Jede Sekunde in deinen Armen

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Jede Sekunde heißer Leidenschaft genießt Amelia in den Armen ihres Mannes, als wäre es die letzte. Sie befürchtet, dass ihr stürmisches Glück mit Nick schon bald zerbrechen kann: Niemals wird er an ihrer Seite bleiben, wenn sie als zukünftige Fürstin von Colina die Herrschaft über das Land übernehmen muss ...
  • Erscheinungstag 16.12.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733754495
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

„Glaub mir doch endlich, er ist nicht wirklich mein Ehemann.“ Prinzessin Amelia Carradigne, Enkelin des Fürsten von Colina, feilte ohne aufzusehen weiter an ihren Fingernägeln. Angesichts der aufziehenden Katastrophe bemühte sie sich, wenigstens nach außen hin Gelassenheit zu demonstrieren. Ihrer älteren Schwester Cecilia fiel das weniger leicht.

CeCe schritt unruhig auf und ab. „Aber als er anrief und seine Ankunft in New York ankündigte, da sagtest du wörtlich, er sei dein Mann.“

„In der Zwischenzeit habe ich unseren Anwalt konsultiert. Er bestätigte mir, dass diese Ehe auf keinen Fall gültig ist.“

„Aber offensichtlich bedeutet dir der Mann doch etwas.“ CeCe öffnete die Türen des begehbaren Kleiderschranks. „Willst du dir nicht wenigstens etwas anziehen und vielleicht ein wenig Lippenstift auftragen?“

„Nick kennt mich ohne Lippenstift. Also wird ihn mein Anblick nicht umbringen.“ Tatsächlich hatte Nicholas Standish sie vor einem Jahr unter höchst widrigen Umständen kennen gelernt. Im ehemaligen sowjetischen Palemeir, in dem Amelia im Auftrag der International Children’s Foundation arbeitete, war sie meistens schmutzig und von Mückenstichen übersät gewesen. Damals hatte sie sich um ihr Äußeres wenig gekümmert. Nicht einmal die Gegenwart des attraktivsten und charmantesten Mannes, dem sie je begegnet war, hatte daran etwas ändern können.

Amelia hörte mit dem Nägelfeilen auf und sah aus dem Fenster auf den Central Park hinunter. Selbst jetzt im winterlichen Schmuddelwetter wirkte der Park einladend, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als eine Runde joggen zu gehen. Alles war besser, als dem Mann gegenübertreten zu müssen, den sie belogen und im Stich gelassen hatte.

Inzwischen zog CeCe wahllos Kleider aus dem Schrank und warf sie neben Amelia aufs Bett.

„Zieh irgendeines davon an.“

Amelia unterdrückte ein Lächeln, während sie sich bis auf BH und Höschen auszog. CeCe mit ihrem kinnlangen, neuerdings rötlichblond getönten Haar und dem pfirsichfarbenen Kostüm sah wieder vom Scheitel bis zur Sohle wie eine echte Prinzessin aus, ganz anders als Amelia, deren lockiges blondes Haar immer unordentlich wirkte und die sich am wohlsten in Jeans, T-Shirt und schlichten Kleidern fühlte. Aufgrund ihrer unermüdlichen Energie hatte CeCe es im Handstreich zur Vizepräsidentin der familieneigenen Reederei DeLacey gebracht, was sie in Amelias Augen durchaus befähigt hätte, ein kleines Land wie Colina zu regieren.

Doch es war die siebenundzwanzigjährige Prinzessin Amelia, die nach dem Willen ihres Großvaters Fürst Easton den Thron des kleinen Fürstentums zwischen Spanien und Frankreich besteigen sollte, nachdem ihre zwei Jahre ältere Schwester CeCe auf die Nachfolge verzichtet hatte. Amelia fühlte sich dadurch einerseits sehr geehrt, andererseits hatte sie große Angst vor der immensen Verantwortung und fragte sich, ob sie die Erwartungen des Fürsten würde erfüllen können.

Auf jeden Fall würde sie ihr Bestes geben, um sich des Vertrauens ihres Großvaters würdig zu erweisen – falls er aufgrund dieses neuesten Skandals nicht seine Meinung ändern würde. Erst vor wenigen Wochen hatte CeCes ungeplante Schwangerschaft für Schlagzeilen in aller Welt gesorgt und dem Fürsten schlaflose Nächte bereitet. Doch CeCe hatte sich gemeinsam mit dem Vater ihres ungeborenen Kindes gekonnt aus der Affäre gezogen und war jetzt glücklich verheiratet.

Ob Amelias eigener Skandal ein ähnlich glimpfliches Ende nehmen würde, stand in den Sternen. Es war sehr gut vorstellbar, dass Fürst Easton seine Meinung änderte, da er schließlich für die Thronfolge noch eine dritte Carradigne-Schwester, die sechsundzwanzigjährige, bislang unbescholtene Lucia in der Hinterhand hatte.

„Warum hast du uns gegenüber nie ein Wort über Nicholas Standish verlauten lassen?“, wollte CeCe wissen und zog Amelia ein Kleid über den Kopf, als sei sie eine Puppe. „Wenigstens Ellie hättest du dich doch anvertrauen können.“

Eleanor Standish war Nicks jüngere Schwester und zugleich die persönliche Sekretärin von Fürst Easton.

„Ich dachte, ich würde Nick nie wiedersehen“, antwortete Amelia achselzuckend. „Wir waren damals so verzweifelt. Ihn zu heiraten war die einzige Möglichkeit, diese beiden Kinder zu retten …“

„Ja, ja, ich weiß. Ellie hat uns erzählt, dass ihr Bruder zwei Waisenkinder adoptiert hat.“

Amelia seufzte. „Wir – Nick und ich – waren letztendlich verantwortlich für die Kinder, nachdem ihr Vater bei einer Explosion ums Leben kam. Ihre Mutter war damals schon schwerkrank, und Nick versprach ihr vor ihrem Tod, dass er persönlich für die Kinder sorgen würde. Eine Adoption war die einzige Möglichkeit, sein Versprechen zu halten, doch um die Adoptionspapiere zu bekommen, musste Nick verheiratet sein. Also heirateten wir.“

„Ziemlich ungewöhnlich“, sagte CeCe, während sie in Amelias Kommode nach einem Paar Strümpfen suchte. „Sagtest du nicht, er sei Söldner? Einem Typen, der für Geld in den Krieg zieht, traut man derart selbstloses Handeln gar nicht zu. Er muss etwas ganz Besonderes sein.“

„Das ist er“, stimmte Amelia ihr zu. Als sie bemerkte, wie träumerisch ihre Stimme klang, straffte sie energisch die Schultern.

„Warum kommt er jetzt hierher?“, fragte CeCe und warf ihrer Schwester die Strümpfe zu.

„Keine Ahnung.“ Sie hatten sich am Flughafen von Palemeir getrennt, nachdem sie ihn mit ihrem unmittelbar bevorstehenden Abflug überrascht hatte. Der ICF zog sich aus dem Land zurück, und damit war auch für Amelia das Ende ihres Einsatzes gekommen.

„Das Ganze fasziniert mich“, gab CeCe zu. „Nicht nur die heimliche Heirat, sondern auch die Abenteuer und Gefahren, die du auf dich genommen hast. Ich wusste ja, dass du in Krisengebiete reist, aber ich habe mir nie vorgestellt, dass du genau an den Frontlinien arbeitest.“

„In Palemeir gab es keine Front“, entgegnete Amelia. „Der Krieg war überall um uns herum. Deshalb nannte ich mich auch Melanie Lacey, damit ich mich frei bewegen konnte, ohne dass die Presse meine Arbeit behinderte.“

„Was wirst du mit diesem Nick jetzt machen, wenn du ihn gleich siehst?“, fragte CeCe.

„Auch da habe ich keine Ahnung.“

CeCe drängte Amelia zur Tür. „Los jetzt. Ich sterbe vor Ungeduld, deinen Nick kennen zu lernen.“

„Hör auf, ihn ‚meinen Nick‘ zu nennen. Und lass mich bitte nicht allein mit ihm“, flehte Amelia.

Hester Vanderling erwartete sie bereits am Fuß der Treppe. „Amelia, da ist ein Herr für dich. Ich weiß nicht, wie er an der Security unten vorbeikommen konnte …“

„Schon gut. Ich hatte die Wachleute angewiesen, ihn hereinzulassen“, sagte Amelia und tätschelte beruhigend Hesters Schulter. Die grauhaarige Angestellte stand seit über fünfundzwanzig Jahren in den Diensten der Carradignes und war früher das Kindermädchen der drei Prinzessinnen gewesen. Als sie die jüngste Pressemeldung gelesen hatte, war sie ein wenig enttäuscht gewesen, dass sich Amelia ihr nicht früher anvertraut hatte.

Doch nun war es zu spät für gute Ratschläge, denn hier stand er im Foyer und wirkte noch größer und männlicher, als Amelia ihn in Erinnerung hatte.

„Hallo, Nick.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Krächzen.

„Amelia.“

Erst jetzt bemerkte Amelia, dass Nick die Kinder bei sich hatte.

Sie breitete die Arme aus. „Josie! Jacob! Wollt ihr eure Tante Mellie nicht umarmen?“ Jacob, der jetzt drei Jahre alt sein musste, machte sich von Nick los und lief freudestrahlend auf sie zu, während Josie sich zurückhielt.

Amelia umarmte den Kleinen stürmisch und lächelte Josie über seinen Kopf hinweg liebevoll zu. Das Mädchen erwiderte ihr Lächeln nicht, sondern blieb betont neutral.

Nicks Gesichtsausdruck war alles andere als neutral. Mit seinen blauen Augen schien er Amelia förmlich zu durchbohren.

„Oh, Entschuldigung. Nicholas Standish, das ist meine Schwester Cecilia O’Connell. Und Hester Vanderling – sie hat uns praktisch aufgezogen.“

„Prinzessin CeCe“, sagte Nick höflich. „Herzlichen Glückwunsch nachträglich zu Ihrer Vermählung.“

„Vielen Dank.“

„Mrs. Vanderling.“ Er schüttelte Hester die Hand, die zu Amelias Erstaunen wie ein Schulmädchen kicherte.

„Und wer seid ihr beiden Süßen?“, fragte CeCe.

„Ich bin Jacob. Jacob Standish“, sagte der kleine Junge stolz.

Nick drückte die Schulter des kleinen Mädchens und schob sie ein Stück nach vorne. „Das ist Josie.“

Josie musste jetzt sieben Jahre alt sein. Sie streckte ihre Hand aus, die in Amelias Augen noch immer viel zu mager war. „Sehr erfreut“, sagte Josie höflich zu CeCe und Hester und fügte dann leise zu CeCe gewandt hinzu: „Bist du wirklich eine echte Prinzessin, so wie Aschenputtel?“

CeCe lachte. „Ich trage zwar keine gläsernen Schuhe und habe auch keine Kutsche, aber ich habe mir einen ziemlich hübschen Prinzen geangelt.“

„Du bist groß geworden, Josie“, bemerkte Amelia.

„Aber die beiden könnten ein wenig Fleisch auf den Rippen vertragen“, meinte Hester fürsorglich. „Ich wette, Bernice hat frische Plätzchen in der Küche.“

Die Kinder sahen fragend zu Nick auf.

„Aber nicht zu viele“, ermahnte Nick sie.

CeCe nahm die Kinder an der Hand. „Ihr findet uns in der Küche.“

„Verräterin“, murmelte Amelia. Aber im Grunde musste sie ohnehin unter vier Augen mit Nick sprechen, denn er hatte ihr den Grund seines Besuchs noch nicht genannt.

Nick stützte die Hände auf die schmalen Hüften. „Wollen Sie mich nicht hineinbitten, Durchlaucht?“

„Nenn mich nicht so.“

„Wie soll ich dich denn nennen? Doch wohl nicht Melanie.“

„Ihr nanntet mich doch immer Mellie, du und die Kinder. Das könnte auch die Abkürzung von Amelia sein.“

„Kosenamen sind für Freunde reserviert. In diesem Fall also reichlich unpassend.“

Anscheinend hatte Nick während ihrer Trennung seine Krallen geschärft. Doch Amelia wollte ihm auf keinen Fall zeigen, wie sehr er sie mit seiner Bemerkung verletzt hatte.

Sie führte ihn auf die große überdachte Terrasse hinaus, weil sie vermeiden wollte, dass ihre Unterhaltung belauscht und womöglich sogar an die Klatschkolumnistin Krissy Katwell weitergegeben wurde.

Nick hatte noch keine New Yorker Zeitungen gelesen, doch die Presse in Colina hatte die Geschichte über die illegale Heirat der Prinzessin weidlich ausgeschlachtet.

Er war fast in Ohnmacht gefallen, als er entdeckt hatte, dass Melanie Lacey in Wirklichkeit die Enkelin des Fürsten von Colina war, die sich unter falschem Namen unters Volk gemischt hatte, um Wohltätigkeitsarbeit zu leisten. Ihr kleiner Betrug hatte sein ganzes Leben aus den Fugen geraten lassen.

Nick und Amelia setzten sich so weit wie möglich voneinander entfernt auf eine Gartenbank.

Das Unbehagen auf Amelias Gesicht und ihre steife, angespannte Haltung waren ganz nach Nicks Geschmack. Sie sollte ruhig auch ein wenig leiden, nachdem sie ihn quasi durch die Hölle geschickt hatte. Dummerweise hatte er gleichzeitig Lust, auf der Stelle mit ihr schlafen. Ein Jahr der Trennung hatte das Verlangen nach ihr nicht erlöschen lassen.

Naiv wie er war, hatte er vor einem Jahr geglaubt, die Heiratsurkunde würde ihm den Weg in ihr Bett ebnen. Doch kaum waren die Adoptionspapiere nach ihrer überhasteten Hochzeit ausgefertigt, da hatte Amelia ihn auch schon wieder verlassen.

Noch einmal würde er ihr sein Vertrauen nicht schenken. Er musste sie heute um Hilfe bitten, doch diesmal würde es kein Hintertürchen für sie geben.

„Also, was ist los? Warum bist du hier?“, fragte Amelia rundheraus.

„Aufgrund des Presserummels wegen unserer illegalen Heirat habe ich eine ganze Horde von Sozialarbeitern auf den Fersen“, erwiderte er. „Das Familienministerium von Colina will die Adoption anfechten, weil man sich auf den Standpunkt stellt, wenn die Hochzeit Betrug war, dann ist es auch die Adoption. Vielen Dank übrigens dafür.“

Amelia rang nach Luft. „Sie wollen dir die Kinder wegnehmen? Das dürfen sie nicht!“

„Offensichtlich schon. Colina ist nicht Amerika. Bei uns gibt es keine Revision. Das Familienministerium wird die Sache vor Gericht bringen, und dessen Entscheidung ist dann endgültig.“

„Aber sie werden doch mit Sicherheit feststellen, dass du den Kindern ein guter Vater bist.“

„Woher willst du das wissen? Du warst im letzten Jahr doch gar nicht bei uns, was dem Familienministerium übrigens nicht entgangen ist. Sie sagen, wir hätten mit betrügerischer Absicht geheiratet und niemals vorgehabt, als Familie miteinander zu leben. Man ist ziemlich altmodisch in Colina.“

Amelia wandte den Blick ab. „Das ist vermutlich meine Schuld. Aber ich konnte nicht in Palemeir bleiben. Der ICF bestand auf meiner sofortigen Ausreise, und ich musste gehorchen.“

„Ach, und da verlässt du einfach mir nichts dir nichts deinen frisch angetrauten Ehemann und die Kinder, die dich brauchten. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie sehr du Josie enttäuscht hast?“

Der Pfeil traf haargenau sein Ziel. Nick sah, wie Amelias Augen sich mit Tränen füllten, die sie aber tapfer wegblinzelte. „Wir wussten doch beide von Anfang an, dass diese Ehe, selbst wenn sie legal wäre, nur eine Farce war“, hielt sie ihm entgegen.

Nicks Stimme wurde weicher. „Aber dein Kuss am Flughafen fühlte sich überhaupt nicht wie eine Farce an.“

Ein Hauch von Röte überzog Amelias Gesicht, und sie blickte verlegen zur Seite. Nick empfand es als kleine Genugtuung, dass ihr jener Kuss offensichtlich ebenso viel bedeutet hatte wie ihm. Seine Fantasien hatten immer wieder um diesen langen, zärtlichen und leidenschaftlichen Kuss gekreist. Er hatte damals schon geglaubt, er hätte gewonnen, sie überzeugt, bei ihm zu bleiben. Erst später war ihm klar geworden, dass es ihr Abschiedskuss gewesen war.

Eine lange Pause trat ein. „Ich wollte dich und die Kinder eigentlich wenigstens nach Colina begleiten“, sagte Amelia schließlich. „Aber sie fingen an, mich zu mögen. Da schien es mir besser, lieber einen klaren Schnitt zu machen und abzureisen. Das musst du doch verstehen.“

Als Nick schwieg, setzte sie sich aufrecht hin und fragte selbstbewusst: „Ich möchte dir gern helfen. Was kann ich tun?“

„Liegt das nicht auf der Hand? Dein Großvater ist der Fürst, und er ist hier in New York. Schau doch nicht so überrascht. Ich weiß, dass er nach CeCes Hochzeit nicht nach Colina zurückgekehrt ist. Meine Schwester konnte vor mir noch nie ein Geheimnis bewahren.“

„Ich soll mich also bei Fürst Easton für dich einsetzen.“

„Volltreffer.“

Ihre Miene drückte eine Beklommenheit aus, die Nick nicht verstand. Er bat sie doch nur um einen kleinen Gefallen.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte er

„Natürlich werde ich tun, was ich kann. Aber es ist nicht so einfach, wie du denkst. Ich stehe nicht gerade auf vertrautem Fuß mit meinem Großvater, ich kenne ihn ja kaum. Und gerade im Augenblick gehöre ich auch nicht zu seinen Favoriten.“„Heißt das, du willst es nicht einmal versuchen?“

„Doch, ich werde mein Bestes geben. Aber ich denke, wir sollten gemeinsam zu ihm gehen, ihm geschlossen gegenübertreten.“

Genau das war auch Ellies Vorschlag gewesen.

„Und vielleicht sollten wir auch die Kinder mitnehmen“, fuhr Amelia fort. „Es kann nicht schaden, wenn Easton uns zusammen sieht, als Familie.“

„Dann lass es uns so machen.“ Nick erhob sich ungeduldig.

„Wir können ihn nicht einfach so überfallen“, sagte Amelia lachend. „Wir müssen einen Termin vereinbaren. Zum Glück kann deine Schwester das für uns tun.“

„Okay, dann rede ich mit ihr. Ich finde allein hinaus.“ Er wandte sich abrupt um und ging auf die Terrassentür zu, wobei er sich fragte, wie er seine Kinder in diesem riesigen Penthouse finden sollte.

„Nick?“

Er drehte sich um.

„Ich wollte mich noch bei dir dafür entschuldigen, dass ich dir verschwiegen habe, wer ich wirklich bin. Aber nicht einmal der ICF kannte meine echte Identität. Für mich war das ganz normal. Aber du hast natürlich recht, ich hätte dir reinen Wein einschenken müssen, ehe ich … ehe ich dich heiratete. Die möglichen Konsequenzen habe ich nicht bedacht, und das tut mir ehrlich leid.“

Ihre Aufrichtigkeit überraschte Nick. Eigentlich hatte er erwartet, hier in New York einer anderen Frau gegenüberzustehen als damals in Palemeir. Vor einem Jahr war sie nur eine von vielen eifrigen freiwilligen Helfern gewesen. Dass diese selbstlose, liebevolle junge Frau eine Prinzessin von Colina sein sollte, hatte er kaum glauben wollen.

Doch nun nach ihrem Wiedersehen schien sie ihm noch immer dieselbe Person wie damals zu sein, was seinem Seelenfrieden nicht gerade zuträglich war. Nie wieder wollte er eine so qualvolle Zeit wie nach ihrer ersten Trennung durchmachen müssen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als sein Herz zu verschließen.

2. KAPITEL

Vor Nervosität konnte Amelia kaum stillsitzen, während sie mit Nick und den Kindern in einem Vorzimmer der Botschaft von Colina auf die Audienz bei ihrem Großvater wartete. Einen Tag nach Nicks Ankunft in Manhattan hatte der Fürst sich bereit erklärt, sie zu empfangen. Allerdings nicht im Penthouse der Carradignes, sondern ganz offiziell in der Botschaft.

Amelia trug ihr bestes, elegantestes Outfit – ein graues Wollkostüm mit einer schwarzen Seidenbluse, silbern schimmernden Strümpfen und grauen Pumps. Sie hatte sogar versucht, ihr widerspenstiges Haar zu bändigen, und sich auf Drängen CeCes dezent geschminkt.

Auch Nick hatte sich feingemacht. In Palemeir war er ein überaus attraktiver Mann von verwegenem Äußeren gewesen. Eine Aura von Gefahr hatte ihn umgeben, und sein wildes, sonnengebleichtes Haar, die tiefbraune Haut und ein Dreitagebart hatten diesen Eindruck noch verstärkt. Amelia, die geradezu süchtig nach Gefahr war, fühlte sich dadurch nur umso mehr zu ihm hingezogen.

In der beschützten Umgebung, in der sie aufgewachsen war – Bodyguards, exklusive Privatschulen, Limousinen mit abgedunkelten Scheiben –, hatte sie sich manchmal wie erstickt gefühlt. Das Abenteuer, unter falschem Namen in Länder der Dritten Welt zu reisen, hatte sie immer auch wegen der Gefahr gereizt und nicht nur, um Not leidenden Kindern zu helfen.

Nick trug einen dunklen Anzug mit Krawatte, dessen Jackett über seinen breiten Schultern spannte. Sein Haar war von einem dunkleren Blond als damals, doch Amelia verspürte wie vor einem Jahr den Drang, es mit den Fingern zu zerzausen.

Er war glatt rasiert und leicht gebräunt. Seine Hände sahen so stark und kräftig aus wie damals. Amelia sah sie noch am Abzug seiner alten M16 vor sich, als er einen Flüchtlingstreck über einen gefährliche Brücke geleitete.

Auch die Kinder sahen ganz bezaubernd aus in ihren neuen Kleidern, mit sauber gewaschenen Gesichtern und glatt gekämmtem Haar.

„Und der Fürst ist wirklich praktisch ein Fremder für dich?“, fragte Nick.

„Ich habe ihn nur ein einziges Mal in meinem Leben vor diesem Besuch gesehen, als ich ein kleines Mädchen war. Aber ich erinnere mich kaum daran. Da gibt es einen wunden Punkt in der Vergangenheit – meine Mutter hat nie verwunden, dass Easton ihr nach dem Tod meines Vaters nicht zur Seite stand, als sie ihn wirklich brauchte. Aber ich denke, er hatte mit seinem eigenen Kummer genug zu tun.“ Sie machte eine kleine Pause. „Er trauert auch jetzt. Es ist kaum ein Jahr her, dass Onkel Byrum bei jenem schrecklichen Jeepunfall ums Leben kam.“

„Eine schlimme Sache für Colina, wenn man bedenkt, dass Byrum der nächste Fürst werden sollte. Ich kenne niemanden, der für die Nachfolge weniger geeignet wäre als dein Cousin.“

Nick spielte auf Byrums Sohn Markus an, der nach dem Tod seines Vaters nun der vermeintliche Thronfolger war. Doch Amelia wusste es besser. Fürst Easton hatte aus irgendwelchen Gründen Vorbehalte gegen Markus und nahm das Recht wahr, seinen Nachfolger selbst zu bestimmen.

Die hohen Doppeltüren am Ende des Raumes öffneten sich lautlos, und Eleanor Standish erschien. Die beiden Kinder liefen sofort freudestrahlend auf sie zu, um sie zu umarmen und zu küssen. Amelia fühlte einen Stich der Eifersucht.

Ellie umarmte auch Nick herzlich und musterte ihn dann von Kopf bis Fuß. „Nicky. Du siehst sehr … sehr zivilisiert aus.“

Nick hob fragend eine Augenbraue. „Soll das ein Kompliment sein?“

„Aber natürlich. Ich habe dich nur noch nie im Anzug gesehen, das ist alles.“

Mit leiser Stimme fragte Nick: „Und wie stehen meine Chancen?“

„Beim Fürsten?“ Ellie dachte einen Augenblick nach. „Schwer zu sagen. Er ist heute ziemlich zugeknöpft. Aber wenn ihn irgendetwas aufmuntern kann, dann die beiden Kleinen hier. Der Fürst lässt jetzt bitten. Aber ich warne euch gleich vor: Er hat den nächsten Termin in fünfzehn Minuten. Ihr müsst euch also beeilen.“

Easton Carradigne spülte eine Hand voll Pillen mit einem Schluck bitteren Kaffees hinunter, als sich die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnete und Eleanor eintrat. Sie deutete einen Knicks an, wie sie es immer tat, wenn sie ihm begegnete.

„Euer Durchlaucht, Prinzessin Amelia“, kündigte sie an. „Und Nicholas Standish. Oh, und natürlich auch Josie und Jacob.“

Easton traute seinen Ohren nicht. Sie hatten die Kinder dabei? Hielten sie ihn denn für einen alten Tattergreis, dessen Herz beim Anblick von zwei kleinen Kindern dahinschmelzen würde?

Nun, zugegeben, die beiden waren wirklich niedlich, vor allem das Mädchen mit seinen anmutigen Bewegungen. Ihr Bruder allerdings stürmte wie ein kleiner Wirbelwind herein.

„Nicht anfassen!“, riefen Easton und Ellie gleichzeitig aus, als er versuchte, in das Innere einer Vase aus dem sechzehnten Jahrhundert zu schauen. Nick griff sich den Jungen, ehe er Unheil anrichten konnte, und dann standen sie alle vier vor dem Fürsten.

„Nehmt Platz“, sagte Easton.

Nicholas und Amelia setzten sich in die Lehnstühle vor Eastons Schreibtisch. Jacob krabbelte auf Nicks Schoß, während Ellie für Josie einen weiteren Stuhl holte.

Dann zog sie sich zurück, und Nicholas begann auf eine Handbewegung des Fürsten hin seine Ausführungen.

„Euer Durchlaucht, meine Schwester hat Ihnen die Situation bereits kurz geschildert. Prinzessin Amelia und ich haben die Verantwortung für diese beiden Kinder aus Palemeir auf Bitten ihrer todkranken Mutter übernommen. Wir heirateten, damit ich die Kinder adoptieren und in Sicherheit bringen konnte.“

„Und all die anderen Not leidenden Kinder?“, wollte Easton wissen. „Verstehen Sie mich nicht falsch, ich respektiere Ihr Mitgefühl. Es zeugt von außergewöhnlicher Großzügigkeit, die Verantwortung für Kriegswaisen zu übernehmen. Aber warum ausgerechnet diese beiden?“

„Josie und Jacob waren besonders gefährdet, weil ihr Vater Amerikaner war“, erklärte Amelia. „In Palemeir herrscht im Moment eine große anti-amerikanische Welle. Außerdem war Nick bei ihrer Mutter, als sie starb und versprach ihr, die Kinder nicht im Stich zu lassen.“

Easton bemerkte, wie Amelia und Nicholas einen Blick tauschten. Eigentlich hätte dieser Nicholas doch dankbar sein müssen, dass ein Mitglied des Fürstenhauses sich für seine Belange einsetzte, doch dankbar wirkte er ganz und gar nicht. Vielmehr spürte Easton eine unterschwellige Gereiztheit zwischen seiner Enkelin und ihm.

„Aber wir wollen hier nicht den Charakter von Mr. Standish diskutieren“, warf Easton ein. „Ich hätte gern eine Antwort auf eine einzige Frage. Vielleicht können Sie sie mir beantworten, Nicholas. Das Familienministerium behauptet, die Ehe zwischen Ihnen und Amelia sei von Anfang an eine Farce gewesen, und ihr beiden hättet nie die Absicht gehabt, wie Mann und Frau zusammenzuleben. Ist das der Fall?“

„‘Farce‘ ist nicht das richtige Wort“, widersprach Nicholas. „Ich möchte allerdings auch nicht behaupten, es sei eine Liebesheirat gewesen. Aber ich hatte den Eindruck, Melanie – Amelia – sei den Kindern genauso zugetan wie ich, und ich ging davon aus, dass sie mit mir nach Colina zurückkehren würde.“

„Melanie?“

„Unter diesem Namen arbeitete ich für den ICF“, erklärte Amelia.

„Natürlich, natürlich.“ Easton hatte erst vor kurzem von den beunruhigenden Aktivitäten seiner Enkelin erfahren. Zwar zollte er ihr Respekt für ihren humanitären Einsatz, doch es war völlig unakzeptabel, dass sie sich in Kriegsgebieten herumtrieb.

„Damals hielt ich die Heirat für eine vorübergehende Lösung eines akuten Problems“, fuhr Nicholas fort. „Mir war allerdings auch nicht bekannt, dass meine Ehefrau in Wirklichkeit Prinzessin Amelia war. Sie zog es vor, mir diese Tatsache zu verschweigen.“

„Aus Sicherheitsgründen“, fügte Amelia hinzu.

„Du hast nicht einmal deinem eigenen Mann gesagt, wer du bist?“, fragte Easton erstaunt.

„Er war nicht wirklich mein Mann.“

„Also war die Heirat doch eine Farce.“

Amelia wählte die Worte für ihre Antwort sorgfältig. „Ich glaube, Nick und ich hatten unterschiedliche Erwartungen, was die Ehe anging. Im Nachhinein ist mir klar, dass mein Handeln falsch war. Aber es ist nicht fair, dass Nick für meinen Fehler bestraft werden soll. Außerdem sollte das Familienministerium das Wohl der Kinder an erste Stelle setzen, statt sie aus dem stabilen und liebevollen Zuhause herauszureißen, in dem sie seit einem Jahr leben.“

„Und woher weißt du so viel über dieses stabile, liebevolle Zuhause?“, fragte Easton, obwohl er die Antwort darauf bereits kannte. „Bist du dort gewesen?“

„Es genügt, die Kinder zu sehen, um beurteilen zu können, wie glücklich sie mit Nicholas sind“, erwiderte Amelia. „Vor einem Jahr waren sie unterernährt, praktisch in Lumpen gehüllt und völlig verängstigt. Heute sind sie sauber, gesund und ordentlich gekleidet. Und sie beten Nicholas an.“

Easton konnte deutlich erkennen, dass der kleine Junge seinen Adoptivvater vergötterte, aber das Mädchen bereitete ihm Kopfzerbrechen. „Sag mir, ma petite“, wandte er sich an Josie, deren Namen ihm nicht einfallen wollte, „wie gefällt dir das Leben mit Mr. Standish?“

Autor

Kara Lennox
Kara Lennox hat mit großem Erfolg mehr als 50 Liebesromanen für Harlequin/Silhouette und andere Verlage geschrieben.
Vor ihrer Karriere als Liebesromanautorin verfasste sie freiberuflich Hunderte Zeitschriftenartikel, Broschüren, Pressemitteilungen und Werbetexte. Sogar Drehbücher hat sie geschrieben, die das Interesse von Produzenten in Hollywood, New York und Europa weckten.
Wegen ihrer bahnbrechenden, sehr...
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