Julia Best of Band 211

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  • Erscheinungstag 15.03.2019
  • Bandnummer 0211
  • ISBN / Artikelnummer 9783733712693
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Lucy Gordon

JULIA BEST OF BAND 211

1. KAPITEL

„Wenn Sie sich jetzt nicht bald auf den Weg machen, werden Sie zu spät in die Kirche kommen“, sagte Gail mit sorgenvoller Stimme.

Freddie Medway blickte auf die Uhr und seufzte. Er sah gut aus in seinem eleganten Anzug. „Vor zehn Minuten habe ich Dad erinnert. Aber er wartet wohl bis zur letzten Sekunde. Den Grund können Sie sich ja denken.“

„Ihr Bruder Alex“, erwiderte Gail und verzog das Gesicht. „Wie kann er nur die Hochzeit seines eigenen Vaters ignorieren?“

„Offenbar kennen Sie Alex nicht, sonst würden Sie nicht fragen. Er ist stur und eiskalt. Gefühle interessieren ihn einfach nicht. Für ihn zählen allein Tatsachen. Für Alex ist es sonnenklar, dass Dads Verlobte nur aus Berechnung heiraten will.“

„Aber wie will er das wissen? Nur weil Liliane ein paar Jahre jünger ist als Sir James …“

„Dreißig Jahre, um ganz genau zu sein“, bemerkte Freddie trocken. „Somit ist sie jünger als Alex und nicht viel älter als ich.“

„Aber sie kümmert sich rührend um Ihren Vater.“

„Eben das habe ich auch zu Alex gesagt. Zugegeben, vielleicht würde sie Dad nicht heiraten, wenn er ein armer Schlucker wäre. Und Lady Medway zu sein, ist ja auch ganz verlockend. Aber wenn sie ihn liebt und ihn glücklich macht, sollte das doch wirklich die Hauptsache sein.“

„Ihr Bruder denkt da wohl anders.“

Freddie lächelte. „Alex ist von Grund auf misstrauisch. Er geht immer den direkten Weg, ohne Umschweife und ohne Kompromisse. Das spart Zeit, wie er sagt.“

„Das klingt ja äußerst charmant.“

„Von Charme hält Alex rein gar nichts“, warf Freddie ein. „Für ihn geht es nur ums Geschäft.“

Mit seinen fünfundzwanzig Jahren sah Freddie Medway nicht nur gut aus, er war dabei auch unbekümmert und äußerst charmant und redegewandt. Bisher hatten sich ihre Wege nur ein paar Mal gekreuzt, als sie die Hochzeit für seinen Vater, Sir James Medway, vorbereitet hatte.

Gails Metier waren Hochzeiten. In den letzten Jahren hatte sie „Nuptia Creations“ aufgebaut, einen Hochzeitsservice, der alles für den großen Tag organisierte – mit allem Drum und Dran. In der Regel wurde sie von der Familie der Braut engagiert. Da Liliane jedoch keine Familie mehr hatte, kam der Auftrag von ihrem vermögenden Bräutigam – eine Traumhochzeit mit einem großen Empfang auf dessen herrschaftlichen Landsitz.

Sir James war das, was man einen Selfmademan nannte. Vom kleinen Markthändler hatte er es bis zum Industriekapitän gebracht – und war vor kurzem sogar geadelt worden. Er hatte sich zur Ruhe gesetzt und die Leitung von Medway Industries nur allzu gerne seinen beiden Söhnen überlassen. Sir James genoss die Früchte seiner Arbeit und war stolz auf seinen Titel. Gail mochte ihn, denn der Erfolg war ihm nicht zu Kopf gestiegen. Im Gegenteil, er war freundlich und großzügig und glaubte an das Gute in der Welt. Vielleicht war er, was Liliane betraf, sogar ein wenig naiv. Doch er schien mit seiner zukünftigen Frau auf rührende Weise glücklich zu sein.

Sie standen im großen Empfangsraum von Gracely Manor. Das prächtige Anwesen aus dem 18. Jahrhundert lag in einem weitläufigen Park etwas außerhalb von Chichley. Von der malerischen Kleinstadt mit hübsch restaurierten Häusern, Alleen und Kopfsteinpflaster waren es nur zehn Meilen nach London. Ein Stück altes England, das im Sommer Tausende von Touristen anzog.

Es war zwar erst April, aber doch schon sommerlich warm. Eigentlich schade, dachte Gail, dass sie den Empfang nicht draußen auf dem Rasen ausgerichtet hatte. Stattdessen waren im Frühstücksraum zahlreiche Tische gedeckt, mit edlem Kristall, kostbarem Silber und zartem Blumenschmuck. Auf den Anrichten standen erlesene Speisen. Es war der pure Luxus. Kosten spielten für Sir James keine Rolle.

Eine hübsche junge Frau in einem blauen Satinkleid kam auf Gail zu. Sylvia war ihre Cousine und Assistentin und würde später die Brautjungfern anführen. Da es Liliane offenbar auch an Freundinnen mangelte, blieb es wiederum Gail überlassen, für Brautjungfern zu sorgen.

Die Familienähnlichkeit zwischen beiden Frauen war nicht zu übersehen. Beide waren groß und blond. Sylvia war hübsch, ohne Frage, doch Gail besaß eine ganz besondere Anziehungskraft, eine natürliche Eleganz, die ihre Schönheit noch unterstrich. Ihre direkte, humorvolle Art konnte Männer ohne genügend Selbstbewusstsein ganz schön aus der Fassung bringen. Sylvia dagegen wirkte beinahe ein wenig kindlich und wurde eher von solchen Männern umgarnt, die gerne den Beschützer spielten.

„Worauf warten wir noch?“, wandte sich Sylvia an ihre Cousine.

„Auf meinen Vater“, sagte Freddie und seufzte. „Dad kann sich nicht damit abfinden, dass Alex offenbar nicht kommen wird.“

„Ich will mal sehen, was ich tun kann“, sagte Gail entschlossen.

„Meine Nelke ist schon ganz welk“, beklagte sich Freddie mit einem strahlenden Lächeln bei Sylvia. „Sind Sie so lieb und geben mir eine frische?“

Gail blieb nicht verborgen, dass sich die Wangen ihrer Cousine leicht gerötet hatten. „Nuptia Creations liefert keine welken Blumen“, erwiderte sie und lächelte wissend. „Ihre Blume ist noch völlig in Ordnung.“

„Na schön, aber ich möchte trotzdem eine neue.“ Freddie ließ sich nicht beirren.

In Windeseile hatte Sylvia eine frische Nelke zur Hand und befestigte sie an Freddies Revers. Ihr scheues Lächeln sprach Bände, und ihre leicht geröteten Wangen ließen ihre Haut noch zarter erscheinen.

Gail fand Sir James in seinem Arbeitszimmer. „Sie sollten jetzt wirklich gehen“, ermahnte sie ihn mit sanfter Stimme.

Er drehte sich um. Auf seinem runden Gesicht lag ein Lächeln. „Ach ja. Natürlich. Ich darf den Pfarrer nicht warten lassen. Es ist nur, ich dachte …“ Sein Lächeln verschwand.

Ein Bilderrahmen lag auf dem Tisch. Offenbar hatte Sir James zuvor das Foto darin betrachtet. Es zeigte einen Mann Anfang dreißig. Sein Gesicht wirkte irgendwie unnahbar. Er sah gut aus – aber auf eine kompromisslose Art. Mit ihm legt man sich besser nicht an, dachte Gail.

„Das ist mein Sohn.“ Sir James hatte ihren Blick bemerkt. „Ich hatte gehofft, dass er kommen könnte. Aber er ist sehr beschäftigt. Er leitet jetzt die Firma und ist immer unterwegs, in der ganzen Welt. Diese Woche musste er nach Amerika – er sagte, er würde versuchen rechtzeitig zurück zu sein …“

„Es ist sicherlich beruhigend für Sie, das Unternehmen in guten Händen zu wissen“, erwiderte Gail unsicher.

„Ja, natürlich. Ich könnte mir keinen besseren Sohn wünschen.“ Sir James richtete sich auf. „Nun, dann also los. Würden Sie bitte Liliane Bescheid sagen, dass wir jetzt anfangen?“

Gail betrat das elegante Schlafzimmer mit dem prächtigen Doppelbett, das Liliane und Sir James seit der Ankunft der Braut auf Gracely Manor vor drei Monaten teilten. Dessen ungeachtet hatte Liliane darauf bestanden, in jungfräulichem Weiß vor den Traualtar zu treten. Sie sah einfach umwerfend aus. „Was ist passiert?“, fragte sie voller Ungeduld.

„Sir James wollte noch auf seinen Sohn warten“, erklärte Gail.

„Aber er wartet umsonst“, sagte Liliane mit beleidigter Stimme. „Alex verachtet mich. Da er die Hochzeit nicht verhindern konnte, spielt er jetzt den Störenfried. Der arme Jamie nimmt sich das viel zu sehr zu Herzen.“

„Er fährt gleich in die Kirche, und Sie können ihm dann in zehn Minuten folgen.“

Liliane stand auf, und der duftige Reifrock aus Satin und Spitze raschelte dabei. Gail befestigte den Schleier, vorsichtig strich sie den Stoff glatt. „Einfach perfekt“, stellte sie zufrieden fest.

Dann ging sie nach unten, um Sir James zum Wagen zu bringen. Als er die Halle durchquerte, trat Liliane aus dem Schlafzimmer. Bei seinem Anblick erschrak sie und versteckte das Gesicht hinter dem Schleier. „Geh weg!“, rief sie entsetzt. „Es bringt Unglück, wenn du mich vor der Trauung siehst.“

„Komm, Dad“, ermahnte Freddie ihn. Er machte sich keine Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken.

„Was ist dabei so lustig?“, fragte Gail.

„Nichts für ungut, Gail. Ich finde wirklich, dass Sie eine tolle Arbeit machen. Aber Sie müssen zugeben, dass das Ganze auch eine komische Seite hat. Es ist doch albern, darauf zu bestehen, sich nicht vor der Trauung zu sehen, wenn man bereits seit drei Monaten zusammenlebt! Liliane hat Ihren Rat befolgt und meinen Vater vor einer Woche ins Gästezimmer verbannt.“

„Bei Hochzeiten halten sich die Menschen eben gerne an Traditionen“, teilte Gail ihm mit. „Haben Sie die Ringe?“

„Aber klar. Hier sind sie. Es ist schon merkwürdig, seinem eigenen Vater bei der Hochzeit zur Seite zu stehen.“

„Dann können Sie umso besser auf ihn achten.“

Wenige Minuten später fuhr die Limousine mit Sir James ab. Jetzt musste Gail nur noch dafür sorgen, dass die Braut zur richtigen Zeit in die Kirche kam. Aber Liliane hatte ihren eigenen Kopf. „Ich will ihn noch ein bisschen warten lassen.“ Sie zog einen Schmollmund. „Das ist schließlich das Privileg einer Braut.“

„Schon gut, aber es wird wirklich spät“, sagte Gail beschwichtigend und zupfte am Schleier.

„Sagen Sie mal, Gail. Sie haben doch schon so viele Hochzeiten ausgerichtet. Wurde je eine Braut von ihrem Bräutigam vor dem Altar versetzt?“

„Glücklicherweise ist mir das nie passiert“, antwortete Gail ungeduldig. „Das würde ich auch nie zulassen.“

Liliane lachte nervös. „Sie sind eine richtige Geschäftsfrau, durch und durch.“

„Das muss ich auch sein“, erwiderte Gail. „Wir sollten uns jetzt besser auf den Weg machen.“

Endlich hatte die Braut in der Limousine Platz genommen. Sie saß neben ihrem zukünftigen Schwager, der sie zum Traualtar führen sollte. Die übrige Hochzeitsgesellschaft folgte in weiteren Wagen. Endlich – Gail war erleichtert. Diese Hochzeit war heikler als die meisten anderen.

Sie ging in die Bibliothek und setzte sich an einen der antiken Tische. Dann öffnete sie ihren Laptop. Sie dachte daran, wie alles angefangen hatte, und schmunzelte. Eigentlich musste sie David Cater, diesem Schwächling, seiner eiskalten Mutter und dem übervorsichtigen Vater dankbar sein. Ohne diese drei wäre sie nicht dort, wo sie mittlerweile war. Aber sie wollte sich wirklich nicht mehr damit beschäftigen – dieses Kapitel ihrer Vergangenheit war ein für alle Mal abgeschlossen.

Sie musste an Liliane und Sir James denken, wie sie beide jetzt in der Kirche getraut würden. Liliane würde am Arm ihres Ehemannes die Kirche verlassen, voller Stolz und nicht etwa gedemütigt wie eine andere Braut viele Jahre zuvor …

Gail schloss den Laptop. Es hatte keinen Sinn – sie konnte sich einfach nicht auf ihre Arbeit konzentrieren. Am besten ging sie in den Empfangsraum zurück, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war.

In der Tür hielt sie inne. Ein Mann stand vor der fünfstöckigen Hochzeitstorte. Er hatte Gail zwar den Rücken zugewandt, doch seine Haltung strahlte Zynismus aus. „Entschuldigen Sie …“, wandte sie sich an den Mann.

Ohne zu zögern drehte er sich um. Gail stockte der Atem. „Wir haben nicht mit Ihnen gerechnet“, sagte sie.

„Wir?“ Alexander Medway staunte. „Machen Sie auch bei diesem Zirkus mit?“

„Ich habe die Hochzeit organisiert“, erklärte Gail knapp.

„Für Geld?“

„Ich wurde bezahlt. Nuptia Creations ist ein Hochzeitsservice.“

„Das muss sich ja richtig lohnen. Wie viel hat denn mein armer Vater dafür locker gemacht?“

„Sir James wollte von allem nur das Beste.“

„Ich verstehe, aber wie viel war es denn?“

„Tut mir leid, aber das kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Ach, Sie meinen wohl, Sie haben Ihren Beutezug noch nicht beendet?“

„Nein, ich meine, dass es Sie absolut nichts angeht“, erwiderte Gail knapp.

„Wie bitte?“ Er traute seinen Ohren nicht.

„Mein Kunde ist Sir James und ich hintergehe niemals ein geschäftliches Vertrauensverhältnis.“

Seine Miene verfinsterte sich. „Wie nett von Ihnen.“

Gail konnte ihren Zorn kaum verbergen. Alexander Medway war groß, schlank, mit einem athletischen Körper und äußerst attraktiv. Doch das interessierte sie nicht. Noch nie zuvor war ihr jemand auf den ersten Blick so unsympathisch gewesen. „Sie sollten besser nicht hier sein“, sagte sie mit eisiger Stimme.

„Das wollte ich auch nicht. Aber in letzter Sekunde war ich doch zu neugierig auf dieses ganze Theater.“

„Nun, hoffentlich sind Sie nicht enttäuscht.“

„Im Gegenteil.“

„Was heißt das?“

„Nun, ich kann mir vorstellen, dass Lily Hatch ihren Sieg in vollen Zügen genießt.“

„Lily Hatch?“

„Sie kennen sie als Liliane Hatley. Ihr richtiger Name ist jedoch Lily Hatch.“

„Sie haben ihr nachspioniert“, sagte Gail voller Abscheu.

„Ich habe einige Erkundigungen eingeholt, das stimmt. Im Grunde hätte mein Vater das tun sollen.“

„Ihr Vater liebt sie. Wie konnten Sie seinen großen Tag nur so verderben? Liegt Ihnen denn gar nichts an ihm?“

Seine Augen verengten sich. Er war wütend. „Jetzt gehen Sie aber zu weit. Das Schicksal meines Vaters ist mir sehr wichtig. Ich möchte ihn davor bewahren, einen Narren aus sich zu machen.“

„Vielleicht macht ihm das gar nichts aus, solange er ein glücklicher Narr ist.“

„Was für ein sentimentaler Quatsch.“

„Wenn ich sage, Sie sollten nicht hier sein, meine ich, dass Sie jetzt besser in der Kirche sein sollten. Ihr Vater hätte Sie gerne als Trauzeugen gehabt.“

„Das wäre zu viel verlangt.“

„Ich kenne Ihren Vater noch nicht lange. Aber ich weiß, dass er ein wunderbarer Mensch ist. Ich möchte wetten, dass er Ihnen auch ein wunderbarer Vater war.“

Alex Medway seufzte tief. „Was wollen Sie damit sagen?“

„Sie sollten Ihre eigenen Gefühle zurückstellen und an Ihren Vater denken.“

„Ich habe an ihn gedacht. Ich habe immer wieder versucht, ihn zur Vernunft zu bringen.“

Bei seinen Worten zuckte Gail zusammen. Alex war ihre Reaktion nicht entgangen, aber bevor er etwas sagen konnte, hatte Gail ihre Selbstsicherheit wieder gefunden. „Wenn Sie noch einen Funken Anstand besitzen, dann fahren Sie sofort zur Kirche. Damit würden Sie Ihrem Vater den Himmel auf Erden bereiten.“

„In Sachen Hochzeit sind Sie wirklich ein Profi, das muss der Neid Ihnen lassen“, bemerkte er trocken.

„Geben Sie sich einfach einen Ruck. Sie wissen, dass ich Recht habe.“

Einen kurzen Moment zögerte er. Als er zur Tür ging, wandte er sich zu Gail um. „Wie heißen Sie eigentlich?“

„Gail Rivers.“

„Diesen Namen werde ich mir merken.“ Dann verschwand er, und Gail hatte das Gefühl, dass sie bei ihm auf der schwarzen Liste stand. Aber das beruhte auf Gegenseitigkeit.

Irgendwie erinnerte er Gail an die Familie, in die sie fast hineingeheiratet hätte. Sie hatte David Cater wirklich geliebt, zumindest so wie eine junge Frau von achtzehn Jahren lieben kann. Dabei hatte sie sich nie Gedanken über seine Familie und all den Reichtum gemacht.

Doch das hatte sich abrupt geändert. Die Caters waren neureich und ängstlich darauf bedacht, ihren Sohn unter allen Umständen mit „altem“ Geld zu verheiraten. Als sie dann von der Verlobung erfuhren, reagierten sie mit offenem Hass ihr gegenüber. Mrs. Cater bot ihr sogar Geld an, was Gail empört ablehnte.

Schließlich hatten sich die Caters ins Unvermeidliche gefügt – und auf eine standesgemäße Hochzeit bestanden. Gails bescheidener Wunsch, in kleinem Kreis in einer schlichten Dorfkirche zu heiraten, war da völlig fehl am Platz. Sie wollte einfach keinen pompösen Empfang mit unzähligen Gästen, sie wollte nicht in Champagner baden.

Aber David konnte oder wollte ihr nicht helfen. „Warum erfüllen wir meiner Familie nicht einfach ihren Wunsch?“, fragte er.

Als Mrs. Cater plötzlich ins Zimmer trat, hatte Gail das Gefühl, dass sie ihrer beider Unterhaltung mit angehört haben musste. Umso mehr als sie Gail beiseite nahm und mit eisiger Stimme sagte: „Ich habe dir den Weg in diese Familie geebnet und erwarte, dass du dich zumindest bei der Hochzeitsfeier unserem Niveau anpasst.“

„Mir den Weg geebnet?“ Gail war fassungslos. „Liebe zählt für dich wohl nicht.“

„Liebe!“, schnaubte Mrs. Cater. „Du liebst sein Bankkonto. Mir machst du nichts vor. Du kannst mein Geld ablehnen oder dich wie die Unschuld vom Lande benehmen, doch ich durchschaue dich trotzdem. Ich weiß, du hast noch viel mehr im Sinn. Kein Wunder bei der Familie, aus der du kommst.“

„An meiner Familie ist nichts auszusetzen.“

Mrs. Cater grinste verächtlich. „Ich habe Nachforschungen angestellt, junge Dame. Und ich weiß alles über einen gewissen Verwandten, der nur ganz knapp einer Gefängnisstrafe entkommen ist.“

„Ich habe David alles über Onkel Rex erzählt“, erwiderte Gail mit einem gewissen Stolz in der Stimme. Vor Aufregung war sie ganz blass geworden. „Es macht ihm nichts aus.“

„Das war schlau von dir. Wie kann mein Sohn nur ein solcher Dummkopf sein und dich nicht durchschauen!“

„David liebt mich“, sagte Gail bestimmt. „Und ich liebe ihn.“

Ohne sie einer Antwort zu würdigen, machte Mrs. Cater auf dem Absatz kehrt und verschwand.

Der Tag der Hochzeit hatte sich für alle Ewigkeit in Gails Gedächtnis eingebrannt: Da war die schwarze Stretchlimousine, die sie in die Kirche fahren sollte. Da war ihr Spiegelbild, das sie in ihrem märchenhaften weißen Brautkleid wie eine Prinzessin aussehen ließ. Und da war ihre felsenfeste Überzeugung, dass ihrer beider Liebe allen Anfeindungen trotzen würde.

Aber David hatte nicht in der Kirche auf sie gewartet. Erst im letzten Moment hatte Mrs. Cater sie davon in Kenntnis gesetzt, dass David zur Besinnung gekommen wäre und sie nicht heiraten würde. Gail brauchte eine ganze Weile, um zu verstehen, was geschehen war. Mrs. Cater hatte ihren Sohn so sehr unter Druck gesetzt, dass dieser förmlich aus der Kirche geflohen war oder wie seine Mutter es nannte, endlich vernünftig geworden war. David wollte sich in einem langen Urlaub von dem ganzen Stress erholen.

Als sich Gail dann inmitten der eleganten Hochzeitsgesellschaft, von der sie neugierig gemustert wurde, umgesehen hatte, hatte sie nur noch fliehen wollen. Mit einem Aufschrei riss sie sich den Spitzenschleier vom Kopf und warf die Blumen in hohem Bogen von sich. Sie weinte bitterlich. Wie konnte das Leben doch grausam sein!

Die anderen hatten gewonnen. Am Ende waren die reichen, grausamen Caters die Sieger.

Allmählich begriff sie, dass sie David von Anfang an vollkommen falsch eingeschätzt hatte. Er war ein Schwächling, der immer den Weg des geringsten Widerstandes suchte. Sie hörte nie wieder etwas von ihm – es kam kein Brief und auch kein Anruf. Er überließ alles seinen Eltern.

Ihr Zorn ließ sie stark werden und mutig. Als Mr. Cater ihr einen großzügigen Scheck für ihre Unannehmlichkeiten schickte, widerstand sie der Versuchung, das Papier einfach in tausend Stücke zu reißen. Stattdessen brachte sie den Scheck zur Bank und legte das Geld an.

Die traurigen Umstände hatten am Ende doch ihr Gutes: Gail freundete sich mit Miss Littleham an, die die Hochzeitsfeierlichkeiten organisiert hatte. Schließlich arbeitete sie sogar für sie und wurde in ihrem Job so gut, dass sie zur Managerin aufstieg. Am Ende versetzte der Scheck von den Caters Gail sogar in die Lage, sich als Teilhaberin in die Firma einzukaufen. Dank ihrer Fähigkeiten wurde aus dem kleinen, altmodischen Betrieb ein erfolgreiches, modernes Unternehmen. Und als Miss Littleham sich zur Ruhe setzte, kaufte Gail die restlichen Anteile und war nun alleinige Inhaberin von Nuptia Creations.

Gail hatte sich von der unscheinbaren grauen Maus in eine attraktive und selbstbewusste Geschäftsfrau verwandelt, die mit ihrem Unternehmen auch noch konkurrenzlos erfolgreich war. Inzwischen beschäftigte sie eine Sekretärin und vier Assistentinnen, und ihre Dienste waren über Monate ausgebucht. Manchmal geschah es sogar, dass Verlobte ihre Hochzeit verschoben, nur damit Gail die Feierlichkeiten ausrichten konnte.

Wenn sie an ihre eigene verpatzte Hochzeit dachte, wurde sie wieder zu der eingeschüchterten und zutiefst verletzten jungen Frau von einst. Doch nur tief im Innern, äußerlich war ihr nichts anzumerken.

Ein Kellner, den sie für die Feierlichkeiten angeheuert hatte, kam auf sie zu. „Soll ich Ihnen nicht einen Drink bringen, bevor die wilde Meute hier einfällt?“, fragte er freundlich. „Sie sehen so aus, als ob Sie etwas vertragen könnten.“

„Sie bringen es auf den Punkt.“

„Wie wäre es mit einem Glas Champagner?“

Gail lachte. „Kein Champagner, vielen Dank“, sagte sie. „Alles, nur keinen Champagner.“

2. KAPITEL

Endlich kam die erste Limousine die Auffahrt herauf und hielt vor der mit Blumen geschmückten Haustür von Gracely Manor. Sir James und die neue Lady Medway stiegen aus und betraten gemeinsam ihr wunderschönes Zuhause. Der Bräutigam strahlte über das ganze Gesicht. Allmählich trafen auch die übrigen Wagen ein und mit ihnen Brautjungfern und Gäste. Es war eine sehr elegante Gesellschaft, die sich in angeregter Unterhaltung zum Empfang in dem festlich dekorierten Empfangsraum versammelte.

Sobald Sir James Gail sah, eilte er zu ihr. „Raten Sie mal, was passiert ist!“ Er war sehr aufgeregt. „Alex ist doch noch gekommen – mitten während der Trauung!“

„Sie sind sich immer sicher gewesen, dass er Sie nicht versetzen würde“, antwortete Gail und lächelte.

„Richtig. Ich habe es gewusst. Aber keiner wollte mir glauben.“

Währenddessen war Alex zu ihnen getreten, und Gail sah an seinem Gesichtsausdruck, dass ihn die Worte seines Vaters verlegen machten. Als sich ihrer beider Blicke trafen, wurde er sogar ein wenig rot. Immerhin, dachte sie, besitzt er ja doch einen Funken Anstand, sodass sein Verhalten ihm peinlich ist.

Sir James geleitete seine Frau zum Ehrenplatz, gefolgt von Freddie und den Brautjungfern. Alex sollte neben seinem Vater sitzen. „Das haben Sie ja schlau eingefädelt“, sagte er leise zu Gail.

„Das musste ich gar nicht. Dieser Platz war immer nur für Sie reserviert. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Ihr Vater wusste, dass Sie kommen würden.“

„Und wo sitzen Sie?“

„Nirgendwo. Ich habe alle Hände voll zu tun.“ Ohne einen weiteren Kommentar abzuwarten, drehte sie sich um und ließ einen überraschten und leicht verärgerten Alex zurück.

Schon bald saßen alle Gäste auf den Plätzen. Ein wirklich schöner Anblick, dachte Gail zufrieden und trat diskret hinter Sylvia. Leise erkundigte sie sich nach dem Ablauf der Trauung und erfuhr, dass die Zeremonie in der Kirche perfekt geklappt hatte. „Und wie kommt es, dass du jetzt plötzlich hier sitzt und nicht drei Plätze weiter wie ursprünglich geplant?“

„Das ist meine Schuld“, antwortete Freddie. „Ganz allein meine“, betonte er. „Ich finde, es ist mein Privileg als Trauzeuge, die hübscheste aller Brautjungfern neben mir zu haben.“

Behutsam strich Sylvia über einen funkelnden Saphir, der an einem schlichten Band um ihren Hals hing. „Ist der nicht wunderschön?“, fragte sie. „Sir James hat jeder Brautjungfer einen solchen Anhänger geschenkt.“

„Man sollte dich mit Juwelen überschütten“, sagte Freddie voller Überschwang. Sylvia lächelte schüchtern.

Bevor das festliche Mahl begann, erhob Freddie sein Glas und brachte einen Toast auf das frisch vermählte Paar aus. Doch dann erschrak Gail fast zu Tode. Kaum hatte er seine kleine Rede beendet, stand auch Alex auf. Ein Raunen ging durch die Hochzeitsgesellschaft. Schließlich wusste jeder der Gäste, dass der älteste Sohn die Entscheidung seines Vaters nicht billigte.

„Sie alle dachten, ich würde nicht mehr kommen, nicht wahr?“ Er grinste. „Aber ich muss Ihnen sagen, dass mich nichts auf der Welt davon hätte abhalten können. Seit dem Tod unserer Mutter haben mein Bruder und ich jeden Tag sehen können, wie einsam sich Dad fühlte. Und wir wünschten uns nichts sehnlicher, als dass er eines Tages wieder glücklich sein würde. Alle, die meinen Vater gern haben – und ich denke, das sind alle, die ihn kennen –, schätzen sich mit mir glücklich, jetzt auf ihn – und auf seine Frau – zu trinken.“ Er erhob das Champagnerglas, und auch die übrigen Gäste prosteten dem Brautpaar zu.

Sir James strahlte vor Glück, und auch Lady Medway blickte stolz in die Runde.

Nach dem ausgezeichneten Essen war es endlich Zeit zu tanzen. Kaum hatten die Kellner die Tische abgeräumt und zur Seite geschoben, verneigte sich Sir James vor seiner jungen Frau – und entpuppte sich als wirklich brillanter Tänzer. Begeistert klatschten die Gäste Beifall – allen voran Alex. Dann füllte sich die Tanzfläche mit den übrigen Gästen. Ohne eine Sekunde zu zögern, forderte Freddie Sylvia auf. Gerade wollte Gail sich umdrehen, um noch ein paar wichtige Dinge mit dem Oberkellner zu besprechen, da wirbelten auch schon Sir James und Liliane an ihr vorbei.

„Kommen Sie! Sie müssen tanzen“, rief er ausgelassen.

„Ich bin aber hier, um zu arbeiten“, gab Gail zurück und lachte.

„Unsinn. Amüsieren Sie sich. Alex, mein Sohn, halt sie sofort davon ab!“

„Sie haben gehört, was mein Vater gesagt hat.“

„Sie müssen nicht mit mir tanzen“, sagte sie knapp.

„Ich muss. Immerhin ist es Dads Wunsch. Wir wollen ihm seinen großen Tag doch nicht verderben. Das haben Sie selbst gesagt.“

„Da ging es ja auch um ernste Dinge und nicht um eine Laune.“

„Dads Launen sind ihm aber wichtig. Er hat immer seinen Willen durchgesetzt, denn nur so konnte er Erfolg haben. Sehen Sie, er beobachtet uns.“

„Dann dürfen wir ihn nicht enttäuschen“, gab sie kühl zurück.

Zu ihrer großen Überraschung war Alex ein genauso guter Tänzer wie sein Vater. Er führte mit einer Leichtigkeit und einem Rhythmusgefühl, dass sie es kaum glauben konnte. Die Geschmeidigkeit seines Körpers erinnerte nicht im Geringsten mehr an die Härte, die er sonst ausstrahlte. Ein langer, arbeitsreicher Tag lag hinter Gail, doch mit einem Mal schien all der Stress wie weggewischt zu sein, und sie gab sich ganz der Musik hin. Sie empfand wirklich keine Sympathie für Alex – aber er tanzte großartig.

„Ihre Rede hat mir sehr gut gefallen“, sagte sie, nur um irgendetwas zu sagen.

„Sie hätten Ihr Gesicht sehen sollen“, erwiderte er. „Ganz offensichtlich haben Sie das Schlimmste von mir erwartet. Egal, Sie müssen wissen, dass mein Vater mir alles bedeutet. Zugegeben, ich wollte die Hochzeit verhindern und bin gescheitert. Das muss ich akzeptieren. Sie tanzen übrigens ausgezeichnet.“

„Sie auch“, bemerkte sie. „Aber eigentlich bin ich nicht zum Tanzen hier – und auch nicht entsprechend angezogen.“

„Richtig. Ich kann Sie mir gut in einem langen, eng anliegenden Kleid vorstellen, vielleicht eins aus schwarzer Seide.“

„Ich glaube nicht, dass mir so etwas stehen würde.“

„Sie wissen nicht, was zu Ihnen passt“, sagte er, und die Arroganz in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Ich dagegen schon. Und ich würde Sie gern in einem solchem Kleid sehen.“

„Da muss ich Sie enttäuschen. Nach dieser Feier werden wir uns wohl kaum noch einmal über den Weg laufen.“

Alex lächelte unmerklich. „Ich glaube, da täuschen Sie sich.“

„Das tue ich ganz und gar nicht“, sagte sie bestimmt.

„Aber Sie müssen doch zugeben, dass wir ein großartiges Paar abgeben.“

„Das ist ja wohl nicht wichtig. Außerdem tanze ich so gut wie nie …“

„Das sollten Sie aber. Und zwar mit mir.“

Alex war unmöglich. Am besten, sie schwieg einfach. Nach einer Weile blickte Gail zu ihm auf. Ein warmes Lächeln umspielte seinen Mund. Sie lächelte zurück. Dann mussten sie beide lachen. „So ist es besser“, bemerkte er. „Warum sind Sie eigentlich immer so beherrscht?“

„Sie haben eine lebhafte Fantasie, Mr. Medway“, gab sie spröde zurück.

„Da irren Sie sich. Aber ich weiß, was ich sehe. Sie sind eine äußerst interessante Frau, nach außen kühl und streng, im Innern aber haben Sie Feuer.“

„Sie können gar nicht beurteilen, wie es in mir aussieht“, gab sie verärgert zurück.

„Das kann ich doch. Ich fühle es, wenn Sie mit mir tanzen.“

„Halten Sie bitte mehr Abstand. Die Leute sehen schon zu uns herüber!“

„Das tun sie nur, weil wir so perfekt miteinander tanzen. Da sollten wir sie nicht enttäuschen.“

Das Orchester spielte eine Rumba. Noch bevor Gail sich aus seinen Armen befreien konnte, hatte Alex sie auch schon in eine Folge komplizierter Schritte verwickelt, die ihre ganze Aufmerksamkeit forderten. Was war eigentlich mit ihr los? Sie tanzte mit einem völlig Fremden, der ihr nicht einmal sympathisch war! Und jetzt auch noch diese Rumba – ein Tanz, bei dem sich die Hüften der Partner ständig berührten. Was dann geschah, kam für Gail so überraschend, dass sie nicht mehr einhalten konnte – oder wollte. Sie tanzten Hüfte an Hüfte, eng, voller Harmonie, und die Bewegungen waren so selbstverständlich wie fließend, als alle Angst von Gail wich und einer unbändigen Freude Platz machte. Sie wollte am liebsten vor Glück singen.

Während ein wunderschönes Trompetensolo das Stück beendete, beugte Alex sie noch einmal sanft gegen seinen Arm. Intuitiv gab Gail dem Druck nach, und Alex folgte der Bewegung. Sein Gesicht war nun ganz dicht über ihrem – mit halb geschlossenen Augen, voller Sinnlichkeit, wie kurz vor einem Kuss. Ihr Herz schlug immer schneller …

Begeisterter Applaus holte Gail in die Wirklichkeit zurück. Jetzt erst wurde ihr klar, dass sie beide allein auf der Tanzfläche waren. Die anderen Paare hatten einen Kreis um sie gebildet und ihnen zugesehen. Alex war genauso überrascht wie sie. Hatte sie sich etwa vor den anderen zur Schau gestellt? Egal, dachte Gail, es ist doch wirklich egal. Noch immer fühlte sie sich wie im Rausch.

„Wenn wir das hier wiederholen, werden Sie ein schwarzes enges Kleid tragen“, sagte Alex mit rauer Stimme.

„Aber wir … ich denke nicht …“, stammelte Gail. Es war höchste Zeit zu gehen. Die Gegenwart dieses Mannes überwältigte sie. „Entschuldigen Sie“, sagte sie steif. „Ich muss der Braut bei den Vorbereitungen zur Abreise helfen.“

So schnell sie konnte, eilte sie von der Tanzfläche und folgte Sylvia und Liliane die Treppe hinauf. Sie half beim Umziehen und war froh, sich von den Gedanken an Alex Medway ablenken zu können.

Prüfend betrachtete Liliane sich im Spiegel. Das Gepäck war bereits im Wagen verstaut worden. „Das Kostüm steht Ihnen ungemein gut“, sagte Sylvia mit ernster Stimme.

„Habe ich wirklich nichts vergessen?“ Liliane klang besorgt.

„Nur den Brautstrauß“, erinnerte Gail sie. „Eigentlich hätten Sie ihn vorhin von der Treppe aus werfen sollen.“

„Ach, das kann ich auch gleich noch machen.“

Es klopfte an der Tür. „Bist du fertig, Liebling?“ Es war Sir James.

Als beide zusammen an die Treppe traten, jubelten die Gäste ihnen zu. Sir James und Liliane stürmten lachend die Stufen hinunter und hinaus zum Wagen, wo der Chauffeur bereits auf sie wartete. Liliane hielt einen Moment inne und warf die Blumen in hohem Bogen hinter sich – zufällig dorthin, wo Gail und Sylvia standen. Gail versuchte noch, einen Schritt beiseite zu treten, damit Sylvia den Strauß fangen konnte. Doch Alex hielt sie am Ellenbogen fest, und die Blumen landeten in ihren Armen.

Gail zwang sich zu einem Lächeln und warf den Strauß schnell weiter zu Sylvia. „Aber er gehört dir“, protestierte ihre Cousine lachend.

„Das sehe ich nicht so“, erwiderte Gail und drehte sich um.

Alex nahm ihren Arm. Dann gingen sie ins Haus zurück. „Und wohin geht die Hochzeitsreise des glücklichen Paares?“

„In die Karibik, auf eine Kreuzfahrt.“ Sie war gespannt, ob er wieder einen zynischen Kommentar abgeben würde.

Er wusste genau, was sie dachte, und schüttelte den Kopf. „Ich sage nichts dazu – zumindest nicht, solange sie nicht ihr wahres Gesicht zeigt.“

„So lange sie Ihren Vater glücklich macht, ist es doch gut, oder?“

„Ich gebe den beiden drei Monate. Dann wird auch er erkannt haben, mit wem er es zu tun hat. Natürlich spekuliert sie auf eine hohe Abfindung, aber das werde ich zu verhindern wissen.“

„Vielleicht trennen die beiden sich ja gar nicht. Sie können doch nicht für Ihren Vater entscheiden. Auch wenn Sie sonst den Leuten sagen, was sie tun sollen.“

„Das ist schließlich mein Job“, sagte er überrascht.

„Aber jetzt sind Sie nicht bei der Arbeit.“

„Aber Sie sind es, nicht wahr? Und ich darf wohl sagen, dass Sie mit Ihrer Erfolg hatten.“

Der magische Zauber, der beide vorhin auf der Tanzfläche noch vereint hatte, war verschwunden und der aggressiven Spannung gewichen, die eingangs zwischen ihnen geherrscht hatte. „Wenn Sie mich beleidigen wollten, Mr. Medway, dann haben Sie es geschafft“, sagte Gail spitz. „Ich bin zwar eine gute Geschäftsfrau, aber ich schwatze den Leuten nichts auf, was sie sich nicht auch leisten können.“

„Da haben Sie ja Glück, schließlich kann mein Vater sich eine ganze Menge leisten.“

„Geht es bei Ihnen eigentlich immer nur ums Geld?“

„Meistens. Wissen Sie, wenn man Geld hat, sind das größte Problem die Leute, die es darauf abgesehen haben.“

„Ich verstehe. Sie lehnen Liliane also ab, weil Sie um Ihr Erbe fürchten.“

Er runzelte die Stirn. „Jetzt werden Sie aber beleidigend.“

„Es ist nur meine ehrliche Meinung. Sie selbst nehmen von allen Menschen immer nur das Schlechteste an und wundern sich dann, wenn man mit Ihnen das Gleiche tut. Ihr Problem ist, Mr. Medway, dass Sie zwar sehr gut austeilen, aber selbst nicht einstecken können. Und jetzt entschuldigen Sie mich.“

Dann drehte sie sich um und verließ Alex so schnell sie konnte. Er strahlte diese animalische Vitalität aus, die sie zwar ungemein erregte, aber auch zutiefst verunsicherte.

„Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen“, sagte Alex. Er war ihr gefolgt.

„Das gilt auch für mich. Ich hätte Ihnen das nicht an den Kopf werfen sollen. Es war eine billige Retourkutsche.“

„Und außerdem nicht wahr. Mir gehört bereits eine große Portion von Medway Industries. Mein alter Herr hat mich zum Teilhaber gemacht, als ich die Geschäftsleitung übernahm. Ich gebe ja zu, dass es mir nicht schmecken würde, wenn Lily Hatch den Rest davon in ihre kleinen Finger bekäme, aber dabei geht es mir nicht ums Geld. Der größte Reichtum, den mein Vater mir vermacht hat, ist sein Geschäftssinn, und den kann mir ohnehin niemand nehmen. Egal, was also passiert – ich bin auf der sicheren Seite, was man von Freddie nicht unbedingt behaupten kann.“

„Aber er scheint doch ganz clever zu sein.“

„Er ist leicht zu beeindrucken, um es gelinde auszudrücken. Ich habe für ihn etwas im Verkauf gefunden, wo er durchaus zu gebrauchen ist und zudem keinen großen Schaden anrichten kann.“

„Wie bitte?“ Gail traute ihren Ohren nicht. „Das klingt ziemlich gönnerhaft, meinen Sie nicht?“

„Er braucht jemanden, der sich um ihn kümmert. Und ich habe das schon immer getan. Was ist daran gönnerhaft?“

„Er ist erwachsen.“

„Er spielt gern mit dem Feuer, und ich achte darauf, dass er sich nicht verbrennt.“ Alex beobachtete seinen Bruder, der gerade mit Sylvia tanzte. „Wo ich gerade davon spreche, wer ist eigentlich die Brautjungfer, die er da in den Armen hält?“

„Du meine Güte!“ Gail war außer sich. „Darf er noch nicht mal selber seine Tanzpartnerin auswählen?“

„Immerhin ist er mit ihr gerade auf die Terrasse verschwunden. Es geht ihm also nicht nur ums Tanzen.“

„Das ist doch allein seine Angelegenheit.“

„Nicht, wenn es sich bei der Person um eine von Lilys habgierigen Freundinnen handelt.“

„Sie irren sich“, erwiderte Gail und konnte nur mühsam ihren Zorn unterdrücken. „Sie ist doch nur meine Cou…“

„Warten Sie“, unterbrach Alex sie und eilte zur Terrassentür. Aber Gail ließ sich nicht abschütteln.

„Lassen Sie ihn in Ruhe!“

„Niemals.“ Zielstrebig trat er hinaus, gefolgt von der wutschäumenden Gail.

Freddie und Sylvia saßen auf der niedrigen Mauer und hielten sich an den Händen. Es war ein so rührend altmodischer Anblick, dass Gail lächeln musste. Alex jedoch hatte kein Auge dafür. Auf sein lautes Räuspern hin sah Freddie hoch, und Sylvia zog schnell die Hand weg. „Du bringst es immer fertig, im richtigen Moment zu kommen, Bruderherz“, bemerkte Freddie und schnitt eine Grimasse.

„Ganz offensichtlich. Und du hast die Gabe, deine Pflichten zu vernachlässigen“, konterte Alex. „Dad ist weg, also bist du der Gastgeber und solltest dich auch um die Gäste kümmern.“

Freddie grinste. „Aber sie haben doch dich. Da brauchen sie mich gar nicht.“

„Du lebst in diesem Haus, ich nicht“, beschwor Alex seinen jüngeren Bruder. „Also komm.“

„Aber sonst bin ich nie so wichtig“, brummelte Freddie. „Normalerweise heißt es nur ‚Freddie, tu dies‘ oder ‚Freddie, setz dich in Bewegung‘.“

„Freddie, setz dich in Bewegung. Jetzt!“, forderte Alex ihn mit fester Stimme auf.

Das passte Freddie gar nicht, doch Sylvia legte beschwichtigend die Hand auf seinen Arm. „Dein Bruder hat recht“, sagte sie. „Ich sollte nicht deine ganze Zeit in Anspruch nehmen.“

„Warum denn nicht?“, erwiderte Freddie trotzig und gab Sylvia einen flüchtigen Kuss auf den Mund. Dann stand er auf und nahm ihre Hand, sodass Sylvia mit ihm gehen musste …

„Ein Tyrann ist nichts dagegen“, fauchte Gail.

„Eine Mitgiftjägerin in der Familie ist mehr als genug“, gab Alex zurück. „Mein Bruder soll nicht auch noch zum Opfer werden.“

„Wie können Sie es wagen, Sylvia eine Mitgiftjägerin zu nennen!“

„Sie war wegen des Saphiranhängers ganz aus dem Häuschen.“

„Aber das heißt doch noch lange nicht …“

„Und sie ist Lilys Freundin. Das allein reicht schon.“

„Dann haben Sie sich zum ersten Mal geirrt“, stellte Gail fest. „Von Freundschaft ganz zu schweigen, sind die beiden sich heute Morgen zum ersten Mal begegnet. Da wir eine Brautjungfer zu wenig hatten, sprang Sylvia ein, die im Übrigen meine Cousine ist.“

Das hatte Alex nicht erwartet. Ungläubig starrte er sie an. Gail kostete diesen Moment nach Herzenslust aus. „Na gut“, sagte er zögernd. „Ich wollte Ihre Cousine wirklich nicht beleidigen …“

„Es kümmert Sie doch gar nicht, wen Sie beleidigen, so lange Sie nur Ihren Willen durchsetzen.“

Alex schwieg. Dann atmete er tief und bemühte sich, die richtigen Worte zu finden. „Wir beide haben ein Problem“, sagte er schließlich.

„Darauf können Sie wetten.“

„Ich meine damit, dass wir vollkommen gegensätzlich aufeinander reagieren.“

„Das stimmt so nicht. Meine Reaktion ist immer dieselbe – Abneigung.“

„Und was war vorhin, als wir miteinander getanzt haben?“

Sie verzog den Mund. „Ein Tanz! Was bedeutet der schon!“

„Er bedeutet das hier“, sagte er leise und nahm sie fest in die Arme.

Ehe sie sich versah, spürte sie seine Lippen auf ihrem Mund. Es war eine Berührung, die kleine, brennende Pfeile durch ihren Körper schoss. Genauso hatte es sich angefühlt, als sie miteinander tanzten. Und doch – was bildete er sich eigentlich ein! Die Selbstverständlichkeit, mit der er sie küsste, machte sie wütend. Mit einer schroffen Bewegung befreite sie sich aus der Umarmung. „Dazu haben Sie kein Recht“, stieß sie atemlos hervor.

Unbeirrt von ihrer Reaktion betrachtete er ihr Gesicht. „Ich glaube, dass man manchmal ohne Umschweife auf den Punkt kommen muss. Wir hatten einfach einen schlechten Start, aber tief im Innern fühlen wir uns zueinander hingezogen.“

„Da täuschen Sie sich aber ganz gewaltig.“

„Ich treffe schnell Entscheidungen, denn ich weiß, was ich will, und ich will dich. Wenn du dich bedrängt fühlst, tut es mir leid. Es mag ja sein, dass du mehr Zeit brauchst, aber am Ende wird dabei das Gleiche herauskommen.“

Diese offene Arroganz machte sie zunächst sprachlos. Doch dann sammelte sie sich. „Mr. Medway, bitte glauben Sie mir, dass Sie ein Mensch sind, den ich zutiefst verabscheue und …“

„Ich dachte, das hätten wir bereits geklärt“, unterbrach er sie voller Ungeduld. „Da ist etwas zwischen uns, ob es uns nun gefällt oder nicht.“

„Und Ihnen gefällt es wohl nicht?“, fragte sie schnippisch.

„Wie ist es denn mit dir? Immerhin hast du einer kleinen Betrügerin dabei geholfen, meinen Vater zum Narren zu halten. Trotzdem bin ich verrückt nach dir, und ich kann nicht auf dich verzichten. Ich will dich spüren, in meinen Armen und in meinem Bett. So einfach ist das. Natürlich lasse ich mich nicht zum Narren halten, aber sonst kannst du alles von mir haben.“

Gail traute ihren Ohren nicht – hatte er all diese Dinge wirklich gesagt? „Und wie sollte ich Sie bitte zum Narren halten?“

„Ich biete dir wirklich nur das Beste. Eine schöne Wohnung, Schmuck, eine goldene Kreditkarte, alles, was du dir nur vorstellen kannst. Alles außer einer Heirat.“

„Sie glauben wirklich, ich wäre darauf erpicht, Sie zu heiraten? Da überschätzen Sie sich aber gewaltig.“

„Ich habe wohl eher dich überschätzt. Immerhin dachte ich, dass du vernünftig genug bist, etwas Gutes zu erkennen, wenn du es siehst.“

„Etwas Gutes?“, wiederholte sie voller Ironie. „Sie? Ein Mann mit der Empfindsamkeit einer Registrierkasse?“

„Da bin ich nicht der Einzige“, gab Alex kühl zurück. „Ich habe dir gerade den Schlüssel zu dieser Kasse angeboten, zumindest für eine gewisse Zeit.“

„Alles Geld der Welt könnte mich nicht in Versuchung führen“, erwiderte sie schroff.

„Jetzt komm, bist du dir wirklich so sicher? Ich kann mir schon vorstellen, dass dein Boss dir für jeden Auftrag, den du an Land ziehst, ein paar Scheine extra zahlt. Aber sind die wirklich die viele Arbeit wert?“

„Sie kennen mich ja gar nicht und wissen überhaupt nichts über mein Leben.“

„Eins weiß ich doch. Tief in deinem Inneren willst du mich. Ich weiß es, weil ich genauso fühle. Höre also einfach auf, die Schüchterne zu spielen, und gib mir eine ehrliche Antwort.“

„Das habe ich, aber Sie wollen sie ja nicht hören“, gab sie ärgerlich zurück. „Soll ich vielleicht laut schreien, damit ich zu Ihnen durchdringe?“

„Ich zeige dir, wie du am besten zu mir durchdringst“, sagte er mit rauer Stimme und nahm sie in die Arme.

„Lassen Sie das, ich …“ Sein Mund verschloss ihre Lippen.

Vergeblich versuchte sie, sich zu befreien. Doch Alex duldete keinen Widerspruch, so sehr war er davon überzeugt, dass auch sie ihn wollte. Also hörte Gail auf, sich zu wehren. Ohne jede weitere Regung lag sie in seinen Armen.

Nach wenigen Augenblicken hielt er inne. „Passiver Widerstand“, murmelte er anerkennend. „Das finde ich gut. Du hast Fantasie.“

„Sie sind ein …“

„Aber ich habe auch eine ganze Menge davon“, unterbrach er sie. Seine Lippen liebkosten ihren Nacken. „Mach nur weiter“, murmelte er. „Sage mir doch, wie unglaublich ich bin. Ich kann dich küssen und dir gleichzeitig auch zuhören.“

„Du hast vielleicht Nerven“, flüsterte sie. „Lass mich los. Wie kannst du nur so tun, als ob … mmhh.“ Sie stöhnte, als er mit der Zungenspitze die Stelle hinter ihrem Ohrläppchen berührte. Sie fühlte sich davon so erregt, dass es ihr den Atem raubte …

Er lachte. Sie spürte, wie seine Lippen zitterten. „Aber ich tue immer so, ‚also ob‘“, murmelte er. „Das ist die schnellste Art, ein ‚als ob‘ Wirklichkeit werden zu lassen.“

„Du denkst also, du kannst über mich kommen wie eine Urgewalt?“, fragte sie mit brüchiger Stimme.

„Das ist doch gar nicht so schlecht, oder?“, flüsterte er und folgte mit den Lippen der Form ihrer Wangen. Diese Berührung erregte sie noch mehr, und sie spürte, wie allmählich ihr ganzer Körper von diesem Gefühl ergriffen wurde. Alex tat, was er wollte, und sie war absolut machtlos dagegen.

„Du machst mich verrückt“, flüsterte er. „Und ich glaube, es geht dir genauso. Worauf wartest du noch?“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, verschloss er ihre Lippen mit einem leidenschaftlichen Kuss und drückte dabei Gail noch fester an sich. Als sie ihn spürte, schwand auch der letzte Rest Widerstand dahin. Niemals hätte sie sich vorstellen können, dass sie zu einer solchen Erregung fähig sein würde. Sie war nicht mehr sie selbst, sondern eine Frau, die sich einfach nur nach Alex Medways starken Armen sehnte.

Alex bedeckte ihr Gesicht über und über mit Küssen. „Mal ehrlich, Gail. Klingt mein Vorschlag jetzt nicht etwas anziehender für dich?“

„Wie bitte?“

„Betrachte ihn doch mal von der praktischen Seite – oder brauchen wir noch ein bisschen mehr Überredungskunst?“

Sein Lächeln wirkte so siegessicher, dass es Gail eher wie eine Grimasse vorkam. Mit einem Mal war sie wieder sie selbst. „Wir brauchen absolut nichts“, sagte sie mit eisiger Stimme. „Ich habe mich bereits entschieden.“

„Umso besser.“ Alex berührte ihre Lippen. „Warum zeigst du mir nicht …?“

Mit aller Kraft stieß Gail ihn von sich. „Ich sagte, ich habe mich entschieden. Und das bedeutet Nein.“

Jetzt beging Alex einen großen Fehler. „Ich glaube, du meinst das nicht ernst“, sagte er. „Dein Verstand sagt zwar Nein, aber dein Körper sagt Ja.“

Er versuchte, sie wieder an sich zu ziehen. Das war zu viel. Mit einer Kraft, die sie selbst am meisten überraschte, stieß Gail ihn weg und gab ihm eine schallende Ohrfeige. „Jetzt gibt es wenigstens keine Missverständnisse mehr!“

Mit diesen Worten drehte sie sich um und rannte die Stufen hinunter. Sie hörte nicht auf zu laufen, bis sie endlich ihren Wagen erreicht hatte. Ohne sich noch einmal umzuschauen, fuhr sie davon.

3. KAPITEL

Gail ahnte, was kommen würde, als sie von Sylvia im Büro erwartet wurde. „Gail“, schluchzte diese überglücklich, „ich bin verlobt. Freddie hat mich letzte Nacht gefragt, und ich habe Ja gesagt.“

„Das ist wunderbar!“ Gail bemühte sich, möglichst begeistert zu klingen.

Seit der Hochzeit auf Gracely Manor waren drei Monate vergangen. Drei Monate, in denen Sylvia sich immer öfter mit Freddie getroffen hatte. Natürlich hatte sie ihrer Cousine von jeder Verabredung berichtet, schließlich war sie bis über beide Ohren in Freddie verliebt. Gails anfängliche Hoffnung, dass sich ihre heftigen Gefühle mit der Zeit legen würden, wurde enttäuscht. Sie gönnte Sylvia alles Glück dieser Erde, fürchtete aber, dass diese am Ende genauso bitter enttäuscht werden würde wie sie selbst zuvor.

„Freust du dich wirklich für mich?“, fragte Sylvia. „Ich weiß, dass du Freddie nicht besonders magst …“

„Wie kommst du darauf? Natürlich mag ich ihn. Er ist sehr charmant.“

„Na ja, du hast mich aber immer davor gewarnt, die Sache allzu ernst zu nehmen. Auf Charme allein, das waren deine Worte, könne man nicht bauen.“

„Es tut mir leid, Sylvia, ich wollte keine Spielverderberin sein. Es ist nur …“

„Du denkst an David, nicht wahr? Aber glaube mir, Freddie ist völlig anders.“

„Niemand kann im Voraus wissen, wie der andere unter Druck reagiert“, erklärte Gail. „Auch mit David schien alles in Ordnung, bis die Familie ihm massiv zusetzte.“

„Aber Freddies Familie ist da ganz anders. Wir sind gestern Abend nach Gracely Manor gefahren und haben von unserer Verlobung erzählt. Sir James ist völlig aus dem Häuschen.“

„Und Lady Medway?“

„Sie war nicht da. Sie ist in London und kauft ein.“

„Seltsam, sie scheint nie da zu sein“, murmelte Gail. Seit die Medways von ihrer Hochzeitsreise zurück waren und Freddie Sylvia öfter mit nach Hause genommen hatte, hielt sich Lady Medway in der Regel zum Shopping in London auf. Nach wie vor schien Sir James seine Frau abgöttisch zu lieben, auch wenn er, laut Sylvia, über ihre häufige Abwesenheit nicht erfreut war.

„Was ist mit Alex?“, fragte Gail.

„Ich weiß es nicht. Er lebt ja nicht auf Gracely Manor. Er hat zwar dort ein Zimmer, aber eigentlich wohnt er in London. Im Moment ist er auf Geschäftsreise irgendwo im Ausland. Warum sollte er dagegen sein?“

„Nun, manchmal kommt er auf merkwürdige Ideen“, sagte Gail nachdenklich. „Erinnere dich nur daran, wie sehr er gegen die Heirat seines Vaters war. Jeder, der in seine Familie einheiraten will, hat es seiner Meinung nach nur auf das Geld abgesehen.“

„Magst du Alex nicht?“, fragte Sylvia.

„Absolut nicht.“

„Das ist seltsam.“

„Das finde ich nicht. Jeder, der ihn kennt, wird zu diesem Schluss kommen.“

„Aber ich hatte den Eindruck, dass … Na ja, als ihr zusammen Rumba getanzt habt, da … Freddie meint, dass ein Paar, das so perfekt Rumba tanzt, eigentlich etwas anderes im Sinn hat.“ Nun war es heraus, und Sylvia räusperte sich verlegen, als sie Gails eisigen Blick bemerkte.

„Freddie besitzt eine lebhafte Fantasie, die er besser unter Kontrolle halten sollte.“

„Ich verstehe“, erwiderte Sylvia leise.

„Du willst also gar nicht wissen, was Freddie sonst noch gesagt hat?“

„Du wirst es mir sicherlich erzählen.“

„Er sagte, dass Alex immer alles bekommt, was er sich in den Kopf gesetzt hat. Genauso wie Sir James.“

„Da kann ich ja beruhigt sein, denn schließlich wollen wir nichts voneinander.“

„Aber Freddie …“

„Sylvia, bitte verschone mich mit Freddies Äußerungen, denn sonst werde ich sauer“, unterbrach Gail sie energisch.

„Ich bin schon still. Sir James hat uns alle für heute Abend zum Dinner eingeladen. Das passt dir doch oder?“

„Natürlich.“

„Freddie möchte mir nachher in der Mittagspause einen Ring kaufen. Meinst du, ich könnte …“

„Keine Sorge, nimm dir Zeit.“

Unter keinen Umständen wollte Gail ihrer Cousine die Freude verderben. Außerdem sollte Sylvia nicht merken, dass es noch einen anderen Grund gab, warum die Verlobung ihr Kopfzerbrechen bereitete. Zwangsläufig würden Gail und Alex sich öfter über den Weg laufen, und das war wirklich das Letzte, was sie wollte.

Nur sehr mühsam konnte Gail sich auf die Arbeit konzentrieren. Immer wieder musste sie an Alex denken. Dabei hatte sie es während der vergangenen drei Monate am Ende geschafft, ihn beinahe aus ihren Gedanken zu vertreiben. Nur dann, wenn eine bestimmte Musik im Radio erklang, lebte in ihrer Erinnerung jener Abend wieder auf …

Was sie am meisten daran ärgerte, war ihr eigenes Verhalten. Wie hatte sie sich nur derart gehen lassen können! Sie war ja förmlich in seinen Armen dahingeschmolzen – ganz entgegen ihrer sonst so reservierten Art. Im Grunde hatte sie nur seine Arroganz vor weiteren und viel schlimmeren Fehlern bewahrt.

Mittags eilte Sylvia zu ihrer Verabredung mit Freddie und kam nach zwei Stunden mit einem funkelnden Diamantring am Finger zurück. „So einen großen Diamanten wollte ich eigentlich gar nicht“, sagte Sylvia. „Aber Freddie war so begeistert davon, dass ich ihn nicht enttäuschen mochte.“

Obwohl sie Hochsommer hatten, bezog sich der Himmel immer mehr, und am späten Nachmittag goss es wie aus Kübeln. Als sie sich schließlich auf den Weg nach Gracely Manor machten, tobte bereits ein Unwetter. Nach einer geraumen Weile hatten sie ihr Ziel beinahe erreicht. „Weiß Freddie über deinen Vater Bescheid?“, fragte Gail so beiläufig wie möglich.

„Er weiß nur, dass er Buchhalter in einer Fabrik war und jetzt arbeitslos ist.“

„Das ist alles?“

„Du meinst wegen …“ Sylvia sprach nicht weiter.

Sylvias Vater war der Onkel Rex, über den sich Davids Mutter so empört hatte. Im Grunde war er ein sehr liebenswürdiger Mensch – mit einer unglücklichen Schwäche. Er war spielsüchtig, und er verlor meistens. Um seine Schulden zu begleichen, hatte er sich am Geld der Firma vergriffen und war dabei ertappt worden. Die Familie tat alles, um ihn vor einer Anklage zu bewahren. Die Schulden wurden bezahlt, und sein Arbeitgeber gab sich mit einer fristlosen Kündigung zufrieden. Doch danach war es mit Onkel Rex nur noch bergab gegangen, und er lebte immer am Randes des Gesetzes.

Seitdem Gail beruflich immer erfolgreicher wurde, hatte sie ihm schon öfter aus der Patsche geholfen. Doch leider hielt Onkel Rex ihre Hilfe für selbstverständlich und bemühte sich gar nicht um Besserung. Schließlich hatte sie jegliche Unterstützung abgelehnt. Als er dann beim Bagatelldiebstahl erwischt worden war, wurde er zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt.

Es war eine Geschichte, dachte Gail, die Alex in seinem Vorurteil bestätigen würde. „Hast du Freddie alles erzählt?“, fragte sie erneut.

„Ich habe nicht daran gedacht. Meinst du, ich sollte es ihm sagen?“

Gail nickte entschlossen. „An deiner Stelle würde ich es tun, bevor Alex es herausfindet.“

Als sie Gracely Manor erreichten, zeigte Sylvia auf eines der Fenster. „Sieh doch nur, da ist Lady Medway. Sir James hat sie eigentlich nicht vor Ende der Woche aus London zurückerwartet.“

„Sie wird dir zu Ehren früher gekommen sein“, meinte Gail. Aber bei dem Gesichtsausdruck, den Lady Medway bei der Begrüßung zeigte, glaubte sie selbst nicht daran.

Sir James empfing beide mit offenen Armen. Liliane dagegen zeigte sich ziemlich reserviert, so als ob sie die beiden zum ersten Mal traf. Sie trug ein elegantes Kostüm und war perfekt zurechtgemacht. Man konnte fast annehmen, sie hätte ihr ganzes Leben in stilvoller Umgebung verbracht.

„Wie schön, Sie zu sehen“, sagte sie höflich. „Das Mädchen bringt uns gleich den Sherry.“ Eine junge Frau mit einem Tablett voller Gläser trat ein. Sie trug ein schwarzes Kleid mit weißer Schürze und ein gestärktes Häubchen auf dem Kopf. „Wir nehmen den Sherry dort drüben“, sagte Lady Medway.

„Sehr wohl, gnädige Frau.“

Gail staunte. Als sie das letzte Mal hier gewesen war, hatten die Angestellten ihre ganz normale Kleidung getragen und mit Sir James einen zwar höflichen, aber doch ungezwungenen Umgang gepflegt.

„Ich möchte endlich den Ring sehen!“ Sir James griff nach Sylvias Hand und drehte sie in Lilianes Richtung.

„Sehr schön“, sagte Lady Medway und lächelte kühl. „Aber war das denn nötig, Freddie?“

Sir James und Freddie tauschten einen kurzen Blick aus. Gail war sicher, dass nicht der Sohn, sondern der Vater den Ring bezahlt hatte. Auch Liliane schien dies zu denken. Prüfend betrachtete sie ihren eigenen Verlobungsring, der natürlich größer und schöner war als der ihrer zukünftigen Schwiegertochter – aber nur ein wenig. Sylvia hatte von all dem nichts bemerkt.

„Wollen wir jetzt zu Abend essen?“, fragte Sir James fröhlich.

„Noch nicht, Liebling“, ermahnte Liliane ihn mit sanfter Stimme. „Das Mädchen gibt uns Bescheid.“

„Ja … richtig.“ Sir James wirkte plötzlich wie ein schüchterner Junge.

Da erschien auch schon das Hausmädchen in der Tür. „Das Dinner ist angerichtet, gnädige Frau.“

„Das ist ja toll!“ Sir James war sichtlich begeistert, was seine Frau mit einem frostigen Lächeln quittierte.

„Du solltest Sylvia an ihren Platz geleiten“, beharrte Liliane. „Schließlich ist sie unser Ehrengast.“

„Warum gehen wir nicht alle zusammen hinein?“, sagte Freddie und zog Gail mit sich. „Die ganze Zeit ist das so – kaum auszuhalten!“, flüsterte er.

Während des Essens ließ Sir James dann die Bombe platzen. „Als Freddie mir von der Verlobung mit Sylvia erzählte, habe ich sofort gesagt, dass du die Hochzeit organisieren musst, Gail“, sagte er voller Freude. „Es soll alles so sein wie bei Liliane und mir – nur das Beste, und ich bezahle natürlich. Nein, nein, meine Liebe, ich muss darauf bestehen“, betonte er, zu Sylvia gewandt, die protestieren wollte. „Ich habe mir schon immer eine Tochter gewünscht, und jetzt bekomme ich endlich eine. Das muss gebührend gefeiert werden.“

„Aber wirklich, ich brauche kein großes Fest“, warf Sylvia ein. „Eine schlichte Trauung und ein kleiner Empfang mit den engsten Freunden …“

„Das finde ich auch“, unterbrach Liliane sie. Dann legte sie die Hand beschwichtigend auf den Arm ihres Mannes. „Du solltest die arme, kleine Sylvia nicht überfordern, Liebling. Abgesehen davon eilt es mit der Hochzeit doch auch gar nicht. Sie sind beide noch so jung. Da will alles gut überlegt sein, nicht wahr?“

Ganz offensichtlich war Liliane gegen diese Verbindung. Wie eine Katze hatte sie die Krallen eingezogen – jederzeit zum Sprung bereit. Aber warum nur? Gail wüsste es nur zu gern. Was hatte Liliane gegen Sylvia?

Sir James schien die Einwände seiner Frau überhaupt nicht wahrzunehmen. „Unsinn“, beharrte er von Herzen. „Wenn ihr euch einig seid, solltet ihr euer Vorhaben so schnell wie möglich in die Tat umsetzen. Euer Fest wird genauso schön werden wie unseres – nur größer und schöner. Ich will nicht, dass jemand sagt, wir hätten bei Freddies Hochzeit gespart.“ Dann blickte er zu Sylvia. „Außerdem sähe es sonst so aus, also ob wir dich nicht in der Familie haben wollten. Und das werde ich nicht zulassen.“

Dagegen war Sylvia machtlos, und so versuchte Gail ihr Glück. „Sir James …“

„Jimmy. Wir sind jetzt eine Familie“, sagte er.

„Jimmy, ich glaube, es ist keine gute Idee, mich mit der Hochzeitsorganisation zu beauftragen“, versuchte Gail ihn zu überzeugen.

„Unsinn. Es gibt keine Bessere. Ich bin noch einmal die einzelnen Posten durchgegangen …“ Er zog das Notizbuch hervor, in dem alles vermerkt war, was er mit Gail vor seiner eigenen Hochzeit besprochen hatte.

„Das kann doch bestimmt noch warten?“, fragte Liliane spitz.

„Du hast recht“, pflichtete Sir James ihr bei. „Nun …“ Er hielt inne. Der Regen peitschte so heftig gegen die Fensterscheiben, dass man drinnen sein eigenes Wort kaum verstehen konnte. „Wir sollten nachher beim Kaffee in der Bibliothek darüber sprechen“, sagte Sir James laut. „Du meine Güte, bei diesem Wetter würde man keinen Hund vor die Tür jagen!“

Gail überlegte lange, wie sie ihn von seinem Vorhaben, sie für die Hochzeitsfeierlichkeiten zu engagieren, abbringen konnte. Im Grunde hätte sie darauf vorbereitet sein müssen. Die Tatsache, dass sie mit Alex Medway von nun an immer zu tun haben würde, machte ihr wirklich sehr zu schaffen.

Auf dem Weg in die Bibliothek zog sie Freddie beiseite. „Weiß dein Bruder von eurer Verlobung?“, fragte sie ihn.

„Irgendwie schon.“

„Was heißt das?“

„Ich konnte ihn telefonisch nicht erreichen und habe eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Die Sekretärin wird alles abhören und Alex über uns informieren, sobald die ‚wirklich wichtigen Dinge‘ erledigt sind. Wenn er zurück ist, gibt es da noch etwas anderes, denn Liliane hat …“

„Kommt endlich“, rief Sir James.

„Ich werde es dir später erzählen“, murmelte Freddie.

Sir James führte sie in die Bibliothek. Dort nahm er Sylvias Hand und lächelte. „Das ist für dich“, sagte er und gab ihr ein hübsches Kästchen. Als sie es öffnete, kam eine zierliche, mit Diamanten besetzte Uhr zum Vorschein. „Dies ist von Liliane und mir für dich zur Verlobung“, sagte Sir James und küsste seine zukünftige Schwiegertochter auf die Wange. „Willkommen in der Familie.“

Sylvia lächelte – weniger wegen des wertvollen Geschenks als vielmehr wegen seiner herzlichen Worte. Das hatte sie wirklich nicht erwartet. Auch Gail war gerührt. Niemand von ihnen hatte derweil bemerkt, dass auch Alex Medway die Szene beobachtete. Er stand unbemerkt in der Tür.

„Na bitte, dann sind ja endlich alle zufrieden!“, rief er.

Gail konnte sich lebhaft vorstellen, was er dachte. Für ihn waren der Diamantring und die teure Uhr Beweis genug, dass schon wieder jemand versuchte, vom Reichtum seiner Familie zu profitieren.

„Das ist ja wunderbar!“ Sir James war überglücklich. „Wir hatten dich nicht vor der nächsten Woche zurückerwartet.“

„Als ich von der Verlobung hörte, habe ich sofort den nächsten Flug genommen“, erwiderte er mit grimmiger Miene und blickte von Sylvia zu Gail.

Offenbar war Alex vom Regen überrascht worden. Völlig durchnässt stand er da. Wie ein Racheengel, dachte Gail.

„Das lobe ich mir“, sagte Sir James überschwänglich. „Jetzt lerne erst einmal deine Schwägerin kennen.“

„Wir haben uns bereits kurz auf deiner Hochzeit gesehen“, gab Alex zurück und musterte Sylvia, die plötzlich wie ein scheues Reh wirkte. Sie spürte die unangenehme Spannung, die von ihm ausging. „Ich erinnere mich sehr gut an Sie“, bemerkte er.

Gail war außer sich vor Zorn. Wie konnte er nur so kaltherzig sein und auf ihre kleine, ahnungslose Cousine losgehen. „Ich frage mich, ob Sie sich wohl auch noch an mich erinnern?“, sagte sie.

Er drehte sich um, und als Gail den Ausdruck in seinen Augen sah, wurde sie rot. „Natürlich“, antwortete er. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich mich an Sie erinnern würde. Haben Sie das etwa vergessen?“

Sie hatte nichts vergessen, und er wusste das. Jede Sekunde ihrer Begegnung hatte sich in ihrem Gedächtnis eingebrannt, und sie konnte nichts dagegen tun.

„Du musst dich sofort umziehen, mein Sohn“, mahnte Sir James. „Sonst wirst du dich erkälten.“ Als seine Frau ihm ein Zeichen machte, fuhr er fort: „Alex, da ist noch etwas. Wir haben dein Zimmer getauscht. Liliane brauchte mehr Platz für ihre Kleider, und deins lag am Nächsten.“

„Schließlich bist du ja auch selten hier“, fügte Liliane hinzu. „Das kannst du doch verstehen …“ Sie schwieg, als sie den zornigen Blick von Alex bemerkte.

„Das verstehe ich vollkommen, liebe Mutter“, gab er übertrieben freundlich zurück. „Hast du irgendwo eine Ecke für mich auftreiben können?“

„Ich zeige es dir“, sagte Freddie hastig, und beide verließen die Bibliothek.

Für kurze Zeit herrschte betretenes Schweigen. Dann bot Sir James noch etwas Sherry an, doch alle lehnten höflich ab. Sylvia bedankte sich erneut für die Uhr, aber jetzt klangen ihre Worte hölzern. Alex’ Verhalten zeigte Wirkung. Ich muss sie so schnell wie möglich von hier wegbringen, dachte Gail, ehe Alex noch mehr Schaden anrichten kann. Dass sie es vielleicht selbst war, die seine Gegenwart nicht ertragen konnte, verdrängte sie.

Als Gail bemerkte, dass sie ihre Tasche im Esszimmer vergessen hatte, ging sie hinaus, um sie zu holen. In der Halle traf sie auf Alex, der sich umgezogen hatte und die Treppe herunterkam. „Sind Sie den ganzen Weg zu Fuß gegangen, so nass wie Sie waren?“, sagte sie.

„Ich musste einen Reifen wechseln.“

„Und das bei diesem Wetter. Da waren Sie ja wirklich wild entschlossen zu kommen.“

„Das kann man wohl sagen. Und es war keine Sekunde zu früh. Wissen Sie was? Ich hätte wetten können, dass Sie hier sind!“

„Was meinen Sie denn damit?“

„Das wissen Sie ganz genau. Immerhin ist es Ihnen ja auch gelungen, aus meinem Vater Kapital zu schlagen. Aber das wird bei meinem Bruder nicht funktionieren. Ich werde die Hochzeit verhindern, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“

„Wie können Sie so etwas sagen! Sie kennen Sylvia überhaupt nicht.“

„Ich kann mich noch sehr gut an den Ausdruck in ihren Augen erinnern, als die Brautjungfern die Saphiranhänger geschenkt bekamen. Und es hat auch keine fünf Minuten nach der Verlobung gedauert, bis sie wieder mit Schmuck überhäuft wurde. Denken Sie, ich weiß nicht, dass mein Vater den Diamantring bezahlt?“

„Und wenn es so ist, dann ist es allein die Entscheidung Ihres Vaters. Er ist eben ein sehr großzügiger Mann.“

„Genau. Deshalb werde ich auch verhindern, dass seine Großzügigkeit ausgenutzt wird.“

„Können Sie sich eigentlich nicht vorstellen, dass es hier allein um Liebe geht? Sylvia liebt Freddie, und er liebt sie genug, um sich gegen Leute wie Sie zu wehren.“

„Das werden wir ja sehen.“ Als er Stimmen aus der Bibliothek hörte, nahm Alex Gails Arm und zog sie ins Esszimmer. „Es ist kein Zufall, dass wir uns hier sehen, nicht wahr?“

„Wollen Sie damit andeuten, dass ich die Verlobung eingefädelt habe?“, fragte sie.

„Leugnen Sie es denn?“

„Ich habe nichts damit zu tun. Im Gegenteil, ich habe versucht, Sylvia davon abzubringen.“

„Machen Sie mir doch nichts vor.“

„Hören Sie endlich auf, mich zu beschuldigen. Nur weil Ihnen die Verlobung nicht passt, müssen Sie mich nicht dafür verantwortlich machen. Ich habe Sylvia davor gewarnt, dass Freddies Familie sie nicht gut behandeln wird. Sie selbst sind der beste Beweis.“

„Ich beschütze nur meine Familie. Bei meinem Vater ist es mir leider nicht gelungen, aber bei Freddie werde ich nichts unversucht lassen, um ihn vor geldgierigen Frauen zu bewahren.“

Gail kochte innerlich vor Zorn. „Mir wird klar, dass Sie nur Ihren Kopf durchsetzen wollen. Es macht Sie rasend, dass Liliane es gewagt hat, Sie aus Ihrem Zimmer auszuquartieren. Auch wenn dies hier Ihr Zuhause ist und Sie im Grunde gar nicht hier wohnen.“

Alex schwieg für einen Moment. Er wirkte betroffen, fast ein wenig traurig. „Was mich rasend macht,“, sagte er schließlich, „ist die Tatsache, dass sich Lily das Zimmer meiner Mutter einverleibt hat. Meine Mutter hat dort das letzte Jahr ihres Lebens verbracht, als sie im Bett liegen musste. Ich habe bei ihr gesessen und mich stundenlang mit ihr unterhalten. Wir haben uns so gut verstanden, wie es mein Vater und ich niemals werden. Nach ihrem Tod bin ich in das Zimmer gezogen, weil ich mich ihr auf diese Weise immer noch nahe fühlen konnte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass mein Vater dies vergessen würde. Aber offenbar habe ich mich getäuscht. So, jetzt sollten wir wieder zu den anderen gehen.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, ließ er Gail stehen und verließ den Raum.

4. KAPITEL

Am nächsten Vormittag hatte Gail einen vollen Terminplan und eilte von einer Verabredung zur nächsten. Auf dem Weg zurück ins Büro läutete das Autotelefon. Es war ihre Sekretärin Jan. „Ich wollte Sie warnen“, sagte sie. „Hier sitzt ein gewisser Alexander Medway. Er sagt nicht, worum es geht, sondern nur, dass er den Chef sprechen will.“

„Haben Sie ihm denn den Namen vom Chef genannt?“

„Dazu kam es gar nicht. Ich habe nur gesagt, dass mein Chef Termine hat. Darauf meinte Mr. Medway, er wolle warten, und vertiefte sich in alle möglichen Unterlagen.“

„In Ordnung“, erwiderte Gail. „Halten Sie ihn bei Laune.“

Sie atmete tief durch und sammelte die Gedanken. Am Abend zuvor war nichts Besonderes mehr passiert. Alex hatte sich höflich und reserviert gezeigt, aber nichts Verletzendes mehr von sich gegeben. Gail und Sylvia waren früh nach Hause gefahren. Aber was war danach geschehen?

Nach zehn Minuten hatte sie ihr Büro erreicht. Es lag in einem hübsch restaurierten kleinen Haus aus dem 18. Jahrhundert in der malerischen Hauptstraße von Chichley. Drinnen war alles modern und elegant. Der Empfangsbereich war in einem lichten Grau, in Weiß und Chrom gehalten. An den Wänden hingen großflächige Fotografien von opulenten Hochzeitskuchen und glücklichen Bräuten in prächtigen Brautkleidern. Auf einem niedrigen Tisch lagen zahlreiche, mit weißem Satin bezogene Alben, aus denen die Kunden sich die passenden Accessoires für ihre Hochzeitstafel wählen konnten.

„Guten Tag, Mr. Medway“, begrüßte Gail ihn kühl. „Kommen Sie doch bitte herein.“ Sie öffnete die Tür zu ihrem Büro.

„Ich wollte mit Ihrem Chef sprechen“, gab er zurück. Dann folgte er ihr und schloss die Tür hinter sich.

„Wirklich? Dann sollten Sie besser wissen, dass …“

„Aber ich will fair zu Ihnen sein. Ich bin gekommen, damit er Sie von dem Auftrag abzieht.“

Gail atmete tief durch. „Tatsächlich?“

„Jetzt wissen Sie es und können sich darauf vorbereiten.“

„Danke für Ihre Fürsorge. Aber vielleicht muss ich mich ja gar nicht darauf vorbereiten. Es kann durchaus sein, dass mein Chef Ihren Vorschlag ignoriert.“

„Niemand ignoriert mich, Gail. Das lasse ich nicht zu. Was ich haben will, bekomme ich auch.“

„So wie bei Ihrem Bruder? Wie steht es denn nun mit der Hochzeit? Ich bin sicher, Sie haben Freddie ganz schön zugesetzt, nachdem Sylvia und ich gegangen waren.“

„Da irren Sie sich. Ich weiß, wann die Zeit reif ist. Aber diese Verlobung wird nicht lange halten, darauf können Sie wetten. Also kümmern Sie sich lieber um einen anderen Auftrag.“

„Ihre Rücksichtnahme überwältigt mich.“

„Wo ist nun Ihr Chef? Ich dachte, er sollte längst zurück sein.“

„Stellen Sie sich vor, der Chef von Nuptia Creations ist eine Frau, und ich kann Ihnen versichern, dass sie mich nicht entlassen wird.“

„Das werden wir ja sehen.“

Gail schüttelte den Kopf. „Für einen klugen Mann zeigen Sie sich jetzt aber sehr unbedacht, Mr. Medway. Ist es Ihnen nie in den Sinn gekommen, dass ich hier der Boss bin?“

„Sie?“ Der ungläubige Ton seiner Stimme war nicht gerade schmeichelhaft.

„Ja, ich. Ich weiß nicht, warum Sie dachten, ich sei eine einfache Angestellte.“

„Vielleicht weil ich mich nicht daran gewöhnen kann, mit Frauen Geschäfte zu machen. Irgendwie nehmen sie die Dinge nicht ernst.“

„Das kann ich mir nicht leisten. Dazu habe ich viel zu viel Arbeit zu erledigen. Übrigens brauche ich auch Ihr Geld nicht. Ich habe ein ganz gutes Einkommen – und dazu meine eigene goldene Kreditkarte, eine hübsche Wohnung und die Möglichkeit, mir den Schmuck zu kaufen, der mir gefällt.“ Gail genoss jede Sekunde ihrer kleinen Ansprache. Endlich konnte sie es Alex heimzahlen, dass er ihr auf der Hochzeit seines Vaters ein so unmögliches Angebot gemacht hatte. „Habe ich mich damit deutlich genug ausgedrückt?“

Alex war blass. „Sie haben aus mir einen Narren gemacht.“

„Das haben Sie selbst getan. Man zieht keine Schlüsse, ohne die Tatsachen zu kennen. Im Geschäftsleben ist dies mehr als gefährlich. Das sollten Sie eigentlich wissen.“

Alex kochte vor Wut. Doch bevor er etwas sagen konnte, klingelte das Telefon und Gail nahm den Hörer ab. „Soll ich besser keine Gespräche durchstellen?“, fragte Jan.

„Auf keinen Fall. Stellen Sie alle Anrufe durch. Dies Gespräch ist nicht so wichtig.“ Ihre Worte machten Alex noch wütender, wie sie befriedigt feststellte.

„Ich habe Mrs. Rudman in der Leitung.“

„Wunderbar, ich spreche sofort mit ihr.“ Alex machte ihr ein Zeichen, doch Gail bedeutete ihm, ruhig zu sein. „Guten Tag, Mrs. Rudman. Ich wollte Sie auch gerade anrufen. Alles ist in bester Ordnung …“ Dann führte sie das Gespräch fort, als ob sie allein im Zimmer war. Es tat diesem arroganten Mann ganz gut, nicht beachtet zu werden, dachte sie. Nach etwa zehn Minuten wurde es ihm zu viel. Er konnte sich nicht länger beherrschen und nahm ihr einfach den Hörer aus der Hand. „Was erlauben Sie sich!“, rief sie empört.

„Wie lange soll das noch so gehen? Ich war zuerst hier.“

„Aber Sie sind kein Kunde. Und dass ich meine Kunden ernst nehme, wissen Sie ja wohl.“ Damit zerrte sie ihm den Hörer wieder weg. „Entschuldigen Sie bitte, Mrs. Rudman, aber ich musste ein lästiges Insekt los werden.“

„Den Teufel mussten Sie!“, entfuhr es Alex. Zornig schritt er auf und ab, bis Gail das Gespräch endlich beendete. „Vielen Dank“, sagte er mit ironischer Stimme. „Bin ich jetzt vielleicht an der Reihe?“

„Nicht ganz. Ein bisschen Geduld brauchen Sie noch.“ Gail drückte den Knopf der internen Sprechanlage und hatte ihre Sekretärin am Apparat. „Jan, bitte rufen Sie den Partyservice an und sagen Sie, dass Mrs. Rudman einverstanden ist.“

Alex kochte vor Wut, wartete aber, bis Gail fertig war. Dann schaltete er den Apparat noch einmal an und fauchte: „Unterstehen Sie sich, uns noch einmal zu stören, bevor ich hier fertig bin.“

„Das geht jetzt aber zu weit!“, rief Gail.

„Sonst hören Sie mir ja nicht zu.“

„Warum sollte ich? Zuerst wollten Sie, dass ich meinen Job verliere. Das klappt nun nicht. Da könnten Sie doch eigentlich gehen.“

Er lachte bitter. „Ich bin nicht der Einzige, der so denkt. Lily würde es auch lieber sehen, dass Sie verschwinden.“

Erstaunt blickte Gail ihn an. „Lady Medway?“

„Für mich ist und bleibt sie Lily Hatch. Wie ich es erwartet habe, zeigt sie jetzt ihr wahres Gesicht. Nachdem Sie und Sylvia gestern Abend weg waren, gab es eine Auseinandersetzung, die ich allerdings nicht angestiftet habe. Lily ist außer sich, weil mein Vater Sie engagiert hat.“

„Aber warum? Wir sind doch gut miteinander ausgekommen.“

„Das war etwas anderes. Sie haben ihr dabei geholfen, Lady Medway und damit reich zu werden. Dieses Vermögen für etwas anderes als sich selbst auszugeben gefällt ihr gar nicht. Sie haben sie doch gestern gesehen und müssen mir recht geben.“

„Nun, ein wenig erstaunt war ich schon …“

„Also habe ich die Wette gewonnen.“

„Ich kann mich an keine Wette erinnern.“

Autor

Lucy Gordon

Die populäre Schriftstellerin Lucy Gordon stammt aus Großbritannien, bekannt ist sie für ihre romantischen Liebesromane, von denen bisher über 75 veröffentlicht wurden. In den letzten Jahren gewann die Schriftstellerin zwei RITA Awards unter anderem für ihren Roman “Das Kind des Bruders”, der in Rom spielt.

Mit dem Schreiben...

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Lucy Gordon

Die populäre Schriftstellerin Lucy Gordon stammt aus Großbritannien, bekannt ist sie für ihre romantischen Liebesromane, von denen bisher über 75 veröffentlicht wurden. In den letzten Jahren gewann die Schriftstellerin zwei RITA Awards unter anderem für ihren Roman “Das Kind des Bruders”, der in Rom spielt.

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