Ein Chirurg zum Verlieben

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Hand in Hand kämpfen sie um das Leben von Quinns Pflegesohn: Matthew McGrory fasziniert die Lehrerin über alle Maßen. Könnte der Chirurg vielleicht auch ihr gebrochenes Herz heilen? Aber Matthew will keine Familie – es scheint, dass Quinn ihren Traum vom Glück begraben muss …


  • Erscheinungstag 02.10.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751512916
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Quinn Grady gab sich offiziell den Titel „Schlechteste Mutter der Welt“. Eine knappe Woche, nachdem sie Mutter geworden war, lag ihr Kind schon im Krankenhaus!

Simon war zwar nicht ihr leiblicher Sohn, aber das machte ihre Verantwortung als seine Pflegemutter umso wichtiger. Quinn war selbst von klein auf in der Obhut der Sozialbehörden gewesen, sodass sie alles tun wollte, um Simon ein echtes Zuhause zu bieten. Ein Heim, in dem er unbeschwert und geborgen aufwachsen konnte.

Doch nun saß sie hier, in einem der bunt gestrichenen Flure des Paddington Children’s Hospital, und wartete beklommen darauf, dass ihr jemand sagte, wie es Simon ging.

Bisher hatte sie alle Hürden genommen, sogar die letzte, als Darryl ihr aus heiterem Himmel mit seinem „Ich bin doch noch nicht bereit, Vater zu werden“ einen Knüppel zwischen die Beine warf. Kummer und Enttäuschung drohten sie fast zu zerreißen, weil ihr Partner sie im Stich ließ, obwohl sie sich gemeinsam für ein Pflegekind entschieden hatten. Trotzdem schaffte sie es, sich nur auf Simon zu konzentrieren. Allerdings hatten die schlaflosen Nächte, in denen sie sich vorstellte, was alles passieren konnte, sie nicht auf das vorbereitet, was dann geschah.

Ein Feuer in der Grundschule.

Nach dem tränenreichen Abschied, als Simon in seiner nagelneuen Schuluniform das Haus verließ, hatte sie fast einen Anruf erwartet. Simon wirkte so klein und verloren, dass sie beinahe damit rechnete, in die Schule fahren zu müssen, um ihn an sich zu drücken und zu beruhigen, dass alles gut werden würde.

Aber gegen ein Feuer konnte sie nichts ausrichten. Ihr blieb nur, endlos viele Formulare auszufüllen – und auch das erst, nachdem sie das zuständige Amt informiert hatte. Während sie zusah, wie sich Ärztinnen und Ärzte mit dem Pflegepersonal um die vielen verletzten Schulkinder kümmerten, fühlte sie sich so hilflos wie nie zuvor in ihrem Leben.

Sie wusste, dass Simon schwer verletzt war, hatte ihn aber noch nicht sehen dürfen. War er lebensbedrohlich verletzt? Wenn er nun nicht überlebte? Ihr wurde übel, Panik füllte ihren Magen wie eine harte Faust, als sie sich vorstellte, wie er litt.

Es hatte ein neuer Anfang für sie beide werden sollen, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen und eine bessere Zukunft aufzubauen.

„Sind Sie Simons Mutter?“

Eine Gestalt in OP-Kleidung tauchte neben ihr auf. Die sympathische irische Stimme war wie eine wärmende Decke, die sie gerade bitter nötig hatte.

„Nein. Ja.“ Quinn kam ins Schwimmen. Was sollte sie in dieser Situation antworten?

Der große Mann mit den grünen Augen sah sie intensiv an, wartete anscheinend auf eine Erklärung.

„Ich bin seine Pflegemutter.“

Seine Züge wurden weicher, und er hockte sich neben ihren Stuhl. „Ich bin Matthew McGrory, Facharzt für Brandverletzungen. Man hat mich hergerufen, damit ich Simons Zustand einschätze.“

Quinn hielt den Atem an. Hatte er gute oder schlechte Nachrichten? Sie suchte in seinem Gesicht nach Antworten, vergeblich. Ihr fiel nur auf, wie attraktiv der Arzt war.

„Wie geht es ihm?“

„Möchten Sie ihn sehen?“ Dr. McGrory lächelte.

Das ist ein gutes Zeichen, oder?

„Ja, sehr gern.“ Als sie aufstand, zitterten ihre Beine ein wenig. Quinn drückte die Knie durch und versuchte, mit dem schnellen Tempo des Arztes Schritt zu halten.

Vor der Intensivstation blieb er stehen. Nur die schwer verletzten Kinder lagen hinter diesen Türen, und Simon war einer von ihnen. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag wünschte sich Quinn, jemanden zu haben, der dies alles mit ihr gemeinsam durchstand.

„Bevor wir hineingehen, möchte ich Sie darauf vorbereiten, was Sie erwartet. Simon hat schwere Verbrennungen erlitten und Rauch eingeatmet. Es ist kein schöner Anblick, doch wir tun alles, um dauerhafte Schäden so gering wie möglich zu halten. Okay? Sind Sie bereit?“

Sie nickte, täuschte Tapferkeit vor, obwohl sie wahnsinnige Angst hatte. Aber sie war fest entschlossen, Simon jeden Halt zu geben, den er brauchte, um die vor ihm liegende schwierige Zeit zu überstehen. „Er braucht mich“, flüsterte sie, während sie sich wappnete.

Flüchtig war der Wunsch da, sich an den Arm des breitschultrigen Arztes zu klammern, aber bevor sie auf dumme Ideen kommen konnte, hatte er die Tür geöffnet und die Station betreten.

Sie kamen an mehreren Betten vorbei, aber Quinn erkannte keins der Gesichter, da die kleinen Körper von Maschinen, Leitungen und Schläuchen fast verdeckt wurden.

Bis Dr. McGrory sie zum letzten Bett in der Reihe führte.

„Oh, nein!“, stieß sie hervor und schlug die Hand vor den Mund.

Da lag Simon, ein schmaler kleiner Körper, angeschlossen an Geräte, die ihn am Leben erhielten. Schwarze und flammend rote Flecken bedeckten seinen rechten Arm.

Quinn knickten die Knie ein, und die Tränen, die sie verzweifelt zurückgehalten hatte, strömten ihr über die Wangen.

Starke Hände kamen wie aus dem Nichts, hielten sie, bevor sie zu Boden sank. Behutsam führte der Arzt sie zu einem Stuhl.

„Ihn so zu sehen, ist schwer zu ertragen“, sagte er beruhigend. „Aber hier ist er gut aufgehoben. Simon hat tiefe Verbrennungen im Gesicht und an den Armen erlitten. Wir mussten ihn intubieren, um ihn mit Sauerstoff zu versorgen. Sobald die Schwellungen zurückgegangen sind und wir sicher sein können, dass seine Augen nicht geschädigt sind, bringen wir ihn zur weiteren Behandlung auf unsere Brandverletztenstation.“

„Wird er wieder gesund?“

„Die nächsten achtundvierzig Stunden sind entscheidend. Wir müssen die Wunden im OP unter sterilen Bedingungen reinigen, und später wird Simon Hauttransplantationen brauchen. Ich will Ihnen nicht verschweigen, dass noch ein langer Weg vor ihm liegt, aber deshalb bin ich hier. Als Spezialist für rekonstruktive Chirurgie werde ich mein Bestes geben, die Narben so unauffällig wie möglich zu halten. Der Erfolg stellt sich nicht von heute auf morgen ein, und wir werden viel Geduld brauchen. Aber zusammen schaffen wir das.“

Der Mann, praktisch ein Fremder, griff nach ihrer Hand und drückte sie. Das elektrisierende Prickeln, das ihren Arm hinaufschoss, rüttelte sie aus ihrer Verzweiflung.

Sie war jetzt Mutter, und sie würde das Gleiche tun wie ihre eigene wundervolle Adoptivmutter: Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um zu erreichen, dass es ihrem Schützling gut ging.

„Ich würde alles für ihn tun. Simon verdient das Beste.“ Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr, dass Chirurg Matthew McGrory das Beste war, was ihrem Sohn passieren konnte.

1. KAPITEL

Zwei Monate später

Quinn wünschte sich einen Ratgeber für ängstliche Pflegemütter, der verständlich beschrieb, wie man sich vor einer Operation verhielt. Simon wandte jedes Mal das Gesicht ab, sobald sie das Kinderbuch des Krankenhauses hervorholte.

Seufzend schlug sie es wieder zu. „Wahrscheinlich kennst du es in- und auswendig.“ Obwohl in diesem Buch behutsam und aufmunternd erklärt wurde, wie Operationen abliefen und weshalb sie manchmal sein mussten, so wusste sie genauso gut wie Simon, was sie erwartete: Schmerzen, Tränen und besonders auf ihrer Seite Hilflosigkeit und Schuldgefühle.

Hätte man sie vor die Wahl gestellt, Quinn hätte auf der Stelle mit Simon getauscht. Nichts war schlimmer, als ihm beim Leiden zusehen zu müssen.

„Kann ich dir etwas bringen?“, fragte sie.

Das Kopfkissen raschelte leise, als er den Kopf schüttelte. Quinn musste sich sehr beherrschen, ihn nicht innig zu umarmen, so wie ihre Mutter es immer getan hatte, wenn es ihr nicht gut ging. Aber Simon mochte nicht geknuddelt werden. Er ließ sich auch nicht trösten. Natürlich wäre das Aufgabe seiner leiblichen Mutter gewesen, doch die hatte sich nur für ihren nächsten Schuss interessiert. Simons zu junge, schwer drogenabhängige Eltern vernachlässigten ihr Baby so sehr, dass ihnen die Gerichte das Sorgerecht aberkannten.

Und da Simon und Quinn vor dem Feuer wenig Zeit gehabt hatten, einander richtig kennenzulernen, wusste sie nicht, ob seine Verschlossenheit von dem kürzlich erlittenen Trauma herrührte oder die übliche Reaktion eines Pflegekinds auf seine neueste Bezugsperson war. Wahrscheinlich spürte er ihre Ratlosigkeit und fühlte sich bei ihr nicht sicher. Oder er mag mich einfach nicht. Was auch immer die Kluft zwischen ihnen verursachte, sie musste sie überwinden. Und zwar bald.

Wie gerufen betrat ihr Lieblingschirurg das Zimmer. „Ich bin’s schon wieder. Ihr zwei könnt mich bestimmt nicht mehr sehen“, ertönte seine samtweiche irische Stimme.

Quinn verspürte ein sinnliches Prickeln auf der Haut und wunderte sich über sich selbst. Mit zweiunddreißig sollte sie sich besser im Griff haben und nicht wie ein verknallter Teenager auf den Arzt ihres Pflegesohnes reagieren!

„Hi, Matt!“ Auf einmal saß Simon aufrecht im Bett.

Mit jeder Hauttransplantation schafften sie wieder einen Schritt hin zur Normalität. Gleichzeitig weckte sie schreckliche Erinnerungen, und Simon hatte danach zu Hause nachts fürchterliche Albträume. Er gehörte zu den schwerstbrandverletzten Kindern, weil er in seinem Klassenzimmer eingeschlossen gewesen und von herabstürzenden Trümmern getroffen worden war. Zwar hatte man ihn retten können, aber niemand konnte ihn davor bewahren, den Horror wieder und wieder zu durchleben.

Matt, der darauf bestand, dass sie ihn mit dem Vornamen anredeten, schien der einzige Anker in diesem aufgewühlten Meer von Ängsten, Schmerzen und Erinnerungen zu sein. Der einzige Mensch, dem Simon glaubte, wenn er sagte, dass alles gut werden würde. Vielleicht, weil der Chirurg mehr Selbstvertrauen in sich und seine Fähigkeiten hatte als Quinn, die sich bei jedem Verbandswechsel wie eine Versagerin fühlte.

Simons Gesicht war immer noch voller Narben, obwohl Matt eine – nach seinen Worten – revolutionäre Therapie eingesetzt hatte. Und der Arm sah aus wie ein Flickenteppich zusammengenähter Hautlappen. Obwohl Quinn für den Brand in der Schule nichts konnte, machte sie sich tagtäglich Vorwürfe. Vor allem, weil von der zaghaften Annäherung, die vor dem Feuer zwischen ihr und Simon entstanden war, anscheinend nichts mehr übrig war. Dafür hatte er eine innige Beziehung zu dem attraktiven Chirurgen aufgebaut.

Matt trat gegenüber von Quinn ans Bett. „Hier habe ich etwas Neues für dich, Simon. Einen Trick, Münzen verschwinden zu lassen!“, verkündete er wie ein Zauberer auf der Bühne und pflückte ein Zehn-Cent-Stück aus der Luft.

„Cool!“

Das war es wirklich. Magie hatte mit dem wirklichen Leben, mit Verbrennungen zweiten und dritten Grades nichts zu tun. Matts Zauberkunststücke kurz vor der Operation halfen dem kleinen Jungen, der Realität für eine Weile zu entfliehen. Für Quinn hingegen blieb die Rolle der Mutter, die ihn ermahnte, nicht an den heilenden Wunden zu kratzen, oder ihn mit Creme einrieb, wenn er einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte.

Es war frustrierend zu beobachten, wie er bei dem Arzt auflebte, während sie vergeblich versucht hatte, Simon ein paar Worte zu entlocken.

„Du musst die Münze hier in das Fach legen.“ Matt gab sie Simon und zog aus der Plastikschachtel eine Schiene, in deren Mitte eine runde Aussparung zu sehen war.

Hochkonzentriert tat der Junge, was ihm sein Zaubermeister sagte. Quinn vergaß ihre Eifersucht, als sie sich darüber freute, dass die anstehende OP für den Moment keine Rolle spielte. Schließlich wünschte sie sich mehr als alles andere für Simon, dass er wissbegierig und begeistert wie jeder Fünfjährige die Welt entdeckte.

„Okay, die schieben wir jetzt in die Schachtel …“ Matt ließ seinen Worten Taten folgen. „Und nun das Wichtigste: Wir brauchen einen guten Zauberspruch.“

„Stinkehosen.“ Simon grinste spitzbübisch.

„Ich hatte zwar mehr an etwas wie das klassische Abrakadabra gedacht, aber dies tut’s bestimmt auch.“ Lächelnd sah Matt zu Quinn auf.

In diesem flüchtigen Moment vergaß sie, dass er der Arzt und sie die Mutter seines Patienten war, und reagierte wie alle Frauen, wenn ein gut aussehender Mann sie anlächelte.

Das sinnliche Kribbeln wurde noch stärker, als er ihr in die Augen blickte. Ihr Herz schlug schneller. Seit Darryl sie verlassen hatte, verschwendete sie an das andere Geschlecht keinen Gedanken mehr. Jedenfalls nicht im Sinne von: Du bist heiß, ich will dich, sondern eher von: Du bist ein Mann, ich kann dir nicht trauen!

Quinn war nicht bereit, ihre Zeit, geschweige denn ihr Herz jemandem zu schenken, der dieses Präsent nicht zu schätzen wusste. Sie brauchte all ihre Energie für Simon. Sie wollte ein liebevolles Verhältnis zu ihm aufbauen, um ihm die Geborgenheit zu geben, die seine leiblichen Eltern ihm verwehrt hatten. Für romantische Träume war da kein Platz.

Vielleicht sollte sie ihre Reaktion nicht überbewerten. Konnte es nicht sein, dass ihr einfach nur der Kontakt zu Erwachsenen fehlte? Seit sie ihre Stelle als Lehrerin gekündigt hatte und zu Hause Nachhilfe gab, um für Simon da zu sein, ergaben sich kaum Gelegenheiten.

Da waren die Eltern, die ihre Kinder zum Unterricht brachten, Mrs. Johns, eine ältere Nachbarin, und das medizinische Personal im Paddington’s. Männer waren selten darunter – und noch seltener atemberaubend gut aussehende Männer wie Matthew McGrory.

Wie ein geheimnisvoller Hexenmeister bewegte er die Hand über dem schmalen schwarzen Kästchen. „Stinkehosen!“, sagte er mit getragener Stimme, und sein kleiner Assistent tat es ihm nach.

Der magische Chirurg sah Quinn an und runzelte die Stirn. Was auf sie fast den gleichen Effekt hatte wie sein charmantes Lächeln.

„Es wirkt nur, wenn wir das Zauberwort zusammen aussprechen“, tadelte er. „Versuchen wir es noch einmal.“

Sie verdrehte die Augen, tat jedoch wie geheißen.

„Stinkehosen!“, riefen sie im Chor, und im selben Moment zog Matt die Lade aus der Schachtel.

Das Münzfach war leer.

„Wow! Wie hast du das gemacht?“ Ehrfürchtig inspizierte Simon das Kästchen.

„Magie.“ Matt zwinkerte Quinn verstohlen zu.

Ihre Herzfrequenz erhöhte sich schlagartig. Hatte der Mann nichts zu tun? Hände und Arme schrubben oder sich sonst wie auf den Eingriff vorbereiten?

„Ich wünschte, meine Narben könnten einfach so verschwinden“, sagte Simon niedergeschlagen.

„Daran arbeite ich noch, Kleiner. Deshalb sind all die vielen Operationen notwendig. Wahrscheinlich muss ich meinen Zauberstab noch ein paar Mal schwingen, aber ich tue mein Bestes, um sie verschwinden zu lassen.“

Quinn verschränkte die Arme vor der Brust, um nicht mit ihrem Unmut herauszuplatzen. Der Mann meinte es sicher gut, doch er sollte dem Kind keine falschen Hoffnungen machen. Simons Körper war von schweren Brandwunden gezeichnet, seine Haut würde nie wieder glatt und makellos sein. Das schaffte auch kein erfahrener, superselbstbewusster Chirurg! Und wer würde die Scherben aufsammeln, wenn er seine Versprechen nicht hielt? Sie. Wieder einmal.

„Das hast du letztes Mal auch gesagt.“ Simon schien genauso skeptisch zu sein.

„Was habe ich noch gesagt? Dass es Zeit braucht, viel Zeit. Gut Ding will Weile haben, ja?“

Ein Mantra, das er seit dem ersten Tag wiederholte. Anscheinend hatte er keine Erfahrung damit, dass die Geduld eines Fünfjährigen schnell erschöpft war. Anders als Quinn, die einen Crash-Kurs darin genossen hatte, mit Wutanfällen und Tränen im Überfluss, während sie darauf wartete, dass alles besser wurde. Ihre Geduld geriet allmählich auch an Grenzen.

„Ja“, antwortete Simon wenig überzeugt.

„Weißt du was, wenn du aus dem OP kommst und wieder richtig wach bist, komme ich her und zeige dir ein paar Zaubertricks, die du ganz leicht nachmachen kannst. Abgemacht?“

Der Arzt streckte die Hand aus, um sein Versprechen zu besiegeln.

Was denkt er sich? Was ist, wenn er Simon doch enttäuschen muss? In seinem kurzen Leben war der Junge schon zu oft im Stich gelassen worden. Zuerst von seinen leiblichen Eltern, denen die Drogen wichtiger waren als er. Dann von den Pflegeeltern, die das Adoptionsverfahren stoppten, weil es auf einmal doch klappte mit der Schwangerschaft. Und letztendlich auch von ihr, die ihn in die Schule schickte und damit in eine Flammenhölle. Das Gefühl, versagt zu haben, war stark, doch ihr Beschützerinstinkt erwachte mit Macht.

„Das können wir von Ihnen nicht erwarten. Ich bin sicher, Sie müssen sich auch noch um andere Patienten kümmern. Wir haben schon zu viel Ihrer Zeit beansprucht.“

„Überhaupt nicht. Ich bin jederzeit gern bereit, meine Geheimnisse an einen talentierten Nachwuchszauberer weiterzugeben.“ Immer noch hielt er Simon die Hand hin, und diesmal schlug der Junge ein.

„Ich meine ja nur, dass Sie sich auf die Operation konzentrieren sollten, statt uns zu unterhalten.“

Matt zog die Brauen hoch. Ach, verflixt, der Mann schaffte es eben, sie auf die Palme zu bringen! Gut aussehend oder nicht, sie würde es nicht zulassen, dass er Simon enttäuschte.

Aber das vergnügte Funkeln in seinen grünen Augen war erloschen, und Quinn bedauerte, dass sie sich wie eine Zicke aufführte. Der Chirurg war von Anfang an nur nett zu Simon gewesen.

„Das ist kein Problem, ich kann beides“, sagte er mit einem Lächeln, das seine Augen jedoch nicht erreichte. „Wir sehen uns bald, Kleiner.“ Er zauste Simons Haar und wandte sich zur Tür. „Könnte ich Sie draußen kurz sprechen, Ms. Grady?“

Als er an ihr vorbeiging, nahe genug, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern, war sie sich des großen, starken Männerkörpers deutlich bewusst. Dass sie unwillkürlich erbebte, erklärte sie sich nicht nur mit der sinnlichen Anziehung, sondern vor allem damit, dass sie aufgebracht war.

„Klar“, entgegnete sie, obwohl sie nicht den Eindruck hatte, dass er ihr die Wahl ließ. Es fühlte sich eher so an, als würde sie wegen Fehlverhaltens ins Büro des Rektors zitiert. Ein rattenscharfer Rektor, der sich wohl über sie geärgert hatte.

Was kein Wunder war, schließlich hatte sie ihm gerade kaum verhohlen vorgeworfen, sich unprofessionell zu verhalten.

Quinn versprach Simon, gleich wieder da zu sein, atmete tief durch und folgte Matt in den Flur.

„Mir ist durchaus bewusst, dass Sie eine schwere Zeit durchmachen“, begann er. „Aber ich würde es begrüßen, wenn Sie mein ärztliches Engagement nicht vor Patienten infrage stellten.“

In all den Wochen war er ruhig geblieben und hatte ihre manchmal an Hysterie grenzende Sorge mit bemerkenswerter Geduld ertragen. Jetzt erlebte sie zum ersten Mal, wie er sich wehrte. Die Leidenschaft, die sie dahinter spürte, galt natürlich seinem Beruf. Trotzdem verspürte Quinn ein Kribbeln am ganzen Körper, das ihr den Atem nahm. Unwillkürlich fragte sie sich, wie leidenschaftlich dieser Mann sein konnte, nicht nur als Arzt …

Er räusperte sich und erinnerte sie damit daran, dass sie ihm eine Antwort schuldig war.

Quinn verscheuchte ihre unangebrachten Gedanken. „Ja … also, ich … wäre froh, wenn Sie Simon keine falschen Hoffnungen machen, dass alles wieder normal wird. Wir haben beide oft genug erfahren müssen, wie schnell andere einen im Stich lassen.“

„Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, Patienten zu belügen, Ms. Grady.“

„Nein? Was ist mit dieser Wunderhaut zum Aufsprühen, die die Heilung beschleunigen sollte? Der Brand ist zwei Monate her, und die Verbrennungen sind immer noch deutlich sichtbar. Ich hätte mir denken sollen, dass das Verfahren zu schön ist, um wahr zu sein. Sonst hätten Sie es bei ihm doch nicht nur im Gesicht, sondern auch auf dem Arm angewandt. Ich meine, wenn es so ein tolles Mittel ist, warum nehmen Sie es nicht überall und ersparen ihm damit diese Transplantationen?“

Sie merkte, dass ihre Stimme um ein paar Dezibel zugelegt hatte, konnte jedoch ihre Enttäuschung nicht im Zaum halten. Nicht nur ihre Hoffnungen hatten sich nicht erfüllt, sondern vor allem Simons!

Quinn hätte es verstanden, wenn er sie entnervt stehen gelassen hätte, aber Matt seufzte nur, bevor er antwortete: „Ich kann nur wiederholen, was ich Ihnen von Anfang an gesagt habe: Der Heilungsprozess braucht seine Zeit. Vielleicht fällt es Ihnen nicht so deutlich auf, weil Sie Simon jeden Tag sehen, aber die Narben verblassen bereits. Mehr können wir in diesem Stadium nicht erwarten.“

Er holte noch einmal tief Luft. „Wie ich Ihnen erklärt habe, ist das Verfahren in Großbritannien noch neu und deshalb nicht überall zu haben. Verbrennungen dritten Grades wie die an Simons Arm sind damit nicht zu behandeln, sonst hätte ich alles darangesetzt, das Mittel für ihn zu beschaffen. Aber er ist jung, seine Haut heilt schneller als meine oder Ihre. Abgesehen davon bin ich gut in meinem Job.“ Weder in seinen Worten noch in seinem Blick nahm sie auch nur eine Spur von Überheblichkeit wahr. Für ihn war es einfach Tatsache.

„Das sagen Sie mir immer wieder“, murmelte sie vor sich hin. All seinen Bemühungen zum Trotz war Simon verändert, körperlich und seelisch.

„Und ich meine es ernst. Ich belüge weder kranke Kinder noch ihre schönen Mütter.“ Seine markanten Gesichtszüge entspannten sich, der Ärger war verflogen.

Matt lächelte sie an, legte ihr dabei beruhigend die Hände auf die Schultern. Von Ruhe konnte jedoch keine Rede sein. Das Kompliment ließ ihr Herz schneller klopfen.

Leider hatte sie erfahren müssen, dass Versprechen gebrochen wurden. Vor nicht allzu langer Zeit hatte Darryl ihr glaubhaft versichert, dass er mit ihr zusammen ein Pflegekind aufziehen wollte.

„Das hoffe ich doch“, entgegnete sie kühl.

Matt hatte im Lauf der Jahre schon viele ängstliche Eltern erlebt, aber Quinn Grady schoss den Vogel ab.

Natürlich waren seine Patienten in einem besonders fragilen, verletzlichen Zustand, der ihren Angehörigen viel abverlangte. Kein Wunder, dass die Emotionen gelegentlich hochkochten. Quinn jedoch stellte seit Monaten jede seiner Entscheidungen infrage und schien ernsthaft zu bezweifeln, dass er Simon helfen konnte. Das war für alle Beteiligten mehr als anstrengend!

Normalerweise erstellte Matt einen Behandlungsplan und hielt sich daran. Doch dieser Fall war irgendwie aus dem Ruder geraten.

Was Quinn sarkastisch als Wunderhaut bezeichnet hatte, war tatsächlich ein recht neues Verfahren. Statt schmerzhafter Hautverpflanzungen wurde dem Patienten ein kleines Stück gesunder Haut entnommen und so verarbeitet, dass die Hautzellen in einer besonderen Lösung auf die betroffenen Stellen aufgesprüht werden konnten. Die Gefahr einer Abstoßungsreaktion war nicht gegeben, da es aus körpereigenen Zellen bestand. Verglichen mit herkömmlichen Methoden heilten die Wunden schneller ab, die Haut regenerierte sich. Für die schweren Verbrennungen an Simons Arm, die der Junge sich zugezogen hatte, als er sich vor den Flammen schützen wollte, eignete sich das Spray jedoch nicht. Deshalb kam Simon nicht um Transplantationen herum.

Matt hatte nicht nur Quinns Misstrauen beschwichtigen, sondern auch beim Verwaltungsrat hart um das finanzielle Okay für das Spray-Verfahren kämpfen müssen. Aber ihre skeptischen Fragen zerrten allmählich an seinen Nerven. Nicht immer konnte er ihr die gewünschten Antworten geben, er wusste nur, dass die Behandlung im Gesicht gut angeschlagen hatte. Allerdings war der Junge, vor allem am Arm, immer noch entstellt. Doch Matt war fest entschlossen, sich nicht entmutigen zu lassen. Es konnte länger dauern, aber letztendlich arbeitete die Zeit für ihn.

Autor

Karin Baine
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