Julia Best of Band 197

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DAS GEHEIMNIS DES HEIßBLÜTIGEN ITALIENERS
von FIELDING, LIZ

Als Sarah in Rom den heißblütigen Matteo di Serrone trifft, erhofft sie sich Informationen über die heimliche Jugendliebe ihres Großvaters. Doch Matteo verführt sie lieber mit zärtlichen Küssen. Noch ahnt Sarah nicht, wer ihr italienischer Lover wirklich ist …

VERLIEBT IN LONDON
von FIELDING, LIZ

Seit Cal die aufreizende Philly am Flughafen von London gesehen hat, begehrt er sie. Nach einer gemeinsamen Taxifahrt stellt sich heraus: Philly ist seine Nachbarin. Als er ihr im Fahrstuhl begegnet, kann er sich nicht beherrschen und küsst sie. Doch er ist nicht der einzige Mann in ihrem Leben …

WEM GEHÖRT NUR DEIN HERZ?
von FIELDING, LIZ

Der Kuss des attraktiven Dr. Ben Faulkner löst in Gabriella verwirrende Gefühle aus. Plötzlich brennt in ihr die Sehnsucht nach mehr. Sie möchte diesen wundervollen Mann nie mehr verlassen. Da kehrt seine Exverlobte Natasha zurück - wird Ben ihr erneut verfallen?

  • Erscheinungstag 16.02.2018
  • Bandnummer 0197
  • ISBN / Artikelnummer 9783733710644
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Liz Fielding

JULIA BEST OF BAND 197

1. KAPITEL

ITALIENISCH FÜR ANFÄNGER

Meine Tasche ist gepackt, mein Flug gebucht. Während meine Schüler in heller Aufregung sind, weil ihre neue Lehrerin die Hausarbeiten bis zur ersten Woche des Trimesters verlangt, werde ich mich durch das Verkehrschaos in Rom kämpfen und versuchen, mit der Aufregung und den Sprachproblemen fertig zu werden, die das Leben in einem fremden Land mit sich bringt.

Und vielleicht haben sie recht, wenn sie glauben, ich wäre besser dran, weil ich mich auf geschichtsträchtigem Boden bewege, die tollsten Klamotten kaufen kann und von der Sonne verwöhnt werde. Im Moment zerbreche ich mir aber eher den Kopf darüber, wo ich wohnen soll, inwieweit die neue Schule sich von der in Maybridge unterscheidet und ob meine zukünftigen Schüler mich mögen werden.

„Ich habe einen neuen Job. In Rom.“

„Wie, du willst den ‚perfekten Job‘ aufgeben?“, fragte ihr Urgroßvater verblüfft.

Sarah hatte ihren Kollegen überzeugend vermittelt, dass sie es nicht erwarten konnte, ins Flugzeug zu steigen. Das stimmte auch, allerdings war es viel mehr eine Flucht. Und eigentlich hätte sie sich denken können, dass ihr Urgroßvater ihre aufgesetzte Fröhlichkeit durchschaute.

Obwohl er fast neunzig war, ging er jeden Morgen in den Ort, um die Times zu kaufen, und er war geistig immer noch so fit, dass er das Kreuzworträtsel in zehn Minuten löste.

„Die Kinder haben Tom geliebt.“ Sie betrachtete ihre Hand, an der sie den Ring getragen hatte. „Es scheint mir, als würden alle mir die Schuld daran geben, dass er gegangen ist.“

Er hat dich betrogen, Sarah. Wenn du den Job aufgibst, den du liebst, verlierst du doppelt.“

„Er hat mich nicht betrogen.“

Er hat mich nicht betrogen. Er hat mich nicht belogen. Tom war zu so etwas nicht imstande. Er hatte ihr versichert, dass er sie immer noch liebte, aber er hatte sich in eine andere Frau verliebt.

Er hatte es ihr zu Beginn der Ferien gesagt, sodass sie eine Woche gehabt hatte, um sich zu fangen, bevor sie wieder das Lehrerzimmer betrat.

Allerdings hatte er ihr verschwiegen, dass er gekündigt und einen Job im Sportzentrum in Melchester angenommen hatte.

Erst zu dem Zeitpunkt war ihr das ganze Ausmaß richtig bewusst geworden. Vorher hatte sie sich eingeredet, dass alles so sein würde wie vorher, wenn sie am Montag zur Schule fuhr.

Tom war jedoch nicht da gewesen.

Er hatte in den Ferien Gelegenheit gehabt, sich alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen und sich damit abzufinden, dass sie in der Schule nicht zusammenarbeiten konnten. Er hatte seinen Job aufgegeben, der ihm alles bedeutete. Sosehr liebte er sie.

Sosehr liebte er diese andere Frau.

Sarah hatte sich wirklich große Mühe gegeben, um dieses Opfer wert zu sein. An ihre Schüler zu denken, obwohl sie sich am liebsten irgendwo verkrochen und sich die Augen ausgeweint hätte.

Und sie hatte alle Gegenstände aus ihrer Wohnung verbannt, die sie an ihn erinnerten. Ebenso hatte sie die Orte gemieden, die sie zusammen mit ihren Freunden besucht hatten.

Aus der Schule konnte sie ihn allerdings nicht verbannen.

Sämtliche Fotos der Mannschaften, die er zum Erfolg trainiert hatte, erinnerten sie an ihn. Der Anblick der Jungen, die verschwitzt vom Kricketspiel kamen. Selbst das Geräusch einer Trillerpfeife auf dem Sportplatz, das sie früher immer seine Gegenwart hatte spüren lassen und ihr nun einen Stich versetzte.

„Außerdem“, fuhr Sarah an ihren Urgroßvater gewandt fort, „verliere ich nicht, sondern hole nach, was ich versäumt habe. Du wolltest doch unbedingt, dass ich ein Jahr Auszeit nehme und reise, bevor ich mich irgendwo niederlasse.“

„Jetzt bist du aber nicht mehr achtzehn“, erklärte er. „Und du nimmst dir keine Auszeit, um dir die Welt anzusehen oder dich zu amüsieren.“

„Zwischen den Rucksacktouristen würde ich mich alt fühlen. So kann ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ich habe einen tollen Job und lebe in einer wunderschönen Stadt. Ich hoffe nur, ich werde den Lobeshymnen des Schulleiters gerecht.“

Ihr Urgroßvater wischte ihre Zweifel mit einer wegwerfenden Geste beiseite. „Meinst du nicht, dass du Sprachprobleme haben könntest?“

„Es ist eine internationale Schule.“ Und diese war über tausend Kilometer von der entfernt, in der alle sie als eine Hälfte eines Paars kannten.

Tom und sie waren von ihrem ersten Arbeitstag an der Maybridge High an unzertrennlich gewesen. Sie war so nervös gewesen, dass sie ihm, dem blonden Riesen, der Fachbereichsleiter für Sport war, versehentlich eine Tasse Kaffee über die Jeans geschüttet hatte. Statt sich aufzuregen, hatte er gelächelt, und seine blauen Augen hatten ihr Herz sofort schneller schlagen lassen.

Als sie ihm anbot, seine Hose zu waschen, hatte er ihr vorgeschlagen, ihm im Pub ein Bier auszugeben. Von da an waren sie zusammen gewesen, bis im Januar die halbe Belegschaft an Grippe erkrankt war und eine neue Lehrerin an der Schule angefangen hatte.

Sarah hatte das Unheil kommen sehen, aber nicht verhindern können. Als Louise das Lehrerzimmer betrat, waren alle verstummt, und Tom war auf sie zugegangen, um sie willkommen zu heißen. Obwohl der Blickkontakt nur wenige Sekunden dauerte, hatte Sarah gespürt, wie es zwischen den beiden funkte, und ihre Welt war völlig aus den Fugen geraten.

„Ich werde bald neue Leute kennenlernen“, versicherte sie nun ihrem Urgroßvater. „Als Lehrerin hat man zwangsläufig viele Kontakte. Und ich werde in Rom leben, einer der faszinierendsten Städte überhaupt.“

Nachdem sie im einen Moment noch die bemitleidenswerteste Kollegin gewesen war, hatten alle sie im nächsten beneidet. Allerdings war sie nicht ganz ungeschoren davongekommen, denn der Schulleiter hatte sie überredet, ihre Erfahrungen in Italien in einem Blog festzuhalten.

„Ich weiß, dass Sie eine schwere Zeit hinter sich haben, aber nach einem Tapetenwechsel wird alles anders aussehen. Ich erwarte Sie nächstes Jahr wieder zurück“, hatte er gesagt.

„Sie brauchen nicht mich, sondern Tom“, hatte sie erwidert. „Rufen Sie ihn an.“

„Damit alle denken, ich hätte Sie weggeschickt, um ihn zurückholen zu können?“ In dem Moment war ihr klar geworden, warum sie einen Blog schreiben sollte – damit es so aussah, als würde sie immer noch zur Schule gehören.

Erschrocken zuckte Sarah zusammen, als ihr Urgroßvater ihre Hand nahm.

„Ich bin ja nicht aus der Welt“, sagte sie. „Ich werde dich besuchen, sooft ich kann.“

„Vergeude nicht deine Zeit und dein Geld, um mich alten Mann zu besuchen. Genieße es, solange du die Gelegenheit hast.“

„Ich habe genug Zeit, um mir alles anzusehen.“ Und das Geld, das sie für ihre Hochzeit gespart hatte, ermöglichte es ihr, durch Italien reisen.

„Das Leben vergeht wie im Flug“, warnte er sie. „Du musst jede Minute genießen.“ Er betrachtete sie mit jenem nachdenklichen Blick, den seine Patienten noch aus der Zeit kannten, als er praktiziert hatte. „Ich verschreibe dir eine Affäre, aber nichts Ernstes. Eine nette Romanze mit einem attraktiven Italiener, an den du dich später lächelnd erinnern wirst.“

„Du bist wirklich unmöglich!“

Nun lächelte er. „Vertrau mir. Ich bin Arzt.“

Sarah lachte. „Unmöglich und wahnsinnig liebenswert.“ Ihr Urgroßvater und sie hatten sich schon immer besonders nahegestanden. Sie hatte ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Eltern und zu ihren Großeltern, aber er hatte ihr immer die schönsten Geschichten erzählt. Als er sich jetzt in seinem Sessel zurücklehnte und aus dem Fenster blickte, wusste sie genau, was er als Nächstes sagen würde.

„Habe ich dir je von meiner Zeit in Italien während des Zweiten Weltkriegs erzählt?“

„Ein paar Mal.“ Früher war es eine ihrer Lieblingsgeschichten gewesen. Im Laufe der Jahre hatte er diese immer mehr ausgeschmückt. Sie hatte ihre Urgroßmutter zwar nie kennengelernt, doch ihre Großmutter hatte immer behauptet, er würde viel dazudichten. Und ihre Mutter verdrehte immer nur die Augen, wenn er damit anfing.

„Erzähl sie noch mal“, drängte Sarah ihn. Damals hatte eine hübsche junge Italienerin ihn schwer verletzt im Schnee gefunden, ihn gesund gepflegt und dann monatelang versteckt, bis die Alliierten gekommen waren. „Gran hat immer gesagt, du hättest den größten Teil erfunden und die schöne Lucia wäre eine alte Frau gewesen, die dich eine Woche lang im Kuhstall versteckt hat.“

„Deine Großmutter hat keine Ahnung.“ Seine Augen funkelten schalkhaft. „Gib mir die Dose, und ich beweise es dir.“

Sarah war verblüfft. Sie hatte den Inhalt der alten Keksdose schon unzählige Male gesehen, und es war kein Foto von Lucia dabei gewesen. Nachdem sie sie ihm gereicht hatte, leerte er die vielen Erinnerungsgegenstände auf den Tisch.

Einige davon – Zettel, Fotos und Münzen – fielen zu Boden, und Sarah kniete sich hin, um sie aufzuheben.

„Du hast längere Fingernägel als ich“, sagte ihr Urgroßvater. „Versuch mal, das hier herauszubekommen.“

Auf dem Boden der Dose klemmte ein Stück schwarze Pappe. Als sie sie jetzt herausnahm, stellte sie fest, dass sich darunter ein altes Schwarz-Weiß-Foto befand.

Ein wenig verlegen zuckte Alex Randall die Schultern. „Ich wollte deine Urgroßmutter nicht beunruhigen.“

Die Aufnahme zeigte eine schlanke junge Frau mit dunklem Haar, ebensolchen Augen und vollen, sinnlichen Lippen. Irgendjemand – vermutlich ihre Urgroßmutter – hatte es einmal zerrissen, und man hatte es sorgfältig wieder zusammengeklebt.

„Sie war sehr hübsch.“ Als Sarah ihren Urgroßvater ansah und den zärtlichen Ausdruck in seinen Augen bemerkte, schnürte sich ihr die Kehle zu. „Es muss sehr schlimm für dich gewesen sein.“

Die Frau saß auf einer kaputten Mauer vor den Überresten eines Hauses, das einmal eindrucksvoll gewesen sein musste, bevor die Faschisten es zerstört hatten. Die junge Italienerin hatte ihr Leben riskiert, um einen Fremden zu retten, und dabei unglaublichen Mut bewiesen. Sie lächelte in die Kamera, und der Ausdruck in ihren Augen verriet ihre tiefen Gefühle für den Mann, der sie fotografierte.

„Ich hätte dorthin zurückkehren sollen, als der Krieg vorbei war“, sagte ihr Urgroßvater, während er aufstand. „Aber zu Hause warteten meine Frau und mein Sohn auf mich … Als die Alliierten kamen, ging alles so schnell, dass ich mich kaum von ihr verabschieden konnte. Und ich bin zu einer Frau zurückgekehrt, die glaubte, ich wäre längst tot.“

„Hast du je versucht, sie wiederzufinden?“, fragte Sarah.

„Ich habe ihr geschrieben und sogar Geld geschickt. Aber sie hat nie geantwortet, und dann habe ich beschlossen, sie zu vergessen, zumal ich Angst hatte, sie könnte Probleme bekommen …“ Er schüttelte den Kopf. „Zu der Zeit war deine Großmutter unterwegs, und ich habe Tag und Nacht fürs Studium gelernt.“ Erneut zuckte er die Schultern. „Wir haben weitergemacht.“

Er hatte überstürzt geheiratet und einer Frau ewige Treue geschworen, als er damit rechnen musste, dass er dem Tod nahe war.

„Es war ein gutes Leben“, fügte er hinzu, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

„Ich weiß.“ Sarah drehte das Foto um und las den Text auf der Rückseite: „‚Juni 1944. Serrone‘. Ist das das Dorf, in dem sie gewohnt hat? Meinst du, sie lebt noch?“

„Sie müsste Mitte achtzig sein“, erwiderte er zweifelnd.

„Ein junger Hüpfer im Vergleich zu dir. Du solltest versuchen, sie ausfindig zu machen.“

„Nein …“

„Es kann nicht so schwer sein.“ Sie nahm seinen Laptop vom Tisch und gab in der Suchmaschine den Namen des Dorfes ein. „Mal sehen. Eine Schauspielerin ist dort zur Welt gekommen. Und ein Rennfahrer …“ Als sie auf einen Link klickte, erschien das Foto eines Mannes im Overall und mit einem Sturzhelm unter dem Arm.

„Oh, wie schrecklich!“, rief sie.

„Was denn?“

„Der Rennfahrer ist 1983 beim Training ums Leben gekommen und hat eine Frau und einen kleinen Sohn hinterlassen.“ Sarah überflog den Text darunter. „Aber sie haben in Turin gelebt.“ Dann klickte sie auf einen anderen Link. „Das hier passt schon eher. Ein Weingut mit Prädikatsweinen …“

„Lass gut sein, Sarah. Lucia hat bestimmt geheiratet und Kinder bekommen. Niemand möchte die Geister aus der Vergangenheit heraufbeschwören.“

„Du bist kein Geist …“ Da ihr klar wurde, dass er es ernst meinte, entschuldigte sie sich: „Tut mir leid, ich kehre wieder die Lehrerin heraus.“ Als er das Foto auf den Boden der Dose zurücktun wollte, fügte sie hinzu: „Versteck sie nicht wieder.“

„Es ist in keinem so guten Zustand, dass man es rahmen könnte“, protestierte Alex.

„Ich kenne jemanden, der eine Reproduktion davon anfertigen kann. Wir alle brauchen Erinnerungen, die uns zum Lächeln bringen“, erinnerte sie ihn an seine Worte.

„Nur zu. Aber du musst mir versprechen, meinen Rat zu befolgen.“

„Den mit dem attraktiven Italiener?“

„Ja. Es ist die beste Medizin gegen Liebeskummer“, erwiderte er lächelnd.

ITALIENISCH FÜR ANFÄNGER

Womit sollte sie ihren Blog bloß anfangen? Und wen wollte sie ansprechen? Ihre Schüler? Ihre Kollegen? Ihre Eltern?

Sich selbst …

Ich sehe Euch praktisch vor mir, wie Ihr auf der Mauer sitzt und Euch darüber aufregt, dass Ihr neben all der Arbeit für die Schule auch noch Miss Grattons Blog lesen müsst.

Nein, klickt nicht weg! Bestimmt glaubt Ihr, in diesem Blog würde es nur um die alten Römer, Ruinen und Kirchen gehen. Wie langweilig!

Und dass ich Zensuren verteile, wenn Ihr einen Kommentar hinterlasst.

Sie brauchte sich nichts vorzumachen. Kein fünfzehnjähriger Teenager würde seine Zeit damit vergeuden, so etwas zu lesen. Ein paar Wochen, und sie konnte es vergessen. Es war reine Routine. Nicht dass der Blog ihr in irgendeiner Weise helfen würde. Es fiel ihr sehr schwer, nicht an Tom und sein Lächeln zu denken …

Sarah seufzte, bevor sie las, was sie bisher geschrieben hatte.

Bleibt locker, Leute. Bevor wir zu den langweiligen Dingen kommen …

‚Langweilig‘ war gut. Je eher die Schüler wegklickten, desto besser.

… möchtet Ihr bestimmt sehen, wo ich wohne.

Die Gasse ist gepflastert und so steil, dass man alle paar Meter eine Stufe hineingebaut hat. Sie ist für Autos unpassierbar, was die jungen Italiener aber nicht davon abhält, sie mit der Vespa zu befahren.

Ich wohne in dem gelben Haus links unter dem Dach. Ins Fitnessstudio brauche ich hier nicht mehr zu gehen, denn das tägliche Treppensteigen hält mich fit.

Bei ihrer Ankunft hatte es geregnet, und sie war völlig durchnässt gewesen, als sie ihr ganzes Gepäck nach oben gebracht hatte. Einen Regenmantel anzuziehen war ihr überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Schließlich reiste sie nach Rom, der Stadt des ewigen Sonnenscheins. Von wegen!

Ich habe eine winzige Dachterrasse. Die Geranie ist ein Geschenk von meinen neuen Schülern (merkt Euch das), die alle sehr ordentlich sind …

Mehr als das. Alle waren modebewusst und perfekt gestylt – vor allem die Jungen – und trugen nur Designersachen.

Wohlerzogen und immer ihre Hausaufgaben machen.

Diese Bemerkung würde die meisten ihrer Schüler veranlassen wegzuklicken.

Das hier ist meine Aussicht.

Es war ein herrliches Panorama der Stadt. Kuppeln, rote Dächer und das Monumento Vittorio Emanuele II. – ein Anblick, den man mit jemandem teilen musste, während man morgens Kaffee oder abends ein Glas Wein trank.

Es fiel ihr schwer, sich nicht vorzustellen, wie sie ihn gemeinsam mit Tom genoss. Allerdings reiste Tom nicht gern, und es war schon harte Arbeit gewesen, ihn zu einem langen Wochenende in Frankreich zu überreden.

Und den Rat ihres Urgroßvaters, sich einen italienischen Lover zuzulegen, hatte sie natürlich noch nicht befolgen können.

Ihr habt recht, es sind viele Kirchen. Auf der linken Seite in der Ferne seht Ihr übrigens den Petersdom. Und das hier ist der Mercato Esquilino, der Markt, auf dem ich meine Lebensmittel kaufe.

Und den Mädchen und vor allem meinen Kolleginnen möchte ich Pietro vorstellen, der den besten Dolcelatte und die leckerste Mortadella verkauft. Das Essen hier ist fantastisch, und ich muss viele Treppen steigen, wenn ich nicht aus meinen neuen Sachen platzen will.

Oh ja. Die Klamotten.

Und plötzlich machte es ihr Spaß.

Am Flughafen hatte Pippa, die Schulsekretärin, sie abgeholt, eine junge Engländerin, die mit ihrem italienischen Freund in Rom lebte. Sie hatte ihr auch die Wohnung in dem alten Haus besorgt, das anscheinend der Familie ihres Partners gehörte.

Beim Betreten war Sarah zuerst schockiert gewesen, weil sie in Maybridge ein modernes Apartment bewohnte. Nun, da sie seit einigen Wochen in Rom lebte, war ihr allerdings klar, dass sie sich wegen der zentralen Lage glücklich schätzen konnte. Und inzwischen liebte sie die Räume mit den hohen Decken und die Aussicht.

Pippa hatte ihr auch die Stadt gezeigt, sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln vertraut gemacht und ihr schonend beigebracht, dass sie mit ihren bunten Sachen von der Stange, wie die meisten Lehrerinnen an der Maybridge High sie trugen, in Rom eher unangenehm auffallen würde. Die Italiener besaßen wenig, aber dafür hochwertige Kleidung.

Ein neuer Job. Ein neues Leben. Und so hatte es nahegelegen, sich auch neu einzukleiden. Pippa hatte sie in die einschlägigen Designer-Outlets geschleppt, und nun lief Sarah nur noch in Armani, Versace und Valentino herum – den edelsten Teilen, die ihr umso besser standen, weil sie in den letzten Monaten aus Liebeskummer einige Kilo abgenommen hatte. So konnte sie selbstbewusster vor ihre Schüler treten.

Die Italiener sind wahnsinnig schick, selbst im Klassenzimmer, und meine erste Aufgabe bestand darin, meine komplette Garderobe zu erneuern. Es war nicht einfach, aber Ihr werdet es zu schätzen wissen.

Sie hatte alles mit dem Geld bezahlt, das sie für ihr Traumbrautkleid gespart hatte. Damit hatte sie auch alle Hoffnungen begraben, dass Tom zu ihr zurückkehren könnte. Oder dass er zur Vernunft kommen würde, wenn er erfuhr, dass sie ihren Job aufgegeben hatte, damit er wieder an der Schule anfangen konnte.

Außerdem gibt es die Regel, dass jeder Tourist mindestens ein Paar Schuhe in Italien kaufen muss. Hier seht Ihr eine meine Errungenschaften …

Sarah streckte den Fuß aus, um ihre neuen Sandaletten zu bewundern. Da sie keine Touristin war, würde es nicht bei einem neuen Paar bleiben.

Wie Ihr seht, hat Rom also viel mehr zu bieten als einen Haufen Ruinen. Da Ihr Euch aber bestimmt für Kirchen interessiert, möchte ich Euch nicht enttäuschen. Das hier ist Santa Maria del Popolo. Wahrscheinlich erkennt Ihr sie aus dem Film Illuminati wieder.

Rom ist wirklich alles andere als langweilig.

Der Blog ist sicher nicht das, was dem Schulleiter vorschwebt, überlegte sie lächelnd. Wenn sie Glück hatte, würde er den Link auf der Webseite der Schule früher oder später löschen. Während sie die Fotos, die sie mit ihrer Handy-Kamera gemacht hatte, hochlud, fragte sie sich, ob Tom es lesen und ob Louise der Versuchung widerstehen würde, einen Blick hineinzuwerfen.

Beim Anblick der Schuhe würde jede Frau neidisch werden. Und vor allem die, deren Fesseln immer dicker wurden …

Einige ihrer ehemaligen Kolleginnen hatten ihr per SMS mitgeteilt, dass Toms neue Flamme schwanger war, doch er hatte sie schon vorher darüber informiert, damit sie es als Erste erfuhr. Als hätte das weniger wehgetan …

Ja, ich bin ein böses Mädchen, dachte Sarah, als sie die Fotos einstellte, aber auch sie war nur ein Mensch.

Danach rief sie ihre Mails ab. Eine kam von ihrer Mutter und hatte als Anlage ein Foto, das ihren Vater beim fünfundzwanzigjährigen Firmenjubiläum zeigte. Auch ihr Urgroßvater hatte ihr geschrieben und wollte wissen, ob sie bei ihrer Suche nach einem dunkeläugigen italienischen Lover schon Fortschritte gemacht hätte.

Ihrer Antwort fiel kurz und bündig aus: noch keine Zeit gehabt.

Bisher war sie vollauf damit beschäftigt gewesen, sich in der Schule einzuleben und sich mit dem Alltag in einem fremden Land vertraut zu machen. Auch Pippas Angebot, abends zu dritt auf die Piste zu gehen, hatte sie aus Zeitmangel noch nicht angenommen. Das teilte Sarah ihrem Urgroßvater mit.

Aber vielleicht war sie auch einfach nur feige. Sie konnte sich beim besten Willen noch nicht vorstellen, mit einem anderen Mann zusammen zu sein. Von einem anderen Mann geküsst und berührt zu werden.

Auch einige ehemalige Kolleginnen hatten sich gemeldet und wollten wissen, ob sie in Rom zurechtkäme. Eine wollte sie besuchen, eine andere erkundigte sich, an welchem Wochenende sie zum ersten Mal zu Besuch nach England kommen wollte.

In ihren Antworten bemühte Sarah sich um einen fröhlichen Tonfall. Sie schrieb der ersten Kollegin, dass sie jederzeit kommen könnte, der zweiten, dass sie es noch nicht wüsste. Dann erzählte sie von ihren Shopping- und Besichtigungstouren und ihren neuen Kolleginnen, von denen einige sie zu sich nach Hause eingeladen hatten.

Es war eine nette Geste, doch sie wollte lieber Kontakte außerhalb der Schule knüpfen.

Sarah langweilte sich also nicht in Rom. Und obwohl sie Geschichte unterrichtete, wusste sie nur das Wichtigste über die alten Römer und hatte den größten Teil ihrer Freizeit darauf verwendet, die Sehenswürdigkeiten abzuklappern und zu fotografieren.

Da ihr die Geschichte mit ihrem Urgroßvater und Lucia nach wie vor nicht aus dem Kopf ging, hatte sie beschlossen, am nächsten Samstag das Dorf Serrone zu besuchen.

Natürlich würde sie niemandem erzählen, wer sie war. Sie wollte nur in Erfahrung bringen, was aus Lucia geworden war. Ob diese ein schönes Leben gehabt hatte. Und ob es ihr gut ging, wenn sie noch lebte.

2. KAPITEL

ITALIENISCH FÜR ANFÄNGER

An diesem Wochenende habe ich die Stadt hinter mir gelassen und bin mit dem Zug aufs Land gefahren.

In einer fremden Sprache eine Fahrkarte zu kaufen ist nicht ganz einfach. Ich arbeite an meinem Italienisch und kann die richtigen Fragen stellen: „Un’andata e ritorno, per favore …“

Nur leider verstehe ich die Antworten nicht. Es ist, als würde man Radio hören, ohne den Sender richtig eingestellt zu haben. Selbst wenn ich mich anstrenge, verstehe ich nur etwa zwanzig Prozent.

Irgendwie habe ich es dann doch geschafft, den richtigen Zug zu bekommen, und bin sicher ans Ziel gelangt.

Matteo di Serrone war wütend. Isabella di Serrone mochte die beliebteste Filmschauspielerin Italiens sein, aber in diesem Moment zählte sie nicht zu seinen Lieblingen.

Er hatte eigentlich früh aus Rom wegfahren wollen. Doch dann war Bella bei ihm erschienen, eine Horde Paparazzi im Schlepptau. Obwohl sie wusste, wie sehr er die Medien verabscheute. Diese hatten seiner Mutter das Leben zur Hölle gemacht und würden dasselbe mit ihr tun, wenn sie ihnen die Gelegenheit dazugab.

Statt also nach Serrone zu fahren, wo er den Tag auf dem Weingut hatte verbringen wollen, saß er nun mit seinem mürrischen neunzehnjährigen Bruder in ihrer Limousine.

„Mach nicht so ein Gesicht, Stephano“, sagte er zu ihm. „Du kannst dich wenigstens aus der Affäre ziehen.“

„Hör auf, den harten Kerl zu spielen“, konterte dieser. „Du würdest doch alles für Bella tun.“

Matteo betrachtete ihn. Geschminkt, mit einer Perücke und einer Sonnenbrille, Isabellas Mantel um die Schultern, sah Stephano ihr zum Verwechseln ähnlich – der perfekte Lockvogel für die Reporter.

Die Anspannung fiel ein wenig von ihm ab, und Matteo lächelte. „Von wegen. Nicht einmal für Bella würde ich Lippenstift tragen.“

Fasziniert betrachtete Sarah die hohen, von der Sonne beschienenen Berge und versuchte, sie sich schneebedeckt im Winter vorzustellen. Alex zufolge hatte es dort früher Wölfe und Bären gegeben.

Jetzt, im Spätsommer, war es allerdings so warm, dass sie einen Strohhut trug, um sich gegen die Sonne zu schützen. Auf der Brücke blieb sie stehen, um auf den Fluss zu blicken, der wegen der anhaltenden Trockenheit in diesem Sommer nur wenig Wasser führte. Dann schlenderte sie langsam die Anhöhe hinauf in Richtung Dorf und hielt dabei Ausschau nach dem zerstörten Haus auf dem alten Foto ihres Urgroßvaters.

Stufen führten zu einer Piazza hinauf, die von Bäumen beschattet und von einigen kleinen Geschäften, einem Café sowie einer Kirche gesäumt war.

Nachdem Sarah mit ihrem Smartphone einige Fotos gemacht hatte, stellte sie fest, dass der Inhaber des Cafés, der gerade die Tische deckte, sie starr betrachtete.

„Buon giorno“, rief sie.

Er sah sie noch eine Weile an und nickte dann, bevor er hineinging.

Sie zuckte die Schultern. Da er sich so abweisend verhalten hatte, beschloss sie, zur Kirche zu gehen und den Priester nach Lucia zu fragen. Hoffentlich traf sie ihn dort an. Sie hatte das Foto von ihr gescannt und auf ihrem Laptop, es jedoch nicht ausgedruckt, weil sie es nicht herumzeigen wollte.

Als sie das Gotteshaus betrat, stellte sie fest, dass einige Gläubige vor dem Beichtstuhl warteten. Der Priester würde also noch eine Weile zu tun haben.

Deshalb ließ sie den Blick durch die Kirche schweifen. Wunderschöne Malereien und Gedenktafeln zierten die Wände. Vielleicht würde sie auf einer davon Lucias Namen entdecken.

Plötzlich bemerkte sie eine Frau, die in einer Nische neben einer Madonnenstatue Blumen in einer Vase arrangierte und sie über den Rand ihrer Brille hinweg forschend betrachtete. Offenbar fielen Fremde hier sofort auf. Da sie sich wie ein Eindringling fühlte, beschloss Sarah, später noch einmal zurückzukommen. Draußen folgte sie einem Pfad, der weiter bergauf führte.

Sie kam an Häusern vorbei, die hinter hohen Mauern lagen, sodass sie nur durch die schmiedeeisernen Tore einen Blick auf den Hof oder Garten erhaschte. Nachdem sie das Dorf hinter sich gelassen hatte, gelangte sie an eine Mauer, die noch ziemlich neu zu sein schien.

Gerade als sie das Tor öffnen wollte, wurde dieses von der anderen Seite von einem jungen Mann aufgerissen, der einen zusammengefalteten Mantel unter dem Arm trug.

Er schien genauso zu erschrecken wie sie, fing sich allerdings als Erster wieder. Mit einer leicht übertriebenen Verbeugung sagte er: „Il mio piacese, signorina!“

„Kein Problem …“ Als er ihr das Tor aufhielt, fügte sie hinzu: „Danke. Grazie.“

„Gern geschehen, Signorina. Einen schönen Tag noch“, erwiderte er strahlend.

Sarah beobachtete, wie er die Stufen hinunterging und dabei lebhaft in sein Handy sprach.

Lächelnd blickte sie sich um. Hinter dem Tor führte der Pfad durch unwegsames, dicht bewachsenes Gelände weiter bergauf. Vielleicht befand sich weiter oben ja eine Lichtung, von der sie eine bessere Aussicht hatte.

Nachdem sie das Tor hinter sich geschlossen hatte, ging sie weiter und erhaschte zu ihrer Rechten durch die Büsche gelegentlich einen Blick auf einen großen Weinberg in der Ferne. Etwas weiter oben lichtete sich das Gestrüpp, und ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Direkt vor ihr führte der Weg auf eine eingestürzte Mauer zu, die stellenweise schon überwuchert war. Genau dort hatte Lucia damals gesessen und den Mann angelächelt, der sie kurz darauf für immer verlassen hatte.

Langsam ging Sarah zur Mauer und legte die Hand auf die warmen Steine. Als sie dann aufblickte, bemerkte sie ein Haus. Dass es damals praktisch eine Ruine gewesen war, ließ sich allerdings nicht einmal mehr erahnen. Man hatte es wieder aufgebaut, und es musste noch schöner sein als jemals zuvor.

Sie blickte von ihrem Standort aus auf die Seite, wo nun kein Schutt mehr lag, sondern sich ein quadratischer Turm aus hellem Sandstein erhob. Auf der Rückseite entdeckte sie eine große, von Wein berankte Pergola, unter der ein rustikaler Tisch mit zahlreichen Stühlen stand. Im Garten blühte es überall, und außer dem Traktorengeräusch in der Ferne und dem Summen der Insekten hörte sie Wasser fließen.

Es musste sich um die Quelle handeln, die damals in dem strengen Winter die einzige Wasserzufuhr gewesen war.

Ihre Hände zitterten, als sie das restaurierte Haus fotografierte. Nur die Mauer – Lucias Mauer – hatte man nicht wieder aufgebaut. Aber warum hätte man es auch tun sollen? Hier war niemand, dem man den Zutritt verwehren müsste. Nachdenklich blickte sie in Richtung Dorf und fragte sich, wer der attraktive junge Mann gewesen sein mochte. Ein Familienmitglied? Ein Freund? Oder der Liebhaber der Hausherrin?

Sarah nahm ihren Strohhut ab und fächelte sich damit das erhitzte Gesicht. Gehörte das Haus womöglich immer noch derselben Familie wie damals?

Nein, vermutlich nicht.

Auf der Webseite hatte sie gelesen, dass man das Weingut schon vor langer Zeit in eine Genossenschaft umgewandelt hatte und es nun gemeinschaftlich von den Dorfbewohnern bewirtschaftet wurde.

Zwischen den Büschen hindurch schimmerte das türkisfarbene Wasser eines Swimmingpools. Wahrscheinlich nutzte jetzt ein reicher Geschäftsmann aus Rom das Haus als Wochenenddomizil.

Jedenfalls würde sie hier keine Antworten bekommen. Aus einem Impuls heraus drehte Sarah sich um und legte ihren Hut auf die Mauer, bevor sie sich darauf setzte. Die Augen geschlossen, stellte sie sich vor, wie Lucia sich damals gefühlt haben mochte.

„Sitzen Sie bequem?“

Erschrocken öffnete sie die Augen und blinzelte. Auf dem Weg stand ein Mann, der aus dem Nichts aufgetaucht war. Sein Gesicht lag im Schatten, und er trug eine Sonnenbrille.

„Bin ich hier unbefugt eingedrungen?“ Trotz ihrer Nervosität versuchte Sarah, ruhig zu bleiben. Der Fremde wirkte zwar nicht gefährlich, aber sie war allein hier, und niemand wusste, wo sie sich befand.

„Das hier ist Privatbesitz, Signorina.“

„Aber es gibt einen Weg …“

„Und ein Tor. Und das war abgeschlossen.“

„Jemand hat es geöffnet. Ein junger Mann, der es ziemlich eilig hatte … Moment mal.“ Er sprach Englisch. „Woher wussten Sie das?“

„Was? Dass Sie hier sind?“

„Dass ich Engländerin bin.“

„Der junge Mann hat mich gewarnt, dass jemand unbefugt das Grundstück betreten hat“, erwiderte er spöttisch.

„Sie gewarnt?“ Sarah erinnerte sich daran, wie der junge Mann telefoniert hatte. „Dachte er etwa, ich würde das Fallrohr hochklettern und das Familiensilber stehlen?“

Sie hatte gehofft, er würde merken, wie lächerlich seine Unterstellung war, und vielleicht sogar lachen. Er blieb jedoch ernst. Sie hatte ihre Handtasche am Fuß der Mauer stehen lassen, und nun hob er sie hoch und begann ungeniert, darin zu wühlen.

„He!“, protestierte sie, als er ihr Handy herausnahm. „Hat Ihre Mutter Ihnen nicht beigebracht, dass die Handtasche einer Dame tabu ist?“

„Wir müssen erst einmal ermitteln, ob Sie überhaupt eine Dame sind.“ Der Fremde blickte auf und betrachtete sie, als würde er erwägen, sie auch zu durchsuchen.

„Denken Sie nicht einmal daran“, warnte sie ihn.

Sie trug ein Designer-T-Shirt und eine von ihren alten dreiviertellangen Jeans, und offenbar kam er zu dem Ergebnis, dass sie nicht viel in den Taschen verstecken konnte. Möglicherweise sparte er sich das Vergnügen aber auch für später auf.

Er widmete sich nun ihrem Telefon und ging sämtliche Textnachrichten und Mails durch. Plötzlich hielt er inne und sah sie über den Rand seiner Sonnenbrille hinweg an.

„Und haben Sie ihn schon gefunden, Sarah Gratton?“

Die Art, wie er ihren Namen aussprach, und sein sinnlicher Akzent waren wie eine Liebkosung. Unwillkürlich erschauerte Sarah.

„Ihn?“, wiederholte sie verwirrt.

„Den ‚dunkeläugigen italienischen Lover‘“, zitierte er.

Na toll! Er hatte Alex’ E-Mail gefunden. Eine Lehrerin, die Teenager unterrichtete, konnte es sich allerdings nicht leisten, auch nur im Mindesten verlegen zu wirken.

„Warum fragen Sie?“, hakte Sarah nach. „Interessieren Sie sich für den Job?“

Eigentlich hatte es scharf und schnippisch klingen sollen, doch irgendetwas brachte sie völlig aus der Fassung.

Es waren seine Augen. Dunkel wie die Nacht, aber mit einem Funkeln …

Offenbar fasste er ihre Worte als Einladung auf, denn er streckte die Hand aus und schob die Finger in ihr Haar, um ihren Kopf zu umfassen. Für einen Moment verharrte er so, während sie verzweifelt versuchte, wieder klar denken zu können.

Dies war ein schwerer Fall von Reizüberflutung – die warmen Sonnenstrahlen auf ihren Armen und ihren Brüsten. Sein sinnlicher Mund, der ihrem so nahe war … der Duft warmer Haut und von Leder …

Die Welt schien stillzustehen, und es dauerte eine Ewigkeit, bis sein Mund ihren berührte. Sarah wollte Nein sagen, schaffte es allerdings nicht.

Benommen öffnete sie die Lippen, und als seine sie fanden, durchlief es sie heiß. „Ja“, flüsterte sie, während sie sich ihm entgegendrängte und die Finger in seine Schultern krallte. Zusammen sanken sie nach hinten, und sie spürte das Gewicht seines Körpers, während der Fremde die Hand unter ihr T-Shirt schob und ihre nackte Haut liebkoste. Ihre Brustspitzen waren hart geworden, und sie konnte es kaum erwarten, dort von ihm berührt zu werden.

Plötzlich drang etwas in ihr Bewusstsein. „Lucia …“

„Was haben Sie gesagt?“

Sarah öffnete die Augen. Sie saß immer noch auf der Mauer, und der Mann hielt sie fest, als glaubte er, sie würde nach hinten fallen.

„Ist alles in Ordnung?“ Wie aus weiter Ferne drang seine Stimme an ihr Ohr.

„Was? Ja …“

Unvermittelt war sie auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt. Was war bloß in sie gefahren? Sie gehörte nicht zu den Frauen, die fremde Männer ermunterten, sie zu küssen.

„Hier haben sie sich Lebewohl gesagt“, flüsterte sie.

Nachdem er Lucia fotografiert hatte, hatte Lex sie geküsst, und sie hatten sich hier im weichen Gras ein letztes Mal geliebt, bevor er den Weg hinunter ins Dorf gegangen und abgereist war.

Sarah wandte sich um und blickte ins Gras, wo jetzt ihr Hut lag.

„Sarah!“, sagte der Fremde eindringlich.

„Es ist trocken.“ Sie erschauerte. „Das Gras.“

„Es ist Spätsommer.“

„Spätsommer?“ Verwirrt schüttelte sie den Kopf.

„Alles in Ordnung?“, wiederholte er, die Augen zusammengekniffen.

„Ja.“ Reiß dich zusammen.

Nun umfasste er ihre Wange und wischte eine Träne fort. „Warum weinen Sie dann?“

Schnell wischte sie sich mit der Handfläche über die Wange. „Heuschnupfen“, schwindelte sie.

„Jetzt noch? Im Spätsommer?“

Hatte er sie wirklich geküsst? Ihre Lippen prickelten noch immer, aber war es nur eine Fantasie gewesen, heraufbeschworen von diesem Ort, Erinnerungen und ihrem Liebeskummer?

Dann entdeckte sie die Lippenstiftspuren an seinem Mund. Natürlich hatte der Fremde sie geküsst. Sie hatte ihn praktisch darum gebeten. Was war bloß mit ihr los?

Sie wusste keine Antwort darauf, aber sie konnte endlich wieder klar denken.

„Ich bin auch gegen Spätblüher allergisch.“ Sarah glitt von der Mauer, sodass der Fremde einen Schritt zurückweichen musste. „Das ist erblich.“ Sie hatte ganz weiche Knie, was er offenbar merkte, denn er umfasste ihren Ellbogen. „Tolles Bewerbungsgespräch übrigens.“ Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, hob sie ihre Tasche hoch. Sie musste von hier verschwinden, aber er versperrte ihr den Weg. Und er hatte immer noch ihr Handy. „Hinterlassen Sie Ihre Nummer bei meiner Sekretärin, und ich sage Ihnen Bescheid.“ Leider klang sie bei Weitem nicht so lässig, wie sie beabsichtigte.

Als er sie forschend betrachtete, zog sie eine Braue hoch und setzte ihren strengen Lehrerinnenblick auf.

„Warten Sie nicht zu lange. Ich habe genug Angebote.“ Sein Tonfall war allerdings auch überraschend sanft.

„Mein Telefon bitte.“ Sie streckte die Hand aus und hoffte, sie zitterte nicht.

„Ich bin noch nicht fertig.“ Der Fremde ignorierte ihren empörten Ausruf und wandte sich ab, um sich die Fotos anzusehen.

Bei den meisten handelte es sich um typische Touristenschnappschüsse – von ihrer Schule und ihrer Wohnung.

„Sie sind aus Rom gekommen?“, erkundigte sich der Fremde.

Da sie immer noch ganz weiche Knie hatte, lehnte Sarah sich an die Mauer. In Zukunft würde sie zum Frühstück mehr als nur einen Espresso und ein Stück Blätterteiggebäck zu sich nehmen.

„Sie haben viel Sightseeing gemacht.“

„Ich bin neu in der Stadt“, informierte sie ihn nach kurzem Zögern. „Bald habe ich alles geknipst.“

„Das glaube ich nicht.“ Dann fand er die Fotos von der Mauer und dem Haus. „Warum interessieren Sie sich für mein Haus?“

Dies war sein Haus?

Er entsprach überhaupt nicht ihrer Vorstellung von einem Geschäftsmann mittleren Alters, der sich einen Wochenendsitz zugelegt hatte.

„Es ist ein sehr schönes Anwesen. Ich dachte, von einem öffentlichen Weg aus dürfte man alles fotografieren.“

„Und ich dachte, ich hätte klargestellt, dass dies kein öffentlicher Weg ist. Er gehört zum Anwesen der Familie Serrone.“

„Dann sollten Sie ein Schild aufstellen. ‚Zutritt für Unbefugte verboten‘ oder etwas in der Art. Oder ein Schild mit einem Hund drauf.“ Rede nicht so viel, ermahnte sie sich. „Wenn Sie mir das Handy geben, lösche ich die Fotos.“

„Das mache ich.“ Damit wartete er allerdings noch. „Es kommen nicht viele Touristen nach Serrone. Vor allem nicht aus England.“

„Das überrascht mich nicht.“ Vielleicht war sie sogar die erste Engländerin, die seit dem Aufenthalt ihres Urgroßvaters hierher gefunden hatte. „Vielleicht sollte man Fremde hier etwas freundlicher empfangen.“

Wegen der Sonnenbrille konnte sie den Ausdruck in seinen Augen nicht erkennen, aber ein Lächeln umspielte seine Lippen.

„Wie freundlich hätten Sie es denn gern?“

Sarah stellte fest, dass sie noch erröten konnte, wenn man sie ausreichend provozierte.

„Kein Interesse, danke.“

Der Fremde zuckte die Schultern. „Es ist Ihre Entscheidung.“ Immer noch sichtlich argwöhnisch fügte er dann hinzu: „In den Reiseführern wird das Dorf sicher nicht erwähnt.“

„Ich bin auch keine Touristin.“

„Nein?“ Er klang nicht sonderlich überrascht, was sie wiederum wunderte. Schließlich wimmelte es in Italien nur so von Touristen, und bestimmt verließen viele auch die ausgetretenen Pfade. „Also, was machen Sie wirklich hier?“

Nun, da sie auch im Schatten stand und die Sonne sie nicht mehr blendete, konnte Sarah sein Gesicht richtig erkennen. Sie konnte sein Alter schlecht schätzen. Er hatte dichtes schwarzes Haar, einen dunklen Teint, markante Wangenknochen und eine römische Nase.

Er war zweifellos attraktiv. Sein Verhalten, die leicht überhebliche Art, wie er sie geküsst und ihre Nachrichten gelesen hatte, hätte ihre Mutter veranlasst, ihn als Draufgänger zu bezeichnen.

Sie hätte ihm ohne Weiteres erzählen können, was sie hier machte, aber sie wollte Lucias Geheimnis nicht preisgeben. Außerdem ging es ihn nichts an.

„Sie sind mir gegenüber im Vorteil“, erklärte sie.

Seine Mundwinkel zucken. „Stimmt.“

„Da Sie meine Nachrichten gelesen haben, wissen Sie, wie ich heiße. Ich kenne Ihren Namen nicht.“

„Nein?“ Der Fremde deutete eine Verbeugung an. „Mi spiace, Signorina Sarah Gratton. Io sono Matteo di Serrone.“

„Di Serrone?“ Fast hätte sie ihn gefragt, ob er mit dem tödlich verunglückten Rennfahrer verwandt war, doch damit hätte sie sich verraten. „Dann sind Sie also ein Einheimischer und tragen denselben Namen wie das Dorf.“

„Ich bin in Norditalien zur Welt gekommen, aber meine Familie stammt von hier.“

Turin lag im Norden. War er womöglich der Sohn des Rennfahrers? Der musste etwa in seinem Alter sein.

„Vielleicht sind Sie jetzt so nett, meine Frage zu beantworten?“, hakte er nach.

„Natürlich. Jemand, den ich kenne, war vor einer Weile in diesem Dorf. Und er hat so davon geschwärmt, von der Gastfreundschaft der Bewohner, dass ich es auch sehen wollte.“ Mehr wollte sie nicht preisgeben. „Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Ihr Englisch hervorragend ist?“

„Anscheinend war diese Person tief beeindruckt“, stellte er fest. Sein hinreißendes Lächeln hätte vermutlich jedes Frauenherz höher schlagen lassen. „Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie wahnsinnig schnell das Thema wechseln?“

„Nein“, versicherte Sarah, bemüht, nicht auf die Stelle an seinem Hals zu blicken, wo sein Puls schlug. Anscheinend war Matteo nicht so ruhig, wie er sie glauben machen wollte. „Sie sprechen die Sprache so gut, dass Sie auch die Feinheiten beherrschen.“

„Ich hatte bis zu meinem sechsten Lebensjahr ein englisches Kindermädchen.“

„Ja, das erklärt es. Was ist dann passiert?“, hakte sie nach, obwohl sie sich die Antwort denken konnte.

„Sie ist gegangen, und ich bin nach Hause gekommen.“

„Oh.“ Damit hatte sie nicht gerechnet.

Fragend zog er die Augenbrauen hoch, damit sie nachhaken konnte. Sein ausdrucksloser Tonfall deutete darauf hin, dass es damals ein großer Verlust für ihn gewesen war. Deshalb ließ sie es lieber auf sich beruhen.

Sarah schüttelte den Kopf. „Schon gut. Sie hat ihre Sache offenbar sehr gut gemacht – vor allem wenn man bedenkt, wie jung Sie damals waren.“

„Sie wurde für ihren Einsatz angemessen entlohnt.“

Seine Wortwahl deutete darauf hin, dass sein Vater eine Affäre mit dem Kindermädchen gehabt und seine Mutter ihre Taschen gepackt hatte. Aber vermutlich ging nur ihre Fantasie mit ihr durch. Sie durfte beim Friseur keine Klatschblätter mehr lesen.

„Ich habe in Cambridge ein Graduiertenkolleg besucht“, fuhr Matteo fort, als würde er ebenfalls lieber das Thema wechseln. „Das war eine gute Gelegenheit, meine Englischkenntnisse aufzufrischen.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Bestimmt hatten die Studentinnen bei ihm Schlange gestanden, um ihm Englischunterricht zu geben. Sie seufzte. „Ich beneide Sie, weil Sie zwei Sprachen fließend sprechen. Ich versuche, Italienisch zu lernen, aber bis jetzt nur mit mäßigem Erfolg. Es fällt mir sogar schwer, ein Sandwich zu bestellen.“

„Dann erlauben Sie mir, Ihnen die Mühe zu ersparen“, sagte er.

„Ein Sandwich zu bestellen?“

„Ich glaube, Sie brauchen etwas Handfestes. Ich habe den Eindruck, dass Ihnen ziemlich flau im Magen ist, und ich bin nicht so vermessen zu glauben, es hätte etwas mit dem Kuss zu tun.“

Offenbar unterschätzte er sich gewaltig. „Ich habe nur eine Kleinigkeit gefrühstückt“, gestand Sarah.

„Das ist nicht gut. Und ich war nicht besonders nett zu Ihnen.“ Er betrachtete das Telefon in seiner Hand. „Meine Tante ist Schauspielerin, und wir haben Probleme mit der Presse. Wir werden von Fotografen verfolgt.“

„Das tut mir leid. Ich hatte keine Ahnung.“

„Nein?“ Matteo zuckte die Schultern. „Na ja, Bella hat den Sprung nach Hollywood noch nicht geschafft, deshalb müssen Sie sie nicht kennen. Darf ich Sie zum Essen einladen und Ihren Glauben an die italienische Gastfreundschaft wiederherstellen?“

Während er das sagte, trat eine Frau auf die Terrasse, und begann, den Tisch unter der Pergola zu decken. Ohne auf Sarahs Antwort zu warten, rief Matteo ihr etwas zu und sprach dann so schnell, dass sie kein Wort verstand.

Nachdem die Frau ihm zugewinkt hatte, wandte er sich wieder an Sarah: „Graziella erwartet Sie. Sie dürfen sie nicht enttäuschen.“

Es wäre besser gewesen zu gehen. Doch sie war hergekommen, um das Haus zu sehen, und so eine Chance würde sich ihr nicht wieder bieten. Außerdem würde sie nicht mit Matteo allein sein.

„Das möchte ich auch nicht“, erwiderte Sarah deshalb.

„Und wenn Sie noch ein Foto machen wollen, nur zu“, ermunterte er sie.

„Macht es Ihnen wirklich nichts aus?“ Mit einer Geste gab er ihr zu verstehen, dass er nur sagte, was er auch meinte. „Offen gestanden hatte ich mir gewünscht, dass jemand ein Foto von mir machen würde, als Sie aufgetaucht sind.“

„Um der betreffenden Person zu beweisen, dass Sie hier waren?“

Er runzelte die Stirn, als könnte er nicht nachvollziehen, warum sie ausgerechnet an dieser Stelle ein Foto schießen wollte.

„Ja. Nein …“ Wieder setzte Sarah sich auf die Mauer. „Warum sollte er mir nicht glauben?“

„Keine Ahnung. Aber in Zukunft sollten Sie mit Ihren Wünschen vielleicht etwas vorsichtiger sein.“

„Ich weiß nicht. Es läuft doch gar nicht so schlecht.“ Sie hatte sich etwas gewünscht, und wie aufs Stichwort war Matteo di Serrone erschienen.

Zuerst hatte er sich ihr gegenüber feindselig gegeben, aber nun war er viel zugänglicher.

Er ignorierte ihre Antwort. „Wollen Sie Ihre Sonnenbrille nicht abnehmen?“

„Oh … natürlich.“

Nachdem sie sie abgenommen hatte, stützte sie die Hände auf die Mauer und blickte in die Kamera.

„Sagen Sie … formaggio.“

Als sie lachte, drückte er auf den Auslöser.

3. KAPITEL

ITALIENISCH FÜR ANFÄNGER

Ich habe die ausgetretenen Touristenpfade verlassen, und als ich auf einem Dorfplatz gestanden und diese Fotos gemacht habe, schien es mir, als hätte sich dort lange nichts verändert.

Na ja, abgesehen von den Autos, vom Internet und den Mobiltelefonen …

Und damit fängt es an, dachte Matteo, als Sarah Gratton wieder ihre Sonnenbrille aufsetzte. Sie versteckt ihre Augen.

„Danke, ich schaffe das schon“, wehrte sie ab, als er die Hand ausstreckte, um ihr von der Mauer herunterzuhelfen.

„Das sollten Sie lieber nicht, so schwach, wie Sie sind.“

„Ich bin überhaupt nicht schwach …“ Sie verstummte, als er ihre Taille umfasste.

„Vielleicht möchten Sie sich festhalten“, ermunterte er sie.

Sie war bezaubernd. Es wäre schade gewesen, die Situation nicht auszunutzen.

Nach kurzem Zögern legte sie ihm die Hände auf die Schultern. Obwohl sie ihn kaum berührte und auf Abstand blieb, flammte sofort heißes Verlangen in ihm auf.

„Sind Sie bereit?“, erkundigte er sich, plötzlich außer Atem.

„Ja“, erwiderte sie ruhig.

„Halten Sie sich fest.“

Nachdem er sie abgesetzt hatte, ließ er sie nicht los. Ihr Duft faszinierte ihn. Es war kein Parfüm, sondern ihr ureigener weiblicher Duft.

Matteo konnte sich nicht von ihr lösen. Er sehnte sich danach, das Gesicht in ihrem Haar und an ihrem Hals zu bergen. Die Lippen zu ihren Brüsten gleiten zu lassen, deren Ansatz er gesehen hatte, als sie sich nach vorn beugte.

„Das war’s, danke.“ Sie ließ die Hände zu seinen Ellbogen gleiten, bevor sie einen Schritt zurückwich, um ihren Hut aufzuheben.

Nun blickte sie zum Haus. „Ich schätze, wir nehmen nicht die Abkürzung, die der junge Mann genommen hat, oder?“ Sie deutete auf die Fußspur vor der Mauer. Dabei fiel ihm auf, dass sie keinen Ring trug. Und sie hatte nichts Gekünsteltes an sich. Nichts von einer Femme fatale.

Sie war eine unschuldige englische Schönheit, die in Italien die Gegend erkundete. Und hätte Stephano ihn nicht gewarnt, wäre er darauf hereingefallen.

„Das war mein Bruder. Er ist jung und hatte es eilig“, antwortete Matteo schärfer als beabsichtigt, sodass Sarah die Stirn krauste. „In Rom wartet seine Freundin auf ihn.“

„Oh.“ Erstaunt zog sie die Augenbrauen hoch. „Er ist wirklich sehr attraktiv.“

„Wir haben unterschiedliche Väter“, erklärte er. „Meine Mutter hat wieder geheiratet, nachdem mein Vater ums Leben gekommen war.“

Er erzählte ihr nichts, was man nicht auch im Internet gefunden hätte. Vorausgesetzt, sie kannte seine Familiengeschichte noch nicht auswendig.

„Selbstironie gehört also auch zu den Tugenden, die Ihr Kindermädchen Ihnen vermittelt hat.“

„Tatsächlich?“, konterte er lässig.

„Es ist eine typisch englische Eigenschaft.“

„Kann sein.“

Das einzig Nützliche, was sein Kindermädchen ihm beigebracht hatte, war, dass jeder seinen Preis hatte. Man durfte nie einem freundlichen Gesicht trauen. Nie jemanden an sich heranlassen. Er hatte es bisher nur einmal vergessen, und das würde ihm nie wieder passieren.

Da der Weg sehr uneben war, umfasste Matteo ihren Arm. Sarah protestierte nicht, was ihn auch nicht überraschte.

„Selbstironie kommt mit dem Alter. Und da ich älter bin als mein attraktiver Bruder, habe ich auch gelernt, mich in Geduld zu üben. Der Weg ist das Ziel.“

Und es war höchste Zeit, das Tempo zu drosseln.

Er hatte in der letzten Zeit wie ein Mönch gelebt und seine ganze Energie in das Weingut gesteckt. Ganz bewusst hatte er sich von den Frauen ferngehalten, die die Nähe zu Prominenten suchten, um selbst bekannt zu werden. Das war alles ein Spiel gewesen – wie Katz und Maus. Und bis er Katerina begegnet war, hatte er geglaubt, er wäre die Katze. Er hätte es besser wissen müssen. Aber diesmal war er gewappnet.

„Sie wollen damit also sagen, dass wir stehen bleiben und den Duft der Rosen auf uns wirken lassen sollen“, meinte Sarah.

„Ja, warum nicht? Sie haben es doch nicht eilig, oder?“

„Nein.“ Lächelnd schüttelte sie den Kopf.

„Was ist?“

„Nichts. Ich habe mich nur gefragt, ob Sie eher der Typ sind, der den Knoten öffnet, statt zur Schere zu greifen. Wenn Sie ein Geschenk bekommen“, fügte sie erklärend hinzu.

Er hatte sie allerdings sofort verstanden, und seine Hormone drängten darauf, dass er die zweite Variante wählte. Aber dies war eine Situation, in der man langsam vorgehen musste.

„Ich finde, Vorfreude ist oft die schönste Freude“, versicherte Matteo. „Und deswegen führe ich Sie erst ein wenig herum.“

„Oh. Muss ich mir jetzt Sorgen machen? Wegen des Mittagessens, meine ich.“

„Graziella ist eine hervorragende Köchin. Sie wird Ihre Erwartungen noch übertreffen.“

Dann führte er Sarah den gewundenen Pfad entlang weiter bergauf zu einer Stelle, von der aus man einen herrlichen Blick auf das Dorf, die Weinberge und sein Labor sowie verschiedene Bauernhöfe hatte.

Sie beschattete die Augen mit der Hand, als sie in die Ferne sah.

„Gibt es hier in den Bergen Bären?“, erkundigte sie sich.

„Bären?“ Mit der Frage hatte er überhaupt nicht gerechnet. „Ja, es gibt einige Braunbären, vor allem im Nationalpark. Und seit einiger Zeit haben sich hier auch wieder Wölfe angesiedelt. Wie kommen Sie darauf?“

„Ich dachte, Alex hätte mich vielleicht auf den Arm genommen.“ Nun ließ sie die Hand wieder sinken. „Von hier aus ist das Haus völlig von Bäumen verdeckt.“

„Es liegt in einer Senke. Man hat es bewusst dort gebaut, weil die Winter hier ziemlich hart sein können.“

Die einzige Schwachstelle war die eingefallene Mauer. Und die Tatsache, dass jemand zum richtigen Zeitpunkt das Tor geöffnet hatte. Ob zufällig oder absichtlich, musste er noch herausfinden.

„Und, entspricht die Landschaft Ihren Erwartungen?“, hakte er nach.

„Absolut. Alex sagte, sie sei sehr schön, aber ich finde sie atemberaubend.“ Fasziniert blickte Sarah sich um. „Wo ist der Fluss?“

„Da hinten.“ Sein Kinn war auf gleicher Höhe mit ihrer Schulter, als er sich nach vorn beugte, um auf die Stelle jenseits des Dorfes zu deuten, wo das Wasser zwischen den Bäumen hindurchschimmerte. Sie duftete nach Vanille oder Zimt. Zum Anbeißen … „Links von der Baumgruppe dort“, fügte er hinzu.

„Ah, da.“ Im nächsten Moment entdeckte sie die Motorräder der Reporter, die ihnen von Rom gefolgt waren. „Was sind das für Leute da unten auf der Straße?“

„Das sind Paparazzi. Sie sind Bella heute Morgen von Rom hierher gefolgt.“

Verblüfft wandte sie sich zu ihm um. „Ihre Tante ist hier? Kein Wunder, dass Sie so nervös waren!“

„Es war ein ereignisreicher Vormittag“, räumte Matteo ein.

„Und trotzdem durfte ich Ihr Haus fotografieren?“

„Ich glaube nicht, dass ein Schnappschuss mit dem Handy sich verkaufen würde. Aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis. Bella saß nicht in dem Wagen, den die Reporter verfolgt haben.“

„Und warum lauern die dann da unten, wenn Ihre Tante …?“

„Woanders ist?“

Sie war clever genug, um nicht nachzufragen. „Darf ich ein Foto machen?“

„Von den Paparazzi? Oder von der Aussicht?“

„Ich glaube, von den Reportern würde man nicht viel erkennen“, erwiderte sie amüsiert. „Nein, ich würde gern den Ausblick festhalten. Alex möchte bestimmt wissen, ob sich etwas verändert hat.“

„Ach ja?“ Dass sie ständig von einem Mann redete, während er seinen ganzen Charme spielen ließ, ärgerte ihn.

Nachdem sie eine Aufnahme gemacht hatte, erkundigte sie sich nach dem Namen der Stadt in der Ferne.

„Das ist Arpino. Cicero ist dort zur Welt gekommen.“

„‚Ein Zimmer ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele‘“. Als Sarah seinen Blick auffing, lächelte sie ironisch. „Das ist ein Zitat von Cicero. Es steht auf einem Kühlschrankmagneten bei mir zu Hause.“

„Dann stimmt es wohl.“ Er zwang sich, woanders hinzusehen. „Es ist ein interessanter Ort. Vor Kurzem hat man dort ein sehr gut erhaltenes Pflaster aus römischer Zeit unter dem Marktplatz ausgegraben, und es gibt einen Glockenturm, von dem aus man einen fantastischen Ausblick hat.“ Als ihm klar wurde, dass er wie ein Reiseleiter klang, fügte er hinzu: „Ich versuche, mein anfängliches Verhalten wiedergutzumachen und Sie willkommen zu heißen.“

„Und Sie machen Ihre Sache sehr gut.“ Sie seufzte. „In England gibt es auch viele historische Stätten, aber in Italien ist die Geschichte allgegenwärtig.“

„Unsere Kultur und Architektur reichen weit zurück“, bestätigte er. „Als die Engländer noch Holz und Stroh verwendet haben, haben wir schon mit Stein gebaut.“

„In Großbritannien hat man auch schon früh mit Stein gebaut.“

Ihm kam der Gedanke, dass er dankbar sein musste, weil man nicht nur eine schöne, sondern auch intelligente Frau geschickt hatte. Mit ihr würde es bestimmt nicht langweilig werden.

„Wollen wir gehen?“ Matteo umfasste Sarahs Arm. „Der Weg nach unten durch den Olivenhain ist steil.“

„Durch den Olivenhain? Warten Sie …“ Sarah schoss ein Foto nach dem anderen von den Olivenbäumen. „Entschuldigen Sie. Ich bin eine typische Touristin.“

Sie wirkte zumindest wie eine Touristin. Aber vielleicht hatte sie auch noch nie Olivenbäume gesehen.

„Sie müssen sich nicht rechtfertigen. Es ist erfrischend, das Vertraute mit anderen Augen zu sehen.“ Er öffnete das Tor zum Garten.

Auf der oberen Terrasse blieb sie stehen. „Wow!“

Unter ihnen erstreckten sich die Weinberge, doch ihre Aufmerksamkeit galt dem Gemüsegarten. Fasziniert machte Sarah Nahaufnahmen von Zucchiniblüten und Artischocken und bückte sich, um den Duft der verschiedenen Kräuter einzuatmen.

„Gärtnern Sie auch?“, erkundigte sich Matteo.

„Nein, meine Mutter. Sie hat einen großen Garten, in dem sie auch Hühner hält, und Bienen haben wir, solange ich denken kann. Was ist das für ein Duft?“

Obwohl er wusste, um, welche Pflanze es sich handelte, hob er ihre Hand an die Nase, um daran zu riechen.

„Das ist Thymus citriodorus aureus – Goldthymian.“

„Sie kennen sogar den lateinischen Namen. Wirklich beeindruckend“, meinte sie lachend.

„Ich bin ja auch Römer“, erinnerte er sie. „Zumindest von Montag bis Freitag.“

Dass er ihre Hand nur widerstrebend losließ, war nicht nur gespielt.

„Es gibt hier zwar keine Souvenirs“, fuhr er fort, während er sich bückte, um einen Zweig abzubrechen. „Aber Sie können den hier in Ihre Handtasche tun. Dann denken Sie immer an uns, wenn Sie sie öffnen.“

Sie schien sich über die Geste zu freuen, und er wünschte, er könnte den Ausdruck in ihren Augen erkennen.

Welche Farbe mochten sie wohl haben? Vermutlich waren sie braun, denn ihr Haar war kastanienfarben. Sie hatte makellose Haut und volle, sinnliche Lippen. Und ihre Brüste …

Bevor seine Fantasie mit ihm durchging, wich Matteo schnell einen Schritt zurück und führte Sarah dann um das Haus herum zu der schattigen Terrasse. Dort rief er Graziella, damit sie wusste, dass sie da waren.

Als er sich wieder zu Sarah umwandte, stellte er fest, dass sie ihn nachdenklich betrachtete. Offenbar hatte sie angestrengt zugehört, und er fragte sich, wie viel Italienisch sie wohl verstand.

„Das Essen müsste bald fertig sein“, informierte er sie. „Was möchten Sie trinken?“

Auf dem Tisch standen Wasser und Wein.

„Wasser, bitte.“ Sie nahm ihren Hut ab und legte ihn zusammen mit ihrem Telefon beiseite. „Kann ich mir irgendwo die Hände waschen?“

„Die Gästetoilette finden Sie ein Stück den Flur entlang links.“

Nachdenklich blickte er ihr nach. Ihr Haar war im Nacken locker zusammengesteckt und hatte sich etwas gelöst. Mit routiniertem Griff fasste sie es wieder zusammen. Dabei rutschte ihr T-Shirt ein Stück hoch und gab einen Streifen heller Haut frei. Er hatte richtig vermutet. Sie war keine Sonnenanbeterin.

Sobald sie außer Sichtweite war, nahm er ihr Handy vom Tisch und rief das Foto auf, das er von ihr gemacht hatte.

Sie beugte sich ein wenig vor, sodass der Ansatz ihrer Brüste zu sehen war, und ihre lächelnden Lippen waren die pure Verheißung. Sie spielt ihre Rolle perfekt, dachte er, aber eine Frau musste schon überdurchschnittlich gut sein, damit er ein zweites Mal in die Falle ging.

An diesem Vormittag hatte man seine Geduld schon überstrapaziert. Bellas unerwartetes Auftauchen mit einer Horde Paparazzi im Schlepptau und dann die Erkenntnis, dass Stephano mit Trophäen für irgendeine junge Frau bewaffnet war, die sich dafür bestimmt begeistert bedanken würde …

Vermutlich musste er seinem Bruder dankbar dafür sein, dass der ihn angerufen und vorgewarnt hatte. Oder hatte Stephano nur dafür sorgen wollen, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war?

Jedenfalls hatte er ihm verschwiegen, dass er Sarah das Tor aufgehalten hatte.

Matteo hoffte, Stephano hatte es nur getan, weil sie ihn angelächelt hatte. Sie hatte ein ganz besonderes Lächeln, das einen Mann vorübergehend alles vergessen lassen konnte.

Und sie war ganz anders, als er erwartet hatte. Lässig gekleidet und ganz natürlich hatte sie auf der alten Mauer gesessen und das Gesicht in die Sonne gehalten. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass sie auf ihn wartete.

Beim letzten Mal hatte er den Köder geschluckt und war erst aufgewacht, als er die Fotos von Bellas und Nicos Hochzeit, die im engsten Familienkreis unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hatte, im schlimmsten Klatschblatt überhaupt entdeckte.

Und nun hatten die Gerüchte, dass es in der Ehe kriselte und beide fremdgingen, die Paparazzi wieder auf den Plan gerufen. Ironischerweise hatte ihn ausgerechnet die Frau gewarnt, die ihn vor zwei Jahren hintergangen hatte.

Er hatte ihren Brief zerrissen, doch er war auf der Hut.

Eine Engländerin zu schicken, war allerdings ein cleverer Schachzug.

Bella war nur hier in Italien ein Star und somit für die englische Boulevardpresse uninteressant. Warum sollte er also einer englischen Touristin misstrauen, die einen Tag auf dem Land verbrachte und sich ein Dorf ansah, von dem ihr ein gewisser Alex erzählt hatte?

Mit ihrem leidenschaftlichen Kuss hätte sie selbst den gleichgültigsten Mann in Wallung gebracht. Und ihre Aura der Unschuld sprach die dunkelsten Seiten in jedem Mann an.

Sarah hatte angemessen verwirrt gewirkt, als sie sich für ihr unbefugtes Eindringen entschuldigte, und ihre Entrüstung über sein anmaßendes Verhalten war sehr glaubwürdig gewesen. Seine Flirtversuche hatte sie allerdings mit der Selbstsicherheit einer Frau erwidert, die genau wusste, was sie tat.

Er wäre beinah schwach geworden, als er sich für einen Moment von seinem Verlangen leiten ließ und ihre Lippen mit seinen berührte.

Unschuldige Frauen küssten anders.

Es hatte ihn daran erinnert, dass eine derart unwiderstehliche Frau einem Mann nicht zufällig in den Schoß fiel.

Nicht, dass er ihr widerstehen wollte.

Wenn er Sarah Gratton zum Teufel schickte, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis jemand anderes auftauchte. Seine Mutter und Nonna hatten ihm schon früh eingebläut, dass jeder bestechlich war, wenn die Summe stimmte. Sein Kindermädchen, das ihn seit seiner Geburt betreut hatte, war das beste Beispiel dafür gewesen.

Nein. Er würde den Köder annehmen, den Sarah ihm hingeworfen hatte, und den gutgläubigen italienischen Lover spielen. Er würde ihr genug Informationen zukommen lassen, dass sie sich auf ihn konzentrierte, während seine Tante und ihr Mann ihre Eheprobleme lösten.

Und wie lange würde das dauern? Eine Woche? Einen Monat? Noch länger?

Nachdenklich betrachtete Matteo wieder das Foto auf dem Display. Die Vorstellung war gar nicht so übel. Um herauszufinden, mit wem er es zu tun hatte, schickte er das Foto an seine Nummer, bevor er das Handy wieder auf den Tisch legte.

Als Sarah zurückkehrte, zog er ihr einen Stuhl hervor und schenkte ihnen dann Mineralwasser ein.

„Salute. Auf tolle Frauen und verliebte Kerle …“

„Ich …“

Grau. Ihre Augen waren silbergrau. Sehr ungewöhnlich und doch perfekt zu ihrer zarten Haut passend. Sarah – falls sie wirklich so hieß – schützte sie offenbar gewissenhaft vor zu viel Sonne.

„Wenn mein Bruder nicht auf dem Weg zu dieser Frau gewesen wäre, wären wir uns nicht begegnet“, erinnerte er sie.

„Nein.“ Nach kurzem Zögern prostete sie ihm zu und trank einen Schluck. „Salute. Wie heißt Ihr Bruder eigentlich?“

„Stephano. Er studiert Kunst – zumindest theoretisch. Ich glaube, er macht nicht viel.“ Mit seiner Offenheit wollte er ihr zu verstehen geben, dass er ihr jetzt vertraute.

Graziella brachte nun die Antipasti, und er öffnete eine Flasche seines besten Weins.

„Den hier müssen Sie unbedingt probieren.“ Ehe Sarah protestieren konnte, füllte er ihr Glas zu einem Drittel. „Mein Großvater hat die verschiedenen Rebsorten gezüchtet. Es war sein Lebenswerk.“ Er schwenkte sein Glas, damit das Bukett sich entfalten konnte, und ermunterte sie, es auch zu tun. „Er duftet nach Kräutern …“ Nun nahm er einen Schluck und ließ das Aroma auf der Zunge zergehen. „Und schmeckt im Abgang nach Honig, was den Pfirsich- und Melonengeschmack des klassischen Frascati verstärkt. Es gibt perfekt wieder, was die Gegend um Serrone ausmacht.“

„Sie sind offenbar leidenschaftlicher Winzer.“

„Ein Mann muss eine Leidenschaft haben. Mein Großvater hat den Geschmack kreiert, und meine Aufgabe besteht darin, die Rebsorten für die nächste Generation noch widerstandsfähiger zu machen.“ Auch wenn es nur eine Teilzeittätigkeit war. „Die Weine aus Serrone sind traditionsgemäß Bioprodukte.“

Nachdem Sarah ebenfalls einen Schluck getrunken hatte, lächelte sie. „Er schmeckt hervorragend. Es ist der Geschmack eines Sommertages.“

Ihre Worte hätten nicht berechnender sein können. Er musste wirklich vorsichtig sein.

„Für so einen Werbeslogan hätte ich bei einer Agentur ein Vermögen zahlen müssen.“ Matteo begann, ihr Parmaschinken, Artischockenherzen, getrocknete Tomaten und Oliven aufzufüllen. „Was verlangen Sie, damit ich Sie zitieren kann?“

„Eine Stück von dem Brot?“ Während er ihr eine Scheibe von dem frischen Ciabatta abschnitt, fuhr sie fort: „Ich dachte, das Weingut wäre eine Genossenschaft. Vor meinem Besuch habe ich mich im Internet über das Dorf informiert“, erklärte sie, als sie ihre Gabel nahm. „Vielleicht hat das Programm den Text falsch übersetzt? Oder gibt es noch ein anderes Weingut?“

„Nein, das haben Sie schon richtig verstanden.“ Nun füllte er sich auf. „Mein Urgroßvater hat die Genossenschaft nach dem Krieg gegründet. Er wollte einen Neuanfang machen und den Dorfbewohnern die Möglichkeit geben, nach den harten Zeiten an dem teilhaben zu können, was sie produzieren. Und er wollte verhindern, dass die jungen Männer weggehen, um in den Fabriken im Norden zu arbeiten.“

„War er während des Krieges hier?“, hakte Sarah nach.

Auch mit der Frage hatte er nicht gerechnet, aber es war kein Geheimnis.

„Francesco di Serrone war kein Freund der Faschisten. Als sie ins Dorf kamen, musste er mit den Partisanen in die Berge fliehen.“

„Und was war mit seiner Familie?“

„Seine Frau war hochschwanger. Die Dorfbewohner haben sie versteckt, bis sie ihm folgen konnte, aber sie ist wenige Tage nach der Geburt am Kindbettfieber gestorben.“

„Ja, das waren schreckliche Zeiten.“ Dann fügte sie hinzu: „Sehen Sie mich nicht so an.“

„Wie sehe ich Sie denn an?“

„Mit diesem Du-hast-ja-keine-Ahnung-Blick, mit dem Männer Frauen gern abstrafen, wenn sie über Autos, Fußball oder den Krieg reden. Aber ich kann eine Zündkerze auswechseln, die Abseitsregel erklären und habe Geschichte studiert.“

„Herzlichen Glückwunsch.“ Er musste nicht so tun, als wäre er amüsiert. Sie war interessant genug, um seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Und das war umso gefährlicher … „Dann können Sie sie mir vielleicht erklären. Die Abseitsregel, meine ich.“

„Und seien Sie gefälligst nicht so herablassend.“

Matteo deutete eine Verneigung an. „Mi spiace, signora.“

Damit hatte er sie zum Lachen bringen wollen, doch Sarah brach nur ein Stück Brot ab und tauchte es in das Schälchen mit dem Olivenöl.

„Was ist aus dem Baby geworden?“

Er sagte sich, dass diese Frage typisch für eine Frau war. Da Sarah sich allerdings ein wenig zu intensiv mit ihrem Brot beschäftigte, argwöhnte er, dass mehr dahintersteckte.

Stellte sie ihn etwa auf die Probe? Wollte sie herausfinden, ob er ihr genug vertraute? Oder bestand ihre Taktik darin, ihm eine Frage nach der anderen zu stellen, bis er jegliche Vorsicht vergaß?

Oder war er völlig paranoid?

Womöglich hatte sie die ganze Zeit die Wahrheit gesagt und machte nun einfach nur höfliche Konversation.

Er würde es früh genug herausfinden.

Und wie sein Großvater damals den schweren Start ins Leben geschafft hatte, war kein Geheimnis. Außerdem würde es kein Klatschmagazin interessieren, das über Bella berichten wollte.

„Eine Frau, die für unsere Familie gearbeitet hat, hat sich um den Kleinen gekümmert.“ Auch Matteo brach ein Stück Brot ab und tunkte es in das Olivenöl. „Sie hatte selbst ein Baby, das sie noch gestillt hat, und so hat sie ihn mit aufgezogen und ihn als ihren Sohn ausgegeben, bis sein Vater Ende 1944 zurückgekehrt ist und ihn zu sich genommen hat.“

„Sie hat ihn gestillt?“

Offenbar hatte sie nicht mit der Antwort gerechnet. Aber mit welcher dann?

Er lachte. „Hätte man ihn denn zu seinem Vater in die Berge schicken und mit Ziegenmilch großziehen sollen?“

„Nein, aber Sie müssen zugeben, dass die Geschichte an einen Roman aus dem 19. Jahrhundert erinnert.“ Sarah wickelte eine dünne Scheibe Prosciutto um ihre Gabel. „Wissen Sie, wie die Frau hieß?“

„Man hat sie nicht vergessen, Sarah. Mein Großvater hat in der Kirche eine Gedenktafel für sie anbringen lassen.“

„Sie ist tot?“

Matteo wusste nicht, wie er ihren Gesichtsausdruck deuten sollte. War es Schock? Trauer um eine Frau, von der sie bis zum heutigen Tag noch nie gehört hatte? Natürlich war es eine tragische Geschichte, aber das alles lag mehr als sechzig Jahre zurück.

„Sie ist im Winter 1944 einer Grippewelle zum Opfer gefallen“, erwiderte er. „Zusammen mit ihrer kleinen Tochter.“

„Oh nein, wie schrecklich!“

Er hätte schwören können, dass Tränen in ihren Augen schimmerten. „Damals sind sehr viele Leute ums Leben gekommen, Sarah.“

„Aber nicht der kleine Junge?“

„Nein, er hat überlebt.“

„Ihr Vater verdankt ihr also sein Leben. Wäre sie nicht gewesen, wäre keiner von uns …“

Unvermittelt verstummte sie. Und nun war er derjenige, der eine Antwort wollte.

„Was wäre keiner von uns, Sarah?“

4. KAPITEL

ITALIENISCH FÜR ANFÄNGER

Die Aussicht hier ist fantastisch. Die Berge in der Ferne, die im Winter schneebedeckt sind, sind die Apenninen, wo es noch immer Braunbären und Wölfe gibt.

Die Einwohner hier sind sehr nett. Obwohl ich unwissentlich unbefugt das Grundstück eines Winzers betreten habe, hat er mich zum Mittagessen auf seiner Terrasse eingeladen.

Matteo stellte fest, dass er angespannt den Atem anhielt, als er auf ihre Antwort wartete.

„Was wäre keiner von uns?“, wiederholte er, als Sarah schwieg.

Schließlich schüttelte sie unmerklich den Kopf, als wäre sie in Gedanken ganz weit weg gewesen.

„Dann wäre keiner von uns hier.“ Sie machte eine ausholende Geste. „Das Haus wäre noch eine Ruine. Viele junge Männer hätten das Dorf verlassen. Und das Gut würde irgendeiner Firma gehören, die Standardweine vertreibt.“

Er war enttäuscht, weil er das Gefühl hatte, dass sie nicht alles gesagt hatte. Dann rief er sich jedoch ins Gedächtnis, dass sie nur eine Rolle spielte.

„So ausgedrückt scheint eine Gedenktafel zu wenig zu sein“, meinte er lässig. „Dann hätte sie zumindest ein Denkmal auf dem Marktplatz verdient.“

Nun krauste Sarah die Stirn. „Warum? Serrone ist doch so etwas wie ein lebendes Denkmal dafür, was das Herz einer Frau vermag, finden Sie nicht?“

„Und Sie?“, hakte er nach und kam sich dann gemein vor, weil sie so aufrichtig wirkte. Wenn sie ihm etwas vormachte, dann war sie wirklich überzeugend.

„Dass sie kein Denkmal braucht, bedeutet andererseits auch nicht, dass sie keins bekommen sollte“, fuhr sie fort. „Man sollte auch der Liebe Denkmäler setzen, denn Kriegsdenkmäler gibt es genug.“

„Das stimmt.“

„Außerdem gibt es viel zu wenig von Frauen“, scherzte sie.

„Dann betrachten Sie es als erledigt.“

Sarah schnippte mit den Fingern. „Einfach so?“ Sie lächelte strahlend.

„Ganz im Gegenteil. Ich muss mit dem Bürgermeister Rücksprache halten. Und wenn er dafür ist, wird sein Stellvertreter aus Prinzip dagegen sein.“

Nun verdrehte sie die Augen. „Politik.“

„Noch schlimmer. Familie. Die beiden sind entfernte Cousins.“

„Ach du meine Güte!“

„Es wird natürlich eine Bürgerversammlung geben. Jeder wird seine Meinung äußern und ausführlich Stellung beziehen.“

Sie hatte das Kinn in die Hände gestützt. Eine Biene summte um sie herum, doch Sarah ignorierte sie und wirkte völlig entspannt.

„Vielleicht geht es schneller, wenn Sie auch daran teilnehmen und erklären, warum Sie es für so wichtig halten“, schlug er vor.

Möglicherweise wird es aber auch umso länger dauern, dachte er. Alle Männer im Dorf würden sich vor ihr profilieren wollen.

„Lieber nicht. Meine Italienischkenntnisse sind ziemlich armselig.“

„Es wäre doch für einen guten Zweck.“

„Ja. Und ich wäre gezwungen, mir mehr Mühe zu geben. Allora …“, begann sie und lächelte fragend.

„Für den Anfang nicht schlecht“, erwiderte Matteo. „Also einverstanden?“

„Wie könnte ich da Nein sagen?“

„Es war Ihre Idee“, erinnerte er sie. „Aber damit ist es noch nicht getan. Wenn man den stellvertretenden Bürgermeister nach einer endlosen Diskussion überstimmt hat, wird er fragen, wie hoch die geschätzten Kosten sind und wer sie trägt.“

„Das interessiert vielleicht niemanden mehr, wenn Sie Ihre Tante einladen und sie die Statue enthüllt.“

„Bella?“, meinte er lachend. „Ja, das wäre perfekt, weil sie sich dann alle in den einschlägigen Hochglanzmagazinen wiederfinden würden und die Kosten nur noch zweitrangig wären.“

„Sehen Sie? Dann schlägt nur noch jemand vor, zusammen etwas zu trinken, und alle machen sich auf den Weg.“

Er füllte ihr Weinglas nach. „Ich habe den Eindruck, dass Sie so etwas nicht zum ersten Mal machen.“

„In der Schule habe ich schon in einigen Spendenausschüssen gesessen. Die goldene Regel ist, dass man eine Lokalberühmtheit für die Sache gewinnen muss“, erklärte Sarah.

Autor

Liz Fielding

In einer absolut malerischen Gegend voller Burgen und Schlösser, die von Geschichten durchdrungen sind, lebt Liz Fielding – in Wales

Sie ist seit fast 30 Jahren glücklich mit ihrem Mann John verheiratet. Kennengelernt hatten die beiden sich in Afrika, wo sie beide eine Zeitlang arbeiteten. Sie bekamen zwei Kinder, die...

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