Hundert Stunden Glück?

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„Fünfzig Millionen Dollar.“ Er hat sie ersteigert! Hundert Stunden lang gehört Thalia dem brasilianischen Tech-Tycoon – ihrem rachehungrigen Ex …


  • Erscheinungstag 16.07.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542333
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Leseprobe

Lucy King

Hundert Stunden Glück?

1. KAPITEL

Die Wohltätigkeitsgala der Stanhope-Kallis-Stiftung in Athen neigte sich allmählich dem Ende zu. Im luxuriösen Ballsaal eines Nobelhotels hatte ein üppiges Sechs-Gänge-Menü stattgefunden, und in der vergangenen halben Stunde waren Millionen für Luxusvillen, Kunstwerke und edlen Wein ausgegeben worden. Die satten und mitunter reichlich angetrunkenen Gäste waren offensichtlich entschlossen, sich bei der Benefizauktion gegenseitig zu überbieten!

Santiago Ferreira jedoch hatte nur wenig gegessen und noch weniger getrunken. Und sein Geld sparte er für den letzten Posten auf der Auktionsliste auf.

Stocknüchtern wartete er den rechten Augenblick ab und achtete nicht auf den kindischen Wettkampf, der um ihn herum stattfand. Er sah zu Thalia Stanhope hinüber, CEO der Stiftung, die an der Seite der Bühne stand. Das dunkle Haar hatte sie elegant hochgesteckt. Perlen hingen an ihren Ohrläppchen und schimmerten weiß auf ihrer braunen Haut. Das lange kirschrote Kleid umfing eng ihre verführerischen Rundungen.

Sie war sogar noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte! Santiago ließ den Blick leidenschaftslos über sie gleiten. So kühl, so gefasst, trotz der Sinnlichkeit, die sie ausstrahlte. Thalia, Tochter eines aristokratischen englischen Bankmoguls und einer griechischen Reederei-Erbin, war in den besten Universitäten der Welt ausgebildet worden und hatte alle nur denkbaren Privilegien genossen. Sie war kultiviert und von unaufdringlicher Eleganz, und genoss den Reichtum, den sie sich nicht hatte erkämpfen müssen.

Er hingegen war der inzwischen verwaiste Sohn einer verarmten, alleinerziehenden Mutter und eines vermögenden Vaters, der sich geweigert hatte, ihn anzuerkennen, und dem er deswegen noch nie begegnet war. Er war in einer Baracke in einer von Drogenbaronen und Waffenhändlern beherrschten Favela am Rand von Rio de Janeiro aufgewachsen, hatte keine nennenswerte Schulbildung erhalten und erst Lesen und Schreiben gelernt, als er vierzehn wurde. Er war dreist, nicht kultiviert, rau, nicht elegant, und sein Vermögen hatte er erst kürzlich erworben.

Er war all das, was sie nicht war, wie sie ihm einmal brutal in Erinnerung gerufen hatte. Aber das hatte keinen von beiden davon abgehalten, sich noch am selben Abend, an dem sie sich kennen glernt hatten, in eine heiße Affäre zu stürzen. Vor sechzehn Monaten auf Naxos hatte es begonnen, auf der Hochzeit einer seiner früheren Kolleginnen mit Thalias Zwillingsbruder. Ein Blick hatte genügt, und Santiago war sofort auf Thalia zugegangen. Und das, obwohl die bitteren Erfahrungen seiner Mutter mit den Reichen und Privilegierten dieser Welt ihn gelehrt hatten, dass es verrückt von ihm wäre, sich mit einer Frau wie Thalia einzulassen.

„Tanz mit mir!“, hatte er sie in einem Englisch aufgefordert, das zwar einen leichten Akzent merken ließ, aber ansonsten makellos war.

„Ja“, hatte Thalia atemlos geantwortet. Selbstverständlich mit einer perfekten Aussprache, die zuerst auf einem Schweizer Internat und dann durch ein Studium in Oxford vervollkommnet worden war …

Er erinnerte sich nicht an die Musik, zu der sie getanzt hatten. Auch nicht an die Umgebung. Er wusste nur noch, wie göttlich ihr weicher, warmer Körper sich an seinem angefühlt hatte, und wie heftig sein Herz klopfte. Und er würde nie vergessen, wie berauschend ihre ersten Küsse gewesen waren!

Später am Abend hatten sie sich bis zum Morgengrauen mit wilder Leidenschaft geliebt. Danach hatten sie sich jedes Mal getroffen, wann immer sie sich gleichzeitig auf demselben Kontinent befunden hatten, was im Lauf der Wochen immer häufiger geschehen war.

Er war so hingerissen von ihr, dass er seine Bedenken wieder und wieder beiseitegeschoben hatte. Hinter jener kühlen, kultivierten Fassade verbarg sich ein wahrer Vulkan der Leidenschaft, wie er ihn noch nie bei einer Frau erlebt hatte! Und der umso umwerfender war, weil er bei ihr überhaupt nicht damit gerechnet hätte. Und sie schien ebenso von ihm angetan gewesen zu sein. Kaum hatte sich die Tür des jeweiligen Hotels, in dem sie gebucht hatten, hinter ihnen geschlossen, hatte Thalia sofort jede Zurückhaltung abgelegt und sich mit heißer Glut in seine Arme geworfen. Die Chemie zwischen ihnen war unbeschreiblich, und ihr Verlangen nacheinander unersättlich.

Und dann, zwölf Wochen später – seit damals waren jetzt dreizehn Monate vergangen –, hatte sie Schluss gemacht. Sie hatte ihm einfach eines Tages mitgeteilt, dass sie mit ihm reden müsse. Was das bedeutete, war ja wohl jedem klar! Und als sie das ungute Gespräch hinter sich gebracht hatten, hatte Thalia ungerührt ihre Sachen genommen und war gegangen.

So etwas war Santiago noch nie zuvor passiert. Er war es immer, der eine Beziehung beendete, er war es, der das Sagen hatte. Immer. Nie hatte er sein Handy nach Anrufen durchsucht, die er vielleicht verpasst haben könnte. Er hatte nie länger über eine Frau nachgedacht. Er hatte sein Leben einfach weitergelebt, ohne zurückzudenken und ohne etwas zu bedauern.

Deswegen hatte das plötzliche Ende ihrer Affäre ihn auch so irritiert – wie ein Splitter unter der Haut, der sich einfach nicht herausziehen ließ. Nur deswegen ging ihm Thalia Tag und Nacht nicht aus dem Sinn. Und nur deswegen konnte er nicht einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen. Sie hatte ihn überrumpelt, gedemütigt und mit einer eisigen Hochmütigkeit behandelt, wie er sie bei ihr noch nie zuvor erlebt hatte. Zum ersten Mal seit Jahren war er alles andere als Herr der Lage gewesen.

Diese Situation konnte nicht so bleiben, hatte er schließlich nach einigen Monaten des Grübelns, der Bitterkeit und des Selbstmitleids erkannt. Genug war genug. Wo er aufgewachsen war, konnten Schwäche und Unsicherheit einen das Leben kosten. Von einer Frau besessen zu sein, das hatte er schon in jungen Jahren lernen müssen, führte zu Machtlosigkeit, Unglück und Verzweiflung. Und wenn man nicht die Kontrolle hatte, fasste man leicht unkluge Entscheidungen.

Deshalb war er heute Abend hergekommen. Nicht nur, um sich Unterstützung für sein neues Wohltätigkeitsprojekt zu verschaffen, sondern auch, um ein Unrecht wiedergutzumachen. Im Grunde sogar mehr als ein Unrecht, denn er war nicht wie seine Mutter ein Spielzeug der Reichen, das man aufnehmen und wieder weglegen konnte, wie einem gerade zumute war. Er war nicht Thalias Untergebener, auch wenn sie das angedeutet hatte, kurz bevor sie ihm den Rücken zugewandt und jenes Pariser Hotel verlassen hatte. Es war unfassbar gewesen! Niemand wies ihn heutzutage einfach zurück!

Was er wollte, war Rache. Aus diesem Grund hatte er vor, ihre Affäre wieder aufflammen zu lassen, und Thalia langsam, aber sicher wieder an sich zu binden. Sobald dann der richtige Zeitpunkt gekommen war, würde er sie fallen lassen. Erst dann würde er in der Lage sein, sie endlich zu vergessen.

Es war ein schlichter, aber wirkungsvoller Plan, und Santiago war sicher, dass er gelingen würde. Er konnte sehr überzeugend sein, wenn er wollte. Vorher hatte er noch den Verkauf seines Software-Unternehmens unter Dach und Fach bringen müssen, was vor ziemlich genau sechs Wochen geschehen war. Jetzt war er vom Millionär zum Milliardär aufgestiegen und konnte einen Kontostand aufweisen, der es mit ihrem aufnehmen konnte. Und er hatte nun alle Zeit der Welt, um ganz in Ruhe all seine neuen Ziele zu verfolgen.

„Und jetzt zu unserem letzten Posten“, verkündete der Auktionator, und Santiago spannte sich unwillkürlich an. „Falls Sie eine Stiftung gründen wollen, eine Wohltätigkeit ausbauen oder eine Spendenaktion organisieren wollen und dabei ein wenig Hilfe gebrauchen können, bietet unsere CEO Thalia Stanhope Ihnen hundert Stunden ihrer kostbaren Zeit an, in denen sie Ihnen mit Rat und Tat für jeden Aspekt Ihres Unternehmens zur Verfügung stehen wird. Mit ihrer zehnjährigen Erfahrung auf diesem Gebiet ist das, was sie nicht weiß, wirklich nicht wissenswert. Wer beginnt mit fünfzigtausend?“

Mehrere silberne Auktionspaddel begannen fast sofort hochzuschießen, und innerhalb weniger Minuten hatte der Preis die Viertelmillion erreicht.

Wer hätte ahnen können, dass in diesem Raum heute Abend so viel Großzügigkeit versammelt sein würde? dachte Santiago trocken. Oder war es eher der Wunsch, einhundert Stunden in Thalias Gesellschaft zu verbringen, der so reizvoll zu sein schien? Im Grunde konnte er es gut verstehen. Immerhin hatte sie ihm nicht schon nach hundert Stunden, sondern erst nach ein paar Wochen ihr wahres Gesicht gezeigt.

Aber die Motive der Bietenden waren unwichtig. Es wurde Zeit, dass er seinen Plan in Gang setzte.

„Fünfzig Millionen Euro“, sagte er in einem entschlossenen Ton, der alle übrigen Interessenten davor warnte, sich weiter einzumischen.

Verblüfftes Schweigen legte sich über den ganzen Saal, dann fand der Auktionator seine Stimme wieder. Und eine Minute später – nach einem lauten Knall des Hammers und erfüllt von einer Befriedigung, die unerwartet heftig war, wenn man bedachte, dass das Ergebnis von vornherein feststand – gehörte Thalia ihm.

2. KAPITEL

Fünfzig Millionen?! Was in aller Welt führte Santiago Ferreira im Schilde? Wer zahlte denn fünfhunderttausend Euro pro Stunde für eine Beratung? War er wahnsinnig?

Thalia unterdrückte den inneren Aufruhr ihrer Gefühle und brachte es irgendwie fertig, wie geplant ihre Abschlussrede zu halten und allen für ihre Geldspenden und die Unterstützung zu danken. Danach verließ sie äußerlich gelassen die Bühne. Dabei hatte sie gerade einen Schock erlitten wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

So viel zu ihrer Hoffnung, dass Santiagos Anwesenheit heute nichts weiter als ein harmloser Zufall sein könnte. Sie achtete auf niemanden, der das Wort an sie richten wollte, sondern hielt direkt auf ihn zu. Ihre frühere Absicht, ihm unbedingt auszuweichen, war vergessen. Jetzt wollte sie nur noch herausfinden, was er im Schilde führte.

Trotz der Anwesenheit von sechshundert Gästen war er ihr sofort aufgefallen, als er hereingekommen war. Hochgewachsen, muskulös und mit einem Aussehen, bei dem den Frauen die Knie weich wurden, gehörte er nicht gerade zu den Menschen, die man leicht übersah. Obwohl sie sich zu ihrem Ärger jede Minute genau bewusst war, wo er sich gerade aufhielt, ging sie ihm wohlweislich aus dem Weg.

Ihre letzte Begegnung war nicht schön gewesen, und Thalia hatte nicht den Wunsch gehabt, auf ihn zuzugehen. Ebenso wenig wie er, wie sie erleichtert geglaubt hatte, je mehr Zeit verging, ohne dass er sie aufsuchte. Aber offensichtlich hatte sie sich in falscher Sicherheit gewiegt. Da er ja wohl kaum aus einer Laune heraus fünfzig Millionen Euro ausgegeben hatte, musste er irgendetwas planen.

Je näher sie ihm kam, desto schneller schlug ihr Herz, und das Flattern in ihrem Bauch machte sich mehr und mehr bemerkbar. Sie befand sich ihm gegenüber so sehr im Nachteil, dass sie unbedingt von Anfang an die Dinge klarstellen musste. Was für Gründe er auch haben mochte für sein Gebot, sie konnte nicht mit ihm arbeiten. Sie konnte einfach nicht. Er war eine zu große Ablenkung, zu überwältigend, zu … alles eben. Deswegen hatte sie ja auch ihre Affäre beenden müssen vor all den Monaten. Obwohl sie das eigentlich gar nicht gewollt hatte …

Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung, als wäre es gestern gewesen. Die Hochzeit ihres Zwillingsbruders war zu ihrer Beschämung ein Ereignis gewesen, vor dem ihr gegraut hatte, und es hatte sich auch als so schwierig erwiesen, wie sie befürchtet hatte. Sie hatte mit einem Glas Ouzo an der Bar gesessen und versucht, ihre komplizierten Gefühle über Atticus’ Hochzeit mit Zoe zu entwirren – der Mensch, der ihr im Leben am nächsten stand, war ihr im Grunde genommen worden –, als ein sechster Sinn ihr plötzlich einen Schauer über den Rücken gejagt hatte.

Mit klopfendem Herzen hatte sie sich umgedreht – und ihn gesehen. Der bestaussehende, aufregendste Mann, dem sie je begegnet war, blickte vom anderen Ende der Bar zu ihr herüber. Er war hochgewachsen, breitschultrig und hatte leicht zerzaustes Haar, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen. Sein dunkler Blick ruhte so glühend auf ihr, dass Thalia einen Moment lang keine Luft bekam.

Die Gäste, die Musik, alles hatte sich in Luft aufgelöst. Sie sah nur ihn, und sie hörte nur das Pochen in ihren Ohren. Dann hatte er sein Glas abgesetzt und den Mund langsam zu einem so verführerischen Lächeln verzogen, dass Thalia das Gefühl gehabt hatte, auf der Stelle in Flammen aufzugehen.

Dieser Mann könnte genau das sein, was ich brauche, hatte sie damals gedacht. Während er noch auf sie zukam, brannte sie bereits vor Verlangen, und seine Absichten waren nur allzu offensichtlich. Er würde eine wundervolle Ablenkung für sie sein, eine Art Trostpflaster, hinreißend und sexy, das ihr das Vergessen schenken könnte, die sie so nötig hatte.

In jener Nacht war Santiago wirklich all das für sie gewesen, was sie erhofft hatte. Auf der Tanzfläche hatte sie in seinen Armen alles vergessen bis auf seinen harten Körper und seinen anziehenden männlichen Duft. Später auf ihrem Zimmer hatte er sie mit unglaublichem Geschick immer wieder zur Ekstase gebracht … Nur allzu gern hatte sie zugestimmt, sich mit ihm in der folgenden Woche in Italien wiederzutreffen, wo sie beide zufällig Termine hatten.

Drei aufregende Monate lang hatte sie sich an der unglaublichen Chemie, die zwischen ihnen herrschte, erfreut, hatte ständig an ihn gedacht, sodass es schon fast zur Besessenheit geworden war. Bis eine innere Stimme zu laut und beharrlich geworden war, als dass sie sie noch länger überhören könnte. Wie sollte sie herausfinden, wer sie jetzt – ohne ihren Zwilling – war, wenn sie sich nicht die Zeit nahm, es herauszufinden? Wie konnte sie ihren eigenen Weg im Leben finden, wenn sie ständig mit jemandem zusammen war?

Atticus war der einzige Mensch auf der Welt, der sie jemals verstanden hatte und immer für sie da gewesen war. Sie hatte sich immer auf ihren Zwillingsbruder verlassen können, und gemeinsam hatten sie als Kinder die Kälte ihrer gleichgültigen Eltern überlebt. Aber jetzt musste sie lernen, auf eigenen Füßen zu stehen! Und das war unmöglich, wenn sie sich ständig an Santiago klammerte, der ihr plötzlich eine ganz andere Welt eröffnet hatte, in der es außer ihm und ihrer Leidenschaft nichts anderes gab.

Thalia hatte gewusst, dass sie mit ihm brechen musste, aber der Gedanke daran hatte sie nachts nicht schlafen lassen – und sie tagsüber unglücklich gemacht. Am Ende war es dann doch leicht gewesen, denn sobald sie ihm gesagt hatte, dass sie reden müssten, hatte er sie auf sehr verletzende Weise beschuldigt, arrogant und ein Snob zu sein.

Ihr Herz klopfte wild, als er sich jetzt aus dem Sessel erhob, in dem er lässig gelungert hatte, und sein vollkommener Körper von einem Meter neunzig sah im perfekt sitzenden schwarzen Abendanzug einfach hinreißend aus. Ein träges Lächeln lag um seinen sinnlichen Mund, und sein dunkles Haar sah noch immer so hinreißend zerzaust aus wie damals. Dann löste er langsam die Fliege, öffnete die zwei oberen Knöpfe seines schneeweißen Anzughemdes und ließ ein verlockendes Stück sonnengebräunter Haut sehen. Eine wahre Flut an Erinnerungen drohte sie zu überwältigen. Sie dachte daran, wie sie ihn ausgezogen hatte. Wie er sie ausgezogen hatte.

Eine bittersüße Sehnsucht erwachte in ihr, und es juckte sie plötzlich in den Fingern, seine Hand zu packen und mit ihm nach oben zu laufen – ins erste Schlafzimmer, das zu haben war –, um festzustellen, wie gut ihre Erinnerung wirklich war.

Aber so etwas würde sie natürlich nicht tun. Thalia unterdrückte entschlossen die unerwünschte Leidenschaft für Santiago und straffte die Schultern. Die Brücken zu ihm hatte sie ein für alle Mal abgebrochen, und sie machte gute Fortschritte in ihrem Versuch, sich selbst zu finden. Es war ihr gelungen, gute Beziehungen zu ihrer egoistischen, skandalösen Mutter und ihren anderen vier Geschwistern aufzubauen. Beruflich befreite sie sich allmählich vom Sicherheitsnetz der Stiftung. Sie wurde mutiger und ging Risiken ein, und sie war entschlossen, sich von nichts und niemandem davon abhalten zu lassen, weiter an ihrer Selbständigkeit zu arbeiten.

„Guten Abend“, sagte er mit seinem aufregenden Akzent auf Englisch. Seine tiefe Stimme ließ sie erschauern, und zu ihrem Entsetzen spürte Thalia, dass ihre Brustknospen sich erregt zusammenzogen.

Es war ganz und gar kein guter Abend! Sie schloss kurz verärgert die Augen. Dank ihm war es vielmehr einer der aufreibendsten Abende seit Monaten.

„Das kann man noch nicht mit Sicherheit behaupten“, sagte sie mit einem kühlen Lächeln. „Aber fünfzig Millionen sind eine ziemliche Summe. Sehr viele werden sie zu schätzen wissen.“

„Gern geschehen.“

„Dennoch war es eine große Überraschung.“

Sein Lächeln war unverhohlen triumphierend, und sie schluckte unruhig. „Es ist lange her, Thalia.“

Ein Jahr, vier Wochen und drei Tage. Nicht, das sie mitgezählt hätte. „Ja, das stimmt.“

„Wie ist es dir inzwischen ergangen?“

Gute Frage. Nach ihrer Trennung war sie lange Zeit – länger, als sie zugeben wollte – untröstlich gewesen, verletzt und unglücklich. Aber was heute Abend anging, war sie nicht ganz sicher, wie sie sich fühlte – unruhig, verwirrt und leicht benommen von seiner Nähe, kam der Sache wohl am nächsten.

„Besser ginge es gar nicht“, log sie ihn bedenkenlos an. „Und dir?“

„Außerordentlich gut.“

„Das freut mich.“

„Du bist mir den ganzen Abend aus dem Weg gegangen.“

Das war ihm aufgefallen? Aber wie? Hatte er ebenso auf sie geachtet wie sie auf ihn? „Wenn du meine Aufmerksamkeit gewinnen wolltest, Santi, hättest du mich nur anrufen brauchen.“

„Hättest du den Anruf denn angenommen?“

Im vergangenen August hätte sie es noch getan. Tagelang nach ihrer letzten Begegnung in Paris hatte sie auf eine Entschuldigung von ihm gewartet. Es war demütigend, wie bemitleidenswert schwach sie gewesen war. „Das werden wir wohl nie herausfinden.“

„Möchtest du etwas trinken?“

„Nein, danke.“

„Dann lass uns tanzen.“

In Gedanken daran, was das letzte Mal passiert war, als sie zusammen getanzt hatten, stieg ihr heiße Röte ins Gesicht und ihr Herz begann zu rasen. „Auf keinen Fall“, sagte sie, entschlossen, nicht an die wilden Küsse zu denken, die ihr an jenem Abend so wirkungsvoll den Kopf verdreht hatten.

„Um der alten Zeiten willen.“

Sie erschauerte. „Es gibt keinen Grund, dass wir uns an die alten Zeiten erinnern.“

„Wovor hast du Angst?“

Jedenfalls vor nichts, was sie vor ihm zugeben würde. Es tat weh zu sehen, wie groß seine Wirkung auf sie noch immer war. „Dass ich über den Saum meines Kleides stolpere.“

„Das werde ich nicht zulassen.“

Er legte eine Hand auf ihren Rücken, doch obwohl sie fast zusammengezuckt wäre vor Schreck und instinktiv vor ihm zurückweichen wollte, tat sie es dann doch nicht. Sie würde ihn nicht merken lassen, welche Wirkung er auf sie hatte, und ganz bestimmt auch keine Szene machen. Also ging sie einfach mit ihm auf die Tanzfläche. Und als er ihre Hand nahm, den Arm um ihre Taille legte und sie dicht an sich zog, zwang sie sich, nicht daran zu denken, wie sehr ihr die Wärme und Kraft seines Körpers und das Gefühl seiner Haut an ihrer gefehlt hatten.

„Reden wir also über die Bedingungen“, sagte er, kaum dass er angefangen hatte, mit ihr zu tanzen. Und sie widerstand nur mit Mühe der Versuchung, seinen wundervollen Mund anzustarren.

„Willst du wirklich meinen Rat, Santi?“

„Was sollte ich denn sonst wollen?“

„Ich habe keine Ahnung.“ Das war ja das Problem. Er ließ sich keine Gefühle anmerken, sodass sie nicht begreifen konnte, was hier vor sich ging. „Aber wir haben eine gemeinsame Vergangenheit …“

Er lächelte spöttisch. „So misstrauisch?“

„Kannst du mir das übel nehmen?“

„Nein, das nicht.“

Thalia runzelte die Stirn. Wovon redete er? Was könnte er ihr denn sonst übel nehmen? Wenn hier jemand das Recht hatte, gekränkt zu sein, dann war sie das. Er war es doch gewesen, der sich so brutal verhalten hatte, während sie gehofft hatte, sie könnten sich als Freunde trennen. „Ich verstehe nicht ganz.“

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