, vom Haus aus sehen können, und auf der Zufahrt wäre sie ebenfalls die meiste Zeit über exponiert gewesen. Nein, sie wählte den Weg durch das Wäldchen, das sich als dichtes Band an der Innenseite der südlichen Parkmauer entlangzog. Sie spazierte durch den uralten Baumbestand und genoss die in grünes Licht getauchte Einsamkeit ebenso wie die erquicklichen Aromen der Vegetation. So kam sie am unteren Ende der Zufahrt heraus, nur wenige Schritte entfernt vom Tor, das, wie tagsüber üblich, weit offen stand. Von dort aus folgte sie der Dorfstraße in Richtung ihres Hauses. Niemand war zu sehen bis auf Mrs. Jones, die über das Gartentor der Pfarrei hinweg mit Mrs. Lewis, der Apothekersfrau, plauderte. Und am Ende der Straße kehrte Mr. Henchley Sägemehl aus seiner Metzgerei auf die Straße, auf dass sich jemand anderes darum scheren konnte. Agnes senkte den Kopf und hastete nach Hause.

Sie wähnte sich schon in Sicherheit, als sie das Hufgetrappel eines sich nähernden Pferdes hörte. Zunächst schaute sie nicht auf. Schließlich waren Pferde kein ungewöhnlicher Anblick im Dorf. Doch als das Tier näher kam, hatte sie keine Wahl. Einen Nachbarn nicht zu grüßen wäre überaus ungezogen gewesen. Also hob sie den Kopf und blickte direkt in die versonnenen grünen Augen eben jenes Gastes, dem sie vorrangig hatte ausweichen wollen – ja als Einzigem gar, da sie keinen Anlass hatte, die anderen zu meiden, die ihr allesamt fremd waren.

Welch elendes Pech sie doch hatte.

Und wiederum verabscheute sie sich, als sie ihn anstarrte. Ihre Liebesnarretei hatte sie einige Wochen nach dem infernalischen Ball überwunden. Nie zuvor war ihr dergleichen widerfahren, und sie würde mit aller Macht verhindern, dass es je wieder so weit käme. Dann hatte Sophia ihr vom Treffen des Survivors’ Club erzählt. Agnes hatte geglaubt, dem Viscount leidenschaftslos begegnen zu können, sollte sie ihn zu Gesicht bekommen – was sie unter allen Umständen zu umgehen beabsichtigte. Das jedenfalls hatte sie sich eingeredet. Sie würde ihn lediglich als einen von Lord Darleighs aristokratischen Freunden betrachten, den sie zufällig flüchtig kennengelernt hatte.

Er war ihr geradezu unverschämt gut aussehend erschienen. Und ihr waren jede Menge weitere Attribute eingefallen, die sie lieber nicht in Worte hatte kleiden wollen – oder auch nur in Gedanken. Hätten sich diese verflixten Quälgeister doch nur unterdrücken lassen.

Das allerdings hatten sie nicht getan.

All die Flausen von vergangenem Herbst hatten sie erneut übermannt, so als steckte ihr nicht ein Quäntchen Vernunft in Körper oder Geist.

„Ich frage mich“, sagte Dora, während sie zu ihren Sesseln zurückkehrten, „ob wir wohl zum Haus eingeladen werden, Agnes. Ich schätze nicht, aber andererseits bist du eine enge Freundin der Viscountess und ich bin ihre sowie Lord Darleighs Musiklehrerin. Erst letzte Woche hat er zu mir gesagt, dass seine Freunde seine Bemühungen auf der Harfe ins Lächerliche zögen, weshalb ich vorbeikommen und für sie spielen müsse, damit ihnen das Lachen vergehe. Dabei aber hat er selbst gelacht. Ich glaube, seine Freunde foppen ihn immerzu, und das bedeutet, dass sie ihn gernhaben, meinst du nicht? Ich denke, sie stehen einander sehr nahe. Vermutlich sollte ich lieber nicht darauf hoffen, dass Lord Darleigh mich tatsächlich einlädt, oder?“

Agnes ignorierte ihr eigenes törichtes Herzklopfen und konzentrierte sich auf ihre Schwester, die so sehnsüchtig dreinblickte, wie sie klang. Dora war zwölf Jahre älter als sie und hatte nie geheiratet. Sie hatte im Elternhaus in Lancashire gelebt, bis ihr beider Vater sich neuerlich vermählt hatte, ein Jahr vor Agnes’ Hochzeit. Danach hatte Dora die Absicht kundgetan, sich auf eine Stellenausschreibung zu bewerben, die sie gesehen hatte und in der eine Musiklehrerin für das Dorf Inglebrook in Gloucestershire gesucht wurde. Sie war angenommen worden, und so war sie hergezogen, geblieben und zu bescheidenem Wohlstand gelangt. Sie war allgemein beliebt, und ihr Talent wurde gewürdigt. Sie bekam mehr Anfragen, als sie bewältigen konnte.

Doch war sie glücklich? Sie hatte in der Nachbarschaft eine Menge Bekannte, jedoch keine enge Freundin. Und keinen Verehrer. Seit Agnes zu ihr gezogen war, waren sie und Dora einander wieder nahegekommen – so nahe, wie sie es früher zu Hause gewesen waren. Im Grunde jedoch gehörten sie unterschiedlichen Generationen an. Dora war zufrieden, nahm Agnes an. Aber glücklich?

„Vielleicht wirst du doch eingeladen“, sagte sie. „Gastgeber wollen ihre Gäste schließlich unterhalten, und wie ließe sich das besser anstellen als mit einem Musikabend? Außerdem ist Lord Darleigh blind und zieht Musik jeder anderen Form von Unterhaltung vor. Sofern sich kein überragendes musikalisches Talent unter seinen Gästen findet, wäre es nur logisch, dich zu bitten, für sie zu spielen. Du hast mehr Talent als alle, die ich kenne, Dora.“

Womöglich war es unklug, die Hoffnungen ihrer Schwester zu schüren. Wie unsensibel von ihr, erst jetzt zu merken, dass die Ankunft der Gäste auch bei Dora Gefühle und Befürchtungen weckte und sie davon träumen ließ, vor einem geneigten Publikum zu spielen.

„Aber du musst zugeben, meine Liebe“, wandte Dora mit einem humorvollen Funkeln in den Augen ein, „dass du nicht allzu viele Leute kennst, talentiert oder nicht.“

„Wohl wahr. Aber würde ich die gesamte feine Gesellschaft kennen und hätte ich mich im Rahmen zahlloser Musikabende von ihrem Talent überzeugen können, wäre ich unzweifelhaft zu dem Ergebnis gelangt, dass dir niemand das Wasser reichen kann.“

„Was ich so sehr an dir liebe, Agnes, mein Schatz, ist dein bemerkenswerter Mangel an Voreingenommenheit.“

Sie lachten, um gleich darauf abermals aufzuspringen und zu beobachten, wie eine weitere Kutsche vorbeirollte. In dieser saßen ein distinguiert aussehender älterer Gentleman und eine junge Dame – und das Wappen eines Dukes zierte den Schlag.

„Alles, was mir zu meinem Glück fehlt“, meinte Dora, „ist eines von diesen diskreten modischen kleinen Fernrohren.“

Wieder lachten sie.

3. KAPITEL

Das, was von ihrem Ankunftstag übrig war, verbrachten sie gemeinsam und fast unablässig in eine Unterhaltung vertieft. Dies war auch am folgenden Tag nicht anders wie auch den Gutteil der beiden dazugehörigen Nächte. So war es stets gewesen, wenn es die Neuigkeiten eines ganzen Jahres auszutauschen galt, und so war es auch dieses Jahr, obwohl sich die meisten von ihnen seit dem Treffen im vergangenen Frühjahr auf Penderris Hall bei den drei Hochzeiten gesehen hatten.

Flavian hatte ein wenig Angst davor gehabt, dass die Ehen ihre Nähe zueinander beeinträchtigen könnten. Eine Menge Angst, um die Wahrheit zu sagen. Nicht dass er seinen Freunden das Glück oder die jeweilige Gattin nicht gönnte, die sie nach Middlebury Park mitgebracht hatten. Aber sie sieben waren durch die Hölle gegangen und als fest zusammengeschweißter Haufen wieder herausgekommen. Sie kannten einander, wie niemand sonst sie kannte. Zwischen ihnen bestand ein Band, das unmöglich zu beschreiben war. Es war ein Band, ohne welches sie in Millionen Stücke zerfallen – oder zerrissen worden – wären. Er zumindest.

Alle drei Gattinnen wussten dies offenbar und respektierten es. Wie selbstverständlich gewährten sie ihren Gatten und den anderen Freiraum, ohne sich indes zu distanzieren. Sie gingen überaus einfühlsam vor. Gemocht hatte Flavian die drei Frauen auf den ersten Blick, und rasch hatte er sie ins Herz geschlossen.

Was er an den jährlichen Treffen des Survivors’ Club neben allem Übrigen so sehr schätzte, war der Umstand, dass sie sieben nie die vollen drei Wochen über als unzertrennliche Einheit zusammengluckten. Bei Wunsch oder Bedarf war einem die Gesellschaft der Freunde sicher, aber wollte man allein sein, war auch das kein Problem.

Penderris war wie geschaffen dafür, sowohl Gesellschaft als auch Zurückgezogenheit zu genießen. Haus und Park waren riesig und lagen oberhalb eines privaten Strandes und der See. Middlebury Park stand Penderris in dieser Hinsicht in nichts nach, auch wenn es sich im Landesinneren befand. Der Park war weitläufig und so angelegt, dass er öffentliche Bereiche – den Barockgarten, die ausgedehnten Rasenflächen, den See – mit abgeschiedenen Winkeln vereinte. Zu Letzteren zählten der wildromantische Pfad durch die Hügel hinter dem Haus, die Zedernallee sowie Pavillon und Wiesen hinter dem Hain am jenseitigen Seeufer. Sogar eine fünf Meilen lange Reitbahn würde es bald geben, die an der Innenseite von Nord- und Ostmauer sowie einem Teil der Südmauer entlangführen sollte; die Bauarbeiten waren fast abgeschlossen. Die Bahn würde es Vincent ermöglichen, trotz seiner Blindheit zu reiten und zu laufen. Die Viscountess hatte die Idee gehabt, so wie sie auch auf den Blindenhund und einige weitere Neuerungen in Haus und Park gekommen war.

Am zweiten Morgen frühstückten sie gemeinsam, nachdem Ben – Sir Benedict Harper – und Vincent aus dem Verlies gekommen waren, wie Ralph Stockwood, der Earl of Berwick, es nannte. In Wahrheit handelte es sich um eine Erweiterung des Weinkellers, die in einen Raum zur körperlichen Ertüchtigung umgewandelt worden war. Auch der heutige Tag war sonnig.

„Gwen und Samantha wollen hinunter zum See gehen“, verkündete Lady Darleigh und wies auf Lady Trentham, Hugos Frau, und Lady Harper, Sir Benedicts Gattin. „Ich werde eine Stunde in der Kinderstube verbringen und mich danach zu ihnen gesellen. Jeder, der möchte, darf sich herzlich gern anschließen.“

„Ich muss mich eine Weile im Musikzimmer verschanzen“, erklärte Vincent. „Um meine Fingerfertigkeit zu üben. Es ist erstaunlich, wie schnell man zwei linke Hände entwickelt, sofern man seine Finger nicht beweglich hält.“

„Der Herr sei uns gnädig“, kommentierte Flavian. „Die V…violine, Vince? Oder das P…pianoforte?“

„Beides“, erwiderte Vincent grinsend. „Plus die Harfe.“

„Du hast also trotz aller Enttäuschungen Ausdauer bewiesen, was die Harfe anbelangt, Vincent?“, fragte Imogen Hayes, Lady Barclay. „Deine Entschlossenheit ist bewunderungswert.“

„Du willst uns nicht zufällig mit einer Kostprobe beehren, oder, Vince?“, fragte Ralph. „Falls doch, wäre es nur fair von dir, uns vorzuwarnen.“

„Betrachte die Warnung als fristgerecht ausgesprochen.“ Vincent grinste noch immer.

George Crabbe, der Duke of Stanbrook, und Hugo Emes, Lord Trentham, wollten die Fortschritte an der Reitbahn begutachten. Ralph und Imogen würden den Pfad durch die Wildnis erkunden. Ben, der erst seit knapp zwei Monaten verheiratet war und noch bis zum Hals in Flitterwochenstimmung steckte, beschloss, seine Gattin und Lady Trentham zum See zu begleiten.

Übrig blieb Flavian.

„Kommst du mit zur Reitbahn, Flave?“, fragte Hugo.

„Ich werde mir die Zedernallee anschauen“, entgegnete er. „Dazu bin ich im Herbst nicht gekommen.“

Niemand wandte etwas ein gegen seine vermeintlich sonderliche, ungesellige Entscheidung. Niemand bot sich an, mit ihm zu gehen. Sie verstanden seinen unausgesprochenen Wunsch, allein zu sein. Natürlich taten sie das. Nach gestern Abend dürften sie mehr oder weniger damit gerechnet haben.

Die späten Abende während ihres Treffens waren fast ausnahmslos ernsteren Themen vorbehalten. Dann sprachen sie über Rückschläge, die sie im Rahmen ihrer Genesung eingesteckt hatten, über Probleme, die es zu bewältigen galt, über Albträume, die sie heimsuchten. Das war nie so vereinbart worden, und auch jetzt noch setzten sie sich nicht mit der ausdrücklichen Absicht zusammen, sich in ihren Sorgen zu ergehen. Meist jedoch lief es darauf hinaus. Allerdings wurde nicht nur gejammert, im Gegenteil. Sie schütteten einander das Herz aus, weil sie wussten, dass sie auf Beistand, Mitgefühl und Ratschläge zählen konnten, manchmal gar auf eine konkrete Lösung für ein Problem.

Gestern Abend war Flavian an der Reihe gewesen, obwohl er nicht beabsichtigt hatte, überhaupt zu reden. Noch nicht. Vielleicht im Laufe des Aufenthaltes, wenn er sich in der Gesellschaft seiner Freunde wieder geborgen und aufgehoben fühlte. Aber die Unterhaltung geriet ins Stocken, nachdem Ben erzählt hatte, wie sehr seine kürzlich getroffene Entscheidung, einen Rollstuhl zu nutzen, sein Leben verändert habe. Lange Zeit hatte Ben darauf beharrt, mithilfe zweier stabiler Gehstöcke auf seinen verwachsenen Beinen umherzuhumpeln. Genau genommen hatte sich die Entscheidung als Triumph und nicht als Niederlage entpuppt, wie er befürchtet hatte.

Und doch spürten sie alle seine Traurigkeit, denn dass er sich mit dem Rollstuhl abfand, kam dem Eingeständnis gleich, dass er nie wieder der Alte sein würde. Keiner von ihnen würde das je wieder sein. Darauf folgte ein kurzes Schweigen.

„Fast ein Jahr ist es jetzt her, seit Leonard B…burton gestorben ist“, entfuhr es Flavian. Seine Stimme klang abgehackt und unnatürlich laut.

Alle sahen ihn verständnislos an.

„Hazeltine“, ergänzte er. „O…offenbar ist er einer erschreckend kurzen Krankheit erlegen. Er war in meinem Alter. Ich habe weder seiner F…familie noch V…velma einen B…beileidsbrief geschrieben.“

„Der Earl of Hazeltine?“, bohrte Ralph nach. „Jetzt entsinne ich mich, Flave. Du hast mir von seinem Ableben erzählt, als wir uns letztes Jahr kurz nach unserem Treffen auf Penderris in London gesehen haben. Er war …“

„Ja“, fiel Flavian ihm ins Wort, und flüchtig huschte ein Lächeln über seine Miene. „Er war seinerzeit mein bester F…freund. Ich habe ihn an meinem e…ersten Tag in Eton kennengelernt, und von da an waren wir unzertrennlich, bis …“

Autor

Mary Balogh
Mary Balogh wuchs in Wales auf. Ihren Mann Robert lernte die junge Lehrerin kennen, als sie zwei Jahre in Kanada arbeitete. 1985, als das jüngste ihrer drei Kinder sechs Jahre alt war, begann sie historische Liebesromane zu schreiben, seit 1988 tut sie dies hauptberuflich. Ihre vielfach ausgezeichneten Werke spielen hauptsächlich...
Mehr erfahren