Ein Wunder, das man Liebe nennt

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Angela mag keine Überraschungen, verabscheut Unruhe und hat genaue Vorstellungen davon, wie ihr zukünftiger Ehemann sein muss. Aber richtig glücklich ist sie mit dieser Ruhe und Ordnung auch nicht. Ihr fehlt was! Das wird ihr klar, als sie den attraktiven Vic kennen lernt. Plötzlich spürt sie, dass ihr Leben ohne Liebe, ohne Zärtlichkeit und Leidenschaft viel zu langweilig ist …
  • Erscheinungstag 14.02.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733755522
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

„Es war im Kombi meiner Mutter, hinten auf dem Rücksitz, und …“

Angela Capria hörte dem Geständnis ihrer Freundin Phoebe mit einer Mischung aus Unbehagen und Faszination zu. Fasziniert, weil ihre Freundinnen so normal wirkten und sie sie trotzdem immer wieder aufs Neue mit peinlichen Enthüllungen schockierten. Unbehagen, weil sie sich diese demütigenden Anekdoten bereits die letzte halbe Stunde anhören musste und sie bald an der Reihe sein würde.

Sie wusste nicht mehr genau, wie sie auf dieses Thema gekommen waren, aber bei Nudelsalat und Diätcola am Stammtisch ihres Lieblingsbistros hatten Angelas Kolleginnen plötzlich damit angefangen, bis ins Detail zu berichten, wie sie ihre Jungfernschaft verloren hatten.

„Ich war sechzehn“, fuhr Phoebe, eine quirlige Physiotherapeutin, mit gedämpfter Stimme fort. „Und er war die größte Niete der ganzen Schule. Aber er war verrückt nach mir, und irgendwie hat mich das angemacht.“

„Du hast Sex mit ihm gehabt, obwohl du keine Gefühle für ihn hattest?“, fragte Angela ungläubig.

„Nun, er tat mir leid. Du weißt doch, wie das ist.“

Sehr zu Angelas Verwirrung nickten die anderen Frauen. Warum sollte irgendjemand, besonders ein sechzehnjähriges Mädchen, mit jemandem aus Mitleid ins Bett gehen? Sex war eine so … so persönliche Sache. Ein besonderes Geschenk, das eine Frau einem Mann nach langer Überlegung schenkte. So sah das zumindest Angela.

„Und wie war es?“, fragte jemand.

„Furchtbar. Der Junge brauchte eine Taschenlampe und ein Anleitungsbuch.“

Alle lachten, Angela eingeschlossen. Phoebe konnte urkomisch sein. Als jedoch das Lachen verebbte, sah Angela vier neugierige Augenpaare auf sich gerichtet. Sie räusperte sich, schaute auf ihren Salat und spießte mit der Gabel eine Olive auf, die sie gar nicht essen wollte.

„Nun, Angie“, forderte Phoebe sie auf. „Jetzt bist du an der Reihe.“

„Nein, danke“, erwiderte Angela höflich.

„Ach, komm schon“, sagte Victoria, eine hübsche blonde Krankenschwester, die eben noch verkündet hatte, dass sie bei ihrer Entjungferung so betrunken gewesen war, dass sie sich an nichts mehr erinnern konnte.

„Es kann nicht schlimmer gewesen sein als bei mir“, warf die normalerweise sehr schüchterne Sarah ein. Sie war für den kaufmännischen Teil der Gemeinschaftspraxis zuständig und die Einzige der kleinen Gruppe, die verheiratet war und schon ein Baby hatte. Soeben hatte sie mit knallrotem Gesicht gestanden, dass sie als Jungfrau in die Ehe gegangen war und so gut wie nichts von der Liebe gewusst hatte.

„Wir werden auch ganz bestimmt nicht lachen“, versprach die rothaarige Terri, die Empfangssekretärin der Praxis. Noch vor wenigen Minuten hatte Terri den Frauen mit ihrer Geschichte hysterische Lachanfälle entlockt.

Angela tupfte ihre Mundwinkel vornehm mit der Serviette ab. „Also gut. Ihr habt es so gewollt. Aber ich glaube, dass ihr schockiert sein werdet.“

„Ich bin Krankenschwester“, verkündete Victoria. „Du kannst mich nicht schockieren.“

Angela atmete tief durch. „Ich hatte noch nie Sex. Ich bin immer noch Jungfrau.“

Phoebe ließ die Gabel fallen. Sie rollte mit einer aufgespießten Cherrytomate zu Boden, aber niemand machte Anstalten, sie aufzuheben. Alle starrten mit offenem Mund Angela an.

„Angie, Liebes, das ist unmöglich“, brach Phoebe das unangenehme Schweigen. „Du bist vierundzwanzig Jahre alt.“

„Und du bist so … so …“ Sarah konnte nicht die richtigen Worte finden.

„Du meinst sexy, nicht wahr“, half Terri ihr aus. „Und sinnlich. Warum sonst bist du Masseurin geworden?“

Angela wartete, bis sich der Aufruhr gelegt hatte, und wappnete sich gegen die unvermeidliche Frage.

„Warum?“, fragten auch prompt alle wie aus einem Mund.

„Weil ich nie einen Mann getroffen habe, der mich vor Lust und Leidenschaft so verrückt machte, dass ich bereit war, das Risiko von Schwangerschaft und Krankheiten auf mich zu nehmen. Von der Gefahr emotional verletzt zu werden, ganz zu schweigen. So, jetzt ist es raus.“

Terri seufzte. „Du meinst, du hast dich noch nie von der Stimmung eines Moments mitreißen lassen?“

Angela schüttelte den Kopf. „Noch nie.“ Sie trank einen Schluck Cola und hoffte, dass das Thema damit beendet wäre. Doch so viel Glück hatte sie nicht.

„Denkst du denn, es wird jemals passieren?“, fragte Phoebe vorsichtig. „Ich meine, du magst doch Männer, oder?“

Also wirklich, glaubten sie etwa, sie wäre gefühlskalt oder lesbisch? „Natürlich mag ich Männer, und natürlich wird es passieren. Aber erst wenn ich den richtigen Mann getroffen habe und ich mit ihm eine stabile Beziehung aufgebaut habe. Erst dann werde ich diesen Schritt machen.“

„Schätzchen, glaube mir“, winkte Phoebe ab, „wenn du zu lange auf den richtigen Mann wartest, bist du mit achtzig noch Jungfrau. Welche Qualitäten muss denn dein Supermann deiner Meinung nach besitzen?“

Angela dachte ernsthaft über diese Frage nach. „Er muss verantwortlich und zuverlässig sein und einen Job haben, den ich respektieren kann. Er muss offen, freundlich und vor allem absolut ehrlich sein.“

„Langweilig“, erklang es wie aus einem Munde.

Phoebe hatte einen nachdenklichen Ausdruck auf ihrem Gesicht. „Ich wette“, sagte sie langsam und wartete, bis sie die Aufmerksamkeit aller Anwesenden hatte. „Ich wette, dass genau das dein Problem ist. Du suchst einfach nach den falschen Dingen. Wenn der richtige Mann kommt – groß, dunkelhaarig, ungeheuer attraktiv und männlich – und er dazu ein wenig Ahnung von weiblicher Psychologie hat, wirst du Wachs in seinen Händen sein.“

Die anderen nickten zustimmend.

Angela zuckte die Schultern. „Vielleicht.“ Sie wünschte sich fast, dass es stimmen würde. Sie war eine leidenschaftliche, sinnliche Frau. Tief in ihrem Inneren wusste sie das. Sie nahm das Leben bewusst mit all ihren Sinnen wahr, ganz besonders mit dem Tastsinn – deswegen war sie Masseurin geworden. Trotzdem hatte sie nie diese verzehrende Leidenschaft kennen gelernt, von der ihre Freundinnen gesprochen hatten. Vielleicht hatte sie einfach nur Pech und den richtigen Mann noch nicht getroffen.

Und vielleicht wusste sie überhaupt nicht, wie sie reagieren sollte, wenn sie ihm eines Tages tatsächlich gegenüberstand. Angela seufzte innerlich. Das war ein ernüchternder Gedanke.

1. KAPITEL

Angela fluchte drei Mal, stampfte mit dem Fuß auf und schlug mit der Faust gegen den Kotflügel. Doch auch ihr Wutausbruch änderte nichts an der Situation. Zuerst war ihr Wagen nicht angesprungen, und als sie dann auf der Suche nach einem Telefon losgelaufen war, um ihren Automobilclub anzurufen, hatte sie die Schlüssel im Zündschloss stecken lassen. Nun stand sie draußen mutterseelenallein vor der Praxis, und ihre Handtasche war im Wagen eingeschlossen. Sie besaß noch nicht einmal dreißig Cents, um von einer Telefonzelle anrufen zu können. Schlimmer konnte es einfach nicht mehr werden.

Während ihr die Ausweglosigkeit ihrer Situation immer stärker bewusst wurde, hörte sie ein Brummen, das langsam näher kam. Sie drehte sich um und sah einen Mann mit einem Motorrad langsam auf sie zukommen. Plötzlich erschien ihre Situation noch schlimmer, als sie es bereits gewesen war.

Ich sollte weglaufen, dachte sie, obwohl sie wie festgewurzelt stehen blieb. Wie gebannt schaute sie auf das Jeanshemd des Fahrers, das sich fast provokativ über seine breiten Schultern und seine muskulöse Brust spannte. Denimstoff in Form einer verwaschenen Jeans umspannte auch seine schmalen Hüften und seine durchtrainierten Oberschenkel. Seine Hände steckten in schwarzen Lederhandschuhen.

Sein Gesicht war hinter einem getönten Visier versteckt, doch Angela wusste, dass er sie anschaute. Sie anstarrte, um es genauer zu sagen.

Obwohl ein Fremder auf diesem abgelegenen Parkplatz eine Gefahr darstellte, war sie fasziniert. Sie konnte einfach nicht den Blick von ihm nehmen. Ihr Herz klopfte schneller, und ein leichtes Prickeln breitete sich in ihrem Magen aus. Das Gefühl erinnerte sie an eine Fahrt mit der Achterbahn – es war aufregend, aber auch Angst einjagend.

Das Motorrad hielt vor ihr. Der Fahrer nahm seinen Helm ab und entblößte dichtes schwarzes, leicht gewelltes Haar, das kürzer war, als sie es erwartet hatte. Er strich es mit einer lässigen Geste aus dem Gesicht, während er sie weiterhin anstarrte.

Dann sah sie seine Augen. Sie waren so unglaublich blau, dass sie selbst jetzt in der Dämmerung die Farbe erkennen konnte. Sie glühten fast, als ob sie eigenes Licht hätten. Er hatte dunkle Wimpern und gut gezeichnete Augenbrauen, eine gerade Nase und hohe Wangenknochen. Hinzu kamen sinnliche Lippen und ein energisches Kinn.

Die Zeit schien stillzustehen, während sie ihn betrachtete.

„Gibt es ein Problem?“, fragte er mit tiefer, ein wenig rauer Stimme. Eine Whiskystimme. Sie hatte das einmal in einem Buch gelesen, verstand aber jetzt erst die Bedeutung dieses Wortes.

Irgendwann fand sie ihre eigene Stimme wieder. „Mein Wagen will nicht anspringen, und dann habe ich auch noch meine Schlüssel stecken lassen.“

„Also ein zweifaches Problem“, erklärte er, stellte den Motor ab und schwang sich von der Maschine herunter. Er besaß die Eleganz eines Panters, und Angelas Mund wurde trocken. Mit zwei Schritten war er bei ihr, und für einen angsterfüllten Moment dachte Angela, dass er über sie herfallen würde. Doch stattdessen ging er um sie herum und schaute durch das Fenster der Fahrertür in den Wagen.

„Ja, da sind sie.“

„Haben Sie mir nicht geglaubt?“

„Ich überzeuge mich immer gern mit eigenen Augen. Wie ist Ihr Name?“

„Angela“, stieß sie hervor. Du lieber Himmel, was war nur los mit ihr? Warum gab sie einem fremden Mann ihren Namen?

„Angela“, wiederholte er so unglaublich sexy, dass sie schlucken musste. Sie hatte nicht gewusst, dass ihr Name so erotisch klingen konnte. „Nun, Angela, haben Sie einen Kleiderbügel?“

Sie bemerkte, dass er es nicht für nötig hielt, sich vorzustellen.

„Nein, so was trage ich normalerweise nicht mit mir rum. Ich dachte, ich rufe den Automobilclub an und …“ Während sie sprach, rückte sie von ihm ab. Seine Männlichkeit schien sie zu überwältigen. Es ging etwas Machtvolles, etwas Gefährliches von ihm aus, etwas, das sie nicht einstufen konnte. Seine Ausstrahlung machte ihr Angst und faszinierte sie gleichzeitig.

„Warten Sie. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.“ Er ging an ihr vorbei zum Kofferraum hinüber und öffnete ihn mit einer kräftigen Bewegung. „Sie schließen Ihren Kofferraum nicht ab?“

„Darin ist nichts, was es wert wäre, zu stehlen.“

„Nur einen Ersatzreifen und einen Wagenheber …“ Er lächelte. „… und einen Kleiderbügel.“ Er nahm ihn heraus, schloss den Kofferraum wieder und bog den Draht des Kleiderbügels auseinander. Angela schaute mit wachsender Unruhe zu, wie er ihn auseinander nahm und zu einem Haken verbog. Offensichtlich besaß der Mann Erfahrung in solchen Dingen.

„Vielleicht sollte ich doch den Automobilclub anrufen“, warf sie ein und war sicher, gerade den größten Fehlers ihres Lebens gemacht zu haben. Sie hätte diesem mysteriösen Fremden nie die Kontrolle über die Situation lassen dürfen. Hatte sie denn in ihrem Selbstverteidigungskurs nichts gelernt?

„Die brauchen viel zu lange, um hierher zu kommen“, meinte der Fremde, während er seine Aufmerksamkeit der geschlossenen Tür widmete und die Seiten des Fensters abtastete. „Heute ist St. Patrick’s Day. In ganz Dallas verlieren heute Betrunkene ihre Schlüssel. Sie wollen doch nicht ewig hier draußen rumstehen, oder?“

Da hatte er recht. Angela stand einige Meter von ihm entfernt, bereit, bei der geringsten Provokation zu flüchten. Doch der Fremde, so bedrohlich er auch wirkte, schien gar nicht daran zu denken, ihr etwas anzutun. Er war viel zu sehr mit seiner Aufgabe beschäftigt.

„Haben Sie das schon einmal gemacht?“, fragte sie.

„Ja.“ Er bog den Draht noch einmal zurecht und setzte ihn wieder an. „Es gibt keinen Wagen, in den ich nicht reinkomme.“

Oh, wie beruhigend.

„Dieses Wissen stammt noch aus meiner Jugendzeit. Ha!“ Er ruckte noch einmal an dem Draht, und in wenigen Sekunden hatte er die Tür aufgemacht.

Sie war so erleichtert, wieder an ihre Schlüssel zu kommen, dass sie alle Vorsicht in den Wind schlug. Sie glitt an ihm vorbei und bedachte zu spät, dass sie seinen Körper berühren würde. Sie schluckte, als sie für einen Moment seine Wärme spürte, und war froh, als sie den Fahrersitz erreicht hatte.

Sie weigerte sich den Fremden anzuschauen. Sie hatte Angst davor, was sie in diesen blauen Augen sehen würde. Sie befürchtete, dass sich darin das Gleiche widerspiegelte, was sie selbst empfand. Eine starke sexuelle Anziehung, der sie fast nicht widerstehen konnte.

Es war unglaublich, was sie sich da eingestand, aber genauso war es. Sie hatte schon früher so etwas wie Verlangen gespürt und war sogar schon einmal in Versuchung gekommen, ihre Jungfernschaft loszuwerden. Aber dieses Verlangen war immer erst entstanden, wenn sie den Mann näher kennen und wenigstens für einen gewissen Zeitraum schätzen gelernt hatte. Es war ihr noch nie passiert, dass Leidenschaft wie heiße Lava nur beim Anblick eines Mannes durch ihre Adern strömte.

Trotzdem hatte sie Angst. Sie war ihm völlig ausgeliefert. Er war groß und stark, und er konnte sie in wenigen Sekunden überwältigt haben. Das Intelligenteste wäre es, sich so schnell wie möglich davonzumachen. Sie sollte ihre Handtasche und ihre Schlüssel nehmen, den Wagen abschließen und flüchten.

„Danke, dass Sie mir geholfen haben“, erklärte sie in dem Versuch, dieses Treffen zu beenden. „Ich wüsste nicht, was ich ohne Sie gemacht hätte.“

Er hörte ihr überhaupt nicht zu. Er beugte sich durch das offene Fenster, und für einen aufregenden Moment glaubte sie, er würde sie küssen. Dann griff er noch weiter nach unten, und ihre Motorhaube ging auf. Er hatte nur nach dem Hebel gesucht.

„Wirklich, Sie brauchen nicht …“

„Kein Problem“, erwiderte er und zog sich zurück, aber erst, nachdem Angela seinen Duft wahrgenommen hatte. Er roch nach Seife und einem Hauch Moschus. Wenn er auch nicht in den letzten dreißig Minuten geduscht hatte, so schien er doch seine Körperpflege ernst zu nehmen. Angela war überrascht, das passte gar nicht zu seinem Hell’s Angels – Image.

Angela gab nach und kletterte mit der Handtasche und dem Schlüssel in der Hand aus dem Wagen. Man konnte ja nie wissen, ob sie doch weglaufen musste. Doch trotz seines gefährlich wirkenden Äußeren war der Mann bisher nichts anders als hilfsbereit gewesen. Falls er ihr etwas antun wollte, hätte er es wahrscheinlich schon längst getan.

Mit diesem beruhigenden Gedanken trat sie zurück und ließ den Fremden nach ihrem Wagen schauen. Sie erlaubte es dem Schicksal oder dem Zufall sonst nicht, ihr ihr Verhalten zu diktieren, aber heute Abend fühlte sie sich ohnmächtig dem Gang der Geschehnisse ausgeliefert.

Sie nahm ein enormes Risiko auf sich, diesem Mann zu vertrauen. Doch sie schien keine andere Wahl zu haben. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Angela Capria der Boden unter den Füßen weggezogen worden.

Was zum Teufel tue ich hier? dachte Vic Steadman, während er am Motor herumfummelte. Die Verteilerkappe war losgeschraubt, ein bewusster Versuch, den Wagen dieser jungen Frau lahm zu legen. Mit einer Handbewegung könnte er alles wieder in Ordnung bringen und die Frau nach Hause schicken.

Deswegen war er gekommen, nicht wahr? Um sicherzugehen, dass die Frau nicht allein auf einem abgelegenen dunklen Parkplatz herumstand. Aber er brachte nichts in Ordnung. Er schaute hier, er schaute da, überprüfte dies, überprüfte das und alles, um noch etwas Zeit herauszuschinden. Aber warum?

Um die Wahrheit zu sagen, er hatte nicht erwartet, dass Angela Capria so attraktiv war.

Vor ein paar Stunden hatte ihm sein Partner Bobby Ray, ein Anfänger, der erst seit wenigen Wochen die Polizeiakademie verlassen hatte, und der von einem Betrunkenen mit einer Bierflasche am Kopf verletzt worden war, in der Notaufnahme der Parkland-Klinik erklärt, dass er seine Hilfe brauchte. Ich habe ein Rendezvous mit einer Frau vermittelt bekommen, die ich nicht kenne, hatte er ihm gesagt und ihn gebeten, für ihn einzuspringen.

Vic fand diesen Wunsch ein wenig seltsam. Bobby brauchte normalerweise keine Hilfe anderer, um Frauen kennen zu lernen, außerdem war er sehr besitzergreifend. Er stellte seinen Kollegen nur selten seine Freundinnen vor, und es passte so gar nicht zu ihm, dass er jemanden bat, für ihn einzuspringen.

„Warum rufst du sie nicht einfach an?“, hatte Vic gefragt.

Dann hatte Bobby ihm die ungewöhnlichen Umstände erklärt, und Vic hatte nichts mehr erwidern können. Ihre Freundinnen hatten die Sache ausgeheckt. Sie hatten ihren Wagen lahm gelegt und Bobby war auserwählt worden, sie aus dieser Situation zu erretten.

Wenn Vic nicht eingesprungen wäre, hätte die arme Frau ganz allein auf diesem Parkplatz im Dunkeln gestanden.

Um sie nicht zu ängstigen, hatte er eigentlich vorgehabt, sich als Polizist zu erkennen zu geben, dann ihren Wagen zu reparieren und sie auf den Weg zu schicken. Nun, das hatte er vorgehabt, bevor er sie gesehen hatte.

„Wissen Sie schon, wo das Problem liegt?“, fragte die Frau besorgt.

„Noch nicht“, log er.

Von der Art und Weise, wie Bobby über sie sprach, hatte er ein hausbackenes älteres Mädchen erwartet. Aber das konnte nicht weiter entfernt von der Wahrheit sein.

Angela war ungefähr Mitte zwanzig, schlank und mit vollem dunklem Haar, das sie zu einem losen Zopf geflochten hatte. Ihre Brüste waren mehr als eine Hand voll und ihre Hüften sanft gerundet. Er war sich nicht sicher, welche Farbe ihre Augen hatten, aber sie waren ziemlich dunkel, und ihre Lippen waren voll und sinnlich.

Als er an ihren Mund und an ihre Figur dachte, hatte er auf einmal das Gefühl, in seinem Inneren würde ein wildes Biest zum Leben erwachen. Er musste bei dem Bild, das ihm in den Sinn gekommen war, lächeln. Er und ein Biest? Er war zuverlässig und verantwortungsbewusst. Steadman war ein Name, der für Loyalität stand. Jeder wusste das.

Eigentlich war es unglaublich, dass er seine Polizeimarke in seiner Tasche ließ. Stattdessen dachte er über alles nach, was Bobby ihm gesagt hatte. Masseurin, verklemmt, braucht einen Mann, der ihre Fantasie anregt. Einen dunklen, männlichen Mann mit dem Touch des Gefährlichen, der ihr die Kontrolle aus der Hand nimmt. Ihre Sexualität weckt.

Ohne dass er bewusst die Entscheidung getroffen hatte, war er selbst zu dieser dunklen Fantasiefigur geworden.

„Sieht so aus, als ob es der Verteiler wäre“, erklärte er schließlich und hoffte, dass sie nicht zu viel über Autos Bescheid wusste. „Ich könnte ihn reparieren, wenn ich mein Werkzeug dabeihätte.“

„Ist schon in Ordnung“, erwiderte sie. „Ich wohne nicht weit von hier. Ich werde eine Freundin anrufen und sie bitten, mich abzuholen. Um den Wagen werde ich mich dann morgen kümmern.“

Dieser Gedanke bereitete ihm Unbehagen. Jeder Mechaniker würde sofort den Fehler erkennen, und sie würde erfahren, dass er seine Hände mit im Spiel gehabt hatte. „Falls Sie nicht weit weg wohnen“, bot er sich an, „kann ich Sie ja nach Hause fahren.“

Die Frau zog eine Augenbraue hoch. „Damit?“ Sie wies mit dem Kopf zu seinem Motorrad.

„Klar, warum nicht?“

Er konnte sehen, dass sie in Versuchung kam. „Ich bin noch nie auf einem Motorrad gefahren.“

Er zuckte die Schultern. „Das ist nichts Besonderes. Ich fahre ja. Sie müssen sich nur festhalten.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich müsste einen Helm haben, und ich werde auf keinen Fall Ihren nehmen.“

Er lief zum Motorrad hinüber, öffnete seine Box und holte einen Helm heraus. Er hielt ihn ihr fast wie einen Köder entgegen. „Noch irgendwelche Einwände?“

Angela fuhr sich mit der Zunge über ihre Lippen und schien immer noch unentschlossen. Sie ist verrückt, wenn sie mit mir fährt, dachte er. Ich habe mich noch nicht einmal vorgestellt. Aber sie spürte die gleiche Anziehungskraft, die er empfand. Das wusste er. Er hatte es vom ersten Augenblick, in dem sie sich gesehen hatten, in ihren Augen gesehen.

„Versprechen Sie mir, langsam zu fahren?“

„Ich habe seit Jahren kein Bußgeld bezahlt.“

„Also …“ Ihre Stimme versagte, und sie musste sich erst räuspern. „Also gut. Es wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie mich nach Hause bringen würden.“

„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite.“ Er setzte sich aufs Motorrad, und sie nahm nach einigem Zögern den Helm aus seiner Hand und setzte ihn auf. Vic musste ihr helfen, den Kinngurt zu verstellen, und als er dabei die zarte Haut ihres Halses berührte, durchrieselte ihn ein erregender Schauer.

Nein, vielleicht war es besser, nicht daran zu denken. Er hatte keine Ahnung, wie weit diese Sache gehen würde. Aber er konnte sich nicht vorstellen, dass Angela ihn in ihr Bett einladen würde. So impulsiv war sie bestimmt nicht.

Nachdem er seinen eigenen Helm aufgesetzt hatte, reichte er ihr eine Hand und half ihr beim Aufsteigen.

Er spürte, wie ihre Brüste sich an seinen Rücken schmiegten, und dieses Gefühl war so großartig, dass er am liebsten die ganze Nacht so mit ihr gesessen hätte. Sie duftete wunderbar nach Mandeln und Kokosnuss, als Masseurin gab sie wohl den ganzen Tag irgendwelche Lotionen auf ihre Hände.

„Wohin?“, fragte er.

„Oh. Ich wohne in der Huntington Street. Die Huntington-Apartments. Wissen Sie, wo die sind?“

„Ich werde sie schon finden.“ Und wenn er sich verfuhr, war es auch nicht so schlimm. Ein paar Minuten länger diese süße Tortur zu ertragen, würde ihn nicht umbringen. Vielleicht nicht.

Er drehte den Schlüssel im Zündschloss um, und die Maschine erwachte zum Leben.

Der Abend war wunderschön, die Luft warm, aber es lag immer noch die Frische des Frühlings in ihr. Die Straßen in Angelas Nachbarschaft waren belebt von Nachtbummlern, die den St. Patrick’s Day feuchtfröhlich feierten. Normalerweise war dieses Viertel ziemlich sicher – er war hier schon einmal als Motorradcop Patrouille gefahren – aber auch hier gab es Überfälle und Diebstähle.

Obwohl das Röhren der Maschine eine Unterhaltung fast unmöglich machte, genoss Vic die Fahrt. Er war enttäuscht, als er das Haus, in dem sie wohnte, sofort ohne Mühe fand.

Das Haus war alt, wahrscheinlich in den Dreißigern erbaut. Es war ein schlichtes dreigeschossiges Backsteingebäude mit einer einladenden Veranda, umgeben von alten Bäumen. Es war nicht luxuriös, aber es sah gepflegt aus. Im Vorgarten standen Blumen, und sogar auf der Veranda blühten Geranien in Kübeln. Er fuhr vor das Haus und stellte den Motor ab.

Langsam löste Angela die Arme von seiner Taille und rückte von ihm ab. „Das war gar nicht so schlecht“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu ihm.

Er war ein wenig überrascht, sie das sagen zu hören. Er war etwas schneller als sonst gefahren. Nicht, dass er leichtsinnig gewesen wäre, aber es war schnell genug gewesen, um Angelas Adrenalinspiegel zu erhöhen. Schließlich wollte er der Rolle, die er spielte, Lebendigkeit verleihen.

Als sie den Helm abnahm und ihn ihm reichte, zitterten leicht ihre Hände. „Danke für alles. Ich hätte ganz schön in Schwierigkeiten gesteckt, wenn Sie nicht vorbeigekommen wären.“ Sie klang ein wenig atemlos.

„Gern geschehen. Ich werde Sie noch bis zur Tür begleiten.“

„Das ist nicht …“

„Ich weiß, dass es nicht notwendig ist. Aber stellen Sie sich einmal vor, ein Einbrecher wartet im Flur?“ Er wartete nicht auf ihre Einwilligung, sondern stieg ab, nahm den Helm ab und folgte ihr die Stufen zur Veranda hinauf. Ihre Hände bebten immer noch leicht, als sie die Tür aufschloss, doch bevor sie sie öffnete, drehte Angela sich noch einmal um.

„Also noch einmal, vielen Dank und gute Nacht.“

Er spürte, dass er sie nervös und auch ein wenig verlegen machte. Und das war bestimmt nicht seine Absicht gewesen. Aber es war dieser neue dunkle, gefährliche Zwilling in ihm, der sich weigerte, sie einfach gehen zu lassen. Und es war auch dieser Zwilling, der sich jetzt vorbeugte und sie küsste.

Er berührte sie nur mit seinen Lippen. Sie hätte jederzeit zurückweichen, ihm ans Schienenbein treten oder lauthals um Hilfe schreien können. Aber sie blieb einfach stehen und ließ es geschehen. Ohne jede Reaktion.

Aber er reagierte. Dieses Biest, das eben ein Auge verschlafen geöffnet hatte, erwachte jetzt brüllend zum Leben. Er spürte das Feuer der Leidenschaft, das zu lodern begann.

Plötzlich verlor Angela das Gleichgewicht. Sie fiel gegen die Tür und unterbrach den Kuss.

Für einen Moment starrte sie ihn nur an. In ihren Augen sah er Verlangen und gleichzeitig Misstrauen. Konnte er ihr das übel nehmen?

„Bitte …“, sagte sie.

„Bitte … was?“

„Ich kann Sie nicht hineinbitten.“

Autor

Kara Lennox
Kara Lennox hat mit großem Erfolg mehr als 50 Liebesromanen für Harlequin/Silhouette und andere Verlage geschrieben.
Vor ihrer Karriere als Liebesromanautorin verfasste sie freiberuflich Hunderte Zeitschriftenartikel, Broschüren, Pressemitteilungen und Werbetexte. Sogar Drehbücher hat sie geschrieben, die das Interesse von Produzenten in Hollywood, New York und Europa weckten.
Wegen ihrer bahnbrechenden, sehr...
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