Heiße Küsse vom Boss

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Sie hat sein Geld unterschlagen und saß deswegen im Gefängnis. Jetzt bekommt Meagan von Milliardär Garrett Snow eine zweite Chance: als Pferdepflegerin in seinem Luxus-Resort. Diesmal will sie alles richtig machen - wenn nur die Gefühle für ihren Boss nicht wären …


  • Erscheinungstag 11.07.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733747831
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Mit siebenundzwanzig startete Meagan Quinn in ein neues Leben. Viele Menschen nahmen sich das vor. Vor allem Leute, die einen Fehler begangen hatten, so wie sie, aber sie setzte ihren Vorsatz auch in die Tat um.

Fast drei Jahre hatte sie im Gefängnis gesessen – für ein Verbrechen, das sie aus Dummheit verübt hatte. Seit einer Woche war sie draußen, und gleich würde sie im Ocean Cliff Hotel and Resort Einzelheiten ihres Beschäftigungsverhältnisses besprechen.

Sie stieg aus dem Wagen und strich sich den Rock glatt. Ihr Äußeres war Meagan wichtig, und sie hoffte, dass sie besser aussah, als sie sich fühlte. Als sie den Parkplatz überquerte, wehte der südkalifornische Wind durch ihr langes, glattes dunkles Haar und spielte mit ihrem Halstuch.

Eine der Voraussetzungen ihrer Haftentlassung war, dass sie einen Job vorzuweisen hatte, doch den hatte sie nicht ohne Probleme bekommen. Die Anhörungskommission hatte das Jobangebot sorgfältig geprüft, weil Garrett Snow, der Multimillionär, dem das Resort gehörte und der ihr dieses Angebot unterbreitet hatte, eins von Meagans Opfern gewesen war. Sie hatte sechzigtausend Dollar von Garret und seinen gleichermaßen reichen Pflegebrüdern unterschlagen. Damals hatte sie in einem Wirtschaftsprüfungsunternehmen gearbeitet und jeden der Männer um zwanzig Riesen geprellt.

Ein Teil ihres Gehalts würde für die Rückzahlung der gestohlenen Summe verwendet werden. Ihre Opfer hatten vereinbart, dass das Geld in ihre Stiftung für Kinder in Pflegeeinrichtungen floss statt auf ihre eigenen Bankkonten. Trotzdem, Meagan wollte Wiedergutmachung leisten, um zu beweisen, dass sie sich gebessert hatte.

Garrett hatte ihr den Job schriftlich angeboten, einfach nur erklärt, dass er bereit sei, ihr einen Neustart zu ermöglichen, wenn die Kommission der Haftentlassung zustimmte. Aber ihr war nicht klar, warum er überhaupt beschlossen hatte, ihr zu helfen.

Sie wünschte, das Wiedersehen mit ihm würde sie nicht so verdammt nervös machen. Sie hatte ihm unrecht getan, und jetzt war sie ihm ausgeliefert.

Angespannt betrat Meagan das Hotel, klammerte sich an ihre Tasche und den Umschlag mit den Papieren. Sie würde in den Ställen arbeiten. Das Resort bot jeglichen Luxus, einschließlich Ausritte am Strand.

Ihre Schritte hallten auf dem bunt gefliesten Boden in der Lobby wider. Die Einrichtung bestand aus lackiertem Holz und luftigen Textilien und setzte gestalterische Akzente aus der Kultur der amerikanischen Ureinwohner. Schließlich war Garrett ein Cheyenne-Halbblut. Meagan gehörte demselben Stamm an.

Sie folgte dem Gang, der zu Garretts Büro führte, und erreichte zwei große Doppeltüren. Nachdem sie tief Luft geholt hatte, öffnete sie sie und näherte sich dem Rezeptionisten, der an einem ovalen Schreibtisch saß. Er war jung und trendy, vielleicht ein Student, und trug einen Bürstenschnitt und einen gepflegten Bart. Lächelnd begrüßte er sie, und sie nannte ihren Namen. Der junge Mann prüfte ihren Termin im Computer und wies sie an zu warten.

Meagan blickte sich um. Der Wartebereich war groß und hell, auf einem Glastisch lagen Zeitschriften. Sie setzte sich auf die Kante eines Sofas und legte den Umschlag auf den Schoß, wobei sie versuchte, nicht daran herumzufummeln. Außer ihr wartete niemand.

Etwa zehn Minuten später geleitete der Rezeptionist sie in Garretts Büro, wo er sie mit Garrett allein ließ. Leise klickend fiel die Tür ins Schloss.

Garrett sah sie an, keiner sagte ein Wort. Er stand neben seinem Schreibtisch, gekleidet in einen eleganten grauen Anzug und Westernstiefel. Sein kurzes schwarzes Haar war zurückgekämmt, was seine markanten Gesichtszüge betonte. Er war gut gebaut – groß und breitschultrig. Inzwischen musste er zweiunddreißig Jahre alt sein.

Das letzte Mal hatte sie ihn bei der Urteilsverkündung gesehen, und das war vor fast drei Jahren gewesen. Sie war an dem Tag zusammengebrochen und hatte geweint, hatte sich für das entschuldigt, was sie getan hatte, doch ihre Tränen hatten ihn nicht gerührt. Sie erinnerte sich, wie stoisch er damals gewirkt hatte. Genauso sah er jetzt aus. Warum also half er ihr?

Schließlich bot er ihr einen Platz an.

Sie dankte ihm und setzte sich.

Er trat hinter seinen Schreibtisch. Nach einem Moment des Schweigens straffte er die Schultern, richtete seine Krawatte und setzte sich dann ebenfalls. „Haben Sie die Unterlagen mitgebracht?“

„Ja.“ Sie reichte ihm den Umschlag. Es war so peinlich.

Während er die Papiere durchging, dachte sie daran, wie sie sich kennengelernt hatten. Gelegentlich hatte sie seine Pflegebrüder in dem Unternehmen getroffen, wenn sie einen Termin mit ihren Steuerberatern hatten. Zu dem Zeitpunkt kannte sie Garrett noch nicht. Doch es war ihr so auch lieber gewesen. Damals hatte Meagan bereits alle drei Männer bestohlen, und das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war, dass ihr einer von ihnen sympathisch war.

Sie und Neil, ihr langjähriger Freund, hatten die Unterschlagungen genauestens geplant. Meagan sollte das Geld nehmen, damit sie sich ein schöneres Leben leisten konnten. Eigentlich war es Neil, der sich nach teuren Dingen sehnte. Meagan, dumm, wie sie war, wollte nur, dass Neil sie mit demselben blinden Vertrauen liebte und bewunderte, wie sie ihn liebte und bewunderte.

Dann, eines Tages während ihrer Mittagspause, hatte sie Kontakt zu Garrett. Sie saß draußen vor dem Gebäude und weinte bitterlich, nachdem sie sich mit Neil gestritten hatte.

Garrett war zu ihr gekommen und hatte sie gefragt, ob alles okay war. Sie hatte bejaht, er hatte sich trotzdem zu ihr gesetzt, sich vorgestellt und ihr ein Taschentuch gereicht. Es war wie im Film gewesen – eine galante, altmodische Geste. Der kühle Multimillionär war menschlicher als vermutet.

Schließlich begleitete er sie zurück ins Gebäude, und während sie sich in der Lobby voneinander verabschiedeten, zog er eine Blume aus einem Arrangement und überreichte sie ihr. Eine Kamillenblüte. Sie erinnerte sich, wie schrecklich sie sich wegen des Geldes gefühlt hatte, das sie unterschlagen hatte. Und als sie an dem Abend nach Hause zu Neil ging, hatte sie nur an Garrett Snow denken können.

Danach hatte sie ihn einige Male gesehen. Jedes Mal, wenn er in das Wirtschaftsprüfungsunternehmen kam, war er an ihrem Schreibtisch stehen geblieben, hatte mit ihr gesprochen und sie wie eine Freundin behandelt.

Aber sie war nicht seine Freundin. Sie hatte ihn bestohlen und zugelassen, dass Neil das viele Geld ausgab.

Er blickte von den Dokumenten in seiner Hand auf. „Ich schicke sie später in die Personalabteilung. Sie können nächsten Montag anfangen.“

„Danke.“ Sie rang sich ein Lächeln ab, wünschte, er würde es erwidern. Andererseits war sein distanziertes Verhalten vielleicht sogar besser. Sein Lächeln machte sie schwach. „Ich brauche diesen Job wirklich.“

„Das ist mir klar.“ Er steckte die Papiere wieder in den Umschlag. „Ich habe gehört, dass Sie im Gefängnis ein Baby bekommen haben und dass es etwa zwei Jahre alt ist.“

„Ja, ich habe eine süße kleine Tochter.“ Meagan hatte kurz nach ihrer Inhaftierung festgestellt, dass sie schwanger war. „Sie heißt Ivy.“

„Einer Ihrer Brüder hat das Sorgerecht übernommen, nicht wahr?“

„Ja, Tanner und seine Verlobte Candy haben sie zu sich genommen, während ich im Gefängnis war. Es gab sonst niemanden, der bereit oder in der Lage gewesen wäre, sie zu versorgen.“ Aus Scham hielt sie inne, bevor sie dann erklärte: „Neil war keine Option. Er hat mich vor ihrer Geburt verlassen. Er hat sie nie kennengelernt.“

Garrett runzelte die Stirn. „Warum haben Sie nicht gegen Neil ausgesagt? Die Polizei hat doch vermutet, dass er an der Tat beteiligt war.“

Sie antwortete, so ehrlich sie konnte, auch wenn ihr ihre Naivität peinlich war. „Als ich verhaftet wurde, dachte ich, dass er mir treu bleiben würde, wenn ich ihn schützte. Ich habe wirklich geglaubt, dass er auf mich wartet.“

Garrett antwortete nicht.

Also sprach sie weiter: „Ich habe der Polizei gesagt, dass Neil glaubte, ich wäre durch eine Erbschaft zu Geld gekommen. Das war natürlich eine Lüge. Er wusste, dass ich es unterschlagen hatte. Er war von Anfang an an der Sache beteiligt. Aber da es keine Beweise gegen ihn gab, wurde er nie angeklagt.“ Schnell fügte sie hinzu: „Ich bin dankbar, dass Tanner da war. Er und Candy haben mich immer wieder besucht und Ivy mitgebracht. Ich habe sie zwar nicht jeden Tag gesehen, aber es war besser als gar nichts.“ Meagan hatte ihre Unsicherheiten bekämpft, sich an die Zukunft geklammert und verzweifelt versucht, ein enges Band zu ihrem Kind zu knüpfen. „Ich versuche, die verlorene Zeit nachzuholen und meinem Kind die beste Mutter zu sein, die ich sein kann. Mein kleines Mädchen ist das wunderbarste Kind überhaupt.“

Wieder sagte Garrett nichts.

Doch sie redete weiter drauflos: „Tanner war zuerst unsicher, ob er sie nehmen soll, da er Single war. Er hat sich erst später verlobt. Sicher, mittlerweile steht Ivy ihm und Candy sehr nah. Ich habe sogar …“ Mitten im Satz hielt sie inne.

„Was haben Sie?“, hakte er nach.

„Ach, nichts.“ Sie wollte nicht eingestehen, dass sie im Gefängnis so verzweifelt und depressiv gewesen war, dass sie sogar versucht hatte, Tanner und Candy zu überreden, Ivy zu adoptieren. Doch glücklicherweise hatten die beiden ihr das ausgeredet. Ihnen war klar gewesen, dass sie ihr Baby nicht wirklich weggeben wollte.

Garrett lehnte sich zurück und betrachtete sie. Was immer er dachte oder fühlte, es schien nicht besonders schmeichelhaft.

„Es tut mir schrecklich leid, was ich Ihnen angetan habe. Und Ihren Pflegebrüdern.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. „Sie haben sich bereits bei der Urteilsverkündung entschuldigt.“

„Ich weiß, aber ich wollte es noch einmal tun. Hier und jetzt.“

Sie stockte, hatte einen Frosch im Hals. „Damals tat es mir auch schon leid, aber da wusste ich noch nicht, wer ich eigentlich bin.“ Heute war sie ein anderer Mensch. Meagan war durch die Hölle gegangen. „Ich bin erwachsen geworden und habe aus meinen Fehlern gelernt. Und wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich es tun.“

„Ja, aber das geht nicht. Getan ist getan.“

„Sie haben recht“, sagte sie. „Ich kann es nicht mehr ändern.“

Er nickte, und sie schwiegen beide. Der Gedanke an die Vergangenheit wühlte sie unangenehm auf.

Einige Sekunden später fragte sie: „Warum haben Sie mir den Job angeboten?“

„Ich habe den Grund in dem Brief an Sie genannt. Denselben Brief habe ich an die Kommission geschickt.“

„Ja, ich weiß. Sie haben geschrieben, dass Sie mir eine zweite Chance einräumen. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass Sie das wirklich wollen.“

„Ehrlich gesagt war es nicht meine Idee, sondern die meiner Mutter. Sie hat mich dazu überredet.“

„Ihre leibliche Mutter oder eine Ihrer Pflegemütter?“ Megan wusste, dass er in Pflegefamilien gelebt hatte. Einzelheiten waren ihr aber nicht bekannt.

„Meine leibliche Mutter. Sie war immer Teil meines Lebens, auch zu Zeiten, in denen sie sich nicht um mich kümmern konnte. Aber das ist eine andere Geschichte.“

Eine, über die er offensichtlich nicht sprechen wollte. „Warum sollte Ihre Mom sich für mich einsetzen?“

„Sie hat Sie bei der Urteilsverkündung gesehen und hatte Mitleid mit Ihnen, so wie Sie geweint haben.“

„War das die Lady, die neben Ihnen saß?“ Meagan erinnerte sich an eine ältere Frau, die eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm gehabt hatte.

„Ja, das war sie. Als es um die Entlassung auf Bewährung ging, hat sie ein paar Nachforschungen angestellt. Sie war neugierig und wollte mehr über Sie wissen. Da hat sie dann auch herausgefunden, dass Sie ein Baby haben.“

„Sie hat es also wegen Ivy getan?“

„Das auch.“

Und warum noch? fragte sie sich. Anscheinend gab es viele Dinge, über die er nicht sprechen wollte. Nichtsdestotrotz wusste sie die Hilfe seiner Mutter zu schätzen. Meagans Mom war schon seit einiger Zeit tot, und sie vermisste sie schrecklich. „Wissen Sie, dass meine Mutter nicht mehr lebt? Sie ist gestorben, bevor diese Geschichte passiert ist.“

„Ja.“ Zwar sprach er ihr nicht sein Beileid aus, doch seine Stimme klang sanfter.

„Würden Sie mir verraten, wie ich Kontakt zu Ihrer Mom aufnehmen kann? Ich würde mich gern bei ihr bedanken.“ Ohne diesen Job wäre Meagan nicht entlassen worden. „Vielleicht kann ich ihr eine Karte schicken.“

Sofort schüttelte Garrett den Kopf. „Ich werde ihr Ihren Dank ausrichten.“

Meagan konnte ihm nicht verübeln, dass er den Kontakt verhindern wollte. Sie kam gerade aus dem Gefängnis und musste erst noch beweisen, dass man ihr trauen konnte. Sie würde ihn nicht drängen.

„Wir haben eine Kita für die Kinder unserer Angestellten“, wechselte er das Thema.

„Gilt das auch für Ivy?“

„Ja, natürlich. Es ist ein kostenloses Angebot, hat also keine Auswirkung auf Ihr Einkommen.“ Er nahm ein Blatt Papier aus der Schreibtischschublade und reichte es ihr. „Hier sind weitere Informationen. Wenn Sie Ihre Tochter in die Kita geben möchten, dann melden Sie sie direkt dort an.“

„Danke.“ Sie steckte das Infoblatt in ihre Tasche. Als sie wieder zu Garrett aufblickte, sah sie, dass er sie unverwandt anschaute. Manchmal hatte sie sich gefragt, ob er sich genauso zu ihr hingezogen fühlte wie sie sich zu ihm. Ob manche dieser verwirrenden Gefühle auf Gegenseitigkeit beruht hatten.

Das spielt jetzt keine Rolle mehr, sagte sie sich. Sie war nur hier, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und das Geld zurückzuzahlen, das sie unterschlagen hatte. Nicht um ihre Schwärmerei für Garrett wieder aufleben zu lassen.

„Ich werde Sie nicht enttäuschen“, erklärte sie, „und hart arbeiten.“

Ein Muskel in seinem Kinn zuckte. „Ich verlasse mich darauf.“

Ja, natürlich. Er erwartete von ihr, dass sie ihren Verpflichtungen nachkam – genau wie ihre Bewährungshelferin. Und auch Meagans Familie. Es gab viele Menschen, die sich darauf verließen, dass sie ab jetzt die richtigen Entscheidungen traf.

Sie dachte über die Stelle nach, die er ihr angeboten hatte. „Darf ich Sie etwas fragen?“

Er nickte vorsichtig. Fürchtete er, ihre Frage würde zu persönlich?

„Wieso haben Sie mir einen Job in den Ställen angeboten? Weil meine Brüder in der Pferdeindustrie arbeiten und Sie deshalb meinten, dass ich entsprechende Kenntnisse habe?“

„Ja, so ungefähr.“ Er blinzelte. „Warum? Haben Sie Vorbehalte gegen den Job? Sie haben der Kommission gesagt, dass Sie dafür qualifiziert sind.“

„Meine Erfahrung mit Pferden liegt lange zurück. Ich war noch ein Kind. Aber der Job ist trotzdem kein Problem.“

Er neigte den Kopf. „Sind Sie sicher?“

„Absolut.“ Sie würde die Tiere füttern, striegeln und satteln und die Ställe und die Ausrüstung sauber halten. „Ich weiß, was dazugehört.“ Und sie würde sich den Rücken krumm arbeiten, wenn es sein musste. „Ich dachte nur, ich sollte Ihnen sagen, dass meine Erfahrung begrenzt ist.“

Während sie auf seine Antwort wartete, versuchte sie, sich nicht beirren zu lassen. Auch nicht dadurch, dass sie sich damals zu ihm hingezogen gefühlt hatte. Und es immer noch tat.

„Okay“, sagte er schließlich. „Ich führe Sie jetzt durch die Ställe, wenn Sie möchten.“

„Danke. Das wäre toll. Ich freue mich darauf, sie zu sehen.“

Er stand auf und legte sein Jackett ab. Sofort beschleunigte sich ihr Puls. Sie musste sich auf den Job konzentrieren und nicht darauf, welche Gefühle Garrett in ihr weckte. Sie würde hier arbeiten, aber sie würde sich nicht wieder in Garrett verlieben. Schließlich hatte sie ihm – und sich selbst – bereits genug wehgetan.

Die Ställe befanden sich auf einem Grashügel mit Blick auf das Resort. Von Büschen gesäumte Wege führten zum Strand, schmale Pfade liefen weiter in die Berge. An einer privaten und bewachten Straße lag Garretts Haus. Dies war seine Welt, sein Zufluchtsort, und jetzt brachte er eine Frau hierher, die ihn bestohlen hatte.

Seine Mutter hatte ihm geraten, Meagan zu verzeihen und ihr die Chance zu geben, sich zu beweisen. Sie war eine Philanthropin und hatte alle möglichen Gründe angeführt, warum sie glaubte, dass es richtig war.

Monatelang hatte Garrett darüber nachgedacht und begriff selbst jetzt noch nicht, warum er nachgegeben hatte. Vielleicht lag es daran, dass er tief im Inneren daran glauben wollte, dass Meagan sich wirklich gebessert hatte. Oder vielleicht auch, weil sie ein Kind hatte, das sie versorgen musste, und Garrett hatte eine Schwäche für Kinder.

Er wünschte einfach, seine Mutter hätte ihn nie in diese Sache hineingezogen. Doch sie hatte keine Ahnung, dass er romantische Gefühle für Meagan hegte. Niemand wusste es, nicht einmal seine Pflegebrüder. Für sie war Meagan nur jemand, der in dem Wirtschaftsprüfungsunternehmen gearbeitet hatte.

Aber für Garrett war sie eine Frau, die ihn einmal sehr interessiert hatte. Wäre sie damals Single gewesen, dann hätte er sie zum Essen eingeladen. Doch sie war mit Neil liiert gewesen. Sicher, er hatte gehofft, dass sie kurz davor war, ihren Freund zu verlassen, diesen Mistkerl, der sie zum Weinen gebracht und ihm die Möglichkeit geboten hatte, als edler Ritter aufzutreten.

Ein Ritter, dessen Rüstung Dellen bekommen hatte.

Als sie die Scheune betraten, sah er Meagan unverwandt an. Mit ihren mandelförmigen Augen und dem langen seidigen Haar war sie noch immer so hübsch, wie er sie in Erinnerung hatte. Jetzt wirkte sie jedoch reifer, weniger flatterhaft als zuvor. Das Gefängnis hatte sie verändert. Und die Mutterschaft vermutlich auch. Aber konnte er diesen Veränderungen trauen? Sie könnte mit den Jahren noch hinterhältiger geworden sein, eine Verführerin mit Charme. Ihre netten Entschuldigungen könnten gespielt sein, verdammt gut gespielt.

Er beabsichtigte, ein Auge auf sie zu haben. Auf keinen Fall würde er sich wieder von ihr abzocken lassen.

Garrett entdeckte Tom Lutz, den Manager der Ställe, und winkte ihn zu sich, damit er Meagan kennenlernte. Tom war ein freundlicher alter Cowboy, klein und untersetzt, mit einem buschigen Schnurrbart, wie Wyatt Earp ihn gehabt hatte. Tom würde Meagans Vorgesetzter sein.

Nach einem kurzen Plausch kehrte der Cowboy an seine Arbeit zurück und ließ Garrett und Meagan wieder allein.

„Tom scheint sehr nett zu sein“, bemerkte sie.

„Ja, und er ist absolut loyal. Er weiß von Ihrer kriminellen Vergangenheit. Aber er hat deshalb keine Vorbehalte gegen Sie. Für ihn zählt nur, dass Sie Ihren Job machen.“

„Wissen die anderen Mitarbeiter auch Bescheid?“

„Ich habe nichts gesagt und Tom auch nicht. Und wir haben es auch nicht vor.“ Garrett wollte nicht, dass es sich herumsprach. „Aber es ist öffentlich dokumentiert, sie könnten es also selbst herausfinden. Oder jemand aus der Personalabteilung erwähnt es.“

Sie blieben im überdachten Durchgang stehen, und Garrett krempelte die Ärmel hoch.

Meagans Rock schwang sanft um ihre Knöchel. Alles an ihr wirkte sanft und lud dazu ein, sie anzufassen. Nicht, dass er die Absicht hatte, sie zu berühren.

Sie streichelte einen großen braunen Wallach, der seinen Kopf über die Stalltür streckte.

„Das ist Ho-Dad“, sagte Garrett.

Sie lächelte. „Ein interessanter Name für ein Pferd.“

„Es ist ein alter Surferausdruck. Eine Bezeichnung für diejenigen, die am Strand herumhängen und Surfer nerven. Ho-Dad mag Surfer, aber manchmal ein wenig zu sehr.“

Sie tätschelte den Braunen noch einmal, und Garrett bemerkte, wie sanft sie das Tier behandelte. Ho-Dad war jetzt schon ganz begeistert von ihr.

„Reiten Sie gern?“, erkundigte sich Garrett.

„Ich bin nicht mehr geritten, seit ich ein Kind war. Ivy sitzt aber gern im Sattel. Tanner nimmt sie mit zum Reiten. Es ist schön zu sehen, wie viel Freude sie daran hat. Für mich war es schwer, als ich klein war.“

„Was? In der Nähe von Pferden zu sein?“ Er war neugieriger, als er sein sollte. Doch er wollte genau wissen, was sie meinte.

Sie drehte sich von Ho-Dad weg und schenkte Garrett ihre ganze Aufmerksamkeit. „Ja. Vor allem nach dem Tod meiner kleinen Schwester und der Scheidung meiner Eltern.“

„Sie hatten eine Schwester?“ Davon hatte seine Mutter nichts gesagt.

Sie holte hörbar Luft. „Es war eine schreckliche Zeit für meine Familie. Mom ist zusammengebrochen, und Dad wurde noch gemeiner.“ Sie blickte auf den Wallach. „Dad hatte mit Pferden nicht so viel am Hut wie Mom. Tatsächlich missfiel es ihm, dass sie und wir Kinder dieses Hobby teilten. Nach der Scheidung habe ich mich weniger um Pferde gekümmert, in der Hoffnung, dass Dad dann netter zu mir ist. Fehlanzeige. Manchmal bin ich noch mit Mom ausgeritten, damit sie sich nicht vernachlässigt fühlte. Mit der Zeit habe ich das Reiten dann aber ganz aufgegeben.“

Garrett hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, was für eine Kindheit Meagan gehabt haben mochte. Es ging ihn auch nichts an. „Ihr alter Herr scheint ja ein fieser Kerl zu sein.“

„Ich hätte nie versuchen sollen, Daddys Mädchen zu sein. So, wie er meine Mutter behandelt hat.“

Garrett überlegte, ob er ihr erzählen sollte, dass seine und ihre Mutter in derselben Native-Americans-Frauengruppe gewesen waren, auch wenn sich ihre Wege nur kurz gekreuzt hatten.

Nein, dachte er. Ich werde nichts sagen. Immerhin machte seine Mutter schon eine zu große Sache daraus, und er wollte nicht, dass Meagan sie noch weiter aufblähte.

Sie räusperte sich. „Keiner von uns hat noch mit Dad zu tun. Weder meine Brüder noch ich. Ich bin nicht sicher, ob er überhaupt weiß, dass ich im Gefängnis war und dass ich eine Tochter habe. Vermutlich wäre es ihm auch egal.“

„Sie sollten wieder anfangen zu reiten.“

„Das hat Tanner auch gesagt.“

„Ich habe meine Pferde hier. Sie sind auf der anderen Seite der Scheune. Ich reite fast jeden Tag, Sie werden mich also häufig sehen. Manchmal morgens, manchmal nachmittags, das hängt von meinem Terminkalender ab. Die Hotelpferde können Sie auch gern reiten. Das ist einer der Vorteile Ihres Jobs.“

„Danke. Ich werde darüber nachdenken.“

Nach der Tour gingen Garrett und Meagan wieder nach draußen. Die Sonne schien durch die Bäume, das Gras fühlte sich weich unter ihren Füßen an.

Sie schaute sich um. „Es ist so schön hier.“ Interessiert blickte sie den Hügel hinauf. „Wow, da oben ist ein Haus. Es steht ganz allein.“

Verdammt, dachte Garrett. Er konnte nicht verschweigen, dass es sich um sein Haus handelte. Früher oder später würde sie es herausfinden. „Dort wohne ich.“

Sie sah zu ihm und dann wieder den Berg hinauf. „Das hätte ich mir eigentlich denken können. Ein Schloss, von dem aus Sie Ihr Königreich überblicken.“

Er spielte ihre Worte hinunter. „Es ist einfach ein Strandhaus.“

„Es sieht spektakulär aus.“

Garrett bedankte sich nicht für das Kompliment. Irgendwann, so hoffte er, würde er dort mit Frau und Kindern leben. Allerdings musste er noch die Richtige finden, die ihn und nicht nur sein Geld liebte.

Aber das war das Letzte, worüber er jetzt nachdenken wollte, vor allem nicht in Gesellschaft der schönen jungen Frau, die ihn abgezockt hatte. Er würde sich auch von ihrer traurigen Geschichte nicht beeinflussen lassen. Okay, sie hatte eine schwierige Kindheit gehabt. Aber er auch. Und trotzdem war er nicht kriminell geworden.

Er brachte sie zurück zum Hotel, und ihre Wege trennten sich.

Garrett tat alles, um sie aus seinen Gedanken zu verdrängen. Doch als er in sein Büro zurückkehrte, schwirrte sie ihm immer noch im Kopf herum.

2. KAPITEL

Was für ein Tag! dachte Meagan. Aber sie hatte ihn überstanden. Sie hatte Garrett getroffen und ihren neuen Job bekommen. Aber noch immer fühlte sie sich innerlich angespannt, offenbar die Nachwirkung des Treffens.

Zu Hause würde sie den Druck abbauen. Momentan wohnte sie in einem Gästehaus auf Tanners Grundstück, weit entfernt – Gott sei Dank – von der Justizvollzugsanstalt.

Sie stieg in ihren Wagen und verließ den Parkplatz. Auf der Hauptstraße herrschte starker Verkehr, es war hektisch und laut. Meagan war in Los Angeles aufgewachsen, doch seit sie aus dem Gefängnis entlassen war, fühlte sie sich wie ein gaffender Tourist in der Stadt. Frei zu sein war ein wundervolles Gefühl. Aber es war auch verwirrend. Alles fühlte sich irgendwie anders an.

Am Ziel angekommen, parkte sie vor dem Haupthaus, einem Bungalow aus den 1930er-Jahren, in dem ihr Bruder und Candy wohnten. Mit der stuckverzierten Fassade, dem Ziegelschornstein und dem gepflasterten Weg bot es einen ansprechenden Anblick.

Das Gästehaus, in dem Meagan untergekommen war, war ebenso charmant. Es hatte sogar einen kleinen Garten mit einer Rasenfläche, Blumenbeeten und einem Brunnen mit einer nackten Putte, die in das Wasser zu pinkeln schien.

Candys Wagen war nirgends zu sehen. Demnach war sie noch nicht von ihrer Shoppingtour mit Ivy zurück. Tanner war bei der Arbeit und würde erst später kommen.

Meagan war also allein. Sie betrat ihr Häuschen durch den Seiteneingang und stellte ihre Tasche auf den Küchentisch. Von dort ging sie in Ivys Zimmer. Es war vollständig eingerichtet und mit Märchenmotiven dekoriert, doch Ivy bewohnte es noch nicht. Obwohl das Mädchen Meagan von den Besuchen im Gefängnis kannte, war es in Panik geraten, als es bei Meagan einziehen sollte. Die Schlafenszeit war am schlimmsten gewesen. Ihre Tochter weigerte sich strikt, in dem Gästehaus zu übernachten. Also wohnte Ivy im Moment noch bei Tanner und Candy.

Dieser Umstand löste bei Meagan das Gefühl aus, als Mutter zu versagen. Doch sie musste geduldig sein und ihrem Kind Zeit lassen, sich auf die neue Situation einzustellen.

Meagan betrat ihr eigenes Zimmer. Seufzend ließ sie sich auf die Bettkante fallen und zog die Schuhe aus.

Autor