Julia Extra Band 504

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PRICKELNDE KÜSSE IN MONTE CARLO
von AMANDA CINELLI

Um die hinreißende Daniela zu schützen, wird Valerio alles tun. Das hat er ihrem Bruder geschworen. Warum nur meidet sie seine Nähe?

SOMMERMÄRCHEN MIT DEM PRINZEN
von KATRINA CUDMORE SINNLICHES

Prinz Edwin liebt nur eine: seine beste Freundin Kara. Jetzt soll er heiraten. Aber ein Prinz und eine Bürgerliche? Undenkbar!

MEHR ALS NUR EIN GRIECHISCHER LIEBESTRAUM?
von JENNIE LUCAS

Als Daisy entdeckt, wer ihr umwerfender Liebhaber wirklich ist, fühlt sie sich verraten. Doch vor Leo zu fliehen, dafür ist es jetzt zu spät …

MAGISCHE NÄCHTE AUF MALLORCA
von NINA SINGH

Blaues Meer, blühende Palmen! Für Julian Santigo ein Finca-Resort zu leiten, ist für Cassie die Chance - bis sie sich in ihren feurigen Chef verliebt …

  • Erscheinungstag 20.07.2021
  • Bandnummer 504
  • ISBN / Artikelnummer 9783751500647
  • Seitenanzahl 450
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Amanda Cinelli, Katrina Cudmore, Jennie Lucas, Nina Singh

JULIA EXTRA BAND 504

AMANDA CINELLI

Prickelnde Küsse in Monte Carlo

Er soll die Schwester seines besten Freundes beschützen? Für Playboy Valerio Marchesi ein Schwur, den er niemals brechen wird. Aber warum reagiert Daniela so kühl, wenn er in ihre Nähe kommt?

KATRINA CUDMORE

Sinnliches Sommermärchen mit dem Prinzen

Prinz Edwin hat nur einen Wunsch: Die hinreißende Kara glücklich zu sehen. Ihr vertraut er nicht nur grenzenlos, ein Leben ohne sie ist für ihn undenkbar. Aber dann begeht er einen fatalen Fehler …

JENNIE LUCAS

Mehr als nur ein griechischer Liebestraum?

Ohne ihr seine wahre Identität zu verraten, beginnt Milliardär Leo mit Kellnerin Daisy eine stürmische Romanze. Noch nie war ihm etwas so ernst. Doch als sie die Wahrheit erfährt, scheint alles verloren …

NINA SINGH

Magische Nächte auf Mallorca

Für Julian Santigo steht fest: Managerin Cassie verleiht seinem Luxusresort echten Glanz. Natürlich ist er nur rein beruflich an ihr interessiert – bis er ihre zarten Lippen zum ersten Mal berührt …

1. KAPITEL

Valerio Marchesi erwachte vom Hämmern seines eigenen Herzschlags. Um ihn herum herrschte fast vollkommene Dunkelheit, auf der Haut spürte er kalten Schweiß. Es passierte ihm nicht zum ersten Mal, dass er in einem solch panischen Zustand aufwachte. Seit ein paar Monaten war das eher die Regel als die Ausnahme. Sein Arzt hatte es posttraumatischen Stress genannt und ihm, wie so viele andere, sein Bedauern ausgesprochen. Aber Valerio wollte das verdammte Mitleid gar nicht!

Zähneknirschend kämpfte er sich durch den Nebel, der durch sein Hirn waberte und ihn an die Flasche Whisky erinnerte, die er am Abend zuvor geleert hatte. Dabei hatte er doch seit Monaten keinen Tropfen mehr angerührt! Während er nach und nach zu klarem Bewusstsein kam, erkannte er zwei Dinge.

Zum einen verriet ihm ein vernehmliches Räuspern, dass er nicht allein im Raum war. Zum anderen konnte er sich kaum bewegen, denn er war an sein eigenes Bett gefesselt.

Schlagartig verdampfte der Restalkohol aus seinem Kopf. Trotz der Dunkelheit erahnte er die Umrisse seiner Umgebung. Er befand sich in der Kapitänskabine seiner Luxusjacht. Seine Handgelenke waren hinter seinem Kopf an den Bettrahmen gefesselt. Prüfend zerrte er an den Fesseln aus weichem Material. Eine kurz aufflackernde Panik machte gleich darauf heißer Wut Platz.

„Gut, du bist endlich wach“, erklang eine weibliche Stimme aus dem Schatten. „Ich habe gerade überlegt, ob ich dir einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf schütten soll.“

Valerio hielt den Atem an. Die Stimme der Frau kam ihm irgendwie bekannt vor, aber er konnte sie nicht richtig einordnen. Englisch, Oberklasse, gefährlich ruhig. Die Frau schien keine gewöhnliche Kriminelle zu sein, aber man konnte nie wissen.

„Was zum Teufel geht hier vor?“, fragte er grimmig. „Zeig dein Gesicht!“

Absätze klapperten auf dem Boden, und im schwachen Schein, der durch die Vorhänge drang, erschien eine Silhouette. Sie war groß für eine Frau und mit aufregenden Kurven gesegnet. Zu seiner Überraschung reagierte sein Körper sofort auf den Anblick. Mit seinen dreiunddreißig Jahren hatte er geglaubt, alles schon einmal gesehen zu haben, aber offenbar war er bereits so lange nicht mehr mit einer Frau zusammen gewesen, dass jede beliebige sein Verlangen wecken konnte. Sogar eine, die ihn womöglich als Geisel hielt.

Noch einmal zerrte er an seinen Fesseln und stöhnte leise auf, als er spürte, wie wund seine Handgelenke bereits waren. Das Laken, das seinen nackten Körper nur noch halb bedeckte, war bei seinen vergeblichen Befreiungsversuchen noch weiter nach unten gerutscht.

„Du verletzt dich nur selbst, wenn du nicht damit aufhörst.“

„Dann schneide mich endlich los!“, knurrte er und versuchte dabei vergeblich, sich seine Panik nicht anmerken zu lassen. „Ich habe kein Geld auf der Jacht versteckt, falls du darauf aus bist.“

Ihr leises Lachen erklang diesmal bereits näher. „Ich bin nicht hier, um dich zu berauben, Marchesi. Nach den Erfahrungen der letzten Nacht dienen die Fesseln nur meiner eigenen Sicherheit.“

Ihrer Sicherheit …? Seine Gedanken rasten. Kein Zweifel, er kannte diese Stimme!

Zarte Hände glitten über seine Haut, als die Frau behutsam das Laken über seinem Körper zurechtzog. Die Berührung ließ ihn erschauern. Auch der Duft dieser Frau kam ihm bekannt vor. Begierig sog er ihn ein.

Ohne Vorwarnung wurde die Lampe neben seinem Bett angeknipst. Das plötzliche Licht ließ ihn zusammenzucken. Mühsam fokussierte er seinen Blick: lange dunkle Locken, makellose, sanft gebräunte Haut … Die Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz. Alle Angst wurde plötzlich von blindem Zorn ersetzt. „Dani!“

„Nur meine Freunde dürfen mich so nennen, Marchesi!“

Daniela Avelar zog einen Stuhl neben das Bett und ließ sich so elegant darauf nieder, als setze sie sich zum Fünf-Uhr-Tee. „Bei unserer letzten Begegnung hast du sehr deutlich gemacht, dass du nicht mein Freund bist.“

Heftige Schuldgefühle schwemmten seinen Zorn davon. Die Erinnerung an sein letztes Zusammentreffen mit dieser Frau kehrte zurück. Vor sechs Monaten hatte er bei einer Beerdigung die schmerzlichste Rede seines Lebens halten müssen. Er hatte seinen Geschäftspartner und besten Freund betrauert. Ihren Zwillingsbruder.

Duarte Avelar war direkt vor seinen Augen erschossen worden. Zwei Wochen lang waren sie beide in den Slums von Rio de Janeiro als Geiseln festgehalten worden. Die Story hatte weltweit Aufsehen erregt. Ihn hatte man als Helden gefeiert, weil er überlebt hatte. Doch nur er allein kannte die ganze Wahrheit.

Während der Trauerfeier an einem verregneten Vormittag in England hatte er sich verzweifelt bemüht, die Fassung zu bewahren. Mühsam hatte er nach Worten gerungen, um das Opfer zu würdigen, das Duarte gebracht hatte, um ihm das Leben zu retten. Doch irgendwann hatte er die Beherrschung verloren und war aus der Kirche gerannt, als würden ihn alle Höllenfeuer verfolgen. Keinen Augenblick länger hätte er die mitleidigen Blicke der anderen Trauergäste ertragen können.

Aber Dani war hinter ihm hergerannt und hatte ihn aufgehalten, ehe er im Wagen seines Chauffeurs verschwinden konnte. Daniela Avelar galt als eine der besten Marketingstrateginnen. Sie war eine Frau, die niemals jemanden um Hilfe bat, nicht einmal ihren eigenen Bruder. Ihn aber hatte sie angefleht zu bleiben und ihr die Wahrheit zu sagen über das, was in Brasilien passiert war.

Er war gerade lange genug stehengeblieben, um ihr entgegenzuschleudern, dass die Wahrheit Duarte auch nicht zurückbringen würde. Dann war er eingestiegen und hatte seinen Chauffeur angewiesen, Vollgas zu geben.

Die Tränen, die er noch in Danis Augen gesehen hatte, waren seitdem zusammen mit der Scham, die er ihretwegen verspürte, sein ständiger Begleiter.

Jetzt saß sie in der schwach erleuchteten Kajüte seiner Jacht neben ihm. Sie sah müde aus, obwohl sie das zu verbergen versuchte. Doch ihm waren die dunklen Schatten unter ihren Augen nicht entgangen. Vermutlich hatte die Trauer ihr das perfekt polierte Aussehen geraubt, so wie ihm seine sorgenfreie Nonchalance.

„Hast du eine Ahnung, wie lange ich schon nach dir suche?“ Sie sah ihn furchtlos an, was sie sich wohl auch leisten konnte, da sie ihn halbnackt und gefesselt vor sich hatte.

„Nun, wie es aussieht, hast du mich jetzt ja gefunden“, erwiderte er trocken und zog weiter an seinen Fesseln. Da spürte er, wie sie sich auf einer Seite etwas lockerten. Die Knoten waren fest, aber nicht fest genug. Dani mochte vielleicht ihren Anteil an einer der weltweit größten und exklusivsten Jachtcharterfirmen erben, aber sie war glücklicherweise keine Seglerin.

Velemar …

Valerio unterdrückte den schmerzhaften Gedanken an die Firma, die er einst aus dem Nichts geschaffen hatte. „Hast du einmal daran gedacht, dass ich vielleicht nicht gefunden werden wollte?“

„Du bist vor deiner Verantwortung davongelaufen, Marchesi!“

„Meine Firma ist in guten Händen.“

Unsere Firma ist in ausgezeichneten Händen! Immerhin habe ich sie in den vergangenen sechs Monaten ganz allein geführt.“

Sie blickte von ihrem Stuhl auf ihn herab wie eine Königin vom Thron. Dieses Bild kam Valerio passend vor, waren doch die Avelars in ihrer Heimat Brasilien so etwas wie ein Adelsgeschlecht gewesen.

„Aber deine Angestellten akzeptieren mich nicht. Sie können es gar nicht abwarten, dass ihr Playboy-CEO zurückkehrt.“

„Schluss damit, Daniela! Mach mich los und verschwinde von meiner Jacht!“

„Du hast überhaupt keine Erinnerung mehr an vergangene Nacht, nicht wahr?“ Sie hob eine Augenbraue und betrachtete ihn skeptisch.

Valerios Kopfschmerzen wurden langsam unerträglich. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war sein stürmischer Abgang aus der Villa seines Bruders in der Toskana. Sie hatten heftig gestritten, und im Wagen hatte er die erste Flasche geöffnet, die er in die Finger bekam. Er hatte sie allein geleert, während sein Chauffeur ihn zu seiner Jacht in Genua fuhr.

Ihm war klar gewesen, dass das Zusammentreffen mit seiner Familie schwierig werden würde, aber er hatte geglaubt, ein paar Stunden in ihrer Gesellschaft durchstehen zu können. Mit ihrer hochnäsigen Verachtung hatte er nicht gerechnet. Dabei hatten sie keine Ahnung, was er durchgemacht hatte. Ihnen ging es nur darum, das kostbare Image der Marchesis zu bewahren.

Er erinnerte sich nicht an viel, aber er musste wohl völlig ausgerastet sein. Bestimmt waren bei seinem stürmischen Abgang ein paar sehr teure Vasen im Haus seines Bruders zu Bruch gegangen.

Ächzend versuchte er sich aufzurichten, doch mehr als ein paar Zentimeter wollten ihm nicht gelingen.

„Mach keine schnellen Bewegungen! Der Arzt hat dir ein mildes Sedativum gegeben!“

„Du hast mich unter Drogen gesetzt?“

„Du hast dich mit meinem gesamten Sicherheitsteam angelegt. Keiner konnte dich …“ Sie musste schlucken. „Du warst völlig außer dir.“

Aufstöhnend zerrte er noch einmal an seinen Fesseln. Das hölzerne Bettgestell gab ein ermutigendes Knacken von sich.

„Dies war der einzige Weg, dich zum Zuhören zu zwingen.“ Sie stand auf. „Ich hatte nicht vor, es so weit kommen zu lassen, obwohl dein Bruder mich gewarnt hat.“

„Du hast mit Rigo gesprochen?“ Dieser verdammte Idiot! Er hatte ihm versprochen seine Anwesenheit in der Toskana für sich zu behalten.

Daniela räusperte sich. „Ich habe dir mehr als genug Zeit gelassen“, erklärte sie. „Aber nun wird es höchste Zeit, dass du zurückkommst. Der Aufsichtsrat will die Designprojekte meines Bruders verkaufen und sich aus den meisten unserer Wohltätigkeitsverpflichtungen zurückziehen. Ich bin die Einzige, die ihnen noch im Weg steht.“ Sie seufzte tief. „Da jetzt auch noch der Stapellauf der neuen Sirinetta bevorsteht, kann ich mich nicht auch noch um solche Intrigen kümmern.“

Bei ihren Worten spürte er Zorn in sich aufsteigen. Nettuno Design war Duartes Lieblingsprojekt und hatte zu ihrer ersten Megajacht geführt. Inzwischen waren sie mit ihrer Charterfirma für Luxusjachten in die oberen Sphären der Gesellschaft vorgedrungen.

„Du hast mich also gekidnappt, um mir das zu erzählen?“

Dani blickte wütend auf ihn nieder. „Für übermorgen ist eine Aufsichtsratssitzung in Monte Carlo geplant. Ich habe Informationen, dass man mich loswerden will.“ Sie hielt kurz inne. „Ich brauche deine Hilfe“, sagte sie dann. „Du musst zurückkommen!“

„Ich habe dich an Duartes und meiner Stelle zur CEO bestimmt“, stieß Valerio wütend hervor. „Sie können dich nicht rausschmeißen. Sie bluffen nur.“

„Duarte wird bald offiziell für tot erklärt, und angesichts der Gerüchte über deinen Geisteszustand können sie es doch, fürchte ich.“

Valerio erstarrte. Duartes offizielle Sterbeurkunde war noch nicht ausgestellt. Dafür hatte er gesorgt, bevor Daniela offiziell alle Firmenanteile ihres Bruders erben konnte. Und nun wagte sie es, ihn auf seiner eigenen Jacht festzuhalten und Forderungen zu stellen, während sie auf einer tickenden Zeitbombe saß. Sie hatte keine Ahnung, was das bedeutete.

Unbeeindruckt fuhr sie fort. „Ich weiß ja selbst, dass ich für den Job nicht wirklich qualifiziert bin. Ich verstehe etwas von PR, aber was die Geschäftsführung angeht …“

„Mach mich los!“, knurrte er.

„Nur wenn du versprichst, mit zu der Aufsichtsratssitzung zu kommen.“

„Daniela, ich warne dich! Du hast keine Ahnung, was da draußen vorgeht. Also lass mich gehen!“

„Ich verstehe sehr gut, was in der Firma los ist. Du bist es, der monatelang verschwunden war. Ich will nicht riskieren, dass du dich schon wieder davonstiehlst.“ Sie schloss kurz die Augen, um ihn dann umso eindringlicher anzusehen. „Es ist mir egal, ob du mich dafür hasst. Ich bin bereit, alles Nötige zu unternehmen, um das Erbe meines Bruders zu retten.“

Sie glaubte also, dass er der Einzige sei, der die Firma retten konnte? Der Mann, den sie einst einen frivolen Playboy genannt hatte? Sie hatte keine Ahnung, was er in den letzten sechs Monaten herausgefunden hatte. Er war sich dessen noch nicht einmal selbst ganz sicher.

Die Wut verlieh ihm zusätzliche Energie, und mit einem weiteren Ruck gelang es ihm, die Schlinge um seine Handgelenke zu lösen. Wie eine gespannte Feder schnellte er hoch.

Dani schlug erschrocken die Hand vor den Mund, aber der Entsetzensschrei blieb in ihrer Kehle stecken. Sie wollte nicht glauben, dass dieser Mann, den sie schon die Hälfte ihrer einunddreißig Jahre kannte, ihr etwas antun könnte.

Sie wollte sich zur Flucht wenden, doch da legte er seine großen, starken Hände um ihre Taille. Als sie ihn zurückstoßen wollte, landeten sie gemeinsam auf dem Bett. Seine entblößte Haut schien sich direkt durch ihre dünne Bluse zu brennen. Sie versuchte, sich ihm zu entwinden, doch mit jeder ihrer Bewegungen schmiegte sie sich nur noch fester an ihn.

„Zum Teufel, halt still!“, fluchte er mit rauer Stimme.

Als naiver Teenager hatte Dani sich eine solche Situation herbeigesehnt. Sie hatte davon geträumt, dass Valerio Marchesi sie auch einmal so ansehen würde wie die Parade von Schönheiten an seiner Seite, während sie unbeachtet am Rand stand. Doch er hatte schon vor langer Zeit klargestellt, dass er in ihr nie etwas anderes sehen würde als die Zwillingsschwester seines besten Freundes. Auch jetzt war in seinem Blick nichts Sinnliches.

Sie spürte, dass sich die obersten Knöpfe ihrer Bluse in dem Gerangel gelöst hatten, und wusste, dass er zu viel von dem zu sehen bekam, was über den Rand ihres knappen BHs drängte.

„Lass mich los! Was glaubst du, was du hier machst?“ Wütend bewegte sie ihr Knie dorthin, wo sie am meisten Wirkung erzielen konnte. Sie wollte ihm nicht wirklich wehtun, aber sie konnte einfach nicht akzeptieren, dass er allein durch seine überlegene Körperkraft die Oberhand gewann.

Mühelos wich er ihrem Angriff aus und hielt sie fest. „Was ich hier mache?“ Höhnisch lachend wiederholte er ihre Frage, während er ihre Handgelenke mit dem Seil fesselte, von dem er sich gerade befreit hatte.

Schwer atmend versuchte Dani sich zu befreien, doch es war vergebens. Jetzt hatte sich das Blatt gewendet, und sie war ihm hilflos ausgeliefert.

„Ich kann verstehen, dass du wütend auf mich bist.“ Seine Stimme klang rau. „Ich weiß nicht, was für ein Spiel du heute spielen wolltest, aber du hast verloren.“

„Ich spiele nicht. Ich habe dich zu deiner und meiner Sicherheit festgebunden. Gestern Abend hast du gedroht, deinen eigenen Leibwächter umzubringen. Du warst völlig außer dir.“

Er konnte sich offenbar nicht an die Ereignisse der letzten Nacht erinnern. Sie dafür umso klarer. Sie erinnerte sich daran, wie sein eigener Leibwächter ihr dabei geholfen hatte, seinen Boss auf die brandneue, noch nicht einmal offiziell vom Stapel gelassene Sirinetta zu bringen. Danach hatte sie den Mann mit einem sinnlosen Auftrag fortgeschickt und dem Kapitän befohlen, in die Nacht hinauszufahren.

„Wo willst du hin?“, fragte sie, als er sich aus ihrem Blickfeld entfernte. Sie hatte zwar fürs Erste die Oberhand verloren, aber sie war noch nicht bereit, den Kampf aufzugeben.

„Ich gehe hinaus und lasse dich eine Weile über dein Tun nachdenken.“ Damit stürmte er hinaus.

Dani fügte sich in ihr Schicksal, doch die Ruhe währte nicht lange. Schon bald hörte sie seine Schritte auf dem hölzernen Deck, und die Kabinentür sprang krachend auf. „Wohin, zum Teufel, hast du mich gebracht?“, fluchte er laut.

„So schnell schon zurück?“, spottete sie. „Ich hatte kaum vier Minuten, um über mein Tun nachzudenken.“

Als er neben sie ans Bett trat, wandte sie den Kopf und gestattete sich einen Blick auf seine ansehnliche Gestalt. Bedauerlicherweise war er jetzt vollständig bekleidet, aber auch so war er sehr beeindruckend: Die dunkelblauen Jeans passten perfekt, und das schwarze T-Shirt wirkte wie eine zweite Haut. Über seinen geistigen Zustand gab es fragwürdige Gerüchte, aber ganz gewiss hatte er sich körperlich nicht vernachlässigt. Seine imposante Muskulatur zeichnete sich deutlich unter dem dünnen Stoff des Shirts ab.

„Wir kreuzen irgendwo vor Korsika.“ Sie hielt seinem Blick stand und versuchte, sich ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. „So können wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Du lernst die neue Sirinetta kennen, während wir uns auf die wichtige Konferenz vorbereiten können. Und damit du nicht auf dumme Gedanken kommst, ist die Brücke verriegelt. Der Kapitän hat Anweisung, niemanden ohne meine Erlaubnis hereinzulassen.“

„Du …!“ Er trat einen Schritt zurück. „Du hast mich betäubt und meine eigene Crew gegen mich aufgebracht?“

„Unsere Crew.“ Sie lächelte süßlich. „Vergiss nicht, dass ich die Firma in den vergangenen sechs Monaten geführt habe, Partner.“

„Dann befiehl ihnen, an Land zurückzukehren. Sofort!“ Die eine Hand auf das Kopfteil des Bettes gestützt, beugte er sich über sie. Sein Atem strich über ihr Ohr.

Ein prickelnder Schauer rann ihr über den Rücken. Hilflos gefesselt zu sein und herumkommandiert zu werden, löste eine eigenartige Erregung in ihr aus. Dabei verabscheute sie diesen selbstsüchtigen Kerl, der sie im Stich gelassen hatte, als sie ihn am meisten brauchte.

Nein, korrigierte sie sich selbst. Er hatte nicht sie, sondern seine Firma im Stich gelassen. Von dieser Firma würde ihr die Hälfte zustehen, sobald das Erbe ihres Bruders freigegeben war. Das würde noch zu dem Vermögen hinzukommen, das ihr durch den tragischen Unfalltod ihrer Eltern vor sieben Jahren zugefallen war.

Valerio und Duarte hatten auch in andere Firmen investiert, aber Velamar war das Herzstück ihres Konzerns. Innerhalb von zwölf Jahren hatten sie es aus dem Nichts aufgebaut. Sollte sie sich jetzt zurücklehnen und zusehen, wie die Geier sich über Duartes Vermächtnis hermachten? Nicht, solange sie etwas dagegen tun konnte!

„Du kannst mich hier so lange festhalten, wie du willst. Diesen Befehl werde ich nicht geben!“

„Dani…“

„Du sollst mich nicht so nennen!“, fuhr sie auf. „Benutz meinen richtigen Namen! Wir sind Geschäftspartner, mehr nicht!“

„Binden sich Geschäftspartner üblicherweise nackt ans Bett und belauern sich aus dem Schatten?“

„Ich habe dich nicht belauert!“, stellte sie klar. Seine Worte erzeugten erotische Bilder in ihrem Kopf und eine Gänsehaut auf ihren Armen. Sie schloss die Augen und hoffte, dass er nicht bemerkte, welche Wirkung er auf sie hatte.

„Du hast doch dort im Dunkeln gesessen und mich beobachtet. Was ist dir dabei durch den Kopf gegangen, Daniela? Die Firma? Oder hat es dir gefallen, mich in deiner Gewalt zu haben?“

Er beugte sich über sie und strich ihr eine Locke aus dem Gesicht. Dani schluckte und kämpfte mit dem Verlangen, mit der Zunge über ihre plötzlich ausgetrockneten Lippen zu fahren.

„Du hättest mir nicht folgen sollen. Es hätte genügt, mir die Einladung zur Aufsichtsratssitzung per E-Mail zu schicken. Aber du hast nicht geglaubt, dass ich wirklich kommen würde, nicht wahr?“ Er fuhr ihr mit den Fingern sanft über das Gesicht. „Du hast nur das Schlechteste in mir gesehen. Gib zu, dass du die Gelegenheit genossen hast, mich zu bestrafen. Du kannst ruhig gestehen, dass es dir Spaß gemacht hat, Daniela.“

Sie biss sich auf die Unterlippe, wohl wissend, dass er nur mit ihr spielte. „Es ist nichts Vergnügliches daran, dir zuzusehen, wie du aufgibst und alles hinter dir lässt, wofür du so hart gearbeitet hast“, brachte sie tapfer hervor. „Du hättest in Rio auch sterben können, aber du hast überlebt. Ich hatte gehofft, dass du danach den Wert deines Lebens anders einschätzen und die Dinge ernster nehmen würdest. Aber du bist nur davongelaufen und hast so getan, als sei nichts geschehen.“

Valerio zuckte unter ihren Worten zusammen wie unter Faustschlägen. Dani spürte, wie er wortlos ihre Fesseln löste. Erleichtert rieb sie sich die Handgelenke und sah, wie er sich auf die andere Seite des Raumes zurückzog. Dort blieb er vor dem Fenster stehen und blickte hinaus in die Dunkelheit.

„Ich weiß nur zu gut, wie wertvoll das Leben ist, Daniela“, begann er. „Wenn du glaubst, ich sei davongelaufen, dann kennst du mich wirklich überhaupt nicht.“ Seine Stimme war kühl, fast teilnahmslos. „Und wenn du glaubst, ich würde je vergessen können, was passiert ist …“ Es war, als werfe die Dunkelheit vor dem Fenster einen düsteren Schatten auf ihn.

Dani war die Kehle wie zugeschnürt. Sie wünschte, sie könnte ihre Worte zurücknehmen. Seit Valerio sie vor Monaten bei Duartes Trauerfeier alleingelassen hatte, war sie nur zornig auf ihn gewesen. Wochenlang hatte man ihn für tot gehalten. Dann war er allein zurückgekehrt. Er hatte sich geweigert, über die Vorfälle zu reden, und ihr nur eröffnet, dass Duarte getötet worden war, während er selbst hatte fliehen können.

„Es tut mir leid. Ich habe es nicht so gemeint.“ Sie wünschte, sie hätte ihre Worte vorsichtiger gewählt. „Aber es macht mich verrückt, dass ich überhaupt nicht weiß, was in Rio geschehen ist.“

„Es spielt keine Rolle“, wies er sie schroff ab. „Ich werde zu dem Meeting kommen und alles sagen, was ich sagen soll.“

„Wirklich?“ Sein plötzlicher Sinneswandel irritierte sie.

„Ich werde mit dir nach Monte Carlo kommen, weil Duarte das auch gewollt hätte.“ Er trat einen Schritt vor. „Aber im Gegenzug musst auch du etwas für mich tun.“

„Du willst mir Bedingungen stellen?“ Sie neigte den Kopf. „Ich hätte wissen müssen, dass die Sache einen Haken hat.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust, doch das leichte Zittern in seiner Stimme machte die herrische Pose zunichte. „Ja, ich habe eine Bedingung, und du musst mir vertrauen, dass sie notwendig und nicht verhandelbar ist.“

„Geht es um meine Sicherheit?“ Sie konnte seine innere Anspannung deutlich spüren. „Ich habe alle Sicherheitsvorkehrungen beachtet, die du vor deinem Verschwinden festgelegt hast. Ohne Schutz gehe ich nirgendwo hin.“

„Glaubst du, ich hätte mich in den vergangenen Monaten nicht informiert?“ Valerio schüttelte den Kopf. „Ihr habt vielleicht nichts von mir gesehen, aber ich bin nicht davongelaufen. Es gab Dinge, die ich erledigen musste, bevor ich …“ Er runzelte die Stirn und wandte sich für einen Moment von ihr ab. Als er dann wieder sprach, war nicht zu überhören, wie aufgewühlt seine Gefühle waren. „Als uns klar war, dass die Geschichte in Rio ein schlimmes Ende nehmen würde, habe ich Duarte versprochen, dass ich für deine Sicherheit sorgen würde, falls ich überlebe.“

Ein dicker Kloß im Hals drohte Dani die Luft abzuschnüren. Er erwartete also, dass sie ihm vertraute? Dabei schien er nicht den geringsten Versuch unternommen zu haben, sein Versprechen zu halten. Stattdessen hatte er sie allein gelassen und war verschwunden, um mit seiner Trauer fertig zu werden. Wahrscheinlich in der Gesellschaft schöner Frauen und teuren Whiskys.

Sie hatte schmerzhaft lernen müssen, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen konnte. Auch sie verschränkte jetzt die Arme vor der Brust. „Nenn einfach deine Bedingung, Marchesi“, stieß sie mit eisiger Stimme hervor. Für einen Moment standen sie stumm voreinander und versuchten, sich gegenseitig mit ihren Blicken zu durchdringen.

Als er schließlich sprach, war die Schärfe aus seiner Stimme gewichen, und sie vernahm ein wenig von dem Charme, an den sie sich so gut erinnerte. „Der Aufsichtsrat glaubt also, dass Velamar wegen meiner Abwesenheit in Schwierigkeiten ist. Man hält mich für unzuverlässig und instabil. Wenn meine Anwesenheit bei der Sitzung nützlich sein soll, müssen wir ein besseres Bild von mir zeichnen. Wenn ich morgen diese Jacht verlasse, ist meine einzige Bedingung, dass du an meiner Seite bleibst und dass wir als Paar auftreten.“

„Natürlich. Ich bin schließlich Expertin für PR. Mir wird schon etwas einfallen, dich in ein gutes Licht zu setzen.“

Die Art, wie er das Wort Paar betont hatte, irritierte sie. Dennoch zwang sie sich zu einem Lächeln, denn sie war froh darüber, welch positive Wendung die Situation genommen hatte. Noch vor kaum einer Stunde hatte sie Angst vor ihm gehabt. Jetzt war sie glücklich, ihn an ihrer Seite zu haben, um die Firma zu retten.

„Ich hatte mehr Widerspruch gegen den Vorschlag erwartet, dass wir als Paar auftreten.“ Valerio wandte sich schulterzuckend zur Tür. „Dann ist es also beschlossen. Wir werden unsere Verlobung gleich morgen früh verkünden.“

2. KAPITEL

An Deck sog Valerio gierig die frische, salzige Luft ein. Er musste an die ersten Planungen für die Sirinetta II denken. Die Jacht war eines der bisher innovativsten Designprojekte von Duarte. Alles war hell und luftig gestaltet, und er wusste, dass unter den glatten Oberflächen die modernste technische Ausrüstung verborgen war.

„Was hast du gerade gesagt?“

Danielas Stimme war um eine ganze Oktave schriller geworden. Als er sich zu ihr umdrehte, stellte er fest, dass sie ihn aus blitzenden, bernsteinfarbenen Augen ungläubig anfunkelte. Ihre Wangen waren vor Zorn gerötet. Er konnte ihre Erregung verstehen. Vermutlich hätte er behutsamer vorgehen sollen, als er ihre Verlobung erklärte. Er hatte ihr nicht einmal einen Antrag gemacht.

„Wenn du dich gleich darum kümmerst, kann die Ankündigung noch in den Morgenzeitungen erscheinen“, erklärte er ungerührt. „Du verstehst doch etwas von Öffentlichkeitsarbeit. Formulier es etwas romantisch.“

„Valerio, was fällt dir ein? Wir sind Geschäftspartner, sonst nichts!“

„Ich habe dir meine Bedingung genannt. Es wird eine Nachricht veröffentlicht, dass wir verlobt sind. Das ist nicht verhandelbar.“

Er spürte das Adrenalin in seine Adern schießen. Alles hing davon ab, dass Daniela ihm vertraute. Irgendjemand hatte darauf gedrängt, Duarte für tot erklären zu lassen. Das kam zu früh! Er hatte alles darangesetzt, es hinauszuzögern. Nun musste er handeln.

Dani schwieg und sah ihn kopfschüttelnd mit gerunzelter Stirn an. „Ich kann das alles nicht glauben“, brach es dann aus ihr hervor. „Was verschweigst du mir?“

Valerio schloss die Augen und atmete tief durch. Er hätte damit rechnen müssen, dass sie seine Bedingung nicht klaglos akzeptieren würde. Sie schien zu glauben, was die Boulevardpresse in den letzten Monaten über ihn verbreitet hatte. Doch entgegen der öffentlichen Meinung war er weit davon entfernt, den Verstand zu verlieren. Er war noch nie so zielstrebig fokussiert gewesen wie heute. Aber diese Konzentration galt ausschließlich seiner Rache.

„Valerio …“ Sie trat neben ihn. Ihr Gesichtsausdruck zeigte eine Mischung aus Verwirrung und Besorgnis. „Rede mit mir! Bitte!“

Er wandte sich von ihr ab und blickte hinaus auf das nachtschwarze Meer. Für sie war er nur der Mann, der sie in vielerlei Hinsicht im Stich gelassen hatte. Monatelang hatte er sie ohne Erklärung mit der Führung von Velamar allein gelassen. Wenn sie ihn hasste, war das seine eigene Schuld.

„Du hast deine Bedingungen gestellt, Daniela“, sagte er schließlich. „Jetzt kennst du meine. Ich bin bereit, deinen Übergriff zu verzeihen, wenn du meinen Plan ohne weitere Fragen akzeptierst.“

„Und deine Bedingung ist die sofortige Ankündigung einer Scheinverlobung?“ Ungläubig sah sie ihn an. Ihr üppiger Busen bebte vor Empörung.

„Nicht nur eine Verlobung.“ Er wandte sich ihr wieder zu. „Du wirst meine Frau werden.“

Dani stand wie erstarrt. Ihr Mund weigerte sich, die Worte zu formen, die in ihrem Kopf herumwirbelten.

„Vor langer Zeit hat Duarte von mir verlangt, ich solle die Finger von dir lassen, wenn ich nicht vorhätte, dich zu heiraten.“ Valerio schüttelte den Kopf. „Bestimmt hat er nie gedacht, dass es so kommen würde.“

„Das ist lächerlich!“ Dani drehte sich entrüstet um und ging zurück in den Salon. Sie brauchte Abstand! Er hatte keine Ahnung, wie verletzend seine Worte waren. Als Teenager hatte sie für den Freund ihres Bruders geschwärmt. Selbst als sie nach London gezogen war und sich dort mit einem anderen Mann verlobt hatte, war es ihr schwergefallen, nicht an ihn zu denken.

„Dein Bruder kannte mich gut“, fuhr Valerio fort. „Er wusste genau, wie er sicherstellen konnte, dass ich dir nicht zu nahekommen würde.“

„Aber das wolltest du doch auch nie!“, stieß sie hervor. Sie spürte, wie sie bei ihren eigenen Worten rot anlief. Jahrelang unterdrückte Gefühle drohten an die Oberfläche zu kommen.

Er öffnete den Mund zu einer scharfen Erwiderung, hielt dann aber inne. Für einen Moment war nichts als drückendes Schweigen zwischen ihnen. Nur das Schlagen der Wellen an der Bordwand war zu hören.

Nach einer gefühlten Ewigkeit räusperte Valerio sich und wartete, bis Dani ihn ansah. „Am Tag bevor Duarte getötet wurde, planten wir unsere Flucht. Er hat mir ein heiliges Versprechen abgenommen. Sollte nur ich überleben, würde ich dir meinen Namen geben und dich beschützen.“

„Ich brauche keinen Ehemann für meinen Schutz!“, schleuderte sie ihm entgegen. „Einen Mann suche ich mir selbst. Nicht mein Bruder!“

Dani kämpfte mit ihren Gefühlen, die ihr die Kehle zuzuschnüren drohten. Der Gedanke, dass ihr Bruder seinen besten Freund anweisen würde, für sie zu sorgen, war absurd. Er musste doch gewusst haben, dass sie niemals mit dieser Art archaischer Pflichterfüllung einverstanden sein würde.

Valerio fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Ich habe es ihm geschworen! Die letzten sechs Monate habe ich …“

Dani sah zu ihm auf und entdeckte eine seltsame Regung in seinem Blick. „Du hast sechs Monate … was? Versucht, einen Ausweg aus deinem Versprechen zu finden? Darum geht es dir also?“

„Nein. Du verstehst mich nicht.“

„Ich verstehe mehr als du denkst, Marchesi.“ Sie holte eine kleine Tasche unter dem Schreibtisch hervor und warf sie auf das niedrige Sofa zwischen ihnen beiden. „Ich bin hier fertig. Ich entschuldige mich für meine unbedachte Aktion. Glaub mir, ich wünschte, ich hätte mir die Mühe nicht gemacht. Der Code für die Brücke ist in dieser Tasche zusammen mit deinem Handy. Sag dem Kapitän, er soll dich hinbringen, wo immer du willst.“

„Das Problem wird nicht einfach verschwinden, nur weil du mich wegschickst. Ich werde mit nach Monte Carlo kommen. Du hast gesagt, dass du mich bei der Aufsichtsratssitzung brauchst. Also werde ich da sein.“

„Ich werde einen anderen Weg finden. Wie bisher immer.“ Sie bemühte sich, ihre Stimme gleichmütig klingen zu lassen, um den Schmerz und die Wut zu verbergen. „Tu so, als hätte es den heutigen Abend nie gegeben! Betrachte dich als von deinem Versprechen entbunden!“

Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern eilte davon, ohne sich umzusehen. Erst als sie ihre Kabinentür hinter sich geschlossen hatte und sicher war, dass er ihr nicht gefolgt war, wagte sie wieder zu atmen.

Dann schloss sie die Augen und sank gegen die Tür zurück. Für einen Moment gestattete sie sich die Enttäuschung darüber, wie wenig Valerio Marchesi sich stets aus ihr gemacht hatte.

„Ich kann nicht glauben, dass du kein Foto gemacht hast. Ich würde gutes Geld dafür geben, einen der beiden Marchesi-Brüder halbnackt und gefesselt zu sehen!“ Hermione Hall lachte, nachdem sie Danis stark gefilterte Version der Ereignisse gehört hatte.

Dani verdrehte die Augen und spielte mit den Überresten ihres Omeletts. Ihre seit vielen Jahren beste Freundin wusste normalerweise sehr genau, wie sie ihre Stimmung auflockern konnte. Diesmal wollte es nicht recht gelingen.

Sie schüttelte den Kopf. „Am verrücktesten war, dass er davon ausging, er könne unsere Verlobung verkünden. Zusammen mit dem Rest seiner kleinen Rede, in der er davon sprach, mich nur beschützen zu können, indem er mich heiratet. Ich meine … wer denkt sich so etwas aus? Vermutlich geht es ihm nur darum, mich unter Kontrolle zu haben.“

„Ich weiß nicht … Daniela Marchesi klingt doch gut.“ Hermione schmunzelte anzüglich.

„Dir macht mein Ärger wohl auch noch Spaß!“, empörte sich Dani.

„Ein umwerfender Italiener, in den du früher unglaublich verknallt warst, kehrt zurück, um seine eigene Firma wieder zu leiten. Jetzt hast du endlich Zeit, dich um deine eigenen Pläne zu kümmern.“ Hermione trank einen Schluck Tee. Dann fuhr sie spöttisch fort: „Ach, und dann will er dich auch noch heiraten. Das ist wirklich alles ganz schrecklich!“

Dani versuchte, den Spott ihrer Freundin zu ignorieren. Deren Worte hatten sie daran erinnert, wie sehr ihre eigene Arbeit zum Stillstand gekommen war, seit sie das Ruder bei Velamar hatte übernehmen müssen. Sie hatte sich in ihre Aufgabe als stellvertretende CEO gestürzt, um weniger Zeit zum Grübeln zu haben, weniger Zeit, den Schmerz über den Verlust ihres Zwillingsbruders zu spüren.

Hermione plauderte weiter und versuchte, die Stimmung auf die übliche Weise aufzuhellen. „Wenn ich an seine blauen Augen denke und an diesen unglaublichen Körper! Ich würde keinen Antrag von Valerio Marchesi ablehnen. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.“

„Es tut mir leid, dass ich deine Vorliebe für romantische Dramen nicht teile. Aber ich bin nicht in Gefahr, und ich brauche keinen Beschützer.“ Dani schreckte auf, als sich ihr Handy bemerkbar machte und eine E-Mail ankündigte.

Die Nachricht enthielt die Gästeliste für die Cocktailparty, bei der sie wenigen ausgewählten Gästen die Sirinetta II zeigen wollte. Ungläubig las sie immer weiter. Dann entwich ein schockierter Lachkrampf ihren Lippen. Die Zahl der Namen für die „kleine und intime“ Zusammenkunft hatte sich inzwischen verdreifacht! Anscheinend hatte Mr. Hotshot-CEO beschlossen, sich sofort wieder in die Arbeit zu stürzen.

Diese Arroganz! Kam einfach daher und mischte sich in ihre Planungen ein, ohne sie auch nur zu fragen! Die Schimpfwörter, die ihr entfuhren, waren wenig damenhaft und ließen selbst Hermione die Stirn runzeln.

„Er glaubt, er kann hier einfach wieder auftauchen und eine Veranstaltung, die ich seit Wochen plane, völlig über den Haufen werfen! Ich wette, er ist sich nicht einmal einer Schuld bewusst.“

Wütend tippte sie mit den Fingern auf den Bildschirm ihres Handys, um ihr Team darüber zu informieren, dass sie sich die Gästeliste nicht genauer ansehen musste. Sie würde an der Veranstaltung gar nicht teilnehmen! Sollte doch der zurückgekehrte Playboy-Pirat den Gästen ihre Abwesenheit erklären! Glaubte er denn, er könne einfach herbeigesprungen kommen und ihr alles aus der Hand nehmen? Er würde schon sehen, was er davon hatte!

Hermione beugte sich vor, warf einen Blick auf Danis Handy und stieß einen leisen Pfiff aus. „Das sind eine Menge erstklassiger potenzieller Neukunden. Was wirst du anziehen?“

„Ich werde nicht hingehen.“ Dani biss sich auf die Unterlippe. „Wenn er mich nicht als gleichberechtigte Partnerin in der Firma behandelt, sehe ich keinen Grund, warum ich bei dieser Veranstaltung an seiner Seite sein sollte.“

„Natürlich wirst du gehen! Gerade weil du eine gleichberechtigte Partnerin bist. Und zwar eine professionelle. Du wirst hingehen und ihm genau sagen, wohin er sich seinen Vorschlag stecken kann.“ Hermione öffnete ihren kleinen Tabletcomputer und tippte schnell darauf herum. „Ich habe das perfekte Kleid für dich gefunden. Jetzt brauchst du nur noch die perfekte Begleitung. Und bevor du fragst, ich habe heute Abend schon etwas vor.“

Dani sah ein, dass ihre Freundin recht hatte. Sie konnte es sich nicht leisten, nicht teilzunehmen, und das wusste Valerio. „Wenn ich hingehe, brauche ich keine Begleitung. Ich habe die Sache in die Wege geleitet, also bin ich genau genommen die Gastgeberin.“

In Hermiones Augen blitzte es unheilvoll auf. „Du brauchst vielleicht niemanden. Aber stell dir die Wirkung vor, wenn du mit dem Mann erscheinst, den Valerio Marchesi am meisten verachtet!“

„Meinst du etwa …?“ Dani sah ihre Freundin mit großen Augen an. „Nein, den kann ich nicht mitbringen. Unmöglich! Das würde einen Aufstand auslösen. Außerdem ist es zu kurzfristig.“

„Glaubst du nicht, dass Tristan Falco diese Chance um jeden Preis ergreifen wird?“

Dani schüttelte den Kopf, obwohl ihr klar war, dass das, was ihre Freundin sagte, stimmte.

„Du willst doch Marchesi in seine Schranken weisen, nicht wahr?“ Hermione funkelte sie herausfordernd an. „Dann ist es jetzt Zeit, dein Ass aus dem Ärmel zu ziehen. Zeig ihm, dass auch du schmutzig kämpfen kannst!“

Hermione gab ihr einen kurzen Kuss auf die Wange und schwebte davon.

Dani blieb allein zurück und betrachtete nachdenklich ihr Handy. Sie hatte keine Zeit zu verlieren. Wenn sie sich zur Wehr setzen wollte, musste sie wohl oder übel zu dieser Party gehen. Und zwar nicht allein!

Hektisch scrollte sie in ihrer Telefonliste bis zum Namen des Mannes, von dem sie geglaubt hatte, dass sie ihn nie wieder anrufen würde. Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, als eine tiefe Männerstimme erklang. Nach wenigen Augenblicken war ihre skandalöse Verabredung für den Abend bestätigt. Lächelnd sinnierte sie darüber, wie boshaft Hermione doch sein konnte.

Wie es schien, würde Aschenputtel doch zum Ball kommen, aber sie würde nicht mit dem Märchenprinzen tanzen. Heute Abend wollte sie Valerio Marchesi zeigen, dass es ein Fehler war, sie zu unterschätzen.

Zahlreiche Paparazzi warteten vor den Toren von Valerios luxuriöser Villa in Monte Carlo in der Erwartung des ersten Fotos nach der Rückkehr des Playboy-Piraten.

Üblicherweise hätte er ihnen die gewünschte Show geboten und wäre in einem seiner extravaganten Sportwagen vorgefahren. Doch diesmal ließ er sich von seinem Leibwächter im Jeep durch den Hintereingang bringen. Noch lieber wäre er mit dem ersten Flieger ganz aus der Stadt verschwunden, aber Dani war in Gefahr. Deshalb musste er hierbleiben und für ihre Sicherheit sorgen.

Am Morgen hatte er unten im Jachthafen gestanden und zu der ihm fremd gewordenen Stadt hinaufgeblickt, die einst einer seiner vielen Spielplätze gewesen war. Wie ein Hochstapler war er sich vorgekommen. Er spielte die Rolle des Valerio Marchesi, aber er hatte kein Interesse mehr an dieser Figur.

Wenn er auf seine frühere Lebensweise zurückblickte, erschien im alles so hohl. Er hatte sich in gewagten Segelwettbewerben bewiesen, die wildesten Partys gefeiert und die schönsten Frauen verführt. Jetzt erschien ihm sein altes Leben wie das eines Fremden. Aber wenn er nicht mehr dieser Valerio Marchesi war … wer war er dann?

Auf der Terrasse der Villa waren die ersten Gäste bereits eingetroffen. Eine kleine Band hatte sich auf einem Podest eingerichtet. Ihr schwungvoller Swing bildete den perfekten Hintergrund für einen Abend, der wahrscheinlich voller ungemütlicher Fragen nach seiner Auszeit sein würde. Plötzlich war da der Wunsch nach ein paar Drinks, aber er hatte gelernt, dass er sich durch das Trinken nur noch schlechter fühlte. Und das wäre jetzt gar nicht gut. Er brauchte die volle Kontrolle über seine Sinne und über seinen Verstand.

Die Party füllte sich schnell, und schon bald fühlte er sich von allen Augen beobachtet. In den Blicken lag eine Mischung aus Neugier und Mitgefühl. In den gemurmelten Gesprächen wurde dafür gesorgt, dass auch der Letzte die wirklich wahren Neuigkeiten über Valerio Marchesis Abenteuer erfuhr. Dabei wusste niemand wirklich, was geschehen war. Keiner war dabei gewesen.

Als Marchesi hatte man stark zu sein. „Wenn du dich vor Fremden schwach fühlst, gehst du aufrecht und schaust ihnen in die Augen“, hatte ihm sein Vater eingetrichtert, seit er laufen konnte. So erwiderte er ohne Zögern jeden neugierigen Blick, ignorierte alles Getuschel und lenkte jedes Gespräch auf die neue Jacht, die demnächst zu Wasser gelassen werden sollte.

„Ah, da kommt Daniela.“ Eine ältere Dame aus dem Aufsichtsrat von Velamar wandte den Kopf und blickte an ihm vorbei. „Ach du liebe Güte, ist das etwa Tristan Falco an ihrer Seite?“ Schlagartig waren alle Augen auf das andere Ende der Terrasse gerichtet.

Valerio konnte kaum glauben, was er sah. Hatte Dani den Verstand verloren?

3. KAPITEL

Die Zeit schien stillzustehen, während Valerio sie über die Köpfe der Menge hinweg beobachtete. Sie schüttelte Hände hier und gab Küsschen dort, und das charmante Lächeln auf ihren rubinroten Lippen war eine ganze Welt von der Wut entfernt, die er zuletzt in ihrer Miene gesehen hatte.

Er konnte einfach den Blick nicht von ihr wenden, und die Enge in seiner Brust löste sich, als sie den Kopf zurückwarf und lachte. Sie musste sich nicht bemühen, die perfekte Gastgeberin zu sein. Sie schien dazu geboren. Mehr und mehr Gäste versammelten sich um sie und wetteiferten um ihre Aufmerksamkeit.

Nur der Anblick von Tristan Falco an ihrer Seite ließ Valerio innerlich die Fäuste ballen. Unter den Gästen gab es niemanden, der nicht von seiner langjährigen Rivalität mit dem Erben des Falco-Diamantenvermögens wusste. Als der erste Zorn verflogen war, hätte er fast über das durchschaubare Manöver gelacht. Sie versuchte also, ihn zu provozieren!

Als hätte sie seine Gedanken wahrgenommen, trafen sich ihre Blicke über die Köpfe der Gäste hinweg. Fast im Zeitlupentempo hob sie ihr Champagnerglas zu einem Toast. Der Spott in ihrem Lächeln war nicht zu übersehen.

Er zwang sich zu einer gleichgültigen Miene, hob sein eigenes Glas zum Gruß und bewegte sich langsam über die Terrasse auf sie zu. Er bemerkte, wie sie immer wieder zu ihm herüberschaute. Sie schien nervös zu sein. Erst schob sie eine verirrte Locke hinter ihr Ohr, dann spielte sie mit den Perlen ihrer Halskette.

Er verstand nicht viel von Mode, aber er wusste, dass das smaragdgrüne Kleid, das ihre Kurven eng umhüllte, perfekt gewählt war. Seine Kehle wurde trocken, als sie sich in dem glänzenden Material bewegte und ein Schlitz den Blick auf die glatte Haut eines Oberschenkels enthüllte. Wie von einem Spotlight angestrahlt, hob sie sich von den Menschen um sie herum ab.

Schließlich hatte Valerio sie erreicht.

„Mein Kompliment für deine hervorragende Arbeit, Mr. CEO“, fauchte sie ihn leise an. Gleichzeitig winkte sie mit charmantem Lächeln einigen umstehenden Gästen zu.

„Ich nahm an, du würdest nichts dagegen haben, dass ich die Gästeliste ein wenig ergänzt habe“, entgegnete er ebenso gedämpft.

Sie nippte an ihrem Champagner und warf ihm einen eisigen Blick über den Rand des Glases zu. „Hättest du mich rechtzeitig informiert, dann hätte ich dir erklären können, dass es einen strategischen Grund für die begrenzte Gästeliste gibt.“

„Hättest du einen meiner Anrufe beantwortet, hätte ich das vielleicht tun können.“

„Wahrscheinlich war ich zu sehr damit beschäftigt, mich von deinem lächerlichen Vorschlag zu erholen.“

Ihr Geplänkel wurde durch die Ankunft eines breit lächelnden Tristan Falco an Danis Seite durchbrochen. „Marchesi, Sie scheinen vergessen zu haben, mich heute Abend einzuladen. Zum Glück brauchte Ihre Partnerin eine charmante männliche Begleitung.“

„Ich wusste nicht, dass Sie in der Stadt sind.“ Valerio streckte dem anderen Mann die Hand entgegen. Dabei sah er, wie sich Danis Augen vor Überraschung weiteten. „Seit unserem letzten Gespräch hatte ich noch keine Gelegenheit, mich bei Ihnen zu bedanken.“

Die Blicke der beiden Männer wurden plötzlich ernst. „Es war doch nichts von Bedeutung“, wehrte Tristan ab. „Ich hoffe, Sie haben meinen Rat befolgt.“

Valerio atmete tief durch, während er nickte. „Das habe ich getan.“

„Habe ich etwas verpasst?“ Danis Stimme klang hart wie Stein. Eine Hand in die Hüfte gestemmt, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, blickte sie zwischen den beiden Männern hin und her.

Tristan antwortete als Erster. „Das ist eine Privatangelegenheit zwischen uns Jungs.“ Er legte Dani besitzergreifend den Arm um die Schulter. „Ich bin Marchesi vor einigen Monaten zufällig in Rio begegnet.“

„Rio?“ Der kurze Seitenblick aus Danis bernsteinfarbenen Augen drohte Valerio zu erdolchen. Dann wandte sie sich um und strahlte Tristan an. „Wie nett! Was habt ihr Jungs denn im schönen Rio gemacht?“

Valerio verspannte sich und hoffte, dass Falco klug genug war, den Mund zu halten. Trotz seiner unschätzbaren Hilfe konnte er den Mann nicht leiden.

Nach einer langen, schweigsamen Pause schien Dani zu begreifen, dass keiner der beiden Männer vorhatte, die Angelegenheit weiter zu vertiefen. Erstaunlicherweise hakte sie dann auch nicht weiter nach. Valerio sah, wie für einen kurzen Moment der Schmerz in ihren Augen sichtbar war, doch gleich darauf hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Sie ließ ihren Blick über die Gäste schweifen und lächelte. „Entschuldigt mich, meine Herren. Einige von uns müssen heute Abend noch arbeiten.“

Machtlos sah Valerio zu, wie sie sich in Richtung der Bar zurückzog und hier und da fröhlich mit Gästen plauderte, als sei überhaupt nichts geschehen. Er räusperte sich und wandte sich Falco zu, der die Szene mit gerunzelter Stirn verfolgt hatte.

„Wieso habe ich das Gefühl, dass ich störe?“, fragte der andere Mann.

„Nur eine berufliche Meinungsverschiedenheit“, beschied ihn Valerio nach einem langen Schluck aus seinem Glas. „Das geht Sie nichts an.“

„Nur beruflich?“ Tristan Falco lachte. „Ach ja. Deshalb schienen Sie mich vom Hof jagen zu wollen, als Sie mich an ihrer Seite entdeckten.“

„Dazu ist immer noch Zeit, wenn Sie so weitermachen“, stieß Valerio hervor.

Falco hob beide Hände in gespielter Kapitulation, lehnte sich mit dem Rücken an die Balustrade und wandte seine Aufmerksamkeit der Party zu.

Valerio ärgerte sich. Dani hatte nicht erfahren sollen, dass er nach Brasilien zurückgekehrt war, und ganz bestimmt nicht ausgerechnet von Tristan Falco.

Sie wusste nichts von den letzten sechs Monaten seines Lebens. Solches Wissen würde sie unnötig gefährden. Deshalb hatte er ihr verschwiegen, dass er immer noch die Männer verfolgte, die ihn und Duarte in Rio entführt hatten. Sie ahnte nicht, wie tief er in eine kriminelle Unterwelt aus korrupter Politik eingedrungen war, um den Tod seines besten Freundes aufzuklären.

Es war reiner Zufall gewesen, dass Tristan Falco zur gleichen Zeit in Rio gewesen war. Er hatte Valerio davor bewahrt, betrunken randalierend verhaftet zu werden, nachdem sich eine weitere Spur als nutzlos erwiesen hatte.

Falco hatte ihm geraten, seine Enttäuschung nicht mehr in Alkohol zu ertränken. Heuern Sie Profis für die Nachforschungen an, hatte er gesagt und mit seinen geschäftlichen Kontakten die Hintergründe einiger Verdächtiger zu durchleuchten geholfen. Der Erbe des Diamantenimperiums war zu einem unerwarteten Verbündeten in Valerios Kampf für Gerechtigkeit geworden. Valerio hatte seinen Frieden mit Falco geschlossen, aber das bedeutete nicht, dass er seine Gesellschaft länger als nötig ertragen musste.

Er ließ den anderen Mann stehen und mischte sich unter die Gäste. Sein Lächeln war angespannt, seine Schultern fühlten sich schwer an. Der alte Valerio wäre hier in seinem Element gewesen. Jetzt aber zählte er die Minuten, bis er sich unauffällig zurückziehen konnte.

Der Konflikt mit Daniela kam ihm ungelegen. Er hatte gehofft, sie an diesem Abend zur Kooperation bewegen zu können. Er brauchte sie an seiner Seite. Nur so konnte er für ihre Sicherheit sorgen.

Voll Unbehagen fuhr er mit den Fingern unter den Rand seines Kragens und kämpfte mit dem Drang, sich die Krawatte abzureißen und ein paar Knöpfe zu öffnen. Er hatte sich bewusst für die offene Terrasse der Villa entschieden, weil enge Räume oft Auslöser für seine Attacken waren. Aber im Augenblick kam es ihm vor, als reiche selbst der Nachthimmel über ihm nicht aus, um die drohende Aufwallung aufzuhalten. Jedes laute Lachen und jedes Gläserklirren ließ ihn zusammenzucken.

Eine Bewegung auf der anderen Seite des Decks fiel ihm auf. Dort unterhielt sich einer von Danielas Sicherheitskräften mit dem Rest des Teams. Die Gesichter wirkten besorgt. Valerio setzte sich in Bewegung. Seine Anspannung wuchs mit jedem Schritt.

Ein kurzer Wortwechsel mit den Männern genügte, um seine schlimmste Angst zu bestätigen.

Dani wurde vermisst!

Dani hatte sich von der Menge entfernt, um einen Moment zur Ruhe zu kommen. Dieser Moment hatte sich zu einer Viertelstunde gedehnt, in der sie ziellos durch die Villa gewandert war. Schließlich fand sie sich auf einem Balkon mit herrlichem Meerblick wieder. Von hier aus konnte sie die Lichter von Monte Carlo wie feurige Diamanten über dem Wasser funkeln sehen. Eigentlich sollte dieser Anblick beruhigend wirken, aber ihre Anspannung wollte nicht weichen.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht, Tristan Falco zur Party mitzubringen? Sie hatte doch gewusst, dass die beiden Männer sich nicht ausstehen konnten. Und dann hatte es vor allen Augen diese Zurschaustellung männlicher Kameradschaft gegeben. Das Getuschel der Gäste war unüberhörbar gewesen.

Ein leises Räuspern riss sie aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um in der Erwartung, dass Valerio ihr gefolgt war. Stattdessen erblickte sie einen Mann, der ihr vage bekannt vorkam. In seinem Lächeln lag eine gewisse Verschlagenheit.

Boa noite, Senhorita Avelar.“

Seine Stimme klang rau wie die eines Kettenrauchers. Zugleich verlieh ihr das einen bedrohlichen Klang. Dani hielt den Atem an, als der Mann näherkam. „Angelus Fiero“, stellte er sich vor. „Ich bin ein alter Freund Ihres Vaters und stilles Mitglied im Vorstand von Velamar.“ Sein Lächeln wirkte wenig vertrauenerweckend. „Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass ich Ihnen gefolgt bin.“

Dani versuchte, ihr Unbehagen zu unterdrücken, und bemühte sich um eine freundliche Miene.

Der Mann ließ sich ihr gegenüber auf einer niedrigen, gepolsterten Bank nieder. „Sie scheinen Ihren Job als CEO sehr ernst zu nehmen. Ich habe gehört, Sie regieren mit eiserner Faust und einem perfekten Lächeln“, sagte er mit einem seltsamen Glitzern in den Augen. „Sagen Sie mir, ist es Brauch in der Firma, die direkte Anweisung eines Testamentsvollstreckers zu umgehen?“

Dani erstarrte. Worauf wollte der Mann hinaus?

„Ich wette, Marchesi hat keine Ahnung, dass Sie es waren, die Duartes Sterbeurkunde beantragt hat, oder?“

Wer war dieser Mann mit dem tückischen Blick und dem Wissen über vertrauliche Informationen? Wie konnte er von ihrem Antrag auf Duartes Sterbeurkunde erfahren haben, hatte sie doch extra einen fremden Notar damit beauftragt?

Es war nicht als Geheimnis geplant gewesen. Früher oder später hätte sie es Valerio erklärt. Sie hatte nur nicht auf seine Rückkehr warten wollen, um den Schwebezustand nach dem Tod ihres Bruders mit einem amtlichen Dokument zu beenden.

Plötzlich wurde ihr bewusst, in welch verletzliche Situation sie sich gebracht hatte, allein hier draußen auf dem Balkon ohne ihr Sicherheitsteam.

Fiero stand auf und kam ein paar Schritte auf sie zu. Am liebsten wäre sie davongelaufen. Mühsam bewahrte sie die Fassung und begegnete seinem Blick mit, wie sie hoffte, entschlossener Miene.

„Ich habe Sie gesucht, um Sie zu warnen. Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, hören Sie auf, in Dingen zu wühlen, die Sie nichts angehen.“ Damit wandte er sich um und wollte zurück ins Haus, doch plötzlich wurde ihm der Weg von drei Sicherheitsleuten versperrt. Hinter ihnen erblickte sie Valerio, der nach einem einzigen Blick auf Danielas aschfahles Gesicht mit drohender Miene vor den Mann trat.

„Marchesi. Nett, Sie wiederzusehen. Gibt es ein Problem?“

„Das weiß ich noch nicht.“ Mit geballten Fäusten musterte Valerio den anderen Mann von oben bis unten. „Daniela?“

„Alles in Ordnung“, bestätigte sie rasch. „Lass ihn gehen.“

Als Fiero in Begleitung der Sicherheitsleute gegangen war, baute sich Valerio mit verschränkten Armen vor ihr auf. „Du verschwindest allein und ohne Schutz. Hast du den Verstand verloren?“

„Wir sind in deiner Villa.“ Sie verdrehte die Augen. „Was soll schon geschehen? Außerdem bin ich kein Kind, auf das du aufpassen musst.“

„Selbst ein Kind würde wissen, dass es seine Sicherheit riskiert, wenn es allein in der Dunkelheit herumläuft.“ Sie wandte sich ab, wollte weggehen.

Rasch trat er ihr in den Weg und legte eine Hand auf ihren Arm. „Warum hast du dich hier versteckt, Dani? Was hat Angelus Fiero dir gesagt?“

Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist …

Valerio hatte ihr seinen neu gefundenen Frieden mit Tristan Falco und seine neuerliche Reise nach Rio verschwiegen – und Gott allein wusste, was sonst noch alles.

„Ich habe mich nicht versteckt!“, erwiderte sie wütend. „Und Falco wollte nur persönlich sein Beileid ausdrücken, weil er nicht zur Trauerfeier kommen konnte.“ Sie war selbst erstaunt, wie leicht ihr die Lüge von den Lippen kam. Damit wollte sie sich endgültig abwenden, aber Valerio versperrte ihr weiter den Weg.

„Hör auf, vor mir davonzulaufen!“ Er blickte düster auf sie nieder. „Bist du mit diesem Schönling am Arm zur Party gekommen, um mich zu ärgern?“

„Warum sollte mich interessieren, was du denkst, Valerio? Dich kümmern doch meine Gefühle auch nicht.“

„Und du siehst kein Problem darin, in der Villa deines Verlobten mit einem anderen Mann zu erscheinen?“

Dani erstarrte. Das Wort „Verlobter“ von seinen Lippen ließ ihren Blutdruck in die Höhe schießen. „Schon wieder diese lächerliche Idee, du müsstest mich zu meinem Schutz heiraten? Habe ich nicht bereits klar und deutlich gesagt, was ich davon halte?“

Sie trat einen Schritt zurück, um ein wenig Raum zwischen ihm und sich zu schaffen. Niemand konnte sie so leicht wütend machen wie er. Niemand ging ihr so unter die Haut.

„Ich bin kein armes Mädchen, das deinen Schutz braucht. Bis heute Morgen war ich amtierende CEO des Unternehmens, an dem wir zu gleichen Teilen beteiligt sind. Seit sechs Monaten stehe ich an der Spitze von Velamar und habe dir Zeit gegeben, dich von deinen traumatischen Erlebnissen zu erholen.“

„Ich betrachte dich nicht als kleines Mädchen. Du bist die stärkste Frau, die ich kenne. Du musst mir nur vertrauen, dass mein Plan das Richtige ist.“

„Das macht keinen Sinn! Selbst wenn Duarte noch lebte, würde ich ihn diese Entscheidung nicht für mich treffen lassen. Und von dir werde ich sie auch nicht akzeptieren.“

„Es geht nicht darum, wie stark du dich fühlst. Es geht um deine Sicherheit.“

Ganz plötzlich verebbte ihre Wut. Sie erinnerte sich an seine Reaktion, als jemand gesagt hatte, Duarte würde bald amtlich für tot erklärt. Damals hatte sie Angst in seiner Miene gelesen … Angst um sie. Genau denselben Gesichtsausdruck hatte er gehabt, als er gerade mit den Wachen auf dem Balkon erschienen war und sie gefragt hatte, ob es ein Problem gebe.

„Hör zu!“ Auch Valerio schien sich ein wenig beruhigt zu haben. „Ich war in den letzten sechs Monaten nicht ehrlich zu dir. Du dachtest, ich hätte mich versteckt, um mich zu erholen. Das stimmt nur teilweise. Ich hatte mich zurückgezogen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen.“

„Keine Lügen und keine Ausflüchte mehr! Warum muss ich so dringend deinem Plan zustimmen?“ Ihre Knie drohten nachzugeben, und ein dumpfer Schmerz stieg in ihr auf.

Valerio schloss einen Moment die Augen, als müsse er sich sammeln, bevor er antworten konnte. „Duarte wusste, dass es gefährlich war, allein nach Rio zu fliegen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich ihm folgen würde. Ich ahnte, dass er erpresst wurde, verstand aber nicht ganz, worum es ging und wer dahintersteckte. Ich wusste nur, dass er eine unmittelbare Gefahr von euch beiden abzuwenden versuchte.“

Dani ließ sich kraftlos auf einen Stuhl in der Nähe sinken und sah ungläubig zu ihm auf. „Wenn ich in Gefahr bin … wenn sie Duarte schon …“

„Daniela, sieh mich an!“ Er ging vor ihr auf die Knie, legte eine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Ich werde nicht zulassen, dass dich jemand verletzt. Ich weiß nur, dass es bei allem um einen Teil deines Erbes geht. Das Land und die Besitztümer in Brasilien.“

„Sie können alles haben. Ich habe nie etwas davon gewollt.“ Danis Puls raste. Dies war der schiere Wahnsinn. Sie würde alles weggeben, jeden einzelnen Cent! Nichts war den Verlust Wert, den sie erlitten hatte.

„So einfach ist das leider nicht.“ Valerio sprach leise und eindringlich auf sie ein. „Es geht um die jahrzehntelange Arbeit deiner Eltern, die dort bezahlbaren Wohnraum geschaffen haben. Um zehntausende unschuldiger Mieter, die vertrieben werden könnten. Riesige Flächen geschützten Landes sind in Gefahr.“

„Zehntausende …“ Dani schloss die Augen und spürte, wie sie zu zittern begann.

Ihr Vater war ein Einzelkind gewesen, Alleinerbe des reichsten und korruptesten Landbesitzers in Brasilien. Als der Alte gestorben war, hatte ihr Vater gerade eine sehr liberal gesinnte Engländerin geheiratet. Gemeinsam hatten sie sich daran gemacht, den größten Teil ihres innerstädtischen Grundbesitzes in mietkontrollierte Wohnungen für benachteiligte Familien zu verwandeln. Was der Alte als Spekulationsobjekte aufgekauft hatte, wurde so zum Segen für arme Familien. Nicht allen hatten diese revolutionären Gedanken gefallen. Viele der reichen Grundbesitzer in Rio hatten sehr verärgert reagiert.

„Dani“, fuhr Valerio nach kurzer Pause fort. „Als verheiratetes Paar können wir einen unanfechtbaren Ehevertrag schließen, der deinen Besitz unantastbar macht. Dann gibt es für niemanden mehr einen Grund, dich ins Visier zu nehmen. Mein Name und der Einfluss meiner Familie werden wie eine Festung wirken. Duarte wusste das. Er hatte es für den Fall geplant, dass seine Bemühungen erfolglos bleiben würden.“

Dani erschauerte. Sie fühlte sich plötzlich wie von eisiger Kälte umgeben. Sie und ihr Bruder waren ohne ihr Zutun zum Spielball fremder Mächte geworden. Sie hatte nie darum gebeten, in dieses Leben hineingeboren zu werden, und schon gar nicht darum, dass ihr innerhalb weniger Jahre die ganze Familie genommen wurde. Mühsam versuchte sie, durch ihre zugeschnürte Kehle zu atmen.

„Verstehst du jetzt, warum du mir vertrauen musst?“, fragte er. „Du musst aufhören, gegen mich zu kämpfen.“

Sie konnte nur schwach nicken.

„Es tut mir leid, dass ich keinen anderen Weg finden konnte.“

Innerlich zuckte sie bei seinen Worten zusammen. Es musste schrecklich für ihn sein, sich in einer Ehe an eine Frau zu fesseln, die er kaum ertragen konnte. Eine Frau, der er stets aus dem Weg zu gehen schien, obwohl sie seit Jahren in derselben Firma arbeiteten.

„Du musst nicht so tun, als würdest du das gern tun, Valerio“, sagte sie. „Du hast mir die Lage erklärt, und ich akzeptiere sie.“ Sie stand auf und glättete ihr Kleid. „Wir müssen zurück zur Party. Die Leute reden sicher schon über uns. Aber daran werde ich mich wohl ohnehin gewöhnen müssen, wenn ich dich heiraten soll.“

„Du wirst dich noch an eine ganze Menge gewöhnen müssen.“ In seinen Augen glitzerte etwas auf. „Ich werde unsere Verlobung hier verkünden“, fuhr er fort. „Heute Abend.“

„Du meinst …“

Er trat dicht an sie heran. „Dort unten bei der Party sind zurzeit viele einflussreiche Menschen. Wenn wir wollen, dass sich die Nachricht von unserer Verlobung schnell verbreitet, gibt es keine bessere Gelegenheit.“

Dani schüttelte den Kopf. Sie konnte kaum glauben, welche Wendung der Abend genommen hatte. „Also gut. Aber es soll kein großes Spektakel werden.“

„Du weißt, dass es nicht anders geht.“ Er lächelte, und für einen Moment erkannte sie den alten Valerio. Ein wenig schelmisch und stets darauf aus, Aufsehen zu erregen. „Bis nach Rio soll man hören, dass du meine Frau werden wirst.“

4. KAPITEL

Daniela Avelar war eine stolze, unabhängige Frau. Ihren Beinahe-Ehemann hatte sie verlassen, weil er von ihr verlangt hatte, dass sie ihr Leben nach seinen Vorstellungen ausrichtete. Dennoch stand sie jetzt hier und sollte ihr Leben an die eine Person ketten, der sie niemals wieder hatte trauen wollen. Auf einmal war dieser wilde Playboy ihre einzig sichere Landmarke in aufgewühlter See.

Sie schüttelte den Kopf und konnte selbst kaum glauben, auf was sie sich da einließ.

„Also gut“, sagte sie mit einem Seufzen, „aber dann erwarte ich auch, dass du vor mir aufs Knie gehst.“

„Schreibst du mir gerade vor, wie ich meinen Antrag machen soll?“ In seinen Augen funkelte es tückisch. „Hast du einen besonderen Wunsch, welches Knie es sein soll?“

„Bleib ernst! So wirkt es wenigstens romantisch!“

Einen Moment lang sah er sie ungläubig an, und Dani befürchtete, dass er widersprechen würde. Doch dann hob er beide Hände zu einer gespielt ergebenen Geste und trat einen Schritt zurück.

Mit einer Handbewegung bedeutete er einem Stewart, dass er jedermanns Aufmerksamkeit wünsche. Irgendwo wurde sacht Metall an ein Glas geschlagen, und die Band verstummte. Dani schlug das Herz bis zum Hals, als Valerio vor ihr niederkniete.

Sie versuchte, nicht auf die Gäste zu achten, die staunend auf die Szene blickten, die sich vor ihren Augen entfaltete. In ihrer Rolle als Geschäftsfrau fühlte sie sich unter diesen Menschen wohl, aber jetzt wäre sie am liebsten davongelaufen.

Valerio blickte zu ihr auf, und für einen Moment vergaß Dani zu atmen. Sie konnte den Anblick kaum ertragen, wie er mit ernster Miene vor ihr kniete und nach ihrer Hand griff. Auf einmal verstand sie, was der Begriff Herzflattern bedeutete.

„Die meisten von Ihnen wird überraschen, was ich zu sagen habe“, wandte er sich an die Umstehenden. „Liebling“, fuhr er dann an Dani gerichtet fort. „Ich weiß, wir wollten noch warten, aber ich denke, jetzt ist es an der Zeit, unsere Freunde einzuweihen. Daniela Avelar, willst du mir die Ehre geben, meine Frau zu werden?“

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Dani konnte nur nicken wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden. Sie zwang ein Lächeln auf ihre Lippen und betete, dass sie nicht so entsetzt aussah, wie sie sich fühlte. Dann begannen die Gäste zu klatschen, und eine Woge von Applaus schlug über ihnen zusammen.

Danis Augen weiteten sich, als sie die kleine Schachtel entdeckte, die er aus der Jackentasche gezogen hatte. Der Ring darin trug einen alten, kanariengelben Diamanten. Sie wusste, dass er prächtig zu dem Hochzeitsgeschmeide passen würde, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte.

Schlagartig wurde ihr bewusst, wie sorgfältig er diesen Moment geplant hatte. War er so sicher gewesen, dass sie sich auf diesen Wahnsinn einlassen würde? Plötzlich machte auch die erweiterte Gästeliste Sinn.

Ihre Hand zitterte, als er ihr den Ring auf den Finger steckte. Er passte perfekt. Dann richtete Valerio sich auf und trat vor sie. „Ich werde dich jetzt küssen, Daniela“, flüsterte er dicht neben ihrem Ohr. „Versuch so zu tun, als würdest du es genießen.“

Er legte die Arme um sie und zog sie an sich. Zuerst war der Kuss nur eine sanfte Berührung seiner Lippen auf ihrem Mund. Dani bemühte sich, die große, männliche Hand auf ihrer Hüfte zu ignorieren, doch sie konnte ihr Erschauern nicht ganz unterdrücken. Er war so riesig. Sie kam sich so klein vor.

Und so lächerlich. Ihre Lippen öffneten sich wie von selbst und erwiderten seinen Kuss. Es war so lange her! Ihr ganzer Körper war wie elektrisiert, und aus ihrer Kehle drang ein dumpfes Stöhnen.

Das Geräusch ließ Valerio zusammenzucken, und einen Moment lang fürchtete sie, er würde sich ihr entziehen. Bestimmt spürte er, dass sie nicht nur so tat, als würde sie den Kuss genießen. Doch statt sich zurückzuziehen, erwiderte er den unerwartet hitzig gewordenen Kuss mit der gleichen Leidenschaft. So war sie noch nie geküsst worden!

Ihr Verstand schrie, dass dies nur eine Show für das Publikum sein sollte, aber ihr Körper weigerte sich, darauf zu hören. Sie vergrub ihre Finger in seinem Haar, als wolle sie verhindern, dass dieser Kuss jemals endete.

Als ihr Fingernagel versehentlich seine Haut ritzte, kam ein Stöhnen aus seiner Kehle, das sie bis ins Mark erschütterte. Es war der erotischste Klang, den sie je gehört hatte.

Natürlich wählte er genau diesen Moment, um sich ihr zu entziehen.

Das Ganze hatte vermutlich nicht mehr als eine Minute gedauert, und doch kam es ihr vor, als hätte die Zeit aufgehört zu existieren. Langsam wurde sie sich wieder ihrer Umgebung bewusst, und damit kam die Peinlichkeit, wie schnell sie die Kontrolle verloren hatte.

Die Band stimmte eine jazzige Nummer an, und die Gäste begannen Dani und Valerio mit guten Wünschen zu überschütten. Champagnergläser wurden ihnen gereicht, bald schwammen sie in einem Strom von Gratulationen und Beglückwünschungen.

Die ganze Zeit war Dani sich allzu sehr des Mannes an ihrer Seite bewusst. Jede Berührung seiner Hand, jedes Flüstern an ihrem Ohr versetzte ihre Sinne in Aufruhr. Es fühlte sich an, als veranstalteten alle Nerven in ihrem Körper ein Feuerwerk. Sie dankte dem Himmel, als er schließlich von einigen Gästen mitgezogen wurde. Tief holte sie Luft, als sei sie lange unter Wasser gewesen. Doch kaum war Valerio in der Menge verschwunden, begann sie, ihn wieder zu suchen. Der Smalltalk mit anderen Gästen floss an ihr vorbei, ohne dass sie richtig wusste, mit wem sie gerade sprach.

Ein paar Gläser Champagner später war sie nicht mehr so verspannt. Dafür spürte sie die Anstrengung der letzten vierundzwanzig Stunden wie eine schwere Last auf sich. Gerade als sie überlegte, wie sie unbemerkt verschwinden könne, um zu Bett zu gehen, legte ihr jemand von hinten die Hände auf die Schultern.

„Ich denke, es ist an der Zeit, dass ich meine Braut nach Hause bringe“, hörte sie Valerio zu einigen in der Nähe stehenden Gästen sagen.

„Nein, nein! Ich kann alleine gehen!“, wehrte sie ab. „Du solltest noch bei deinen Gästen bleiben.“ Sie drehte sich zu ihm um und versuchte, sich seinen besitzergreifenden Händen zu entziehen. Doch Valerio griff nur umso fester zu und lachte leise. Der kehlige Klang seiner Stimme ließ einen Schauer über ihren Rücken rinnen.

„So sollte sich ein frisch verlobtes Paar nicht verhalten“, flüsterte er. „Versuch wenigstens so zu tun, als könntest du es gar nicht erwarten, mit mir ins Bett zu gehen.“ Dani kam nicht einmal mehr dazu zu protestieren. Valerio schob sie vor sich her von der Gruppe weg.

„Valerio!“, protestierte sie schwach. Der reichlich genossene Champagner und die Müdigkeit machten ihr das Denken schwer. „Ich kann nicht hierbleiben. Alle meine Sachen sind noch auf der Jacht.“

„Die habe ich bereits herbringen lassen.“

Sie blieb abrupt stehen und funkelte ihn an. „Ich soll wahrscheinlich dankbar sein, dass du mir hilfst. Aber wenn du das nächste Mal Entscheidungen für mich treffen willst, klär das bitte vorher mit mir.“

„Dani …“, erwiderte er, doch gerade in diesem Augenblick erschien seine Haushälterin und bot Dani an, ihr das Gästezimmer zu zeigen. Noch bevor er ihr eine Gute Nacht wünschen konnte, war seine Verlobte die Treppe hinauf und außer Sicht geeilt.

Nur mit Mühe unterdrückte Valerio den Drang, ihr nachzulaufen. Er wollte sie zu ihrem Besten heiraten, doch sie schien in ihm einen Wilden zu sehen, der sie ihrer Freiheit zu berauben drohte. Begriff sie nicht, dass alles, was er bisher getan hatte, nur ihr zuliebe geschehen war?

Und dann war da noch dieser Kuss …

Kopfschüttelnd versuchte er, nicht daran zu denken. Was nur Teil der Show für das Publikum hatte sein sollen, war völlig außer Kontrolle geraten. Er hätte sich besser beherrschen müssen!

Er war so tief in seine Gedanken versunken, dass ihn das Klingeln seines Telefons heftig zusammenfahren ließ. Die Nummer auf dem Display verhieß nichts Gutes.

Der Anruf seines privaten Ermittlers dauerte keine fünf Minuten und bestätigte, was er bereits vermutet hatte. Jemand im Aufsichtsrat von Velamar hatte ohne seine Zustimmung eine Sterbeurkunde für Duarte beantragt. Er musste an Fieros Gesichtsausdruck denken, mit dem er sich von Daniela entfernt hatte. Wie blass sie nach dem Gespräch gewirkt hatte! Irgendetwas schien sie ihm zu verheimlichen.

Er legte sein Jackett ab und hängte es über einen Stuhl, bevor er die Treppe hinaufstieg. Zu seiner Überraschung war die Tür zum Gästezimmer leicht geöffnet. Ein goldener Schein drang auf den abgedunkelten Flur hinaus. Dani schien noch nicht zu Bett gegangen zu sein.

Vorsichtig schob er die Tür ein wenig weiter auf. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn den Atem anhalten. Dani saß vollständig bekleidet in einem Sessel. Ihr Tablet leuchtete auf ihrem Schoß, aber ihr Kopf war in friedlichem Schlaf zur Seite gesunken.

Schuldgefühle überkamen ihn. Wahrscheinlich hatte sie in der dramatischen letzten Nacht nicht viel Schlaf bekommen. Sie musste erschöpft gewesen sein und hatte sich doch nicht ein einziges Mal beklagt.

Wenn er sie jetzt so sitzen ließe, würde sie morgens einen steifen Nacken haben. Er trat näher und räusperte sich, um sie nicht zu erschrecken. „Dani …?“

Keine Reaktion. Bis auf den zur Seite gesunkenen Kopf sah sie aus wie im Wachzustand. Selbst ihre Beine waren damenhaft zur Seite gelegt.

Noch einmal wiederholte er ihren Namen, doch Dani war völlig weggetreten. Ihm blieb nur eine schnelle Entscheidung. Vorsichtig legte er ihren Computer beiseite, hob sie vom Sessel auf und legte sie sanft auf dem Bett ab. Ihre Augenlider flatterten. Halb schlafend hob sie die Hände und berührte sein Gesicht.

„Du hast mich heute Abend geküsst“, murmelte sie mit geschlossenen Augen.

„Das stimmt“, bestätigte er. Möglichst schnell wollte er sie zudecken und gehen.

„Normalerweise hasse ich das Küssen“, fuhr sie kaum hörbar fort. „Aber du bist wirklich gut darin.“

„Du bist auch nicht so schlecht.“

„Nein, ich weiß, dass ich schrecklich bin.“ Nun war sie wieder wach. „Ich bin ein totaler Versager in allem, was mit dem Schlafzimmer zu tun hat. Es ist eine Art Fluch.“

Valerio erstarrte und blickte ungläubig auf sie nieder. „Wie kommst du denn auf solchen Unsinn?“

„Mein Beinahe-Ex war sehr ehrlich. Oh, warte! Du musst mir doch das Kleid ausziehen.“ Sie hob die Arme über den Kopf. „Ich kann unmöglich darin schlafen. Hermione wird mich umbringen.“

„Bewusstlose Frauen entkleide ich nicht“, wehrte er ab. „Nicht einmal, um ein Designerkleid zu retten.“

Bei der Erwähnung des Mannes, den sie fast geheiratet hätte, hatte er mit den Zähnen geknirscht. Jetzt aber musste er tief durchatmen, als Dani am Saum ihres Kleides zu ziehen begann. Gleich darauf hatte sie sich hilflos in einem Schwaden grünen Stoffes verfangen.

Valerio stieß eine leise Verwünschung aus und zog das Kleid den Rest des Weges nach oben. Natürlich trug sie nur einen Hauch von Spitze als BH! Die Anspannung in seinem Körper steigerte sich mit jeder weiteren Kurve, die er freilegte.

Endlich hatte er sie ganz aus ihrer Verstrickung befreit. Schwer atmend, als sei er gerade einen Marathon gelaufen, deckte er sie zu. Der drei Sekunden lang währende Anblick ihrer kaum verhüllten Brüste hatte ihn maßlos erregt. Unwillkürlich stellte er sich vor, wie sie sich unter seinen Händen anfühlen würden. Er malte sich aus, wie er mit den Lippen über die Spitzen fuhr und …

Sein Herzschlag dröhnte in seinen Ohren, und auf seiner Stirn sammelten sich Schweißtropfen.

Aber nun lag sie sicher verhüllt vor ihm und rekelte sich unter der Decke wie eine Katze im Sonnenschein. So ruhig hatte er sie noch nie gesehen. Normalerweise war diese Frau wie eine Naturgewalt, immer in Bewegung. Er fragte sich, wann sie das letzte Mal Urlaub oder wenigstens einen freien Tag genommen hatte.

Er trat zurück und wollte sich entfernen, aber Dani öffnete ihre Augen wieder und sah ihn. „Ich möchte dich noch einmal küssen.“ Sie streckte die Arme nach ihm aus.

„Ich weiß nicht, ob du mehr vom Champagner oder von deiner Übermüdung betrunken bist“, versuchte er zu überspielen, was ihre Worte in ihm anrichteten. „Ich muss jetzt gehen.“

„Lass mich nicht allein!“ In ihren Augen schimmerte es plötzlich feucht. „Bleib einfach ein wenig hier liegen!“

Valerio setzte sich auf die Bettkante, nahm ihre Hand und führte sie an seine Lippen. „Einen Moment bleibe ich noch, wenn du versprichst, gleich zu schlafen.“

Seufzend schloss sie die Augen wieder, und eine dicke Träne quoll aus ihrem Augenwinkel. „Alle verlassen mich …“, flüsterte sie im Halbschlaf.

Valerio verspürte bei ihren Worten einen tiefen Stich im Herzen. Zärtlich strich er ihr die Träne von der Wange. „Ich werde dich nicht verlassen.“ Als er die Schuhe abstreifte, ließ ihn der Schmerz in seinem verletzten Bein zusammenzucken. Dann legte er sich neben Dani aufs Bett. Wahrscheinlich hatte sie heute Abend weit mehr von ihren Gefühlen enthüllt, als ihr lieb war.

Er musste an ihre Worte denken.

Mein Beinahe-Ex war sehr ehrlich …

Am liebsten hätte er Dani noch einmal geweckt, um zu erfahren, was der verdammte englische Schnösel gesagt hatte. Er war dem Mann nie begegnet und konnte sich nicht einmal an seinen Namen erinnern, aber er hatte genug von Duarte gehört, um zu wissen, dass Dani etwas Besseres verdient hatte.

Aber auch er selbst war nicht der Richtige für sie. Sie brauchte jemanden, der sie nicht im Stich ließ und keine Geheimnisse hatte. Er war immer glücklich damit gewesen, das Leben eines Junggesellen zu führen, weil er glaubte, irgendwann später einmal sesshaft zu werden. Jetzt wusste er, dass dieser Tag nie kommen würde. Er war nicht für das Familienleben geschaffen wie sein Vater und sein Bruder. Die Männer in der Marchesi Familie waren für ihre verlässliche Besonnenheit bekannt. Irgendwie schien Valerio diese genetische Komponente verpasst zu haben. Er war der Wilde in der Familie.

Innerlich fluchend schloss er die Augen und musste an den Moment denken, in dem er den Ring auf ihren Finger geschoben hatte. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie ihn nicht mehr so angesehen, als würde sie ihn hassen.

Wenn diese Ehe Danis Sicherheit dienen sollte, musste sie echt aussehen. Er musste sicherstellen, dass sie verstand, was das bedeutete. Sie verdiente vielleicht einen besseren Mann als ihn, aber momentan durfte sie mit niemand anderem gesehen werden.

Aufatmend lehnte er seinen Kopf in die Kissen zurück. Er würde bleiben, bis er sicher war, dass sie fest schlief. Das wenigstens war er ihr schuldig.

Dani erwachte mit den furchtbarsten Kopfschmerzen ihres ganzen Lebens und verfluchte innerlich alle, die Champagner für eine gute Idee hielten. Frierend wälzte sie sich auf dem Bett herum, bis sie feststellte, dass sie nur ihre Unterwäsche trug. Und nicht nur das. Sie war nicht allein im Bett.

Neben ihr lag Valerio und schlief, einen Arm hinter den Kopf gelegt. Verschwommene Erinnerungen stiegen auf, wie er ihr ins Bett geholfen hatte. Sie hatte ihm geradezu befohlen, sie auszuziehen, und ihn dann auch noch angefleht, bei ihr zu bleiben.

Sie musterte die schlafende Gestalt neben sich und bemerkte die tiefe Stirnfalte zwischen seinen Brauen. An seinem Schlaf war nichts Friedliches. Jetzt stieß er sogar mit einem Bein nach einer unsichtbaren Gestalt, und aus seiner Brust ertönte ein tiefes Grollen.

Sie richtete sich auf und hielt sich die Decke vor den nackten Busen. Als sie eine Hand auf seine Schulter legte, schoss seine Hand so schnell hoch, dass sie entsetzt zusammenschrak. Er packte sie an den Schultern und drückte sie in die Kissen zurück. Erst als sie aufstöhnte, blinzelte er, und es war, als würde er gerade erst erwachen.

Danazione, fass mich nie wieder an, wenn ich schlafe!“, fuhr er auf. Diesen grimmigen Gesichtsausdruck hatte sie schon einmal gesehen, als er auf der Jacht in Fesseln aufgewacht war. Er machte ihr Angst.

„Du bist der Fremde in meinem Bett!“ Sie verzog das Gesicht, sich nur allzu bewusst, dass sie keine Kleidung trug. Die dünne Decke war das Einzige, was ihren Körper vor seinen Blicken verbarg.

„Habe ich dir wehgetan?“, fragte er, nun wieder kontrolliert und besorgt.

„Nein, du hast mich nur erschreckt“, erwiderte sie mit zittriger Stimme. „Du hast mir nicht wehgetan.“

Langsam stieß er den Atem aus. „Verstehst du jetzt? Deshalb habe ich mich so lange von euch allen ferngehalten. Jedes Mal, wenn ich glaube, alles unter Kontrolle zu haben …“ Seine Stimme erstarb, und er ließ für einen Moment den Kopf an ihre Schulter sinken.

Dani spürte, wie sein Atem über ihre Haut fächelte. Es war ein unglaublich intimes Gefühl. Sie kämpfte innerlich mit sich, ob sie ihn fragen solle, woher diese tranceartigen Anfälle kamen. Bisher hatte er sich stets verschlossen, wenn sie ihn mit Fragen bedrängte. Besser war es, wenn sie wartete, bis er sich von selbst öffnete. Erst dann würde sie erfahren, was ihm in den vergangenen Monaten widerfahren war.

Leider zog er sich allzu bald wieder zurück. Er stand auf und stöhnte kurz, als er sein Bein belastete. Während er sein Hemd zuknöpfte, mied er ihren Blick. „Die geröteten Flecken an deiner Schulter sagen etwas anderes. Aber keine Sorge, so etwas wird nicht wieder passieren.“

Dani runzelte die Stirn. Sein plötzlicher Rückzug war das Gegenteil dessen, was sie sich erhofft hatte. Als sie ihn beim Aufwachen neben sich im Bett liegen gesehen hatte, war sie überrascht, aber nicht ängstlich gewesen. Im Gegenteil, die Überraschung hatte einen freudigen Schauer über ihren Rücken laufen lassen. Sie konnte nur hoffen, dass er davon nichts bemerkt hatte.

Aber diese Sorge erwies sich als überflüssig. Seine Miene war verschlossen, als hätte er einen Vorhang vor seine Gefühle gezogen. Die völlige Leere in seinem Blick ließ sie frösteln. Hastig zog sie die Decke bis zum Kinn hinauf.

„Du wirst mit mir auf der Terrasse frühstücken.“ Er mied ihren Blick, und seine Worte waren eher ein Befehl als eine Einladung. „Ich lasse dich jetzt allein … damit du dich anziehen kannst.“

Mit steifen Bewegungen wandte er sich ab. Die Verletzung an seinem Bein schien schlimmer zu sein, als sie geahnt hatte. Dann war er ohne ein weiteres Wort verschwunden.

5. KAPITEL

In eine ihrer dunkelrosa Lieblingsblusen gekleidet, gepaart mit einer taubengrauen Hose, war Dani bereit für die Arbeit. Die Aufsichtsratssitzung war zwar erst für den späten Nachmittag anberaumt, aber sie hatte einige Akten vorzubereiten und einige Fakten zu bestätigen.

Valerios Anwesenheit war nur ein kleiner Teil ihres Angriffsplans. Gewöhnlich ließ sie sich nie auf eine Auseinandersetzung ein, ehe sie nicht jeden möglichen Blickwinkel berücksichtigt hatte. Heute sollte das nicht anders sein.

Die Haushälterin geleitete sie hinaus auf eine Terrasse, die in goldene Morgensonnenstrahlen getaucht und von einem Kranz leuchtender Frühlingsblüten umgeben war.

Valerio saß bereits am Tisch und blickte auf den Hafen hinunter. Als er Dani erblickte, erhob er sich und schob galant einen Stuhl bereit. Sie war solch ritterliche Gesten nicht gewöhnt, aber ihm als Spross der italienischen High Society war derartiges Verhalten wahrscheinlich zur zweiten Natur geworden.

Dani bedankte sich bei der Haushälterin, die mit einer Schale mit frischem Obst und einer Thermoskanne mit heißem Wasser für den Tee erschien.

„Ich erinnere mich, dass du keinen Kaffee trinkst.“ Valerio blickte missmutig zu ihr herüber.

„Vielen Dank. Das ist sehr aufmerksam von dir.“ Dani wurde warm ums Herz, doch rasch unterdrückte sie das Gefühl. Es war wichtig, wachsam zu bleiben. In der Vergangenheit war Valerio nie unfreundlich zu ihr gewesen … nur gleichgültig. Wenn er nun eine Geste guten Willens zeigte, sollte sie sich darüber freuen.

„Wir müssen über unsere Wohnsituation sprechen“, begann er nach kurzem Schweigen. „Ich bin mir bewusst, dass du noch keines der Häuser, die dein Erbe bilden werden, dauerhaft bewohnen kannst. Meine Villa liegt nicht besonders günstig, aber sie verfügt über ein großes Arbeitszimmer, das du benutzen kannst.“

Dani fühlte, wie ihre Kehle eng wurde, als sie auf den Ring an ihrer linken Hand blickte. Ganz in ihren Gedanken mit der heutigen Sitzung beschäftigt, hätte sie fast vergessen, dass sie auf einmal verlobt war.

„Valerio, wir haben noch nicht einmal über die Einzelheiten unseres Arrangements gesprochen, und du willst bereits, dass ich hier bei dir einziehe?“

„Ja, so bald wie möglich.“ Er wandte den Blick ab. „Natürlich werden wir kein gemeinsames Schlafzimmer haben. Aber es ist besser für deine Sicherheit, wenn wir unter einem Dach leben. Und für den Anschein einer normalen Ehe“, fügte er hinzu.

Dani schüttelte den Kopf. „Wir wissen beide, dass an dieser Ehe nichts normal ist. Aber wahrscheinlich hast du recht.“ Sie lehnte sich zurück und fuhr mit einem Finger am Rand ihrer Teetasse entlang. „Ich habe immer noch einen Mietvertrag für mein Büro in London, aber der lässt sich leicht stornieren. Dein Arbeitszimmer brauche ich allerdings nicht, denn Velamar ist im Moment meine einzige Priorität.“

„Gut.“ Dann wurde ihm bewusst, was sie gerade gesagt hatte. „Halt mal! Du hast keine unabhängigen Klienten mehr angenommen? Warum nicht?“

„Es ist ziemlich schwierig, ganz allein eine globale Marke durch schwierige Zeiten zu führen und dann auch noch für andere Kunden rund um die Welt zu fliegen.“ Sie straffte die Schultern. „Ich habe mich bewusst dafür entschieden, mich ganz auf Velamar zu konzentrieren.“ Ihr Ton war scharf geworden. „So werde ich es auch weiterhin tun, da ich nun Duartes Teil der Verantwortung erben werde.“

Valerio verzog das Gesicht. „Dani, es war nicht meine Absicht, dich mit der Verantwortung für Velamar allein zu lassen. Ich wollte nicht, dass du deine eigene Karriere opferst, um für mich einzuspringen.“

„Dann ist es ja gut, dass ich deine Erlaubnis nicht brauche, nicht wahr?“ Sie schenkte sich Tee nach. „Ich bin nicht hier, um meine Karriereentscheidungen zu diskutieren. Wir sollten besser das Vorrangige besprechen.“

Einen Moment lang sah es so aus, als wolle er mit ihr streiten. Doch dann seufzte er tief auf und stützte sich mit den Händen auf die Tischkante. „Wir werden also vorerst hier wohnen. Aus naheliegenden Gründen werden wir beide keine anderen Beziehungen eingehen, solange diese Vereinbarung besteht. Wird das ein Problem für dich sein?“

„Du bist doch der berüchtigte Schürzenjäger.“ Sie sah ihn herausfordernd an. „Wenn jemand Probleme mit Diskretion hat, dann bin nicht ich das.“

Seine Miene verdüsterte sich. Ihre Bemerkung schien ihn zu verärgern. „Ich rede nicht davon, dass meine Frau mit ihren Seitensprüngen diskret umgehen soll. Als meine Frau wirst du dich aller Affären enthalten. Genauso wie ich.“

Sie erstarrte, als er sie seine Frau nannte, und war verblüfft über die plötzliche Intensität seines Blickes. Noch mehr über die Wirkung, die er auf den Knoten in ihrem Bauch hatte.

Es war kein Geheimnis, dass er gern mit einer Vielzahl schöner Frauen ausging. Seit dem Vorfall in Rio war er zwar mit niemandem mehr fotografiert worden, aber wahrscheinlich war er nur diskret gewesen. Sie bezweifelte ernsthaft, dass sein Name und das Wort „Enthaltsamkeit“ jemals im selben Satz verwendet worden waren.

„Dani, du weißt, welches Bild wir vor der Öffentlichkeit abgeben müssen. Ich wünschte, ich hätte einen anderen Weg gefunden.“

„Ja, ich verstehe, dass du ein großes Opfer bringst, indem du mich heiratest.“ Sie war selbst überrascht, wie scharf ihre Worte klangen. „Aber gut, ich ziehe bei dir ein, und es wird in der Presse keine schmutzigen Fotos von mir mit wechselnden Liebhabern geben. Ich habe verstanden.“

„Gut. Ich bin froh, dass wir uns einig sind.“

Dani ignorierte das Prickeln auf ihrer Haut, das der Klang seiner Stimme hervorrief. In der Nähe von Valerio Marchesi zu sein, verursachte stets ein Gefühlschaos in ihr. Und diesen Mann würde sie heiraten? Wie sollte sie das nur überstehen?

„Gibt es in deinem Plan auch einen Zeitrahmen?“, fragte sie so nonchalant, wie sie nur konnte. „Ich will damit sagen … wie lange müssen wir eigentlich verheiratet bleiben?“

Seine Miene verdunkelte sich. „Sehnst du dich jetzt schon danach, von mir befreit zu sein, Liebling?“

Dass er sie so nannte, ließ sie zusammenzucken. Aber auch ihm schien nicht ganz wohl in seiner Haut. Sie sah, wie er am Kragen seines Hemdes zog, als sei er ihm plötzlich zu eng geworden.

Die angespannte Stille zwischen ihnen wurde durch leise Schritte vor der Tür unterbrochen. Die Haushälterin kam herein und kündigte einen dringenden Anruf von Valerios Bruder an.

„Nimm den Anruf entgegen! Ich muss sowieso ins Büro“, drängte Dani.

„Unser Gespräch ist noch lange nicht beendet, Dani!“

Er stand auf und löste die oberen Knöpfe seines Hemdes. „Ich werde dich zum Mittagessen abholen. Du kannst mich dann über deine Pläne für die Sitzung informieren.“ Mit einem kaum hörbaren Fluch wandte er sich um und verschwand mit schnellen Schritten.

Autor

Katrina Cudmore
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