Heiße Rache auf Italienisch

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Wie zärtlich hat Leo sie früher angeschaut, ihr leise versprochen, sie für immer zu lieben. Bis Helena ihn aus ihrem Leben verbannte, auch wenn sie ihm den Grund dafür nie sagen durfte. Als sie jetzt erfährt, dass der italienische Magnat in London ist, um die Firma ihres Vaters zu zerschlagen, fasst Helena einen Entschluss: Sie muss ihn irgendwie von seinem skrupellosen Plan abbringen! Doch als sie Leo in der eleganten Hotellobby entgegentritt, verlässt Helena fast der Mut. Denn seine Blicke verraten, dass nur Rache für ihn zählt …
  • Erscheinungstag 30.01.2018
  • Bandnummer 2321
  • ISBN / Artikelnummer 9783733709921
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Fast zwei Stunden lang hatte Helena Shaw in dem mit elegantem Marmor ausgestatteten Foyer gewartet, bis sie den Mann, für den sie durch halb London gelaufen war, endlich entdeckte. Lässig schlenderte er in die Halle des exklusiven Mayfair-Hotels.

Sie hatte schon fast aufgegeben. Nach all den Bemühungen, ihn ausfindig zu machen, hatte sie beinahe den Mut verloren. Tatsächlich war sie kurz davor gewesen, auf die Stimme in ihrem Kopf zu hören, die „Wahnsinn“ schrie, und feige aus dem dick gepolsterten Plüschsessel aufzuspringen, um in der rettenden Anonymität der belebten Straßen unterzutauchen.

Doch sie war nicht geflohen. Sie war sitzen geblieben und hatte gewartet. Und gewartet.

Jetzt war er da.

Ihr Magen sackte ab, wurde für einen kurzen Moment schwerelos, als wenn sie aus großer Höhe einen Schritt ins Nichts gemacht hätte. Dann setzte die Nervosität ein und verwandelte ihren Bauch in einen Käfig voll aufgeregt flatternder Kanarienvögel, die versuchten, vor einem ausgehungerten Kater davonzufliegen.

Atme, befahl sie sich und beobachtete, wie er mit großen Schritten durch das Foyer ging. Er war groß, dunkel und beeindruckend. In seinem perfekt geschnittenen anthrazitfarbenen Anzug strahlte er Erfolg aus.

Die Frauen starrten ihn an.

Die Männer traten einen Schritt beiseite.

Und er ignorierte sie alle, ging zielstrebig weiter, bis er ganz kurz – nur einen Herzschlag lang – seinen Schritt verlangsamte, den Kopf in ihre Richtung wandte und mit einem Blick aus schmalen Augen die kostspielige Ausstattung des Hotels begutachtete.

Helena erstarrte. Sie hatte sich hinter einem riesigen Blumenarrangement mit süßlich duftenden Blüten versteckt und war sicher, dass er sie nicht entdecken würde. Doch für einen Augenblick hatte sich den Eindruck, er könnte ihren prüfenden Blick spüren. Ihre Anwesenheit. Als wären sie nach all den Jahren noch immer durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden.

Ein Donnerschlag – ein Vorbote des Sturms, den die Meteorologen seit gestern für London vorhersagten – ließ Helena zusammenfahren. Sie schloss kurz die Augen, atmete tief ein und ließ die Luft mit einem höhnischen Zischen wieder entweichen. Nichts verband sie mehr mit diesem Mann. Welche Bindung auch immer existiert haben mochte, sie war längst Vergangenheit, zerstört von ihrem Vater und unter der Asche von Bitterkeit und Schmerz begraben.

Ein Schmerz, den Leonardo Vincenti erneut würde aufleben lassen, wenn sie es nicht schaffte, ihn daran zu hindern, die Firma ihres Vaters an sich zu reißen.

Sie griff nach ihrer Handtasche und stand auf. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie sich fragte, ob er sie entdecken würde. Doch er war längst auf die Reihe der Fahrstühle zugesteuert. Sie eilte ihm nach, reckte den Hals, um seinen dunklen Haarschopf und die breiten Schultern nicht aus den Augen zu verlieren. Allerdings war er nicht zu übersehen, denn er ragte aus der Menge auf, wirkte noch größer als in ihrer Erinnerung, irgendwie düsterer. Eine Aura von Macht und Stärke umgab ihn.

Ihr Magen zog sich noch etwas mehr zusammen.

Die europäischen Wirtschaftskommentatoren bezeichneten ihn als Senkrechtstarter des Jahrzehnts, als unternehmerisches Genie, das eine junge Software-Firma in weniger als zehn Jahren in einen millionenschweren Konzern verwandelt hatte. Auf der Rangliste der reichsten Unternehmer hatte er einen der oberen Plätze erreicht. Die seriöseren Wirtschaftsmagazine nannten ihn zielstrebig und getrieben. Andere betitelten ihn weniger schmeichelhaft als rücksichtslosen Halsabschneider.

Das alles erinnerte Helena viel zu sehr an ihren Vater. Für einen Mann wie Douglas Shaw allerdings erschien ihr selbst „rücksichtsloser Halsabschneider“ noch zu harmlos, zu menschenfreundlich.

Sie schob die Tasche über ihre Schulter. Ihr Vater war ein beeindruckender Mann, aber wenn der Begriff „Bedauern“ überhaupt in seinem Wortschatz vorkam, dann musste er ganz eindeutig den Tag bedauern, an dem er Leonardo Vincenti ins Visier genommen hatte. Und jetzt war der junge Italiener, den er einst als unpassend für seine Tochter befunden hatte, zurück. Sieben Jahre älter, deutlich wohlhabender und – nach allem, was man hörte – noch immer hinter dem Mann her, der ihn damals aus der Stadt gejagt hatte.

Leonardo Vincenti blieb stehen, drückte den Fahrstuhlknopf und schob die Hände in die Hosentaschen. Helena stand jetzt so dicht hinter ihm, dass sie das feine Webmuster im Stoff seines Anzugs und die einzelnen Strähnen, die sich über seinen Hemdkragen geschoben hatten, erkennen konnte.

Sie atmete tief durch. „Leo.“

Die Augenbrauen fragend hochgezogen, wandte er sich um. Seine Miene erstarrte in dem Moment, als sich ihre Blicke trafen. Er zog die Hände aus den Hosentaschen. Seine Brauen senkten sich.

„Was zum Teufel …?“

Bei diesen drei Worten, die er mit einem leisen, gutturalen Knurren aussprach, richteten sich ihre feinen Härchen an den Oberarmen und im Nacken auf.

Also erkannte er sie.

Sie legte den Kopf in den Nacken. Trotz ihrer hohen Absätze musste sie zu ihm aufschauen, um ihm in die Augen sehen zu können.

Und, du lieber Himmel, was für Augen das waren!

Dunkel. Unbestechlich. Funkelnd. Wie polierter Obsidian und ebenso undurchdringlich. Wie hatte sie vergessen können, welchen schwindelerregenden Effekt sein Blick auf sie hatte?

Konzentriere dich.

„Ich würde gern mit dir reden“, sagte sie.

Unter seinem Auge zuckte ein Muskel. „Hast du kein Telefon?“

„Hättest du meinen Anruf denn angenommen?“

Er reagierte mit einem Lächeln – wenn das schmale, humorlose Verziehen seiner Lippen so genannt werden konnte. „Wahrscheinlich nicht. Du und ich, wir haben nichts zu besprechen. Weder am Telefon noch persönlich.“

Mit einem Pling kündigte sich ein Fahrstuhl an, die Türen öffneten sich. Leo neigte den Kopf. Doch angesichts der arktischen Kälte in seinen Augen war das alles andere als eine höfliche Geste.

„Tut mir leid, dass du deine Zeit vergeudet hast.“ Damit drehte er sich um und betrat den Lift.

Helena zögerte kurz, dann fasste sie sich ein Herz und tat es ihm gleich. „Du tauchst nach sieben Jahren absoluter Funkstille wieder auf und streckst die Hände nach der Firma meines Vaters aus. Das lässt sich wohl kaum als nichts bezeichnen.“

„Raus aus dem Fahrstuhl, Helena.“

Die unausgesprochene Warnung, die in seinem Ton mitschwang, ließ ihre Kopfhaut prickeln. Vielleicht lag es aber auch daran, wie er ihren Namen aussprach – in diesem volltönenden, akzentuierten Bariton, der eine unangenehme Hitzewelle durch ihren Körper wogen ließ.

Beinahe lautlos schlossen sich die Fahrstuhltüren, und mit einem Mal war der Raum, den sie teilten, zu eng und zu intim, auch wenn die Spiegel an den Wänden den Lift größer wirken lassen sollten.

Sie baute sich vor ihm auf. „Auf keinen Fall.“

Seine Wangenknochen überzogen sich mit leichter Röte, und er starrte sie an, als wollte er die Grenzen ihres Wagemuts abschätzen. Gerade als sie befürchtete, sein tödlicher Blick würde sie vernichten, griff er in seine Brusttasche und zog seine Hotelkarte hervor.

„Wie du willst“, sagte er sanft – zu sanft, warnte ihre innere Stimme sie. Er zog die Karte über einen Sensor und drückte den Knopf, neben dem „Penthouse Suite“ stand. Mit einem leisen Surren begann der Aufzug seinen Weg nach oben.

Helena klammerte sich an den Edelstahlgriff hinter sich. Von der schnellen Fahrt – oder von den Schmetterlingen in ihrem Bauch? – wurde ihr schwindelig.

Offensichtlich konnte sich ihr Exfreund nicht nur die besten Hotels in London leisten, sondern dort auch noch die exklusivste Suite.

Bei dem Gedanken schlug ihr Herz schneller.

Der Leo, den sie kannte, war dezent, stilsicher auf jene mühelose Weise italienischer Männer, aber nie hatte er sein Geld protzig zur Schau gestellt. Das hatte sie an ihm geschätzt. Ebenso wie seinen Mut, seine Zielstrebigkeit und Leidenschaft. Es hatte ihr gefallen, dass er so ganz anders gewesen war als die gelangweilten, verwöhnten Söhne reicher Eltern, mit denen ihre Eltern sie gern gesehen hätten.

Und jetzt …?

Sie umfasste den Griff noch fester. Jetzt war es egal, was sie über ihn dachte. Das Einzige, was zählte, war das Chaos, das er in absehbarer Zeit über ihre Familie bringen würde. Wenn ihr Vater und er sich einen Kampf um die Firma lieferten und Douglas Shaw die Kontrolle über sein wertvolles Imperium verlöre, hätte das fatale Folgen – auch für seine Frau und seinen Sohn. Ihr Vater war kein guter Verlierer. Wenn er eine Niederlage einstecken musste, litten auch die Menschen in seiner Nähe darunter.

„Hat dein Vater dich geschickt?“ Die Art, wie er das Wort „Vater“ ausspie, zeigte deutlich seinen Hass – ein Gefühl, mit dem auch Helena zu kämpfen hatte, wenn es um ihren herzallerliebsten Daddy ging.

Sie betrachtete Leos Miene. Sein Gesicht war schmaler geworden, die Züge ausgeprägter, kantiger als früher, aber immer noch unglaublich attraktiv. Ihre Finger zuckten unwillkürlich, als sie daran dachte, wie sie diese Züge früher nachgezeichnet hatte, während er schlief. Wie sie sich diese prägnante, stolze Nase eingeprägt hatte, die hohen Wangenknochen und die wie gemeißelt wirkenden Lippen, die durch ein schlichtes Lächeln ihr Herz zum Stillstand brachten – oder durch einen Kuss.

Völlig unerwartet wirbelten Gefühle in ihrem Innern auf, ein schmerzlicher Mix aus Bedauern und Verlangen. Sie konnte kaum atmen.

Ob Leo wohl mittlerweile häufiger lächelte? Oder waren die Linien neben den Mundwinkeln eher Spuren von Ärger und Hass?

Unwillkürlich legte Helena die Hand auf den Bauch. Die Leere dort, wo einst neues Leben gewachsen war, erinnerte sie mehr als deutlich daran, dass auch sie gelitten hatte. Von diesem Schmerz zumindest war Leo verschont geblieben, und es hätte nichts gebracht, ihn mit ihm teilen zu wollen.

Manche Lasten, hatte sie beschlossen, trug man besser allein. Sie ließ die Hand wieder fallen.

„Ich bin keine Marionette meines Vaters, Leo. Auch wenn du das immer geglaubt hast, du hast dich geirrt.“

Ein rauer Ton entrang sich seiner Kehle. „Die Einzige, die sich geirrt hat, bist du, Helena. Welchen Teil von ‚Ich will dich nie wiedersehen‘ hast du nicht verstanden?“

Sie unterdrückte den plötzlichen Schmerz, den seine Worte hervorriefen. „Das ist lange her. Ich möchte einfach nur mit dir reden. Ist das zu viel verlangt?“

Ein leises Pling kündigte an, dass der Fahrstuhl das Penthouse erreicht hatte. Ehe Leo mit einem überzeugten „Ja“ antworten konnte, trat sie durch die sich öffnenden Türen in einen geräumigen Vorraum. Sie blieb stehen, und die Absätze ihrer Pumps versanken in einem dicken schokoladenbraunen Teppich. Vor ihr tauchte eine mächtige zweiflüglige Tür auf. Das Ambiente machte einen ziemlich privaten Eindruck, wurde ihr klar. Abgeschieden. Isoliert.

Ihr Mund wurde trocken. „Vielleicht sollten wir uns lieber unten in der Bar unterhalten?“

Er trat dicht hinter sie und öffnete die schweren Türen. Seine Lippen verzogen sich zu einem schmalen Lächeln, das ihr Herz nur noch schneller schlagen ließ.

„Angst davor, mit mir allein zu sein?“

Helena blieb auf der Schwelle stehen. Sollte sie Angst davor haben? Trotz ihrer Befürchtungen schob sie den Gedanken beiseite. Leonardo Vincenti war nicht gerade begeistert, sie zu sehen – das war beschämend eindeutig –, aber sie kannte diesen Mann. Immerhin hatte sie einmal viel Zeit mit ihm verbracht. Und die Intimitäten, die sie mit ihm erlebt hatte, waren in ihre Seele eingebrannt.

Unter seiner Höflichkeit konnte sie die Wut spüren, aber er würde nie die Kontrolle verlieren. Niemals würde er sie so verletzen, wie ihr Vater es mit ihrer Mutter getan hatte.

Also steckte sie die Hand in die Tasche ihrer schwarzen Anzughose und sah ihn hochmütig an. „Sei nicht albern“, sagte sie und trat ein.

Leo schloss die Tür, ging mit langen Schritten zur Bar und schenkte sich großzügig Whisky ein. Mit einem Zug trank er das hochprozentige Getränk aus, knallte das Glas auf die Bar und sah die Frau an, die an seiner Fassade der Gelassenheit rüttelte.

„Möchtest du was trinken?“

„Nein.“ Sie bekräftigte ihre Ablehnung mit einem heftigen Kopfschütteln, das ihre goldbraunen Locken wippen ließ. „Aber … danke.“

Kürzer, stellte er fest. Ihr Haar war kürzer, die dunklen Strähnen, die einst bis zur Taille gereicht hatten, umspielten nun in einem perfekten Schnitt ihre Schultern. Auch ihr Gesicht hatte sich verändert. Es war schmaler, wie ihr ganzer Körper, und markanter. Ihre Wangenknochen wirkten stark und elegant, das Kinn fest. Unter ihren Augen lagen Schatten, doch der Rest ihres Gesichts war gebräunt, glatt und makellos. Es war ein Gesicht, an dem kein Mann ohne einen zweiten Blick vorübergehen würde.

Helena Shaw, musste er widerwillig zugeben, war kein hübsches Mädchen mehr. Helena Shaw war eine atemberaubend schöne Frau.

Missmutig erinnerte er sich daran, dass er kein Interesse an dem Aussehen dieser Frau hatte, weder körperlich noch sonst irgendwie. Schon einmal hatte er sich von ihrer Attraktivität und ihrer scheinbaren Unschuld blenden lassen – ein gravierender Fehler, der ihn viel mehr gekostet hatte als nur seinen Stolz –, und diesen Fehler würde er nicht wiederholen.

Mit keiner Frau.

Und ganz besonders nicht mit dieser.

„Du willst also reden.“ Das war das Letzte, was er mit Helena Shaw tun wollte. Dio. Er hätte sie mit Gewalt aus dem Fahrstuhl drängen sollen, selbst wenn es eine Szene deswegen gegeben hätte. Unwirsch deutete er auf zwei tiefe Ledersofas. „Setz dich.“ Er sah auf seine Uhr. „Du hast zehn Minuten.“

Sie runzelte die Stirn, und zwischen ihren Brauen erschien eine winzige Falte. Dann stellte sie ihre Tasche auf den kleinen Glastisch und nahm in der Ecke eines der Sofas Platz, ehe sie hörbar Luft holte.

„Die Zeitungen sagen, dass du eine feindliche Übernahme der Firma meines Vaters planst.“

Er ließ sich in das Sofa ihr gegenüber fallen. „Treffend zusammengefasst.“ Er hielt inne. „Und …?“

Sie stieß einen Seufzer aus. „Du willst es mir nicht leicht machen, oder?“

Leicht? Diese sechs Buchstaben ließen ihn die Zähne zusammenbeißen. Das ganze Leben dieses Mädchens war leicht gewesen. Der Reichtum der Familie und die Kontakte ihres Vaters hatten dafür gesorgt, dass es ihr an nichts fehlte. Anders als bei Leo und seiner Schwester, die nach dem Tod der Mutter eine trostlose Kindheit voller Armut und Entsagungen gehabt hatten. Für sie war nichts einfach gewesen.

„Du möchtest, dass ich es dir leicht mache?“

Zur Hölle, das würde er nicht tun!

Sie schüttelte den Kopf. „Ich will nur verstehen, warum du das tust.“

Sie wollte ihn von seinem Plan abbringen? Keine Chance. Er hatte jahrelang darauf gewartet, mit ihrem Vater ein Hühnchen rupfen zu können. Einen Herzschlag lang erwiderte er ihren Blick. „So ist das Geschäftsleben.“

Sie lachte, kurz und spröde, nicht das sanfte, betörende Lachen seiner Erinnerung. „Ich bitte dich. Mit Geschäft hat das nichts zu tun – du willst es ihm heimzahlen.“

Bei dem letzten Wort schwankte ihre Stimme, doch wenn sie vorhatte, an sein Mitgefühl zu appellieren, hatte sie Pech gehabt.

„Und wenn ich zugeben würde, dass ich damit eine alte Rechnung begleichen will – was würdest du dann sagen?“

„Ich würde sagen, dass es nichts besser macht, auf eine falsche Entscheidung mit einer zweiten zu reagieren.“

Er lachte spöttisch. „Wie romantisch! Ich persönlich glaube eher an ‚Auge um Auge‘.“

Sie senkte den Blick und betrachtete ihre Hände. Als sie wieder sprach, war ihre Stimme rau. „Die Menschen sind nicht perfekt, Leo. Sie machen manchmal Fehler.“

Sein Magen zog sich zusammen. Redete sie von ihrem Vater? Oder meinte sie sich selbst? „Du willst dich also für deine Fehler entschuldigen?“

Sie sah auf. „Das habe ich bereits versucht. Aber du wolltest mir nicht zuhören. Wäre das jetzt anders?“

„Nein.“

„Ich hatte versucht, dich zu schützen.“

Er unterdrückte ein weiteres Auflachen. Indem sie sein Herz mit einer scharfen Klinge durchbohrt hatte? Indem sie ihm keine andere Wahl gelassen hatte, als zuzusehen, wie sie ging? Ein dicker Kloß saß in seiner Kehle, und er versuchte, ihn hinunterzuschlucken.

Vor sieben Jahren war er nach London gekommen, um mit einem jungen Computergenie an einem Projekt zu arbeiten, das ihnen einen noch nie da gewesenen Erfolg hätte bescheren können.

Er war konzentriert gewesen, engagiert, diszipliniert. Wie immer.

Und dann hatte er dieses Mädchen kennengelernt.

Ein Mädchen, das so wunderschön gewesen war, so hinreißend, dass es eine der Skulpturen bei der Ausstellungseröffnung der Kunstgalerie hätte sein können, auf der sie sich begegnet waren.

Natürlich hatte er versucht, ihr zu widerstehen. Sie war zu jung für ihn gewesen, zu unerfahren. Und sie hatte eine zu große Ablenkung für sein Projekt bedeutet, auf das er sich konzentrieren musste.

Aber die Leidenschaft hatte gesiegt. Und schneller, als er es jemals für möglich gehalten hätte, hatte er sich in diese junge Frau verliebt, die ihn nur fünf Wochen später abservierte, als wäre er ein langweiliges Spielzeug, das sie nicht länger interessierte.

Er verzog die Lippen. „Gut, dass du mich daran erinnerst, mich niemals an dich zu wenden, wenn ich Schutz brauchen sollte.“

Sie besaß zumindest den Anstand, sich zu winden. „Ich hatte keine Wahl. Das verstehst du nicht …“

„Dann erkläre es mir.“ Die Wut in seinem Innern wuchs, und er musste sich zusammenreißen, um ruhig zu bleiben. „Erklär mir, warum du gegangen bist, anstatt mir die Wahrheit zu sagen. Erklär mir, warum du niemals erwähnt hast, dass dein Vater unsere Beziehung missbilligt. Erklär mir, warum – keine achtundvierzig Stunden, nachdem du mich verlassen hattest – jeder Investor, den ich mühevoll für mein Projekt gewonnen hatte, seine Unterstützung zurückgezogen hat.“

Er grub die Fingernägel in die Handflächen. Douglas Shaw hatte Leos Geschäft einen tödlichen Schlag versetzt. Und doch war sein eigener Verlust unwichtig im Vergleich zu den Auswirkungen, die das alles auf seine kleine Schwester gehabt hatte. Mariettas Leben, all seine Hoffnungen und Träume für ihre Zukunft, waren zunichtegemacht worden.

Eine Entschuldigung konnte das nicht wieder in Ordnung bringen.

„Du wolltest es dir leicht machen …“

„Nein.“

„… und dein Vater hat dir die perfekte Ausrede geliefert.“

„Nein!“

Die Vehemenz, mit der sie seine zweite Anschuldigung von sich wies, überraschte ihn. Sie warf ihm einen verletzten Blick zu, und er verspürte einen Anflug von Reue, den er selbst nicht erwartet hatte. Zum Teufel! Genau deshalb hatte er sie nicht wiedersehen wollen. Das Geschäft verlangte einen kühlen Kopf, einen rasiermesserscharfen Verstand. Jederzeit. Ablenkungen wie die langbeinige Schönheit, die ihm jetzt gegenübersaß, konnte er nicht gebrauchen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er einen Blitz, der die Terrasse erhellte, von der aus man über den Hyde Park und die Luxusvillen von Knightsbrigde sehen konnte. Sein rechtes Bein zuckte in dem Drang, aufzustehen und zu überprüfen, ob die Glastüren geschlossen waren. Er hatte keine Angst vor den Naturgewalten – manchmal bewunderte er förmlich ihre unbändige Kraft –, aber er mochte sie auch nicht besonders.

Er mochte sie ebenso wenig wie die Dämonen seiner Kindheit, die von ihnen heraufbeschworen wurden.

Heftiger Regen prasselte an die Fensterscheiben und übertönte die Geräusche der Stadt. Er wartete auf den Donner, und dann konzentrierte er sich wieder auf sein Gegenüber. „Was hat dir dein Vater von der Übernahme erzählt?“

„Nichts. Ich weiß nur das, was ich aus den Zeitungen erfahren habe.“

Vermutlich eine weitere Lüge. Doch er ging nicht weiter darauf ein. „Dann kennst du ein entscheidendes Detail nicht.“

Sie hörte auf herumzuzappeln. „Und zwar?“

„Dir fehlt das Wort ‚erfolgreich‘. Es war eine erfolgreiche Übernahme. Tatsächlich …“ Er schob den Ärmel seines Hemdes hoch und sah auf die Uhr. „… besitzt meine Firma seit zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten fünfundsiebzig Prozent der Shaw Corporation.“ Er schenkte ihr ein wenig freundliches Lächeln. „Was bedeutet, dass ich Mehrheitsaktionär an der Firma deines Vaters bin.“

Leidenschaftslos beobachtete er, wie die Farbe aus ihren Wangen wich. Sie presste die Hand an die Stirn und schloss die Augen.

Ein bisschen theatralisch, dachte er und verzog den Mund. Dann beugte er sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie. „Du siehst ein bisschen blass aus, Helena. Möchtest du jetzt etwas trinken? Ein Glas Wasser vielleicht? Oder brauchst du eine Kopfschmerztablette?“

Sie riss die Augen auf, und etwas – Zorn? – blitzte in ihren Augen auf. Sie schimmerten wie Saphire.

Unwillkürlich atmete Leo tief ein. Mochten sich ihr Gesicht und ihre Figur im Laufe der Jahre auch verändert haben, diese Augen waren gleich geblieben. Sie waren noch immer wunderschön. Fesselnd.

Noch immer gefährlich.

Als sie den Kopf hob, traf ihr glitzernder Blick seinen.

„Ein Wasser wäre gut.“ Sie bedachte ihn mit einem schmalen Lächeln. „Aspirin brauche ich nicht.“

Helena griff nach dem Glas, das Leo auf den Tisch gestellt hatte, und nahm einen Schluck. Sie konzentrierte sich auf das kalte Prickeln des kohlensäurehaltigen Getränks auf ihrer Zunge. Sie würde nicht schwach werden. Nicht vor den Augen dieses Mannes. Der Schreck auf nüchternen Magen hatte sie ein bisschen benommen gemacht, das war alles. Sie brauchte nur einen Moment, um sich wieder zu sammeln.

Nach einem dritten vorsichtigen Schluck stellte sie das Glas ab und faltete die Hände im Schoß. Sie durfte ihn ihre Unruhe nicht spüren lassen. Er durfte die Panik nicht bemerken, die sie überkam, während sie sich ein Übelkeit erregendes Szenario nach dem anderen vorstellte. Hatte ihr Vater sich besinnungslos betrunken, nachdem ihm klargeworden war, was diese Nachricht bedeutete? Spielte ihre Mutter die unterwürfige Ehefrau in dem Versuch, ihn zu beruhigen? Wie lange würde es dauern, bis die Mischung von Wut und Alkohol ihn in ein Monster verwandelte? In einen abscheulichen Tyrannen, der seine Frau in der einen Minute mit Schmuck und Luxusartikeln verwöhnte und in der nächsten verprügelte?

Helena zitterte, doch das lag nicht nur an der Angst um ihre Mutter. Auch die extreme Präsenz des Mannes ihr gegenüber war ein Grund dafür. Ihr wurde bewusst, dass – egal, wie viele Tage, Wochen oder Jahre vergingen – sie niemals gegen diesen großen, atemberaubenden Italiener immun sein würde. Niemals würde sie ihn ansehen können, ohne dass er ihr Blut zum Kochen brachte.

Nein, die Zeit hatte sie nicht unempfänglich gemacht für seine kraftvolle Männlichkeit. Aber sie würde nicht zulassen, dass ihr Verlangen die Oberhand gewann. Wenn die ständige Kritik ihres Vaters und seine Mitleidslosigkeit sie eines gelehrt hatten, dann war es das: niemals Schwäche zu zeigen.

Sie verschränkte die Finger, damit sie nicht zitterten. „Welche Pläne hast du mit der Firma meines Vaters?“

Ein Muskel unter seinem Auge zuckte kurz, beruhigte sich wieder und zuckte erneut. Leo lehnte sich zurück, streckte die langen Beine aus und legte einen Arm auf die Rückenlehne des Sofas. „Das weiß ich noch nicht genau.“

Sie kämpfte gegen das Bedürfnis an, ihm einen finsteren Blick zuzuwerfen. „Du wirst doch eine Idee haben.“

„Natürlich. Mehrere sogar. Und darüber werde ich mit deinem Vater sprechen, sobald er seine Aversion, mit mir zu reden, abgelegt hat.“ Er machte eine Pause. „Vielleicht hofft er, dass seine Tochter seinem neuen Aktionär einen … Ansporn bietet, sich rücksichtsvoll zu verhalten?“

Zu ihrem Ärger wurde sie rot. „Ich habe keine Ahnung, was du meinst.“

„Ach, komm schon. Es gibt keinen Grund, mir gegenüber die Ahnungslose zu spielen.“

Gedankenverloren ließ Leo die Hand über die Sofalehne gleiten. Langsam und gleichmäßig strich er über das weiche schwarze Leder. Wie gebannt sah Helena zu, dann riss sie sich von dem Anblick los. Einst hatte er sie selbst mit seinen langen, gebräunten Händen ähnlich gestreichelt und damit eine Leidenschaft in ihr ausgelöst, die kein anderer Mann zuvor oder danach hatte entfesseln können.

Sie atmete tief durch und versuchte, sich auf seine Worte zu konzentrieren.

„Du musst mich nicht so besorgt ansehen, Helena. Du wirst dir an jemandem wie mir nicht noch einmal die Hände schmutzig machen müssen.“ Er hielt die Finger still. „Ich habe kein Interesse an irgendetwas, das du mir bieten könntest.“

Als wollte er seinen Worten Nachdruck verleihen, ließ er den Blick über sie gleiten, von ihrem Scheitel bis zu den billigen Schuhen. „Was die Firma angeht“, fuhr er fort, ehe sie zu einer Erwiderung ansetzen konnte, „wenn dein Vater meine Einladungen zum Gespräch weiterhin ablehnt, werden wir die Tochtergesellschaften verkaufen und das Herzstück der Firma übernehmen. Eine Fusion wäre auch mit Entlassungen verbunden, aber die Angestellten deines Vaters werden erkennen, dass ich ein vernünftiger Mann bin. Diejenigen, die ich entlassen müsste, könnten mit einer großzügigen Entschädigung rechnen.“

Mit offenem Mund sah sie ihn an. „Du willst die Firma zerschlagen?“ Das würde ihren Vater definitiv in die Knie zwingen. „Du würdest alles zerstören, was mein Vater in seinem Leben aufgebaut hat?“

Er zuckte die Schultern. „Als Minderheitenaktionär würde er von den Verkäufen profitieren. Natürlich würde er seine Position als Geschäftsführer verlieren, aber dein Vater steht ohnehin nicht mehr in der Blüte seines Lebens. Vielleicht fände er es sogar gut, sich zurückzuziehen?“

Sie schüttelte den Kopf. Für Douglas Shaw ging es nicht ums Geld. Oder darum, sich zurückzuziehen. Für ihn ging es ausschließlich um Stolz und Respekt und Status. Um den Sieg. Um Kontrolle.

„Das verstehst du nicht.“ Ihre Stimme zitterte. „Das würde nicht nur meinen Vater verletzen, sondern auch andere – meine Familie. Ist es das, was du willst, Leo? Unschuldige Menschen leiden zu sehen?“

Sein Blick wurde hart. „Erzähl du mir nichts vom Leiden. Deine Familie und du, ihr wisst gar nicht, was das bedeutet.“

Das stimmt nicht! wollte sie schreien, doch sie sagte nichts. Auch das hatte sie schon als Kind gelernt – niemals indiskret zu sein. Um das Bild des perfekten Heims aufrechtzuerhalten, log man notfalls.

Sie stieß einen frustrierten Seufzer aus.

Warum glaubten die Menschen immer, in einem reichen Zuhause aufzuwachsen, bedeute ein Leben voller Sonnenschein und Rosen? Für Helena war es nur eine prachtvolle Zuckerguss-Illusion gewesen. Eine Illusion, hinter der sich ihre Mutter, die stets pflichtbewusste Ehefrau, immer versteckt hatte.

Leo schob seine breiten Schultern vor und stellte beide Füße fest auf den Boden. „Hier geht’s ums Geschäft. Dein Vater weiß das. Besser als die meisten anderen.“

Autor

Angela Bissell
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