Führen Sie mich in Versuchung, Mylord!

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

In London liegt dem blendend aussehenden Percy, Earl of Hardford, die Damenwelt zu Füßen. Doch im stürmischen Cornwall, wo er ein geerbtes Anwesen besichtigt, scheint das nicht zu gelten: Imogen, Lady Barclay, die sich nach dem Tod ihres Mannes nach Hardford Hall zurückgezogen hat, behandelt ihn so kühl, dass er ihr insgeheim den Spitznamen "Marmorfrau" gibt. Dennoch begehrt er die schöne Witwe mit einer Heftigkeit, die ihn selbst überrascht. Als er Imogen das erste Mal küsst, spürt er, dass das Herz der betörenden Marmorfrau noch nicht erstarrt ist. Doch wie wird sie auf sein ungeheuerliches Angebot reagieren, seine Geliebte zu werden?
  • Erscheinungstag 14.08.2018
  • Bandnummer 0330
  • ISBN / Artikelnummer 9783733734114
  • Seitenanzahl 264
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Percival William Henry Hayes, Earl of Hardford, Viscount Barclay, war über alle Maßen, massiv und kolossal gelangweilt. Wobei ihm natürlich kar war, dass sämtliche dieser Beschreibungen sich im Grunde genommen auf dasselbe Phänomen bezogen, aber ganz ehrlich: Er war geradezu gelähmt vor Langeweile. Er war fast schon zu gelangweilt, um sich aus dem Sessel zu hieven und zur Anrichte auf der anderen Seite des Raums zu begeben, um sein Glas nachzufüllen. Nein, er war eindeutig zu gelangweilt dafür. Oder möglicherweise auch einfach zu betrunken. Eventuell hatte er nämlich bereits einen ganzen Ozean an Spirituosen in sich aufgenommen.

Er feierte seinen dreißigsten Geburtstag, beziehungsweise er hatte ihn gefeiert. Denn vermutlich war es längst nach Mitternacht, was wiederum bedeuten würde, dass sein Geburtstag inzwischen hinter ihm lag und damit auch seine sorglosen, ausschweifenden, nutzlosen Zwanzigerjahre.

Er lümmelte, wie er einigermaßen erfreut feststellte, in seinem mit weichem Leder bezogenen Lieblingssessel neben dem Kamin in der Bibliothek seiner Stadtvilla. Allerdings war er nicht allein, wie es sich um diese nachtschlafende Zeit eigentlich geziemt hätte, egal um welche verdammte Zeit es sich genau handeln mochte. Durch den Nebel seines Alkoholrauschs waberte die vage Erinnerung an eine Feier im White’s Club, im Kreis einer befriedigend großen Meute seiner Kumpane, vor allem, wenn man berücksichtigte, dass es erst Anfang Februar war – und kein Mitglied der feinen Gesellschaft sich freiwillig in London aufhielt.

Der Geräuschpegel, erinnerte er sich weiter, war im Laufe des Abends derart eskaliert, dass etliche der älteren Mitglieder missbilligend die Stirn gerunzelt hatten – was für ein Haufen verkalkter Tattergreise. Selbst die sonst so unerschütterlichen Kellner zeigten erste Anzeichen von Anspannung und Unsicherheit angesichts eines mehr als heiklen Dilemmas: Wie sollte man einen Schwarm betrunkener, zum Teil adliger Gentlemen rausschmeißen, ohne besagte Gentlemen samt all ihrer Angehörigen bis in die nächsten (und vergangenen) drei bis vier Generationen aufs Nachhaltigste zu beleidigen? Aber wie sollte man sie nicht rausschmeißen, wenn doch diesbezügliche Zurückhaltung den Zorn der gleichermaßen hochgeborenen Tattergreise hervorrufen würde?

Irgendeine annehmbare Lösung musste sich jedoch gefunden haben, denn hier saß er nun, in seinem eigenen Haus, umgeben von einer kleinen Truppe treuer Kameraden. Die anderen mussten sich zu anderen Orgien weitergeschleppt haben oder waren vielleicht auch einfach zu Bett gegangen.

„Sid.“ Er drehte den Kopf an der Rücklehne des Sessels, ohne das Risiko einzugehen, ihn zu heben. „Habe ich deiner geschätzten Meinung nach heute Abend den Ozean leer getrunken? Ich wäre überrascht, wenn es anders wäre. Hat mich nicht jemand dazu herausgefordert?“

Der Ehrenwerte Sidney Welby starrte leeren Blicks ins Feuer – oder zumindest dorthin, wo ein Feuer geflackert hatte, bevor es heruntergebrannt war, weil sie versäumt hatten, Kohle aufzuschütten oder einen Diener mit dieser Handreichung zu beauftragen. Er furchte nachdenklich die Stirn, bevor er sich zu einer Antwort durchrang. „Das hättest du gar nicht geschafft, Perce“, murmelte er dann. „Wird doch spän… ständig ersetzt, von Flüssen und Strömen und so. Bächen und Rinnsalen. So schnell wie man ihn leert, wird nachgefüllt.“

„Und außerdem regnet es von oben drauf“, ergänzte Cyril Eldrige hilfsbereit. „Genau wie aufs Festland. Es kommt dir nur so vor, als ob du ihn ausgetrunken hättest. Aber falls er wirklich ausgetrocknet sein sollte, schließlich hat’s ja länger nicht geregnet, dann waren wir alle daran beteiligt. Mein Kopf wird sich morgen früh mindestens drei Mal größer als sonst anfühlen, und verdammt noch mal, ich habe den starken Verdacht, dass ich versprochen habe, meine Schwestern zur Bibliothek oder irgend so was zu begleiten, und wie du weißt, Percy, wird meine Mutter ihnen nicht erlauben, nur mit einer Zofe als Begleitung zu gehen. Und wie ich sie kenne, bestehen sie auch noch drauf, im Morgengrauen aufzubrechen, damit ihnen nur ja niemand zuvorkommt und sämtliche lesenswerten Bücher vor der Nase wegschnappt. Von denen es, meiner tiefsten Überzeugung nach, allerdings auch nicht allzu viele gibt. Was machen die alle überhaupt schon so früh hier in der Stadt? Beth hat ihr Debüt schließlich erst nach Ostern, und so viele Kleider kann sie doch nicht brauchen. Oder doch? Was weiß ein Bruder schon. Absolut gar nichts, wenn man meinen Schwestern glaubt.“

Cyril war einer von Percys zahlreichen Cousins und Cousinen. Es gab zwölf davon auf der väterlichen Seite der Familie, die Söhne und Töchter der vier Schwestern seines Papas, und dreiundzwanzig auf mütterlicher Seite, jedenfalls nach letztem Stand der Dinge. Allerdings meinte er sich zu entsinnen, dass seine Mama kürzlich erwähnte, Tante Doris, ihre jüngste Schwester, sei erneut in delikaten Umständen, zum ungefähr zwölften Mal. Ihr Nachwuchs stellte einen großen Teil jener dreiundzwanzig, demnächst dann also vierundzwanzig. Sämtliche Cousins und Cousinen waren reizend. Alle liebten ihn, und er liebte sie alle, und natürlich auch alle seine Onkel und Tanten. Nie gab es eine inniger verbundene, liebevollere Sippe als die seine, und zwar auf beiden Seiten. Ich bin wirklich, resümierte Percy trübsinnig, der Glücklichste aller Sterblichen.

„Bei der Wette ging es übrigens darum, dass du Jonesey vor Mitternacht ins Koma trinken kannst, Perce“, informierte ihn Arnold Biggs, Viscount Marwood. „Eine beachtliche Leistung. Er ist um zehn vor zwölf unter den Tisch gerutscht. Sein Schnarchen hat uns dann die Entscheidung erleichtert, White’s zu verlassen. Es war wirklich äußerst störend.“

„So war das also.“ Percy gähnte herzhaft. Ein Geheimnis der Nacht gelüftet. Er hob sein Glas, setzte es aber, sobald ihm einfiel, dass es leer war, wieder schwungvoll auf dem Tisch neben seinem Sessel ab. „Teufel noch mal, das Leben ist verflucht langweilig geworden.“

„Morgen geht’s dir wieder besser, sobald der Schreck, dreißig geworden zu sein, sich gelegt hat“, tröstete Arnold. „Oder meine ich heute und gestern? Ja, das tue ich. Der kleine Zeiger der Uhr auf dem Kaminsims steht auf drei, und ich glaube ihm. Doch da die Sonne nicht scheint, muss es wohl noch mitten in der Nacht sein. Obwohl – um diese Jahreszeit ist es immer mitten in der Nacht.“

„Wie kannst du von Langeweile reden, Percy?“, erkundigte Cyril sich. „Du hast alles, was ein Mann sich wünschen kann. Alles.“

Percy ließ seine Gedanken über die zahlreichen Vorteile schweifen, die das Leben für ihn bereithielt. Cyril hatte natürlich in gewisser Weise recht, das ließ sich nicht leugnen. Nicht nur, dass er die bereits erwähnte große und liebevolle Familie hatte, er war auch noch als einziger Sohn zweier Eltern aufgewachsen, die ihn gleichermaßen anbeteten. Ja, es hatte sich sogar ergeben, dass er der einzige Nachwuchs geblieben war – obwohl sein Vater und seine Mutter offenbar weiterhin tapfer versucht hatten, das Kinderzimmer mit Brüdern und Schwestern für ihn zu bevölkern. Sie hatten ihn mit allem überhäuft, was er möglicherweise wollen oder brauchen könnte, und verfügten über die nötigen Mittel, es mit Stil zu tun.

Sein Urgroßvater väterlicherseits hatte sich als jüngerer Sohn und daher nur „Ersatzerbe“ eines Earls als vornehmer Geschäftsmann etabliert und den Grundstock eines bemerkenswerten Vermögens gelegt. Sein Sohn, Percys Großvater, machte daraus ein gewaltiges Vermögen, das er noch vermehrte, indem er eine wohlhabende, sparsame Frau heiratete, der man nachsagte, jeden Penny mehrmals umgedreht zu haben, bevor sie ihn ausgegeben hatte. Percys Vater erbte den ganzen Reichtum, abgesehen von einer mehr als großzügigen Mitgift für jede seiner vier Schwestern. Und dann verdoppelte und verdreifachte er sein Vermögen durch kluge Anlagestrategien und heiratete seinerseits eine Frau, die eine beachtliche Mitgift in die Ehe einbrachte.

Seit dem Tod seines Vaters vor drei Jahren war Percy so reich, dass er die Hälfte seines verbleibenden Lebens damit hätte verbringen können, die Pennys zu zählen, die seine Großmutter so sorgfältig gehütet hatte. Oder auch die Pfundmünzen, wenn er schon dabei war. Und dann war da noch Castleford House, das riesige, florierende Anwesen in Derbyshire, das sein Großvater einst erworben hatte – angeblich mit einem Bündel Banknoten –, um der Welt seine Bedeutung zu demonstrieren.

Percy sah auch gut aus. Es gab keinen Grund, diesbezüglich falsche Bescheidenheit an den Tag zu legen. Selbst wenn sein Spiegel hätte lügen sollen oder seine Wahrnehmung dessen, was der Spiegel ihm zeigte, irgendwie verzerrt gewesen wäre, blieb doch die Tatsache bestehen, dass ihm, wo immer er auftauchte, bewundernde, mitunter auch neidische Blicke folgten, von Männern wie Frauen. Er entsprach, wie nicht wenige Menschen ihn hatten wissen lassen, dem Ideal des attraktiven, hochgewachsenen, dunkelhaarigen romantischen Helden. Außerdem erfreute er sich, toi, toi, toi, seit eh und je fantastischer Gesundheit. Er klopfte sicherheitshalber auf Holz, genauer gesagt: auf die Tischplatte neben ihm, was sowohl das leere Glas als auch Sid hochspringen ließ. Und er besaß noch alle seine Zähne, die ordentlich gepflegt und schön weiß waren.

Er war intelligent. Als Junge wurde er von drei Hauslehrern unterrichtet, weil seine Eltern es nicht über sich brachten, ihn aufs Internat zu schicken. Später ging er nach Oxford, um klassische Sprachen zu studieren und kehrte drei Jahre später mit einem doppelten Abschluss in Latein und Altgriechisch zurück. Er hatte Freunde und Kontakte. Männer jeden Alters schienen ihn zu mögen, und die Frauen … Nun ja, die Frauen auch, was günstig war, denn er mochte sie ebenfalls. Es gefiel ihm, seinen Charme bei ihnen spielen zu lassen; er genoss es, ihnen Komplimente zu machen, ihre Notenblätter für sie zu wenden, mit ihnen zu tanzen, spazieren zu gehen oder sie herumzukutschieren. Er flirtete gern mit ihnen. Wenn sie verwitwet und willig waren, schlief er gern mit ihnen. Und er entwickelte großes Geschick darin, den Heiratsfallen zu entgehen, die an allen Ecken und Enden für ihn aufgestellt wurden.

Er hatte diverse Mätressen gehabt – im Moment gab es allerdings keine –, alle außerordentlich hübsch und wundervoll talentiert, entweder teure Schauspielerinnen oder Kurtisanen und heiß begehrt in seinem Bekanntenkreis.

Er war stark und bester Kondition und athletisch. Er war ein exzellenter Reiter und Boxer und Fechter und Schütze, doch in letzter Zeit konnte ihm keine dieser Tätigkeiten die gewohnte Befriedigung verschaffen. Im Laufe der Jahre hatte er sich jeder Menge Herausforderungen und Mutproben gestellt, je waghalsiger und gefährlicher, desto besser. Zu drei unterschiedlichen Anlässen war er im offenen Zweispänner nach Brighton geprescht, einmal sogar beide Strecken, und auf der Great North Road hatte er eine voll besetzte Postkutsche in seine Gewalt gebracht – nachdem er den Kutscher bestochen hatte – und die Pferde zu höchster Geschwindigkeit angetrieben. Er war auf den Dächern durch halb Mayfair gewandert, gelegentlich hatte er dazu auch die leere Luft zwischen den Dächern genutzt – die Wette, die er unbedingt gewinnen wollte, verlangte schließlich, dass er für diesen Spaziergang weder den Boden berührte noch ein Transportmittel benutzte, das den Boden berührte. Er hatte fast jede Themse-Brücke in und um London überquert, und zwar von unten. Er war in eleganter Abendgarderobe durch die berüchtigtsten Elendsviertel der Stadt geschlendert, mit keiner tödlicheren Waffe als einem Gehstock – wohlgemerkt keinem Stockdegen. Diese letzte Heldentat bescherte ihm, nachdem besagter Gehstock sang- und klanglos entzweibrach, einen belebenden Faustkampf gegen drei Angreifer und ein grandioses Veilchen. Hinzu kam die ermordete Abendgarderobe, die von seinem Kammerdiener mit nur mühsam verhaltenem Kummer betrauert wurde.

Er hatte es mit wütenden Brüdern und Schwägern und Vätern zu tun bekommen, stets zu Unrecht, denn er achtete sorgsam darauf, keine tugendhaften Damen zu kompromittieren oder Erwartungen zu wecken, die er nicht zu erfüllen gedachte. Gelegentlich mündeten diese Konfrontationen ebenfalls in Faustkämpfen, meist mit den Brüdern. Seiner Erfahrung nach neigten Brüder eher zu hitzköpfigem Verhalten als Väter. Einmal war es zum Duell mit einem Ehemann gekommen, dem nicht gefiel, wie Percy seine Gattin anlächelte. Percy hatte noch nicht mal mit ihr gesprochen oder getanzt. Er hatte gelächelt, weil sie hübsch war und ihn anlächelte. Was hätte er denn stattdessen tun sollen? Etwa eine finstere Miene aufsetzen? Der Ehemann schoss an dem verabredeten Morgen als Erster, meilenweit an Percys Kopf vorbei. Als Percy dran war, verfehlte er das linke Ohr des Ehemanns um knapp zwei Meter. Eigentlich hatte es nur einer sein sollen, aber im letzten Moment beschloss er, lieber auf Nummer sicher zu gehen.

Und falls das alles noch nicht genug Vorzüge für einen einzigen Mann sein sollten, war da noch der Titel. Oder vielmehr die Titel. Mehrzahl. Der alte Earl of Hardford, gleichzeitig Viscount Barclay, war dank jenes Ur-ur-Großvaters irgendwie mit Percy verwandt gewesen. Irgendwann in grauer Vorzeit hatte es eine Familienfehde gegeben, in die die Söhne dieses Vorfahren verwickelt waren, man ging auf Distanz zueinander, und der ältere Zweig der Sippe, der den Titel innehatte und sich an irgendeinem gottverlassenen Flecken unten in Cornwall versteckte, wurde fortan vom jüngeren Zweig konsequent ignoriert. Der bis vor Kurzem amtierende Earl dieses älteren Zweiges hatte zwar offenbar einen Sohn und Erben, doch den zog es aus unerfindlichen Gründen – schließlich gab es keinen zweiten Stammhalter, der ersatzweise hätte einspringen können – auf die Schlachtfelder Portugals, um als Offizier gegen Bonapartes Armeen zu kämpfen. Zum Dank für seine Mühe war er dann getötet worden.

Die Dramen dieser familiären Katastrophe gingen an dem jüngeren Zweig spurlos vorbei – man war sich der Geschehnisse in glückseliger Ahnungslosigkeit gar nicht bewusst. Das Ganze kam erst ans Licht, als der alte Earl fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Tod von Percys Vater das Zeitliche segnete und sich herausstellte, dass Percy der alleinige Erbe der Titel und des zerbröselnden Steinhaufens in Cornwall war. Jedenfalls nahm er an, dass es sich um einen zerbröselnden Steinhaufen handelte, da der Besitz augenscheinlich kein nennenswertes Einkommen zu generieren schien. Percy hatte den Titel angenommen – er hatte im Grunde keine andere Wahl gehabt, außerdem fand er es, zumindest am Anfang, ziemlich schmeichelhaft, als Hartford oder, noch besser, als Mylord angesprochen zu werden statt als schlichter Mr. Percival Hayes. Er hatte den Titel akzeptiert und den Rest ignoriert. Nun ja, den überwiegenden Rest.

Er war mit angemessen pompösen Feierlichkeiten ins House of Lords aufgenommen worden. Und hatte dort eines denkwürdigen Nachmittags – nach aufwendigem Feilen an Formulierungen und Verwerfen von Formulierungen und Umschreiben ganzer Passagen und wiederholtem Proben des Vortrags und zwei, drei, dreiundvierzig neuen Bedenken und etlichen Nächten voller derart lebhafter Träume, dass man schon beinahe von Albträumen sprechen konnte – seine Jungfernrede gehalten. Anschließend setzte er sich unter höflichem Beifall und in der erleichterten Gewissheit, dass er an diesem ehrwürdigen Ort nie wieder das Wort ergreifen müsste – es sei denn, es drängte ihn aus freiem Willen dazu. Tatsächlich hatte er sich später noch bei diversen Anlässen dazu entschlossen, etwas zur Debatte beizutragen, ohne vorher auch nur eine Sekunde Schlaf darüber zu verlieren.

Seit er auf Grüßfuß mit dem König und sämtlichen Dukes stand, riss man sich mehr denn je um seine Gesellschaft. Stammkunde bei den besten Schneidern, Schuhmachern, Herrenausstattern, Barbieren und so weiter war er auch vorher schon gewesen, doch deren Schmeicheleien und Katzbuckeleien bewegten sich nach seiner Beförderung zum Mylord noch mal auf einem ganz anderen Niveau. Schon immer hatte er sich bei ihnen äußerster Beliebtheit erfreut, schließlich war er eine Rarität unter den Gentlemen des ton – ein Mann, der seine Rechnungen regelmäßig beglich. Was er, zu ihrer größten Verwunderung, auch weiterhin tat. Den Frühling verbrachte er in London, für die Parlamentssitzungen und die Saison, die Sommermonate auf seinem Landsitz oder in einem der Badeorte und den Herbst und Winter entweder zu Hause oder bei einer der zahlreichen Gesellschaften, zu denen er ständig eingeladen wurde – zum Fasanenschießen oder zur Fuchsjagd oder zum Fischen, je nachdem was die Jahreszeit gerade hergab. Dass es ihn diesmal bereits Anfang Februar nach London verschlagen hatte, lag einzig und allein daran, dass er sich die Art Veranstaltung, die seiner Mutter anlässlich seines dreißigsten Geburtstags daheim in Castleford vorschwebte, nur allzu gut ausmalen konnte. Und hätte man etwa einer Mutter, die man liebte, den Wunsch abschlagen können, ein solches Fest zu organisieren? Selbstverständlich nicht. Also verdrückte man sich stattdessen lieber in die Stadt wie ein unartiger Schuljunge, der sich nach einem Streich versteckt, um der Strafe zu entgehen.

Ja. Alles in allem war er der glücklichste Mann auf Erden. Kein Wölkchen am Himmel, und im Grunde war auch noch nie eins dagewesen. Nur eine unermessliche, blaue, wolkenlose Weite der Glückseligkeit da oben. Nein, wenn er irgendetwas nicht war, dann der Typ des grüblerischen, verwundeten, düster-unwiderstehlichen Helden. Er hatte niemals irgendetwas getan, über das er grübeln musste, und auch nichts wirklich Heldenhaftes, was genau genommen schon ein bisschen traurig war. Das mit dem Heldenhaften, wohlgemerkt.

Jeder Mann sollte wenigstens einmal im Leben ein Held sein.

Percy seufzte. „Stimmt“, bestätigte er die Aussage, die sein Cousin vor ein paar Minuten getroffen hatte. „Ich habe wirklich alles, Cyril. Und das ist, verdammt noch mal, das Problem. Ein Mann, der alles hat, hat nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt.“

„Philosch… Philololosophie um drei Uhr morgens?“ Sidney rappelte sich auf und schwankte zur Anrichte. „Ich sollte nach Hause fahren, bevor du unsere Gehirne noch komplett aufweichst, Perce. Wir haben deinen Geburtstag stilvoll im White’s begangen. Danach hätten wir friedlich ins Bett gehen sollen. Wie sind wir eigentlich hier gelandet?“

„In einer Droschke“, erinnerte Arnold ihn. „Oder meintest du warum, Sid? Weil wir kurz davor waren, rausgeworfen zu werden und Jonesey schnarchte und du vorgeschlagen hast, das wir herkommen sollten und Percy keinen Widerspruch eingelegt hat und wir alle fanden, dass das die beste Idee war, die du seit mindestens einem Jahr hattest.“

„Jetzt fällt es mir wieder ein.“ Sidney schenkte sich nach.

„Wie kannst du gelangweilt sein, wenn du doch zugibst, alles zu haben, Percy?“ Cyril wirkte inzwischen völlig fassungslos. „Das kommt mir verflixt undankbar vor.“

„Es ist undankbar“, räumte Percy ein. „Aber ich langweile mich trotzdem schrecklich. Was mich durchaus dazu treiben könnte, nach Hardford Hall zu reisen. In die Wildnis Cornwalls. Das wäre wenigstens etwas, was ich noch nie zuvor getan habe.“

Du liebe Zeit, wie war er denn auf diese Schnapsidee gekommen?

„Im Februar?“ Arnold verzog das Gesicht. „Triff vor April keine überstürzten Entscheidungen, Perce. Dann sind wieder mehr Leute in der Stadt, und dein Bedürfnis, irgendwo anders hin abzuhauen wird sich in Wohlgefallen auflösen.“

„Bis April sind es noch zwei Monate“, gab Percy zurück.

„Hardford Hall!“ Cyril klang einigermaßen angewidert. „Da sagen sich doch Fuchs und Hase gute Nacht, oder? Da gibt es absolut nichts, was dich reizen könnte, Percy. Nur Schafe und leere Moore, das kannst du mir glauben. Und Wind und Regen und Meer. Allein, um hinzukommen, brauchst du schon eine Woche.“

Percy hob die Brauen. „Nur, wenn ich ein lahmes Pferd reite“, widersprach er. „Ich besitze keine lahmen Pferde, Cyril. Wenn ich ankomme, lasse ich die Spinnweben aus dem Dachstuhl fegen und lade euch alle zu einer großen Party ein, was sagt ihr dazu?“

„Perce, dasch meinst du nicht ernscht, oder?“ Sidney war so entsetzt, dass er vergaß, seine Aussprache zu korrigieren.

Meinte er es ernst? Percy ließ sich die Angelegenheit einen Moment durch den, zugegebenermaßen benommenen, Kopf gehen. Sowohl die Sitzungsperiode als auch die Ballsaison würden gleich nach Ostern Fahrt aufnehmen, doch abgesehen von ein paar unvertrauten Gesichtern und ein paar unvermeidlichen Veränderungen der Kleiderordnung, um sicherzustellen, dass alle Welt zu den Schneidern und Modistinnen rannte, stand absolut nichts Neues in Aussicht, das seine Lebensgeister hätte heben können. Er wurde langsam ein bisschen zu alt für die mutwilligen Streiche und Eskapaden, mit denen er sich während seiner Zwanzigerjahre amüsiert hatte. Und wenn er zurück nach Derbyshire fuhr, statt hierzubleiben, würde seine Mutter höchstwahrscheinlich eine nachträgliche Geburtstagsfeier zu seinen Ehren veranstalten, Himmel hilf. Er hätte natürlich versuchen können, den geschäftlichen Angelegenheiten des Besitzes mehr Zeit zu widmen, würde sich dadurch jedoch alsbald, wie üblich, den schmerzlich-toleranten Blicken seines äußerst kompetenten Verwalters aussetzen. Der Mann jagte ihm irgendwie Angst ein. Er kam ihm ein bisschen so vor wie die Fortsetzung der drei ehrwürdigen Hauslehrer seiner Jugend.

Warum eigentlich nicht Cornwall? Vielleicht war ja das beste Mittel gegen Langeweile nicht, davor wegzurennen, sondern darauf zuzulaufen und alles in seiner Macht Stehende zu tun, um sie noch schlimmer zu machen. Das war doch mal ein origineller Gedanke! Aber vielleicht sollte er besser nicht zu denken versuchen, wenn er betrunken war. Bestimmt war es nicht klug, zu versuchen, Pläne zu schmieden, während der vernünftige Teil des Gehirns sich in so beeinträchtigter Verfassung befand. Oder mit Männern darüber zu reden, die von ihm erwarten würden, dass er besagte Pläne sofort in die Tat umsetzte, weil sie es nicht anders von ihm kannten. Es konnte sehr gut sein, dass er seine Meinung am Morgen, wenn er wieder nüchtern war, ändern wollte. Oder vielmehr am Nachmittag.

„Warum sollte ich es nicht ernst meinen?“, fragte er. „Ich habe den Besitz nie gesehen, obwohl er seit zwei Jahren mir gehört. Früher oder später muss ich mich dort mal blicken lassen – auch wenn es zugegebenermaßen eher später als früher ist. Schließlich bin ich der Gutsherr und so. Und die Reise vertreibt Zeit, zumindest so lange, bis es in London ein bisschen belebter wird. Vielleicht bin ich ja nach acht Tagen oder zwei Wochen heilfroh, wenn ich zurückpreschen kann und weiß mit jeder Meile mehr zu schätzen, wie gut es mir hier geht. Oder, wer weiß? Vielleicht verliebe ich mich auch in den Ort und bleibe ganz dort, für immer und in Ewigkeit, Amen. Vielleicht lebe ich fortan glücklich als Hardford in Hardford Hall. Klingt nicht besonders elegant, oder? Eigentlich hätte man vom ersten Earl ja wohl die Vorstellungskraft erwarten können, sich einen besseren Namen für den Steinhaufen auszudenken, stimmt’s? Heap Hall vielleicht? Hardford in Heap Hall?“

Gott, er war so betrunken.

Drei Augenpaare starrten ihn mehr oder weniger ungläubig an. Die Besitzer der Augen wirkten außerdem leicht zerzaust und generell einigermaßen mitgenommen.

„Wenn ihr mich bitte entschuldigen wollt.“ Percy stemmte sich abrupt aus dem Sessel hoch. Wie er feststellte, war er zumindest nicht so hinüber, dass er nicht mehr stehen konnte. „Ich sollte wohl jemandem in Hardford schreiben, die Leute vorwarnen. Damit sie anfangen können, die Spinnweben wegzufegen. Der Haushälterin, wenn es eine gibt. Dem Butler, wenn es einen gibt. Dem Verwalter, wenn … Ja, beim Jupiter, den gibt es. Er schickt mir jeden Monat einen fünfzeiligen Bericht in mikroskopisch kleiner Handschrift. Dem schreibe ich, dass er einen großen Besen anschaffen und jemanden finden soll, der weiß, wie man damit umgeht.“

Er gähnte, bis sein Kiefer knackte, und brachte seine Freunde nach draußen, durch die Eingangstür und die Treppe bis auf den Platz hinunter. Er schaute ihnen nach, um sicherzustellen, dass sie aufrecht blieben, ihren Weg nicht aus den Augen verloren und den Platz auf ihren eigenen Beinen verließen.

Dann setzte er sich hin, um den Brief zu schreiben, bevor er seine Entschlossenheit einbüßte, und dann einen zweiten an seine Mutter, um zu erklären, wohin er ging. Sie würde sich Sorgen machen, wenn er einfach spurlos verschwand. Er legte beide Schreiben in den Ablagekasten in der Eingangshalle, damit sie am Morgen verschickt werden konnten, und schleppte sich die Treppe hoch ins Bett. Im Ankleidezimmer wartete sein Kammerdiener, obwohl ihm ausdrücklich nahegelegt worden war, dass das nicht nötig wäre. Der Mann genoss es, ein Märtyrer zu sein.

„Ich bin betrunken, Watkins“, erklärte Percy. „Und ich bin dreißig Jahre alt. Ich habe alles, was ein Mann sich wünschen kann, wie mein Cousin mir soeben in Erinnerung rief, und ich bin dermaßen gelangweilt, dass es mir mehr und mehr wie vergebliche Liebesmüh vorkommt, morgens aufzustehen, nur um am nächsten Abend wieder ins Bett zu gehen. Morgen – oder vielmehr heute – können Sie fürs Land packen. Wir reisen nach Cornwall. Nach Hardford Hall. Dem Sitz des Earls. Ich bin der Earl.“

„Ja, Mylord“, erwiderte Watkins, ohne die reserviert-würdige Miene zu verziehen. Vermutlich wären sowohl die Worte als auch der Gesichtsausdruck exakt so gewesen, wenn Percys verkündet hätte, dass sie morgen nach Südamerika aufbrechen würden, zu einer Exkursion an den Amazonas, um Kopfjäger aufzuspüren. Gab es Kopfjäger am Amazonas?

Egal. Er war drauf und dran nach Cornwall zu reisen. Er musste verrückt sein. Mindestens. Vielleicht würde Nüchternheit ja den Wahnsinn vertreiben.

Morgen.

Oder meinte er später heute? Ja, das tat er. Das hatte er ja auch gerade zu Watkins gesagt.

2. KAPITEL

Imogen Hayes, Lady Barclay, war auf dem Heimweg von Porthdare nach Hardford Hall. Normalerweise ritt sie die zwei Meilen oder lenkte eigenhändig ihren Einspänner, doch heute hatte sie beschlossen, dass die Bewegung ihr guttun würde. Sie war entlang der Straße ins Dorf hinuntergelaufen, zurück nahm sie den Klippenpfad, auch wenn er die Strecke um ungefähr eine halbe Meile verlängerte und deutlich steiler war als die sanft abfallende Straße. Aber sie genoss das Ziehen in ihren Muskeln und die unverstellten Aussichten – zu ihrer Rechten über das Meer und hinter ihr auf das untere Dorf mit seinen Fischerhütten, die sich um die Flussmündung drängten, und den Booten, die auf den Wellen schwankten.

Sie genoss die traurigen Schreie der Möwen, die über und unter ihr durch die Luft schossen. Sie liebte den verwilderten Ginster, der in überbordender Fülle um sie herum wuchs. Der Wind fuhr ihr schneidend kalt in die Glieder, obwohl sie ihn im Rücken hatte, aber sie liebte, was er mit sich brachte: das wilde Heulen und den Salzduft und das Gefühl verstärkter Abgeschiedenheit. Sie hielt die Seiten ihres Wintermantels mit behandschuhten Händen zusammen. Ihre Nase und ihre Wangen glühten vermutlich puterrot.

Der Anlass ihres Ausflugs war ein Besuch bei ihrer Freundin Tilly Wenzel gewesen, die sie zuletzt vor Weihnachten gesehen hatte. Die Feiertage und den gesamten Januar hatte Imogen bei ihrem Bruder verbracht, in ihrem Elternhaus, zwanzig Meilen weiter nordöstlich. Es gab eine Nichte zu bewundern und drei Neffen, die jede Menge Wirbel machten. Sie hatte diese Wochen genossen, aber der Lärm und die Geschäftigkeit waren doch auch anstrengend gewesen, ebenso die unablässige Verpflichtung, sich gesellig geben zu müssen. Imogen war daran gewöhnt, allein zu leben, auch wenn sie stets darauf geachtet hatte, nicht zur Einsiedlerin zu werden.

Mr. Wenzel, Tillys Bruder, hatte angemerkt, dass der Rückweg ständig bergauf führte und teilweise ziemlich steil war, und angeboten, sie nach Hause zu fahren. Sie hatte abgelehnt, unter dem Vorwand, dass sie unterwegs noch dringend bei der alten Mrs. Park vorbeischauen müsse, die ans Haus gefesselt war, seit sie kürzlich gestürzt war und sich übel die Hüfte geprellt hatte. Dafür musste sie sich dann natürlich volle vierzig Minuten lang jedes einzelne grausige Detail dieses Missgeschicks anhören. Aber alte Menschen waren manchmal einsam, dafür hatte Imogen Verständnis, und vierzig Minuten ihrer Zeit waren in Wahrheit kein besonders großes Opfer. Und wenn sie Mr. Wenzel erlaubt hätte, sie nach Hause zu bringen, dann hätte er, wie immer, in Erinnerungen an seine Jugendfreundschaft mit ihrem verstorbenen Mann Dicky geschwelgt und sich dann zu den üblichen unbeholfenen Galanterien ihr gegenüber vorgearbeitet.

Als sie das Tal hinter sich gelassen hatte, blieb Imogen stehen, um Luft zu holen. Der Pfad zog sich hier, auf dem Plateau, nicht mehr ganz so steil in Richtung der Mauer, die den Park von Hardford Hall auf drei Seiten umgab. Auf der vierten Seite bildeten die Klippen und das Meer eine natürliche Grenze. Sie drehte sich um und schaute nach unten, während der Wind an der Krempe ihres Bonnets zerrte und ihr den Atem nahm. Ihre Fingerspitzen prickelten in den Handschuhen. Über ihr erstreckte sich der graue Himmel, unter ihr die graue, schaumbedeckte See. Direkt neben dem Pfad senkten sich graue felsige Klippen in die Tiefe. Alles grau, wohin man auch schaute. Sogar ihr Mantel war grau.

Einen Moment lang drohte ihre Stimmung, dem Farbmuster zu folgen. Doch dann schüttelte sie energisch den Kopf und setzte ihren Weg fort. Sie würde der Schwermut nicht nachgeben. Es war eine Schlacht, die sie oft zu kämpfen hatte, und noch hatte sie nicht verloren.

Außerdem hatte sie etwas, auf das sie sich freuen konnte: Der jährliche Besuch auf Penderris, fünfunddreißig Meilen entfernt im östlichen Cornwall, stand wieder an, schon im nächsten Monat, das war nun wirklich nicht mehr lange hin. Der Landsitz gehörte George Crabbe, Duke of Stanbrook. Er war ein Cousin zweiten Grades ihrer Mutter – und einer der liebsten Freunde, die Imogen auf der Welt hatte. Einer von sechs liebsten Freunden. Zusammen bildeten die sieben den selbsternannten „Klub der Überlebenden“. Sie hatten einst drei gemeinsame Jahre auf Penderris verbracht, jeder von ihnen litt unter den Nachwirkungen von Wunden aus den Napoleonischen Kriegen, aber nicht all diese Wunden waren körperlicher Natur. Ihre eigenen zum Beispiel. Ihr Mann war in Portugal in Gefangenschaft unter der Folter getötet worden, und sie war dabei gewesen und hatte seinem Leiden bis zum Schluss zusehen müssen. Nach seinem Tod war sie aus der Gefangenschaft entlassen worden; tatsächlich hatte ein französischer Oberst sie in einer Waffenpause nach allen Regeln der Höflichkeit und mit viel Zeremoniell zum britischen Regiment zurückgebracht. Aber sie war nicht davongekommen.

Nach den drei Jahren auf Penderris waren die sieben ihrer Wege gegangen, bis auf George natürlich, der ja schon zu Hause gewesen war. Aber sie hatten vereinbart, sich jedes Jahr im Frühling wieder für drei Wochen dort zusammenzufinden. Vergangenes Jahr wurde das Treffen nach Middlebury Park in Gloucestershire verlegt, dem Besitz von Vincent, Viscount Darleigh, weil seine Frau gerade ihr erstes Kind geboren hatte und er die beiden nicht allein lassen wollte. Diesmal, für ihre fünfte Zusammenkunft, würden sie sich wieder auf Penderris treffen. Doch wo auch immer diese drei Wochen stattfanden, für Imogen waren sie die bei Weitem schönste Zeit des Jahres. Sie hasste es jedes Mal, wieder abzureisen, auch wenn sie die anderen niemals spüren ließ, wie sehr. Sie liebte diese sechs Männer, vollkommen und bedingungslos. Es war eine Liebe ohne jegliche erotische Komponente, auch wenn jeder dieser Männer attraktiv war, ohne Ausnahme. Doch sie war ihnen in einer Zeit in ihrem Leben begegnet, als allein die Vorstellung einer derartigen Anziehungskraft völlig außer Frage stand. Also war eine andere Art von tiefem Gefühl in ihr gewachsen. Diese Männer waren ihre Freunde, ihre Kameraden. Ihre Brüder. Ihr Herz und ihre Seele.

Ungeduldig wischte sie sich eine Träne aus dem Gesicht und ging weiter. Nur noch ein paar Wochen …

Sie kletterte über den Zauntritt, der den öffentlichen Pfad von seiner Fortsetzung als Privatweg im Park trennte. Dort gabelte er sich, und aus reiner Gewohnheit folgte sie dem rechten Abzweig, der zu ihrem Domizil führte statt zum Eingang des Hauptgebäudes. Es war das Witwenhaus, in der südwestlichen Ecke des Parks gelegen – nahe der Klippen, aber in einer Kuhle und weitgehend windgeschützt durch hohe, vorspringenden Felsen, die sich hufeisenförmig um mehr als die Hälfte des Gebäudes zogen. Nach jenen drei Jahren auf Penderris hatte sie darum gebeten, hier wohnen zu dürfen. Sie mochte Dickys Vater, den Earl of Hardford, obwohl er ein arbeitsscheuer Geselle war, und noch lieber mochte sie seine unverheiratete Schwester Tante Lavinia, die ihr ganzes Leben auf Hardford verbracht hatte. Aber Imogen hätte sich nicht vorstellen können, mit den beiden im Haupthaus zu leben.

Ihr Schwiegervater war gar nicht glücklich über ihre Bitte gewesen und hatte versucht, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Das Witwenhaus sei in desolatem Zustand, beteuerte er, seit Ewigkeiten vernachlässigt und praktisch unbewohnbar. Doch so weit Imogen das beurteilen konnte, war mit dem Gebäude nichts verkehrt, was eine gründliche Reinigung und ausgiebiges Lüften nicht in Ordnung bringen konnten, abgesehen davon, dass das Dach nicht mehr in allerbestem Zustand war. Erst als dem Earl keine Ausrede mehr einfiel und er sich gezwungen sah, dem Wunsch seiner Schwiegertochter zu entsprechen, fand Imogen den wahren Grund seines Widerstrebens heraus. Der Keller des Witwenhauses wurde regelmäßig als Lagerraum für Schmuggelware genutzt. Der Earl hatte eine Schwäche für französischen Weinbrand und wurde offenbar von einer dankbaren Schmugglerbande, die er in der Gegend ungestört ihren Geschäften nachgehen ließ, zum Vorzugspreis oder womöglich sogar gratis mit einem stattlichen Vorrat versorgt.

Sie war aufgebracht, dass ihr Schwiegervater nach wie vor in diese heimlichen und mitunter brutalen Geschäfte verwickelt war, genau wie zu der Zeit, als Dicky noch zu Hause lebte. Genau jene Verstrickungen hatten damals zu ernsthaften Zerwürfnissen zwischen Vater und Sohn geführt und eine große Rolle bei der Entscheidung ihres Mannes gespielt, zur Armee zu gehen, statt zu bleiben und einen Krieg gegen seinen eigenen Vater anzuzetteln.

Der Earl erklärte sich bereit, jegliche Schmuggelware aus dem Witwenhaus zu entsorgen und die Tür, durch die man vom Keller nach draußen gelangte, zumauern zu lassen. Er ließ auch das Schloss zur Eingangstür austauschen und übergab sämtliche neue Schlüssel an Imogen. Er sicherte ihr sogar von sich aus zu, dass er dem Schmuggel an dem Küstenstreifen, der direkt an Hardford grenzte, künftig Einhalt gebieten würde – ein Versprechen, für dessen Erfüllung Imogen allerdings nicht die Hand ins Feuer gelegt hätte. Sie hatte danach nie wieder mit irgendwem über Schmuggel gesprochen, nach dem Motto: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Das war eine moralisch nicht unbedingt lupenreine Einstellung, aber … Nun ja, sie dachte nicht wirklich oft darüber nach.

Sie war ins Witwenhaus gezogen und lebte hier seither glücklich – oder zumindest so glücklich, wie sie jemals sein konnte.

Sie blieb am Gartentor stehen und schaute nach oben. Aber nein, seit gestern war kein Wunder geschehen. Das Dach fehlte immer noch.

Es hatte schon immer geleckt, so lange sie hier wohnte, aber im vergangenen Jahr hatte man bei Regen jedes Mal so viele Eimer aufstellen müssen, um die durchsickernden Tropfen aufzufangen, dass das obere Stockwerk langsam Ähnlichkeit mit einem Hindernisparcours bekam. Ganz offensichtlich war dem Problem nicht mehr mit improvisierten Abdichtungsmaßnahmen beizukommen. Das Dach musste komplett erneuert werden – was sie eigentlich erst im Frühling hatte erledigen wollen. Doch dann hatte ein außerordentlich heftiger Dezember-Sturm trotz der geschützten Lage des Hauses einen großen Teil des Dachs weggerissen und ihr blieb nichts anderes übrig als es zur denkbar ungünstigsten Zeit des Jahres ersetzen zu lassen. Glücklicherweise gab es einen Dachdecker in Meirion, einem sechs Meilen flussaufwärts gelegenen Dorf. Der Mann versprach, dass nach dem Besuch bei ihrem Bruder ein neues Dach auf sie warten würde, und das Wetter spielte auch mit: Der Januar war ungewöhnlich trocken gewesen.

Doch als sie vor einer Woche zu Hause eingetroffen war, hatte sie feststellen müssen, dass die Arbeiten noch nicht mal begonnen hatten. Als sie den Dachdecker mit dieser Tatsache konfrontierte, erklärte der, dass er auf ihre Rückkehr gewartet habe, um herauszufinden, was genau sie sich vorstellte – offenbar war „ein neues Dach“ nicht klar genug gewesen. Seine Arbeiter hätten eigentlich diese Woche hier eintreffen sollen, glänzten aber bislang durch auffallende Abwesenheit. Sie würde wohl einen der Stallburschen mit dem nächsten Beschwerdebrief losschicken müssen.

Das Ganze war äußerst lästig, zumal sie notgedrungen nach Hardford Hall hatte übersiedeln müssen, bis sie wieder ein eigenes Dach über dem Kopf besaß. Nun ja, es gab Schlimmeres, wie sie sich hartnäckig vor Augen führte. Immerhin hatte sie ein Ausweichquartier. Und sie mochte Tante Lavinia wirklich gern. Doch die war während des ersten Jahres nach dem Tod ihres Bruders zu der festen Überzeugung gelangt, dass eine Frau ihrer Stellung dringend der Gesellschaft eines weiblichen Wesens bedurfte. Die Dame, die sie sich zu diesem Zweck erkor, war Mrs. Ferby – oder Cousine Adelaide. Eine ältere Witwe, deren Lieblingsbeschäftigung es war, jedem, der keine andere Wahl hatte, als ihr zuzuhören, in ihrer tiefen, durchdringenden Stimme darzulegen, dass sie mit siebzehn Jahren sieben Monate lang verheiratet gewesen war, jedoch bereits vor ihrem achtzehnten Geburtstag zur Witwe geworden war – durch welchen glücklichen Umstand sie der Sklaverei der Ehe ein für alle Mal entkommen war.

In den Jahren nach ihrem nicht allzu schmerzlichen Verlust war Cousine Adelaide, die kaum über eigene Mittel verfügte, immer wieder zu angeblich kurzen Besuchen bei irgendwelchen unglückseligen Verwandten aufgetaucht und dann so lange geblieben, bis der nächste Angehörige dazu bewogen werden konnte, sie zu einem kurzen Besuch irgendwo anders hin einzuladen. Tante Lavinia hatte ihr freiwillig unbegrenztes Aufenthaltsrecht auf Hardford angeboten, und Cousine Adelaide war umgehend herbeigeeilt, um sich häuslich einzurichten – eine weitere Streunerin in Tante Lavinias Kollektion. Sie sammelte sie wie andere Leute Muscheln oder Schnupftabakdosen.

Nein, es ist wirklich nicht besonders schlimm, gezwungenermaßen im Hauptgebäude zu wohnen, dachte Imogen und wandte sich seufzend vom niederdrückenden Anblick ihres dachlosen Hauses ab. Abgesehen davon, dass es in absehbarer Zukunft und zwar sehr bald sehr viel unangenehmer sein würde, sich dort aufzuhalten. Denn der Earl of Hardford kam nach Hardford Hall.

Dieser Dachdecker verdiente eine Abreibung mit der Peitsche.

Der neue Earl hatte sich für unbestimmte Zeit angekündigt. In Wahrheit war sein Titel gar nicht mehr besonders neu. Er besaß ihn seit dem Tod ihres Schwiegervaters vor zwei Jahren, hatte sich aber in all der Zeit nie blicken lassen oder geschrieben oder auch nur den Hauch eines Interesses an seinem Erbe gezeigt. Nicht mal einen Kondolenzbrief an Tante Lavinia hatte er sich abgerungen, rein gar nichts. Daher war es einfach gewesen, ihn zu vergessen oder vielmehr so zu tun, als existierte er nicht – und zu hoffen, er hätte vergessen, dass es sie gab.

Sie wussten nichts über ihn, so seltsam das auch klang. Nicht mal sein Alter – er konnte alles zwischen zehn und neunzig sein, wobei neunzig eher unwahrscheinlich war und zehn auch, da der Brief, der den Verwalter von Hardford Hall an diesem Morgen erreicht hatte, offenbar vom Earl selbst verfasst worden war. Imogen hatte das Schreiben gesehen. Es schien flüchtig dahingekritzelt worden zu sein, in ziemlich schlampiger, aber zweifellos erwachsener Handschrift, und war sehr kurz. Es informierte Mr. Ratchett darüber, dass Seine Lordschaft plane, in den hintersten Winkel Cornwalls herunterzuschlendern, da er momentan nichts Besseres zu tun habe, und äußerst dankbar wäre, wenn er Hardford Hall in einigermaßen bewohnbarem Zustand vorfände. Und im Besitz eines Besens.

Der Brief war ungewöhnlich. Imogen hegte den Verdacht, dass der Mann, der ihn aufgesetzt hatte, vermutlich der Earl selbst, da die Unterschrift augenscheinlich von derselben Hand stammte wie der Rest, völlig betrunken gewesen war, als er ihn formuliert hatte.

Was keine besonders beruhigende Aussicht war.

Im Besitz eines Besens?

Sie wussten nicht, ob er verheiratet war oder Junggeselle, ob er allein oder mit Gattin und zehn Kindern anreiste, ob er bereit sein würde, Hardford Hall mit drei weiblichen Verwandten zu teilen oder ob er von ihnen erwartete, dass sie ins Witwenhaus umzogen, egal ob mit oder ohne Dach. Sie wussten nicht, ob er liebenswürdig oder launisch war, dick oder dünn, gut aussehend oder hässlich. Oder ein Trunkenbold. Aber er kam. Heruntergeschlendert, was auf eine vergleichsweise langsame Reisegeschwindigkeit schließen ließ. Sie hatten sicher noch eine Woche Zeit, sich auf seine Ankunft vorzubereiten, wahrscheinlich sogar länger.

Nach Cornwall hinunterschlendern. Selbstverständlich. Im Februar.

Weil er im Moment nichts Besseres zu tun hatte. Aber gewiss doch.

Was war das bloß für eine Sorte Mann?

Und was hatte das alles mit einem Besen zu tun?

Trotz der Kälte näherte sich Imogen dem Haupthaus nur zögernd. Bei ihrem Aufbruch war die arme Tante Lavinia wie ein aufgescheuchtes Huhn herumgeflattert. Dasselbe galt für die Haushälterin Mrs. Attlee und die Köchin Mrs. Evans. Cousine Adelaide hingegen hatte sich unbeeindruckt in ihrem Lieblingssessel neben dem Kaminfeuer im Salon niedergelassen und mit Nachdruck verkündet, dass eher die Hölle zufrieren würde, bevor sie wegen des bevorstehenden Eintreffens eines Mannes in helle Aufregung gerate. Allerdings war es eben dieser Mann, der ihr momentan, wenn auch unwissentlich, ein Zuhause verschaffte. Imogen hatte beschlossen, dass der Zeitpunkt für einen Besuch bei Tilly nicht günstiger hätte sein können.

Doch nun konnte sie ihre Rückkehr nicht länger aufschieben. Ach, wie sehnte sie sich nach der Abgeschiedenheit des Witwenhauses!

Als sie über den Rasen aufs Haupthaus zuging, sah sie, dass einer der Burschen ein Pferd zu den Stallungen führte. Das Tier kam ihr nicht vertraut vor, und sie war sicher, dass sie den prächtigen Fuchs wiedererkannt hätte, wenn er einem der Nachbarn gehört hätte.

Wer …?

Vielleicht …

Aber nein, das wäre viel zu schnell gewesen. Vielleicht eine weitere Botschaft, die er vorausgeschickt hatte? Aber … mit diesem herrlichen Pferd? Mit einer unguten Vorahnung eilte sie auf das Portal von Hardford Hall zu, öffnete einen der Türflügel und trat ein.

Sie fand den Butler vor, der wie üblich völlig ungerührt wirkte. Vor ihm stand ein fremder Gentleman.

Imogens erster Eindruck war der einer schier überwältigenden männlichen Energie. Er war groß und gut gebaut und trug Reitkleidung: einen langen dunklen Mantel mit mindestens einem Dutzend Pelerinen und schwarze Lederstiefel, die unter der dicken Staubschicht, die sie bedeckte, geschmeidig und teuer aussahen, außerdem einen Kastorhut und braune Lederhandschuhe. In einer Hand hielt er eine Peitsche. Soweit sie sehen konnte, waren seine Haare zwar sehr dunkel, seine Augen sehr blau. Und er war wirklich zum Niedersinken attraktiv.

Ihr zweiter Eindruck, der dem ersten praktisch auf dem Fuße folgte, war, dass er ziemlich viel von sich selbst hielt und ziemlich wenig von allen anderen. Er wirkte gleichzeitig ungeduldig und unerträglich arrogant. Er drehte sich zu ihr, schaute ihr erst ins Gesicht, dann vielsagend auf die Tür, die sie hinter sich geschlossen hatte, dann wieder in ihr Gesicht und hob die perfekt geschwungenen Brauen.

„Und wer zum Teufel sind Sie?“, fragte er.

Es war eine lange und mühselige Reise gewesen, von der Kälte ganz zu schweigen. Den größten Teil hatte Percy im Sattel zurückgelegt. Sein Bursche lenkte den rasanten Zweispänner, und irgendwo hinter ihnen saß ein stoisch vor sich hinschmollender Watkins in der Reisekutsche, umgeben von zahllosen Truhen, Taschen und Kisten. Außerdem waren so viele weitere Truhen, Taschen und Kisten außen am Gefährt befestigt, dass dessen Pracht und Herrlichkeit dadurch den potenziell bewundernden Blicken der Normalsterblichen entzogen wurde, die sie unterwegs passierten. Watkins würde das nicht gefallen. Aber der schmollte ja ohnehin schon – wenn auch stoisch –, da er sich eine Extrakutsche für das Gepäck gewünscht hatte. Nicht etwa, um die komplette Ladung zwischen beiden Vehikeln aufzuteilen, sondern um sie zu verdoppeln. Percy hatte ihm das rundheraus abgeschlagen. Um Himmels willen, sie würden nur acht Tage bleiben, allerhöchstens zwei Wochen. Während er durch Devon und dann Cornwall ritt, hatte er das Gefühl, die Zivilisation immer weiter hinter sich zu lassen und einen Pfad durch die Wildnis zu schlagen. Die Landschaft war rau und trostlos, das ewige Grau der allgegenwärtigen See passte zum ewigen Grau des Himmels. Schien in diesem Teil der Welt etwa nie die Sonne? Hatte Cornwall nicht sogar den Ruf, wärmer zu sein als das restliche England? Er glaubte kein Wort davon.

Als endlich Hardford in seinem Blickfeld auftauchte, war Percy nicht mehr einfach nur gelangweilt. Er war verärgert. Der Ärger richtete sich gegen die eigene Person. Was zum Teufel war bloß über ihn gekommen? Die Antwort lag natürlich auf der Hand. Alkohol war über ihn gekommen. Im nächsten Jahr würde er seinen Geburtstag auf andere Art begehen, so viel stand schon mal fest. Er würde einen Sessel ans Feuer rücken, sich einen Wollschal um die Schultern drapieren, die mit Hausschuhen bekleideten Füße aufs Kamingitter legen und, eine Tasse Tee mit Milch neben sich, Homer lesen – auf altgriechisch. Ah, nicht zu vergessen die Nachtmütze mit Quasten, um das Ensemble perfekt zu machen.

Hardford Hall war zum Meer hin gebaut worden, was nicht weiter überraschend war. Wo sonst konnte man in Cornwall bauen, außer zum Meer hin? Die nach vorn ausgerichteten Räume, vor allem im obersten Stockwerk, boten bestimmt eine herrliche und hoch geschätzte Aussicht auf die unermessliche Tiefe – sofern diese Räume sich tatsächlich in bewohnbarem Zustand befanden und er nicht nur auf eine leere Fassade starrte, hinter der sich Schutt und Staub verbargen. Doch was er vor Augen hatte, ließ definitiv den Schluss zu, dass es sich nicht um einen heruntergekommenen Trümmerhaufen handelte. Das Gebäude war offensichtlich eine solide Angelegenheit aus grauem Stein und erinnerte mit seinem mehr oder weniger palladianischen Stil eher an ein Herrenhaus als an einen Landsitz. Trotz des Efeus an den Mauern machte es den Eindruck, als ob der Verfall von menschlicher Hand – oder menschlichen Händen – unter Kontrolle gebracht worden wäre. Man hatte das Haus an einem leicht ansteigenden Hang errichtet, wahrscheinlich, um es eindrucksvoller erscheinen zu lassen. Doch der Standort hatte auch den Vorteil, dass das Haus nach hinten und teilweise auch an den Seiten von den Ausläufern einer Felswand abgeschirmt war, außerdem durch hohe Bäume und einen im Sommer vermutlich äußerst farbenprächtigen Steingarten. Diese geschützte Lage bewahrte das Haus wohl davor, vom Wind weggerissen und bis nach Devon oder Somerset getragen zu werden. In diesem speziellen Winkel des guten alten Englands schien nämlich ständig eine mehr als kräftige Brise zu wehen.

Ebenfalls in Sichtweite befanden sich zerklüftete Klippen, aber glücklicherweise hing Hardford Hall nicht gefährlich nah am Rand derselben, sondern stand in sicherer Entfernung und war, soweit Percy das erkennen konnte, von einer Mauer umgeben. Der dahinter liegende Park wirkte, wie der Efeu, ordentlich gepflegt. Auf jeden Fall hatte jemand vor Einbruch des Winters den Rasen gemäht und die Bäume beschnitten. In den Blumenbeeten blühten jetzt natürlich keine Blumen, aber es wucherte eben auch kein Unkraut. Und wie es aussah, trennte keine Mauer, sondern eine Reihe von Ginsterbüschen den Park von den Klippen.

Als Percy sein Reittier vor dem Haus zum Stehen brachte und wartete, bis der Bursche, der seinen Kopf aus einem der Ställe gesteckt hatte, ihm die Zügel abnahm und das Tier wegführte, war er bereits vorsichtig optimistisch, den Rest des Tages nicht damit zubringen zu müssen, Spinnweben wegzufegen. Vielleicht verfügte er hier ja tatsächlich über Personal – zumindest eine Haushälterin gab es wohl. Und hier draußen immerhin mindestens einen Stallburschen, außerdem mussten ein oder zwei Gärtner im Einsatz sein. Womöglich – sollte er es zu hoffen wagen? – beschäftigte Hardford Hall ja auch eine Köchin. Und eventuell flackerte in einem der Räume sogar ein Kaminfeuer. Tatsächlich – ein Blick aufs Dach offenbarte den willkommenen Anblick einer Rauchsäule, die aus einem der Schornsteine aufstieg.

Er schritt die Stufen bis zum Portal hoch. Sie waren eindeutig erst kürzlich gefegt worden, und der Messingklopfer glänzte frisch poliert. Dennoch nahm er Abstand davon, ihn zu bedienen, drehte stattdessen an beiden Türknaufen, stellte fest, dass die Türen nicht abgeschlossen waren und trat ein – in eine angenehm proportionierte Eingangshalle mit schwarz-weißem Fliesenboden und schweren alten Möbeln aus dunklen Holz, das zu schimmerndem Glanz poliert worden war. An den Wänden hingen betagte Porträts in massiven Rahmen. Das augenfälligste zeigte einen Gentleman mit mächtiger weißer Perücke, reich besticktem Rock, Kniehosen zu weißen Strümpfen und Schuhen mit Rosetten und hohen roten Absätzen. Um ihn herum waren vier schlanke Jagdhunde zu einem malerischen Tableau angeordnet.

Vermutlich handelte es sich um einen früheren Earl. Vielleicht sogar einen seiner eigenen Vorfahren?

Ein paar Minuten lang rührte sich nichts in der Eingangshalle, und bei aller Erleichterung darüber, dass das Anwesen offenbar sauber und gepflegt war, fing Percy doch an, sich zu wundern, warum es sich so verhielt. Für wen genau wurden Haus und Park eigentlich so gewissenhaft in Schuss gehalten? Wer zum Teufel wohnte hier?

Ein älterer grauhaariger Mann tauchte knarzend aus irgendwelchen unteren Regionen des Gebäudes auf. Er hätte genauso gut das Wort „Butler“ als Tätowierung auf der Stirn tragen können. Es konnte sich schlichtweg um keine andere Person handeln. Aber … wozu brauchte man für ein leerstehendes Haus einen Butler?

„Ich bin Hardford“, erklärte Percy knapp und klopfte mit der Reitpeitsche gegen einen seiner Stiefel.

„Mylord.“ Der Butler neigte seinen Körper um ungefähr vier Zentimeter nach vorn, wobei er wieder beängstigend knarzte. Ein Korsett? Oder einfach nur knarrende alte Knochen?

„Und Sie sind …?“ Percy wedelte ungeduldig mit seiner freien Hand.

„Crutchley, Mylord.“

Aha, einer der wortkargen Sorte. Plötzlich sprang eine räudig aussehende Tigerkatze in die Halle, machte einen Buckel, knurrte Percy an, als lebte sie in der Illusion, ein Hund zu sein, und stürzte wieder nach draußen.

Wenn es etwas gab, das Percy verabscheute – oder vielmehr, eine ganze Gattung von etwas –, dann waren es Katzen.

Und dann wurde hinter seinem Rücken eine der Eingangstüren geöffnet und wieder geschlossen. Er drehte sich um, weil er wissen wollte, wer die Frechheit besaß, das Haus durchs Hauptportal zu betreten, ohne auch nur einmal pro forma angeklopft zu haben.

Es war eine Frau – noch jung, aber kein Mädchen mehr. Sie trug einen grauen Mantel und eine graue Haube, vielleicht um komplett mit der trüben Landschaft da draußen zu verschmelzen. Sie war groß und schlank, allerdings konnte er nicht erkennen, ob sich unter ihrem Mantel irgendwo Kurven verbargen, die ihre Figur interessant gemacht hätten. Ihr Haar war beinahe, aber nicht ganz blond. Dank der Haube war nicht viel davon zu sehen, noch nicht einmal eine einzige Locke. Sie hatte ovale Gesichtszüge mit hohen Wangenknochen, recht großen, schiefergrauen Augen, einer geraden Nase und einem großen Mund, der aussah, als ob sich darin leicht vorstehende Zähne verbergen könnten. Ein bisschen erschien es so, als wäre sie geradeswegs einer nordischen Saga entstiegen. Wahrscheinlich hätte man ihr Gesicht als schön bezeichnen können – wenn es durch wenigstens einen Hauch von Ausdruck belebt worden wäre. Doch sie starrte ihn einfach nur an, als müsste sie ihn einschätzen. In seinem eigenen Haus.

Das war sein erster Eindruck von ihr. Der zweite, der sich dem ersten rasch zugesellte, lief darauf hinaus, dass sie in etwa so erotisch wirkte wie eine Marmorsäule. Außerdem hatte er seltsamerweise das Gefühl, dass sie Ärger verhieß. Er war nicht an den Umgang mit Frauen gewöhnt, die Marmorsäulen glichen – und unangekündigt und ungebeten in sein Haus eindrangen und ihn anschauten, ohne auch nur ansatzweise Bewunderung oder Erröten zu zeigen oder irgendeine andere vertraute weibliche Waffe ins Spiel zu bringen. Allerdings wäre es kaum möglich gewesen, festzustellen ob sie errötete. Beide Wangen und ihre Nasenspitze waren durch die Kälte bereits leuchtend rot. Was zumindest bewies, dass sie nicht buchstäblich aus Marmor bestand.

„Und wer zum Teufel sind Sie?“, fragte er.

Sie hatte sich diese grobe Reaktion selbst zuzuschreiben, nachdem sie in sein Haus geplatzt war, ohne vorher wenigstens höflichkeitshalber einmal angeklopft zu haben. Trotzdem, er war es nicht gewohnt, grob zu Frauen zu sein.

„Imogen Hayes, Lady Barclay“, informierte sie ihn.

Nun ja, das war ein ordentlicher Schlag ins Gesicht. Der ihn garantiert zu Boden gestreckt hätte, wenn er mit der Faust serviert worden wäre.

„Leide ich etwa an Gedächtnisschwund?“, erkundigte er sich. „Habe ich Sie geheiratet und es dann vergessen? Ich glaube mich zu erinnern, dass ich Lord Barclay bin. Oder um ganz präzise zu sein: der Viscount of Barclay.“

„Wenn Sie mich geheiratet hätten“, erwiderte sie, „was, dem Himmel sei Dank, nicht zutrifft, dann hätte ich mich wohl als Countess of Hardford vorgestellt, nicht wahr? Sie sind doch der Earl, nehme ich an?“

Er drehte sich ihr jetzt vollends zu, um sie direkt anschauen zu können. Ihre Stimme war dunkel und samtig – überlagert von einer Schicht Gift. Und ihre Zähne standen nicht vor. Es hatte nur so ausgesehen, weil ihre Oberlippe sich ganz leicht nach oben bog, ein interessantes Detail. Es hätte sogar betörend sein können, wenn sie auch nur ansatzweise betörend gewesen wäre. Was sie jedoch nicht war.

Percy war es nicht gewohnt, einer Frau gegenüber Abneigung zu empfinden, schon gar nicht einer jungen. Doch in diesem Fall machte er offenbar eine Ausnahme.

Aber langsam dämmerte es ihm.

„Sie sind die Witwe des Sohns meines Vorgängers“, sagte er.

Sie hob die Brauen.

„Ich wusste nicht, dass er eine hatte“, erläuterte er. „Eine Ehefrau, meine ich. Die jetzt eine Witwe ist. Und Sie leben hier?“

„Vorübergehend. Normalerweise wohne ich im Witwenhaus da hinten.“ Sie deutete in eine ungefähre westliche Richtung. „Aber das Dach wird gerade erneuert.“

Er zog die Brauen zusammen. „Über diese Ausgabe wurde ich nicht in Kenntnis gesetzt.“

Ihre Brauen blieben oben. „Es ist nicht Ihre Ausgabe“, teilte sie ihm mit. „Ich bin keine Almosenempfängerin.“

Sie geben Geld für ein Gebäude aus, das vermutlich mir gehört?“, hakte er nach.

„Ich bin die Schwiegertochter des verstorbenen Earls“, gab sie zurück. „Die Witwe seines Sohns. Ich betrachte das Witwenhaus, solange ich dort wohne, als mein Eigentum.“

„Und was passiert, wenn Sie wieder heiraten? Soll ich Ihnen dann etwa die Kosten des Dachs erstatten?“

Warum zum Teufel verbiss er sich eigentlich so in dieses Thema, obwohl er noch kaum einen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte? Und weshalb war er so abscheulich rüde? Weil er Marmorfrauen abstoßend fand? Nein, die Mehrzahl war gar nicht nötig. Er hatte bislang noch nie eine Marmorfrau getroffen. Ihre potenziell schönen Augen zeigten keinen Funken Wärme.

„Das wird nicht passieren“, erklärte sie. „Ich werde nicht wieder heiraten, und ich werde Sie nicht um Erstattung meines Geldes ersuchen.“

„Will keiner Sie haben?“ So, mit dieser Bemerkung hatte er nun wirklich die Grenzen des Anstands gesprengt. Er sollte sich sofort unterwürfig entschuldigen. Stattdessen starrte er sie finster an. „Wie alt sind Sie?“

„Ich denke, dass mein Alter Sie nicht das Geringste angeht“, entgegnete sie. „Ebenso wenig, wie eine Auflistung meiner möglichen Verehrer oder der Mangel derselben. Mr. Crutchley, ich könnte mir vorstellen, dass der Earl of Hardford nun gerne in seine Räumlichkeiten geführt werden würde, damit er den Staub der Reise abschütteln und seine Kleidung wechseln kann. Lassen Sie den Tee bitte in einer halben Stunde im Salon servieren. Lady Lavinia wird erpicht darauf sein, ihren Cousin kennenzulernen.“

„Lady Lavinia?“ Sein Blick durchbohrte sie förmlich.

„Lady Lavinia Hayes ist die Schwester des verstorbenen Earls“, erklärte sie. „Sie wohnt hier. Wie auch derzeit Mrs. Ferby, ihre Gesellschafterin und Cousine mütterlicherseits.“

Sein Blick wurde noch durchdringender. Aber er konnte absolut keinen Hinweis darauf entdecken, dass sie ihn necken könnte. „Nicht im Witwenhaus, wenn es über ein Dach verfügt?“

„Nein, hier“, bekräftigte sie. „Mr. Crutchley, wenn Sie so freundlich wären?“

„Folgen Sie mir, Mylord“, sagte der Butler. In diesem Moment hörte Percy das sich nähernde Geräusch von Rädern. Das musste sein Zweispänner sein. Einen kurzen Moment lang spielte Percy mit dem Gedanken, nach draußen zu stürmen, die Stufen hinunterzurennen, in das Gefährt zu springen und seinem Burschen zuzurufen, er möge die Pferde durchgehen lassen, vorzugsweise in Richtung London. Aber es wäre eine Schande gewesen, seinen Lieblingsfuchs zurückzulassen.

Also drehte er sich um und folgte dem Butler, der bereits losmarschiert war. Watkins und das Gepäck würden allerdings noch eine Weile brauchen. Lady Barclay und Lady Lavinia Hayes und Mrs. Ferby mussten ihn wohl oder übel in all seiner staubigen Pracht zum Tee empfangen.

Drei Frauen. Na großartig! Wenn das keine sichere Kur gegen Langeweile war – und alles andere, woran er kranken könnte.

Es würde ihm eine Lehre sein, nie mehr in volltrunkenem Zustand spontane Entscheidungen zu treffen.

3. KAPITEL

Ich habe die Laken eigenhändig geprüft“, sagte Tante Lavinia. „Und ich bin ziemlich sicher, das sie gut gelüftet sind. Ich hoffe, dass er kein Wechselfieber bekommt, wenn er darauf schläft.“

„Natürlich nicht“, versicherte Imogen ihr. Sämtliches Bettzeug auf Hardford war gut gelüftet, da es bei Nichtgebrauch im Wäschetrockenschrank aufbewahrt wurde.

„Es sei denn, er ist ein älterer Herr und hat es bereits“, fügte Tante Lavinia hinzu. „Oder Rheuma. Ist er schon älter, Imogen?“

„Nein, ist er nicht.“

„Und ist er verheiratet? Hat er Kinder? Und werden sie und seine Gattin ihm hierher folgen? Oh, es ist wirklich traurig, dass wir so wenig über ihn wissen. Ich halte gar nichts von Familienfehden. Das habe ich noch nie. Wenn in Familien kein Frieden und keine Harmonie herrschen können, wozu sind Familien dann gut?“

„Lavinia, wenn du mir auch nur eine Familie zeigst, die von sich behauptet, in Frieden, Harmonie und Liebe zu leben“, warf Cousine Adelaide ein. „Dann leite ich höchstpersönlich die Suche nach den Leichen im Keller. Wie kann man nur eines Mannes wegen so einen Aufstand machen.“

„Ich kann gar nicht glauben, dass ich seine Ankunft überhört habe, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, alles für ihn vorzubereiten“, jammerte Tante Lavinia. „Aber wir konnten schließlich nicht wissen, dass er jetzt schon eintreffen würde, nicht wahr? Was wird er nur von mir denken?“

„Du solltest dir an mir ein Beispiel nehmen“, bemerkte Cousine Adelaide. „Und dich nicht darum scheren, was irgendjemand von dir denkt. Erst recht, wenn es sich um einen Mann handelt.“

Tatsächlich war Tante Lavinia entsetzt gewesen, als sie erfahren hatte, dass sie die Ankunft des Earls verpasst hatte und somit die Gelegenheit, pflichtschuldigst vor ihm in der Halle zu knicksen. Nun saß sie angespannt wie eine aufgezogene Feder im Salon und wartete darauf, dass Seine Lordschaft sich zum Tee einfand.

„Ich habe nicht daran gedacht, ihn zu fragen, ob er verheiratet ist“, erwiderte Imogen. Falls dem so war, bemitleidete sie die Countess aus ganzem Herzen. Sie entwickelte nicht oft eine Abneigung gegen Menschen, die sie gerade erst kennengelernt hatte. Doch der Earl of Hardford vereinte in seiner Person alles, was sie bei einem Mann verabscheute. Er war grob und arrogant und anmaßend. Und zweifellos hatte es nie jemanden gegeben, der ihn zur Rechenschaft gerufen hätte. Er gehörte zu der Sorte, die von Männern bewundert und von Frauen umschwärmt und umschmeichelt wurde. Männer folgten ihm sklavisch, Frauen gerieten seinetwegen in Verzückung. Imogen kannte diesen speziellen Typ. Die Offiziersmessen, die sie betreten hatte, waren voll davon gewesen. Zum Glück – zu ihrem großen Glück – war ihr Gatte nicht so gewesen. Andernfalls hätte sie ihn auch nicht geheiratet.

„Du hast nicht zufällig Prudence gesehen, Imogen?“, fragte Tante Lavinia. „Die anderen sind alle sicher im Zimmer der zweiten Haushälterin eingesperrt, auch wenn Bruce das absolut nicht gefallen hat. Aber Prudence war nicht aufzufinden. Ich hoffe, dass sie sich nicht irgendwo versteckt, um im unpassendsten Moment aufzutauchen.“

„Nein, habe ich nicht“, erwiderte Imogen. „Der Earl of Hardford hatte übrigens keine Ahnung, dass ich existiere. Oder du. Oder Cousine Adelaide.“

„Du liebe Zeit!“, rief Tante Lavinia. „Wie peinlich. Aber er hätte wirklich Erkundigungen einziehen müssen. Oder vielleicht hätten wir ja auch schriftlich gratulieren müssen, als er den Titel übernahm, dann hätte er um unsere Existenz gewusst. Doch zu der Zeit war ich einfach zu verstört über das Ableben des armen Brandon. Dickys Papa“, fügte sie hinzu, für den Fall, dass Imogen oder ihre Cousine nicht nachvollziehen konnten, wer mit Brandon gemeint war.

Die Tür zum Salon öffnete sich unvermittelt – ohne dass ein höfliches Klopfen oder gar Mr. Crutchley den Ankömmling angekündigt hätten.

Der Earl of Hardford hatte sich nicht umgezogen. Sein Gepäck war höchstwahrscheinlich noch unterwegs. Schließlich war er ja zu Pferd angekommen. Zweifellos folgte ihm eine Kutsche. Oder zwei Kutschen. Oder drei, dachte Imogen gehässig. Seinen Hut und den graubraunen Mantel hatte er abgelegt, aber die Reitkleidung, die er noch anhatte, war sehr offensichtlich teuer und nach allen Regeln der Kunst geschneidert. Rock und Breeches betonten seine hochgewachsene, kräftige Figur, die keinerlei erkennbaren Makel zeigte. Sein Leinenhemd wirkte, angesichts der Tatsache, dass er darin gereist war, noch erstaunlich weiß und frisch, und er hatte augenscheinlich auch etwas gefunden, mit dem er seine Stiefel hatte wieder auf Hochglanz bringen können. Imogen kam zu dem Schluss, dass er entweder ein sehr reicher Mann war – aber so weit sie wusste, erwirtschaftete Hardford keinen bemerkenswerten Gewinn – oder sich die unbezahlten Rechnungen bei seinem Schneider und Schuhmacher meterhoch stapelten. Vermutlich letzteres, entschied sie – wild entschlossen, das Schlechteste von ihm zu denken. Sein Haar war frisch gekämmt. Es war dunkel, dicht, glänzend und perfekt frisiert.

Er lächelte – und sogar seine Zähne waren perfekt und strahlend weiß.

Er verbeugte sich mit routinierter Eleganz, während Tante Lavinia aufsprang und in ihren allerförmlichsten Knicks sank. Cousine Adelaide blieb ungerührt sitzen. Imogen stand auf, weil sie sich nicht dazu verleiten lassen wollte, seine vorherige Grobheit mit eigener Unhöflichkeit zu vergelten.

„Madam.“ Er richtete die volle Kraft einer geradezu vernichtenden Charmeattacke auf Tante Lavinia. „Lady Lavinia Hayes, nehme ich an? Ich bin entzückt, endlich Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich muss mich wirklich dafür entschuldigen, dass ich so kurzfristig über Sie herfalle, und bitte ebenfalls um Nachsicht, dass ich meinem Gepäck und meinem Kammerdiener sehr weit vorausgeritten bin – und mich dadurch gezwungen sehe, in derart unangemessener Kleidung in Ihrem Salon zu erscheinen. Hardford, Madam, zu Ihren Diensten.“

Alle Achtung!

Tante Lavinias Wangen erglühten rosig, und sie legte dramatisch die Hände an die Brust. „Sie brauchen sich auf keinen Fall dafür zu entschuldigen, dass Sie Ihr eigenes Zuhause aufzusuchen, Cousin“, versicherte sie ihm. „Oder um Nachsicht zu bitten, wenn Sie sich hier zwanglos kleiden. Und nennen Sie mich doch bitte Cousine, nicht Lady Lavinia, als ob wir Fremde wären.“

„Ich fühle mich geehrt, Cousine Lavinia“, erwiderte er. Dann lächelte er Imogen an, und seine sehr blauen Augen funkelten spöttisch. „Und, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf … Cousine Imogen? Dann müssen Sie aber auch Cousin Percy zu mir sagen. Schließlich sind wir eine glückliche Familie.“

Sein Charme richtete sich auf Cousine Adelaide.

„Darf ich Ihnen Mrs. Ferby vorstellen, Cousin Percy?“ Tante Lavinia klang etwas aufgeregt. „Sie ist eine Cousine mütterlicherseits und daher nicht mit Ihnen verwandt. Allerdings …“

„Mrs. Ferby.“ Er verbeugte sich. „Vielleicht können wir einander ja als Cousin und Cousine ehrenhalber betrachten.“

Sie können sich betrachten, als was immer Sie wollen, junger Mann“, gab sie zurück.

Die Andeutung, dass sie eine derartige Betrachtung keinesfalls in Erwägung ziehen würde, brachte ihn nicht etwa in Verlegenheit. Vielmehr wirkte sein Lächeln plötzlich aufrichtig erheitert, was ihn noch attraktiver machte.

„Vielen Dank, Madam“, meinte er.

Tante Lavinia führte ihn umständlich zu dem großen Sessel links neben dem Kamin. Das war stets der Stammplatz ihres Bruders gewesen, und selbst nach dessen Tod hatte sich niemand dort niederlassen dürfen. Fast unmittelbar darauf wurde der Tee serviert, dazu eine große Platte mit Scones und Schüsseln mit Rahm und Erdbeermarmelade.

Unglücklicherweise hatten die Dienerinnen nach ihrem Eintreten die Tür nicht wieder geschlossen. Und ebenfalls unglücklicherweise musste jemand die Tür zum Zimmer der zweiten Haushälterin geöffnet haben – Imogen hatte nie herausgefunden, warum der Raum so genannt wurde, da es eine solche Person in Hardford Hall nie gegeben hatte. Noch bevor das Tablett abgesetzt worden war und Imogen sich dahinter platziert hatte, um den Tee einzugießen, brach eine Invasion über den Salon herein. Hunde bellten, jaulten und hechelten, während sie ihren Ruten nachjagten und lüsterne Blicke auf die Scones warfen. Katzen miauten, kratzten und knurrten – Letzteres war Prudence, die offenbar nicht länger vermisst wurde –, sprangen auf Beine und Möbel und beäugten begehrlich das Milchkännchen.

In der ganzen Meute gab es nicht ein einziges wirklich hübsches oder ansehnliches Tier. Einige der Eindringlinge waren sogar ausgesprochen hässlich.

Imogen schloss kurz die Augen, öffnete sie dann aber wieder, um die Reaktion des Earls zu beobachten. Das würde doch bestimmt das Lächeln aus seinem Gesicht wischen und den Charme ersticken, der ihm aus allen Poren sickerte. Blossom, die Katze mit dem dichtesten Fell, das auch am meisten haarte, war ihm auf den Schoß gesprungen, hatte ihm unheilvoll ins Gesicht gestarrt und sich dann zu einem struppigen Ball zusammengerollt.

„Ach, du liebe Zeit.“ Tante Lavinia war aufgestanden und rang verzweifelt die Hände. „Jemand muss die Zimmertür der zweiten Haushälterin geöffnet haben. Raus hier, alle miteinander. Husch, husch! Es tut mir ja so leid, Cousin Percy. Jetzt haben Sie überall Haare auf Ihrer … Reithose.“ Wieder erglühten ihre Wangen rosarot. „Blossom, runter mit dir. Das ist ihr Lieblingssessel, müssen Sie wissen, weil er so nah am Feuer steht. Vielleicht hat sie gar nicht bemerkt … Ach, du liebe Zeit.“

Imogen griff zur Teekanne.

Bruce, die Bulldogge, hatte nach längerem geräuschvollem Schnüffeln die Fußmatte vor dem Kamin für sich beansprucht und war eingeschlafen. Rechts und links neben ihm hatten sich Fluff, die nicht flauschig, und Tiger, der nicht wild war, ebenfalls zur Ruhe gebettet. Die beiden waren Katzen. Benny und Biddy wiederum waren Hunde, der eine groß und schlaksig mit Hängebacken und Hängeohren und Armesündermiene, der andere klein, aber lang, fast wie eine Wurst, mit so kurzen Beinen, dass sie von oben praktisch unsichtbar waren. Die beiden umkreisten einander und beschnüffelten so lange gegenseitig ihre Hinterteile – was für Biddy eine echte Herausforderung war – bis sie sich schließlich davon überzeugt hatten, dass sie einander bereits kannten. Dann ließen sie sich nebeneinander unter dem Fenster nieder. Die getigerte Prudence hatte vor dem Teetablett Stellung bezogen, machte einen Buckel und knurrte Hector an. Bei diesem jüngsten Zuwachs zum Haushalt – den Earl nicht mitgerechnet – handelte es sich um einen Hund von äußerst gemischter Rasse. Die Beine waren erschreckend dürr, und durch das stumpfe, fleckige Fell zeichneten sich deutlich die Rippen ab. Seine eineinhalb Ohren waren aufgestellt, und der nur noch zu drei Vierteln vorhandener Schwanz wedelte schüchtern. Er stand neben dem Sessel des Earls und schaute zu dem Mann auf. Seine Augen, die sich aus einem spitzen, hässlichen Gesicht wölbten, flehten stumm um etwas. Erbarmen vielleicht? Oder Liebe?

Tante Lavinia machte mit beiden Armen scheuchende Bewegungen. Keines der Tiere nahm auch nur die geringste Notiz von ihr.

„Bitte setzen Sie sich doch wieder hin, Cousine Lavinia“, bat der Earl. Er zog von irgendwoher ein Monokel hervor, hielt es sich aber zunächst nicht ans Auge. „Früher oder später hätte ich der Menagerie ja doch begegnen müssen, und warum nicht früher. Tatsächlich glaube ich, bereits flüchtige Bekanntschaft mit der knurrenden Tigerkatze geschlossen zu haben. Sie – oder er? – lief bei meiner Ankunft durch die Eingangshalle, um mir ihr Missfallen mitzuteilen.“

„Sie weiß nicht, dass Katzen fauchen und Hunde knurren“, erklärte Imogen und stellte seine Tasse und Untertasse neben ihm ab.

Sie schaute ihn an. Er lächelte nicht mehr, hatte aber, wie sie ihm zugestehen musste, nichts von seiner Haltung eingebüßt. Sie griff nach Blossom und hob sie von seinem Schoß, wobei die Rückseiten ihrer Finger ihm über die Schenkel strichen. Er hob eine Braue und erwiderte ihren Blick. Sie beugte sich vor, setzte die Katze auf dem Boden ab und machte Anstalten, ihm einen Scone zu reichen.

„Vielleicht könnte mir ja jemand erklären“, sagte der Earl verdächtig höflich, „warum mein Haus von einem Rudel streunender Hunde und Katzen besetzt zu sein scheint.“

„Freiwillig hätte sie sich bestimmt niemand als Haustier ausgesucht“, erwiderte Cousine Adelaide freimütig. „Sie sind ein ungewöhnlich unsympathischer Haufen.“

„Auf dem Land gibt es jede Menge heimatlose Streuner“, fügte Tante Lavinia hinzu. „Die meisten Leute verjagen sie oder gehen mit Stöcken oder Besen oder sogar Gewehren auf sie los. Und irgendwie scheinen sie am Ende immer hier zu landen.“

„Was womöglich daran liegt, dass Sie Mitleid mit ihnen haben, Madam.“ Seine Stimme klang seidenglatt.

Autor

Mary Balogh
Mary Balogh wuchs als Mary Jenkins in der Nachkriegszeit in Wales auf. Ihre Kindheit war sehr idyllisch, auch, wenn ihre Heimatstadt Swansea im Krieg sehr zerbombt wurde. Sie wuchs mit einer zwei Jahre älteren Schwester auf, die sowohl ihre Seelenverwandte als auch ihre Spielgefährtin war. Als Kinder füllten beide Notizbücher...
Mehr erfahren