Gone to Texas - Stille meine Sehnsucht, Cowboy!

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STILLE MEINE SEHNSUCHT
von RUTH JEAN DALE

Dani hatte gehofft, zusammen mit ihren Schwestern die geerbte Ranch bewirtschaften zu können. Doch in Texas angekommen, stellt sie fest, sie den heruntergekommenen Besitz nur mit fremder Hilfe in Schwung bringen werden. Genau diese Meinung vertritt auch der Cowboy Jack Burke, der ihr tatkräftig unter die Arme greift. Aber nicht nur bei der Arbeit beginnt Dani seine zupackende Art zu schätzen -auch seine wilden Küsse genießt sie. Heiße Sehnsucht, von diesem starken Mann geliebt zu werden, erwacht in ihr. Soll sie ihm zeigen, dass sie sich nur zu gern von ihm verführen lassen möchte?

KÜSS MICH, COWGIRL!
von RUTH JEAN DALE

Ranchurlaub mit eigenem Cowboy: Diese Idee füllt Tonis Ferienhäuser mit unternehmungslustigen Amazonen - und einem Mann! Und weil der gleichen Service für alle fordert, muss Toni wohl oder übel sein persönliches Cowgirl sein. Ein Job, der sich als ausgesprochen aufregend erweist, denn der umwerfend männliche Simon lässt Tonis Puls rasen. Dass er sie erobern will, daran hat Toni nach heißen Liebesspielen keine Zweifel mehr. Dass er aber mehr als eine Affäre will, kann sie sich nicht vorstellen. Denn auch wenn ihr Freizeitcowboy ein hinreißender Liebhaber ist - mehr als eine Ferienwoche scheint ihnen nicht gegönnt...

TEXAS QUEEN
von RUTH JEAN DALE

Liebevoll schlingt Clay die Arme um Niki und zieht sie eng an sich. Diese Frau ist absolut überwältigend! Und doch hat sie einen winzigen Fehler: Sie ist ein eigensinniger Dickkopf. Sie will einfach nicht an der Wahl zur "Queen of the Cowgirls" teilnehmen. Und das könnte Clay den Job kosten, denn er hat den Auftrag, sie zu überreden, bei dem Wettbewerb mitzumachen. Niki ist zwar heiß in Clay verliebt, und sie erfüllt ihm zärtlich jeden Wunsch. Nur den einen nicht - als Cowgirl aufzutreten. Sie hat nämlich schreckliche Angst vor Pferden. Erst als sie erfährt, dass Clay ihretwegen seine Stellung verliert, fasst sie einen mutigen Entschluss: Mit Herzklopfen kommt sie hoch zu.Ross zur Misswahl. Wird sie die Texas Queen?

  • Erscheinungstag 21.10.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751513173
  • Seitenanzahl 357
  • E-Book Format ePub
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Ruth Jean Dale

Gone to Texas - Stille meine Sehnsucht, Cowboy!

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Ruth Jean Dale

Stille meine Sehnsucht

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Produktion:

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Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

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1. KAPITEL

In Elk Tooth geschah eigentlich alles Interessante im Gemeindezentrum.

Das hübsche Holzgebäude am Rand des kleinen Ortes in Montana diente für Partys und Hochzeiten, politische Versammlungen und Clubtreffen.

Tilly Collins lebte jetzt seit über fünfzig Jahren in diesem Ort, aber noch nie hatte sie so viele traurige Gesichter auf einmal gesehen. Verständlich war das allerdings schon, denn drei der begehrtesten jungen Frauen von ganz Montana zogen aus Elk Tooth weg, zusammen mit ihrer beliebten und immer gut gelaunten Großmutter.

“Möchtest du noch ein Glas Punsch, Tilly?”

Mason Kilgore, der Fotograf, der auch Vorsitzender der örtlichen Handelskammer war, reichte ihr einen kleinen Pappbecher. Tilly bedankte sich lächelnd.

Ungläubig schüttelte Mason den Kopf. Er saß auf einem Klappstuhl neben Tilly. “Ich fasse es immer noch nicht, dass du mit den Mädchen wegziehst. Da bin ich mal zwei Wochen nicht in der Stadt, und gleich passiert so etwas.”

“Uns hat es ja auch überrascht”, gab Tilly leise lachend zu. “Wir konnten doch nicht damit rechnen, dass der nichtsnutzige Vater der Drillinge, der die Mutter und die Kinder vor all den Jahren verlassen hat, ihnen etwas vererbt.”

Mason verzog das Gesicht. “Dass ihr eine Ferien-Ranch übernehmen und weiterführen wollt, verstehe ich ja. Aber in Texas?”

“Doch, sogar in Texas.” Tilly nickte bekräftigend. “Es ist das einzig Vernünftige, was Will Keene jemals für seine Mädchen getan hat.”

“Wann geht’s denn los?”

“Morgen früh. Unser Gepäck haben wir schon vorausgeschickt. Die Mädchen und ich fahren mit dem Pferdeanhänger hinterher. Ohne ihr Pferd würde Dani nirgendwo hingehen.”

“Das ist doch klar. Dieser Appaloosa ist sehr viel Geld wert, und Dani ist klug genug, um das zu wissen.”

Tilly sah zu Danielle. Sie war die älteste der fünfundzwanzigjährigen Drillinge, sprachgewandt und ehrgeizig, und galt als die klügste der Schwestern.

Sie stand beim Punschtopf und unterhielt sich mit dem älteren Rancher, für den sie in den vergangenen Jahren gearbeitet hatte. Der Blick ihrer braunen Augen wirkte verständnisvoll, als sie nickte. Sie trug Jeans und Stiefel, und das wellige dunkelbraune Haar fiel ihr bis auf den Rücken. Dani Keene war genauso schön wie klug, und das fiel nicht nur ihrer stolzen Großmutter auf.

“Wie wird Toni denn damit fertig?”, erkundigte Mason sich. “Ich weiß, dass sie mit dem jungen Barnes zusammen ist. Ist das denn etwas Ernstes?”

“Für sie nicht.”

Tilly verschwieg, dass Antonia ohnehin nach einem Weg gesucht hatte, um sich von Tim Barnes zu trennen. Sie galt als der “nette” Drilling, und genau deswegen fiel es ihr auch schwer, Tim die Wahrheit zu sagen, da es ihn bestimmt verletzen würde. Von Anfang an war er für sie nicht der Richtige gewesen, denn Toni träumte insgeheim von einem Cowboy.

Toni stand bei Tim Barnes und strich ihm aufmunternd über den Arm. Ihre dunklen Augen blickten traurig. An Toni bemerkten alle immer zuerst, wie nett sie war. Erst anschließend fiel ihnen die Schönheit ihres lockigen hellbraunen Haars und ihres schlanken Körpers auf.

Tilly blickte zu dem bedrückten Mann neben sich. “Ich schätze, bei Niki fällt es dir am schwersten, sie gehen zu lassen.”

“Jemanden wie sie werden wir niemals wieder hier im Ort sehen”, stellte Mason traurig fest. “Texas kann sich freuen, eine solche Frau zu bekommen.”

Tilly konnte ihn verstehen. Niki hatte fünf Jahre für Mason gearbeitet, sowohl im Fotoatelier als auch in der Handelskammer. Sie galt als die Schöne der Drillinge und hatte drei Jahre in Folge den Schönheitswettbewerb von Elk Tooth gewonnen.

Auch in dieser Menschenmenge war sie leicht auszumachen. Niki war immer von Männern umgeben. Sie war etwas größer als ihre Schwestern, das dichte glatte Haar reichte ihr bis zu den Hüften. Im Gegensatz zu ihren Schwestern hatte sie das schwarze Haar und die blauen Augen von Will Keene geerbt. Von wem sie die langen Beine hatte, konnte allerdings niemand sagen.

Nicole Keene war die attraktivste Frau, die jemals in Elk Tooth gelebt hatte, und dennoch war sie immer bescheiden geblieben.

Mason stand auf, und es knackte in seinen Knien. “Daran kann man wohl nichts ändern”, sagte er. “Ich gehe jetzt nach Hause. Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft, Tilly.”

“Danke. Das wünsche ich dir auch.” Sie sah ihm nach und überlegte, was für Abenteuer ihnen in Texas bevorstehen mochten. Hoffentlich würden ihre Enkelinnen dort ihr Glück finden.

Die Drillinge und ihre Grandma packten die letzten Sachen in den Jeep. Es war ein schöner Märztag, und nachdem sie Danis Wallach in den Anhänger geführt hatten, standen sie alle noch einen Moment vor dem kleinen Haus am Stadtrand. Dieses Haus war ihr Heim gewesen, seit ihre Mutter bei einem Reitunfall ums Leben gekommen war. Die Mädchen waren sieben Jahre alt gewesen und zu ihrer Großmutter gezogen.

Seufzend strich Toni sich das Haar aus dem Gesicht. “Jetzt, wo wir wirklich losfahren …” Ihre Stimme stockte. “Mir kommt es seltsam vor, dieses Haus zu verlassen. Glaubt ihr, die neuen Besitzer werden hier so glücklich sein, wie wir es waren?”

“Auf jeden Fall.” Niki zog ihre Schwester in die Arme. “Es ist nur ein Haus”, sagte sie aufmunternd. “Solange wir zusammen sind, ist es egal, wo wir leben. Außerdem wartet in Texas ein schöneres Zuhause auf uns.”

“Das kann schon sein.” Dennoch glitzerten Tränen in Tonis Augen.

Dani sah ihre Schwestern lächelnd an. “Ich dachte mir schon, dass ihr zwei noch die Fassung verliert. Dagegen kann etwas unternommen werden.” Sie lief ums Haus herum zur Koppel.

Ihre Schwestern sahen die Großmutter an, doch die zuckte nur mit den Schultern.

Mit einem Holzschild kam Dani zurück. “Seht her”, sagte sie stolz und zeigte den anderen, was sie auf das Schild geschrieben hatte: Verzogen nach Texas!

“Ja und?”, fragte Toni.

“Hast du denn im Geschichtsunterricht geschlafen?” Niki schüttelte tadelnd den Kopf. “Solche Schilder haben die ersten Siedler auch überall an ihre Häuser genagelt, wenn sie sich auf den Weg ins gelobte Land machten.”

Jetzt musste Toni lachen. “Ich habe noch nie an Texas als das gelobte Land gedacht.”

“Das ist es aber”, widersprach Dani. “Das Glück wird uns in den Schoß fallen, meine Damen, wir müssen es uns nur noch schnappen. Helft mir mal beim Annageln.”

Unter viel Gekicher nagelten sie zu dritt das Schild an die Haustür und stiegen nach einem letzten Blick auf ihr Haus mit ihrer Großmutter in den Jeep.

“Wir gehen nach Texas!”, rief Dani aus, als sie losfuhr. “Bei den Siedlern hat es geklappt, dann werden wir auch Erfolg haben.”

Tilly, die auf dem Rücksitz saß, hoffte inständig, dass Dani recht hatte.

Im “Sorry Bastard Saloon” in Hard Knox bekam man das beste Barbecue in ganz Texas, und hier trafen sich alle aus dem Ort. Junge Cowboys und auch die übrigen Dorfbewohner waren an diesem Samstagnachmittag im März hier versammelt. Jack Burke war einer von ihnen.

Bis vor kurzem konnte der “Sorry Bastard Saloon” auch mit den schönsten Kellnerinnen von ganz Texas aufwarten, aber die hatten leider geheiratet. Heiraten war allerdings etwas, das für Jack Burke nicht infrage kam.

“Hey!” Einer der Cowboys drängte sich an die Bar und schrie Jack an. “Ich habe gesagt, du sollst mir bitte die scharfe Soße reichen!”

“Oh, tut mir leid.” Jack reichte die kleine Flasche mit dem roten Inhalt weiter und aß den letzten Rest seines mit Grillfleisch belegten Sandwiches. “Ich war in Gedanken.”

“Ja.” Der Cowboy nickte. “Wir alle denken darüber nach, was wohl passiert, wenn die Keenes kommen und die Bar-K-Ranch übernehmen. Wirklich schade, dass dein Vater und dein Großvater die Ranch jetzt nicht aufkaufen können. Ihr standet so kurz vor der Übernahme, und ausgerechnet da gibt der alte Will Keene den Löffel ab.”

Alle ringsum nickten zustimmend. Jeder hatte den alten Will Keene gekannt, gemocht hatte ihn niemand, schon gar nicht die Burkes von der XOX-Ranch. Will war launisch und missmutig gewesen, doch seiner Frau zuliebe hatten die Nachbarn Frieden mit ihm gehalten.

Miss Elsie Knox war von allen verehrt worden, zumal ihre Familie schon seit der Gründerzeit in Hard Knox lebte. Der ganze Ort war nach einem ihrer Vorfahren benannt worden. Lange Jahre hatte sie auf ihren Traumprinzen gewartet. Wieso sie dann den dahergelaufenen Will Keene vor fünf Jahren geheiratet hatte, konnte sich niemand erklären. Doch genau das hatte sie getan, und um sie nicht zu kränken, hatten alle im Ort versucht, sich mit dem Fremdling abzufinden.

Es ging alles ganz gut, bis Miss Elsie starb. Wie die Geier fielen alle über Will her, um ihn, der ständig nur Ärger machte, endlich loszuwerden.

Am liebsten hätte man ihm die Ranch abgekauft. Drei Nachbarn, deren Grundstücke an die Bar-K-Ranch grenzten, machten dem Witwer großzügige Angebote, unter ihnen auch Jacks Vater und Großvater. Aber der alte Keene, der immer wunderlicher wurde, lehnte ab und beschimpfte die Bieter lediglich.

Also konnten alle nur kopfschüttelnd mit ansehen, wie es mit der kleinen Bar-K-Ranch bergab ging.

Jetzt kamen Wills drei Söhne, um die Ferien-Ranch zu übernehmen, und darüber freute sich im Ort auch keiner.

“Die Keenes müssten eigentlich jeden Tag eintreffen”, stellte einer der Cowboys an der Bar fest. “Die werden sich noch wundern, was für Arbeit auf sie zukommt, bevor sie da wieder Gäste unterbringen können.”

“Die werden mit allen Mitteln versuchen, Hilfe zu bekommen”, meinte Joe Bob Muskowitz, der am anderen Ende des Tresens saß. “Ihr Daddy hat hier mit allen im Ort irgendwann einmal Streit angefangen, und wahrscheinlich sind seine Jungs auch nicht besser.”

Ernsthaft stimmten alle zu. Alle außer Jack. Obwohl es ihm missfiel, musste er widersprechen. Es war schlimm, in der Schuld eines Mannes zu stehen, den man nicht mochte. Noch schlimmer war es, wenn dieser Mann starb, bevor man diese Schuld wiedergutmachen konnte.

“Will Keene war nicht so schlecht”, erklärte Jack.

“Was soll das denn jetzt heißen?”

Joe Bob blickte den fragenden Cowboy ungläubig an. “Weißt du denn nicht mehr, was letztes Jahr mit Jacks Grandpa passiert ist? Er ist doch mit seinem Pick-up verunglückt. Und Will hat den alten Austin aus dem Wagen gezogen, bevor der Benzintank explodierte. Er hat ihm das Leben gerettet.”

“Stimmt das, Jack?”, wollte der andere wissen.

“So ungefähr”, erwiderte Jack brummig. Er mochte es nicht, wenn alle über seine Angelegenheiten diskutierten, doch das ließ sich in einem Nest wie Hard Knox kaum vermeiden.

“Trotzdem möchte ich nicht in der Haut von den Keenes stecken”, warf Joe Bob ein. “Wie ich höre, sind es Drillinge, und sie heißen Danny, Nicky und Tony. Süß, oder?”

“Gegen die Vornamen habe ich nichts”, erwiderte der andere Cowboy. “Es ist der Nachname, der mich stört.”

“Stimmt. Man darf keinem Keene trauen, weder den alten, noch den jungen.” Wieder nickten alle zustimmend.

Jack überlegte, ob er Will Keene noch einmal verteidigen sollte. Aber wenn Will seinem Grandpa nicht das Leben gerettet hätte, würde er dieselbe Meinung wie alle anderen vertreten. Und sein Grandpa fuhr auch heute noch genauso schlecht wie damals, als er sich mit dem Wagen überschlagen hatte. Er räusperte sich. “Wir sollten uns die Jungs erst einmal ansehen. Vielleicht sind sie ganz in Ordnung.”

“Wenn sie aus Montana kommen?” Miguel Reyes hob ungläubig die Augenbrauen. “Da ist es eiskalt, und die Leute sind bleich und verschlossen.” Wie zur Bestätigung sah er auf seine gebräunten Hände.

“Ja, und sie reden da auch so komisch”, mischte ein anderer sich ein. “Ich habe gehört, dass sie dort …”

Die Tür flog auf, und Dylan Sawyer, ein junger Cowboy von der XOX-Ranch, streckte den Kopf herein. “Aufgepasst, alle Mann! Die Keenes sind in der Stadt! Gerade habe ich einen staubigen Jeep aus Montana gesehen, der vor dem Café gehalten hat. Kommt, sehen wir uns die Knaben an.”

Blitzartig leerte sich der “Sorry Bastard Saloon”, nur noch Jack saß einen Moment allein bei Rosie Mitchell, der Besitzerin, die hinter dem Tresen stand.

Sie sah ihn an und verdrehte dann die Augen. “Das war’s wohl mit meinem Umsatz für heute. Wenigstens du bist mir treu geblieben.”

“Freu dich nicht zu früh, Rosie.” Jack stand vom Barhocker auf und suchte aus der Hosentasche ein paar Geldscheine heraus, die er auf den Tresen legte. “Die Keenes mag ich genauso wenig wie alle anderen, aber ich zahle immer meine Schulden.”

Und je eher er das konnte, desto besser. Er wollte ein für alle Mal mit den Keenes ins Reine kommen.

Das “Y’all Come Café” war nur anderthalb Blocks vom Saloon entfernt, und als Jack sich dem kleinen Gebäude näherte, sah er gerade die letzten Cowboys darin verschwinden. Die Keene-Brüder taten ihm fast leid.

Gerade wollte auch er hineingehen, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung sah und sich umdrehte. Eine Frau kam vom Parkplatz her um die Ecke und führte den schönsten Wallach an der Leine, den Jack je gesehen hatte.

Die Frau bemerkte ihn auch, und als sie sich in die Augen sahen, hätte Jack nicht einmal mehr sagen können, ob das Pferd ein Schimmel oder ein Rappe war. Sie trug eine fransige Lederjacke, und der Wind fuhr ihr durchs Haar. Sie sah noch atemberaubender als das Pferd aus, und das wollte schon einiges heißen.

Fragend hob sie die schmalen Augenbrauen und wandte sich dann um. Das Pferd folgte ihr. Sie führte das Tier auf und ab, anscheinend wollte sie, dass es sich nach der langen Fahrt die Beine vertrat. Der Frau waren die Bedürfnisse ihres Pferds offenbar wichtiger als ihre eigenen.

Das gefiel Jack. Die Fremde kannte sich mit Pferden aus. Als sie wieder in seine Richtung kam, lächelte er sie an. “Wie geht’s?”, fragte er. “Sind Sie gerade in die Stadt gekommen?”

Leicht spöttisch riss sie die Augen auf. “Nein, wie kommen Sie bloß darauf?”

“Was soll ich sagen?” Er ging auf ihr Spiel ein und zuckte die Schultern. “Sind Sie auf der Durchreise?”

“Stimmt.”

“Darf ich fragen, wo Sie hinwollen?”

“Nein, das dürfen Sie nicht.” Sie drehte sich um und führte das Pferd von Jack weg.

Als sie am Ende des kleinen Parkplatzes ankam, konnte sie nicht anders. Sie musste wieder zurück. Dort wartete Jack schon auf sie.

“Es sollte nicht neugierig klingen”, bemerkte er.

“Tat es aber.” Allerdings wirkte sie etwas besänftigt.

“Ich würde Ihnen gern mit dem Pferd helfen, wenn Sie …”

“Wenn Sie mein Pferd anfassen, sind Sie ein toter Mann.” Wütend blickte sie ihm in die Augen.

“Entschuldigung.” Er hob die Hände und trat einen Schritt zurück. “Ich wollte nur behilflich sein.”

“Tja, das ist nicht nötig.”

Ihrem Blick nach zu urteilen, traute sie ihm durchaus zu, ein Pferdedieb zu sein. Als sie sich dieses Mal umwandte, tat er es auch. Dann gehe ich eben auch ins Café und sehe mir die Keene-Brüder an, dachte er.

Misstrauisch blickte Dani dem großen gut aussehenden Cowboy nach, der das Café betrat. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren kannte sie Männer gut genug, um zu wissen, dass kein Fremder sie ohne irgendwelche Hintergedanken ansprach. Normalerweise wollten die Kerle über sie nur irgendwie an ihre Schwestern herankommen, aber dieser hier hatte Toni und Niki noch gar nicht gesehen, also musste er an Sundance, ihrem Pferd, interessiert sein.

Granny sagte immer, Dani sei zu misstrauisch, aber das fand Dani nicht. Immer benutzten die Männer sie, um mit ihren Schwestern anzubändeln, und seit Dani das durchschaut hatte, wehrte sie sich mit ihrer Schlagfertigkeit gegen jeden plumpen Annäherungsversuch.

Seufzend führte sie Sundance um das Gebäude herum zurück in den Anhänger. Ohne jedes Zögern gehorchte das Tier.

“Wir haben’s fast geschafft, mein Guter.” Sie tätschelte den Rumpf des Schecken, bevor sie die Ladeklappe wieder schloss. “Wenn wir wieder halten, bist du auf der Bar-K-Ranch.”

Bei dem Gedanken überkam sie Vorfreude. Schon ihr ganzes Leben lang wünschte sie sich eine eigene Ranch, auf der sie mit ihrer Großmutter und ihren Schwestern glücklich werden konnte. Natürlich würden Toni und Niki irgendwann heiraten, aber das lag hoffentlich noch in weiter Ferne.

Dass sie selbst jemals heiratete, bezweifelte Dani sehr. Nach allem, was ihr Vater ihrer Mutter angetan hatte, konnte sie sich nicht vorstellen, dass überhaupt eine der Drillinge so ein Risiko einging. Toni wirkte zwar so, als habe es ihr niemals etwas ausgemacht, ohne Vater aufgewachsen zu sein, und auch Niki schien sich nur von ihren eigenen Erfahrungen leiten zu lassen, aber Dani blieb skeptisch.

Das bedeutete wohl, dass sie für alle anderen mit aufpassen musste. Andererseits war dieser Cowboy wirklich reizvoll gewesen.

Sie schätzte ihn auf ein Meter neunzig, und auch die breiten Schultern und die geschmeidigen Bewegungen waren ihr aufgefallen. Vom Gesicht hatte sie wegen des breitkrempigen Huts und des Schattens nur das ausgeprägte Kinn deutlich gesehen. Anscheinend war er ein Cowboy, der am Wochenende ein bisschen Spaß haben wollte.

Ob er einen Job braucht?, fragte sie sich unwillkürlich, und dieser Gedanke erschreckte sie. Dieser Mann sollte ihr doch vollkommen gleichgültig sein!

Sie wischte sich die Hände an der Hose ab und betrat das Café durch die Hintertür. Dann blickte sie zu ihrer Familie, und es überraschte sie nicht, dass Toni und Niki im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses standen. Sie saßen mit Granny an einem Tisch und unterhielten sich so angeregt, dass sie gar nicht bemerkten, wie eingehend sie von den vielen Männern im Raum beobachtet wurden.

Dani bemerkte dieses Interesse sehr wohl, und es gefiel ihr überhaupt nicht. Auch der neugierige Cowboy von vorhin saß an der Bar, und er lächelte ihr kaum merklich zu. Mit erhobenem Kopf ging Dani zu dem Tisch und setzte sich auf den letzten freien Stuhl.

Alle lächelten sie an, und Toni fragte: “Wie geht es Sundance?”

“Dem geht’s prima.” Dani griff nach dem Becher Kaffee, der für sie bereitstand. “Habt ihr schon den Anwalt angerufen?”

Ihre Schwestern wirkten leicht schuldbewusst. “Das wollten wir gerade tun”, erklärte Toni.

“Also schön. Wisst ihr schon, in welcher Richtung die Ranch liegt?”

Toni und Niki sahen sich an. “Nicht genau”, wich Toni aus. “Die Kellnerin ist noch neu hier und kennt sich nicht richtig aus. Aber bestimmt kann uns einer der netten Cowboys hier weiterhelfen.”

Genau das wollte Dani nicht. Weshalb wirkten manche Frauen eigentlich so, als würde ihnen der Verstand abhanden kommen, sobald es um Männer ging?

“Ich kann es nicht fassen!”, verkündete Dylan Sawyer. “Die Keene-Brüder sind also Schwestern! Das schlägt doch dem Fass den Boden aus, oder?”

“Allerdings”, stimmte Jack zu und beobachtete die gereizte Frau, die er draußen getroffen hatte. Sie setzte sich gerade zu den anderen Frauen an den Tisch. “Dani, Niki und Toni, drei Frauen. Hast du eine Ahnung, wer welche ist?”

“Tja.” Dylan leckte sich die Lippen. “Die Schöne dort …”

“Schön sind sie alle.” Doch eigentlich fand Jack die Frau, die das Pferd geführt hatte, am schönsten. Und aus ihrem Blick sprach Intelligenz. “Schlau wie ein Fuchs”, so nannte Jacks Großvater es immer.

“Nein, ich meine die mit dem langen schwarzen Haar. Die heißt Niki.”

Jack sah Niki eingehender an, und erst jetzt erkannte er, wie umwerfend sie aussah. Seltsam, dass ihm auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches an ihr aufgefallen war. “Und die anderen?”

“Die mit der roten Jacke heißt Toni, dann muss die, die gerade erst hereingekommen ist, Dani sein”, schloss Dylan. “Die alte Frau nennen sie Granny, ich nehme an, es ist die Großmutter.”

“Und was ist mit dem Pferd?”

Verwundert sah Dylan ihn an. “Mit welchem Pferd?”

“Schon gut.” Irgendjemand muss mich ihnen vorstellen, dachte Jack. Immerhin werden das meine neuen Nachbarn, und da kann man sich doch freundschaftlich verhalten. Besonders Dani gegenüber.

Joe Bob setzte sich auf den freien Hocker neben Jack. “Mann, habt ihr euch die mal genauer angesehen?” Er nickte in Richtung der Frauen.

Dylan nickte, aber dann verdüsterte sich seine Miene. “Trotzdem sind es die Erben vom alten Keene, und damit sind sie tabu.” Sein Tonfall klang warnend. “Wirklich schade, denn die drei sind wirklich niedlich.”

“Ja, traurig”, stimmte Joe Bob zu. “Aber ansehen schadet doch nicht.” Er klopfte Jack freundschaftlich auf die Schulter, sodass dieser beinahe vom Hocker fiel.

Ein Cowboy, dessen Hände so groß waren, dass die Kaffeebecher darin fast verschwanden, bot ihnen noch mehr Kaffee an, und dabei lächelte er strahlend.

Dani beobachtete, wie er Kaffee verschüttete. “Wenn Sie so weitermachen, ertrinken wir gleich alle.”

“Was?” Er hatte anscheinend Schwierigkeiten, den Blick von Niki loszureißen.

“Arbeiten Sie hier?”

“Nein.” Allein bei dem Gedanken musste er lachen. “Ich wollte Sie mir nur etwas aus der Nähe ansehen.” Immer noch lachend trat er einen Schritt zurück.

“Einen Moment noch.”

“Ja, Ma’am?”

Innerlich stöhnte Dani auf. Ihr war klar, dass sie wie ein Sergeant beim Militär klang, dennoch brauchte er sie nicht gleich so förmlich anzureden. “Wissen Sie, wo die Kanzlei eines Anwalts namens John Salazar ist?”

“Ja, Ma’am, das weiß ich.”

“Und? Hätten Sie die Güte, mir auch mitzuteilen, wie ich dort hinkomme?”, erkundigte sie sich entnervt.

“Was? Ja, natürlich.” Er deutete zur Tür. “Dort hinaus, dann nach rechts, und an der Kreuzung links. Es ist ein großes Gebäude, man kann es nicht verfehlen. Es hängt auch ein Schild dran. Soll ich es wiederholen? Also …”

“Schon gut.” Dani stieß die Luft aus. “Vielen Dank”, fügte sie etwas verspätet hinzu. Dann sah sie ihre Schwestern und ihre Großmutter an. “Ich gehe hin, um die Schlüssel zu holen. Wartet hier und lasst euch begutachten. Vielleicht kriegt ihr hier auch etwas zu essen.”

Toni runzelte die Stirn. “Soll eine von uns vielleicht mitkommen?”

Dani schüttelte den Kopf. “Wenn ich euch brauche, hole ich euch.” Sie stand auf. “Lange kann es ja nicht dauern.” Ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie hinaus. Sie war die älteste der Drillinge, immerhin sieben Minuten älter als Toni und zwanzig Minuten älter als Niki. Außerdem fiel alles Geschäftliche in ihre Zuständigkeit. Tonis Aufgabe war es, nett zu sein, und Niki musste schön sein.

Dani hoffte nur, dass sie ihrer Aufgabe genauso gewachsen war wie ihre beiden Schwestern.

Sobald Dani das Café verließ, folgte Jack ihr wie der Blitz. Wo immer sie auch hinwollte, er würde ihr folgen, nur für den Fall, dass sie … Also für alle Fälle.

Ich will nur meine Schuld bezahlen, sagte er sich. Sonst nichts.

Dani stand an der Straßenkreuzung und blickte sich interessiert nach allen Seiten um. Lächelnd ging er auf sie zu.

“Suchen Sie etwas?”, fragte er betont freundlich.

“Sind Sie hier der Quizmaster des Orts?”

“Eher der barmherzige Samariter. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.”

“Danke, ich brauche keine Hilfe.” Sie wandte sich nach rechts und ging weiter.

Sie hat sich bedankt, das ist doch etwas, dachte er und folgte ihr. Mit ein paar Schritten hatte er sie eingeholt und erntete dafür einen verärgerten Blick.

“Verfolgen Sie mich?”

“Nein, Ma’am, ich möchte Ihnen nur behilflich sein.”

“Ach, so ist das.” Sie ballte die Hände zu Fäusten. “Wenn mich noch irgendjemand hier mit Ma’am anspricht, dann …”

“Dann liegt das sicher nicht an Ihrem Alter”, erklärte er schnell. “Es ist Ihre Ausstrahlung. Sie wirken ein bisschen … einschüchternd.”

Nachdem sie ein paar Schritte weitergegangen war, sagte sie: “Sie kennen mich gar nicht gut genug, um so ein Urteil zu fällen. Im Grunde wissen Sie doch nicht einmal meinen …”

“Dani Keene”, unterbrach er sie.

Jetzt blieb sie stehen. “Woher wissen Sie das?”

“Alle wissen das. Wir haben die Keene-Brüder aus Montana erwartet, und jetzt sind Sie hier. Ich bin Jack …”

“Mir ist es völlig egal, wer Sie sind.” Sie überquerte die Straße, und er blieb neben ihr. “Ich lasse mich nicht von Fremden auf der Straße anquatschen. Wenn es in Texas üblich ist, dass Männer sich Frauen gegenüber so verhalten …”

“Moment mal! Die Männer in Texas brauchen sich im Umgang mit Frauen nichts vorwerfen zu lassen. Ich versuche doch nur, freundlich und hilfsbereit zu sein.”

“Sie würden mir sehr helfen, wenn Sie mich in Ruhe ließen.” Abrupt blieb Dani stehen, und Jack drehte sich zu ihr um. Sie betrachtete das große Gebäude, vor dem sie standen.

“Hier ist es”, bemerkte Jack.

“Wie bitte? Woher wollen Sie wissen, wo ich hin will?”

“Das weiß ich, weil John Salazar Ihr Anwalt ist.”

Dani sah aus, als würde sie jeden Moment explodieren. “Und woher haben Sie diese Information?”

“Er war der Anwalt Ihres Vaters.”

Bei der Erwähnung ihres Vaters zuckte sie innerlich zusammen und verlor etwas von ihrer Wut. “Und was wissen Sie noch über meinen Vater?”

“Eine ganze Menge.” Wieso fiel es ihr so schwer, das Wort Vater auszusprechen? “Ich bin hier aufgewachsen, und habe mitbekommen, wie die Bar-K-Ranch … wie viel sich dort verändert hat. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, solange Sie hier sind …”

“Klingt so, als sei ich nur zum Urlaub hier”, erwiderte sie. “Ich werde bleiben.”

Jack nickte. Das hörte er gern. “Prima, aber vielleicht ist nicht alles so, wie Sie es sich vorgestellt haben. Ich sage ja nur, dass ich Ihnen gern behilflich bin. Noch irgendwelche weiteren Fragen?”

Einen Moment sah sie fast verängstigt aus, aber dann straffte sie die Schultern. “Sie haben einen schlechten Zeitpunkt erwischt, Jack. Ich will nicht unfreundlich sein, aber ich habe nicht die leiseste Ahnung, wer Sie sind, und im Moment steht mir nicht der Sinn nach Gesellschaft.”

Immerhin hatte sie sich seinen Namen gemerkt. “Jack Burke von der XOX-Ranch.” Er streckte die Hand aus und hoffte flehentlich, dass Dani einschlug, damit er sie berühren konnte.

Sie beachtete die Hand gar nicht, und ihr Blick verriet Jack, dass sie sich bei ihrer nächsten Begegnung wahrscheinlich überhaupt nicht mehr an ihn erinnern würde. “Danke für Ihr Interesse, aber ich habe etwas zu erledigen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen …”

Ohne ein weiteres Wort verschwand sie in dem Gebäude, und Jack stand noch eine Weile reglos auf dem Fußweg. Konnte es möglich sein, dass Dani genauso unausstehlich war wie ihr Vater?

Nun, auf jeden Fall machte es mehr Spaß, sie anzusehen als ihren Vater.

Als Dani in das Café zurückkam, ließ sie sich auf den Stuhl fallen und sah ihre verwunderten Schwestern und ihre Großmutter an. “Er war nicht da”, sagte sie nur.

“Der Anwalt?”

Dani nickte. “Seine Sekretärin hat mir ein paar Schlüssel gegeben und uns Glück gewünscht. Anscheinend brauchen wir es.”

Toni aß von ihren Pommes frites. “Wenigstens bist du nicht umsonst dort hingegangen.”

“Die frische Luft hatte ich nötig, um klar denken zu können.” Viel hat es nicht genützt, fügte sie im Stillen hinzu. “Ich …” Sie entdeckte den Cowboy von vorhin. Jack saß wieder am Tresen, und hastig wandte sie den Blick ab. Das Café war noch fast genauso voll wie vorhin. “Mir kommt das alles mittlerweile etwas seltsam vor.”

Toni und Niki sahen sich an. “Inwiefern?”, wollte Toni wissen.

“Ich habe den Eindruck, als ob die Ranch nicht das ist, was wir erwarten.”

Granny beugte sich vor und strich ihrer Enkelin über die Hand. “Sieh nicht so schwarz, meine Liebe. Ich bin sicher, es wird ganz wundervoll werden.”

“Genau.” Niki nickte bekräftigend. “Wir haben doch die Broschüre gesehen, da sah alles sehr schön aus.”

Dani hatte eher den Eindruck gehabt, als sei die Broschüre mindestens zwanzig Jahre alt, aber in ihrer Aufregung und Freude hatte sie das wieder vergessen. “Wahrscheinlich habt ihr recht.” Sie seufzte. “Es war eine lange Reise, und ich bin müde. Das muss euch doch genauso gehen.”

Toni lachte. “Weshalb sollten wir müde sein, wenn du fast die ganze Strecke gefahren bist? Sobald wir auf der Ranch sind, musst du dich erst einmal ausruhen, Dani.”

“Das werden wir alle.” Insgeheim nahm Dani an, dass sie alle nicht viel Ruhe bekommen würden, aber sie wollte nicht unken. “Ich bezahle, und dann verschwinden wir von hier. Wenn wir die Ranch erst mal gesehen haben, wissen wir wenigstens, woran wir sind.”

“Also …”

“Was denn?” Dani sah die anderen an. Sie wirkten wieder so seltsam verlegen.

Granny räusperte sich. “Tja, es ist etwas kompliziert, was den Weg angeht. Anscheinend gibt es zwei Strecken. Der längere Weg ist etwas umständlich, und der kürzere ist praktisch ein Geheimnis, wenn man der Frau, der das Café gehört, glauben darf.”

“Soll das heißen, wir müssen noch andere nach dem Weg fragen?”

“Oder wir lassen uns führen.” Toni lächelte. “Komm schon, Dani, nimm es locker. Wir sind doch fast da. In Texas, im gelobten Land. Schon vergessen?”

“Wie sollte ich?” Dani sagte sich, dass sie wahrscheinlich übertrieb, aber seit der kurzen Unterhaltung mit dem Cowboy beschlich sie das Gefühl, dass irgendetwas mit der Bar-K-Ranch nicht stimmte. “Sicher habt ihr recht. Ich bezahle schnell und frage noch einmal nach dem Weg.”

Sie stand auf und nahm die Rechnung mit. An der Kasse gab sie den Zettel einer freundlichen Frau und reichte ihr das Geld.

Lächelnd schüttelte die Frau den Kopf. “Es ist alles schon bezahlt”, sagte sie.

Stirnrunzelnd blickte Dani zu ihrem Tisch. Alle drei Frauen schüttelten den Kopf. Keine von ihnen hatte bezahlt. “Das verstehe ich nicht”, sagte Dani. “Wir haben noch nicht …”

“Jack hat sich darum gekümmert”, antwortete die Frau. “Kommen Sie bald mal wieder.”

Der Cowboy! So konnte das nicht weitergehen. Dani ging zu ihm.

Er saß lächelnd am Tresen, aber Dani kochte vor Wut. “Hören Sie, so etwas wünsche ich nicht. Sagen Sie mir, was Sie für uns ausgelegt haben, und ich werde …” Sie zog ihre Geldbörse hervor und hoffte, dass sie den Betrag wenigstens passend hatte.

Er schüttelte nur den Kopf. “Gern geschehen.”

“Verdammt, Jack, Sie können nicht …”

“Wenn Sie mir keine Szene machen wollen, können Sie nichts dagegen unternehmen.” Er schien überhaupt nicht die Ruhe zu verlieren.

Dani zählte im Geist bis zehn. Er hatte recht, aber wie konnte er es wagen, sie in so eine Situation zu bringen? “Also gut”, erwiderte sie. “Vielen Dank, aber tun Sie es nie wieder.”

“Nein, Ma’am, das werde ich nicht.” Belustigt sah er sie aus seinen hellbraunen Augen an. “Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?”

“Auf keinen … Doch, das können Sie.”

Sein Lächeln wurde noch herzlicher. “Spucken Sie’s aus.”

“Können Sie mir den Weg zur Bar-K-Ranch erklären? Wenn ich meine Familie richtig verstanden habe, muss die Ranch am Ende eines Labyrinths liegen.”

“Ganz so schlimm ist es nicht, aber ganz leicht ist der Weg nicht zu finden, das stimmt.”

“Können Sie es mir aufzeichnen?”

“Ich kann sogar noch mehr tun.” Er stand auf.

“Nein, schon gut”, warf sie schnell ein. “Warten Sie. Grandma hat immer Papier und Bleistift bei sich.”

“Das brauchen wir gar nicht.”

“Aber …”

“Ich kann vorausfahren. Sie brauchen mir nur zu folgen.”

“Das möchte ich nicht”, widersprach sie sofort. Sie hasste es, von ihm zu etwas gedrängt zu werden, noch dazu, weil sie ihn so attraktiv fand.

“Doch, das möchten Sie.”

“Woher wollen Sie denn wissen, was ich will?”

“Dani.” Seine Stimme klang tief und wohltönend. “Vertrauen Sie mir. Wenn Sie die Bar-K-Ranch zum ersten Mal sehen, werden Sie froh sein, wenn ich bei Ihnen bin.”

Danis Magen krampfte sich zusammen, und sie konnte nur starr dastehen und zusehen, wie Jack um sie herum zum Tisch ging und sich ihrer Familie vorstellte. Ihr graute vor dem, was sie auf der Ranch erwartete.

2. KAPITEL

Dani fuhr auf der staubigen Straße hinter Jacks Pick-up her. Der Weg führte durch kleine Wälder, über Hügel hinweg, und dann lag plötzlich die Ranch vor ihnen.

Alle im Auto schwiegen betroffen, bis Toni von der Rückbank ein leises “O nein!”, ausstieß.

Dani biss sich auf die Zähne und hielt auf dem großen gekiesten Platz vor dem Haupthaus an. Rechts von ihnen befanden sich ein paar kleinere Gebäude und eine Scheune, links gab es eine Reihe von Holzhäuschen und einen leeren Swimmingpool.

Das Ganze braucht frische Farbe, dachte Dani. Alle Wände mussten dringend gestrichen werden, denn das eigentlich schöne Haus mit seiner breiten Veranda wirkte mit den abblätternden Farbschichten hoffnungslos heruntergekommen. Die Nebengebäude waren ähnlich vernachlässigt, und die Scheune sah fast unheimlich aus.

Granny räusperte sich. “Ihr werden staunen, was man mit ein bisschen Arbeit aus dieser Ranch machen kann.” Sie bemühte sich um einen überzeugenden Tonfall.

“Aber in der Broschüre …”, beschwerte Niki sich.

Dani öffnete die Wagentür. “Wir werden dafür sorgen, dass die Ranch wieder so aussieht wie in der Broschüre”, verkündete sie entschlossen. “Ein bisschen Arbeit, das klingt für mich allerdings etwas untertrieben.”

“Was auch nötig ist”, warf Toni ein, “wir werden es tun. Vor harter Arbeit sind wir noch nie zurückgeschreckt.”

“Richtig.” Dani stieg aus und reckte sich. Sie bemühte sich, beim Gedanken an ihren Kontostand nicht in Panik auszubrechen.

Die Fahrt von Elk Tooth hierher war lang und anstrengend gewesen. Ohne auf die anderen zu warten, lief Dani zum Anhänger und führte Sundance ins Freie. Als sie wieder zu ihren Schwestern kamen, wirkten die schon besser gelaunt, und auch Jack war bei ihnen.

Er wirkt verschlossen, stellte Dani fest.

“Was denken Sie?”, erkundigte er sich vorsichtig.

Toni befeuchtete die Lippen mit der Zunge. “Es sieht ein bisschen schäbiger aus, als ich erwartet hätte.”

Er nickte. “Das stimmt, aber die Bausubstanz des Hauses ist in Ordnung. Nach Miss Elsies Tod hat Will alles etwas schleifen lassen.” Er unterbrach sich. “Entschuldigung, ich wollte Ihren Vater nicht kritisieren.”

“Tun Sie sich keinen Zwang an.” Dani warf dem Pferd das Zaumzeug über den Hals, hielt sich mit beiden Händen in der Mähne fest und schwang sich auf den Rücken. Energisch lenkte sie das Tier und übte mit den Unterschenkeln Druck auf die Flanken aus, damit es loslief.

Sie ritt zum nächsten Hügel, und sofort hob ihre Stimmung sich wieder.

Die Landschaft war wirklich wunderschön. Ihr ganzes Leben hatte sie schon vom Hügelland in Texas gehört, und sie war in keiner Weise enttäuscht. Die sanften Hügel mussten noch schöner sein, wenn der Frühling erst richtig Einzug gehalten hatte. Zugegeben, die Gebäude befanden sich nicht in bestem Zustand, aber das Land war traumhaft. Dani ließ Sundance wenden.

Es war leichtgläubig gewesen, den Bildern der Broschüre zu trauen, aber hier ließ sich viel erreichen. Diese Ranch war einmal erfolgreich betrieben worden, und das konnte wieder so werden. Letztendlich hing es nur davon ab, wie sehr sie sich den Erfolg wünschten.

Dani wünschte sich das mehr als alles andere im Leben.

Mit einem kurzen Pfiff lockerte sie die Zügel, und sofort schoss das Pferd in wildem Galopp davon. Der Wind wehte Danis Haar aus dem Gesicht, und sie spürte, wie sämtliche Sorgen von ihr abfielen.

Es wird klappen, sagte sie sich. Ich werde dafür sorgen. Nichts kann mich davon abhalten. Nicht einmal dieser gut aussehende Cowboy dort neben der Scheune.

Verdammt, kann diese Frau gut reiten!, dachte Jack. Sogar ohne Sattel und ohne richtiges Zaumzeug hielt sie das Tier perfekt unter Kontrolle.

Dani sprang vom Pferd. Ihre Wangen waren gerötet, die Augen funkelten. Schon vorher hatte Jack gefunden, dass sie wunderschön war, aber jetzt erkannte er, dass dies die wirkliche Dani Keene war und nicht die misstrauische Frau, die er vorhin kennengelernt hatte.

Als sie näher zu ihm kam, kehrte allerdings auch wieder ihr skeptischer Gesichtsausdruck zurück. “Das Land ist wunderbar”, stellte sie fest und sah sich um. “In die Ranch selbst muss man zwar viel Arbeit hineinstecken, aber es wird sich lohnen.”

“Ich war mir nicht sicher, ob Sie das auch erkennen.” Er strich dem neugierigen Pferd über die Nüstern. “Ein wirklich sehr gutes Pferd haben Sie da.”

Ihr Lächeln zeigte, dass sie sich über das Kompliment freute. “Das ist Sundance wirklich. Ich habe ihn bekommen, als er noch ein Fohlen war, und habe ihm alles selbst beigebracht. Wir kommen bestens miteinander aus.”

“Der Korral ist frei. Sie können ihn dort laufen lassen.”

Dani runzelte die Stirn. “Gibt es denn auf dieser Ranch überhaupt keine Tiere?”

“Doch, ein paar. Dobe kann Ihnen Genaueres sagen.”

“Dobe?”

“Dobe Whittaker. Er kümmert sich hier um alles. Irgendwo hier muss er stecken.”

“Ich bin genau da, wo ich sein soll.” Aus dem Schatten der Scheune trat ein Mann hervor. Er wirkte sehr alt, und auch die Cowboy-Kleidung wirkte sehr abgetragen. Sein schmales Gesicht war von der Sonne gegerbt, und er hatte einen grauen Vollbart. Doch seine blauen Augen blickten prüfend und wachsam.

“Wie geht es Ihnen, Ma’am?” Er nahm den Hut ab. “Ich bin Dobe Whittaker. Im Moment gehören Ihnen ein Dutzend Pferde und eine kleine Herde von Longhorn-Rindern.”

“Dobe.” Sie begrüßte ihn lächelnd. “Ich bin Dani Keene. Meine Schwestern und meine Großmutter sind auf der anderen Seite des Hauses.”

“Hab schon gesehen, dass sie hineingegangen sind.” Ohne auf eine weitere Antwort zu warten, verschwand er wieder in der dunklen Scheune.

Verwundert sah Dani zu Jack. “Freundlich ist er nicht gerade.”

“Kommt drauf an, mit wem er es zu tun hat.”

“Aber er kennt mich doch noch gar nicht gut genug, um mich nicht zu mögen.”

“Er kannte Ihren Dad, das reicht ihm.”

Dani ging an ihm vorbei und führte das Pferd zum Korral. “Wenn er meinen Vater so wenig gemocht hat, wieso kümmert er sich dann hier um alles?”

“Weil er sich Miss Elsie verpflichtet fühlt.” Jack wollte Will Keene nicht zu offen kritisieren.

“Verstehe.” Es klang so bedrückt, dass Jack den Eindruck bekam, sie habe ihn wirklich verstanden.

Sobald sie Sundance in den Korral gelassen hatte, lief das Pferd zu einer Stelle mit Gras und rollte sich auf dem Rücken. Jack bemerkte, dass Danis Blick sofort sanfter wurde, sobald sie ihr Pferd ansah. Wenn ihr das bei mir doch auch so ginge, dachte er nur.

Dani straffte die Schultern und wandte sich ihm zu. “Wären Sie so nett, Dobe zum Haus zu begleiten, damit ich ihm die anderen vorstellen kann?”

“Ich werde es versuchen.” Im Grunde war Jack nicht sicher, ob Dobe überhaupt ein Interesse daran hatte, noch weitere Keenes kennenzulernen.

“Vielen Dank.” Mit großen festen Schritten ging Dani zum Haus.

Bewundernd blickte Jack ihr nach. Falls jemand diesen abgewirtschafteten Betrieb wieder auf Vordermann bringen konnte, dann war es Dani Keene. Obwohl Jacks Vater und Großvater immer noch fest entschlossen waren, die Ranch aufzukaufen, würde Jack Dani unterstützen, so gut er konnte.

Oder besser gesagt, so weit sie es zuließ.

Er wandte sich zur Scheune. “Dobe!”, rief er. “Komm raus, du alter Einsiedler.”

Sofort kam Dobe mit verlegenem Lächeln zu ihm. “Tag, Jack. Wie kommt es, dass du hier mit diesen Frauen auftauchst?”

“Ich benehme mich nur so, wie höfliche Nachbarn es tun. Das solltest du auch mal versuchen.” Sie schüttelten sich die Hand, und Jack klopfte dem kleineren Mann auf die Schulter.

Verächtlich stieß Dobe die Luft aus. “Wohl kaum. Ich habe Miss Elsie gegenüber meine Pflicht erfüllt, weil es sonst niemand tun wollte. Jetzt reicht’s. Ich will mit keinem Keene mehr etwas zu tun haben.”

“Du kennst sie ja gar nicht, Dobe.” Wenn Jack ihn nicht überreden konnte, dass er blieb, würde Danis Chance, die Ranch zu einem profitablen Betrieb zu machen, noch weiter sinken. Dobe hatte einen guten Ruf unter den Cowboys, und wenn er sich weigerte, hier zu bleiben, würde niemand auf der Bar-K-Ranch arbeiten wollen. “Die drei Schwestern und ihre Grandma sind wirklich nett. Findest du nicht, du solltest sie erst mal kennenlernen?”

“Nein.” Entschieden schüttelte der alte Cowboy den Kopf. “Ich gehe jetzt. Meine Sachen sind schon gepackt.”

“Und wohin willst du?”

Dobe blinzelte in die Sonne. “Ich finde schon einen Job”, wich er aus. “Darüber brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen.”

Anscheinend hatte er den falschen Weg gewählt. Jack nickte. “Ich mache mir auch nicht um dich Sorgen, sondern um die Keenes. Sie brauchen dich, Dobe, auch wenn es ihnen vielleicht nicht klar ist.”

“Ja, aber ich brauche sie nicht.”

“Wieso nicht? Sie werden dir einen guten Lohn zahlen.” Davon ging Jack jetzt erst einmal aus. “Und sie sind klug genug, um bald zu merken, dass du dieses Stück Land viel besser kennst als sie.” Auch das konnte Jack nur hoffen.

“Die bekommen hier keinen Fuß an die Erde”, bemerkte Dobe grimmig.

“Ohne dich bestimmt nicht.” Jack schmeichelte dem alten Griesgram ganz bewusst. “Wie wär’s, wenn du ihnen wenigstens eine Chance gibst?” Als Dobe nicht sofort einwilligte, ging Jack noch ein Stück weiter. “Sieh es als persönlichen Gefallen, um den ich dich bitte.”

Dobe dachte darüber nach. Dann schnaubte er und schüttelte den Kopf. “Wenn du es so siehst, dann bleibt mir wohl keine andere Wahl. Also schön, Jack, ich tue dir den Gefallen. Aber wenn sie sich so mies benehmen wie ihr Vater, dann bin ich weg von hier.”

“Einverstanden.” Jack war erleichtert. “Wie wär’s, wenn du mit mir zum Haus kommst, damit du die anderen kennenlernen kannst?”

“Okay, aber Lust habe ich nicht dazu.”

Das könnte sich ändern, dachte Jack. Die Großmutter der drei Schwestern könnte genau dein Fall sein.

“Dieses Haus bietet unzählige Möglichkeiten”, verkündete Toni.

“Und einige der Möbelstücke sind bildschön.” Niki fuhr mit der Hand über die staubige Lehne eines Sessels. “Ich frage mich, wie alt diese Sachen sind.”

Dani interessierte sich mehr für die Umgebung des Hauses als für die Einrichtung. Sie blickte von einem Hefter auf, den sie in einer Schublade gefunden hatte. “Vielleicht stammen sie aus den Zwanzigern. Ich habe mal gelesen, damals waren Ferien-Ranches besonders beliebt.”

Überrascht sah Toni sich um. “Du hast darüber gelesen?”

“Es ist sehr interessant.” Dani schloss den Hefter. “Die ersten Ranches für Touristen gab es schon gegen Ende des letzten Jahrhunderts. Die Farmer hier bekamen Besuch von der Ostküste, und manchmal blieben diese Freunde ziemlich lange. Als es für die Farmer zu teuer wurde, all die Gäste zu versorgen, fingen ein paar der Gäste an, dafür zu bezahlen. Und schon waren die ersten Ferien-Ranches entstanden.”

“Ich weiß nicht recht.” Toni wirkte nachdenklich. “Es klingt nicht sehr nett, von seinen Freunden Geld zu nehmen.”

“Lieber Himmel”, mischte Granny sich ein. “Lasst bloß Toni nicht die Rechnungen schreiben, sonst sind wir in einem Monat bankrott.”

Alle mussten lachen. Dani zog einen Stapel Papiere aus einer Schublade. Zum Großteil waren es alte Rechnungen, aber dazwischen entdeckte sie eine handgeschriebene Notiz: “Habt Ihr schon Spaß? Ihr Mädchen wisst nicht halb so viel, wie Ihr zu wissen glaubt.”

“Was in aller Welt …?”, wunderte Dani sich laut. “Granny?”

Jack kam zur Tür herein und brachte den alten Cowboy, den sie flüchtig gesprochen hatte, mit. Hastig stopfte Dani den Zettel in ihre Jeanstasche und stand auf, um die Männer zu begrüßen.

Während Jack alle miteinander bekannt machte, versuchte Dani, sich etwas zu beruhigen. Sie war überzeugt davon, dass der Zettel von ihrem Vater stammte. Ihr kam es vor, als habe sie seine Stimme aus dem Grab gehört. Solange er lebte, hatte er sich kein bisschen um seine Töchter geschert und Elk Tooth noch vor ihrer Geburt verlassen. Es war für die Mädchen schon schwer genug gewesen, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er ihnen tatsächlich die Ranch vererbt hatte. Aber wahrscheinlich hatte er es getan, weil er einfach keine anderen Erben besaß.

Jetzt fragte Dani sich unwillkürlich, ob er sie nur hierher gelockt hatte, um sie nach seinem Tod noch zu quälen.

“Und Dani hast du ja schon an der Scheune getroffen.”

Dani lächelte und nickte, während sie aus ihren Gedanken in die Wirklichkeit zurückkehrte. “Wann würde es Ihnen denn passen, mich ein wenig herumzuführen, Dobe?”

Er sah flüchtig zu Jack. “Jederzeit, denke ich. Vielleicht können Sie alle mitkommen, dann brauche ich die Tour nur einmal zu machen. Ich sattle die Pferde, und dann …”

“Nicht für mich”, warf Niki schnell ein.

“Wie bitte?”

“Ich kann mit Pferden nicht so viel anfangen.”

“Miss Keene, wir sind hier auf einer Ranch. Da spielen Pferde eine sehr wichtige Rolle.”

Niki wirkte entgegen ihrem sonstigen Charakter mit einem Mal sehr stur. “Es gibt viele Dinge auf dieser Welt, die ich liebend gern tue, aber von Pferden halte ich mich lieber fern. Auf mich brauchen Sie nicht zu zählen.”

Vielsagend rollte Dobe mit den Augen, aber er sagte nur: “Wie Sie wollen, Miss. Am besten warte ich gleich morgen früh mit den fertig gesattelten Pferden, und wer Lust hat, kann mitkommen.”

“Danke”, antwortete Dani. “Und auch vielen Dank dafür, dass Sie sich um alles gekümmert haben nach dem Tod unseres Vaters. Wir wissen das wirklich zu schätzen.”

“Tja also …”

“Sie bleiben doch bei uns, oder?”

Alle schwiegen angespannt, und Dani bemerkte, dass sie unwillkürlich die Luft anhielt. Sie konnte sich im Moment nicht vorstellen, wie sie ohne Dobes Hilfe den Einstieg finden sollten.

Nach einer Weile atmete er tief aus. “Ich bleibe ohnehin noch eine Weile, bis wir sehen, wie es weitergeht. Und bis dahin habe ich meine festen Aufgaben.”

Damit stürmte er aus dem Haus. Einen Moment schwiegen sie alle, dann lachte Dani etwas unsicher. “Na, wenigstens das Problem haben wir vorerst geklärt.”

Jack räusperte sich. “Ach, er ist immer so. Wenn Sie ihn gut behandeln, wird er sich hier für Sie abrackern. Ihn verbindet vieles mit dieser Ranch, und sicher kann er Ihnen einiges sagen, was Sie wissen müssen.”

“Da haben Sie bestimmt recht.” Lange sah sie ihn schweigend an. “Also, wenn Sie jetzt gehen wollen …”, sagte sie leise. “Sie haben uns wirklich sehr geholfen, und wir haben Ihre Zeit lange genug in Anspruch genommen.”

“Schon verstanden.” Jack drehte sich zur Tür und setzte seinen Hut auf. “Wenn es noch irgendetwas gibt, was ich für Sie tun kann …”

“Ehrlich, Sie haben schon mehr als genug für uns getan.” Es klang ungeduldiger, als Dani gewollt hatte.

“Bis dann, Ladys.” Er nickte kurz und ging hinaus.

Verwundert sahen alle Dani an.

“Er ist wirklich nett. Und er sieht toll aus”, stellte Toni schließlich fest.

Am Abend beratschlagten die Frauen bei Dosensuppe und Crackern, was sie tun wollten. In einem Punkt waren sie sich einig: Ihre Zukunft hing davon ab, die Bar-K-Ranch zu einer rentablen Einnahmequelle zu machen, also mussten sie sich anstrengen und alle Energie in die Ranch stecken.

“Es wird sehr schwer werden, weil wir nicht viel Geld zur Verfügung haben”, sagte Dani. “Aber das kennen wir ja.”

“Ich kann mir einen Job suchen”, warf Niki ein.

“Ich bin sicher, du könntest in der hiesigen Handelskammer eine Stelle finden”, schlug Toni vor. “Weißt du noch, was Mason gesagt hat? Er meinte, du seist die beste Werbung, die eine Stadt sich wünschen kann. Außerdem hast du auch Erfahrung im PR- Bereich.”

Niki verzog das Gesicht. “Das möchte ich nicht wieder tun.”

“Du brauchst einen Job, bei dem du Trinkgeld bekommst”, verkündete Toni. “Die Cowboys im Café sind ja bei deinem Anblick über ihre eigenen Füße gestolpert. Vielleicht als Kellnerin?”

Niki richtete sich auf. “Oder am Tresen.” Sie sah zu Dani. “Ich könnte Jack fragen, ob er …”

“Lass Jack bei der Sache bitte aus dem Spiel.” Es klang etwas barsch, aber in diesem Punkt war Dani empfindlich. “Ich bin sicher, du kannst auch ohne seine Hilfe einen Job finden. Aber als Kellnerin … ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist.”

Die beiden Schwestern sahen sich verwundert an, sagten aber nichts dazu.

“Wenn wir schon gerade die Aufgaben aufteilen”, warf Tilly ein, “dann übernehme ich das Kochen und natürlich die Küchenarbeit.”

“Ich helfe Grandma”, bot Toni sofort an. “Ich werde mich im Haus um alles kümmern, damit die Ranch wieder in Schuss kommt.” Sie lächelte. “Und Dani kümmert sich um das Geschäftliche.”

“Außerdem”, warf Niki ein, “kann ich, wenn ich zu Hause bin, auch helfen, abgesehen von der Arbeit mit den Pferden.”

Verständnisvoll nickten die anderen. Nikis Angst vor Pferden wurde von allen respektiert, denn sie wussten, woher diese Angst kam.

“In Ordnung”, beschloss Dani. “Morgen ist Sonntag, also können Niki und ich frühestens übermorgen in die Stadt, damit sie sich bewerben kann. Da werde ich auch eine Anzeige aufsetzen. Wir brauchen dringend Cowboys, wenn wir mit allem fertig sein wollen, bevor die ersten Gäste kommen.”

Granny sah sie erstaunt an. “Was für Gäste?”

“Diese hier!” Dani hielt ein paar Reservierungen hoch. “Die habe ich im Schreibtisch im großen Zimmer gefunden. Aber wenn wir den Gästen nicht absagen wollen, brauchen wir Hilfe, und deshalb werde ich so schnell wie möglich die Anzeige in der Zeitung schalten.”

Toni lächelte. “Das sieht doch alles gar nicht so schlecht aus.”

“Freut euch nicht zu früh”, warnte Dani. “Wir müssen sehr aufpassen. Hier in Texas leben wir in einer Männerwelt. Habt ihr gesehen, wie die Kerle euch heute im Café umschwärmt haben? Wenn ihr einem von denen den kleinen Finger reicht, nimmt er nicht nur die Hand, sondern gleich alles.”

“Glaubst du?” Niki lächelte vielsagend. “Denkst du da vielleicht an jemand Bestimmten? Zum Beispiel an diesen gut aussehenden Jack?”

Dani errötete. Entschieden hob sie den Kopf. “Ich spreche von Männern im Allgemeinen. Und das erinnert mich an etwas.” Sie holte den Zettel aus der Hosentasche und reichte ihn Granny. “Glaubst du, Will hat das hier geschrieben?”

Verwundert strich Granny den zerknitterten Zettel glatt und las laut vor: “'Habt Ihr schon Spaß? Ihr Mädchen wisst nicht halb so viel, wie Ihr zu wissen glaubt.'“

Gleichzeitig holten Niki und Toni Luft. “Wo hast du den Zettel her?”, wollte Niki wissen.

“Aus dem Schreibtisch. Granny, meinst du, es könnte seine Handschrift sein?”

“Lieber Himmel, das weiß ich ebenso wenig wie du. Er war nicht gerade ein begeisterter Briefeschreiber.”

Das wussten die drei Schwestern auch.

“Aber …” Granny schwieg einen Moment nachdenklich. “Wenn ihr mich fragt, klingt das sehr nach ihm. Es hört sich fast so an, als wollte er uns ein Rätsel aufgeben. Was hat dieser Mann sich bloß dabei gedacht?” Angewidert schüttelte sie den Kopf.

Und das war nur zu verständlich. Schließlich hatte ihre Tochter, obwohl sie fünfundzwanzig Jahre jünger als Will Keene gewesen war, sich in den Mann verliebt. Er hatte sie verführt und kurz darauf verlassen. In den letzten Jahren hatte Granny ihre Enkelinnen immer wieder beschworen, vernünftiger als ihre Mutter zu sein.

“Darüber können wir uns jetzt nicht den Kopf zerbrechen”, entschied Dani. “Wir haben Wichtigeres zu tun, als über eine Nachricht zu grübeln, die er vielleicht gar nicht selbst geschrieben hat. Wer will morgen mit Dobe und mir zusammen einen Rundritt machen, um sich alles anzusehen?”

Lust hatte niemand dazu.

Beim Brunch am Sonntag trafen sich auf der riesigen XOX-Ranch vier Generationen. Austin, der Großvater, Travis, der Vater, Jack, der Sohn, und der vierjährige Petey, dessen Eltern verunglückt waren, als der Kleine noch ein Baby war. Sie alle saßen im Esszimmer um den großen Tisch herum, aßen und stritten sich.

Austin wandte sich Jack zu. “Wie ich gehört habe, sind die Keenes in der Stadt eingetroffen.

“Stimmt.” Jack zerteilte mit der Gabel sein Spiegelei. “Gestern. Und es sind Schwestern und keine Brüder.”

“Das habe ich auch gehört.” Travis aß von seinem Fleisch. “Das macht es uns bestimmt leichter.”

Alarmiert sah Jack ihn an. “Und was genau macht es uns leichter?”

“Die Ranch zu kaufen natürlich.”

“Ach, das meinst du.”

“Im Grunde tun wir ihnen damit einen Gefallen”, warf Austin ein. “Schon für drei Männer, die ausreichend Geld zur Verfügung haben, wäre es schwer, diese Ranch zu retten. Für drei Frauen ist es so gut wie unmöglich.”

Travis nickte. “Es geht das Gerücht, dass sie nur das Grundstück, aber kein Geld geerbt haben. Wenn das stimmt, müssten sie so gut wie pleite sein. Allerdings kommt mir das etwas seltsam vor.”

Jack war der Appetit vergangen. “Also, sie …”

Ein Klirren unterbrach ihn, und als er sich umdrehte, sah er, dass Petey auf den Boden sah, wo sein zerbrochenes Glas lag und sich langsam eine Milchpfütze ausbreitete.

“Ach, Petey! Nicht schon wieder!”

Mit einem Wischmopp bewaffnet tauchte Muriel auf. “Ich mach das schon”, sagte sie nur und blickte den Kleinen tadelnd an. “Hast du das absichtlich gemacht, Peter Burke?”

Petey biss sich auf die Unterlippe und schüttelte ernsthaft den Kopf. “Nein, Ma’am. Aus Versehen.”

Gegen ihren Willen musste Muriel lächeln. “Du wirst genau wie die anderen Männer dieser Familie, das schwöre ich.” Sie suchte die Scherben zusammen und wischte die Pfütze auf. “Ihr verlasst euch alle nur auf euren Charme, und es ist schon schlimm, wie weit ihr damit kommt.”

Grandpa zwinkerte seinem Sohn und seinem Enkel zu. “Ein bisschen Charme kann nicht schaden, oder?”

Travis zuckte nur mit den Schultern, und Jack stöhnte auf. Sein Großvater hatte drei Scheidungen hinter sich, sein Vater zwei. Ein Grund, weswegen Jack nie geheiratet hatte, lag darin, dass offenbar kaum jemand in seiner Familie auf Dauer mit einer Frau glücklich wurde.

Als Muriel wieder verschwunden war, kehrte Travis sofort zum Thema zurück. “Ich verstehe einfach nicht, was mit dem ganzen Geld von Miss Elsie und mit ihrem Schmuck geschehen ist. Nicht einmal jemand wie Will Keene kann innerhalb von knapp zwei Jahren so viel verschleudern.”

“Vielleicht hat er das Geld verspielt oder verwettet”, gab Austin zu bedenken. “Es kann auch sein, dass er in die falschen Aktien investiert hat. Soll ja vorkommen, dass jemand mit seiner todsicheren Geldanlage reinfällt.”

Verärgert runzelte Travis die Stirn. Er hatte damals so viel Geld verloren, dass die ganze Familie sich monatelang darüber aufgeregt hatte. Jack war zu dem Zeitpunkt zwar noch ein Kind gewesen, doch sogar er konnte sich noch gut daran erinnern.

“Wie auch immer”, sagte Travis. “Keene war so dumm, die Ranch nicht zu verkaufen, als wir ihm dazu die Gelegenheit geboten haben. Er hätte seinen Töchtern und ihrer Großmutter damit eine Menge Ärger ersparen können.”

“Das sehe ich anders”, widersprach Jack. “Sie sind fest entschlossen, die Ranch wieder in Schwung zu bringen, und ich zumindest wünsche ihnen viel Erfolg dabei.” Er musste an Dani denken und ihre Entschlossenheit. “Es braucht vielleicht ein Wunder, aber die Keene-Schwestern könnten es schaffen.”

Anscheinend war Austin da anderer Ansicht. “Das meinst du doch nicht ernst.” Unwillig sah er seinen Enkel an. “Die könnten es nicht einmal schaffen, wenn sie viel Geld hätten. Außerdem werden sie niemanden finden, der für sie arbeitet. Und woher wollen sie die Gäste nehmen? Wir dagegen …”, er klopfte sich an die Brust, “… wir müssen schon Gäste ablehnen, so viele melden sich bei uns.”

“Vielleicht sollten wir ein paar von ihnen an die Bar-K-Ranch weiterleiten”, schlug Jack vor.

“Auf keinen Fall. Kümmere du dich um deine eigenen Angelegenheiten, und lass diese Frauen in Ruhe. Frauen bringen nur Ärger, das wissen wir am besten. Und diese Frauen heißen Keene. Das bedeutet, dass sie doppelt so schlimm sind.”

“Da muss ich dir widersprechen.”

Platsch! Soße spritzte an Jacks Teller vorbei quer über den Tisch.

Petey hielt den Löffel noch in der Hand und lächelte seinen Onkel halb verlegen, halb stolz an. “Tut mir leid”, sagte er nur und lachte.

3. KAPITEL

“Hier ist Toni Keene von der Bar-K-Ranch. Was kann ich für Sie tun?”

“Hallo, Toni, ich bin’s, Jack. Ist Dani in der Nähe?” Er klang ein wenig enttäuscht, sie nicht gleich am Apparat zu haben.

“Nein, und Niki auch nicht. Sie sind in die Stadt gefahren.”

“Wieso?”

Toni lachte. “Niki sucht sich einen Job, und Dani will eine Anzeige in die Zeitung setzen.”

“Was für eine Anzeige denn?”

“Ein Stellengesuch für einen Cowboy. Wir brauchen hier dringend Hilfe, und wenn erst die Gäste kommen, dann …”

Jack konnte fast sehen, wie sie mit den Schultern zuckte. “Es ist schon ziemlich spät im Jahr, um jemanden einzustellen”, bemerkte er. “Das könnte schwierig werden.”

“Hoffentlich nicht.” Toni war deutlich anzuhören, dass sie sich sorgte. “Wir haben schon genug Probleme.” Sie seufzte. “Wie auch immer, Dani wird sich schon etwas einfallen lassen.”

Jack überlegte, ob er Danis Gedanken in die richtige Richtung lenken sollte. “Was für einen Job sucht Niki denn?”

“Was immer sich ihr bietet. Vielleicht eine Stelle als Kellnerin. Sie kann gut mit Menschen umgehen, und wahrscheinlich würde sie viel Trinkgeld bekommen.”

Dafür braucht sie sich nur mitten in einen Raum zu stellen und zu lächeln, dachte Jack. “Das bezweifle ich nicht.”

“Deshalb sind nur ich und Grandma hier. Kann ich Ihnen vielleicht helfen, Jack?”

“Eigentlich nicht. Ich wollte nur wissen, ob ich Dani irgendwie behilflich sein kann.”

“Sie sind sehr nett, Jack”, sagte Toni. “Aber da müssen Sie sie selbst fragen. Ich kann nur sagen, dass wir die Ranch mit jeder Minute mehr lieben. Natürlich müssen wir noch viel tun, aber es geht uns gut.”

“Freut mich zu hören. Es war nett, mit Ihnen zu sprechen, Toni.”

Jack legte auf und stand ein paar Minuten nachdenklich da. Er hatte heute viel Arbeit vor sich und musste noch einige Rinder, die übermorgen nach Colorado gebracht wurden, auf die kleine Weide treiben. Abgesehen von der normalen Rinderzucht gab es auf der XOX-Ranch auch einige exotische Tiere, die hier für andere Ranches und Tiergärten gezüchtet wurden. Das Geschäft mit den Touristen lief da eher nebenher. Schon oft hatte Jack überlegt, diesen Bereich ganz aufzugeben, aber die Apartments, der Fitness-Raum und der Swimmingpool waren vorhanden und mussten auch genutzt werden.

Das Telefon klingelte, und Jack nahm den Hörer ab.

“Hier ist Dr. Coleman. Ich möchte für mich und meine Frau für eine Woche im Juni ein Zimmer bei Ihnen reservieren. Wie jedes Jahr.”

“Wie geht’s Ihnen, Doc? Hier ist Jack.”

“Hallo, Jack! Schön, Sie am Apparat zu haben.”

“Leider muss ich Sie enttäuschen.” Grandpa bringt mich um, wenn er das erfährt, dachte Jack. “Wir sind im Juni ausgebucht.”

“Schade. Ich habe meiner Frau gesagt, sie soll eher anrufen, aber sie …”

“Vielleicht kann ich Ihnen trotzdem helfen.” Jack nahm den Hörer ans andere Ohr und blickte sich um, ob jemand in der Nähe war. “Nur ein paar Meilen von hier entfernt gibt es eine andere Ranch, die Touristen aufnimmt. Es ist die Bar-K-Ranch, und ich bin sicher, dass es Ihnen und ihrer Frau dort auch gefallen wird.”

Dani und Niki besprachen sich auf der Hauptstraße vor dem Gebäude, in der die Lokalzeitung ihr Büro hatte. Ein leichter Wind wehte ihnen das Haar ins Gesicht.

“Während ich die Anzeige aufgebe, kannst du die Stellenangebote durchlesen”, schlug Dani vor. “Wenn irgendetwas Interessantes dabei ist, kannst du gleich hingehen. Ich kaufe in der Zwischenzeit ein.”

“In Ordnung.” Niki seufzte. “Stellensuche macht mir wirklich keinen Spaß.”

“Wenigstens hast du ein gutes Empfehlungsschreiben bekommen.”

“Braucht hier jemand eine Empfehlung?”

Jack! Es ärgerte Dani, dass sie die Stimme schon erkannte, ohne ihn überhaupt zu sehen.

Niki lächelte. “Hallo, Jack. Schön, Sie zu treffen.”

“Finde ich auch.” Er stellte sich zu ihnen. “Habe ich richtig verstanden? Sie suchen einen Job, Niki?”

“Ja. Wissen Sie zufällig etwas?”

“Allerdings. Haben Sie schon einmal in einer Bar gearbeitet?”

“Nein, aber ich würde es gern versuchen, wenn es nicht gerade ein Nachtclub ist.”

“Niki!” Dani fuhr zu ihrer Schwester herum. “Ich glaube, in einem Restaurant bist du besser aufgehoben.”

Niki wandte sich Jack zu. “Ist es denn eine anständige Bar?”

“Auf jeden Fall”, versicherte er ihr. “Dort, der 'Sorry Bastard Saloon'.” Er deutete auf die andere Straßenseite.

“Ein Saloon?”, meinte Dani skeptisch.

“Klingt doch witzig”, widersprach Niki. “Und Sie sagen, dort wird noch jemand gesucht?”

“Zwei Kellnerinnen haben im letzten Monat aufgehört, weil sie geheiratet haben. Dort wird man Sie mit offenen Armen empfangen.” Er sah kurz zu Dani. “Bestimmt könnten Sie auch im Café anfangen, aber da bekommen Sie nur halb so viel Trinkgeld.”

“Ich arbeite, um Geld zu verdienen”, entschied Niki und blickte auf die Uhr. “Es ist erst neun Uhr. Sobald der Saloon aufmacht, werde ich mich dort …”

“Da brauchen Sie nicht zu warten. Gehen Sie einfach zur Hintertür und sagen Sie, dass Jack Sie schickt. Die Besitzer sind Rosie Mitchell und ihr Mann Clevon. Sehr nette Leute.”

Niki lächelte so strahlend, als wolle sie die Sonne damit vor Neid platzen lassen. “Danke, Jack. Sie sind ein Schatz.”

Dani wandte sich verärgert Jack zu. “Ich kann nur hoffen, dass es sich um einen respektablen Laden handelt.”

“Würde ich sonst Ihre Schwester dort hinschicken?” In gespielter Empörung sah er sie an. “Sie wird im Saloon mehr Geld verdienen als sonst wo in dieser Stadt.”

Er lächelte sie so unbekümmert an, dass Dani das Lächeln einfach erwidern musste.

“Schon gut”, sagte sie. “Wenn Sie mich jetzt entschuldigen …”

“Was haben Sie denn vor?”

“Ich will eine Anzeige in die Zeitung setzen. Wir brauchen Cowboys für die Ranch.”

Jack wurde schlagartig ernst. “Dafür ist es schon ziemlich spät. Sie könnten Schwierigkeiten haben, in dieser Saison noch jemanden …”

“Das will ich gar nicht hören.” Sie straffte die Schultern und sah ihm durchdringend in die Augen. “Ich muss einfach ein paar Cowboys finden, die uns …”

“Mindestens drei.”

“Wir werden uns mit dem begnügen, was wir bekommen.” Und uns leisten können, fügte sie insgeheim hinzu. “Sie wissen nicht zufällig jemanden, der einen Job sucht?”

“Nur Ihre Schwester. Es könnte gut sein, dass es im ganzen Umkreis keinen einzigen Cowboy gibt, der bereit ist … Ich meine, die meisten haben schon eine Stelle.”

“Wenn ich eines nicht gebrauchen kann, dann ist es Schwarzseherei”, stellte Dani klar. “Ich glaube, Sie irren sich. Irgendwie wird sich schon etwas ergeben.”

“Hoffentlich haben Sie recht.”

“Anscheinend glauben Sie das nicht.” Verärgert stemmte sie die Hände in die Hüften und sah ihm in die Augen.

“Ich hoffe es wirklich für Sie. Aber ich fürchte, es wird nicht so leicht, wie Sie denken.”

“Ja, eines müssen Sie über uns wissen. Nichts im Leben war bisher leicht für uns, einschließlich dieses Umzugs nach Texas.”

“Sie sind es schon gewohnt, sich durchzubeißen, ja?”, fragte er leise.”

“So ungefähr. Wenn Sie nichts Ermutigendes zu sagen haben, dann schweigen Sie lieber.”

“Selbst wenn …”

“Selbst dann. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann bekomme ich es auch. Und im Moment brauche ich Cowboys!” Zornig drehte sie sich um. “Bis irgendwann, Jack.” Sie ging ins Gebäude der Zeitung und schlug ihm die Tür vor der Nase zu.

Niki wartete schon auf dem Fußweg, als Dani eine Viertelstunde später aus dem Büro der Zeitung kam. “Ich habe den Job!”, verkündete sie froh. “Rosie ist unglaublich nett. Gleich morgen geht’s los.”

“Das ist toll, Niki.” Dani zog ihre Schwester in die Arme. “Bist du sicher, dass es eine anständige Bar ist?”

“Ganz sicher. Im Grunde ist es eher ein Restaurant als eine Bar. Aber mit Getränken wird dort mehr Umsatz gemacht als mit Speisen. Dabei gibt es dort das beste Barbecue in ganz Texas.”

Dani lachte. “Da bin ich ja gespannt.” Arm in Arm gingen die beiden Schwestern zum Jeep.

“Hast du die Anzeige aufgesetzt?”, wollte Niki wissen.

“Sie wird schon morgen erscheinen.”

“Und dann wird das Telefon nicht mehr aufhören zu klingeln, da bin ich ganz sicher”, prophezeite Niki.

Dani wollte ihr gern glauben. Doch sie musste immer an Jacks warnende Worte denken.

Auf Danis Anzeige hin meldeten sich genau zwei Bewerber.

Der Erste klang auch sehr interessiert, doch im Laufe des Telefonats schreckte der Mann urplötzlich zurück, als sei er von einer Schlange gebissen worden. Dani konnte sich den Grund dafür nicht erklären.

Der zweite Anruf kam erst Tage später, und schon nach fünf Sekunden wusste Dani, dass sie diesen Mann nicht einmal als zahlenden Gast auf ihrer Ranch haben wollte, geschweige denn als Arbeitskraft. Niedergeschlagen legte sie auf.

Als sie wieder alle zusammen am Tisch saßen, erklärte Dani den anderen, was sie als Nächstes tun wollte.

“Ich werde Flugblätter überall in der Stadt anbringen. Und du, Niki, musst bei der Arbeit jedem Cowboy, den du siehst, klarmachen, dass er hier … Wieso schüttelst du den Kopf?”

“Weil ich das schon die ganze Zeit über tue, und niemand hat Interesse.” Niki zog die Augenbrauen zusammen. “Es ist, als ob wir auf irgendeiner schwarzen Liste stehen.”

Dani bekam eine Gänsehaut. “Du willst doch nicht etwa sagen, dass die Leute uns meiden, weil wir Fremde sind?”

“Nein, nein.” Toni klang entsetzt. “Die Leute hier sind sehr nett. Ich bin sicher, dass sie sich niemals gegen uns verschwören würden.”

Alle drei wandten sich gleichzeitig zu ihrer Großmutter um.

Tilly runzelte die Stirn. “Dass sie sich alle verschworen haben, mag ich nicht glauben”, sagte sie. “Aber seltsam ist es schon, dass die Leute sich so von uns fernhalten.”

“Die Bar-K-Ranch ist nur ein kleiner Betrieb, und ich kann mir nicht vorstellen, dass die anderen Ferien-Ranches uns als Konkurrenz ansehen”, meinte Dani nachdenklich. “Aber könnte es nicht sein, dass es einen Grund für das Verhalten der Leute gibt, den wir noch nicht kennen?”

“Was denn zum Beispiel?”, fragte Toni nach.

“Möglicherweise wollte eine große Ranch die Bar-K-Ranch aufkaufen. Oder es gibt Öl auf unserem Land, von dem wir nichts wissen.”

“Vielleicht haben wir auch die Wasserrechte für diese Gegend hier”, dachte Niki laut nach.

Dani stand vom Tisch auf. “Im Moment brauchen wir Männer, die uns helfen. Ich fahre sofort in die Stadt, um die Flugblätter an jeder Ecke anzunageln. Wünscht mir Glück.”

Doch schon, als sie es aussprach, wusste Dani, dass sie mehr als nur Glück brauchte.

Über Danis Schulter hinweg las Jack das Flugblatt, das sie gerade an einen Laternenpfahl nagelte.

Cowboys für Ferien-Ranch gesucht. Anständige Bezahlung, ausgezeichnete Arbeitsbedingungen. Berufserfahrung erwünscht, aber nicht Voraussetzung. Anruf bitte bei Dani Keene unter …

Statt des Nagels traf Dani ihren Daumen. Sie schrie auf und fuhr zu Jack herum. “Sehen Sie, was Sie gemacht haben!”

“Ich?” Betont unschuldig sah er sie an. “Ich habe doch nur das Flugblatt gelesen. Dazu ist es doch da.”

“Aber über meine Schulter. Und woher sollte ich wissen, dass Sie es sind und kein Kettensägenmörder?” Sie steckte den Daumen zwischen die Lippen und sog daran.

Das würde ich gern für sie tun, dachte er, und vor seinem inneren Auge tauchten die verlockendsten Bilder auf. “Ich kann mich nicht erinnern, wann wir zuletzt einen Kettensägenmörder in Hard Knox hatten”, brachte er schließlich heraus. “Aber es tut mir leid, dass Sie sich wehgetan haben. Lassen Sie mich Ihnen helfen.” Er griff nach dem Hammer.

Dani zog ihn rasch weg. “Ich brauche keine Hilfe.”

“Das sieht für mich aber doch so aus.”

“Da sehen Sie mal, wie man sich irren kann.” Mit sicheren Schlägen trieb sie den Nagel ins Holz. “So”, stellte sie zufrieden fest. “Das war das letzte Flugblatt. Vielleicht erreichen wir auf diesem Wege etwas.”

“Das hoffe ich”, entgegnete Jack.

Forschend blickte sie ihm in die Augen. “Auf die Anzeige hat sich niemand gemeldet. Was geht hier vor?”

“Was meinen Sie?”

“Wieso will niemand auf der Bar-K-Ranch arbeiten?”

“Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Alle haben für diese Saison bereits feste Jobs.”

“Ich weiß, was Sie mir gesagt haben, aber mir kommt es vor, als ob noch mehr dahintersteckt. Könnten Sie mir nicht bitte sagen, was das ist?”

Er wollte es wirklich, aber wie sagte man einer Frau, dass ihr Vater ein so großer Mistkerl gewesen war, dass niemand im ganzen Bezirk mehr mit einem Keene etwas zu tun haben wollte? Er brachte es auch nicht fertig, ihr zu erklären, dass die größeren Rancher um sie herum wie die Geier darauf warteten, dass die Schwestern das Handtuch warfen und dahin verschwanden, wo sie herkamen.

Seufzend ließ sie die Schultern sinken. “Also schön, Sie wollen mir nicht helfen. Aber ich habe noch nie einen Mann gebraucht.”

Jack traute seinen Ohren nicht. “Gehören Sie zur Fraktion der fanatischen Männerhasserinnen?”

“Dazu fehlt nicht viel”, erwiderte sie, obwohl es nicht stimmte, und richtete sich wieder auf. “Vergessen wir diese Unterhaltung lieber, ja? Was immer hier auch vorgeht, Sie stecken mit drin.”

“Hey, urteilen Sie nicht so voreilig. Sie wissen ja gar nicht, was Sie da sagen.”

“Wahrscheinlich nicht, aber Sie wollen es mir ja nicht verraten.”

Autor

Ruth Jean Dale
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