In den Armen des italienischen Tycoons

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Zu ihrer Überraschung erbt die unkonventionelle Faye von ihrem Stiefvater Anteile an einer milliardenschweren italienischen Luxusmarke. Bevor ihr das Erbe ausgehändigt wird, muss sie jedoch vier Monate für den so attraktiven wie arroganten Firmeninhaber Maceo Fiorenti arbeiten – und mit ihm unter einem Dach leben! Ohne es zu wollen, fühlt sie sich bald immer mehr zu Maceo hingezogen. Aber kaum hat sie sich von ihm zu einer unvergesslichen Nacht der Leidenschaft verführen lassen, fürchtet sie jäh, dass er ein betrügerisches Spiel mit ihr treibt …
  • Erscheinungstag 29.06.2021
  • Bandnummer 2498
  • ISBN / Artikelnummer 9783733718824
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Flieg mit den Engeln, mio dolce.

Maceo Fiorenti hauchte einen Kuss auf die Blütenblätter einer langstieligen weißen Rose, die seine Frau – seine verstorbene Frau – so geliebt hatte.

Carlotta hatte diese Züchtung immer aus Holland importieren lassen, obwohl sein Gärtner schwor, er könne die Sorte ganz leicht hier in Neapel nachzüchten. Doch sie hatte lächelnd abgelehnt und darauf bestanden, die Blumen zweimal wöchentlich einfliegen zu lassen.

Natürlich hatte Maceo ihr diese kleine Extravaganz gewährt. In den neun Jahren ihrer Ehe konnte er die Male an einer Hand abzählen, die er Carlotta Caprio-Fiorenti einen Wunsch abgeschlagen hatte.

Meistens dann, wenn sie wieder einmal den törichten Versuch unternahm, ihn zu ändern. Doch es war vergebliche Liebesmüh, ihn von dem Weg abbringen zu wollen, der für ihn vorgezeichnet war: Er musste für seine Taten büßen. Und obwohl es ihn schmerzte zu sehen, wie sehr sie darunter litt, ließ er sich nicht beirren. Denn er verdiente es nicht, am Leben zu sein. Geschweige denn glücklich.

Um seinen Mund zuckte es.

In solchen Momenten war es fast so gewesen, als hätte Carlotta vergessen, was geschehen war.

Vergessen hatte, wer er war. Was er getan hatte.

Maceo Fiorenti – Hüter eines Vermächtnisses, das zu schützen seine Bestimmung war. Verdammt zu einem Schicksal, dem er nicht entrinnen konnte. Es hatte ihm keine Freude bereitet, Carlotta einen Blick auf die Dämonen zu gewähren, die ihn antrieben. Er hatte sie lediglich daran erinnert, dass er die Schuld an ihrem Verlust trug. Er war es, der ihr die geliebte famiglia genommen hatte.

Später, wenn er weit weg von hier war, würde noch genug Zeit sein, ihren Tod – mit all seinen Nuancen von Bitterkeit, Scham und Schuldgefühlen – zu betrauern.

Einstweilen hatte er ein Vermächtnis zu wahren. Und als letzter Überlebender würde er das auch tun. Bis zum letzten Atemzug.

Auch wenn er sich in seinen finstersten Momenten fragte, warum er so verbissen daran festhielt.

Weil dein Gewissen dich dazu zwingt.

Casa di Fiorenti war nicht nur sein Geburtsrecht. Seine Eltern und sein Patenonkel Luigi hatten dafür gelebt. Waren dafür gestorben. Er schuldete es ihnen, ihr Vermächtnis zu wahren. Obwohl er innerlich tot war. Obwohl ihn die Gewissheit verfolgte, dass er nie wieder glücklich sein würde.

Er strich ein letztes Mal mit den Fingerspitzen über den Rand des Sarges in Weiß und Gold.

Lass los.

Langsam ließ er die Blume fallen. Das Herz wurde ihm schwer, doch er stemmte sich gegen den Schmerz. Er hatte nicht wahrhaben wollen, dass dieser Tag kommen würde. Dass er nur wenige Monate nach ihrer Krebsdiagnose ganz allein dastehen würde. Jetzt hatte er keine Wahl.

Maceo drückte die Knie durch, die nachzugeben drohten.

Zeig niemals Schwäche.

Diese Worte hatte sie damals zu ihm gesagt, als seine Schuldgefühle ihn bei lebendigem Leibe aufzufressen drohten, als sie ihn der Kraft zu berauben drohten, sich aus der Asche seines Lebens zu erheben. Worte, die er in sich aufgesaugt hatte, sich in die Haut gebrannt, bis sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen waren.

Ein tiefer Atemzug, und der Moment der Schwäche trat den Rückzug an.

Er war Maceo Fiorenti. Und auch wenn er und Carlotta sich meistens einen Spaß daraus gemacht hatten, den Paparazzi Futter für ihre schadenfrohen Klatschgeschichten zu geben, war heute kein Tag für traurige Berühmtheit.

Carlotta hatte ihre letzte Ruhestätte gefunden, wiedervereint mit Luigi, ihrem ersten Mann, so wie es ihr letzter Wunsch gewesen war, und Maceos Eltern. Und durch eine Laune des Schicksals – für die ironischerweise er selbst verantwortlich war – würde Maceo auch in dieser Familiengruft beigesetzt werden.

Noch allerdings war er ziemlich lebendig. Trotz allem.

„Ein Wunder“, hatten die Zeitungen seine Rückkehr ins Leben vor zwölf Jahren genannt. Irgendjemand hatte ihn sogar als Glückspilz bezeichnet.

Niemand ahnte, welche Dämonen ihn verfolgten. Niemand wusste von den Schuldgefühlen und der Reue, die auf seiner Seele lasteten.

Minuten vergingen, während er auf den Sarg hinunterstarrte. Minuten, in denen er die bohrenden Blicke auf seiner Haut spürte. Vorstandsmitglieder. Bekannte. Fremde. Die ihn taxierten. Darauf warteten, dass er Schwäche zeigte.

Da konnten sie lange warten.

Eine halbe Stunde später, nachdem der cardinale seinen Segen gesprochen hatte, kehrte Maceo dem Familiengrab den Rücken und ging, ohne die anderen Trauergäste zu beachten, über den Friedhof zu seinem Wagen.

Sein Chauffeur nahm sofort Haltung an und murmelte sein Beileid, das Maceo nicht weiter zur Kenntnis nahm.

Er nahm es nicht zur Kenntnis, weil er nicht wahrhaben wollte, dass er allein auf der Welt war. Es gab da zwar Carlottas Brüder, die schamlos ihre Ansprüche auf ihr Erbe geltend machen würden. Aber er war der letzte Fiorenti.

Maceo schlüpfte auf die Rückbank, nahm die Sonnenbrille ab und warf sie beiseite. Er stieß die Luft aus und massierte seinen Nasenrücken, um die Kopfschmerzen zu lindern.

„Möchten Sie zurück nach Hause, signor?“, fragte sein Chauffeur und zerstörte den Moment gespenstischer Stille.

Maceo öffnete den Mund, um das zu bejahen, doch im letzten Augenblick schüttelte er den Kopf. Warum das Unvermeidliche hinauszögern? Es war Freitagnachmittag, und er hatte den meisten seiner Angestellten freigegeben, um Carlotta die letzte Ehre zu erweisen, doch er hatte noch etwas zu erledigen.

Und nein, sein Widerwille, in die Villa auf Capri zurückzukehren, hatte nichts mit den leeren salones und Korridoren zu tun, durch die Carlottas Geist spukte.

„Bringen Sie mich zum Hubschrauberlandeplatz. Ich muss zurück ins Büro.“

Mit einem kurzen Kopfnicken fuhr der alte Chauffeur los, fort vom Grab seiner Frau und den neugierigen Blicken von Neapels High Society.

Vom Flug mit dem Hubschrauber, der ihn in der Nähe der vorübergehenden Firmenzentrale von Casa de Fiorenti absetzte, bekam er kaum etwas mit.

Als sie erfahren hatte, dass es mit ihr zu Ende ging, war es Carlottas Wunsch gewesen, ihre letzten Tage in dem Sommerhaus auf Capri zu verbringen, in dem sie mit Luigi und Maceos Eltern gelebt hatte. Und Maceo hatte seine Firma bereitwillig von Rom in das weitläufige Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert verlegt, das den Hafen von Neapel überblickte. Das Gebäude, vor dem jetzt, wie nicht anders zu erwarten, zwei Dutzend sensationshungrige Paparazzi warteten.

Er setzte die Sonnenbrille wieder auf und seufzte leise.

„Maceo! Was würde Carlotta wohl dazu sagen, dass Sie wieder arbeiten gehen, noch bevor sie unter der Erde ist?“

„Maceo, gibt es Pläne, Ihre Schwäger zu Geschäftsführern zu machen, jetzt wo Carlotta nicht mehr da ist?“

„Maceo, wann werden Sie ein Statement dazu abgeben, wer an die Stelle Ihrer verstorbenen Frau rückt?“

Zähneknirschend ging er an ihnen vorbei und überließ es seinen Bodyguards, mit der Meute fertigzuwerden. Er verstand nicht, dass sie nicht aufgaben, obwohl er niemals antwortete. Erwarteten sie denn wirklich, er würde seine dunklen Geheimnisse preisgeben, wenn sie nur laut genug danach verlangten? Die Spiele, die er und Carlotta mit ihnen getrieben hatten, dienten immer nur dazu, das größte, schrecklichste Geheimnis von allen zu wahren.

Er stieß die schwere Tür auf, die sein Reich vom gierigen Mob trennte, und sein Magen zog sich zusammen, als ihm wieder einfiel, welche Bombe Carlotta vor einer Woche hatte platzen lassen. Sie hatte den perfekten Zeitpunkt dafür gewählt, das musste er ihr lassen. Sie hatte gewusst, dass er sich ihr nicht widersetzen würde. Dass er nachgeben würde.

Doch obwohl er sich bereit erklärt hatte, Carlotta ihre letzten Wünsche zu erfüllen, hatte er ihr nicht verraten, wie er im Einzelnen vorgehen würde. Das war eine Sache zwischen ihm und der Frau, von deren Existenz er bis vor einer Woche keine Ahnung gehabt hatte.

Luigi war schon einmal verheiratet gewesen, wenn auch nur kurz. Mit einer Engländerin. Einer Frau, die eine Tochter hatte. Noch ein Geheimnis, das seine Eltern und sein Patenonkel ihm verschwiegen hatten.

Außerdem hatte sich herausgestellt, dass das Süßwaren-Imperium, das seine Großeltern und Eltern vor dreißig Jahren aufgebaut hatten – und das er zu einem millionenschweren Konzern gemacht hatte – gar nicht ihm allein gehörte. Ein kleiner – wenn auch verschwindend geringer – Anteil gehörte einer gesichtslosen Frau, die wahrscheinlich schon ihre Krallen wetzte.

Einer Frau namens Faye Bishop.

Carlotta hatte über die Jahre aus der Ferne ein wachsames Auge auf sie gehabt und in den vergangenen Monaten versucht, Kontakt aufzunehmen, ohne großen Erfolg.

Und jetzt sollte Maceo diese Frau gemäß Carlottas letztem Wunsch eine gewisse Zeit ertragen.

Sein Zorn wuchs, während er mit energischen Schritten in seinen privaten Aufzug stieg.

Faye Bishop hatte seiner sterbenden Frau ein Versprechen gegeben, das sie jedoch augenscheinlich nicht vorhatte einzulösen. Carlotta war noch nicht mal beerdigt, da hatte sie bereits seinen Anwälten gemailt und die Einladung zur Testamentseröffnung nächste Woche angenommen.

Ein unheilvolles Lächeln umspielte seine Lippen, als er den Knopf drückte, der den Lift direkt in die oberste Etage befördern würde.

Faye Bishop hatte seiner Frau Sand in die Augen gestreut, doch Maceo würde ihr eine Lektion erteilen, die sie so schnell nicht vergessen würde.

Faye widerstand dem Drang, einen Blick auf die elegante Wanduhr zu werfen, deren Zeiger sich fast geräuschlos auf die Zwölf zubewegten. Erstens hätte es nur bestätigt, dass erst zwanzig Sekunden vergangen waren, seit sie zuletzt hingesehen hatte. Zweitens half es nicht gegen das seltsame Gefühl, dass jemand sie beobachtete.

Obwohl es eigentlich gar nicht so seltsam war, wenn man bedachte, dass jede Wand des Konferenzraumes, in dem sie saß, aus Rauchglas bestand, das einen Kontrast zu den glatten, klaren Oberflächen von Tisch und Stühlen, Vitrinen und der Science-Fiction-mäßigen Kommunikationsanlage auf dem Tisch bildete. Das Rauchglas war wahrscheinlich von der anderen Seite durchsichtig, sodass man sie im Auge behalten konnte, ohne dass sie es mitbekam. Völlig diskret und anders als die Meute von Klatschjournalisten unten, die über sie hergefallen waren, kaum dass sie aus dem Taxi gestiegen war.

Abgesehen davon, dass sie sich Welten entfernt fühlte von der abgelegenen Farm in Devon, von der sie gestern hergekommen war, hatte sie sich auch sehr viel Mühe gegeben, allein schon äußerlich fehl am Platz zu wirken. Insofern konnte sie es niemandem verübeln, wenn man sie anstarrte. Eigentlich …

Sie richtete sich auf und lächelte.

Bei der Vorstellung, dass sie eine oder vielleicht sogar mehrere Personen mit ihrem Ihr-könnt-mich-nicht-einschüchtern-Lächeln erschreckt hatte, fiel ein bisschen der Anspannung von ihr ab.

Ihre innere Unruhe jedoch blieb. In der vergangenen Stunde war sie mehr als einmal kurz davor gewesen zu gehen.

Wäre sie neulich vor ein paar Wochen nur nicht ans Telefon gegangen. Hätte sie Carlotta Caprio nur nicht dieses Versprechen gegeben, an das sie sich nun, nach dem Tod der älteren Frau, verpflichtet fühlte zu halten.

Du schuldest ihr oder Luigis Familie nicht das Geringste. Du solltest die Vergangenheit ruhen lassen.

Ihr Lächeln erstarb. Es war zu spät. Luigi war tot und hatte Fayes Fragen mit ins Grab genommen. Und jetzt war auch seine Frau tot.

Sie hatte hier wirklich nichts verloren. Es hatte doch keinen Sinn zu hoffen, dass irgendjemand Antworten für sie hatte …

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als die Tür zum Konferenzraum aufflog und sich eine ganz neue Frage auftat.

Wer war dieser Mann, der überhaupt nicht aussah wie ein Anwalt? Zwar war sein forsches Auftreten sehr überzeugend und weckte Assoziationen an Haifischzähne und gewetzte Klingen. Aber da war noch etwas. Irgendetwas brodelte in ihm, etwas Elektrisierendes, das sie faszinierte, das seinen Sog verstärkte, während die Sekunden verstrichen.

Sekunden, in denen sie sich sehr wohl bewusst war, dass sie ihn anstarrte. Mit großen Augen, möglichweise sogar offenem Mund. Sekunden, in denen sie keinen einzigen Befehl ihres Gehirns ausführen konnte. Wie Blinzeln. Oder Schlucken.

Ihren Puls beruhigen.

Die Tatsache, dass dieser Mann, der kein Anwalt war, von ihr genauso fasziniert zu sein schien, überraschte sie nicht. Faye war es gewohnt, die Blicke auf sich zu ziehen. Teils wegen ihres originellen Kleidungsstils. Möglicherweise wegen den verschwenderischen Henna-Blumen, die ihren rechten Arm hinaufkletterten. Meistens aber wegen ihrer Haare.

Sie war stolz, dass sie dem Reflex widerstand, die wilden silber- und lilafarbenen Locken glattzustreichen, als der Blick des Fremden daran hängen blieb.

Gar nicht stolz war sie darauf, dass sie es nicht schaffte, den Blick abzuwenden. Dass sie vollkommen gefesselt war von ihm.

Er durfte nicht so eine Wirkung auf sie haben.

Ja, er sah unbeschreiblich gut aus – gut genug, um es mit jedem römischen Gott aufzunehmen. Doch Faye hatte, nach der traumatischen Erfahrung mit Matt vor zwei Jahren, jede Form von Beziehung mit dem anderen Geschlecht aus ihrem Leben verbannt.

Ein Räuspern zerriss die aufgeladene Atmosphäre.

„Signor …“ Ein Mann, der glücklicherweise aussah wie ein Anwalt, meldete sich zaghaft hinter der eindrucksvollen Gestalt zu Wort.

Es war das einzige Wort, das Faye verstand. Der Rest in genuscheltem Italienisch summte in ihrem Kopf, während weitere Männer den Raum betraten. Nur er blieb weiter in der Tür stehen und starrte sie weiter unverhohlen an.

Das Team aus vier Anwälten setzte sich an den Konferenztisch, wobei jeder verstohlene Blicke auf ihre diversen Körperteile warf. Wäre sie nicht völlig fasziniert von dem Mann gewesen, der jetzt mit animalischer Anmut an den Tisch schlenderte und direkt ihr gegenüber Platz nahm, hätte es sie vielleicht amüsiert.

Doch sie war nicht zum Vergnügen hier. Sie war hier, weil Luigi Caprio eine unauslöschliche Spur in ihrem Leben hinterlassen hatte. Und dann ohne ein Wort wieder daraus verschwunden war und ein schlimmeres Chaos hinterließ, als er vorgefunden hatte.

Faye versuchte, den Schmerz auszublenden, der durch Carlotta Caprio wieder aufgeflammt war.

„Wie schön, dass Sie es einrichten konnte, Miss Bishop“, sagte der Fremde gedehnt und durchbohrte sie mit seinen goldbraunen Augen.

Sein Gesicht strafte seine freundlichen Worte Lügen. Aus irgendeinem Grund verachtete dieser Mann sie.

Ihr Herz begann, wild zu pochen. Oh Gott, wusste er etwa Bescheid? Hatte Luigi das Undenkbare getan und diesem Mann das Geheimnis von Faye und ihrer Mutter verraten? Konnte er so grausam gewesen sein?

Leise Panik erfasste sie, während sie sich sagte, dass es keine Rolle spielte. Sobald sie wieder weg war, musste sie weder diesen mysteriösen Mann noch sonst jemanden aus Luigis Familie je wiedersehen.

Sie hob das Kinn. „Ich habe Carlotta ein Versprechen gegeben“, erwiderte sie.

Es hatte dieser Frau nicht zugestanden, ihr dieses Versprechen abzunehmen. Und doch hatte sie es getan. Und weil der Fluch der Ungewissheit Faye schon lange quälte, hatte sie eingewilligt.

Der Mann verzog den Mund. „Ah, si … Das Versprechen, bei der Testamentseröffnung dabei zu sein, aber ihr nicht die letzte Ehre zu erweisen?“

Faye platzte der Kragen. „Zu Ihrer Information, Mr. … wie auch immer Sie heißen. Carlotta hat mir nicht gesagt, dass sie krank ist. Erst bei unserer letzten Unterhaltung vor drei Wochen. Ich hielt es für unpassend, einfach so … aufzukreuzen. Eigentlich kannten wir uns ja gar nicht.“

„Und dennoch sind Sie jetzt hier“, sagte er vorwurfsvoll, und seine tiefe, sonore Stimme, der verstörend heiße Akzent verliehen jedem Wort eine tiefere Bedeutung.

Endlich gehorchten ihre Muskeln wieder den Befehlen ihres Gehirns und verliehen ihr genug Kraft, um aufzustehen. Sie schob den Stuhl zurück und schnappte sich ihre Beuteltasche, die sie auf dem Boden abgestellt hatte.

„Sparen Sie sich Ihre Vorwürfe. Ich habe das Ganze schon für einen Fehler gehalten, bevor Sie hier reinmarschiert sind. Sie haben mich nur darin bestätigt, dass ich nicht hätte herkommen sollen. Verschwenden wir nicht noch mehr Zeit. Ich bin weg.“

„So leicht ist das leider nicht, Miss Bishop.“

Ihre Finger krallten sich um den Riemen ihrer Tasche. „Was ist nicht leicht? Und mal im Ernst, wollen Sie sich nicht vorstellen wie jeder normale Mensch? Oder ist Ihre Identität ein Geheimnis, das ich lösen muss, um das nächste Level zu erreichen?“

Mehr als ein Anwalt schnappte nach Luft. Das Gefühl, sich auf einem Minenfeld zu bewegen, verstärkte sich, als der Fremde seinen Blick ganz langsam und träge an ihr hinabwandern ließ, von ihrem Gesicht über ihren Hals, ihre Brüste, um dann so lange auf den sieben Zentimetern zwischen ihrem bauchfreien rosa Top und dem Bündchen von ihrem knöchellangen Flickenrock zu verweilen, bis sie eine Gänsehaut bekam.

„Setzen Sie sich“, befahl er nach einer gefühlten Ewigkeit, seine Stimme kaum mehr als ein Grummeln.

Faye konnte nicht, weil sein Blick sie erneut gelähmt hatte. Während er sie weiter betrachtete, gesellten sich noch andere Gefühle dazu und machten das Chaos komplett. Sie fühlte sich schwach. Ihre Brüste begannen zu kribbeln, und gleich würden alle sehen, dass sie keinen BH trug.

Um die unbehagliche Situation zu überspielen, verschränkte Faye die Arme vor der Brust und funkelte ihn an. „Wieso?“, fragte sie und bemerkte sehr wohl, dass sein Blick zu den Henna-Tattoos auf ihrem Arm gewandert war. Dass er noch … faszinierter wirkte … Bevor sein Blick wieder hart wurde.

„Weil ich ein paar Informationen für Sie habe, Miss Bishop. Und ich verspreche Ihnen, der Grund, aus dem Sie hier sind, wird Ihre kühnsten Träume übertreffen. Bedauerlicherweise hat das Ganze einen Haken. Natürlich können Sie weiterhin die moralisch Überlegene spielen, wenn ich mit Ihnen fertig bin. Und sollten Sie beschließen, auf Ihr Erbe verzichten …“

„Mein Erbe? Was für ein Erbe?“ Ihre Stimme war vor lauter Überraschung ein peinliches Quieken.

„Setzen Sie sich, dann sage ich es Ihnen“, befahl er erneut.

Der Schock ließ sie gehorchen. Sie sank wieder auf den Stuhl.

„Tun wir so, als wüssten Sie wirklich nicht, wer ich bin …“

„Tu ich nicht. Keine Ahnung, wieso das für Sie so unbegreiflich ist, aber ich habe keinen Dunst, wer Sie sind.“

Er bedachte sie erneut mit einem langen, strengen Blick. Dann beugte er sich vor. „Mein Name ist Maceo Fiorenti.“

Den Nachnamen kannte sie. Und ihn zu hören, versetzte ihr einen Stich, weil er sie an Luigi erinnerte.

„Dann nehme ich an, dass Sie in irgendeiner Form mit dem Casa di Fiorenti zu tun haben?“

Die Anwälte tauschten fassungslose Blicke.

„Könnte man sagen. Aber ich habe auch … ich hatte auch mit Carlotta zu tun.“

Ihre E-Mails hatte Carlotta mit Carlotta Caprio-Fiorenti unterzeichnet. Faye hatte nicht weiter darüber nachgedacht. Jetzt tat sie es, und ihr Magen zog sich zusammen.

Der Mann, der ihr gegenübersaß, war zu alt, um Carlottas Sohn zu sein, also konnte er nur …

Faye bemerkte, dass ihr erneut der Mund offen stand, doch sie fing sich schnell wieder. „Sie sind Carlottas Mann?“ Warum versetzte ihr diese Information einen Stich? „Aber Sie sind doch …“ Sie biss sich auf die Lippe.

Er zog spöttisch die Augenbrauen hoch. „Ich bin was, Miss Bishop? Zu jung? Ein toy boy, wie man es in Ihrem Land nennt? Sie brauchen kein Blatt vor den Mund nehmen. Sie können nichts sagen, was die Presse nicht schon millionenfach seziert hat.“

Sie spürte, wie sie rot wurde, weil sie genau das hatte sagen wollen. Carlotta war Ende fünfzig gewesen, während Maceo Fiorenti mindestens dreißig Jahre jünger aussah.

„Ihre Beziehung zu Carlotta geht mich nichts an. Und da wir uns nun einander vorgestellt haben, könnten Sie mich vielleicht aufklären, warum ich hier bin?“

„Ich bin CEO von Casa di Fiorenti und halte hundert Prozent der Aktienanteile dieser Firma. Jedenfalls dachte ich das bis vor einer Woche.“

Faye runzelte die Stirn. „Was bedeutet das?“

„Es bedeutet, dass meine verstorbene Frau mich informiert hat, dass Luigi – ich nehme an, Sie wissen, wer das ist?“, fragte er affektiert.

Sie stählte sich gegen den Schmerz, der trotz all der Zeit nicht dumpfer geworden war. „Natürlich.“

„Meraviglioso“, sagte er sarkastisch. „Meine verstorbene Frau hat mich also informiert, dass es Luigis Wunsch war, sollte er sterben, bevor Sie fünfundzwanzig sind, Carlotta das Erbe an Sie weitergeben soll, wenn Sie dieses Alter erreichen. Soweit ich weiß, hatten Sie kürzlich Geburtstag?“

Faye nickte gedankenverloren. „Vor drei Monaten.“ Dann stockte ihr der Atem. „Da hat Carlotta zum ersten Mal Kontakt zu mir aufgenommen. Aber … warum hat sie mir davon nichts gesagt?“

„Haben Sie ihr denn Gelegenheit dazu gegeben? Oder haben Sie ihre Versuche, mit Ihnen in Verbindung zu treten, wiederholt abgeblockt?“, fragte er.

Sie nahm an, dass er die Antwort kannte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich, doch sie hatte nicht vor, klein beizugeben. „Ich hatte meine Gründe.“

Kummer. Schamgefühl. Der Vertrauensbruch. Die Ungewissheit, warum Luigi sie verlassen hatte, ohne einen Blick zurück, sie aber offensichtlich aus der Ferne im Auge behalten hatte.

Niemand kann eine Missgeburt wie dich lieben …

Matts verletzende Worte klangen in ihr nach, und sie musste herausfinden, ob Luigi genauso empfunden hatte.

„Ah, aber diese Gründe haben Sie nicht davon abgehalten, nun hier aufzutauchen, si?“

Faye zwang sich, sich nicht von ihm provozieren zu lassen, und lehnte sich lächelnd zurück. Zuckte die Schultern. „Offenbar glauben Sie, ich hätte irgendwelche Absichten, also sparen wir uns die rhetorischen Fragen und kommen zur Sache. Ich habe …“ Sie sah demonstrativ auf die Uhr, bevor sie ihren Blick auf irgendetwas hinter ihm richtete. Aus dem Augenwinkel sah sie einen Muskel in seinem Kiefer zucken. „Mir bleibt noch ein halber Tag, um mir die Stadt anzusehen, bevor ich wieder ins Hotel gehe.“

Es herrschte angespanntes Schweigen. Sie konnte nicht widerstehen, in seine goldbraunen Augen zu sehen, und fand darin tiefe Trauer. Ungeachtet der Vergangenheit und all des Leids, das Luigi ihr und ihrer Mutter zugefügt hatte, dieser Mann hatte erst vor wenigen Tagen seine Frau beerdigt. Faye schuldete ihm ein Quäntchen Mitgefühl.

Sie öffnete den Mund, um ihre schnippischen Worte zurücknehmen, doch er kam ihr zuvor.

„Als Carlottas Testamentsvollstrecker fällt mir die Aufgabe zu, Sie darüber zu informieren, dass Ihnen durch das Vermächtnis Ihres Stiefvaters ein Viertel von einem Prozent einer Aktie von Casa di Fiorenti gehört. Signor Abruzzo, bitte erklären Sie Miss Bishop, was das finanziell gesehen bedeutet.“

Einer der Anwälte räusperte sich und klappte einen Ordner auf, während Maceo sich mit raubtierhafter Anmut zurücklehnte und Faye mit stechendem Blick durchbohrte.

Sein Blick hatte zur Wirkung, dass sie den Anfang der Ansprache des Anwalts verpasste. Faye zwang sich, sich zu konzentrieren, und bekam den Rest gerade noch mit.

„… bei der letzten Finanzprüfung wurde Casa di Fiorenti auf fünf Komma sechs Milliarden Euro geschätzt. Was bedeutet, dass Ihr Anteil etwa vierzehn Millionen Euro wert ist.“

2. KAPITEL

Maceo beobachtete, wie sich die vollen Lippen des seltsamen Wesens öffneten.

Ein perfekter Amorbogen. Na und?

Per l’amor di Dio, sie hatte lila- und silberfarbene Haare! Es waren auch noch andere Farben dabei. Sie trug Hippie-Klamotten, und ein Arm war mit Blumen verziert. Sinnliche Lippen und tolle Figur hin oder her, sie gehörte eher ans Set eines Fantasyfilms als in das Büro seines milliardenschweren Imperiums.

Es spielte keine Rolle, dass ihre Haut makellos war und ihre indigoblauen Augen zu schön, um wahr zu sein.

Er hatte Carlotta erst vor wenigen Tagen begraben. Und obwohl ihre Ehe unkonventionell gewesen war, schuldete er ihr doch so viel Respekt, nicht in Gedanken Adjektive aufzulisten, die eine andere Frau …

„Sie machen Witze!“

Ihre Worte rissen ihn aus seinen Überlegungen, und er besann sich wieder auf seine frostige Unnahbarkeit, auf den der Situation angemessenen Ernst.

„Natürlich. Weil mir ein paar Tage, nachdem ich meine Frau beerdigt habe, nichts Besseres einfällt, als geschmacklose Witze über ihren letzten Willen zu machen.“

Immerhin besaß sie genug Anstand, um rot zu werden. Doch ihre Zerknirschung währte nur eine Handvoll Sekunden. „Meine Reaktion war nicht als Beleidigung gemeint. Das ist wirklich das Letzte, womit ich gerechnet habe.“

„Tatsächlich? Ist es das, Miss Bishop?“ Maceo machte sich nicht die Mühe, seine Zweifel zu verbergen. Er hatte nicht die Absicht, irgendetwas vor ihr zu verbergen. Geheimnisse waren genau das, was das Fundament seiner Familie ausgehöhlt hatte.

„Allerdings, Mr. Fiorenti“, erwiderte sie spitz und funkelte ihn an.

„Dann tun Sie, was Sie eben angeblich noch vorhatten. Lehnen Sie ab und verschwinden Sie.“

Fasziniert sah er zu, wie sie den Kopf neigte und seinen kalten Blick erwiderte. Das Sonnenlicht tanzte auf ihren bunten Haarsträhnen, und Maceo zwang sich, den Blick zu halten und die Wirkung dieser Frau auf seine Sinne zu unterdrücken.

Autor

Maya Blake

Mit dreizehn Jahren, lieh sich Maya Blake zum ersten Mal heimlich einen Liebesroman von ihrer Schwester und sofort war sie in den Bann gezogen, verlor sich in den wunderbaren Liebesgeschichten und begab sich auf romantische Reisen in die Welt der Romanhelden. Schon bald träumte sie davon, ihre eigenen Charaktere zum...

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