Julia Collection Band 117

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

WAHRE LIEBE HEILT ALLE WUNDEN
von TEMPLETON, KAREN

Eine Erbschaft bringt Mel zurück nach St. Mary’s Cove. Beim ersten Wiedersehen mit Ryder Caldwell flammt die alte Zuneigung wieder auf. Doch Mel wagt kaum zu hoffen, dass diesmal mehr daraus werden kann. Denn nicht Ryder, sondern sein Bruder ist der Vater ihrer Tochter …

WENN DICH DIE HOFFNUNG KÜSST
von TEMPLETON, KAREN

Dieses Kribbeln, sobald Patrick Shaughnessy sie nur ansieht … Doch der Singledad treibt April bald zur Verzweiflung. Zwar erklärt Patrick, dass auch er Gefühle für April hat - aber nur, um ihr nach einem einzigen zärtlichen Kuss sogleich wieder die kalte Schulter zu zeigen …

DEM GLÜCK MIT DIR SO NAH
von TEMPLETON, KAREN

Diese haselnussbraunen Augen, dieses verführerische Grübchen … Jedes Mal wenn Blythe den Politiker Wes Philipps trifft, bringt er sie zum Träumen. Als Wes sie als Designerin für sein Haus engagiert, kommt sie ihm endlich näher. So nah, dass es ihr bald das Herz zerreißt …

  • Erscheinungstag 02.03.2018
  • Bandnummer 0117
  • ISBN / Artikelnummer 9783733711283
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Karen Templeton

JULIA COLLECTION BAND 117

1. KAPITEL

Melanie Duncans Nasenflügel zuckten, als ihr der Gestank von Schimmel, ranzigem Fett und was auch immer im uralten Kühlschrank ihrer Großmutter krepiert war, in die Nase stieg. Danach öffnete sie einen der Küchenschränke und riss entsetzt die Augen auf. Amelia Rinehart hatte offensichtlich jedes Glas und jeden Plastikbehälter aufbewahrt, den sie je in der Hand gehalten hatte!

Genauso wie – schaudernd klappte Mel die fleckige senfgelbe Schranktür zu – jahrzehntealte Magazine, Zeitungen und Werbeflyer, die sich in sämtlichen acht Schlafzimmern des Hauses stapelten. Und stell dir nur vor, dachte sie missmutig, als sie den verkrusteten Wasserhahn aufdrehte und auf heißes Wasser wartete, das alles gehört mir. Oder vielmehr mir, April und Blythe.

Sie ließ den Blick durch das verschmutzte Fenster über den verwilderten Garten gleiten, der sich bis zur in der späten Septembersonne schiefergrau schimmernden Bucht dahinter erstreckte … und konnte fast die beiden jungen Frauen sehen, die sich ausgestreckt auf Strandtüchern auf dem Steg sonnten, während aus irgendeinem alten Gettoblaster Musik dröhnte. Aus Blythes höchstwahrscheinlich.

Mel schrie auf, als das Wasser plötzlich kochend heiß wurde.

Anscheinend stand sie noch unter Schock. Weniger allerdings wegen des Todes ihrer fast neunzigjährigen Großmutter, als wegen der Tatsache, dass Amelia ihr das Haus vererbt hatte, und das, wo sie und ihre Großmutter seit zehn Jahren kein Wort mehr miteinander geredet hatten. Seltsam. Doch viel seltsamer war es, sich ausgerechnet an dem einzigen Ort wiederzufinden, in den sie nie wieder einen Fuß zu setzen geschworen hatte.

Fröstelnd – die Heizung schien nicht zu funktionieren – schrubbte Mel sich mit dem hinter der pockennarbigen Spüle stehenden Geschirrspülmittel die Hände. Als sie damit fertig war, verzog sie angesichts der Türme längst abgelaufener Lebensmittel auf der abblätternden Arbeitsplatte das Gesicht. Ekelhaft, wie ihre Tochter sagen würde. Gott sei Dank funktionierte wenigstens die Waschmaschine noch, denn nie im Leben würde Mel ihr Kind unter einer der muffigen Decken schlafen lassen, die im Wäscheschrank lagen.

War ihre Großmutter schon immer so ein Messi gewesen? Oder hatten die drei Cousinen in jenen langen faulen Sommern einfach die Augen vor dem ganzen Durcheinander verschlossen?

Kopfschüttelnd ging Mel ins Esszimmer und rief nach ihrer Tochter, die, aus härterem Holz geschnitzt als ihre Mutter, beim Öffnen der Haustür einen Begeisterungsschrei ausgestoßen hatte und sofort auf Entdeckungsreise gegangen war.

„Quinn! Wo bist du?“, brüllte Mel und verdrängte die Vorstellung von ihrer mit einer Armee Ratten kämpfenden Tochter. Erleichtert seufzte sie auf, als sie Quinn gedämpft, aber fröhlich „Ich komme!“, rufen hörte.

Mel wandte sich dem Ungetüm von einem Büfett zu, das fast vollständig von weiterem … Kram verdeckt war. Nippes, Deko und Zierrat ohne Ende. Und in sämtlichen Ecken standen Pakete aller Größen und Formen – manche sogar noch ungeöffnet – mit allem nutzlosen Zeug, das es auf diesem Planeten gab.

So viel zu Mels Vorsatz, mal eben klar Schiff zu machen. Was jemand in Jahren angehäuft hatte, konnte man nicht einfach so in zwei Tagen loswerden.

Und danach? Was zum Teufel sollten sie und ihre Cousinen bloß mit dem Haus anfangen? Klar, St. Mary’s Cove war sehr malerisch, aber selbst leer geräumt würde das Haus potenziellen Käufern höchstens ein höhnisches Lachen entlocken. Außerdem bezweifelte Mel, dass ihre beiden Cousinen genügend Geld hatten, um das Haus zu sanieren. Sie selbst hatte es jedenfalls nicht, ein Gedanke, der sie wieder in jenen Abgrund der Verzweiflung stürzte, aus dem sie schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr herauszukommen schien.

Schwermütig ging sie durch das Horrorhaus zu ihrem kleinen Honda, um das Gepäck vom Rücksitz zu nehmen. Dabei stieg ihr die salzige Seeluft in die Nase. Oh nein, bloß keine Anfälle von Nostalgie!

Und plötzlich, einfach so, war er da. Natürlich nur in ihrem Kopf, nicht persönlich, da er nichts von ihrer Anwesenheit ahnen konnte, aber … verdammt!

Sie hatte sich seit Jahren verboten, an ihn zu denken. Hatte sich fast davon überzeugt, dass sie das Ganze abgehakt hatte. Dass sie ihn abgehakt hatte und dass alles, was sie mal verbunden hatte, genauso vorbei und vergessen war wie jene langen Sommer damals …

„Mom? Was machst du da?“

Mel blickte hoch und lächelte ihrer auf der maroden Veranda stehenden stirnrunzelnden Zehnjährigen zu – ihrem Lebensinhalt. Ihr schwoll das Herz vor lauter Liebe. Sie hatte weiß Gott genug Fehler in ihrem Leben gemacht, aber die Fünftklässlerin mit dem wilden roten Haar gehörte eindeutig nicht dazu.

Die Umstände ihrer Empfängnis hingegen? Ein ganz anderes Thema.

„Ich hole unser Gepäck. Du darfst gern den Packesel spielen.“ Mel hatte nämlich nicht vor, ihren halb aufgegessenen Käsekuchen in Baltimore verrotten lassen. Oder das Kürbissoufflé. Oder …

Okay, sie kochte und buk eben gern. Das war doch kein Verbrechen, oder?

Als sie und Quinn die vielen in Tupperdosen verpackten Leckereien in die Küche trugen, keuchte Quinn erschrocken auf. „Na, hier müssen wir wohl mal gründlich sauber machen“, sagte sie kopfschüttelnd.

„Das kannst du laut sagen.“ Mit spitzen Fingern öffnete Mel den Schrank unter der Spüle und fand – hurra! – sechs halb leere Packungen Reinigungsmittel, diverse Kartons mit Müllbeuteln, einen Eimer voller Schwämme und genug Lysol, um ein ganzes Kreuzfahrtschiff zu desinfizieren. Und sogar zwei ungeöffnete Packungen Gummihandschuhe.

Der liebe Gott sorgt immer für alles Nötige, hörte sie im Geiste ihre Mutter sagen. Tränen schossen ihr in die Augen. Auch Mom ist Vergangenheit, dachte sie, während sie sich wieder aufrichtete und ihrer Tochter ein Paar Handschuhe, einen Schwamm und eine Flasche Reinigungsmittel reichte. „Fang schon mal mit der Spüle an.“ Sie nahm einen Müllbeutel und stellte sich dem ekligen Kühlschrank. „Ich knöpfe mir den hier vor.“

„Okay.“ Quinn zog sich einen Hocker an die Spüle und stellte sich drauf. Nachdem sie sich die Handschuhe übergestreift hatte, machte sie sich entschlossen an die Arbeit, laut und sehr schief einen Song aus Wicked – Die Hexen von Oz singend.

Mel musste lachen. Was für ein verrücktes Mädchen, dachte sie liebevoll. Sie würde alles tun, um sie zu beschützen.

Vor allem vor Menschen, die nichts von ihrer Existenz wissen wollten!

Ryder blickte von einer Krankenakte hoch und starrte seinen Vater verständnislos an. „Was hast du gesagt?“

David Caldwell schob seinen Kugelschreiber in seine Kitteltasche. Er zog seinen Kittel aus und hängte ihn an einen der Haken an der Rückseite seiner Kliniktür. „Dass Amelia den Mädchen das Haus hinterlassen hat.“

Eigentlich überrascht mich das nicht, dachte Ryder, obwohl ihm die Worte seines Vaters einen schmerzhaften Stich versetzt hatten. Es lag nahe, dass Amelia Rinehart ihr Haus den drei Cousinen vererbt hatte, die dort – wie viele? – neun oder zehn Sommer verbracht hatten. Mindestens.

Überraschend war nur seine Reaktion auf diese Neuigkeit. Und dass die Aussicht, Mel nach all der Zeit wiederzusehen, überhaupt noch eine Reaktion hervorrief. Schließlich war in der Zwischenzeit viel Wasser den Bach hinuntergeflossen.

„Alles in Ordnung mit dir?“

Ryder erwiderte den besorgten Blick seines Vaters, dem er schon fast erschreckend ähnlich sah. Ganz anders als sein jüngerer Bruder Jeremy, der die helle Haut und das rote Haar ihrer Mutter geerbt hatte. Unter anderem.

„Klar. Warum nicht?“ Er klappte die Krankenakte zu und ging ins leere Wartezimmer, um sie auf den Empfangstresen zu legen. Von draußen prasselten schwere Regentropfen gegen das Fenster der kleinen Familienklinik und – praxis in der Main Street, die sein Vater vor fast dreißig Jahren eröffnet hatte. Sie war die einzige Konstante in Ryders Leben, das ihm mit irritierender Regelmäßigkeit Rückschläge versetzte. „Aber woher weißt du …“

„Von Phil. Golf. Er sagt, sie müssten heute oder morgen kommen. Um zu beratschlagen, was sie mit dem Haus anfangen wollen.“ Er schwieg einen Moment. „Ich dachte nur, du solltest es wissen.“

„Wegen Mel?“

Ryders Vater lächelte schwach. „Die Kleine hat dich damals förmlich angebetet. Ich habe nie wieder zwei Kinder gesehen, die sich so nahestanden.“

Ryder schlüpfte in seine alte beigefarbene Windjacke. „Das ist Jahre her, Dad“, sagte er. Längst verdrängte Schuldgefühle stiegen in ihm auf, die jedoch eine fast willkommene Abwechslung zu dem Schmerz waren, unter dem er nun schon seit fast einem Jahr litt. „Wir haben seit jenem Sommer damals nichts mehr voneinander gehört.“

„Sie hat eine Tochter, Ry.“

Ryder hatte noch immer keine Ahnung, warum sein Vater ihm das erzählte. Und woher – oder vielmehr warum – er von dem Kind wusste. „Sie hat eine Tochter?“

„Ja. Sie ist zehn.“

Jetzt ergab dieses seltsame Gespräch schon mehr Sinn. „Glaubst du etwa, sie ist von mir? Sorry, Dad, aber das ist ausgeschlossen.“

„Ich weiß, dass sie nicht von dir ist, Ry“, sagte sein Vater düster. „Sie ist von deinem Bruder.“

Ryder hatte sich noch immer nicht von seinem Schock erholt, als er eine Stunde später auf der anderen Straßenseite von Amelia Rineharts viktorianischem Kasten parkte. In der Einfahrt stand ein kleiner weißer Honda mit einem Maryland-Nummernschild, und in der Küche brannte Licht. Ob der Wagen Mel gehörte?

Man sagt sich immer, dass die Vergangenheit abgeschlossen ist, dachte er. Dass die Zeit die Erinnerungen unweigerlich verblassen lässt. Doch dann passiert etwas – ein Wort, ein Gedanke, ein Duft – und schlagartig ist alles wieder präsent.

Ryders Vater hatte nichts Näheres erzählt, nur vor sich hingemurmelt, dass er jetzt ein Problem hatte. Was vermutlich bedeutete, dass Ryders Mutter hinter der ganzen Sache steckte. Ryder war nicht überrascht, so wie sie seinen jüngeren Bruder Jeremy immer überbehütet hatte. Was für ein verdammtes Chaos!

Er lachte bitter auf. Endlich war er an einem Punkt angelangt, an dem er nicht mehr das Gefühl hatte, dass ihm die Brust mit einer rostigen Forke durchstoßen wurde, und dann … das hier.

Auch wenn er noch keine Ahnung hatte, was „das hier“ eigentlich war.

Er hätte nicht fassungsloser sein können, wenn das Kind von ihm wäre. Oder wütender. Und er hatte keine Ahnung, was ihm mehr zu schaffen machte – dass Jeremy Mel geschwängert hatte, oder dass seine Familie ihm das all die Jahre verschwiegen hatte. Noch nicht mal Mel hatte ihm davon erzählt …

Du fühlst dich hintergangen? Wirklich?

Als die Haustür aufging, rutschte Ryder ein Stück nach unten und ließ unauffällig das beschlagene Fenster herunter – wie ein Stalker. Okay, der Honda gehörte anscheinend wirklich Mel – er hörte ihr ansteckendes Lachen trotz des prasselnden Regens, noch bevor er sie sah.

Ein Kind in einer limettengrünen Daunenjacke kam aus der Tür. Die roten Locken des Mädchens leuchteten in der schwachen Außenbeleuchtung auf, bevor es seine Sweatshirtkapuze darüberzog. Als es zum Geländer ging, konnte Ryder ihr Gesicht erkennen.

Verdammt, sie sah genau so aus wie Jeremy!

Ryders Herz machte einen Satz, als Mel plötzlich auftauchte. In dem durchsichtigen leuchtend rosa Regenponcho sah sie aus wie lebendig von einer Qualle verschluckt. Er konnte nicht viel erkennen, nur dass sie die schrecklichen Birkenstockschuhe gegen noch schrecklichere Crocs ausgetauscht hatte. Ausgerechnet in Knallrosa. Ryders Lippen zuckten. Mode war noch nie Mels Stärke gewesen.

Nachdem sie die Tür abgeschlossen hatte, ging sie zu ihrer Tochter und schlang einen Arm um sie. Bei diesem Anblick bekam Ryder einen Kloß im Hals. Leider konnte er ihr Gesicht wegen des Regens und des schwachen Lichts der Straßenlaternen kaum erkennen. Obwohl es keinen Grund zur Annahme gab, dass sie nicht genauso so hübsch war wie früher. Etwas, das er sich damals nie getraut hatte, ihr zu sagen.

Ryder fragte sich unwillkürlich, ob sie liiert war. Oder vielleicht sogar verheiratet. War sie aufs College gegangen, und falls ja, worin hatte sie einen Abschluss gemacht? War sie glücklich, litt sie unter einem gebrochenen Herzen oder langweilte sie sich?

Nein, Mel war nicht der Typ, der sich langweilte.

Ryder blieb im Wagen sitzen. Er hatte nicht vor, sie hinterrücks zu überfallen, zumindest noch nicht. Erstens wäre das unfair, da sie bestimmt nicht damit rechnete, und zweitens wollte er ihr erst begegnen, wenn sich das Chaos in seinem Kopf geklärt hatte. Oder nachdem er die ganze Wahrheit aus seiner Mutter herausgeholt hatte. Aber aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen, hatte er Mel einfach … sehen wollen.

Ihr rosa Regenponcho glänzte im matten Licht, als sie etwas zu dem Mädchen sagte. Er konnte die beiden nicht verstehen, aber Quinns dramatische Gesten erinnerten ihn an ihre Mutter in dem Alter. Plötzlich fand er es unfassbar, das er absolut nichts über Mels letzte zehn Jahre wusste.

Er musste an den Tag denken, an dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Ihre großen, neugierigen Augen hatten ihn sofort fasziniert. Damals war Mel erst zwei Tage alt gewesen, und er hatte ihren Blick als stumme Bitte aufgefasst, auf sie aufzupassen. Für ihn hatte es nie eine Rolle gespielt, dass Mels Eltern im Verwalterhäuschen und er im Haupthaus gewohnt hatten. Sie hatten einfach zusammengehört.

Erinnerungen stiegen in ihm auf. Wie sie gelacht hatte, wenn er Kuckuck mit ihr gespielt hatte, wie er ihr beim Laufenlernen, Dreiradfahren und beim Alphabet geholfen hatte. Später hatte er ihr beigebracht, wie man Baseball spielte oder Wasserbomben warf – alles Dinge, die sein vier Jahre jüngerer Bruder, der nach einer schlimmen Lungenentzündung als Kleinkind verwöhnt und geschont wurde, langweilig und doof gefunden hatte.

Natürlich hatte ihn Mels Anhänglichkeit später oft genervt, wenn er Besuch von seinen Freunden hatte oder Modellflugzeuge basteln wollte. Er hatte sie dann meistens verscheucht, bis sie wütend und mit wippenden Zöpfen davongestapft war. Doch später hatte er sich dann immer auf die Suche nach ihr gemacht und war so strahlend von ihr begrüßt worden, als hätte er sie nie zurückgewiesen.

Ryder ließ das Fenster wieder hoch, als er Mel und die Kleine lachend durch den Regen zu ihrem Wagen rennen sah. Ja, auf Mels Lächeln war immer Verlass gewesen, selbst als er auf der Highschool war, Mel in die Pubertät kam und ihre Mütter sie misstrauisch zu beäugen begannen. Obwohl deren Hintergedanken völlig absurd gewesen waren. Himmel, Mel war für ihn wie eine kleine Schwester gewesen!

Bis zu jenem Sommer, als sie sechzehn geworden war …

Damals hatte er gerade das höllische erste Semester hinter sich und freute sich auf das Wiedersehen mit Mel, doch ihr Anblick in einem geblümten Bikini erschütterte besagte Grenzen ernsthaft. Innerlich war sie schon immer reifer als die meisten Mädchen seines Alters gewesen, und als ihr Körper plötzlich mit ihrer restlichen Entwicklung Schritt hielt … wow!

Ihm entging nicht, dass auch sie ihn plötzlich mit ganz anderen Augen ansah.

Trotzdem hätte er sich lieber ein Glied abgeschlagen – vor allem das, was ihm besonders zu schaffen machte –, als ihr Vertrauen zu missbrauchen. Nur dass genau dieses Vertrauen sie nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters in seine Arme trieb. Weil sie bei ihm den Trost suchte, den sie von niemand anders bekam – schon gar nicht von ihrer verzweifelten Mutter.

Auch nach all der Zeit noch wurde Ryder ganz heiß vor Scham bei der Erinnerung an seine Reaktion auf ihr Angebot. Und an sein Entsetzen über sich selbst. Er hatte solche Panik bekommen, dass er sie von sich gestoßen hatte und geflohen war … zurück ans College, Wochen, bevor er zurückerwartet wurde.

Mel hatte ihm mehr als alles andere auf der Welt bedeutet, und doch hatte er komplett versagt. Er hatte wie ein Elefant auf ihrem ohnehin schon gebrochenen Herzen herumgetrampelt. Doch das Schlimmste war, dass er sich nie dafür bei ihr entschuldigt, ihr nie eine Erklärung gegeben und nie versucht hatte, seinen Fehler wiedergutzumachen. Das lag daran, dass er mit einundzwanzig noch nicht gewusst hatte, wie er das anstellen sollte.

Aber vor allem deshalb, weil … er sie begehrt hatte. Wie verrückt war das gewesen?

Stöhnend ließ Ryder den Kopf gegen die Rückenlehne sinken. Mels Rückkehr war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, so schlecht, wie es ihm ohnehin schon ging. Aber das ließ sich nun mal nicht ändern.

Was soll’s, wenigstens hatte er jetzt die Chance, ihr seine Version der Geschichte zu erzählen. Und sich ihre anzuhören.

Vor allem den Teil, wie sie zum Baby seines Bruders gekommen war!

„Du hast es ihm erzählt?“

Lorraine Caldwell starrte ihren Mann fassungslos an. „Hast du den Verstand verloren?“

David Caldwell saß mit einem Scotch in seinem Lieblingssessel im holzvertäfelten Wohnzimmer, einen der beiden dösenden Hündinnen zu seinen Füßen, und zuckte die Achseln.

Auch nach fast dreißig Jahren Ehe wusste Lorraine nicht, ob sie seine Unerschütterlichkeit beruhigend oder nervtötend finden sollte.

David lächelte schwach. „Wenn du dich recht entsinnst, habe ich dir das Gleiche vorgeworfen, als du mir deinen Entschluss mitgeteilt hast, das Ganze unter den Teppich zu kehren.“

David war tatsächlich nicht gerade glücklich über das Arrangement gewesen, dachte Lorraine mit einer Mischung aus Unbehagen und – sollte sie es zugeben? – Bewunderung. Jetzt. Damals allerdings …

„Es ist gegen die Abmachung, dass sie zurückkommt. Erst recht mit …“ Aus alter Gewohnheit senkte Lorraine die Stimme, obwohl sie und ihr Mann schon seit Jahren keine Haushälterin mehr hatten. „… dem Kind.“

„Du kannst nicht die ganze Welt kontrollieren, Lorraine!“

„Vielleicht wären sie sich nie über den Weg gelaufen. Warum um alles in der Welt musstest du die Neuigkeit ausposaunen?“

David stand auf. „Weil ich es ihnen gegenüber unfair finde, das Ganze dem Zufall zu überlassen. Und außerdem – bist du denn gar nicht neugierig auf sie?“

Lorraine schnaubte. Niemals hatte sie sich gefragt, wie die Dinge gelaufen wären, wenn sie sich damals anders entschieden hätte. Ihrer Meinung nach hatte sie die unter den Umständen einzig richtige Entscheidung getroffen. Jetzt einfach die Regeln zu ändern, war …

„Was ist mit Jeremy?“, fragte sie, verzweifelt nach Strohhalmen greifend. „Und Caroline? Sie sind erst seit sechs Monaten verheiratet.“ Als David sie missbilligend ansah, seufzte sie ungeduldig auf. „Und was ist, wenn Ryder ihn damit konfrontiert? Hast du daran mal gedacht?“

„Das wird er bestimmt“, antwortete David achselzuckend. „Ich war damals gleich dafür, Jeremy die Verantwortung für seine eigene Dummheit übernehmen zu lassen.“

„Warum hast du dann nicht dafür gesorgt?“, fragte Ryder von der Tür aus.

Lorraine zuckte erschrocken zusammen.

David winkte mit seinem fast leeren Glas in ihre Richtung. „Frag deine Mutter.“

Wortlos sah Ryder sie an, die Hände in den Taschen der schrecklichen alten Windjacke vergraben, die er seit seiner Collegezeit hatte.

Ryder war immer der ruhigere ihrer beiden Söhne gewesen, sogar als Kleinkind. Doch am wütenden Funkeln seiner dunkelbraunen Augen und seinen zusammengepressten Lippen erkannte Lorraine, dass seine äußere Ruhe diesmal nur Fassade war. Sie hatte Mühe, seinem Blick standzuhalten. Vor allem, weil er Schuldgefühle in ihr wachrief, die sie in den letzten zehn Jahren mit aller Macht unterdrückt hatte.

Ryder beobachtete, wie seine noch immer attraktive Mutter sich seufzend aufs Sofa sinken ließ. Zwei Silberspangen hielten ihr die verblassenden roten Locken aus dem scharf geschnittenen Gesicht. Mit dem rostroten Cardigan, Jeans und den flachen Schuhen hatte sie eine Katharine-Hepburn-Ausstrahlung, die viele Menschen einschüchternd fanden. Und bis zu einem gewissen Grad faszinierend.

Ryder allerdings nicht. „Also?“, bohrte er nach.

Geistesabwesend ließ sie einen Finger über den Schirm der Waterford-Lampe neben sich gleiten, bevor sie die Hände im Schoß verschränkte. „Die Sache zwischen Jeremy und Mel … wir hatten keine Ahnung davon, absolut keine. Bis Maureen mit Mel hier hereinplatzte und verkündete, dass Mel schwanger war.“ Ryders Mutter warf ihrem Sohn einen raschen Blick zu. „Im ersten Moment dachten wir, dass das Baby von dir ist.“ Sie verzog das Gesicht. „Bis wir nachrechneten.“

Ryder verschränkte die Arme vor der Brust. „Und als euch bewusst wurde, dass ich nicht der Vater bin?“

„Jeremy war damals kaum achtzehn.“ Lorraine seufzte erneut. „Es war offensichtlich, dass das Ganze ein Versehen war. Dass es nichts zu bedeuten hatte. Vor allem ihm nicht, aber sogar Mel räumte ein …“ Lorraine stockte und wandte das Gesicht ab.

„Was?“, hakte Ryder nach.

„Dass sie Jeremy nicht liebte. Sieh mich nicht so an, Ryder! Es war nur eine alberne Sommerliebelei, nichts weiter! Wenn auch eine mit schrecklichen Konsequenzen.“ Sie zog eine Grimasse. „Aber Jeremy konnte man schlecht einen Vorwurf daraus machen, oder? So wie Mel damals immer rumrannte, in kurzen Shorts und eng anliegenden Oberteilen?“

„Du meinst abgeschnittene Jeans und T-Shirts? Das trug jedes Highschoolmädchen.“

„Aber dieser Bikini …“

„Na und? Ist Mel automatisch die Schuldige, nur weil ihr Brüste wuchsen?“

Lorraine wurde rot. „Natürlich nicht! Aber sie hätte sie ja nicht so … deutlich zur Schau stellen müssen. Warum hat sie sich nicht weniger … verführerisch angezogen? Ich meine, du kennst doch deinen Bruder …“

Ryders Vater schnaubte verächtlich auf. „Lorraine, nun mach mal halblang!“

„Mel hat ihre Reize nicht mehr zur Schau gestellt als jedes andere Mädchen in ihrem Alter auch. Eher weniger. Und dieser Bikini – klar hat er ihre Rundungen betont, aber wir reden hier doch nicht von einem Tanga, verdammt noch mal!“

Lorraine stand auf. „Trotzdem kannst du deinem Bruder nicht allein die Schuld geben, Ryder, auch wenn ich weiß, wie gern du das tätest. Ich habe noch nie verstanden, warum ihr nicht besser miteinander auskommt. Deshalb haben wir auch beschlossen, dir das Ganze lieber zu verschweigen. Wir wussten nämlich, wie sehr es dich verletzen würde, dass Mel …“

Ryder funkelte Lorraine so wütend an, dass sie stockte. „Wie dem auch sei, ich konnte nicht zulassen, dass Jeremys Zukunftspläne wegen eines einmaligen Ausrutschers zerstört werden“, fuhr sie kopfschüttelnd fort. „Er hatte so hart daran gearbeitet, zum Jurastudium an der Columbia University zugelassen zu werden. Also einigten wir uns darauf – mit Maureens Zustimmung wohlgemerkt –, dass die beiden St. Mary’s mit unserer finanziellen Unterstützung verlassen und wir nie wieder ein Wort über die Angelegenheit verlieren.“

Ryder starrte sie irritiert an. Irgendetwas stimmte hier nicht. Nicht was seine Mutter sagte, aber die Art, wie sie es sagte. Aber zuerst brauchte er Fakten. „Dann hat du also nie auch nur in Erwägung gezogen, Jeremy zumindest einen Teil der Konsequenzen tragen zu lassen?“

„Mit achtzehn? Was zum Teufel hätte er denn tun sollen?“

„Mel war erst sechzehn. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sie bei der ganzen Sache am schlechtesten davonkam!“

„Ich habe ja versucht, sie zur Vernunft zu bringen!“ Verzweiflung flackerte in Lorraines Blick auf. „Ihr ihre … Optionen klarzumachen. Aber sie wollte nichts davon wissen. Sie bestand darauf, das Baby zu bekommen und zu behalten, obwohl ich beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte, warum. Es war ihre Entscheidung, Ryder. Unsere Entscheidung war …“

„… meinen Bruder von seiner Verantwortung zu befreien, indem ihr das Ganze unter den Teppich kehrt!“

„Wir haben einen Treuhandfonds für das Kind eingerichtet. Und ihr und Mel im Laufe der Jahre genug Geld zukommen lassen, dass sie nicht verhungern mussten. Wir sind unseren Verpflichtungen mehr als nachgekommen, glaub mir! Deine Schwägerin hat übrigens keine Ahnung davon, und wir würden es begrüßen, wenn es dabei bleibt. Du willst doch bestimmt nicht die Ehe deines Bruders auf dem Gewissen haben, oder?“

Ryder lächelte verächtlich. Im Grunde genommen überraschte ihn nichts, was seine Mutter von sich gab. Lorraine Caldwell als Kontrollfreak zu bezeichnen, war noch weit untertrieben. Solange Ryder denken konnte, hatte seine Mutter in ihrer Familie die Hosen angehabt, sogar schon als Kind. In seinen Augen war sie Daddys verwöhnte kleine Tochter gewesen und hatte ihre Anspruchshaltung auch als Erwachsene nicht abgelegt. Es war ihm ein absolutes Rätsel, wie sie es bis heute schaffte, seinen Vater um den kleinen Finger zu wickeln.

Ryder drehte sich zu David um. Als er dessen Verlegenheit sah, wurde ihm bewusst, dass er seiner Frau nur aus einem Grund nichts entgegensetzte – schlicht und ergreifend aus Schwäche. Wie traurig, dass der Mann, an den Ryder glauben und zu dem er aufblicken wollte, offensichtlich nicht existierte. Er bewunderte und respektierte ihn als Arzt, aber als Mann?

Wohl kaum.

Unwillkürlich musste Ryder wieder daran denken, wie er Mel das erste Mal gesehen hatte. Er war damals fünf gewesen und hatte sich geschworen, auf sie aufzupassen und sie zu beschützen. Nur dass er damals keine Ahnung gehabt hatte, sie vor seiner eigenen Familie schützen zu müssen.

„Nein“, sagte er kalt. „Ich werde Caroline kein Wort sagen. Das ist nicht meine Aufgabe, sondern die von Jeremy, der übrigens einen kräftigen Tritt in den Hintern vertragen könnte. Aber jetzt, wo ich weiß, dass ich eine Nichte habe, werde ich dafür sorgen, dass zumindest ein Mitglied dieser Familie sie zur Kenntnis nimmt.“

„Und wenn Mel damit nicht einverstanden ist?“

„Das geht nur mich und Mel etwas an. Ihr haltet euch von jetzt an aus der Sache raus.“

2. KAPITEL

Mel und Quinn hatten spontan beschlossen, eine Gemüsepfanne zu machen, und waren einkaufen gefahren, um die Zutaten zu besorgen. „Hey, ein Virginia-Nummernschild“, stellte Quinn fest, als sie nach ihrer Rückkehr einen Lexus in ihrer Einfahrt sahen. Der Regen hatte endlich nachgelassen, doch dafür war es jetzt eiskalt. Willkommen im Frühherbst an der Ostküste. „Wem gehört der Wagen?“

„April wahrscheinlich.“ In Mel stiegen bittersüße Gefühle auf, als ihr bewusst wurde, dass sie ihre Cousine schon seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wir waren hier glücklich, dachte sie. Sie zumindest war glücklich gewesen, in jenen Sommern, in denen Amelia vorübergehend Waffenstillstand mit Mels Mutter geschlossen und Mel erlaubt hatte, die Ferien mit ihren fast gleichaltrigen Cousinen zu verbringen. Sommerschwestern hatten sie sich genannt …

„Mensch, da bist du ja!“

April, genauso zierlich, temperamentvoll und rotblond wie früher – kam in einem kurzen karierten Rock und dazu passendem Cardigan aus der Tür und lief die Stufen hinunter, bevor Mel überhaupt aus dem Honda gestiegen war. Nach einer stürmischen Umarmung fächelte sie sich das tränenüberströmte Gesicht.

Mel musste lachen. „Na hör mal!“ Sie zog eine Packung Taschentücher aus ihrer riesigen Handtasche und reichte sie ihrer Cousine. „Immer noch?“

„Ich weiß, ich bin schrecklich!“ Die Frau war schon früher beim kleinsten Anlass in Tränen ausgebrochen. „Aber ich kann einfach nichts dagegen tun. Es ist so schön, dich wiederzusehen … warte“, sagte sie, als ihr feuchter Blick auf Quinn fiel, die ein Stück abseitsstand. „Mein Gott, ist das etwa deine Kleine?“, fragte sie überrascht.

„Kleine?“ Mel tat so, als sähe sie das Mädchen erst jetzt. „Welche Kleine? Oje, die muss auf den Rücksitz geklettert sein, als ich im Supermarkt war.“

„Meine Güte, Mom!“, sagte Quinn genervt und verdrehte die Augen. Dann streckte sie April eine Hand hin. „Ich bin Quinn. Die Vernünftige.“

„Warum so förmlich? Komm her, Süße!“ April nahm Quinn ebenfalls in die Arme, ein Anblick, bei dem Mel feuchte Augen bekam.

Mels Blick fiel auf die im schwachen Licht der Außenlampe funkelnden Diamantenringe an Aprils linker Hand. Das und der Lexus ließen darauf schließen, dass sie erheblich wohlhabender war als früher. Nicht, dass die drei Cousinen je über solche Dinge gesprochen hatten, noch nicht mal, als sie alt genug waren, um sich zu fragen, warum ihre Großmutter offensichtlich Geld hatte, aber ihre drei Töchter mehr oder weniger in Armut lebten.

„Mensch, bist du hübsch!“ April hielt Quinn auf Armeslänge von sich entfernt und warf Mel einen Blick zu. „Ich nehme an, sie ist ihrem Vater ähnlich? Von dir sehe ich hier nicht viel …“

„Quinn, lass uns die Einkäufe aus dem Wagen nehmen“, unterbrach Mel ihre Cousine hastig. „Hast du Lust auf geschmortes Gemüse zum Abendessen?“, fragte sie dann April.

„Klar, ich bin am Verhungern.“

Mel trug die Einkäufe an den staubigen Korbmöbeln und Sisalteppichen im großen Wohnzimmer vorbei. Die Gemälde an den Wänden waren mit Spinnweben bedeckt, und die nicht zusammenpassenden Regale bogen sich unter dem Gewicht Hunderter, wenn nicht Tausender Bücher, DVDs und Videos. Na ja, wenigstens gab es hier keine Katzen. Zumindest hatten sie bisher keine entdeckt.

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass das Haus so heruntergekommen ist“, flüsterte April ihr zu, als Mel und Quinn die Einkaufstüten auf den inzwischen desinfizierten Kiefernholztisch in der Küche ablegte, woraufhin Quinn sich wieder auf Entdeckungsreise begab. Mel hätte ihr am liebsten einen Schutzanzug mitgegeben. Oder ein Kruzifix.

„Du hättest die Küche mal vorhin sehen müssen“, antwortete sie, während sie die Milch im Kühlschrank verstaute.

„Willst du damit sagen, dass es hier noch schlimmer aussah als jetzt?“

„Allerdings.“ April setzte sich zögernd. „Der Anwalt hat gesagt, dass Nana praktisch pleite war, als sie starb“, erzählte sie. „Dass das Haus … und das hier alles ist, was sie hinterließ.“

„Anscheinend hat sie ihr ganzes Geld für nutzlosen Kram ausgegeben“, antwortete Mel.

April seufzte. „Mir graut schon bei der Vorstellung, das ganze Zeug zu sichten. Aber wer weiß? Vielleicht befinden sich ja ein paar wertvolle Gegenstände in dem ganzen …“ Sie suchte nach dem passenden Ausdruck.

„Müll?“, ergänzte Mel. „Das bezweifle ich. Wir sollten das Ganze einfach abfackeln.“ Mit gespieltem Erschrecken hob sie die Hände. „Ups!“

Ihre Cousine errötete. „Nana hatte doch früher ein paar gute Sachen, weißt du noch? Das Kristall zum Beispiel. Oder das Porzellan. Und ein paar der Möbel stammen noch aus der Zeit, als das Haus gebaut wurde.“

„Aber manchmal sind alte Sachen eben nur alt. Das Haus ist kurz vorm Zusammenbrechen!“

„Ach, so schlimm ist es vielleicht gar nicht.“ Aprils Augen füllten sich mit Tränen. „Wir könnten das alte Haus wieder zum Leben erwecken, Mel. Davon bin ich fest überzeugt.“

Mel wechselte das Thema. „Bist du eigentlich verheiratet?“

April runzelte die Stirn.

Mel legte das Gemüse auf den Küchentisch und zeigte mit einem der aus Baltimore mitgeschleppten Messer auf die linke Hand ihrer Cousine. Ein Koch, der was auf sich hält, verlässt sein Zuhause nun mal nicht ohne bestimmt Dinge.

„Ach, die.“ Verlegen berührte April ihre Ringe. „Ja, bin ich. Oder war es vielmehr. Clayton – mein Mann – ist vor ein paar Monaten gestorben.“

„Oh Gott, das ist ja schrecklich!“

„Er war sehr lange krank.“

Mel stellte ihre Eisenpfanne auf den Herd, schaltete das Gas ein und kehrte an den Tisch zurück. „Willst du nicht darüber reden?“

„Nein. Genauso wenig wie du offensichtlich über dieses Haus.“

„Ich habe den Vorschlag gemacht, es dem Erdboden gleichzumachen und die Versicherungssumme zu kassieren. Die andere Alternative wäre, es in eine jährliche Halloween-Attraktion zu verwandeln.“ Als ihre Cousine nichts darauf erwiderte, runzelte Mel besorgt die Stirn. „Was ist los?“

„Nichts.“

„Das glaube ich nicht. Ich kenne diesen Blick doch. Er verheißt nichts Gutes.“

Lachend beugte April sich über den Tisch und drückte Mels Handgelenk. „Es ist schön, wieder hier mit dir zu sein“, sagte sie und knabberte an einer Scheibe Paprika.

„Dito. Obwohl … ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie früher.“

„Wer ist das schon?“ April seufzte. „Aber trotz des ganzen Chaos’ und des Drecks hier ist es … als sei die Zeit stehen geblieben. Damit habe ich nicht gerechnet.“ Nach kurzem Schweigen fügte sie hinzu: „Und? Hast du noch Kontakt zu Ryder?“ Bei Mels verblüfften Gesichtsausdruck musste sie lächeln. „So abwegig ist die Frage doch nicht, oder? Also?“

„Nein.“

„Im Ernst? Ich meine, so nahe, wie ihr euch gestanden habt …“

„Wir waren Sandkastenfreunde, das ist alles“, unterbrach Mel sie kurz angebunden. „Nachdem er an die Uni gegangen und Dad gestorben war, zogen Mom und ich nach Baltimore und … wir verloren uns aus den Augen.“

In diesem Augenblick kam Quinn in die Küche gehüpft und stibitzte sich ein Stück Mohrrübe vom Tisch. „Wann gibt’s Abendessen?“, fragte sie. „Ich sterbe fast vor Hunger.“

„In zehn Minuten.“ Mel trug das geschnittene Gemüse zum Herd und warf es in das zischende Öl. „Du kannst ja schon mal den Tisch decken.“ Sie nickte zum Schrank neben der Spüle. „Das Geschirr steht da drin.“

Nach dem Essen verschwand Quinn wieder nach oben, um ungefähr zehntausend Bücher durchzublättern – himmlisch! –, während April und Mel die Küche aufräumten.

Die Hände tief ins Spülwasser getaucht, warf April Mel einen Blick über die Schulter zu. „Das Essen war fantastisch. Kochst du eigentlich immer so gut?“

„Danke. Ja, kochen ist meine Leidenschaft.“

„Echt? Hm.“

Mel stapelte das saubere Geschirr auf der Arbeitsfläche.

„Also … spielt Quinns Vater in ihrem Leben eine Rolle?“, hörte sie April hinter sich fragen.

„Nein“, antwortete Mel mit gespielter Lässigkeit. „Und hat es auch nie.“ Sie hörte, wie April mehr Spüli in das Waschbecken gab.

„Ist sie Ryders Tochter?“

Okay, das war zu erwarten gewesen. „Nein. Wie schon gesagt, Ryder und ich waren nur Freunde. Gute Freunde.“ Mel lächelte. „Er hätte sich mir gegenüber immer wie ein Gentleman verhalten.“ Als ihre Cousine nichts darauf erwiderte, drehte Mel sich zu ihr um. „Was ist? Glaubst du mir nicht?“

„Doch, ich glaube dir schon. Aber ich kann mich noch gut an unseren letzten gemeinsamen Sommer erinnern, als Ryder uns mal mit dem Boot seines Vaters mitgenommen hat.“ April wuchtete die Pfanne auf das Abtropfbrett und warf Mel ein verschmitztes Lächeln zu. „Ich weiß auch noch, wie er dich angesehen hat, wenn er dachte, dass ihn niemand beobachtet.“

Sie legte sich eine nasse Hand aufs Herz und seufzte übertrieben melodramatisch. „Ich dachte dann immer, ich würde vor Glück sterben, wenn mich mal ein Junge so ansehen würde. Und du hast ihn genau so angesehen“, fügte sie hinzu. „Du brauchst das gar nicht abzustreiten.“

Über ihren Köpfen hörte Mel Dielen knarren. „Na schön“, sagte sie mit einem misstrauischen Blick zur Decke. Entweder hatte Quinn das Zimmer gewechselt, oder da oben trieb ein Riesenwaschbär sein Unwesen. „Ich habe vielleicht ein bisschen für ihn geschwärmt.“

April bespritzte Mel lachend mit Wasser.

„Er war mein Freund, April“, protestierte Mel und versetzte ihrer Cousine einen Schlag mit dem nassen Handtuch. „Das war alles, wirklich!“

April wrang den Schwamm aus, legte ihn neben die Spüle und drehte sich stirnrunzelnd zu Mel um. „Und warum habt ihr dann keinen Kontakt mehr?“

„Weil es einfach so ist!“ Mel legte den letzten Teller ein bisschen zu heftig auf den Stapel und schloss gequält die Augen.

April trocknete sich die Hände ab und beugte sich über die Spüle, um einen Blick auf den dunklen Himmel zu werfen. „Ich wollte dich nicht ärgern. Aber wieder hier zu sein … ich vermute, dass es mich irgendwie sentimental stimmt. Vielleicht wollte ich einfach wieder etwas von dem alten Zauber spüren.“

„Kann ich gut nachvollziehen. Aber daraus wird nichts. Können wir jetzt bitte das Thema wechseln?“

In diesem Augenblick klingelte es an der Tür. „Oh! Ich wette, das ist Blythe“, sagte April und verließ die Küche.

Da Mel sich gerade nicht imstande fühlte, ihrer ein Jahr älteren, früher immer etwas herrschsüchtigen Cousine gegenüberzutreten, schaltete sie das alte Radio ein, das noch immer auf demselben Fleck stand wie früher, und stellte einen Oldie-Sender ein. Untermalt von Simon und Garfunkels „The Sound of Silence“ hörte sie Aprils muntere Stimme und drehte sich zur Küchentür um, ein gezwungenes Lächeln auf den Lippen.

Als sie sah, wen April mitgebracht hatte, fiel sie fast in Ohnmacht.

„So kann man sich irren“, sagte April, die Mels offensichtlichen Schockzustand sichtlich genoss, bevor sie verschwand und Mel allein in Ryders Gegenwart zurückließ.

Der lächerlich gut und sehr erwachsen aussah. Und stinksauer.

Yippie …

„Woher weißt du eigentlich, dass ich hier bin?“, fragte Mel eine halbe Stunde später, als sie mit Ryder am Jachthafen entlang schlenderte. Sie hatte Quinn bei April gelassen, um sich ungestört mit ihm unterhalten zu können.

„Phil Paxton hat es meinem Vater erzählt.“

Ryders angenehm vertraute Stimme weckte Erinnerungen, die Mel bisher erfolgreiche verdrängt hatte. Diese Situation war ja sogar noch absurder als die Rückkehr in das Haus ihrer Großmutter.

„Er hat gesagt, dass Amelia euch das Haus hinterlassen hat und ihr das Erbe von hier aus regeln wollt.“

„Klatschtante“, murmelte sie.

„War das denn ein Geheimnis?“

Als Mel das Wort „Geheimnis“ hörte, zuckte sie unwillkürlich zusammen. „Eigentlich nicht.“

„Gibt es vielleicht noch etwas, das ich wissen sollte?“

Sie musste nicht erst fragen, worauf Ryder hinauswollte. Sein Tonfall verriet alles. Trotzdem war sie unsicher, was sie ihm erzählen durfte – und was nicht. „Das hängt davon ab. Was weißt du schon?“

„Das du und Jeremy ein gemeinsames Kind habt.“

„Jeremy ist zwar Quinns biologischer Vater, aber von gemeinsam kann nicht die Rede sein.“

Das Schweigen zwischen ihnen war eisiger als die nasse Luft, bis Ryder es schließlich brach. „Aber, Mel … warum?“

„Weil ich am Boden zerstört und er da war.“ Und du nicht, fügte sie im Stillen hinzu, überrascht, dass sie nach all der Zeit noch Wut empfand. „Traurig, aber wahr.“

Stille.

„Wann hast du davon erfahren?“

„Heute Nachmittag.“

„Willst du damit sagen, du hattest bis heute keine Ahnung von Quinn?“

„Nein.“

„Wow!“ Mel lachte kurz auf. „Unfassbar, dass sie so weit gegangen sind. Ich dachte immer, du weißt Bescheid.“

Ryder schlug den Kragen seiner Jacke hoch. „Weil ich dich nie kontaktiert habe?“

„Ja.“

Kopfschüttelnd schob er die Hände in die Taschen. „Das war nicht der Grund.“

Als er keine weitere Erklärung gab, blieb Mel am Geländer stehen, stützte die Unterarme auf und atmete die nach Seetang riechende Luft ein. Das Mondlicht spiegelte sich auf den Wellen.

Ryder gesellte sich zu ihr.

„Du musst ganz schön wütend sein“, sagte sie.

„Du hast ja keine Ahnung.“ Er streifte sie mit einem Blick. „Meine Eltern haben erzählt, dass Jeremy Bescheid weiß.“

„Er wusste es immer.“

„Und er hat nie …?“

„Nein. Für ihn existiert Quinn nicht.“

Ryder vergrub das Gesicht in den Händen und ließ sie dann sinken. „Fragt sie nicht nach ihrem Vater?“

„Nicht so oft, wie du vielleicht denkst. Obwohl …“ Mel schluckte. „Ich hatte zwei Jahre lang eine feste Beziehung und dachte … dass es der Richtige ist. Quinn hatte eine sehr enge Bindung zu ihm. Sie hat nicht mehr nach ihrem Vater gefragt, weil sie davon ausging, einen gefunden zu haben.“

„Ich nehme an, die Geschichte geht nicht gut aus?“

Und da war es wieder – trotz allem. Das gleiche Verständnis und die gleiche Warmherzigkeit, die Ryder ihr schon in ihrer Kindheit entgegengebracht hatte. Tränen schossen Mel in die Augen. „Seine Ex wollte ihn zurück. Anscheinend war er nie wirklich über sie hinweggekommen, obwohl wir praktisch unzertrennlich waren.“ Sie drehte sich zu Ryder um. „Er hat mir angeboten, mich zu seiner Geschäftspartnerin zu machen. In seinem Restaurant“, erklärte sie, als Ryder ungläubig die Stirn runzelte.

„Nachdem …?“

„Oh, ja, direkt danach. Als Trostpreis gewissermaßen.“ Sie lachte zynisch und räusperte sich. „Er fand, das sei das Mindeste, was er für mich tun konnte. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass meine Kochkünste sein Restaurant so erfolgreich gemacht haben.“

Ryder lächelte schwach. „Du bist natürlich gegangen?“

„So schnell die Füße mich trugen.“

„Gut für dich.“

„Theoretisch ja. In der Praxis nicht so ganz. Aber was soll’s, ich komme zurecht. Ich arbeite ab und zu für Caterer, bis mir etwas Vergleichbares über den Weg läuft. Ich habe den Job geliebt. Und die Partnerschaft wäre eine unglaublich gute Gelegenheit gewesen. Leider habe ich kein Herz aus Stein.“

„Wie lange ist das alles jetzt her?“

„Ein paar Monate“, antwortete sie vage, obwohl das exakte Datum für immer in ihr Hirn eingebrannt bleiben würde. „Verdammt, Ry … ich habe nichts Böses geahnt, und Quinn auch nicht. Und für sie war es besonders schlimm, weil meine Mutter letztes Jahr gestorben ist. Sie und Quinn standen sich sehr nahe, wie du dir vielleicht denken kannst.“

„Verdammt, das tut mir leid.“

Mel nickte. „Quinn ist erst jetzt einigermaßen darüber hinweg. Zumindest hoffe ich das. Über die Trennung meine ich. Sie redet nicht mehr darüber.“

„Und du?“, fragte er leise.

„Ich schwanke zwischen einem Gefühl der Betäubung und einer Stinkwut hin und her. Zumindest bin ich über die Phase hinweg, in der ich alles in mich reingestopft habe, was auch nur halbwegs essbar war.“ Mel seufzte. „Aber natürlich fragt Quinn mich jetzt wieder öfter nach ihrem Vater – ein Thema, auf das ich nicht gerade versessen bin. Das Beste, was mir bisher einfiel, war, dass er vor ihrer Geburt verschwand, ohne von meiner Schwangerschaft zu wissen, und ich keine Ahnung habe, wo er steckt und wie man ihn ausfindig machen kann.“

„Du hast also gelogen?“

Mel lachte humorlos. „Wie willst du einem Kind erklären, dass ihr Vater es nicht wirklich wollte? Dass seine Eltern mich dafür bezahlt haben, ihn nie zu kontaktieren und mich nie wieder in St. Mary’s blicken zu lassen? Und wie in Gottes Namen …“, Mel schluckte, „… erkläre ich ihr, dass ihre Mutter genauso einverstanden mit diesem Plan war wie die Menschen, die ihr Schweigegeld gezahlt haben?“

„Mel, um Himmels willen – du warst damals sechzehn!“

„Siebzehn, als Quinn zur Welt kam. Ich kann doch nicht einfach behaupten, mir sei nicht bewusst gewesen, was ich getan habe. Ich habe mehr oder weniger meine Seele oder zumindest meine Integrität verkauft, um für Quinn sorgen zu können. Auch wenn diese Lüge mich auffrisst.“

Seufzend legte Ryder die Hände auf das Geländer. „Nicht mehr als mich. Im Grunde genommen war das Ganze nämlich meine Schuld.“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Dann hast du dich also nicht nur mit Jeremy eingelassen, um dich an mir zu rächen?“

Es war schon seltsam. In all den Jahren hatte Mel die Erfahrung gemacht, dass nur wenige Männer bereit oder überhaupt fähig waren, Verantwortung zu übernehmen. Zumindest die Männer in ihrem Leben. Darüber hatte sie ganz vergessen, dass Ryder der vermutlich verantwortungsbewussteste Mann war, dem sie je begegnet war. Und genau deshalb hatte er recht, wenn auch auf eine verquere Art. Das Ganze war damals nämlich nur passiert, weil er so aufrecht, anständig und ehrenhaft war.

„Das habe ich nicht gesagt“, antwortete sie nach kurzem Zögern. „Aber es wäre lächerlich, dir für mein Verhalten die Schuld zu geben, auch wenn ich das damals natürlich getan habe.“ Sie schwieg einen Moment. „Bitte hasse mich nicht, Ryder. Das tue ich nämlich schon selbst genug. Für uns beide.“

3. KAPITEL

Ryder war bestürzt, dass der stärkste, positivste Mensch, den er kannte, sich selbst so negativ sah. „Wie kann ich dich hassen, wenn ich derjenige bin, der versagt hat?“

„Du hast mich immerhin davor bewahrt, mich zum Narren zu machen.“ Mel verzog das Gesicht. „Zumindest an jenem Abend.“

Sein Magen verkrampfte sich. „Trotzdem hätte ich souveräner mit der Situation umgehen können. Und danach … Ich hätte dich anrufen sollen. Oder dir zumindest eine Mail schicken, und sei es auch nur, um dich zu fragen, wie es dir geht. Das war ja wohl das Mindeste, was ich dir schuldig war.“

„Schuldig?“ Mel sah ihn erstaunt an. „Du warst – bist – mir gar nichts schuldig.“

„Du hast damals getrauert, Mel. Was auch immer zwischen uns passiert ist, du kamst nur zu mir, um Trost zu finden, und anstatt mir klarzumachen, was du wirklich brauchtest, habe ich dich weggestoßen. Ziemlich brutal sogar, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Daher darfst du dir auf keinen Fall mehr Vorwürfe machen als ich mir selbst.“

Sie lachte kurz auf. „Dachtest du wirklich, mein Verhalten war von Trauer motiviert? Sie hat mir höchstens meine Hemmungen genommen. Nein, ich habe dich angemacht, weil ich dich wollte.“ Sie wandte den Blick ab. „Ich hatte es satt, von dir ständig wie deine kleine Schwester behandelt zu werden. Albern, oder?“

Ryder wandte den Blick ab. „Du hast ja keine Ahnung, wie schwer es mir fiel, dich zurückzuweisen“, sagte er leise.

Sie lachte überrascht. „Ist das dein Ernst?“

„Ja. Und du kannst ruhig aufhören zu lachen.“ Er seufzte. „Unser ganzes Leben lang habe ich mich als in der Rolle deines Beschützers gesehen. Eine Rolle, die ich sehr ernst genommen habe …“

„Das kannst du laut sagen.“

„… und du warst noch ein Kind. Juristisch gesehen sowieso. Was ich für dich empfand, war mehr als unangemessen. Nicht, dass ich vorhatte, diesen Empfindungen nachzugeben, aber sie haben mir verdammte Angst eingejagt.“

Ryder rieb sich das Kinn. „Was du an diesem Abend wolltest – verdammt, was ich wollte – hat das Wort ‚falsch‘ völlig neu definiert. Du hattest Vertrauen zu mir, und ich wollte dieses Vertrauen nicht enttäuschen. Auch wenn es mich fast umgebracht hat.“

Mel holte tief Luft. „Dann hast du mich also aus Panik zurückgewiesen?“

„Das ist noch harmlos ausgedrückt. Denn ganz egal, wofür ich mich entschieden hätte – es hätte dich verletzt. Dabei hattest du ohnehin schon unter dem Tod deines Vaters gelitten. Und als ich dann zum College zurückging …“ Ryder erwiderte Mels Blick. „Ich hatte keine Ahnung, wie ich das mit uns wieder in Ordnung bringen sollte.“

Mel schob sich die Kapuze ihres Sweatshirts über den Kopf und blickte auf das vom Mondlicht beschienene Wasser. „Es hat eine Weile gedauert“, sagte sie „aber irgendwann kam ich über deine Abfuhr hinweg. Denn wie du selbst gesagt hast, was hättest du anderes tun können? Dein Schweigen allerdings … das hat mich fertiggemacht, Ry.“

Ryder bekam ein flaues Gefühl im Magen. „Also hast du es mir heimgezahlt.“

„Das war keine Absicht“, erklärte sie nach kurzem Zögern. „Ich hatte es nicht darauf angelegt, mit deinem Bruder zu schlafen. Auch wenn dir das vielleicht ein geringer Trost ist.“

Ryder runzelte verwirrt die Stirn. „Dann hat er die Initiative ergriffen?“

„Nicht direkt, nein. Zumindest nicht am Anfang. Er wirkte nur plötzlich … als ob ich ihm etwas bedeuten würde. Und ich war tief verletzt, Ryder. Verletzt, verwirrt und orientierungslos …“ Sie hob einen Mundwinkel. „Und stinksauer. Auf dich, weil du praktisch komplett aus meinem Leben verschwunden warst. Und auf mich, weil ich so dämlich gewesen war, das einzig Gute in meinem Leben zu ruinieren.“

Sie schwieg einen Moment. „Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht, Ryder. Nicht, dass ich Quinn nicht liebe, aber der Rest?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe alle Menschen enttäuscht, allen voran meine Mutter. Versteh mich nicht falsch, sie hat Quinn angebetet, aber sie ist nie über die Konsequenzen hinweggekommen. Und dann Nana, die nie wieder ein Wort mit mir gesprochen hat …“

„Das ist doch dieselbe Frau, die den Kontakt zu ihrer eigenen Tochter abgebrochen hat, oder? Aus Gründen, die nur sie selbst kannte? Du bist nicht für den Groll anderer Menschen verantwortlich, Mel. Und was diese Übereinkunft angeht – juristisch ist sie völlig haltlos.“

„Tja, es ist schon erstaunlich, welche Triebfeder Angst sein kann. Du meinst, du hattest Panik?“ Sie zeigte auf sich selbst. „Die Panik in Person. Aber wenigstens kam ich endlich aus St. Mary’s raus. Ich und meine Mutter, auch wenn die das nie so gesehen hat. Wir kamen weg von … allem.“

„Du meinst meine Familie?“

Mel schwieg einen Moment. „Ich will nicht unfair sein. Es ist nicht so, dass sie meine Eltern schlecht behandelt hätten – und ich hatte immer eine Schwäche für deinen Vater. Im tiefsten Innern ist er ein guter Mensch. Und was Jeremy und mich angeht – wir haben einander nur benutzt“, fuhr sie tonlos fort. „Das war uns beiden klar. Deshalb hat auch keiner von uns gegen den Plan deiner Eltern protestiert. Ich konnte damit umgehen, dass der Typ sein eigenes Kind nicht anerkennt. Auch damit, dass ich ihn deswegen gehasst habe. Aber dass deine Eltern sich von ihrem ersten Enkelkind abgewandt haben …“

Sie schüttelte den Kopf. „Dass deine Mutter so weit ging, zu verlangen, dass ich das ‚Problem‘ löse, war erheblich schwerer zu schlucken.“

Ryder konnte das gut verstehen. Er kannte seine Mutter. Er hatte vorhin zwar so etwas wie Reue in ihrem Blick zu sehen geglaubt, bezweifelte jedoch, dass dieses Gefühl ihre Sturheit und ihren Stolz überwinden würde. „Ich möchte das Ganze wiedergutmachen“, sagte er mit gepresster Stimme.

„Vergiss es, Ry. Was passiert ist, ist passiert.“

„Und was ist, wenn ich Quinn kennenlernen möchte? Warum nicht?“, fügte er hinzu, als sie ihn entgeistert anstarrte. „Nur weil mein Bruder sich seiner Verantwortung entzogen hat …“

Mel ließ das Geländer los. „Das wird nie passieren!“

„Sie ist meine Nichte.“

„Aber das darf sie nicht erfahren!“

„Juristisch gesehen haben meine Eltern nichts in der Hand …“

„Das hat nichts mit juristisch zu tun!“, rief Mel. Der Wind wehte ihr die Haare ins Gesicht. „Ich kenne meine Rechte, okay? Ich weiß, was mir zusteht, und was nicht. Aber ich weiß auch, was ich nicht will. Und dazu gehört alles, was meine Tochter verletzen könnte.“

„Dann wirst du mich also mit ihnen in einen Topf? Ich wusste doch gar nichts von ihr!“

„Du warst nicht da, Ryder!“, rief Mel. Tränen schimmerten in ihren Augen. „Wo warst du, als deine Mutter mich vor meiner gedemütigten Mutter eine kleine Schlampe genannt hat? Als sie mich beschuldigte, mich in die Familie einzuschleichen und es nur deshalb auf Jeremy abzusehen, weil mein Plan, dich mir zu schnappen, nicht geklappt hatte? Oder als sie mich zwang, vor Quinns Geburt einen DNA-Test machen zu lassen, um zu beweisen, dass Jeremy wirklich der Vater ist?“

Ryder wurde übel. „Verdammt … ich hatte ja keine Ahnung …“

„Nein, heute genauso wenig wie damals. Glaub mir, ich möchte weniger mit deinen Eltern zu tun haben als sie mit mir. Und wenn du Quinn kennenlernst … Es würde nicht gut gehen, Ryder. Die Vergangenheit löst sich nicht einfach so in Luft auf, bloß weil man es will.“

Sie presste entschlossen die Lippen zusammen. „Weißt du, was das Seltsamste ist? Jetzt, wo ich selbst Mutter bin, kann ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, warum deine Mutter sich so verhalten hat. Manchmal schreckt man vor nichts zurück, um sein Kind zu schützen. Ich stimme zwar nicht mit ihren Methoden überein, aber ich verstehe ihre Gründe. Trotzdem würde ich mir lieber eine Hand abhacken lassen, bevor ich Quinn in die Nähe von Menschen lasse, die sie abgeschrieben haben.“

Der Schmerz in Mels Stimme war unüberhörbar.

„Dachtest du, ich hätte dich auch abgeschrieben?“

Sie zuckte die Achseln.

„Ich schwöre dir, dass die Dinge anders gelaufen wären, wenn ich es gewusst hätte.“

„Na klar doch! Was hättest du schon tun können?“

„Keine Ahnung. Irgendetwas. Dich geheiratet zum Beispiel.“

Mel lachte schrill. „Deine Eltern wären vor Freude aus dem Häuschen gewesen. Glaubst du wirklich, sie hätten zugelassen, dass du deine Ausbildung und deine Karriere ruinierst, wo sie doch schon bei Jeremy nichts riskieren wollten? Und dabei ist Quinn noch nicht mal deine Tochter! Außerdem, wie kommst du überhaupt darauf, dass ich zugestimmt hätte?“

„Willst du damit sagen, dass du nicht zumindest darüber nachgedacht hättest? Zumal du …“

„Zumal ich wahnsinnig für dich geschwärmt habe?“

„Ich habe diese Gefühle erwidert.“

Mel lachte traurig. „Und eine Hochzeit hätte alles wiedergutgemacht? Im Gegenteil, sie hätte alles zerstört.“

„Das ist mir doch auch so gelungen, oder?“

Stöhnend fasste Mel sich an den Kopf und ging zurück zum Parkplatz. „Himmel, warum reden wir überhaupt darüber? Wir können doch sowieso nichts mehr daran ändern! Es ist vorbei, und sobald die Sache mit Nanas Haus geklärt ist, bin ich hier wieder weg. Du kannst deiner Mutter also ausrichten, dass sie sich keine Sorgen zu machen braucht. Ich habe absolut nicht vor, Unruhe zu stiften.“

Ryder ging hinter ihr her. Als sie schon fast bei ihrem Auto war, packte er ihre Hand.

Falls Mel schockiert war, zeigte sie es nicht. Stattdessen erwiderte sie ruhig seinen Blick, die Augenbrauen leicht erhoben.

„Ich weiß, dass ich noch nicht mal ansatzweise wiedergutmachen kann, was meine Familie zerstört hat. Oder ich. Aber ich möchte zumindest bewahren, was wir hatten …“

Mel entzog ihm ihre Hand. „Was wir hatten, existiert nicht mehr“, sagte sie kühl. „Und zwar schon sehr lange nicht mehr. Wir sind nicht mehr die Kinder von damals, Ry.“ Sie zog ihr klingelndes Handy aus der Tasche. „Das ist April.“ Sie hob es ans Ohr. „Ja?“

Ryder beobachtete, wie sie die Brauen zusammenzog und die Autotür aufriss. „Wir sind sofort da.“

„Alles in Ordnung?“, fragte er, nachdem er neben ihr eingestiegen war. Er hatte sich kaum angeschnallt, als Mel schon vom sandigen Parkplatz auf die Straße schoss.

„Ich habe April nicht genau verstanden, aber anscheinend hat Quinn sich die Hand verletzt.“ Sie seufzte. „Es wäre das Vernünftigste, wenn du mal einen Blick darauf wirfst, oder?“

„Diese Entscheidung liegt ganz bei dir. Aber die nächste Notaufnahme ist eine gute halbe Stunde entfernt. Und ich habe meine Tasche im Wagen.“

„Natürlich hast du das“, murmelte sie, als sie in die unkrautübersäte Einfahrt ihrer Großmutter schossen und sie den Motor abstellte. Bevor Ryder aussteigen konnte, packte sie ihn am Handgelenk. „Du sagst keinen Ton zu ihr, verstanden?“

„Darf ich ihr wenigstens erzählen, dass wir Freunde waren? Sie wird sich fragen, warum wir zusammen draußen waren“, sagte er schnell, als Mel protestierend den Mund öffnete. „Sie weiß schließlich, dass du früher mal hier gelebt hast, oder? Wir sind uns einfach zufällig über den Weg gelaufen und …“

„Na schön, mach was du willst. Hauptsache du gehst rein, bevor mein Kind verblutet.“

Mel war dankbar, dass ihre Cousine – die als Teenager immer wie ein Schlosshund geheult hatte, wenn sie sich nur beim Rasieren geschnitten hatte – entweder ihre Angst vor dem Anblick von Blut überwunden hatte oder sie zumindest verdammt gut vor der auf der Arbeitsplatte sitzenden Quinn verbarg, die selbst etwas blass um die Nase herum aussah. April hatte die Wunde mit Küchenpapier umwickelt und hielt Quinns Arm hoch über den Kopf.

„Ach, Süße!“ Mel eilte zu ihrer blutverschmierten Tochter und strich ihr sanft durch die Locken, während April sich erleichtert zurückzog. „Was ist passiert?“

„Da steckt so ein blöder Nagel in der Hintertür. Ich habe ihn nicht gesehen“, murmelte Quinn und musterte Ryder interessiert, der seine Jacke ablegte und seine Tasche auf den Küchentisch stellte, um darin herumzuwühlen. „Wer sind Sie?“

„Ein alter Freund deiner Mutter“, antwortete Ryder mit einem freundlichen – und natürlich umwerfenden – Lächeln, während er eine Flasche Desinfektionsmittel und mehrere Päckchen neben Quinn auf die Arbeitsplatte legte. „Außerdem bin ich Arzt. Praktisch, oder?“

Quinn zuckte die Achseln. „Kann schon sein.“

Lachend wusch Ryder sich die Hände und trocknete sie sich an einem Blatt Küchenpapier ab. Dann riss er ein Päckchen Latexhandschuhe auf und streifte sie sich über. „Macht es dir etwas aus, wenn ich mal einen Blick auf deine Wunde werfe?“

„April hat gesagt, ich soll die Hand oben lassen, wegen der Blutung.“

„Ganz schön viel Blut, oder?“

„Und wie!“

„Aprils Tipp war gut. Aber ich glaube, du kannst die Hand jetzt senken.“ Quinn gehorchte, und Ryder entfernte das Papier vorsichtig.

Mel wurde übel.

„Die Blutung scheint so gut wie aufgehört zu haben. Ein gutes Zeichen. Du wirst schon bald wieder Violine spielen können.“

Quinn kicherte. „Ich spiele nicht Violine, sondern Klavier.“

„Was du nicht sagst.“ Schon wieder dieses umwerfende Lächeln. „Spielst du gut?“

„Nicht wirklich. Aber ich habe auch erst seit einem Jahr Unterricht.“

„Ich hatte zehn Jahre. Genoss jede Sekunde.“

„Echt?“

„Nein.“

Quinn lachte erneut, und Ryders Lächeln ließ Mels Herz dahinschmelzen, verdammt noch mal! „Ihr Impfschutz gegen Tetanus ist wohl noch aktuell, oder?“

„Ich bin mir nicht sicher. Könnte sein, dass mal wieder eine Impfung fällig wäre.“

„Dann erledigen wir das gleich mit. Okay, Kleine, halt die Hand über die Spüle. Ich werde jetzt ein bisschen Desinfektionsmittel auf die Wunde gießen, um sie zu reinigen. Das wird wahrscheinlich brennen, aber nicht lange. Bist du bereit?“

Quinn holte tief Luft und nickte. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und verzog das Gesicht, als Ryder die Wunde säuberte.

„Fast fertig. Du machst das ganz toll … so. Jetzt sehen wir uns das Ganze mal an.“

„Das muss bestimmt genäht werden, oder?“, fragte Quinn, klang jedoch eher neugierig als besorgt.

Bewundernswert.

„Mit hundert Stichen, würde ich sagen“, antwortete Ryder trocken. Er hob den Blick zu dem kichernden Mädchen. Natürlich hatte er aufregende Fältchen um die Augen herum, und was Mel in denen sah, war einfach … zu viel. Bestimmt war Ryder zu allen seinen jüngeren Patienten so lieb und witzig, aber es war offensichtlich, dass Quinn bereits sein Herz erobert hatte.

Und dem Gesichtsausdruck ihrer Tochter nach zu urteilen, beruhte diese Zuneigung auf Gegenseitigkeit.

Ach, Verhängnis, du schon wieder.

Ryder richtete den Blick wieder auf Mel und sah einen Schmerz in seinen dunklen Augen, den sie vorher nicht bemerkt hatte.

Ihr wurde plötzlich bewusst, wie einseitig ihr Gespräch vorhin am Hafen gewesen war. Und das sie keine Ahnung von seinem Leben hatte. War er verheiratet? Geschieden? Er trug keinen Ring, aber das hatte nichts zu bedeuten …

„Ich würde gern zur Sicherheit zwei Stiche machen, damit die Wunde nicht wieder aufgeht. Harmlos“, sagte er augenzwinkernd zu Quinn.

Schön wär’s, Kumpel, dachte Mel.

Schön wär’s.

Schön wär’s, dachte Ryder, als er sich ein paar Minuten später die Handschuhe abstreifte, wenn man auch die Brüche des Lebens einfach so wieder zusammenflicken könnte. Mit etwas Erfahrung und Geduld den Schaden wiedergutmachen könnte.

Nachdem er Quinn geimpft und ihre Wunde verbunden hatte, ging sie ins Wohnzimmer, um sich vor den riesigen altmodischen Fernseher zu setzen – nicht ohne Ryder vorher stürmisch zu umarmen. Den Blick auf die Küchentür gerichtet, fragte er: „Ist sie immer so zutraulich?“

„Das hängt davon ab, ob sie das Gefühl hat, jemandem trauen zu können. Anscheinend hast du den Test bestanden.“

Ryder erwiderte Mels Blick lange genug, um sie zum Erröten zu bringen, und ging dann zur Küchentür, um sich den Nagel näher anzusehen. „Dann fühle ich mich geschmeichelt. Quinn ist ein wundervolles Kind.“ Wer war nur auf die Idee gekommen, von draußen einen Nagel durch die Tür zu hämmern? „Hast du etwas, womit ich den Nagel rausholen kann?“

„Mal sehen.“

Ryder beobachtete, wie Mel verschiedene verzogene Schubladen aufriss, und bekam sofort Schuldgefühle, als ihm auffiel, wie sich der weiche Jersey ihres Kapuzenshirts und der sogar noch weichere Stoff ihrer abgetragenen Jeans um Rundungen schmiegte, die sich sehr hübsch entwickelt hatten …

„Entschuldige den Zustand dieses Hauses“, sagte sie.

„Warum? Ich gehe mal davon aus …“, er warf einen Blick auf das Durcheinander, „… dass du das Chaos hier nicht fabriziert hast.“

„Stimmt. Aber trotzdem. Ach, sieh mal …“ Sie zog einen schäbigen Hammer aus einer der überfüllten Schubladen und musterte ihn kritisch. „Obwohl den wahrscheinlich schon Noah beim Bau seiner Arche benutzt hat.“

Ryder streckte eine Hand aus. „Was bei Noah funktioniert hat, ist auch für mich gut.“ Zwei Hammerschläge, und wenig später lag das Teil im Mülleimer, wo es keinen Schaden mehr anrichten konnte. „Nächste Frage – warum ist die Heizung aus?“

„Das Thermostat funktioniert nicht.“

„Wo ist es?“

„Im Esszimmer, aber …“

„Bin gleich wieder da.“ Ein paar Minuten später kehrte Ryder triumphierend zurück und freute sich über Mels verblüfften Gesichtsausdruck, als die Heizrohre zu knacken begannen.

„Wie hast du das denn geschafft?“

„Das Thermostat ist völlig in Ordnung“, erklärte er und öffnete ein paar Schranktüren, bis er ein halbes Dutzend geblümter, wenn auch staubiger Blechdosen fand, die er noch von früheren Besuchen kannte. „Der Boiler war ausgegangen. Ich habe ihn einfach wieder angeschaltet.“ Gleich beim Öffnen der ersten Dose, wurde er fündig – Earl Grey. Er nahm zwei Beutel heraus und hielt sie hoch. „Wo ist der Wasserkessel?“

Mel runzelte die Stirn. „Die müsste Noahs Frau hier vergessen haben.“

„Ach, das kochende Wasser wird alles abtöten, was abgetötet werden muss.“ Ryder wedelte mit den Beuteln.

Seufzend nahm Mel den Kessel vom Herd, spülte ihn mehrmals aus, füllte ihn mit Wasser und stellte das Gas an. Dann sah sie Ryder misstrauisch an. „Was machst du eigentlich noch hier?“

Die Vorstellung, in mein leeres Haus zurückkehren zu müssen, macht mich verrückt.

„Mir ist kalt. Und du wirst doch wohl kaum einem Mann, der deiner Tochter gerade das Leben gerettet hat, eine Tasse Tee verweigern, oder?“

„Hey!“, rief April von der Tür aus und schlang sich einen Schal um den Hals. „Da die Heizung jetzt an ist …“, Mel zeigte auf Ryder, der April zuwinkte, „… gehen die Kleine und ich jetzt Eis holen. Irgendwelche Wünsche?“

„Chocolate Chip“, sagte Ryder aalglatt, was ihm ein „wird erledigt“ von April und einen wütenden Blick von Mel eintrug.

„Ich dachte, dir ist kalt?“, sagte sie, nachdem die Haustür ins Schloss gefallen war.

„Mir wird wieder warm sein, wenn die beiden zurückkommen.“ Ryder setzte sich und lehnte sich zurück, die Arme hoch über der Brust verschränkt. „Du solltest die Heizungen in den unbenutzten Zimmern vielleicht ausstellen. Um Heizöl zu sparen.“

„Warst du immer schon so aufdringlich?“

„Nicht mehr als du.“

„Touché.“

Okay, es fühlte sich gut an, hier zu sitzen und sich mit Mel zu necken. Einfach ihre Gesellschaft zu genießen. Ryder sah sich in der schäbigen Küche um. „Ihr habt ja noch eine Menge Arbeit vor euch.“

„Das kannst du laut sagen“, murmelte Mel, offensichtlich fasziniert vom Anblick der Flammen unter dem Kessel.

„In dem jetzigen Zustand findet sich bestimmt nicht leicht ein Käufer.“

„Wir brauchen nur einen. Und was geht dich das überhaupt an?“

„Nichts, gar nichts. Ich mache nur Konversation.“

Besagte Konversation stockte ein paar Sekunden, bis Mel „danke“ sagte. Sie streifte Ryder mit dem Blick und starrte wieder auf den Kessel. „Dafür, dass du Quinn das Leben gerettet hast und so.“

„Ach, das. Gern geschehen. Obwohl ich sie gern in ein, zwei Tagen wiedersehen würde, um mich zu vergewissern, dass die Wunde gut verheilt.“

„Lässt sich einrichten.“ Der Kessel pfiff, und Sekunden später reichte Mel Ryder einen Becher mit kochend heißem Wasser. „Keine Ahnung, ob es hier Zucker gibt …“

„Ist schon okay so“, sagte er und tunkte seinen Teebeutel hinein. „Meine Güte, Mel, jetzt setz dich doch endlich. Sprich mit mir.“

Stur blieb sie stehen, die Arme vor der Brust verschränkt und die Lippen zusammengepresst. „Worüber denn?“

„Über die Chancen der Orioles, dieses Jahr zu gewinnen, was weiß ich. Obwohl, ich habe eine bessere Idee. Wie wär’s, wenn du mir alles über Quinn erzählst?“

Er beobachtete, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. „Ryder …“

„Warum hast du beschlossen, sie zu behalten?“, fragte er behutsam. „Wir haben in der Klinik viele Mütter im Teenageralter, daher weiß ich, wie hart das sein kann.“

„Ach ja?“

„Zumindest weiß ich genug“, antwortete er unbeirrt. „Also, warum?“

Sie lächelte verkrampft. „Es war die schwierigste Entscheidung meines Lebens. Aber letztlich wollte ich ihr wohl beweisen, dass zumindest einer von uns sie für lebenswert hält. Was vermutlich albern und romantisch und total unpraktisch war, und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie ich das ohne meine Mutter geschafft hätte, aber sie gehört zu mir und ich zu ihr, und das war’s.“

Ryder lächelte. „Sie ist völlig anders als Jeremy, oder?“

Mel schwieg eine Weile und nickte dann. „Sie kommt mehr nach mir.“

„Du meinst, sie ist genauso albern, romantisch und total unpraktisch veranlagt?“

„Oder dickköpfig, gnadenlos ehrlich und unfähig, den Mund zu halten.“

Ryder lachte.

Mel zögerte einen Moment, bevor sie sich langsam auf den Stuhl ihm gegenübersetzte. Ihre Augen leuchteten auf. „Sie ist so intelligent, Ryder“, erzählte sie. „Sie hat sich mit vier Jahren selbst das Lesen beigebracht und verschlingt seitdem Bücher wie Süßigkeiten. Ich unterrichte sie zu Hause, sodass sie in ihrem eigenen Tempo vorankommen kann. In Englisch ist sie inzwischen auf Highschoolniveau und in Mathe auf dem Stand von Achtklässlern. Und sie liebt Naturwissenschaften – mehr als ich jedenfalls.“

„Wow.“

„Du sagst es. Aber ich weiß nicht, wie lange ich noch mit ihr Schritt halten kann. Und jetzt, wo sie anderen Kindern in ihrem Alter so weit voraus ist, erscheint es mir völlig sinnlos, sie auf eine öffentliche Schule zu schicken.“

„Wie wär’s mit einer Privatschule mit einem Programm, das sie herausfordert?“ Als Mel aufstand und sich ans Fenster stellte, trank Ryder einen Schluck vom kochend heißen Tee und stellte den Becher hin. „Es gibt Stipendien …“

„Ich weiß. Ich habe mir sogar schon ein paar Schulen in Baltimore angesehen, aber …“

„Was aber?“

Sie drehte sich wieder zu ihm um. „Ry, trotz unserer Freundschaft war mir früher immer bewusst, dass du gegen die Regeln verstoßen hast. Ich war schließlich nur die Tochter eures Personals. Und ich habe früh gelernt, dass Menschen … also, dass wir in Schubladen denken.“

„Ich nicht“, antwortete Ryder ruhig, doch seine Hände verkrampften sich unwillkürlich um seinen Becher.

„Doch, du auch“, antwortete sie seufzend. „Das ist nur menschlich.“ Als er den Blick verlegen zu seinem Becher senkte, lachte sie spröde auf. „Ich habe mich in eurem Haus immer wie ein Mensch zweiter Klasse gefühlt, und dass dieses Gefühl gerechtfertigt war, bestätigte sich dann ja auch. Ich will nicht, dass Quinn sich irgendwann minderwertig fühlen muss, weil man ihr den ‚Gefallen‘ tut, sie mit reichen Kindern auf eine Schule gehen zu lassen.“

Ryder hob stirnrunzelnd den Blick. „Das ist nicht das Gleiche. Klar, meine Mutter kann ein ziemlicher Snob sein, aber …“

„Glaubst du, ich habe nicht gehört, wie deine Kumpels von der Privatschule dich meinetwegen aufgezogen haben? Ich wusste genau, weshalb du mich immer weggejagt hast, wenn sie vorbeikamen. Solange kein Außenstehender unsere Freundschaft mitbekam, war alles gut, aber …“

„Du warst fünf Jahre jünger als ich! Keine Gruppe Zwölfjähriger umgibt sich gern mit einer Siebenjährigen!“

„Und das war alles?“

„Ja! Mel … woher kommt das?“

Sie schürzte die Lippen. „Einer deiner Freunde, ich kann mich nicht mehr an seinen Namen erinnern, hat ein paar Mal seine kleine Schwester mitgebracht. Ich habe sie mal nach ihrer Ankunft in der Diele gesehen. Sie sah so aus, als sei sie in meinem Alter.“

„Das muss Robbie Banes’ Schwester gewesen sein. Sylvia oder Sarah oder so.“

Mel nickte. „Sie sah mich auch und hat ihre Mutter gefragt, ob sie mit mir spielen darf. Deine Mutter hat nur einen Blick in meine Richtung geworfen, gemurmelt, dass das keine so gute Idee wäre, und die beiden weggeführt.“

Ryder fuhr sich durchs Haar. „Ich hatte keine Ahnung. Dabei hätten wir uns gefreut, wenn die Kleine mit dir hätte spielen dürfen. Mann, war die nervig.“ Er toastete ihr mit dem Becher zu. „Sei froh, dass dir das erspart blieb.“

„Das ist nicht der Punkt.“

„Ich weiß. Und vielleicht will ich mir nur nicht eingestehen, dass du recht hast. Okay, ich habe meine Mutter nicht gerade mit der Nase auf unsere Freundschaft gestoßen.“

Mels Lippen zuckten. „Danke. Dafür, dass du mir nichts vormachst.“

„Das würde ich nie tun, zumindest nicht bewusst. Aber glaub mir, meine freundschaftlichen Gefühle dir gegenüber waren aufrichtig. Aufrichtig genug jedoch, um meiner Mutter gewaltig gegen den Strich zu gehen.“ Ryders Mundwinkel zuckten belustigt.

„Was meine Wahrnehmung bestätigen würde, oder?“

„Du wirst es vielleicht nicht hören wollen, aber es ist nicht richtig, deine Probleme auf Quinn zu übertragen.“

„Ich bin ihre Mutter, da ist das mein gutes Recht. Zumindest, bis sie so weit ist, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Und bevor du fragst, ja, sie hat Freunde. Sie lebt nicht in einem Vakuum. Wir gehören zu einer Selbsthilfegruppe für Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten. Alles ganz normale Menschen aus der Mittelschicht.“

„Und was ist, wenn Quinn irgendwann mal auf eine Eliteuni geht? Sie wird nicht immer in dieser Mittelklasse-Seifenblase leben können.“

„Stimmt. Aber bis dahin wird sie alt genug sein, um damit umzugehen.“

„Und sich nicht negativ beeinflussen lassen, meinst du?“

„Kann schon sein.“ Mel zuckte die Achseln. „Es ist eben einfacher, so zu tun, als würden Klassenunterschiede nicht existieren, wenn man an der Spitze der Nahrungskette steht.“

„Das ist doch Schwachsinn, Mel! Deine Großeltern … dieses Haus hier …“

„Es gehörte der Familie meines Großvaters. Anscheinend war Nana nur eine Kaufhausangestellte oder so, als sie ihn heiratete. Und als meine Mutter den Verwalter deiner Eltern heiratete …“

„… hatte deine Großmutter das Gefühl, dass ihre mühsam erworbene soziale Stellung ruiniert war.“

„Ganz genau. Als würde die Entscheidung meiner Mutter sie um Jahrzehnte zurückwerfen. Dass die Ehe meiner Eltern glücklich war, war ihr egal.“ Mel stieß einen lauten Seufzer aus. „Warum müssen manche Menschen eigentlich alles so persönlich nehmen?“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu Ryder. „Und warum können wir uns nicht einfach für unsere Kinder freuen, anstatt nur an uns selbst zu denken?“

Ryder wünschte, er könnte ihr helfen und ihr etwas von ihrer früheren Fröhlichkeit zurückgeben. Gleichzeitig war er irritiert, wie hartnäckig sie auf ihrer negativ verzerrten Sicht der Dinge beharrte. Und es machte ihn wütend, dass sie die Dinge so unterschiedlich wahrgenommen hatten, obwohl sie einander so nahegestanden hatten … und dass er nichts dagegen tun konnte.

Oder?

Er stand auf, packte seine Tasche und zog sich seine Jacke über.

„Du gehst?“

„Vorerst.“

„Dann willst du also doch kein Eis?“

„Das holen wir ein andermal nach.“

Mel folgte ihm durch das Wohnzimmer zur Haustür, wo sie Handynummern austauschten. „Was schulde ich dir?“, fragte sie. „Für den Hausbesuch?“

„Das habe ich nicht gehört.“

„Ich möchte nicht …“

„Wie du willst. Wie wär’s mit einem Abendessen?“

„Ich tue so, als hätte ich das nicht gehört.“

„Es geht mir nicht um Quinn.“

Trotzig hob sie das Kinn. „Das will ich auch hoffen!“

„Mel … ich habe nicht vor, Quinn die Wahrheit zu sagen. Mir geht diese ganze Geheimniskrämerei zwar absolut gegen den Strich, und früher oder später wird sie die Wahrheit sowieso herausfinden, aber mir ist natürlich bewusst, wie heikel die Situation ist. Heb dir deine Erleichterung trotzdem für später auf, ich bin nämlich noch nicht fertig.“

Als Mel erschrocken die Augen aufriss, stützte Ryder sich am Türrahmen ab und beugte sich weit genug vor, um Mels erweiterte Pupillen zu sehen. „Du und ich waren mal Freunde, du bist wieder da, und es wird höchste Zeit, ein paar verschlossene Türen zu öffnen, findest du nicht? Also. Abendessen“, wiederholte er. „Nur du und ich. An dem öffentlichsten Ort, den ich mir vorstellen kann.“

„Und wenn ich Nein sage?“

„Würde ich nicht davor zurückschrecken, dich zu entführen.“

Ihre Mundwinkel zuckten. „Deine Mutter würde ausflippen.“

„Hoffentlich.“

Lachend schüttelte Mel den Kopf. „Ich weiß nicht, Ry. Darf ich darüber nachdenken?“

„Na klar.“

Und das hätte eigentlich Ryders Stichwort sein sollen, sich aus der Tür und zu seinem Wagen zu befördern. Falls er auf seinen Verstand gehört hätte und nicht auf das, was ihn dazu bewog, den Daumen über ihre kühle Wange gleiten zu lassen – eine Geste, bei der sein Magen sich wie im freien Fall anfühlte, denn seit Deanna hatte er niemanden mehr so berührt. Er hatte es nicht gewollt. Dass er es jetzt wollte, verwirrte ihn komplett.

Mel keuchte erschrocken auf. Ihre Augen weiteten sich noch mehr. „Was zum Teufel machst du da?“

Ryder sah Mels Halsschlagader pulsieren. Als er die Hand sinken ließ, hörte er sie zittrig ausatmen.

Autor

Karen Templeton

Manche Menschen wissen, sie sind zum Schreiben geboren. Bei Karen Templeton ließ diese Erkenntnis ein wenig auf sich warten … Davor hatte sie Gelegenheit, sehr viele verschiedene Dinge auszuprobieren, die ihr jetzt beim Schreiben zugutekommen.

Und welche waren das? Zuerst, gleich nach der Schule, wollte sie Schauspielerin werden und schaffte...

Mehr erfahren