Hollywood-Romanze in Italien

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Hollywoodstar Atlanta Jackson flieht vor der Presse in ein kleines italienisches Dorf, um Ruhe zu finden. Aber sie hat Pech - oder Glück? Denn in der sonst so ruhigen ländlichen Idylle ist noch ein zweiter Superstar zu Gast: Angelo Casali, den sie schon einmal abblitzen ließ …
  • Erscheinungstag 23.10.2020
  • ISBN / Artikelnummer 9783733749149
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

Angelo Casali stand breitbeinig da, während er den Schläger an seinem rechten Ohr vorbei durch die Luft schwang. Es war das Ende des neunten Durchgangs, und die Mannschaft lag mit zwei Punkten zurück. Jetzt warteten seine Teamkollegen und die Fans darauf, dass der Angel, wie er genannt wurde, ein Wunder für die New York Yankees wirkte.

Und er schaffte es. Unter dem Jubel der Zuschauer traf er den Ball – und verspürte im selben Moment einen Schmerz in der Schulter, der ihn fast wahnsinnig machte.

Es ist die Sache wert, sagte er sich und beherrschte sich mit eiserner Disziplin.

Die Fans sprangen auf, klatschten Beifall und riefen: „Angel! Angel!“

Die Begeisterung der Anhänger seines Baseballteams und der Adrenalinstoß, der ihn durchströmte, halfen ihm, den stechenden Schmerz zu ertragen. Als er den Ausgangsstandpunkt erreichte, hatten seine Kameraden schon die Spielerbank verlassen und empfingen ihn mit Gratulationen und kräftigem Schulterklopfen, das ihn beinah in die Knie zwang. Er lächelte jedoch tapfer und freute sich mit ihnen. Er war der Held des Tages, denn die Yankees hatten sich soeben für die Endspielrunde qualifiziert.

Drei Monate später legte sich Angelo in seinem großen, modernen Apartment in der Upper East Side im Nordosten Manhattans einen neuen Eisbeutel auf die Schulter und trank ein Glas Mineralwasser. Wenn er die Augen schloss, hörte er immer noch die Menge „Angel, Angel“ rufen, nachdem er mit dem letzten Schlag, bei dem er sich verletzte, seine Mannschaft zum Erfolg geführt hatte. Die Szene wurde auf der Großleinwand über der Anzeigetafel mehrere Male wiederholt, und er sah sie sich von der Spielerbank aus an, wo er wahrscheinlich auch während der restlichen Spiele der Saison sitzen würde. Die Vorstellung, seine Stollenschuhe vielleicht für immer ausziehen zu müssen, fand er ausgesprochen deprimierend.

Was kam danach? An die Beantwortung dieser Frage wagte er sich noch nicht heran. Eine Zukunft ohne seinen Sport war einfach undenkbar.

Das Läuten des Handys brachte ihn in die Wirklichkeit zurück. Er nahm es in die Hand, um es auszustellen, weil er nach wie vor von Reportern mit der Bitte um ein Interview oder eine Stellungnahme belästigt wurde. Gerade noch rechtzeitig erkannte er jedoch die Nummer seines Bruders.

„Hallo, Alex“, meldete er sich.

„Wie geht es dir?“

„Bestens“, log er.

„Abgesehen von den Schmerzen in deiner Schulter, oder?“

„Ja. Was machst du?“

„Ich genehmige mir gerade einen Drink. Es war ein langer Arbeitstag.“

„Das ist eine gute Idee.“ Angelo legte den Eisbeutel weg, stand auf und ging in die Küche, um sich eine Flasche Bier zu holen, und wünschte, er könnte mit Alex anstoßen. Dass sein Zwillingsbruder auf seiner Ranch in Texas nicht weit von San Antonio Rinder und Pferde züchtete, fand er immer noch erstaunlich. Ihre chaotische Kindheit hatte wenig Grund zu der Hoffnung gegeben, dass sie ihr Leben jemals in den Griff bekommen und beruflich erfolgreich sein würden.

„Tut deine Schulter noch so weh, wie es die Sportreporter behaupten?“, erkundigte sich Alex.

Angelo stieß einen verächtlichen Laut aus. „Ach, die fallen doch wie die Geier über einen her und bauschen dann alles auf.“

Alex ließ sich nicht täuschen. „Diese Saison ist für dich beendet, stimmt’s?“

„Ja.“

„Und wie stehen die Chancen für die nächste?“

„Dann bin ich wieder fit. Nach der Operation und der anschließenden Reha bin ich so gut wie neu.“ Wie um seine Worte Lügen zu strafen, spürte er in dem Moment wieder den pochenden Schmerz. „Jedenfalls bin ich zu jung, um jetzt schon aufzuhören.“

Das stimmte natürlich nicht. Mit seinen achtunddreißig Jahren war er für einen Baseballspieler eigentlich schon zu alt. Vor der Verletzung war er ein Kraftpaket gewesen, hatte allerdings gemerkt, dass er nicht mehr so schnell laufen konnte wie die jüngeren Teamkollegen. Das war auch dem Trainer und den Verantwortlichen des Clubs nicht entgangen. In der Situation war seine momentane Verletzung, übrigens schon die zweite ernsthafte innerhalb von drei Jahren, nicht gerade günstig. Kein Baseballclub bezahlte einem Spieler, der nicht mehr topfit war, ein Gehalt von mehreren Millionen Dollar. Sogar sein Manager wurde schon nervös und befürchtete, Angelos Vertrag, der in zwei Monaten auslief, würde nicht verlängert.

„Auf jeden Fall hast du jetzt jede Menge Zeit“, stellte Alex fest.

„Ja.“ Angelo studierte den Aufkleber auf der Bierflasche. „Vielleicht besuche ich dich, dann kann ich auch deine zukünftige Frau und ihre kleine Tochter besser kennenlernen.“

Immer noch fiel es ihm schwer zu glauben, dass die hübsche alleinerziehende Mutter mit dem leicht behinderten Kind das Herz seines zurückhaltenden und die Einsamkeit liebenden Bruders bei ihrem Aufenthalt auf der Gästeranch gewonnen hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Alex sich unsterblich verliebt.

„Gute Idee“, erwiderte Alex. „Ich habe jedoch einen anderen Vorschlag: Nutz die Gelegenheit, und flieg nach Italien.“

„Fang nicht wieder damit an“, stieß Angelo hervor.

Schon wochenlang drängte ihn sein Bruder, Kontakt mit ihrem ihnen fremd gewordenen Vater und dem Rest ihrer Verwandtschaft in Monta Correnti, wo sie geboren waren, aufzunehmen.

„Überwinde dich, und schließ Frieden mit der Vergangenheit“, riet Alex ihm.

„Das brauche ich nicht. Ich habe mit allem abgeschlossen und bin zufrieden mit meinem Leben.“

„So? Dein Zorn auf unseren Vater und die Familie in Italien kommt doch immer wieder hoch, Angelo.“

„Das stimmt“, gab er nach kurzem Zögern zu. „Wo waren sie, als wir auf der Straße leben und stehlen mussten, um überhaupt etwas zu essen zu bekommen? Wo war da unser Vater Luca? Damals hat sich niemand um uns gekümmert.“

Seiner Meinung nach hatte ihr Vater sich seiner Zwillingssöhne einfach entledigt, indem er die Dreijährigen in den Flieger nach Boston verfrachtete und zu ihrer amerikanischen Mutter Cindy schickte, die lieber nächtelang feierte, statt für ihre Kinder zu sorgen. Als sie gerade vierzehn waren, hatte diese sich zu Tode getrunken, und die beiden Jungen kamen unter die Obhut des Staates. Wenig später schafften sie es, nach New York zu gelangen. Immer noch sträubten sich ihm die Haare, wenn er daran dachte, wie nahe er daran gewesen war, kriminell zu werden.

„Sie hatten doch keine Ahnung, wie schlecht es uns ging, Angelo. Weder unser Vater noch die anderen Familienmitglieder wussten, dass unsere Mutter gestorben war und wie es uns danach ergangen ist.“

„Es hat sie nicht interessiert, sonst hätten sie es herausgefunden“, entgegnete er scharf. Das war seine feste Überzeugung. Damals, als es für ihn und Alex wichtig gewesen wäre, hatten ihre Verwandten in Italien mit ihnen nichts zu tun haben wollen. Jetzt drehte er den Spieß um und wollte nichts mit ihnen zu schaffen haben, auch wenn sie sich noch so sehr um ihn bemühten.

Die E-Mail seiner Halbschwester Isabella, die die ganze Sache mit der Familienvereinigung ins Rollen brachte, hatte er ignoriert. Es war eine große Überraschung gewesen zu erfahren, dass er und Alex drei Geschwister in Monta Correnti hatten. Nachdem er seine Zwillingssöhne losgeworden war, hatte Luca wieder geheiratet. Auch der Einladung zur Hochzeit seiner Cousine Lizzie, die in Australien lebte, war er nicht gefolgt.

„Glaub mir, Luca bereut die damalige Entscheidung zutiefst und ist sehr unglücklich darüber“, fuhr Alex ruhig fort. „Er kann die Vergangenheit nicht ändern, sondern nur versuchen, in Zukunft alles besser zu machen. Flieg nach Italien, Angelo, und verbring zwei Wochen in Monta Correnti. Ein Urlaub tut dir sowieso gut. Ich habe den Flug und das Ferienhaus für dich schon gebucht, du kannst mir die Auslagen später zurückzahlen. Ich schicke dir eine E-Mail mit den Einzelheiten.“

„Das war sehr voreilig, Alex. Das Geld überweise ich dir heute noch. Rechne jedoch nicht damit, dass ich die Reise antrete.“

Sekundenlang schwieg sein Bruder, ehe er den letzten Trumpf ausspielte. „Wenn du es nicht für dich tun willst, dann bitte ich dich, mir zuliebe hinzufliegen.“

„Das ist Erpressung“, hielt Angelo ihm vor, denn Alex war der einzige Mensch, dem er jeden Wunsch erfüllte.

„Ich weiß. Doch wie soll ich dich denn sonst umstimmen? Du wirst mir noch dankbar dafür sein.“

„Darauf kannst du lange warten“, widersprach Angelo leicht gereizt und beendete das Gespräch.

1. KAPITEL

Seufzend betrachtete sich Atlanta Jackson im Spiegel ihrer Hotelsuite und konnte kaum glauben, dass sie wirklich diese blasse Frau mit den müde blickenden Augen war, die ihr da entgegenblickte.

Nur das lange, gelockte hellblonde Haar, das ihr über die Schultern fiel, war noch dasselbe. Ihre Haut hingegen schien den seidigen Glanz verloren zu haben, und ihre Figur war für eine verführerische Sirene oder auch Sexbombe, als die man sie bezeichnete, nicht mehr üppig genug. Das war auch kein Wunder, nachdem sie innerhalb der letzten zwei Monate beinah zehn Kilo abgenommen hatte, ohne sich der radikalen und kohlehydratarmen Diät zu unterziehen, die momentan bei den Stars und Sternchen Hollywoods beliebt war und Pfunde nur so purzeln ließ.

Das schlichte blaue Leinenkleid würde Zeke überhaupt nicht gefallen. Sie hatte es am Tag zuvor in einer Boutique gekauft, in die sie vor den Paparazzi geflüchtet war. Aus einer Art Trotz und Auflehnung heraus trug sie es jetzt.

Zeke Compton, ihr ehemaliger Manager und Messias, wie er sich selbst nannte, hatte ihr verboten, diese Farbe zu tragen. Auch in Schwarz hatte sie sich nicht sehen lassen dürfen. Angeblich erinnerte es ihn zu sehr an Trauer und Beerdigungen.

„Welchen Grund hat Amerikas beliebteste Schauspielerin, traurig zu sein?“, hatte er gefragt, als ihre Modeberaterin sie in einem schwarzen Designermodell zu einem öffentlichen Auftritt schicken wollte.

Die Antwort darauf würden meine Fans und Kritiker sicher gern erfahren, hatte sie damals gedacht, doch heute wusste sie es besser. Niemand interessierte sich für die Wahrheit. Alle wollten nur an das romantisch verbrämte Märchen vom Aufstieg des armen, schönen Mädchens aus einfachen Verhältnissen zur Millionärin glauben. Dass alles nur eine große Lüge und sie es leid war, manipuliert und bevormundet zu werden, passte nicht in das Bild, das sich die Leute von ihr machten.

Sie schlüpfte in die eleganten flachen Schuhe, und prompt fielen ihr Zekes Worte ein. Im ersten Jahr ihrer Beziehung – sie war aus ihrem Apartment in West Hollywood zu ihm in sein Haus in Bellaire gezogen – hatte er erklärt: „Du musst Schuhe mit mindestens sieben bis acht Zentimeter hohen Absätzen anziehen, sonst bist du nicht groß genug.“ Obwohl sie sich mit ihren eins zweiundsiebzig keineswegs als klein empfand, befolgte sie seinen Rat, denn schon seit der Kindheit war sie daran gewöhnt, den Männern in ihrem Leben zu gehorchen.

Mit kleinen Mädchen, die nicht folgen, passieren schlimme Dinge, ertönte es in ihrem Kopf wie ein Echo aus längst vergangenen Tagen. Und wie schon tausendmal zuvor verdrängte sie die tief in die Vergangenheit zurückreichenden düsteren Erinnerungen.

Atlanta warf einen Blick auf die Uhr. Es war Zeit zu gehen, und sie war erleichtert, aus New York endlich verschwinden zu können. Weder diese Stadt noch Los Angeles kamen für sie als Wohnort infrage, nachdem Zeke durch seine boshaften Äußerungen die öffentliche Meinung über sie negativ beeinflusst und sie zur Außenseiterin abgestempelt hatte.

Sie verließ die Suite und vergewisserte sich im Aufzug, dass sie ihr Flugticket und den Reisepass eingesteckt hatte. Ihr Gepäck war schon abgeholt worden, und die Limousine mit getönten Scheiben und Fahrer stand vor dem Eingang bereit. Ein kurzes Spießrutenlaufen an den Paparazzi vorbei, dann war sie in Sicherheit und konnte sich entspannt zurücklehnen.

In ungefähr zwölf Stunden würde sie in Monta Correnti ankommen. Ihre Stylistin Karen Sommerville, eine der wenigen Menschen aus ihrem früheren Leben, die sich nicht von ihr abgewandt hatten, hatte ihr versichert, der malerische Ort in der hügeligen Landschaft zwischen Neapel und Rom wäre der ideale Platz für Atlanta, um eine Zeit lang von der Bildfläche zu verschwinden und neue Kräfte zu sammeln.

Das hatte sie auch bitter nötig, denn sie war so angespannt, dass sie befürchtete, bei der geringsten Kleinigkeit in die Luft zu gehen.

Ehe sie aus dem Fahrstuhl stieg, setzte sie die Sonnenbrille auf. „Die Show kann beginnen“, sagte sie leise vor sich hin.

Mit betont sorgloser und unbekümmerter Miene schlenderte Angelo in die VIP-Lounge des JFK International Airport. Es war wichtig, das Gesicht zu wahren, besonders jetzt, da immer neue Gerüchte über das mögliche Ende seiner Karriere in Umlauf gebracht wurden.

Offiziell hatte das Management seines Vereins verlauten lassen, er werde in die Mannschaft zurückkehren, sobald er seine Schulterverletzung auskuriert habe. In Wahrheit sah die Sache allerdings weniger rosig aus. Zusätzlich zu der Arthritis hatte man bei ihm eine Erkrankung der Schulter diagnostiziert, die die Beweglichkeit der Arme weiter einschränkte. Dank bestimmter Medikamente ließen sich die Schmerzen jedoch ertragen.

„So etwas verheilt nicht von selbst, du musst operiert werden“, hatte der Arzt ihm eröffnet und hinzugefügt: „In deinem Alter besteht trotzdem keine Garantie, dass du jemals wieder in einer Profiliga spielen kannst.“

Statt sich einen Termin für den Eingriff geben zu lassen, hatte Angelo den Vorschlag seines Bruders befolgt und flog jetzt nach Italien, um dort die nächsten zwei Wochen zu verbringen. Damit tat er seinem Bruder einen Gefallen, außerdem konnte er in dem kleinen Ort Monta Correnti von den Medien unbehelligt in aller Ruhe über seine Zukunft nachdenken.

Von den wenigen Gästen an der Bar der VIP-Lounge beachtete ihn niemand, als er hereinkam. Dafür hielten sie sich wohl alle für zu wichtig, diese Industriekapitäne, Aufsichtsräte und dergleichen. Ein bekannter und berühmter Baseballspieler beeindruckte sie bestimmt nicht, und wenn doch, dann überspielten sie es geschickt. Aber vielleicht würde ihn die umwerfend attraktive Blondine bemerken, die an dem vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster mit Blick auf die Start- und Landebahnen saß.

Trotz der überdimensionalen Sonnenbrille war Atlanta Jackson leicht zu erkennen, denn sie hatte die Hauptrollen in mindestens einem Dutzend Filmen gespielt, die echte Kassenschlager wurden. Während er den Blick über ihre verführerischen Lippen und das volle, gelockte Haar gleiten ließ, wurde sein Interesse geweckt, und das nicht zum ersten Mal. Vor einigen Jahren waren sie sich zufällig in einem New Yorker Nachtclub begegnet und hatten sich kurz unterhalten. Natürlich hatte er hemmungslos mit ihr geflirtet, doch darauf war sie nicht eingegangen. Seine Bitte, mit ihm zu tanzen, hatte sie rundweg abgelehnt. Noch lange danach hatten seine Teamkollegen ihn damit geneckt, dass er sich diese Abfuhr geholt hatte.

Als sie jetzt die Beine übereinanderschlug, erwachte in ihm heftiges Begehren. Nicht viele Frauen hatten eine so perfekte Figur wie sie. Sie war schlank, wobei sie faszinierende Rundungen an den richtigen Stellen hatte, obwohl sie offenbar Gewicht verloren hatte. Das wunderte ihn nicht, denn ihr viel älterer Manager und Freund, von dem sie sich getrennt hatte, versorgte die Boulevardpresse mit immer neuen Enthüllungsgeschichten.

Erst vor Kurzem hatte ihr Expartner behauptet, Atlanta habe ihn mit zahlreichen, ständig wechselnden Liebhabern betrogen, zuletzt sogar mit seinem zwanzigjährigen Sohn.

Angelo bezweifelte den Wahrheitsgehalt dieser Veröffentlichungen. Bei der ersten Begegnung in dem Nachtclub hatte sie jedenfalls nicht den Eindruck erweckt, die Abwechslung zu suchen oder gern zu flirten. Entschlossen, sich dieses Mal keinen Korb geben zu lassen und behutsamer vorzugehen, stellte er sich an ihren Tisch und wartete, bis sie aufsah.

„Da Sie es ja sowieso ablehnen würden, lade ich Sie gar nicht erst zu einem Drink ein“, begann er. „Aber was halten Sie von einer geistreichen Unterhaltung, um uns die Wartezeit zu vertreiben, bis unsere Flüge aufgerufen werden?“

Sie deutete ein Lächeln an. „Was für ein origineller Vorschlag, Mr. Casali.“

„Vielen Dank.“ Ohne ihre Aufforderung abzuwarten, zog er einen Stuhl hervor und setzte sich rittlings darauf. „Ich war mir nicht sicher, ob Sie sich noch an mich erinnern, immerhin ist es schon einige Jahre her.“

Prompt versetzte sie ihm einen Dämpfer und erwiderte: „Es wurde ja in der letzten Zeit viel über Sie berichtet.“

„Über Sie auch, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben.“

„Stimmt.“ Sie presste die Lippen zusammen.

„Verstecken Sie sich deshalb hinter der Sonnenbrille?“

„Kann schon sein. Sie etwa auch?“ Sie wies auf sein Gesicht.

„Ja, natürlich. So kann niemand sicher sein, ob ich ihn beachte oder nicht, und ich werde nicht angesprochen.“

Sie zog die fein geschwungenen Augenbrauen hoch.

„Finden Sie das zynisch, Miss Jackson?“

„Etwas schon.“ Sie zuckte die Schultern.

„Da wir beide die Einzigen hier in der Lounge mit Brillen auf der Nase sind, sollten wir zusammenhalten, so als spielten wir in derselben Mannschaft.“

„Bei allem, was in den letzten Wochen über mich berichtet wurde, müssen Sie sich gut überlegen, ob Sie mich in Ihrem Team haben wollen, Mr. Casali.“

„Wir betrachten es einfach als einen Test.“ Er sah sie schräg von der Seite an. „Sie können mich Angelo nennen.“

Der Mann hat Nerven, dachte sie und lachte. Sie hatte schon jahrelang nicht mehr für eine Rolle vorsprechen müssen. Die Hauptrollen der drei letzten Filme, die allein in Amerika mehr als hundert Millionen Dollar eingespielt hatten, waren auf sie zugeschnitten gewesen. Jeder namhafte Regisseur in Hollywood wusste, dass niemand die Verführerin besser spielte als sie. „Und wenn ich nicht mitmachen möchte, Angelo?“

„Natürlich wollen Sie das.“

Statt von seinem unerschütterlichen Selbstbewusstsein abgestoßen zu sein oder sich darüber zu ärgern, war sie fasziniert und beneidete ihn sogar etwas darum. Über das Selbstvertrauen, das sie vor der Kamera ausstrahlte, verfügte sie im Alltag ganz und gar nicht, arbeitete allerdings daran, es zu ändern.

„Wie kommen Sie denn darauf?“, fragte sie.

„Jeder will zu der erfolgreichsten Mannschaft gehören.“

„Und das ist selbstverständlich Ihre, oder?“

„Klar. Ich habe das nötige Fingerspitzengefühl. Die Yankees haben es mir zu verdanken, dass sie in der Endspielrunde sind. Wir können sogar die World Series gewinnen.“

„Das ist im Moment nur Wunschdenken.“

„Nein, es ist eine Tatsache, Sweetheart. Wir schaffen es.“

Normalerweise verbat sie sich solche gedankenlos dahingesagten Koseworte, doch sie ließ es ihm durchgehen. Es passte irgendwie zu seinem selbstbewussten Auftreten.

„Was heißt wir? Stimmt es etwa nicht, was in den Sportnachrichten verbreitet wird?“ Sie musterte ihn kritisch, doch nichts deutete auf eine Verletzung hin. Der Mann strotzte nur so vor Energie und Kraft.

„Sie wissen doch selbst, wie gern alles übertrieben und dramatisiert wird.“ Er zuckte die Schultern.

Beinah hätte er Atlanta überzeugt, dass die Berichte über seine angeschlagene Gesundheit nur ein Gerücht waren, wenn er bei der unwillkürlichen Bewegung nicht das Gesicht verzogen hätte.

„Wo immer die Leute eine Sensation wittern, sind sie nicht mehr zu bremsen“, fügte er hinzu.

„Ja, das stimmt. Diese Skandalreporter sind glücklich, wenn sie jemanden finden, der sie mit allen möglichen Informationen füttert.“ Sie dachte dabei an Zeke.

Ihr Image war völlig ruiniert. Obwohl sie es nicht bedauerte, sich nicht mehr verstellen zu müssen, war es ihr keineswegs recht, dass neue Lügen und Halbwahrheiten verbreitet wurden. Genau das tat Zeke. Er erfand eine Geschichte nach der anderen, die dann in allen möglichen Klatschblättchen zu lesen waren, und alle gierten nach mehr.

„Ich habe dich zu dem gemacht, was du bist, und ich werde dich auch wieder zerstören“, hatte Zeke gedroht. Naiv wie sie war, hatte sie ihm nicht geglaubt. Er hatte ihr jedoch bewiesen, dass er es ernst meinte, und machte seine Sache gut.

Offenbar war Angelo nicht so gutgläubig wie sie.

„Es wimmelt um einen herum nur so von Menschen, die einen hereinlegen wollen. Man muss sich gut überlegen, wem man vertrauen kann und wem nicht“, meinte er.

„Ehrlich gesagt, vorerst verlasse ich mich auf niemanden mehr“, erklärte sie zu ihrer eigenen Überraschung. „Und Sie?“

„Nur auf meinen Zwillingsbruder Alex“, erwiderte er, ohne zu zögern.

„Es gibt Sie im Doppelpack? Sieht er genauso aus wie Sie?“ Viele Schauspieler, bei deren Anblick einer Frau das Herz höher schlug, waren ihre Filmpartner gewesen, doch keiner hatte sie jemals so sehr beeindruckt wie Angelo.

„Nicht ganz, ich bin noch attraktiver als er.“

„Und bestimmt auch bescheidener und zurückhaltender“, spottete sie.

„Auf jeden Fall.“ Er ließ sich nicht aus der Fassung bringen, sondern legte nach: „Außerdem kann ich besser mit Frauen umgehen als er.“

Dieser Mann ist wirklich so sexy, wie ich ihn nach unserer kurzen Begegnung damals im Nachtclub in Erinnerung hatte, überlegte sie. Und er war noch genauso arrogant und selbstbewusst. Sein übersteigertes Ego machte ihn jedoch nicht unsympathisch, denn er besaß offenbar Humor und schien harmlos zu sein.

Sie beugte sich zu ihm hinüber. „Okay, Don Juan, ehe ich mich mit Ihnen zusammentue, müssen Sie mir erklären, worum es Ihnen geht.“

„Um Zerstreuung und Ablenkung.“

„Ah ja. Können Sie das konkretisieren?“

„Klar.“ Er warf einen Blick auf seine Rolex. „Ich muss genau eine Stunde und vierzig Minuten totschlagen bis zum Abflug. Also könnte ich mich ganz allein an einen Tisch setzen und mir einen Drink bestellen. Oder ich leiste Ihnen Gesellschaft und freue mich auf eine angeregte Unterhaltung.“

Es war schon lange her, dass jemand ihr ein so nettes Kompliment gemacht hatte. „Wie kommen Sie darauf, wir beide könnten angeregt miteinander plaudern?“

„Weil Sie eine faszinierende Frau sind.“

Ihr war bewusst, dass sie die Bemerkung nicht überbewerten durfte, dennoch bekam sie Herzklopfen. „Danke, dass Sie das sagen.“

„Gestatten Sie mir jetzt, Sie zu einem Drink einzuladen?“

„Andersherum ist es mir lieber.“

Angelo winkte den Kellner herbei und bestellte ein Bier und einen Kaffee für sich und einen Eistee für sie. Als sie wieder allein waren, sah er sie stirnrunzelnd an.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte sie.

„Ich dachte, Sie würden etwas ganz anderes trinken.“

„Vielleicht Champagner?“

„Ja. In einem Klatschmagazin stand, Sie würden darin baden“, antwortete er.

„Das habe ich auch gelesen.“

„Und? Stimmt es etwa nicht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das ist eine reine Erfindung.“

„Sie enttäuschen mich. Ich hätte zu gern von Ihnen erfahren, wie es sich anfühlt, dieses perlende Getränk auf der nackten Haut zu spüren.“

Sein verführerisches Lächeln ließ sie unwillkürlich erbeben, und sie bekam eine Gänsehaut. „Damit kann ich nicht dienen, aber es war eine Zeit lang ein Gesprächsthema. In Wahrheit ziehe ich es vor zu duschen, außerdem trinke ich keinen Alkohol.“

„Nie?“

„Sehr selten.“ Sie behielt lieber einen klaren Kopf.

„Dann geht es Ihnen so wie mir.“

„Aber Sie haben sich doch ein Bier bestellt“, wies sie ihn auf den Widerspruch hin.

Angelo blickte zum Fenster hinaus und betrachtete nachdenklich den Jumbojet, der zur Startbahn rollte. „Ja, wegen der besonderen Umstände.“

„Ah ja, Sie leiden unter Flugangst.“ Dafür hatte sie volles Verständnis, denn auch sie war nicht ganz frei davon.

Er schüttelte jedoch den Kopf. „Nein, das Fliegen macht mir nichts aus. Die Gesellschaft einer so bezaubernden Frau wie Sie verunsichert mich und raubt mir buchstäblich die Sprache.“ Wieder schenkte er ihr ein verführerisches Lächeln.

„Das bezweifle ich. Bisher meistern Sie die Situation jedenfalls auch ohne dieses Hilfsmittel perfekt.“ Aber ich könnte jetzt einen Cocktail gebrauchen, um mir Mut anzutrinken, gestand sie sich ein.

„Wann startet Ihre Maschine?“, erkundigte er sich unvermittelt.

„Um zwanzig vor drei.“

„Meine auch. Dann bleiben mir noch ziemlich genau eineinhalb Stunden, um mich zu blamieren, und das möchte ich nicht riskieren.“

„Wenn wir keine ernsten oder schwierigen Themen berühren, kann Ihnen doch nicht viel passieren“, wandte sie ein.

Und das taten sie dann auch.

Als Angelo später wieder auf die Uhr sah, stellte er mit Bedauern fest, dass sie sich bald voneinander verabschieden mussten. Es war schon lange her, dass er sich so angeregt mit einer Frau unterhalten hatte, und das alles ohne Stress und ohne Hintergedanken. Sowohl er als auch Atlanta hatten die Sonnenbrillen längst abgenommen.

„Schade, dass Sie auch gleich abfliegen, sonst würde ich umbuchen auf eine spätere Maschine, um noch mehr Zeit mit Ihnen zu verbringen.“

„Das glaube ich Ihnen aufs Wort.“ Sie hielt es für einen Scherz und lächelte belustigt.

„Ich meine es ernst.“ Er nahm ihre Hand, und ihm fiel auf, dass sie keine Ringe trug. „In Ihrer Gesellschaft fühle ich mich ausgesprochen wohl, was ich eigentlich gar nicht erwartet hatte.“

Sie entzog ihm die Hand. „Oh, vielen Dank.“

„Tut mir leid, das war wohl ein zweifelhaftes Kompliment.“ Er blickte sie reumütig an. „Ich habe Sie ja gewarnt, schöne Frauen bringen mich aus dem Konzept.“

Das war nur die halbe Wahrheit, die ganze lautete: Noch nie zuvor hatte ihn ein weibliches Wesen so sehr verwirrt wie Atlanta.

Autor

Jackie Braun
Nach ihrem Studium an der Central Michigan Universität arbeitete Jackie Braun knapp 17 Jahre lang als Journalistin. Regelmäßig wurden dabei ihre Artikel mit Preisen ausgezeichnet. 1999 verkaufte sie schließlich ihr erstes Buch ‚Lügen haben hübsche Beine‘ an den amerikanischen Verlag Silhouette, der es im darauf folgenden Jahr veröffentlichte. Der Roman...
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