Heiße Küsse in San Antonio

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Glühendes Verlangen sieht die wunderschöne Lorna in den Augen des Texanischen Ölmagnaten Mitch. Doch sie weist seine Zärtlichkeiten zurück, solange er sie für eine raffinierte Betrügerin hält …
  • Erscheinungstag 30.06.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757731
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Lorna Farrell würde ihre letzte Begegnung mit Mitch Ellery nie vergessen. Sie war damals neunzehn gewesen, doch noch heute, fünf Jahre später, erinnerte sie sich so lebhaft an jenen entsetzlichen Tag, als wäre es erst gestern gewesen. Und in wenigen Minuten würde sie diesen Mann wieder sehen!

Verstohlen fuhr sie sich über die Stirn und erschrak über ihre leicht bebende Hand. Sie, Lorna, hatte schon mehrere schwierige Situationen und Zeiten in ihrem Leben meistern müssen und wusste sich zu wappnen, um den Herausforderungen zu trotzen. Aber dieses Mal war eines anders: Sie hatte sich das Unheil, das gleich auf sie zukommen würde, selbst zuzuschreiben, wie sie sich ehrlicherweise eingestehen musste.

Heimlich blickte sie zu der einundzwanzigjährigen Kendra Jackson hin, die mit ihr im Aufzug zur zwanzigsten Etage des vornehmen Bürogebäudes von San Antonio hinauffuhr. Nein, sie scheint meine verstohlene Musterung nicht zu bemerken, dachte Lorna erleichtert und spürte im nächsten Moment, wie traurig es sie machte, dass sie die hübsche braunhaarige junge Frau heute wohl zum letzten Mal sehen würde. Denn wenn Mitch Ellery erst einmal herausgefunden hatte, dass seine Stiefschwester und sie sich angefreundet hatten, würde er vermutlich mit ihrem Boss John Owen sprechen und sich vielleicht sogar an die Polizei wenden. Sie würde nicht nur ihren guten Job verlieren, den sie sich sehr hart erarbeitet hatte, sondern aufgrund der Umstände ihrer Entlassung womöglich auch entsetzliche Schwierigkeiten haben, eine neue Stelle zu finden.

Ja, sie würde einen hohen Preis für eine kurze Zeit heimlichen Glücks bezahlen. Kendra Jackson war die Verlobte ihres Chefs und hatte es vortrefflich verstanden, sie, Lorna, aus der Reserve zu locken und die Distanz zu überwinden, die sie der jungen Frau gegenüber gewahrt hatte. Kendra hatte es sogar geschafft, dass Mr. Owen sie immer wieder für seine Verlobte freistellte, damit sie ihr den einen oder anderen Gefallen tun konnte. Es war ihr ganz so vorgekommen, als hätte die hübsche Brünette ihre Nähe gesucht und es darauf angelegt, sie zu ihrer Freundin und Vertrauten zu machen.

Sie beide hatten so manche Stunde miteinander verbracht, was sie, Lorna, mit bittersüßer Freude erfüllte, die sie jedoch nicht offen zeigte. Denn die so glückliche, verliebte und sorglose junge Frau, die nichts Schlechtes von anderen dachte, sollte nicht erfahren, dass die tüchtige Sekretärin ihres Bräutigams in Wirklichkeit ihre Halbschwester war.

Als sie den Namen Kendra Jackson vor sechs Monaten gehört hatte, war ihr sofort klar gewesen, wer diese Frau war. Und als die junge Frau dann drei Wochen später ins Büro gekommen war, um ihren Verlobten zum Mittagessen abzuholen, hatte sie sie aufgeregt und wehmütig zugleich betrachtet, denn sie durfte sich ihr nicht zu erkennen geben, da ihre gemeinsame Mutter ihr uneheliches Kind verleugnete.

Doris Jackson Ellery wollte nichts von ihrer Erstgeborenen wissen. Das hätte sie vor fünf Jahren nicht deutlicher zeigen können, als sie auch noch ihren Stiefsohn Mitch Ellery beauftragt hatte, Lornas Wohnsitz ausfindig zu machen und zu ihr zu gehen, um ihren Wünschen Nachdruck zu verleihen.

Wenngleich Mitch bei seinem Besuch zunächst zwar energisch, aber nicht taktlos mit ihr geredet hatte, hatten der kühle Blick und die ernste, wie versteinerte Miene seine gesetzten Worte wie Peitschenhiebe wirken lassen. Es war ihm egal gewesen, dass sie ebenso bestürzt gewesen war wie ihre Mutter, als sie beide plötzlich in dem vornehmen Restaurant aufeinandertrafen, in dem Doris mit ihm und seinem Vater zu Mittag aß. Und der etwas labile Bekannte, der diese Begegnung arrangiert hatte, war nirgends aufzufinden gewesen, als Mitch so unvermittelt am Nachmittag an der Tür ihres Einzimmerapartments klingelte.

Sein gänzlich unerwartetes Erscheinen hatte sie, Lorna, so eingeschüchtert, dass sie sich nicht anders zu helfen und zu verteidigen gewusst hatte, als ihm die Wahrheit zu erzählen. Nämlich dass ihr wohlmeinender, allerdings ein wenig törichter Bekannter für die überraschende Begegnung verantwortlich und sie genauso entsetzt darüber gewesen sei wie ihre Mutter. Und während sie ihm versicherte, dass sie um nichts in der Welt den Wünschen ihrer Mutter zuwiderhandeln und ihr in aller Öffentlichkeit gegenübertreten würde, beobachtete sie, wie sich seine Miene verfinsterte.

Ihre Erklärung und die wirklich ernst gemeinte Entschuldigung hatten nichts gebracht, sondern die Situation noch verschlimmert. Denn war er ihr, Lorna, anfänglich ruhig und höflich reserviert begegnet, so war sein Ton nach ihren Erwiderungen schroff geworden, und in seinem Gesicht hatte sich Verachtung gespiegelt, die sie zutiefst verletzt hatte.

Er hatte ihr unverblümt gesagt, dass er ihr kein Wort glaube und sie sowohl hinsichtlich ihres Bekannten gelogen habe als auch in puncto ihrer Abstammung. Anschließend hatte er sie beschuldigt, eine wenig geschickte Opportunistin zu sein, die mit einer gemeinen Behauptung Geld von einer reichen Familie erpressen wolle. Und während er das Apartment verließ, hatte er ihr angedroht, dass er sich an die Polizei wenden würde, sollte einer der Ellerys je wieder von ihr hören.

Sie, Lorna, war völlig am Boden zerstört in ihrer Wohnung zurückgeblieben. Fassungslos und entsetzt, hatte sie erkennen müssen, dass Doris sie offenbar verleugnete und sie selbst für eine Lügnerin gehalten wurde.

Natürlich hatte sie Mitgefühl für ihre Mutter, die sicherlich eine schwierige Zeit durchgemacht hatte. Doris Ellery Jackson war heute vierzig Jahre alt und hatte sie, Lorna, mit sechzehn geboren. Zweifellos waren die frühe Schwangerschaft und die Freigabe des Kindes zur Adoption eine große Belastung für das damals noch so junge Mädchen gewesen.

Sie verstand vollkommen, dass ihre Mutter wohl unter jenen Lebensabschnitt einen Strich ziehen und am liebsten vergessen wollte, dass es ihn überhaupt gegeben hatte. Das bestätigte sie nur in ihrer Vermutung, dass die Geburt und die ganze Situation drum herum für Doris eine enorme seelische Erschütterung gewesen sein mussten.

Mit achtzehn hatte sie dann Kendras Vater geheiratet und viele Jahre später den wesentlich älteren, sehr vermögenden Ben Ellery. Sie war jetzt eine angesehene Dame der feinen Gesellschaft und fürchtete zweifellos den Skandal, wenn es bekannt würde, dass sie als junges Mädchen ein Kind geboren und weggegeben hatte. Schließlich dachten nicht alle Menschen in dieser Hinsicht liberal. Und da Doris anscheinend ihrer neuen Familie nichts von ihrer unehelichen Tochter erzählt hatte, konnte diese eine nachträgliche Enthüllung als großen Vertrauensbruch betrachten.

Die Ellerys waren schon seit Generationen im Erdölgeschäft tätig und zählten zu den bedeutendsten Viehzüchtern. Ihr makelloser Ruf war von absoluter Wichtigkeit. Kendra gehörte schon seit Jahren zu ihnen, und wenn es je eine wirkliche junge Dame gegeben hatte, dann sie, die nach strengen Moralvorstellungen erzogen worden war und sich entsprechend benahm.

Auch für sie, Lorna, ging Ehrbarkeit über alles. Sie hatte sie sich hart erarbeitet und stets sorgfältig darauf geachtet, dass kein Schatten auf ihr tadelloses Ansehen fiel. Doch nun würde dieses beschmutzt werden und sie ihren wunderbaren Job auf demütigende Weise verlieren. Denn Mitch Ellery würde bestimmt nicht verstehen, dass sie nichts in der ganzen Angelegenheit unternommen hatte, weil sie ihre Stelle hatte behalten und Kendras Gefühle nicht hatte verletzen wollen. Er würde sie nur einmal anzublicken brauchen und wissen, dass sie die Lorna Farrell war, die er einst als Opportunistin und Lügnerin bezeichnet und der er mit der Polizei gedroht hatte.

Der Aufzug hielt an, und die Fahrstuhltüren öffneten sich fast lautlos. „Lorna, Sie wanken ja etwas“, meinte Kendra beunruhigt und fasste sie am Arm, als sie gemeinsam die Kabine verließen. „Ist Ihnen nicht gut?“ Sie blieb auf dem Flur stehen.

Lorna rang sich ein Lächeln ab. „Ich bin in Ordnung. Ich habe nur das Mittagessen ausfallen lassen.“

„Warum haben Sie denn nichts gesagt? Wir hätten doch unterwegs einen Imbiss nehmen können“, erwiderte Kendra ehrlich besorgt, und Lorna spürte einen Stich im Herzen.

„Ich war nicht hungrig und bin es auch jetzt nicht.“ Freundlich lächelte sie ihre Halbschwester an. „Ist es Ihnen nicht vielleicht kürzlich auch so ergangen? Sie waren zu aufgeregt wegen der Hochzeit und so beschäftigt mit der ganzen Planung, dass Sie überhaupt nicht ans Essen gedacht haben, bis es Ihnen leicht schwindlig wurde?“

„Ich weiß nicht“, meinte Kendra, trotz ihrer unbekümmerten Art noch immer beunruhigt, was Lorna erneut zutiefst anrührte. „Sie haben in der letzten Woche hart gearbeitet, und ich habe Sie durch ganz San Antonio gehetzt. Vielleicht sollten Sie sich ein paar Tage freinehmen. Sie haben es sich wahrlich verdient.“

Lorna schüttelte den Kopf. „Ich arbeite gern und liebe die Herausforderung. Das Wochenende genügt mir, um mich zu erholen. Aber jetzt muss ich wirklich an meinen Schreibtisch zurück.“ Sie schwieg einen Moment, während sie den Flur entlang auf die geöffnete Bürotür zugingen. „Sonst schaffe ich bis um fünf Uhr all die Korrespondenz nicht mehr, die mir Ihr Verlobter heute Morgen gegeben hat. Ich habe noch einen Apfel in der Schublade, der wird mir vorläufig reichen.“

Unsicher blickte Kendra sie von der Seite an, sah den entschlossenen Gesichtsausdruck und lächelte dann. „In Ordnung. Nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe, und arbeiten Sie nicht zu hart.“

„Hart zu arbeiten ist gut für die Seele“, erwiderte sie, während sie das Büro betraten, und drückte ihrer Schwester kurz den Arm. Damit wollte sie ihr für die Besorgnis danken und sie endgültig beruhigen, sich jedoch auch den Herzenswunsch nach einer flüchtigen körperlichen Nähe erfüllen, wozu sie später wohl kaum mehr die Gelegenheit hätte.

Wenn ich vorschütze, noch etwas auf einer anderen Etage erledigen zu müssen, kann ich das Unvermeidliche vielleicht ein wenig hinauszögern, überlegte sie. War es nicht noch möglich, Mr. Ellery zu kontaktieren und ihm ihre Zwangslage zu erklären? Vielleicht würde er dann mehr Verständnis zeigen, als wenn er ihr überraschend begegnete?

Warum war sie nicht schon vor Monaten auf die Idee gekommen? Wieso habe ich nicht vernünftiger reagiert, bevor sich die Dinge so weit entwickelt haben? fragte sie sich, als sie plötzlich den großen Mann bemerkte, der von einem der Sofas in der Sitzecke des riesigen Vorzimmers aufstand.

„Mitch!“ Auch Kendra hatte ihn jetzt entdeckt und eilte auf ihn zu. „Du bist früh dran. Bitte entschuldige, dass du warten musstest.“

Zögerlich setzte Lorna einen Fuß vor den anderen, während Mitch sie finster ansah. Panische Angst erfasste sie, und sie musste ihre ganze Willenskraft aufbieten, um den Blick von ihm zu wenden und scheinbar ruhig zu ihrem Schreibtisch zu gehen. Sie hatte zwar noch gehofft, irgendwie einer förmlichen Vorstellung entkommen zu können, doch als Kendra ihr vor zehn Minuten erzählt hatte, dass Mitch sie abholen würde, hatte sie letztlich gewusst, dass ihre Chancen gleich null waren. Nun konnte sie nur noch die Unnahbare spielen, womit sie außer Kendra und einigen wenigen Freunden bislang jeden auf Abstand gehalten hatte.

Kaum hatte sie die Handtasche in eine Schublade gelegt und den Computer eingeschaltet, drehte sich Kendra auch schon zu ihr um. „Lorna?“

Sie konzentrierte den Blick auf ihre Halbschwester und rang sich ein Lächeln ab, als diese zusammen mit Mitch auf sie zutrat. Ganz die perfekte Angestellte, kam sie wieder hinter dem Schreibtisch hervor, um die gefürchtete Vorstellung hinter sich zu bringen.

„Dies ist mein Stiefbruder, Mitch Ellery“, erklärte Kendra, und Lorna zwang sich, ihn anzusehen. „Mitch, das ist Lorna Farrell.“

Lorna spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen. Sie streckte ihm die eiskalte Hand entgegen und wartete auf die drohende Katastrophe. Ihm die Hand hinzuhalten ist genauso gefährlich wie sie in das Maul eines Raubtiers zu stecken, dachte sie, und ihr Mut verließ sie immer mehr. Endlich nahm er ihre Hand und hätte sie mühelos zerquetschen können, so kräftig schien er zu sein. Er drückte sie fest und doch sanft zugleich, und Lorna hatte das Gefühl, als würde seine große, warme Hand ihre verbrennen.

Wie schon bei ihrer ersten Begegnung vor fünf Jahren trug er einen perfekt sitzenden schwarzen Anzug von feinster Qualität, wie es sich für einen Ölmagnaten gehörte. Aber seine schwarzen Stiefel und der silbergraue Stetson, den er auf dem Sofa liegen gelassen hatte, sowie seine schwielige Hand zeugten davon, dass er auch ein engagierter Viehzüchter war.

Sekunde um Sekunde verstrich, während sie sich anblickten und die Hände hielten, als würden sie es nicht wagen, einander schon wieder loszulassen. Deutlich spürte Lorna, wie sie körperlich auf den Kontakt reagierte und ein ums andere Mal erbebte.

„Es ist mir ein Vergnügen, Miss Farrell“, sagte Mitch mit sonorer Stimme, die ihr durch und durch ging.

„Ganz meinerseits, Mr. Ellery“, stieß sie leise hervor, als er die Finger noch fester um ihre Hand legte. „Miss Jackson hat so nett von Ihnen gesprochen.“

,Miss Jackson hat so nett von Ihnen gesprochen‘, echote es in ihrem Kopf, und sie errötete vor Verlegenheit. Mitch sah sie nicht mehr ganz so streng an, und seine strenge Miene wurde etwas freundlicher. Unverwandt blickte Lorna ihn an und hoffte, in seinen Augen ein klein wenig Gnade zu lesen. Sie entdeckte einen Anflug von Mitgefühl, wusste aber im nächsten Moment, dass ihr nur ein kurzer Aufschub gewährt wurde, weil er ihr in Kendras Beisein keine Szene machen wollte. Er würde sie wie vor fünf Jahren in ihrer Wohnung aufsuchen und sie dort zur Rede stellen. Allerdings würde diese Begegnung anders als damals enden. Dafür hatte sie höchstpersönlich gesorgt, denn sie hatte weder ihre Halbschwester auf Distanz gehalten noch ihren Job bei John Owen gekündigt.

„Du meine Güte! Das muss der längste Händedruck in der Geschichte sein!“, meinte Kendra und riss Lorna aus ihrer Selbstversunkenheit.

Reflexartig zog sie die Hand zurück, doch Mitch umschloss sie fester, sodass sie sie nur langsam aus seiner lösen konnte. Natürlich musste Kendra den Eindruck gewinnen, dass sie sich nur widerstrebend trennten, und daraus schließen, dass sie beide stark voneinander fasziniert waren.

Da Lorna ahnte, was ihre Halbschwester dachte, mied sie deren Blick. Sie sah an ihr vorbei und verschränkte so lässig wie möglich die Hände. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, ich muss dringend weiterarbeiten“, erklärte sie und kehrte an den Schreibtisch zurück.

Auch wenn dann alles sehr schnell ging, kam es ihr wie eine Ewigkeit vor, bis die beiden in John Owens Büro verschwunden waren. Nur wenige Minuten später erschienen sie wieder, und nachdem Kendra ihr zum Abschied zugewinkt hatte, trat sie mit ihrem Stiefbruder auf den Flur hinaus. Kaum hörte Lorna, wie sich die Fahrstuhltür schloss, atmete sie erleichtert auf und hämmerte nicht länger auf der Tastatur herum. Sie markierte die Seiten, die sie geschrieben hatte, und löschte die wirre Aneinanderreihung von Buchstaben.

Jetzt reiß dich zusammen, und befass dich mit deiner Arbeit, ermahnte sie sich im Stillen. Entschlossen ergriff sie den Stenoblock mit dem Diktat, das sie am Vormittag aufgenommen hatte, und schaffte es im Verlauf des Nachmittags immer besser, sich zu konzentrieren. Bis um Viertel vor fünf Uhr hatte sie die ganze Korrespondenz bewältigt, die ihr Chef auch noch unterzeichnete, bevor er sich ins Wochenende verabschiedete.

Lorna machte die Briefe für die Post fertig und erledigte noch so viel wie möglich. Wer wusste, was die nächsten Stunden brachten? Es war nicht auszuschließen, dass sie am Montag vielleicht nicht ins Büro kommen konnte oder gar mehrere Tage abwesend wäre. Sie hatte keine Ahnung, was Mitch Ellery tun würde, und sollte er die Polizei einschalten, wie er ihr vor fünf Jahren angedroht hatte, konnte es durchaus sein, dass sie nie mehr die Gelegenheit dazu hatte, den Kleinkram aufzuarbeiten.

Nachdem sie alles geschafft hatte, räumte sie die wenigen persönlichen Dinge aus ihrem Büro in die Stofftasche, in der sie sich normalerweise Arbeit mit nach Hause nahm. Dann blickte sie sich noch ein letztes Mal um, nahm auch die Briefe, um sie bei der Post einzuwerfen, knipste das Licht aus und trat hinaus auf den Flur.

Wie angenehm, dass sie jetzt auf dem Weg nach draußen wohl niemandem mehr begegnen würde, denn bestimmt hatten schon alle das Gebäude verlassen. Sie würde nur noch für den Pförtner eine heitere Miene aufsetzen und sich freundlich von ihm verabschieden. Lächelnd wünschte sie ihm einen guten Abend, und er stand sogleich auf, begleitete sie zur Tür und hielt sie ihr galant auf, bevor er sie hinter ihr wieder zuschloss.

Als sie über den fast leeren Parkplatz auf ihren Wagen zuging, merkte sie, wie sie rasende Kopfschmerzen bekam. Stelle dich schon mal darauf ein, dass Mitch Ellery deine Adresse inzwischen herausgefunden hat und in der Nähe deiner Wohnung auf deine Rückkehr lauert, ermahnte sie sich im Stillen, während sie das Auto auf die Straße lenkte. Sie hielt noch einmal kurz beim Postamt, um die Briefe einzuwerfen, und fuhr dann weiter nach Hause.

Es war sinnlos, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Die letzten Stunden hatten sie genug Nervenkraft gekostet. Sie hatte seit Monaten gewusst, dass dieser Tag kommen würde, und hätte Mitch Ellery schon längst anrufen sollen, doch ihre Selbstsucht hatte sie daran gehindert.

Wenn sie mit Kendra zusammen gewesen war, hatte sie ein wenig das Gefühl von Familie gehabt, die sie sich seit ihrer Kindheit sehnlichst wünschte. Sie, Lorna, war nicht stark genug gewesen, um sich die Erfüllung dieses Traumes zu verwehren. Nichts bedeutete ihr mehr, als sich zugehörig zu fühlen, ein Zuhause und eine Familie zu haben. Sie hatte ein bisschen davon erlebt und würde nun dafür bezahlen müssen. Der Preis würde sehr hoch sein, denn sie wusste genau, dass sie letzten Endes am Boden zerstört sein würde. Aber sie würde diesen Preis bezahlen, ohne sich zu beklagen – denn sie hatte sich schuldig gemacht.

Als sie den Wagen vor ihrem Wohnhaus parkte, widerstand sie heldenhaft dem Drang, sich nach unbekannten Fahrzeugen umzusehen. Zielstrebig ging sie hinein, und erst nachdem sie ihr Apartment betreten hatte, wurde unten an der Haustür geklingelt. Doch bevor sie sich der Sprechanlage zuwenden konnte, klopfte es an der Wohnungstür. Verwirrt blickte sie einen Moment drein, ahnte dann, wer es sein musste, und öffnete erleichtert.

Ihre beste Freundin Melanie Parker begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln, das allerdings sogleich verschwand, als sie Lornas blasses Gesicht sah. „Was ist los?“

Nervös atmete Lorna aus. „Wie gut, dass du da bist. Du musst mir einen Gefallen tun.“ Wieder wurde unten an der Haustür geklingelt, und sie fasste eilig Melanies Hand. „Das dürfte Mitch Ellery sein.“

„Oh Lorna“, sagte Mellie besorgt. „Was kann ich machen?“

Tränen der Dankbarkeit stiegen ihr in die Augen. Obwohl Melanie gewusst hatte, dass sie, Lorna, sich ein wenig Zeit mit ihrer Halbschwester gönnte, hatte sie sie nur hin und wieder leise vor der Gefahr gewarnt und ihre Missbilligung meistens verborgen, denn sie verstand besser als jeder andere, warum die Freundin sich so verhielt. Aber ihr war jetzt auch genauso klar wie Lorna, was Mitch Ellerys Erscheinen bedeutete.

„Sollte er nach oben kommen“, antwortete Lorna mit bebender Stimme, „wäre es nett von dir, wenn du dich nach einigen Minuten vergewisserst, was mit mir ist. Du musst überhaupt nicht hier auftauchen. Ein Anruf genügt.“

„Glaubst du, er könnte irgendwie gewalttätig werden?“, fragte Melanie alarmiert.

Lorna schüttelte den Kopf. Nein, so hatte sie es nicht gemeint. „Er ist zweifellos wütend, doch würde er mich nicht körperlich verletzen. Allerdings könnte ich etwas überreagieren.“

Wieder wurde unten an der Haustür geklingelt. „Ich kann ihn nicht warten lassen, Mel. Bitte geh jetzt, und ruf mich in … zwanzig Minuten an, okay?“

„Erst so spät?“

„Ja“, bestätigte sie und hatte plötzlich Schuldgefühle, weil sie die Freundin stark beunruhigte. Aufmunternd lächelte sie sie an. „Das ist wirklich so in Ordnung.“

Melanie nickte, wirkte aber keineswegs überzeugt, als sie sich in ihr Apartment zurückzog, das auf dem gleichen Flur lag. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, drückte Lorna auf den Knopf der Sprechanlage. Wenn sie ganz viel Glück hatte, wollte vielleicht jemand anders sie besuchen, und es war nicht Mitch Ellery.

„Ja?“

„Ist das die richtige Wohnung?“, erkundigte sich Mitch ernst, denn er hatte ihre Stimme offenbar erkannt.

Weder grüßte er, wie es sich gehörte, noch fragte er nach dem Namen oder bat darum, heraufkommen zu dürfen. Er gab auch mit keiner Silbe zu verstehen, dass sie die Wahl hatte, ob sie ihn ins Haus lassen wollte oder nicht. Fast schien es ihr, als interessierte ihn lediglich eines: sicherzustellen, dass er nicht in das falsche Apartment stürmte.

Andererseits hätte er sich auch, versteckt hinter einem anderen Bewohner, ins Haus schleichen können, überlegte sie. Dass er es nicht getan hatte, zeugte von Ehrlichkeit, Fairness und einem gewissen Anstand. Lorna zögerte noch einen Moment und drückte dann auf den Knopf, der die Eingangstür zum Öffnen freigab.

Als sie seine schnellen Schritte im Treppenhaus hörte, schlug ihr das Herz vor Angst bis zum Hals. Ja, er war ausgesprochen wütend, sein Gang ließ keinen Zweifel daran.

2. KAPITEL

Mitch sah die zarte Gestalt auf der Türschwelle stehen und war genauso bestürzt wie am frühen Nachmittag, als Lorna mit Kendra in John Owens Vorzimmer gekommen war.

Die junge Frau mit dem dunklen, schulterlangen Haar war gertenschlank und ziemlich klein. Sie hatte große tiefblaue Augen und ein ausgesprochen fein geschnittenes Gesicht. Die Ähnlichkeit zwischen seiner Stiefschwester und ihr war unverkennbar.

In den vergangenen fünf Jahren hatte sie sich zu einer wahren Schönheit entwickelt. Außerdem besaß sie Stil und Klasse und hatte die Haltung einer Königin. Zweifellos war es die starke Ähnlichkeit mit Kendra, die damals noch nicht vorhanden gewesen, inzwischen aber frappierend war, die Miss Farrell wohl ermutigt hatte, es noch einmal bei seiner Stiefmutter zu versuchen.

Hätte sie sich unmittelbar an Doris gewandt, hätte er ihr möglicherweise einen gewissen Spielraum gelassen. Seine Stiefmutter hatte irgendwann endlich eingestanden, dass sie vor etlichen Jahren ein Kind zur Adoption freigegeben hatte, allerdings entschieden bestritten, dass Lorna Farrell jenes Kind sein könnte. Durch die Androhung einer Blutuntersuchung hätte man der jungen Frau vielleicht ein zweites Mal einen Strich durch die Rechnung machen können, denn ihr war bestimmt klar, wie schnell sie dann als Lügnerin entlarvt worden wäre.

Doch anstatt sich direkt mit Doris auseinanderzusetzen, hatte sie es vorgezogen, sich in Kendras Leben zu drängen. Das allein schon machte sie für ihn höchst verdächtig. Zwar hatte er inzwischen herausgefunden, dass Lorna bereits vor Kendras Verlobung mit John Owen bei diesem gearbeitet hatte, aber sie hätte sich nicht mit seiner Stiefschwester anfreunden dürfen, hätte Abstand zu ihr wahren müssen.

Kendra war eine liebenswerte, naive junge Frau, willensstark und ein wenig verwöhnt. Sie war ausgesprochen optimistisch und großzügig und wusste noch nicht, dass es auf der Welt vor Lügnern und Opportunisten nur so wimmelte. Auch hatte sie bislang nicht die bittere Wahrheit erfahren, dass neidische Leute ihr Möglichstes taten, jemanden wegen seines Geldes kleinzukriegen, oder die Gierigen einen wohlhabenden Menschen zum Narren hielten, um von dessen Reichtum etwas abzubekommen.

Und Lorna Farrell gehörte zweifellos zu Letzteren, hatte sie sich doch so geschickt Kendras Vertrauen erschlichen. Wenngleich er, Mitch, schon lange meinte, dass seine Stiefschwester endlich erwachsen werden müsste und erkennen sollte, wie es wirklich auf der Welt zuging, wollte er allerdings nicht, dass ihr die Augen ausgerechnet durch Lorna geöffnet wurden.

Stumm ließ diese ihn eintreten, und auch er sagte kein Wort. Hatte sie vor fünf Jahren noch sehr beengt in einem Einzimmerapartment gelebt, so bewohnte sie jetzt mindestens zwei helle Räume, die geschmackvoll mit diversen, wahrscheinlich gebraucht gekauften Einzelstücken möbliert waren. Sie liebte offenbar Farben und dunkle Tischchen mit grazilen Beinen. Und sie hatte eine Schwäche für kleine Besonderheiten, denn vor einem antiken Bücherregal stand eine etwa dreißig Zentimeter hohe Nachbildung eines schlaksigen Palomino-Ponys, das lange, dichte Wimpern hatte.

Das taubengraue Sofa war ausgesprochen elegant und hübsch mit altmodischen gestickten Kissen dekoriert. An den weiß gestrichenen Wänden hingen mehrere zweifellos nicht teure, aber schöne Bilder, und wie er durch die geöffnete Esszimmertür sehen konnte, stand mitten auf dem runden Tisch ein bunter Strauß mit Seidenblumen.

Die Wohnung wirkte absolut sauber und aufgeräumt. Alle Oberflächen glänzten, und nirgendwo schien ein Körnchen Staub zu liegen. Steckt dahinter die strenge Sorgfalt einer Frau, die es gerade zu etwas gebracht hat, dies zu schätzen weiß und es sich erhalten will? fragte er sich unwillkürlich. Oder war Miss Farrell eine Opportunistin, die gern hübsche Sachen um sich hatte und mit der pedantischen Pflege eine Freude an materiellen Dingen zeigte, aber auch ein Verlangen nach noch mehr? Dass sie einfach nur sehr ordnungsliebend war, verwarf er als Gedanken sogleich. Er stand ihr viel zu argwöhnisch gegenüber, um ihr eine so positive Eigenschaft zuzutrauen.

Auch wenn es die Höflichkeit eigentlich erforderte, nahm er den Stetson nicht ab und blickte Lorna mürrisch an, als sie sich mit leicht bebender Stimme an ihn wandte.

„Möchten Sie sich setzen, Mr. Ellery? Kann ich Ihnen etwas anbieten? Vielleicht einen Kaffee oder ein M…mineralwasser?“

Mitch sah, dass sie wegen des kurzen Stammelns errötete, und beobachtete, wie sie verlegen die schlanken Finger ineinander verschränkte. „Ich bin nicht zu einem Freundschaftsbesuch hergekommen, Miss Farrell. Ihre feinen Manieren sind an mich verschwendet.“

Lorna wurde blass, was ihm sofort auffiel. Offenbar war sie von ihm wie auch schon vor fünf Jahren so völlig eingeschüchtert, dass er mit ihr ein leichtes Spiel haben dürfte. Er hob die Hand, runzelte die Stirn, als er bemerkte, dass Lorna zusammenzuckte, und holte den Scheck aus der Innentasche seines Anzugs heraus. Dann hielt er ihn ihr so hin, dass sie den Betrag lesen konnte.

Unwillkürlich blickte sie auf die Zahlen, und Mitch wusste nicht, ob es Überraschung war, die kurz in den tiefblauen Augen aufblitzte, oder Schmerz.

Autor

Susan Fox
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