Julia Exklusiv Band 404

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NUR EINE NACHT DER LEIDENSCHAFT IN MANHATTAN? von CLARE CONNELLY

„Matt?“ Die hübsche Frankie kann es kaum fassen, als der Mann, mit dem sie eine heiße Liebesnacht verbracht hat, plötzlich vor ihr steht. So lange hat sie ihn überall gesucht – aber nirgends gefunden! Kein Wunder: Ein König bleibt lieber undercover …

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  • Erscheinungstag 18.07.2026
  • Bandnummer 404
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541336
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Clare Connelly, Ally Blake, Maya Blake

JULIA EXKLUSIV BAND 404

Clare Connelly

PROLOG

Es gab drei Dinge, die Matthias Vasilliás liebte. Den in schimmernde Gold- und Pfirsichtöne getauchten Himmel, wenn die Sonne unterging, das Land, über das er in einer Woche herrschen würde – und Frauen. Aber nie länger dieselbe Frau und nie, ohne mehr zu erwarten als das hier. Sex.

Die Brise, die durch das offene Fenster des Hotelzimmers drang, wehte den zarten Stoff des Vorhangs in seine Richtung – ein Anblick, der ihm die Schönheit und Flüchtigkeit dieses Augenblicks nur umso bewusster machte. Schon morgen würde er wieder fort und sie nur noch eine Erinnerung sein – ein flüchtiger Schatten. Mit der ersten Maschine würde er nach Tolmirós zurückfliegen und ein neues Leben beginnen.

Eigentlich war er nicht für ein sexuelles Abenteuer nach New York gekommen. Er hatte nicht damit gerechnet, ihr zu begegnen. Es war nicht seine Absicht gewesen, eine Jungfrau zu verführen – so etwas war nicht seine Art. Nicht, wenn er nichts Festes im Austausch für so ein Geschenk bieten konnte.

Nein, er bevorzugte erfahrene Frauen. Liebhaberinnen, die weltgewandt genug waren, um zu wissen, dass ein Mann wie er kein Herz zu verschenken und keine Zukunft zu bieten hatte. Eines Tages würde er zwar heiraten, aber nur aus rein politischen Gründen – eine zu seiner Position passende Frau, die an seiner Seite regieren sollte.

Doch noch war es nicht so weit. Noch hatte er das hier: Frankie, diese Nacht.

Sie ließ die Fingerspitzen über seinen Rücken gleiten und presste die Nägel in seine Haut, als er sich komplett in ihr und ihrer Süße verlor und ihr Lustschrei durch die milde New Yorker Abendluft hallte.

„Matt!“

Sie rief ihn mit der Kurzversion seines Namens – es war ein völlig neues Gefühl, einer Frau zu begegnen, die keine Ahnung hatte, wer er war: Thronerbe eines mächtigen europäischen Landes, reicher als Krösus und schon bald König. Matt war simpel, Matt war gewöhnlich, und das hier würde sowieso bald vorbei sein.

Denn sobald er den Thron von Tolmirós bestieg, musste er auf Frauen und Sex verzichten, abgesehen von den ehelichen Pflichten, die seine Rolle als König mit sich brachte. In nur sieben Tagen würde sein Leben sich unwiderruflich verändern.

Sieben Tage noch, und er würde König sein.

Aber vorerst war er hier, mit einer Frau, die nichts über sein Leben, sein Volk und seine Pflichten wusste.

„O Gott“, stöhnte sie und bäumte sich auf, sodass ihre festen Brüste hoch in die Luft ragten.

Er verdrängte seine Schuldgefühle, weil er sie getäuscht hatte. Weil er mit einer unschuldigen jungen Frau ins Bett gegangen war, nur um seine Begierden zu stillen, obwohl er genau wusste, dass sich nicht mehr daraus entwickeln würde.

Aber auch sie wollte keine Komplikationen. Sie hatten sich darauf geeinigt, nur dieses eine Wochenende miteinander zu verbringen. Und trotzdem benutzte er sie, daran bestand kein Zweifel. Er benutzte sie dafür, ein letztes Mal aufzubegehren. Das Unvermeidliche hinauszuzögern, und sei es auch nur für eine Nacht. Sich zumindest einen Moment lang normal zu fühlen wie ein ganz gewöhnlicher Mensch und kein künftiger König.

Während er wieder und wieder tief in sie eindrang, fragte er sich, ob es je eine andere Frau gegeben hatte, die so perfekt gebaut war wie sie.

Er vergrub die Finger in ihrem langen blonden Haar und hielt ihren Kopf fest, um sie zu küssen, bis sie unter ihm stöhnte und sich ihm komplett hingab.

Ein Gefühl vollkommener Leidenschaft durchströmte ihn und ließ ihn beinahe vergessen, was in Tolmirós auf ihn wartete. Seinem Land und seinem Volk zuliebe würde er in Zukunft auf Zerstreuungen wie diese hier verzichten und König sein.

Aber noch war er einfach Matt, und Frankie hier mit ihm …

1. KAPITEL

Drei Jahre später …

New York glitzerte wie ein schönes, aus Hochhäusern, Lichtern und gedämpftem U-Bahn-Lärm bestehendes Diorama. Matthias genoss den Anblick des lebhaften Treibens vom Balkon seines Penthouses in Manhattan und verdrängte die Erinnerungen an das letzte Mal, als er hier gewesen war.

Er zwang sich, nicht in die Richtung der School of Art zu blicken, nicht an die Frau zu denken, die ihn damals verhext und verzaubert hatte.

Die Frau, die ihm ihre Unschuld und ihren Körper geschenkt und sich unauslöschlich in seine Gedanken eingeprägt hatte.

Er stöhnte innerlich auf, als er an ihren Namen dachte, der ihn wie ein Fluch verfolgte. Weil er nicht an sie denken durfte, geschweige denn, sich so detailliert an sie erinnern.

Nicht, wenn er sich in einem Monat offiziell verlobte. Wenn seine Pflicht ihn stärker rief denn je. Damals hatte seine Thronbesteigung bevorgestanden. Diesmal war es seine Hochzeit.

Ganz Tolmirós wartete darauf, dass er endlich heiratete und einen Erben zeugte, der dem blühenden Land Stabilität garantieren würde. Matthias empfand diese Verpflichtung als unglaubliche Last. Bisher war es ihm erfolgreich gelungen, ihr aus dem Weg zu gehen, aber inzwischen wurde es Zeit.

Schon seit dem Tod seiner Eltern – damals war er noch ein Teenager gewesen – verspürte er die bleierne Verpflichtung zu heiraten und Kinder zu bekommen. Als ließe sich damit einfach ersetzen, was verloren gegangen war.

Aber es musste sein. Sein Land brauchte einen Thronfolger, also brauchte er eine Frau. Eine, die gebildet und kultiviert war und aus den höchsten Kreisen stammte. Sein Assistent hatte bereits eine Liste mit geeigneten Kandidatinnen angefertigt. Er musste sich nur eine aussuchen.

Als er die Augen schloss, sah er sie wieder vor sich: Frankie. Frankie, wie sie am Nachmittag ihrer Begegnung ausgesehen hatte, mit farbbekleckster Kleidung, dem zu einem Pferdeschwanz zurückgebundenen Haar und ansteckendem Lächeln.

Sein Magen verkrampfte sich schmerzhaft. Seine Frau – seine Königin – würde ganz anders sein als Frankie.

Was sie und ihn verbunden hatte, hatte nichts mit Logik oder Vernunft zu tun. Ihre Affäre hatte ihn bis ins Mark erschüttert, weil er nach nur wenigen Stunden gemerkt hatte, dass er drauf und dran war, alles zu vergessen, was er seinem Volk schuldete, nur um mehr Zeit mit ihr verbringen zu können. Sie war wie eine Sirene gewesen, die ihn anlockte, um ihn ins Verderben zu führen.

Also hatte er getan, was er am besten konnte. Er hatte sein Herz verhärtet, seine Gefühle verdrängt und Frankie ohne jeden Skrupel verlassen.

Doch jetzt, wo er wieder in New York war, kehrten die Erinnerungen an sie mit aller Macht zurück. Normalerweise gelang es ihm, sie im Zaum zu halten, zumindest tagsüber. Es hatte schließlich keinen Zweck, über die Vergangenheit nachzugrübeln – schon gar nicht über etwas, das so flüchtig gewesen war.

Trotzdem sah er sie überall in dieser Stadt – in den Lichtern, deren Funkeln ihn an ihre Augen erinnerte, in den Häusern, die elegant in den Himmel ragten, während sie so zierlich war. Ob es wohl möglich wäre, sie wiederzusehen? Nur so aus Neugier … und um sein Verlangen nach ihr zu stillen.

Er war inzwischen König und nicht mehr der Mann, der er gewesen war, als sie zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten. Aber seine Bedürfnisse hatten sich nicht verändert.

Beim Anblick der bunten Stadt zu seinen Füßen keimte eine Idee in ihm auf. Warum die Vergangenheit nicht noch einmal aufleben lassen, nur für eine Nacht? Das konnte schließlich nicht schaden, oder?

„Die Beleuchtung ist ganz wundervoll“, sagte Frankie begeistert, während sie die Wände der Galerie in der City betrachtete. Die Vernissage sollte morgen stattfinden. Heute war ihre letzte Chance, sich zu vergewissern, dass alles genau so sein würde wie in ihrer Vorstellung.

Ein Schauer freudiger Erregung lief ihr über den Rücken.

Sie kämpfte schon seit Jahren um ihren Durchbruch. Sich in einer Stadt wie New York als Künstlerin durchzusetzen war nicht leicht. Es war schön und gut, hungerleidender Künstler zu sein, solange man ungebunden und frei war, das hatte sogar etwas Romantisches.

Doch die Realität sah ganz anders aus, wenn man einen lebhaften Zweieinhalbjährigen und einen Haufen nie enden wollender Rechnungen hatte. Deshalb setzte sie große Hoffnungen in diese Ausstellung. Zwei überregionale Zeitungen wollten Kritiker zur Vernissage schicken, die stadtweit groß angekündigt worden war. Mit etwas Glück würden ihre finanziellen Probleme vielleicht schon bald vorbei sein.

„Das liegt an den kleinen Scheinwerfern an der Wand.“ Charles La Nough, der Besitzer der Galerie, nickte in Richtung einiger ihrer liebsten Landschaftsgemälde – abstrakte Ölkompositionen von Sonnenaufgängen über dem Meer, zum Leben erweckt allein durch die Farben und Strukturen.

„Die Deckenbeleuchtung ist auch ganz toll“, sagte sie. Wieder lief ihr ein Schauer der Erregung über den Rücken. Noch nie war sie so aufgeregt gewesen.

Wahrscheinlich lag das am bevorstehenden Medieninteresse – und daran, dass sie sich in all ihren Werken gewissermaßen seelisch entblößte. Jeder Gedanke, jeder gescheiterte Traum, jeder Wunsch, jede Angst und jede Emotion war auf ihren Leinwänden eingefangen, auch in den Gemälden ihres geliebten Sohns Leo mit den schwarzen Locken, langen geschwungenen Wimpern und Augen, die fast silbrig schimmerten. Tausende Menschen würden sein Abbild ab morgen betrachten.

Zumindest hoffte sie das.

Als Charles sich entschuldigte, um einen plötzlichen Besucher zu begrüßen, trat Frankie dichter an das Gemälde heran, das sie letzten Herbst von Leo gemalt hatte. Er hatte Herbstlaub vom Bürgersteig aufgehoben und in die Luft geworfen, um fasziniert zu beobachten, wie die Blätter wieder zu Boden sanken. Seine Lebensfreude war so ansteckend gewesen, dass Frankie sie unbedingt hatte einfangen wollen. Sie hatte Hunderte Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln gemacht und danach bis tief in die Nacht gemalt.

Und hatte das getan, was sie am besten konnte: eine Stimmung, einen flüchtigen Moment einfangen und auf Leinwand bannen. Und diesen sehr persönlichen Augenblick mit dem Betrachter teilen, zumindest für die Sekunden, in denen er das Gemälde betrachtete.

„Die Vernissage findet morgen Abend statt, Sir“, hörte sie Charles zu jemandem sagen, „aber wenn Sie schon mal einen kurzen Blick auf die Bilder werfen wollen …“

„Das werde ich.“

Drei Worte, mit einer tiefen, klangvollen Stimme gesprochen, die Frankie nur allzu vertraut war.

Der Schauer, der ihr diesmal über den Rücken lief, war ganz anderer Natur als der vor wenigen Minuten. Keiner, der aus nervöser oder freudiger Erregung geboren war, sondern aus tiefem Schmerz.

Langsam drehte sie sich um. Als sie den Mann neben Charles erblickte, setzte ihr Herz einen Schlag aus.

Matt.

Er war es tatsächlich.

Erinnerungen stürzten auf sie ein – wie sie aufgewacht und er weg gewesen war, spurlos verschwunden, ohne jede Nachricht, ohne alles. Sie hatte keine Chance gehabt, ihn zu kontaktieren, nichts, das sie noch an ihn erinnerte, außer dem seltsamen Gefühl, dass jemand ihren Körper in Besitz genommen hatte.

„Hallo, Frances“, sagte er gedehnt.

Seine Augen sahen genauso aus wie in ihrer Erinnerung – wie Leos. Wie oft hatte sie diese Augen im Traum gemalt? Genau die richtige Schattierung von Silber, Grau und Weiß angemischt? Die dunklen Wimpern waren die größte Herausforderung. Wie sie auf die Leinwand bringen, ohne dass sie unnatürlich wirkten? Sie waren so voll und geschwungen, dass sie fast künstlich aussahen.

Es war inzwischen gute drei Jahre her, dass Frankie diesen Mann zuletzt gesehen hatte, aber ihre Träume von ihm waren immer noch so lebhaft, als sei es erst gestern gewesen.

Sie unterdrückte den fast unwiderstehlichen Impuls, ihn mit Blicken zu verschlingen, als sie an die Mischung aus Kraft und Sanftheit dachte, mit der er zum ersten Mal in sie eingedrungen war und ihr ihre Unschuld geraubt hatte. Sie brauchte ihre ganze Willenskraft, um die Arme vor der Brust zu verschränken und die Aufmerksamkeit auf sein Gesicht zu konzentrieren.

„Hallo, Matt“, erwiderte sie und war stolz darauf, wie ruhig und kühl sie dabei klang. „Willst du ein Gemälde kaufen?“

Zwischen ihnen knisterte es gewaltig, doch Frankie verdrängte diese unwillkommene Wahrnehmung.

„Zeigst du mir deine Werke?“, fragte er statt einer Antwort.

Zu ihrer Bestürzung fiel ihr ein, dass die Gemälde hinter ihr an der Wand ihren Sohn zeigten, den Beweis ihres gemeinsamen Wochenendes.

„Okay“, stimmte sie zu und entfernte sich etwas zu hastig von den Gemälden. „Aber ich habe nicht viel Zeit.“

Aus dem Augenwinkel sah sie Charles die Stirn runzeln. Seine Verwirrung überraschte sie nicht. Man erkannte auf den ersten Blick, dass Matt Geld hatte – genug, um die ganze Galerie aufzukaufen, falls ihm danach zumute war. Allein sein Anzug und seine Schuhe verrieten, dass er im Luxus lebte. Unter normalen Umständen würde sie einen solchen potenziellen Investor nie zurückweisen.

Matt hingegen …

Nachdem er vor drei Jahren in ihr Leben geplatzt war und sie mühelos erobert hatte, war er genauso schnell wieder daraus verschwunden. Er war gefährlich. Sie durfte keine Sekunde länger mit ihm verbringen als unbedingt nötig.

Er ist der Vater deines Sohns, flüsterte ihr Gewissen ihr zu.

Fast wäre sie abrupt stehen geblieben, so verstörend war diese Erkenntnis … und was sie bedeutete.

„Ich kann die Führung gern übernehmen, wenn Miss Preston weg ist“, bot Charles hinter ihnen an.

Matt drehte sich zu dem anderen Mann um. „Miss Prestons Gesellschaft ist völlig ausreichend.“

Charles hatte Frankies volles Mitgefühl. Seine Galerie war in New York berühmt, und er war es gewohnt, dass man ihm mit Respekt oder sogar einer gewissen Ehrfurcht begegnete. So brüsk abserviert zu werden hatte er offensichtlich noch nie erlebt.

„Ich rufe dich an, falls wir dich brauchen“, sagte Frankie, um den Schlag etwas abzumildern.

„Na schön.“ Charles verschwand brüskiert schniefend.

Frankie drehte sich wieder zu Matt um. „Du hättest nicht so unhöflich sein müssen.“ Ihr Puls raste. Sie standen so dicht beieinander, dass sie ihn riechen und seine Wärme spüren konnte. Unwillkürlich erschauerte sie.

Ihr Körper, den sie lange für abgestorben gehalten hatte, erwachte zu neuem Leben. Doch sie ignorierte ihre Körperreaktionen – für solche Empfindungen war jetzt nicht der passende Zeitpunkt.

Herausfordernd hob sie das Kinn. „Jetzt, wo Charles weg ist, würdest du mir bitte verraten, was du hier willst? Du bist doch bestimmt nicht gekommen, um eins meiner Gemälde zu kaufen, oder?“

Matt musterte sie unter halb geschlossenen Lidern. Das Erinnerungsvermögen war doch eine seltsame Sache. Er hatte geglaubt, kein Detail von Frankie Prestons Gesicht vergessen zu haben, aber jetzt, wo er direkt vor ihr stand, stellte er fest, dass seine Erinnerung ihm so manchen Streich gespielt hatte. Am liebsten hätte er sie an den Schultern genommen und sie erst mal eingehend betrachtet.

Sie war immer noch die faszinierendste Frau, der er je begegnet war, obwohl nichts an ihr besonders hervorstach. Im Grund fand er alles schön – von ihren grünen Katzenaugen über ihre sommersprossige Stupsnase bis hin zu ihren Lippen.

Diese Lippen … so rosig und voll und weich. Bei der Erinnerung daran, wie Frankie sie vor drei Jahren unter seinen geöffnet und seine Zunge willkommen geheißen hatte, wurde ihm ganz heiß.

Er war ihr begegnet, als sie mit einer zusammengerollten Leinwand in der Tasche von einem Kunstseminar nach Hause zurückgekehrt war. Sie hatte eine farbbespritzte Jeans und ein schlichtes weißes, ebenso fleckiges Unterhemd getragen und war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie mit ihm zusammengestoßen war und seinen Anzug dabei mit blauer Farbe verschmiert hatte.

Sie hatte ihm auf Anhieb gefallen – so lässig, so entspannt.

Jetzt trug sie ein schwarzes Kleid mit Puffärmeln, die gerade mal ihre Schultern bedeckten, und einem Ausschnitt, der frustrierenderweise keinen Blick auf die üppigen Kurven darunter zuließ. Der Rock reichte ihr bis zu den Knöcheln. Sie hatte das Kleid mit Ledersandalen und einer leuchtend gelben Kette kombiniert. Das Ensemble war eleganter als ihr damaliges Outfit, passte aber perfekt zu ihr.

Zumindest zu der Frau in seiner Erinnerung.

Aber vermutlich war die Frankie, mit der er vor drei Jahren geschlafen hatte, eher das Produkt seiner Fantasie als eine Frau aus Fleisch und Blut. Sie hatten so wenig Zeit miteinander verbracht, dass er sie praktisch gar nicht kannte.

„Woher willst du das wissen?“, fragte er gedehnt.

Sie presste die Lippen zusammen, die so faszinierend dunkelrot geschminkt waren, dass sie aussahen, als hätte sie gerade sonnenreife Kirschen gegessen. „Weil du dich nicht für meine Gemälde interessierst.“

Er musste an das Bild in seinem Arbeitszimmer denken, das er über einen Händler hatte erwerben lassen – das, an dem Frankie gearbeitet hatte, als sie sich kennengelernt hatten. „Wie kommst du darauf?“

Sie errötete. „Na ja, du hast damals nur Interesse an meiner Arbeit vorgetäuscht, um mich rumzukriegen, aber diesmal werde ich nicht darauf hereinfallen. Was bringt dich also hierher, Matt?“

Der Name löste verwirrend widersprüchliche Emotionen in ihm aus – Scham, weil er ihr nur die Kurzform seines Namens genannt hatte, um seine wahre Identität zu verbergen, und freudige Erregung bei den lustvollen Erinnerungen, die er in ihm auslöste. Keine andere Frau hatte ihn je so genannt; es war ihr Name, war unauslöschlich mit jenem Wochenende verknüpft. Er würde nie vergessen, wie sie ihn auf dem Höhepunkt der Leidenschaft ausgerufen hatte.

Er wollte sie.

Nein, er bereute nicht, dass er damals gegangen war. Dass er im Angesicht mit dieser unglaublichen Versuchung stark geblieben war. Aber …

Er wollte sie immer noch.

Er trat ein Stück dichter an sie heran – dicht genug, um den Duft ihres Vanilleparfums einzuatmen. „Ich werde heiraten“, erklärte er. „Bald schon.“

Der Boden unter Frankies Füßen schien zu wanken.

Ich werde heiraten …

Sie hatte plötzlich ein hohles Gefühl in der Magengrube, interpretierte es jedoch als Erleichterung. Denn seine bevorstehende Hochzeit bedeutete, dass sie in Sicherheit war – sicher vor dem aufflammenden Verlangen, das sie von innen heraus zu verzehren schien, sicher vor dem verrückten Wunsch, die Vergangenheit wiederaufleben zu lassen. Wie konnte sie nur so empfinden, nachdem er sie verlassen hatte, ohne ihr auch nur eine Nachricht zu hinterlassen?

„Wie reizend“, antwortete sie spöttisch. „Dann willst du vielleicht ein Hochzeitsgeschenk für deine künftige Frau kaufen?“ Sie wandte ihm den Rücken zu und ging weiter. „Ich habe ein paar sehr schöne Landschaftsgemälde, die in Massachusetts entstanden sind. Sehr romantisch“, plapperte sie, aber sie konnte einfach nicht anders.

Ich werde heiraten. Bald schon.

Immer wieder hallten seine Worte durch ihren Kopf.

„Wie wär’s hiermit?“ Sie zeigte auf das Gemälde eines Sees, der von herbstlich verfärbten Bäumen gesäumt war – leuchtend orange vor einem schönen blauen Himmel. Die Erinnerung an den Tag der Entstehung versetzte ihr einen wehmütigen Stich. Damals war sie zum ersten Mal mit Leo in den Urlaub gefahren, und sie hatten Paxton und Umgebung erkundet.

„Frankie …“

In Matts tiefer, sanfter Stimme schwang ein unterschwelliger Befehlston mit – die Aufforderung, sich wieder zu ihm umzudrehen. Bei seinem Anblick musste sie wieder an ihre gemeinsame Zeit denken. Wie er stöhnend ihren Namen gemurmelt hatte, als er die Lippen auf ihren Hals gepresst und ihre Knospen mit der Zunge gequält hatte.

Leider war er viel dichter hinter ihr, als ihr bewusst gewesen war. So dicht, dass ihre Körper sich streiften, als sie sich zu ihm umdrehte. Die Berührung fühlte sich an wie ein Stromschlag.

Schluckend wich sie einen Schritt zurück, aber nicht weit genug. Sie hatte immer noch seinen betörenden Duft in der Nase. Er wird also heiraten …

„Was willst du hier?“ Sie gab sich keine Mühe mehr, ihre Emotionen zu verbergen – allen voran ihre Wut. Matt löste einfach zu viele negative Erinnerungen in ihr aus.

Klar, das gemeinsame Wochenende selbst war wunderschön gewesen, aber hinterher aufzuwachen und festzustellen, dass er einfach verschwunden war, weniger. Genauso wie herauszufinden, dass sie schwanger war und ihn nicht kontaktieren konnte. Sie hatte sich sogar dazu erniedrigt, einen Privatdetektiv zu engagieren, aber noch nicht mal dem war es gelungen, ihn aufzuspüren.

Matt trat einen Schritt vor. Er wirkte angespannt. Frustriert und ungeduldig. „Ich wollte dich wiedersehen. Vor meiner Hochzeit.“

Sie hatte keine Ahnung, was er ihr damit sagen wollte. „Wieso?“

Er musterte sie aus schmalen Augen. „Hast du je an unsere gemeinsame Zeit gedacht?“

Erst jetzt verstand sie. Wut stieg in ihr auf. „Das soll wohl ein Witz sein, Matt! Du willst heiraten, und trotzdem treiben dich sentimentale Erinnerungen hierher?“ Sie trat ein paar Schritte zurück. Ihr Herz raste.

Er beobachtete sie mit einer Intensität, die ihr fast den Atem nahm. Trotzdem fand sie es unfassbar, dass er es wagte, nach all der Zeit einfach hier aufzutauchen und sie auf das verdammte Wochenende anzusprechen!

„Oder steckt mehr als nur Sentimentalität dahinter? Sag nicht, du bist hier, um wieder mit mir ins Bett zu gehen!“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, bereute das jedoch sofort, als sein Blick zu ihrem Ausschnitt wanderte. „Du wirst doch wohl nicht so unter Entzugserscheinungen leiden, dass du sämtliche Liebhaberinnen aus deiner Vergangenheit abklapperst?“

Ein Muskel zuckte in seinem Unterkiefer. Matt Wie-auch-immer-er-mit-Nachnamen-hieß war eindeutig in seinem Alpha-Macho-Stolz verletzt. Geschah ihm recht!

„Und nein, ich denke nicht an unser Wochenende!“, fügte sie pointiert hinzu, bevor er etwas erwidern konnte. „Was mich angeht, bist du Schnee von gestern. Wenn ich das, was zwischen uns passiert ist, ungeschehen machen könnte, würde ich es sofort tun“, log sie.

Als sie an ihren Sohn dachte, wurde ihr übel.

„Ach, wirklich?“, fragte er gefährlich leise und zugleich unglaublich verführerisch, denn sein Akzent war so exotisch und anziehend wie vor drei Jahren.

„Ja, wirklich!“ Erbost funkelte sie ihn an.

„Dann denkst du also nie daran, wie es sich angefühlt hat, als ich dich dort geküsst habe?“

Sie war total überrumpelt, als er sie am Hals berührte und ihren Puls zum Galoppieren brachte.

„Nein“, erwiderte sie mit verräterisch zittriger Stimme.

„Oder wie gern du dich von mir hier hast streicheln lassen?“ Er ließ die Finger zu ihrem Dekolleté gleiten … und dann noch tiefer zu ihrem Brustansatz.

Oh Gott, die Erinnerungen waren so intensiv, dass sie Frankie zu überwältigen drohten! Es wäre so verlockend, sich ihnen hinzugeben, und sei es auch nur für eine Sekunde. So zu tun, als hätten sie keinen gemeinsamen Sohn und als seien sie noch in jenem Hotelzimmer, nur er und sie, ohne jeden Gedanken an die Welt da draußen.

Aber das wäre kompletter Wahnsinn.

„Nicht!“

Gereizt schlug sie seine Hand weg und trat einen Schritt zurück. Schwer atmend stützte sie die Hände in die Hüften und wünschte, er wäre auch nur ansatzweise so aufgewühlt wie sie. „Es ist drei Jahre her“, sagte sie heiser. „Du kannst nicht einfach nach all der Zeit hier auftauchen, als wäre nichts geschehen, nachdem du einfach so verschwunden bist …“

Er beobachtete sie aufmerksam, ohne auch nur den geringsten Aufschluss über seine Gefühle zu geben. Sein Gesicht war wie eine Maske. „Ich musste dich sehen.“

Ihr Herz machte einen hoffnungsvollen Satz. Hatte er ihre gemeinsame Nacht etwa genauso wenig vergessen? Aber das konnte nicht sein! Er hatte nie wieder etwas von sich hören lassen, obwohl er sie in den letzten Jahren jederzeit hätte kontaktieren können. Aber nichts. Kein Lebenszeichen.

„Tja, jetzt hast du mich ja gesehen“, sagte sie spitz. „Und kannst wieder gehen.“

„Du bist wütend auf mich“, stellte er sachlich fest.

„Überrascht dich das etwa?“ Sie hielt seinem Blick stand. „Du warst einfach weg, als ich wach wurde! Findest du nicht, ich habe jedes Recht, wütend zu sein?“

Wieder zuckte ein Muskel in seinem markanten Unterkiefer. „Wir hatten uns doch darauf geeinigt, nur das Wochenende miteinander zu verbringen.“

„Ja, aber deshalb schleicht man sich doch nicht einfach mitten in der Nacht davon!“

Er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Ich bin keineswegs davongeschlichen.“ Schon war die arrogante, emotionslose Maske wieder am Platz. „Außerdem war es das Beste für uns beide, dass ich damals gegangen bin.“

Frankie platzte endgültig der Kragen. „Inwiefern?“, brüllte sie. „Inwiefern war es das Beste für mich, dass du einfach abgehauen bist?“

Er seufzte, als wäre sie ein störrisches Kleinkind, das seine Geduld im Übermaß strapazierte. „Mein Leben ist kompliziert“, antwortete er nur, als würde das alles erklären. „Jenes Wochenende war ein Fehltritt. Rückblickend hätte ich mich nie auf jemanden wie dich einlassen dürfen.“

„Jemanden wie mich?“, wiederholte sie empört. „Aber mit mir zu schlafen war okay, ja?“

„Du verstehst mich falsch“, antwortete er kopfschüttelnd. „Aber das ist wahrscheinlich meine Schuld.“

„Wie meinst du das?“

Er antwortete betont langsam und deutlich, vermutlich um sicherzugehen, dass sie ihn auch wirklich verstand. „Ich wollte dich schon auf den ersten Blick, Frankie, aber ich wusste, dass ich dich nur für ein Wochenende haben konnte. Das habe ich dir auch von Anfang an gesagt. Es tut mir leid, wenn du mehr erwartet hast.“ Er machte Anstalten, auf sie zuzugehen, doch sie reagierte so abweisend, dass er wieder stehen blieb. „Ich habe gewisse Erwartungen zu erfüllen – genauso meine künftige Frau –, und du bist nicht die Art Frau, die mir freistünde zu heiraten.“

„Ich hatte nie die Absicht, dich zu heiraten!“, stieß sie hervor. „Ich wollte nur, dass der Mann, dem ich meine Unschuld geschenkt habe, mir zumindest genug Respekt entgegenbringt, um sich von mir zu verabschieden. Hast du denn überhaupt nicht daran gedacht, wie schrecklich es für mich war, dass du einfach verschwunden bist?“ Zu ihrer Genugtuung sah sie für einen flüchtigen Moment fast so etwas wie Reue in seinem Blick aufflackern.

„Ich musste weg. Tut mir leid, wenn dich das verletzt hat …“

„Mich verletzt?“ Vehement schüttelte sie den Kopf. Sein Verschwinden hatte sie fast umgebracht, aber das wollte sie ihm auf keinen Fall verraten. „Was mich verletzt, ist dein Mangel an Anstand und Moral!“

Er prallte zurück, als hätte sie ihn geschlagen, aber sie war noch nicht fertig. „Du warst mein erster Liebhaber. Mit dir zu schlafen hat mir etwas bedeutet. Und du bist einfach abgehauen!“

Er holte tief Luft. „Ich bin nicht gekommen, um dich wütend zu machen, Frankie. Am besten gehe ich wieder.“

Dass er sich das Recht herausnahm, zu kommen und zu gehen, wie es ihm passte, machte sie noch wütender. Glaubte er wirklich, dass sie ihn damit davonkommen lassen würde? Nie im Leben!

„Hast du eigentlich je darüber nachgedacht, ob unsere gemeinsame Nacht Konsequenzen haben würde, Matt? Hast du je auch nur einen Gedanken daran verschwendet, ob ich genauso wie du imstande sein würde, einen Schlussstrich unter alles zu ziehen?“

2. KAPITEL

Matthias stutzte im ersten Moment, aber als Thronerbe von Tolmirós ging er keine Risiken ein, was Sex anging, und das Wochenende mit Frankie war keine Ausnahme gewesen. Er hatte gut aufgepasst, so wie immer.

„Ich war mir sicher, dass es keine Konsequenzen geben würde“, antwortete er achselzuckend.

„Und worauf gründet sich diese Sicherheit?“

Seine Irritation wuchs. „Willst du etwa sagen, unsere gemeinsame Nacht hatte Konsequenzen?“ Ihm fiel auf, dass ihre Hände zitterten.

„Auf jeden Fall ist es ganz schön arrogant von dir, einfach davon auszugehen, ausreichende Vorkehrungen getroffen zu haben, um mich vor den Folgen unserer gemeinsamen Nacht zu schützen.“

Wieder sah er sie aus schmalen Augen an. „Warst du etwa schwanger?“ Das Herz klopfte ihm bis zum Hals.

Bei der Vorstellung, wie sein Kind in ihrem Bauch heranwuchs, stieg für einen Moment ein Glücksgefühl in ihm auf, doch gleich danach brach ihm der kalte Schweiß aus. Eines Tages würde er Kinder bekommen müssen, aber er brauchte Zeit, um sich innerlich darauf einzustellen. Er wusste nämlich aus bitterer Erfahrung, dass Menschen, deren Gene man teilte, einem jederzeit genommen werden konnten.

Vielleicht wehrte er sich deshalb innerlich so gegen das, was sie ihm zu vermitteln versuchte. „Wir haben aufgepasst. Ich habe aufgepasst. Ich habe Vorkehrungen getroffen, so wie immer.“

„Wie charmant!“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Erzähl mir bitte mehr über die anderen Frauen, mit denen du Sex hattest.“

Er biss die Zähne zusammen. Das hatte er nicht gemeint. Er hatte ihr nur vermitteln wollen, dass er sehr verantwortungsbewusst war, wenn es um Sex ging. Jeder Mann in seiner Position wäre das.

„Jetzt sag mir endlich, worauf du hinauswillst!“, verlangte er.

Sie holte tief Luft, wie um sich zu stärken. „Also gut. Ja, ich war schwanger.“

Ihre Worte verschlugen ihm den Atem. „Was?“

Frankie rieb sich die Schläfen und sah ihn verzweifelt aus meergrünen Augen an. „Ich habe es einen Monat später herausgefunden.“

Matthias hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Nichts war mehr wie vorher. „Du warst schwanger?“

Ungeduldig verzog sie das Gesicht. „Das habe ich doch gerade gesagt!“

Gequält schloss er die Augen. „Du hättest es mir sagen müssen.“

„Das habe ich doch versucht, aber du warst buchstäblich unauffindbar.“

„Niemand ist unauffindbar.“

Du schon, glaub mir! Ich wusste nur, dass du Matt heißt und aus Tolmirós kommst. Das Hotel hat mir keine Informationen über dich geben wollen. Ich wollte es dir ja sagen, aber ich hätte genauso gut eine Nadel im Heuhaufen suchen können.“

Hatte er nicht genau das beabsichtigt? Eine Nacht ohne Komplikationen. Doch bei Frankie war alles kompliziert gewesen, auch die Art, wie sie sich in sein Herz gestohlen hatte.

„Dann hast du diese Entscheidung also allein getroffen?“, fragte er bitter, voller Schmerz wegen seines Verlusts.

„Entscheidung?“ Sie wurde ganz blass. „Da gab es nichts zu entscheiden.“

„Du hast also abgetrieben und mir damit die Chance genommen, mein Kind kennenzulernen?“

Sie keuchte entsetzt auf. „Wie kommst du darauf, dass ich abgetrieben habe?“

Er musterte sie eindringlich. Die zwischen ihnen in der Luft hängende Frage schärfte all seine Sinne. „Willst du damit sagen …“ Er stockte. Obwohl er eigentlich einen messerscharfen Verstand hatte, fiel es ihm immer noch schwer, den Sinn ihrer Worte zu erfassen. „Du hast also nicht abgetrieben?“

„Natürlich nicht!“

Plötzlich fiel ihm etwas ein – etwas, das er vorhin nur aus dem Augenwinkel gesehen hatte. Abrupt drehte er sich um und ging zurück in den Hauptausstellungsraum der Galerie, um die Wand zu betrachten, vor der Frankie bei seinem Eintreten gestanden hatte. Sie wiederzusehen hatte ihn so abgelenkt, dass er nicht auf die Gemälde hinter ihr geachtet hatte. Aber jetzt sah er sie, insgesamt zehn. Auf allen war derselbe kleine Junge zu sehen.

Sein Herz machte einen Satz. Ein primitives Gefühl des Stolzes stieg in ihm auf … und dann etwas anderes. Etwas, das ihn innerlich zu verbrennen schien. Ihm brach der Schweiß aus, als er den Jungen betrachtete, dessen Anblick ihm so seltsam vertraut war.

Spiro …

Er sah nicht nur die jüngere Version seiner selbst, sondern auch die seines Bruders.

Für einen Moment wurde er wieder in die Vergangenheit zurückversetzt, sah Spiros Augen, die angst- und schmerzvoll auf ihn gerichtet waren. Ihn anflehten, ihn zu retten, bevor alles Leben daraus erlosch, während Matthias hilf- und machtlos zusehen musste.

Schwer atmend wandte er den Blick ab. Sein Puls raste so heftig, dass er kaum noch Luft bekam. Er zwang sich, tief durchzuatmen, bis die vertraute Panik nachließ. „Das ist also mein Sohn.“

Sein eigen Fleisch und Blut.

Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu spüren, dass Frankie direkt hinter ihn trat.

„Ja. Er ist zweieinhalb.“ Sie räusperte sich. „Er heißt Leo.“

Matthias schloss wieder die Augen. Leo … zweieinhalb Jahre alt …

Spiro war neun gewesen, als er gestorben war. Seine Gesichtszüge waren noch kindlich gewesen, seine Wangen genauso rund wie diese hier, mit den gleichen Grübchen, wenn er gelächelt hatte.

Matthias verdrängte die Erinnerungen, weigerte sich grundsätzlich, daran zu denken. Nur nachts, wenn um ihn herum alles still wurde, ließ er die Erinnerungen zu … und den Schmerz.

Er schlug die Augen wieder auf und betrachtete die Gemälde, jedes einzelne von ihnen. Einige zeigten Leo – seinen Sohn –, wie er lachend buntes Laub in die Luft warf. Frankie hatte seine kindliche Lebensfreude und Vitalität perfekt eingefangen. Andere wiederum waren Porträtstudien.

Doch es war das letzte Gemälde, das Matthias komplett in seinen Bann zog.

Leo sah fragend von der Leinwand auf ihn herunter. Er hatte eine Augenbraue leicht erhoben und die Lippen zu einem schwachen Lächeln verzogen. Seine Augen waren grau, so wie die von Matthias.

Er sieht aus wie mein Ebenbild …

Nur die Sommersprossen auf seiner Nase stammten von Frankie, genauso wie der belustigte Gesichtsausdruck.

Bei dem Anblick stieg eine tiefe Trauer in Matthias auf. Auch er hatte sein Gesicht von jemandem geerbt – von seinem Vater, König Stavros. Und jetzt hatte er es an seinen Sohn weitergegeben. Was für Eigenschaften hatte dieser Junge noch von ihm geerbt, dieser kleine Mensch, der von ihm abstammte?

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er einen Erben hatte. Jenen Erben, den sein Volk sich so verzweifelt wünschte – jenen Erben, für dessen Entstehung er bereit gewesen war zu heiraten. Und er existierte schon seit über zwei Jahren.

„Wo ist er?“, fragte er heiser.

Er spürte, dass Frankie sich hinter ihm versteifte – so als habe das Universum eine unsichtbare körperliche Verbindung zwischen ihnen geschaffen. Er drehte sich zu ihr um und sah sie durchdringend an. „Wo … ist … er?“, wiederholte er drohend und trat einen Schritt auf sie zu.

All die Mythen, mit denen er aufgewachsen war – der Glaube seines Volkes an die durch seine Adern fließende Macht – drängten ihn zu dieser Frage. Doch hier ging es nicht nur um seinen Thronfolger. Er verspürte plötzlich den tiefen Wunsch, seinen Sohn kennenzulernen – als Mann und als Vater.

In Frankies Augen blitzte etwas auf. Bis zu diesem Augenblick hatte Matthias den Begriff „Löwenmutter“ nie verstanden, aber jetzt schon. Obwohl sie zierlich war, wirkte sie, als würde sie ihn mit bloßen Händen erwürgen, sollte er ihrem Sohn etwas antun.

„Er ist nicht in der Stadt“, antwortete sie ausweichend. Ihr Blick flackerte zur Tür, hinter der sich das Foyer und vermutlich der Besitzer dieser Galerie befanden. Ihre Angst um ihren Sohn war so offensichtlich wie überflüssig. Matthias stellte keine Bedrohung dar.

Mit jener eisernen Disziplin, für die er bekannt war, zügelte er seine Emotionen. Sie nützten ihm jetzt sowieso nichts. Er konnte sie genauso wenig gebrauchen wie die Trauer um seine Familie.

Denn er musste jetzt an die Zukunft denken. Dass er einen bereits existierenden Erben hatte, änderte alles.

„Ich hatte keine Ahnung, dass du schwanger warst.“

„Natürlich nicht. Wie auch? Du warst verschwunden, kaum dass ich eingeschlafen war.“

Das stimmte nicht. Matthias hatte länger gewartet. Er hatte Frankie im Schlaf beobachtet und an sein Königreich, die Erwartungen, die man an ihn stellte, seinen Titel und all die Verantwortung gedacht, die seine Stellung mit sich brachte. Frankie war nur eine Zerstreuung gewesen – ein Zeitvertreib. Ein Genuss, den er sich an der Schwelle des Lebens, das ihm vorgezeichnet war, gegönnt hatte.

Aber sie war auch wie Treibsand gewesen, der ihn in den Abgrund zu ziehen drohte, sodass eine schnelle Flucht die einzige Lösung gewesen war. Je länger er blieb, desto größer wurde das Risiko zu versinken.

Sein einziger Trost war gewesen, dass er ihr keine Versprechungen gemacht hatte. Sie hatte von Anfang an gewusst, dass er nur übers Wochenende in den Staaten bleiben würde. Dass sie nicht mehr von ihm erwarten konnte. Er hatte sie nie belogen.

„Hättest du mir deine Telefonnummer hinterlassen, hätte ich dich anrufen können, aber du hattest dich praktisch in Luft aufgelöst. Noch nicht mal der Privatdetektiv, den ich eingeschaltet habe, konnte dich finden.“

„Du hast einen Privatdetektiv angeheuert?“ Diese Information erfüllte ihn mit einem Gefühl der Erleichterung. Sie hatte ihm ihren Sohn also nicht vorenthalten wollen.

Er fragte sich, was er getan hätte, wenn er von seinem Sohn erfahren hätte. Von Frankies Schwangerschaft.

Er hätte sie geheiratet, daran bestand für ihn kein Zweifel. Dass sie als Ehekandidatin für ihn völlig ungeeignet war, hätte keine Rolle mehr gespielt.

Frankie nickte. „Ich fand, du solltest es erfahren.“

„Gehst du mit mir essen?“, fragte er und hob abwehrend eine Hand, bevor sie Nein sagen konnte. „Nur, um über unseren Sohn zu sprechen. Das ist schließlich dringend notwendig, oder nicht?“

Sie wirkte immer noch misstrauisch. Doch schließlich presste sie die kirschroten Lippen zusammen und nickte. „Na gut, aber ich habe nicht viel Zeit. Ich habe Becky gesagt, dass ich um neun zu Hause bin.“

„Becky?“

„Meine Nachbarin ein Stockwerk unter mir. Sie passt manchmal auf Leo auf, wenn ich arbeite.“

Der Thronerbe von Tolmirós, milliardenschwer, wurde also von irgendeiner Frau in einem Vorort in New York betreut. Matthias ließ sich nicht anmerken, was er von diesen Vorkehrungen hielt. „Okay, dann beeilen wir uns.“

„Und?“ Der Besitzer der Galerie kam hinter dem Tresen hervor, als sie das Foyer betraten. „Ist sie nicht talentiert?“

„Außerordentlich talentiert“, stimmte Matthias zu, doch daran hatte er auch nie gezweifelt. „Ich werde sämtliche Werke an dieser Wand kaufen.“ Er zeigte durch die Tür auf die Porträts seines Sohns.

„Du wirst was?“, fragte Frankie entsetzt.

Er wusste nicht, ob sie nur schockiert oder genervt war, als er eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche nahm. „Wenn Sie diese Nummer hier anrufen, wird mein Kammerdiener die Bezahlung und Lieferung veranlassen.“ Er nickte dem Galeriebesitzer höflich zu und legte Frankie eine Hand auf den Rücken, um sie aus der Galerie zu führen.

Der Schock hatte ihr offensichtlich vorübergehend die Sprache verschlagen, aber als sie in die milde Sommerluft Manhattans heraustraten, riss sie sich von ihm los und wirbelte zu ihm herum. „Warum hast du das getan?“

„Findest du es so seltsam, dass ich Gemälde von meinem Sohn haben will?“

Er konnte ihre Wut gut nachvollziehen. Sie brauchte Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Sohn jetzt einen Vater hatte und sie ihn mit ihm teilen musste. Aber er konnte nicht zulassen, dass Gemälde von seinem Sohn, seinem Thronerben, zum Verkauf in einer New Yorker Galerie hingen. Das war einfach ausgeschlossen.

„Nein“, räumte sie ein.

Ihr Widerstand schien zu verpuffen. Sie wirkte plötzlich niedergeschlagen und erschöpft.

„Komm mit.“ Er zeigte auf einen schwarzen SUV, der vor der Galerie parkte. Die dunkel getönten Fensterscheiben verbargen seinen Chauffeur und seine Leibwächter, aber als sie sich dem Wagen näherten, stieg sein Chauffeur aus, verbeugte sich und öffnete eine der hinteren Türen.

Frankie musterte Zeno irritiert. Bekundungen von Respekt waren so sehr ein Teil von Matthias’ Alltag, dass sie ihm kaum noch auffielen, aber als er sie durch Frankies Augen sah, wurde ihm bewusst, wie ungewöhnlich sie waren.

„Ich wusste nicht mal deinen Nachnamen“, sagte sie, als sie sich in die weißen Ledersitze seines Wagens sinken ließen. Sie war so blass, dass ihr Gesicht sich kaum davon abhob.

Hätte sie ihrem Sohn seinen Namen gegeben, hätte sie ihn gewusst? Die Vorstellung, dass sein Sohn nicht als Vasilliás aufwuchs, schmerzte ihn.

Matthias hatte so viele Fragen, aber noch nicht mal vor seinen vertrauenswürdigsten Dienern wollte er jetzt über seinen Erben reden. Also legte er einen Finger an die Lippen und lehnte sich in seinem Sitz zurück, um erst mal die jüngsten Ereignisse zu verdauen.

„Ich dachte, du meinst ein Abendessen in einem Restaurant“, sagte Frankie, als der Wagen vor dem United Nations Plaza vorfuhr. Sie und Matt hatten während der ganzen Fahrt geschwiegen. Matt hatte nur einmal etwas in seiner Muttersprache zu seinem Chauffeur gesagt, mit jener heiseren, tiefen Stimme, deren Klang bei ihr längst vergessene Empfindungen auslöste und ihren Herzschlag beschleunigte.

„In einem Restaurant haben wir nicht genug Privatsphäre.“

„Und wenn wir einfach leise reden?“

„Glaub mir, Frankie, ein Hotel ist besser geeignet.“

Sie verspürte den kindischen Wunsch, sich zu verweigern – zu sagen, dass sie keine Lust hatte. Nachdem er damals einfach so verschwunden war, hatte sie sich vergeblich bemüht, ihn zu finden und ihm mitzuteilen, dass er Vater wurde. Und jetzt bestimmte er hier alles. Das passte ihr überhaupt nicht, aber ihrem Sohn zuliebe hielt sie den Mund.

Schließlich wollte sie nur das Beste für Leo. Sie selbst hatte sich ihr ganzes Leben lang von ihren biologischen Eltern ungeliebt und abgelehnt gefühlt und wollte auf keinen Fall, dass es Leo genauso ging. Dass er in dem Glauben aufwuchs, sein Vater wolle nichts von ihm wissen.

„Na gut“, stimmte sie widerstrebend zu. „Aber ich kann nicht lange bleiben.“

„Wir sollten dieses Gespräch nicht überstürzen.“ Matthias stieg aus dem Wagen, und sie folgte seinem Beispiel. Er legte ihr eine Hand unter einen Ellenbogen und führte sie durch die Glastür. Vor den Fahrstühlen warteten zwei Leibwächter.

Damals war ihr sein Personal gar nicht aufgefallen. Bis auf einen Chauffeur hatte sie niemanden gesehen und auch nie weiter darüber nachgedacht. Es war offensichtlich gewesen, dass er Geld hatte – aber das hier ließ auf eine ganz andere Art Reichtum schließen.

„Droht dir etwa ein Anschlag auf dein Leben?“, murmelte sie, als die Fahrstuhltüren hinter ihnen zuglitten.

Er sah sie halb entschuldigend, halb ungeduldig an, sagte jedoch nichts. Als sich die Fahrstuhltüren wieder öffneten, betrat sie das Foyer einer Wohnung, die man nur als Himmelpalast bezeichnen konnte. Er wechselte ein paar Worte mit seinem Leibwächter, der sich verneigte, bevor er wieder in den Fahrstuhl stieg.

Bei der Erkenntnis, dass sie jetzt allein waren, musste Frankie schlucken. Um sich abzulenken, sah sie sich in dem mehr als luxuriösen Penthouse um. Nicht nur die glänzenden Holzfußböden, die hohen Decken, die teuren Designermöbel und die funkelnden Kronleuchter waren glamourös. Auch die Aussicht war atemberaubend – vor ihnen breiteten sich das Chrysler-Gebäude, das Empire State Building und der Central Park aus wie eine dreidimensionale Ansichtskarte von New York.

Eine große Schiebetür aus Glas führte zu einer Terrasse mit Pool. Dort hatte man bestimmt das Gefühl, hoch über der Stadt zu schweben. Der Kontrast zwischen ihrer eigenen bescheidenen Wohnung in Queens und diesem unglaublich schönen Penthouse war geradezu lächerlich.

„Oh, Matt.“ Als sie sich seufzend zu ihm umdrehte, musterte er sie eindringlich.

„Mein Name ist Matthias Vasilliás.“

Er passte perfekt. Matt war zu durchschnittlich für einen so exotischen und außergewöhnlichen Mann.

„Okay“, sagte sie wegwerfend. „Dann eben Matthias.“

In seinen Augen blitzte etwas auf, das sie nicht deuten konnte. „Du hast noch nie von mir gehört?“

Sie sah ihn verdutzt an. „Sollte ich das denn?“

Er lächelte sardonisch. „Nein.“

Seine Reaktion ärgerte sie. „Und? Was soll mir das jetzt sagen?“ Ihre Irritation wuchs. „Was sollen eigentlich die ganzen Sicherheitsvorkehrungen?“

Er seufzte ungeduldig. „Die sind noch harmlos. Zu Hause habe ich viel mehr Wachpersonal.“

„Warum? Ich verstehe das alles nicht. Bist du irgendwie berühmt oder so?“

„Kann man so sagen.“ Er ging in die Küche und nahm eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank.

Frankie musste an den Wein denken, den sie in jener Nacht vor drei Jahren getrunken hatten. Ihr Herzschlag beschleunigte sich bei der Erinnerung. Sie hatte nur wenige Schlucke probiert, aber es war der beste Wein gewesen, den sie je getrunken hatte.

Matt schenkte ihr ein Glas ein und reichte es ihr. Sie griff danach, ohne nachzudenken.

„Was geht hier vor, Matt … Matthias?“

Sie fragte sich, ob ihm der Name aus ihrem Mund genauso fremd vorkam wie ihr. Obwohl Matthias besser zu ihm passte als Matt. Es klang irgendwie fremdländischer.

„Meine Familie ist vor vielen Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Damals war ich fünfzehn“, erzählte er so sachlich, dass Frankie nicht erkennen konnte, ob ihm diese Todesfälle etwas ausgemacht hatten oder nicht.

„Das tut mir leid.“ Sie wünschte, sie würde kein Mitgefühl für ihn empfinden. Oder vielmehr gar nichts.

Er lächelte humorlos. „Es ist schon lange her.“

„Trotzdem tut es bestimmt noch weh.“

„Ich habe mich ans Alleinsein gewöhnt“, fegte er ihren Einwand einfach beiseite. „Der Bruder meines Vaters hat damals viele seiner Aufgaben übernommen. Mit fünfzehn war ich dafür noch zu jung.“

„Was für Aufgaben?“

„Kurz nach dem Tod meiner Eltern und meines Bruders wurde beschlossen, dass ich das Amt an meinem dreißigsten Geburtstag übernehmen würde.“ Sein Blick war auf sie gerichtet, aber in Gedanken war er offensichtlich in der Vergangenheit. „Eine Woche, bevor ich dreißig wurde, bin ich dir begegnet. Ich war nur übers Wochenende in New York – eine letzte Chance, allein zu verreisen. Ohne dieses Ausmaß an … Begleitung.“

„Was waren denn deine Eltern?“

Doch das hier war kein normales Gespräch mit Fragen und Antworten, sondern ein Monolog. Es war, als rede Matthias sich eine Last von der Seele, doch Frankie sehnte sich schon so lange nach Antworten, dass ihr das noch nicht mal etwas ausmachte.

„Ich hätte mich nicht mit dir einlassen dürfen, aber du warst so … Ich kann es nicht erklären. Ich wollte dich auf den ersten Blick.“ Seine Augen glänzten hart wie Stahl.

Es überlief sie eiskalt. So einfach war das für ihn also gewesen. Er hatte sie gesehen. Er hatte sie gewollt.

Und er hatte sie bekommen.

„Ich wusste, dass es nur bei einer kurzen Affäre bleiben konnte.“

Das klang so abgeschmackt. So billig. „Und du hast dich trotzdem darauf eingelassen?“

Er schwieg.

„Hast du dabei eigentlich auch mal an meine Gefühle gedacht?“

Er schloss die Augen. „Ich habe mir eingeredet, dass du auch nicht mehr willst als ich – ein Wochenende Spaß. Unverbindlichen, lockeren Sex.“

„Für mich ist der Begriff ‚unverbindlicher Sex‘ ein Widerspruch in sich“, sagte sie spröde und wandte sich ab, um seinem Blick auszuweichen, der plötzlich irgendwie … begehrlich war.

„Hätte ich gewusst, dass du noch Jungfrau warst …“

„Ich habe dich nicht bewusst angelogen. Es ging alles so schnell. Ich war völlig überfordert.“

Er nickte. „Aber das ist inzwischen lange her. Was mich viel mehr interessiert, ist die Zukunft.“

Jetzt kam es, das Gespräch über das Sorgerecht, vor dem sie sich so gefürchtet hatte. Nach all der Zeit, in der sie alleinerziehend gewesen war, hatte sie gar nicht mehr damit gerechnet. Aber sie wollte dem Vater ihres Kindes nicht das Recht verwehren, seinen Sohn zu sehen. So kränkend sein Eingeständnis auch war, nur „unverbindlichen Sex“ von ihr gewollt zu haben.

„Nachdem ich dich verlassen hatte, kehrte ich nach Tolmirós zurück und nahm die Position ein, die mir von Geburt an vorbestimmt war.“

Sie wurde allmählich ungeduldig. „Was für eine Firma hatte deine Familie denn nun?“

Sein Lächeln ähnelte eher einer Grimasse. „Es handelt sich nicht um eine Firma, Frankie. Ich bin Matthias Vasilliás, König von Tolmirós.“

3. KAPITEL

Frankie blinzelte schockiert. „Sorry, habe ich gerade richtig gehört …?“ Sie lachte spröde. „Ich meine, soll das ein Witz sein?“

Plötzlich sah sie das luxuriöse Penthouse mit völlig neuen Augen. Nur jemand mit einer ganz besonderen Stellung konnte so etwas besitzen.

Ihr wurde übel, als ihr die Tragweite dessen, was Matthias ihr gerade enthüllt hatte, bewusst wurde. Es war so offensichtlich gewesen! Sogar im Hotel damals war Matthias so anders gewesen als jeder andere Mann, den sie je kennengelernt hatte. Er hatte ihr von alten Mythen erzählt und damit Magie in ihr Leben gebracht. Er war absolut einzigartig gewesen.

Ein König.

„Nein, das ist kein Witz. Während des Wochenendes mit dir konnte ich für ein paar Stunden vergessen, dass mein Leben sich schon bald unwiderruflich ändern würde. Aber ich bin kein Feigling, der sich vor seiner Verantwortung drückt, Frankie. Ich musste dich verlassen, um zu meinem Land, meinem Volk und meiner Rolle als Herrscher zurückzukehren.“

Er war König.

Das hieß auch … O Gott! Frankie tastete hinter sich nach dem Sofa, ließ sich darauf fallen und stürzte ihren Wein hinunter.

„Ja“, stimmte er zu, obwohl sie es nicht laut ausgesprochen hatte. „Unser Sohn ist mein Erbe. Er ist ein Prinz, Frankie.“

„Aber … Er ist nicht … Wir waren doch nicht verheiratet …“, stammelte sie, verzweifelt nach Strohhalmen greifend. „Dann kann er doch gar nicht Thronfolger sein, oder?“

Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Das verkompliziert die Dinge natürlich etwas“, räumte er achselzuckend ein. „Aber letztlich ändert das nichts an der Tatsache, dass er der künftige Herrscher meines Landes ist.“

Er wirkte so überzeugt, dass sie schluckte.

„Erinnerst du dich noch an den Mythos von Elektus?“, fragte er unvermittelt.

Die Worte, die er ihr in jener Nacht zugeflüstert hatte, hatten sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Nein“, log sie trotzdem.

„Meine Familie herrscht seit über tausend Jahre über Tolmirós. Die Generationenkette ist ungebrochen. Nachbarländer wurden von Kriegen und Hungersnöten ausgelöscht, aber innerhalb der Grenzen von Tolmirós herrschten immer Wohlstand und Stabilität. Der Mythos unseres ersten Königs ist in unsere Volksseele eingebrannt, sogar heute noch. Man hält meine Familie für die Wurzel all dieses Glücks und Wohlstands. Leo ist nicht einfach nur irgendein Junge – er ist der Fortbestand eines Mythos. Über Tolmirós zu herrschen ist seine Bestimmung genauso wie meine.“

Wieder verspürte sie jenen Hauch von Magie. Ihr schöner Junge, der tatsächlich etwas Majestätisches hatte, wurde plötzlich zum Teil der Geschichte eines weit entfernten Landes.

Doch er war nicht nur der Thronfolger von Tolmirós – er war ihr Sohn. Ein Junge, der in ihrem Bauch herangewachsen war, den sie gestillt und dessen erste Schritte sie begleitet hatte. Dem sie jede Nacht vorlas, mit dem sie Ball spielte und zu dem sie sich ins Bett legte, wenn er Albträume hatte.

„Mein Volk braucht ihn, Frankie. Er ist ein Teil dieses Mythos – unsere Zukunft.“

Sie schloss die Augen. „Du sprichst von seinem Volk und von seiner Bestimmung, als seist du gar nicht sein Vater.“ Sie schlug die Augen wieder auf und sah ihn an. „Ist er dir denn völlig egal? Er ist erst zweieinhalb, aber dich interessiert nur seine Bestimmung, ein Land zu regieren, von dem er noch nicht mal etwas gehört hat. Du hast mir noch keine einzige Frage über ihn gestellt!“

Seine Augen blitzten wütend auf. „Glaubst du etwa, ich brenne nicht darauf, alles über ihn zu erfahren? Ich kann es kaum erwarten, ihn zu sehen und ihn in die Arme zu nehmen! Wie auch nicht? Aber erst musst du begreifen, was das für dich bedeutet.“

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Autor

Ally Blake

Ally Blake ist eine hoffnungslose Romantikerin. Kein Wunder, waren die Frauen in ihrer Familie doch schon immer begeisterte Leserinnen von Liebesromanen. Sie erinnert sich an Taschen voller Bücher, die bei Familientreffen von ihrer Mutter, ihren Tanten, ihren Cousinen und sogar ihrer Großmutter weitergereicht wurden. Und daran, wie sie als junges...

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Mit dreizehn Jahren lieh sich Maya Blake zum ersten Mal heimlich einen Liebesroman von ihrer Schwester und sofort war sie in den Bann gezogen, verlor sich in den wunderbaren Liebesgeschichten und begab sich auf romantische Reisen in die Welt der Romanhelden. Schon bald träumte sie davon, ihre eigenen Charaktere zum...

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