Eine Rose für den Milliardär

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Wie kann man so nachlässig sein? Aufgebracht übergibt die junge Putzfrau Rosie den Geldschein, den sie unter Alex' Schreibtisch gefunden hat. Sie ahnt nicht, dass sie in diesem Moment die Prüfung bestanden hat. Die des Verstandes – und des Herzens des Undercover-Milliardärs ...


  • Erscheinungstag 26.11.2022
  • ISBN / Artikelnummer 9783751520843
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Du musst mir helfen“, hatte Sokrates Seferis gesagt, und sein Patensohn Alexius Stavroulakis hatte alles stehen und liegen lassen und war Tausende von Meilen geflogen, um ihm zu Hilfe zu eilen. Sokrates hatte sich geheimnisvoll gegeben und nur erklärt, dass sein Anliegen streng vertraulich sei und er darüber nicht am Telefon sprechen könne.

Alexius, ein Mann von einem Meter fünfundachtzig und mit dem athletischen Körper eines Sportlers gesegnet, war trotz seiner einunddreißig Jahre bereits Milliardär. Sein kluges und doch aggressives Geschäftsgebaren machte ihn zu einem gleichermaßen gefürchteten wie geachteten Unternehmer, und man konnte wahrlich nicht behaupten, dass er jemals nach der Pfeife eines anderen tanzte. Doch für den fast fünfundsiebizgjährigen Sokrates Seferis galten andere Regeln: Viele Jahre lang war der Patenonkel der einzige Mensch gewesen, der den kleinen Alexius in dem englischen Internat besucht hatte, in das die Eltern den Jungen abgeschoben hatten.

Seinem Patenonkel, der sich aus einfachen Verhältnissen zum millionenschweren Besitzer einer internationalen Hotelkette hochgearbeitet hatte, war ebenfalls kein erfülltes Familienleben vergönnt gewesen. Seine geliebte Ehefrau war bei der Geburt des dritten Kindes gestorben, und die Tochter und der Sohn hatten sich zu verschwendungssüchtigen Erwachsenen entwickelt, die mehr als einmal Schande über ihren gutherzigen Vater gebracht hatten. Für Alexius war Sokrates daher auch das Paradebeispiel, warum ein vernünftiger Mann niemals Kinder haben sollte.

Kinder waren anstrengend, fordernd und undankbar. Und Alexius verstand nicht, warum einige seiner Freunde so erpicht darauf waren, sich von diesen kleinen Quälgeistern das Leben schwer machen zu lassen, das sich ledig und kinderlos doch wunderbar genießen ließ. Nein, diesen Fehler würde Alexius gewiss niemals begehen.

Sokrates begrüßte Alexius, auf einen Liegestuhl gebettet, auf der Terrasse seines luxuriösen Anwesens in einem Vorort von Athen. Noch bevor der jüngere Mann Platz genommen hatte, brachte ein Hausdiener Getränke.

„Nun?“, begann Alexius. Sein attraktives braungebranntes Gesicht wirkte ernst, die silbergrauen Augen, die Frauenherzen höher schlagen ließen, blickten wie immer gelassen. „Worum geht’s?“

„Geduld war noch nie deine Stärke, nicht wahr?“, sagte der ältere Mann. Die dunklen Augen in seinem sonnengegerbten Gesicht funkelten vergnügt. „Nimm dir einen Drink und schau dir erst einmal diesen Ordner an.“

Ungeduldig hob Alexius den Ordner vom Tisch auf und öffnete ihn. Auf der ersten Seite befand sich das Foto eines unscheinbaren Mädchens, das soeben dem Teenageralter entwachsen zu sein schien. „Wer ist das?“

„Lies selbst“, forderte Sokrates ihn auf.

Alexius stieß den Atem leicht gereizt aus und blätterte durch die wenigen Seiten des Ordners.

„Sie wird Rosie genannt“, sinnierte Sokrates. „Meine verstorbene Frau kam auch aus England, und ihr Taufname lautete ebenfalls Rose.“

Die Informationen, die Alexius dem Ordner entnehmen konnte, sagten ihm nichts. Rosie Gray war eine junge Engländerin, die in einer Pflegefamilie aufgewachsen war und jetzt als Reinigungskraft arbeitete. Er hatte keine Ahnung, welches Interesse sein Patenonkel an dieser Frau haben konnte.

„Sie ist meine Enkeltochter“, erklärte Sokrates, als hätte er seine Gedanken erraten.

Alexius sah ihn ungläubig an. „Seit wann hast du eine Enkelin? Ist diese Frau etwa eine Hochstaplerin?“

„Du bist wirklich der Richtige für diese Aufgabe“, sagte Sokrates zufrieden. „Nein, sie ist keine Hochstaplerin. Soweit ich informiert bin, weiß sie noch nicht einmal von meiner Existenz. Ich bin nur neugierig. Deshalb habe ich dich hergebeten.“

Alexius betrachtete noch einmal das Foto der Frau: eine graue Maus mit farblosen Haaren und großen leeren Augen. „Wie kommst du auf die Idee, dass sie deine Enkeltochter ist?“

„Das ist keine Idee, sondern Gewissheit. Ich weiß schon seit fünfzehn Jahren von ihr, damals wurde sogar ein DNA-Test gemacht“, gab Sokrates widerwillig zu. „Sie ist Troys Tochter, gezeugt, als er für mich in London gearbeitet hat – sofern man denn von ‚Arbeit‘ sprechen konnte“, fügte er mit grimmigem Lächeln hinzu. „Natürlich hat er die Mutter nicht geheiratet, sondern sich kurz vor der Geburt des Kindes von ihr getrennt. Nach seinem Tod nahm die Frau Kontakt zu mir auf und bat mich um finanzielle Unterstützung. Ich habe ihr eine ansehnliche Summe geschickt, aber augenscheinlich hat das Mädchen nie einen Penny davon gesehen, denn die Mutter ließ sie ihm Stich und sie landete bei Pflegefamilien.“

„Traurig“, meinte Alexius.

„Mehr als traurig. Das Mädchen hat wirklich keinen guten Start ins Leben bekommen, und das bereitet mir ein schlechtes Gewissen.“ Der ältere Mann seufzte tief. „Sie gehört zur Familie, ich könnte sie sogar als Erbin einsetzen.“

Diese Enthüllung machte Alexius hellhörig. „Als Erbin? Eine Frau, die du nie im Leben gesehen hast? Was ist mit deinen Kindern?“

„Meine Tochter wirft das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinaus. Selbst ihre drei reichen Exmänner konnten sich das nicht leisten“, antwortete Sokrates sarkastisch. „Mein Sohn ist drogenabhängig und hat, wie du ja weißt, schon mehrere Aufenthalte in der Entzugsklinik hinter sich.“

„Und deine Enkelsöhne?“

„Die sind so verschwenderisch wie ihre Eltern. Tatsächlich besteht der Verdacht, dass sie in einem meiner Hotels gehörig abkassiert haben. Natürlich werde ich keinen von ihnen enterben“, erklärte Sokrates mit Nachdruck. „Sollte sich meine Enkelin allerdings als geeignet erweisen, werde ich ihr einen Batzen Geld vermachen.“

„Was meinst du mit ‚geeignet‘?“, fragte Alexius stirnrunzelnd.

„Wenn sie ein gutes Mädchen ist, das das Herz am rechten Fleck trägt, ist sie in meinem Haus willkommen. Auf dein Urteil konnte ich mich schon immer verlassen, deshalb möchte ich, dass du für mich herausfindest, ob sie charakterlich einwandfrei ist.“

„Ich? Warum fliegst du nicht selbst hin und triffst dich mit ihr?“, fragte Alexius verdutzt.

„Ich habe mich dagegen entschieden. Für ein paar Tage eine freundliche Maske aufsetzen kann jeder. Rosie dürfte bald herausfinden, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, wenn sie sich mir gegenüber von ihrer besten Seite zeigt.“ Lebenslange Enttäuschung zeichnete sich im sorgenvollen Gesicht des alten Mannes ab. „Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass ich mich auf mein Urteil verlassen möchte. Ich wünsche mir einfach zu sehr, dass sie anders ist als der Rest der Familie. Für Geld haben meine eigenen Kinder mich schon allzu oft belogen und betrogen. Ich möchte meine Hoffnungen nicht zu sehr an das Mädchen hängen, denn sonst laufe ich Gefahr, wieder zum Narren gehalten zu werden. Und ich brauche keinen weiteren Schmarotzer, der sich an meine Rockschöße hängt.“

„Ich verstehe immer noch nicht, was du eigentlich von mir erwartest“, gestand Alexius.

„Ich möchte, dass du Rosie unter die Lupe nimmst, bevor ich mich mit ihr in Verbindung setze.“

„Sie unter die Lupe nehmen?“, wiederholte Alexius ungläubig.

„Ja, ich möchte, dass du sie kennenlernst und ihr auf den Zahn fühlst.“ Sokrates sah ihn hoffnungsvoll an. „Es bedeutet mir viel, Alex.“

„Das ist nicht dein Ernst, oder? Du verlangst, dass ich mich mit einer … Reinigungskraft treffe?“ Die Verblüffung stand dem jüngeren Mann ins Gesicht geschrieben.

Sokrates blickte ernst. „Ich habe dich nie für einen Snob gehalten.“

Bei diesem Vorwurf erstarrte Alexius. In seinen Adern floss das Blut von Generationen schwerreicher blaublütiger Griechen. Wie hätte er bei diesem Stammbaum etwas anderes als ein Snob werden können? „Aber wie soll ich ein Treffen einfädeln, ohne dass sie Verdacht schöpft, ich könnte etwas mit ihr im Schilde führen?“

„Beauftrage die Reinigungsfirma, für die sie arbeitet, oder … dir fällt schon etwas ein“, beteuerte Sokrates zuversichtlich. „Ich weiß, ich bitte dich um einen großen Gefallen und du bist eigentlich viel zu beschäftigt. Aber es gibt sonst niemanden, dem ich die Angelegenheit anvertrauen möchte. Ich kann ja schlecht meinen Sohn – ihren Onkel – oder einen ihrer nichtsnutzigen Cousins hinschicken, oder?“

„Nein, das wäre unfair. Sie würden in jedem neuen Familienmitglied nur Konkurrenz sehen.“

„Eben.“ Sokrates wirkte erleichtert, dass sein Patensohn endlich begriff. „Wenn du dich dieser Sache annimmst, stehe ich tief in deiner Schuld. Sollte sich Rosie Gray als geldgierige Person entpuppen, erspar mir bitte die unschönen Details. Ich will nur wissen, ob sie eine Chance verdient.“

„Ich lass es mir durch den Kopf gehen“, sagte Alexius widerwillig.

„Lass dir bitte nicht zu viel Zeit mit deiner Entscheidung. Ich werde schließlich nicht jünger“, warnte Sokrates.

„Gibt es etwas, das ich wissen müsste?“, fragte Alexius, plötzlich besorgt, dass ihm der alte Mann womöglich gesundheitliche Probleme verschwieg. Obwohl ihn das Vertrauen, das Sokrates in ihn setzte, rührte, wollte er den heiklen Auftrag nur ungern annehmen. „Du hast schließlich noch andere Freunde …“

„Aber keinen, der in puncto Frauen so erfahren ist wie du“, entgegnete Sokrates ernst. „Du wirst ihren wahren Charakter durchschauen. Ich bin überzeugt, dass du dir von ihr kein X für ein U vormachen lässt.“

Alexius griff nun doch zu seinem Drink. „Gut, ich denke darüber nach. Aber geht es dir wirklich gut?“

Der alte Mann nickte stur. „Ja, kein Grund zur Besorgnis.“

Obwohl Alexius sich insgeheim doch sorgte, ließ ihn der verschlossene Blick seines Patenonkels von weiteren Fragen absehen. Die ungewohnt freimütige Rede des alten Mannes war beunruhigend genug gewesen. Sokrates hatte seinen Stolz überwunden und Alexius gerade seine Seele offenbart, als er die Enttäuschung über seine beiden Kinder eingestanden hatte. Alexius verstand nur zu gut, warum sein Patenonkel sich nicht noch einen Nassauer aufbürden wollte.

„Nehmen wir mal an, dieses Mädchen entpuppt sich als die Enkelin, die du dir wünschst“, spann Alexius den Gedanken weiter. „Wie wird sie reagieren, wenn sie herausfindet, dass ihr verwandt seid und ich dein Patensohn bin? In diesem Moment muss ihr klarwerden, dass du ihr eine Falle gestellt hast …“

„Wenn sie erst einmal den Rest der Familie kennengelernt hat, wird sie meine Beweggründe verstehen“, erklärte Sokrates, ohne zu zögern. „Ich weiß, dass der Plan nicht perfekt ist. Aber es ist der einzige Weg, um herauszufinden, ob ich sie wirklich bei mir aufnehmen kann.“

Nach dem gemeinsamen Mittagessen flog Alexius nach London zurück. Er war ungewöhnlich aufgewühlt. Sein Leben, das waren millionenschwere Transaktionen und die Herausforderung, seinen Konkurrenten immer einen Schritt voraus zu sein. Herauszufinden, ob die lang verschollene Enkeltochter seines Patenonkels als Erbin taugte, lag ihm hingegen nicht. Es war eine große Verantwortung – und keine leichte Aufgabe für jemanden wie Alexius, der sich damit schwertat, offen auf andere Menschen zuzugehen.

Tatsächlich herrschte in seinem Privatleben ebenso eiserne Disziplin wie in seinem Berufsleben. Feste Bindungen wollte er nicht eingehen, und er vertraute nur wenigen Menschen. Er war das letzte verbleibende Mitglied seiner Familie, aber durchaus überzeugt, dass ihn dieser Umstand nur härter gemacht hatte. Komplizierten Beziehungen zu Frauen ging er aus dem Weg, und seine Affären waren von so oberflächlicher Natur, dass er sich manchmal selbst ekelte. Seine schönen Gespielinnen verlangten oftmals einen Preis für ihren Körper, bei dem selbst eine Prostituierte errötet wäre.

Obwohl er sich bewusst war, dass er die Frauen für ihre Dienste entlohnte, indem er sie mit kostspieligen Diamanten und teuren Designerkleidern überhäufte, war er kein Heuchler. Diese Frauen besaßen das angeborene Talent, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, aber Alexius fand ihre Gier nach Reichtum nicht schlimmer als sein eigenes körperliches Bedürfnis nach sexueller Befriedigung.

„Was ist so besonders an diesem Job, dass wir dafür den weiten Weg in Kauf nehmen müssen?“, fragte Zoe ungeduldig.

Rosie unterdrückte einen Seufzer. Die beiden jungen Frauen hatten soeben dem Sicherheitspersonal des Bürogebäudes die Ausweise gezeigt und schoben nun den Reinigungswagen zum Aufzug. „STA Industries ist ein großer internationaler Konzern. Auch wenn Vanessa nur einen kleinen Vertrag ausgehandelt hat, ist dies immerhin der Hauptsitz der Firma. Und Vanessa ist überzeugt, dass weitere Aufträge folgen werden, wenn wir hier gute Arbeit leisten. Uns hat sie ausgewählt, weil wir ihre besten Mitarbeiterinnen sind, wie sie sagt.“

Die attraktive dunkelhaarige Frau neben Rosie verzog unbeeindruckt das Gesicht. „Wir sind vielleicht ihre besten Mitarbeiterinnen, aber leider bezahlt sie uns nicht danach.“

Zwar war Rosie ebenfalls alles andere als begeistert von der ungewohnt langen Anfahrt, aber bei der momentanen Wirtschaftslage war sie froh, überhaupt einen Job zu haben. Außerdem hatte Vanessa ihr eine erschwingliche Unterkunft gestellt. Tatsächlich war Rosie erst vor einer Woche von ihrer Mitbewohnerin auf die Straße gesetzt worden. Nur das Angebot von Vanessa hatte sie und ihren kleinen Hund Baskerville vor der Obdachlosigkeit gerettet. Und sie empfand noch immer tiefe Dankbarkeit für das preiswerte möblierte Zimmer, das sie wie andere Angestellte von Vanessa in einem eigens von der Arbeitgeberin angemieteten Haus bezogen hatte.

Das Reinigungsunternehmen von Vanessa Jansen bestand aus wenigen Mitarbeiterinnen, und sie konnte sich nur auf dem Markt behaupten, indem sie die Konkurrenz drastisch unterbot. Das Unternehmen warf entsprechend wenig ab, und Rosies Lohntüte war dünn. Allerdings mussten alle Unternehmen sparen, und Vanessa hatte in jüngster Zeit einige Stammkunden verloren.

„Du kommst nie zu spät oder meldest dich krank. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann“, hatte ihre Chefin sie gelobt. „Wenn wir durch STA Industries neue Aufträge gewinnen, bekommst du eine Gehaltserhöhung. Versprochen.“

Obwohl Rosie daran gewöhnt war, dass Vanessa ihre vollmundigen Versprechen mit schöner Regelmäßigkeit brach, hatte sie ihre Chefin höflich angelächelt. Sie arbeitete abends als Reinigungskraft, um tagsüber ihren Schulabschluss nachholen zu können. Tatsächlich hätte sie der Chefin durchaus Tipps für die Geschäftsführung geben können. Vanessa konnte zwar gut mit Zahlen jonglieren und neue Auftraggeber gewinnen, aber über ein Talent zur Personalführung verfügte sie nicht. Da Rosie allerdings wusste, dass ihre Ratschläge auf taube Ohren stoßen würden, schwieg sie lieber.

Rosie hatte schon vor langer Zeit begriffen, dass man Menschen nicht ändern konnte. Schließlich hatte sie viele Jahre lang versucht, ihre Mutter zu ändern, hatte sie ermutigt, unterstützt, angefleht. Am Ende hatte alles nichts genützt, denn ihre Mutter wollte sich überhaupt nicht ändern. Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind, nicht, wie man sie gern hätte, dachte Rosie, als ihr die bittere Lektion wieder in den Sinn kam. Die zahllosen Stunden fielen ihr wieder ein, in denen sie ihre Mutter davon zu überzeugen versucht hatte, die eigene Tochter großziehen zu wollen. Bei dem Gedanken an die vergebliche Liebesmühe zuckte sie innerlich zusammen: Jennifer Gray war Männern und Alkohol erheblich mehr zugetan gewesen als der eigenen Tochter, die sie nur empfangen hatte, um sich finanziell abzusichern.

„Ich hatte geglaubt, dein Vater würde mich heiraten und ich hätte für mein Lebtag ausgesorgt“, hatte ihr Jennifer einmal gestanden. „Er kam aus einer reichen Familie, entpuppte sich aber als Taugenichts.“

Im Gegensatz zu ihrer verstorbenen Mutter hielt Rosie Männer für reinste Zeitverschwendung. Die Männer, mit denen sie einmal ausgegangen war, hatten fast alle den langweiligen Hobbys Sex, Sport und Bier gefrönt. Da sie selbst an keinem dieser Zeitvertreibe sonderlich Gefallen fand und ihre knapp bemessene Freizeit lieber mit sinnvollen Dingen verbrachte, hatte sie sich schon seit Monaten gar nicht mehr mit einem Mann verabredet. Tatsächlich war sie auch nicht gerade der Typ, der sich nicht vor Verehrern retten konnte, wie Rosie reumütig zugeben musste. Sie maß knapp einen Meter zweiundfünfzig und verfügte nicht über die Kurven, die die Blicke des anderen Geschlechts auf sich ziehen. Jahrelang hatte sie gehofft, dass sie lediglich eine „Spätentwicklerin“ sei und sich weibliche Attribute noch einstellen würden. Nun war sie dreiundzwanzig Jahre alt, aber immer noch knabenhaft schlank und flach wie ein Brett.

Als sich eine widerspenstige Haarsträhne löste und über ihre Wange fiel, griff Rosie nach hinten, um den Pferdeschwanz festzuziehen. Doch das Haarband riss und sie kramte in den Taschen ihres Overalls vergeblich nach einem Ersatzband. Das lange lockige Haar fiel ihr wie ein störender Vorhang ins Gesicht, und Rosie fragte sich zum hundertsten Mal, warum sie es der Bequemlichkeit halber nicht endlich kurz schnitt. Natürlich kannte sie den Grund: Ihre Pflegemutter Beryl hatte ihr oft gesagt, dass sie wunderschönes Haar habe, und es in ihrer Kindheit begeistert gebürstet.

Für einen Moment stieg Traurigkeit in Rosie hoch, obwohl seit dem Tod von Beryl schon drei Jahre vergangen waren. Dennoch vermisste sie die warmherzige Frau immer noch. Beryl war für Rosie die Mutter gewesen, die Jennifer nie hatte sein wollen.

Alexius saß in einem Büro, das eigentlich einem seiner Assistenten gehörte, und versuchte zu arbeiten. Da er sich an dem fremden Schreibtisch nicht zurechtfand, musste er die Arbeit immer wieder unterbrechen. Alles wegen Sokrates, dachte er grimmig. Schließlich hatte er sich nur seinem Patenonkel zuliebe auf das kindische Versteckspiel eingelassen.

Als er das Geräusch eines Staubsaugers am anderen Ende der Büroetage hörte, knirschte er mit den blendend weißen Zähnen. Zumindest waren die Reinigungskräfte endlich eingetroffen, und das Spiel konnte beginnen. Und was für ein Spiel! Zum ersten Mal in seinem Leben war Alexius bis zum Äußersten angespannt, da er es normalerweise nicht nötig hatte, auf Tricks zurückzugreifen. Doch wie sollte er eine einfache Putzfrau kennenlernen, wenn er ihr als Eigentümer von STA Industries entgegentrat?

Nein, es war schlauer, sich als Angestellter seiner eigenen Firma auszugeben, und zu hoffen, dass Rosie Gray ihn nicht sofort als Alexius Stavroulakis erkennen würde. Es war unwahrscheinlich, dass sie die Wirtschaftsmagazine las, in denen regelmäßig über ihn berichtet wurde. Allerdings bestand die Möglichkeit, dass sie mit Begeisterung in den Klatschmagazinen blätterte, in denen er gelegentlich abgelichtet wurde. Je länger er darüber nachdachte, desto überzeugter war er, dass sein Plan niemals aufgehen würde.

Rosie und Zoe teilten sich die Büros auf, indem jede eine Seite des Flurs übernahm. Auf Rosies Seite schien noch jemand zu arbeiten, denn aus der geöffneten Bürotür fiel Licht. Sie hasste es, um einen Angestellten herumzuputzen, durfte es aber nicht riskieren, einen Raum einfach auszulassen, weil jederzeit jemand die Qualität ihrer Arbeit überprüfen konnte.

Die meisten Angestellten hatten das Büro lange vor zwanzig Uhr verlassen, und Rosie musste sicherstellen, dass die vertragsmäßigen Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit von STA Industries ausgeführt wurden. Sie spähte in das besetzte Büro und sah einen großen Mann mit schwarzem Haar an einem Laptop arbeiten. Nur die Schreibtischlampe brannte und tauchte seine markanten Gesichtszüge in ein Spiel aus Licht und Schatten. Plötzlich blickte er auf und sah sie unvermittelt an, aus umwerfenden eisgrauen Augen, die an flüssiges Quecksilber erinnerten.

Alexius erkannte sein Opfer sofort, obwohl die Rosie Gray vor ihm nichts mit der Frau auf dem Schwarz-Weiß-Foto gemein hatte. Aller Farbe beraubt, hatte sie unscheinbar gewirkt. Aber in natura sah sie außergewöhnlich aus, beinahe so, als würde sie von innen heraus strahlen. Dazu war sie winzig. Die Angehörigen der Familie Seferis waren zwar alle eher klein, aber Rosie wirkte so zierlich wie eine Elfe aus einem Märchen. Doch obwohl Alexius bei ihrer geringen Körpergröße fast lächeln musste, hielten ihr Gesicht und ihr Haar ihn sofort gefangen. Noch nie hatte er eine solche Haarfarbe gesehen – diese prächtigen Locken in einem unglaublich hellen Blond, das fast so hell schimmerte wie frisch gefallener Schnee.

Sicher gefärbt, dachte er grimmig, konnte aber den Blick nicht von ihrem wunderhübschen herzförmigen Gesicht wenden: große meeresgrüne Augen, niedliche Stupsnase und ein zur Sünde einladender Schmollmund, der bei jedem Mann erotische Fantasien auslösen musste.

Auslösen konnte, verbesserte er sich. Denn er gehörte nicht zu der Sorte Mann, die sich in Fantasien ergehen mussten, da sich jede Frau ihm sofort bereitwillig hingab. Dennoch: Diese üppigen rosigen Lippen waren total sexy. Allerdings war das kein Gedanke, der in Bezug auf die Enkelin seines Patenonkels erlaubt war. Es liegt bestimmt an dieser seltsamen Situation, dachte Alexius. Das Ganze brachte ihn völlig aus dem Gleichgewicht.

Nach dem unerwarteten Zusammenprall mit den stechenden hellgrauen Augen, die durch die langen schwarzen Wimpern noch größer wirkten, hämmerte Rosies Herz wie wild gegen ihre Rippen. Der Mann sah unverschämt gut aus, mit den scharf geschnittenen hohen Wangenknochen, der majestätisch geraden Nase, dem eckigen Kinn und den sinnlich geschwungenen Lippen.

Dann erkannte Rosie den ungeduldigen Zug, der sich auf seiner Oberlippe abzeichnete, drehte auf der Türschwelle um und verschwand wieder im Flur. In ihrem Kopf schrillte eine Alarmglocke: Diesen Mann sollte sie besser nicht bei der Arbeit unterbrechen. Sie beschloss, erst den Konferenzsaal zu putzen und sich später zu vergewissern, dass er fort war, bevor sie sich sein Büro vornahm.

Als Rosie verschwand, hätte Alexius beinahe verzweifelt aufgestöhnt. Da Frauen normalerweise alles Erdenkliche taten, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, war er es nicht gewohnt, ihnen hinterherlaufen zu müssen. Aber hatte er etwa erwartet, dass eine Putzfrau ihn in ein munteres Gespräch verwickeln würde? Natürlich hatte sie den Rückzug angetreten. Hastig eilte Alexius zur Tür hinaus und schloss mit wenigen langen Schritten zu Rosie auf.

„Ich bin gleich weg“, sagte er. In der Stille der leeren Büroetage klang seine tiefe Stimme ungewöhnlich laut.

Überrascht wirbelte Rosie herum, das blonde Haar flog ihr ums Gesicht, die grünen Augen blickten verwundert. „Kein Problem. Ich nehme mir zuerst den Konferenzsaal vor …“

„Sie sind neu hier, oder?“, bemerkte Alexius und fragte sich insgeheim, was sie bloß an sich hatte, das seine Neugier weckte.

„Ja, das ist unsere erste Schicht“, murmelte Rosie so leise, dass er sich vorbeugen musste, um sie zu verstehen. „Und wir wollen anständige Arbeit abliefern.“

„Das wird Ihnen bestimmt gelingen.“ Alexius beobachtete, wie sie sich mit dem Staubsauger abmühte, der fast so groß war wie sie selbst. Mit einem Mal verspürte er das verrückte Bedürfnis, ihr das Gerät aus den kleinen Händen zu reißen, damit sie ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte.

Was zum Teufel war nur mit ihm los?

Als er sie erneut betrachtete, stellte er schockiert fest, dass er erregt war. Dabei war er doch kein Schuljunge mehr, der auf jede attraktive Frau in seiner Nähe reagierte. Er hatte keine Ahnung, warum sie diese Wirkung auf ihn hatte. Sie war klein und niedlich, überhaupt nicht sein Typ. Normalerweise stand er auf große dunkelhaarige Frauen mit üppigen Kurven! Er war ein Gewohnheitstier und ließ sich ungern auf das Neue, Unbekannte ein.

Autor

Lynne Graham
Lynne Graham ist eine populäre Autorin aus Nord-Irland. Seit 1987 hat sie über 60 Romances geschrieben, die auf vielen Bestseller-Listen stehen.

Bereits im Alter von 15 Jahren schrieb sie ihren ersten Liebesroman, leider wurde er abgelehnt. Nachdem sie wegen ihres Babys zu Hause blieb, begann sie erneut mit dem...
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