Julia Exklusiv Band 329

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VERBOTENE SEHNSUCHT UNTER TAUSEND STERNEN von ANNIE WEST

Joss weiß, was er will: Leilas wertvolle Ländereien. Dafür ist der Tycoon sogar bereit, die fremde Wüstentochter zu heiraten. Doch der Brautpreis ist weit höher als das Vermögen, das ihr Vormund verlangt: Die Hochzeitsnacht weckt Gefühle, die er für immer vergessen wollte.

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  • Erscheinungstag 09.10.2020
  • Bandnummer 329
  • ISBN / Artikelnummer 9783733715243
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Annie West, Susan Stephens, Chantelle Shaw

JULIA EXKLUSIV BAND 329

1. KAPITEL

„Einen Fremden heiraten?“

„Jetzt tu nicht so erstaunt. Erwartest du etwa, dass ich ewig für dich aufkomme!“

Leila wies lieber nicht darauf hin, dass ihr Stiefvater überhaupt nur durch die Heirat mit ihrer Mutter zu Geld gekommen war. Jetzt war nicht der Moment, ihm zu zeigen, dass er ihren Geist nicht brechen konnte.

„Du wirst den Mann heiraten, den ich dir ausgesucht habe und basta.“

„Natürlich, Stiefvater. Es ist sehr großzügig von dir, all das für mich zu organisieren, wo du doch so viel zu tun hast.“

Gamil sah sie misstrauisch an, als suchte er in ihrem ruhigen Gesicht nach einem Zeichen von Sarkasmus.

Aber Leila war zu einer wahren Meisterin im Verbergen von Kummer, Angst und Wut geworden. Sie kochte innerlich, aber sie beherrschte sich. Jetzt war nicht die Zeit, Gefühle zu zeigen.

Aber bald! Schon seltsam, dass ausgerechnet eine arrangierte Heirat die heiß erflehte Chance zur Flucht sein sollte. Das Ergebnis ihrer früheren Fluchtversuche war nur eine immer härtere Bestrafung gewesen. Doch wenn sie erst einmal verheiratet war – was konnte Gamil ihr dann noch antun?

So gesehen war eine aus Geschäftsinteressen geschlossene Heirat mit einem unbekannten Mann die vom Himmel gesandte Gelegenheit.

„Es gefällt mir nicht, dass er dich so sehen soll.“ Gamil wedelte abfällig mit der Hand in Richtung ihrer nackten Arme und Beine, ihrer neuen High Heels und ihres erlesenen Seidenkleids, das extra aus Paris geliefert worden war.

Auch ohne Spiegel wusste Leila, dass sie so gut aussah, wie sie nur konnte. Man hatte sie gebadet, epiliert, frisiert, manikürt, pedikürt, parfümiert und von Experten gestylt.

Eine Opferjungfrau für Gamils Ambitionen, hergerichtet und aufpoliert, um einem Fremden zu gefallen.

Doch wenn dieser lächerliche Plan ihr die Möglichkeit verschaffte, ein eigenes Leben zu führen …

„Aber er erwartet doch so etwas. Er kann sich das Beste leisten, besonders was Frauen betrifft.“

Glaubte man Gamil, so waren Frauen Annehmlichkeiten, die man sich kaufen konnte. Er war durch und durch ein Frauenfeind. Schlimmer noch, er war ein Kontrollfreak und genoss seine Macht.

Der Hass, der in seinem kalten Blick lag, verursachte Leila eine Gänsehaut.

„Du wirst ihn nicht enttäuschen, hörst du?“

„Natürlich nicht.“

„Und pass auf, was du sagst! Keine deiner klugen Bemerkungen! Du schweigst, außer wenn du gefragt wirst.“

Gamil hätte sich keine Sorgen machen müssen. Leila sagte kein Wort, als Joss Carmody den Salon betrat.

Ihr stockte der Atem, als ihr Blick über seine breitschultrige Gestalt und zu seinem markanten Gesicht glitt. Die ausdrucksvollen, braun gebrannten Züge waren wie aus Stein gemeißelt. Seine aus der Stirn gekämmten, lockigen Haare fielen überlang bis auf seinen Hemdkragen. Der Mann erweckte in ihr den Eindruck ungebändigter Wildheit, die nur von einer momentanen Zivilisiertheit überdeckt wurde. Bis sie in seine Augen sah. Da wusste sie, dass dieser Mann alles andere als ungebändigt war.

Er betrachtete Leila ungefähr so wie ein Banker seine Finanzberichte.

Joss Carmodys Augen waren vom tiefen Blau eines Wüstenhimmels, bevor die ersten Sterne aufblitzen. Sie hielten ihren Blick fest, und Leila spürte ein seltsam beengendes Gefühl in ihrer Brust. Ihr Puls raste, als sie wie hypnotisiert aufstand.

Was immer sie erwartet hatte – das war es nicht.

Im nächsten Moment wandte Carmody sich von ihr ab und begann mit Gamil über Geschäfte zu sprechen. Natürlich! Weswegen sonst kam ein australischer Tycoon auf die Idee, sie zu heiraten?

Das Land, das sie als Mitgift erhielt, umfasste die größten noch unerschlossenen Ölreserven.

Sie beobachtete, wie Joss Carmody sich setzte und nach seinem Kaffee griff. Er beherrschte mühelos den Raum.

Seine völlige Gleichgültigkeit ihr gegenüber wurmte sie. Sie war selbst überrascht, wie sehr.

Eigentlich sollte sie doch dankbar sein, dass er kein persönliches Interesse an ihr zu haben schien. Sie hätte es kaum ertragen, wenn er sie so angeschaut hätte wie Gamil damals ihre Mutter – hungrig und besitzergreifend.

Joss Carmody sah nicht sie, sondern nur das ölreiche Stück Land. Bei ihm würde sie sicher sein.

Joss wandte sich der schweigenden Frau zu, die ihm gegenübersaß.

Ihre graugrünen Augen hatten ihn überrascht angestarrt, als er in den Salon trat. Er las darin Intelligenz, Neugier – und vielleicht auch so etwas wie einen Hauch von Missfallen?

Jetzt senkte sie züchtig den Blick auf die Tasse in ihrer Hand. Sie war der Inbegriff orientalischer Bescheidenheit gepaart mit eleganter Kultiviertheit. Von dem strengen dunklen Haarknoten bis zu den High Heels, die ihren Gang zu einem graziösen Gleiten werden ließen, wirkte sie unverfälscht.

Klasse, das war es, was sie im höchsten Maße besaß.

Er brauchte die große schwarze Perle nicht zu sehen, die sie an einer Kette um den Hals trug, oder das dazu passende schwere Armband. Er erkannte auch so, dass sie an Luxus gewöhnt war. Sie trug den Schmuck mit der Nonchalance eines Menschen, der in ein privilegiertes Leben hineingeboren war.

Für den Bruchteil einer Sekunde erwachte in ihm so etwas wie Neid.

Er unterdrückte ihn, wie er alle unerwünschten Gefühle unterdrückte. Stattdessen betrachtete er sie abschätzend.

Dass sie diese unermesslich reichen Ölfelder besaß, machte sie für ihn absolut geeignet. Abgesehen davon hatte sie Verbindungen und den richtigen gesellschaftlichen Hintergrund, um ihm nützlich zu sein. Doch Joss überließ nie etwas dem Zufall.

„Ich möchte Ihre Tochter besser kennenlernen“, sagte er zu Gamil. „Allein.“

Gamil nickte und mit einem letzten, warnenden Blick auf seine Tochter verließ er den Raum.

Joss dachte über diesen Blick nach. Der alte Mann befürchtete doch wohl nicht, dass er jetzt über das Mädchen herfallen würde?

„Sie sind sehr still. Interessieren Sie sich nicht für die Ölfelder, die Sie besitzen?“

Ein Blick, so kühl und klar wie ein Gebirgsbach, traf ihn. „Sie und mein Stiefvater waren in Ihre Pläne vertieft.“ Ihr Englisch war perfekt mit einem leichten, kaum hörbaren Akzent, der sehr anziehend wirkte. Aber ihr charmantes Lächeln erreichte nicht ihre Augen.

„Und das gefiel Ihnen nicht?“ Sein sechster Sinn sagte ihm, dass ihr Lächeln eher verhüllte als enthüllte.

Sie zuckte die Schultern, und ihm entging nicht, dass die teure Seide ihres Kleids einen ausgesprochen hübschen, weiblichen Körper umschmeichelte. Die Braut, die er sich ausgesucht hatte, besaß Rundungen an den richtigen Stellen, auch wenn ihr Hals und ihre Handgelenke von großer Zartheit waren.

Sie war der notwendige Teil des Geschäfts, und eigentlich hatte er nicht erwartet, mehr als nur leichte Neugier für sie zu empfinden.

Dass er sie jetzt als Mann wahrnahm und bewunderte, überraschte ihn. Er hatte keine Schönheit erwartet. Einen Moment lang erlaubte er sich ein Gefühl der Befriedigung. Wenigstens würde es ihm nicht schwerfallen, hin und wieder mit ihr zusammen zu sein.

„Die Ölfelder müssen ausgebaut werden.“ Ihre melodiöse Stimme hatte einen leicht rauchigen Klang, der ihm einen wohligen Schauer verursachte. „Sie haben die Mittel, das zu tun. Mein Stiefvater hegt sehr großes Interesse für das Familienunternehmen.“

Mit anderen Worten, sie zerbrach sich nicht den Kopf, woher ihr Reichtum kam. Frauen wie sie traf er viele: privilegiert, verwöhnt und begierig darauf, von der harten Arbeit anderer zu leben.

„Sie selbst arbeiten nicht im Ölgeschäft? Haben kein persönliches Interesse an Ihrem Eigentum?“

Etwas blitzte in ihren Augen auf, verdunkelte sie zu einem stürmischen Grün. Ihre Nasenflügel bebten. Dann verzog sie die Lippen zu einem dieser kleinen Madonnenlächeln.

Joss hatte den Eindruck, dass sich unter ihrem ruhigen Verhalten so etwas wie eine Unterströmung bewegte. Etwas Elementares, das die Luft zwischen ihnen auflud.

Sie spreizte die manikürten Hände. „Mein Stiefvater kümmert sich um alles.“ Trotzdem stimmte etwas nicht. Vielleicht lag es an der Art, wie ihre geschminkten Lippen bei diesen Worten ein wenig zu schmal wurden.

Schon hatte sich der Eindruck wieder verflüchtigt, und Joss wunderte sich über seine Hirngespinste.

Er war daran gewöhnt, Deals mit Männern abzuschließen, die genauso hart waren wie er. Das Leben auf den Ölfeldern hatte ihn zu einem rauen Kerl werden lassen, der es nicht gewohnt war, mit empfindlichen weiblichen Wesen umzugehen. Außer auf die einfachste Weise, natürlich. Plötzlich erwachte sexuelles Interesse in ihm, als er sich vorstellte, wie seine kühle Braut ihr überlegenes Gehabe verlieren und unter seine Berührungen immer heißer und wollüstiger werden würde. Schnell erinnerte er sich daran, dass er von diesem Handel etwas ganz anderes erwartete. Diese Frau lenkte ihn ab.

„Sie erwarten also, dass Ihr Mann sich ums Geschäft kümmert, während Sie die Früchte seiner Arbeit genießen?“

Sie warf einen Blick zur Tür, wo Gamil verschwunden war. „Verzeihen Sie. Vielleicht zog ich die falschen Schlüsse. Ich hatte den Eindruck, Sie wünschen mich als stille Partnerin, während Sie die Entscheidungen treffen.“ Ihre Augen strahlten voll unschuldiger Neugier. „Würden Sie es denn begrüßen, wenn ich mich einmische?“

Natürlich wollte er nicht, dass sie sich amateurhaft einmischte.

„Falls Sie Sachkenntnisse auf diesem Gebiet haben, höre ich Ihnen gerne zu.“ Das war nichts als eine höfliche Floskel. In seinem Reich gab es nur Platz für einen Befehlshaber. „Und natürlich werden Ihre Verbindungen zu wichtigen Persönlichkeiten der Region unbezahlbar sein.“

„Natürlich. Ich fürchte, ich habe keine Erfahrung, was Öl betrifft.“

„Und wo liegen Ihre Erfahrungen?“

Wieder dieser rasche Blick zur Tür. Wäre da nicht ihre ruhige Gleichmütigkeit gewesen, man hätte glauben können, sie fürchtete sich, etwas Falsches zu sagen.

„Die liegen mehr im familiären Bereich.“ Sie strich über die grüne Seide ihres Kleids.

„Wie etwa im Shopping?“ Sein Bedürfnis, hinter ihre selbstzufriedene Haltung zu blicken, überraschte ihn selbst. Warum wollte er sie verstehen?

Weil sie seine Frau werden würde.

Mit zweiunddreißig Jahren würde er endlich eine Ehefrau haben. Dabei hatte er alles andere, als Lust zu heiraten. Seine wirtschaftlichen Interessen zwangen ihn dazu. Diese Frau würde ein Aktivposten in seinem Unternehmen sein.

„Wie kommen Sie darauf, ich würde gerne shoppen?“, gurrte sie und spielte mit den Perlen an ihrem Handgelenk. Doch ihr Blick verriet, dass etwas ganz anderes in ihrem hübschen Kopf vorging.

„Wenn Sie nur nicht auf die Idee kommen, mich zähmen zu wollen.“ Sie sollte ja nicht glauben, es ginge hier um eine engere Beziehung.

Sie stutzte und brach dann in ein helles Lachen aus, das Carmodys Sinne in Aufruhr versetzte. Doch im nächsten Augenblick presste sie wieder die Lippen zusammen und verstummte.

Joss Carmody zähmen!

Er war ein knallharter Mann mit einer eisernen Entschlossenheit. Auf die Idee könnte nur jemand kommen, der so dumm wäre zu glauben, dieser Mann könnte je für einen anderen Menschen etwas empfinden.

Er war nicht wie Gamil, aber wenn Leila diese kühl berechnenden Augen betrachtete, diese Selbstsicherheit und dieses monumentale Ego, entdeckte sie genug Ähnlichkeiten zwischen den beiden Männern.

„Schauen Sie nicht so besorgt“, beeilte sie sich zu sagen und war erschrocken darüber, dass sie aus Überraschung eine ehrliche Antwort gegeben hatte. „Der Gedanke kam mir gar nicht.“

„Sind Sie sicher?“ Er runzelte ungläubig die Stirn.

Wahrscheinlich hielt er sich für einen Hauptgewinn. Bei seinem Aussehen und seinem unverschämten Reichtum mussten die Frauen geradezu auf ihn fliegen.

Plötzlich hatte sie von seiner Ich-bin-der-siegreiche-Eroberer-Haltung die Nase voll.

„Erstaunlicherweise bin ich es.“ Verblüfft bemerkte sie den provokanten Unterton in ihrer Stimme. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass auch er ihn gehört hatte.

Jahrelang hatte sie sich jedes ihrer Worte überlegt. Wie konnte sie sich jetzt nur selbst ein Bein stellen! Wo war ihre hart erarbeitete Selbstbeherrschung? Selbst Gamil in seinen schlechtesten Momenten hatte keinen solchen Ausbruch bei ihr provozieren können. Wenn die Heirat stattfinden sollte, war es wichtig, dass sie die Erwartungen des Australiers erfüllte.

„Was stellen Sie sich also vor, Leila?“ Er sprach ihren Namen sehr langsam, als koste er jeden Buchstaben aus.

Die feinen Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Kein Mann hatte ihren Namen je auf diese Art ausgesprochen. Eine Herausforderung und eine Einladung gleichzeitig.

Ihr wurde heiß. Mit einem Mal bewegte sie sich auf gefährlichem Terrain. Er drohte nicht wie Gamil, aber sie spürte die Gefahr in seiner schwül sinnlichen Einladung. Es war nicht die Gefahr einer physischen Strafe. Es war etwas viel Heimtückischeres.

Ihr Mangel an Erfahrung mit Männern erwies sich jetzt als Nachteil.

Bestimmt lauerte Gamil verborgen draußen im Korridor, wägte jedes Wort ab, bereit, Fehler zu bestrafen.

Das Lachen war ein Fehler gewesen. Trotzdem bereute sie es nicht. Er hatte es verdient, aus seiner unerträglichen Selbstsicherheit aufgeschreckt zu werden.

„Ich dachte, Sie wären an meiner Erbschaft interessiert und nicht an mir persönlich.“ Sie sagte es gleichmütig und weigerte sich zu zeigen, wie viel von seiner Antwort abhing.

Nach einiger Zeit nickte er brüsk. „Mir liegt nichts an einem Erben, und ich habe kein Interesse, glückliche Familie zu spielen.“

Zumindest erwartet er also keine Intimitäten, dachte Leila erleichtert.

Sie hatte sich schon überlegt, wie sie nach der Hochzeit verschwinden könnte, damit sie sich nicht einem ungeliebten Mann hingeben müsste. Das war jetzt wohl nicht mehr nötig.

„Ich will keine Frau, die klammert oder Forderungen stellt.“

„Natürlich nicht.“ Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er Gefühlsbindungen ertrug. Noch wollte sie welche.

„Sagen Sie mir eines, Leila“, er beugte sich vor, seine tiefe Stimme ließ sie erschauern, „warum wollen Sie ausgerechnet mich heiraten?“

Sie sah seinen gut geschnittenen Mund und fühlte wieder diese flirrende Unruhe tief in ihrem Innern. Ihr Gehirn war wie eingefroren.

Dann atmete sie tief durch, und ihr Gehirn begann wieder zu arbeiten.

Sag ihm, was er hören möchte und schließ den Handel ab.

„Weil Sie mir etwas bieten können.“ Sein unmerkliches Nicken bestätigte ihr, dass das er diese Antwort erwartet hatte. „Weil ich die Welt sehen und das Leben einer Millionärsgattin führen möchte. Bakhara ist meine Heimat, aber ich finde es hier eher … beengt.“ Sie biss sich schmerzhaft auf die Wange, weil sie bei dieser Untertreibung beinahe laut aufgelacht hätte. „Die Heirat mit Ihnen wird mein Leben für immer verändern.“

Die dunklen Augen musterten sie so gründlich, dass sie den Moment erkennen konnte, in dem er seine Entscheidung traf.

Joss Carmody wusste, was er wollte: Eine Frau, die sein Leben nicht durcheinanderbrachte. Eine Frau, die shoppen gehen und sich amüsieren würde, während er seinen Interessen nachging.

Leila wusste, ihn trieb die Jagd nach Geld. Sonst nichts.

Was er wohl tun würde, wenn er herausfand, dass er für sie nur in einer Hinsicht wichtig war?

Flucht.

„Er hat sich verspätet!“ Gamil ging im Innenhof auf und ab.

„Was hast du zu ihm gesagt?“ Er fuhr herum. „Er hat keinen Grund, einen Rückzieher zu machen, außer du hast Zweifel in ihm geweckt.“

Aber sie ließ sich nicht von ihm einschüchtern.

„Du hast doch alles gehört, was zwischen uns gesagt wurde“, meinte sie ruhig. In Wahrheit hatte er zu viel gehört. Ihr unbesonnenes Lachen über Carmodys Arroganz hatte ihr einige Wochen bei Wasser und Brot eingebracht.

„Das habe ich“, stieß Gamil hervor. Er beugte sich vor, sodass sein unangenehm riechender Atem ihr Gesicht streifte. „Ich habe deine Wortspielchen gehört! Offensichtlich reichten sie, damit er es sich anders überlegte. Und jetzt …“ Gamil wandte sich zähneknirschend ab.

„Wie soll ich jetzt mein Gesicht bewahren?“

Leila presste ihre feuchtkalten Hände aneinander. Wenn nur endlich Joss Carmody das schwere verzierte Tor aufstoßen würde!

Die Angst drehte ihr fast den Magen um. Hatte Gamil recht? Hatte der Australier wirklich einen Rückzieher gemacht? Was würde dann aus ihren Plänen? Aus ihrer Unabhängigkeit und der Karriere, nach der sie sich immer gesehnt hatte?

Nein! So durfte sie nicht denken.

Die Hitze lag schwer über dem Innenhof. Leila fühlte sich erschöpft. Sie wollte nicht zugeben, dass sie gescheitert war.

Wie viele Jahre würde sie das alles noch ertragen können?

Gamil hatte ihre Mutter zerstört, ihren strahlenden Optimismus und ihre Lebensfreude. Sie war eine Schönheit gewesen, charmant und kontaktfreudig, an allem und jedem interessiert. In nur wenigen Jahren hatte sie sich aus einer glänzenden Society Lady, die wesentlich an der diplomatischen Karriere ihres ersten Mannes beteiligt war, in ein unterdrücktes, blasses Wesen verwandelt.

Leila legte den Kopf in den Nacken. Sie spürte die Sonne auf dem Gesicht. Wer weiß, wann sie sie je wieder spüren würde?

Trotz des hauchfeinen Seidenkleids, der üppigen Hennabemalung auf Händen und Füßen und des schweren traditionellen Goldschmucks um ihren Hals und an den Ohren war Leila keine verwöhnte Prinzessin, sondern eine Gefangene.

Wenn Joss nicht bald auftauchte, würde bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag ihre einzige Freiheit daraus bestehen, sich hier im Innenhof aufhalten zu dürfen.

„Was machen Sie bei dieser Hitze hier draußen?“ Eine tiefe Stimme riss sie aus ihren Gedanken, und sie erschrak.

Er war hier!

Sie öffnete die Augen. Als sie seine beeindruckende Gestalt sah, sein markantes Kinn und die durchdringenden Augen, lächelte sie erleichtert. Es war ihr erstes ehrliches Lächeln seit Jahren.

Joss blieb stehen. Wieder verblüffte ihn bei ihr die seltsame Kombination aus Zerbrechlichkeit und Stärke. Die Andeutung von etwas Stählernem in dieser zierlichen Person. Sie sah dünner aus, das hübsche Kinn war spitzer und ihr Handgelenk schmaler, als sie jetzt die Hand hob und das schwere Goldarmband klirrte.

Sie öffnete die Augen, große Pupillen umgeben von einem klaren tiefen Grau. Während er ihr noch in die Augen blickte, tauchten in dem Grau samtig grüne Schatten auf und schenkte ihrem Blick etwas Bezauberndes.

Sie lächelte. Nicht dieses kleine wissende Lächeln wie beim letzten Mal, sondern ein strahlendes Lachen, das ihm ein Kribbeln in der Magengrube verursachte.

Er betrachtete sie fasziniert und genoss ihr warmes Willkommen und ihre offen gezeigte Freude.

Ein schwerer Duft nach Rosen benebelte fasst seine Sinne. Er passte nicht zu ihr. Aber diese Frau im traditionellen Hochzeitsgewand ihres Landes kam ihm so ganz anders vor als jene, deren herausfordernde Worte ihn vor Wochen geärgert hatten.

„Ich habe auf Sie gewartet.“ Ihr Blick hielt seinen fest, als wartete sie auf eine Erklärung.

In ihm regte sich ein wenig das schlechte Gewissen.

Zuallererst kam für ihn das Geschäft – immer. Auf die dringenden Anrufe an diesem Morgen hatte er sofort reagieren müssen. Eine Hochzeit konnte warten.

Aber als er jetzt Leilas Gesicht sah, erwachte in ihm das unangenehme Gefühl, sie enttäuscht zu haben. Es weckte Erinnerungen an seine Kindheit, als nichts, was er tat, die Erwartungen erfüllte. Sein strenger Vater hatte sich einen Klon seiner selbst gewünscht: absolut rücksichtslos. Und seine Mutter … allein der Gedanke an sie trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirn. Er schob die düsteren Erinnerungen beiseite.

„Sie haben hier draußen gewartet? Hätten Sie nicht im Kühlen bleiben können? Sie sehen …“, er beugte sich vor und nahm ihre Blässe und den feuchten Schimmer auf ihrer Stirn wahr „… nicht gut aus.“

Ihr Lächeln erlosch, und sie senkte den Blick.

„Mein Stiefvater hat hier draußen alles für die Zeremonie vorbereitet.“ Sie deutete hinüber auf einen reich verzierten Baldachin. Überall standen Kübel voller schwer duftender Rosen, hingen üppige Blumengirlanden und lagen kostbare Teppiche.

„Mit dem Gedanken, dass weniger mehr ist, hat er es wohl nicht so“, murmelte Joss.

Er vernahm ein unterdrücktes Lachen, aber auf ein schroffes Kommando ihres Stiefvaters hin hatte Leila sich bereits abgewandt. Unter dem fließenden Seidengewand erschien sie Joss wie versteinert. Langsam und zögernd entfernte sie sich von ihm.

Joss beobachtete diesen eigenartigen Wechsel. Auf der einen Seite entschlossen und gebieterisch, auf der anderen unnatürlich still.

Er ging über den Innenhof zu seiner Braut. Ohne zu wissen warum, war ihm der Spaß an dem heutigen gelungenen Geschäftscoup vergangenen.

Die Hochzeit war fast vorüber. Es hatte eine kurze Zeremonie gegeben, verschwenderisch viele Geschenke und ein üppiges Fest. Doch Leila konnte kaum einen Bissen herunterbringen. Nachdem sie so lange hatte hungern müssen, wurde ihr jetzt fast schlecht, wenn sie das reichhaltige Essen nur roch.

Nur mühsam unterdrückte sie ihre Aufregung.

Sie würde die Frau eines Mannes sein, der sich ihr nicht aufdrängte. Er würde sie von hier fortbringen. Sein einziges Interesse galt den Ölfeldern, die sie geerbt hatte. Es war ein akzeptables Arrangement ausgehandelt worden – getrennte Wohnungen und dann vielleicht eine diskrete Scheidung. Er würde die Ölfelder behalten, und sie würde frei sein!

„Leila.“ Als sie sich umdrehte merkte sie, dass der Blick seiner dunklen Augen auf ihr ruhte. Er hielt ihr einen schweren Kelch entgegen.

Gehorsam nippte sie daran und unterdrückte einen Hustenreiz, denen das süße traditionelle Getränk bei ihr hervorrief. Es sollte, so sagte man, die Lust und die sexuelle Potenz steigern.

Joss hob den Kelch, nahm einen tiefen Zug. Die Menge grölte ihre Zustimmung. Als er Leila wieder ansah, hatte sich sein Blick verändert. Ihr wurde heiß. Es war, als würde dieser Blick ihre Wangen liebkosen, ihren Hals, bis er auf ihren Lippen verweilte.

Etwas blitzte in Joss’ Augen auf. Etwas wie Erwartung.

Sie wehrte sich gegen die aufsteigende Angst und wich brüsk zurück.

„Du bist eine schöne Braut, Leila.“ Die Worte waren banal, aber die Wärme in seinem Blick war echt.

„Danke. Du bist auch ein sehr schmucker Bräutigam.“ Noch nie hatte sie einen Mann gekannt, der diese raubtierhafte Ausstrahlung besaß.

Joss verzog die Lippen zu einem Lächeln und im nächsten Moment erfüllte sein herzhaftes Gelächter die Luft. „Was für ein Kompliment! Ich danke dir!“

Leila wusste nicht, ob es sein unerwartetes Lachen war oder die samtweiche Liebkosung seines Blicks, aber plötzlich steckte sie in einem entsetzlichen Gefühlschaos.

Mit einem Mal erschien ihr diese Heirat alles andere als einfach. So lange hatte sie an nichts anderes denken können als an Flucht. Hatte sich nur darauf konzentriert, diese Hochzeit hinter sich zu bringen. Jetzt überfiel sie die Erkenntnis, dass ihr Mann vielleicht ganz andere Vorstellungen von dem hatte, was nach der Hochzeit kam.

Zum ersten Mal wurde ihr klar, dass Joss Carmody auf eine Art gefährlich sein könnte, die sie nie bedacht hatte.

2. KAPITEL

„Es gab eine Änderung“, sagte Joss während die Limousine anfuhr. „Wir fahren sofort zum Flughafen. Ich muss nach London.“

Er sah seine Braut an und war erstaunt, dass ihre ganze Aufmerksamkeit dem Rücken ihres Chauffeurs galt. Sie schenkte den versammelten Hochzeitsgästen, die sie verabschiedeten, keinen Blick.

Sie hatte ihr goldverziertes Kopftuch so weit über das Gesicht gezogen, dass Joss nur einen Blick auf ihre wohlgeformte Nase erwischte.

„Leila?“ Er beugte sich vor. „Hast du verstanden?“

Sie verschränkte die Hände so fest im Schoß, dass die Knöchel weiß hervorstachen.

Er hatte keine Zeit für weibliche Spielchen. Schließlich mimte er schon den ganzen Nachmittag den aufmerksamen Bräutigam.

„Leila, schau mich an.“

Sie drehte sich sofort zu ihm um. Ihre Augen waren von einem rauchigen Grau, weit aufgerissen und schienen ihn nicht zu sehen. Sie presste die Lippen zusammen, ihre Haut war blass.

Joss wurde ungeduldig. Alles, was er wollte, war, wieder an seine Arbeit zu gehen.

Er hätte wissen müssen, dass eine Heirat seine Pläne durcheinanderbrachte. Sein Instinkt hatte ihn davor gewarnt, aber die geschäftlichen Vorteile überwogen nun einmal.

Doch gleichzeitig mit der Ungeduld spürte er eine ungewohnte Besorgnis. „Was ist los Leila? Geht es dir nicht gut?“

„Es ist nichts.“ Der Hauch eines Lächelns umspielt ihre Lippen.

Joss schwieg. Irgendetwas stimmte hier nicht. Aber solange es nicht ihn betraf, war es nicht wichtig. Trotzdem regte sich die Neugier in ihm. So etwas wie Schmerz schien sich hinter dem schönen, unbewegten Gesicht seiner Frau zu verbergen, und er verspürte das leichte, aber trotzdem echte Bedürfnis, diesen Schmerz zu lindern.

„Sollen wir anhalten?“ Er war tatsächlich bereit, noch eine Verspätung in Kauf zu nehmen! Er konnte es fast nicht glauben. „Wir könnten noch einmal hineingehen und …“

„Nein!“, sagte sie mit schneidender Stimme.

„Nein“, erwiderte sie etwas weicher. „Das ist nicht nötig. Lass uns einfach … fahren.“

Täuschte er sich, oder lag ein Flehen in ihrer Stimme?

„Wie du willst.“ Er beugte sich vor, öffnete die Bar der Limousine und nahm eine Flasche Wasser, die er ihr reichte.

Sie nahm sie, machte aber keine Anstalten zu trinken. Wartete sie vielleicht auf einen Kristallkelch? Bei dem verwöhnten Leben, das sie geführt hatte, würde es ihn nicht wundern.

„Trink“, befahl er. „Oder willst du, dass ich einen Arzt rufe?“

Sie hob sofort die Flasche und trank einen Schluck. Nach einer kleinen Pause trank sie wieder. Langsam kehrte wieder Farbe in ihre Wangen zurück.

Wenn er jetzt so nachdachte, konnte er sich nicht erinnern, dass sie während des Empfangs etwas getrunken hatte. Außer wenn er den Kelch hob, um ihr zuzuprosten. Und gegessen hatte sie auch kaum etwas.

„Du musst etwas essen.“ Er griff nach den Delikatessen, die neben der Bar standen.

„Nein, bitte nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht hungrig.“

Sie nahm einen langen Schluck aus der Flasche, und Joss betrachtete ihr Kinn. Jetzt, wo sie den Kopf zurückbeugte, konnte er sehen, wie schmal es war.

„Ich fühle mich schon viel besser.“ Ihre Stimme klang fester, ihr Blick war klarer. „Was, sagst du, hat sich geändert?“

„Wir bleiben nicht in Bakhara“, erwiderte er. „Ich muss heute Abend in London sein.“

Er hätte allein reisen können. Aber wenn er seine Braut in der Hochzeitsnacht allein ließ, entstand daraus vielleicht eine unangenehme Schlagzeile auf der ersten Seite.

„London? Das ist wunderbar!“

Leilas strahlendes Lächeln verblüffte ihn. Es war das gleiche Lächeln, mit dem sie ihn vor ein paar Stunden begrüßt hatte.

Und es machte, dass sein Puls schneller ging.

Sie war nicht nur schön. Sie war umwerfend.

Wieso hatte er das nicht bemerkt? Er hatte sie für eine kühle Schönheit gehalten. Jetzt brachte ihn ihre mitreißende Überschwänglichkeit völlig durcheinander. Mit geröteten Wangen, vor Freude halb geöffneten Lippen und strahlenden Augen wirkte sie bezaubernder, als jedes noch so tolle Supermodel es gekonnt hätte. Joss stellte verblüfft fest, dass er nach Luft schnappte. Das war ihm noch nie passiert.

„Ich freue mich, dass du so begeistert bist“, meinte er schroff.

Die Anziehungskraft einer Frau hatte Joss noch nie aus dem Gleichgewicht gebracht. So war er eben.

Er begehrte Frauen, er genoss das Vergnügen, dass sie ihm bereiteten. Aber in seinem Leben spielten sie keine große Rolle.

Und was Gefühle betraf … davon war er in seiner Jugend kuriert worden.

Aufgewachsen in einer sogenannten Problemfamilie hatte er früh die zerstörerische Macht der sogenannten Liebe kennengelernt. Joss wollte so etwas nie wieder erleben. Keine Gefühle. Keine Verstrickungen. Keine Abhängigkeiten. Nur ein Deal wie dieser hier, der auf gesunden Geschäftsinteressen basierte, konnte ihn zu einer Heirat bewegen.

Er war ein absoluter Einzelgänger.

„Du warst bereits in London, oder?“ Er sollte mehr über diese Frau an seiner Seite wissen.

Sie nickte. „Ich bin hier geboren. Dann gingen wir nach Washington, wo mein Vater wieder im diplomatischen Dienst war, dann nach Paris und Kairo. Dazwischen waren wir immer wieder kurz in Bakhara. Als ich zwölf war, gingen wir nach England zurück.“

„Und es gefiel dir dort? Hattest du Freunde?“

Sie wich seinem Blick aus. Es fiel Joss auf, dass sie ihn zuvor während des ganzen Gesprächs angesehen hatte. Jetzt, wo sie sich von ihm abwandte, empfand er eine seltsame Leere.

Sie zuckte die Schultern. „Vielleicht.“

„Also freust du dich jetzt auf das Shoppen?“

„Nein, ich …“ Sie wandte ihm wieder das Gesicht zu, aber dieses Mal verschleierten die langen Wimpern ihren Blick. Wusste sie, wie sexy dieser Blick unter halb geschlossenen Lidern hervor war? Zweifellos hatte sie ihn schon öfter angewandt. „Na ja, natürlich gehört Shoppen zu London dazu.“ Sie verzog die Lippen zu einem Lächeln, aber dieses Mal wirkte es nicht elektrisierend auf ihn.

„Ich bin überzeugt, du wirst dich in London wohlfühlen.“ Er hatte sich gefragt, ob sie ihn wohl bitten würde, länger in Bakhara zu bleiben. Es gefiel ihm, dass sie so vernünftig war. „Der Jet ist aufgetankt und kann sofort starten, wenn wir am Flughafen sind.“

„Das ist …“ Sie erstarrte und schnappte nach Luft. „Mein Pass! Ich kann nicht …“

„Dein Pass wartet im Flugzeug auf dich.“

„Stimmt etwas nicht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nein, alles ist wunderbar. Danke. Wie lange brauchen wir bis zum Flughafen?“

Joss lehnte sich zurück. Die widerstreitenden Gefühle im Gesicht seiner Frau verwirrten ihn. Er hatte sie für eine Dame der Upper Society gehalten, eine Frau, für die Weltreisen und Privilegien etwas Selbstverständliches waren.

Und jetzt überraschte es ihn, dass sie doch anders zu sein schien, als er erwartet hatte. Fast reizte es ihn, noch mehr über sie herauszufinden.

Fast.

Aber er hatte Wichtigeres zu tun.

„Wir sind fast da.“

Seine Worte waren Musik in Leilas Ohren.

Alles schien fast zu schön, um wahr zu sein. Sie liebte ihre Heimat, aber sie würde sich nicht eher vor Gamil sicher fühlen, bevor nicht ein ganzer Kontinent zwischen ihnen lag.

Die wenigen Male, wo ihr während all der Jahre die Flucht gelungen war, hatten Gamils Leute sie schnell gefunden und gewaltsam wieder zurückgebracht. Und jedes Mal war die Strafe härter ausgefallen. Gamils Geld und die Rechte, die er als ihr Vormund besaß, erlaubten ihm, sie bis zur ihrer Heirat oder ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr zu kontrollieren.

Selbst jetzt, wo sie doch verheiratet war, hatte sie immer noch Angst, er könnte einen Weg finden, ihre Flucht zu verhindern. Doch jetzt winkte die Freiheit! Sie konnte ihren Geschmack auf der Zunge schmecken, süß und verheißungsvoll.

Fast überdeckte ihre Begeisterung die eigenartige Übelkeit, die sie plötzlich überfiel.

Mehr als zwölf Monate lang hatte Gamil ihr nicht erlaubt, das Haus zu verlassen. Als sie dann durch das große Tor trat, hatte sie wie plötzlich Magenkrämpfe bekommen. Panik schnürte ihr die Kehle zu und ließ ihr Herz rasen. Sie war noch nicht einmal fähig gewesen, den Gästen zum Abschied zuzuwinken.

Als hätte sie Angst, den Schritt in die Freiheit zu machen.

Lächerlich! Jahrelang hatte sie nichts anderes getan, als ihre Flucht zu planen.

Schuld war sicher nur das üppige Essen nach den mageren Portionen, die Gamil ihr während ihrer Gefangenschaft servieren ließ. Die schweren Düfte bei der Hochzeit hatten sie nach der monatelangen klösterlichen Stille ganz benommen gemacht.

Vielleicht war es auch die Angst, dass vielleicht doch noch alles schiefgehen könnte. Sie wusste zu gut, wie sehr Gamil es liebte, mit seinen Opfern zu spielen.

Bei der Erinnerung überlief sie ein Schauder.

„Frierst du?“

„Überhaupt nicht.“

Nichts würde sie daran hindern, an Bord des Flugzeugs zu gehen. Das hier war der erste Tag ihres neuen Lebens. Bald würde sie all ihre Pläne verwirklichen. Mit dem Geld, das ihr durch die Heirat zufiel, würde sie unabhängig sein. Sie würde ihr Studium fortsetzen und sich ein neues Leben aufbauen. Und nie mehr jemanden um Erlaubnis bitten müssen.

Man wies die Limousine an, durch ein Tor auf das Rollfeld zu fahren. Kurz darauf hielten sie neben einem schnittigen Jet.

„Bereit?“ Beim Klang der tiefen Stimme ihres Mannes lief Leila ein Prickeln über den Rücken. Er ist nur auf dem Papier mein Mann, beschwichtigte sie sich. Mein Weg in die Freiheit.

„Bereit.“ Noch bevor der Chauffeur es tun konnte, hatte sie schon ungeduldig die Tür geöffnet.

Warme Luft, die nach Wüste roch, wehte in den Wagen. Leila stieg aus und nickte dem Chauffeur dankend zu. Da gaben plötzlich ihre Knie nach, und sie klammerte sich Halt suchend an die Wagentür.

Alles um sie herum begann sich zu drehen. Der weite Himmel kippte und schien sich endlos auszudehnen. Er war so riesig, so leer. Als hätte er die Macht, sie in ein ungeheures Nichts zu saugen. In ihren Schläfen hämmerte es.

Ihr Puls raste, ihr Herz drohte den Brustkorb zu sprengen. In ihren Ohren hörte sie das Dröhnen ihres Bluts.

Eine namenlose, lähmende Angst griff nach ihr. Leila wusste, sie würde sie niederdrücken. Dieser unendliche Raum würde über sie hereinbrechen und den letzten Rest Luft aus ihren keuchenden Lungen pressen.

Aber sie kämpfte darum, nicht zusammenzubrechen. Sie sah, dass der Chauffeur die Lippen bewegte, und dann stand Joss vor ihr. Er bewegte ebenfalls die Lippen.

Aber er hätte genauso gut hinter einer Glasscheibe stehen können. Alles erschien ihr wie in weiter Ferne. Nur die Hitze nicht. Sie drückte sie nieder. Ihr Herz raste. Verzweifelt rang sie nach Luft.

Mit aller Macht kämpfte sie gegen den übermächtigen Wunsch an, sich zurück in den Wagen zu flüchten, in diesen kleinen, sicheren Kokon.

Aber sie würde es nicht tun.

Was auch immer passierte, sie würde nicht wieder ins Auto steigen!

Doch sie konnte nichts anderes tun, als sich hilflos an die Tür zu klammern.

„Leila!“ Dieses Mal konnte sie Joss hören. In seinem rauen Ton schwang Besorgnis mit. „Was ist los?“

Sie holte tief Luft und straffte mit letzter Kraft die Schultern. Dann hob sie das Kinn und schluckte mühsam.

Sie hatte jahrelang die gnadenlose Tyrannei ihres Stiefvaters überlebt. Sie hatte diese Hochzeitsfarce überstanden, in der es nur um Geschäfte und nicht um Liebe ging. Sie würde es auch schaffen, dieses Flugzeug zu besteigen.

Der Gedanke, man könnte sie zurück in die Hauptstadt bringen, sie vielleicht sogar wieder ihrem Stiefvater ausliefern, wirkte wie eine eiskalte Dusche.

„Es tut mir leid“, sagte sie. „Meine Beine sind ganz steif vom langen Sitzen.“ Sie versuchte zu lächeln, das Ergebnis war aber eher eine Grimasse. „In einer Minute bin ich wieder okay.“

Leila atmete noch einmal tief durch. Was immer diese namenlose Angst auch bedeutete, sie konnte überwunden werden. Sich immer noch an der Tür festhaltend, machte sie zaghaft den ersten Schritt. Ihre Beine fühlten sich an, als wären sie aus Beton.

Nur noch zwanzig Schritte bis zur Gangway. Sie konnte es schaffen.

Sie zwang sich, die verkrampften Finger von der Tür zu lösen und auf das Flugzeug zuzugehen.

Wie aus dem Nichts legten sich starke Arme um sie, die sie hochhoben. Sie wurde an einen festen Körper gepresst, der nach Seife und Zitrone und etwas anderem duftete, das nur der würzige Duft eines Mannes sein konnte. Wärme hüllte sie ein und tat ihrem erstarrten Körper gut.

Die Arme schlossen sich fester um sie. Leila konnte Joss’ Herzschlag spüren: Ruhig und stetig. Sehr beruhigend.

In diesem Moment gab sie ihren innerem Widerstand nach.

Es spielte keine Rolle, dass sie die Vorstellung hasste, Hilfe zu brauchen. Oder dass Joss ihr nur half, weil er nicht zulassen konnte, dass seine Frau mitten auf der Rollbahn zusammenbrach.

Zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Mutter genoss Leila den Trost einer Umarmung.

„Entspanne dich“, sagte Joss ruhig, als wäre es für ihn das Selbstverständlichste, sich um eine halb ohnmächtige Frau zu kümmern. „Ich bringe dich gleich wohin, wo es ruhig ist.“

„Ich möchte an Bord des Flugzeugs.“ Sie hob den Kopf, und ihr Blick fiel auf sein energisches Kinn, das plötzlich so nah war und auf seine volle Unterlippe, die so gar nicht zu diesem harten Gesicht passte. Mitternachtsblaue Augen sahen sie an, und Leila hatte das Gefühl, als spürte Joss ihre Verzweiflung.

Wie eine Droge schoss immer noch die Angst durch ihre Adern, aber sie begegnete seinem prüfenden Blick mit all der Würde, die sie aufbringen konnte.

„Bitte, Joss.“ Zum ersten Mal sprach sie seinen Namen aus. Verwundert stellte sie fest, dass es ganz einfach war. „Wenn ich an Bord bin, geht es mir bestimmt besser.“

Er zögerte. Sie sah, wie er die Stirn runzelte und sie lange betrachtete. „Na gut. Dann also der Jet.“

Leila sog tief die Luft ein. „Danke.“

Sie schloss die Augen, versuchte, ihren keuchenden Atem unter Kontrolle zu bekommen und ihren Puls zu beruhigen. Sie spürte, dass Joss losging, aber sie öffnete die Augen nicht. Es genügte ihr zu fühlen, dass seine muskulösen Arme sie hielten und dass langsam ein Gefühl der Sicherheit in ihrem starren Körper erwachte. „Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Ich neige sonst nicht dazu …“ Was stimmte bloß nicht mit ihr? „Gewöhnlich kann ich gehen und mich sogar dabei unterhalten.“

Er prustete so heftig los, dass es ihr die Haare aus der Stirn wehte. „Bestimmt. Schließlich habe ich erlebt, wie du vor ein paar hundert Gästen einen dir unbekannten Mann geheiratet hast. Ohne mit der Wimper zu zucken hast du während dieser endlosen Feier Haltung bewahrt.“

Leila öffnete erstaunt die Augen bei dem trockenen Humor, der in dieser samtig dunklen Stimme mitschwang.

Humor hatte sie Joss Carmody nicht zugetraut. Dafür erschien er ihr zu unnachgiebig. Auch zu hart, um Mitgefühl mit einer Frau zu zeigen. Sie war sich sicher gewesen: wenn er sie ansah, sah er eigentlich nur ein riesiges Ölvorkommen, das darauf wartete, erschlossen zu werden.

„Nach unserer Tradition war es eine kurze Hochzeitsfeier“, murmelte sie, während er sie die Gangway hinauftrug.

Joss drückte sie noch fester an sich, als er sich jetzt seitwärts durch den Einstieg schob. Komisch, dass ihr dieses seltsame Gefühl, das der enge Kontakt mit ihm in ihr weckte, kein bisschen unangenehm war.

„Ich habe keine Zeit, tagelang zu feiern.“

„Natürlich nicht. Nur wenige Leute bestehen heute noch auf diese Tradition.“

Sie atmete tief die kühle Luft ein und betrachtete die luxuriöse Einrichtung des Privatjets. Inzwischen fühlte sie sich schon viel besser.

„Ich kann jetzt wieder auf eigenen Füßen stehen. Danke.“

Joss betrachtete sie aus seiner imponierenden Höhe herab, als wollte er all ihre Geheimnisse ergründen. Sein Gesichtsausdruck verriet nicht, was er dabei dachte.

Leila fühlte sich etwas ungemütlich. Was sah er, wenn er sie so eingehend betrachtete? Einen Zuwachs seines Betriebsvermögens oder was?

Leila stemmte die Hand gegen seine Brust. Sie wollte etwas Abstand zwischen ihnen schaffen. Es funktionierte aber nicht. Ihr wurde nur seine eiserne Kraft bewusst. Plötzlich fühlte sie sich in seinen Armen nicht mehr beschützt, sondern eher sehr verletzlich. Schwach und hilflos gegenüber seiner unglaublich männlichen Ausstrahlung.

Es ließ sie unruhig werden.

Sein Blick fiel auf ihren Mund, und ihre Lippen begannen zu kribbeln, als hätte sie Chili gegessen. Ihr war auch früher schon schwindlig geworden, aber das hier war etwas anderes. Etwas, das sie nicht näher ergründen wollte. Etwas, das mit ihm zu tun hatte.

Ohne sie aus den Augen zu lassen, stellte er sie sanft auf den Boden.

Wieder ganz sie selbst, ging sie mit festen Schritten zu dem Klubsessel, den die Stewardess ihr anbot.

„Ich möchte etwas Wasser, bitte. Und haben Sie etwas gegen Reisekrankheit?“

„Natürlich, Madam.“ Die Frau eilte davon.

Wenn sie es sich lange genug einredete, glaubte sie vielleicht selbst, dass die erste Autofahrt seit Jahren bei ihr diese kurze Übelkeit ausgelöst hatte.

Joss saß auf der anderen Seite der Kabine und ließ sie nicht aus den Augen, während sie das Medikament nahm.

Sein prüfender Blick machte sie nervös, aber nicht so wie bei Gamil. Dessen Blick hatte sie schaudern lassen. Der von Joss schien sie auszuziehen. Aber bestimmt sah er nicht das Chaos in ihrem Innern. Unter Gamils grausamem Diktat war es lebensnotwendig gewesen, seine Gefühle zu verbergen. Inzwischen war sie darin zur Expertin geworden.

Entspannt lehnte sie den Kopf zurück und schloss die Augen. Das tiefe Brummen der startenden Motoren beruhigte sie.

Als sie schließlich spürte, dass die Maschine abhob, öffnete sie wieder die Augen. Joss saß über einen Stapel von Papieren gebeugt und kritzelte energisch irgendwelche Anmerkungen quer über die Seiten.

Eine Welle der Erleichterung ergriff Leila. Er hatte sie vergessen. Seine Neugier war nur kurz gewesen.

Sie sah durch das Fenster, wie Bakhara unter ihnen immer kleiner wurde. Ihr neues Leben hatte begonnen.

3. KAPITEL

„Wie ich sehe, fühlst du dich schon wie zu Hause.“

Joss schlenderte in die Küche. Der Anblick seiner Frau, die gerade den Wasserkocher füllte, ließ die große, nüchtern eingerichtete Küche fast gemütlich aussehen.

Eigentlich hätte er sie hier am wenigsten vermutet. Wenn er an all die Diener in ihrem früheren Zuhause dachte, hätte er sie sich eher im Bett vorgestellt, wie sie nach den Angestellten läutete, damit sie sie bedienten.

Leila fuhr herum. Joss empfand ihren klaren Blick wie eine Berührung. Faszinierend. Gestern hatte er das Gefühl einfach nur als Neugier interpretiert. Neugier und einen Hauch von Besorgnis, als sie fast ohnmächtig geworden war.

„Du hast mich überrascht“, meinte sie mit rauchiger Stimme, die etwas in ihm zum Vibrieren brachte. „Ich habe nicht erwartet, dich hier zu sehen.“

Joss zuckte die Achseln. „Es ist bekannt, dass ich mir meinen Kaffee manchmal selbst mache.“

„Ich meine, ich habe nicht erwartet, dich hier in der Wohnung zu sehen. Es ist erst früher Nachmittag“, fügte sie hinzu, als er erstaunt die Brauen hob.

„Und Manager nehmen sich niemals frei?“

Als sie sich ansahen, flackerte ein winziger Funke auf. Ein kleines Gefühl.

Joss ignorierte es. Er war gut im Ignorieren von unwichtigen Dingen. Von Dingen, die nicht in seine Pläne passten.

„Soweit ich weiß, bist du ein echter Workaholic. Ohne viel zu arbeiten, hättest du wohl kaum die Position erreicht, die du jetzt einnimmst.“

„Da hast du recht.“

Er zog sein Jackett aus und hing es über einen Stuhl. „Mein Arbeitstag ist lang.“

Business war für ihn Selbstzweck, verschaffte ihm die totale Befriedigung. Es gab immer wieder ein neues Ziel, noch härter, noch befriedigender als das vorherige. Deshalb war er auch diesen Deal in Bakhara eingegangen.

„Ich werde heute Nacht arbeiten. Morgen bin ich dann unterwegs. In der Zwischenzeit haben wir genug Zeit, miteinander zu reden.“

„Gute Idee.“ Leila nickte zustimmend, aber ihre Schultern waren verkrampft.

Warum war sie nur so angespannt? Wegen ihm? Oder war sie krank?

Als sie letzte Nacht in England landeten, hatte sie sich kaum gerührt. Schuld daran war wahrscheinlich das Medikament. Er hatte sie zum Wagen getragen und danach aus der Tiefgarage in das Apartment.

Dort hatte er es seiner Haushälterin überlassen, sie zu Bett zu bringen. Er selbst hatte einige Stunden in seinem privaten Fitnessstudio und später in seinem Büro verbracht, bevor er sich in den frühen Morgenstunden schlafen legte.

Doch statt zur Ruhe zu kommen, hatte er wach gelegen und über seine frisch angetraute Braut nachgedacht.

Als er sie hochhob und in den Jet trug, hatte er feststellen können, wie zart sie war. Sie wog fast nichts.

Das hatte lang verdrängte Erinnerungen in ihm geweckt. Erinnerungen an Joanna. Mit fünfzehn war sie nur Haut und Knochen gewesen, hatte sich ganz in sich zurückgezogen, statt den egoistischen Forderungen ihrer Eltern nachzugeben. Eltern, denen ihre Kinder völlig egal waren. Außer, sie konnten sie als Waffen in ihrem unaufhörlichen Ehekrieg benutzen.

Als er Leila auf den Armen trug, als er spürte, wie sie zitterte, wie sie versuchte, ihre Schwäche zu verbergen, da war bei Joss der Beschützerinstinkt erwacht. Seit er zehn war und seine große Schwester retten wollte, die vor seinen Augen zu sterben drohte, hatte er dieses heftige Gefühl nicht mehr gekannt.

Aber Leila war nicht Joanna. Sie war eine erwachsene Frau, die sich für ein angenehmes Leben in Reichtum verkaufte.

Was kümmerte es ihn, wenn sie die Abmagerungsdiät vor der Hochzeit übertrieben hatte? Trotzdem ertappte er sich dabei, dass er fragte: „Geht es dir heute besser?“

„Viel besser, danke. Die Hochzeitsvorbereitungen haben mich anscheinend mehr angestrengt, als ich dachte.“

Das Wasser kochte. „Möchtest du etwas? Ich mache mir einen Kamillentee.“ Sie schenkte ihm eines dieser kleinen höflichen Lächeln. Ganz die perfekte Gastgeberin.

„Hört sich gut an. Ich bleibe beim Kaffee.“ Er ging zur Tür, um seine Haushälterin zu rufen, als die auch schon auf ihn zueilte.

„Was kann ich Ihnen bringen, Mr. Carmody?“

„Kaffee und ein Sandwich. Meine Frau trinkt Kamillentee und …?“ Er hob fragend die Augenbrauen.

„Sonst nichts, danke. Ich bin nicht hungrig.“

Joss betrachtete das schlichte, beigefarbene Seidenkleid, das lose an ihr herunterhing. Sie hatte an Gewicht verloren seit ihrem ersten Treffen. Auch damals war sie schlank gewesen, aber mit Rundungen an den richtigen Stellen.

Aber nicht nur, dass sie Gewicht verloren hatte, beunruhigte ihn. Sie sah … farblos aus. Er war kein Experte für die neueste Mode, aber selbst er stellte fest, dass diese Farbe sie blass aussehen ließ. Das Kleid passte eher zu einer alten Frau als zu einer jungen und hübschen.

Wenigstens waren ihre Beine noch genauso hinreißend wie in seiner Erinnerung.

Bei ihrem ersten Treffen war er verwirrt gewesen. Ihre sexy Beine und ihre vollen Lippen standen im Kontrast zu ihrer beherrschten, fast schon spröden Haltung. Und dann waren da noch diese winzigen Geistesblitze gewesen, die ihm zeigten, dass sie sehr gut imstande war, die Gastgeberin abzugeben, die er brauchte.

Sie war eine faszinierende Mischung aus Intellekt, Schönheit und kühler Gelassenheit. Besser gesagt, sie wäre es für einen Mann, der es sich erlaubte, fasziniert zu sein.

Joss gehörte nicht zu dieser Art Mann.

Er trennte strikt das Geschäftliche vom Privaten.

„Mr. Carmody?“

Seine Haushälterin sah ihn fragend an.

„Das überlasse ich Ihnen, Mrs. Draycott. Bringen Sie einfach eine Auswahl von allem, was meiner Frau Appetit machen könnte.“

Leila sah ihn scharf an, und ihr Blick verursachte ihm ein angenehmes Kribbeln im Bauch. So etwas wie Freude auf ein neues Projekt.

„Natürlich, Sir.“

„Wir sind im kleinen Salon.“

Mit königlich erhobenem Kopf durchquerte Leila den Raum. Ihr Gang zog die Aufmerksamkeit auf ihre schwingenden Hüften.

Joss versuchte herauszufinden, was sich hinter ihrer ruhigen Haltung verbarg.

Er konnte fast die Worte hören, die sie nicht sagte.

Aber nur fast. Es war zum Verrücktwerden.

Er folgte ihr und hielt inne, als sie in der Tür stehen blieb.

Er konnte ihr Parfum riechen. Es war nicht der schwere Rosenduft wie bei der Hochzeit, sondern etwas Leichtes, Frisches, das er kaum wahrnahm, als er den Kopf nahe an ihren hübsch frisierten Haarknoten hielt.

So dicht neben ihr erwachte in ihm das gleiche Gefühl wie gestern auf der Startbahn: die Luft knisterte vor Spannung.

Was war es, das ihn an Leila so anzog?

„Welches ist der kleine Salon? Du hast mehrere.“

„Die dritte Türe rechts“, sagte er.

Während Joss ihr folgte, registrierte er jede ihrer Bewegungen. Die Art, wie bei jedem ihrer Schritte die Seide sich um ihren Po schmiegte und um ihre Beine wehte, signalisierte ihm den Begriff Frau auf eine Weise, die all seine Aufmerksamkeit weckte.

Vielleicht war es ja als Einladung gemeint?

Der Gedanke beunruhigte ihn. Aber wenn er an ihren kühlen Blick in der Küche dachte, erschien ihm das wenig wahrscheinlich.

Außerdem ging es hier um eine Vernunftehe. Sie würde eine ausgezeichnete Begleiterin bei offiziellen Empfängen abgeben, und ihre gesellschaftlichen Verbindungen waren für ihn unbezahlbar. Für sich selbst gewann Leila Prestige und einen noch luxuriöseren Lebensstil.

Eine Win-win-Situation. Nur ein Narr vermasselte so ein Geschäft durch Sex.

Das würde bei seiner Frau vielleicht eines Tages die Hoffnung auf eine Familie wecken. Obwohl er ihr von Anfang an klargemacht hatte, dass Kinder in seinem Plan nicht vorgesehen waren.

Nein, ihr Arrangement würde einfach und unpersönlich bleiben.

Trotzdem konnte er nicht den Blick von Leila wenden, als sie im Salon Platz nahm. Sie ein Bild weiblicher Grazie. Joss hatte den beunruhigenden Verdacht, dass er in dieser Vernunftehe mehr bekam, als er ausgehandelt hatte.

Leila wählte einen tiefen Sessel. Das weiche Leder umgab sie wie ein beruhigender Kokon, und das unangenehme Kribbeln, das sie empfand seit Joss aufgetaucht war, ließ etwas nach.

Als sie heute Morgen etwas verwirrt in dieser luxuriösen Wohnung aufgewacht war, hatte sie voller Erleichterung festgestellt, dass niemand das große Bett mit ihr geteilt hatte. Auch hingen Joss’ Kleider nicht im Schrank. Doch sie hatte kaum Zeit gehabt, ihm dankbar dafür zu sein, dass er Wort hielt.

Zu schnell waren ihre Gedanken zu der lähmenden Angst auf der Startbahn zurückgekehrt.

So etwas hatte sie noch nie erlebt. Ob es mit ihrem langen Eingesperrtsein zu tun hatte?

Sie konnte nur hoffen, dass es ein einmaliges Ereignis war. Sie hatte nicht vor, sich von der Vergangenheit ihre Zukunft diktieren zu lassen.

„Ist alles in Ordnung mit deinem Zimmer?“ Joss setzte sich und streckte genüsslich die langen Beine aus.

Er saß mit dem Rücken zum Fenster, und sie konnte seinen Gesichtsausdruck nur schlecht erkennen. Doch sie hätte wetten können, dass er sehr zufrieden aussah.

„Ja, danke.“ Leila war im Wohlstand groß geworden, doch nicht in solchem Reichtum. Und während der letzten Jahre hatte sie eher ein spartanisches Leben geführt.

Sogar das Gefühl der Seide auf ihrer Haut war ein ungewohntes sinnliches Vergnügen. Genau wie das Tragen von hohen Absätzen.

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Ob ihr Ehemann genauso wenig wusste, was er sagen sollte wie sie?

„Wohnst du hier schon lange?“

Er zuckte die breiten Schultern. „Ich habe das Penthouse vor ein paar Jahren gekauft, aber ich bin nicht oft hier.“

Sie würde also allein sein und sich Zeit nehmen können, ihr neues Leben zu ordnen.

„Wie lange hast du in London zu tun?“

Seine langen Finger trommelten auf der Armlehne. „Wir werden mindestens einen Monat hierbleiben.“

Leila stockte das Herz. „Wir?“

„Natürlich. Schließlich sind wir verheiratet.“

Sie unterdrückte die Panik, die sie bei der Vorstellung packte, die Wohnung mit Joss Carmody zu teilen. Auch wenn sie noch so groß war. Sie hatten zwar abgemacht, getrennte Leben zu führen, aber in ihr sträubte sich alles bei dem Gedanken, ihm so nahe zu sein. Und sei es auch nur für eine kurze Zeit. Er war mächtig, selbstbewusst und daran gewöhnt, seinen Willen zu bekommen. Alles Eigenschaften, die sie viel zu sehr an Gamil erinnerten.

Bestimmt würde die Trennung später diskret arrangiert werden.

Sie selbst hatte vor, die Zeit bis dahin zu nutzen und sich zu erkundigen, wie sie ihr Studium wieder aufnehmen konnte. Außerdem würde sie sich dann eine Wohnung suchen. Sie sehnte sich nach einem Haus mit Garten.

Aber einen ganzen Monat hierbleiben?

„Leila?“ Sie blickte auf. „Was ist los? Gefällt dir das Penthouse nicht?“

„Im Gegenteil, es ist sehr nett.“

„Nett?“ Er hob erstaunt eine der schwarzen Augenbrauen. „Ich habe ja schon so manche Meinung darüber gehört, aber als nett hat es niemand bezeichnet.“

„Es tut mir leid, wenn ich dich verärgert habe“, sagte Leila zögernd. „Das Apartment ist atemberaubend.“ Wenn einem der moderne Minimalismus gefiel, der zu sehr betonte, dass alles einen Haufen Geld gekostet hatte.

„Bitte sehr, Sir, Madam.“ Mrs. Draycott betrat mit einem Tablett den Salon. „Hier sind Sandwichs und …“ Sie schenkte Leila ein kleines Lächeln, „Baklawa in Sirup und kleine Kuchen. In Rosenwasser getränkt. Ich dachte, Sie würden sich über eine Erinnerung an Ihre Heimat freuen, Madam.“

„Ich danke Ihnen. Das ist sehr freundlich.“ Auch wenn Gamil ihr die Erinnerung an ihr Heimatland unwiderruflich verdorben hatte.

Leila nahm dankend einen Teller entgegen und schenkte der Haushälterin ein Lächeln, als diese den Salon verließ.

„Die hier sind gut“, meinte Joss, nachdem er eine der Nussrollen verputzt hatte, und griff nach einer zweiten.

„Bist du eine Naschkatze?“ Leila stellt den Teller auf einen Beistelltisch und griff nach ihrem Tee. „Hat deine Mutter dich als Kind mit Leckereien verwöhnt?“ Obwohl sie immer eine Köchin gehabt hatten, erinnerte sich Leila, dass ihre Mutter hin und wieder die besten Kuchen der Welt gebacken hatte.

„Nein. Mit so etwas Alltäglichem wie Kochen machte meine Mutter sich nicht die Hände schmutzig.“

„Ich verstehe.“

„Das bezweifle ich.“ Joss’ Stimme klang kühl, aber die zusammengezogenen Augenbrauen verrieten seine innere Anspannung.

„Meine Mutter verabscheute alles, das ihrer mädchenhaften Figur oder ihren zarten Händen hätte schaden können.“ Sein Blick traf sie, und Leilas Haut prickelte, als hätte er sie berührt. „Außerdem glaubte sie, die Welt würde sich nur um sie drehen.“

Leila schaute angestrengt zur Seite. Dass sich hinter seiner beherrschten Maske plötzlich Gefühle zeigten, war ihr unangenehm.

Sie waren Fremde, und sie zog es vor, dass es dabei blieb. Das leise Mitleid, das in ihr erwacht war, als er von seiner anscheinend nicht sehr schönen Kindheit gesprochen hatte, wollte sie lieber nicht zur Kenntnis nehmen.

Instinktiv wusste sie, dass er es ihr nicht danken würde.

Sie suchte nach einer Antwort. „All das hier muss deine Mutter sehr beeindrucken.“

„Meine Mutter lebt nicht mehr.“ Ein Schleier legte sich über Joss’ Blick, während sich das Schweigen zwischen ihnen ausdehnte. „Ich habe keine Familie.“

„Das tut mir leid.“

„Ist dir bei der Hochzeit die fehlende Verwandtschaft nicht aufgefallen?“, fragte er brüsk.

„Nein. Ich …“

Sie stockte, als sie sein Gesicht sah. Seine steinerne Miene verriet, dass er sie für entsetzlich egoistisch hielt.

„Ich will auch gar keine Familie. Ich habe kein Interesse, den Familiennamen zu vererben. Und ich sehe keinen Sinn darin, noch mehr Kinder in eine Welt zu setzen, die schon jetzt nicht alle Münder füttern kann.“

Er warf demonstrativ einen Blick auf ihren immer noch vollen Teller.

Leila drehte sich der Magen um. Nach den mageren Portionen in letzter Zeit konnte sie diese Mengen bestimmt nicht essen.

Aber weil sie Joss den wahren Grund für ihren Mangel an Appetit nicht sagen konnte, blieb ihr nichts anderes übrig, als zu essen. Sie konnte Joss unmöglich die Geschichte von Gamils Brutalität und ihrer eigenen Hilflosigkeit erzählen. Wer weiß, wie er das Wissen sonst gegen sie verwenden würde?

Außerdem erfüllte die Erinnerung sie mit Scham. Der Verstand sagte ihr zwar, dass sie alles getan hatte, um sich gegen Gamil zu wehren. Aber die Tatsache, dass sie ein hilfloses Opfer gewesen war, ließ sie innerlich vor Selbstekel aufschreien.

Widerstrebend griff sie nach einem der kleinen Kuchen. Als sie den süßen Honigduft einatmete, überfiel sie eine Welle von Übelkeit, und sie zögerte.

„Zufällig weiß ich, dass Mrs. Draycott sich große Mühe gegeben hat, dir etwas Besonderes zu servieren.“

Joss’ prüfender Blick lastete schwer auf Leila, während sie in die Delikatesse biss.

Als sie den Geschmack auf der Zunge spürte, stiegen bittersüße Erinnerungen in ihr auf. An ihre Mutter, wie sie lachend in ihrer Pariser Küche stand, die große Schürze zweimal um die schlanke Figur gewickelt. An ihren Vater, wie er sich lässig elegant im Abendanzug einen Keks vom Blech stibitzte und dafür einen Klaps auf die Hand erhielt.

„Es schmeckt gut“, murmelte Leila und riskierte noch einen Bissen.

Als ihr Galle aufstieg, war es vorbei mit den Erinnerungen. Der Magen drehte sich ihr um. Es war ein ekelhaftes Gefühl von Verzweiflung und ungestilltem Hunger.

Sie wollte aufstehen. „Entschuldige mich, ich muss …“

„Ins Bad?“ Joss klang wütend. „Warum? Damit du ja kein Essen in dir behältst?“

Verblüfft über seinen Zorn schüttelte Leila den Kopf.

„Mir ist nur ein bisschen schlecht, das ist alles. Ich …“

„Findest du nicht, dass du selbst dafür sorgst, dass dir schlecht ist?“

„Nein!“ Sie sprang auf. „Das finde ich ganz und gar nicht.“ Sie hatte es satt, dass die Leute ihr die Worte in den Mund legten und jede ihrer Bewegungen überwachten. Sie war erschöpft und fühlte sich nicht wohl und …

„Sag mir, Leila“, in seiner Stimme lag eine tödliche Ruhe, als er jetzt zu ihr kam und sie am Gehen hinderte,„Ist es Bulimie oder Magersucht?“ Joss war fest entschlossen, die Sache zu klären.

Seine Geduld für verwöhnte Prinzessinnen war begrenzt. Und tief im Innern hatte er wirklich Angst. Er wusste genau, wie gefährlich Essstörungen waren.

„Weder – noch!“ Sie schien ehrlich empört zu sein. „Mit meinen Essgewohnheiten ist alles in Ordnung.“

Erleichtert stellte Joss fest, dass ihre krankhafte Blässe verschwunden war. Sie hatte jetzt rote Flecken auf den Wangen, und ihre Augen sprühten Feuer.

„Und warum habe ich dich dann nie mehr als ein paar Häppchen essen sehen? Warum wird dir nach dem Essen schlecht?“

Er trat an sie heran, nahe genug, um ihren frischen Duft zu riechen. Sie hob stolz den Kopf. Sie würde einer Konfrontation nicht ausweichen. Unter ihrem Blick begann seine Haut zu kribbeln und so etwas wie Verlangen erwachte in ihm.

Hätte er gewusst, dass Leilas so … lebhaft sein konnte, hätte er sich die Heirat zweimal überlegt. Er wollte eine elegante, zurückhaltende Begleiterin und keine Furie. Aber sein heftiges Verlangen entlarvte diesen Gedanken als Lüge.

„Ziehst du immer voreilige Schlüsse?“ Sie hob spöttisch die Brauen. Es war eine arrogante Rühr-mich-nicht-an Pose, und in Joss erwachte der Wunsch, alle Barrieren zwischen ihnen niederzureißen und ihr zu zeigen, wie sich derbe, erdhafte Lust anfühlte. Er erschrak selbst darüber, wie heftig dieser Wunsch war.

„Gehst du immer Fragen aus dem Weg, für die du keine Antworten hast?“

Ihre Nasenflügel bebten, als könnte sie nur mühsam ihr Temperament zügeln. Es hatte ihm immer gefallen, wenn eine Frau leidenschaftlich war – im Bett, nicht bei Auseinandersetzungen.

Der Gedanke brachte ihn wieder zur Vernunft.

Leila war seine Ehefrau. Er würde nicht mit ihr ins Bett gehen. Er würde nicht das Risiko eingehen, mit der Frau, an die er sich gerade gebunden hatte, chaotische Gefühlsszenen zu erleben.

Sie faltete die Hände und zeigte demonstrativ Geduld. Er hätte sich täuschen lassen, wäre nicht dieses unterdrückte Feuer in den leuchtenden Augen gewesen. Wider besseres Einsehen ertappte er sich dabei, dass ihm dieser Gegensatz gefiel.

„In letzter Zeit habe ich keine üppigen Mahlzeiten zu mir genommen. Das Hochzeitsessen war dazu bestimmt, Eindruck zu machen. Aber es war nicht nach meinem Geschmack.“

„Hast du eine Diät gemacht? Hat dein Vater dich nicht gewarnt, dass du Untergewicht bekommen könntest?“

„Mein Stiefvater.“ Sofort biss sie sich auf die Lippen, als bereute sie, was sie gesagt hatte. „Nein, er hatte kein Problem mit meiner Diät.“

Wieder huschte dieser rätselhafte Ausdruck über ihr Gesicht. So, als würde sie ihm etwas verheimlichen. Etwas, das Joss unbedingt herausfinden wollte.

„Und jetzt? Erzähl mir nicht, die Süßigkeiten wären nicht nach deinem Geschmack. Ich sah deinen Gesichtsausdruck, als du sie probiert hast.“ Sie hatte vor Wonne die Augen geschlossen. Der Anblick eines so reinen, sinnlichen Vergnügens hatte ihn fasziniert, ihn angezogen und all seine männlichen Erwartungen geweckt.

Leila zuckte die Achseln. „Es war sehr gut, aber wie ich schon sagte, war meine Diät sehr streng. Die Süßigkeiten waren zu viel des Guten.“

Er wusste, dass sie etwas vor ihm verbarg. Aber ihre Empörung über seinen Vorwurf schien ihm echt zu sein. Für den Augenblick konnte er sich kein Urteil erlauben.

„Und jetzt? Fühlst du dich noch immer krank?“

„Nein.“

„Gut. Du musst wieder Appetit bekommen.“ Langsam machte er es sich wieder auf seinem Sessel bequem. „Ich mache eine Geschäftsreise. Wenn ich zurückkomme und wir Einladungen geben, wirst du nicht nach jedem Essen ins Badezimmer rennen können.“

Einladungen? Seit wann gaben Paare, die getrennt lebten, gemeinsam Einladungen?

Entsetzt setzte auch Leila sich wieder und starrte Joss an.

„Was meinst du mit Einladungen?“

„Du wirst an meiner Seite sein, wenn wir Gäste haben.“ Er zuckte die Achseln. „Einer der Gründe, warum ich dich für eine brauchbare Ehefrau halte, ist dein Stammbaum: Kind von Diplomaten, aufgezogen in den besten Kreisen, mit Verbindungen zu mächtigen Familien, mit denen ich Geschäfte machen werde.“

„Tatsächlich“, zischte sie.

Er hatte sich herabgelassen, sie für brauchbar zu halten, seine Gattin zu werden.

„So war das nicht abgemacht“, stieß sie jetzt hervor.

„War es nicht?“ Er bekam schmale Augen, und plötzlich war die Luft zwischen ihnen spannungsgeladen.

„Nein.“ Leila ließ sich nicht einschüchtern. „Du hast nicht erwähnt, dass wir Einladungen geben.“

Joss schlug langsam ein Bein über das andere. Er spreizte die Finger und legte sie auf die Armlehnen. Aber Leila war nicht so dumm zu glauben, dass er entspannt war. Er strahlte eine Wachsamkeit aus, die sie an ein Raubtier erinnerte.

„Du glaubst wohl, allein die Tatsache, dass wir verheiratet sind, verschafft dir schon den gewohnten Lebensstill? Ohne dass du dazu einen Finger rühren musst?“

„Du musst gerade reden! Du hast mich doch nur wegen der Ölquellen meines Vaters geheiratet.“ Wie konnte er es wagen, sie als geldgierig darzustellen?

„Stimmt.“ Sein Lächeln hatte etwas Hungriges. „Und gleichzeitig verschaffte ich mir eine Begleiterin, die mir helfen soll, meine Ziele zu erreichen. Derzeit heißt das, dafür zu sorgen, dass mein Handel mit der gesellschaftlichen Elite Europas und des Mittleren Ostens reibungslos abläuft. Dazu bist du hervorragend geeignet.“

Hervorragend geeignet!

„Ich fürchte nur, ich habe andere Pläne.“ Sie lehnte sich zurück und sah ihm in die dunklen Augen. Sie sprühten Funken.

Sie war hier in Sicherheit. Sie war nicht mehr in Bakhara. Bald würde sie ihr eigenes Geld besitzen. Und in einem Land wie England konnte Joss ihr nicht seinen Willen aufzwingen, wie ihr Stiefvater das getan hatte.

„Andere Pläne?“ Joss musterte sie kritisch und bemerkte den störrischen Zug um ihre Lippen. „Wie kannst du andere Pläne haben, wo wir erst seit Kurzem verheiratet sind?“

Er unterdrückte einen Seufzer. War nicht genau das einer der Gründe, warum er bisher einer Heirat immer aus dem Weg gegangen war? Die Widersprüchlichkeit der Frauen! Zu heiraten und dann zu sagen, sie hätte andere Pläne!

Wenn sie glaubte, ihre Spielchen mit ihm spielen zu können, so wie seine Mutter es mit jedem getan hatte, dann musste Leila noch viel lernen.

Leila zuckte unbekümmert die Schultern. „Du sagtest doch, diese Ehe bestünde nur auf dem Papier. Du hast mir deutlich klargemacht, dass wir getrennte Leben führen.“

Wieso wurmte es ihm, dass sie ihn unbedingt loswerden wollte? Wenn einer eine Beziehung beendete, dann war immer er es.

„Stimmt. Außer, wenn wir bei wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben zusammen erscheinen. Mach dir keine Sorgen, solange du diskret bist, werde ich mich nicht in dein Privatleben einmischen.“ Es war gut zu wissen, dass es in ihrem Ehevertrag eine Strafklausel für Schwangerschaft gab. Das hieß, sie würde ihm nicht das Kind eines anderen Mannes unterschieben können. „Aber von Zeit zu Zeit werde ich deine Dienste als Begleiterin benötigen.“

„Und wenn ich mich weigere?“, fragte sie kühl.

„Weigern?“ Der Gedanke, irgendjemand könnte ihm etwas verweigern, war so neu, dass er einen Moment brauchte, bis der Ärger in ihm hochstieg. „Mach dich nicht lächerlich. Warum solltest du dich weigern?“

„Es passt mir nicht. Ich habe vor, von jetzt an mein eigenes Leben zu leben.“

„Das denke ich nicht, liebe Gattin“, meinte er honigsüß. „Vergiss nicht den Ehevertrag, den du unterschrieben hast. Dir bleibt gar keine andere Wahl.“

4. KAPITEL

Leila rang nach Luft.

Das war sein voller Ernst!

Welche Sorte Mann legte so ein Detail in einem Ehevertrag fest?

Doch als sie in seine vor Zorn blitzenden Augen sah, erkannte Leila, dass Joss Carmody zu der Sorte Mann gehörte, die nie den Querstrich beim t und den Punkt auf dem i vergaßen. Besonders nicht, wenn es ums Geschäft ging. Und diese Heirat war ein Geschäft.

„Du hast den Ehevertrag doch gelesen, oder?“, fragte er.

Wie sie diesen herablassenden Gesichtsausdruck hasste! Sie hatte die Nase voll von Männern, die über sie bestimmen wollten.

Leila ballte die schweißnassen Hände, grub sich die Nägel ins Fleisch.

Sie wollte den Vertrag ja lesen, aber ihr Stiefvater hatte die Papiere so verdeckt, dass sie nur die Stelle sehen konnte, wo sie ihre Unterschrift hinsetzen sollte. Es hatte ihr Magenkrämpfe verursacht, aber sie zwang sich zu unterschreiben, damit sie weggehen konnte.

„Ich muss diesen Absatz übersehen haben.“

Ihr Stiefvater hatte jede Schwäche ausgenutzt. Leila war entschlossen, vor keinem Mann mehr Schwäche zu zeigen. Besonders nicht vor ihrem Ehemann. Es war zu gefährlich.

Der Blick seiner dunklen Augen bohrte sich in ihre. Es war ein Wagnis, aber es fühlte sich gut an, seinem Blick mit erhobenem Kopf zu begegnen, so wie sie es bei Gamil geübt hatte. Selbst eine solche Kleinigkeit gab ihr das Gefühl, stark und unerschrocken zu sein.

„Ach so, du hast dich natürlich nur auf die finanzielle Belohnung konzentriert.“ Joss klang noch nicht einmal sarkastisch. Er glaubte ernsthaft, das Geld alles war, was sie interessierte.

„Du hältst nicht viel von Frauen, was?“

Er schien überrascht. „Ich behandle alle Menschen gleich, ob Mann oder Frau.“

Was hieß, dass er vor niemandem großen Respekt hatte.

Was für einen Mann hatte sie da geheiratet? Von seiner Skrupellosigkeit als Geschäftsmann wusste sie. Aber sie hatte angenommen, er besäße doch noch eine weichere Seite. Nicht bei ihr, aber bei irgendjemandem.

Sie verdrängte die Erinnerung daran, wie einfühlsam er auf ihren Schwächeanfall gestern reagiert hatte. An sein unaufgeregtes Mitgefühl, das ihre Angst beruhigte.

Er war mit der Situation so gut fertiggeworden, weil er schnell nach London musste. Das war alles. Es wäre verrückt, es als Fürsorge misszuverstehen.

Alles, was sie über ihn erfuhr, bestätigte ihr nur, dass er ein Mann war, den sie lieber nicht besser kennenlernen wollte.

„Der Vertrag präzisiert also meine Pflichten als Begleiterin.“ Leila zwang sich, an das Naheliegende zu denken. „Gibt es noch irgendetwas anderes?“ Sie war stolz auf den kühlen Ton, mit dem sie ihre flatternden Nerven kaschierte. Was stand in diesem Vertrag noch drin?

„Ich habe eine Kopie. Du kannst dich also wieder damit vertraut machen.“ Er warf einen Blick auf seine Uhr, als hätte er Wichtigeres zu tun.

Zum Teufel mit ihm! Das hier war wichtig.

„Sei nachsichtig mit mir, Joss.“ Sie schlug die Beine übereinander und lehnte sich nonchalant zurück. Instinktiv verbarg sie, wie viel ihr daran lag, mehr über die Details zu erfahren.

Sein Blick kehrte zu ihr zurück, glitt über ihre Beine, über ihr Kleid, bevor er dann auf ihrem Gesicht liegen blieb. Leilas Haut prickelte, wo sein Blick sie wie eine Liebkosung gestreift hatte. Abwehrend reckte sie das Kinn und tat, als empfände sie nichts.

Etwas blitzte in seinem verschleierten Blick auf. Leilas Nacken kribbelte, als würde sie mit einer Gefahr konfrontiert.

Joss war natürlich daran gewöhnt zu sagen, wo es langging und nicht daran, Fragen zu beantworten.

Seltsam, wie die aufblitzende Warnung in seinen Augen sie anstachelte. Als würde sie es plötzlich genießen, ihn provozieren zu können. Nachdem sie jahrelang die Unterwürfige hatte spielen müssen, war es jetzt wunderbar, ihre Unabhängigkeit auszuprobieren. Sie spielte mit dem Perlenanhänger ihrer Mutter. „Habe ich vielleicht sonst noch etwas übersehen?“, fragte sie beiläufig.

Sein Schweigen zerrte an ihren Nerven. Er starrte die ganze Zeit auf sie und, wie es schien, auf die große Perle in ihrer Hand. Sie ließ sie schnell los, und die Perle glitt zwischen ihre Brüste.

Joss’ Blick richtete sich auf die Stelle, wo die Perle jetzt lag. Leila sog hörbar die Luft ein, während ihre Brustwarzen sich aufrichteten und ihr Puls zu rasen begann.

An solche Blicke war sie nicht gewöhnt.

„Du solltest die Unterlagen durchlesen.“ Sein Ton drückte aus, dass sie sie doch nicht verstehen würde.

„Das werde ich“, lächelte Leila süßlich. „Aber in der Zwischenzeit …?“

„Du hast zugestimmt, als meine Begleiterin aufzutreten. Keine Angst, es wird keine harte Arbeit sein. Du wirst viel Zeit haben zum …“

„Shoppen?“ Ihr Lächeln gefror zu Eis. Sie war mit einem Mann verheiratet, der dachte, sie wollte nur sein Geld ausgeben! Der gar nicht auf die Idee kam, dass sie vielleicht eine Karriere anstrebte.

„Genau. Davon abgesehen gibt es Strafen, falls du in Skandale verwickelt wirst. Strafen für Scheidung oder Schwangerschaft.“

„Strafen wofür?“, fragte sie ungläubig.

„Du hast richtig gehört.“ Er trank seinen Kaffee so gelassen aus, als würden sie sich übers Wetter unterhalten. „Ich habe festgesetzt, dass es in dieser Ehe keine Kinder geben wird.“

„Ich weiß.“ Wie hätte sie es vergessen können? Sie klammerte sich an das Wissen, dass er nicht mit ihr ins Bett wollte. „Aber dazu gehören doch zwei, um …“

„Es mag sehr gut zwei brauchen, um ein Kind zu machen. Doch ich gehöre bestimmt nicht dazu.“ Das kalte Glitzern in seinen Augen ließ sie bis ins Mark erstarren.

Schließlich verstand sie. Er meinte Kinder von anderen Männern, Liebhabern.

„Falls du schwanger wirst, komm nicht heulend zu mir und bitte um Hilfe. Du würdest alles verlieren, was diese Heirat dir eingebracht hat.“

Sein Ton war eisig, jede Silbe knisterte vor Verachtung.

„Schau nicht so schockiert, Leila. Ich bin sicher, du bist zu vernünftig, um schwanger zu werden.“

Er forderte sie praktisch dazu auf, sich mit Liebhabern zu vergnügen, solange sie nur nicht schwanger wurde!

Durch die Hand ihres Stiefvaters hatte Leila Entwürdigung erfahren, aber Joss schlug alles. Er brachte es fertig, einen Teil von ihr zu verletzen, den Gamil niemals erreicht hatte. Leila war gelähmt vor Schmerz. Sie richtete sich kerzengerade auf. Jeder Nerv bebte vor Abscheu.

„Keine Angst, ich werde nicht schwanger.“ Sollte sie je Kinder haben, dann mit einem Mann, den sie liebte und der sie von ganzem Herzen liebte und nicht mit einem Mann, der nichts als Verträge und Profit kannte. Eines Tages würde diese Verbindung nur noch eine schlechte Erinnerung sein …

„Ich habe nicht die Absicht, mit irgendeinem Mann zu schlafen, besonders nicht mit dir.“

Joss stellte mit einer raschen Bewegung seine Tasse auf den Tisch und sah sie an. „Ich schlafe nie mit Frauen.“ Seine Stimme war ein tiefes Raunen, bei dem sich die feinen Haare auf ihren Armen aufrichteten. „Ich habe eher ein etwas aktiveres Interesse an ihnen. Schlafen tue ich immer allein.“

Er verzog die Lippen zu einem selbstzufriedenen Lächeln, das bei ihr alle Alarmglocken läuten ließ. Obwohl es ein ekelhaft arrogantes Lächeln war, war es gefährlich.

Leilas Gesicht wurde heiß, als er sie wieder mit diesem gewissen Blick von oben bis unten musterte, sodass jeder ihrer Nerven zu flattern begann.

Was immer dieses seltsame Gefühl auch bedeuten mochte, sie hätte fast lieber noch einmal die Panik ertragen, die sie gestern am Flughafen erfasst hatte. Ein Instinkt warnte sie, dass dieses ungewohnte Gefühl tief in ihrem Innern sie Joss auf Gedeih und Verderb ausliefern konnte.

Das durfte auf keinen Fall geschehen.

Autor

Chantelle Shaw
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