Julia Gold Band 102

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MASKENBALL DES GLÜCKS
von CAROLE MORTIMER

Heftig flirtet der als Pirat verkleidete Niccolo mit der maskierten Daniella. Doch nachdem sie miteinander geschlafen haben, verschwindet sie ohne ein Wort! Sofort setzt der vermögende Bankier alles daran, die geheimnisvolle Lady zu finden, denn sie hat sein Herz gestohlen …

IM PALAZZO DER SÜSSEN TRÄUME
von CHRISTINA HOLLIS

Venedig. Stadt der Gondeln, Kanäle - und Amore. Zumindest für Elizabeth. Denn hier trifft sie ihre große Liebe wieder: Luca Francesco. Sie hofft auf einen Neuanfang, doch selbst, als er sie zu einem Ball in seinen romantischen Palazzo einlädt, bleibt er unnahbar ...

IM BANN DER GEFÜHLE
von ANNIE WEST

Als Alessandro die schöne Brünette auf dem Maskenball sieht, spürt er: Er kennt sie aus der Zeit vor seinem Unfall, der ihm jede Erinnerung nahm. Doch ihr Blick ist nicht voller Sehnsucht wie seiner, sondern voller Wut und Angst. Warum?

  • Erscheinungstag 07.01.2022
  • Bandnummer 102
  • ISBN / Artikelnummer 9783751508384
  • Seitenanzahl 447
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Carole Mortimer, Christina Hollis, Annie West

JULIA GOLD BAND 102

PROLOG

„Und deshalb lasse ich mich einfach treiben und genieße die wilden Sexorgien mit meinem Tennistrainer in vollen Zügen.“

„Wie bitte?“ Daniella fuhr herum und starrte ihre Freundin Elena quer durchs Wohnzimmer mit großen Augen an.

Die beiden Frauen legten letzte Hand an die Dekoration des exklusiven Landhauses, in das Elena und ihr zukünftiger Mann demnächst einziehen wollten. Die Hochzeit sollte zu Weihnachten stattfinden. Also bereits in einer Woche.

Als begabte Innenarchitektin stand Dani ihren Freunden Brad und Elena seit Monaten zur Seite, um sie bei der Auswahl der Möbel, Wohnfarben und Accessoires zu beraten. Sie wollte ihnen helfen, das riesige Haus in ein wohnliches Heim zu verwandeln, das eines Tages hoffentlich von den zahlreichen Kindern der beiden bevölkert würde.

„Einen Moment mal …“ Danis Augen verengten sich voller Zweifel. „Du hast doch gar keinen Tennislehrer, Elena.“

„Stimmt!“, lachte die hübsche Venezianerin. „Dafür aber endlich deine Aufmerksamkeit gewonnen. Ich rede seit mindestens zehn Minuten auf dich ein, ohne die leiseste Reaktion zu ernten. Wetten, dass du kein einziges Wort mitbekommen hast?“

Dani lächelte reuevoll. „Tut mir leid.“ Dabei hatte sie sich nichts anmerken lassen wollen. Doch Elena kannte sie offensichtlich zu gut, als dass sie ihr etwas vormachen konnte. Auf jeden Fall nicht länger als zehn Minuten, wie es aussah.

Die beiden Frauen kannten sich seit ihrem vierzehnten Lebensjahr. Niccolo, Elenas Bruder und gleichzeitig das Familienoberhaupt des venezianischen D’Alessandro-Clans, hatte seine kleine Schwester für ein Jahr ins gleiche Internat geschickt, in dem auch Dani untergebracht war. Elena sollte ihr Englisch perfektionieren.

Am Ende des Jahres war die Freundschaft zwischen den beiden Mädchen so eng, dass Elena ihren großen Bruder anflehte, die restliche Schulzeit in England verbringen zu dürfen. Es folgte ein erbitterter Kampf, den der aufmüpfige Teenager verlor.

Dani schauderte unwillkürlich in Erinnerung an ihr erstes Zusammentreffen mit Niccolo D’Alessandro. Elena hatte darauf bestanden, dass ihr Bruder sie beide zum Lunch einlud, um ihm ihre neue Busenfreundin vorstellen zu können.

Eingeschüchtert war ein viel zu schwaches Wort, um den Zustand zu beschreiben, in dem Dani sich befand, als sie den arroganten Venezianer errötend begrüßte.

Mit siebenundzwanzig bereits seit vier Jahren führender Kopf der D’Alessandro Privatbank, dazu von imposanter Größe, mit breiten Schultern und aristokratischen Gesichtszügen ausgestattet, war es für Dani nicht schwer, sich vorzustellen, dass er von königlichem Geblüt sein, aber eben auch aus einer Dynastie furchtloser Piraten abstammen könnte.

Dafür sprachen zumindest das lässige, halblange schwarze Haar, der arrogante Erobererblick aus den nachtdunklen Augen, die herrische Nase und der grausame Zug um den festen Mund, der kein Lächeln zu kennen schien.

Dass er außerordentlich attraktiv war, konnte nicht geleugnet werden. Aber es war eine gefährliche Schönheit, der man besser mit Vorsicht begegnete …

Offensichtlich war hingegen seine Meinung über die englische Freundin seiner Schwester. Und das nach einem kurzen Treffen. Ohne Angabe von Gründen lehnte er Elenas Wunsch ab, nur um drei Jahre später zähneknirschend nachzugeben, als sie ihn mit achtzehn erneut unter Druck setzte. Und so kehrte Elena zum Studium nach England zurück.

„Männerprobleme?“, fragte sie ihre immer noch abwesende Freundin.

Dani schüttelte den Kopf und versuchte, die Erinnerung an die Begegnung mit Niccolo zu verdrängen. Immerhin lag die demütigende Erfahrung inzwischen fast zehn Jahre zurück.

„Nicht, was du wahrscheinlich denkst.“

Elena schüttelte ihre seidige dunkle Mähne. In ihren warmen braunen Augen lag freundschaftliches Interesse. „Lass mich raten. Entweder du hast einen Mann im Auge, der sich nicht willig zeigt, oder du hast keinen und würdest diesen Zustand gern ändern.“

„Ich hatte bereits einen, wie du dich vielleicht erinnern wirst“, führte Dani trocken an.

Elena krauste die Stirn. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich Philip tatsächlich als Mann deines Interesses bezeichnen würde …“

„Ich war mit ihm verheiratet!“

Elena nickte bedächtig. „Technisch gesehen, ja. Aber praktisch gesehen wissen wir doch beide, dass eure Ehe in Wahrheit nicht einmal den Honeymoon überlebt hat.“

Zu Danis immerwährender Schmach, Demütigung und Frustration …

Philip hatte ausgesehen wie ein griechischer Gott. Er war zuvorkommend, amüsant und charmant gewesen … bis kurz nach ihrer überstürzten Eheschließung. Bereits während der Hochzeitsreise erhob sich hinter der blendenden Fassade die hässliche Fratze übersteigerter, geradezu krankhafter Eifersucht.

Ihr frisch angetrauter Mann verwandelte sich plötzlich in ein Monster. Er beschuldigte Dani, mit jedem Mann, dem sie freundlich zulächelte, oder der auch nur ihren Weg kreuzte, ein Verhältnis zu haben. Vom ältlichen Portier, der ihre Koffer trug, bis zum Kellner, der ihnen an ihrem ersten Abend in Florenz das Dinner servierte – in jedem sah er einen potenziellen Rivalen.

An die Szene, die der letzten Beschuldigung folgte, nachdem sich die Tür ihrer Hotel-Suite hinter ihnen geschlossen hatte, wollte Dani lieber nicht zurückdenken!

Die Folge war: Das frisch getraute Paar kehrte jeder für sich vom Honeymoon in Bella Italia zurück. Einen Tag später reichte Dani die Scheidung ein, und seither hielt sie sich strickt von allem fern, dem auch nur im Ansatz das Etikett romantisch anhaftete, weil sie ihrem Urteil in Sachen Männer einfach nicht mehr vertrauen konnte.

„Da gibt es niemanden.“

„Dann wird es höchste Zeit, das zu ändern“, entschied Elena, die es nicht mehr ertragen konnte, ihre beste Freundin solo zu sehen, nachdem sie bereits ein Jahr lang mit ihrem Verlobten im siebten Himmel schwebte. „Nicht alle Männer sind wie Philip, und deshalb …“

„Aber eine Garantie dafür habe ich nicht“, schnitt Dani ihr das Wort ab. „Und deshalb bleibe ich lieber unbemannt. Zumindest, solange ich die Wahl habe …“, fügte sie grimmig hinzu und war damit wieder bei dem leidigen Thema, das sie schon den ganzen Tag über beschäftigte.

Innerlich verwünschte sie ihren halsstarrigen Großvater, und das nicht zum ersten Mal, seit sie die unglaubliche Nachricht erhalten hatte. Welcher Mensch, der noch bei klarem Verstand war, würde so eine Klausel in sein Testament aufnehmen? Außer ihrem Großvater …

Der Gedanke, dass sie es in der Hand haben sollte, ob ihre Eltern Wiverley Hall, ihr Heim in Gloucestershire, verlieren würden, war ihr unerträglich. Ihr Vater hatte die besten Jahre seines Lebens damit verbracht, die Gebäude instand zu setzen und einen anerkannten Reitstall aufzubauen, in dem Rennpferde trainiert wurden.

„Was willst du damit andeuten?“, fragte Elena hellhörig. „Mit der letzten Bemerkung, meine ich.“

Dani zögerte. Sie hatte ganz sicher ein Problem, über das sie erst einmal gründlich nachdenken musste. Allerdings kein akutes, solange ihr Großvater noch fit und wohlauf war.

„Gar nichts“, behauptete sie knapp und milderte die schroffe Antwort mit einem Lächeln. „Erzähl mir lieber, ob du mit deinen Hochzeitsvorbereitungen im Zeitplan bist.“

„Oh nein, Daniella Bell! So leicht kommst du mir nicht davon!“, beharrte Elena. „Also ziere dich nicht länger. Erzähl …, und zwar alles!“

Wider Willen vertiefte sich Danis Lächeln. Sie hätte es wissen müssen.

Ahnte Elena auch nur im Entferntesten, dass ihre beste Freundin irgendetwas bedrückte, ließ sie nicht locker. Wie ein Jagdhund, der eine Spur aufgenommen hatte, verfolgte sie diese, bis sie genau wusste, wohin sie führte.

Vielleicht war es ja auch nicht das Schlechteste, Elena in ihre Misere einzuweihen. Denn mit irgendjemandem musste sie schließlich über das verflixte Testament reden, wenn sie nicht verrückt werden wollte.

Dani seufzte. „Du erinnerst dich an meinen Großvater Bell?“

„Ha! Wie könnte ich den wohl vergessen!“ Elena schüttelte sich fast. „Zwei Mal bin ich ihm begegnet, das hat mir gereicht. Einmal auf deiner Hochzeit und lange davor, als ich für ein Wochenende bei deinen Eltern eingeladen war. Er ist noch viel konservativer als mein steifer Bruder! Junge Ladies sollten nur zu sehen, aber niemals zu hören sein“, imitierte sie Daniel Bells harschen Tonfall.

„Wie deine arme Mutter es mit diesem Griesgram im Haus all die Jahre ausgehalten hat, ist mir ein Rätsel. Ich jedenfalls … Ups, entschuldige!“, bat sie hastig, als ihr klar wurde, wie unhöflich sie war, doch Dani schüttelte den Kopf.

„Schon gut. Dass er mein Großvater ist, macht mich nicht blind für seine Fehler. Er war schon immer ein Kontrollfreak und schrecklicher Tyrann“, gestand sie offen. „Das Problem ist nur … nicht meine Eltern haben ihn bei sich aufgenommen, sondern er ist es, dem Wiverley Hall gehört.“

„Das ist also der Grund dafür, warum deine Mutter das alles erträgt!“

Dani nickte trübe. „Ja, leider. Und er hat ihr und der ganzen Welt gegenüber nie ein Hehl aus seiner Enttäuschung darüber gemacht, dass sein einziges Enkelkind auch noch weiblich ist.“

„Aber wie könnte er von dir enttäuscht sein?“, fragte Elena entrüstet. „Du bist doch einfach umwerfend. Himmel, wie oft habe ich mir gewünscht, auch ein zierlicher, graziöser Rotschopf zu sein! Erinnerst du dich noch daran, wie ich mir vor fünf Jahren die Haare gefärbt habe, nur um so auszusehen wie du?“ Sie kicherte wie ein kleines Mädchen. „Niccolo war so wütend darüber, dass ich schon befürchtete, er würde mir den Kopf kahl scheren und mich postwendend in den Flieger nach Venedig setzen.“

Dani erinnerte sich nur zu gut an Niccolos Englandbesuch vor fünf Jahren …

Vor allen Dingen aber an den mörderischen Blick, den er ihr zuwarf, als sie ihn am Flughafen erwarteten, und er sah, was Elena mit ihrem langen, von Natur aus dunkelbraunen Haar angestellt hatte.

„Und um deine smaragdgrünen Märchenfeenaugen beneide ich dich immer noch glühend“, gestand Elena seufzend. „Außerdem bist du eine der talentiertesten und erfolgreichsten Innenarchitektinnen Londons.“

„Was ich hauptsächlich dir und anderen guten Freunden zu verdanken habe, die mir einen Auftrag nach dem anderen zukommen lassen“, relativierte Dani.

„Darum geht es gar nicht“, erklärte Elena streng. „Fest steht, dass dein Großvater allen Grund hat, extrem stolz auf dich zu sein!“

Elenas vehementes Eintreten für sie tat Dani richtig gut. „Das ist sehr lieb von dir, aber leider habe ich das falsche Geschlecht. Und daran kann weder ich noch sonst jemand irgendetwas ändern.“

Elena murmelte etwas auf Italienisch, das bestimmt nicht als Kompliment für Daniel Bell gemeint war. „Dein Großvater ist nur ein Landbesitzer, kein Adliger“, stellte sie mit der schönen Arroganz einer blaublütigen Lady fest, deren Vorfahren dem italienischen Hochadel angehörten. Allerdings soll auch der eine oder andere blutrünstige Pirat darunter gewesen sein.

Dani lächelte schief. „Das ist, zumindest was meinen Großvater betrifft, dasselbe. Land bedeutet Reichtum und Ansehen!“ Die Imitation des halsstarrigen alten Mannes war ihr ebenso gelungen wie zuvor Elena. „Wie auch immer, ich bin und bleibe eine große Enttäuschung für ihn. Als Philip und ich uns gleich nach den Flitterwochen wieder haben scheiden lasen, ohne dass ich schwanger war, dachte ich schon, er bekommt einen Herzinfarkt!“

„Weiß er denn, warum du dich von ihm getrennt hast?“

Dani lachte bitter. „Kannst du dir irgendjemanden aus unserer Familie vorstellen, der den Schneid hätte, Philips Problem ausgerechnet ihm zu erläutern?“

Daniel Bell stand kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag, und ein Erklärungsversuch über Philips pathologische Eifersucht und Gewalttätigkeit nach ihrer Hochzeit hätte ihn unter Garantie dazu verleitet, ein noch harscheres Statement über das unziemliche Streben nach Gleichberechtigung der heutigen Generation von Frauen abzugeben. Ein wunder Punkt für ihn, den er Dani ohnehin häufig genug unter die Nase rieb.

„Aber das Scheitern eurer Ehe hatte absolut nichts mit dir zu tun! Das weißt du doch, oder?“, empörte Elena sich und umfasste warm die Hand ihrer Freundin. „Ich betone das nur deshalb noch einmal ganz deutlich, weil es seitdem keinen einzigen Mann mehr in deinem Leben gegeben hat.“

Dani war aufrichtig dankbar für das Mitgefühl, aber da genau dieser Umstand der Grund für ihre momentane Gemütslage war, hätte sie das Thema am liebsten gemieden.

„Komm, rede mit mir, Dani. Ich sehe doch, wie dich diese Geschichte immer noch bedrückt.“

Normalerweise wäre das nicht so, überlegte Dani ernsthaft. Dann wäre nämlich ihr Vater nach dem Tod seines Vaters der rechtmäßige Erbe gewesen und hätte alles, was er in den langen Jahren aufgebaut und bewirtschaftet hatte, auch geerbt. Außer, ihr Großvater änderte seinen Letzten Willen …

„Mein Vater wird Wiverley Hall und den Reitstall nur bekommen, wenn ich vor dem Tod meines Großvaters einen Erben geliefert habe … oder wenigstens Anzeichen dafür zu sehen sind“, erklärte sie bitter. „Andernfalls wird der gesamte Besitz veräußert und das Geld wohltätigen Zwecken zugeführt.“ Wort für Wort wiederholte sie die demütigende Klausel, die Daniel Bell erst kürzlich in sein Testament aufgenommen hatte. Sozusagen als Druckmittel, da seine Enkelin keine Anstalten machte, sich nach ihrer gescheiterten Ehe erneut zu binden.

Elena war so geschockt, dass sie förmlich nach Luft schnappte. „Aber … aber das ist pure Bösartigkeit!“, empörte sie sich.

„Du sagst es“, pflichtete Dani ihr bei und hob hilflos die Schultern. Gleichzeitig fühlte sie sich aber erleichtert, weil sie ihre Last jetzt mit jemand anderem teilen konnte als mit ihren Eltern. Die hatten auf die Hiobsbotschaft völlig entsetzt reagiert, aber noch längst nicht so wie ihre Tochter.

Doch im Gegensatz zu Dani versuchten sie, sich mit dem Unvermeidlichen zu arrangieren. Elena hatte recht. Seit dem Ehedesaster mit Philip hielt Dani sich in Sachen Männer absolut zurück und war weit davon entfernt, auch nur an eine ernsthafte Beziehung zu denken. Wie, bitte schön, sollte sie so den von Großvater Bell ersehnten Erben produzieren können?

Vielleicht, indem sie auf offener Straße irgendeinen Fremden kaperte und sich ihn zu Willen machte? Oder irgendjemanden dafür bezahlte, dass er sie schwängerte? Das Ganze war absolut grotesk und aussichtslos!

Wie erwartet hatten ihre Eltern beschlossen, die unsägliche Klausel einfach zu ignorieren und Dani nahegelegt, dasselbe zu tun. Wenn es so weit war, würden sie sich um alles kümmern und ihren Reitstall irgendwo anders wieder aufbauen.

Aber Dani wusste, dass sie es in erster Linie sagten, um sie zu beruhigen und zu entlasten. Denn da Daniel Bell auch die Kontrolle über die finanziellen Mittel der Familie hatte, war das leichter gesagt als getan.

Elena war immer noch fassungslos. „Dann rechnet der alte Sturkopf also damit, dass du erneut heiratest?“

Ihre Freundin zuckte mit den Schultern. „Wie du weißt, bin ich entschlossen, mich nie wieder in dieser Art zu binden, also ist es unerheblich, was er sich wünscht oder nicht“, erklärte sie in einem Anflug von Trotz.

„Aber Dani …“

„Nie wieder will und werde ich mich so angreifbar machen, Elena!“ Es klang wie ein Schwur. „Daran kann selbst dein und Brads sichtbares Glück, das ich euch von Herzen gönne, nichts ändern. Außerdem hat mein Großvater tatsächlich angedeutet, dass ich ja nicht unbedingt verheiratet sein müsse, um den gewünschten Erben zur Welt zu bringen“, eröffnete sie spröde.

„Unglaublich!“, keuchte Elena überwältigt. „Und ich hielt schon Niccolo für den Gipfel an Arroganz und Uneinsichtigkeit, als er mir vorschreiben wollte, dass ich einen Venezianer anstatt eines Engländers heiraten sollte. Aber das ist … archaisch!“

Auch Dani erinnerte sich noch gut an diese Konfrontation und an Niccolos anklagenden Blick, weil er natürlich sie dafür verantwortlich machte, dass seine jüngere Schwester sich den Wünschen des Familienoberhauptes vehement widersetzte.

Und da Elenas und Brads Hochzeit in einer Woche stattfinden würde, war offensichtlich, wer die Schlacht vor einem Jahr für sich hatte entscheiden können. Unter Garantie ein weiterer Minuspunkt auf ihrer Mängelliste bei Niccolo D’Alessandro, befürchtete Dani im Stillen.

„Ich weiß es, und du weißt es“, zog Dani anscheinend gleichmütig ein Resümee. „Mein Großvater hat sich allerdings noch nie durch Vernunft, Einsicht oder Milde ausgezeichnet.“

„Aber …“

„Können wir jetzt bitte von etwas anderem sprechen, Elena?“, unterbrach Dani ihre Freundin. „Ich habe die ganze letzte Woche über dieser leidigen Angelegenheit gebrütet, und es hat mir nichts als Kopfschmerzen und üble Laune eingebracht.“

„Das überrascht mich kein bisschen! Du hättest dich mir viel eher anvertrauen sollen. Und ich wünschte …“

„Elena, bitte …! Was ist denn mit Niccolo? Ist er schon in England eingetroffen?“

Elena warf ihrer Freundin einen schnellen Seitenblick zu, da Danis Antipathie gegen ihren großen Bruder eines ihrer absoluten Schmerzthemen war. „Nein, und du kannst mir gleich wieder den Mund verbieten, aber ich werde nie verstehen, warum ihr beide euch so spinnefeind seid.“

Dani lachte spöttisch. „Wieso? In einem Punkt sind wir uns zumindest absolut einig. Je weniger wir voneinander sehen und hören, desto besser …“

„Aber ihr seid für mich die zwei liebsten Menschen auf der Welt!“, protestierte Elena leidenschaftlich. „Außer Brad natürlich!“, fügte sie rasch hinzu. „Und trotzdem kann man die Spannung mit Händen greifen, wenn ihr auch nur zusammen im gleichen Raum seid.“

Niccolo D’Alessandro war inzwischen siebenunddreißig, gegenüber Danis vierundzwanzig Lenzen, und ihre damalige Schwärmerei für den smarten Venezianer hatte sich mit den Jahren zu einer gegenseitigen Feindseligkeit manifestiert. Auf Niccolos Seite war es wohl eine Mischung aus grundsätzlicher Ablehnung und Enttäuschung, besonders nach ihrer kurzen Ehe, auf Danis Seite reiner Selbstschutz.

„Wir können einfach nichts miteinander anfangen“, erklärte sie leichthin.

„Aber warum nur?“, fragte Elena, die nicht so schnell aufgeben wollte, verzweifelt. „Gut, ich bin seine Schwester, aber ich bin auch eine Frau und nicht blind. Mein Bruder ist unzweifelhaft das Paradebeispiel eures englischen Qualitätsstempels für das starke Geschlecht: Tall, Dark and Handsome, und er hat eine sehr gefährliche sexuelle Aura. Das haben mir zumindest alle Mädchen versichert, die über mich an ihn herankommen wollten. Und du bist so umwerfend …“

„Du wiederholst dich“, unterbrach Dani trocken. „Außerdem ändert all das nichts an der Tatsache, dass ich förmlich Ausschlag bekomme, wenn dein Bruder nur in meiner Nähe auftaucht, und ihm scheint es nicht anders zu ergehen.“

Elena warf die Arme hoch und seufzte theatralisch. „Das ist mir einfach ein Rätsel! Niccolo ist von Natur aus so … so korrekt und venezianisch, außer, wenn es um dich geht!“

Dani lachte, diesmal aufrichtig belustigt. „Das ist wohl eines jener Geheimnisse des Lebens, die du einfach akzeptieren musst, Sweetheart“, neckte sie ihre Freundin und schaute auf ihre Armbanduhr. „Ich befürchte, es wird Zeit für mich. Ich habe noch eine andere Verabredung in der Stadt.“

„Aber ich wollte dir noch von unseren Plänen für die Flitterwochen erzählen!“

„Was, ehrlich gesagt, momentan kein Thema ist, für das ich mich erwärmen kann“, bekannte Dani offenherzig. „Außerdem muss ich jetzt wirklich gehen.“

„Vergiss aber nicht, dass morgen früh die Anprobe für dein Brautjungfern-Outfit ist“, erinnerte Elena sie.

„Als ob du das zulassen würdest!“, spottete Dani liebevoll und schwang ihre riesige Umhängetasche über die Schulter. Sie trug ihre normale Arbeitskleidung. Heute waren es schwarze, eng sitzende Jeans zu einem weichen Kaschmirpullover im gleichen Grün wie ihre Augen. „Obwohl ich nicht glaube, dass es irgendjemandem auffällt, was ich trage, wenn du in diesem Traum aus weißer Spitze auf der Bühne erscheinst.“

Elena lächelte geschmeichelt. „Auf jeden Fall habe ich vor, dich am nächsten Samstag all meinen unverheirateten Cousins vorzustellen“, versprach sie vollmundig.

„Tu, was du nicht lassen kannst, aber ich habe nicht die Absicht, mich in irgendeinen von ihnen zu verlieben. Besonders nicht, wenn sie deinem arroganten Bruder auch nur eine Spur ähneln sollten!“

„Na gut, vielleicht nicht gleich beim ersten Treffen“, gab Elena nach. „Aber was ist mit dem Maskenball, zu dem ich im Sommer in diesem wundervollen Ambiente die ganze Familie und all meine Freunde einladen will?“

Dani wusste, dass Elenas Vorliebe für üppige Feste und Partys mit ein Grund gewesen war, dass sie sich ausgerechnet für dieses Anwesen begeistert hatte. Ein Blick über den weitläufigen Garten mit dem alten Baumbestand, und der Plan für einen Maskenball nach venezianischer Sitte war eine beschlossene Sache. Allerdings sollte er nicht zu Beginn des Jahres stattfinden, sondern im folgenden August. Kurioserweise war ihre Freundin deswegen mindestens so aufgeregt wie über ihre bevorstehende Hochzeit.

„Nicht einmal dann!“ Es klang wie ein Versprechen.

„Aber jeder verliebt sich während des venezianischen Karnevals!“, behauptete Elena. „Meine Tante Carlotta hat mir mal erzählt, sie habe die ganze Nacht über mit einem aufregenden Maskierten geflirtet. Später stellte sich allerdings heraus, dass es Onkel Matteo war! Also ihr eigener Gatte!“

Dani lachte. „Hoffentlich war es eine angenehme Überraschung für sie.“

„Tante Carlottas geröteten Wangen nach zu urteilen, als ich sie dasselbe gefragt habe, auf jeden Fall. Und das soll für beide Seiten gegolten haben.“

„Elena!“, rief Dani in gespielter Entrüstung aus. „Du bist wirklich unmöglich!“

„Warte nur den Maskenball im nächsten Sommer ab. Eine bessere Gelegenheit, sich danebenzubenehmen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, gibt es einfach nicht.“

„Sieht dein Bruder das auch so?“

Elena tat nicht einmal so, als müsse sie nachdenken. „Niccolo wahrscheinlich nicht“, gab sie widerstrebend zu. „Aber davon musst du dich nicht beeinflussen lassen. Bis zur Party vergehen noch Monate, und falls das Problem mit deinem Großvater bis dahin noch nicht gelöst sein sollte … Eine bessere Gelegenheit wirst du im ganzen Leben nicht geboten bekommen.“

„Pfui, Elena …“, rügte Dani ihre Freundin. „Ich weiß, du meinst es nur gut, trotzdem … Nein.“

„Aber …“

Nein, Elena! Vergiss es.“

„War ja nur so eine Idee …“, maulte die Gescholtene vor sich hin.

„Und zwar eine ziemlich lausige“, stellte Dani abschließend fest und wandte sich zum Gehen. Dabei prallte sie gegen ein kompaktes Hindernis, das sich eben noch nicht neben ihr befand. Es erwies sich als eine solide, breite Männerbrust, und als Dani erschrocken zurückwich, schaute sie direkt in die missbilligenden schwarzen Augen von Niccolo D’Alessandro.

Während sie noch vor Schreck um Atem rang, kräuselte er die klassisch geschnittenen Lippen und hob mokant eine dunkle Braue. „Daniella … ich hätte es wissen müssen.“

Sein sarkastischer Ton trieb heiße Röte in ihre Wangen. „Was hättest du wissen müssen?“, hakte sie aggressiv nach. Der Gedanke, wie sehr sich die roten Flecken auf ihren Wangen mit ihrer Haarfarbe beißen mussten, trug nicht gerade zu Danis Selbstbewusstsein bei.

Aber zumindest hatte sie jetzt die Antwort auf ihre vorhin gestellte Frage. Niccolo D’Alessandro war offensichtlich bereits in England eingetroffen, um der Hochzeit seiner kleinen Schwester am folgenden Wochenende beizuwohnen.

Doch woher dieses unangenehme Ziehen in ihren Brüsten und das flaue Gefühl im Magen plötzlich rührten, darüber wollte sie lieber gar nicht erst nachdenken …

Lieber Himmel!

Wie sicher hatte sie sich gefühlt, dass sie über diese unselige Schwärmerei hinweg war. Besonders nach dem, was Philip ihr angetan hatte, fühlte sie sich immun gegen jedwede Versuchung und Anziehung. Und nun das! Ausgerechnet bei Niccolo D’Alessandro erwachten Emotionen zu neuem Leben, die sie längst für erloschen gehalten hatte!

Unter gesenkten Wimpern hervor betrachtete sie sein dunkles Gesicht. Die Jahre seit ihrem letzten Treffen hatten sich in feinen Linien um die nachtschwarzen Augen und den festen Mund niedergeschlagen, doch seltsamerweise schien das seine Attraktivität nicht zu beeinträchtigen, sondern eher noch zu steigern. Sie gaben ihm tatsächlich diese gefährliche Aura, von der Elena eben noch gesprochen hatte.

Ja, Niccolo war gefährlich. Daran bestand für Dani nicht der leiseste Zweifel. Immerhin konnte sie das aus eigener Erfahrung bestätigen. Er vermittelte das Gefühl von Macht und Dominanz gegenüber jedem, der sich in seine Nähe wagte.

Aber nicht bei ihr! Dani hatte dominante Männer ein für alle Mal satt! Philip und ihr Großvater … das reichte für ein ganzes Leben.

„Ist auch egal“, beantwortete sie sich ihre eigene Frage und wandte sich ab.

„Ich … ich dachte, heute Morgen wäre die passende Gelegenheit für Niccolo, sich das neue Haus anzuschauen“, meldete sich Elena ungewohnt schüchtern aus dem Hintergrund.

Allein, dass sie ihr dabei nicht in die Augen schaute, machte Dani klar, dass ihre beste Freundin sich noch etwas ganz anderes von ihrer kleinen Intrige versprochen hatte. Seufzend schüttelte sie den Kopf.

„Wie auch immer. Ich muss jetzt wirklich los.“

„Doch nicht etwa meinetwegen, Daniella?“ Niccolos dunkle Stimme mit dem weichen Akzent schien ihre empfindliche Haut zu streicheln.

Unbewusst rieb sie sich die Arme und reckte das Kinn vor. „Absolut nicht. Ich war bereits im Aufbruch, bevor du aufgetaucht bist.“

Niccolo betrachtete Daniella Bell aus schmalen Augen. Das tizianrote Haar trug sie länger als zu Elenas Verlobungsparty vor einem Jahr. Es war stufig geschnitten und fiel in weichen Wellen über ihre Schultern hinab. Die jadegrünen Nixenaugen wurden von einem dichten Kranz dunkler Wimpern beschattet, was ihnen ein geheimnisvolles Aussehen verlieh.

Auf der zierlichen Nase tummelten sich Dutzende von Sommersprossen, aber das Gesicht war schmaler als in seiner Erinnerung, sodass die weichen Lippen über dem festen Kinn noch voller und herausfordernder wirkten. Der Gewichtsverlust zeigte sich auch bei der extrem schmalen Taille, obwohl die anderen weiblichen Attribute immer noch erfreulich voll und rund waren.

Und wenn Niccolo D’Alessandro sich nicht sehr irrte, war sie unter dem engen Kaschmirpullover nackt …

Sein Mund verhärtete sich. Vor zehn Jahren hatte er die Begeisterung und Schwäche seiner jüngeren Schwester für das schlaksige englische Mädchen weder verstehen noch teilen können, und einen weiteren Schulaufenthalt in England rundheraus verboten. Elena hatte sich seinem Diktat natürlich unterwerfen müssen, die Freundschaft aber mit endlosen Briefen und Telefonaten eisern am Leben erhalten.

Und kaum dass sie achtzehn war, informierte Elena ihn über ihre Studienpläne in England, wo sie sich Daniella Bell sofort wieder anschloss. Wenn überhaupt möglich, war die Verbindung der beiden ungleichen Freundinnen seitdem noch gewachsen und noch viel enger als zuvor.

Niccolo musste widerstrebend zugeben, dass sich Daniella mit den Jahren zu einer selbstbewussten jungen Frau und ganz passablen Schönheit gemausert hatte. Außerdem sparte Elena ihm gegenüber nicht mit Komplimenten über die außerordentlichen Talente ihrer Freundin als begabte Innenarchitektin.

Trotzdem erschien sie ihm immer noch nicht als wünschenswerter Kontakt für Elena. Und erst recht nicht nach ihrer seltsamen Eheschließung und Blitzscheidung vor zwei Jahren. Das zeigte doch nur einmal mehr ihr unstetes Wesen.

„Wir sehen uns …“ Hastig küsste Dani die Freundin auf die Wange und bedachte Elenas Bruder mit einem knappen Kopfnicken. „Mr. D’Alessandro …“

Als der über Daniellas Schulter den gleichen Ausdruck auch auf dem Gesicht seiner Schwester bemerkte, lächelte er schief. So leicht konnte man also gleich bei zwei Frauen in Ungnade fallen!

„Was, für mich keinen Abschiedskuss?“, versuchte er die angespannte Stimmung mit einer scherzhaften Herausforderung aufzulockern.

„Ich wüsste nicht, dass wir beide auf so vertrautem Fuß miteinander stehen“, fertigte Dani ihn kühl ab.

„Was nicht ist, kann ja noch werden“, erklärte er sonnig. „Vielleicht, wenn wir uns bei der Hochzeit wiedersehen …?“

„Ich denke, auf das Vergnügen kann ich getrost verzichten“, blockte Dani gereizt ab und wollte an ihm vorbei aus der Tür rauschen. Doch Niccolo hielt sie am Arm zurück und versuchte sein Bestes, das schadenfrohe Gelächter seiner Schwester über die bravouröse Abfuhr, die er gerade hatte einstecken müssen, zu ignorieren.

Vor zehn Jahren war Daniella Bell ihm noch mit Respekt, ja fast mit Ehrfurcht begegnet. Daran erinnerte sich Niccolo sehr gut. Später wurde daraus eine Art jungmädchenhafter Schwärmerei, die er beschloss, nicht zur Kenntnis zu nehmen, da die Anhimmelei eines Teenagers einen echten Mann von Mitte zwanzig eigentlich nur langweilen konnte.

Als er schließlich Elena zu Studienbeginn nach England begleitete, schien Daniella längst von dieser Schwäche kuriert zu sein. Und sollte wider Erwarten noch etwas von der kindlichen Verblendung übrig geblieben sein, hatte sie die in den letzten fünf Jahren unter Garantie endgültig abgelegt.

Genau genommen kannte Niccolo eigentlich niemanden, der ihm mit weniger Respekt und Sympathie entgegenkam, als die erwachsene Daniella Bell!

Als Oberhaupt der Familie und der D’Alessandro Privatbank war er daran gewöhnt, Macht und Einfluss gar nicht erst ausspielen zu müssen, um Achtung und Zustimmung zu ernten. Auch wenn der Prinzentitel im Verlauf der Jahrhunderte als wohlklingendes Anhängsel an den Familiennamen längst verschwunden war, zeugte doch der Palazzo D’Alessandro immer noch von der Stellung und dem Einfluss der Familie im heutigen Venedig … und über die Grenzen hinaus.

Und niemand, weder aus seiner Familie noch Geschäftspartner, Angestellte der Bank oder Bedienstete im palazzo, hatten sich je gegen ihn erhoben oder ihm ihre Meinung frank und frei ins Gesicht gesagt, wie Daniella Bell es tat.

Und schon erst recht nicht eine ihrer Geschlechtsgenossinnen, die er zeitweise mit seiner Aufmerksamkeit bedachte!

„Die Aussicht auf einen Kuss zwischen uns beiden ist für mich ebenso verlockend wie für dich“, zog er sie auf, und gegen ihren Willen schnappte Dani auch noch nach dem ausgelegten Köder.

„Wie schön, dass wir wenigstens in einem Punkt gleicher Meinung sind!“, zischte sie aufgebracht, machte sich mit einem Ruck von ihm los und verschwand durch die Tür.

„Warum tust du das, Niccolo?“, fragte seine Schwester nicht unfreundlich.

„Tue ich was?“, gab er gereizt zurück.

„Dich wie ein … ein typischer Venezianer zu benehmen!“

Ihr Bruder hob arrogant die Brauen. „Vielleicht, weil ich genau das bin?“

Ich weiß das! Aber musst du es denn auch meiner besten Freundin gegenüber heraushängen lassen?“

Niccolo sah, dass Elena ernsthaft verstimmt war, und lächelte reuig. „Daniella Bell bringt tatsächlich immer wieder meine schlechtesten Seiten zum Vorschein, befürchte ich.“

„Und du in ihr!“, beschuldigte ihn Elena.

Ihr Bruder musterte sie kurz und zuckte mit den Schultern. „Dann ist es wohl das Beste, wenn wir uns so wenig wie möglich über den Weg laufen“, entschied er gelassen.

Elena seufzte. „Das glaube ich langsam auch …“

„Na, komm schon. Lass den Kopf nicht hängen, sorellina. Nach deiner Hochzeit werden deine Freundin und ich kaum einen Grund haben, uns noch einmal zu treffen.“

„Und was ist mit meinem Maskenball im nächsten Sommer? Da lauft ihr euch schon wieder über den Weg!“

Nicht, wenn ich weiß, hinter welcher Maske Miss Daniella Bell ihr freches Gesicht verbirgt, schwor sich Niccolo insgeheim. Denn dann werde ich sie wie die Pest zu meiden wissen!

1. KAPITEL

Acht Monate später …

Dani fühlte sich schrecklich eingeengt, und ihr war unbehaglich heiß unter dem schweren Kostüm, als sie erst nach zehn Uhr auf Elenas Maskenball erschien.

Ein unvorhersehbares Problem mit einem ihrer Klienten hatte verhindert, dass sie rechtzeitig fertig wurde. Und als das bestellte Taxi schließlich vor ihrer Tür stand, ergab sich ein weiteres Problem.

Es war ein sehr warmer Abend, und in ihrem Kleid aus schwerem Samt und glitzerndem Goldstoff erstickte sie fast. Zudem machten sich auch noch die Reifen unter dem langen Rock selbstständig und schlugen ihr beim Einsteigen fast ins Gesicht.

Wie, um alles in der Welt, hatten die Frauen vor zweihundertfünfzig Jahren nur in diesen monströsen Gewändern gehen, tanzen oder gar noch essen und trinken können?

In Brads und Elenas Landhaus angekommen, überließ Dani ihren Umhang Jamieson, dem Butler, der sie höflich, aber distanziert wie einen neutralen Gast begrüßte. Was für meine Verkleidung spricht! freute Dani sich dann doch, als sie vor den riesigen Garderobenspiegel trat und kritisch ihr Konterfei betrachtete.

Das rote Haar hatte sie nach der damals herrschenden Mode weiß überpudert, und die goldene Gesichtsmaske reichte von den Brauen bis zur Oberlippe und verbarg jede Regung ihres Gesichts, was sogar auf sie selbst einen befremdlichen Eindruck machte. Der weite Ausschnitt des eng geschnürten Goldmieders verhalf ihr zu einer unglaublichen Wespentaille und präsentierte die hoch angesetzten runden Brüste wie reife Pfirsiche in einer Gourmetfrüchte-Auslage.

Zufrieden schaute Dani an sich herunter auf die Spitzen ihrer goldenen Ballerinas, die unter dem bodenlangen Reifrock hervorlugten. Ja, sie war so bereit, wie man es überhaupt nur sein konnte, sich unter die anderen Gäste zu mischen, die sich momentan offenbar alle draußen im Garten befanden.

Erst gestern hatte sie zuletzt mit Elena telefoniert, die sie ausführlich mit allen Plänen für ihr bevorstehendes Fest vertraut machte. Der Garten sollte mit unzähligen Lichtern illuminiert werden. Mit Lampions in den Bäumen, Lichterketten, Fackeln und Kerzen in hohen Gläsern. Auf einer Bühne würde ein kleines Orchester romantische Melodien spielen, und überall gäbe es lauschige Plätze, wohin sich Paare zurückziehen konnten.

Obwohl derart vorbereitet, stockte Dani förmlich der Atem, als sie aus dem Haus auf die Terrasse trat und wie in Trance die breiten Steinstufen zum Garten hinunterschritt, wobei ihr langer Rock sich um ihre Hüften bauschte und die Reifen munter wippten. Benommen von der fast unwirklichen Schönheit um sie herum, steuerte sie auf den Rosengarten zu, wo Elena und Brad ihre Gäste begrüßen wollten, wie Jamieson ihr verraten hatte.

Die Kostüme der über zweihundert anwesenden Gäste waren alle äußerst farbenprächtig und stilvoll, ebenso wie die unterschiedlichen Maskierungen. Besonders die kostbaren Originalmasken von Elenas venezianischer Verwandtschaft wirkten mit ihren aufwendigen Verzierungen so fremd und unwirklich, dass Dani sich tatsächlich in ein anderes Jahrhundert versetzt fühlte.

Und angesichts der vielen verschwiegenen Winkel im unbeleuchteten Teil des Gartens konnte sie sich inzwischen auch die heißen Flirtszenen vorstellen, von denen Elena so bildhaft und animiert erzählt hatte!

Rasch bahnte sie sich einen Weg in Richtung der Gastgeber, wobei sie ein wachsames Auge auf Elenas widerlichen Bruder hielt, dem sie heute Abend auf keinen Fall begegnen wollte! Glücklicherweise hatte sie sein arrogantes Gesicht seit Elenas Hochzeit, also seit exakt acht Monaten, nicht sehen müssen!

„Bist du das, Dani?“, wurde sie warm von der Hausherrin begrüßt, die mit einer silbernen Maske zum scharlachroten Kostüm aus der georgianischen Ära und mit ungepudertem glänzend braunen Haar einfach bezaubernd aussah.

„Du darfst mich doch gar nicht erkennen!“, protestierte Dani lachend, und Elena stimmte mit ein.

„Nachdem du dein Prachtkleid so ausführlich beschrieben hast?“, neckte sie ihre Freundin.

„Stimmt, es ist genauso, wie wir es uns schon damals ausgemalt haben, erinnerst du dich noch?“, fragte Dani, nachdem sie den Duke of Wellington, alias Brad mit einem Kuss auf die Wange begrüßt hatte.

Tatsächlich war es inzwischen fast zehn Jahre her, dass die beiden Mädchen unter einer alten Eiche auf dem Schulhof gesessen und davon geträumt hatten, im siebzehnten Jahrhundert gelebt zu haben, wie die Heldinnen aus den historischen Liebesromanen, die sie heimlich verschlangen. Aber auch nur so lange, bis ihnen einfiel, dass es damals weder Wasserleitungen für heiße Bäder noch Annehmlichkeiten, wie etwa Fernseher oder Telefone, gab.

Doch weder Elena noch Dani hatten der Versuchung widerstehen können, sich wenigstens heute Abend wie ihre Heldinnen aus der Teenagerzeit zu kostümieren.

„Ihr seht beide zum Anbeißen aus“, stellte Brad galant fest.

Auch wenn er kein bisschen wie ihre damaligen Helden aussah – durchweg dunkle, fast satanisch finstere Typen – mit seinem blonden Haar und den fröhlichen blauen Augen, ließ der verlangende Kuss, den er seiner Frau gab, keinen Zweifel an ihrem Eheglück aufkommen.

Dani unterdrückte einen wehmütigen Seufzer. „Ich unterbreche euch ja nur ungern, ihr Turteltauben. Gebt mir nur noch einen Tipp, als was Niccolo heute Abend unterwegs ist, damit ich ihm nicht zufällig in die Arme laufe.“

„Oh, mein Schwager ist …“

„Denk einfach an die Vorfahren der D’Alessandros, dann wirst du schon allein drauf kommen“, fuhr Elena ihrem Mann in die Parade. „Und schau mal dort drüben an der Bar … siehst du diese Meute attraktiver Beaus?“ Sie wies mit dem Kinn auf eine Gruppe von fünf Männern, die sich lachend mit Champagner zuprosteten. „Alles D’Alessandros, einer wie der andere. Du hast meine Cousins bereits auf der Hochzeit kennengelernt, und ich bin sicher, jeder von ihnen wäre sofort bereit, dir zu Diensten zu sein. Du weißt, wovon ich rede?“

„Sehr witzig.“ Dani bedachte ihre Freundin mit einem vernichtenden Blick, bevor sie sich hoch erhobenen Hauptes abwandte und zwischen die anderen Gäste mischte.

Natürlich wusste sie, worauf Elena so dreist angespielt hatte! Brad glücklicherweise nicht, wie sie seinem verwirrten Gesichtsausdruck entnehmen konnte, bevor sie geflohen war. In den acht Monaten seit der Testamentsänderung ihres Großvaters war Dani der Lösung ihres Problems leider noch nicht einen Schritt nähergekommen.

Als sie an der Bar vorbeiflanierte, musterte sie unauffällig die D’Alessandro-Männer. Elena hatte recht. Alle waren groß, athletisch gebaut, dunkel und ausgesprochen attraktiv. Jeder von ihnen hätte auch ohne Weiteres Niccolo sein können. Einer war als Edelmann verkleidet, ein anderer als Priester, der dritte als Gondoliere. Dann gab es noch einen Soldaten aus dem neunzehnten Jahrhundert und einen Adligen im Regentenstil.

Als Dani sich bei einem sehnsüchtigen Seufzer ertappte, errötete sie unwillkürlich unter ihrer Maske. Was hatte Elena bloß mit ihrem Hinweis auf die Vorfahren der D’Alessandros gemeint?

„Champagner?“

Dani schaute zur Seite und sah sich einem hochgewachsenen Piraten gegenüber. Noch einer von Elenas Cousins? Von der Statur her war das durchaus möglich. Der Fremde trug das schwarze Haar im Nacken mit einem Lederband zusammengehalten. Die ebenfalls schwarze Maske war geschnitten wie ihre und bedeckte den Großteil seines Gesichtes. Die langen muskulösen Beine steckten in schwarzen engen Hosen, die wiederum in schwarzen Stiefeln, und unter der ebenfalls schwarzen Leder-Tunika lugte ein schneeweißes Baumwollhemd mit üppigem Jabot hervor – ein geradezu unverzichtbares Kleidungsstück für jeden respektablen Piraten!

Außer dass Piraten vom Grundsätzlichen her eigentlich überhaupt nicht respektabel waren, oder nicht? Dani versuchte, ihre fünf Sinne eisern beisammenzuhalten.

Aber das fiel ihr nicht leicht, angesichts dieses verwegenen Freibeuters, dessen Augen hinter der Maske angriffslustig zu glitzern schienen.

„Champagner?“, fragte er noch einmal mir dieser rauen dunklen Stimme, bei der sich ihre Härchen im Nacken aufstellten.

Dani schluckte heftig, ohne den Piraten auch nur für eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Es war schon etwas anderes, als Teenager von einer derartigen Begegnung zu träumen, als mit vierundzwanzig Jahren dem Objekt ihrer jugendlichen Begierde in Fleisch und Blut gegenüberzustehen. Einem Mann, der sich als ebenso gefährlich für sie entpuppen konnte wie er aussah.

Er musste einfach einer der D’Alessandro-Cousins sein! Dessen war sie sich inzwischen so gut wie sicher. Allein dieser schwache Akzent …

Aber dies war ein Maskenball, also taten Namen und Identität der Gäste nichts zur Sache. So würde es wenigstens am nächsten Morgen keine Enttäuschungen geben. Elena hatte ganz recht – warum sich nicht einfach eine Nacht lang nur von seinen Gefühlen und unausgesprochenen Sehnsüchten treiben lassen …

Bis vor zehn Minuten empfand Niccolo den Maskenball seiner Schwester als ausgesprochen öde. Mit jeder Flasche Champagner, die verschwand, wurde die Konversation lauter, das Gelächter schriller und die Flirtversuche eindeutiger. Als Folge dieser Entwicklung verschwanden immer mehr Paare in der Dunkelheit des Gartens.

Niccolo selbst war noch nie besonders angetan vom venezianischen Karneval und sah keinerlei Reiz darin, von einer der Damen, die im Laufe des Abends versucht hatten, sein Interesse zu wecken, in einen verschwiegenen Winkel entführt zu werden.

Anfangs hatte er noch Ausschau nach der scharfzüngigen Daniella Bell gehalten und jeden der ankommenden weiblichen Gäste kritisch beäugt. Doch als es zweiundzwanzig Uhr war, kam er für sich zu dem Schluss, dass sie entweder gar nicht vorhatte, zu kommen oder ihm irgendwann unbemerkt durch die Finger geschlüpft sein musste.

Komischerweise erschien ihm die Party nach dieser Erkenntnis noch fader und langweiliger als zuvor.

Tatsächlich hatte Niccolo grade beschlossen, sich eine Flasche Champagner zu organisieren, um sich damit in Elenas prachtvollen Wintergarten zurückzuziehen, als er eine maskierte Dame in spektakulärer goldener Robe den Garten betreten sah.

Ihr hochgestecktes Haar hatte sie weiß gepudert, und neben einem aufwärtsstrebenden Mundwinkel entdeckte er ein Schönheitspflästerchen in Form eines Herzens. Die cremig weiße Fülle ihrer Brüste wirkte in dem engen goldenen Mieder außerordentlich einladend, und in einer weißen schmalen Hand hielt sie einen goldenen Fächer.

Ihre gelassene, ruhige Ausstrahlung beeindruckte Niccolo. Wie sie hoch erhobenen Hauptes einfach nur dastand und aufmerksam um sich schaute, wirkte sie wie eingesponnen in eine eigene Welt und von den anderen separiert.

Es war ein Zustand, den er selbst nur zu gut kannte. In seiner hohen gesellschaftlichen und geschäftlichen Stellung war es oft genug eine Notwendigkeit, sich selbst aus allem herauszuhalten. Bisher hatte er keine Frau gefunden, die das verstand und nachvollziehen konnte. Was noch zu dem nagenden Gefühl von Einsamkeit beitrug, das ihm inzwischen fast zur zweiten Natur geworden war.

Aus einem plötzlichen Impuls heraus verwarf Niccolo seinen ursprünglichen Plan, schnappte sich zwei Gläser Champagner von einem Tablett und schlenderte auf die schöne Fremde zu, ehe einer der anderen Männer genügend Mut gesammelt hatte, ihre Aura der Unberührbarkeit zu durchbrechen.

Von Nahem erschien sie ihm noch begehrenswerter als zuvor. Ihre alabasterfarbene Haut wirkte wie kostbares Porzellan. Die Augenfarbe konnte Niccolo hinter der goldenen Maske nicht ausmachen, doch irgendwie hatte er das Gefühl, sie müssten veilchenblau sein. Ihren Mund konnte man nur als hocherotisch bezeichnen, was durch das herzförmige Schönheitspflästerchen neben der vollen Oberlippe noch betont wurde, und das üppige Haar unter der dicken Puderschicht war ganz sicher goldblond.

Dani fühlte sich ein wenig verunsichert durch seinen intensiven Blick und überlegte, ob sie den dreisten Freibeuter überhaupt ermutigen sollte, indem sie den angebotenen Champagner akzeptierte.

Elena hätte ganz sicher keine Sekunde gezögert! Und sie selbst war schließlich auch nur aus einem einzigen Grund hierhergekommen … um sich nach langer Zeit einmal wieder richtig zu amüsieren.

„Danke.“ Ihre Stimme klang seltsam rau und bei Weitem nicht so selbstsicher, wie sie es sich gewünscht hätte. Sie nahm das Glas entgegen, das der Pirat ihr reichte, und streifte dabei ganz leicht seine Hand. Fast wäre ihr die Champagnerflöte entglitten. Es war, als habe sie einen elektrischen Schlag bekommen.

„Unsere Gastgeberin hat uns strikt verboten, unsere wahren Namen zu benutzen“, begann der Fremde mit einem herausfordernden Lächeln. „Wenn Sie also nichts dagegen hätten, würde ich Sie gern Belladonna nennen.“

Er hatte seine Stimme zu einem samtenen Bariton abgesenkt, und Dani überfiel das unbestimmte Gefühl, dass sie bedachtsam verführt werden sollte. Oder bildete sie sich das nur ein? Verflixte Elena! Warum hatte sie ihr auch den Floh mit ihren venezianischen Cousins ins Ohr gesetzt? Aber sei’s drum …

„So wie das Gift?“, fragte sie kokett.

Als er auflachte, blitzten seine starken Zähne in der Dunkelheit. „Auf Italienisch bedeutet das schöne Frau. Und Sie sind wirklich wunderschön.“

Das unerwartete Kompliment entlockte Dani ein Lächeln. „Woher wollen Sie das wissen?“

„Soll ich Ihnen das wirklich erklären?“

Bedachtsam verführt …?

Ha, wenn sie mit seinem Tempo mithalten wollte, würde sie sich anstrengen müssen. Aber es machte ihr unerwarteterweise richtig Spaß. Viel mehr Spaß, als sie in den letzten zwei Jahren erlebt hatte.

„Ja … bitte …“, lispelte sie schüchtern.

Leicht beugte er den dunklen Kopf und suchte ihren Blick. „Ihre elfenbeinfarbene Haut ist so zart und durchscheinend wie kostbarstes Porzellan, der anbetungswürdige Mund zum Küssen wie geschaffen, die prallen Brüste …“

„Ich denke, das reicht“, stoppte Dani ihn hastig. Ihr Kopf begann seltsam zu schwimmen, und ihr Pulsschlag hatte eine beängstigende Geschwindigkeit erreicht.

„Vielleicht für den Moment“, kam er ihr verbindlich entgegen. „Möchten Sie mit mir tanzen?“

Wollte sie? Die Vorstellung hatte ganz sicher etwas für sich. Aber wer mochte dieser finstere Pirat sein? War er wirklich einer der vielversprechenden Cousins? Oder gar Niccolo D’Alessandro persönlich?

Bei ihrem Glück, was Männer betraf, lag es absolut im Bereich des Möglichen, dass sich um Mitternacht, wenn die Masken fielen, tatsächlich herausstellte, dass sie den ganzen Abend über mit Elenas finsterem Bruder geflirtet hatte!

Nach einem forschenden Blick auf die Gruppe an der Bar verwarf sie die Horrorvorstellung allerdings gleich wieder. Zu den fünf Beaus hatte sich inzwischen ein sechster gesellt, der noch ein wenig größer und breiter als die anderen D’Alessandros war. Allein das prachtvolle, aber eher konservative Kostüm verriet ihr, dass es Niccolo sein musste.

Erleichtert wandte sie sich wieder dem Piraten an ihrer Seite zu. „Und wie soll ich Sie nennen?“

„Was würde Ihnen denn gefallen?“

Dani fühlte einen wohligen Schauer über ihren Rücken rinnen. Was für eine wundervolle Überraschung. An einem lauen Sommerabend von einem vermutlich äußerst attraktiven Mann – wenn man von dem prachtvollen Körper auf das maskierte Gesicht schließen wollte – nach allen Regeln der Kunst angeflirtet zu werden.

Kein Wunder, dass der venezianische Karneval so populär war!

Sie befeuchtete ihre Lippen mit der Zungenspitze und dachte angestrengt nach. Als sie sah, wie der Fremde ihrer Bewegung mit den Augen folgte, fühlte sie eine ganze Schar von Schmetterlingen in ihrem Bauch auffliegen.

„Na los, Bella, lass deiner Fantasie freien Lauf. Heute Nacht bin ich für dich alles, was du dir wünschst …“

Die Tatsache, dass er zum intimen Du übergegangen war, ließ ihr Herz plötzlich oben im Hals schlagen. Wie sollte sie bei diesem rasanten Tempo mithalten?

„Dann nenne ich dich einfach Morgan“, beschloss sie spontan und wunderte sich, wie leicht ihr die vertrauliche Anrede über die Lippen kam.

„Nach dem Pirat Henry Morgan?“ Er nickte anerkennend. „Nicht schlecht.“

„Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass du einer von Elenas …“

„Halt! Stopp!“, rief er lachend aus. „Schon vergessen? Keine Namen, keine persönlichen Details. So lauten die Regeln. Also, was ist, Belladonna? Wollen wir tanzen? Oder ziehst du einen Spaziergang im nächtlichen Garten vor?“

Dani schaute zur Tanzfläche hinüber, wo sich etwa ein Dutzend Paare im Takt der romantischen Melodien wiegte. Die meisten von ihnen eng umschlungen. Sie konnte nicht leugnen, dass der Gedanke, ebenso in den Armen des fremden Piraten zu liegen, durchaus verführerisch war. Aber wollte sie einem Mann, dessen bloße Gegenwart sie schon aus dem Takt brachte, wirklich so nahe sein …?

„Ich denke, ein kleiner Spaziergang wäre nicht schlecht.“ Diesmal achtete sie sehr darauf, jede Berührung zu vermeiden, als er ihr die Champagnerflöte abnahm und beide Gläser auf einem Tablett abstellte. Dann griff er nach ihrer Hand, umschloss sie mit seinen kräftigen gebräunten Fingern und zog sie durch seinen gebeugten Arm. Eingehakt spazierten sie durch den dämmerigen Garten.

Dani fühlte seine stahlharten Muskeln unter ihren bebenden Fingerspitzen, und das dünne Baumwollhemd des draufgängerischen Freibeuters bot leider auch nicht den geringsten Schutz gegen die beunruhigende Hitze seines Körpers.

Niccolo spürte, dass seine Belladonna drauf und dran war, sich ihm zu entziehen, deshalb umfasste er ihre schmalen Finger strategisch mit seiner freien Hand, um den Körperkontakt auf keinen Fall zu verlieren.

Sie war einfach bezaubernd. So zart und feminin. Der blasse Mondschein tauchte ihre perfekte Figur in ein silbriges Licht und ließ sie wie eine kostbare Statuette aussehen. Niccolo konnte sich nicht erinnern, dass ihn eine Frau jemals so angezogen hatte. Natürlich taten die laue Sommernacht, der wundervolle Garten und die romantische Musik im Hintergrund das Ihre dazu. Hauptsächlich aber war es diese geheimnisvolle Aura, die der Frau an seiner Seite anhaftete. Sie machte ihn neugierig und forderte seinen Erobererinstinkt heraus.

Glücklicherweise war er heute nicht Niccolo D’Alessandro, der respektable Geschäftsmann, sondern Morgan, der heißblütige Pirat! Seine Anonymität erlaubte es ihm, Gefühle auszuleben, die er sich seit Jahren nicht mehr gestattet hatte. Ohne Skrupel, ohne Reue, ohne Folgen …

Unter Garantie würde Elena ihm sagen können, wer sich hinter der goldenen Maske seiner Belladonna versteckte, aber das hieße nur, den Reiz des Neuen, Unbekannten zu zerstören.

Er fühlte ihr leises Schaudern und wandte den Kopf. „Ist dir kalt, Bella?“, fragte er fürsorglich.

„Kein bisschen“, versicherte sie ihm mit einem reizenden Lächeln.

Kalt! Fast hätte Dani laut aufgelacht, da sie selbst den Verdacht hegte, langsam zu verglühen, wenn der Mann, den sie Morgan nannte, nicht bald ihre Finger freigab. Sie war sich seiner Nähe so sehr bewusst, dass sie ihren Atem kaum noch kontrollieren konnte, und jeder Nerv in ihrem Körper vor übersteigerter Wahrnehmung zu vibrieren schien.

Wieder schauderte sie, und Niccolo blieb abrupt stehen. „Dir ist doch kalt!“

„Vielleicht … ein wenig“, brachte sie mit schwankender Stimme hervor und spürte, wie sich unter seinem forschenden Blick ihre Brustspitzen aufrichteten und gegen das enge Mieder pressten. Lieber Himmel! Hoffentlich war das durch ihr Kleid nicht zu sehen!

Doch Niccolo war so fasziniert von ihren vollen Lippen und dem bezaubernden Aufwärtsschwung der Mundwinkel, dass er für nichts anderes Augen hatte. Er konnte einfach nicht länger widerstehen …

Sie schmeckte nach Champagner und süßem Honig. Und diese unglaublichen Lippen waren tatsächlich so weich und hingebungsvoll, wie er es sich erträumt hatte. In einer leidenschaftlichen Aufwallung presste er die zarte Gestalt fest an seine Brust und vertiefte den Kuss. Als er spürte, wie ihr Körper nachgab, und sie sich bereitwillig an ihn schmiegte, wuchs sein Begehren ins Unermessliche.

Dani war von der Sekunde an verloren, in der Morgan ihre Lippen mit einem Kuss eroberte, hinter dem sich kaum gezügeltes Verlangen und die Wildheit eines echten Piraten verbarg. Sein harter Körper so dicht an ihrem verriet ihr unmissverständlich, dass es nicht allein beim Küssen bleiben würde, wenn es nach ihm ging!

Und erst recht nicht, wenn sie ihre Wünsche äußerte!

Heute Nacht wollte sie an nichts anderes denken, als an diesen Mann. Sich in seinen Küssen und Liebkosungen verlieren und …

Dani stöhnte unterdrückt auf, als sie seine warmen Finger auf der Rundung ihrer Brust spürte. Seine andere Hand lag auf ihrem gepolsterten Reifrock, der einen noch engeren Körperkontakt verhinderte. Mit einem gereizten Knurren gab er Dani frei.

Er wollte diese atemberaubende Frau nackt in seinen Armen spüren. Jetzt gleich!

Seit er ihre süßen Lippen geschmeckt und ihre samtene Haut gefühlt hatte, war sein Widerwillen gegen die heimlichen Paare im dunklen Garten völlig verschwunden.

„Wir sollten uns einen Platz suchen, der ein wenig … privater ist. Bist du damit einverstanden?“, fragte er heiser und lachte leise, als Dani heftig nickte.

Nach einem letzten hungrigen Kuss ergriff er ihre Hand und zog sie im Schatten der Bäume mit sich in Richtung Haus. Während Dani ihm bereitwillig folgte, konnte sie immer noch nicht fassen, wie erregt sie war und mehr als bereit, mit einem völlig Fremden die wohl aufregendste Nacht ihres Lebens zu verbringen.

Sie konnte an nichts anderes mehr denken, als nackt neben ihm zu liegen, diesen starken Körper mit ihren Fingern und Lippen zu erforschen und ihn dicht an ihrem zu spüren.

Morgen, wenn sie wieder Daniella Bell, die vernünftige, pragmatische Innenarchitektin war, hatte sie genug Zeit, über alles nachzudenken und möglicherweise auch zu bereuen. Morgen und jeden weiteren Tag in ihrem trostlosen Leben. Auf dem Papier war sie eine vierundzwanzigjährige geschiedene Single-Frau. Aber heute Nacht wollte sie Belladonna sein!

Trotzdem schaute sie unterwegs wachsam um sich, aus Angst, sie könnte Elena oder Brad in die Arme laufen. Sich spontan ein heißes Liebesabenteuer zu gönnen war eine Sache, aber ihrer Freundin die Genugtuung zu geben, dass sie mit ihren erotischen Tipps auch noch ins Schwarze getroffen hatte, war etwas ganz anderes!

„Ich verspreche, nichts zu tun, was du nicht willst“, versicherte Niccolo, der ihre Versunkenheit spürte, leise. Zumindest hoffte er, nicht die Kontrolle zu verlieren, wenn sie erst mal in seinen Armen lag. Doch sicher war er sich nicht!

So ein stürmisches Verhalten passte eigentlich gar nicht zu ihm!

In den letzten zwanzig Jahren hatte es mehr als genug Frauen in seinem Leben gegeben. Doch bei keiner von ihnen verspürte er diese brennende Sehnsucht und kaum zu bezwingende Lust. Dieses maßlose Verlangen, jeden Zentimeter ihres Körpers zu erforschen, zu streicheln und sie zu lieben, bis sie beide befriedigt in den Schlaf der Erschöpfung sanken …

2. KAPITEL

Elenas Wintergarten lag völlig im Dunkeln, als Niccolo seine Begleiterin vor sich eintreten ließ. Er schloss die Tür hinter ihnen fest ab und damit gleichzeitig die anderen Partygäste und den Festlärm aus. Als er nach dem Lichtschalter griff, legte Dani ihre Hand über seine.

„Bitte nicht. So ist es viel romantischer“, flüsterte sie aus der plötzlichen Angst heraus, die Magie dieses Augenblicks könnte sich im Schein des Lichtes verflüchtigen, und sie würde in plötzlicher Panik davonstürmen. Womöglich noch laut schreiend!

Philips krankhafte Eifersucht hatte Dani nicht nur vorsichtig gemacht, sondern ihr regelrechte Angst vor körperlicher Annäherung vermittelt. Und sie wusste nur zu gut, dass sie es einzig und allein ihrer Maskierung verdankte, wenn sie heute überhaupt in der Lage war, mit dem Gedanken zu spielen …

Inzwischen hatten sich ihre Augen an die relative Dunkelheit gewöhnt. Die vielen exotischen Grünpflanzen um sie herum erregten ihre Fantasie und vermittelten ihr plötzlich den Eindruck, sie sei mit ihrem unbekannten Piraten ganz allein auf einer einsamen Insel. Ganz wie in ihren heißen Jungmädchenträumen!

„Warst du vorher schon einmal hier?“, fragte Niccolo, als Dani zielsicher auf ein breites Korbsofa im hinteren Teil des gezähmten Dschungels zusteuerte.

„Ein- oder zweimal …“, erwiderte sie leichthin, um nicht zu viel von sich preiszugeben. Lächelnd wandte sie sich nach ihm um, fasste Morgan bei der Hand und zog ihn mit sich. „Wir wollten doch keine privaten Fragen stellen, schon vergessen?“

„Stimmt …“, erinnerte er sich, zog Dani mit einem Schwung an seine Brust, legte einen Finger unter ihr Kinn und küsste sie verlangend auf die weichen Lippen.

Himmlisch! Dieser Freibeuter küsste einfach himmlisch. Ein anderer Begriff fiel ihr im Moment gar nicht ein. Völlig hingegeben schlang sie ihre Arme um seinen gebräunten Nacken und schmiegte sich dicht an ihn. Der Druck seines muskulösen Oberkörpers gegen ihre weiche Brust mit den steil aufgerichteten Spitzen entlockte ihr ein leises Stöhnen. Doch als sie seinen Finger unter dem Band ihrer Maske spürte, zuckte Dani zusammen und machte sich abrupt frei.

„Nein!“, stieß sie heiser hervor. „Das ist gegen die Regeln!“ Die runden Brüste in dem engen Mieder hoben und senkten sich im Rhythmus der heftigen kurzen Atemzüge.

Niccolo verengte die Augen, als versuche er, ihre Maske allein mit seinem sengenden Blick zu durchdringen. Offenbar lag ihr noch viel mehr als ihm daran, ihr Inkognito zu wahren. Die meisten Frauen, die er kannte, waren viel zu eitel, um ihre Schönheit nicht zu präsentieren. Erst recht, wenn der Mann es forderte.

Warum fürchtete seine Belladonna also die vorzeitige Demaskierung? Spätestens um Mitternacht würde er ohnehin ihre reizenden Züge begutachten können. Oder hatte sie ein Geheimnis zu verbergen?

„So ist es doch … viel aufregender“, sagte sie wie als Antwort auf seine unausgesprochene Frage. „Und die Überraschung später umso größer, findest du nicht?“

Besonders, wenn ich Punkt zwölf wie Aschenbrödel vom Erdboden verschwunden bin, fügte sie im Stillen hinzu. Denn dazu war Dani fest entschlossen, um jeder Peinlichkeit zwischen ihrer Freundin und einem ihrer möglichen Familienangehörigen vorzubeugen.

Noch aufregender! dachte Niccolo trocken und schnitt eine Grimasse. Wenn das tatsächlich möglich wäre, würden sie beide unter Garantie in Flammen aufgehen! Aber vielleicht hatte dieses zauberhafte Wesen ja recht. Die Tatsache, dass sie beide Masken trugen und nicht einmal die Mimik des anderen beim Liebesspiel beobachten konnten, verlieh diesem berauschenden Erlebnis sicherlich einen zusätzlichen erotischen Reiz.

Erneut schmiegte sie sich willig in seine Arme und spitzte herausfordernd die Lippen. Niccolo gab einen unartikulierten Laut von sich und küsste sie mit einer Wildheit, die ihr fast die Sinne schwinden ließen. Mit fiebrigen Fingern tastete er an ihrem Rücken nach dem Reißverschluss ihres opulenten Kostüms und zog ihn mit einer ungeduldigen Geste herunter.

Graziös hob Dani die schlanken Arme. Das schwere Samtkleid glitt an ihr herab und bauschte sich wie eine welke Blüte um ihre Knöchel. Jetzt trug sie nur noch die enge goldene Korsage und ein schwarzes Spitzenhöschen. Als sie damit begann, die winzigen Haken vorn an ihrem Oberteil zu öffnen, hielt Niccolo sie zurück.

„Lass mich das machen“, bat er mit rauer Stimme. „Ich habe mich mein Leben lang gefragt, wie es wäre, eins von diesen Dingern zu öffnen.“

Das kaum verhohlene Begehren in seiner dunklen Stimme streichelte ihre zitternden Nerven. Der weiche ausländische Akzent trat jetzt stärker hervor, was Dani als Zeichen dafür nahm, dass ihr Pirat längst nicht so cool war, wie er versuchte, es ihr vorzumachen.

Sie konnte nur hoffen, dass er sich ebenso nach ihr verzehrte wie sie sich nach ihm. Und angesichts seiner bebenden Hände und der heftigen Geste, mit der er sein Gesicht zwischen ihren weichen Brüsten barg, sobald sie aus ihrem engen Käfig befreit waren, standen die Chancen dafür gar nicht so schlecht.

„Du bist so wunderschön …“, murmelte er erstickt, schwang Dani auf seine Arme und trug sie zu dem komfortablen Korbsofa hinüber. Behutsam legte er sie in die weichen Kissen und ließ sie nicht eine Sekunde aus den Augen, während er sein Hemd aufknöpfte.

Keine Frau war ihm je so schön und verlockend erschienen wie seine Belladonna. Der Mond tauchte ihren grazilen Körper in ein milchiges Licht und gab ihrer samtenen Haut den Schein kostbaren Alabasters.

Niccolo warf sein Hemd achtlos auf den Boden und präsentierte der atemlosen Dani seinen tiefbraunen muskulösen Oberkörper und harten flachen Leib, während er ungeduldig am Gürtel seiner schwarzen Lederhose zerrte.

„Lass mich …“, bat sie mit schwankender Stimme, richtete sich auf und streckte die Hände nach ihm aus. Niccolo trat einen Schritt vor, und mit zitternden Fingern öffnete Dani die massive Metallschnalle an dem breiten Ledergürtel. Ihr Mund war trocken, und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie konnte es kaum noch erwarten, ihren Piraten endlich in seiner ganzen maskulinen Pracht zu sehen.

Niccolo hielt für einen Moment die Luft an, als er ihre schlanken Finger im Bund seiner derben Piratenhose spürte. Sie wurde nach antikem Vorbild durch zwei Reihen Knöpfe geschlossen, die durch das dicke Leder nicht leicht zu öffnen waren. So gestaltete sich die Prozedur zu einer süßen Qual, die ihn langsam, aber sicher in den Wahnsinn zu treiben drohte.

Als er endlich von der lästigen Kleidung befreit vor ihr stand, stockte Dani der Atem. Nicht in ihren kühnsten Träumen hätte sie sich so viel kraftvolle Männlichkeit vorstellen können, gepaart mit nahezu perfekten Konturen, wie man sie sonst nur bei antiken Statuen fand.

„Du bist auch wunderschön …“, flüsterte sie ergriffen und gleichzeitig fast verwundert, was Niccolo ein verlegenes Lachen entlockte.

„Du darfst so etwas nicht sagen, Bella“, rügte er sie sanft. „Sonst verliere ich noch den letzten Rest meiner Selbstbeherrschung.“

„Wäre das sehr schlimm …?“

Sekundenlang stand Niccolo da wie erstarrt, dann stöhnte er dumpf auf und legte sich zu Dani auf die breite Couch. „Wir wollen doch nichts übereilen, cara …“, raunte er gegen ihre Lippen, die Dani daraufhin schmollend verzog.

„Ach, bitte, ich dachte nur … ich wollte …“ Sie brach ab, doch die Augen hinter der goldenen Maske funkelten so verlangend, dass Niccolo sich geschlagen gab.

„Alles was du begehrst, meine Belladonna!“, versprach er heiser. „Sag mir einfach nur, was du willst.“

„Dich“, sagte sie schlicht. „Ich will dich.“

„Dann sollst du mich auch haben“, murmelte er und schob sich über sie. „Ganz …“

Und damit versank die Welt um Dani in einem rosaroten Nebel. Ihr Pirat entführte sie in eine Oase der Leidenschaft, die ihr bisher verschlossen geblieben war. Als Dani glaubte, vor Lust vergehen zu müssen, zerbarst das Universum in eine Million gleißender Sterne, die sie zurück auf den Boden katapultierten und sie erschöpft, aber vollkommen befriedigt zurückließen.

Noch lange lagen sie und ihr Pirat schwer atmend und ineinander verschlungen einfach nur da. Zärtlich strich Dani über seine dunklen Locken, die sich während ihres heißen Liebesspiels aus dem Lederband in seinem Nacken befreit hatten und sein Gesicht verdeckten.

Es war, als wage keiner von ihnen, den Zauber zu stören, der sie immer noch umgab und sicher verfliegen würde, sobald das erste Wort gesprochen war.

Ja, es musste tatsächlich Magie im Spiel gewesen sein, denn zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Dani sich wirklich schön gefühlt. In den Armen ihres leidenschaftlichen Piraten war sie wirklich schön und begehrenswert gewesen.

Das wusste sie jetzt, und das würde ihr immer bleiben …

Und dass er den lustvollen Sex ebenso wie sie genossen hatte, dessen war sie sich auch ganz sicher. Sie konnte es immer noch spüren, an der Art, wie er schwer auf ihrer Brust lag und ihren ganzen Körper unablässig zärtlich streichelte, so als spüre er noch einmal bedächtig jedem Pfad nach, den er zuvor im rasanten Tempo erstürmt hatte.

Erst nach und nach wurde sich Dani ihrer Umgebung bewusst. Und plötzlich drangen ihr auch wieder die gedämpften Gespräche und die Musik ans Ohr, offenbar war die Party immer noch in vollem Gang.

Und plötzlich traf sie das, was eben hier in Elenas Wintergarten geschehen war, wie ein Schlag mitten ins Gesicht.

War sie denn völlig von Sinnen? Mit einem Fremden zu schlafen, den sie heute Abend zum ersten Mal gesehen hatte! Und dessen Gesicht sie nicht einmal kannte! Ganz zu schweigen von seinem Namen und seiner Herkunft!

Das war … einfach krank! Ein fantastisches, ekstatisches, leichtsinniges und absolut befriedigendes Erlebnis! Aber ein Wahnsinn!

Und jetzt musste es vorbei sein …

„Bist du eingeschlafen?“, neckte Niccolo sie mit träger Stimme. Er konnte es immer noch nicht fassen, wie seltsam vertraut ihm diese unglaubliche Frau war, die er kaum kannte, mit der er gerade den erotischsten Sex seines Lebens hatte, und nach der er sich bereits wieder verzehrte wie ein hormongesteuerter Teenager!

Dieses Zauberwesen wollte er ganz für sich. Immer und immer wieder. Aber nicht hier im Haus seiner Schwester, wo sie jeden Moment gestört werden konnten. Irgendwo, wo es nur sie beide gab … wo sie sich nicht mehr hinter Masken verstecken mussten.

Er wollte mehr über seine Belladonna wissen. Alles. Er sehnte sich danach, ihr Gesicht zu sehen, ihr ungepudertes Haar, wenn es über ihre nackten Schultern herabfiel.

„Sollen wir von hier verschwinden?“, fragte er sanft. „Wir können uns in einem Hotel hier in der Nähe einmieten. Für eine Woche, einen Monat. Oder noch viel länger.“

In diesem Moment gab es für Niccolo D’Alessandro nichts Wichtigeres als ihr Zusammensein. Und er war sich ganz sicher, dass dieses Gefühl für eine lange Zeit anhalten würde.

Belladonna? Was sagst du dazu?“ Niccolo hob den Kopf, und Danis Herz setzte einen Schlag aus, ehe es wie verrückt zu rasen begann, als sie in das unmaskierte Gesicht von Elenas Bruder blickte. Die Welt schien aus den Angeln gehoben zu sein und sich wie ein irrwitziger Kreisel um sie herumzudrehen. Es gab kein Unten und kein Oben mehr … nur Niccolo D’Alessandros dunkle, vom fahlen Mondlicht beschienenen Züge dicht über ihr.

„Was ist los, cara mia?“ Besorgt runzelte er die Stirn. „Erzähl mir nicht, dass du plötzlich schüchtern geworden bist!“

Schüchtern? Nach all den Intimitäten, die sie mit diesem Mann ausgetauscht hatte?

Niccolo D’Alessandro!

Und sie hatte … Sie beide hatten …

Das durfte doch einfach nicht wahr sein!

Glücklicherweise schien er von ihrer Identität immer noch nicht die leiseste Ahnung zu haben. Denn mit Daniella Bell hätte er ganz sicher nicht so heiß geflirtet … und sie dann auch noch im Mondschein verführt!

Niemals! Niccolo konnte unmöglich wissen, dass sie es war, die mit ihm geschlafen hatte.

Unter den Vorfahren der D’Alessandros gab es Prinzen, Geistliche und sogar Piraten …, meldete sich plötzlich Elenas Stimme in ihrem Hinterkopf. Fast hätte Dani laut aufgestöhnt. Warum war ihr das nicht vorher eingefallen? Dann wäre es zwischen ihnen nie so weit gekommen!

Aber wollte sie das wirklich?

Für derartige Spitzfindigkeiten ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, entschied sie rasch für sich und überlegte, wie sie es verhindern konnte, dass ihr Pirat je erfuhr, wer seine Belladonna wirklich war.

Denn eines wollte sie auf keinen Fall erleben: dass diese Wärme und unterschwellige Leidenschaft aus seinen dunklen Augen verschwand und dem harten missbilligenden Blick Platz machte, mit dem er sie für gewöhnlich bedachte! Sie musste einen Weg finden zu fliehen, ehe Niccolo die Wahrheit herausfand! Und das Stichwort dazu hatte er zum Glück gerade selbst geliefert …

„Ein Hotel hört sich nicht schlecht an“, murmelte sie träge. „Doch wir sollten nicht von hier verschwinden, ohne dass einer von uns Elena und Brad unsere Entschuldigung und unseren Dank für die Einladung ausspricht, findest du nicht?“

Niccolo betrachtete sie mit gemischten Gefühlen und lachte schließlich amüsiert. „Na, du verstehst es wirklich, einen Mann zu bezirzen … Ein Hotel hört sich nicht schlecht an …“, imitierte er ihre lakonische Bemerkung.

„Ich meine natürlich mehr als gut“, korrigierte sie sich hastig und wünschte nur, er würde endlich gehen. „Wundervoll, hinreißend! Ich kann es kaum noch erwarten …“

Morgan, der finstere Pirat, nickte zufrieden, stand auf und begann sich anzukleiden. „Schon besser. Ich werde nicht lange bleiben …“

„Je eher du gehst, desto schneller …“ Sie brach ab und hoffte, er würde ihre spontane Äußerung nicht so interpretieren, wie sie es tatsächlich meinte.

Doch dafür war er offenbar zu eitel, wie die meisten Männer. Mit einem herausfordernden Lächeln beugte Niccolo D’Alessandro sich zu ihr herab und gab Dani einen letzten verlangenden Kuss, den sie nie in ihrem Leben vergessen wollte.

Doch kaum war Niccolo verschwunden, sprang sie auf, schlüpfte in ihre Goldrobe und zupfte sie so weit zurecht, dass sie sich wenigstens an den anderen Gästen vorbeistehlen konnte, ohne aufzufallen. Um ihren Herzschmerz zu pflegen, hatte sie noch ihr ganzes Leben vor sich. Jetzt musste sie erst einmal fliehen …

3. KAPITEL

„Na endlich! Den ganzen Tag über habe ich mir die Finger wund gewählt! Wo, um alles in der Welt, bist du?“, verlangte Elena zu wissen, als Dani sich am Sonntagabend endlich auf ihrem Handy meldete.

Natürlich war ihr klar, dass Elena seit Stunden versucht haben musste, sie ans Telefon zu bekommen. Doch was sollte sie ihrer besten Freundin sagen, wenn sie nicht einmal wusste, ob Elena womöglich inzwischen von ihrem Intermezzo mit Niccolo erfahren hatte? Deshalb hatte sie vorsichtshalber den Hörer nicht abgehoben. Bis jetzt …

„Ich bin in Wiverley Hall.“

„Und was machst du da?“, fragte Elena irritiert.

Gute Frage! Was sollte sie darauf antworten? Ich verstecke mich, würde die ehrliche Antwort lauten müssen.

Die Idee, ihre Eltern zu besuchen, hatte sie ganz spontan gefasst, als sie im Taxi saß, das sie, natürlich in sicherer Entfernung zu Elenas und Brads Anwesen, für ihre Flucht geordert hatte. In ihrem Apartment in London zu bleiben wagte sie nicht, aus Angst, Niccolo könnte jeden Moment reingestürmt kommen und Rechenschaft für ihr ungeheuerliches Benehmen in der letzten Nacht fordern, sobald er herausfand, wer die Frau hinter der goldenen Maske war.

Die Möglichkeit dazu hatte er in jedem Fall. Er brauchte seiner Schwester nur ihre Goldrobe und die Maske zu beschreiben, und Elena würde sofort schalten. Ihre einzige Chance bestand darin, dass Niccolo, als er in den Wintergarten zurückkehrte und feststellen musste, dass seine geheimnisvolle Belladonna verschwunden war, aus Wut und verletztem Stolz ihr Liebesintermezzo für sich behielt.

Doch als Dani an die lustvolle Leidenschaft zurückdachte, mit der sie sich geliebt hatten, bezweifelte sie es.

„Meine Eltern und meinen Großvater besuchen, was sonst.“

„Du hast dich nicht einmal verabschiedet“, beschwerte Elena sich.

Autor

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